So viel Melanchthon wie nie

26. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Das restaurierte und erweiterte Wohnhaus des Reformators wurde wiedereröffnet

Wittenberg bekam am 15. Februar eine Attraktion zurück. Die ­Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt eröffnete das restaurierte Wohnhaus des Humanisten und Reformators Philipp Melanchthon (1497 bis 1560), das zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Zudem erhielt der Renaissancebau von 1536, den die Universität dem Gelehrten schenkte, um ihn dauerhaft an die Stadt zu binden, einen Neubau. Dieser auf dem Nachbargrundstück errichtete Kubus mit der grauen Klinkerfassade hat sich zum Stein des Anstoßes entwickelt. Stiftungsdirektor Stefan Rhein sah sich mit dem Zorn der Bürger konfrontiert, den kurz vor der Eröffnung noch Friedrich Schorlemmer in Worte fasste. In einem Zeitungsartikel hatte er vollendete oder geplante Neubauten in der Lutherstadt kritisiert und im Zusammenhang mit dem Erweiterungsbau des Melanchthonhauses von »Hässlichkeit« gesprochen. Rhein hatte erwidert, dass die Stiftung über Neugestaltungen nicht allein entscheide. Sie wolle sich der Diskussion über Ästhetik stellen. Zugleich müsse aber immer unterstrichen werden, dass Wittenberg eine Stadt des 21. Jahrhunderts sei.

Den einen gefällt er, den anderen nicht: Der kubistische Neubau neben dem originalen Melanchthonhaus aus der ­Renaissance ist in Wittenberg Stadtgespräch. Foto: Alexander Baumbach

Den einen gefällt er, den anderen nicht: Der kubistische Neubau neben dem originalen Melanchthonhaus aus der ­Renaissance ist in Wittenberg Stadtgespräch. Foto: Alexander Baumbach

Der dreigeschossige Neubau nach einem Entwurf des Büros Dietzsch & Weber Architekten aus Halle grenzt auf einer Seite an die alte Wittenberger Universität Leucorea. Seine Formen beziehen sich auf das Melanchthon-Wohnhaus und greifen zum Beispiel mit den rauen Klinkern historisches Baumaterial auf. Die Ausstellungsfläche hat sich durch ihn auf 600 Quadratmeter nahezu verdoppelt. Zudem nimmt der Neubau einen Vortragsraum, Garderobe, Kasse, Sanitärräume, Haustechnik und einen Fahrstuhl auf. Die barrierefreie Erkundung nahezu des gesamten Hauses ist erstmals möglich. Die neue Dauerausstellung trägt den Titel »Philipp Melanchthon: Leben – Werk – Wirkung«. Das wichtigste Exponat ist das Wohnhaus selber, das über die Jahrhunderte nahezu unverändert erhalten blieb. Jetzt kann es bis unter das Dach erkundet werden. Dank der Bauforschung können einzelne Räume einer Nutzung zugeordnet werden: die Küche, das angrenzende Esszimmer mit Blick auf den Garten, das wappenverzierte Wohnzimmer der Studenten, die bei Familie Melanchthon Kost und Logis bekamen, ihre kalte Schlafkammer nebenan, und die gute Stube des Hauses. Weil vom originalen Haushalt der Gelehrtenfamilie bis auf die Steinplatte des Gartentisches nichts erhalten blieb, wurde dieser Raum im 19. Jahrhundert mit schweren Eichenmöbeln im altdeutschen Stil ausgestattet, die restauriert sind. Die weiteren Räume des Altbaus hat das Berliner Designerbüro Iglhaut+von Grote mit einigen Möbeln und Figuren so gestaltet, dass sie die Funktion andeuten. Kinder dürfen eigens für sie aufgestellte Truhen und Laden aufschließen, Spielzeug herausnehmen oder der Tochter Magdalena Melanchthon zuhören. Sie berichtet zum Beispiel vom Sprachgewirr mit den Worten ihres Vaters: »Heute sind an meinem Tisch elf Sprachen gesprochen worden.«

Über das geistige Erbe Melanch­thons, des »Lehrers Deutschlands«, des »Vaters der Ökumene« oder des »Außenministers der Reformation«, informieren die Räume im Anbau. Die Kuratoren Martin Trau und Jutta Strehle haben aus Melanchthons Lebenswerk von rund 2000 Büchern und Schriften sowie rund 9500 Briefen einige ausgewählt. Im Raum »Melanchthons Schätze« etwa begegnet der Besucher im Dämmerlicht empfindlichen Originalen: frühe Drucke oder Handschriften, die von Wittenberg aus in die Welt strahlten. Zwar bleibt Melanchthon, was seine bildhafte Darstellung betrifft, weit hinter Martin Luther zurück. Doch zeugen die in Wittenberg ausgestellten Gemälde, Grafiken, Büsten und Medaillen von dem Respekt, der dem Gelehrten über Jahrhunderte entgegengebracht wurde.

Restaurierung und Neubau haben rund 4,8 Millionen Euro gekostet. Das Geld kam von der Europäischen Union, vom Bund, vom Land Sachsen-Anhalt und der Lutherstadt Wittenberg. Zudem flossen Eigenmittel der Stiftung Luthergedenkstätten und Geld aus dem Förderprogramm »Reformationsjubiläum 2017« des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien in das Projekt ein. »So viel Melanchthon war nie«, sagte ­Stiftungsdirektor Stefan Rhein vor der Eröffnung am 15. Februar. Davon ­können sich Besucher ab jetzt täglich, außer montags, und im Sommer an allen sieben Wochentagen, ein Bild machen.

Angela Stoye

Hexenjagd im Inselreich

25. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Papua-Neuguinea: Die Mehrheit gehört christlichen Kirchen an – doch beim Lynchen sind viele mit dabei

Frauen werden als Hexen ­gejagt, gefoltert, bei ­lebendigem Leibe verbrannt. Es klingt wie finsteres ­Mittelalter, geschieht aber in unseren Tagen in Papua-Neuguinea.

Es war eine Horrornachricht, die da Anfang Februar um die Welt ging. In den frühen Morgenstunden des 6. Februar trieb eine johlende Meute – Männer, Frauen und Kinder – eine 20-jährige Frau vor sich her. Die Kleider wurden ihr vom Leib gerissen. Sie wurde gefesselt und mit glühenden Eisenstangen brutal gefoltert. Schließlich wurde ein Müllhaufen auf der Straße entzündet, die Frau mit Benzin übergossen und darauf bei ­lebendigen Leibe verbrannt. Damit es keine Chance auf Rettung gab, warf der Mob noch einen brennenden LKW-Reifen auf sie. Feuerwehr und Polizei wurden nach örtlichen Medienberichten von der Menge am Eingreifen gehindert.

Der Vorwurf gegen die Mutter eines acht Monate alten Mädchens: Sie sei eine Hexe und Schuld am Tod ­eines sechsjährigen Jungen. Dessen Angehörige hatten die Vorwürfe erhoben und die Menge zum Racheakt animiert.

Sieht für Europäer erschreckend aus, ist aber nur Folklore: In Mount Hagen, im Hochland Papua-Neuguineas, kommen jährlich melanesische Volksgruppen zu einem Kulturfestival zusammen. Foto: picture alliance

Sieht für Europäer erschreckend aus, ist aber nur Folklore: In Mount Hagen, im Hochland Papua-Neuguineas, kommen jährlich melanesische Volksgruppen zu einem Kulturfestival zusammen. Foto: picture alliance

All das geschah nicht in einem abgelegenen Dorf. Es geschah in der viertgrößten Stadt Papua-Neuguineas (PNG), in Mount Hagen im zentralen Hochland. Bekannt unter anderem durch ein jährliches Folklore-Festival, das Besucher aus der ganzen Welt anzieht. Und es ist kein Einzelfall. Immer wieder erscheinen in lokalen Medien Berichte ähnlich dramatischer Hexenjagden.

Das alles, obwohl sich nach offiziellen Angaben rund 96 Prozent der Bevölkerung in der ehemaligen deutschen und britischen Kolonie zum christlichen Glauben bekennen. Das Leipziger Missionswerk etwa hat bis heute enge Verbindungen zur Evangelisch-Lutherischen Kirche Papua-Neuguineas, die mit rund 900000 Mitgliedern zugleich die größte lutherische Kirche Asiens ist.

Entsprechend groß ist überall das Entsetzen. »Es ist in der Tat entmutigend, dass die meisten Beschuldigungen wegen Zauberei und Hexerei sowie die damit verbundenen Tötungen von Angehörigen christlicher Kirchen betrieben werden«, konstatiert Gabriel Kuman. Der einheimische Theologe ist Mitarbeiter des Melanesischen Instituts in Goroka, in der Nähe Mount Hagens. Das ökumenische Forschungs- und Bildungszentrum widmet sich unter anderem der Erforschung der alten melanesischen Kultur.

»Der Glaube an Zauberei und Hexerei ist in PNG heute immer noch ­allgegenwärtig. Seine Auswirkungen auf Leben und Besitz vieler unschuldiger Menschen sind erschreckend und vernichtend«, bestätigt Kuman. Und er verweist zugleich darauf, dass diese, auf uralte Glaubensüberzeugungen zurückgehende Einstellung nicht nur Familien zerrüttet. Sie behindert die Entwicklung der Gesellschaften der gesamten Inselregion nordöstlich von Australien.

Der Theologe sieht eine der Ursachen für die Probleme in den gewal­tigen sozialen, politischen, kulturellen und spirituellen Umbrüchen, die PNG seit Ankunft der Europäer und mit ­ihnen der christlichen Missionare durchlebt. »Obwohl PNG sich allmählich vorwärtsbewegt, um in seinen wirtschaftlichen, politischen, infrastrukturellen und menschlichen Entwicklungen mit der übrigen Welt Schritt zu halten, kann es viele seiner alten Glaubensüberzeugungen und Praktiken nicht abschütteln«, ist Kuman überzeugt. Hinzu komme, dass die christlichen Missionare die Zauber- und Hexenbräuche zwar verurteilten, den Menschen aber keine zufriedenstellende Aufklärung angeboten hätten, um die Mentalitäten im Blick auf Hexerei und Zauberei zu ändern.

»Die christlichen Kirchen in PNG müssen im Kampf gegen Zauber- und Hexenglauben und dessen Praktiken eine größere Rolle spielen«, so Kumans Forderung. Der Weg dazu führe vor allem über Aufklärung und Bildung. So hat etwa die katholische Kirche in der Provinz Chimbu, in der Hexenjagden weit verbreitet sind, damit begonnen, Kurse für Dorfleiter über die Hintergründe des Zauberei- und Hexenglaubens anzubieten. Zudem werden Priester und andere kirchliche Mitarbeiter ermutigt, beschuldigten Personen Zuflucht zu gewähren und jeden Fall einer Beschuldigung bei der Polizei zur Anzeige zu bringen.

Harald Krille

Die Soldaten Christi

25. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Die Heilsarmee: Kirche ohne Taufe und Abendmahl, aber mit Uniform – im Gespräch mit Oberst Patrick Naud

Mit dem Pop-Song »You and me« vertritt eine Musikgruppe der Heilsarmee die Schweiz beim Europäischen Schlagerwettbewerb in Malmö. Doch wer ist die Heilsarmee? ­Benjamin ­Lassiwe sprach mit dem ­Nationalen ­Oberkomman­dierenden in Deutschland, ­Polen und Litauen, Oberst ­Patrick Naud.

Oberst Naud, in der Schweiz hat die Heilsarmee den Nationalen Vorentscheid für den Schlagerwettbewerb der Eurovision gewonnen. Was bedeutet das für die Heilsarmee in Deutschland?
Naud:
Für uns ist das natürlich ein Imagegewinn. Wir werden auf der Straße angesprochen, die Menschen schreiben uns Mails. Das gibt uns die Möglichkeit, über unsere Mission und unser Zeugnis zu sprechen. Dieses Lied ist nicht nur ein Erfolg für die Heilsarmee in der Schweiz, sondern für ganz Europa.

Ein Problem für die Teilnahme der Schweizer Musiker ist derzeit noch die Uniform, die beim Wettbewerb in Malmö verboten ist. Was bedeuten die Uniformen für die Heilsarmee?
Naud:
Die Uniform ist die Visitenkarte der Heilsarmee. Sie gibt es überall in der ganzen Welt: In Asien ist sie grau, in Indien weiß, in Europa dunkelblau.

Der 1958 in der Nähe von Toulouse in Frankreich geborene Patrick Naud ist Offizier (Geistlicher) im Rang eines Oberst. Seit 1. Juni 2011 dient er im ­Nationalen Hauptquartier in Köln als Leiter der Heilsarmee in Deutschland, ­Litauen und Polen.

Der 1958 in der Nähe von Toulouse in Frankreich geborene Patrick Naud ist Offizier (Geistlicher) im Rang eines Oberst. Seit 1. Juni 2011 dient er im ­Nationalen Hauptquartier in Köln als Leiter der Heilsarmee in Deutschland, ­Litauen und Polen.

Die Heilsarmee wird durch ihre Uniform erkannt. Wenn ich keine Uniform mehr ­tragen würde, würde niemand erkennen, dass ich von der Heilsarmee bin.

Aber warum trägt die Heilsarmee die Uniform?
Naud:
Das ist eine lange Geschichte. Damit hat man schon kurz nach der Gründung im 19. Jahrhundert in England angefangen. Damals trugen viele Menschen Uniformen, auch die Kinder in der Schule. Der Gründer der Heilsarmee, William Booth, war sehr geprägt von dieser Kultur. Heute zwingt sie uns dazu, immer und überall Zeugnis von unserem Glauben abzulegen. Sie macht uns sichtbar und erkennbar.

Was sind denn die Schwerpunkte der Heilsarmee heute?
Naud:
Die Heilsarmee kämpft als Erstes gegen die Armut. Wir wollen zu Armen und Bedürftigen von Christus sprechen, aber wir wissen ganz genau, dass die Menschen zuallererst etwas zu Essen oder ein Dach über den Kopf brauchen, auch um sich ihrer Würde bewusst zu werden. Wenn jemand unter einer Brücke lebt, zwischen Kartons, dann wollen wir auch ihm das Evangelium bringen. Aber dazu müssen wir ihm auch ganz handfest eine neue Perspektive für sein Leben bieten. So, wie wir Gottes Liebe ­erfahren haben, helfen wir auch: Bedingungslos – auch dann, wenn Menschen nicht für den Glauben offen sind.

Wie entwickelt sich Ihre Kirche in Deutschland?
Naud:
Uns geht es wie fast allen Kirchen in Deutschland: Die Menschen rennen uns nicht gerade die Türen ein. Viele traditionelle Heilsarmeekorps werden älter, und manche sind klein. Aber wir sehen auch wachsende Gemeinden. Und jetzt haben wir ein Reformprogramm: Es heißt »Vision 2030«.

Was heißt das konkret für die ­Heils­armeegemeinden an der Basis? Was ist Ihr Plan bis 2030?
Naud:
Wir wollen allen unseren Gemeinden die Möglichkeit geben, zu überlegen, wie sie sich mehr öffnen können. Die Heilsarmeegemeinden müssen sich wieder mehr für Fremde öffnen, sie müssen transparenter werden, und sich weniger den eigenen Angelegenheiten als vielmehr den Sorgen und Nöten der Menschen auf der Straße widmen. Ich glaube, wir müssen verstehen, dass manche Gemeinden oder manche unserer sozialen Arbeiten nicht pragmatisch genug sind für die Menschen von heute. Wir sollten keine Angst haben, kleine Gemeinden, die sich selbst nicht mehr tragen können und kaum Perspektive haben, zu schließen und neue Gemeinden aufzumachen.

Wie ist das Verhältnis der Heilsarmee zu den anderen christlichen Kirchen?
Naud:
Für uns ist die Begegnung mit anderen christlichen Kirchen ein sehr wichtiges Thema. Wir haben viel voneinander zu lernen, und wir haben unsere eigene Stimme, die wir einbringen. Wir sind überzeugt davon, dass wir mehr erzählen müssen, was die Heilsarmee ist. Und wir freuen uns, dass viele andere Kirchen großen Respekt vor unserem Auftrag ­haben.

Im Unterschied zu eigentlich allen anderen christlichen Kirchen kennt die Heilsarmee weder die Taufe noch das Abendmahl. Woher kommt das?
Naud:
Das ist auch ein lange Geschichte. Vielleicht lassen Sie mich als Erstes sagen, dass wir nicht »antisakramental« sind. Wir sind »asakramental«. In einer ökumenischen Begegnung hat mich einmal ein evangelischer Pfarrer danach gefragt, warum wir keine Sakramente haben. Und als ich antworten wollte, sagte der katholische Pfarrer, der dabeistand: »Patrick, kann ich eine Antwort geben?« Und dann sagte er, dass er glaubt, dass die Heilsarmee keine Sakramente hat, weil ihr ganzes Leben ein Sakrament sei. Und genau das ist es. Wir haben keine Sakramente, so wie sie in anderen Kirchen verstanden werden. Wobei es in den unterschiedlichen Kirchen ja auch kein einheitliches Verständnis gibt. Wir verzichten lieber auf diese Sakramente, als darüber zu streiten. Aber in der Heilsarmee streben wir danach, das ganze Leben zu heiligen. Und das könnte man als unser »Sakrament« bezeichnen.

Unterwegs zu den Randsiedlern der Gesellschaft: Feldsergeant Gert Scharf gehört zur Heilsarmeegemeinde in Dresden und ist in den Wintermonaten ­gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern mit dem Kältebus auf der Suche nach Obdachlosen. Fotos: Die Heilsarmee

Unterwegs zu den Randsiedlern der Gesellschaft: Feldsergeant Gert Scharf gehört zur Heilsarmeegemeinde in Dresden und ist in den Wintermonaten ­gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern mit dem Kältebus auf der Suche nach Obdachlosen. Fotos: Die Heilsarmee

Nun ist die Taufe auch ein Aufnahmeritus. Weltweit wird man durch sie Teil der christlichen Gemein­de. Was machen Sie stattdessen?
Naud:
Bei uns werden die Menschen im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes in die Heilsarmee-Gemeinde aufgenommen. Es gibt zwei Formen der Mitgliedschaft: Zum einen die »Heilssoldaten«, die Salutisten, die Uniform tragen dürfen und ein Gelübde unterscheiben, in dem sie sich zum Beispiel auch verpflichten, auf Tabak, Alkohol und Glücksspiel zu verzichten. Zum anderen die »Angehörigen«, welche die Heilsarmee als ihre Gemeinde und geistliche Heimat betrachten, aber keine Uniform tragen. Anstelle des Gelübdes unterschreiben sie die Mitgliedsurkunde für Angehörige.

Und das Abendmahl feiern Sie auch nicht?
Naud:
William Booth hat damals darauf geachtet, dass wir keine Symbolhandlungen machen, die die besonders bedürftigen, süchtigen und abhängigen Menschen auf der Straße möglicherweise gar nicht mehr verstehen. Bei uns gibt es statt eines Abendmahls manchmal nach dem Gottesdienst eine gemeinsame Mahlzeit. Und im Tischgebet wird dann deutlich, dass es Jesus ist, der dazu einlädt, der alle daran teilhaben lässt und mit allen das Mahl teilt. So verstehen gerade Bedürftige viel mehr von der Liebe Jesu, als durch ein zeichenhaftes Mahl im Gottesdienst. Es sitzen Reiche und Arme beim Essen beieinander und teilen ­mit­einander – so wie es unser Gründer William Booth schon im 19. Jahrhundert wollte.

Stichwort Heilsarmee

Die Heilsarmee ist eine internationale christliche Freikirche mit ausgeprägtem Engagement an den sozialen Brennpunkten der Gesellschaft. Sie wurde im 19. Jahrhundert von dem englischen Methodistenprediger William Booth als Reaktion auf das erschütternde soziale Elend in London gegründet. Sein Motto ­lautete dabei: Die Kirche muss zu den Menschen gehen.
Booth war der Meinung, dass nur mit einer straff organisierten Bewegung angemessen auf die sozialen Herausforderungen reagiert werden kann. Deshalb nahm seine anfangs belachte und auch tätlich angefeindete Missionsbewegung nach und nach militärische Züge an. 1878 erhielt sie den Namen »Die ­Heils­armee«. Die Gemeindestationen nannte man nun »Korps«, die hauptamtlichen Mitarbeiter »Offiziere« und die Mitglieder »Soldaten«, Fahne und die Uniform wurden eingeführt. Von Anfang an setzte sich in der Heilsarmee die Gleichberechtigung der Frauen in allen Ämtern und Führungspositionen durch.
Zur Heilsarmee in Deutschland gehören derzeit 45 Korps ­(Gemeinden), davon je eins in ­Litauen (Klaipéda, Starachowice) und Polen (Warschau). Sie unterhält 42 Sozial-
einrichtungen und ist Arbeitgeber für 730 Angestellte. Sie ist (Stand ­Dezember 2011) geistliche Heimat für 4055 Menschen, darunter 1063 Heilssoldaten, 154 Offiziere (ordinierte Geistliche), 421 Angehörige. Weitere 2054 Menschen werden als Gemeindezugehörige (Gottesdienstgemeinde) gezählt.
Die Freikirche ist unter anderem ­Mitglied im Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), der Ver-
einigung Evangelischer Freikirchen (VEF) und der Deutschen Bibelgesellschaft. Sie arbeitet darüber hinaus in der Deutschen Evangelische Allianz mit.
In Mitteldeutschland bestehen ­derzeit Heilsarmeegemeinden in Dresden, Meißen, Chemnitz, Leipzig und Naumburg.
(GKZ)

www.heilsarmee.de
www.heilsarmee.ch/eurovision

Sieben Wochen Weltbürger-Training

24. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Risiko-Abbau statt Suche nach ehrenwerten »Riskier-was«-Situationen

Ohne Abstriche: Das diesjährige Motto der Evangelischen Fastenaktion »Sieben Wochen Ohne« gefällt mir: »Riskier was, Mensch! Sieben Wochen ohne Vorsicht«. Die biblischen Risiko-Typen von David über Daniel bis zum action-verdächtigen Leben des Paulus haben sich in meiner Kindheit gleichrangig gemischt mit den Risiko-Typen meiner Abenteuerbücher aus dem Nachkriegs­milieu oder einigen Indianerbüchern. Eine Tante in der »Ostzone« hat sie für meine Geburtstage gesucht und in den Westen geschickt.

Prophet oder Priester? Mein Favorit war immer der Prophet, ohne Beamtenstatus und »Advocard« in der Tasche. Das Erwachsenenleben hat mir dann viele Lehrstunden in Sachen »Leben ohne Vorsicht« geboten und hin und wieder auch Gelegenheiten zum schlichten Mitmachen. Was also hindert mich, mich auf diese »Sieben Wochen Ohne 2013« zu stürzen wie Lumpi auf den Knochen?

Glaube-Alltag-08-2013Es ist das bestimmte Gefühl, dass für mich etwas anderes dran ist. Nicht die mehr oder weniger spannende, im schlimmsten Fall rechthaberische Bestätigung dessen, was allerlei Konflikte nah und fern mich gelehrt haben: Risikobereite Menschen sind Wegbereiter! Nicht nur anfangs verkannte Erfinder und Entdeckerinnen. Mehr noch die Frauen und Männer, die sich praktizierter Unmenschlichkeit und Lebensfeindlichkeit in den Weg stellen, solange noch niemand anderer da ist, erst einmal sie selbst, wenn es sein muss, allein.

Diese kostbare Tatsache steht auf der Habenseite von Menschheit und Schöpfung. Aber das allein wird nicht reichen. Die mutigen Risiko-Trägerinnen und -Träger könnten im 21. Jahrhundert, dem Risiko-Jahrhundert schlechthin, dastehen wie die sprichwörtlichen »Häuptlinge ohne Indianer«. Es braucht viele Hundert Millionen Menschen mindestens, die aus nüchterner Einsicht das Richtige tun und das Falsche ­unterlassen. Anders ist der Gordische Knoten aus politisch-ökonomisch-ökologisch-moralischen Fehlentscheidungen, in dem wir uns verheddert haben, wohl nicht mehr zu ­lösen.

Die Unvorsichtigen, unentbehrlich, wie sie sind, sind Pfadfinderinnen, Lotsen für die, die zur Vernunft kommen müssen, spät, aber noch nicht zu spät. Eben nicht mehr weiterleben »auf Deubel komm raus«; volles Risiko fürs Klima – zweimal im Jahr wird man ja wohl an ferne Strände jetten dürfen. Volles Risiko für ferne Hungerleider –, sollen unsere Schweine etwa von Kartoffelschalen satt werden? Volles Risiko für den Frieden – schließlich produzieren wir die Waffen nur, und schießen nicht damit. Volles Risiko für die Meere – schließlich leben wir im Binnenland. Volles Risiko für die letzten Tropenwälder: oder wollen Sie etwa auf preiswerte Pflanzenöle und Biosprit verzichten? Eine Risiko-Litanei ohne Ende.

Unsere gelebte Risiko-Bereitschaft gleicht der Verrücktheit jener Typen, die sich eine Pistole fürs »Russisch Roulette« an den Kopf hielten. Risikobereitschaft? Selbstverständlich, nur die völlig Falsche.
Deshalb ist das meine private Versuchsanordnung für die Fastenzeit 2013: Weltbürger-Training durch tägliche Risiko-Analyse und Check-up mit meinem Tun und Lassen. Meine Umwelt im Dorf und in der benachbarten Stadt werden mir helfen, dazu allerlei Medien und das Unvorhergesehene, das passieren wird, so sicher wie das Amen in der Kirche.

Als unprophetischer Mensch leiste ich meinen Mitmenschen und Mutter Erde sicherlich den nützlicheren Dienst durch Risiko-Abbau als durch die Suche nach ehrenwerten »Riskier-was«-Situationen.
Der zukunftsfähige Weltbürger: massenhaft wird er gebraucht. Auf ­Geborgenheit und Lebensglück soll er nicht verzichten müssen. Das wäre lebensfremd bzw. ein pures Katastrophenszenario. Aber ohne ihn bleiben die kleinen und großen Prophetinnen und Propheten tragische Gestalten.
Harald Rohr

Der Autor ist Pfarrer i. R., er lebt in Niederndodeleben.

Niemand weiß, wie viele auf dem Weg sterben

19. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Flüchtlinge: Afrikanische Migranten träumen von einem besseren Leben in Europa

Viele fliehen vor Krieg und Gewalt, andere wollen der Armut entkommen. Doch für die meisten afrikanischen Flüchtlinge geht der Traum eines besseren Lebens in Europa nie in Erfüllung.

Allein die spanische Migrationsbehörde geht davon aus, dass in den vergangenen Jahren jeweils etwa 6000 Afrikaner bei ihrem Versuch, auf maroden Booten die Kanarischen Inseln zu erreichen, ertrunken sind. An allen europäischen Küsten des Mittelmeeres ist die Situation ähnlich. Die maltesische Sozialarbeiterin Sandra Schembri arbeitet in ­einem Flüchtlingsheim auf Malta. Sie bezweifelt, dass irgendeine Behörde verlässliche Zahlen der Todesopfer hat: »Diese Leute kaufen sich ja kein Ticket an ­einem Schalter. Sie haben die Sahara durchquert und versuchen irgendwie, übers Mittelmeer zu kommen. Ich habe schon oft von Booten gehört, die gekentert sich. Einer hat mir erzählt, dass er einer von fünf Überlebenden ist, auf einem Boot, das mit 50 Leuten gestartet war.«

Kaum Hoffnung für die Überlebenden: Viele Flüchtlinge leben jahrelang zusammengepfercht in ­Heimen oder Lagern, wie hier in Hal Far auf Malta. Foto: Andreas Boueke

Kaum Hoffnung für die Überlebenden: Viele Flüchtlinge leben jahrelang zusammengepfercht in ­Heimen oder Lagern, wie hier in Hal Far auf Malta. Foto: Andreas Boueke

Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben die völkerrechtliche Pflicht, bei jedem einzelnen Afrikaner, der illegal in Europa ankommt, festzustellen, aus welchem Grund er auf der Flucht ist. Oberkirchenrat Thorsten Leisser, Referent für Migration der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), betont, dass Flüchtlinge einen Rechtsanspruch auf Schutz genießen. Er weiß aber auch, dass dieser Schutz nicht immer gewährt wird: »In der Tat gibt es Schwierigkeiten aufgrund der Fülle von Anträgen. Aber wenn man sich weltweit die Flüchtlingsstatistiken anschaut, ist die Zahl der Personen, die von Afrika nach Europa kommen, ein verschwindend kleiner Bruchteil dessen, was es global gesehen an Flüchtlingsbewegungen gibt.«

Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, der UNHCR, spricht von mindestens fünf Millionen Menschen, die innerhalb Afrikas auf der Flucht sind. Nur die ­wenigsten versuchen, Europa zu erreichen. Die EU-Grenzagentur »Frontex« geht davon aus, dass im Jahr 2011 etwa 70000 Afrikaner illegal nach Europa gekommen sind. Aber die Sozialarbeiterin Sandra Schembri kommentiert auch diese Zahlen mit Skepsis: »Man weiß, dass Millionen Menschen an den Grenzen darauf warten, nach Europa zu kommen. Aber niemand weiß, wie viele ihre Länder verlassen ­haben und auf dem Weg umgekommen sind. Manche werden erschossen, andere sterben bei einer Razzia, an Durst in der Wüste oder in Gefangenschaft in Libyen.«

Auch der ghanaische Menschenrechtsanwalt Ahmed Bugri kann keine konkreten Zahlen nennen, obwohl er seit Jahren afrikanische Flüchtlinge betreut, die Malta erreicht haben. Er will seine Landsleute davon abhalten, sich auf den gefährlichen Weg nach Europa zu machen. Womöglich zeichnet er deshalb ein besonders hoffnungsloses Bild: »Viele Leute sterben. Wir kennen ja nur diejenigen, die es schaffen. An den europäischen Küsten werden viele Leichen angeschwemmt, genauso wie in Libyen. Wie hoch ist der Anteil derjenigen, die es schaffen? Ich würde sagen zwei Prozent oder fünf Prozent.«

Warum machen sich dann trotzdem viele junge Afrikaner auf den Weg nach Europa? »Sie wollen ein besseres Leben«, sagt Ahmed Bugri. »Europa bietet jungen Afrikanern Möglichkeiten, die ihnen die afrikanischen Regierungen nicht bieten. In vielen dieser Länder ist der Staat instabil und zeigt kein Interesse am Wohlergehen seiner Bürger. Europa kennen sie aus dem Fernsehen. Sie glauben, dort ist alles besser. Viele junge Leute kennen jemanden, der es geschafft hat und der Geld nach Hause schickt. Die ­Eltern sagen dann: ›Schau mal, dein Freund ist in Europa und sieh, was er geschickt hat.‹ Hundert Euro sind eine Menge Geld in diesen Dörfern.«

Die Erfahrung zeigt: Abschreckung funktioniert nicht. Der Flüchtlingsaktivist Ahmed Bugri glaubt, eine angemessenere Antwort Europas wäre es, sich mehr und direkter um eine Verbesserung der Lebenssituation in den Herkunftsländern zu bemühen: »Die Entwicklungspolitik in Afrika muss bei den Menschen ankommen. Wenn Deutschland hunderttausend Euro an Afrika gibt, wo landet das Geld? In den Händen von Politikern. Aber die Flüchtlinge kommen aus Dörfern. Viele sind zur Schule gegangen. Sie haben einen Schulabschluss, aber keine Arbeit. Sie gehen in die Städte. Da gibt es auch keine Arbeit. Also ­gehen sie woanders hin. Sie suchen nach einem Ort, der es ihnen ermöglicht, ihre Familien zu ernähren. Deshalb riskieren sie ihr Leben, um nach Europa zu kommen.«

Andreas Boueke

Glaube macht glücklich

19. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Glücksforschung: Die Ratschläge der Psychologen haben eine erstaunliche Nähe zur christlichen Tradition

Wie Menschen das Glück ­finden können, beschäftigt Psychologen seit Langem.  Auch die Bibel hält Anleitungen zum Glücklichsein ­bereit, die mit den modernen psychologischen Forschungen übereinstimmen.

Glück ist auch ein biblisches Thema, denn das Buch der Bücher kennt den Weg zum Glück. Foto: cmfotoworks-Fotolia.com

Glück ist auch ein biblisches Thema, denn das Buch der Bücher kennt den Weg zum Glück. Foto: cmfotoworks-Fotolia.com

Gegenwärtig gibt es kaum ein Thema der Sinnproduktion und Sinnvermarktung, das breitere Kreise zieht als das Glücksthema. Allein wegen dieser fast magischen Anziehungskraft des Glücksbegriffs tut die Theologie gut daran, sich damit zu beschäftigen. Glück ist ein urbiblisches Thema: die Seligpreisungen, eine der meistzitierten Textpassagen des Neuen Testaments, thematisieren das Thema »Glück«.

Welch kraftvolles Orientierungsangebot der christliche Glaube gerade in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Landschaft bedeutet, wird besonders dann deutlich, wenn wir uns anschauen, zu welchen Ergebnissen moderne Glücksforscher kommen. Religion – so ihr Befund, etwas plakativ auf den Punkt gebracht – macht glücklich. Was viele Christinnen und Christen persönlich erfahren, haben die ­Soziologen inzwischen auch empirisch-wissenschaftlich nachgewiesen. Ihre Ergebnisse sind zuweilen sehr konkret: Gottesdienstbesuch macht glücklich! So eine Studie, die ameri­kanische Forscher vor einigen Jahren im Journal of Economic Psychology veröffentlicht haben. Der Erlanger Glücksforscher Karl-Heinz Ruckriegel formuliert auf der Basis von Forschungen in der Psychologie Ratschläge zum Glück. Einige der Ratschläge ­haben eine große Nähe zu zentralen biblischen Inhalten und christlichen Traditionen:

Erstens: »Üben Sie Dankbarkeit«. Hier wird eine Haltung empfohlen, die zur christlichen Gebetspraxis gehört und die untrennbar verbunden ist mit dem Bekenntnis zu Gott als Schöpfer der Welt und als Geber unseres eigenen Lebens. Kirchliche Feste wie das Erntedankfest stehen für diese Grundorientierung ebenso wie Kirchenlieder, wie das altehrwürdige »Nun danket alle Gott« oder der Familiengottesdienstschlager »Danke für diesen guten Morgen«.

Zweitens: »Seien Sie optimistisch und vermeiden Sie negatives Denken.« Sosehr die Gefahr besteht, dass ein solcher Rat im Sinne eines billigen Optimismus verstanden wird, sosehr ist die Zuversicht ein Grundsignum christlicher Existenz. Schon Dietrich Bonhoeffer hat in seiner Ethik gegenüber solchem billigen Optimismus die bleibende Bedeutung des Optimismus als »Willen zur Zukunft« betont.

Drittens: »Vermeiden Sie Grübeleien … und soziale Vergleiche. Neid und Glück passen nicht zusammen.« Wer diesen Rat hört, denkt an das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, die den Wert ihres Lohns allein am Vergleich mit den anderen festmachen (Matthäus 20,1-16); dem kommt in den Sinn der Streit der Jünger um den Platz am Tisch neben Jesus (Matthäus 20,20-28); der oder die denkt an die Geschichte vom verlorenen Sohn und dessen Bruder, der sich im Blick auf die Liebe des Vaters zurückgesetzt fühlt (Lukas 15,11-32).

Viertens: »Stärken Sie Ihre sozialen Beziehungen. Wir sind soziale Wesen und daher auf andere Menschen angewiesen.« Dass es sich hier wiederum um den Hinweis auf eine zentrale ­Dimension christlicher Lebensorientierung handelt, ist nicht schwer zu erkennen. Es geht um eine Orientierung, die in der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen ihren dichtesten Ausdruck findet, deren Horizont aber im Doppelgebot der Liebe und der goldenen Regel auf alle Menschen ausgeweitet wird.

Fünftens: »Lernen Sie zu vergeben, das schwächt negative Emotionen.« Ohne dabei das Ziel der »Schwächung negativer Emotionen« zu verfolgen, beten viele Hunderttausend Menschen in Deutschland und viele Hundert Millionen weltweit jeden Sonntag im Gottesdienst und weit darüber hinaus im Alltag jenen gewichtigen Satz im Vaterunser: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« Es gibt wohl keine kraftvollere Form, den Satz des Glücksforschers zu leben, als das ­regelmäßige ernsthafte Beten dieser Bitte. Wie wür­de sich unser Leben verändern, welch kraftvolle Erneuerung des gesellschaftlichen und auch des politischen Klimas würden wir erleben, wenn das ernsthafte Beten dieser Bitte der Normalfall wäre? Und so darf man mit dem Glücksforscher durchaus sagen: Wie glücklich würde uns das machen!

Sechstens: »Leben Sie im Hier und Jetzt. Genuss und Flow schaffen Wohlbefinden, genießen Sie die Freuden des Lebens. Ständig daran zu denken, was morgen anders sein könnte, fördert das Glücklichsein nicht, sondern vermiest uns das Heute.« Man kann auch hier kommentarlos die Bibel zitieren, um auf die Berührungspunkte aufmerksam zu machen: »Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. … Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? … Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.« (Matthäus 6,25f.).

Siebtens: »Kümmern Sie sich um Leib und Seele. Sport für den Körper, das bringt unmittelbar Wohlbefinden, und die Beschäftigung mit etwas Transzendentem, mit etwas, das über unser Ich hinausgeht, bringt Sinn und Tiefe in unser Leben.« Hier spricht der Glücksforscher wörtlich die Dimension der Transzendenz an.

Man kann bei diesen sieben Ratschlägen fast schon den falschen Eindruck bekommen, Glück sei machbar, so wie man bei einem Kochbuch nur die richtigen Zutaten nehmen und sie richtig verarbeiten muss, um zu einem wohlschmeckenden Essen zu kommen. Und man wird auch fragen müssen, ob bei diesen Ratschlägen eigentlich die Dimension des Scheiterns und des Leidens als Dimension des Lebens genügend vorkommt.

Sicher ist jedoch: Für die Suche nach Glück in unserer Zeit hat das Orientierungsangebot des christlichen Glaubens eine erstaunliche Bedeutung.

Heinrich Bedford-Strohm

Der Autor ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.
Zum Weiterlesen: Der Beitrag von Heinrich Bedford-Strohm sowie weitere Texte zum Glück finden sich in dem Thema-Heft »Glück. Wie das Leben gelingt«. Die 48-seitige Publikation wurde von der mitteldeutschen Kirchenzeitung »Glaube + Heimat« herausgegeben.

»Wir müssen vom Rückbau zum Umbau«

18. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Interview: Damit Mitarbeiter nicht im Hamsterrad enden – im Gespräch mit EKM-Personaldezernent Michael Lehmann

Seit dem 1. August ist Michael Lehmann Personaldezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Über seine Erfahrungen in diesem halben Jahr sprach Dietlind Steinhöfel mit dem Oberkirchenrat.

Herr Oberkirchenrat Lehmann, zu Ihrer Einführung beschrieb Sie der Stendaler Superintendent Michael Kleemann als einen, der weiß, »wo uns die Dinge auf den Nägeln brennen«. Wo brennen sie?
Lehmann:
Also zunächst: Das Wissen um die Praxis altert. Ich gebe mir jedoch große Mühe, dieses Wissen nicht altern zu lassen: Ich mache zurzeit sehr viele Besuche, bin in der ganzen Landeskirche unterwegs. Ich brauche den Kontakt zur Praxis, um zu handeln und um Perspektiven zu entwickeln. Die Spezialisten sitzen ja vor Ort! Niemand ist kompetenter, über die Probleme der Pfarrer nachzudenken als die Pfarrerinnen und Pfarrer selbst. Weiter ist mir die Pfarrvertretung ein wichtiger Gesprächspartner geworden. Wir haben festgestellt, dass wir miteinander die gleichen Problemhorizonte haben – im Blick auf das Gemeindebild, auf das Pfarrerbild, auch auf die Überforderungen. Und nicht zuletzt bin ich aufs Dorf ­gezogen, um eine Anbindung an die »normale« Gemeindesituation zu behalten.

Plädiert für einen Wandel im ­Pfarrerbild: Oberkirchenrat Michael Lehmann. Foto: EKM

Plädiert für einen Wandel im ­Pfarrerbild: Oberkirchenrat Michael Lehmann. Foto: EKM

Wo genau nun liegen die Probleme?
Lehmann:
Die Landesbischöfin hat in ihrem Bischofsbericht zur Frühjahrssynode 2012 darauf aufmerksam gemacht, dass die Grenzen des Rückbaus erreicht sind und wir über einen Umbau nachdenken müssen. Das deckt sich mit meiner Erfahrung, dass wir nach erheblichen Umstruktu­rierungen an vielen Orten Pfarrbe­reiche von einer Größe haben, die auf herkömmliche Weise nicht mehr zu bewältigen sind. Deshalb ist die Frage, wie das Pfarrerbild aussehen muss. Also: Welche Erwartungen ­können die Pfarrerinnen und Pfarrer an sich selbst haben, welche die Kirchenkreise, und welche Erwartungen dürfen die Gemeinden an ihre Seelsorger haben? Wie bringt man diese Erwartungen so miteinander ins Gespräch, damit fröhlich und gedeihlich Gemeindeleben stattfinden kann?
Wir haben sogenannte Vielkirchenpfarrstellen in der Altmark – dort stammt das Wort von den Vielkirchenpfarrstellen her, da kommen schon mal 28 Orte zusammen. Auch in der Region nördliches Zeitz gibt es sie, ebenso in Ostthüringen.

Die »Vielkirchenpfarrstellen« betreffen ja nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer.
Lehmann:
Das Wort vom Rückbau zum Umbau gilt natürlich für alle Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst, das heißt auch für die gemeindepädagogischen und kirchenmusikalischen Berufe. Wir müssen wahrnehmen, dass es hier verschiedene Professionen im Verkündigungsdienst gibt, die sich gegenseitig ergänzen und bereichern. Daraus folgt im positiven Sinne auch wieder eine Profilbildung des Pfarrberufs. Und wir werden die großen Pfarrbereiche und die vielen kleinen Gemeinden – wir sind ja eine ländlich geprägte Landeskirche – nicht anders als in Kooperation der verschiedenen Dienste bewältigen können. Wenn zwei Pfarrer intensiv miteinander zusammenarbeiten, können sie sich gegenseitig stützen. Auch gabenorientiertes Arbeiten entlastet. Warum soll man nicht bestimmte Aufgaben regional denken? Wir tun das in der Konfirmandenarbeit, in der Kinder- und Jugendarbeit ohnehin, auch in der kirchenmusikalischen Arbeit. Der regionale Gedanke ist sehr ausbaufähig.

Aber auch nicht immer spannungsfrei …
Lehmann:
Ich merke, dass es in diesem kollektiven Aushandeln der Erwartungen zwischen Kirchenkreis, Kirchengemeinde und Pfarrern selbst zu einer gewissen Nervosität kommt, weil alle Seiten wissen, dass die Erwartungen, die sie haben, überschießend sind gegenüber dem, was angeboten werden kann. Das kann nur über eine gute, zielführende Kommunikation gelöst werden. Und dafür brauchen wir Strukturen. An einer sind wir jetzt dran und erarbeiten gerade eine Musterdienstordnung.

Was beinhaltet eine Musterdienstordnung?
Lehmann:
Sie beschreibt die Inhalte des Pfarrdienstes und quantifiziert sie auch. Also wie viel Zeit ist nötig, um einen Gottesdienst vorzubereiten, wie viel Zeit pro Woche für Besuche, Verwaltung. Wir nehmen auch die Fahrzeiten auf, die in großen Pfarrbereichen anfallen. Es muss klar definiert werden, wo die Grenzen des Dienstes liegen. Kirchenkreis, Kirchengemeinde und Pfarrer sollen ein realistisches Bild bekommen, was möglich ist. Das schützt vor Fremd- und Selbstüberforderung.

Lässt nicht die Verwaltungsarbeit in großen Regionen die pfarrdienst­lichen Aufgaben wie die Seelsorge zu kurz kommen?
Lehmann:
Es ist Teil eines notwendigen Wandels des Pfarrerbildes, dass Gemeindeleitung nicht die Aufgabe eines Pfarrers ist, sondern des Gemeindekirchenrates. Hier sind viele Begabungen, die gewonnen und auch entdeckt werden müssen. Zudem werden Aufgaben wegfallen oder kleiner werden: Wir haben nach 1990 viele Kirchen restauriert, Pfarrhäuser ausgebaut, da vie­le Fördermittel zur Verfügung standen. Das hat viel Kraft und Zeit gekostet. Es war gut, dass in dieser Zeit auch Pfarrer in die Bauverantwortung hineingegangen sind. Aber es scheint, als dürfe und müsse nun wieder umgesteuert werden. Die wichtigste Frage wird nicht mehr sein, wie erhalten wir unsere kirchlichen Gebäude, sondern wie ­füllen wir diese Gebäude mit Leben. Das führt direkt in den Kernbereich pastoraler Kompetenzen zurück.

Gibt es eine Pfarrerflucht nach der EKM-Bildung?
Lehmann:
Nein. Aber wir wissen, dass andere Landeskirchen langsam ihre Pforten öffnen für Theologen auch aus unserer Kirche. Wir stellen uns deshalb die Frage: Was macht die Pfarrstellen in der EKM attraktiv? Zum Beispiel, dass wir die schönsten Kirchen weit und breit haben. Wir ­haben einen Schatz – von Domen bis zu romanischen Dorfkirchen! Wir ­haben in Thüringen dieses unglaublich dichte Netz von barocken Kirchen, die nach dem Dreißigjährigen Krieg entstanden sind. Die allesamt schön sind. Und wir haben viele aktive Gemeindekirchenräte, die das Leben der Gemeinden selbst in die Hand nehmen, die imstande sind, ihre Erwartungen klar zu formulieren, und die für ihre Gemeinden kämpfen. Drittens haben wir eine konsequent dezentrale Struktur. Bei uns sind die Kirchenkreise in erheblicher Personalverantwortung. Dadurch sind die Entscheidungen sehr ortsnah und ortsbezogen.

Es ist also alles in Ordnung?
Lehmann:
Natürlich gibt es Verbes­serungsbedarf. Ich habe vorhin von der notwendigen Kommunikation gesprochen. Das regelmäßige Gespräch zwischen den Leitungsverantwort­lichen und den Gemeindepfarrerinnen und -pfarrern ist unglaublich wichtig.

Es gibt landeskirchliche und übergemeindliche Stellen, die an der Basis kritisch gesehen werden.
Lehmann:
Durch das neue Finanzgesetz haben wir einen verlässlichen Rahmen, dass die Kirchenkreise die Stellen im Verkündigungsdienst nach ihren eigenen Kriterien besetzen können. Es ist klar, dass die finanziellen Potenziale unserer Landeskirche zuerst in den Verkündigungsdienst vor Ort gehen. Darüber hinaus halten wir ein sehr kleines Kontingent an von der Landeskirche verantworteten Stellen vor, die aus verschiedenen Gründen wichtig sind. Ein Beispiel ist, dass wir in Konfliktsituationen kurzfristig Handlungsmöglichkeiten brauchen. Zudem können Pfarrer durch solch eine Stelle für eine begrenzte Zeit gezielt gefördert werden, zum Beispiel um jemandem eine wissenschaftliche Arbeit zu ermöglichen. Aber wir lernen auch, dass gemeindenahe Pfarrstellen unbedingt Vorrang haben, und wir müssen sehr genau schauen, dass die übergemeindlichen Stellen gering gehalten werden.

»Je länger wir gärtnern, umso mehr lernen wir«

17. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Christine Lässig

Christine Lässig

Ob einjährig, zweijährig oder mehrjährig, ob sonnenhungrig oder schattenverträglich, bodendeckertief oder mannshoch – eine gewisse Kenntnis von Pflanzen sollte man schon haben als Gärtner. Jedenfalls wenn man eine Rabatte haben möchte, die immer blüht, wo Farben und Wuchshöhe gut aufeinander abgestimmt sind und jede Pflanze optimale Bedingungen zum Wachsen hat. Welche Pflanzenkombinationen haben sich bewährt, soll es ein bunter Bauerngarten werden oder ein edles Rundbeet vor der Villa, handelt es sich um einen Topfgarten oder ein weitläufiges Gelände. Was ist für Anfänger geeignet und was sollte besser ausgewiesenen Pflanzenkennern vorbehalten bleiben. Es sind eine Menge Kriterien zu beachten, damit das Ergebnis stimmt. Und oft genug hält sich der Erfolg durchaus in Grenzen, obwohl man doch alles berücksichtigt hat, was man so weiß. »Je länger wir gärtnern, umso mehr lernen wir; und je mehr wir lernen, umso häufiger geht uns auf, wie wenig wir wissen«, gibt die Gartenexpertin Vita Sackville-West zu.

Das gilt allerdings für alle Disziplinen, für die übrige Naturwissenschaft genauso wie für die Philosophie oder Architektur. Nur die Selbstzufriedenen wissen genug. »Manche Leute«, so beschreibt Harry Sinclair Lewis das Gegenteil, »können sich an keinem Garten erfreuen, wenn sie nicht die Namen aller Blumen kennen.« So weit kommt es bei uns Hobbygärtnern eher selten mit unseren bescheidenen Kenntnissen. Wir freuen uns auch über Pflanzen, die wir nicht einordnen können. Sogar der eifrige M. Daniel Pfisterer, Pfarrer zu Köngen, musste gelegentlich passen: »Wie dieses Blümle heiß und was es hab auf sich, muß Einer sagen der es beßer kennt als Ich.« Dabei hatte er in seinem »Buch von Menschen, Tieren, Blumen, Gewächsen und allerlei Einfällen«, das er 1716 zu schreiben und vor allem zu malen begann, eine Unzahl von Pflanzen namentlich aufgeführt. In diesem speziellen Falle hätte ich ihm sogar weiterhelfen können. Es war das Gemeine Seifenkraut, Saponaria officinalis. Zufälligerweise wächst es in meinem Garten.

Christine Lässig

Die »Mutter der Nation« tritt ab

13. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Niederlande: Schwerer Start, aber am Ende viel Lob – ein Rückblick auf 33 Jahre Königin Beatrix

Blumen, Briefe, und Begeisterung: Die niederländische Königin Beatrix wurde nach der Ankündigung ihrer ­Abdankung geradezu mit ­Lobeshymnen überschüttet.

Mehr als drei Jahrzehnte ist sie Staatsoberhaupt. Für sie ist es mehr als ein Amt. »Ich habe es immer als ein Vorrecht ­an­gesehen, meinem Land dienen zu dürfen«, hatte die Monarchin in ihrer Fernseh-Ansprache gesagt. Am 30.April wird die 75-jährige Beatrix abdanken und den Thron ihrem Sohn, Kronprinz Willem-Alexander ­über­geben. Genau an diesem Tag ist sie 33 Jahre Königin der Niederlande.

Der Beginn war für die junge Königin nicht leicht. Zahlreiche Affären, vor allem verursacht durch ihren Vater, den aus Deutschland stammenden Prinz Bernhardt, hatten die Monarchie ins Wanken gebracht. Beatrix selbst hatte die Wut der Bürger spüren müssen, als sie sich 1965 ausgerechnet mit dem Deutschen Claus von Amsberg verlobte.

Hinter der strahlenden Maske den Menschen und die Mutter entdeckt: Zum Ende ihrer Amtszeit sind die Niederländer des Lobes voll über ihre Königin. Foto: picture alliance

Hinter der strahlenden Maske den Menschen und die Mutter entdeckt: Zum Ende ihrer Amtszeit sind die Niederländer des Lobes voll über ihre Königin. Foto: picture alliance

Die Niederländer hatten das Leid unter der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkrieges noch längst nicht vergessen. Prinz Claus warb gleich beim ersten Fernsehauftritt des frisch verlobten Paares um Sympathien. »Ich weiß, dass das für viele von Ihnen sehr schwierig ist,« sagte er damals noch in gebrochenem Niederländisch. Mit seinem feinen Humor gewann er sehr schnell die Herzen seiner neuen Landsleute. Auch sein Einsatz für die Dritte Welt und die Menschenrechte machten ihn für viele zu einem Repräsentanten ­eines anderen Deutschlands.

Wenn Beatrix nun am 30. April abdankt, dann denken viele zurück an den Tag ihrer Krönung 1980. Es waren Bilder wie aus einer anderen Zeit. Wieder, wie schon bei ihrer Hochzeit 1966, flogen Rauchbomben. Hausbesetzer lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Statt Jubelrufe hörte man die Sprechchöre: »Keine Wohnung, keine Krönung.«

Heute ist die Monarchie fast unangefochten. Auch das ist der Königin zu verdanken, die oft wegen ihres Perfektionismus kritisiert wurde. Unter ihrer straffen Regie gab es im Hause Oranje kaum Skandale und Affären. Jahrelang wurde Beatrix vor allem wegen ihres ungeheuren Pflichtbewusstseins und unermüdlichen Eifers geschätzt. Aber, so sagte Ministerpräsident Mark Rutte, »sie war auch immer im Herzen des Volkes«.

Beatrix war mehr als nur die Repräsentantin ihres Landes und die Chefin des Hauses Oranje. In den vergangenen zehn Jahren sorgte sie für den ­Zusammenhalt des Landes, das eine beispiellose Krise durchlebte und vom Populismus zerrissen zu werden drohte.

Nach dem Mord an dem ­Rechts­populisten Pim Fortuyn durch einen radikalen Tierschützer 2002 offenbarte sich eine große Kluft zwischen Niederländern und muslimischen Migranten. Beatrix besuchte bewusst ein muslimisches Jugendzentrum in Amsterdam. Ihre Weihnachtsansprachen wurden zu ganz persönlichen Botschaften. Nach dem Mord an dem Filmregisseur Theo van Gogh 2004 durch einen Islamisten mahnte Beatrix zu Toleranz. Als der Rechtspopulist Geert Wilders erfolgreich Stimmung gegen Muslime machte, bekannte sie sich offen zur multikulturellen Gesellschaft.

Auch wenn sie sich als Staatsoberhaupt nicht offen in die Politik einmischen darf, sondern über den Parteien stehen muss, schien sie in diesem Jahrzehnt oft die einzige stabile moralische Instanz des Landes zu sein.

Die Politik hatte jede Glaubwürdigkeit verloren. Wütende Bürger sorgten für Instabilität. Allein in den letzten zehn Jahren gab es fünf Wahlen. Der Gewerkschaftsbund brach auseinander, und die Kirchen schwiegen.

Durch die heftige Islam-Debatte verstärkte sich auch die Tendenz, in jeder Art von Religion fast schon etwas Anrüchiges zu sehen. Die Trennung von Staat und Kirche wurde in den Niederlanden fast zum Primat, dass jegliche Glaubensäußerung hinter der Haustür zu verschwinden habe. Auch das musste die protestantische Königin akzeptieren. Allerdings blieb sie eigensinnig dabei, ihre Ansprachen immer mit einem Wunsch nach Gottes Segen zu beenden.

»Die Königin ist ein Kontrollfreak«, wird oft gelästert. »Die Vorstandsvorsitzende der Niederlande GmbH« wird sie spöttisch genannt. Aber ihre persönlichen Schicksalsschläge machten sie auch zur »Mutter der Nation«, wie jetzt die ­Tageszeitung De Volkskrant schrieb. Der Tod von Prinz Claus, 2002, hat sie schwer erschüttert. Vor einem Jahr geriet dann ihr zweiter Sohn, Prinz Friso, im österreichischen Lech unter eine Lawine. Er liegt seither im Koma in einer Klinik in London. Die Niederländer erlebten das Entsetzen der Familie und hinter der oft strahlend lächelnden Maske ihres perfekten Staatsoberhauptes sahen sie eine Mutter.

Annette Birschel

Heiß umworben und umkämpft

12. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Seit mehr als 3000 Jahren in Auseinandersetzungen verwickelt – Was die Bibel über Gaza sagt

Hätte es zu biblischen Zeiten schon Zeitungen gegeben: Auch damals hätte der Gazastreifen oft die Schlagzeilen bestimmt. Denn die Region im südlichen Palästina ist durch die Zeiten heiß umworben und umkämpft. Nicht erst heute – seit über 3000 Jahren ist Gaza in die Auseinandersetzungen zwischen Ägypten, Israel und anderen Staaten des Nahen Ostens verwickelt. Vom 16. Jahrhundert v. Chr. an gehörte es zu Ägypten, im 12. Jahrhundert übernahm das Seefahrer-Volk der Philister die Stadt. Auch die Assyrer und die Makkabäer eroberten Gaza, sogar Alexander der Große besetzte Gaza.

Bordellbesuch eines Richters

Da staunten die Bauern in Bet-Schemesch nicht schlecht: Auf einem Gespann, gezogen von zwei laut brüllenden Kühen, rollte das Heiligtum Israels durch ihr Dorf! Danach werden die Kühe als Brandopfer dargebracht und die Lade, die die Steintafeln mit den Zehn Geboten bewahrt, auf einen Stein gestellt. Nicht nur die Israeliten, auch der Philister-Fürst aus Gaza ist arg beeindruckt. Das zeigen er und seine Mit-Regenten in Form von seltsamen Gold-Gaben. »Dies sind die goldenen Beulen, die die Philister dem Herrn als Sühnegabe erstatteten: für Aschdod eine, für Gaza eine.« (1. Samuel 6,13-18)

Hereingelegt von einer Frau aus Gaza: Simson wird von den Männern aus Gaza überwältigt und gefangen genommen – eine Darstellung von Rembrandt van Rjin. Foto: Repro: Archiv

Hereingelegt von einer Frau aus Gaza: Simson wird von den Männern aus Gaza überwältigt und gefangen genommen – eine Darstellung von Rembrandt van Rjin. Foto: Repro: Archiv

»Wenn du als Herrscher eines Volkes unbedingt zu einer Hure gehen musst, dann aber bitte nicht im Feindesland!« Gegen diese ungeschriebene Regel verstieß der heldenhafte Richter Simson. Ausgerechnet in der feindlichen Philisterstadt Gaza will er sich Liebe kaufen. Seine Feinde erfahren davon, legen sich auf die Lauer und warten, dass er das Etablissement verlässt. Doch Simson ist stärker als sie: Als er die Bedrohung sieht, hebt er kurzerhand das ganze Stadttor aus den Riegeln und trägt es davon. (Richter 16,1-3)

Durch die Tücke seiner Geliebten Delila war Simson in Gefangenschaft geraten und ins Gefängnis von Gaza gebracht worden. Als die Fürsten der Philister ein großes Fest geben, wollen sie den vermeintlich geschwächten, blinden Simson zur Belustigung vorführen. Doch Simson ist wieder zu Kräften gekommen. Mit einem Gebet auf den Lippen wird er zum ersten Selbstmordattentäter des Nahen Ostens. »Ich will sterben mit den Philistern«, ruft er und zerstört die Säulen des Festsaales. Mit ihm sterben die 3000 Gäste in den Trümmern. (Richter 16,21-31)

Eine Zeit lang war Gaza als Vasallenstadt abhängig von Israel, wurde dann jedoch wieder selbstständig. Von Gaza aus zogen Philister-Trupps auf Raubzug ins Gebiet Judas. Das ­veranlasste den Profeten Amos um 750 v. Chr. dazu, Gaza (wie auch vielen ­anderen Städten und Ländern) den Untergang zu profezeien. Ganz so schlimm kommt es nicht, aber immerhin: Bald darauf besetzen die Assyrer Gaza, kurze Zeit danach die Ägypter. Die Autonomie Gazas ist dahin. (Amos 1,6-7)

Der Tag des Zorns über Gaza

Mangels Atlanten gibt die Bibel die Herrschaftsgebiete der Herrscher mit geografischen Namen an. Das Reich des legendenumwobenen Königs Salomo reichte von Tifsach im Norden bis zum Euphrat im Osten und bis nach Gaza im Süden. Unter Salomos Herrschaft, berichtet die Bibel, herrschte Friede. (1. Könige 5,1-5)

Zefanja ist einer der radikalsten und pessimistischsten Profeten. Als ob er den ewigen Bund, den Gott und Noah nach der Sintflut geschlossen hatten, vergisst, prophezeit er einen »Tag des Zornes« Gottes, an dem »alles weggerafft« wird. Nicht nur im »gottlosen« Jerusalem und Juda, sondern auch in den umliegenden Staaten und Gebieten. Und eben auch in Gaza, … »denn Gaza wird verlassen und Aschkelon verwüstet werden.« (Zefanja 2)

Durch die Zeiten weckt Gaza Begehrlichkeiten bei seinen Nachbarstaaten. Der Grund: Hier treffen die Karawanensrouten aus dem Nahen Osten gen Ägypten. Einen Beleg gibt es aus biblischen Zeiten: Ein jüdisch gläubiger Kämmerer reiste von einem Besuch in Jerusalem zurück in seine Heimat Äthiopien. Auf der Straße von Jerusalem nach Gaza, dort, wo heute Grenzanlagen ein Durchkommen unmöglich machen, gesellt sich der ­Missionar Philippus zu ihm und »predigte ihm das Evangelium von Jesus«. Der Kämmerer glaubt’s und lässt sich an einer Wasserstelle taufen. Kaum ist’s geschehen, da entschwindet Philippus auf wundersame Weise, und der Kämmerer zieht weiter Richtung Gaza. Philippus hingegen missioniert weiter in der Stadt Aschdod – heute ein Ziel der Hamas-Raketen. (Apostelgeschichte 8, 26-40)

Uwe Birnstein

Warum es Israel so schwerfällt, Frieden zu schließen

11. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Naher Osten: Seit Jahrzehnten laufen die unterschiedlichsten Friedensbemühungen im Heiligen Land – doch bisher ohne jeden Erfolg

Der Frieden im Nahen Osten scheint unmöglicher denn je. Und schnell wird der Hauptschuldige am Scheitern aller Bemühungen ausgemacht: Israel.

Israel ist der Aggressor. Die Juden haben den Arabern im Nahen Osten den Lebensraum streitig gemacht – zugegebenermaßen wurden sie von Europa durch den Holocaust dazu gezwungen. Aber heute verhindern sie durch die ­Besatzung, die Apartheidsmauer und vor allem durch ihren Siedlungsbau eine Zweistaatenlösung.

Nicht nur aus Europa und Amerika, sondern auch von Israelis werden derartige Vorwürfe gegen die Regierung Israels erhoben. So schreibt David Grossman in einem Spendenaufruf für die Menschenrechtsorganisation B’Tselem: »Die israe­lische Besatzung des Westjordanlandes erscheint ohne Ende, während der Gazastreifen zunehmend isoliert ist und verarmt.« Der preisgekrönte israelische Schriftsteller beklagt, dass »mehr als vier Millionen Palästinenser ohne die grundlegenden Rechte leben, die wir in Israel für selbstverständlich halten«, und macht dafür »militante Siedlungen« und die »Trennungsbarriere« verantwortlich. Seinen Einsatz für »Gleichheit«, ein »Ende der Gewalt«, »die Würde aller Menschen« und dafür, »unseren Nachbarn Freiheit und Respekt zu geben«, begründet er mit seiner tiefen Sorge »um Israels Demokratie und Zukunft«.

Ganz andere Töne schlägt ein anderer prominenter Vertreter der israelischen Linken an. Professor Amnon Rubinstein war fast drei Jahrzehnte Knessetmitglied, zuletzt der linksliberalen Meretz-Partei. Er erklärte in einem Radiointerview Ende 2012 den Niedergang seiner Bewegung. Die israelische Linke habe darauf gebaut, dass territoriale Zugeständnisse Frieden bringen. »Aber«, so Rubinstein, »die palästinensische Führung und die arabische Welt haben alles getan, um das als falsch zu erweisen!«

Im Dauerclinch: Ein protestierender Palästinenser und ein israelischer Soldat sind in der Nähe von Ramallah aneinandergeraten. Foto: REUTERS

Im Dauerclinch: Ein protestierender Palästinenser und ein israelischer Soldat sind in der Nähe von Ramallah aneinandergeraten. Foto: REUTERS

Tatsächlich spielen die kategorischen Nein der Araber zu jeglichem Kompromiss eine entscheidende Rolle beim ­chronischen Scheitern aller Friedens­bemühungen in Nahost und weisen eine für arabische Verhältnisse ungewöhnliche Stringenz auf. Hätten die arabischen Staaten 1947 ein Ja zum Teilungsplan der UNO gefunden, wären israelische Städte wie Naharija oder Beerschewa heute ­arabisch. Hätte die Arabische Liga 1967 in Khartoum das israelische Gesprächsangebot nicht ausgeschlagen, könnten heute die Jerusalemer Altstadt weitgehend und alle sogenannten »Palästinensergebiete« arabisch sein. Hätte Jassir Arafat im Sommer 2000 in Camp David das Angebot Ehud Baraks nicht abgeschlagen, wäre heute ein Großteil der Westbank palästinensisch, einschließlich des Tempelbergs in Jerusalem. Zu Beginn seiner letzten Amtszeit unternahm Premierminister Netanjahu einen bis dato präzedenzlosen Schritt und verhängte ­einen Siedlungsbaustopp. Die Reaktion der Palästinenser war der Abbruch aller Gespräche.

Dabei hatte Emir Faisal, Urgroßonkel des heutigen jordanischen Königs Abdallah II., offensichtlich noch kein Problem mit einer jüdischen Besiedlung von West- und Ostufer des Jordans gehabt. In einem Briefwechsel mit dem Zionistenführer Chaim Weizman betonte der arabische Fürst 1919 die »uralten Verbindungen zwischen Arabern und Juden« und wollte eine »jüdische Einwanderung nach Palästina im großen Rahmen« fördern. Damals umfasste »Palästina« neben dem Staatsgebiet Israels und den Palästinenser­gebieten auch noch das gesamte Gebiet des heutigen Königreichs Jordanien. Als zwischen 1949 und 1967 Westbank und Gazastreifen in arabischer Hand waren, kam niemand auf die Idee, die Errichtung eines unabhängigen Palästinenserstaates zu fordern.

Aber seither ist viel Wasser den Jordan hinuntergeflossen. Was Israelis heute bewegt und vor einem Friedensschluss mit ihren arabischen Nachbarn zurückschrecken lässt, sind weniger Gebietsansprüche als vielmehr die Frage der Sicherheit. »Wenn die Araber mir glaubhaft versprechen, mich leben zu lassen, werde ich ­sofort Frieden schließen«, erklärt Valery – nach wie vor mit starkem französischen Akzent, obwohl sie schon vor mehr als dreißig Jahren nach Israel eingewandert ist. »Wir wollen unsere Kinder nicht auf dem Altar des Selbstmordwahnsinns ­opfern«, erklärt ein anderer Israeli. Und Regierungschef Benjamin Netanjahu wird nicht müde zu wiederholen, was viele in seinem Volk für extrem wichtig halten: »Höchste Priorität hat unser Überleben als Nation!«

Die stoische Gelassenheit, mit der die Weltgemeinschaft seit Jahren die martialischen Töne des Mullahregimes aus ­Teheran erträgt, »der Schandfleck Israel müsse von der Landkarte ­verschwinden«, ist genauso wenig dazu angetan, Israelis kompromissbereiter zu stimmen, wie die jüngsten Absichtserklärungen syrischer Salafisten: »Wenn wir Damaskus erobert haben, wenden wir uns nach Tel Aviv!« Weder die Aussagen des ägyptischen Präsidenten Mursi noch die des palästinensischen Präsidenten Abbas oder der Tenor dessen, was an palästinensischen Schulen gelehrt wird, sind von einer anderen Tonart geprägt.

Israel kann seine Augen nicht davor verschließen, dass der Islam ein grundsätzliches Problem mit jüdischer Souveränität über auch nur den kleinsten Fleck »islamischen Bodens« hat. Der demo­kratisch legitimierte Siegeszug der Islamisten im Rahmen des »Arabischen Frühlings« hat konkrete Auswirkungen auf israelische Befindlichkeiten. Eine freiheitlich-demokratische Rechtsordnung nach westlichen Maßstäben ist nirgendwo in der arabischen Welt auch nur in Ansätzen erkennbar.

Traurige Tatsache bleibt, dass alle Gebiete, die Israel an seine Nachbarn abgetreten hat, zu Ausgangsbasen für Terror wurden: Der Sinai, der Südlibanon und der Gazastreifen. Und: Wie sähe es heute an Israels Nordgrenze aus, wenn man in den 1990er Jahren die Golanhöhen für einen Frieden mit Syrien an das Regime der Assads abgegeben hätte?!

Johannes Gerloff (Jerusalem)

Buchtipp: Blick ins Heilige Land

Blick-Cover-06-2013Das Heilige Land – dazu gehört der Staat Israel, dazu gehören die Palästinensischen Autonomiegebiete – je nach Blickwinkel wird die Lage unterschiedlich eingeschätzt. Doch die Realität ist immer ­anders. Der Theologe und Journalist Johannes Gerloff lebt im ­Nahen Osten und kennt das Land, die politische Entwicklung, die Konflikte und das Miteinander aus eigener Anschauung. In seinem Buch »Die Palästinenser« beschreibt er einmal die politische Lage, beleuchtet sie aus möglichst vielen Blickwinkeln, spricht mit sehr unterschiedlichen Menschen – Scheichs, jüdischen oder palästinensischen Flüchtlingen …, schaut auf die Wurzeln der Menschen, die wir heute als »Palästinenser« bezeichnen, und genauso auf die Kirchen und die Lage der palästinensischen Christen. Wie bei ­allem, so gibt auch bei letzteren die Realität ein sehr differenziertes Bild. Biblisch-theologische Beiträge ergänzen die Draufsicht. ­Gerloffs Buch ist allen zu empfehlen, die die komplizierte Situation im Heiligen Land besser verstehen wollen. »Wer sich für Israel ­interessiert, muss sich um die Palästinenser kümmern«, schreibt er im Vorwort. Nach der Lektüre begreift der Leser, warum.
(ds)

Gerloff, Johannes: Die Palästinenser. Volk im Brennpunkt der Geschichte, Verlag SCM Hänssler, ISBN 978-3-7751-5337-9, 19,95 Euro

Damit sich das Herz zum Herzen findet

10. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Interview mit Weihbischof Reinhard Hauke, dem Schirmherrn über eine Partnervermittlung


Reinhard Hauke, Weihbischof im Bistum Erfurt, hat die Schirmherrschaft über die Partnervermittlung »Ich und Du« übernommen. Die 1999 in Hamburg gegründete Partnervermittlung eröffnete am 1. Februar ein zweites Büro in Erfurt. ­Warum es dem Bischof am Herzen liegt, dass Mann und Frau zueinanderfinden, darüber sprach Sabine Kuschel mit ihm.

Herr Bischof Hauke, die Tatsache, dass Sie als katholischer Bischof, der dem Zölibat verpflichtet ist, die Schirmherrschaft über eine Partnervermittlung übernommen haben, bringt Ihnen eine gute Presse ein!
Hauke:
Ja, überwiegend! Nicht nur, aber überwiegend.

Sie wollen dazu beitragen, dass Mann und Frau zueinanderfinden?
Hauke:
Ehe und Partnerschaft sind für uns als katholische Christen und als Kirche, die Verantwortung trägt, wichtig. Auch für einen Bischof, der zöli­batär lebt, ist das grundsätzlich eine wichtige Verantwortung. Denn eine Familie ist die kleinste Zelle der Kirche und der Gesellschaft. Deswegen sind wir sehr daran interessiert, dass das gelingt, was in der Partnerschaft gelingen soll. Das zeigt sich auch daran, dass ich schon seit dem Jahre 2000 den Valentinsgottesdienst am 14. Februar vorbereite.

Weihbischof Reinhard Hauke. Foto: Bistum Erfurt

Weihbischof Reinhard Hauke. Foto: Bistum Erfurt

In der katholischen Kirche gibt es das Sakrament der Ehe. Also sind Sie besonders interessiert, dass katholische Männer und Frauen miteinander in Beziehung kommen?
Hauke:
Wir sind daran interessiert, dass die Christen einander finden. Hier in unserer Diasporasituation, wo wir acht Prozent Katholiken und etwa 25 Prozent evangelische Christen haben, ist es nicht ganz leicht, einen christlichen Partner zu finden. Ich gehe davon aus, wer eine lebenslange Gemeinschaft schließen möchte, hat Interesse daran, dass die Weltanschauung der Eheleute in gewisser Weise übereinstimmt. Deswegen suchen Christen meistens einen christlichen Partner. Wer in einem kleinen Ort wohnt, findet nicht so schnell jemanden. Wir wissen auch, dass das selbst im Eichsfeld, wo es viele Katholiken gibt, nicht so leicht ist.

Nun ist »Ich und Du« keine katholische Partnervermittlung, sondern offen für evangelische Christen und auch für nicht konfessionelle Menschen.
Hauke:
Ja, das ist erst mal sinnvoll, denn ich bin natürlich daran interessiert, dass sich die Menschen grundsätzlich in der Partnerschaft finden.

In der Partnervermittlung wird nach den Ausschlusskriterien gefragt. Dabei kann ja gesagt werden: Also ich möchte auf jeden Fall einen Christen als Partner, ich möchte keinen Nichtchristen.

Vor einiger Zeit wurde eine Partnervermittlung geschlossen. Was ist ­Anlass, jetzt eine neue zu gründen?
Hauke:
Vor zehn Jahren ist das »Institut Nazareth« geschlossen worden. Die Bistümer Fulda und Hildesheim haben die Einrichtung 1923 in Erfurt gegründet. Fulda und Hildesheim sind Diözesen, wo es die Diasporagebiete gab und die Notwendigkeit zu helfen bestand. Die Einrichtung in Erfurt hat über 80 Jahre funktioniert. Die Frau, die sich bis heute ehrenamtlich engagiert hat, hört jetzt altersbedingt auf. Wenn man die Einrichtung hätte weiterführen wollen, hätten wir eine neue Konzeption gebraucht. Also wir wollten das aufgeben und Ulrike Grave bot sich an. Sie hat einen Standort in Hamburg und nun einen zweiten in Erfurt.

Sie wird zwischen Hamburg und Erfurt pendeln?
Hauke:
Ja. Sie sagt, sie vereinbart immer Gesprächstermine und kommt dann nach Erfurt.

Wie sind die Bedingungen für Interessenten, um aufgenommen zu werden?
Hauke:
Die Aufnahme für ein Jahr kostet 680 Euro. Die Anzahlung 280 Euro. Eine Verlängerung des Vertrages kostet 480 Euro. Das klingt nach sehr viel. Aber im Vergleich zu anderen Partnervermittlungen ist das das untere Level. Das muss man auch wissen.

Und wenn kein Partner, keine Partnerin vermittelt werden kann?
Hauke:
Frau Grave sagt, in dem Falle könne sie auch etwas zurückzahlen.

Und wie hoch ist die Erfolgsquote?
Hauke:
Nach Frau Graves Aussagen fast 100 Prozent.

Fast 100 Prozent?
Hauke:
Ja, Frau Grave sagt, dass fast alle Interessenten vermittelt werden könnten. Das zeugt von ihrer Empathie. Sie kann offenbar gut einschätzen, wer zu wem passt.

Für mich war interessant, dass nur nach der Ankündigung, dass hier eine Partnervermittlung eröffnet wird, schon sechs Anmeldungen da sind. Interessant ist auch, Frau Grave arbeitet nicht mit Fotos. Wer sich bewirbt, muss kein Foto abgeben, sie zeigt also Interessenten kein Foto. Anfangs habe sie das gemacht, dann aber aufgegeben. Sie sagt: Manchmal sind Äußerlichkeiten sehr wichtig. Aber eigentlich sucht man einen Menschen, der innere Werte hat.

Als Schirmherr der Partnervermittlung bürgen Sie für deren Seriosität?
Hauke:
Die Schirmherrschaft dient dazu, Interessenten zu sagen, das ist alles ordentlich geprüft, keine Abzocke. Schirmherrschaft heißt, dass man mit seinem guten Namen dafür bürgt, dass die Einrichtung seriös ist.

Zwischen Frakturschrift und Handymasten

5. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Polen: Im heutigen Wrocław existiert eine deutschsprachige Gemeinde mit Wachstumsaussichten

Die lutherische Gemeinde der St.-Christophori-Kirche in Breslau, dem heutigen Wrocław, ist die einzige Kirche Polens, in der Gottesdienste ausschließlich in deutsch gefeiert werden.

Der Marktplatz von Wrocław: In der Kaiserzeit war Breslau die Hauptstadt der preußischen Provinz Schlesien, die ­Mehrzahl der Einwohner gehörten zur evangelischen Kirche. Foto: picture alliance

Der Marktplatz von Wrocław: In der Kaiserzeit war Breslau die Hauptstadt der preußischen Provinz Schlesien, die ­Mehrzahl der Einwohner gehörten zur evangelischen Kirche. Foto: picture alliance

Ole Boisselier-Malmgren zögert einen kurzen Augenblick, doch das Gebäude am Plac Dominikanski 1 mit seinem steilen Dach und dem schlanken Glockenturm ist klar als Gotteshaus zu erkennen. Etwa 25 Menschen sitzen bereits in der spätgotischen Breslauer Christophorikirche. Familien mit Kindern sind dabei, in den hinteren Reihen ein paar ältere Menschen.

Der Däne will von den neu aussehenden Gesangbüchern eines vom Stapel nehmen, wird jedoch gleich freundlich von einem älteren Herrn auf Deutsch korrigiert – er müsse zu den älteren Büchern im schwarzen Einband greifen. Denn hier wird noch aus dem Schlesischen Provinzial-Gesangbuch gesungen, in Frakturschrift gehalten, Erstausgabe von 1908 mit Jugendstil-Deckblatt.

Der junge Vikar Dawid Mendrok spricht von der Kanzel über Hiob, und dass es auf die Frage nach dem Warum des Leids nun mal keine Antwort gebe. Mendrok predigt auf Deutsch mit einem leichten polnischen Akzent.

Die lutherische Christophori-Gemeinde ist die einzige Polens, in welcher der Gottesdienst ausschließlich auf Deutsch gehalten wird. Sie ist rein kirchenrechtlich erst 1993 gegründet worden. Doch ihre Geschichte reicht weiter zurück – Niederschlesien, das nach dem Zweiten Weltkrieg östlich der Neiße polnisches Staatsgebiet wurde, war vornehmlich evangelisch geprägt. Die deutsche Bevölkerung floh, wurde vertrieben, umgesiedelt. Doch ein Teil blieb, meist gezwungenermaßen, da sie als Fachkräfte gebraucht wurden.

Deutschsprachige Gemeinde mit ­Zuwachs und ­eigenem Gebäude: die Breslauer Kirche St. Christophori. Foto: Jens Mattern

Deutschsprachige Gemeinde mit ­Zuwachs und ­eigenem Gebäude: die Breslauer Kirche St. Christophori. Foto: Jens Mattern

In der Wojewodschaft »Dolny Slask« (Niederschlesien) mussten die verbliebenen Deutschen zumeist ihre Kirchen verlassen, durften aber weiter gottesdienstlich betreut werden. Im Jahre 1947 löste sich die schlesische Provinzialkirche auf, die Protestanten in Polen gehörten nun zur Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, in der normalerweise auf Polnisch ­gepredigt wird. Die Betreuung der immer mehr schrumpfenden deutschsprachigen Gemeinden, als »Seelsorgen« bezeichnet, wurde noch von einzelnen deutschen Pfarrern oder Deutsch sprechenden Polen weitergeführt.

Die Wende kam mit der Wende. Anfang der 90er Jahre wurden für die Deutschen in Polen Minderheitenrechte eingeführt. Der damalige Vikar Ryszard Borski, der für die deutschsprachigen Protestanten zuständig war, konnte es in Warschau durchsetzen, eine Gemeinde mit vollen Rechten innerhalb der Evangelisch-Augsburgischen Kirche zu gründen. Ihre deutsche Partnergemeinde ist übrigens die Dresdener Lukas-Kirchengemeinde.

Die Christophori-Gemeinde umfasst nun alle deutschsprachigen Protestanten in Niederschlesien, nicht nur in Breslau. Mit einem Bus werden die verstreut lebenden älteren Menschen, zumeist Frauen, eingesammelt und zu einer nahen Provinzstadt wie Waldenburg (Walbrzych) oder Leignitz (Legnica) gefahren, wo ein ­Gottesdienst gehalten wird. Finanziert wird dies größtenteils dank Handymasten auf Kirchtürmen. Die Breslauer haben das Glück, mit der Christophorikirche ein eigenes Kirchengebäude nutzen zu können. Aus bislang nicht geklärten Gründen ­überließ die kommunistische Verwaltung den Deutschen 1958 das Bauwerk.

»Nur hier wird die Gemeinde weiter bestehen«, erklärt Propst Andrzej Fober bei einem Gespräch. Fober, 54 Jahre alt, hat österreichische Vorfahren und sieht sich selbst als »Altösterreicher« und Verfechter der Sprache Bachs und Luthers in Schlesien. Heute ist das fast unproblematisch. Die Großstadt Breslau, in der die polnische kommunistische Führung alle deutschen Spuren zu löschen versuchte, wirbt seit langem als weltoffene Metropole mit dem deutschen Erbe.

Denn Breslau lockt nicht nur mit spätgotischem Gemäuer, sondern auch mit Jobs, vor allem im IT-Bereich. Junge Berufstätige aus Deutschland zogen an die Oder, gründeten hier Familien. Andere der Neu-Breslauer wollen zurück zu den »Wurzeln«, wie eine pensionierte Zöllnerin, die in Niederschlesien geboren ist und zwischen ihrer alten neuen Heimat und Bochum hin- und herpendelt.

Auch Ole Boisselier-Malmgren, der kürzlich bei einem deutschen Konzern in Breslau eine Stelle angetreten hat, wird wiederkommen. Wenn er es auch aus der lutherischen Staatskirche Dänemarks nicht kennt, dass man vor dem Abendmahl laut das Bereuen seiner Sünden bezeugen muss. Sonst hat der überzeugte Kirchgänger Freude daran, die vertrauten Lieder singen zu können. Nur für die Frakturschrift muss er das nächste Mal die Brille mitnehmen.

Jens Mattern

www.stchristophori.eu/

Staunen auf der »Via Sacra«

4. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Reise: Sakrale Bauwerke und Kunstschätze im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck

Jeder kennt Dresden, Prag und Breslau, viele haben diese Städte auch schon ­einmal besucht – doch die Region dazwischen ist ­un­bekanntes Land. Ganz zu Unrecht, wie eine Reise auf der »Via Sacra« im ­deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck zeigt.

Eine große Fachwerkscheune, würde ein ahnungsloser Passant denken. Irritierend nur dieser Turm, der seitlich angebaut ist. Scheune? Nichts da. Eine Kirche. Und was für eine.

Rückblende. Nach dem Dreißigjährigen Krieg leben in Jauer – polnisch: Jawor – 150 Menschen; davor waren es 1400. Im Westfälischen Frieden 1648 werden den Protestanten im nun katholischen Schlesien drei eigene Kirchen zugestanden, die sogenannten Friedenskirchen. Unter Auflagen freilich: Steine dürfen nicht verwendet werden, Türme und Glocken sind verboten, gebaut werden muss außerhalb der schützenden Stadtmauern.

Die Friedenskirche in Jauer sieht von außen wie eine große Scheune aus, der Raumeindruck innen ist überwältigend. Fotos:MGO/ René Tech

Die Friedenskirche in Jauer sieht von außen wie eine große Scheune aus, der Raumeindruck innen ist überwältigend. Fotos:MGO/ René Tech

Die Friedenskirche in Jauer ist eine der beiden bis heute erhaltenen. Wäre der – später angefügte – Turm nicht, deutete von außen nichts auf das, was einen drinnen erwartet. Die Kassettendecke in 16 Metern Höhe schließt den Raum nach oben ab, an den Brüstungen der vier umlaufenden Emporen finden sich rund 200 Bildfelder, die meisten zeigen biblische Szenen. Sehenswert auch Kanzel, Hochaltar und Orgel – staunen aber macht vor allem der überwältigende Raumeindruck dieses Gotteshauses, das seit 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

2500 Sitz- und 3500 Stehplätze ­bietet die Kirche, informiert die Tonbandführung in deutscher Sprache. Nicht genug – sonntags seien oft 15000 Gläubige gekommen. »Ich habe nachgelesen«, korrigiert Tomasz Stawiak, »es waren bis zu 18000.« Sie kamen von weither, fügt der Pastor der heute recht kleinen evangelischen ­Gemeinde von Jauer hinzu: »Manche brauchten sieben Stunden – für einen Weg!«

Ortswechsel. Farbenfrohe Gewölbegemälde, riesige Kronleuchter, eine reich verzierte Kanzel. Und dann diese gewaltige Orgel über dem grandiosen Hochaltar – das soll ein evangelisches Gotteshaus sein?

Nun, die Gnadenkirche zum Heiligen Kreuz im polnischen Jelenia Góra – deutsch: Hirschberg – ist zwar nach dem Zweiten Weltkrieg den Katholiken übertragen worden, doch sie wurde als protestantisches Gotteshaus erbaut. 1707 durften in Schlesien sechs weitere evangelische Kirchen gebaut werden – eine »Gnade« des Kaisers, weshalb sie Gnadenkirchen heißen.

Unten dunkel, oben hell und licht

Die Hirschberger Gnadenkirche bietet mit ihren zweigeschossigen Emporen über 4000 Gläubigen Platz. Verglichen mit den üblicherweise eher schmucklosen protestantischen Kirchen, erscheint die barocke Pracht in der Tat außergewöhnlich. Aber so hat es den Schlesiern gefallen, gelten sie doch als gefühlsbetonte Menschen, der Innerlichkeit und der Mystik zugeneigt.

Hirschbergs Gnaden- und Jauers Friedenskirche sind zwei der vier polnischen Stationen auf der »Via Sacra«, zu der außerdem vier Stätten in Tschechien und acht in Deutschland gehören. Die Kulturroute durch die Oberlausitz, Niederschlesien und Nordböhmen führt zu sakralen Bauten und Kunstwerken von europäischem Rang. Vier kirchliche Tagungs- und Bildungshäuser in Herrnhut, Markersdorf und Ostritz haben sich jetzt zusammengetan und bieten Reisenden das adäquate Quartier für Touren auf der »Via Sacra« an.

Das passt schon deshalb gut, weil die Route mit dem Slogan »Reisen ohne Grenzen. Durch die Jahrhunderte. Zur Besinnung« wirbt. Das Stichwort Besinnung ist ernst gemeint: »Wir wollen nicht, dass der Reiseleiter mit der Uhr am Bus steht und die Leute zur Eile antreibt«, sagt Volker Dudeck. Der ehemalige Direktor der Städtischen Museen Zittau ist der Initiator der »Via Sacra«.

Zur Besinnung kommen kann der Besucher zum Beispiel am Heiligen Grab in Görlitz. Die Andachtsstätte wurde vor gut 500 Jahren vor den ­Toren der Altstadt auf einer Anhöhe angelegt, wo Hingerichtete beerdigt worden waren. 33 Stufen – für die 33 Lebensjahre Jesu – führen hinauf zu den drei Linden, die für die drei Kreuze auf Golgatha stehen.

Dahinter erhebt sich die zweigeschossige Kreuzkapelle. Theologie in Stein: unten die Adamskapelle, ein dunkler, gedrückt wirkender Raum; ein Riss in der Mauer hinter dem Altar stellt die einzige Verbindung zur nur von außen zugänglichen Golgatha­kapelle darüber dar – in diesem ­hellen, lichten Raum finden sich drei Löcher für die Kreuzesstämme und eine Rinne seitlich des mittleren Lochs, die symbolisch das Blut Jesu auffängt und in den Spalt zur Adamskapelle mündet.

Ein Salbhaus und die Nachbildung des Jerusalemer Grabes Christi vervollständigen die Anlage, an die sich ein Hügelgelände anschließt: der ­Ölberg mit dem Garten Gethsemane. Dieses »Lausitzer Jerusalem« lädt tatsächlich zu Andacht und Meditation ein – durchaus im Unterschied zu den originalen Orten in Jerusalem.

Die Wallfahrtskirche Maria Heimsuchung im tschechischen Hejnice (Haindorf) mit dem Feldaltar Wallensteins, Deutschlands ältestes Zisterzienserinnenkloster St. Marienthal oder die Herrnhuter Brüdergemeine – viele der 16 Stationen der »Via Sacra« lohnen einen ausgiebigeren Besuch. Nicht zu vergessen die Zittauer Fastentücher.

Das kleine ist die größere Rarität. Von seiner Art gibt es weltweit nur sieben Exemplare. Zudem gilt es als das einzige, das je von einer evangelischen Gemeinde in Auftrag gegeben wurde, obwohl doch Martin Luther Fastentücher für »Gaukelwerk« hielt.

Zur »Via Sacra« zählen 16 Kulturstätten in drei Ländern.

Zur »Via Sacra« zählen 16 Kulturstätten in drei Ländern.

Das große, seit 1999 in der ehemaligen Kirche zum Heiligen Kreuz ausgestellt, zieht alljährlich um die 30000 Besucher an. 1472 entstanden, verhüllte es 200 Jahre lang in der Fastenzeit den Altarraum der Zittauer Hauptkirche St. Johannis, sodass die Gemeinde weder die Zelebranten noch den prächtigen Altar sehen konnte – damit, erklärt Volker Dudeck, »wurde das körperliche Fasten durch ein Fasten der Augen ergänzt«.

Was im Fall des 8,20 Meter hohen und 6,80 Meter breiten Tuchs keine Nulldiät bedeutet: Es zeigt 90 Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Mit bemerkenswerten Details: Statt Löwe und Lamm liegen hier Katze und Maus beieinander; Kain und Abel sind als Zwillinge dargestellt. Allerdings hat der Künstler auch gepatzt: Erst zeigt er die Geburt Jesu, danach den Besuch Marias bei Elisabeth. Als er den Fehler bemerkt, malt er einfach »b« und »a« an die Bildränder.

Die Passion des Zittauer Fastentuchs

Weniger heiter nimmt sich die Geschichte des Tuches aus. Ein halbes Jahrtausend hat es unbeschadet überstanden – bis zum Mai 1945. Da fällt es sowjetischen Soldaten in die Hände, die es zerschneiden und damit eine Dampfsauna abdichten, die sie sich zusammengebastelt haben. »Damals hat das Tuch seine Passion erlebt«, sagt Volker Dudeck. Glück im Unglück: Es konnte vollständig geborgen und 1995 restauriert werden. Dass es nun in seiner zwar teils verblichenen, dennoch Ehrfurcht gebietenden Pracht zu sehen ist, gilt vielen als »Wunder von Zittau«.

Hubertus Büker

www.via-sacra.info

Mein sorgfältig erstellter Plan ist fertig

3. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Die Tage werden länger. Es geht »nauswärts«, wie man im Thüringer Wald sagt. Zum Glück! Praktisch ist im Garten außer dem Gehölzschnitt nicht viel zu tun. Aber rein theoretisch könnte man sich allmählich Gedanken machen, wie Blumenrabatten und Grabeland in diesem Jahr aussehen sollen. Bunt, üppig und nahrhaft, gesund und schneckenfrei. So viel steht fest. Lediglich die Details müssten noch geklärt werden. Und das ist eine äußerst befriedigende Angelegenheit ohne Schweißperlen auf der Stirn und mögliche Misserfolge im Blick. Notizen aus dem letzten Jahr, Anregungen auf Hochglanzpapier und Angebote von Versandgärtnereien helfen bei der Planung.

»Es gibt im Grunde nichts, was dem Dichten so nahe steht, als ein Stück lebendiger Natur nach seiner Phantasie umzugestalten«
Hugo von Hoffmannsthal

Christine Lässig

Christine Lässig

»Bei deinen immer neuen Ideen müssen die Pflanzen ständig ums Überleben kämpfen«, sagt mein Mann. Er hat nur ein bisschen recht. »Der wahre Gärtner muss brutal sein und voller Fantasie an die Zukunft denken«, meint Vita Sackville-West. Ich bin auf ihrer Seite. Gartengestaltung macht den Unterschied zur Natur jenseits der Mauern und Zäune. Weg mit den orangenen Ringelblumen, die sich neben den rosa Cosmeen ausgesät haben. Raus mit der pinkfarbenen Clematis neben der kirschroten Rose. Auf den Kompost mit den Kübelpflanzen, denen das Winterquartier so schlecht bekommen ist, dass sie das Jahr über damit zu tun hätten, an einem der Äste drei grüne Blätter zu schieben. Oder wenigstens auf die Krankenstation, damit sie aus dem Blick sind.

Meinetwegen kann der Frühling kommen, auch wenn das erst für den 20. März vorgesehen ist. Mein sorgfältig erstellter Plan ist fertig, die nötigen Arbeitsschritte bedacht. Den blauen Ehrenpreis bekomme ich von der Nachbarin, die rote Kokardenblume habe ich bei ­einer Versandgärtnerei bestellt. Und nicht nur die. Samentütchen von Petersilie bis Sonnenblume liegen bereit ebenso wie Hornspäne und Humus. – Wenn dann die Erde wirklich nach Frühling riecht, läuft allerdings manches anders als geplant. Das ist ein Erfahrungswert, der mich immer wieder lächeln lässt. Grau, teurer Freund, ist alle Theorie. Man kann es auch ganz anders machen.
Christine Lässig