Das Licht der Welt

27. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Umwelt: Immer mehr wird infolge wachsenden Wohlstandes die Nacht zum Tag gemacht – doch die Lichtfülle hat ungeahnte Folgen


Licht steht als Metapher für Leben, für Wahrheit und Reinheit. Ebenso für Gemütlichkeit, Geborgenheit und Sicherheit. Doch zunehmend macht ein Problem mit dem Namen Lichtverschmutzung von sich reden.

Das Motiv sieht man gern auf Postkarten: Ein heimeliges Häuschen in verschneiter Landschaft, nur ein Fenster vom warmen Licht erleuchtet, darüber ein blinkender Sternenhimmel. Schöne Idylle. Nur leider kaum noch real zu fotografieren. Jedenfalls nicht in Mitteleuropa. Es fängt schon bei der Hausbeleuchtung an. Zumindest aus dem Badezimmer dringt das kalte Licht einer Leuchtstoffröhre. Dazu kommen Außenlampen und die beleuchtete Hausnummer. Straßenlaternen senden entlang der Zufahrt ihr orangenes Licht in die Nacht und spätestens ab dem ersten Advent prangen Bäume und Sträucher des Vorgartens, Dachgiebel und Hausfassade im Glanz endloser Lichterketten.

Getreu dem Motto »viel hilft viel«, versuchen wir »Stimmung« zu produzieren. Auf dem Weimarer Weihnachtsmarkt etwa werden Händler von den städtischen Ordnungskräften ermahnt, wenn nicht alle Lichterketten des Verkaufsstandes leuchten – auch am hellen Tage wohlgemerkt! Die Lichterketten der Stadt brennen selbstverständlich Tag und Nacht. Wir haben es ja!

Die nächtliche Erde vom Weltraum aus gesehen: Die Lichtfülle in den industriellen Ballungs-­zentren wird zu einem ­zunehmenden Problem – nicht nur wegen des Energieverbrauchs und der verminderten Sicht auf den nächtlichen ­Sternenhimmel. – Foto: NASA Earth Observatory

Die nächtliche Erde vom Weltraum aus gesehen: Die Lichtfülle in den industriellen Ballungs-­zentren wird zu einem ­zunehmenden Problem – nicht nur wegen des Energieverbrauchs und der verminderten Sicht auf den nächtlichen ­Sternenhimmel. – Foto: NASA Earth Observatory

Wie sehr wir und andere »es« haben oder auch nicht, zeigt die amerikanische Weltraumbehörde NASA mit ihren neuesten Bildern der nächtlichen Erde. Aus Hunderten hochaufgelösten Satellitenbildern zusammengesetzt, zeigen sie die Zentren des künstlichen Tages – und damit auch des globalen Energieverbrauchs. Natürlich leuchtet Europa. Natürlich hebt sich Nordamerikas Ostküste hell ab. Aber auch Teile Indiens und Chinas, Japan oder das ägyptische Nildelta tragen zu dem Phänomen bei, das Wissenschaftler inzwischen als Lichtverschmutzung bezeichnen.

Zwar ist ein Lichtstrahl an sich zunächst unsichtbar, sobald er jedoch auf einen Gegenstand trifft, leuchtet dieser auf. Und in der Erdatmosphäre befinden sich, selbst wenn sie klar erscheint, immer kleinste Staubkörnchen und Wassertröpfchen. Sie werfen das von den Städten und Ballungsräumen abgestrahlte Licht zurück. Bei dichteren Dunstschichten entstehen oft richtige Lichtkuppeln.

Andreas Hänel kann ein Lied davon singen. Der promovierte Astronom leitet das Planetarium im Museum am Schölerberg der Universität Osnabrück. Bei Vorführungen erinnerten sich besonders ältere Menschen, dass sie schon lange keinen solchen Sternenhimmel mit dem Band der Milchstraße mehr gesehen haben.

Was durchaus nicht der üblichen Verklärung vergangener Zeiten geschuldet ist: Waren früher bis zu 2500 Sterne mit bloßem Auge zu sehen, sind es heute meist nur noch 200 bis 500, in Großstädten oft sogar nur noch ein paar Dutzend … »Die Lichtverschmutzung nimmt etwa im gleichen Maße zu, wie der Flächenverbrauch durch Bebauung«, konstatiert Hänel.

Denn: »Alles, was gebaut wird, wird auch beleuchtet.« Nicht nur Straßen und Gehwege, auch moderne Brückenkonstruktionen und historische Stadtensembles, abgelegene Burgen und der Kirchturm im Dorfe. Gerade die Kirchen, so Hänels Beobachtung, hätten in den letzten Jahren beleuchtungstechnisch stark aufgerüstet. Zudem zeige sich immer mehr eine verhängnisvolle Denkfolge beim Einsatz von Energiesparlampen: Weil es doch so wenig kostet, wird mehr Licht eingesetzt und das Ausschalten »lohne sich ja gar nicht mehr«.

Die Lichtverschmutzung hat Folgen. Nicht nur für den Energieverbrauch. Nicht nur, dass Wissenschaftler zur Sternbeobachtung in abgelegene Gebiete Südamerikas oder auf atlantische Inseln ausweichen müssen. Auch nachtaktive Tiere werden in der Nahrungssuche erheblich gestört oder sogar, wie die Glühwürmchen, in ihrer Fortpflanzung gehindert. Zugvögel verlieren ob der Lichtfülle die Orientierung. Pflanzen benötigen für ihre Fotosynthese den Wechsel zwischen Tag und Nacht.

Und selbst der Mensch ist von seiner Natur her auf den Rhythmus von Licht und Dunkelheit angewiesen. Nicht umsonst gehört die ständige Beleuchtung von Gefängniszellen zu den probaten Mitteln, Menschen gefügig zu machen … Doch auch im Alltag beobachten Mediziner immer häufiger einen gestörten Biorhythmus und eine veränderte Hormonproduktion infolge ständiger Lichtanwesenheit.

Hänel gehört deshalb einer Initiative an, die sich »Dark Sky« (Dunkler Himmel) nennt. Sie will die nächtlichen Lichter nicht einfach ausknipsen, aber »über die Folgen aufklären und für einen vernünftigen Umgang mit dem künstlichen Licht werben«. Zum Beispiel durch bessere Konstruktion von Straßenlampen, die weniger Licht in die Atmosphäre streuen. Oder durch den Einsatz lichtbündelnder Scheinwerfer zur punktgenauen Beleuchtung etwa von Kirchtürmen. Und durch Zeitbegrenzungen bei der Beleuchtung von Straßen, Plätzen oder Bauwerken. Denn Fakt ist: Die biblischen Weisen aus dem Morgenland hätten derzeit in Mitteleuropa kaum eine Chance, den Stern von Bethlehem zu sehen und »das Licht der Welt« zu finden.

Harald Krille

www.lichtverschmutzung.de

Poet und Freund der Kinder

26. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Ein Weimarer Dichter und Sozialpädagoge schuf eines der bekanntesten Weihnachtslieder Deutschlands


»O du fröhliche« war ein sizilianisches Schifferlied. Dass die Melodie von Palermo nach Deutschland kam und zum Weihnachtslied wurde, hängt mit dem Wirken von Johannes Daniel Falk zusammen.

Das Lied kennt jeder, und manche mögen es sogar lieber als das unsterbliche »Stille Nacht«: Anders als die innig-zarte Weise aus dem Alpenland steht »O du fröhliche« für die ausgelassene, strahlende Seite des Festes. Kein Wunder, entpuppt sich die ebenso muntere wie feierlich-getragene Melodie doch als sizilianisches Schiffer- oder Hochzeitslied. Aber wer hat es nach Deutschland gebracht und mit dem weihnachtlichen Text versehen? Es waren der Weimarer Dichter, Theologe und Kulturphilosoph Johann Gottfried Herder und ein Privatgelehrter der pädagogischen Wissenschaft namens Johannes Daniel Falk, der ebenfalls in Weimar lebte, etwas schwerfällige Verse verfasste – und als Begründer der Sozialarbeit mit Jugendlichen gilt.

Johann Daniel Falk, Gemälde von Louise Seidler, um 1805. – Foto: Wikipedia

Johann Daniel Falk, Gemälde von Louise Seidler, um 1805. – Foto: Wikipedia

Der Vater, ein Perückenmacher, brachte nicht viel Verständnis für die poetische Leidenschaft seines 1768 in Danzig geborenen Sprösslings auf. Zum Glück fand sich irgendein Lehrer, der die Danziger Ratsherren auf den begabten Jungen aufmerksam machte; sie bezahlten ihm den Besuch des Gymnasiums und schickten ihn sogar auf die Universität Halle. Als er dort sein Theologie- und Sprachenstudium begann, bekam der junge Mann bald massive Schwierigkeiten: In den literarischen Zirkeln, wo er verkehrte, schimpfte man kräftig auf die kommunale Kulturpolitik und den bezopften Geschmack der Ratsherren. Falk verärgerte die Honoratioren mit boshaften Spottversen. Der Herr Student solle erst einmal etwas lernen, statt Satiren zu verfassen, befand der großmächtige Rat und wies den jungen Falk aus Halle aus.

In Weimar, wo er freundliche Aufnahme bei Geistesgrößen wie Goethe, Wieland, Herder fand, äußerte sich Falk erheblich vorsichtiger. Pfarrer wollte er nicht mehr werden, die Theologie war ihm viel zu verkopft erschienen und der Gelehrtenstreit über Bibelauslegung und Philosophie hatte ihn abgestoßen. Falk schrieb viel, zahllose Gedichte, ein »Geheimes Tagebuch«, ein einfühlsames Porträt seines großen Gönners mit dem Titel »Goethe aus näherem persönlichen Umgang dargestellt«.

Alle diese Produkte seiner Feder sind heute vergessen, bis auf das international bekannte Weihnachtslied, und sie brachten ihm auch damals weder großen Ruhm noch viel Geld. Die Schriftstellerei sei doch eine »recht lumpige Sache«, stellte er fest und fristete sein Leben als Privatlehrer und –gelehrter. Bis 1806 die Kriegsfurie über das stille Weimar hereinbrach: Flüchtlingsfamilien in panischer Angst, zersprengte Haufen der preußischen Armee, schließlich die siegreichen napoleonischen Truppen, 50000 Mann stark, eine zerstörerische, raubgierige, gewalttätige Soldateska. Da wurde aus dem verträumten Privatgelehrten plötzlich ein Held, ein kaltblütiger Verteidiger von Bürgerrechten, dazu ein geschickter Organisator: Falk stellte sich den Marodeuren entgegen, trieb Lebensmittel und Quartiere auf, um sie vom Plündern abzuhalten. Für die Kriegskrüppel, Obdachlosen und Hungernden leitete er Hilfsmaßnahmen in die Wege. Als wieder Friede war, machte ihn der Weimarer Herzog voller Respekt zum Legationsrat mit festem Gehalt, das konnte der Vater von sieben Kindern gut gebrauchen.

1813 kamen die französischen Truppen ein zweites Mal – und mit ihnen eine Typhus-Epidemie. Die Falks verloren vier ihrer Kinder, Johannes selbst erkrankte auf den Tod. Als er wieder aufstehen konnte, war er nach eigener Aussage »vom Satiriker zum Christen« geworden und hatte gelernt, sein persönliches hartes Schicksal zu verwandeln: in praktisch geübte Barmherzigkeit. Falk öffnete sein Haus für die halb verhungerten, verwahrlosten Waisen, die mit Napoleons Soldaten durch die Lande zogen. Er mietete einen leer stehenden Hof, richtete ihn als Schule ein, suchte und fand Pflegefamilien, vermittelte den Halbwüchsigen Lehrstellen bei Weimarer Handwerksmeistern, die den tapferen Falk schätzten und seinen Schützlingen einen Vertrauensvorschuss einräumten.

Die »Gesellschaft der Freunde in der Not«, die Falk 1813 für seine kleinen Streuner gründete, war vermutlich die erste sozialpädagogisch orientierte Bürgerinitiative Deutschlands. Eine heruntergekommene Weimarer Grafenburg wurde gemeinsam mit den älteren, handwerklich geschulten Kindern restauriert. Weil Martin Luther einmal in dem Schlösschen übernachtet hatte, bekam das Kinderheim den Namen »Lutherhof«.

Die Erziehung hier folgte freiheitlichen, höchst modernen Prinzipien, und weil der Kinderfreund seine Ideen durch eine ausgedehnte Korrespondenz und viele Artikel verbreitete, konnte er die Gründung ähnlicher »Rettungshäuser« in anderen Städten erleben. Am bekanntesten wurde das von Pastor Johann Hinrich Wichern errichtete »Rauhe Haus« in Hamburg.

Die Inschrift des Grabsteins auf dem Weimarer Friedhof stammt von ­Johannes Daniel Falk selbst. – Foto: Harald Krille

Die Inschrift des Grabsteins auf dem Weimarer Friedhof stammt von ­Johannes Daniel Falk selbst. – Foto: Harald Krille

Im »Lutherhof« ist angeblich auch das strahlend schöne Weihnachtslied »O du fröhliche« uraufgeführt worden, von den Knaben, die hier eine Heimat gefunden hatten. Die Melodie soll auf das sizilianische Schifferlied »O sanctissima, o piissima dulcis virgo Maria« (O du heiligste, überaus fromme, süße Mutter Maria) zurückgehen, das der Weimarer kosmopolitisch denkende Pädagoge und Superintendent Johann Gottfried Herder 1788 auf einer Reise nach Palermo von Fischern hörte. Herder sammelte Lieder aus allen Nationen und machte auch Shakespeare in Deutschland bekannt. Nach einer anderen Version war die Weise als Hochzeitslied in Süditalien gebräuchlich.

Den Liedtext hatte Johannes Daniel Falk ursprünglich 1816 als universal verwendbare Hymne für Weihnachten, Ostern und Pfingsten geschrieben, »Allerdreifeiertagslied« genannt: je eine Strophe für jedes Fest. Zum Ohrwurm wurde lediglich die erste, die Weihnachtsstrophe, von seinem Mitarbeiter Heinrich Holzschuher – an den unfairerweise niemand mehr denkt – 1819 um zwei weitere ergänzt. Die Menschen verliebten sich jedenfalls sofort in »O du fröhliche«: Der sonst eher spröde Geheimrat Goethe gestand, er sei vom »schlichten Glanz« des Liedes »hingerissen«.

Zu diesem Zeitpunkt war Johannes Daniel Falk, der bescheidene Poet und energische Kinderfreund, schon tot. Am 14. Februar 1826 war er an einer Blutvergiftung gestorben, erst 58 Jahre alt. Die volkstümliche, wenn auch barock lehrhafte Inschrift des Grabsteins auf dem Weimarer Historischen Friedhof klingt, als hätte er selbst sie geschrieben – und das hatte er tatsächlich getan, Jahre zuvor auf einem Ritt durch das Rheinland:

Als Falk auf dem Sterbebett sein Testament und darin auch seine Grabschrift diktierte, hatte die vierte Zeile noch anders gelautet: »Kinder, die aus fremden Städten«. Man darf darin das bewusste Zeugnis eines weiten Geistes sehen, der gegen den Willen der Obrigkeit in seinen »Lutherhof« auch Waisen aus anderen Regionen und Ländern aufgenommen hatte.

Christian Feldmann

Literaturempfehlungen
Dietsch, Ingrid: Da fühlst du einmal meine Last. Vom Alltag der Caroline Falk in Weimar 1797-1841, Wartburg Verlag, 268 S., ISBN 978-3-86160-154-0, 8,35 Euro
Stapff, Ilse-Sibylle: Historische Grabstätten in Weimar. Jakobskirche, Jakobsfriedhof und historischer Friedhof, Wartburg Verlag, 43 S., ISBN 978-3-86160-157-9, 1,50 Euro

Ein »schwäbisches« Bethlehem

24. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Weihnachten: Jesus wurde in Bethlehem geboren – doch im Heiligen Land gibt es gleich zwei Orte dieses Namens


Bethlehem, wenige Kilometer von Jerusalem entfernt, gilt als Geburtsort Jesu. Doch manche meinen, dass der historische Geburtsort woanders lag.

Im Jahr 1906 gründeten Mitglieder der Tempelgesellschaft aus Württemberg in der damaligen osmanischen Provinz Palästina ihre zwei letzten landwirtschaftlichen Siedlungen. Sie hießen Betlehem und Waldheim. Während sich der Name Waldheim auf die Eichenwälder in der Nähe der Siedlung, auf halbem Weg zwischen Haifa und Nazareth gelegen, bezog, griffen die Templer mit Bethlehem einen alten Namen auf, der bei den einheimischen Arabern schon bekannt war.

Nach den Evangelien ist Jesus in Bethlehem, in der Stadt Davids in Judäa, geboren. Mit dieser Stadt Davids ist die heutige Stadt Bethlehem im palästinensischen Westjordanland, zehn Kilometer südlich von Jerusalem, gemeint. Allerdings gibt es Wissenschaftler und Theologen, die auch den Ort Betlehem in Galiläa, heute ein kleiner israelischer Moschav (Gemeinschaftssiedlung) mit etwa 300 Einwohnern, zehn Kilometer nordwestlich der Stadt Nazareth, mit der Geburt Jesu in Verbindung bringen.

Zweimal Bethlehem – aber welches ist das Richtige?
Der erste namhafte Theologe, der diese These vertrat, war der bekannte jüdische Talmud- und Midrasch-Spezialist Joseph Klausner (1874–1958), Großonkel des israelischen Schriftstellers Amos Oz. Klausner war auf Bethlehem in Galiläa aufmerksam geworden, weil dieser Ort im Talmud und in der jüdischen Midrasch-Literatur vorkommt. Bereits im Alten Testament bei Josua 19, Vers 15 wird ein »Betlehem« als ein Ort im Gebiet des Stammes Sebulon erwähnt, ebenso später wieder in Richter 12, Vers 8 und 10.

Archäologischer Streit hin oder her – in Bethlehem bei Jerusalem wird in diesem wie in jedem Jahr Weihnachten rund um Geburtskirche und Krippenplatz bunt und laut gefeiert. – Foto: picture alliance/landov

Archäologischer Streit hin oder her – in Bethlehem bei Jerusalem wird in diesem wie in jedem Jahr Weihnachten rund um Geburtskirche und Krippenplatz bunt und laut gefeiert. – Foto: picture alliance/landov

In den letzten Jahren wurde die Theorie von der Geburt Jesu im galiläischen Betlehem wieder von Aviram Oshri aufgegriffen, der im Auftrag der israelischen Altertums-Gesellschaft zwischen 1992 and 2003 archäologische Grabungen in Betlehem in Galiläa durchgeführt hat. Aus diesen Grabungen geht hervor, dass zur Zeit Jesu Betlehem in Galiläa eine bedeutende Stadt war, während es gerade aus dieser Zeit keine archäologischen Befunde gibt, die für Bethlehem in Judäa als Geburtsort Jesu sprechen.

So hat Aviram Oshri bei seinen Grabungen neben einer Synagoge auch die Fundamente einer großen byzantinischen Kirche (45 mal 25 Meter) und eines Klosters frei gelegt. Oshri vertritt wie Klausner die Theorie, dass im Heiligen Land, zumindest in der vorkonstantinischen Zeit, zwei verschiedene Traditionen von Geburtsorten Jesu nebeneinander existiert haben. Die christliche Präsenz in Betlehem/Galiläa ist mit der Eroberung des Heiligen Landes durch die Perser 614 und 50 Jahre später durch die Araber zu Ende gegangen.

Oshry glaubt auch, dass die württembergische Sekte der Templer, die seit 1861 in Palästina siedelte, weil sie dort das Ende der Zeiten erwartete, 1906 ihre Siedlung auf den Ruinen des galiläischen Betlehem aufbaute, weil sie dort den Geburtsort Jesus vermutete. Die Templer wurden später wegen des Vorwurfs der Kollaboration mit den Nazis aus Israel ausgewiesen und fanden in Australien eine neue Heimat. Der heutige jüdische Moschav Beit Lehem Ha‘glilit wurde zunächst neben die Templersiedlung gebaut, im Laufe der Zeit nutzten die Moschavbewohner jedoch auch die leer stehenden Häuser der Templer.

Es gibt Argumente für Bethlehem in Galiläa
Matthäusevangelium und Lukasevangelium berichten von Jesu Geburt in Bethlehem, der Stadt Davids. Das älteste Evangelium, das des Markus, kennt diese Überlieferung nicht und spricht nur von seiner Heimat Nazareth, ebenso hält es das Johannesevangelium. Die Erzählungen im Matthäus- und Lukasevangelium sind wohl als Glaubensaussagen über die Davidssohnschaft und Messianität Jesu zu verstehen, weil König David in Bethlehem in Judäa geboren wurde. Auch der renommierte Historiker Alexander Demandt hält in seinem Buch »Sternstunden der Geschichte« den Geburtsort Jesus für unhistorisch.

Und Aviram Oshry gibt neben den archäologischen Argumenten auch medizinische Gründe an, die für eine Geburt Jesus in Galiläa sprechen. Demnach hielte eine hochschwangere Frau einen Fußmarsch oder einen Ritt auf einem Esel von etwa 150 Kilometern, das ist die Entfernung von Nazareth nach Bethlehem in Judäa, nicht ohne Fehlgeburt aus. Die zehn Kilometer von Nazareth ins galiläische Betlehem hätte die hochschwangere Maria aber bewältigen können.

Bodo Bost

Lasst uns einander gnädig sein

24. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Betrachtung über die Hirten, denen zuerst die Botschaft von der Geburt des Heilandes der Welt zugekommen ist

Wie waren sie? Sie werden oft als fromme und brave Leute dargestellt – als »die redlichen Hirten«, die sich während der Nachtwache tiefgründige religiöse Gedanken über die alten Weissagungen machen und so innerlich vorbereitet sind auf das himmlische Geschehen. Man möchte so immer auch ein bisschen frömmelnd begründen und einleuchtend machen, warum denn gerade diesen Feld-, Wald- und Wiesen-Burschen als Ersten die Botschaft von der Geburt des Heilands der Welt durch die himmlischen Heerscharen zugekommen ist.

Im Judentum der Zeitenwende galten Hirten gerade nicht als redlich, sondern als notorisch unredlich, als Räuber und Betrüger, als Strolche und Tagediebe. Hirten waren den Hohenpriestern und Schriftgelehrten – den damaligen Predigern und religiösen Hierarchen – genauso suspekt und verdächtig wie Zöllner und Steuereintreiber. So wie diese ständig in der Versuchung lebten, in die eigene Tasche zu wirtschaften und den Leuten mehr Geld abzunehmen als vorgeschrieben, so standen Hirten allezeit in der Versuchung, das Eine oder Andere vom Ertrag der Herde zu ihren eigenen Gunsten und zur Linderung ihrer Armut zu unterschlagen. Darum gab es zu jener Zeit »im jüdischen Lande« ein Gesetz, das verbot, von dem Gesindel Wolle, Milch oder Kleinvieh zu kaufen. Ja, die Hirten waren damals so fragwürdige und verdächtige Existenzen, dass ihnen per se die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt waren: Hirten durften beispielsweise nicht das Richteramt bekleiden und wurden als Zeugen vor Gericht gar nicht erst zugelassen. Schon überhaupt nicht wären sie in den Bethlehemitischen Rotary-Club aufgenommen oder in ein ehrbares Stadtparlament gewählt worden, wenn es so etwas damals gegeben hätte.

Sie würden heute in keinen Rotary-Club aufgenommen: Die Hirten von Bethlehem beten das Christkind an. Eine um 1850 entstandene Schnitzerei aus dem aus der Region Oberammergau. – Foto: Wikipedia/Andreas Praefcke

Sie würden heute in keinen Rotary-Club aufgenommen: Die Hirten von Bethlehem beten das Christkind an. Eine um 1850 entstandene Schnitzerei aus dem aus der Region Oberammergau. – Foto: Wikipedia/Andreas Praefcke

Wer sich die gesellschaftliche Außenseiterstellung der Hirten vor Augen führt, der ahnt, wie unerhört es ist und war, dass Lukas sagt, gerade Hirten sei es zuerst und vor allen anderen verkündigt worden: »Euch ist heute der Heiland geboren.« – Hier allerdings wird schon im ersten Anfang der irdischen Existenz Jesu vorweggenommen, was später von ihm gesagt wurde und was ihn letztlich ans Kreuz gebracht hat – seine Gemeinschaft mit den Gottlosen. »Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen!« Das ist das Wort der frommen Feinde Jesu, die den Skandal seiner Nähe zu den Geächteten und seine Lebensgemeinschaft mit den Gottlosen nicht ertragen und ihn darum selber der Gottlosigkeit und Gotteslästerung bezichtigen, was dann zum entscheidenden Grund für die Todesstrafe seiner Kreuzigung wird.

Das jedoch ist nun zur Weihnacht in der Hirtenperspektive die uneingeschränkt Frohe Botschaft für alle, für alle Redlichen oder Unredlichen, für alle großen und etwas weniger großen Sünder: »Euch – ja, euch, den Hirten und so euch allen – ist heute der Heiland geboren!«

Gott ist Euch allen gnädig, wie er es den Hirten von Bethlehem war und ist, und mir, ist er es auch – in dem Kind der Maria, dem Sohn Gottes, in dem wahren Menschen, der geboren ist, und in dem wahren Gott, der in Windeln gewickelt in der Krippe liegt. Gott ist Euch gnädig – in ihm. Deshalb seid dieser Tage auch zueinander ein bisschen gnädig, etwas gnädiger als sonst:

Denn wenn für Dich und mich und für die, denen Du und ich etwas zu vergeben haben, gleichermaßen gilt – wie es den ungnädigen Hirten und Herren und Damen zu Bethlehem galt: »Euch ist heute der Heiland geboren!«, dann ist doch auch heute kein menschliches Leben so aussichtslos und verwirkt, so verraten und verdorben, so besorgt und verärgert, so schwach und krank, dass wir es nicht mehr gnädig achten dürften und könnten. Lasst uns darum alle einander gnädig sein, etwas gnädiger als sonst, denn Gott gnade uns, wie er den Hirten gegnadet hat. Denn so war es doch – am Ende der Heiligen Nacht, als sie umkehrten und den Gott Israels priesen und lobten – , dass aus fernen und gottlosen Hirten in der Weihnachtsnacht begnadete Menschen wurden. Johannes Calvin, der Genfer Reformator, nennt in seiner Auslegung von Lukas 2,8 den begnadeten Stand, zu dem es die Hirten in der Nacht gebracht haben: »Wollen wir also zu Christus kommen, darf es uns nicht verdrießen, denen zu folgen, die Gott zur Beschämung menschlichen Hochmuts von den Herden wegnahm und uns zu Lehrern einsetzte.« Wie sollten wir, die wir von diesen Lehrern so viel lernen können, nicht auch selber gnädiger werden und sein können?

Rolf Wischnath

Der Autor lehrt Theologie an der Universität Bielefeld.

Zwischen Krieg und Frieden

18. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Kongo: Selbstsüchtige Politiker, Rebellen, marodierende Soldaten und der Kampf um Bodenschätze


Seit Jahren versinkt die Demokratische Republik Kongo in Korruption, Bürgerkrieg und Anarchie. Ein Kirchenführer, der für die Menschen eintritt, erhielt nun den Weimarer Menschenrechtspreis.

Es könnte eines der reichsten Länder Afrikas, wenn nicht der Welt sein. Die heutige Demokratische Republik Kongo verfügt über Bodenschätze in Hülle und Fülle: Gold und Kupfer, Zinn, Erdöl, Diamanten und viele wertvolle Mineralien, unter anderem Coltan, das für die Herstellung von Mobiltelefonen unentbehrlich ist. Doch seit der Diktator Mobutu 1997 von Rebellenchef Kabila gestürzt wurde, versinkt das Land in einem schier unentwirrbaren Knäuel von Gewalt und Bürgerkrieg, gehört es zu den ärmsten Ländern der Welt.

Besonders betroffen ist der Osten des Landes, in dem Rebellengruppen, selbstständige Milizen aller Art und plündernde Soldaten die Bevölkerung drangsalieren. Jede der Gruppen einschließlich der vertriebenen Bauern wollen ein Stück vom Kuchen der Bodenschätze abhaben. Ohne Sicherheitsvorkehrungen schürfen Menschen in illegalen Minen nach Erzen. Die Rohstoffe gelangen über halb- und illegale Händlernetze an Schmuggler, die sie außer Landes schaffen. Vom Erlös finanzieren sich Armee, Milizen und Rebellen. Die Rohstoffe aber findet man am Ende in der uns alltäglich umgebenden Elektronik wieder.

Mit Patronenhülse und Kreuz, den Symbolen für Krieg und Frieden: François-Xavier Maroy Rusengo ist Erzbischof im ostkongolesischen Bukavo und unermüdlicher Kämpfer für die Rechte der Bevölkerung. – Foto: Bettina Flitner

Mit Patronenhülse und Kreuz, den Symbolen für Krieg und Frieden: François-Xavier Maroy Rusengo ist Erzbischof im ostkongolesischen Bukavo und unermüdlicher Kämpfer für die Rechte der Bevölkerung. – Foto: Bettina Flitner

Mittendrin in der Krisenregion lebt und arbeitet in Bukavu der katholische Erzbischof François-Xavier Maroy Rusengo. Seit Jahren setzt er sich offensiv für Frieden und Demokratie, für unter sexueller Gewalt leidende Frauen und für die von Regierung, Rebellen oder/und ausländischen Konzernen vertriebenen Bauern ein. Kein harmloses Engagement: Sein Vorgänger wurde deswegen erschossen.

Maroy Rusengo sieht nur einen Weg aus der seit Jahren anhaltenden Abwärtsspirale: Frieden schaffen, demokratische Strukturen aufbauen und eine verlässliche Verwaltung. Dazu gehöre, dass Investoren – auch aus Deutschland – transparente Verträge mit der Regierung schließen. Denn derzeit wisse niemand, wie viel vom Gewinn eines kanadischen Bergbauunternehmens, das als einziges offiziell in der Region schürft, in die Taschen der Regierenden, der Provinzpolitiker oder der Dorf- und Clanchefs verschwindet. Bei der Bevölkerung komme jedenfalls nichts an, konstatiert der Erzbischof bitter.

Notwendig und erfolgreich sei vor allem die Unterstürzung durch Nichtregierungsorganisationen wie etwa das Katholische Hilfswerk Missio oder der Evangelische Entwicklungsdienst (EED). Überhaupt seien die Kirchen im derzeitigen Konflikt die einzige Institution, der die Menschen vertrauten und die auch die Regierung kritisiere. Doch allein schafften es auch die Kirchen des Kongo nicht, den Weg der Versöhnung und Demokratisierung zu gehen: »Ihr sollt wissen, wie es uns geht. Ihr sollt an uns denken und ihr sollt für uns beten«, so Erzbischof Maroy Rusengo, der am 10. Dezember 2012 in Weimar mit dem Menschenrechtspreis der Klassikerstadt ausgezeichnet wurde.

Harald Krille

Mit Charme und Gottvertrauen

17. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Verkündigung ohne Predigt und Zeigefinger: die Schauspielerin Eva-Maria Admiral

Wer sie in ihrer ganzen Kraft und Vitalität auf der Bühne erlebt hat und ihr anschließend im Café gegenübersitzt, ist verwirrt: Verwirrt ob dieser zierlichen, geradezu zerbrechlichen Person. Ja, bestätigt Eva-Maria Admiral, schon oft habe man ihr eine ausgesprochen starke Bühnenpräsenz attestiert. Es müsse wohl stimmen, meint sie mit jenem unwiderstehlichen Wiener Charme, mit dem sie gleich darauf jede Auskunft über ihr Alter ablehnt.

Ein »interaktives Theaterkabarett« nennt Eva-Maria Admiral ihr aktuelles Programm »Das Stück vom Glück«. Im Rahmen der diesjährigen Allianzkonferenz begeisterte sie damit in der Bad Blankenburger Stadthalle. – Fotos (4): Harald Krille

Ein »interaktives Theaterkabarett« nennt Eva-Maria Admiral ihr aktuelles Programm »Das Stück vom Glück«. Im Rahmen der diesjährigen Allianzkonferenz begeisterte sie damit in der Bad Blankenburger Stadthalle. – Fotos (4): Harald Krille

Aber wie sie dazu kam, seit 25 Jahren als Schauspielerin auf der Bühne zu stehen, seit 15 Jahren mit eigenen Soloprogrammen, erzählt sie gern. Denn daran ist ihr Glaube »schuld«. Zwar träumte Eva-Maria Admiral schon immer von der Bühne, hielt sich selbst aber nicht für befähigt genug. Mit 18 ging sie deshalb nach Paris zum Literaturstudium. »Ich wollte wenigstens Theaterkritikerin werden«, sagt sie rückblickend. Dort begegnet sie einer Kommilitonin, die Christ ist. Nicht nur irgendwie, sondern richtig überzeugend. Eva-Maria Admiral entscheidet sich für ein bewusstes Christsein. Und »mit Gott«, sagt sie, habe sie dann den Mut gehabt, sich an einer Schauspielschule zu bewerben. Nicht irgendwo, sondern – wie Hunderte jedes Jahr – am renommierten Max Reinhardt Seminar in Wien. Und wird auf Anhieb genommen. Schon bald ist Eva-Maria Admiral Ensemblemitglied im Wiener Burgtheater, spielt bei den Salzburger Festspielen, den Wiener Festwochen. Es folgen ein Begabtenstipendium und bald auch Auszeichnungen, unter anderem als beste Nachwuchsschauspielerin oder der Theaterpreis der Ruhrtriennale.

Die Karriere hätte weitergehen können, hätte aber auch ihren Preis gehabt: »So ein Engagement fordert einen absolut, da bleibt keine Kraft und Zeit für anderes«, beschreibt sie die Realität. Doch gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schweizer Schauspieler Eric Wehrlin, mit dem sie seit 1989 verheiratet ist, wollte sie noch etwas anderes: »Ich wollte gern mit meinem Beruf etwas von dem vermitteln, das mir im Innersten wichtig ist.« Vor nunmehr 15 Jahren wagte sie deshalb den Sprung in die Freiberuflichkeit.

Inzwischen gehört Eva-Maria Admiral – gemeinsam mit ihrem Mann – zu den gefragten christlichen Künstlern. »Sicherlich könnten wir anders mehr Geld verdienen, aber wir können etwas von unserem Glauben vermitteln und davon leben. Das ist doch toll«, sagt sie fröhlich.

Dabei geht es ihr nicht um seichte oder vordergründige »Verkündigungsspiele«. Es geht ihr darum, Menschen auf eine ganz andere Art als in einem Gottesdienst oder einer Predigt zum Nachdenken über sich und die Fragen des Lebens anzuregen, mit Ernsthaftigkeit wie mit Humor die Höhen und Tiefen des Lebens auszuloten. Und das alles ohne erhobenen Zeigefinger. Eben Theater im besten Sinne.

Kabarett, Theaterabend oder ein Seminar über das Thema Glück? Am Ende hat mancher Zuschauer das Gefühl, alles in einem besucht zu haben: Eva-Maria Admiral in »Das Stück vom Glück«

Kabarett, Theaterabend oder ein Seminar über das Thema Glück? Am Ende hat mancher Zuschauer das Gefühl, alles in einem besucht zu haben: Eva-Maria Admiral in »Das Stück vom Glück«

So auch in ihrem aktuellen Soloprogramm »Das Stück vom Glück«. Als Mitarbeiterin eines Glücksforschungsinstituts nimmt Eva-Maria Admiral dabei die Zuschauer mit auf die Suche nach dem Glück: Woher es kommt, wer es hat, wie man es findet. Mal leise, nachdenklich und hintergründig, mal laut und slapstickhaft, immer wieder das Publikum zu Reaktionen und Interaktion herausfordernd. Und dazu immer fundiert: Alles, was sie in dem Programm über das Glück, über Selbstbetrug und Irrwege auf dem Weg dahin zum Besten gibt, stützt sich auf Ergebnisse wissenschaftlicher Glücksforschung, ist mit Umfragen und Statistiken belegt.

Als Kirchengemeinde einen solchen Theaterabend zu organisieren, sei eine wahnsinnig tolle Chance. »Da kommen Menschen und bleiben hinterher zur Diskussion, die nie in einen Gottesdienst kommen würden«, so ihre Erfahrung. Und auch im religiös scheinbar so verschlossenen Osten Deutschlands gibt es nach ihrer Erfahrung eine große Offenheit für spirituelle Fragen.

Zudem, so verrät sie mit Augenzwinkern, spielt sie gern vor ostdeutschem Publikum. Schließlich hätten die sprichwörtlichen »Ösis« und »Ossis« viel Gemeinsames: »Sie sind beide eher etwas zurückhaltend, mehr selbstkritisch und können vor allem über sich selbst lachen.«

Harald Krille

www.admiral-wehrlin.de

»Eine ethische Herausforderung«

16. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Mobilfunk – harmlose Technologie oder Risiko? Im Gespräch mit dem Theologen Werner Thiede


Im einem großen ökologischen Verlag ist kürzlich ein Buch mit dem Titel »Mythos Mobilfunk. Kritik der strahlenden Vernunft« erschienen. Verfasst hat es der evangelische Pfarrer und Erlanger Theologieprofessor Werner Thiede. Harald Krille sprach mit ihm.

Herr Professor Thiede, haben Sie eigentlich ein Mobiltelefon?
Thiede: Ja, aber ich benutze es nur in Ausnahmefällen, denn ich halte mir ungern ein Mikrowellengerät ans Gehirn. Nicht von ungefähr warnt ja die Weltgesundheitsorganisation (WHO), das sei potenziell krebserregend. Viele Zeitgenossen sind begeistert von der Schnurlos-Technik, von WLAN, Wifi und so fort. Aber sie scheinen darüber zu vergessen, dass es hier nicht um Magie und Zauberei geht, sondern dass die Verbindungen nach wie vor durch substanzielle physikalische Prozesse hergestellt bleiben.

Was treibt einen Pfarrer und Theologieprofessor an, ein 300 Seiten langes Buch über Mobilfunk zu schreiben?

Buchautor und Theologe Werner Thiede – Foto: privat

Buchautor und Theologe Werner Thiede – Foto: privat

Thiede: Als Pfarrer wie als Professor für Systematische Theologie bin ich Ethiker. Und ich bin seit Langem überzeugt, dass die Mobilfunk-Technologie in mehrfacher Hinsicht eine ethische Herausforderung darstellt. Deshalb habe ich schon 2005 im »Rothenburger Sonntagsblatt« – als damaliger Chefredakteur – einen kritischen Mobilfunk-Artikel geschrieben. Seitdem hat sich die Strahlenbelastung weiter verstärkt. Und auch die kulturellen Probleme haben zugenommen.

Welche kulturellen Probleme meinen Sie damit?
Thiede: Da denke ich nicht nur an die üblichen Rücksichtslosigkeiten, dass an allen möglichen Orten privateste oder auch geschäftliche Details gut mithörbar durchtelefoniert werden. Als problematisch empfinde ich vor allem auch die äußeren und inneren Abhängigkeiten, die durch den Gebrauch der faszinierenden Technologie entstanden sind. Diese Tendenz verstärkt sich noch enorm dadurch, dass das Internet inzwischen »mobil« geworden ist. Das heißt ja, dass man dank Mobilfunk nicht nur überall telefonieren, sondern auch sogenannte Apps aufrufen und zahllose praktische Möglichkeiten des Internets nutzen kann.

Damit ergeben sich aber auch fantastische Möglichkeiten der globalen Kommunikation und des Informationsaustausches …
Thiede: Keine Frage. Dadurch ergeben sich aber auch viele neue Herausforderungen und Nöte. Ich erinnere nur an die Forderung ständiger Erreichbarkeit in vielen Berufssparten – und beispielsweise an das Phänomen der Internetsucht. Mehr Freiheit auf der einen Seite wird offenbar durch mehr Unfreiheit auf der anderen Seite erkauft.

Das sind indirekte Folgen des Mobilfunks. Sie warnen aber auch vor möglichen direkten gesundheitlichen Gefahren?
Thiede: Man spricht bei den im Mobilfunk verwendeten elektromagnetischen Wellen von der »nicht-ionisierenden Strahlung«, deren Energie – im Gegensatz etwa zu radioaktiver Strahlung – nicht ausreicht, um andere Atome zu ionisieren. Deshalb erscheint sie zunächst als ungefährlich. Die geltenden Grenzwerte orientieren sich folglich im Wesentlichen nur an der Frage der Erwärmung von Körpergewebe. Dadurch kommt man natürlich zu so hohen Werten, dass sich Industrie und Technik sozusagen wunderbar austoben können. Tatsächlich aber sind diese Grenzwerte seit Langem höchst umstritten. Immer mehr Indizien sprechen nämlich dafür, dass die gepulste Mobilfunkstrahlung durchaus biologische Wirkungen auf Menschen, auf Tiere und auch auf Pflanzen haben kann.

Wie sollten solche Wirkungen zustande kommen?
Thiede: Dazu gibt es durchaus fachliche Überlegungen und Theorien von Experten, und zwar vor dem Hintergrund, dass solche biologischen Wirkungen bei Menschen, Tieren und Pflanzen real zu beobachten sind oder berichtet werden. Oft lässt sich an Bäumen genau ablesen, dass sie in gewissen Teilen deutliche Schäden aufweisen, die durch die Strahlung tangiert sind. So ist beispielsweise jene Hälfte eines Baumes gesund, die durch eine Mauer im Strahlen-Schatten eines Mobilfunksenders liegt, und die andere zeigt ausgedünnte und verfärbte Blätter. Sorgen macht mir aber vor allem, dass es Menschen gibt, die davon erzählen, dass sie Mobilfunkstrahlung regelrecht spüren können – in Form von Schmerzen, Kribbeln, Kopfweh oder dergleichen. Man vermutet, dass bis zu zehn Prozent der Bevölkerung in dieser Weise »elektrosensibel« sind – Tendenz steigend. Das Schlimme dabei ist: Bei all diesen Effekten wird von offizieller Seite unter Hinweis auf wissenschaftliche Studien bestritten, dass die Schäden von der Mobilfunkstrahlung kommen. Die menschliche Vernunft kann die Dinge offenbar so oder anders betrachten.

Aber wie erklären Sie dann, dass sich trotz umfangreicher Untersuchungen zum Thema solche Auswirkungen nirgends reproduzierbar nachweisen lassen?
Thiede: Das wird so behauptet, stimmt aber eben nicht, wie ich in meinem Buch unter Hinweis auf entsprechende Forschungsergebnisse zeige. Überhaupt gibt es international zahlreiche Studien mit kritischen Beobachtungen zu den Effekten dieser unsichtbaren Strahlung. Aktuell darf ich ausdrücklich hinweisen auf die Warnungen des »Internationalen Ärzteappells 2012«, zu dessen Erstunterzeichnern namhafte Mediziner gehören. Und nicht zufällig stufen Rück-Versicherungen die Risiken des Mobilfunks als unabschätzbar ein. Aber man muss sehen: Es gibt durchschaubare Interessen vonseiten der Industrie und Wirtschaft, dass möglichst keine biologische Schadwirkung der Mobilfunkstrahlung nachweisbar sein darf. Und die Lobby ist politisch mächtig.

Sie sind ja zuerst Theologe – was erwarten Sie denn in dieser Sache von den Kirchen?
Thiede: Die christlichen Kirchen sind innerhalb der Gesellschaft eine starke moralische Macht. Sie sollten sich im Zeichen der Bewahrung der Schöpfung deutlich auf die Seite der Vorsorge stellen. So sollten sie sich für die Minderheit der Elektrosensiblen einsetzen, die oft als »psychisch Gestörte« falsch behandelt werden und wenig Rücksichtnahme erfahren. Sie sollten Kirchtürme nicht für Sendemasten zur Verfügung stellen, solange Mobilfunkstrahlung in ihrer Wirkung umstritten ist. Sie sollten wachen Auges die problematischen Auswirkungen des »mobilen Internets« auf unsere Kultur beobachten. Und sie könnten sich für einen Dialog zwischen Mobilfunkbetreibern, Behörden, wissenschaftlichen Kritikern und Betroffenen einsetzen. Ich meine: Theologie und Kirche sind heute mehr denn je aufgerufen, das Tabu zu durchbrechen, das sich mit dem Mythos Mobilfunk verbindet.


Werner Thiede ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und seit 2007 außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. In seinem neuesten Buch beschäftigt er sich kritisch mit den sozialen und gesundheitlichen Auswirkungen der Mobilfunktechnologie.

Thiede, Werner: Mythos Mobilfunk. Kritik der strahlenden Vernunft, Oekom Verlag, 302 Seiten, ISBN 978-3-86581-404-3, 19,95 Euro

Mit dem »Internationale Ärzteappell 2012 zum Schutze von Mensch, Umwelt und Demokratie« warnen kritische Mediziner aus aller Welt vor der exzessiven Nutzung der Mobilfunktechnik. Sie verweisen unter anderem darauf, dass sich in den vergangenen Jahren weltweit »die Hinweise auf gravierende Risiken« durch die Anwendung der Mobilfunktechnik »vervielfacht und verdichtet« hätten.

http://freiburger-appell-2012.info

»Der Glaube an Jesus Christus verändert«

15. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview mit Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière über die Weihnachtsbotschaft


Im Advent besinnen wir uns darauf, dass Christus das Licht der Welt ist. Welche Bedeutung diese Botschaft für ihn hat, darüber spricht der Bundesminister der Verteidigung Thomas de Maizière. Die Fragen stellte Sabine Kuschel.

Herr Bundesminister de Maizière, Sie sind evangelischer Christ. Welche Bedeutung hat für Sie die Verheißung, dass Jesus Christus das Licht der Welt ist?
de Maizière: Diese Selbstbezeichnung Jesu finden wir ja im Evangelium des Johannes. Dort sagt Jesus von sich: »Ich bin das Licht der Welt.« Und er fügt erklärend hinzu, was das für die Adressaten seiner Worte bedeutet: »Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern er wird das Licht des Lebens haben.«

In der Tat – der Glaube an Jesus Christus verändert! Er gibt auch meinem Leben eine andere Ausrichtung und einen tieferen Sinn. Die Erfahrung der Vergebung schenkt Hoffnung und setzt Kräfte für Neues frei. Die Botschaft von Jesus Christus ist für mich auch Orientierung im Alltag. Das gilt natürlich über die Advents- und Weihnachtszeit hinaus. Aber hier besonders: Wo viel Schatten ist und viel Dunkelheit, leuchtet jede Kerze intensiver, ist das Licht wichtiger.

Thomas de Maizière – Foto: Bundespresseamt

Thomas de Maizière – Foto: Bundespresseamt

Lassen Sie sich als Christ bei Ihren politischen Entscheidungen von Ihrem Glauben leiten?
de Maizière: Ich lasse mich in meinen politischen Entscheidungen zunächst einmal von meinem Verstand leiten. Ohne nüchterne, rationale Abwägung zwischen Für und Wider geht es auch für einen Christen nicht. Aber eben nicht ausschließlich. Meine Entscheidungen sind auch von meinem Glauben bestimmt. Wenn ich beispielsweise dem Deutschen Bundestag die Verlängerung des Afghanistan-Mandates vorschlage, dann geht es dabei natürlich um die Lage in diesem Land, die Gefährdungslage, notwendige Fähigkeiten, unsere Bündnisverpflichtungen, unsere finanziellen und materiellen Möglichkeiten, die Verfügbarkeit der Soldaten und vieles andere mehr. Mir ist aber genauso bewusst, dass das Mandat auch mit Risiken verbunden ist. Unsere Soldaten stehen für unser Land dort mit ihrer Gesundheit und notfalls auch mit ihrem Leben ein. Das sind schwierige (Gewissens-) Entscheidungen und niemand, auch ich nicht, ist davor gefeit, als Folge von Entscheidungen möglicherweise schuldig zu werden.

Mit Blick auf das biblische Friedensgebot dürfen es sich Christen nicht leicht machen. Recht und Frieden in Freiheit lassen sich aber leider in einer erlösungsbedürftigen Welt bisweilen nicht ohne Mittel erreichen, die selbst noch Ausdruck unserer vorläufigen Welt sind. Wenn wir diesen Zusammenhang negieren, können wir auch an Unterlassung schuldig werden.

Können Sie Situationen benennen, in denen Sie erfahren haben, dass das Licht Christi Ihnen geholfen hat?
de Maizière: Wenn Menschen, die ich geliebt habe, gestorben sind, dann glaube ich über alle Trauer hinweg an die Kraft der Auferstehung. Am Totensonntag bringen wir ein Licht zum Grab. Im Advent zünden wir immer mehr Kerzen an. Das heißt, im Trauern wird nicht auf einen Schlag wieder alles gut. Die Hoffnung beginnt mit einem Licht.

Wenn wir die Nachrichten hören, lesen und sehen, lehren uns diese mitunter das Fürchten. Wie können wir in einer Welt, in der wir Angst haben, den Glauben an Christus, der das Licht ist, bewahren?
de Maizière: Es ist richtig, dass uns manche Nachrichten – es gibt zum Glück nicht nur schlechte! – Sorgen und mitunter, wie Sie sagen, das Fürchten lehren. Aber es gibt keinen Grund, deshalb in eine Grundhaltung der Angst zu verfallen. Angst ist ein schlechter Ratgeber ist. Wer Angst hat, traut sich selbst nichts und Anderen alles Schlechte zu. Sorge dagegen kann konstruktiv sein – als Fürsorge und Seelsorge. Zuversicht und Respekt vor den anstehenden Aufgaben ist besser als Furcht. Das gilt insbesondere für den mitunter gefährlichen Einsatz unserer Soldaten, sei es in Afghanistan, auf dem Balkan, am Horn von Afrika, aber auch überall dort, wo es für den einzelnen um persönliche Überwindung geht.

Die Bibel verschweigt nicht die Angst des Menschen; aber sie weiß auch um den Grund aller Zuversicht. Jesus selbst formuliert zum Schluss seiner Abschiedsreden, dass seine Jünger in der Welt Angst haben. Aber er ruft ihnen zugleich zu: »Seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« (Johannes 16, 33b) Aus diesem Geist heraus können wir trotz allem Erschrecken über Not und Unglück Hoffnung und Zuversicht haben. Und wir dürfen uns ermutigen lassen, die Hände nicht in den Schoß zu legen, sondern uns nach Kräften für andere einzusetzen – und für bessere Nachrichten.

Was stärkt persönlich Ihren Glauben an Christus?
de Maizière: Zur Stärkung meines Glaubens gehören für mich der Gottesdienst mit Predigt und Abendmahl, das persönliche Studium der Heiligen Schrift und natürlich das Gebet. Hierzu braucht es auch die Gemeinschaft mit anderen Christen. Ein Christ verkümmert, wenn er seinen Glauben allein zu leben versucht. Eine lebendige Gemeinde ist deshalb für jeden Christen ein Geschenk – auch für mich.

Renaissance der Mayakultur

13. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Guatemala: Unter den Mayas herrscht Hoffnung auf eine neue Zeit statt Angst vor dem Weltuntergang

Am 21. Dezember 2012 ist Weltuntergang. Das jedenfalls behaupten manche mit Verweis auf einen alten ­Kalender der Maya, der mit diesem Datum endet. Doch die Nachkommen der Mayas selbst sehen das ganz anders.

Die antiken Mayas haben die Gestirne beobachtet, die Bewegungen der Sonne, des Mondes, der Sterne. Sie haben die ­Zyklen des Klimas interpretiert, die Länge der Tage und der Nächte, die Wärme und die Kälte, den Regen und die Trockenheit. Dann haben sie ein Jahr definiert, eingeteilt in 18 Einheiten von 20 Tagen. Am Ende eines Jahres stehen fünf heilige Tage, in denen über die Vergangenheit nachgedacht werden soll, über die Gegenwart und die Zukunft. So dauerte ein Jahr im Kalender der Mayas 365 Tage, genauso lange wie in dem heute bei uns gebräuchlichen gregorianischen Kalender.

Sie hoffen auf eine bessere Zukunft im neuen Zeitabschnitt: Kinder in einem Maya-Dorf in Guatemala. Foto: Andreas Boueke

Sie hoffen auf eine bessere Zukunft im neuen Zeitabschnitt: Kinder in einem Maya-Dorf in Guatemala. Foto: Andreas Boueke

Für die Astronomen der Mayas war ein Sonnenjahr eine Einheit eines sehr viel längeren Zyklus, eines Baktun. Jeder Baktun ist 400 Jahre lang. Die antiken Mayas glaubten zu wissen, die Zeit habe vor genau 5200 Tagen begonnen. Deshalb endet am 21. Dezember der 13. Baktun. Es beginnt eine neue Epoche, für die viele Mayas nicht den Weltuntergang, sondern eine Verbesserung ihrer Lebenssituation erhoffen.

Maria Mateo, eine Bäuerin aus dem Mayavolk der Popcomchí, jedenfalls glaubt nicht, dass das Ende der Welt bevorsteht. Vielmehr meint sie, das Ende des 13. Baktun sei Anlass zur Hoffnung. »Wir glauben wirklich, dass es einen Wandel geben wird, aber nicht an einem bestimmten Datum. Jede einzelne Person kann einen Beitrag zu diesem Wandel leisten. Die Menschheit muss beginnen, die Natur wirklich zu schützen. Das Volk der Mayas und vor allem die Frauen müssen sich solidarisch zusammenschließen, Kräfte bündeln und gemeinsam für unsere Mutter Erde kämpfen.«

Der Sozialwissenschaftler Virgilio Alvarez, Direktor der lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften, meint, die Boulevardmedien der westlichen Welt hätten den Mayakalender zum Anlass für eine exotische Berichterstattung genommen, in der es nicht um die Lebenswirklichkeit der heutigen Mayas geht, sondern um reine Folklore. »Manchmal werden die Mayas noch romantisch verklärt: Der arme, wilde Indio, den man unterstützen muss, solange er noch seine Federn auf dem Kopf trägt. Aber vor allem sind die indigenen Völker der lateinamerikanischen Märkte im Prozess der Globalisierung von den transnationalen Konzernen als eine Konsumentengruppe entdeckt worden. Man will ihnen Dinge verkaufen, Handys und Tablet-Computer. Demgegenüber ist die Solidarität mit Lateinamerika, besonders in Europa, verloren gegangen. Und das, obwohl Europa einen großen Teil der Verantwortung für die Zerstörung der ursprünglichen Kultur der Mayas hatte.«

Die Mayas sind nicht nur Menschen der Vergangenheit, die einstmals in den Gebäuden gelebt haben, deren Ruinen heute Touristen aus aller Welt ins Staunen versetzen. In dem mittelamerikanischen Land Guatemala stellen sie noch immer eine Mehrheit der Bevölkerung. Sie sprechen ihre eigenen Sprachen, treiben Ackerbau auf ähnliche Weise wie ihre Vorfahren vor über tausend Jahren und kämpfen dabei ums Überleben in einer modernen globalisierten Welt.

In einer gemeinsamen Erklärung haben spirituelle Führer der Mayabevölkerung in Guatemala ihre Sorgen und Hoffnungen für das neue Zeitalter formuliert: »Die Welt spricht über die Zerstörung der Natur, über die Konsequenzen des Klimawandels, über den Verlust der Artenvielfalt. Wir Mayas spüren die Veränderungen des Klimas direkt. Mehr als 80 Prozent unseres Volkes leben in Armut. Unsere Berge, Wälder und Flüsse werden von großen Firmen gestohlen, die Wasserkraftwerke bauen, Bergbau betreiben, Öl fördern oder Monokulturen anlegen. Unsere natürlichen Reichtümer werden geraubt, unsere Rechte werden verletzt, genauso wie vor 400 Jahren, als der 13. Baktun begann.«

Einer der Verfasser der Erklärung ist Vitalino Similox aus dem Mayavolk der Kaquchikel. Er ist Pfarrer der presbyterianischen Kirche. Im Jahr 1998 war er Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten. Damals stand er an der Seite der Friedensnobelpreisträgerin von 1992, Rigoberta Menchú. Mit dem Zeitenwechsel verbindet er eine Hoffnung auf ein Ende der Ära des Leidens. Endlich soll eine Zeit der Heilung beginnen. »Die spirituellen Führer sagen, das jeder Mensch mit einem bestimmten Geschenk geboren wird. Im vergangenen Baktun sind besonders viele talentierte Kinder geboren worden. Das gibt Hoffnung, dass sie die Mathematik, die Wissenschaft, die Astronomie und die Kunst der klassischen Mayas wiederbeleben werden.« Deshalb, so Similox, sei es nicht illusorisch zu glauben, dass die Mayas mit der Zeit wieder erstarken werden.
Andreas Boueke

Aufruhr um Reichsadler

12. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Diskussion um Jenaer Kunstwerk: Was kann und was darf Kunst im kirchlichen Raum?

Am Eingang steht ein Zitat des Philosophen Karl Popper: »Das Wichtigste ist, allen jenen großen Propheten zu misstrauen, die eine Patentlösung in der Tasche haben und euch sagen: Wenn ihr mir nur volle Gewalt gebt, dann werde ich euch in den Himmel führen. Die Antwort darauf ist: Wir geben niemandem volle Gewalt über uns! Wir wollen, dass die Gewalt auf ein Minimum reduziert wird! Gewalt ist selbst von Übel und wir können nicht ein Übel mit einem anderen Übel austreiben.« Das Zitat ist Teil eines im vorigen Jahr fertiggestellten Wandbildes im Eingang der Jungen Gemeinde Stadtmitte Jena. Und auf dem prangen unübersehbar rund zwei Dutzend NSDAP-Reichs­adler, die in ihren Klauen Symbole wie Davidsstern und Kruzifix, Facebook- und Apple-Symbol halten – und eben auch das NS-Hakenkreuz.

Ausschnitt aus dem Wandbild im Eingang der Jungen Gemeinde Stadtmitte Jena. Foto: Rainer Borsdorf

Ausschnitt aus dem Wandbild im Eingang der Jungen Gemeinde Stadtmitte Jena. Foto: Rainer Borsdorf

Der Künstler Torsten Solin, Meisterschüler-Absolvent der Dresdener Kunstakademie, sieht die Verwendung der NS-Reichsadler als umlaufenden Wandfries so: »Das Karl-Popper-Zitat erklärt den Sinn des ganzen Bildes. Es gab nichts Dogmatischeres in der jüngeren Geschichte als die ­Nazis, die es auch mit ihrer Ästhetik geschafft haben, die Massen zu mobilisieren.« Der Adler tauche immer in Verbindung mit Macht auf – und heute stünden eben Marken oder die Bio-Welle in der Gefahr, Macht über die Menschen zu erlangen. Er nehme sich da selbst nicht aus.

»Was kann mich fesseln, ideologisieren, was kriegt Gewalt über mich?«, fragt sich Stadtjugendpfarrer Lothar König. Doch er erkläre keine Kunst, denn die »steht für sich selber und erregt Widerspruch, Zustimmung oder auch Unverständnis«. Auch unter den Jugendlichen seiner Jungen Gemeinde (JG) führe die Verwendung des NS-Reichsadlers »immer wieder neu zu Diskussionen« – ein Effekt, den der Künstler durchaus beabsichtigt hat, war er doch selbst einmal JG-Mitglied. Paradox dabei: 2011 erstattete die Thüringer NPD Anzeige wegen der »Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole«, erzählt König. Der Richter habe aber damals entschieden, dass die NS-Symbole Teil des Kunstwerkes seien und deshalb unter »künstlerische Freiheit« fielen.

Anstoß erregt das Wandbild auch außerhalb der JG: Als Wolfgang Eisenberg, engagiertes Mitglied der Jenaer Kirchengemeinde, kürzlich mit einer israelischen Jugendgruppe den Eingang der JG Stadtmitte betrat, waren die Jugendlichen entsetzt über die NS-Symbole: »Die haben gleich mit ihren Eltern telefoniert«, erinnert sich Eisenberg und fügt hinzu: »Kunst kann provozieren, aber nicht mit Hakenkreuzen.« Die NS-Symbole hätten ihn dermaßen geärgert, dass er dem restlichen Wandbild kaum noch Beachtung geschenkt habe.

Ricklef Münnich, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft »Kirche und Judentum in Thüringen«, nimmt die Reaktion der israelischen Besucher sehr ernst: »Das Spiel mit den NS-Symbolen ist geschmacklos und verletzt gerade Juden und andere NS-Opfer zutiefst.« Es gehe ihm nicht um Kunstzensur, aber eine Debatte über Kunst in und an kirchlichen Räumen wünsche er sich schon. Antisemitismus oder gar eine Verharmlosung des NS-Regimes sei aber bei der JG Stadtmitte, ihren Aktivitäten und ihrer Geschichte definitiv ausgeschlossen.

Für einen entspannten Umgang mit dem Werk plädiert hingegen Frank Hiddemann, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland: »Kunst hat ihre eigenen Konventionen. Sie soll die ganze Wirklichkeit darstellen und sich nicht religiösen oder politischen Stoppregeln unterwerfen müssen.« Er verstehe zwar, dass eine israelische Gruppe bei den NS-Symbolen zunächst zusammenzucke, jedoch: »Wenn man nur noch Positives abbilden darf, sind wir schnell beim Kitsch oder in der Diktatur.«

Rainer Borsdorf

Mehr als Nutella und Bananen

11. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Akademietagung offenbart unterschiedliche Perspektiven auf die deutsch-deutschen Kirchenbeziehungen

Westbeziehungen waren in DDR-Zeiten Gold wert. Das galt nicht nur für Familien, sondern auch für die ­Kirchengemeinden. Doch die Sicht darauf ist durchaus zwiespältig.

Die originellste Wortmeldung war das Statement einer jungen Teilnehmerin: »Für mich bedeutete die Partnergemeinde Nutella, Gummibärchen und Bananen«, beschrieb sie ihre Kindheitserinnerungen an Begegnungen mit Gästen aus westdeutschen Kirchengemeinden in den 80er Jahren in der DDR. Doch die Tagung an der Evangelischen Akademie Thüringen in Neudietendorf bei Erfurt zur deutsch-deutschen Kirchengeschichte brachte am vergangenen Wochenende noch andere Aspekte zutage.

Urchristentum oder alimentierte Kirche?

Gekommen waren zu diesem Versuch kirchlicher Vergangenheitsbewältigung rund 60 Teilnehmer aus Ost und West, die einst auf beiden Seiten Beteiligte und Zeitzeugen gleichermaßen waren. Die Debatte um den »Realitätsgehalt westlicher Perspektiven« reichte bis in die Gegenwart zu dem heftig umstrittenen Appell der mitteldeutschen Landesbischöfin Ilse Junkermann für eine Versöhnung mit Stasi-Mitarbeitern. Die Aufforderung einer aus dem Westen gekommenen Bischöfin zeuge von »fehlender Sensibilität«, befand Katharina Kunter von der Universität Bochum.

Sie machten das Leben in der DDR erträglicher: die sprichwörtlichen »Westpäckchen«. Auch die Kirchen profitierten in vielen Bereichen von den besonderen Beziehungen zu Partnergemeinden im Westteil Deutschlands und darüber ­hinaus. Foto: picture-alliance

Sie machten das Leben in der DDR erträglicher: die sprichwörtlichen »Westpäckchen«. Auch die Kirchen profitierten in vielen Bereichen von den besonderen Beziehungen zu Partnergemeinden im Westteil Deutschlands und darüber ­hinaus. Foto: picture-alliance

Für die Diskussion um die westliche Sicht auf die evangelischen Kirchen in der DDR gab die Fragestellung des Tagungsthemas zwei denkbar ­extreme Positionen vor: »Leben in der Vision des Urchristentums oder alimentierte Autarkie im Unrechtsstaat?« Entsprechend unterschiedlich und widersprüchlich gerieten die Vorträge und Wortmeldungen. Der Kirchengeschichtler Peter Maser etwa konnte urchristliche Vorstellungen in ostdeutschen Gemeinden kaum ausmachen.
Stattdessen schilderte er die jahrzehntelange finanzielle Unterstützung der DDR-Kirchen durch die Westkirchen – und rührte damit an ein noch immer weit verbreitetes innerkirchliches Tabu. Diese »Alimentierung« habe in den ostdeutschen Landeskirchen »vieles ermöglicht, was es sonst nicht gegeben hätte«. Zugleich verwies der Wissenschaftler, der 1976 in den Westen ging und dann bis zur Emeritierung an der Universität Münster tätig war, auf die engen Gemeindekontakte zwischen Ost und West.

Geldtransfer verhinderte alternatives Kirchenmodell

An der Basis sei Hilfe ganz konkret ­geworden – in gemeinsamen Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen, aber auch mit ganz profanen Dingen aus dem Westen, die es in der DDR nicht gab. Als Beispiel nannte Maser ein Baugerüst für die Sanierung von Kirchtürmen oder die westliche Gasheizung für eine Dorfkirche. Der langjährige Erfurter Propst Heino ­Falcke indes wandte sich gegen den Begriff »Fremdfinanzierung« und betonte die geistlichen und theologischen Dimensionen damaliger Gemeindekontakte: »Es wuchsen geschwisterliche Beziehungen.« Gleichwohl sehe er die damalige finanzielle Sicherheit mit einer »gewissen Ambivalenz«, räumte Falcke ein. Sie habe den Kirchen in der DDR »die Mühen erspart, ein alternatives Kirchenmodell für eine zunehmend säkularisierte Gesellschaft zu entwickeln«.
Aus niederländischer Perspektive seien vor allem die friedensethischen Diskussionen in den ostdeutschen Kirchen interessant gewesen, berichtete Laurens Hogebrink aus Amsterdam. Damit hätten sie sich neben der offiziellen Politik und Propaganda der SED als unabhängige Stimme profiliert.

John P. Burgess aus Pittsburgh zeigte sich vor allem beeindruckt vom »Traum von einer solidarischen Gesellschaft«, wie er ihn in den 80er Jahren in den DDR-Kirchen erlebte. Burgess war 1984/85 der erste und einzige Student aus den USA am evangelischen Sprachenkonvikt in Ost-Berlin. »Ja, ich war Exot«, erinnerte er sich. Doch vor dem Hintergrund der atheistischen DDR habe er damals den Eindruck gewonnen, »hier ist Kirche in ­einem tieferen Sinn«. Im Prozess der Demokratisierung 1989/90 habe sie denn auch eine zentrale Rolle gespielt.

Politisches Mitdenken ist in Vergessenheit geraten

Manche Tagungsteilnehmer sahen im Blick zurück durchaus auch eine Botschaft für die Zukunft. Dazu benannte der Berliner Journalist Hans-Jürgen Röder einen wesentlichen Aspekt, den die Diskussion um die Stasi-Vergangenheit in den Kirchen verdrängt habe: »Das politische Mitdenken der Kirchen in der DDR von sozialen Fragen auf der Gemeindeebene bis zu großen politischen Fragen ist völlig in Vergessenheit geraten«, beklagte der langjährige Chefredakteur des Evangelischen Pressedienstes (epd) in den ostdeutschen Bundesländern.

Der frühere Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Konrad Raiser, forderte mehr Sensibilität, um auch im kirchlichen Gespräch jenseits der Polarisierungen des Kalten Krieges »gegenseitig ­hör­fähig zu werden«. Wie aktuell dieser Appell ist, verdeutlichte die ­Greifs­walder Theologin Marianne Subklew-Jeutner mit ihrem Hinweis auf die Nordkirche, die von der Metropol­region Hamburg bis zu den letzten Dörfern in Vorpommern reicht – und damit auf kirchlichem Gebiet die unterschiedlichsten deutsch-deutschen Erfahrungen vereint.
Thomas Bickelhaupt (epd)

Einander zum Licht werden

10. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview mit Reinhard Höppner, Ministerpräsident a.D. über die Weihnachtsbotschaft

Im Advent besinnen wir uns darauf, dass Christus das Licht der Welt ist. Über seine Erfahrungen mit dieser Botschaft spricht der promovierte Mathematiker und ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt Reinhard Höppner. Die Fragen stellte Sabine Kuschel.

Herr Dr. Höppner, in einem Lied heißt es: »Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus meine Zuversicht…«. Können Sie das auch für sich sagen: Christus mein Licht?
Höppner:
Bei Hoffnung, Freude und Stärke fällt mir das leichter. Bei »Christus, mein Licht« muss ich mir erst einmal klar machen, was für ein gewaltiges Bild das damals war. Licht, das waren einmal Sonne, Mond und Sterne. Himmlische Gaben. Nur das Feuer auf der Erde konnte der Mensch selbst entfachen. Das kann man sich heute im Lichtermeer der Städte kaum noch vorstellen.

In der Tat. Auf den Weihnachtsmärkten strahlen die Lichterbäume. Im grellen Licht der Einkaufsmärkte spürt man von Finsternis nichts.
Höppner:
So ist unsere Welt heute. Licht in der Finsternis? Kein Problem, sagt der Beleuchter und holt die Scheinwerfer. Es gibt Licht, das uns blendet. Reklamelicht, das uns verführen will. Der Scheinwerfer, der nur einen kleinen Ausschnitt ins Blickfeld rückt und alles andere ausblendet. Wenn das Flugzeug des Nachts seine Linien über den Himmel zieht, wird mir deutlich, wie schnell man ein kleines irdisches Licht mit den Himmelslichtern verwechseln kann. Wenn Jesus Christus das Licht der Welt ist, wie in der Bibel steht, dann fragt mein kirchenfremder Nachbar: Kann ja sein, aber welches bitte? In einer Welt der vielfach tanzenden Lichter hat das Symbol vom Licht in der Finsternis seine Strahlkraft verloren. Das muss ich mir klar machen, wenn ich gefragt werde, ob Jesus für mich das Licht der Welt ist. Fast bin ich geneigt, mit meinem Nachbarn zu fragen: Welches bitte?

»Das Licht scheint in der Finsternis«, heißt es im Johannesevangelium am Anfang. Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, dass es ein Licht gab, das ihnen so geholfen hat?
Höppner:
Da fällt mir die Nacht vom 16. auf den 17. August 2005 ein. Wir waren mit einer Jugendgruppe in Taizé. Die Lichtergottesdienste dort sind etwas Wunderbares. Das warme Leuchten schafft Geborgenheit. Solch ein Licht könnte es sein, denke ich. Was dann im Abendgottesdienst wenige Meter vor unseren Augen passiert, können wir nur mit Mühe erfassen: Roger Schutz, der Prior von Taizé, wird mit einem Messer erstochen. Wir singen. Wir singen die ganze Nacht. Singen an gegen den Schrecken, gegen Verzweiflung, Trauer und Hilflosigkeit. Und immer wieder: »Christus, dein Licht verklärt unsre Schatten, lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht. Christus, dein Licht erstrahlt auf der Erde und du sagst uns: Auch ihr seid das Licht.« Der Gesang soll zu denen gehören, die Roger Schutz besonders geliebt hat.

Reinhard Höppner. Foto: Wieland Fischer

Reinhard Höppner. Foto: Wieland Fischer

Wie die jungen Leute sich gegenseitig getröstet haben in dieser Nacht und in den Tagen danach, das war das Licht nach dunklem Schatten. Das Licht kam in die Finsternis. Eine Weihnachtsgeschichte mitten im August. Mir allerdings bleibt die Erinnerung, dass die Menschen sich in dieser Nacht gegenseitig zum Licht wurden. Sie haben gelebt, was sie gesungen haben: Auch ihr seid das Licht.

Christus, das Licht. Ist ihnen das schon begegnet?
Höppner:
Christus begegnet mir immer durch Menschen. Dass Menschen mir zum Licht geworden sind, das habe ich erlebt, zum Beispiel in Tagen der Krankheit, als ich an den Gesichtern der Ärzte lesen konnte: Die Prognosen sind nicht gut. Vielleicht muss man erst Finsternis erlebt haben, die Schatten des Lebens, die Versuchung des Dunkels, das zu uns spricht, um die Kraft dieses Lichtes zu erleben.

Wie haben Sie das in der Politik erlebt? Konnten Sie sich als Politiker den Glauben an Christus, das Licht bewahren?
Höppner:
In der Politik erlebt man eher Zwielichtiges. Licht in der Finsternis ist eher selten.
Aber wenn ich mir anschaue, wohin das Licht von Weihnachten zuerst kommt, dann ist das schon eine Orientierung. Es sind die Hirten, die Ausgestoßenen am Rande der Gesellschaft. Den Schwachen muss die Politik dienen. Daran habe ich mich versucht zu orientieren.
Die Weihnachtsgeschichte hat auch etwas mit Politik zu tun, denn die Veränderung der Welt fängt unten an. Bei den »kleinen Lichtern«, die eine Kerze anzünden statt die Dunkelheit zu verfluchen. Die Weihnachtsgeschichte stellt unsere Vorstellungen von Macht auf den Kopf. Es lohnt, bei einer Adventskerze einmal darüber nachzudenken.

Adventsstern, Christrose, Osterglocke

6. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Wer in diesen Tagen in Gartencentern zugange ist, sieht rot. Der Adventsstern hat seinen großen Auftritt, passt er doch in Farbe und Form zur Jahreszeit und ist nicht mehr wegzudenken aus der adventlichen Floristik. Der gelegentlich aufgetragene Glitzerstaub macht ihn sogar weihnachtstauglich – allerdings hat das nichts mehr mit Pflanzenliebhaberei zu tun, eher mit Pflanzenverachtung.

»Lasst Blumen sprechen!«

Adventsstern, Christrose, Passionsblume, Osterglocke und Pfingstnelke – das jetzt beginnende Kirchenjahr mit seinen Christusfesten ist mit bestimmten Pflanzen verbunden, die wegen ihrer Blütezeit oder Symbolik den Kirchenbezug im Namen tragen. Darüber hinaus liefern Bibel, Kirchengeschichte und Heiligenverehrung reichlich Stoff: Gottesauge, Salomonssiegel und Jakobsleiter, Madonnenlilie, Mariendistel und Marienglockenblume, Kreuzkraut, Himmelschlüsselchen, Johannisbeere und Judassilberling, Karthäusernelke, Mönchspfeffer, Kapuzinerkresse, Pfaffenhütchen und Heiligenkraut, Teufelskralle und Engelwurz – die Liste ist bei Weitem nicht vollständig. Noch gar nicht im Blick sind dabei Obstbäume, die offenbar in Klöstern oder Pfarrgärten gezüchtet worden sind, wie Pastorenbirne, Mönchsnase, Geflammter Kardinal oder Nonnenkirsche.

Christine Lässig

Christine Lässig

Dazu kommen viele Pflanzen, die zwar auf den ersten Blick keinen Kirchenbezug zu haben scheinen, aber wegen ihres Aussehens, ihrer Eigenschaften oder Erwähnung christlichen Symbolcharakter bekamen. Im Volksglauben haben sie eine große Rolle gespielt, und aus der mittelalterlichen Malerei sind sie nicht wegzudenken. So steht beispielsweise der Weinstock für Christus, die Hauswurz und der Efeu für ewiges Leben, Lilie wie Rose für Maria und die dreiblättrige Erdbeere für die Trinität. Dass das Veilchen christliche Demut symbolisieren soll, muss allerdings auf einem Irrtum beruhen. Kaum ein Bodendecker benimmt sich so rücksichtslos, wenn es um das eigene Fortkommen geht. – An die reiche Pflanzenwelt des Alten und Neuen Testamentes erinnern die Bibelgärten mit Weizen, Linsen und Ysop, Apfelbaum und Dattelpalme, Rizinus und Ölbaum, Weihrauch und Myrrhe oder vielleicht auch Disteln und Dornen. Sie sehen: Das Thema »Pflanzen und Kirche« ist ein weites Feld.

Christine Lässig

Theologie muss mit dem Leben zu tun haben

4. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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EKM-Synode: Zum Thema »Öffentliche Kirche in ökumenischer Perspektive« sprach Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm


In seinem Vortrag vor der Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, die vom 21. bis 24. November im Landeskirchenamt Erfurt tagte, mahnte Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (München) den Blick der Kirche nach außen an.

Die Kirche solle ihren Blick und ihr Handeln nach außen richten und mit den Augen der anderen sehen lernen. Zudem müsse ihre Argumentation fest auf biblischem Fundament bleiben. So ließe sich zusammenfassen, was der Münchner Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm in seinem Vortrag den Synodalen der mitteldeutschen Kirche (EKM) ins Stammbuch schrieb. Ausgehend von den tiefen Gräben, die durch die Finanzkrise in Europa entstanden sind, mahnte er eine geschwisterliche Sicht an. Gerade sei er von einer ökumenischen Reise nach Athen zurückgekehrt und habe erlebt, wie der Erzbischof von Athen seine Bitterkeit zum Ausdruck brachte. Die Griechen fühlten sich von Deutschland tief verletzt. Und aus solcher Verletztheit heraus könne ein Volk nicht selbstkritisch reflektieren. Selbstkritik könne nur aus einer Situation des Vertrauens heraus geschehen. Um hier Wege zu ebnen, habe der Generalsekretär des Ökumenischen Rates zu dieser Reise eingeladen, weil wir »als Kirche weltweit verwurzelt sind« und daraus einen Weg der Versöhnung ermöglichen. Der bayerische Landesbischof habe so mit eigenen Augen die Armut und Verzweiflung der Griechen erlebt. 250000 Armenessen gebe die griechisch-orthodoxe Kirche inzwischen täglich im Land aus.

Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm referierte im Erfurter Colligium maius. – Foto: Gerhard Seifert/EKM

Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm referierte im Erfurter Colligium maius. – Foto: Gerhard Seifert/EKM

»Wie können wir als Kirche so wirken, dass wir unsere innerkirchlichen Netzwerke nutzen und uns gleichzeitig nicht aus dem öffentlichen Raum heraushalten?«, fragte Heinrich Bedford-Strohm. »Kirche muss sich in die öffentlichen Angelegenheiten einmischen.« Das heiße nicht, politische Probleme zu lösen, sondern den Blick auf die Menschen zu haben. In diesem Zusammenhag kritisierte der promovierte Theologe und Sozialethiker die Scheu, biblisch-theologische Begründungen ins Zentrum zu rücken, »weil man fürchtet, nicht ernst genommen zu werden«. Doch wenn die Kirche der Gesellschaft nur das sage, was sie sowieso weiß, würde Kirche erst recht uninteressant. Man brauche einen konstruktiven theologischen Zugang zur Welt, um in den eigenen Zusammenhängen glaubwürdig zu sein.

»Als Kirche dürfen wir nicht verschweigen, woher wir kommen«: von der biblischen Entscheidung für Arme, der Gewaltfreiheit und der Minimierung der Gewalt gegenüber der Natur. Solche Grundorientierung aus dem biblischen Kontext sollten »in die öffentlichen Diskussionen eingebracht werden«. Dazu müsse die Kirche jedoch die Sprache der Welt verstehen. »Ich muss verstehen, worüber die Welt redet, wenn sie über Gerechtigkeit spricht.« Und umgekehrt sollten Christen in der Öffentlichkeit »so reden, dass die Menschen verstehen, dass diese Christen doch was Wichtiges zu sagen haben«.

Weiter führte der Bischof aus: »Wir sind zusammen die Kirche« und könnten alle Kompetenzen der Gemeinschaft nutzen, die wir haben. Die Theologie müsse mit dem Leben der Menschen zu tun haben. Er forderte eine »prophetische Qualität«. »Prophetisches Reden ist nicht nur zutiefst biblisch, sondern es ist auch notwendig, um das Klein-Klein des politischen Alltagsgeschäfts immer wieder im Sinne eines Gedankenanstoßes

zu hinterfragen«, so Bedford-Strohm. Dabei sei jedoch entscheidend, dass diese prophetische Rede so gewählt wird, »dass sie Diskurse nicht verschließt, sondern Diskurse eröffnet.« Sie dürfe nicht mit dem Gestus der moralischen Überlegenheit daherkommen, sondern müsse immer in tiefer Solidarität geschehen – auch mit denen, die Macht haben.

Gleichzeitig sei Geschwisterlichkeit in der Einen Welt ein wichtiges Kriterium, auch indem wir uns »die Perspektive der armen Länder immer zur eigenen Perspektive machen«.

Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung – die Kernpunkte des Konziliaren Prozesses verband der Redner mit dem Blick auf den konkreten Zustand unserer Welt. Er kritisierte die hohe CO2-Emmission der Industrieländer. »Man wird sagen müssen, dass wir mit unserem Wohlstandsmodell und der dadurch entstandenen Veränderung des Klimas den armen Ländern eine Hypothek aufgebürdet haben, die ihre Entwicklung schwer belastet.« Der ethische Appell allein genüge nicht, sondern »Anreiz und Inspiration gehören zusammen«. Man solle die Anreizfunktion nicht verteufeln, weil es sinnvoll sei, zum Beispiel umweltschädliche Waren zu verteuern. Beides könne zum Ziel führen. Umweltschutz sei auch nicht zu teuer, denn die Folgen des Klimawandels kosten 5,5 Billionen Euro; für Umwelt-Investitionen seien jährlich nur 270 Milliarden Euro nötig. Zurzeit würden wir die Folgen auf die nächsten Generationen abwälzen. »Das kann kein Rezept des Handelns für Christenmenschen sein.«

Des Weiteren kritisiere Heinrich Bedford-Strohm, dass beim Lösen von Konflikten zu schnell auf Gewalt gesetzt würde: »Wir überschätzen die Wirkung der Gewalt.« Zu diesem Thema habe die ökumenische Bewegung große Herausforderungen zu bewältigen. Zur Ökumenischen Versammlung in Porte Allegre 2006 habe man eine wichtige Formulierung gefunden, Gewalt als Mittel einzig und allein einzusetzen als Schutzpflicht gegenüber gefährdeten Bevölkerungsgruppen – bei »strikter Beachtung der Verhältnismäßigkeit«. Deshalb müsse Theologie dazu taugen, Politiker in Situationen zu beraten, wo diese zu entscheiden haben zwischen Leben und Tod.

Dietlind Steinhöfel

Die vollständige Rede kann im Internetvideo gehört werden.
www.ekmd.de

Martin Luthers Lieder am Äquator

2. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Choräle des Reformators sind in Kenias Kirche sehr populär

»Wenn Luther seine Choräle dazu bestimmte, Lieder der Gemeinde zu sein, Lieder, die sie auf ihrem Weg zusammenschweißen in gemeinsamer Hoffnung, dann finden wir dies in Afrika.« William Obaga ist fest davon überzeugt, dass der Reformator aus Eisleben ein globaler Theologe und Liederdichter ist. Er muss es wissen. Denn schließlich sind dem 60-jährigen Kirchenmusiker und Kirchenhistoriker, Musikdirektor der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Kenia, Martin Luthers Choräle seit früher Kindheit vertraut. Er hat als Musiklehrer an höheren Schulen gearbeitet, Orchester geleitet und Chöre gegründet, 1987 etwa den der Universität in Nairobi. Und er hat daran mitgearbeitet, die lutherische Liturgie besser mit der Landessprache zu harmonisieren.

Bis heute, erzählt er, würden Lieder wie »Liebster Jesu, wir sind hier«, »Nun danket alle Gott« oder »Ein feste Burg ist unser Gott« in den Gemeinden seines Landes gesungen. »Sie gehören zur individuellen und kollektiven Identität der Lutheraner in Kenia«, sagt er. »Und heute drücken sie am besten aus, was es in einer konfessionell pluralen Gesellschaft heißt, lutherisch zu sein.«

William Obaga, Musikdirektor der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Kenia – Foto: privat

William Obaga, Musikdirektor der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Kenia – Foto: privat

Gesungen werden die Choräle in Swahili. Mitgebracht in das westafrikanische Land am Äquator haben sie vor anderthalb Jahrhunderten deutsche Missionare wie Johann Ludwig Krapf, der 1844 das neuzeitliche Christentum dort begründete, oder sein späterer Begleiter Johannes Rebmann. »Sie gründeten erste kleine Gemeinden und lehrten sie jene europäischen Choräle zu singen, die sie zuvor in Swahili und andere Landessprachen übersetzt hatten«, erzählt Obaga. Zunächst die Hersbrucker, später die Leipziger Mission folgten diesen Pionieren und gründeten 1886 die Lutherische Kirche in Kenia.

Doch wie konnten Lieder aus dem fernen Europa, die in den Ohren der Kenianer fremd geklungen haben müssen, unter den Christen dort so populär werden? Genau diese Frage ist es, auf die William Obaga, derzeit Doktorand am Luther-Seminar im US-amerikanischen St. Paul (Minnesota), mit seinen wissenschaftlichen Forschungen Antwort sucht. Er ist nach Deutschland gekommen, um in den Archiven, unter anderem in Leipzig, Dokumente über die Lutherische Mission in Ostafrika in den Jahren 1844 bis 1919 zu sichten. Davon verspricht er sich Aufschluss über die Herausbildung und Entwicklung der Kirchenmusik in jener Zeit in Kenia. Speziell über die Art und Weise, wie die deutschen lutherischen Missionare die Kirchenhymnen entwickelten.

Für ihn ein hochinteressantes Beispiel interkultureller Einflüsse. Obwohl die alten lutherischen Choräle und die traditionelle kenianische Musik völlig verschieden seien. »Afrikanische Lieder sind rhythmisch äußerst lebendig, die Struktur ihrer Melodien entspricht sozusagen unserer innersten Herzensmelodie.« Genau dies fehle den westlichen Liedern. »Vereinfacht gesagt, haben die Kenianer es dennoch verstanden, diese deutschen Choräle anzupassen und über so lange Zeit hinweg zu pflegen. Dabei haben sie aus dem Repertoire der Missionare das herausgefiltert, was ihnen am meisten lag.« Lieder mit alten Kirchenmelodien und in Moll zum Beispiel seien dabei ebenso auf der Strecke geblieben wie synkopierte. Erhalten hingegen blieben die mit gleichmäßigem Rhythmus. Durch völlig neue seien die alten Melodien nur in wenigen Fällen ersetzt worden. Manchmal freilich habe man sie ein wenig verändert.

Und die alten Texte? »Luthers theologische Dichtkunst ist zeitlos und universal zugleich«, sagt William Obaga. Ihre klare Sprache mache Grundsätze wie »allein aus Glauben« auch in Kenia verständlich. So hätten sie Eingang in persönliche und gemeinsame Gebete gefunden und in Lieder, die in der Gegenwart komponiert werden. »Es scheint, als sei Luthers lyrische Theologie bei uns in solcher Weise aufgenommen worden, dass sie auch heute noch die Herzen der Menschen anspricht – unter völlig neuen Umständen, in neuen Lebenszusammenhängen und auf ganz neue Art.«

Tomas Gärtner

»Diese Welt ist trotz allem in Gottes Hand«

1. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie der Glauben an Jesus Christus helfen kann – Interview mit Brigitte Seifert

Wenn Jesus Christus das Licht der Welt ist, kann dann auch mein Leben heller werden? »Ja«, sagt Brigitte Seifert, Pfarrerin am Haus der Stille im evangelischen Zentrum Kloster Drübeck. Mit ihr sprach Sabine Kuschel.

Frau Dr. Seifert, im Advent besinnen wir uns darauf, dass Christus das Licht der Welt ist. Was bedeutet Ihnen diese Botschaft?
Seifert: Viel! Das Erste, was mir einfällt, ist die Zeit meiner Krebserkrankung. Ich war 2007 krebskrank. Es war das Paul-Gerhardt-Jahr. Damals habe ich manche Paul-Gerhardt Lieder auswendig gelernt, u.?a. »Die güldne Sonne voll Freud und Wonne«, in dem es auch um Licht geht. Eine Strophe mochte ich nicht: »Willst du mich kränken, mit Galle tränken, und soll von Plagen ich auch was tragen, wohlan, so mach es, wie dir es beliebt.« Ich mochte diese Strophe nicht, aber ich habe sie trotzdem gesungen. Als die Diagnose akut wurde, begann die ungeliebte Liedstrophe zu mir zu sprechen. Einen Tag, bevor ich die Diagnose bekam, habe ich sie wieder gesungen und hatte plötzlich das Gefühl: Ja, okay, wenn es denn so sein soll, dann ist es so. Ein paar Tage später lag ich unter der Chemotherapie und fühlte mich krank. Von diesem Augenblick an wusste ich zugleich: Ich bin in der Hand des großen Arztes – Jesus. Diese Krankheit wird mir zu einer Heilung auf tieferer Ebene dienen. So war es dann auch.

Brigitte Seifert – Foto: privat

Brigitte Seifert – Foto: privat

Es waren Liedstrophen, die Ihnen während der Krankheit geholfen haben?
Seifert: Ja. Zum Beispiel dann in der Osterzeit, als ich noch Chemotherapie bekam. In einer Strophe des Liedes »Christ lag in Todesbanden« heißt es: »das Leben behielt den Sieg … Die Schrift hat verkündet das, wie ein Tod den andern fraß«. Für mich war die Chemotherapie der eine Tod, der meinen Körper an die Grenzen gebracht hat, aber der hat den anderen Tod gefressen. Das ist mir zum Gleichnis geworden, wie der Tod Jesu die Macht des Todes für uns Menschen überwindet.

Wenn wir die Nachrichten lesen, hören oder sehen, lehren sie uns mitunter das Fürchten. Wie bewahren Sie sich im Alltag den Glauben, dass Christus das Licht ist?
Seifert: Ich würde resignieren, wenn ich mich nicht immer wieder erinnern könnte. Und an die Botschaft, dass Gott Mensch wird. Das heißt, dass er mein Leben mit all seinen Beschwernissen, sogar bis in die tiefsten Tiefen und Dunkelheiten teilt. Das ist mir etwas so Großes, dass ich immer mehr zum Staunen komme.

So glauben zu können, ist ein großes Geschenk. Wie sind Sie zu diesem Glauben gekommen?
Seifert: Ich bin als Baby getauft worden. Das ist mir tatsächlich ein großes Geschenk. Ich bin dann in einer evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde aufgewachsen, die mir Halt gegeben hat. Es war immer eine Sehnsucht in mir. Am meisten gewachsen ist mein Glauben in den verschiedenen Auseinandersetzungen und Krisenzeiten. Es gab Zeiten, da wusste ich nicht mehr richtig, wo ich innerlich hingehöre, was richtig und was falsch ist. Ich habe diese Fragen immer auch in mein Gebet genommen. Ich wollte gern Medizin studieren, wurde aber abgelehnt. Erst mal war ich ganz stark im Glauben, dass Gott mir einen Weg zeigen würde. Aber dann plötzlich, ich war auf dem Weg zum Orgelüben in die Kirche, dachte ich: Ich verlass mich hier auf Gott, wenn es den nun gar nicht gibt? Ich war selber erschrocken über den Gedanken. Bevor ich zur Orgel hochstieg, habe ich auf dem Altarplatz zu Gott, von dem ich nicht mehr wusste, ob es ihn gibt, gesagt: Lieber Gott hilf mir, ich weiß nicht, ob es dich gibt. Amen. Das war ein ganz kurzes Gebet. Ich bin hoch zu meiner Orgelbank, dort lag eine Bibel und da bin ich auf Psalm 13 gestoßen: Wie lange willst du mich ganz vergessen? Wie lange soll mein Feind sich rühmen, er sei meiner mächtig geworden? Ich dachte: Den Menschen vor über 2000 Jahren ist es auch schon so gegangen. Meine Zweifel waren weggewischt. Ich habe auch später meine Zweifel und meine Enttäuschung im Gebet ausgesprochen. Das hat meine Beziehung zu Gott vertieft. Manchmal hat es sehr lange gedauert, bis ich seine Antwort gehört habe.

Zu Ihnen kommen Menschen, die Sehnsucht nach Religiosität haben oder Glaubensstärkung suchen. Was raten Sie ihnen?
Seifert: Zwei Wege, die sich aber nicht ausschließen. Das eine: So tun als ob. Wenn jemand mit Gott wieder in Verbindung kommen will, sollte er so tun, als ob Gott hören würde und beten: Ich hab Sehnsucht nach dir, aber du bist mir unendlich weit entfernt. Also nicht über Gott nachdenken und warten, bis im Kopf alles klar ist, das wird nie passieren, sondern versuchen in das Dunkel des Nicht-glauben-Könnens zu sagen: Gott, wo bist du? Um im Glauben wachsen zu können, brauchen wir Zeiten der Beschäftigung mit dem Glauben: sei es die Losung am Frühstückstisch, ein Bibelgesprächskreis, eine Zeit des Gebets beim Spazierengehen oder auf dem Nachhauseweg von der Arbeit. Den Tag noch mal Revue passieren lassen. Es gibt eine Gebetsform, die heißt »Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit«. Ich stell mir vor, dass Gott liebevoll auf meinen Tag und auf mich schaut. Mit dieser liebevollen Aufmerksamkeit schaue ich auch auf meinen Tag und sage im Stillen danke für das, was schön war. Und leg Gott das hin, was schwierig war.