Auferstehung – ein Sieg des Lebens

31. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ostern: Der Tod ist verschlungen vom Sieg – Die Geschichte einer Heilung nach lebensbedrohlicher Krankheit

Es ist ein innerer Wandel, der sich beginnend mit einer akuten lebensbedrohlichen Erkrankung im Laufe des mehrwöchigen ­Heilungs­prozesses vollzogen hat. Für meine Umwelt ist er wahrscheinlich nicht bemerkbar, ich empfinde ihn wie eine Auferstehung.

Der 2. März 2000 war für mich ein Schicksalstag. An die ­Stunden nach der Operation kann ich mich nicht ­erinnern. Dank wirkungsvoller Medikamente spürte ich auch in der folgenden Nacht keine Schmerzen. Es war nicht meine erste Operation. Ich wußte, wenn der Tag der Operation vorüber ist, geht es aufwärts. Die Heilungskräfte meines Körpers übernehmen treu ihren Dienst. Solche Gedanken gingen mir nach dem ersten morgendlichen Aufstehen mit Hilfe der Schwestern durch den Kopf. Ich lag wieder im Bett – froh, die ­Operation gut überstanden zu haben, zuversichtlich auf Genesung hoffend. Doch es sollte anders kommen. Schlimmer als befürchtet.

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Plötzlich – mir wurde schwindlig, das Karussell in meinem Kopf drehte sich immer schneller und heftiger. Ich bekam keine Luft, drückte die Klingel, die in meiner Hand lag. Ich fühlte mich dem Tod nahe – ein Vers aus Psalm 25 schoss mir durch den Kopf. Stumm flehte ich zu Gott: »Errette mich. Lass mich nicht zuschanden werden.« Eine Schwester kam, ihr folgte eine zweite. Der Blutdruck wur­de gemessen. Die Krankenschwester – ich nahm ihren Schreck und ihre Aufregung wahr – maß ihn zum zweiten Mal. Sie wandte sich ihrer Kollegin zu und sagte ihr den Wert des Blutdrucks. Er war viel zu niedrig. Die Krankenschwester kontrollierte wiederholt, immer mit demselben Ergebnis. Der Blutdruck fiel weiter ab. Schwestern eilten herbei. Eine Ärztin kam mit dem Sauerstoffgerät, dessen Schläuche sie mir an die Nase klemmte. Ich hörte sie sagen: »Wir bringen Sie auf die Intensivstation. Dort können Sie besser versorgt werden.« Schwestern und Pfleger schoben im Laufschritt mein Bett über den Krankenhausflur. Ich verlor das Bewusstsein. Als ich wieder aufwachte, saß ein Arzt hinter mir und ließ den Ultraschallkopf über meinen Oberkörper gleiten. Er diagnostizierte: »Eine Lungenembolie.« Ich litt unter Luftnot, war aber hellwach. Ein gewaltiger Druck lastete auf meinem Brustkorb. Ein Blutgerinnsel hatte ein Lungengefäß verstopft. Eine Lysetherapie, bei der die Blutgerinnung gehemmt wird, sollte den Thrombus auflösen. Das war unmittelbar nach einer ­Operation wegen der Gefahr innerer Blutungen ein ­großes Risiko. Der Mediziner klärte mich über mögliche Komplikationen auf. Doch es gab keine Alternative: »An der Embolie können Sie sterben.« Mir wurde himmelangst. Mit meiner Unterschrift gab ich mein Einverständnis in die Behandlung, die sofort begann.

Die nächsten Stunden waren wie eine Fahrt auf der Achterbahn. Die Laboruntersuchung zeigte, meine Blutwerte sanken. Ich bekam die erste Bluttransfusion. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Die Werte verbesserten sich. Wenig später sanken sie wieder. Es folgte die nächste Blutkonserve. Das wiederholte sich noch mehrere Male an diesem Tag. Die Ärzte traten mit ernster, besorgter Miene an mein Bett. Meine Familie, vom Krankenhaus benachrichtigt, wusste, dass mein Leben an einem seidenen Faden hing. Besuche strengten mich unglaublich an.

Mittlerweile war es Abend geworden. Viele Mediziner versammelten sich im Krankenzimmer, um mir zu sagen, dass die massiven inneren Blutungen eine Notoperation erforderlich machten. Ich haderte, doch der Anästhesist gab mir zu verstehen: »Die Ärzte haben keine Wahl.« Wieder im Laufschritt wurde mein Bett von der Intensivstation in den Op-Saal geschoben. Mein mir seit vielen Jahren vertrauter Arzt trat zu mir heran: »Wir machen alles, was möglich ist.« Die Ärzte kämpften um mein Leben.

Tatsächlich wachte ich am nächsten Morgen wieder auf. Mein Körper fühlte sich an wie in von einem engen Panzer umgeben. Es ging mir sehr schlecht, aber ich lebte. Die folgenden Tage war ich sehr schwach, vollkommen auf Hilfe angewiesen. Nach vier Tagen auf der Intensivstation sprach mir einer der Ärzte Mut zu: »Ab jetzt geht es aufwärts.« Und: »Sie hatten ­einen guten Schutzengel.«

Nach einer Woche wurde ich von der Intensivstation auf die normale Station verlegt – zwar noch mit Infu­sionstropf und anderen Schläuchen. Ich spürte jetzt, meine Kräfte kehrten zurück, allmählich, ganz langsam wie im Kaffeebohnenschritt, aber stetig. Jeden Morgen spürte ich eine winzig kleine Verbesserung. Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen war, fuhr ich für vier Wochen zur Kur. Danach war ich wieder so leistungsfähig wie zuvor. Geheilt. Und – ein neuer Mensch. Ich fühlte mich wie neuge­boren.

In den schweren Krankheitstagen hat sich in mir ein Wandel vollzogen. Ich weiß nicht, ob der für meine Mitmenschen bemerkbar ist. Für mich ist eine große Veränderung geschehen, die ich wie eine Auferstehung empfinde. Meine Einstellung zum Leben ist eine andere geworden. Mit der Heilung ist in mir eine Dankbarkeit und Liebe zum Leben gewachsen, die so groß ist wie nie zuvor. Das Leben, das ich als selbstverständlich hinnahm, das mir nur in seltenen Momenten Anlass zum Danken war, empfinde ich als ein kostbares, einmaliges Geschenk. Viel zu oft hatte ich mit dem Leben, mit meinem Schicksal gehadert. Das ist vorbei und nie wieder bin ich in den Jahren, die seitdem vergangen sind, hinter die alte Lebenseinstellung zurückgefallen. Dankbarkeit und Liebe erfüllen mich. Jeden Tag danke ich Gott für das Schöne, das ich erlebe, für die kleinen alltäg­lichen Dinge und die großen. Mein Schicksal, die Vergangenheit und das Heute betrachte ich als von Gott gegeben.

Gott muss verrückt sein, könnte man meinen, angesichts der Zumutung, die Schmerz und Leid sind. Doch ich habe nie gefragt, warum mir das passiert ist. Gott hat mir eine Erfahrung von unschätzbarem Wert geschenkt. Ich war in großer Not, bin fast gestorben. Ich hatte Angst, tief und hart zu fallen und fühlte mich zugleich gehalten. Gott hat mich geheilt, durch Dunkelheit und Leid zum Leben geführt.

Sabine Kuschel

»Geht hin und verkündigt es …«

28. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauenpower: Leeres Grab, auferstandener Christus – wie Frauen heute mit der Osterbotschaft umgehen

»Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern …«, sagt ­Jesus nach dem Zeugnis der Bibel (Matthäus 28,10) den Frauen, die seinen Leichnam suchten. Sie wurden die ­ersten Zeugen der Auferstehung. Wir baten Frauen aus unterschiedlichen Bereichen um Antwort darauf, was sie heute beim Thema Auferstehung bewegt – und was ihnen Ostern im Alltag bedeutet.

Die Frauen am Grab Jesu: Ausschnitt aus einem Fresko des italienischen Malers Fra Angelico. Es entstand zwischen 1437 und 1445. Repro: akg-images/Electra

Die Frauen am Grab Jesu: Ausschnitt aus einem Fresko des italienischen Malers Fra Angelico. Es entstand zwischen 1437 und 1445. Repro: akg-images/Electra

Gabriele Phieler

Gabriele Phieler

Christus ist auferstanden?! Als junge Frau habe ich diesen Glaubenssatz wegschieben können, ja es hat mich aufgeregt, dass ausgerechnet diese unmögliche Botschaft der Dreh – und Angelpunkt von allem sein sollte. Ich hab mich eher an das gehalten, was mir sonst von Jesus wichtig war. Das war auch gut so. Allmählich bin ich dann wohl in die Auferstehung Jesu »hineingenommen« worden. Sie gehört einfach dazu: zu Jesus und seiner Botschaft der Vers öhnung, seinem Leben und Sterben. Sie ist wahr, denn nicht der tote, sondern der lebendige Christus begegnet uns.

Mich fasziniert immer wieder, wie dieser Christus auch heute Menschen beruft, erneuert, lebendig macht und in eine Gemeinschaft stellt, die Grenzen überschreitet. Mit meinem Glauben an diese Gegenwart Gottes – es gibt keine Beweise dafür – erlebe ich eine ungeheure Freiheit und erfahre eine Tiefe des Lebens, die Menschen auf einmalige Weise verbindet.

Gabriele Phieler, Pfarrerin, Oberin und Vorstand der Diakonissenhausstiftung Eisenach


Franziska Schwarzbach

Franziska Schwarzbach

Man sagt, es gäbe fünf Ursachen, warum Jesus zuerst einer Frau, Maria Magdalena, erschien und begründet es mit »ihrer brennenden Liebe« zu ihm. Das liest sich alles sehr spannend. Für mich ist Auferstehung Verwandlung – vielleicht nur Wandlung. Hier trifft das Ende auf den ­Anfang, die Nacht auf den Tag. Aus Krankheit entsteht Kraft.
Durch Sterblichkeit gibt es ewiges Leben. Ohne Tod gibt es kein Leben. Leben ist ­immer wieder Hoffnung. Stirbt ein Mensch, steht seine Seele auf. Unser gegenwärtiges Leben ist gelebtes Leben, ist Geschichte, ist Poesie, Kultur und Kunst und all das Böse, die Machenschaften um uns herum, der ständige Kampf.
Auferstehung heißt für mich: Immer wieder die Chance zu haben, neu Beginnen zu können und dann fällt mir der »Osterspaziergang« ein: … sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden …«

Franziska Schwarzbach, aufgewachsen im Erzgebirge, lebt als freiberufliche Bildhauerin in Berlin

Brigitte Seifert

Brigitte Seifert

Christus ist auferstanden« – dieses Wunder sprengt meine Vorstellungskraft. Dennoch ist das für mich eine reale Wirklichkeit mit kosmischen Dimensionen. Es bedeutet: Auch wo etwas absolut hoffnungslos scheint und mit menschlichen Möglichkeiten nichts mehr zu retten ist, steht von Gottes Seite her das Tor zum Leben offen. Selbst wo durch menschliche Schuld unsagbares Leid entstanden ist, wird Gott zu seiner Zeit daraus etwas Neues machen. Das ermöglicht Versöhnung.
Oft fühle ich mich ohnmächtig. Dann weiß ich mich Christus in Gethsemane nahe. Ich hoffe dann auf den Ostermorgen, an dem alles verwandelt ist und in neuem Licht leuchtet. Es ist mir ein starker Trost zu wissen: Gottes Wege enden nicht im Leid und im Tod, sondern er will das Leben neu aufblühen lassen. Wie er das tut, bleibt sein Geheimnis und immer ein Wunder. Aber diese Hoffnung gibt mir die Kraft, zuversichtlich das Meine zu tun.

Brigitte Seifert, ­Pfarrerin und Leiterin des Hauses der Stille in Drübeck.


Martina Apitz

Martina Apitz

Jeden morgen erlebe ich eine Auferstehung, wenn mir frische Kräfte nach einer friedlichen Nacht zugewachsen sind, nachdem ich abends todmüde ins Bett gesunken bin. Aber das ist noch nicht die Auferstehung, die uns verheißen wird, denn die Kräfte nehmen im Laufe des Tages wieder ab. Einst werden wir zur ewigen Freude ohne Kräfteverschleiß und ganz ohne dunkle Schatten auferstehen. Darauf lebe ich zu, finde Kraft für alle Tage hier auf Erden aus dieser Hoffnung, die dadurch gestärkt wird, dass Christus der »Erstling derer, die da schlafen« erstanden ist vom Tod. Daran denke ich zu Ostern und nach diesem kräftezehrenden Winter ganz besonders!

Martina Apitz, Kirchenmusikdirektorin in Köthen


Diemut Bestehorn

Diemut Bestehorn

Ich glaube an die Auferstehung. Aber ich verstehe sie nicht. Jesus musste sterben und auferstehen, um unsere Schuld zu bezahlen und uns zu erlösen – das ist absurd. Gott musste diesen Weg nicht wählen, es gibt keine zwingende Logik dafür. Er hat ihn so gewählt, warum auch immer. Und wieso dieser Weg unsere Erlösung bewirkt, das ist ein Geheimnis. Und mir gefällt die Konsequenz nicht: Wenn Jesus auferstanden ist, gibt es auch für uns eine Auferstehung, ein Leben nach dem Tod. Ich will nicht ewig leben. Ich wäre zufrieden damit, alt und lebenssatt zu sterben. Aber da man sich ja nicht aus einer Religion nur die Dinge auswählen kann, die einem gefallen, vertraue ich einfach, dass Gott etwas vorbereitet hat, was mich dann irgendwann einmal umhauen wird.

Diemut Bestehorn, Mathematikerin und mitarbeitende Ehefrau in einem Maschinenbau-Familienunternehmen in Aschersleben


Katharina Bracht

Katharina Bracht

Ich verlasse mich darauf, dass die Frauen, die vom leeren Grab Jesu und seiner Auferstehung berichteten, Wahres gesagt haben. Sie haben von einem Ereignis erzählt, das ihr Leben grundlegend verändert und ihm eine Perspektive gegeben hat.
Die Auferstehung Jesu ist mir wichtig, weil mein alltägliches Leben mit all seinen Freuden, seiner Geschäftigkeit und seiner Mühsal mir vergebens und perspektivlos erschiene, wenn ich keine Hoffnung über den Tod hinaus hätte – und Grund dieser Hoffnung ist, dass Gott Jesus Christus als ersten von uns auferweckt hat. Dass Gott Jesus Christus auferweckt hat, zeigt mir, dass Gott noch immer, wie in der ersten Schöpfung, das Leben will. Ich bin sicher, dass Gott immer wieder tun kann, was er schon einmal, ganz am Anfang getan hat: Aus dem Nichts, aus dem Tod Leben zu schaffen. Und ich vertraue darauf, dass das auch für mich selbst gilt – dass Gott mich dabei wie jeden anderen Menschen ganz persönlich ansieht und bei der Hand nimmt, so wie Jesus das Töchterchen des Jairus.

Katharina Bracht, Professorin für ­Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena


Brigitte Andrae

Brigitte Andrae

Aufgewachsen in einem nichtkirchlichen Elternhaus, habe ich den Zugang zu Ostern zuerst über die Kunst gefunden. Was für eindrückliche Darstellungen, was für eine wundervolle Musik gibt es, die das Ostergeschehen lebendig machen. Erst später habe ich in den Evangelien gelesen. Wie unterschiedlich wird da von der Auferstehung Jesu berichtet. Die Begegnung von Maria aus Magdala und Jesus, den sie zunächst für den Gärtner hält, ist die wohl schönste und anrührendste Schilderung (Johannes 20, 11-18). Gleichwohl ist mir das Ostererlebnis der Frauen im Matthäusevangelium (Matthäus 28, 1-10) näher. Den Schmerz, die Trauer und Verzagtheit der Frauen, die zum Grab gehen, kann ich gut nachempfinden. Auch, wie sich ihre Furcht allmählich in große Freude verwandelt.

Eine ganz ähnliche Erfahrung des lebendigen Gottes habe ich im Zusammenhang der Krebserkrankung unseres damals dreijährigen Sohnes selbst gemacht. Gott hat unsere Angst und unseren Schmerz in Freude verwandelt.

Brigitte Andrae, Juristin und Präsidentin des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in Erfurt

Heute und hier glauben

26. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Katharina Freudenberg und Annegret Jende – Zwei Theologinnen nähern sich dem Glaubensbekenntnis

Ostern startet in unserer Kirchenzeitung der Glaubenskurs »CREDO«. Er wird alle zwei Wochen fortgeführt – unter redaktioneller Betreuung von Katharina Freudenberg und Annegret Jende.

Katharina Freudenberg – Foto: privat

Katharina Freudenberg – Foto: privat

»Ich bin begeistert von der Möglichkeit eines Glaubenskurses«, sagt Katharina Freudenberg. Dabei werde das Glaubensbekenntnis theologisch reflektiert und geschaut, wie dessen Aussagen im Alltag gelebt werden können. »Ich hoffe, dass der Glaubenskurs eine Anregung für Einzelne sowie Gemeindegruppen ist und auch Menschen einlädt, die bisher nicht zur Kirche kommen.«
Katharina Freudenberg, 1985 in Jena geboren, ist der christliche Glauben seit dem Kindesalter vertraut. Sie wird als Kind getauft und evangelisch erzogen. Prägend für ihren Glauben wird jedoch erst die Zeit nach dem Abitur und dem Weggang aus dem Elternhaus. Ihr Weg führt sie nach England, wo sie Gemeinden der anglikanischen Kirche kennenlernt und erlebt, wie junge Menschen ihres Alters Spiritualität ausdrücken. »Ich habe dort meinen Glauben neu entdeckt.« In England engagiert sie sich in der Kinder- und Jugendarbeit, gestaltet Gottesdienste mit und predigt. »Dieses Jahr hat mein Interesse an der Theologie geweckt«, sagt sie. Zurück in Deutschland studiert sie in Leipzig und Halle Evangelische Theologie. Wie vermutet, komme der Praxisbezug hier tatsächlich zu kurz. Jedoch findet sie Gefallen an den alten Sprachen und weiß die breitangelegte Vermittlung historischer und wissenschaftlicher Fakten zu schätzen. Für ein dreiviertel Jahr unterbricht sie das Studium und geht nach Argentinien, wo sie in einer diakonischen Jugendtagesstätte arbeitet.
2011 – nach dem Studium – wird ihr Sohn Albert geboren. Verheiratet ist Katharina mit Frank Freudenberg, Pfarrer in Schlotheim (Kirchenkreis Frankenhausen-Sondershausen). Neben dem Glaubenskurs beschäftigt sie sich in ihrer Doktorarbeit mit dem Kloster Volkenroda.
Theologisch sei sie nicht auf eine bestimmte Linie festgelegt, sondern durch vielfältige Erfahrungen geprägt. Traditionell durch ihr Elternhaus, später durch die Begegnungen im Ausland. Schließlich habe sie die Befreiungstheologie, mit der sie in Argentinien in Berührung kam, beeindruckt.

Annegret Jende – Foto: privat

Annegret Jende – Foto: privat

»Im Credo ist der Glauben an Jesus Christus so stark formuliert, dass ich mich darauf stützen kann. Damit reihe ich mich ein in die Tradition der Christen, die vor mir waren«, so Annegret Jende. 1986 im erzgebirgischen Schlema geboren, wächst sie in einem christlich-methodistischem Elternhaus auf. Sie sei gern in die Sonntagsschule und in die Gemeinde gegangen. »Aber es hat mich nicht berührt.« Erst mit etwa 14 Jahren fängt sie an, über Gott und Glauben nachzudenken. Als ein Bekehrungserlebnis schildert sie die Situation in einem Lobpreisgottesdienst, in der ihr klar wird, dass sie glauben und als Christ dazugehören will. Fortan engagiert sie sich in der Jugendarbeit – eine wichtige Erfahrung für ihre spätere Berufsentscheidung. 17-jährig wehrt sie sich jedoch noch dagegen, Theologie zu studieren. »Ich dachte: Das ist viel zu eingestaubt.« Ein Jahr später, in einer Gemeindeveranstaltung, entscheidet sie sich wieder – spontan – für die Theologie. Aber sie hat auch Angst vor diesem Schritt. »Ich bin konservativ von der Vorstellung geprägt, beim Theologiestudium verliert man den Glauben.« Von 2004 bis 2011 studiert sie in Leipzig, Reutlingen und Tübingen. Die sieben Jahre bezeichnet sie als eine persönliche Reifung. »Ich habe Leute kennengelernt, die anders als ich geglaubt und gelebt haben.« Früher habe sie immer gedacht, es kommt darauf an, nichts falsch zu machen, den richtigen Weg zu finden und von diesem nicht abzufallen. »Ich hatte ein sehr eingeengtes Bild, auch von mir.« Im Laufe des Studiums erweitert sich ihr Horizont, sie gibt die strenge Einteilung in richtig und falsch auf, denn sie nimmt wahr, dass das Leben eine große Vielfalt bietet.
Seit 2011 setzt sie sich im Rahmen ihrer Promotion mit der Ganztod-Theorie auseinander. Von protestantischen Theologen im 20. Jahrhundert entwickelt, geht diese davon aus, dass im Tod der ganze Mensch – Leib und Seele – stirbt. Die Auferstehung wird als Neuschöpfung des ganzen Menschen nach dessen vollständiger Auflösung begriffen. Sie beschäftige sich derzeit vor allem mit der Frage: Was ist die Seele? Daneben hat sie einen Job beim Studentenwerk – und engagiert sich beim Glaubenskurs unserer Kirchenzeitung.

Sabine Kuschel

Ratgeber und Lebenshilfe

25. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Christliche Verlage auf der Leipziger Buchmesse

Ratgeber und Lebenshilfe – mit diesen zwei Stichworten lassen sich die Schwerpunkte der christlichen Verlage beschreiben. Etwa 50, so Renate Nolte, Geschäftsführerin der Vereinigung Evangelischer Buchhändler und Verleger, stellten ihr Programm auf der Leipziger Buchmesse vor. Dass ihre Themen auf ein reges Publikumsinteresse treffen, dafür war auch die Leseinsel Religion, wo im Halbstunden- oder Stundentakt zu Lesungen, Gesprächen und Diskussionen eingeladen wurde, ein Gradmesser.

Neben der Lebenshilfe und Ratgeberliteratur macht Winfried Kuhn, Vertriebsleiter des SCM-Verlages einen weiteren großen Trend aus: Titel, die sich mit dem Übernatürlichen wie Himmel und Hölle auseinandersetzen. Ein entsprechendes Buch präsentierte Carsten »Storch« Schmelzer: »Hölle. Der Blick in den Abgrund«.

Stand des Oldenburg Verlags auf der Leipziger Buchmesse. – Foto: epd-bild

Stand des Oldenburg Verlags auf der Leipziger Buchmesse. – Foto: epd-bild

Organe spenden – ja oder nein? Der Wichern Verlag greift eine sehr aktuelle Frage auf, die in dem neuen Buch »Zweites Leben« differenziert erörtert wird. Die Autorinnen und Autoren legen ihre unterschiedlichen Standpunkte zu dem Thema dar. Eine Theologin erzählt, warum sie weder ein Organ gespendet bekommen noch selber spenden will. Ein Theologie-Professor denkt darüber nach, wie eine Organentnahme sich auf die Auferstehung auswirken könnte. Und eine Philosophin plädiert gegen ein Ja und ein Nein zur Organspende.

»Trends werden von den Medien, allen voran vom Fernsehen gesetzt«. Für religiöse Verlage hingegen sei es schwer, Entwicklungen auf dem Buchmarkt zu beeinflussen, meint Reiner Morbitzer, Vertriebsleiter der Verlagsgruppe Patmos. Gleichwohl gibt es christliche Titel, die es auf die Bestsellerlisten schaffen. »Sehnsucht nach Leben« von Margot Käßmann und »Samuel Koch – zwei Leben«, beide im adeo Verlag erschienen, gehören zu den Büchern, die reißenden Absatz finden.

Der adeo Verlag ist ein vor zweieinhalb Jahren gegründetes Imprint von Gerth Medien , erklärt Esther Becker, Assistentin des Vertriebsleiters bei Gerth Medien. Die Titel von adeo hätten vorrangig ein kirchenfernes Publikum im Blick, während Gerth Medien sich bewusst an einer christlichen Leserschaft orientiere. Gerth Medien lege den Schwerpunkt auf Romane mit religiösem Inhalt sowie auf Sachbücher, adeo konzentriere sich auf Biografien, in denen Menschen erzählen, wie sie mit schweren Schicksalsschlägen fertig werden – Themen, die beim Publikum gut ankommen, so Becker. Dank der Publikationen von adeo erhöhe sich auch der Bekanntheitsgrad von Gerth Medien, dessen Kundenkreis kleiner sei als der von adeo. Eines der neuesten Bücher heißt »Mirco. Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen«. Mirco, zehnjährig, verschwindet im September 2010 auf dem Heimweg von der Skaterbahn. 145 Tagen hoffen, bangen und beten seine Eltern. Knapp fünf Monate nach seinem Verschwinden wird das ermordete Kind schließlich entdeckt. In diesem Buch erzählen Mircos Eltern, Sandra und Reinhard Schlitter, wie es ihnen gelingt, das fruchtbare Geschehen zu bewältigen. Sie beschreiben ihr Leben mit Mirco, sie sprechen von ihrer Verzweiflung und ihrem Glauben an Gott, von der Hilfe und Begleitung, die sie durch andere Menschen erfahren. Sie finden schließlich die Kraft, für den Täter um Vergebung zu bitten.

Über Lebenshilfe und Ratgeber hinaus beobachtet Reiner Morbitzer von der Patmos Verlagsgruppe noch einen weiteren Trend: das Geld. Nach der Erfahrung des Vertriebsleiter wird beim Bücherkauf mehr auf den Preis geachtet. Bücher, die mehr als 20 Euro kosten, hätten es schwer, meint er. Morbitzer weist auf die »KleineundGroßeLeuteBibel«, deren Preis anfangs mit 24,99 Euro festgelegt war und damit keine Chance auf Absatz hatte. Seitdem der Preis jedoch auf 14,99 Euro gesenkt sei, verkaufe sich die Kinderbibel gut, so Morbitzer.

Sabine Kuschel

Im Reiche der Müllsortierer

24. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Recycling ist auch in Kenias Hauptstadt Nairobi angesagt – freilich anders als in Europa gewohnt


Am Rande der Millionenstadt Nairobi dehnt sich auf 26 Hektar eine riesige Müllkippe. Sie ist das Reich Tausender freiberuflicher Müllsammler und Müllsortierer.

Der Wind trägt eine Rauchfahne herbei. Restmüll, der auch mit der größten Fantasie nicht recycelt werden kann, verschwindet in der Luft. Aus allem anderen hier verdienen sich rund 3000 Erwachsene und 500 Kinder ihren Lebensunterhalt. Die Dandora-Müllhalde in Nairobi ist nicht nur Arbeitgeber für Tausende »Müll-Freelancer«, sondern auch Rohstofflieferant, Spekulationsobjekt und Fertigungsbetrieb.

Paul Thumbe ist 27 Jahre alt. Seit seinem 15. Lebensjahr arbeitet er auf der Müllkippe. Auf 26 Hektar breitet sich der Abfall aus. Neben den Scharen von Marabus und den streunenden Hunden wimmeln seine »Arbeitnehmer« – die Sortierer – über das Meer aus Müll. Ein kompliziertes System von Wegen verbindet die Sortierstellen, an denen vornehmlich Frauen und Kinder mit einem Stahlhaken durch den Abfall wühlen. Wenn sie eine bestimmte Menge gesammelt haben, verkaufen sie diese an Paul. »Wir haben festgelegte Preise für die verschiedenen Stoffe, und ich verkaufe die Ware dann später an Fertigungsbetriebe. Da gibt es feste Preisabsprachen, da kann man sich drauf verlassen«, erklärt er den übel riechenden Warenkreislauf.

Er ist gleichzeitig der Chef eines »Clans« – rund zwei Dutzend Leute arbeiten direkt für ihn. Früher waren sie Jungs, die gemeinsam die Gegend tyrannisierten und kontrollierten. Heute sind sie ein kleines, eingeschworenes Unternehmen. Sieben Clans teilen sich die Herrschaft über die Müllhalde. Ohne ihr Einverständnis wäre ein Besuch bei den Müllmenschen lebensgefährlich. Der »Eintritt« in ihre Welt kostet 3500 Schilling – rund 35 Dollar, inklusive Fotoerlaubnis.

Am Umschlagplatz kommen die Laster an, die den Müll der Millionenstadt bringen. Auf den altersschwachen Trucks können bis zu 2000 Säcke liegen – jeder Haushalt zahlt pro Sack 100 Schilling Gebühr, also etwa einen Dollar. Trotzdem scheut sich manches Abfallunternehmen, die Haldengebühr zu zahlen und kippt die stinkende Fracht bei Nacht vor den Eingang Dandoras an den Straßenrand. Dennoch landen täglich bis zu 150 Lkw-Ladungen Müll auf der Halde – ein Geschäft, an dem nicht nur die Clans verdienen, sondern durch ein verworrenes Konzept an Steuern und Schmiergeldern auch die Regierung und die Polizei. Der Durchschnittsverdienst eines Tagelöhners auf der Müllhalde dürfte dennoch unter einem Dollar am Tag liegen.

Mit etwa zehn Jahren ist man alt genug, um selbst auf der Halde zu sortieren – so, wie der zwölfjährige Phillip. Er spricht kaum Englisch, steht bis über die Knöchel in Elektronik- und Plastikschrott. »Die Kinder kommen aber nur in den Ferien, ansonsten gehen sie zur Schule«, betont David, einer von Pauls Leuten. So unglaubwürdig, wie das klingt, muss es gar nicht sein. Die Schule lockt nämlich mit einem warmen Mittagessen. Nur, wer den Unterricht abgesessen hat, bekommt sein Lunch. Das Gros der Arbeiter machen sie dennoch nicht aus. »Wir bräuchten sie nicht«, resümiert Paul Thumbe. In seinen sauberen Kleidern und der modernen Jacke wirkt er deplatziert auf der Deponie, einzig die schmutzigen Gummistiefel bringen ihn im Abfallpanorama unter.

Er führt mich zum »Industrie«-Gebiet der Deponie. Hier versucht der Haldenclan, sich von den Abnehmerfirmen unabhängiger zu machen. In einem umzäunten Gelände sind kleine Projekte untergebracht, die Geld für die Gemeinschaft bringen: eine Flaschenaufbereitung, die Kartonsammlung und eine Metallbude. Und die »weiße Holzkohle«: Aus Papier, Sägespänen und Wasser wird ein Brei angerührt, den dann drei Arbeiter im Akkord zu Briketts pressen. Vorsichtig wird das nasse Brikett hervorgeholt und im Regal gestapelt. Hier muss es drei, vier Tage an der Luft trocknen, bevor es auf dem Markt als Brennmaterial verkauft wird. Jeder Arbeiter schafft zwei Säcke am Tag, die für jeweils 300 Shilling, also rund drei Dollar, verkauft werden. »Das bringt nicht nur uns ein gutes Geld, sondern hilft auch, die Wälder zu schonen«, erklärt Steven, der Assistent des Projektleiters.

Die Arbeit ruht dennoch derzeit, die Lager sind voll. »Wir können die Produktion nicht abtransportieren, da die Straße mal wieder blockiert ist«, erzählt Steven zornig. Die Stadtverwaltung ändere aber nichts an dem Zustand des Verkehrsweges, der eher an ein verunreinigtes Bachbett denn an eine Straße erinnert. »Wir haben ja alles hier, um ein ordentliches und großes Recycling-Unternehmen aufzubauen: Rohstoffe, Arbeitskräfte, einen Absatzmarkt. Aber uns fehlt die Infrastruktur«, klagt er.

Alexander Baumbach
Diaschau vom Autor

Mit gemischten Gefühlen

23. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Wie reagieren Südamerikas Protestanten auf den neuen Papst?


Südamerikas Katholiken jubeln über den neuen Papst. Protestanten sehen die Sache naturgemäß etwas anders. Andreas Roth sprach darüber mit der Generalsekretärin der Evangelischen Kirche am La Plata, Sonia Skupch.

Nach der Wahl von Benedikt XVI. hieß es in Deutschland: »Wir sind Papst« – fühlen Sie sich als Argentinierin nun auch so?
Skupch: Nein. Aber das hat nichts damit zu tun, dass ich Argentinierin bin, sondern dass ich evangelisch bin. Franziskus ist Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, und nicht der evangelischen.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie von der Wahl von Kardinal Bergoglio zum Papst hörten?
Skupch: Ich war sehr erstaunt. Ich telefonierte gerade mit einem Kollegen, der es mir im Moment der öffentlichen Ansage erzählte. Ich habe ihn dreimal gefragt, ob es stimme oder ein Witz sei.

Pfarrerin Sonia Skupch ist Generalsekretärin der Evangelischen Kirche am La Plata. – Foto: LWB/Erick Coll

Pfarrerin Sonia Skupch ist Generalsekretärin der Evangelischen Kirche am La Plata. – Foto: LWB/Erick CollSkupch: Ich war sehr erstaunt. Ich telefonierte gerade mit einem Kollegen, der es mir im Moment der öffentlichen Ansage erzählte. Ich habe ihn dreimal gefragt, ob es stimme oder ein Witz sei.

Wie haben Sie Jorge Bergoglio als Menschen und Theologen bisher erlebt?
Skupch: Ich kenne ihn persönlich nicht, aber einige meiner Kollegen. Vorwiegend die, die in Buenos Aires leben. Er ist ein sehr solider Theologe und ist als Mensch als sehr zugänglich, bescheiden und von einer praktischen Frömmigkeit geprägt, bekannt.

Wofür steht der neue Papst in der Ökumene, hat er den Kontakt zur evangelischen Kirche gesucht?
Skupch: Die ökumenische Arbeit in der Region, besonders mit der römisch-katholischen Kirche, hat sich in den letzten Jahren als schwieriger erwiesen. Es hat viele Rückschritte in dem Sinn gegeben. Der neue Papst kennt die protestantischen Kirchen sehr gut, er ist auch im Dialog mit ihnen gewesen. Ich würde aber nicht sagen, dass Ökumene eine Priorität für ihn ist.

An welchen konkreten Punkten zeigte sich das?
Skupch: Immer wieder erzählen uns Gemeindepfarrer, dass evangelische Paten nicht bei katholischen Taufen akzeptiert werden. Bei Hochzeiten, in denen einer der Partner katholisch ist, muss sich das Ehepaar verpflichten, die Kinder katholisch zu taufen und zu erziehen. In Dörfern wo es einen regen ökumenischen Dialog gab, ist dieser Dialog verstummt.

Was waren die bisherigen theologischen Schwerpunkte von Kardinal Bergoglio – ist er ein Konservativer oder ein Anwalt der Armen oder beides?
Skupch: Er ist beides. Er ist von unserer Perspektive aus sehr konservativ. Wir haben in ethischen und sozialen Diskussionen sehr selten in der letzten Zeit gemeinsame Ansichten gehabt. Zum Beispiel bei der Diskussion über gleichgeschlechtliche Ehen und Abtreibung im Fall von Vergewaltigungen. Diese Diskussionen waren in Argentinien sehr stark, weil es neue Gesetzgebungen in diesen Fällen gibt. Auf der anderen Seite ist das Thema Bekämpfung von Armut für ihn eine Priorität, die aus seiner praktischen Frömmigkeit kommt. Das Thema Barmherzigkeit ist in diesem Sinn ein Thema, dass er immer wieder aufgreift.

In Europa wird viel über den Zölibat, den Ausschluss von Frauen vom Priesteramt, die verhärteten Strukturen der katholischen Kirche und über Gewalt gegen Kinder in ihr diskutiert – ist das in Argentinien auch so oder haben die Kirchen bei Ihnen ganz andere Sorgen?
Skupch: Das sind natürlich auch Themen hier. Es gibt in Argentinien sogar eine Organisation von ex-katholischen Priestern, die verheiratet sind und weiterhin in der katholischen Kirche tätig sein wollen, weil es ihre Kirche, ihr Zuhause ist. Die Diskussion über den Ausschluss von Frauen vom Priesteramt ist auch da, obwohl nicht so stark. Wichtige Themen für die katholische Kirche sind aus unserer protestantischen Sicht unter anderem auch die Annahme von Geschiedenen, das Akzeptieren von neuen Familienstrukturen und ein gemeinsames Abendmahl.

Dem neuen Papst wird eine zu große Nähe zur argentinischen Militär-Junta und sogar eine Mitschuld an Verbrechen gegen zwei Ordensbrüder vorgeworfen – halten Sie für denkbar, dass diese Vorwürfe zutreffen könnten?
Skupch: Das ist ein sehr umstrittenes Thema. Es gibt diejenigen, die ihm vorwerfen, am Verschwinden von zwei Ordensbrüdern mitschuldig zu sein – und andere sind ihm dankbar, dass er ihnen geholfen hat, aus Lagern herauszukommen. Konkret ist, dass er nie in Gerichtsverfahren wegen Menschenrechtsverletzungen, Folter und Tod angeklagt oder angezeigt wurde.

Die Evangelische Kirche am La Plata geht auf deutsche Einwanderer zurück und ist in den Ländern Argentinien, Uruguay und Paraguay vertreten. Sie entstand 1899 durch den Zusammenschluss deutschsprachiger Gemeinden der Region und galt nach 1945 als Tochterkirche der Evangelischen Kirche in Deutschland. Erst seit 1965 ist die Kirche selbstständig. Sie hat heute etwa 27500 Mitglieder in 42 Gemeinden.

Fastenzeit in England: Sieben Wochen gute Taten

19. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Haben Sie heute schon eine gute Tat getan?« Dies fragt die anglikanische Kirche derzeit ihre Mitglieder. Bei der Fastenaktion »Love life live lent« geht es nicht um sieben Wochen ohne, sondern um sieben Wochen mit. Mit einer guten Tat für jeden Tag nämlich. Wörtlich übersetzt heißt das Motto »Liebe das Leben, lebe die Fastenzeit«. Und gelebt (und geliebt) werden soll in dieser Fastenzeit. Dafür gibt es täglich eine neue Aufgabe, die es zu erfüllen gilt. Die Bandbreite der verschiedenen Anregungen ist weit. So wird man beispielsweise aufgefordert: »Rufen Sie jemanden an, mit dem Sie schon lange nicht mehr gesprochen haben.« Oder: »Schreiben Sie auf, was es Gutes in Ihrem Leben gibt und danken Sie Gott dafür.«

Julia Wohlgemuth berichtet für unsere ­Zeitung aus Großbritannien.

Julia Wohlgemuth berichtet für unsere ­Zeitung aus Großbritannien.

Die insgesamt 40 Aufgaben haben die Theologen Paula Gooder und Peter Babington zusammen mit einer kleinen Andacht für jeden Tag in einem Büchlein zusammengestellt. Auch speziell für Kinder gibt es kindgemäße Ideen. Dazu gehört zum Beispiel, Münzen für einen guten Zweck zu sammeln, für Freunde zu beten oder sich darüber Gedanken zu machen, was man falsch gemacht hat und sich zu entschuldigen.

Selbst erklärtes Ziel der Fasten­aktion ist es, die Welt um uns herum ein kleines Stückchen zu verbessern. Oder wie es John Sentamu, Erzbischof von York, bei der Eröffnung im britischen Parlament im Januar erklärte: »Dieses kleine Büchlein kommt mit einem Warnhinweis, dass die Aufgaben Sie und die Welt, in der Sie leben, ernsthaft verändern könnten.«

Die Aktion findet 2013 nicht zum ersten Mal statt. Bereits 2006 gab es »Love life live lent« im mittelenglischen Birmingham. 2007 wurde dann landesweit dazu eingeladen und es ­erfreut sich seitdem wachsender Beliebtheit: Insgesamt 400000 Menschen haben seit dem Beginn daran teilgenommen. In diesem Jahr erhofft man sich eine besonders positive und weitreichende Resonanz. Schließlich habe man im vergangenen Jahr bei der Olympiade und den Straßenpartys für das Jubiläum der Queen eine ­Wiederbelebung des Gemeinschaftssinnes gesehen, so Erzbischof Sentamu. Auch viele Kirchen haben in Verbindung mit den Olympischen Spielen einiges veranstaltet, um die Kommunen zu erreichen. Darauf möchte man aufbauen.

Die erste Aufgabe gab es in dieser Fastenzeit schon am Faschingsdienstag. An diesem Tag sollten die Kirchenmitglieder eine Eierkuchenparty veranstalten: Traditionellerweise isst man in Großbritannien am letzten Tag vor der Fastenzeit Eierkuchen. Seitdem gibt es täglich Ermutigung und Austausch nicht nur persönlich zwischen Kirchengemeindemitgliedern sondern auch durch die neuen Medien. Auf Twitter beispielsweise folgen der »Love life live lent«-Aktion schon mehr als 1000 Menschen. Und ich muss jetzt noch in den Park, Müll aufsammeln. Das ist nämlich die heutige Aufgabe der Fastenaktion.

Julia Wohlgemuth

Reise in die Welt der Musik

19. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Kloster Michaelstein bei Blankenburg im Harz präsentiert auf moderne Weise Instrumente und ihr Umfeld

Nach zweijähriger Umgestaltung der ehemaligen Zisterzienserabtei lädt die Stiftung Kloster Michaelstein wieder zum Besuch ein. »KlangZeitRaum – Dem Geheimnis der Musik auf der Spur« heißt die Ausstellung.

Kater Michel hat deutliche Spuren hinterlassen. Die Tapsen führen Kinder zu drehbaren Holzscheiben, hinter denen sich in der neuen Musikausstellung im Kloster Michaelstein kleine Rätsel oder ­zusätzliche Informationen verbergen. Kater Michel macht es den lesekundigen entdeckungsfreudigen Steppkes leichter, der Versuchung zu widerstehen, Instrumente anzufassen, die nur zum Betrachten ausgestellt sind. Aber einige dürfen die Besucher auspro­bieren.

Auf der unterhaltsamen Zeitreise erfahren die Museumsbesucher gleich zu Beginn des Rundgangs Details aus der ­Geschichte der Musikinstrumente, die nicht jedem geläufig sind. Foto: Kloster Michaelstein/Norbert Perner

Auf der unterhaltsamen Zeitreise erfahren die Museumsbesucher gleich zu Beginn des Rundgangs Details aus der ­Geschichte der Musikinstrumente, die nicht jedem geläufig sind. Foto: Kloster Michaelstein/Norbert Perner

Nach zweijähriger Bauzeit am Nord- und Westflügel der ehemaligen Zisterzienserabtei, während der die Sammlung historischer Instrumente nicht zugänglich war, lädt die Stiftung Kloster Michaelstein bei Blankenburg im Harz wieder zum Ausstellungsbesuch ein. Die Zwangspause und die rund 5,5 Millionen Euro teuren Bauarbeiten zur Umgestaltung des 900 Jahre alten Klosters haben sich gelohnt. Entstanden ist im alten Gemäuer ein freundlicher und großzügiger Eingangsbereich mit allen Annehmlichkeiten eines modernen Museums und eine unterhaltsame Musikausstellung, die historische Instrumente und heutige Präsentationsweise wunderbar verbinden. »KlangZeitRaum – Dem Geheimnis der Musik auf der Spur« heißt die Ausstellung.

Gleich zu Beginn lädt die Zeitmaschine ein zur Reise in die Vergangenheit. Der Besucher kann wählen, wohin er »reisen« möchte. Auf einer Leinwand zu seinen Füßen erscheinen zeitgenössische Illustrationen und an den Schallbechern ist ein angenehm kurzer Abriss aus der Musikgeschichte zu hören. Erfreulich, dass dabei weniger bekannte Themen wie die Wandlung der hölzernen zur metallenen Querflöte oder die Entwicklung des Saxofons erzählt werden. Die Hörmuscheln hängen für kleinere Leute noch zu hoch, doch das wird demnächst ebenso geändert wie die Höhe der Schalltrichter im Hörgang. Hier sind Anekdoten aus der Musikwelt mit Klangbeispielen zu erlauschen.

Überhaupt geht die neue Ausstellung weit über das bloße Präsentieren der Instrumente hinaus. Besonders augenfällig ist das im »Salon«. Er ­empfindet einen Berliner Salon des 19. Jahrhunderts nach, in dem Fanny Hensel, die Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys, auftritt. Sie ist ebenso wie ihr Gast Franz Liszt als ­Figurenstele präsent, Bilder liefern die Inneneinrichtung und an einer Wand können Gespräche »belauscht« sowie Musik gehört werden.

Ursprung der Ausstellung ist die Musikinstrumentensammlung. Das Sammeln begann 1977 mit der Gründung der Kultur- und Forschungsstätte Michaelstein durch Eitelfriedrich Thom. 1988 erfolgte eine Zustiftung von 500 Instrumenten aus dem Nachlass des Potsdamer Restaurators Peter Liersch. Seitdem wurde im Westflügel eine ständige Ausstellung von historischen Musikinstrumenten aus einem Bestand von etwa 900 Stücken gezeigt; thematische Führungen, Konzerte und Musikinstrumentenbausymposien ergänzten das Programm.

Nach der Zustiftung wurde die Sammlung stetig erweitert, unter anderem durch gezielte Ankäufe für die Gestaltung der neuen Ausstellung. So ist zum Beispiel ein Serpent zu sehen, ein schlangenförmiges Blasinstrument. Musikautomat, Lochplatten-Spieldose oder Mundharmonika gehören zum Bestand.

Sie sind mit erläuternden Texten versehen, die der Besucher aber nicht alle lesen muss, um mit Vergnügen durch die Räume zu wandeln. Denn den Ausstellungsmachern ist das Kunststück gelungen, tatsächlich vor allem die Musik zu präsentieren. Reizvoll die Modelle der Mechanik, wie sie in den Tasteninstrumenten im Laufe der Jahrhunderte entwickelt wurden. An Cembalo und Clavichord dürfen die Besucher sie sogar selbst ausprobieren. Nicht minder anregend die selbst spielenden Instrumente, denen Walzen oder Lochstreifen den Takt ­geben. Eine kleine Spieldose an der Wand lädt zum Kurbeln ein. Kater ­Michel weist den Kindern den Weg. Aber nicht nur die freuen sich, dem Geheimnis der Spieluhr auf die Schliche zu kommen.
Und wer im Museum gern wissen möchte, wie die freundlich-hellen Räume genutzt wurden, als das Gemäuer noch Kloster war, der findet ­einen Grundriss mit Erläuterungen
an der Wand.

Kloster Michaelstein bietet auch nach dem Umbau Konzerte sowie Probenmöglichkeiten und Seminare an.

Renate Wähnelt

Öffnungszeiten: April bis Oktober: täglich 10 bis 18 Uhr; November bis März: Dienstag bis Sonnabend 14 bis 17 Uhr, Sonn- und Feiertag 10 bis 17 Uhr

www.kloster-michaelstein.de

Von 180 auf Null – dann normal weiter

18. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenszuversicht: Wie Winfried Willems nach einem beruflichen Einschnitt eine neue Chance entdeckt

Nicht erst als Winfried Willems 2002 Staatssekretär im Kultusministerium des Landes-Sachsen-An­halt wird, erwartet ihn jeden Morgen ein gewaltiges Arbeitspensum. Schon die Zeit zuvor, seit er 1993 als Schulleiter des Ökumenischen Domgymnasiums nach Magdeburg kommt, ist für ihn eine Phase intensiver Arbeit. Zunächst widmet er seine Kraft dem inneren Aufbau des 1991 von einer Elterninitiative neu gegründeten Gymnasiums. Dann beginnen die Bauarbeiten, in deren Verlauf das Schulgebäude aus- und umgebaut, erweitert und restauriert wird. Willems hat die Bauherrenvertretung für das 24 Millionen Euro teure Projekt. Er erinnert sich: »Es waren ganz lange Tage. Ich bin auf der Baustelle herumgesprungen und kam mitten in der Nacht nach Hause.« Und am nächsten Morgen steht er wieder am Lehrerpult. Trotz baulicher Verantwortung unterrichtet er weiter.

Winfried Willems wurde 1949 in Griethausen geboren. Foto: Sabine Kuschel

Winfried Willems wurde 1949 in Griethausen geboren. Foto: Sabine Kuschel

2002 kommt die Ernennung zum Staatssekretär. Im Kultusministerium ist er neben Bildung auch für Haushalt und Recht zuständig. »Es kam unendlich viel auf den Tisch. Dass es so viel war, hing mit der Fülle der Aufgaben zusammen«, erzählt Willems. Der Apparat, der hinter einem Kultusministerium steht, sei riesig. Auch hier ein Arbeitstag, der früh beginnt und spät abends oder nachts zu Ende ist. Im Bild gesprochen: Mit 180 immer auf Hochtouren. Volles Engagement rund um die Uhr – und schlagartig Schluss. Als 2011 Rainer Haseloff als Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt antritt, wird Willems in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Von einem Tag zum anderen muss er auf Null zurückfahren. Zuerst habe er sich wie im Urlaub gefühlt, sagt er. Aber nur »maximal drei Wochen.« Was dann? »Ich habe rumgehangen.« Als er merkt, dass er mit sich nichts anzufangen weiß und es egal ist, wann er morgens aufsteht, ist ihm klar, er muss etwas ändern.

Willems findet in der Musik seine ihn erfüllende Aufgabe. Es ist keine neue Entdeckung. Nach dem Studium der katholischen Theologie studierte er von 1974 bis 1976 Musikpädagogik. Neben seiner Tätigkeit als Oberstudienrat war er von 1982 bis 1993 Organist und Chorleiter. Auf dieses Hobby besinnt er sich wieder als seine Karriere im Kultusministerium ein plötzliches Ende erlebt. Mittlerweile im ­Alter von 62 Jahren steigt er voll in die Kirchenmusik ein. Er übernimmt Vertretungsdienste im Magdeburger Dom, übt täglich zwei bis drei Stunden an der Orgel.

Inzwischen sind zu seinem kirchenmusikalischen Engagement einige andere verantwortungsvolle ­Aufgaben hinzugekommen: ein Lehrauftrag am Magdeburger Institut für Politikwissenschaft zum Verhältnis von Staat und Religion, Seminare ­sowie verschiedene Veranstaltungen im Rahmen von Lehrerfortbildungen. Seit Herbst 2012 ist Willems zudem Präsident des Landesmusikrates Sachsen-Anhalt.

Hohes berufliches Engagement über einen normalen Arbeitstag hinaus fordert meistens einen Tribut. Willems gibt ehrlich zu, dass er Familie und Kinder zugunsten seiner Arbeit vernachlässigt habe. Er bedauert, dass er sich um seine fünf Kinder zu wenig gekümmert hat. »Sie sind größtenteils ohne mich groß geworden. Das tut mir heute weh.«

Wer seine Kräfte lange Zeit über Gebühr beansprucht, muss in der ­Regel auch damit rechnen, dass sein Körper irgendwann die Notbremse zieht. 2006 erlebt Willems einen schweren gesundheitlichen Rückschlag, sein Immunsystem bricht zusammen. »Das war ein Alarmzeichen ohnegleichen.«

In politischen Ämtern hagelt es massenhaft Kritik, dazu die permanente Anspannung, der Zeitdruck – wie hält ein Mensch das aus? »Das ist eine schwierige Frage«, antwortet Willems. »Ich habe diesbezüglich einen langen Prozess durchlaufen.« Die Gefahr, dass Politikern die Bodenhaftung abhanden kommt, sei groß. Auch er habe viel zu spät gemerkt, dass ihm die Sensibilität für Menschen, die mit seinen politischen Aufgaben nichts zu tun haben, verloren geht. »Ich habe lange nicht begriffen, woher dieser innere Druck kam«, schildert er. Ganz gleich wie viel er tat, immer habe ihn das Gefühl beschlichen: »Du hast nicht genügt.«
In einem langen Prozess, begleitet auch durch psychotherapeutische Gespräche, habe er gelernt: »Ich bin nicht das Maß aller Dinge, ich muss nicht alles leisten, sondern kann Vertrauen haben.« Sein Glauben – Willems ist nach wie vor katholisch – ist ihm in dieser Auseinandersetzung eine Hilfe. »Ich habe ein ziemliches Gottvertrauen. Ich weiß: ich bin gehalten. Ich kann nicht ins Nichts fallen.«

Sabine Kuschel

Einmischen – aber gewaltlos

15. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Am 19. März beginnt in Dresden der Prozess gegen Pfarrer Lothar König

Ruhig dreht sich Lothar König eine Zigarette. »Lothar König ohne Zigarette geht nicht«, sagt der Jenaer Stadtjugendpfarrer, hält den Stängel noch eine Weile in der Hand, bevor er ihn anzündet. In wenigen Tagen – am 19. März – beginnt der Prozess gegen den 59-Jährigen. Die Dresdner Justiz wirft ihm schweren Landfriedensbruch vor während einer Demonstration gegen Nazis in Dresden im Februar 2011.

Zurzeit hat Lothar König wenig Ruhe in seinem Büro der JG Jena. Foto: Dietlind Steinhöfel

Zurzeit hat Lothar König wenig Ruhe in seinem Büro der JG Jena. Foto: Dietlind Steinhöfel

Dem Prozess sieht er ernst, aber gelassen entgegen. Nach dem kürzlichen Urteil gegen Tim H., der ebenfalls wegen seiner Beteiligung an der Blockade des rechten Aufmarsches zu 22 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt wurde, rechnet König mit einem harten Urteil. »Was da in Dresden manchmal abläuft, ist mit Rechtsprechung in anderen Bundesländern nur schwer in Übereinstimmung zu bringen«, sagt er und bezeichnet das Urteil gegen Tim H. als »krass«. Auch Bundestags­vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) habe das Urteil kritisiert.

Der evangelische Pfarrer Lothar König schöpft seine Motivation aus dem Glauben. Hier in dieser unfertigen Welt habe er seinen Platz und lebe mit der Hoffnung auf »das Letzte, das Reich Gottes, was unsere Sehnsucht ist, wo es kein Leid mehr gibt. Das ist unsere Zielrichtung, wie unser Leben orientiert sein soll. Ich aber selbst als Mensch, wir Menschen leben in dem vorletzten Bereich. Da ist es immer unfertig. Und hier haben wir unsere Aufgabe.« Was er so beschreibt, lebt der Pfarrer mit den langen Haaren und dem Bart. Er will bei denen sein, die am äußersten Rand der Gesellschaft stehen. Und deshalb hätte die Jenaer Junge Gemeinde (JG) diesen Lautsprecherwagen, mit dem sie auf diese Demos führen. Und so wird ihm vorgeworfen, mit »aufhetzerischer Musik« Leute zu animieren, gegen Polizisten vorzugehen.

Für bürgerliche Ohren mag die Musik grenzwertig klingen. »Nur, der Herr Jesus hat ja nicht gesagt, wir sollen auf die gutbürgerlichen Leute zugehen. Wir sollen auf die Leute zugehen, die krank sind, die Gesunden brauchen keinen Arzt.« An diese jungen Leute, die »viel härtere Musik gewöhnt sind«, komme man nicht ran mit freundlicher oder gar oberflächlicher Schlagermusik. Ihre Ohnmacht und Wut mache diese hilflos und gleichzeitig unberechenbar. Bevor etwas passiert, wolle er Einfluss nehmen und deeskalieren. »Da kommen solche für manche Ohren grenzwerten Musiktitel schon mit zum Einsatz, aber nicht nur«, betont er. »Es geht nicht darum, dass was gut gefunden wird. Es geht darum, das Vertrauen dieser jungen Leute zu gewinnen.« Damit nicht Schlimmeres passiert, jemand verletzt oder sogar getötet wird. Zur Gewalt rufe er nicht auf, auch nicht gegen Nazis. »Das sind genauso Menschen.«

König ist dankbar für die große Unterstützung – von der Kirchenleitung, Kollegen und Gemeindegliedern. Einen Solidaritätsaufruf einer Unterstützergruppe der JG-Stadtmitte Jena haben schon mehrere Tausend Personen unterzeichnet. Die »AG Kirche für Demokratie gegen Rechtsextremismus« in Sachsen ruft zudem zur Fürbitte auf. Doch, so König, es sei nicht wichtig, ob sich die Leute pro oder kontra König positionieren, sondern dass sie sich informieren.

Zudem kritisiert er, dass sich seine Kirche zu wenig »einmischt in die Alltagspolitik«, sondern sich zurückziehe, »als ob wir ein Karnickelzüchterverein wären«. Die Stimme des Glaubens in so schwierigen Zeiten fehle ihm. Es sei deprimierend, eine Welt ohne Glaube, Liebe, Hoffnung zu sehen. »Wer soll das hineinbringen, wenn nicht solche wie wir?«

Angst vor ein paar Jahren Gefängnis hat er nicht. Er will nicht Einknicken vor dem Dresdener Gericht, sondern sich an seinen »jüdisch-christlichen Gott, diesen befreienden Gott, der uns aus der Sklaverei herausführt« halten – in guten und schlechten Zeiten. Deshalb wird er in Absprache mit seinem Anwalt zu Beginn des Prozesses ein Statement abgeben und dann schweigen.

Dietlind Steinhöfel

Seelsorgerisches Selbstverständnis
Der Berliner Anwalt Lothar Königs, Johannes Eisenberg, äußerte sich zur ­Anklage und kritisierte, dass dem Stadtjugendpfarrer Verhaltensweisen vorgeworfen würden, »die zum Kernbereich des seelsorgerischen Selbstverständnisses eines Pfarrers gehören, der in dem Milieu, in dem Pfarrer König tätig ist, seine seelsorgerische Tätigkeit entfaltet«. »Diese Verhaltensweisen bestehen in der Fürsorge für die jungen Menschen, die sich als Manifestanten den Rechtsradikalen entgegenstellen, und dem ständigen Versuch der Deeskalation und Verhinderung von Auseinandersetzungen zwischen Staatsmacht, Rechtsradikalen und den antifaschistischen Demonstranten. (…) Die Anklage und der Eröffnungsbeschluss des Amtsgerichts Dresden überdehnen die Straftatbestände des schweren und aufwieglerischen Landfriedensbuchs.«

»Kein Frühling, sondern die Hölle«

12. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Große Hoffnungen verbanden sich mit dem »Arabischen Frühling« – doch die Ernüchterung folgte schnell

Die politischen Umstürze in den Ländern des Nahen Osten sind für die dort ­lebenden Christinnen und Christen eher bedrohlich als befreiend.

Als im Dezember 2010 in Nordafrika und im Nahen Osten die Proteste und Aufstände gegen die autoritär herrschenden Regime begannen, sprach man schon bald ­danach vom »Arabischen Frühling«. Überall gingen meist junge Menschen auf die Straße, oft Muslime und Christen Seite an Seite wie etwa auf dem ­Tahir-Platz in Kairo. Getragen wurden die Demonstrationen dabei von der Hoffnung auf Besserung der Lebensverhältnisse, ein Ende der Korruption und Schaffung von Arbeitsplätzen für die vielen jungen Menschen der Region.

Die Christen waren und sind in ­allen Ländern des Orients in der Minderheit. Im Libanon stellen sie zwar noch 40 Prozent der Bevölkerung, in Ägypten jedoch nur zehn Prozent, in Syrien neun, im Irak und Palästina jeweils unter zwei Prozent. Überall mit abnehmender Tendenz.

Andererseits ist die Vielfalt der christlichen Kirchen-Familie groß. Die Kopten in Ägypten und die syrisch-orthodoxe Kirche in Syrien gehören zur Gruppe der altorienta­lischen Kirchen, die Maroniten im ­Libanon zu den mit Rom unierten ­katholischen Kirchen. Dazu kommen die orthodoxen Kirchen mit byzantinischem Ritus und die kleinen evangelischen Kirchen, etwa die »Evangelisch-lutherische Kirche von Jordanien und dem Heiligen Land«.

Eine große Zahl von Christen arbeitet außerdem als Gastarbeiter auf der Arabischen Halbinsel. Sie können dort ihren Glauben nur sehr eingeschränkt oder gar nicht, wie etwa in Saudi-Arabien, praktizieren. Abgesehen von dem Bewusstsein als Minderheit zu leben, ist allen Christen des Nahen Ostens die Überzeugung gemeinsam, dass ihr Christsein unauflöslich zu ihrer Identität gehört. Von daher werden etwa Eheschließungen von Christen und Muslimen nicht nur von muslimischer Seite, sondern auch von christlicher Seite in der Regel abgelehnt.

Christen in der arabischen Welt – schon immer Minderheit, aber nun mehr und mehr entrechtet: Ein koptischer Christ demonstriert in Kairo gegen gewalttätige Übergriffe auf seine Glaubensgemeinschaft. Foto: picture alliance

Christen in der arabischen Welt – schon immer Minderheit, aber nun mehr und mehr entrechtet: Ein koptischer Christ demonstriert in Kairo gegen gewalttätige Übergriffe auf seine Glaubensgemeinschaft. Foto: picture alliance

Bis zum Ausbruch der »Arabellion« war der Status von Christen in vielen Ländern per Gesetz geregelt. Unabhängig vom Wahlergebnis, stellen die katholischen Maroniten per Gesetz im Libanon immer den Staatspräsidenten. Bethlehem hat – obwohl es dort nur noch zehn Prozent Christen gibt – immer einen christlichen Bürgermeister. Seit November 2012 ist dies die arabische Christin Vera Baboun.

Dies alles ist keine Demokratie im westlichen Sinn, trägt aber wesentlich zum Frieden zwischen den Konfessionen und Bevölkerungsgruppen im Nahen Osten bei. In den westlichen Staaten war der »Arabische Frühling« vor allem mit der Hoffnung auf mehr Demokratie verbunden. Doch wer sollte in Ländern, die seit Jahrzehnten diktatorisch geführt werden, demokratische Regeln einführen?

Die Christen wussten auf jeden Fall, bei wirklich demokratischen Wahlen wären sie – bis auf den Libanon und in Ägypten – in keinem Parlament mehr vertreten. Und überhaupt: Welche Parteien könnten sie wählen? Weder die Hamas noch die Muslimbrüder kommen infrage. Es gibt im Nahen Osten kaum nichtmuslimische und abgesehen vom Libanon überhaupt keine christlichen Parteien.

Mit dem Zusammenbruch der ­Diktaturen war in allen Ländern des Orients auch eine Auflösung der öffentlichen Ordnung verbunden. Wenn selbst eine nur schlecht funktionierende Polizei nicht mehr existiert, bekommen dies vor allem die Minderheiten, in diesem Fall die christlichen, zu spüren. Brandstiftungen an Kirchen, die Ermordung von Priestern, die Verfolgung christlicher Familien sind dabei nicht nur Taten muslimischer Extremisten, sondern auch Verbrechen Krimineller, die immer wieder die Kinder wohlhabender Christen entführen und Lösegelder erpressen. »Es ist kein Frühling, sondern die Hölle.« So formuliert es der christlich-libanesische Politiker Michael Aoun.

Voller Verzweiflung schrieb der Bischof der syrisch-orthodoxen Kirche in Aleppo, Gregorios Yohanna Ibrahim, zum vergangenen Weihnachtsfest einen »offenen Brief« an Christus: »Die Ehre, die wir unserem Gott in der Höhe dauernd darbringen, durchlebt eine harte Krise auf Erden, genau genommen in Syrien. Denn diese Ehre ist in Erniedrigung gewendet worden. Die Leichen liegen verstreut in den Straßen und Dörfern unserer Städte und Dörfer, Menschen nehmen die nackte Erde als Matratze und den Himmel als Decke.«

Wie wird es weitergehen für die Christen im Nahen Osten? Viele von ihnen werden gehen, werden versuchen, in einem anderen – christlichen – Land einen Neuanfang zu machen. 400000 Christen haben allein im letzten Jahr Ägypten verlassen. Wer wollte es ihnen verdenken? Es scheint, dass die Zeit der Christenheit im Orient zu Ende geht. Alle Christen jedoch, die zu uns in den »Westen« kommen oder auch in der Heimat ausharren, brauchen unser Gebet, unsere Soli­darität und unsere praktische Hilfe.

Gerhard Duncker

Gerhard Duncker war neun Jahre lang Pfarrer der Deutschen Gemeinde in der Türkei und ist heute Islambeauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Organspende – Akt der Nächstenliebe?

12. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Einladung zur Diskussion: Pro und Kontra Organspende – zwei Theologen geben unterschiedliche Antworten

Pro

Ulrich H. J. Körtner

Theologe und Medizinethiker, Vorstand des ­Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der ­Universität Wien

Ulrich H. J. Körtner

Ulrich H. J. Körtner

Organspenden können Leben retten. Die großen Kirchen werben für die Organspende als Akt der Nächstenliebe. Das ist grundsätzlich gut so. Die Toten brauchen ihre Organe nicht mehr, und die christliche Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben wird durch die Organentnahme nicht infrage gestellt. Sie richtet sich nicht auf die Wiederbelebung unseres Leichnams, der im Grabe verwest, sondern auf die Neuschöpfung der Verstorbenen durch Gott. Aber auch die Lebendspende, zum Beispiel einer Niere, kann ein verantwortungsvoller Akt der Nächstenliebe sein, sofern der Spender dabei nicht sein eigenes Leben mutwillig aufs Spiel setzt.
Von einer allgemeinen moralischen Pflicht zur Organspende kann jedoch nicht die Rede sein, da niemand außer mir selbst ein Recht an meinen Körper hat. Das deutsche Transplantationsgesetz trägt diesem Grundsatz Rechnung.

Dem christlichen Menschenbild widerspricht auch nicht die Bereitschaft, sich ein fremdes Organ einpflanzen zu lassen. Wohl ist der Mensch eine leiblich-seelische Einheit. Die Person lässt sich nicht vom Körper abspalten. Was dem Leib geschieht oder angetan wird, das geschieht der ganzen Person. Jeder medizinische Eingriff, zumal eine Organtransplantation, berührt daher mehr oder weniger massiv die eigene Identität. Wir sind aber nicht nur Leib, sondern wir haben einen Leib, zu dem wir uns in Freiheit und Verantwortung verhalten müssen.

Ob jemand glaubt, mit dem Organ eines anderen Menschen, insbesondere eines Verstorbenen, leben zu können, ohne es dauerhaft als Fremdkörper zu empfinden, und ob jemand auch all die gesundheitlichen Nebenfolgen auf sich nehmen möchte, die schon allein mit der Einnahme von Medikamenten verbunden sind, welche die Abstoßung des Organs verhindern sollen, muss jeder Betroffene für sich entscheiden. Aus christlicher Sicht ist die Annahme ­einer Organspende aber grundsätzlich zulässig.

Wir ehren das Leben als gute Gabe Gottes durch das Bemühen, Krankheiten zu verhüten oder zu heilen und dem Tod zu widerstehen, wenn dazu die Möglichkeit besteht. Auch wenn das irdische Leben nach biblischen Verständnis nicht verabsolutiert werden darf, weil sich die Hoffnung des Glaubens auf das ewige Leben richtet, ist es doch zu achten, zu schützen und zu erhalten.

Die Möglichkeiten der Transplantationsmedizin grundsätzlich gutzuheißen, bedeutet nicht, ihre Probleme und Schattenseiten zu leugnen. Dazu gehört die strittige Definition des Hirntodes ebenso wie die Gefahren des Organhandels und Mängel bei der Kontrolle.

Dazu gehören die Nöte der Angehörigen, wenn sie der Organentnah­me bei einem Hirntoten zustimmen sollen, aber auch die psychische Belastung, unter der manche Pflegepersonen und Ärzte bei der Versorgung von Hirntoten und bei der Organentnahme leiden.

Solange ein möglicher Organspender noch lebt, hat er Anspruch auf eine würdevolle Begleitung und Pflege. Auch ist die Praxis der Organentnahme kritisch zu prüfen, inwieweit sie für den Organspender und seine Angehörigen mit einem Sterben in Würde im Einklang steht und auch der Trauer und dem Abschiednehmen Raum lässt.
Die Transplantationsmedizin muss sich solchen kritischen Fragen stellen. Grundsätzlich verdient sie jedoch unsere Unterstützung.

Kontra

Ilse Junkermann

Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Ilse Junkermann

Ilse Junkermann

Warum ich keinen Organspendeausweis ausfülle, was mich dabei bewegt und was ich zu bedenken gebe:

Erstens: In der öffentlichen Diskussion geht es hauptsächlich um die ­Organspende. Organspende rettet Leben. Im Spenderausweis geht es um zwei Spenden, um Organ- und Gewebespende. Über die Gewebespende wird wenig informiert und diskutiert, das nährt meine Skepsis. Im Fall der Gewebespende können Haut, Knochen, Sehnen, Augenhornhaut entnommen werden.

Sie werden nicht direkt verpflanzt, vielmehr werden diese Körperteile aufbereitet und über Kataloge zur Auswahl (etwa als Knochen mit und ohne Sehnen) Ärzten zur Verfügung gestellt. Auch Knochenmehl wird aus Knochen hergestellt, das als Arzneimittel eingesetzt wird. Das ist eine Verwertung des menschlichen Organismus in »Stückelungen«, in der meines Erachtens nicht mehr die Würde des Menschen geachtet wird. So ist die Gewebespende keine Spende, die Leben rettet, eher eine Spende von Teilen von sich selbst als Ersatzteil­lager für andere.

Zweitens: Voraussetzung für die Organentnahme ist die Feststellung des Hirntodes in einem mehrstufigen Verfahren. Aber: Sind Hirntod und Tod das Gleiche? Auf der Homepage einer Krankenkas­se heißt es: »Hirntod bedeutet, dass das gesamte Gehirn seine Funktionsfähigkeit für immer verloren hat.« Bei den Verfahren wird »das Erlöschen der elektrischen Hirnaktivität oder das Erlöschen der Hirndurch­blutung geprüft«.

Als medizinischer Laie nehme ich wahr, dass es international unterschiedliche Standards für die Feststellung des Hirntodes gibt. Die wissenschaftliche Definition von Tod hat sich im Lauf der Zeit geändert, leider immer mit medizinischen Interessen verbunden. So wurde die Definition des Hirntodes nach der ersten gelungenen Herztransplantation eingeführt.

Klar ist: Auch bei Hirntoten funktioniert manches noch. So kann auch bei Hirntod eine Schwangerschaft weiter ausgetragen werden, Hirntote können Fieber bekommen, in der Schweiz werden beispielsweise bei Organentnahmen Narkose- und Schmerzmittel verabreicht.

Der US-amerikanische Ethikrat hat in einer Untersuchung bereits im Dezember 2008 festgestellt, dass die Gleichsetzung von Hirntod und Tod nicht mehr aufrechterhalten werden könne, denn: »Das Gehirn sei vielmehr nicht der Integrator der verschiedenen Körperfunktionen; vielmehr sei die Integration eine emergente Eigenschaft des ganzen Organismus.« Damit einher geht die philosophische Wertung, dass das bewusste Leben einen höheren Wert als das unbewusste Leben habe. Daraus wird für mich deutlich: Die Bewertung von Leben und Tod gilt weniger dem sterbenden Menschen als vielmehr dem Empfänger.

Drittens: Der Prozess des Sterbens wird unterbrochen. Der Organismus von Menschen, bei denen der Hirntod festgestellt wird, wird mit Apparaten aufrechterhalten. Der Sterbende beziehungsweise der Hirntote muss im Blick auf die mögliche Organentnahme weiter medizinisch behandelt werden. So wirkt er oder sie nicht sterbend. Das erschwert den Abschied von ihm oder ihr. Und: Wir wissen nicht, was im Sterben geschieht, welche Schichten des Bewussten und Unbewussten noch wach und lebendig sind. Zur Würde des Menschen gehört nach meiner Überzeugung auch eine Würde des Sterbens, eine Würde, die sich im Abschiednehmen ausdrückt.

So kann meines Erachtens eine Organ- und Gewebespende ein Aspekt von Nächstenliebe sein. Sie als Akt der Nächstenliebe quasi zu empfehlen, dazu kann ich mich angesichts dieser drei Gesichtspunkte nicht durchringen. Vielmehr stellt sich mir neu die Frage: Wie gelingt es uns, angemessen, menschlich mit Leid umzugehen – ohne unnötiges Leiden zu fordern oder zu fördern?

Die Künstler und der Tod

11. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Schirn-Kunsthalle Frankfurt zeigt, wie unterschiedlich Künstler auf den kommenden Tod reagiert haben

Wie malt ein Künstler, wenn das Lebensende naht? Die Ausstellung »Letzte ­Bilder. Von Manet bis ­Kippenberger« in Frankfurt gibt ­darüber Aufschluss.

Berühmt sind beide Impressionisten, beide wählten Blumen als Motive, aber wie unterschiedlich sind ihre letzten Bilder: Während Claude Monet (1840–1926) seine Seerosenbilder wandgroß werden ließ, in denen die Pflanzen in gelb-grün oder blau leuchtenden Farben ihre Formen verschwimmen lassen, malte Édouard Manet (1832–1883) die Blumensträuße, die er ans Krankenbett gebracht bekam, in kleinen Formaten ganz konkret und genau ab, rote Pfingstrosen, cremefarbene Rosen und gelbe Tulpen in ihren Vasen.

Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main: Frau sitzt vor dem Bild »Das letzte Abendmahl (Camel/57)« von Andy Warhol, 1986. Foto: epd-bild

Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main: Frau sitzt vor dem Bild »Das letzte Abendmahl (Camel/57)« von Andy Warhol, 1986. Foto: epd-bild

»Es gibt keinen typischen Altersstil oder ein typisches Spätwerk«, sagt die Kuratorin der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main, Esther Schlicht. »Künstler gehen ganz unterschiedlich mit ihrem nahenden Lebensende um.« Dies macht die Ausstellung »Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger« deutlich, die in der Schirn ­gezeigt wird. 100 Werke vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart werden bis 2. Juni präsentiert. Darunter befinden sich Arbeiten von Alexej von Jawlensky, Henri Matisse, Giorgio de Chirico, Willem de Kooning und Andy Warhol.

Für die Auswahl war für Schlicht ausschlaggebend, dass die Arbeiten herausragend sind und Antworten geben auf die Frage nach der Vollendung eines Lebenswerkes. Die Werke erhellen unterschiedliche Facetten ­eines Künstlers im Angesicht des Todes wie eine neu gewonnene Freiheit, Neuausrichtung, Rückbesinnung auf die eigenen Anfänge oder stoisches Beharren.

In der Schau sind die Arbeiten von jeweils zwei Künstlern in ­einem Raum gegenübergestellt und sollen sich gegenseitig interpretieren.

Experimentierfreudigkeit in ihrem Alterswerk zeigen sowohl Henri Matisse (1869–1954) als auch Willem de Kooning (1904–1997). Von Matisse zeigt die Schirn Bilder des Künstlerbuchs »Jazz«, deren Collagetechnik er krankheitsbedingt erfand und die eine heitere Lebensfreude ausstrahlen. Auch die wandgroßen Gemälde des an Alzheimer erkrankten de Kooning mit ihren abstrakten Formen in vornehmlich roten und gelben ­Farben markieren einen heiteren Neubeginn.

Ganz anders die letzte Werkphase von Alexej von Jawlensky (1864–1941): Die als »Meditationen« bekannten, ikonenhaften und jahrelang variierten kleinformatigen Bilder wurden zum Lebensende immer dunkler. Der Maler war nahezu gelähmt und von den Nationalsozialisten mit Arbeitsverbot belegt. Ihnen gegenüber ist der letzte Film des US-amerikanischen Experimentalfilmers Stan Brakhage (1933 bis 2003) »Chinese Series« zu sehen, der ähnlich schwer von Krankheit gezeichnet, im Liegen mit den Finger­nägeln zeichenhafte Formen in einen schwarzen Filmstreifen kratzte.

Anders verhält es sich mit Werken, die unerwartet zu den letzten wurden: Nachdem Andy Warhol (1928–1987) den Bildzyklus »Das letzte Abendmahl« geschaffen hatte, starb er überraschend. So wurde das Bild des Abschied nehmenden Jesus Christus im Kreis seiner Jünger zum künstlerischen Vermächtnis Warhols. Variation und Wiederholung waren ebenso die Themen von Giorgio de Chirico (1888 bis 1978). Gegenüber Warhols Monumentalbild hängen Spätwerke von ihm, die mit ihren bunten, surrealistischen Motiven zeitgenössische Kunst mit Chiricos Frühwerk verbinden.

Das definitiv letzte Bild ist Gegenstand der Gegenüberstellung des US-amerikanischen Künstlers Ad Reinhardt (1913–1967) und des niederländischen Konzeptkünstlers Bas Jan Ader (1942–1975). Reinhardt fand das letztgültige Künstlermotiv im schwarzen Quadrat, das er in den letzten sechs Schaffensjahren in menschengroßen Bildern ausschließlich und immer wieder malte.

Tragisches Ende oder Absicht – Ader kehrte von seiner Arbeit unter dem Titel »Die Suche nach dem ­Wunderbaren« nie zurück. Sein erster Teil der Arbeit, kleine, schwarz-weiße Nachtaufnahmen aus Los Angeles und eine Installation aus 80 Dias und der Tonbandaufnahme einer Chorprobe, ist in der Schirn zu sehen. Als zweiten Teil nahm er sich eine Atlantiküberquerung in einem kleinen Einmann-Segelboot vor. Geborgen wurde Monate später nur das Wrack des Bootes, von dem Künstler fehlt jede Spur.

Jens Bayer-Gimm (epd)

Öffnungszeiten: Bis 2. Juni dienstags, freitags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr. Ein Katalog ist erhältlich.

www.schirn.de

Fastenzeit ohne Tierleid

10. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Passionszeit das Leiden der Kreatur wahrnehmen

Es reiht sich Fleischskandal an Fleischskandal und selbst der Thüringer Bauernpräsident meinte in einer Diskussion, dass beim Einsatz von Antibiotika als Stimulanz in der Geflügelmast niemand mehr recht durchsehe. Mittlerweile sind multi­resistente Keime allgegenwärtig. Sie kommen aus der Industriemast. Werden dem Menschen Antibiotika in Milligramm-Dosen verabreicht, kommen in der Massentierhaltung gut 1700 Tonnen pro Jahr zum Einsatz. Schweine erhalten sie vorbeugend. Medikamente können bei Zehntausenden von Tieren nicht mehr dem Einzeltier gegeben werden. Erfüllt sich etwa im Risiko für den Menschen die düstere Prophetie des Pythagoras: »Was der Mensch den Tieren antut, kommt auf den Menschen zurück«?

Niemand kann behaupten, er oder sie wisse nichts vom Elend der Kreatur in den Massenställen, auf den Transporten oder in den Schlachthofgiganten wie Tönnies in Weißenfels mit einer Tötungsrate von 20000 Schweinen pro Tag. Zwischen 1000 und 2000 der armen Geschöpfe sind unzureichend betäubt und ertrinken qualvoll im ­kochenden Brühbad.

Unsere Böden können die Milliarden Tiere der Agrarindustrie nicht ernähren. Futtermittelimporte sind nötig: Hülsenfrüchte aus den armen Ländern. Hochwertiges, gesundes Eiweiß, das Menschen ernähren könnte, kommt in Futtertröge. Anders sind schnelle »Masterfolge« nicht realisierbar. Im Süden grassiert der Hunger – ein anderer Fleischskandal.

Ulrich Seidel

Ulrich Seidel, Grafikheader AKUT

Aber es regt sich etwas in der Gesellschaft. 25000 Menschen gingen Ende Januar zur Agrarmesse der »Grünen Woche« auf die Straße: »Wir haben es satt«. Der Vegetarierbund (VEBU) hat Zulauf, der Fleischverbrauch ist seit dem Vorjahr um 91000 Tonnen gesunken. »Fastenzeit ohne Tierleid« sieht sich als Teil dieser Bewegung für mehr Respekt vor unseren Mitgeschöpfen und wendet sich besonders an Christinnen und Christen. Die offizielle Kirche hat dazu bisher fast komplett geschwiegen, sosehr sich viele Menschen ein Wort des Mitgefühls für die Tiere von der Kirche gewünscht hätten. Sie beansprucht doch »Stimme der Stimmlosen« zu sein und für Schwächere einzustehen. Immerhin hat 2011 die sächsische Landessynode beschlossen: Keine Massentierhaltung auf Kirchenland. Licht am Ende des Tunnels?
Die Theologie hat zu den Tieren faktisch kein Verhältnis. Wie auch, wenn man den Leuten durch Jahrhunderte predigte, dass der Mensch die Krone der Schöpfung und das Maß ­aller Dinge sei und dass Tiere keine Seele haben? Die außermenschliche Welt ging verloren. Tiere sind bis heute eine geistliche Nullstelle, trotz Franz von Assisi oder Albert Schweitzer. Das ist Realitätsverlust in Reinkultur »Menschenversessen und tiervergessen«, geißelt der Katholik Franz Alt die Kirchen. Sollten Tiere als Mitgeschöpfe von der christlichen Religion nichts zu erwarten haben? Wenn Jesus den Seinen gebot: »Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur« (Markus 16,15), dann wird die Kirche an ihre Unterlassungssünden erinnert.

Das bundesweite Netzwerk »Aktion Kirche und Tiere« (AKUT) ermutigt Christinnen und Christen, in der diesjährigen Passionszeit das Leiden der Kreatur deutlicher wahrzunehmen. »Tiere raus aus dem Kochbuch«, ist eine alte humane Forderung von AKUT. Die Fastenzeit ist eine gute ­Gelegenheit vom Fleische abzusehen. Alles ist Gewohnheit. Ein vegetarisches Kochbuch führt zu den biblischen Wurzeln. Auf jedem Einband müsste stehen: »Auf dass erfüllt würde, wie geschrieben steht: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise.« (1. Mose 1,29). Das ist Gottes unblutiger Urwille.

Das neue Kochbuch enthält manch Unbekanntes: Getreidearten wie die Hirse oder dass man aus Nüssen Bratlinge bereiten kann. Vorn dran stehen die frischen Salate aus Blättern und Wurzeln. Man starte mit einfachen Rezepten wie dem Mandeltatar.

Wenn man aus einem Kochbuch vier oder fünf Rezepte auf den regelmäßigen Speiseplan übernimmt, ist man auf gutem Wege. »Jedem ist es gegeben, etwas vom Schmerz dieser Welt zum Aufhören zu bringen …« Dieser Maxime Albert Schweitzers will auch »Fastenzeit ohne Tierleid« entsprechen.

Ulrich Seidel

Der Autor ist promovierter Theologe und 1. Vorsitzender des Vereins Aktion Kirche und Tiere (AKUT)

www.aktion-kirche-und-tiere.de

Buchempfehlung: Schinharl, Cornelia: Vegetarisch gut gekocht! Das Grundkochbuch, Kosmosverlag, 224 S., ISBN 978-3-440-13236-4, 19,95 Euro


Mandeltatar (Brotaufstrich)
1–2 Zwiebeln, 100 g Mandeln, grob gemahlen, 150 g Tomatenmark, 1 kl. EL Instant-Gemüsebrü­he, Basilikum, Thymian, Majoran, Zwiebeln würfeln und in Öl dünsten, alle Zutaten vermischen

Dieses Konklave wird anders als die vorangegangenen

6. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Für die Wahl des Nachfolgers von Papst Benedikt XVI. werden die Kardinäle im März zum 75. Mal von der Außenwelt isoliert für das Konklave eingeschlossen. Seit dem Jahr 1295 müssen die Purpurträger sich in einen versiegelten Raum zurückziehen, um unter Ausschluss politischen Drucks von außen ein neues Oberhaupt der katholischen Kirche zu ­bestimmen. Dennoch wird dieses Konklave sich in mehreren Punkten grundlegend von allen vorangegangenen unterscheiden.

Allein die Tatsache, dass der Wahl nicht der Tod des bisherigen Amtsinhabers vorangeht, sorgt für eine veränderte Konstellation. In der Trauerzeit wäre Kritik an der Amtsführung des Verstorbenen tabu gewesen, heute kann ein Nachfolger durchaus unter Berücksichtigung der Stärken und Schwächen von Papst Benedikt XVI. gewählt werden. Damit könnte es zu einer besonders ausgewogenen Entscheidung kommen. Der ­Wahl­prozess könnte sich durch offene Auseinandersetzungen jedoch auch in die Länge ziehen.

Bettina Gabbe berichtet für ­unsere Zeitung aus Italien.

Bettina Gabbe berichtet für ­unsere Zeitung aus Italien.

Joseph Ratzinger wurde 2005 ebenso wie sein Vorgänger Johannes Paul II. im vierten Wahlgang zum Papst gewählt. Er hatte bei der Trauerfeier für seinen Vorgänger die Gelegenheit, sich dem Kardinalskollegium mit einer beeindruckenden Predigt vorzustellen. Eine solche Gelegenheit fällt diesmal weg. Allerdings hatte der päpstliche »Kulturminister« Gianfranco Ravasi mit täglich drei Ansprachen an das Kardinalskollegium während der Fastenexerzitien im Vatikan eine Woche lang die Möglichkeit, sich den in Rom anwesenden Purpurträgern von herausragender Position vorzustellen.

Im Unterschied zum letzten Konklave gibt es bislang keine klare Favoritenliste. Benedikt empfahl dem Kardinalskollegium seinen Kulturminister zwar als möglichen Kandidaten, indem er ihn mit den diesjährigen Fastenexerzitien in der Kurie beauftragte. Darüber hinaus ist die Liste der Namen, die in Rom als mögliche Anwärter zirkulieren, jedoch lang.

Der Mailänder Erzbischof Angelo Scola gilt als konservativer Theologe, der zugleich den Dialog zu denen sucht, die der Kirche fern sind, ob im Dialog mit anderen Religionen oder mit Einladungen zum Gottesdienst, die an Straßenkreuzungen verteilt werden.

Der Präsident des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden, Peter Turkson, könnte die Hoffnungen auf den ersten Schwarzafrikaner auf dem Papstthron erfüllen. Der 64-Jährige hat Erfahrungen als Kurienmitglied im Vatikan und als ehemaliger Bischof von Cape Coast in seinem Heimatland Ghana. Der Kanadier Marc Ouellet hat als Präfekt der vatikanischen Bischofskongregation Kontakt zu den Diözesen weltweit. Neben ­einer tiefen Kenntnis der Kurie blickt er aber auf eine Amtszeit als Bischof von Quebec und auf Erfahrungen als Missionar in Lateinamerika zurück. Südamerika spielt wegen der großen Zahl an Katholiken im Vergleich zu anderen Kontinenten bei den Überlegungen zum Konklave eine besondere Rolle.

Die Liste der »Papabili« lässt sich über den Argentinier Leonardo Sandri, den Philippiner Luis Antonio Tagle, den Ungarn Peter Erdö oder den Österreicher Christoph Schönborn und viele andere beliebig verlängern. Die Zeit vor dem eigentlichen Beginn des Konklaves werden die Kardinäle in Rom vom 1. März an nutzen, um Mehrheiten für einzelne Kandidaten auszuloten.

Bettina Gabbe

Das Kreuz tragen

5. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein modernes Gemälde ist derzeit in Dresden ausgestellt

Düsternis ist eingezogen in die Dresdner Kreuzkirche. Ein überdimensionales modernes Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy hängt bis zum Karsamstag über dem Altar. Es stößt ab – und es zieht an. Ungeschönt zeigt es das Grauen der Leiden ungezählter Opfer von ­Gewaltherrschaft und Unmenschlichkeit. Dieses Kreuz hat nichts Roman­tisches, nichts Verklärendes. Es zeigt die furchtbare Wirklichkeit: Ein verstümmeltes, verbranntes Kriegsopfer könnte es sein, das an Duffys Kreuz hängt. Ein entstelltes, verkohltes Gesicht, das stumm ins Leere schreit. Eine entmenschlichte Leichenhand, die starr zum Nachbarkreuz ausgreift – und es doch nicht erreicht. Das Opfer ist einsam, ausgeliefert, hinabgestoßen in das Reich des Todes.

Aus dem Gekreuzigten windet sich eine gekreuzigte Frau, deren Brüste könnten die verstümmelten Beine ­eines behinderten Kindes sein. Schemenhaft zeichnen sich überall weitere Kreuze ab.
»Das Kreuz ist ein Fenster in die Welt, in die Wahrheit der Not der Menschen, die Opfer von Krieg, gewalttätigen Konflikten, Missbrauch von Macht und Autorität geworden sind«, erklärt Terry Duffy, der das Kreuz vor 30 Jahren unter dem Eindruck schwerer sozialer Unruhen in Großbritannien schuf.

Bis Karsamstag hängt das Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy über dem Altar in der Dresdner ­Kreuzkirche. Foto: Steffen Giersch

Bis Karsamstag hängt das Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy über dem Altar in der Dresdner ­Kreuzkirche. Foto: Steffen Giersch

Sein Kreuz schreit auf im Namen all dieser Opfer. Das Kreuz ist die Wunde der Welt, für die Golgatha ein Name geworden ist. Im Kruzifix sind eingezeichnet die Entrechteten und Kaputtgemachten dieser Erde aller Zeiten. Nur manche kennen wir mit Namen: Die Geschwister Scholl und Dietrich Bonhoeffer, Gertrud Kolmar und Elisabeth Käsemann, Anne Frank und Martin Luther King, Matthias Domaschk und Oskar Romero.

»Opfer – keine Auferstehung?« – der Titel des Kreuzgemäldes Terry Duffys provoziert. Ist die tiefste Nacht der Menschheit ohne Morgen? Ist Golgatha ohne Emmaus? »Das Gemäl­de bietet keine leichte Lösung, keine Beruhigung«, sagt Duffy und ergänzt: »Das Kreuz war und ist ein realistisches ­Ereignis, kein bloßes Symbol.«
Der 64-jährige Künstler, der früher mit Joseph Beuys und John Cage zusammengearbeitet hat, will am Kreuz verharren, die nackte Brutalität aushalten. Die Auferstehung soll nicht einfach als automatische göttliche Antwort auf das Leiden erscheinen. Damit wir es uns nicht zu leicht machen. »Die Auferstehung ist kein gegebenes Recht, wir müssen für sie wirken«, sagt Duffy und fügt hinzu: »Wir müssen mehr für diejenigen tun, deren Leben viel schlimmer ist als unseres.«

Und so spricht aus seinem düsteren Kunstwerk doch der Glaube daran, befähigt und berufen zu sein, etwas vom Leid der Welt abzutragen. Die Dresdner Station seines Kreuzes soll zudem an Simon von Kyrene erinnern, der einst Jesus half, das Kreuz zu tragen. Nach Ostern wird Duffys Kreuz weiterreisen. Nachdem es schon in Coventry und London ausgestellt war, soll es auf seinem großen Kreuzweg durch die Welt weiterreisen zu Schauplätzen von Krieg und gewalttätiger Konflikte – nach Krakau, Kapstadt, Belfast, Südamerika, Bosnien, China und New York.
»Das Ziel soll Jerusalem sein, wo es an einem Ostermorgen ankommen soll«, kündigt der Künstler an. Damit solle die Erzählung und die Erlösung dieses Kreuzes symbolisch vollendet werden.

Stefan Seidel

Das Gemälde »Opfer – keine Auferstehung?« ist bis zum 29. März ausgestellt in der Kreuzkirche Dresden. Öffnungszeiten: Täglich 10 bis 17 Uhr. Freitags, 12 Uhr: Gebet unter dem Kreuz für Frieden und Versöhnung.

Der weniger unfehlbare Papst

5. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Gespräch: Ein evangelikaler Theologe und Kenner der römisch-katholischen Kirche zum zurückgetretenen Papst

Der scheidende Papst gilt vielen als rückständig und ­antiökumenisch, sein Jesus-Buch manchem Theologen als »peinliche Entgleisung« (Lüdemann). Im Interview mit dem Medienmagazin »pro« zeichnet der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, ein differenzierteres Bild.

Sie haben den Papst erst kürzlich getroffen. Ist er wirklich so schwach?
Thomas Schirrmacher:
Dass Papst Benedikt zwar geistig noch ganz auf der Höhe ist, sein Körper bis hin zum Sprechen tagesweise aber den Dienst versagen oder beschränken, konnte jeder bei der dreiwöchigen Synode in Rom im Oktober vergangenen Jahres sehen. Ich habe ihn jüngst bei zwei Messen erlebt, das erinnerte schon stark an die letzte Zeit von Papst Johannes Paul II.

Waren Sie erstaunt über den Rücktritt?
Schirrmacher:
Den genauen Termin kannte natürlich niemand, aber Papst Benedikt hatte ja 2010 in einem Interview unmissverständlich deutlich gemacht, dass der Papst, wenn er körperlich oder geistig nicht mehr in der Lage sei, die Kirche zu leiten, das Recht, »ja unter Umständen sogar die Pflicht« habe, zurückzutreten. Und dass Benedikt den Weg seines Vorgängers nicht gehen würde, wusste ­eigentlich jeder.

Ist es nicht viel wichtiger, dass der Papst geistig auf der Höhe ist?
Schirrmacher:
Natürlich. Aber die dreiwöchige Synode war schon für einen 52-jährigen Gast wie mich anstrengend, erst recht für die Synodenleitung. Der Papst hat aber parallel die normalen Geschäfte weiter­geführt, viel mehr Treffen als sonst wahrgenommen und Abends mehrere öffentliche Auftritte gehabt. Auch eine Papstmesse ist schon eine körperliche Strapaze. Entweder überlässt ein schwächer werdender Papst die Geschäfte anderen, wie es eigentlich ­immer gewesen ist, oder er lässt sie ruhen – wie in der Schlussphase von Johannes Paul II. Der Schritt von Benedikt ist zwar im Kirchenrecht ­vorgesehen, aber eben nie eingesetzt worden – Rücktritt aus Altersschwäche.

Der Theologe, Ethiker und Religionswissenschaftler Thomas Schirrmacher (Bonn) gilt als einer der besten ­protestantischen Kenner der römisch-katholischen Kirche. Foto: privat

Der Theologe, Ethiker und Religionswissenschaftler Thomas Schirrmacher (Bonn) gilt als einer der besten ­protestantischen Kenner der römisch-katholischen Kirche. Foto: privat

Sie haben 2002 zu Zeiten Johannes Paul II. ein Buch »Der Papst und das Leiden: Warum der Papst nicht zurücktritt« veröffentlicht. Was unterscheidet Benedikt von seinem Vorgänger?
Schirrmacher:
Papst Benedikt hat sein Amt eindeutig weniger sakramental verstanden als sein Vorgänger, der sein Leiden als Fortsetzung der Leiden Christi verstanden hat. In den letzten Monaten war ja spürbar, dass Benedikt vor allem die Kontrolle über den staatlichen Teil des Vatikans mehr und mehr verlor. Nun stand ihm der geistliche Teil seines Amtes als Kirchenführer und Theologe immer schon näher als der politische Teil als Staatsoberhaupt des »Heiligen Stuhls« – nicht zufällig hat er ja die politische Bedeutung und das politische Wirken des Vatikans an etlichen Stellen zurückgefahren und selbst in Deutschland in seiner Freiburger Abschiedsrede gefordert, der katholische Kirche solle sich mehr aus der Verklammerung mit der Welt lösen. Es ist ganz im Einklang damit, wie Benedikt Papst wurde und wie er das Papstamt verstand, dass er es aufgibt, wenn er Führung nicht mehr garantieren kann.

Weniger sakramental?
Schirrmacher:
Ja. Den Kardinälen sagte er einmal, dass ein Papst die meiste Zeit fehlbar sei. In den meisten seiner Messen und Ansprachen finden sich Hinweise darauf, dass er Fehler mache, dass Gott und die Kirche ihm vergeben mögen und er nur hoffen könne, dass Gott ihn vor Fehlentscheidungen bewahre. Das gilt selbst noch für seine kurze Rücktrittsankündigung. Das findet sich so bei Johannes Paul II. nicht. Dazu gehört der ständige Hinweis Benedikts, dass nicht er, sondern Jesus der Herr der Kirche sei.

Der Papst hat manche ungewöhnlichen Entscheidungen getroffen, die das untermauerten. So hat er das Jesusbuch ausdrücklich als Privatmann geschrieben, der Fehler mache, die man ihm gerne per E-Mail schreiben könne. So etwas hat noch nie ein Vorgänger gemacht, Papstschreiben sind ­eigentlich immer amtliche Schreiben. Bei seiner jährlichen Schülerrunde war er nur der diskutierende Professor, der sich auch gerne protestantische Professoren zum Diskutieren einlud. Anders gesagt, im Gegensatz zu seinen Vorgängern hat Papst Benedikt den Privatmann Benedikt nie aufgegeben. Und da ist es nur konsequent, dass er sich jetzt auf das private Altenteil zurückzieht.

Wie war das Verhältnis der Weltweiten Evangelischen Allianz zum Vatikan und umgekehrt?
Schirrmacher:
Unser Generalsekretär Geoff Tunnicliffe hat den Papst mehrfach getroffen. Auf der Synode haben wir unseren Beitrag ­geleistet. Papstvertraute als Leiter von Päpstlichen Kongregationen wie die Kardinäle Kurt Koch, Peter Turkson oder Jean-Louis Tauran haben die Weltweite Allianz immer als Partner geschätzt und respektvoll behandelt. Das gilt besonders für die fünfjährigen Verhandlungen zum gemeinsamen Dokument des Vatikan, der Weltweiten Evangelischen Allianz und des Ökumenischen Rates der Kirchen, »Christliches Zeugnis in einer multi­religiösen Welt«, die ich von unserer Seite geleitet habe. Aber auch für die seit Jahren laufenden offiziellen Gespräche zu theologischen Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten, die von unserer Seite mein Vorgänger als Vorsitzender der Theologischen Kommission, Rolf Hille, leitet.

Welches halten Sie für die wichtigsten Veröffentlichungen des Papstes?
Schirrmacher:
Da ist als erstes das ­Jesusbuch zu nennen. Nicht nur, weil es für die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien kämpft, sondern vor allem wegen der Begründung: Der Papst wollte deutlich machen, dass ­Jesus der Mittelpunkt des christlichen Glaubens ist und hat das zuletzt auch auf der Synode deutlich gesagt: Der christliche Glaube ist eine persönliche Beziehung zu Jesus. Ständig hat er wiederholt, dass die Zukunft ­einem Entscheidungschristentum gehört, das auf persönlicher Entscheidung und Beziehung zu Jesus, nicht auf traditioneller oder kultureller Zugehörigkeit beruht.

Daneben ist seine erste Enzyklika »Gott ist Liebe« (»Deus caritas est«) zu nennen, die das in den Mittelpunkt stellt, was merkwürdigerweise jahrhundertelang in kirchlichen Bekenntnissen fehlte, dass Liebe die zentrale Eigenschaft Gottes in der Bibel ist. In der Enzyklika steht nur wenig, was ein Evangelikaler nicht unterzeichnen könnte.

Seine beste Tat aus ihrer Sicht?
Schirrmacher:
Die Verschärfung der Kirchengesetze zum sexuellen Missbrauch im Gefolge seines ausgezeichneten Hirtenbriefes an die Katholiken Irlands vom 19. März 2010.

Sein größer Fehler – wenn Sie einmal von theologischen Unterschieden absehen?
Schirrmacher:
Papst Johannes Paul II. sah seinen Pressesprecher als engsten Vertrauten, der ihn unabhängig vom vatikanischen Apparat über die Welt auf dem Laufenden hielt, und der als Papstvertrauter die Medien immer auf dem Laufenden halten konnte. Einen solchen Pressesprecher als Vertrauten hatte Benedikt nie, die Medien schienen ihm eher lästig zu sein; und sein Pressesprecher konnte eigentlich nur amtliche Verlautbarungen weitergeben. Das hat meines Erachtens sehr zur Eskalation mancher Medienkampagnen beigetragen.

Heute schon übers Wetter geredet?

3. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Nicht? Da wird es Zeit. Das Wetter ist immer und überall Gesprächsthema Nr. 1: bei Veranstaltern jeder Art, bei Ostseeurlaubern, Wintersportlern und Auslandsreisenden, beim Joggen ebenso wie bei Auto­fahren, unter Bauern und Seeleuten, beim Small Talk im Vorbeigehen – und natürlich auch unter Gärtnern. Nicht auszudenken, wenn das Wetter zum Tabuthema würde. Man wüsste oft gar nicht, worüber man reden sollte, und die Medien hätten ein Topthema ­weniger. Es ist das ganze Jahr über von allgemeinem Interesse, ob es schneien wird oder frieren, ob Regen aufzieht oder mit Sonnenschein gerechnet werden kann, ob es kalt wird oder eine Hitzeperiode ansteht.

»Wer jede Wolke fürchtet, taugt zu einem Gärtner nicht«
Sprichwort

Wetter und Wetter ist allerdings zweierlei. Es kommt entscheidend darauf an, für wen. Bei den Moderatoren ist das klar: für Nichtgärtner. Sonst würden sie sich nicht fast entschuldigen, wenn die Aussichten trübe sind. Es hat zuweilen den Anschein, dass sie eine Schlechtwetterfront als persönliches Versagen empfinden und es ihnen sehr unangenehm ist, der Überbringer schlechter Nachrichten zu sein. Da mögen sie im Blick auf Eisverkäufer und Dachdecker richtigliegen – für Gärtner kann das durchaus eine sehr erfreuliche Mitteilung sein.

Christine Lässig

Christine Lässig

Ein Gewitterregen wirkt mehr als tausend Gießkannen, weiß man aus Erfahrung. Ein trüber Tag im Februar schützt die Gehölze vor der gefährlichen Wintersonne, und wenn der Frühling allzu früh kommt, verleitet das Wetter zu Dingen, die man bald darauf bereut, wie Kübel ins Freie bringen, im Gewächshaus vorgezogene Pflanzen den späten Frösten ausliefern oder Buschbohnen legen. Eine Portion Gelassenheit wäre also nicht schlecht, zumal man es sowieso nicht in der Hand hat. »Die Menschen machen den Kalender, aber Gott das Wetter«, sagt der Volksmund. Und der Gärtner hierzulande hat eine doppelte Chance, damit zufrieden zu sein. Ob bewölkt oder sonnig: Entweder tut es den Pflanzen gut oder den Menschen und manchmal beiden zugleich. Sehen wir’s also positiv, das Wetter. Es sei denn, es wird zu einseitig: »Ein Sommerregen ist erfreulich, ein Regensommer ganz abscheulich.« (Eugen Roth).

Christine Lässig