»Es ist berührend den Menschen zuzuhören«

30. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Frankreich: Eine junge Deutsche leistet Friedensdienst in der Pariser Schoah-Gedenkstätte

Versöhnung im Doppelpack: Die 18-jährige Münchnerin Hannah arbeitet als Freiwillige in der Schoah-Gedenkstätte in Paris. Denn Versöhnung ist eine Daueraufgabe.

Ein Schwarz-Weiß-Foto nach dem anderen legt die alte Dame auf den Tisch. Hannah Arnu schaut sich die Bilder genau an und hört der Französin zu, die ihre Familiengeschichte erzählt. Die 18 Jahre alte Münchnerin Arnu arbeitet als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen in der Pariser Schoah-Gedenkstätte. Regelmäßig trifft sie dort mit Holocaust-Überlebenden oder deren Nachfahren zusammen. »Ich bin immer wieder überrascht, wie offen Menschen mir hier begegnen«, sagt die junge Deutsche. »Manche sagen mir, dass sie es mutig und lobenswert finden, dass ich hier bin.«

50 Jahre Élysée-Vertrag, 55 Jahre Sühnezeichen

Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Frankreich und Deutschland im Élysée-Vertrag vom 22. Januar 1963 ihre Erbfeindschaft beendeten und offiziell miteinander Freundschaft schlossen. Die deutsch-französischen Beziehungen sind längst Routine geworden. Doch Versöhnung bleibt eine Daueraufgabe.

Hannah Arnu ist eine von 18 Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen, die derzeit ihren Friedensdienst in Frankreich leisten. »Natürlich ist es für unsere Generation nicht immer leicht, einen direkten Bezug zu der Vergangenheit herzustellen«, sagt sie nachdenklich. Dann stelle sich eben auch die Frage: Was habt Ihr eigentlich noch damit zu tun? »Aber gerade in der Schoah-Gedenkstätte wird mir bewusst, wie wichtig es ist, sich weiterhin für Versöhnung einzusetzen«, sagt sie.

Namen und Schicksale: Hannah ­Arnu vor den Stehlen mit den Namen der Schoah-Opfer. Foto:epd-bild

Namen und Schicksale: Hannah ­Arnu vor den Stehlen mit den Namen der Schoah-Opfer. Foto:epd-bild

Der Gründungsaufruf für Aktion Sühnezeichen wurde 1958 auf der ­Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands verlesen. Ihr Gründer Lothar Kreyssig, Konsistorialpräsident und Präses der Synode der damaligen Kirchenprovinz Sachsen, war von dem Gedanken angetrieben, die protestantische Kirche habe während des Nationalsozialismus weitgehend versagt. Durch praktische Arbeit sollten Zeichen der Versöhnung in Europa gesetzt werden. In den ersten Jahren halfen die Freiwilligen etwa beim Bau einer Synagoge in Villeurbanne bei Lyon und der Kirche der ökumenischen Taizé-Gemeinschaft. Später kamen soziale Projekte hinzu, seit 1961 auch in Israel.

Die 18-jährige Hannah Arnu arbeitet im Wechsel in der Bibliothek und im Archiv der Gedenkstätte, die nur wenige Schritte vom Seine-Ufer entfernt liegt. Jeden Dienstag nimmt sie an einer Art Sprechstunde teil: Nachkommen von Schoah-Opfern können dort Fotos archivieren lassen und ihre Geschichte erzählen. »Es vergeht keine Woche, in der niemand kommt«, berichtet Hannah. Häufig sind es alte Menschen, die nicht wollen, dass ihre Familiengeschichte verloren geht; manchmal auch junge Leute, die im Nachlass ihrer Großeltern historische Aufnahmen gefunden haben.

Wenn der eigene Großvater Nazi war

»Es ist oft berührend, den Menschen zuzuhören«, sagt Hannah. Sie scannt die Bilder, macht Notizen und hilft bei der Übersetzung von deutschen Texten. Besonders ergriffen war sie vom Briefwechsel eines Mannes, der während der deutschen Besatzung mehrere Jahre in einem Internierungslager war. »Seine Frau bekam ein Kind von ihm, er hat es nie gesehen.« Schließlich sei er im Vernichtungslager Bergen-Belsen an Typhus gestorben. »Je mehr Details man kennt, desto schwieriger ist es, Distanz zu halten«, sagt Hannah mit leiser Stimme.

Deutschland hatte den Norden Frankreichs bereits wenige Monate nach Beginn des Zweiten Weltkriegs besetzt. Im Süden etablierte sich die mit den Nazis zusammenarbeitende Vichy-Regierung unter Philippe Pétain. Bis zur Befreiung von Paris 1944 gingen die deutschen Besatzer teils mit Unterstützung der französischen Behörden gegen Juden und andere Minderheiten vor. Etwa 76000 Juden wurden aus Frankreich deportiert, unter ihnen rund 11000 Kinder. Die meisten von ihnen kamen in Auschwitz ums Leben.

Warum entscheiden sich junge Menschen für einen Friedensdienst im Ausland – anstatt etwa mit dem Rucksack durch die Welt zu reisen oder als Au-pair den Anschluss an eine Familie zu suchen? Vielleicht spielte bei Hannah auch ihre eigene Familie eine Rolle. »Mein Urgroßvater war Nazi, ich habe mich viel mit ­un­serer Familiengeschichte beschäftigt«, sagt sie.
Ulrike Koltermann (epd)

»Wir sind ein freies Werk innerhalb der Kirche«

29. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

125 Jahre Gemeinschaftsbewegung: Zwischen Kirche und Freikirche – wo steht der innerkirchliche Pietismus heute?

Unter dem Motto »Neues wagen« trifft sich bis diesen Sonntag in Erfurt der innerkirchliche Pietismus zu einem »Zukunftskongress« und feiert zugleich das 125-jährige Bestehen des ­Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes. Über die Rolle der Gemeinschaftsbewegung sprach Harald Krille mit dem Gnadauer Präses Michael Diener.

Herr Präses Diener, »Neues wagen« scheint notwendig zu sein im Gnadauer Gemeinschaftsverband?
Diener:
Schön, dass Sie gleich provokant fragen. Ich könnte jetzt die Gegenfrage stellen: Ist es nicht ein Grundbestandteil evangelischen Christseins, dass wir als Kirche der Reformation immer wieder neu nach der passenden Form in der jeweiligen Zeit suchen? Aber darüber hinaus: Ja, ich glaube, dass eine Bewegung immer mal wieder ihren eigenen Pulsschlag mit dem der Zeit vergleichen und sich fragen muss, wo eine Neuorien­tierung nötig ist. Wir machen das ja nicht in irgendeinem Jahr, wir machen es im 125. Jahr des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes.

Es war im Vorfeld von 3000 erwarteten Teilnehmern die Rede. Wie man hört, werden in Erfurt doch etwas weniger sein?

»Mister Gnadau«: Seit 2009 ist der promovierte Theologe und frühere pfälzische Dekan Michael Diener (Jahrgang 1962) Präses des Dachverbandes des innerkirchlichen Pietismus. Im Ehrenamt ist er zudem seit einem Jahr Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz. Foto: kairospress/Thomas Kretschel

»Mister Gnadau«: Seit 2009 ist der promovierte Theologe und frühere pfälzische Dekan Michael Diener (Jahrgang 1962) Präses des Dachverbandes des innerkirchlichen Pietismus. Im Ehrenamt ist er zudem seit einem Jahr Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz. Foto: kairospress/Thomas Kretschel

Diener: Ja. Wir haben aber auch nicht auf das System freier Anmeldungen gesetzt, sondern auf einen Delegiertenkongress. Das heißt, die etwa 95 Werke und Verbände, die in Gnadau Mitglied sind, waren gebeten, ihre Menschen zur Teilnahme zu motivieren. Und das ist in dem einen oder anderen Fall nicht so gut ­gelungen, in vielen Fällen aber wirklich ganz hervorragend. Wir leben eben nicht mehr in einer Zeit, wo ein Dachverband einen Kongress macht und alle begeistert »hier » schreien.

Wie war denn die Resonanz in Mitteldeutschland?
Diener:
Diesbezüglich haben wir im Osten insgesamt die wenigsten Probleme. Die Identifikation in diesen Regionen sowohl mit den eigenen Gemeinschaftsverbänden als auch mit dem Dachverband ist sehr hoch.

Sie sprachen von Neuorientierung – wo sehen Sie die größten Herausforderungen für »Gnadau«?
Diener:
Eine Hauptproblematik der Gemeinschaftsbewegung an vielen Orten ist es, dass wir die uns tragende Spannung von Evangelisation und Gemeinschaftspflege – unsere großen Themen »Christ werden« und »Christ bleiben« – manchmal zu sehr nach der Seite des »Christ bleiben« aufgelöst haben. Soll heißen: Gemeinschaften als Ort, wo sich Gleichgesinnte treffen. Die Sendung der Gemeinschaften in die Welt, das Teilhaben an der Gesellschaft und die Sprache der Menschen zu sprechen, fällt uns schwerer. Da leiden wir allerdings an einem Problem, das auch die Kirche insgesamt sehr häufig hat.

Zu den Hauptreferenten des Kongresses gehören zwei anglikanische Bischöfe aus Großbritannien, aber keiner aus Deutschland. Ein Symptom für das Verhältnis von »Gnadau« zu den Kirchen?
Diener:
Definitiv nein! Wir haben aber gesagt, »Neues wagen« heißt auch, wir lassen uns den weiten Wind des Reiches Gottes um die Nase wehen und schauen, wo wir lernen können. Im Übrigen ist die EKD mit dem Vizepräsidenten des Kirchenamtes, dem Theologen Thies Gundlach, kompetent und prominent vertreten.

Trotzdem die Frage: Wo steht die Gemeinschaftsbewegung zurzeit im Spannungsfeld zwischen Freikirche und Kirche?
Diener:
Das ist für mich gar keine Frage, sondern ein absolut herzhaftes Bekenntnis: Wir sind ein freies Werk innerhalb der evangelischen Kirche! Und jederlei Bestrebung, das zu ändern, weder in die Richtung, uns das Freie am Werk in der Kirche zu nehmen, noch uns außerhalb der evangelischen Kirche zu positionieren, ist zum Scheitern verurteilt. Wir sind überzeugt davon, dass es uns, unserem Land und der Verkündigung des Evangeliums nichts bringen würde, wären wir die 135. Freikirche.

Dennoch gibt es gelegentlich Reibungen mit den Landeskirchen …
Diener:
Gemeinschaften waren bei ihrer Gründung als Ergänzung zur Kirchengemeinde gedacht. Inzwischen ist aus diesem ergänzenden Dienst an vielen Orten auch ein stellvertretender eigener Dienst geworden. Das führt zu Reibungsflächen mit der Kirche. Und es ist spannend für uns zu beobachten, dass eine Kirche, die sich das »semper reformanda« auf die Fahnen geschrieben hat, die sich selbst permanent den zeitlichen Abläufen anpasst, sich so schwer damit tut, uns das gleiche Recht zuzugestehen. An diesen Fragen müssen wir immer wieder arbeiten, damit wir wirklich eine freie Bewegung innerhalb der Kirche bleiben können: verlässlich, aufs Kirchenrecht ­be­zogen, aber nicht in unseren Veränderungsbestrebungen unterdrückt.

Also geht der Weg schon ein Stück in Richtung Personalgemeinde mit vollem Angebot wie Taufe, Abendmahl und Trauung?
Diener:
Mein Vorgänger hat das Reden von den drei Modellen sehr stark geprägt: »Gnadau« als ein ergänzender, ein partiell stellvertretender und ein stellvertretender Dienst. Ich bin der festen Überzeugung, wir brauchen auch in der Zukunft alle drei Modelle. Wenn ich das dritte Modell jetzt so stark hervorgehoben habe, dann deshalb, weil das in der Regel im Gespräch mit den Kirchen das umstrittenste ist.

Neben kirchenrechtlichen Problemen gibt es auch massive theologische Differenzen – Stichwort Homosexualität und schwul-lesbische Lebensgemeinschaften im Pfarrhaus …
Diener:
Wir können in unserer Bindung an Schrift und Gewissen nicht bejahen, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen gleichrangig mit der Ehe behandelt werden, sowohl in der Kirche insgesamt als auch im Pfarrhaus. Viele glauben nun, dass das Bleiben in einer Kirche, die hier mehrheitlich anders votiert, ein Ungehorsam gegenüber dem Wort Gottes ist. Und deshalb gilt es, mit dieser Frage sehr ernsthaft und gewissenhaft nach beiden Seiten umzugehen. Denn auch diejenigen, die eine andere Position vertreten, tun das aus ihrer innersten Überzeugung, dem Wort Gottes gerade hierin gehorsam zu sein.

Dennoch, das Thema hat das Potenzial zum Spaltpilz …
Diener:
Die Position »Gnadaus« war in dieser Frage immer: Wir treten mit unserer Überzeugung in der Kirche auf, aber nicht aus. Und mein zweites Votum dazu ist: Wir sollten nicht zulassen, dass die Frage der Homosexualität einen Stellenwert erlangt, den sie insgesamt in der Botschaft der Heiligen Schrift nicht hat. Wenn wir an dieser Stelle Ungehorsam gegenüber der Schrift, so wie wir ihn ­sehen, derartig stark gewichten, muss ich auch in unsere Gemeinschaften zurückfragen: Gehen wir mit einem anderen Ungehorsam gegenüber der Schrift genauso gravierend um?

Was würde denn aus Ihrer Sicht der ­Kirche ohne »Gnadau« fehlen?
Diener:
Ich glaube schon, dass wir immer diejenigen waren, die die Frage des Christwerdens wachgehalten haben. Dazu kommt: Die Kirche lebt sehr stark von dem, was uns objektiv vorgegeben ist. Wenn Sie die Confessio Augustana betrachten, dann wird dort auf das Wort und auf die Sakramente verwiesen. Die Gemeinschaftsbewegung hat immer gelebt, dass es neben den objektiven Gütern auch auf die subjektive Aneignung dieser Güter ankommt.

Und was würde der Gemeinschaftsbewegung ohne die Kirche fehlen?
Diener:
Die Kirche lehrt uns auch, unseren eigenen Blickwinkel nicht zu verabsolutieren. Wir dürfen lernen, dass plurale Sicht des Glaubens zuallererst keine Gefahr, sondern ein Segen ist, ein Reichtum, ein Geschenk, das Gott uns macht. Weil wir allesamt die Fülle des Wortes Gottes nicht alleine fassen können, darf ich auch den Bruder oder die Schwester, die einen anderen Schwerpunkt setzt, fröhlich neben mir ihren Glauben bezeugen lassen.

Wechsel zum christlichen Glauben

28. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

In der Landeskirchlichen Gemeinschaft »Haus Gotteshilfe« in Berlin sammeln sich Iraner

Sie ist für uns wie eine zweite Mutter.« Schwester Rosemarie Götz ­lächelt verlegen, als sie diesen Satz aus dem Mund von Ali Nouri Pour ­Dagazi hört. Die Diakonisse sitzt im großen Saal der Landeskirchlichen ­Gemeinschaft »Haus Gotteshilfe« in Berlin-Neukölln, umgeben von einer großen Gruppe von Iranern. Was Schwester Rosemarie »noch immer kaum fassen kann«: Seit gut einem Jahr kommen immer mehr Iraner in die Gottesdienste der kleinen Gemeinde im Rollbergviertel, einem sozialen Brennpunkt in Berlin-Neukölln. Ein Dutzend von ihnen hatte sich in der Osternacht vergangenen Jahres taufen lassen, andere nehmen in der Gemeinde an einem Glaubenskurs teil.

»Ich bin schon im Iran in den Bibelkreis einer christlichen Gemeinde gegangen«, sagt Ali Nouri Pour Dagazi. »Wir mussten uns da in Privatwohnungen treffen, denn öffentlich durften wir uns zu unserem Glauben nicht bekennen.« Nicht zuletzt der Fall des iranischen Pastors Youcef Nadar­khani zeigt, welche Gefahren Christen im Land der Mullahs drohen: Auf dem Abfall vom Islam steht die Todesstrafe, Nadarkhani wartet auf seine Hinrichtung. Dazu bekam Ali Nouri Pour ­Dagazi noch anderen Ärger: Der Fotodesigner hatte auf einer Hochzeit fotografiert. Und auf den Bildern waren Frauen zu sehen, die keinen Schleier trugen. Anschließend zeigten ihn Verwandte wegen eines angeblichen Diebstahls an. Sieben Tage verbrachte er im Gefängnis, wurde gefoltert, geschlagen, ohnmächtig. Schließlich emigrierte er nach Deutschland. »Ich habe Jesus als den Sohn Gottes kennengelernt, der für die Sünden aller Menschen gestorben ist«, sagt der ­Iraner. »Für mich bedeutet der christliche Glaube Freiheit.«

Schwester ­Rosemarie Götz taufte die Iraner im »Haus ­Gotteshilfe«. Foto: Michael Brunner/Davids

Schwester ­Rosemarie Götz taufte die Iraner im »Haus ­Gotteshilfe«. Foto: Michael Brunner/Davids

Praktisch hat der Ansturm der Iraner in der kleinen Landeskirchlichen Gemeinschaft in Berlin durchaus Spuren hinterlassen. Waren es bislang vor allem alteingesessene Neuköllner, die sich im Haus an der Werbellinstraße zum Gottesdienst trafen, mischen sich nun die Nationalitäten. Die Iraner, von denen einige bislang an den Gottesdiensten einer persischen Gemeinde teilnahmen, kommen in die Werbellinstraße. »Schwester Rosemarie predigt auf Deutsch«, sagt Ahmadian Amir Khalajanipour. »Der iranische Pastor tut das nicht.« Noch kann sich die Diakonisse nur radebrechend mit den neuen Gemeindegliedern verständigen. Eine ebenfalls aus dem Iran stammende Dolmetscherin übersetzt die Gottesdienste. Doch allmählich werden die Deutschkenntnisse der Iraner besser. Und immer mehr werden die neuen Gemeindeglieder in die Landeskirchliche Gemeinschaft integriert. Gemeinsam treffen sich Deutsche und Iraner zu Bibelstunden, und im Hof des Gemeindehauses wird zuweilen gemeinsam gegrillt. In der Gemeinde entstehen Freundschaften.

Und ein dicker Aktenordner mit Schriftstücken im Büro der Diakonisse zeugt davon, wie die Schwester ihre Iraner im Umgang mit Behörden ­unterstützt. »Ich habe zuerst gedacht, die kommen nur, weil der christliche Glaube verhindert, dass sie abgeschoben werden«, erinnert sich Schwester Rosemarie an den Tag, an dem sie ­einige Iraner plötzlich um die Taufe baten. »Deswegen habe ich mit allen zehn Wochen lang Glaubensunterricht gemacht.« Und fast alle sind ­dabeigeblieben. Dabei ist es auch für in Berlin lebende Iraner nicht ganz einfach, ihren Glauben zu wechseln: In Asylbewerberheimen stoßen sie auf Unverständnis, wenn Muslime mitbekommen, dass sie einen christlichen Gottesdienst besuchen. Einigen wurden auch schon Schläge angedroht. »Meinem eigenen Vater kann ich nicht sagen, dass ich Christ geworden bin«, sagt Ahmadian Amir Khalajanipour. »Er ist Moslem und würde mich nicht verstehen.«

Benjamin Lassiwe

Bewegende Menschenbilder

27. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Am 21. Januar wurde im Erfurter Landeskirchenamt eine Ausstellung über Demenz eröffnet

Der Blick geht in die Ferne – ein Blick zwischen neugieriger Erwartung und Angst. Die Frau wirkt ruhig, in sich gekehrt. Ein Mann scheint zu fragen: Was will ich hier? Dann ein Schrei, geschlossene Augen, Verzweiflung … Die Bilder der Ausstellung »Das Vergessen vergessen«, die am Montag im Erfurter Landeskirchenamt eröffnet wurde, treten mit dem Betrachter in einen Dialog, erzählen von Menschen, die in einer anderen Welt leben. Der Mediengestalter und Fotograf Marco Warmuth hat im Rahmen seiner Masterarbeit Geschichten von Demenzkranken eingefangen.

In einer anderen Welt und mit einem Kopfpolster geschützt vor den Auswirkungen, die Demenz mit sich bringen kann – berührende Bilder zeigt die Ausstellung »Das Vergessen vergessen«. Foto: Marco Warmuth

In einer anderen Welt und mit einem Kopfpolster geschützt vor den Auswirkungen, die Demenz mit sich bringen kann – berührende Bilder zeigt die Ausstellung »Das Vergessen vergessen«. Foto: Marco Warmuth

Warum beschäftigt sich ein 32-Jähriger mit diesem Thema? »Der Auslöser war die Demenz meines Großvaters. Ich habe den ganzen Prozess miterlebt: Von der Phase, als noch gar nicht klar war, was mein Großvater hat, bis zur Suche nach einem Heimplatz und den Jahren danach.« Mit den Fotografien hat er selbst verarbeitet, was in seiner Familie geschieht und öffnet gleichzeitig anderen eine Tür, die selbst in ihrer Verwandtschaft mit Demenz konfrontiert sind oder mit solchen Menschen arbeiten. Er habe gelernt, mit der Erkrankung seines Großvaters umzugehen, sagt Marco Warmuth. Das sei wichtig gewesen, um alles verarbeiten zu können.

Ein Jahr lang hat er in drei Heimen – zwei in Halle, eins in seiner Heimatstadt Oschatz (Sachsen) – fotografiert, zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten. Die Diakonie Mitteldeutschland beauftragte ihn, daraus eine Ausstellung zu konzipieren. Im Collegium maius sind nun 17 großformatige Aufnahmen zu sehen, die berühren, auch erschrecken – aber, so die Präsidentin des Landeskirchenamtes der EKM bei der Eröffnung, die Würde habe der Fotograf gewahrt und die Schönheit der Menschen gezeigt.

Deutschlandweit gebe es 1,2 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind, informierte Kristin Schulze von der Diakonie Mitteldeutschland. Für sie als Referentin der Altenhilfe soll die Ausstellung bewirken, mit der Gesellschaft in einen Dialog zu kommen. Wie soll Altenhilfe heute und morgen aussehen? Man wolle Menschen zeigen, die auf Hilfe angewiesen sind, und gemeinsam überlegen, was kann ein ambulanter Dienst, was müssen Einrichtungen leisten und wo ist Nachbarschaftshilfe gefragt.

Friederike Spengler, die persönliche Referentin der Präsidentin, stellte zur Vernissage ein Kinderbuch vor: »Der Fuchs, der den Verstand verlor« von Martin Baltscheit, das 2012 den Jugend-Literaturpreis erhielt. Das Kinderbuch, so Warmuth, habe ihn sehr bewegt, weil es genau die Phasen beschreibt, die sein Großvater durchlebte: vom ersten Vergessen bis zum deutlichen Ausbruch der Krankheit.

Blicke und Schreie – und daneben eine Frau, die ihre Beine lässig über die Armlehne eines Stuhles baumeln lässt, so als wolle sie gleich aufspringen und davonlaufen. Eine schöne Frau – trotz ihrer Krankheit, die das Bild erst auf den zweiten Blick preisgibt.
Dietlind Steinhöfel

Die als Wanderausstellung konzipierte Exposition ist bis zum 28. März im Collegium maius, Erfurt, Michaelisstraße 39, montags bis freitags, von 8 bis 16 Uhr zu sehen.

Spirituelle Grenze

24. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Košice in der Slowakei ist europäische Kulturhauptstadt 2013

Es ist ein östlicher Außenposten der Europäischen Union: Das slowakische Košice, neben Marseille europäische Kulturhauptstadt 2013. Und in der Ostslowakei verläuft auch die Grenze zwischen religiösen Kulturen.

Der Zauber der griechisch-katholischen Welt entfaltet sich pünktlich um die Mittagszeit: In die Kapelle mit ihrer goldglänzenden Ikonenwand strömen junge Männer, gekleidet mit bodenlangen schwarzen Gewändern. Die tiefen Stimmen mischen sich zu einem betörenden Gesang. Es ist das Priesterseminar in der ostslowakischen Stadt Presov, die angehenden Geistlichen halten ihre tägliche Andacht.

Moderne Kunstexponate in einer der alten Synagogen von Košice. Bis sie ­irgendwann renoviert wird, dient sie als Ausstellungsraum. Die verblassten ­Ornamente auf dem Putz und der Kies auf dem Boden kontrastieren mit den ausgestellten Kunstwerken. – Foto: epd-bild

Moderne Kunstexponate in einer der alten Synagogen von Košice. Bis sie ­irgendwann renoviert wird, dient sie als Ausstellungsraum. Die verblassten ­Ornamente auf dem Putz und der Kies auf dem Boden kontrastieren mit den ausgestellten Kunstwerken. – Foto: epd-bild

Hier schlägt das Herz der griechisch-katholischen Kirche in der Slowakei. Die Gläubigen gehören zum Vatikan, zelebrieren aber ihre Gottesdienste nach den Traditionen des östlichen Ritus. Dass sie gerade im Osten der Slowakei so stark sind, hat historische Gründe. Die europäische Kulturhauptstadt Košice und Presov, die beiden prägenden Städte der Region, gehörten einst zur Habsburger Monarchie und gelangten wegen ihrer Lage zu wirtschaftlicher Blüte: Die Handelswege von Wien und Prag in Richtung der östlichen Provinzen führten hier vorbei.

Östlicher Außenposten der Europäischen Union
Heute bilden Košice und Presov einen östlichen Außenposten der Europäischen Union. Und hier verläuft noch eine andere Grenze – eine spirituelle. Wenn wir von Košice aus eine gedachte Linie ziehen nach Polen in die eine und nach Ungarn in die andere Richtung«, sagt der Theologe Simon Marincak, »dann stellen wir fest: Alles östlich von hier gehört zum byzantinischen Ritus, alles westlich von hier zum westlichen Ritus. Die Grenze zwischen den beiden Religionskulturen verläuft genau hier.« Marincak gehört zur griechisch-katholischen Kirche und leitet das Forschungsinstitut Zentrum für ost-westliche Spiritualität.

Gotische Kathedrale – östlichste der Welt
Auch die Kulturhauptstadt Košice selbst spiegelt religiöse Vielfalt wider. Rund um den prachtvollen Hauptplatz stehen alte Bürgerhäuser aus der Zeit der Gotik und der Renaissance. Der Charme der k.u.k.-Monarchie umweht das Ensemble noch heute. In der Mitte des langgestreckten Platzes, majestätisch erhaben, thront der römisch-katholische Dom der heiligen Elisabeth.

Rein statistisch gesehen stellen die römischen Katholiken hier im Osten der Slowakei die Mehrheit, noch weit vor den Anhängern der griechisch-katholischen Kirche. Der Dom ist dafür ein stolzes Symbol – ein Wahrzeichen der spirituellen Grenzlinie. »Unsere gotische Kathedrale ist die östlichste der Welt«, sagt Simon Marincak: »Hier bei uns sagen wir gern: Die nächste gotische Kathedrale in östlicher Richtung kommt in Lissabon – dafür müssen Sie einmal um die ganze Welt reisen!«

Die andere traditionsreiche Religionsgemeinschaft im Osten der Slowakei sind die Juden. Stolz und selbstbewusst waren sie einst, davon zeugen die Synagogen in Košice und in Presov. Genutzt werden aber nur noch zwei davon. »Früher waren einmal 20 Prozent der Bevölkerung Juden«, sagt Pavol Sitar, der Vorsitzende der Gemeinde in Košice. »Aber die Alten sterben, viele der Jungen gehen weg. Derzeit haben wir nur noch 251 Mitglieder.«

Immerhin gebe es noch eine ganze Reihe von Leuten in Košice, die jüdische Vorfahren hätten, sagt Pavol Sitar. Seine Hoffnung ist, dass sie eines Tages wieder den Weg zurück in die Gemeinde finden. Derzeit ziehen in der alten Synagoge von Košice vor allem die Kulturveranstaltungen das Publikum an, Vernissagen und Lesungen. Die größte und prächtigste Synagoge aber ist in kommunistischen Zeiten zur städtischen Philharmonie umgebaut worden.

Der Aufbruch, von dem Pavol Sitar träumt, ist der griechisch-katholischen Kirche gelungen. Sie hat eine schwierige Zeit hinter sich: Das kommunistische Regime wollte die Kirche zerschlagen. Sie wurde verboten, die Priester und die Gläubigen dazu gedrängt, zur orthodoxen Kirche zu konvertieren. Denn die war den Machthabern wegen ihrer Wurzeln in Russland genehmer.

Dieser politische Konflikt zwischen byzantinischen Katholiken und Orthodoxen prägt bis heute das kirchliche Leben im Osten der Slowakei. Die Verbitterung sitzt tief: Das kommunistische Regime enteignete die griechisch-katholische Kirche und übergab deren Gotteshäuser kurzerhand den Orthodoxen.

Als mit dem Prager Frühling zum Ende der 1960er Jahre in der Tschechoslowakei ein liberalerer Wind wehte, wurde der Bann gegen die griechisch-katholische Kirche zwar aufgehoben und sie bekam einige Kirchengebäude wieder zurück, das Gemeindeleben lag aber nach der langen Unterdrückung weitgehend brach.

Die Kirche erlebt ihre Renaissance
Das änderte sich erst mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems. »Nach der Wende brach bei uns eine regelrechte Euphorie aus«, sagt Miroslav Dancak, der Rektor des griechisch-katholischen Priesterseminars: Endlich durfte die Kirche wieder eigene Priester ausbilden; der Bedarf an Nachwuchs war riesig. Die Kirche mit ihrer langen Tradition im Osten der Slowakei erlebt gerade ihre Renaissance – und ihr Herz schlägt in der kleinen Kapelle des Priesterseminars von Presov vor der goldenen Ikonenwand.

Kilian Kirchgeßner (epd)

Tschechien: Warum es Gnade und Vergebung schwer haben

22. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Eigentlich müsste alles gut sein. Zum Ende seiner Amtszeit hat Präsident Václav Klaus in Tschechien eine teilweise Generalamnestie erlassen. Tausende haben schon das Gefängnis verlassen, darunter viele Kleinkriminelle. In die Fernsehkameras, die sich vor den Gefängnistoren drängelten, sagten sie: »Nie wieder zurück!« und »Ich führe jetzt ein besseres Leben.« Als der Präsident den Generalpardon verkündete, soll der Jubel in den Gefängnissen lauter gewesen sein als wenn die tschechische Nationalmannschaft Eishockeyweltmeister wird. Ein unverhoffter Neuanfang.

Steffen Neumann berichtet für unsere Zeitung aus Tschechien.

Steffen Neumann berichtet für unsere Zeitung aus Tschechien.

Doch seitdem reißt die Kritik an dem eigenwilligen Präsidenten nicht mehr ab. »Unausgegoren«, »konzeptionslos«, »unverantwortlich« sind nur einige Attribute, die seinem Gnadenakt angehangen werden. Es kommt sogar der Verdacht auf, der Präsident habe einigen seiner »Weggefährten« aus den 1990er Jahren eine weiße Weste verschaffen wollen. Denn eingeschlossen von der Amnestie sind auch Gerichtsverfahren, die sich länger als acht Jahre hinziehen. Klingt vernünftig, doch belohnt werden damit vor allem jene, die es dank gut bezahlter Anwälte immer wieder schaffen, ihre Prozesse in die Länge zu ziehen. Einige von ihnen waren zu schnellem Geld gekommen, als Václav Klaus noch Premierminister war. Sie nahmen sich bei staatlichen Banken Millionenkredite für ihre Unternehmen, eine Praxis, die unter dem Namen Bankenkapitalismus in die Geschichte einging. Klaus wollte damit die eigenen, tschechischen Wirtschaftskapitäne stärken. Doch die Firmen gingen verdächtig schnell bankrott. Die Kredite mussten mit Steuergeldern abgeschrieben werden, den Unternehmern aber geht es bis heute überraschend gut. Wie ein Feigenblatt erscheinen da die eingangs erwähnten fast 8000 Kleinkriminellen.

»Václav Klaus hat das so wunderbare Instrument der Amnestie infrage gestellt«, bedauert der evangelische Geistliche Zdenek Bárta. Denn in Tschechien gehörten Begnadigungen schon bisher zu den unpopulärsten Entscheidungen überhaupt. Das hat einerseits seinen Hintergrund auch in einer großen Generalamnestie, die vor 13 Jahren Klaus’ Vorgänger Václav Havel erließ. Der Dichterpräsident, selbst politischer Gefangener, hatte kurz nach der politischen Wende auch den Häftlingen einen neuen Aufbruch ermöglichen und zugleich die Verbrechen des Kommunismus mildern wollen. Doch in der Bevölkerung kam das schlecht an. Heute werden in Tschechien schon Stimmen laut, die fordern, das Amnestie-Privileg des Präsidenten ganz abzuschaffen.

Andererseits wäre eine Amnestie wohl in jedem Land unpopulär. Den Kreislauf von Schuld und Strafe zu durchbrechen, gehört zu den schwersten Herausforderungen im Leben. »Gnade und Vergebung sind das Wichtigste, das uns Jesus mit auf den Weg gegeben hat«, sagt Zdenek Bárta. Für beides ist derzeit ein Stück weniger Platz in Tschechien.

Steffen Neumann

»Vergib uns unsere Schulden«

20. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Wirtschaftskrise: Der renommierte Wirtschaftsfachmann Tomáš Sedláček plädiert für ein humaneres und kontrollierbareres Wirtschaftssystem


Die Bibel ist für den weltweit beachteten Wirtschaftsexperten Tomáš Sedláček ein aktuelles Buch. Sie enthält Ideen für eine gelingende Wirtschaft und gegen die Krise. Stefan Seidel sprach mit ihm.

Herr Sedláček, die Wirtschaft wird oft als eine rationale Angelegenheit betrachtet. Wie rational ist sie angesichts der Krise wirklich?
Sedláček: Sogar die strengsten Kapitalisten betrachten den Markt schon längst nicht mehr als eine rationale Einrichtung. Fast täglich ist doch die Rede von den »Empfindungen« oder den »Stimmungen« des Marktes. Der Markt ist launisch und unvorhersagbar.

Der Kapitalismus wurde einmal als Religion bezeichnet …
Sedláček: Ja und das stimmt auch. Der Kapitalismus hat sein heiliges Gesetz, seine Paradiesvorstellung, seine heiligen Kühe, die da wären: Wachstum und Leistungssteigerung. Er hat auch seine Dämonen, die er bekämpft, nämlich andere Weltanschauungen.

»Ungläubiger Thomas«: Tomáš Sedláček – der tschechische Wirtschaftswissenschaftler fordert vehement die Abkehr von der Vergötzung des herrschenden Wirtschaftssystems. – Foto: Hanser-Verlag

»Ungläubiger Thomas«: Tomáš Sedláček – der tschechische Wirtschaftswissenschaftler fordert vehement die Abkehr von der Vergötzung des herrschenden Wirtschaftssystems. – Foto: Hanser-Verlag

Ist da nicht eine neue Religionskritik nötig?
Sedláček: Wir müssen zunächst einfach anerkennen, dass der Kapitalismus eine Religion ist. Ich habe nichts gegen Religion, solange sie als eine solche bezeichnet und behandelt wird. Dann ist klar, dass es auch Alternativen gibt. Es ist das Heimspiel jeder Ideologie, vorzugeben, sie besäße die letztgültige Wahrheit.

Es wird aber oft gesagt, es gebe keine Alternative zum Kapitalismus.
Sedláček: Es wird sogar behauptet, dass wir umso mehr an den Kapitalismus glauben müssen, je weniger er funktioniert.

Ist das der Grund für die Ausweglosigkeit der Krise?
Sedláček: Ich denke schon. Denn was führte uns in die Krise? Die Art und Weise des Wirtschaftens. Und was soll aus der Krise führen? Dieselbe Art und Weise des Wirtschaftens. Das ist absurd. Am Anfang der Krise wurde behauptet, das Problem sei nicht der Markt, sondern unser kleiner Glaube an das wundersame Funktionieren des Marktes. So war es auch unter dem kommunistischen Regime: Wenn etwas schief lief im System, dann war der »Mangel an Glaube« verantwortlich.

Kann die Bibel dabei helfen, aus der Wirtschaftskrise herauszufinden?
Sedláček: Unsere Wirtschaft basierte weitestgehend auf christlichen Werten, aber diese wurden abgehängt. Anders gesagt: Das Wirtschaftssystem funktioniert heute nicht mehr nach ethischen Kriterien. Ein Problem ist, dass es kaum kontrolliert wird. Wir sollten die Wirtschaft wieder so organisieren, dass wir sie kontrollieren und nicht sie uns.

Wäre die biblische Idee eines Schuldenerlasses ein Weg aus der Krise?
Sedláček: Das ist etwas, was schon jetzt immer wieder passiert. Das Problem ist, wie das Erlassen von Schulden gerecht bewerkstelligt werden kann. Es kann nicht sein, dass die Banken – entgegen den »Gesetzen des Marktes« – die Regierungen um Schuldentilgungen bitten und selbst ihren Gläubigern keine Schulden erlassen. Sie handeln nach dem Grundsatz: »Vergib uns unsere Schulden, wie wir nicht vergeben denen, die bei uns verschuldet sind.«

Was wäre ein besserer Weg?
Sedláček: Im Alten Testament wird beschrieben, wie einmal alle 49 Jahre ein systematischer Schuldenerlass passiert. Das war etwas, das jeder kannte und erwartete. Man muss sich nur einmal vorstellen, wie verschieden das Denken im Vergleich zu heute war: Besitz war etwas Vorläufiges und zeitlich Begrenztes. Was wir heute erleben, ist ein nicht-systematischer Schuldenerlass, der die Konzentration von Kapital in wenigen Händen noch steigert. Die Alten waren nicht so dumm und primitiv, wie wir dachten.

Aber gerade der Schuldenerlass für Griechenland stieß bei vielen auf wenig Verständnis …
Sedláček: Im Falle Griechenlands kann man sowohl eine ökonomische wie auch theologische Debatte führen. Wenn man all die Zahlen einmal weglässt, landet man bei der alten Frage, ob das Gesetz oder die Gnade zählen soll. Sollten wir Griechenland entsprechend dem Gesetz behandeln? Das ist die Frage, ob uns das Gesetz retten kann. Oder sollten wir Griechenland die Schulden vergeben? Und wenn ja, wie oft? Siebenmal? Oder sieben mal siebzigmal? Das griechische Wort für »Sünde« im Neuen Testament heißt »Schuld« …

Ist solch ein Schuldenerlass aber nicht ungerecht?
Sedláček: Natürlich ist Gnade nicht gerecht. Auch Gott ist nicht gerecht zu uns. Gott sei Dank!

Halten Sie auch das biblische Zinsverbot für eine gute Idee?
Sedláček: Nein. Aber der Zins ist ein sehr heimtückisches Gebiet. Unsere Vorfahren warnten uns, vorsichtig mit dem Zins zu sein. Es scheint so zu sein, dass wir bis heute nicht wirklich die Wirkweise des Zinses verstanden haben und dennoch sehr leichtherzig damit spielen. Wir können ihn nicht einmal kalkulieren. Wir sollten viel vorsichtiger mit den Zinsen umgehen, denn wir fahren hierbei auf einem Vehikel, von dem wir nicht genau wissen, wie es sich verhält.

Wie kann der einzelne Mensch mit der Wirtschaftskrise umgehen? Soll er alles Ersparte von der Bank abheben und einen Gemüsegarten bebauen?
Sedláček: Nein, individuelle Bemühungen sind nicht möglich. Wir brauchen einen Wechsel des Systems. Dieser Gedanke beginnt sich langsam durchzusetzen.

Haben Sie eine Erwartung an die Christen und an die Kirchen?
Sedláček: Ich gebe keine Ratschläge, ich mag das nicht. Aber es ist doch offensichtlich, dass wir die Wirtschaft zu einem Fetisch, zu einem Götzen gemacht haben. Wir haben ihr zu viel Hoffnung, zu viel von unserem Glauben gegeben, wir haben ihr zu viel geopfert. Es ist nichts falsch an der Idee der Wirtschaft, solange wir sie nicht zu einem Abgott machen.

Tomáš Sedláček und die Ökonomie von Gut und Böse
Der international bekannte Ökonom Tomáš Sedláček ist unter anderem Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrates Tschechiens. An der Prager Karls-Universität lehrt er als Professor Wirtschaftsgeschichte und -philosophie. Sein Buch »Die Ökonomie von Gut und Böse« erhielt im vergangenen Jahr den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis. Sedláček ist einer der Hauptredner beim bis diesen Sonnabend dauernden Christlichen Führungskräftekongress in Leipzig.

Sedláček; Tomáš: Die Ökonomie von Gut und Böse, Hanser Verlag, 448 Seiten, ISBN 978-3-446-42823-2, 24,90 Euro

Der Himmel ist ohne Blumen nicht vorstellbar

19. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Natürlich kann ein Gottesdienst sonst wo stattfinden: »Auff dem Feld, in der Kirchen oder auff dem Meer«, wie schon Luther sagt. Das Museum, der Bahnhof, eine Einkaufsgalerie oder das Stadtfest sind heute Orte, wo gelegentlich Choräle angestimmt, Predigten gehalten und Gebete gesprochen werden. Alltagsnähe wird gesucht, Kirchenfremde sind mit im Blick, das Evangelium wird mit dem normalen Leben konfrontiert und muss sich daran messen lassen. Das hat Sinn.

Christine Lässig

Christine Lässig

Mir persönlich sind die Gottesdienste in den Kirchen immer noch am liebsten. Alles konzentriert sich auf den Altar mit dem Kruzifix, der weite und doch geschützte Raum spiegelt den Glauben der Altvorderen, die Luft ist voll von Bittgebeten und Dankeshymnen vergangener Zeiten. Wer sich umschaut, hat viel zu sehen. Und wer seinen Blick nach oben richtet, hat manchmal sogar das Paradies vor Augen. Zwischen den Rippen der gotischen Gewölbe wächst und blüht es in der Schlosskirche Wittenberg etwa, in der Schleizer Bergkirche, in St. Johannes in Saalfeld oder St. Marien in Pirna. Diese Himmelswiesen, wie sie genannt werden, stammen meist aus dem 16. oder 17. Jahrhundert. Besonders beeindruckend ist der monumentale Himmelsgarten von

St. Michael in Bamberg, der Mittelschiff, Seitenschiffe und Querhaus überspannt. Mit seinen 578 Pflanzenbildern sucht er seinesgleichen. Dass florale Ornamente in Stein, Holz und Farbe die Kirchen zieren, ist gang und gäbe. Aber hier lässt sich jedes Kräutlein, jede Blume und jeder Baum identifizieren. Der Künstler ist zugleich Botaniker und darum bemüht, dass jedes Detail stimmt. Und wenn der Betrachter ein Gewächs nicht einordnen kann, liegt das an seiner mangelnden Kenntnis und ganz bestimmt nicht am Maler.

»Gottes Natur – mein Meister, sein Himmel – meine Heimat,
und meine Werkstatt – seine weite, schöne Erde«
Peter Josef Lenné

Eigene Naturstudien und die reich bebilderten Pflanzen- und Kräuterbücher jener Zeit machten es möglich, naturgetreu mit christlichen Symbolpflanzen, Heilkräutern und neu entdeckten Exoten einen Paradiesgarten zu schaffen, der an den verlorenen Garten Eden erinnert, das Lob der irdischen Schöpfung singt und Freude auf das himmlische Paradies weckt.

Christine Lässig

Traumjob im zweiten Anlauf

15. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Porträt: Dorothea Schulz-Ngomane arbeitet als Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Kenia

Von Magdeburg nach ­Ostafrika: Seit drei Jahren lebt und arbeitet Dorothea Schulz-Ngomane als ­Pfarrerin in Nairobi.

Zwischen Magdeburg und Nairobi ist eigentlich alles anders«, meint Dorothea Schulz-Ngomane, von der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Kenia. Mit Rückblick auf acht Jahre Dienst in verschiedenen Stadtgemeinden in der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt und inzwischen drei Jahren Erfahrung in der ostafrikanischen Metropole Nairobi kann sie sich in dieser Einschätzung ziemlich sicher sein. Natürlich seien sich Gemeinden im Allgemeinen auch ähnlich. Sie nennt das Kirchenjahr mit seinen Festen, das Gotteshaus als Ort der inneren Einkehr, aber auch als Platz für gezeigte Freude oder Heilung von Konflikten. Das Besondere in Kenia aber sei das gesamte Drumherum.

Wohnen und arbeiten in tropischer Blütenpracht: Dorothea Schulz-Ngomane auf der Terrasse ihres Pfarrhauses. Foto: Andreas Herrmann

Wohnen und arbeiten in tropischer Blütenpracht: Dorothea Schulz-Ngomane auf der Terrasse ihres Pfarrhauses. Foto: Andreas Herrmann

Zur Gemeinde von Dorothea Schulz-Ngomane gehören viele Familien, deren Leben vom Entwicklungsdienst bestimmt ist. Andere sind in Kenia politisch aktiv, zum Beispiel bei Stiftungen. Sehr viele aber auch wirtschaftlich, denn Kenia hat bei allen Entwicklungsproblemen ein gutes Investitionsklima. Das zieht auch deutsche Firmen an. Den Gottesdienst besuchen Diplomaten und andere, die nach wenigen Jahren wieder das Land wechseln und in neue Kulturkreise gehen oder eben von dort her nach Kenia kommen. Die Mehrzahl der Gemeindeglieder liegt im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Darauf und auf die hohe Fluktuation der Gemeindemitglieder muss sich die Pfarrerin einstellen.

Auf der anderen Seite gibt es auch Familien, die schon seit Jahrzehnten hier wohnen, mit Ehepartnern aus Kenia. Das bringt wiederum Kontinuität in die Gemeinde, die immerhin schon seit 45 Jahren besteht und mit etwa 150 Mitgliedern wie ein Verein organisiert ist. Der Gemeindesaal befindet sich gleich neben der Deutschen Botschaft in Nairobi.

Dorothea Schulz-Ngomane ist in Halle geboren und in einem Dorf im Saalkreis aufgewachsen. Ihre Schulzeit verbrachte sie in Potsdam, studierte in Berlin und Rostock Theologie und lernte Portugiesisch. Letzteres brachte sie in Kontakt zu ihrem heutigen Mann Salomon, der als DDR-Vertragsarbeitnehmer aus Mosambik nach Berlin gekommen war. Im Ostteil der Stadt entstand mit der »Cabana« 1986 die erste kirchliche Begegnungsstätte für In- und Ausländer, in der die junge Studentin aktiv mitarbeitete. Salomon konnte nach der Wende in der neuen Bundesrepublik bleiben und Sozialpädagogik studieren. Stolz sind beide auf ihre kleine Familie mit drei Jungs im Alter von 20, 15 und acht ­Jahren.

»Wir wollten immer hier in Afrika leben und arbeiten«, meint Dorothea Schulz-Ngomane. Der Sprung nach Kenia klappte dennoch erst im zweiten Anlauf: Beim ersten Versuch waren die Kinder noch zu klein und es gab Unruhen im Land. Dann – mitten in der Adventszeit 2009 – sei plötzlich alles sehr schnell gegangen, erzählt sie. Drei Kandidaten reisten nach Nairobi zum Probegottesdienst und Dorothea Schulz-Ngomane wurde von der Gemeinde, die mit der Kenya Evangelical Lutheran Church (KELC) verbunden ist, für gut befunden und gewählt. Die Hälfte ihrer sechsjährigen Dienstzeit hat sie mittlerweile absolviert. Eine Verlängerung ist möglich, aber, so schränkt die Pfarrerin ein, da müsse sie noch schauen, wie das mit den Kindern gehe.

Andreas Herrmann

»Der Tod ist ein großer Aufräumer«

14. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Interview: Sterbebegleiterin Andrea Fuß über ihre Erfahrungen mit Schwerkranken und Sterbenden

Jeder will in Frieden gehen, meint die Sterbebegleiterin und Hospiz-Koordinatorin Andrea Fuß. Amet Bick sprach mit ihr darüber, wie man sich auf den Tod ­vorbereiten kann.

Frau Fuß, wie reagieren Menschen, wenn sie erfahren, dass sie bald sterben werden?
Fuß:
Die Menschen verarbeiten diese Nachricht sehr unterschiedlich. Viele können es nicht fassen, weil es ja auch unfassbar ist. Sie sind erst einmal sprachlos. Dann folgen verschiedene Verarbeitungsphasen: Depression und Verstimmung, Traurigkeit und Aggression. Zuerst wollen es manche Menschen nicht wahrhaben und verhandeln noch mit dem Schicksal. Sie befragen einen zweiten Arzt, probieren alternative Heilmethoden. Es ist ein Wechsel zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Man ringt und kämpft. Manche tun es laut, manche leise, jeder auf seine Art.

Aber dann kommt vermutlich der Punkt, an dem man sein Leben loslassen muss.
Fuß:
Man kommt nicht darum herum und man muss es mit sich selbst ausmachen. Weil es eben ein Weg ist, den man alleine geht. Trotzdem ist es von großer Bedeutung, ob Menschen da sind, die einen auffangen. Im Grunde kann jeder schon in seinem Leben ein bisschen dafür sorgen, dass er in dieser Krisenzeit nicht allein ist und die Kraft hat, sie durchzustehen.

Wie das?
Fuß:
Jeder kann seine Beziehungen pflegen. Und sich auf das Wesentliche im Leben konzentrieren. Die Frage ist doch: Worin besteht der Sinn meines Lebens? Diese Frage muss sich jeder irgendwann beantworten. Viele Menschen, die wir begleiten, sagen: Es ist viel schiefgelaufen, ich war nicht immer erfolgreich, es gab viele Tiefen – aber ich habe gelebt. Und darauf sind sie stolz. Und es gibt andere, die sagen: Ich habe immer nur gearbeitet und gespart und mich auf später gefreut. Und sie sterben vielleicht, bevor sie das Rentenalter erreichen. Ich habe daraus für mich gelernt, dass es »später« nicht gibt. Man soll jetzt und heute leben.

Wissen Sterbenskranke, wann für sie der Zeitpunkt gekommen ist zu gehen?
Fuß:
Ich bin mir inzwischen 100-prozentig sicher, dass der Sterbende das genau weiß. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, er bestimmt selbst, wann es Zeit ist. Wir haben schon oft erlebt, dass Schwerstkranke Tag für Tag durchhalten, obwohl es medizinisch nicht zu erklären ist. Aber sie sagen beispielsweise, sie möchten noch erleben, wie ihr Enkelkind geboren wird. Und wenn das Enkelkind da ist, können sie in Ruhe gehen. Viele stehlen sich auch heimlich davon. Die Angehörigen haben stundenlang am Bett gesessen und gehen nur mal kurz raus, und genau in diesem Moment stirbt der Kranke.

Weil es einfacher ist zu sterben, wenn man alleine ist?
Fuß:
Vielleicht hatte der Sterbende das Gefühl, die Familie halte ihn mit ihrer Angst und Liebe fest. Wir empfehlen den Angehörigen manchmal, den Sterbenden zu sagen, dass sie ­gehen dürfen. Er wird dann losge-
lassen.

Aber der Tod bleibt trotzdem etwas Unfassbares?
Fuß:
Ja, denn man lässt alles hinter sich. Es ist hart, wenn die Rahmenbedingungen nicht gut sind. Wenn zum Beispiel der Mann, der nun stirbt, derjenige der Eheleute war, der noch einen Job hat. Die Frau ist arbeitslos und muss nun noch die Raten für das Haus alleine abbezahlen. Oder es sind noch kleine Kinder da. Wenn man noch sehr gebraucht wird, fällt sterben besonders schwer.

Andrea Fuß ist Sterbebegleiterin und  Hospiz-Koordinatorin des ambulanten  diakonischen Besuchs- und Hospizdienstes Chronos in Königs Wusterhausen. Foto: Rotraud Kauschka

Andrea Fuß ist Sterbebegleiterin und Hospiz-Koordinatorin des ambulanten diakonischen Besuchs- und Hospizdienstes Chronos in Königs Wusterhausen. Foto: Rotraud Kauschka

Für die Beziehungen ist die Situation bestimmt eine große Herausforderung?
Fuß:
Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Entweder die Beziehung hält und wird vielleicht noch stärker oder sie zerbricht. Es zeigt sich, ob die Liebe groß genug ist, um diese Krise zu meistern. Es liegt auch eine Chance darin. Als meine Oma im Sterben lag, versammelten sich zwei zerstrittene Familien, Kinder und Enkel, um ihr Bett. Wir hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr, doch durch den Schock, dass das Leben endlich ist, konnten wir uns versöhnen. Am Sterbebett tranken wir Sekt miteinander und nahmen uns in den Arm. Meine Oma konnte nicht mehr sprechen, aber ihr Lächeln werde ich nie vergessen. Der Tod kann ein großer Friedensstifter sein. Eigentlich möchte jeder in Frieden gehen. Der Tod ist aber auch ein großer Aufräumer. Manchmal muss man sich eingestehen, dass eine Versöhnung nicht möglich ist, weil die Verletzungen zu groß sind.

Hören Sterbende, wenn man mit ihnen spricht?
Fuß:
Das Gehör geht als Allerletztes. Deswegen ist es auch fatal, wenn man sich am Bett zum Beispiel über die Erbschaft streitet, weil man denkt, der Sterbende bekommt sowieso nichts mehr mit. Wir ermutigen die Angehörigen, dem Sterbenden noch einmal zu sagen, was man für ihn empfindet. Das ist ja etwas, das Männern immer noch schwerfällt. Aber wenn sie sich dann trauen und vielleicht weinen und endlich ihre harte Schale durchbrechen, dann ist das für sie wie ein Lebensquell. Wie ein Wasser, das sie reinwäscht. Die werden durch ihre Schwäche richtig stark. Das ist für mich ­immer ein Wunder.

Sie haben gesagt, jeder Mensch wolle in Frieden gehen. Gehört dazu auch, dass man Bilanz zieht?
Fuß:
Ja. Und wenn die Menschen zum Schluss merken, so, wie sie gelebt haben, das war es eigentlich nicht, dann tut das weh. Diejenigen, die zufrieden zurückblicken, sagen, sie waren immer echt und immer da. Sie haben in jedem Moment nach ihren Bedürfnissen gelebt, wenn auch nicht rücksichtslos. Sie haben nichts anderes aus sich machen lassen als sie sind.
Es ist ja oft so, dass die Außenwelt von einem etwas fordert, was man selbst gar nicht will. Viele passen sich dann an, stürzen sich in krankhafte Arbeitswut oder kaufen ein Haus, weil die ­anderen das auch machen. Aber brauchte man das eigentlich? Das ­fragen sich viele zum Schluss.

Gibt es noch etwas, was einem leidtun kann?
Fuß:
Manche bedauern, dass sie zu wenig gelacht haben, zu wenig Freude hatten. Sie wünschen sich, sie hätten das Leben öfter genossen. Oft ist einem ja gar nicht bewusst, wie gut es einem geht. Es wirkt so, als könnte man leichter von dieser Welt gehen, wenn man in Frieden und Dankbarkeit geht. Die, die hadern, haben es schwerer.

Haben Sie das Gefühl, dass Gott im Sterbezimmer anwesend ist?
Fuß:
Ich spüre oft, wie viel Liebe im Sterbezimmer ist. Manche Angehörigen sagen mir, dass die letzten Tage die intensivste Zeit in ihrer 50-jährigen Ehe gewesen sind. Das ist etwas ganz Besonderes. Für mich ist Gott Liebe. Ich bin mir sicher, dass Gott
da ist.

Welche Hoffnungen gibt es?
Fuß:
Die Leute erzählen mir ganz unterschiedliche Sachen. Viele denken, dass man sich wiedersieht im Himmel. Dass es kein Abschied für immer ist. Wobei sich unter »Himmel« jeder etwas anderes vorstellt. Manche sind auch der Meinung, dass sie wiedergeboren werden, zum Beispiel, wenn sie Buddhisten sind. Hoffnung ist das, was einem gut tut. Und selbst diejenigen, die sich als Atheisten bezeichnen, sagen, es gibt einen Energieerhaltungssatz. Es geht keine Energie verloren auf dieser Welt, das ist ein physikalisches Gesetz. Diese Sicht hat zwar nichts mit Glauben zu tun, aber so kann man sich es ja auch erklären.

Haben Menschen, die sterbenskrank sind, eine konkrete Vorstellung, wohin sie gehen werden?
Fuß:
Ich glaube nicht. Vielleicht erzählen sie es mir auch nur nicht, weil es zu persönlich ist. Aber Schwerkranke, die schon einmal klinisch tot waren und eine Nahtoderfahrung gemacht haben, erzählen von einem Tunnel, durch den sie mussten, und von dem Licht, das dann kommt. Alles wurde leicht. Das Schwere fiel von ­ihnen ab. Es gab nichts mehr, was sie quälte. Und sie sagen auch, dass es nicht gut war, wieder zurückzukommen.

Haben Sie selbst Angst vor dem Tod?
Fuß:
Nein. Ich habe eine Patientenverfügung verfasst und seitdem fürch­te ich mich nicht mal mehr vor dem Sterben. Ich habe die Hoffnung, dass alles leicht wird und die Last der Erde von mir abfällt. Obwohl ich die meist gar nicht als so schwer empfinde.

Schuld ist der Gesetzgeber!

14. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Organtransplantationen: Aufklärung war versprochen, doch Skandale beherrschen die öffentliche Diskussion

Nun hat die Aufregung ­Mitteldeutschland erreicht: Auch am Leipziger Universitätsklinikum manipulierten Mediziner offenbar Patientenakten, um die Chance auf ein Spenderorgan zu erhöhen. Doch den Zeigefinger auf die Ärzte zu richten, führt am Problem vorbei.

Statt den Fokus der Aufmerksamkeit nur auf einzelne Transplantationszentren zu richten, sollte endlich klar geworden sein, dass das deutsche Transplantationssystem als Ganzes an seinen grundlegend verfehlten und rechtsstaatlich defizitären Strukturen leidet. Denn die Realität sieht so aus, dass der Gesetzgeber ­Bereiche medizinischen Handelns, die hochsensibel sind und die zu ethischen Grenzgängen herausfordern, einer weitgehenden Selbststeuerung überlassen hat.

Wer kontrolliert die Akteure der Organspende?

So ist aus juristischer Sicht hoch umstritten, ob es angemessen ist, der Bundesärztekammer so weitreichen­de Kompetenzen einzuräumen wie es in Paragraf 18 des Transplantationsgesetzes (TPG) geschieht. Festgelegt ist dort, dass die Bundesärztekammer »nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft« in Richtlinien festlegen soll, wie Fragen der Hirntoddiagnostik, der Aufnahme in Wartelisten und die Organvermittlung zu regeln sind.

Es ist hier daran zu erinnern, dass die Bundesärztekammer keine »Kammer« ist, sondern ein nichtrechtsfähiger Verein, der dem bürgerlichen Recht untersteht und dem deshalb grundsätzlich keine hoheitlichen Befugnisse zustehen. Wenn nun hier ­einem nichtrechtsfähigen Verein solche weitreichenden Befugnisse zugesprochen werden, so steht das in diametralem Widerspruch zur sogenannten Wesentlichkeitsrechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. Nach dieser sind alle grundrechtsbedeut­samen Entscheidungen vom demokratisch legitimierten Gesetzgeber zu treffen.
Weiter unverständlich bleibt, wie der Gesetzgeber es zulassen kann, dass unzureichend legitimierte Akteure (Bundesärztekammer, Deutsche Stiftung Organtransplantation, Eurotransplant) auf der Grundlage eines umstrittenen Todeskonzeptes (Hirntod gleich Gesamttod des Menschen) Entscheidungen treffen können, die nahezu vollständig einer rechtsstaatlichen Aufsicht und Kontrolle entzogen sind.

Hirntod: Zunehmend Zweifel an exakter Diagnostik

Zu erinnern ist weiterhin auch daran, dass es nicht nur (wie im Moment) um die Frage der gerechten Verteilung knapper Güter (hier Organe) geht. Es geht auch um die Frage, wer denn kontrolliert, ob die Hirntoddiagnostik, so wie sie in den Richtlinien der Bundesärztekammer festgelegt ist, auch immer korrekt durchgeführt wird. Daran mehren sich gerade auch in letzter Zeit Zweifel.

Ersatzteillager Mensch? Die Möglichkeiten der Transplantationsmedizin schaffen eine Menge neuer juristischer und vor allem ethischer Konfliktfelder. Foto: picture alliance

Ersatzteillager Mensch? Die Möglichkeiten der Transplantationsmedizin schaffen eine Menge neuer juristischer und vor allem ethischer Konfliktfelder. Foto: picture alliance

So hat für die Jahre 2000 bis 2006 der Neurologe Herrmann Deutschmann (damaliger Leiter des Konsiliarteams der Deutschen Stiftung Organtransplantation) 230 Hirntoduntersuchungen im Raum Niedersachsen nachgeprüft. In allen Fällen waren die behandelnden Ärzte davon ausgegangen, dass der Hirntod eingetreten sei. Einige hatten sogar schon das erste Hirntodprotokoll ausgefüllt. Ein Drittel der Diagnostik hatte sich dann ­jedoch bei der Prüfung als fehlerhaft erwiesen. Dass die Diagnostik des Hirntodes nicht einfach ist, ist seit Langem bekannt. Doch eine systematische Fehleranalyse existiert nicht. Pannen müssen weder publiziert noch gemeldet werden und werden nur zufällig bekannt.
Einige Fachleute wie der Vorsitzende des Verbandes der leitenden Krankenhausärzte, Hans-Fred Weiser, fordern unmissverständlich, dass die Kontrolle der Transplantationsmedizin anders organisiert oder in staatliche Hände gelegt werden muss. Es sei nicht tragbar, dass die Durchführung der Transplantationsmedizin und ihre Kontrolle von denselben Personen geleistet werde: Die Kontrollen müssten prinzipiell von externen Fachexperten durchgeführt werden.
Eine weitere umstrittene Frage ist die, wie die ehrliche und umfassende Aufklärung als Voraussetzung einer informierten Spendenentscheidung sichergestellt werden kann. In Paragraf 2 Absatz 1 des Gesetzes zur Regelung der Entscheidungslösung im Transplantationsgesetz fordert der Gesetzgeber, dass die Aufklärung zur Organspende die »gesamte Tragweite der Entscheidung zu umfassen (hat) und ergebnisoffen« sein muss. In seiner Begründung zum Gesetz führt er dann aus, dass damit gemeint ist, dass in die Aufklärung zur Organspende auch solche Aspekte mit einbezogen werden müssen, die einer Organ- und ­Gewebespende möglicherweise entgegenstehen könnten.

Wer klärt Spender auf und mit welchem Ziel?

Dies entspricht genau der bisherigen höchstrichterlichen Rechtsprechung, die auf der Basis des Selbstbestimmungsrechts des Patienten festgelegt hat, dass der Patient rechtzeitig wissen muss, was medizinisch mit ihm, mit welchen Mitteln und mit welchen Risiken und Folgen geschehen soll.

Der Gesetzgeber hat nun aber auch dafür zu sorgen, dass geprüft wird, ob die von ihm geforderte »umfassende und ergebnisoffene Aufklärung« denn auch in hinreichendem Maße geschieht. Bisher war die Pflicht zur ­Aufklärung als Teil des Behandlungsvertrages allein eine ärztliche Hauptpflicht und unterstand hohen Anforderungen.

Wenn diese Aufgabe nun in Bezug auf Organentnahmen vor allem an die Krankenkassen übertragen wird, so ist zu fragen, ob diese wirklich willens und in der Lage sind, »umfassend und ergebnisoffen« aufzuklären. Es müsste nun doch auch hier klar sein, dass die vom Gesetzgeber geforderte umfassende und ergebnisoffene Aufklärung ohne rechtsstaatliche Aufsicht und Kontrolle nicht gewährleistet werden kann.
Zudem ist zu konstatieren: Wenn es um den Interessensausgleich von (sterbenden) Spendern und (bedürf­tigen) Empfängern geht, wird in der Öffentlichkeit leider den Interessen der Empfänger (auch der Transplantationszentren und Pharmaindustrie) mehr Aufmerksamkeit geschenkt als denen der sterbenden Spender.

Um das Vertrauen in die Integrität, Legitimität und rechtsstaatliche Rationalität der Transplantationsmedizin herzustellen, hat sich in erster Linie der parlamentarische Gesetzgeber den drängenden verfassungsrechtlichen und medizinethischen Herausforderungen zu stellen. Die öffentliche Fokussierung auf einzelne Transplantationszentren, wie jetzt beispielsweise Leipzig, führt am Kern der Sache vorbei.

Rolf-Michael Turek

Pfarrer Rolf-Michael-Turek

Pfarrer Rolf-Michael-Turek

Pfarrer Rolf-Michael Turek arbeitet als Krankenhausseelsorger am Leipziger Universitätsklinikum. Seit vielen Jahren setzt er sich kritisch mit den juristischen, ­ethischen und theologischen Fragen rund um die ­moderne Transplantationsmedizin auseinander.
Eine von ihm zusammengestellte 34-seitige Dokumentation mit Hintergrundinformationen kann als Datei per E-Mail angefordert werden:

rolf-michael.turek@medizin.uni-leipzig.de

Geistige Anregung, beglückende Lektüre – Jahrbücher

13. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

»Glück« ist das Thema der neuestem Ausgabe von »Lektüre zwischen den Jahren«. Jeder Mensch will glücklich sein. Aber während sich nach ­Ansicht Erika Pluhars viele Zustände unseres Gemüts willentlich herbeiführen lassen, kann man glücklich »nicht sein, ohne wirklich glücklich zu sein«. Mit dieser kurzen Betrachtung beginnt das schön gestaltete Buch. Was Glück eigentlich sei, wird in zwei Beiträgen leicht verständlich umkreist (Wilhelm Schmid, H. Hesse). Vor allem wird es in meisterhaften Erzählungen und Romanausschnitten dargestellt: das Glück nächtlicher, heimlicher Ausflüge von Kindern (Eleanor Brown, Jean-Michel Guenassia), das Glück eines Urlaubs (in einer wunderbar leichten norwegischen Sommergeschichte Roy Jacobsens), das Glück beim Wein (Eva Demski) und vor allem natürlich das Glück in der Liebe (Karsten Flohr, Boccaccio). Der mongolische Dichter Galsan Tschinag bringt es auf den Punkt: Um glücklich zu werden, müssen wir die Panzer um unsere Herzen, auch die Panzer vor uns selbst, abstreifen. Eine beglückende Lektüre, nicht nur zwischen den Jahren.

Sie wird ergänzt durch Reclams ­Literaturkalender, der bereits zum 59. Mal erscheint. Der italienische ­Renaissancedichter Boccaccio ist hier ebenfalls mit einem Ausschnitt aus seiner weltbekannten Novellensammlung »Das Decamerone« vertreten. Anstelle des einleitenden Essays, der den anderen Texten vorangestellt ist, wird ein Gespräch mit Peter Brockmeier abgedruckt, der »Das Decamerone« anlässlich von Boccaccios 700. Geburtstag neu übersetzt hat. Wie jedes Jahr enthält Reclams Literaturkalender ein Kalendarium mit Geburts- und Sterbedaten wichtiger Dichter von Boccaccio, geboren 1313, bis zu Jón Kalman Stefánsson, Jahrgang 1963. Eine der stärksten Erzählungen in »Lektüre zwischen den Jahren« stammt von Katherine Mansfield. ­Reclams Kalender erinnert an ihren 125. Geburtstag. Wieder gelingt es den von Literatur begeisterten Herausgebern und Autoren des Reclam-Bändchens, die Leser für Literatur zu begeistern.

Ein außergewöhnliches Zeugnis für die Wirkung von Literatur erzählt Andrew Steinman im neuen Jüdischen Almanach: sein jüdischer Vater, mit der Familie aus Hitlerdeutschland geflohen, beschließt, aus dem amerikanischen Exil nach Frankfurt am Main zurückzukehren, nachdem er »Die Blechtrommel« von Günter Grass gelesen hat. »Deswegen können wir in Deutschland leben. Wenn es hier solche Literatur gibt, gibt es hier auch ein Leben für uns und damit überhaupt für alle.« Allerdings wird »ihm der Boden unter den Füßen entzogen«, fällt er »in ein bodenloses Loch«, als er erfährt, »dass Grass Mitglied der Waffen-SS gewesen war«. Das Thema des Jüdischen Almanachs ist diesmal »Proteste. Jüdische Rebellion in Jerusalem, New York und andernorts«. Es ist weit gefasst und behandelt nicht nur die jüdischen Wurzeln von Karl Marx, Ferdinand Lasalle und Rosa Luxemburg, sondern arbeitet in einem der eindrucksvollsten Aufsätze die Bedeutung von Emile ­Zolas Einsatz für den jüdischen Hauptmann Dreyfus heraus und zeigt auch einleuchtend, wie sich das Judentum René Goscinnys in der von ihm geschaffenen Comicfigur Asterix niederschlägt. Er verkörpere »über seine Komik hinaus den Widerstand gegen das Unabwendbare und gegen die Welt der Mächtigen«.

Alle drei hier vorgestellten Jahrbücher bieten Stoff zum Lesen, Nachdenken und geistige Anregung über das Jahr 2013 hinaus

• Lektüre zwischen den Jahren 2012: Glück. Insel Verlag, 158 S., ISBN 978-3-458-35866-4, 5 Euro
• Reclams Literaturkalender 2013. Reclam Verlag, 125 S., ISBN 978-3-15-018940-5, 3 Euro
• Dachs, Gisela (Hg.): Proteste. Jüdische ­Rebellion in Jerusalem, New York und andernorts. Jüdischer Almanach, Jüdischer Verlag, 238 S., ISBN 978-3-633-54261-1,
16,95 Euro

Niederlande: Gewalt ist salonfähig geworden

8. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Annette Birschel berichtet für ­unsere Zeitung aus den ­Niederlanden.

Annette Birschel berichtet für ­unsere Zeitung aus den ­Niederlanden.

Es war ein ganz normaler Sonntag. Ein Fußballspiel der B-Junioren in Almere bei Amsterdam. 2:2 stand es beim Abpfiff. Die Auswärtsmannschaft vom SV Nieuw Sloten in Amsterdam war frustriert. Schuld war der Linienrichter, meinten manche. Der hatte schließlich falsche Entscheidungen getroffen. Wütend schrien sie ihn an, schlugen zu. Der Mann fiel, konnte entkommen, doch die Jugendlichen verfolgten ihn, rissen ihn zu Boden und traten zu, auch auf den Kopf. Der 41 Jahre alte Richard Nieuwenhuizen erlag einen Tag später seinen schweren Verletzungen. Die mutmaßlichen Täter waren 15 bis 17 Jahre alt, aber auch ein 50-jähriger Vater wurde festgenommen.

Ein ganz normaler Sonntag? Nein. An jedem Wochenende spielen rund eine Million Niederländer Fußball, und die meisten der 33000 Spiele verlaufen friedlich. Dennoch war der Gewalttod des Linienrichters keine Ausnahme.

Aggression ist alltäglich auf den Fußballplätzen in den Niederlanden. Nicht nur auf dem Rasen, sondern gerade an den Rändern. Sogar Eltern der ganz Kleinen, der sechs- und siebenjährigen, entpuppen sich als wahre Hooligans. Sie schreien und pöbeln die Schiedsrichter an. »Mach ihn alle!«, feuern Mütter und Väter ihre kleinen Lieblinge an. »Hast du Tomaten auf den Augen?«, wüten sie gegen die Unparteiischen. Diese sind wie sie selber auch ganz normale Eltern, die ihre Kinder zum Spiel begleiten und wenn es nötig ist, ehrenamtlich zu Flagge oder Pfeife greifen.

Dieselben Männer und Frauen sehen dann gemeinsam mit ihren Kindern am Abend in der Sportschau, wie die Profis das tun: Auch die treten, schreien und bedrohen Schiedsrichter. Und die braven Bürger schenken ihren Kindern dann noch zu Weihnachten für 75 Euro ein Trikot mit dem Namen dieser ›Vorbilder‹.

Dieselben Eltern klagen aber laut über die Verrohung der Sitten und machen sich Sorgen um die Sicherheit ihrer Kinder. Die Angst ist durchaus gerechtfertigt. Denn Aggression und Gewalt greifen um sich. Immer häufiger werden Polizisten, Krankenpfleger oder Feuerwehrleute grundlos angegriffen, nur weil sie helfen wollen. Alkohol und Drogen machen gerade auch in der Silvesternacht aus der feiernden Menge oft einen gefährlichen Mob.

Dramatischer Tiefpunkt war im vergangenen Sommer eine Projekt-X-Party in Haren im Norden des Landes. Tausende Jugendliche waren in das idyllische Dorf gereist und einer irrtümlich via Facebook verbreiteten Einladung gefolgt. Sie hatten nur ein Ziel: Randale. Mit Steinen, Laternenpfählen und Flaschen griffen sie die Polizei an. Der Schaden ging in die Millionen.

Alle diese Vorfälle erschrecken. Die Niederländer fordern dann immer wieder das harte Eingreifen des Staates. »Wer tut so etwas?«, fragen sie sich, fest davon überzeugt, dass ihre Kinder, Schüler, Freunde oder Nachbarn dies nie täten. Und schon gar nicht sie selbst. Es sind immer die anderen.

Dieser fatale Denkfehler ist nach dem Tod des Linienrichters Richard Nieuwenhuizen nicht mehr möglich. Nun hat das Nachdenken begonnen. Viele sehen ein, dass es nicht immer die anderen sind. Gewalt und Aggression sind schon längst salonfähig geworden, und jeder hat dazu beige­tragen.

Annette Birschel

Figürlich, farbenprächtig, geheimnisvoll

8. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Ausstellung: Die Kunstsammlungen Chemnitz zeigen Werke von Neo Rauch und seiner Ehefrau Rosa Loy

Die Ausstellung in Chemnitz ist eine Premiere, denn zum ersten Mal werden in Deutschland Bilder des Künstlerehepaares parallel präsentiert.

Er genießt weltweit Popularität. Seine Bilder hängen im Metropolitan Museum of Art in New York und im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Der Maler Neo Rauch, 1960 in Leipzig geboren, gilt international als bedeutender Maler seiner Generation und bekanntester Vertreter der »Neuen Leipziger Schu­le«. 2007 entwarf er unentgeltlich einen Bilderzyklus für drei Fenster in der Elisabethkapelle des Naumburger Doms. Rauchs Vorlagen wurden in ­rubinrotem Glas umgesetzt.

Seit Mitte Dezember präsentieren die Kunstsammlungen Chemnitz 13 großformatige Gemälde des renommierten Künstlers; entstanden sind sie in den Jahren 2002 bis 2012. Bei der Ausstellung handelt es sich um eine Premiere, denn gleichzeitig werden in gesonderten Räumen Bilder seiner Ehefrau Rosa Loy gezeigt. Es ist in Deutschland die erste Parallelausstellung des Künstlerpaares. Das erste Mal wurden Werke der beiden 2011 in der Sammlung Essl Klosterneuburg bei Wien gezeigt.

Die beiden Ausstellungen »Neo Rauch – Abwägung« und »Rosa Loy – Gravitation« in getrennten Räumen ermöglichen einen Einblick in das Schaffen beider Künstler.

Anlass für die Ausstellungen war das Vorhaben der Kunstsammlungen Chemnitz, ein Gemälde von Neo Rauch kaufen zu wollen. Das Bild »Abwägung«, das der Schau Neo Rauchs auch seinen Titel verleiht, ist eine Auftragsarbeit. Ab Frühjahr soll das Gemälde als Leihgabe im Ratssaal des Chemnitzer Neuen Rathauses hängen. An der Stirnwand des prunkvollen Saals ist in der eichenen Wandvertäfelung eine gerahmte Fläche ausgespart. Hier wird Rauchs Gemälde seinen Platz finden. Ursprünglich hingen an dieser Wand die Porträts von Kaiser Wilhelm II. und König Friedrich August von Sachsen.

Neo Rauchs Bild ist in leuchtenden Farben gestaltet. Er kombiniert Weinrot, Pink und Violett mit Grün und Gelb. Alle Figuren stehen in einem dunkelbraunen Raum, den gelbe, grü­ne und violette Lichter erhellen.

»Die Abwägung« – Das Ölgemälde im Großformat von Neo Rauch ist für das Chemnitzer Rathaus bestimmt. Fotos: Kunstsammlungen Chemnitz

»Die Abwägung« – Das Ölgemälde im Großformat von Neo Rauch ist für das Chemnitzer Rathaus bestimmt. Fotos: Kunstsammlungen Chemnitz

Justitia ist als eine selbstbewusste, stolze und starke Frau dargestellt. In der rechten Hand hält sie ein Hochhaus, in der linken Hand einen Baum. Auf der linken Bildseite nähert sich ihr eine Frau in Weinrot und grelles Gelb gekleidet. Sie bringt einen Vogel mit, offensichtlich in der Absicht, diesen auf eine ­altmodische Küchenwaage legen zu wollen. Symbolisiert der Vogel das ­Leben und die Unmöglichkeit, dieses gegen andere Dinge abzuwägen? Niemals kann es der Frau gelingen, das kleine und ­lebendige Vögelchen auf der Waage abzusetzen, es würde augenblicklich davonflattern. Drei Figuren auf der rechten Bildseite halten unterschiedliche Gegenstände, eine knospende Pflanze, einen verkohlten Ast, ein ­Designerstück, die sie ratsuchend und respektvoll Justitia entgegenhalten. Was will der Künstler andeuten? Dass es Aufgabe von Justitita ist, ein salomonisches Urteil zwischen moderner Zivilisation und Natur zu fällen? Rauchs Gemälde lässt offen, wie sich Justitia entscheiden wird.

»Der böse Kranke«, eines von drei Bildern, die 2012 entstanden sind, zeigt einen auf ein winziges Maß zusammengeschrumpften Mann auf einem Krankenbett. Mehrere Männer sind um ihn herum versammelt, einige mit Stöcken bewaffnet, machen sich am Bett, das auf einem Holzstapel steht, zu schaffen. Erste Flammen züngeln, der Holzstapel droht, zum Scheiterhaufen zu werden. Das Bild ist zweigeteilt in eine menschenleere und eine von Menschen dominierte Hälfte. Wie in den meisten Werken Rauchs ist auch in diesem eine untergründige Bedrohung auszumachen.

Von Rosa Loy, Rauchs Ehefrau, sind zehn Bilder ausgestellt. Auf ihnen sind vor allem Frauen in unterschiedlichen Rollen zu sehen, Männer sind in der Minderheit.

Rosa Loy wurde 1958 in Zwickau geboren. Sie absolvierte ein Studium zur Gartenbauingenieurin sowie ein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Sie setzt sich in ihren Bildern häufig mit der Natur auseinander, malt gärtnerische Szenen: Das Bild »Schwester« zeigt im Vordergrund eine Frau, umgeben von üppiger Natur. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand weist die weibliche ­Figur auf diagonal hintereinander angeordnete Frauenköpfe. Die Gestalt im Vordergrund ist von einem Licht umgeben, das einem Heiligenschein gleicht. »Der Zeigegestus, welcher an Michelangelos Bilddetail ›Erschaffung Adams‹ in der Sixtinischen Kapelle erinnert, und die Anordnung der Köpfe, die einen Stammbaum erahnen lassen, deuten auf die Erschaffung einer weiblichen Ahnenlinie hin«, so die Erläuterung des Gemäldes im Katalog.

Die Künstlerin beschäftigt sich auch mit Mythen, Märchen und Mysterien. Sie bedient sich der Kaseinmalerei, einer seit dem 14. Jahrhundert bekannten Technik, die insbesondere in der Wand- und Fassadenmalerei eingesetzt wurde.

Religiöse Anklänge finden sich in dem Bild »Mondlicht«. Es weckt Assoziationen an Ikonen von der Madonna mit Kind. Die in einem dunklen, von einer Mauer umgebenen Terrain stehende Frau hält ein Kind in den ­Armen. Sein Körper zerrinnt nach ­beiden Seiten, löst sich in seinem Lichtschein auf. Im Hintergrund zwei kriegerische Gestalten mit blendenden Scheinwerfern. Mit dieser Darstellung hat die Malerin eine moderne Version des bethlehemitischen Kindermords gestaltet.

Rosa Loy und Neo Rauch malen figürlich, die Farben ihrer Bilder sind kräftig und leuchtend. Beide Künstler vermitteln ihre Botschaften verschlüsselt. Der Betrachter ist gut beraten, wenn er sich von den farbenprächtigen Werken in Bann ziehen lässt, sie als Bilder wahrnimmt und nicht dem Zwang verfällt, sie deuten zu müssen. Sie wecken Assoziationen und lassen Deutungen zu, behalten jedoch ihre Aussage geheim.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung ist bis 10. Februar in den Kunstsammlungen Chemnitz, Museum am Theaterplatz zu sehen. Geöffnet dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Luther feierte Neujahr gleich zweimal

7. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Brauchtum: Der lange Weg zur Einheit – Katholiken und Protestanten hatten einst unterschiedliche Kalender

Was den Kalender und den Jahresbeginn anbetraf, so herrschte im mittelalterlichen Europa ein heilloses Durcheinander. Ein Beitrag über den Siegeszug des ­Gregorianischen Kalenders.

Der Kalender teilt unsere Zeit in Tage, Monate und Jahre. Er ist meist am Sonnenlauf oder Mondstand orientiert. Zwölf Monate weist das Jahr heute aus, das gewöhnlich aus 365 Tagen besteht. Doch weil das Jahr einen Viertel Tag länger ist, schieben wir alle vier Jahre ein Schaltjahr ein. Jahresschluss ist der 31. Dezember, Jahresbeginn der 1. Januar. Silvester und Neujahr aber markierten diese Daten nicht immer.

Ausgestattet mit Kostümen aus Pflanzenteilen und Kuhglocken ziehen die sogenannten »Silvesterchläuse« am 13. Januar durch die Dörfer im schweizerischen Kanton Sankt Gallen. Der Brauch erinnert daran, dass auch in Europa das neue Jahr längst nicht immer am gleichen Termin begann. Foto: picture alliance

Ausgestattet mit Kostümen aus Pflanzenteilen und Kuhglocken ziehen die sogenannten »Silvesterchläuse« am 13. Januar durch die Dörfer im schweizerischen Kanton Sankt Gallen. Der Brauch erinnert daran, dass auch in Europa das neue Jahr längst nicht immer am gleichen Termin begann. Foto: picture alliance

»Silvesterchläuse« nennt sich der bunte Maskentrupp, der noch heute jährlich am 13. Januar singend und lärmend durch die Täler im Schweizer Kanton Appenzell streift. Dann erst nämlich feiert das protestantische ­Urnäsch dort den Jahresschluss. Der eidgenössische Mummenschanz ist für jeden sichtbarer Beleg, dass der Jahresbeginn nicht immer gleich war. Schon in der Steinzeit hatten die Menschen ihr Leben an Phänomenen wie der Tagundnachtgleiche oder der Winter- und Sommersonnenwende orientiert. Zu den ersten ­richtigen Kalendermachern gehörten schließlich Babylonier und Ägypter. Auch Juden und Römer hatten ihre ­eigene Zeitrechnung.

Das römische Jahr begann am 1. März

So begann das römische Jahr einst am ersten März. Daran erinnern bis heute unsere Monatsnamen. So wurde der siebte Monat zum September, der achte zum Oktober und der zehnte zum Dezember. Januar und Februar gab es damals im Kalender offiziell nicht, da in dieser Zeit nicht gearbeitet wurde. Sogenannte »ungezählte Tage« füllten diese Lücke. Erst anno 720 vor Christus traten Januar und Februar an ihre Stelle. Mit 355 Tagen aber war das Jahr damals erheblich kürzer als heute, sodass man alle zwei Jahre mitten in den Februar einen Schaltmonat setzte. Ein kompliziertes und vom Volk kaum verstandenes Kalendersystem!

Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts wurde der Kalender reformiert, der Jahresbeginn auf den ersten Januar gesetzt. Doch die römischen Herrscher verlängerten oder kürzten immer wieder den Jahreslauf nach Gutdünken, ehe Julius Cäsar dem Wirrwarr ein Ende machte. Um das altrömische Jahr von seinen zehn Schalttagen zu befreien, verlängerte er die einzelnen Monate und fügte einmalig zwei Schaltmonate von zusammen 67 Tagen in den Kalender ein. Damit war der Julianische Kalender geboren, der aus dem Mondjahr endgültig ein Sonnenjahr gemacht hatte.

Festlegung des Geburtsfestes Christi

Die römischen Provinzen aber feierten den Jahreswechsel unterschiedlich weiter. So terminierte man in Kleinasien den Jahresbeginn auf den 23. September, den Geburtstag des Kaisers Augustus. In Ägypten fiel das Neujahrsfest auf den 29. August, an dem die Koptische Kirche im Oberen Niltal noch heute ihr liturgisches Jahr beginnt.

Aber auch im Kern Europas war der Jahresauftakt nicht einheitlich: Nachdem die Kirche im 4. Jahrhundert die Geburt Jesu auf den 25. Dezember festgelegt und damit die Grundlagen für unser Weihnachtsfest geschaffen hatte, galt in den kirchlichen Kanzleien der Geburtstag des Herrn als Neujahrstag. Vermutlich wollte die Kirche mit der Festlegung des Geburtsfestes Christi auf den 25. Dezember die am gleichen Tag stattfindenden Feiern zu Ehren des heidnischen Sonnengottes Mithras abwerten, den vor allem die römischen Soldaten verehrten. Der Feiertag für den Sonnengott wurde zum »Geburtstag der unbesiegbaren Sonne« umgedeutet, mit der damals Christus gemeint war.

Den Konflikt um den Beginn des Jahres aber löste auch die Festsetzung des Christ-Geburts-Festes nicht. Im Gegenteil: Während in den meisten deutschen und polnischen Erzbistümern, in Oberitalien, Ungarn und der Nordschweiz, Weihnachten zum neuen Jahresanfang wurde, fiel er in Teilen Frankreichs, später auch in England auf den 25. März, den Tag Mariä Verkündigung. Die Engländer hielten an dieser Zählung übrigens bis 1752 offiziell fest. Ähnlich ging es im Bistum Lausanne und im niederländischen Delft zu, wo man ebenfalls, wie in weiten Teilen Spaniens und Portugals, den 25. März als Neujahrstag feierte. Wieder eine andere Jahreseinteilung gab es in Köln, wo Kurienbeamte den Jahresauftakt auf Ostern gelegt hatten – eine Zählung, der sich Frankreich, Burgund, das Bistum Genf und Teile der Niederlande anschlossen.

Der von den heidnischen Römern bestimmte 1. Januar jedenfalls, darin waren sich fast alle Länder einig, war als Jahresauftakt eines Christenmenschen unwürdig. Eine Meinung, die 576 auch das Konzil von Tours teilte, das jedem, der an diesem Datum festhielt, mit der Exkommunikation drohte. Erst im 13. Jahrhundert besannen sich die ersten deutschen Städte auf die Vorzüge des Julianischen Kalenders. Zuerst Frankfurt, dann auch Münster und Augsburg. Länder wie Frankreich und die Spanischen Niederlande folgten. Für Martin Luther gab es deshalb gleich zwei Jahresanfänge, einen weltlichen am 1. Januar (»newer iars tag«) und einen geistlichen am 6. Januar, dem Fest der Taufe Jesu (»unsers Herrn Tauftag, der recht New jars tag«).

Um 11 Minuten und 14 Sekunden zu lang

Der Julianische Kalender aber hatte das Problem, dass nach seiner Rechnung das Jahr um 11 Minuten und 14 Sekunden zu lang war, was zu einer zunehmenden Abweichung vom Sonnenlauf führte. Papst Gregor XIII. schuf deshalb einen neuen Kalender, bei dem auf den 4. Oktober (julianisch) anno 1582 direkt der 15. Oktober (gregorianisch) folgte. Allerdings nahmen anfangs nur die katholischen Länder – voran Spanien, Portugal, Italien und Polen – die Reform an. Frankreich und Lothringen folgten. Die Niederlande konnten sich nicht eindeutig entscheiden – und in Skandinavien hörte ohnehin kaum jemand auf den Papst. Auch im Deutschen Reich war der Widerstand der Protestanten gegen den Gregorianischen Kalender groß. Folglich feierten Katholiken und Protestanten nebeneinander her, fand Weihnachten in katholischen Haushalten zehn Tage vor dem Fest in protestantischen Familien statt. Schließlich legten die protestantischen deutschen Fürsten einen eigenen »verbesserten Kalender« vor, den auch die protestantischen Kantone der Schweiz und die Skandinavier schließlich übernahmen.

Ausdehnung der Woche auf zehn Tage
Heillos durcheinander waren im Mittelalter so Europas Kalender. Auch als Papst Innozenz XII anno 1691 den Jahresbeginn seitens der katholischen Kirche offiziell auf den 1. Januar festlegte, bestärkte das die protestantischen Regionen erneut in ihrer Ablehnung des päpstlichen Kalenders. Zuletzt starteten die Franzosen eine Kalenderreform, deren Revolutionstruppen 1793 gesetzlich eine neue Jahreseinteilung verfügten. Zwölf Monate mit jeweils 30 Tagen hatte ihr Kalender, dem fünf (in Schaltjahren sechs) Tage angehängt wurden. Zum Jahresbeginn wurde die herbstliche Tagundnachtgleiche Mitte September bestimmt. Außerdem wurde die Woche auf zehn Tage ausgedehnt, der Tag nicht mehr in 24, sondern nur noch in zehn Stunden eingeteilt, die aus je 100 Minuten bestanden.

Doch schon wenig später musste Napoleon den Kalender und seine ­Dezimaluhr wieder abschaffen, hatten sich doch Bauern und Handwerker nicht mit der langen Arbeitswoche abfinden können. Auf Dauer war so der Siegeszug des Gregorianischen Kalenders nicht zu stoppen, zumal die päpstliche Kalenderreform auch auf der anderen Seite der Erdkugel immer mehr Wirkung zeigte. Japan rechnet seit 1872 gregorianisch, Griechenland seit 1923. Türken, Ägypter und Araber übernahmen 1972 die gregorianische Zählweise. Spätestens als China 1949 die neue Zeitrechnung einführte, war der 1. Januar rund um die Welt zum Neujahrstag geworden.

Günter Schenk

Es gibt ein Leben jenseits des Gartenzaunes

6. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Seit Monaten habe ich das Hohelied der Gärtnerei gesungen als Heilmittel für Leib und Seele, Quelle mannigfacher Freuden, als Spiegelbild des menschlichen Lebens und ein Stück Eden für jeden. Es wird Zeit zu sagen, dass ein Garten zwar schön und nützlich ist und dass es weit weniger sinnvolle Freizeitbeschäftigungen gibt, als abends zu schauen, was tagsüber gewachsen ist. Aber wenn es so weit kommt, dass umgraben und säen, Unkraut jäten, Blumen gießen und Gemüse ernten wichtiger werden als die Sorgen und Freuden der Mitmenschen nebenan und anderswo – dann ist die rote Linie überschritten. »Macht aber nicht, liebe Leute, dass euch die große Massenwelt fatal werde, weil die kleine Samen- und Baumwelt so niedlich ist«, schreibt der Theologe und Humanist Johann Gottfried von Herder an Karl Ludwig von Knebel im Mai 1785. Und er dichtet: »Die Blume, die der Erd entblüht, war meiner ersten Jugend Lied; bis ich die edlere erkannt, die uns der Himmel zugewandt. Fortan sei ihr mein Lied geweiht, der schönsten Blume, Menschlichkeit.«

Christine Lässig

Christine Lässig

Natürlich hat er recht: Was sind die Sorgen und Freuden diesseits des Gartenzauns gegen die großen Themen der Menschheit wie Krieg und Frieden, Armut und Hunger, Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Es geht beim Radieschen säen nicht um Leben und Tod, wenigstens nicht um den von Menschen. Und was bringt ein Vorzeigegarten, der alle Kräfte beansprucht und davon abhält, sich sozial zu engagieren? Was nützen üppige Blumenbeete, wenn kein Mensch kommt, der sie mit mir bewundert. Man muss im Zweifelsfall Schwerpunkte setzen – Humanität ist wichtiger als Pflanzenliebhaberei. Ein Garten ist nicht der Mittelpunkt der Welt.

Wer will bestreiten, dass es ein Leben jenseits von Kieswegen und ­Komposthaufen gibt. Aber man muss ja nicht beides gegeneinander ausspielen. Warum nicht die »Blume, die der Erd entblüht« mit der »schönsten Blume Menschlichkeit« in einem Strauß zusammenbinden. Herder hat sich auch noch im Alter über den Duft seiner Rosen gefreut und gleichzeitig das Seine getan, um die Welt besser zu machen. Man kann das eine tun und braucht das andere nicht zu lassen. So gesehen bleibt die Gärtnerei auch im neuen Jahr mein Thema.

Christine Lässig