Abschied per Mausklick?

18. November 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Trauerkultur im Wandel: Virtuelle Friedhöfe, nie verlöschende Kerzen – das Internet bietet »ewiges« Gedenken

Wie passen Trauer und das Internet zusammen? Offenbar zunehmend gut, wie die zunehmende Zahl von virtuellen Friedhöfen zeigt.

Während auf den realen Friedhöfen die Zahl der anonymen Bestattungen steigt, weil es keine Angehörigen gibt, die das Grab pflegen wollen oder können, wächst seit Beginn der 1990 Jahre
die Zahl der virtuellen Friedhöfe. Vor allem Menschen, die mit dem Computer aufgewachsen sind, nutzen die moderne Technik, um ihrer Trauer in Online-Trauer-Portalen, Trauer-Blogs, Gedenkseiten, Chats und Foren, Ausdruck zu verleihen.

Auf digitalen Friedhöfen kann man einen Nachruf verfassen, eine Todesanzeige aufgeben, eine individuell ­gestaltete Gedenkseite oder eine virtuelle Grabstätte für einen lieben Verstorbenen einrichten und ihm damit ein »ewiges« Denkmal im Netz setzen. Denn das Internet vergisst ja bekanntlich nichts. Kondolenzbücher stehen bereit, um möglicherweise die anteilnehmenden Worte anderer zu dokumentieren. Sogar die Trauerkerze, die traditionell auf Gräbern entzündet wird, hat ihren Weg in die virtuelle Welt des Internet gefunden. Zu jeder Tages und Nachtzeit lässt sich per Mausklick eine virtuelle Kerze entzünden, die niemals niederbrennt oder in Regen und Wind verlöscht.

Mit Tonaufnahmen, Videos oder Fotos und Texten lässt sich das Leben des Verstorbenen multimedial festhalten. So können sich die Nutzer des virtuellen Friedhofs der Illusion hingeben, die Erinnerung vor dem Verblassen bewahren zu können. Anders als eine reale Grabstätte ist eine Gedenkseite zeitlich unbegrenzt zugänglich – es sei denn, diejenigen, die sie eingerichtet haben, verlangen beim Betreiber die Löschung.

Jederzeit zugänglich für jedermann in der Welt

Wer nicht aller Welt, sondern nur ausgewählten Menschen Zutritt zur virtuellen Gedenkstätte gewähren will, kann den Zugang durch ein Passwort schützen lassen. Dafür ist aber bei manchen Portalen eine Gebühr fällig. Und auch, wer beim Online-Auftritt einer Tageszeitung eine Traueranzeige aufgeben will, muss zahlen.

blick-47-2012»Ein virtueller Friedhof ist weltweit, kosten- und zeitsparend und jederzeit erreichbar, sodass die Hinterblie­benen stets darauf zurückgreifen ­können«, meinen die Betreiber von »www.gedenkseiten.de« die Vorteile und den Nutzen solcher virtuellen Trauerräume beschreiben zu können. Zudem könnten Wünsche und Nachrichten von anderen, die ebenfalls um den Verstorbenen trauern, den Hinterbliebenen Kraft geben. So könne eine »virtuelle Gemeinschaft« entstehen, in der man sich gegenseitig ­helfen könne, »zurück ins Leben zu finden«, heißt es.

Die meisten Gedenkportale versichern, dass sie kostenlos und ohne ­geschäftliches Interesse betrieben würden. Allerdings: Nicht selten führt ein Link zu einem Onlineshop, in dem passende Bücher, Videos oder Musik feil geboten werden. Oder es gibt einen Link zu Anbietern von Bestattungen, Steinmetzen oder anderen. Sogar den Hinweis auf eine Hellseherin, die ihre Dienste allerdings nicht zum Nulltarif anbietet, hat es schon gegeben.

Auch die Kirchen melden sich in Sachen Tod und Trauer im Internet zu Wort. Etwa auf »www.Trauernetz.de«, einem Online Angebot für Trauernde, das gemeinsam von der evangelischen Kirche im Rheinland, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands und dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik getragen wird. Hier finden die Besucher zwar keine Möglichkeit, online Gedenkstätten mit Ewigkeitscharakter anzulegen, dafür aber hilfreiche Lyrik, Gebete und Meditationstexte, Hinweise auf Trauergruppen in der eigenen Umgebung, und das Angebot, mit gut ausgebildeten Pfarrerinnen Kontakt aufzunehmen.

Auch die Kirchen machen Trauerangebote im Netz

Kristiane Voll ist eine der beiden Seelsorgerinnen, die als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht. Die ausgebildete Trauerbegleiterin sieht in dem sich verstärkenden Trend zur Trauer im Internet eine »im Großen und Ganzen positive Möglichkeit«, die dem Bedürfnis, in der eigenen Trauer wahrgenommen zu werden und der Anonymität zu entrinnen, entspringe. Der »Stein der Weisen« allerdings ist die Trauer im Internet aus ihrer Sicht nicht. Ersatz für reale Begegnung, für Austausch von Angesicht zu Angesicht und für im wörtlichen Sinn Berührende Gesten kann ein virtueller Trauerort aus ihrer Sicht nicht sein.

Niemand kann virtuell in den Arm genommen werden

Nachdrücklich warnt die Pfarrerin auch vor der Gefahr des »Internet-Tratsches«. Trauernde, die allzu frei Gefühle oder Erinnerungen preisgeben, öffnen womöglich ungewollt das Tor für Mutmaßungen und Gerüchte, hat die Pfarrerin erlebt. Besonders dann, wenn die Eintragungen im Internet von Menschen aus der näheren Umgebung gelesen und interpretiert werden.

Und: Bei allem Verständnis für Trauernde, die den virtuellen Raum zur Trauerbewältigung nutzen wollen, rät Kristiane Voll dazu, immer auch den Kontakt mit realen Menschen zu suchen. Denn virtuell kann niemand einen anderen in den Arm nehmen, ein Taschentuch zum Tränenabwischen zustecken oder einfach nur still zuhören. Zur gelingenden Trauer gehört auf lange Sicht, den anderen loszulassen und ihn realistisch mit seinen starken und schwachen Seiten zu würdigen und zu respektieren. Ob die Trauer im Internet, die momentane Gefühle »verewigt«, dazu wirklich beiträgt, bleibt fraglich.
Karin Vorländer

www.trauernet.de

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