Streit über die Homo-Ehe

30. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Frankreich: Auch der protestantische Dachverband des Landes lehnt eine geplante Gesetzesnovelle zur Ehe ab


Konservative Politiker, aber auch Kirchenvertreter Frankreichs mobilisieren gegen das geplante Gesetz zur »Öffnung der Institution Ehe für alle«.

Homo-Ehe und Adoptionsrecht für homosexuelle Paare sind das Wahlversprechen Nummer 31 des französischen Präsidenten François Hollande. Der Gesetzentwurf zur »Öffnung der Institution Ehe für alle« soll am 7. November im Ministerrat vorgestellt werden. Die anschließende Debatte im Parlament verzögert sich noch bis Mitte Januar. Die Abgeordneten wollen mehr Zeit, um sich mit der Frage zu befassen. Denn Homo-Ehe und Adoptionsrecht für Lesben und Schwule sind umstritten in Frankreich. Und der Ton des Streites ist rau.

Vorwurf: »Warum keine Heirat mit Tieren«
Für den konservativen Bürgermeister des 8. Pariser Arrondissements, François Lebel, ist die Homo-Ehe der Anfang der Legalisierung von Inzest und Pädophilie. Der Lyoner Erzbischof Philippe Barbarin befürchtet, dass dann auch bald die Polygamie erlaubt werde, wie auch die rechtsextreme Parteichefin Marine Le Pen. Die konservative Bürgermeisterin Brigitte Barèges bemerkte: »Und warum keine Heirat mit Tieren?«

Seit Jahren fordern Frankreichs Homosexuelle die Homo-Ehe und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. – Foto: picture-alliance

Seit Jahren fordern Frankreichs Homosexuelle die Homo-Ehe und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. – Foto: picture-alliance

Psychiater warnen vor den Folgen für die Kinder, die von zwei Frauen oder zwei Männern erzogen werden: Die Begriffe »Mutter« und »Vater« würden ihren Sinn verlieren, lautet ihr Argument. Der traditionalistische Lobbyverein »Civitas« will schließlich gegen die Homo-Ehe eine Million Flugblätter verteilen. Darauf sind zwei in Lederstring gekleidete Männer abgedruckt sowie die Frage: »Möchten Sie solchen Leuten Kinder anvertrauen?« Mitte November will die Organisation in Paris einen Protestmarsch veranstalten.

Die breite öffentliche Debatte um die Homo-Ehe angestoßen hat der Pariser Erzbischof André Vingt-Trois mit einem Gebet für die traditionelle Familie bei einer Messe an Mariä Himmelfahrt. Doch es sind nicht nur die Katholiken, die sich ablehnend äußern. Inzwischen hat sich mit dem Protestantischen Bund von Frankreich auch der Dachverband der evangelischen Kirchen, dem immerhin rund 2,1 Prozent der Bevölkerung angehören, dem Nein zur Homo-Ehe angeschlossen. Ebenso wie die jüdischen und muslimische Institutionen.

Die Stimmung im Land ist seit Sommer gekippt
Die Stimmung in Frankreich ist gekippt: War im Sommer noch eine große Mehrheit der Franzosen (65 Prozent) für die Homo-Ehe, sind laut einer repräsentativen Umfrage der Zeitschrift »Nouvel Observateur« heute nur noch 58 Prozent für die Heirat von homosexuellen Paaren. Ähnlich verhält es sich mit dem Adoptionsrecht: Nach einer Erhebung des »Figaro« stieg die Zahl der Gegner der Adoption für Homo-Paare auf eine knappe Mehrheit von 52 Prozent.

Grundsätzlich gilt: Frauen, Linke, junge und gut Ausgebildete sind in der Regel mehrheitlich für die neuen Rechte für Homosexuelle. Männer, Konservative und Senioren stehen Ehe und Adoption eher skeptisch gegenüber. Unterdessen geht den Homosexuellen-Vereinigungen der Gesetzentwurf nicht weit genug. Sie fordern eine echte Gleichstellung der Familien homosexueller Paare.

Die sozialistische Justizministerin Christiane Taubira erklärte in der Homo-Zeitschrift »Têtu«: Um das Familienrecht zu ändern, brauche es mehr Zeit. Innerhalb der Sozialistischen Partei ist umstritten, ob lesbischen Paaren die In-vitro-Fertilisation erlaubt werden soll. Der künftige Parteivorsitzende Harlem Désir ist dafür, Premierminister Jean-Marc Ayrault dagegen. Laut der Umfrage des »Nouvel Observateur« sind über die Hälfte der Franzosen dafür, Frauen, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben, die künstliche Befruchtung zu erlauben. Der Gesetzentwurf sieht das indes nicht vor.

Die meisten konservativen Abgeordneten der Union für eine Volksbewegung (UMP) wollen gegen den Gesetzentwurf stimmen – auch wenn einige Parteimitglieder wie die ehemalige Sportministerin Chantal Jouanno befürchten, die Gesellschaft werde sich dann eben »ohne die Partei« entwickeln. Aus Rücksicht auf ihre homosexuellen Freunde oder Verwandten wollen sich andere enthalten. Möglicherweise wird es keine Parteivorgabe geben. Jeder Abgeordnete kann dann frei nach seinem Gewissen abstimmen. Das Gesetz, das Ehe und Adoption erlaubt, soll im nächsten Frühjahr in Kraft treten.

Martina Zimmermann (epd)

Die Provokationen von damals und heute

28. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Weder Vereinfachung noch Heldenepos: Wie wir nach 500 Jahren Zugänge zur Reformation finden können

Wie kann ein Ereignis von vor 500 Jahren – die Reformation – jungen und älteren Menschen heute nahegebracht werden? Dieser Frage gehen wir in einem zweiteiligen Beitrag nach.

Das 500. Jubiläum der Reformation im Jahr 2017 wirft seine Schatten voraus. Es handelt sich bei dem Anlass zu den heutigen Feierlichkeiten um einen folgenreichen Einschnitt der Kirchengeschichte, an den zu erinnern sich lohnen kann – nicht nur für evangelische Christen. Denn 1517 machte Martin Luther seine Überzeugung in 95 Thesen öffentlich an der Wittenberger Kirche und entfesselte damit eine Auseinandersetzung. Sie führte tatsächlich zu einem »Auseinander« und veränderte die politische und kirchliche Landkarte Europas und der Welt.

Neben dem Wagemut des Reformators, der dem Druck der Masse widerstand, war auch die Veränderung der Medienlandschaft durch den Buchdruck ein wesentlicher Faktor für das Fortschreiten der Gedanken. Endlich konnten auch Menschen ohne materielle Möglichkeiten ohne Bevormundung die Bibel lesen und sich mit ihrer Botschaft auseinandersetzen.

GuA-44-2012Wer von 1517 spricht, muss auch die Jahre davor und danach ansprechen. Beispielsweise die Biografie Martin Luthers und die Veränderung der geistlichen Großwetterlage seit Jan Hus. 1414 bis 1418 tagte die große Kirchenversammlung, das Konzil von Konstanz, als einziges Konzil nördlich der Alpen; 1415 wurde Jan Hus als Ketzer verbrannt. Es gab zugleich einen großen Bedarf an Reformen, den Wunsch nach Veränderungen und ein Ringen um Macht und Einfluss.

Ebenso sollte im Blick bleiben, dass die Reformation keine »Ein-Mann-Show« war. Vielmehr gab es etliche Mitstreiter und Mitstreiterinnen, Gegenspieler und andere Reformatoren mit bewegenden Biografien wie Ulrich Zwingli, Johannes Calvin, Johannes Bugenhagen, Martin Bucer, Heinrich Bullinger, die jeweils ganz eigene Akzente setzten. Es hat gar keine einheitliche Bewegung der Reformation gegeben. Die Einheit der Kirche bleibt bereits seit der Spaltung des Christentums in römisch-katholische Kirche und orthodoxe Kirchen im Jahr 1054 hinter der Bitte Jesu »auf dass sie alle eins seien«, zurück (Johannes, Kapitel 13).

Neben den geistlichen Motiven gab es auch »weltliche« Gründe für die Reformation. Immer ging es aber um die Bibel als Grundlage für das Leben und die Lehre. Durch die Bibel sollte es Menschen möglich sein, Gottes Willen zu erkennen und sein Wirken zu erfahren. Das eigene Lesen, die Lektüre ohne Bevormundung mündete nicht zuletzt in Initiativen für die Bildung und das Entstehen von Schulen! Neben Martin Luther erinnerte vor allem Philipp Melanchthon die Oberen jeder deutschen Stadt an dieses Ziel.

Bei der Vermittlung der Reformation sollten vor allem die daran beteiligten Personen als Menschen dargestellt werden, nicht als Helden oder Heilige – selbst wenn manches tatsächlich heldenhaft und mit Leiden verbunden war.

Und es kommt darauf an, Fakten zu erläutern und die Relevanz der damaligen Fragen für heute aufzuzeigen: Sich an Gottes Wort zu halten und seinen Willen zu tun, war damals wie heute teilweise mit Konflikten verbunden. Auch heute noch wird mitunter in Schule, Kirche und Politik versucht, Macht auf Andersdenkende und Andersglaubende auszuüben. Christenverfolgung ist nach wie vor aktuell und erreicht Dimensionen, die früher für unvorstellbar gehalten wurden.

Wer in die Vergangenheit blickt, sieht sich also nicht nur Vergangenem gegenüber, sondern Fragen, die noch im 21. Jahrhundert aktuell sind wie zum Beispiel: Wo geht es heutzutage vielleicht teuflisch zu oder wo wird das Böse, das Dämonische verharmlost? Wo redet man auch in der Kirche den Menschen nach dem Mund, anstatt sie in Glaubensdingen mündig zu machen – unter anderem durch Bibellesen?

Wo kann kultureller, geistlicher und existenzieller Armut durch Engagement für die Bildung junger Menschen begegnet werden? Schauen Pfarrer und Pfarrerinnen »dem Volk aufs Maul«, wie es Martin Luther formulierte? Werden den Menschen auch schwer eingängige Glaubensfragen zugemutet? Wird das Vertrauen in die Macht des Wortes Gottes und in das Wirken der Sakramente gestärkt?

All diese Fragen und Provokationen waren im 16. Jahrhundert nicht weniger wichtig als fünf Jahrhunderte später.

Reiner Andreas Neuschäfer

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer.

Christus im Sozialismus

27. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfurter Angermuseum widmet sich »Christlichen Bildern in einer atheistischen Welt«

Noch ist im Garten Eden alles in Ordnung: Adam hat sich unter dem prächtig blühenden Apfelbaum niedergelassen, um den Weiher haben sich allerhand Tiere versammelt und Eva ist in die Zwiesprache mit Flamingos versunken. Doch das Paradies ist in Gefahr, denn die Giraffe schiebt schon ihren schlangenartigen Hals in den Baum und, auf dem linken Flügel zu sehen, empfängt Eva von der Schlange den Apfel, reicht ihn weiter an Adam. So hat der hallesche Maler Albert Ebert seinen »Paradiesaltar« (1960–70) gestaltet: poetisch, schön, dabei keineswegs niedlich.

Am 21. Oktober wurde die Ausstellung »Tischgespräche mit Luther« im Erfurter Angermuseum eröffnet. Sie gehört zu ­einer von drei Ausstellungen von DDR-Künstlern. Die beiden anderen Ausstellungen sind in Weimar und Gera zu sehen. Das Foto zeigt die Skulptur »Judith und Holofernens« (1984) von Peter Makolies. – Foto: Jens-Ulrich Koch

Am 21. Oktober wurde die Ausstellung »Tischgespräche mit Luther« im Erfurter Angermuseum eröffnet. Sie gehört zu ­einer von drei Ausstellungen von DDR-Künstlern. Die beiden anderen Ausstellungen sind in Weimar und Gera zu sehen. Das Foto zeigt die Skulptur »Judith und Holofernens« (1984) von Peter Makolies. – Foto: Jens-Ulrich Koch

»Tischgespräch mit Luther. Christliche Bilder in einer atheistischen Welt« heißt die Ausstellung – das gleichnamige Triptychon von Uwe Pfeifer war hier titelgebend –, die das Erfurter Angermuseum bis zum 20. Januar 2013 zeigt. Sie widmet sich dem scheinbaren Paradoxon, dass während der DDR-Zeit religiöse und kirchliche Bindungen innerhalb der Bevölkerung schwanden und gleichzeitig biblische Stoffe und Motive in der bildenden Kunst eine Konjunktur erlebten. Eindrucksvoll veranschaulichen das die 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen, die die Kuratoren Kai Uwe Schierz und Paul Kaiser für diese, auf jegliche Stigmatisierungen verzichtende Schau ausgewählt haben.

Die in thematische Gruppen wie Kain und Abel, Christus am Kreuz, Adam und Eva, Antonius oder Pietà zusammengefassten Werke bestimmen die Ausstellung. Drei Gemälde verdeutlichen verschiedene Zugänge zum Turmbau von Babel: Bernhard Heisig benutzt »Neues vom Turmbau« (1977) dazu, um die von Fußball, Fernsehen und Unterhaltungsmusik geblendeten Zeitgenossen vorzuführen, Alexandra Müller-Jontschewa lässt den Betrachter in ihrem 1985 entstandenen Bild in einen monströsen Technikpalast schauen, in dem verwahrloste Menschen hausen. »Im Turm« (1983–86) betitelt Roland Borchers eine traumwandlerische Szenerie, aus der sich die Tänzer davonzuschleichen scheinen. Zu den beeindruckendsten Arbeiten dieser Ausstellung zählen die Umdeutungen des Pietà-Motivs von Theo Balden.

Erstaunlich ist auch die Vielfalt der Künstlernamen – es sind 58 an der Zahl –, die hier vertreten sind. Natürlich begegnet man Fritz Cremer, Werner Tübke, Willi Sitte, Arno Rink, Wolfgang Mattheuer und Núria Quevedo wieder. Darüber hinaus werden Arbeiten von Gerhard Altenbourg, Horst Sakulowski, Manfred Butzmann oder Heidrun Hegewald gezeigt. Die Ausstellung lässt auch Entdeckungen zu; eine ist Joachim Völkner, dessen Werke bis zu seinem Todesjahr 1986 in nur einer Ausstellung zu sehen waren.

»Tischgespräch mit Luther« gehört zu einer Ausstellungstrilogie – »Abschied von Ikarus« im Neuen Museum Weimar und »Schaffens(t)räume« in der Kunstsammlung Gera sind die beiden anderen betitelt –, die zur DDR-Kunst in Thüringen gezeigt werden und bis zum 3. Februar 2013 zu sehen sind. Entstanden sind sie in Kooperation mit dem Forschungsprojekt »Bildatlas: Kunst in der DDR«, das vom Bundesbildungsministerium gefördert wird. Ziel ist es, die Bestände in den Museen, privaten Sammlungen, Betrieben und Massenorganisationen zu erfassen. 20000 Werke sind bereits registriert; im kommenden Jahr soll der Bildatlas als Buch und in einer Online-Datenbank veröffentlicht werden.

Da sich nicht jedes in der Ausstellung gezeigte Werk in seinen Anspielungen unmittelbar ikonografisch entschlüsseln lässt, sei das wunderbare Begleitprogramm empfohlen.

Christina Onnasch

www.angermuseum.de

»Ich schätze Luthers leidenschaftlichen Glauben«

25. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Was der neue »Chefökumeniker« der Deutschen Bischofskonferenz im Blick auf das Reformationsjubiläum erwartet


In der katholischen Kirche Deutschlands ist er für Ökumene zuständig: der neue Vorsitzende der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Gerhard Feige aus Magdeburg. Benjamin Lassiwe sprach mit ihm über den katholischen Blick auf 2017 und die Ökumene.

Herr Bischof Feige, freuen Sie sich auf 2017?
Feige: Ich gehe dem Jahr immer noch mit gemischten Gefühlen entgegen, weil ich nicht weiß, wie es sich gestalten wird und wie weit sich die Beziehungen zwischen evangelischer und katholischer Kirche bis dahin positiv verändert haben – oder eben auch nicht.

Was muss denn aus Ihrer Sicht bis 2017 passieren?
Feige: Ich hoffe, dass wir noch zu einigen gemeinsamen Vorstellungen hinsichtlich des Reformationsgedenkens kommen. Sie merken, ich benutze den Begriff »Gedenken« – das fängt schon beim Namen an. Im Protestantismus spricht man ja eher vom »Jubiläum«. Aber von der evangelischen Seite möchte ich schon konkretere Vorstellungen hören, was man da beabsichtigt. Und dann können wir Katholiken für uns klären: Wie gehen wir damit um? Mich bewegt zum Beispiel die Frage, ob es noch gelingt, die Vorgeschichte und die Wirkungsgeschichte der Reformation gemeinsamer zu erfassen. Oder ob es da eben bei sehr unterschiedlichen Sichtweisen bleibt.

Und wie steht es mit Martin Luther? Was schätzt ein katholischer Bischof an dem Reformator?
Feige: Seinen leidenschaftlichen Glauben und seine Ausrichtung auf Jesus Christus. Das ist ja etwas, worauf auch der Papst bei seinem Besuch in Erfurt hingewiesen hat: Anlässlich des Reformationsgedenkens sollten wir uns wieder mehr auf Christus beziehen. Wir sollten alles dafür tun, dass es uns gelingt, unseren Glauben noch überzeugender zu leben und zu verkünden.

Gerhard Feige ist seit 2005 Bischof des Bistums Magdeburg. Seit Langem im ökumenischen Gespräch engagiert, wurde er vor wenigen Wochen zum Nachfolger des nach Rom versetzten Regensburger Oberhirten Gerhard Ludwig Müller als Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. – Foto: picture-alliance

Gerhard Feige ist seit 2005 Bischof des Bistums Magdeburg. Seit Langem im ökumenischen Gespräch engagiert, wurde er vor wenigen Wochen zum Nachfolger des nach Rom versetzten Regensburger Oberhirten Gerhard Ludwig Müller als Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. – Foto: picture-alliance

Bezieht sich die Ökumene heute denn auf den gelebten Glauben – oder sind die Diskussionen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Christen nicht zum Selbstzweck geworden?
Feige: Es gibt sehr verschiedene Ebenen, auf denen Ökumene geschieht oder auch nicht geschieht. Und alle diese Ebenen sind wichtig, und es ist auch wichtig, dass zwischen ihnen eine Vernetzung erfolgt. Es gibt die Ebene der Basis in den Gemeinden, es gibt eine Ebene der Theologen, die Vordenker sein sollen, und es gibt die Ebene der Kirchenleitungen. Auf allen diesen Ebenen muss man sich heute bewegen, meine ich.

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat in einem Interview erklärt, die Ökumene sollte nicht auf die Bischöfe warten. Was hält ein katholischer Bischof davon?
Feige: Das sehe ich durchaus anders. Es gibt ganz konkrete Beispiele, wo man sagen kann, dass ökumenische Fortschritte von den leitenden Geistlichen der Kirchen ausgingen. Das gilt zum Beispiel für das Verhältnis von katholischer Kirche und Orthodoxie. Da ist die Initiative eindeutig von Päpsten und Patriarchen ausgegangen. Und wir erleben es heute noch, dass die Fortschritte, die erreicht worden sind, vielerorts an der Basis nicht ins Bewusstsein gedrungen sind.

Im Protestantismus gab es ja immer mal wieder einzelne Stimmen, die den Papst als Sprecher der Christenheit vorgeschlagen haben. Dies wurde von der eigenen Fraktion brüsk zurückgewiesen. Ist das Papstamt ein Problem für die Ökumene?
Feige: Schon Papst Johannes Paul II. hat ja dazu eingeladen, in der Ökumene über die Rolle des Papstes nachzudenken. Schließlich gilt es zu unterscheiden: Es gibt einen inhaltlichen Kern des Amtes, und es gibt eine äußere Form. Die äußere Form hat sich im Laufe der Zeit durchaus verändert. Und da kann es interessant und konstruktiv sein, darüber zu diskutieren. Beim inhaltlichen Kern ist das etwas anders: Hier haben wir ein spannendes Thema, aber vielleicht auch einen Graben zwischen den Konfessionen, der nicht einfach überbrückt werden kann.

Wo sehen Sie die Schwierigkeiten im protestantisch-katholischen Verhältnis?
Feige: Im Kirchenverständnis und im Amtsverständnis haben sich in letzter Zeit doch wieder einige Probleme gezeigt, die sich als belastend erweisen. Ein Beispiel dafür sind die Prädikanten, die in manchen Landeskirchen neuerdings auch zur Einsetzung des Abendmahls beauftragt werden. Da vermissen wir ein eindeutiges Bekenntnis zur Ordination. Denn als katholische Kirche haben wir seit alters her ein sakramentales Amtsverständnis: Bei uns geht es nicht, dass Menschen zur Leitung der Eucharistiefeier nur beauftragt werden. Da unterscheiden wir uns doch wesentlich vom funktionalen Amtsverständnis der Protestanten.

Wortgottesdienstleiter werden auch bei Ihnen nur beauftragt …
Feige: Das stimmt. Zur Leitung einer Wort-Gottes-Feier werden auch bei uns Gemeindeglieder lediglich beauftragt. Aber sie leiten eben nicht die Eucharistiefeier – das darf nur der geweihte Priester.

Ein Thema in der Ökumene sind auch immer wieder die konfessionsverschiedenen Paare.
Feige: Bei den Paaren, die in einer konfessionsverbindenden Ehe leben, zeigt sich die Abendmahlsproblematik am schmerzlichsten. Das wird aber weltkirchlich – aus katholischer Perspektive – nicht überall so wahrgenommen wie zum Beispiel bei uns in Deutschland. Für die katholische Kirche ist die Kommunion der höchste und letzte Ausdruck ihrer Einheit. Und solange diese nicht gegeben ist, können wir andere Christen nicht generell dazu einladen oder zulassen.

Das heißt, auch nationale Sonderregelungen gehen nicht?
Feige: Doch, grundsätzlich ermöglicht das Kirchenrecht so etwas. Es gibt einzelne Bischofskonferenzen, die das auch anwenden. In England darf zum Beispiel das nichtkatholische Elternteil bei der Erstkommunion des eigenen Kindes oder in anderen eng begrenzten Ausnahmefällen an der Kommunion teilnehmen, an normalen Sonntagen aber nicht. So etwas halten wir als Deutsche Bischofskonferenz für wenig hilfreich. Es wäre in den Gemeinden nicht vermittelbar, dass eine Teilnahme an der Kommunion nur bei bestimmten Anlässen möglich sein soll. Und darum ist es bei uns auch nicht zu so einer kasuistischen Reglung gekommen, wie es in England beispielsweise der Fall ist.

Wird in der Bischofskonferenz über dieses Thema weiterberaten?
Feige: Ich habe den Vorsitz der Ökumene-Kommission jetzt neu übernommen. Und ich werde sondieren, ob und wie wir hier vielleicht weiterkommen könnten.

Papst Benedikt XVI. hat ein »Jahr des Glaubens« ausgerufen. Welche Bedeutung hat das für die Ökumene?
Feige: Zunächst hat man da weitgehend innerkatholisch darüber nachgedacht. Ich sehe im Jahr des Glaubens eine mögliche Aktualisierung dessen, was das Zweite Vatikanische Konzil gewollt hat. Und da der Glaube uns mit den anderen Christen verbindet – wir sprechen ja das eine Glaubensbekenntnis, wir haben gegenseitig hier in Magdeburg unsere Taufe anerkannt –, wäre es mir ein Anliegen, dass wir das Thema im Jahr des Glaubens auch ökumenisch vertiefen. So ist in diesem Sinne beispielsweise beabsichtigt, dass das Johann-Adam-Möhler-Institut in Paderborn und das Konfessionskundliche Institut in Bensheim ein Buch herausgeben, das unter dem Titel »Was glauben wir als Christen« vor allem das beschreibt, was uns gemeinsam ist.

Das »Jahr des Glaubens« wurde von den römischen Behörden mit einem Ablass verbunden. Welche Bedeutung hat das für Katholiken hierzulande?
Feige: Für die meisten in unserer Region – so meine ich – wohl keine.

Wenn Sie als katholischer Ökumeniker auf die evangelische Kirche blicken – man lernt ja gerne auch aus der Außenperspektive …
Feige: Ich kann da nur meine Beobachtungen schildern: Ich nehme wahr, dass sich auch die evangelische Kirche in einem spannenden Umbruch befindet, dass es verschiedene Versuche gibt, auf die Herausforderungen unserer Zeit und unserer Gesellschaft zu reagieren. Bischof Huber hat da ja einiges initiiert und versucht. Und auch jetzt bekomme ich mit, dass auf der Ebene der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) vieles in Bewegung ist. Da möchte ich keine öffentlichen Ratschläge geben – aber ich sehe, dass wir in manchem voneinander lernen können. Das ist mir zum Beispiel in einer Arbeitsgruppe recht deutlich geworden, die sich in der EKM mit einer neuen Visitationsordnung beschäftigt. Ich war dazu eingeladen worden, sollte von meinen Erfahrungen mit Visitationen berichten und habe zugleich von den Überlegungen der anderen profitiert.

Was ist denn Ihr Traum von 2017?
Feige: Mein Traum von 2017 ist, dass wir 2016 gewissermaßen unser Gedächtnis gereinigt und ein »Healing of Memories« vollzogen haben. Bis dahin – so hoffe ich – nehmen wir uns bestimmt positiver wahr, kritisieren uns weniger gegenseitig und haben vielmehr unsere Stärken im Blick. Und außerdem pflegt dann die katholische Seite einen unverkrampfteren Umgang mit Martin Luther, und die evangelische Seite ist sich seiner katholischen Verwurzelung bewusster geworden.

Gutes leicht machen

24. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchenkomponist Johannes Petzold

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern« – dieses Adventslied (EG 16) gehört zu jenen Weisen, die im 20. Jahrhundert Einzug in die Gemeinden im deutschsprachigen Raum hielten. Die Melodie zum Text von Jochen Klepper komponierte Johannes Petzold (1912–1985) im Alter von 26 Jahren. Anlässlich seines 100. Geburtstages am 24. Oktober gibt es zahlreiche Aufführungen seiner ganz auf die kirchenmusikalische Praxis abzielenden Werke. Im Evangelischen Gesangbuch finden sich sechs weitere Lieder, die gern im Gottesdienst gesungen werden. Aber auch in katholischen und freikirchlichen Gesangbüchern in Deutschland, Japan, der Schweiz und Skandinavien sind seine Melodien zu finden.

Am 24. Oktober vor 100 Jahren wurde Johannes Petzold geboren. – Foto: Archiv

Am 24. Oktober vor 100 Jahren wurde Johannes Petzold geboren. – Foto: Archiv

Das Zentrum für Kirchenmusik der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland hat in diesem Jahr seine Liedkantate »Wunderbarer König« für Sopran, Posaune, vierstimmigen gemischten Chor, vierstimmigen Bläserchor und Orgel nach dem Autograf im Wartburg Verlag neu herausgegeben. Die Komposition war 1963 unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Edgar Marquardt von der Nicolaikantorei Bad Blankenburg im Rahmen der dortigen Kirchenmusiktage aus der Taufe gehoben worden und soll an gleicher Stelle zum 50-jährigen Uraufführungsjubiläum wieder erklingen.

1912 in Plauen im Vogtland geboren, erhielt Johannes Petzold seine geistlich-musikalische Prägung durch die Singebewegung der evangelischen Jugend. Dazu gehörte die Teilnahme an Singwochen von Alfred Stier und Hugo Distler. Nach Abitur und Universitätsstudium in Leipzig legte er 1935 die staatliche Lehrerprüfung ab. Danach wirkte er als Volksschullehrer, Kantor und Organist im Vogtland und Erzgebirge. 1940 heiratete er die Gemeindehelferin und Organistin Hiltrud Schaale, die zur Bekennenden Kirche gehörte, selber auch komponierte und Gedichte schrieb. Im gleichen Jahr zum Wehrdienst einberufen, nahm er als Soldat am Krieg in Belgien und Frankreich teil. In Folge einer Tuberkuloseerkrankung als »Schütze der Reserve« entlassen, musste er 1942 auch seine Tätigkeit als Lehrer aufgeben.

Nach langen Aufenthalten in Krankenhäusern und Heilstätten hatte Johannes Petzold von 1952 an die Kirchenmusikerstelle in Bad Berka inne, bis er 1961 als Dozent für Tonsatz, Musikgeschichte, Gemeindesingen und Gehörbildung an die Thüringer Kirchenmusikschule in Eisenach berufen wurde. 1977 in den Ruhestand versetzt, widmete er sich weiterhin seinem kompositorischen Schaffen, stets in dem Bestreben »Leichtes gut und Gutes leicht zu machen«. Davon zeugen seine Chor- und Bläsersätze, Orgelvorspiele, Motetten und Kantaten, die auch heute gern gesungen und gespielt werden. Er verstarb 1985 nach schwerer Krankheit.

Michael von Hintzenstern

USA: Noch lange keine »Post-Rassismus-Gesellschaft«

22. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Bald geht die erste Amtsperiode des ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA zu Ende. Ob es noch eine zweite gibt, werden wir sehen. Eines wird Barack Obama immer bleiben: Der erste schwarze Politiker im Weißen Haus. Präsident Obama – so »normal« ist diese Wortkombination geworden, dass man fast vergisst, wie historisch der Schritt war, als Amerika im November 2008 einen schwarzen Präsidenten gewählt hat.

Noch ein oder zwei Jahre vor Obamas Sieg hatte man sich das nicht wirklich vorstellen können. So ziemlich niemand hat Obama kommen sehen. Zu tief lastete das Erbe der Sklaverei auf den USA. Die legale Diskriminierung Schwarzer reichte hinein bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und in vielen weißen Herzen saßen festgefressene Vorurteile. So manche Bürgerrechtler weinten als Obamas Sieg feststand: Im Kampf gegen den Rassismus hatten viele große Opfer gebracht. Und manche ihr Leben verloren.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Und jetzt? Hoffnungen vor vier Jahren, die USA bewegten sich nach dem Triumph an der Urne auf eine neue Ära zu, in der Hautfarbe und Herkunft weniger wichtig sein würden, sind nicht wahr geworden. Die »alter Ordnung« räumt nicht freiwillig das Feld. Es geht beim Rassismus ja auch um Privilegien. Jetzt, wo der Kuchen scheinbar kleiner wird, wäre es manchen Weißen recht, sie müssten nicht so viel teilen. Im laufenden Wahlkampf wird erschreckend deutlich, wie sehr die Republikanische Partei punkten will mit versteckten und nicht so versteckten Appellen an weiße Rassenvorurteile.

Der Wähler versteht es, wenn die Wahlwerbung verkündet, Obama habe die Arbeitspflicht für Sozialhilfeempfänger abgeschafft. Der Vorwurf stimmt nicht, aber sei’s drum: »Wohlfahrtsempfänger«, da denkt man an Schwarze in den Innenstädten. Mitt Romneys verdeckt aufgenommene Ansprache an große Geldgeber, von der Regierung abhängige Bürger würden automatisch für Obama stimmen: Auch das wird verstanden. Und die ganze Geschichte mit Obamas Geburtsurkunde: Misstrauen gegen den schwarzen Mann mit dem Vater aus Kenia.

Rund 90 Prozent der Republikaner sind weiß. Romney muss am Wahltag viele dieser Weißen zu den Urnen bringen. Denn Afroamerikaner und Latinos wählen mit großen Mehrheiten Obama. 2008 stimmten nur 43 Prozent der Weißen für Obama. In manchen Staaten im Süden waren es gerade eben zehn Prozent (Alabama) oder elf Prozent (Mississippi). Es gibt natürlich viele Gründe, Obama abzulehnen.

Der frühere Präsident Jimmy Carter, ein Politiker aus dem Südstaat Georgia, hat sich jedoch schon in Obamas erstem Amtsjahr besorgt geäußert über die »Feindseligkeit« vieler Weißer. Diese Feindseligkeit existiere zu großen Anteilen, weil Obama »ein schwarzer Mann« sei.

Viele Weiße in den USA seien noch immer der Ansicht, ein Schwarzer habe »nicht die Fähigkeiten, unser großartiges Land zu führen,« konstatierte Carter im Herbst 2009. Im Herbst 2012 sieht es nicht besser aus.

Konrad Ege

Regional ernten und saisonal essen

21. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ärgert Sie das auch so sehr, wenn selbst im Herbst in manchen Supermärkten kein Apfel aus Deutschland zu kaufen ist? Wenn Südfrüchte importiert werden, hat das ja seine gewisse Berechtigung. Aber Obst aus unseren Breiten? Die Bäume biegen sich unter der Last ihrer Früchte, aber sie werden unter dem Baum verfaulen, weil der Pflückerlohn zu hoch ist und sich das Ernten nicht lohnt. Oder weil die Äpfel keine Idealmaße haben und nicht wie gemalt aussehen. Dabei schmecken sie besser und haben mehr Vitamine. Es geht doch vor allem um die inneren Werte wie auch Jean Paul findet: »Unter den Menschen und Borsdorfer Äpfeln sind nicht die glatten die besten, sondern die rauen mit einigen Warzen.«

Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!
Johann Wolfgang von Goethe

Regional ernten und saisonal essen – das ist mittlerweile eine Maxime, die in vieler Munde ist. Es müssen keine chinesischen Erdbeeren im Herbst sein, auch wenn nicht jedes Mal eine Magen-Darm-Epidemie die Folge ist. Wer weiß, wie die Anbaubedingungen von Obst und Gemüse in anderen Ländern aussehen, wie viel Konservierungsmittel und Treibstoff für den Transport um die halbe Welt gebraucht werden und wie viel Aroma und Vitamine auf der Strecke bleiben, weil die Früchte nicht ausreifen können. Dazu kommt, dass der heimische Obstbau an Bedeutung verliert und die eigene Landwirtschaft Schaden nimmt.

Christine Lässig

Christine Lässig

So mancher Gastwirt hat mittlerweile nur oder vor allem Gerichte auf der Speisekarte, die die Jahreszeit und der Landstrich hergeben: Spargel im Mai, Erdbeeren im Juni, Himbeeren im Juli, Tomaten im August, Trauben im September und so weiter und so weiter. Durch sinnreiche Sortenauswahl und erprobte Konservierungsmethoden lässt sich das alles flexibler gestalten, aber nichts ist so gesund und schmeckt so gut wie sonnengereifte Früchte und frisch geerntetes Gemüse. Dabei sind wir nicht nur auf Wochenmärkte oder eigenen Anbau angewiesen, sondern können auch auf Wildfrüchte im Wald und auf der Wiese zurückgreifen. Eigentlich nicht zu verstehen, dass das reiche Angebot der Natur hierzulande so missachtet wird. Aber auf uns hört ja niemand! Selbst wir nur manchmal.

Christine Lässig

Eine Kirche im Umbruch

20. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Katholische Kirche: Im Osten Deutschlands sind derzeit zwei Bischofsstühle nicht besetzt – ein Generationswechsel zeichnet sich ab


Nach dem Rücktritt des Erfurter Bischofs Joachim Wanke steht die katholische Kirche im Osten Deutschlands mitten in einem Generationswechsel.

Im Februar trat der Dresden-Meißner Bischof Joachim Reinelt in den Ruhestand. Jetzt folgte ihm sein Erfurter Amtskollege Joachim Wanke, dessen Rücktrittsgesuch aus gesundheitlichen Gründen der Papst annahm. Damit gibt es keinen ostdeutschen Diözesanbischof mehr, der diese Aufgabe noch zu DDR-Zeiten übernommen hat. Nimmt man hinzu, dass die Bischöfe von Berlin, Rainer Maria Woelki, und von Görlitz, Wolfgang Ipolt, auch erst seit einem reichlichen Jahr im Amt sind, kann man davon sprechen, dass die katholische Kirche im Osten Deutschlands mitten im Generationswechsel steckt.

Dieses Land ist nicht Los, sondern Heimat

Wer immer in die Fußstapfen der Bischöfe Reinelt und Wanke treten wird – sie werden andere Erfahrungen mitbringen als ihre Vorgänger. Reinelt und Wanke sind beide in Schlesien geboren und haben die von Flucht und Vertreibung geprägte Kirche in Ostdeutschland ebenso miterlebt, wie die militante Kirchenfeindlichkeit der SED-Machthaber in den 1950er Jahren. Dass ihre Nachfolger vielleicht gar keine DDR-Biografie mehr haben, ist nicht ausgeschlossen, auch wenn mancher Beobachter die Zeit für einen West-Import noch nicht für reif hält.

Wenn sie aber in der DDR aufgewachsen sind, haben sie eine andere katholische Kirche erlebt als ihre Vorgänger: Eine Kirche, die in den 1980er Jahren versucht hat, die Überwinterungsstrategie, für die vor allem der Berliner Kardinal Alfred Bengsch stand, vorsichtig zu überwinden. Und die versuchte ernst zu nehmen, dass die katholische Kirche in ökumenischer Verbundenheit mit den evangelischen Schwestern und Brüdern unter den Bedingungen des DDR-Sozialismus den Menschen ihre Botschaft verkünden muss. Auch wenn man katholischerseits die missverständliche Formel der »Kirche im Sozialismus« dafür nie verwendete. Stichworte für diese Öffnung sind das Dresdner Katholikentreffen und die Teilnahme der katholischen Kirche an der Ökumenischen Versammlung in der DDR.

Es war der Erfurter Bischof Wanke, der in seiner ersten Grundsatzrede nach der Übernahme des Bischofsamtes 1981 den Weg zu diesem Wandel bahnte. Das Wort seines Vorgängers, des gebürtigen Sauerländers Hugo Aufderbeck, »Auf dieses herrliche Land ist mein Los gefallen«, wandelte er um: »Dieses Land ist nicht mein Los, sondern meine Heimat.« Nicht müde wurde er – später auch Joachim Reinelt (Bischof ab 1988) und der Magdeburger Leo Nowak (Bischof ab 1989) – aufzurufen, das »Evangelium auf Mitteldeutsch« zu buchstabieren, wie Wanke es einmal nannte.

Joachim Wanke (oben) und Joachim Reinelt – die beiden ehemaligen Bischöfe von Erfurt und Dresden-Meißen traten ihr Amt jeweils noch in der DDR an. – Fotos: KNA; Bistum

Joachim Wanke (oben) und Joachim Reinelt – die beiden ehemaligen Bischöfe von Erfurt und Dresden-Meißen traten ihr Amt jeweils noch in der DDR an. – Fotos: KNA; Bistum

Mit diesem Selbstverständnis von Kirche hatte es zu tun, dass viele Katholiken 1989/90 die gesellschaftlichen Veränderungen mit vorantrieben. Aufrufe der Bischöfe, die mit der freiheitlichen Gesellschaft gebotenen neuen Chancen zu nutzen, galten aber nicht nur im Blick auf politisches Engagement. Mindestens ebenso wichtig war ihnen, den neuen Platz der Kirche in der Gesellschaft zu finden. Das Engagement im Bildungswesen oder im sozialen Bereich stehen dafür beispielhaft. Und katholische Christen sollten auskunftsfähig werden über ihren Glauben. Auch wenn dieser Landstrich zu den weltweit religionslosesten gehört: Die Christen haben eine Botschaft für alle Menschen und ihr Auftrag ist es, den Himmel offenzuhalten. Die Aktivitäten im Bistum Erfurt während des Elisabethjahres 2007 oder mit der Initiative »Gemeinde im Aufbruch« im Bistum Dresden-Meißen machten das deutlich.

Kirche darf keine Thermoskanne sein

Die Nachfolger sind klug beraten, diesen Weg fortzusetzen. Die beiden »neuen« Bischöfe in Berlin und Görlitz zeigen das bereits mit ihrer Dialogbereitschaft und ihrem Engagement zur Hebung des christlich-spirituellen Grundwasserspiegels. Die familiäre Atmosphäre in den Pfarrgemeinden zu DDR-Zeiten war für manchen Katholiken damals eine Überlebenshilfe. Heute kann sie es Neuen und Suchenden schwer machen. Und sie kann die Christen hindern, mit der Botschaft des Evangeliums in eine Welt hinauszugehen, in der der Wind der Freiheit auch mal stürmisch weht. Aber Kirche darf mit den Worten des Theologen Karl Rahner keine Thermoskanne sein, die nur nach innen wärmt.

Die äußeren Bedingungen werden die neuen Bischöfe vor Herausforderungen stellen. Die Zahl der Katholiken und der Priester wird weiter abnehmen. Und auch finanziell werden die Spielräume für eine Kirche, die zum größten Teil von Hilfe aus dem Westen lebt, kleiner. Im Bistum Erfurt läuft eine Strukturreform bis zum Jahr 2020 und im Bistum Dresden-Meißen wird der neue Bischof in dieser Hinsicht manches anpacken müssen. Ein Wort von Bischof Wanke mit Blick auf die Strukturreform in seinem Bistum kann Hoffnung machen – nicht nur im Blick auf äußerliche Veränderungen: »Wenn wir bereit sind, die Segel neu zu setzen, wird uns das Wehen des Heiligen Geistes gut voranbringen.«

Matthias Holluba

Der Autor ist Chefredakteur der katholischen Wochenzeitung »Tag des Herrn«.

Unter wachsamen Augen des Staates

17. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Kuba: Trotz vorsichtiger Reformen ist das kirchliche Leben immer noch eingeschränkt

Die Minderheit der Protestanten auf Kuba leidet nach wie vor unter politischen Einschränkungen, Geld- und Pfarrermangel.

Wir brauchen sehr viel Hilfe in unserer Kirche auf Kuba«, sagt Pastor Daniel Izquierdo Hernández und lächelt traurig. Er steht als Moderator der Presbyterianisch-Reformierten Kirche in Kuba vor und ist für rund 12000 getaufte Gemeindeglieder verantwortlich. Das ist keine einfache Arbeit in dem sozialistischen Land, in dem sich trotz einiger vorsichtiger Reformen in den letzten Jahren wenig geändert hat. »In Kuba sehnt man sich nach einer weiteren Öffnung des Staates. Das Vertrauen in das kommunistische System ist nicht groß«, berichtet der Geistliche. Und auch der Handlungsraum der presbyterianischen Kirche ist weiterhin eingeschränkt. Es dürfen keine neuen Gemeinden gegründet werden und es ist verboten, Gläubige aus anderen Kirchen »abzuwerben«. So kann sie nur mit den Familien arbeiten, die seit jeher zu ihr gehören, und nur in Ortschaften, wo sie seit Jahren vertreten ist.

Daniel Izquierdo Hernández leitet die Presbyterianisch-Reformierte Kirche in Kuba. Foto: Maaja Pauska

Daniel Izquierdo Hernández leitet die Presbyterianisch-Reformierte Kirche in Kuba. Foto: Maaja Pauska

Die Kirche hat eine lange Tradition auf dem Inselstaat. Nach der Unabhängigkeit Kubas von Spanien Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten sich Kontakte und Handel mit den USA. Dort lernten Kubaner protestantische Kirchen kennen und luden Missionare nach Kuba ein. Diese fanden in den bürgerlichen und intellektuellen Kreisen Gehör und begannen, Gemeinden und besonders Schulen zu gründen. So entstand die Presbyterianisch-Reformierte Kirche in Kuba. Bis Anfang der 1960er Jahre gehörte sie zur Presbyterianischen Kirche in den USA. Nach der massiven Verschlechterung der Beziehungen zwischen den USA und Kuba seit 1960 wurde die ­Kirche 1967 selbstständig. Damit schwand auch die finanzielle Unterstützung der Kirche, was schwerwiegende Folgen für die Besoldung der Pfarrer und für die Instandsetzung der Gebäude hatte.

In den letzten zwei Jahren unterstützte das Gustav-Adolf-Werk zusammen mit dem Berliner Missionswerk die Renovierung von zwei Kirchen auf der Karibikinsel. Für das Gustav-Adolf-Werk ist die Presbyterianische Kirche auf Kuba keine traditionelle Partnerkirche. Ein schönes Beispiel für diese neue Zusammenarbeit ist für Pastor Izquierdo die Gemeinde von Jagüey Grande. Sie organisiert ihren Alltag und ihre Gottesdienste selbst, nur einmal im Monat erhält sie Besuch von einem Pfarrer. Während der Gottesdienste drängten sich die Gemeindeglieder in einer kleinen Garage am Rande des Dorfes. Mit Unterstützung aus Deutschland konnte nun eine ohne Dach stehende Hausruine in eine Kirche umgewandelt werden. »Hier zeigt sich, dass unsere Kirche auch wächst. Unser Wachstum ist nicht so groß wie bei den neupfingstlichen Kirchen, die die Theologie des Wohlstands predigen. Aber deren Wachstum empfinde ich als nicht nachhaltig, weil es nur ums Materielle geht und nicht um den Ruf des Evangeliums in die Freiheit«, erläutert ­Izquierdo das schwierige Verhältnis der traditionellen reformatorischen Kirchen zu den neuen Pfingstkirchen.

Dem Gemeindewachstum in der Presbyterianisch-Reformierten Kirche steht allerdings der Pfarrermangel im Weg. Die 49 Gemeinden der Kirche werden von 22 Pastoren betreut. »Viele Pfarrer gingen nach 1960 aus Kuba fort«, erzählt Daniel Izquierdo. »In den letzten Jahren haben weitere acht Pastoren ihre Gemeinden verlassen und sind ins Ausland gegangen. Dort erhoffen sie sich bessere Lebensbedingungen.« Diakonisches Engagement der Kirche ist nur begrenzt möglich – an Stellen, wo der Staat keinen Alleinvertretungsanspruch erhebt. Ein Waschsalon, Gemüsegärten und »Essen auf Rädern« sind dafür Beispiele. Angebote wie diese erleichtern den Gemeindemitgliedern und ihren Nachbarn den von Mangel geprägten kubanischen Alltag.

Enno Haaks

Enno Haaks ist Generalsekretär des in Leipzig ansässigen Gustav-Adolf-Werks. Als Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland unterstützt es weltweit protestantische Minderheiten.

www.gustav-adolf-werk.de

Ein klingendes Band zieht von Ort zu Ort

17. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Konzertreigen »366+1« kommt nach Mitteldeutschland

Am 21. Oktober wird die Konzertreihe »366+1 – Kirche klingt« in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ankommen. Bis 3. November und dann nocheinmal vom 11. November bis 1. Dezember zieht sich das klingende Band durch Orte der EKM. Zwischendurch, vom 4. bis 10. November, ist die Konzertreihe in der Evange­lischen Landeskirche Anhalts unterwegs.

Illustration: Logo 366+1

Illustration: Logo 366+1

Mit 366 Konzerten begeht die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) 2012 ein »Jahr der Kirchenmusik«. An allen 366 Tagen des Schaltjahres 2012, vom 1. Januar bis 31. Dezember, zieht sich im Rahmen der ­Lutherdekade zum Jahresthema »Reformation und Musik« ein klingendes Band von Ort zu Ort durch die Kirchen Deutschlands. Ihren Auftakt hatte die Konzertreihe »366+1« in Augsburg in Bayern, beendet wird sie am 31. Dezember im sächsischen Zittau. Zusätzlich zu den 366 Konzerten stand eine Osternacht auf dem Programm.

Verbunden sind die Konzerte, die nacheinander in allen 20 Landes­kirchen erklingen, durch ein so genanntes Leit-Lied. Dieses erklingt eine Woche lang von Sonntag bis Sonnabend in allen Konzerten und in ­unterschiedlichen Formen: als Chorwerk, Bläserstück, im Crossover und als Orgel-Improvisation. Ein weiteres Bindeglied ist die Chronik, in der die aufgeführten Sätze der jeweiligen Leit-Lieder 2012 gesammelt werden. Sie wird vom Veranstalter des heutigen Konzertes an den Veranstalter des morgigen Konzertes überreicht und wandert mit durch das Jahr und das Land. Am Ende dokumentiert eine umfangreiche Chronik das die Bundesrepublik durchwanderte Jahr. Die Strecke führt durch alle Landeskirchen und Bundesländer. Nachdem die Konzertreihe unter anderem zu Gast in Bayern, in Württemberg, in der Pfalz und in Hessen war, tourt sie ab 21. Oktober durch Mitteldeutschland.

»Glaube + Heimat« und die Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt (IMG) rufen gemeinsam zu einer Leseraktion auf. Besuchen Sie mit möglichst vielen Mitgliedern Ihrer Kirchengemeinde vom 21. Oktober bis 1. Dezember Veranstaltungen der Reihe »366+1 – Kirche klingt«.

So wird’s gemacht:
•    Besuchen Sie mit möglichst vielen Mitgliedern Ihrer Kirchengemeinde vom 22. 10. bis 1. 12. Veranstaltungen der Reihe »366+1 – Kirche klingt«.
•    Dokumentieren Sie Ihren Besuch mit einem Foto, das Ihre Gemeindegruppe vor oder in der Kirche zeigt, in der Sie die Veranstaltung besucht haben. Sie können Ihre Fotos sowohl per E-Mail als Jpg-Datei oder als Papierfoto auf dem Postweg zusenden. Kennzeichnen Sie die Bilder bitte mit der Anschrift Ihrer Kirchengemeinde und geben Sie an, welche Veranstaltung Sie mit wie vielen Gemeindegliedern besucht haben.
•    Senden Sie Ihr Foto bitte bis zum 14. 12. 2012 an: Mitteldeutsche Kirchenzeitung »Glaube + Heimat«, Hegelstraße 1, 39104 Magdeburg, E-Mail <magdeburg@glaube-und-heimat.de>, Stichwort: Orte der Toleranz

Wer gewinnt?
•    Unter allen Einsendungen werden 10 Kirchengemeinden im Losverfahren als Gewinner ermittelt.
•    Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
•    Das Ergebnis der Gewinnauslosung wird im Internet unter www.glaube-und-heimat.de veröffentlicht.
•    Zudem werden die Gewinner persönlich benachrichtigt.

Was ist zu gewinnen?
Zweitägige Studienreise für jeweils 4 Mitglieder der Kirchengemeinde zu Orten der Toleranz in Sachsen-Anhalt (Start und Ziel: Halle/Saale oder Magdeburg)
•    Reisetermin: Mai 2013
•    Teilnahme an der Reise für jeweils 4 Personen pro Gewinnergemeinde
•    Bustransfer, Reiseleitung, Besichtigungsprogramm mit Eintritten, Führungen und Expertengesprächen
•    1 Übernachtung, inkl. Frühstück
•    alle anfallenden Mahlzeiten
•    Nicht im Gewinn enthalten sind die Getränke zu den Mahlzeiten sowie die Anreise nach und die Heimreise von Halle/Saale oder Magdeburg.

(mkz)

Selig sind die Lesenden

16. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Bücher: Vorschriften, Versiegelungen, Offenbarungen – Was die Bibel über das Lesen sagt

»Selig sind die Lesenden!« Das steht so in der Bibel und wäre ein schönes Motto für die Buchmesse gewesen, die am 14. Oktober in Frankfurt am Main ihre Tore schließt. Denn schon den Menschen der Bibel war das Lesen wichtig.

Für die Könige Israels hielt Gott einige Vorschriften bereit. Unter anderem gebot er jedem, der den Königsthron besteigen würde, er solle »eine Abschrift dieses Gesetzes, wie es den levitischen Priestern vorliegt, in ein Buch schreiben lassen. Das soll bei ihm sein und er soll darin lesen sein Leben lang, damit er den Herrn, seinen Gott, fürchten lernt, dass er halte alle Worte dieses Gesetzes und diese Rechte und danach tue.« Es kam noch besser: Die ersten Könige Israels ließen sich vom Lesen zum Schreiben inspirieren. David verfasste Psalmen, Salomo Weisheitsschriften. (5. Mose 17,18f.)

Von versiegelten Büchern ist in der Bibel mehrfach die Rede. So verkündet Gott durch den Propheten Jesaja: »Darum sind euch alle Offenbarungen wie die Worte eines versiegelten Buches, das man einem gibt, der lesen kann, und spricht: Lies doch das!, und er spricht: ‚Ich kann nicht, denn es ist versiegelt.‘» Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, schildert Johannes seine Visionen der Endzeit. Eine wichtige Rolle spielt darin ein Buch. Nach und nach werden dessen sieben Siegel geöffnet, jedes Mal geschehen furchterregende Dinge: Seltsame Pferde tauchen auf, Erdbeben durchschütteln die Erde. Als das Lamm das siebte Siegel öffnet, setzt sich eine wahrhaft apokalyptische Szenerie in Gang. (Jesaja 29,11ff; Offenbarung 5,1; 20,12)

Vorlesestunde. Foto: epd-bild

Vorlesestunde. Foto: epd-bild

Eine merkwürdige Schrift, die zunächst niemand lesen konnte, tauchte eines Tages im Palast des Königs Belsazar auf. Der ließ nach einer Party, betrunken wie er war, »die goldenen und silbernen Gefäße herbringen, die sein Vater aus dem Tempel gestohlen hatte«. Daraufhin »gingen hervor ­Finger wie von Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter, auf die getünchte Wand«. »Mene mene tekel u-parsin«, steht da, doch niemand kann sagen, was das bedeutet. Der König »entfärbte sich« vor Angst und ließ Daniel kommen, der ihm den Spruch deutete. So erfuhr der König, dass sein Reich dem Untergang geweiht war. (Daniel 5)

»Verstehst du auch, was du liest?«

Schon in biblischen Zeiten gab es viele verschiedene Sprachen und auch Schriften. Sogar die Inschrift an Jesu Kreuz soll Johannes zufolge in »hebräischer, lateinischer und ­griechischer Sprache« geschrieben worden sein. Dort stand: »Jesus von Nazareth, der König der Juden.« Die schriftkundigen Menschen bildeten sich damals mithilfe von Büchern ­weiter. Jesus Sirach beschreibt das eindrücklich von seinem Großvater. Der habe »mit besonderem Fleiß das Gesetz, die Propheten und die andern Bücher unserer Väter gelesen, sich ­darin ein reiches Wissen erworben und es unternommen, auch etwas von rechtem und weisem Leben zu schreiben«. Sirach waren auch die Gefahren und möglichen Missverständnisse ­bewusst, die Übersetzungen mit sich bringen können: »Sogar das Gesetz selber und die Propheten und die übrigen Bücher lauten oft recht anders, wenn sie in ihrer eignen Sprache gelesen werden.« (Johannes 19,20; Sirach 0,3.7)

An dem namentlich unbekannten Verfasser des zweiten Makkabäerbuches sollten sich alle heutigen Schriftsteller ein Vorbild nehmen. Er möchte allen Lesern »Anregung« verschaffen und »denen die ihrem Gedächtnis ­etwas einprägen möchten, leichtere Übersicht zu geben«.

Jedem, der sein Buch zur Hand nimmt, soll die Lektüre »Gewinn bringen«. Er weiß allerdings auch, dass es Autoren nicht immer leicht fällt, sich unterhaltsam und nicht zu langatmig auszudrücken: »Wir merken wohl, dass es uns nicht eben leicht werden wird, uns der Mühe dieser Kürzung zu unterziehen; denn es gehört viel Arbeit und großer Fleiß dazu.« (2. Makkabäer 2,26f)

»Wer das liest, der merke auf!«, heißt es in den Evangelien. Denn wer wichtige Informationen nicht mit Verstand aufnimmt, der bringt sich leicht in Gefahr. Das merkte auch ein äthiopischer Kämmerer, von dem in der Apostelgeschichte erzählt wird. Als er auf dem Heimweg war, las er im Buch des Propheten Jesaja. Der Missionar Philippus bemerkte das und fragte ihn: »Verstehst du auch, was du liest?« Der Kämmerer antwortete: »Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?« Philippus erklärt ihm den Text und verkündigt ihm in dem Zusammenhang auch gleich das Evangelium. Daraufhin lässt sich der Kämmerer im nächsten Gewässer taufen. Offensichtlich hatte er durch das aufmerksame gemeinsame Lesen noch mehr als den Text verstanden. (Markus 13,14; Apostelgeschichte 8,26ff)

Die Seligpreisungen aus der Bergpredigt sind vielen noch bekannt. Doch nicht nur die Sanftmütigen, Barmherzigen und Friedfertigen können sich glücklich schätzen, sondern auch mancher Leser. Denn in der ­Offenbarung des Johannes heißt es: »Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.« (Offenbarung 1,3)

Uwe Birnstein

Geschichtliches
Texte las man zu biblischer Zeit noch nicht in der heutigen Buchform. Kurze Texte wurden häufig auf Stein geschrieben, aber auch auf Holz oder auf Tontafeln. Längere Texte standen auf Pergament oder Papyrus, das zu Schriftrollen aneinandergefügt wurde. Die Tinte bestand aus Ruß und Gummi und es wurde mit einem Schilfrohr oder einer Feder geschrieben. Auf Stein und Ton hämmerte man Schrift mit einem Meißel oder einem Griffel.


»Verheerende Wirkungen«

15. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Abtreibungen: Führt die Schwangerenkonfliktberatung wirklich zu mehr Lebensschutz?

Die hohen Abtreibungszahlen bleiben ein ethisches Ärgernis. Und sind Zeichen eines hohen Unrechtsbewusstseins.

Die Statistik weist 108867 legale Schwangerschaftsabbrüche für das vergangene Jahr in Deutschland aus. 74 Prozent davon ­betrafen Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren. Die Zahlen waren schon einmal höher: 134694 Abbrüche etwa im Jahr 2001. Seitdem sinken sie langsam, scheinen in diesem Jahr – zumindest im Quartalsvergleich, aber wieder leicht zu steigen.

Doch Kritiker merken an, dass die offiziellen Zahlen sowieso mit Vorsicht zu genießen sind. Für Markus Spieker, Professor für christliche Sozialwissenschaft an der Universität Osnabrück, etwa steht fest: »Der Rückgang der Abtreibungszahlen wird relativiert, wenn man ihn mit der Entwicklung der Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter von 15 bis 45 vergleicht«, schreibt der Wissenschaftler in einem Beitrag für die Tagezeitung »Die Welt«. Zudem seien die Zahlen unvollständig. Längst nicht alle Schwangerschaftsabbrüche würden von den Ärzten gemeldet. Zudem würden Ärzte derartige Eingriff gelegentlich unter anderer Bezeichnung bei der Gebührenabrechnung verstecken. Spiekers Schlussfolgerung: Selbst bei vorsichtiger Schätzung müsse man die vom Statistischen Bundesamt gemeldeten jährlichen Zahlen verdoppeln.

Ermutigung zum Kind: Die Beratungsinitiative »1000plus« will mit positiven Aussagen darauf aufmerksam machen, dass jeder Schwangerschaftsabbruch ein Verlust für die ganze Gesellschaft ist. Motive: www.1000plus.de

Ermutigung zum Kind: Die Beratungsinitiative »1000plus« will mit positiven Aussagen darauf aufmerksam machen, dass jeder Schwangerschaftsabbruch ein Verlust für die ganze Gesellschaft ist. Motive: www.1000plus.de

»Eine dramatische Deformation des Rechtsbewusstseins« innerhalb der gesamten Gesellschaft konstatiert in diesem Zusammenhang Christian Hillgruber. Der Professor für Öffentliches Recht an der Universität Bonn verweist darauf, dass laut Erhebungen mehr als zwei Drittel der Bevölkerung Schwangerschaftsabbrüche als »erlaubt« bezeichnen, ja sogar von einem Recht auf Schwangerschaftsabbruch ausgehen. Doch der 1993 letztmalig geänderte Paragraf 218 des Strafgesetzbuches (StGB) besagt, dass eine Abtreibung bis zum dritten Schwangerschaftsmonat rechtswidrig ist – allerdings nach einer zuvor erfolgten Beratung straffrei bleibt.

»Der Gesetzgeber hat es gut gemeint, wollte mehr Lebensschutz durch Hilfe statt durch Strafandrohung, aber die Wirkungen sind verheerend«, so das Fazit von Hillgruber. Ein Fehler bestehe schon darin, dass eine der beiden von der ­Konfliktsituation betroffenen Parteien das Letztentscheidungsrecht hat – nämlich die werdende Mutter gegenüber dem werdenden Kind. Nirgends sonst in der Rechtsprechung sei dies der Fall, da ein Betroffener immer geneigt sei, seine ­eigenen Konfliktsituation schwerwiegender als die des Konfliktpartners einzuschätzen.

Größter Kritikpunkt Hillgrubers aber ist die Praxis der Beratung vor einem Schwangerschaftsabbruch. Die Vorgaben des Gesetzgebers sind klar: »Die Beratung dient dem Schutz des ungeborenen ­Lebens. Sie hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen; sie soll ihr helfen, eine verantwortliche und gewissenhafte Entscheidung zu treffen.« (Paragraf 119 StGB) Hier müsste und könnte nach Hillgrubers Überzeugung am ehesten erfolgreich nachreguliert werden. Und insbesondere die kirchlichen Beratungsstellen sieht er in der Pflicht, ihren Beratungsauftrag ernst zu nehmen und nicht bloß »Scheinaussteller« zu sein.

Harald Krille

Protestantisch am Fuße der Akropolis

9. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Griechenland: Seit 175 Jahren gibt es die deutschsprachige evangelische Kirche in Athen

Von einer deutschstämmigen Königin gegründet, wurde die evangelische Gemeinde zum Ausgangspunkt ­protestantischer ­Präsenz im ­orthodoxen ­Griechenland.

In Griechenland gibt es nicht nur orthodoxe Christen: Die Evangelische Kirche Deutscher Sprache am Fuße der Akropolis feiert vom 13. bis 15. Oktober ihren 175. Geburtstag. Ein bemerkenswertes Ereignis, denn protestantisches Leben ist im orthodoxen Mutterland bis heute keine Selbstverständlichkeit.

Symbol antiker griechischer Kultur, die Europa prägte: die Akropolis von Athen mit ihren Tempelanlagen. Ursprünglich bedeutete Akropolis so viel wie ­Burgberg und gehörte zu jeder antiken griechischen Stadt. Foto: epd-bild

Symbol antiker griechischer Kultur, die Europa prägte: die Akropolis von Athen mit ihren Tempelanlagen. Ursprünglich bedeutete Akropolis so viel wie ­Burgberg und gehörte zu jeder antiken griechischen Stadt. Foto: epd-bild

Nur geschätzte 30000 von elf Millionen Griechen zählen sich zum evangelischen Glauben. Mittelpunkt ist die Christuskirche im Athener Nobelviertel Kolonáki, in den 30er-Jahren die »Deutsche Kolonie«. Die Gemeinde versteht sich als »Brückenbauer zwischen Protestantismus und Orthodoxie, zwischen Deutschland und Griechenland«, sagt Pfarrer René Lammer. Und das gelte angesichts der angespannten deutsch-griechischen Beziehung derzeit besonders, urteilt er und wirbt für stärkeren Schuldenerlass und »mehr Verständnis für die griechische Situation«.

Die »Evangelische Kirche Deutscher Sprache in Griechenland« ist so etwas wie die Mutter des griechischen Protestantismus: 1837 heiratete der aus dem bayrischen Königshaus Wittelsbach stammende erste griechische König der Neuzeit, Otto I., die oldenburgische Prinzessin Amalie. Und die war lutherisch und brachte einen evangelischen Hofprediger und Beichtvater mit. Fortan wurde evangelischer Gottesdienst in der Kapelle im Athener Stadtschloss gefeiert. Das Schloss am zentralen Syntagma-Platz ist neben der Akropolis heute wohl der bekannteste Ort in Athen, denn es ist seit 1934 Sitz des Parlaments.

Amalie ist bis heute der protestantische Star in Griechenland. Sie trägt den Spitznamen »die Schöne«, denn sie sei die »hübscheste Königin des Landes« gewesen, heißt es. Ihr freizügiger Kleidungsstil setzte Trends, war für viele Frauen ein Zeichen der Emanzipation – und in den Gebieten Griechenlands, die noch zum Osmanischen Reich gehörten, auch der Provokation.

Nach ihr sind Städte benannt – Amaliada und Amaliapoli – sowie eine Hauptverkehrsstraße im Zentrum Athens, die »Leofóros Basilísis Amalías«, die Königin-Amalie-Allee. Ihre Residenz nördlich der »Plaka«, der Altstadt, ist heute das Stadtmuseum, das gerade grundsaniert wird.

Auch heute wird die deutschsprachige Gemeinde wesentlich von Frauen getragen, die mit ihren griechischen Männern von Deutschland nach Athen gezogen sind. »Sozialarbeit ist ein wesentlicher Eckpfeiler unserer Gemeinde«, sagt Friederike Führ. Die Anwältin ist im Vorstand des Seniorenheims »Haus Koroneos«, das die Gemeinde unterhält und 40 älteren Menschen Platz und Pflege bietet. »Wir sind auf Spenden angewiesen und spüren die Wirtschaftskrise deutlich«, sagt Führ. Sie erzählt von vielen »Härtefällen«, die nach der jüngsten Rentenkürzung die Heimkosten kaum mehr aufbringen können.

Die kleine evangelische Gemeinde will mit Investitionen »Zeichen der Hoffnung« setzen, sagt Pfarrer René Lammer. Auf dem Dach der Kirche ist in diesen Tagen eine Photovoltaikanlage installiert worden. Eine weitere auf dem Gemeindehaus wird folgen, griechische Unternehmen sind beauftragt.

Bemerkenswert ist die Christuskirche ohnehin schon: Erbaut zwischen 1931 und 1934 gilt sie als seltenes Exemplar sakraler Bauhaus-Architektur. Sie besitzt die größte Kirchenorgel Griechenlands. Ein wandgroßes Glasfenster zeigt zentrale Geschichten der Bibel wie die große Missionsrede des Apostel Paulus auf dem Marktplatz von Athen.

In der Vier-Millionen-Metropole Athen finden sich noch weitere evangelische Kirchen, darunter eine armenisch-evangelische und etliche pfingstlerische. An den Touristenwegen zur Akropolis liegt die »Evangeliki Ekklisía«. Gegenüber des antiken Hadrian-Tors an der Königin-Amalie-Allee versammeln sich hier jeden Sonntag die griechischsprachigen Protestanten.

Die reformiert geprägte Gemeinde sieht sich in der Linie des griechischen Bibelauslegers Mihail Kalapothakis. Der publizierte 1858 das evangelische Magazin »Astir tis Anatolis« (Stern des Ostens), das bis heute erscheint. Die Gemeinde ist wie auch die deutschsprachige offiziell nur ein Verein. Denn die griechische Verfassung erkennt bis heute – mit allen steuerlichen Vor-
teilen – nur die orthodoxe Kirche als Kirche an.

Joachim Gerhardt (epd)

Reisetipp: Die evangelische Gemeinde bietet an der Christuskirche mitten in Athen gegen eine kleine Spende in der ­alten Küsterwohnung einfache, aber gute Übernachtungsmöglichkeiten an (Doppelzimmer, dazu Küche und Dusche). Zur U-Bahn 10 Min., zu Altstadt und Akropolis 25 Min. Zu Fuß.

Mehr Strafe für Blasphemie?

9. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Pro und Kontra: Zwischen Meinungsfreiheit und Religionsbeleidigung

In der aktuellen Diskussion um das antiislamische Schmäh-Video wird mitunter vergessen, dass auch Christen und ihr Glaube gelegentlich schwer erträglichen Beleidigungen ausgesetzt sind. Nicht nur in fernen muslimischen ­Ländern, sondern mitten in Deutschland. Ob Plakate mit dem gekreuzigten Christus als Schwein oder der Papst mit Urinfleck in der Soutane: Kein Wunder, wenn mancher eine Verschärfung des sogenannten Blasphemie Paragrafen 166 des Strafgesetzbuches fordert. Andere ­widersprechen dem vehement.

Pro
Erzbischof Ludwig Schick leitet seit zehn Jahren das Erzbistum Bamberg und ist Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz.

Erzbischof Ludwig Schick

Erzbischof Ludwig Schick

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das es zu verteidigen gilt. Aber die Demokratie muss auch eine wehrhafte Demokratie sein, die Grenzen setzt, um ein friedliches Miteinander zu ermöglichen. Die Strafgesetze regeln eindeutig, dass die Meinungsfreiheit dort ihre Grenze findet, wo die Beleidigung beginnt.

»Wollen wir in einer ­Gesellschaft leben, die von Respektlosigkeit, ­Verachtung und Schmähung geprägt ist?«

Die Strafbarkeit von Gotteslästerung ist im sogenannten Blasphemie-Paragrafen 166 StGB geregelt, der die Beschimpfung einer Religion unter Strafe stellt, wenn dadurch der öffentliche Friede gestört wird. Und hier ist genau der Punkt, wo ich ein Nachdenken über eine Änderung anrege. Christen sind durch das Evangelium zur Gewaltlosigkeit verpflichtet. Sie dürfen niemals andere verletzen oder gar töten – wie es durch radikale Gruppen in der islamischen Welt geschieht, zum Beispiel bei Protesten gegen das geschmacklose Schmäh-Video gegen den Propheten Mohammed. Dabei hätten auch Christen immer wieder durchaus Grund, ihre Empörung zu zeigen – auch gegen Filme. Zu den bekanntesten gehört »Das Leben des Brian«, in dem der Kreuzestod Jesu der Lächerlichkeit preisgegeben und zu einer Slapstick-Einlage wird. Weil jedoch von Christen keine Reaktion zu erwarten ist, die den ­öffentlichen Frieden stört, gibt es letztlich keine juristische Handhabe gegen diese Schmähung. Geht es um die Beleidigung zum Beispiel des Islam, schaltet sich sofort das Innenministerium ein und lässt ein Verbot prüfen und der Außenminister mahnt. Das ist richtig und vom Gesetz gefordert! Bei Jesus und dem Christentum ist es anders, weil Christen keine Botschaften anzünden.

Die Regelung des Paragrafen 166 führt in der Praxis zu einer Ungleichbehandlung: Er schützt die Extremisten, er lässt die Gewaltlosen ohnmächtig. Darin liegt das Problem. Nicht Verschärfung, sondern Gleichbehandlung ist nötig.

Es geht aber um mehr als um Vorschriften und Gesetze: Es geht um die Frage, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen. Wollen wir in einer Gesellschaft leben, die von Respektlosigkeit, Verachtung und Schmähung geprägt ist? Wir brauchen weltweit mehr Toleranz und Achtung vor religiösen Überzeugungen und Gefühlen, das muss für den christlichen gleichermaßen wie für jeden anderen Glauben gelten.

Der Staat muss für ein tolerantes und friedliches Miteinander all seiner Bürgerinnen und Bürger tun, was ihm möglich und von ihm gefordert ist. Die Religionen müssen den interreligiösen Dialog verstärken, um gemeinsam für den Frieden einzutreten.

Kontra
Volker Beck ist ­Erster Parlamentarischer Geschäftsführer und ­Sprecher für Menschenrechtspolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen.

Volker Beck

Volker Beck

Demokratische und rechtsstaatliche Staaten dürfen bei gleich gelagerten Sachverhalten nicht zweierlei Maß anlegen. Das gebietet der allgemeine Gleichheitsgrundsatz, der in Artikel 3 unseres Grundgesetztes seine Ausprägung findet.

»Gläubige brauchen grundsätzlich keinen anderen strafrechtlichen Schutz als andere soziale Gruppen«

Wer einen Menschen oder eine Menschengruppe beleidigt, kann dafür strafrechtlich zur Verantwortung gezogen. Das Gleiche gilt bei Äußerungen, die den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen. Es ist also unerheblich, ob eine Religion geschmäht wird, oder ob sich die Angriffe gegen eine soziale, ethnische, kulturelle oder anders definierte Gemeinschaft richten. Gläubige brauchen grundsätzlichen keinen anderen strafrechtlichen Schutz als andere Gruppen.

Andernfalls bekäme so manche Debatte auch ein Ungleichwicht, das einer pluralistischen Gesellschaft nicht würdig wäre: Katholische Bischöfe oder auch evangelikale Pfarrer vergreifen sich etwa gegenüber Homosexuellen regelmäßig im Ton, vergleichen sie mit pädophilen Sexualstraftätern oder würdigen Lebenspartnerschaften (also Liebesbeziehungen zwischen zwei Menschen, die sich versprochen haben, ihr Leben füreinander einzustehen) herab, indem sie sie mit Fahrgemeinschaften vergleichen (Kardinal Meisner aus Köln). In solchen Fällen müssen sich die Angegriffenen mit gleicher Münze wehren können und dürfen nicht von einem Gotteslästerungsparagrafen davon abgehalten werden.

Im Zusammenhang mit dem unsäglichen Schmähvideo »Die Unschuld der Muslime« eine Verschärfung des Paragrafen 166 StGB zu fordern, der die Gotteslästerung unter Strafe stellt, ist nicht nur Unfug, sondern auch gefährlich. Denn wer die Störung des öffentlichen Friedens aus dem Tatbestand des Paragrafen 166 StGB herausstreichen will, der öffnet der Kriminalisierung von Kunst, Satire und jeglicher sonstigen Meinungsäußerung Tür und Tor. Wir Grünen wollen nicht die scharfzüngigen Religionskritiker, die in bester Tradition mit Künstlern wie Wilhelm Busch und Kurt Tucholsky stehen, unter Strafe stellen. Strafwürdig sind nur Angriffe gegen das friedliche Zusammenleben.

Deswegen ist der Paragraf 166 StGB bereits in seiner jetzigen Form ein Fremdkörper in einem freiheitlich-säkularen Wertesystem. Er ist schlichtweg verzichtbar. Anstatt darüber nachzudenken, Paragraf 166 StGB zu verschärfen, sollte er besser abgeschafft werden.

Mit Kinderaugen gesehen

8. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Präsentation der »Weimarer Kinderbibel«

Ludwig Lorenz, einer der 72 Schülerinnen und Schüler, trägt bei der Präsentation in Weimar seine Fassung einer ­biblischen Geschichte vor. Foto: Maik Schuck

Ludwig Lorenz, einer der 72 Schülerinnen und Schüler, trägt bei der Präsentation in Weimar seine Fassung einer ­biblischen Geschichte vor. Foto: Maik Schuck

Die »Weimarer Kinderbibel – geschrieben und gestaltet von Kindern« ist fertig. Am 27. September wurde sie in Weimar vorgestellt. »Ich bin sehr glücklich, sehr stolz, dass die Idee gelungen ist,« sagte Annette Seemann, Literaturwissenschaftlerin und Initiatorin des Projektes. Ihr Anliegen ist es, Kindern in der Reformationsdekade das Buch der Bücher näherzubringen sowie Wissen über kirchen­geschichtliche Ereignisse wie die Reformation zu vermitteln. 72 Mädchen und Jungen aus drei Weimarer Schulen beteiligten sich. Nachdem sie sich – begleitet von Erwachsenen – mit der Bibel, mit Martin Luther und den Umwälzungen zu dessen Zeit beschäftigt hatten, gaben sie die Geschichten des Alten und Neuen Testamentes mit eigenen Worten wieder und illustrierten sie mittels Kalligrafie.

Entstanden ist ein beachtenswertes Buch – ansprechend und gestalterisch von hoher Qualität. Die Kinderbibel enthält 14 biblische Geschichten. Bei der Präsentation in Weimar lasen mehrere Mädchen und Jungen der 4. bis 7. Klas­se ihre eigene Textversion. Die »Weimarer Kinderbibel« ist nach eigenen Angaben im Rahmen der Reformationsdekade ein interkonfessionelles und generationenverbindendes Projekt, das zur bundesweiten Nachahmung empfohlen wird. In diesem Herbst geht es in seine zweite Runde. Wie Annette Seeman sagt, beteiligen sich diesmal mehr als 100 Jungen und Mädchen und drei weitere Schulen. Bis zum 500. Reformationsjubiläum 2017 soll jedes Jahr eine Kinderbibel entstehen.

Trägerin des Projektes ist die Literarische Gesellschaft Thüringen. Gefördert wird es von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie dem Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur.

Sabine Kuschel

Weimarer Kinderbibel – geschrieben und gestaltet von Kindern, Band 1, Literarische Gesellschaft Thüringen e.V., 185 S., ISBN 978-3-936305-26-5, 32,00 Euro

Bewahre die Erinnerung an den Sommer

8. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Zeiten, in denen eine gute Hausfrau im Herbst wohlgefällig auf Regale voller Einweckgläser, auf Dörrobst und Sauerkrautfässer, Speckseiten und Kartoffelmieten schauen konnte, sind vorbei. Jedenfalls in ­unserem Land und von passionierten Selbstversorgern abgesehen. Das mag manch einer bedauern, der im Winter auf spanische Äpfel zurückgreifen muss und auf Marmelade, die in der Masse aus sonst was besteht, nur nicht aus Erdbeeren, wie es uns das Etikett einreden will. Vielleicht lässt sich ja doch mehr vom Sommer konservieren als jetzt üblich geworden, ohne den Maßstab unserer Mütter und Großmütter zu verinnerlichen und den Kauf von Wintergemüse als persönliche Niederlage zu empfinden.

»Ich mach ein Lied aus Stille. Ich mach ein Lied aus Licht. So geh ich in den Winter. Und so vergeh ich nicht« Eva Strittmatter

Wie auch immer Ihre Möglichkeiten und Ihr Zeitbudget aussehen mögen – es lässt sich in dieser Jahreszeit aber noch mehr sammeln als essbare Vorräte. Die warme Sonne auf der Haut spüren, bevor es kalt wird, den Honigduft des Steinkrauts genießen und sich über das umwerfende Farbspiel des Wilden Weins freuen, mit Freunden spazieren gehen und verreisen, ehe der Aufenthalt im Freien ungemütlich wird und Glatteis das Laufen behindert. Wenn das Ende abzusehen ist, wird jeder schöne Augenblick umso kostbarer.

Christine Lässig

Christine Lässig

»Siehe den Schmetterling hier! Er küsst die blühende Rose; bald ist der Schmetterling nicht, bald auch die Rose nicht mehr«, schreibt Johann Gottfried Herder mit einem Schuss Wehmut im Herzen und meint sicher nicht nur ein Pfauenauge auf der Rosa alba ›Maxima‹, sondern das Leben an sich. Mit einem Vorrat an schönen Erlebnissen und der Erinnerung an warme lange Sommerabende und strahlend blauen Herbsthimmel lässt sich die dunkle Jahreszeit leichter durchstehen. Natürlich könnte man sich auch auf den Winter freuen, auf klare Luft und frisch gefallenen Schnee, auf Kristalle am Fenster, gemütliches Feuer im ­Kamin und Skifahren in den Alpen. Schön für den, der das kann. Mir gelingt das leider nur sehr unvollkommen. Ich freue mich dann monatelang auf den Frühling.

Christine Lässig

»Bei uns in Bischkek«

2. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Wie eine deutsche Familie in einem mehrheitlich muslimischen Land einheimische Christen unterstützt

Mehr als zehn Jahre sind sie schon als Missionare im fernen Kirgisistan. Auf Heimaturlaub im Erzgebirge berichten sie über ihre Erfahrungen.

Wenn sie von ihrem Leben und Alltag erzählen, fallen oft die Worte »bei uns«. Doch damit ist nicht die Welt in der beschaulichen Erzgebirgsstadt Annaberg-Buchholz gemeint, auch wenn sie derzeit dort wohnen. »Bei uns« meint das ferne Kirgisistan und seine genau 4638 Kilometer entfernte Hauptstadt Bischkek. Seit mehr als zehn Jahren leben und arbeiten Friedhelm und Janiza mit ihrer dreijährigen Tochter Hanna in dem Gebirgsland zwischen China, Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan. In einem der Vororte der Millionenmetropole Bischkek nennen sie sogar ein kleines Häuschen ihr eigen.

Tradition und nationale Identität stehen bei den Kirgisen bis heute hoch im Kurs. Foto: privat

Tradition und nationale Identität stehen bei den Kirgisen bis heute hoch im Kurs. Foto: privat

Die beiden sind Missionare. Zwei Wochen nach dem Terrorangriff auf die USA vom 11. September 2001 gingen sie in die ehemalige Sowjetrepublik, deren Bevölkerung offiziell zu 80 Prozent dem sunnitischen Islam angehört. »Alle haben uns für verrückt erklärt«, erinnert sich Friedhelm. Doch der im Schwarzwald aufgewachsene lutherische Theologe und seine aus Annaberg-Buchholz stammende Frau ließen sich nicht beirren: »Für uns war es Gottes Berufung.«

Doch sie sind nicht Missionare im klassischen Sinn. Das dürften sie in dem islamischen Land auch nicht sein. Zwar gilt offiziell Religionsfreiheit und in der Hauptstadt gibt es allein 30 bis 40 christliche Gemeinden unterschiedlichster Prägung. Doch als Ausländer müssten sie für jeden Auftritt in einer Gemeindeveranstaltung eine staatliche Genehmigung beantragen. »Selbst wenn ich in einer der Gemeinden der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Kirgisien das Fürbittgebet sprechen wollte, müsste ich das genehmigen lassen«, sagt Janiza.

Sie predigen deshalb nicht, gründen keine neuen Gemeinden. Ihr von der Deutschen Missionsgemeinschaft (DMG) in Sinsheim getragener Dienst gilt der theologischen Ausbildung und der seelsorgerlichen Begleitung einheimischer Pfarrer und Gemeindeleiter. »Wir investieren in persönliche Beziehungen, sowohl zu Christen als auch zu Muslimen«, beschreiben sie ihre Aufgabe. Und sie freuen sich über das wachsende geistliche Leben der verhältnismäßig wenigen Christen im Lande. Eine von koreanischen Christen gegründete Bibelschule, die einzige überkonfessionelle Ausbildungsstätte im Lande, wird inzwischen ­völlig von einheimischen Lehrern geführt. Die kirgisischen Gläubigen nennen sich im Übrigen nicht Christen, sondern »Nachfolger Jesu«. Denn mit dem Wort Christen verbinden Kirgisen die russisch-orthodoxe Kirche, einen nationalen Fremdkörper.

Die Hinwendung zum christlichen Glauben bringt für Einheimische allerdings große Probleme. Auch wenn der kirgisische Islam – bisher zumindest – vorwiegend ein toleranter »Volks-Islam« mit vielen schamanistischen Einflüssen ist: Wer Christ wird, wird in der Regel aus der Gemeinschaft der Familie ausgestoßen. Was für Kirgisen besonders im Blick auf den eigenen Tod fatale Folgen hat: Sie dürfen nicht mehr, wie es die Sitte bis heute gebietet, »zu den Vätern« auf dem Friedhof der jeweiligen Sippe bestattet werden. »Allein wegen der Beerdigung überlegt es sich jeder Kirgise zweimal, ob er Christ wird«, betont das Ehepaar. Und: Ins Land kommen zunehmend radikale muslimische Missionare aus dem Ausland!

Dennoch haben Friedhelm und Janiza inzwischen viele muslimische Freunde. Der große Durchbruch kam, als vor zwei Jahren das Land beinahe in einem Bürgerkrieg versank, marodierende Banden die Gegend unsicher machten. Friedhelm beteiligte sich mit seinem muslimischen Nachbarn an einer Bürgerwehr ihres Wohnviertels. »Die gemeinsamen nächtlichen Patrouillen, die Tatsache, dass wir als Ausländer mit einem Kleinkind das Land nicht fluchtartig verließen, öffneten uns die Türen zu den Herzen unserer Nachbarn«, erinnert sich Friedhelm.

Am 16. Dezember wird die Familie wieder in der berühmten Annenkirche von Annaberg stehen, um von der Kirchengemeinde ein weiteres Mal ausgesandt zu werden. Dann geht es wieder dahin zurück, wo »bei uns« ist.

Harald Krille

www.dmgint.de

Vom Leben erzählen

2. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Felix Grützner tanzt auf Beerdigungen und in Gottesdiensten

Beerdigung und Tanz sind, zumindest für unseren Kulturkreis, zwei Dinge, die kaum zusammenpassen wollen. Oder doch? Felix Grützner tanzt auf Beerdigungen, in Gottesdiensten und zu kirchlichen Fest- und Gedenkfeiern. Er selbst bezeichnet sich seit 2008 als »Lebenstänzer«. Zum XXI. Greizer Theaterherbst hatte der Künstler ein Gastspiel in der Greizer Gottesackerkirche. »Für mich ist Tanz ein Weg, mit dem Körper etwas auszudrücken, Räume zu öffnen, und dadurch, dass ich mich bewege, auch bei anderen etwas zu bewegen«, erklärt der 47-Jährige.

Lebenstänzer Felix Grützner bei seiner Aufführung zum XXI. Greizer Theaterherbst in der Greizer Gottesackerkirche. Foto: Karsten Schaarschmidt

Lebenstänzer Felix Grützner bei seiner Aufführung zum XXI. Greizer Theaterherbst in der Greizer Gottesackerkirche. Foto: Karsten Schaarschmidt

Mit neun Jahren erhielt der gläubige und praktizierende Katholik seinen ersten Ballettunterricht, später studierte er in Düsseldorf, Rom und Bonn Klassisches Ballett und Modernen Tanz. Zudem absolvierte er ein Studium der Kunstgeschichte. Neben seiner Tätigkeit als Tänzer arbeitet Grützner als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Palliativmedizin der Universität Bonn und ist im Hospizdienst aktiv. Und hier schließt sich der Kreis von künstlerischer und seelsorgerischer Arbeit. »Tanz ist sehr körperlich, lebt von Gesten, das lässt sich auch auf die Hospizarbeit übertragen, wenn wir Sterbenden die Hand halten, sie umarmen, und doch loslassen müssen«, so Grützner.

Er tanze nicht nach einer durchgearbeitete Choreografie, es gäbe einige Motive, die er je nach Situation variiere. Seine tänzerischen Bewegungen sind klar, ruhig, bildreich, ausdrucksstark und ästhetisch. Der Tanz nehme die Trauer der Hinterbliebenen auf, aber er versuche auch, im Laufe des Tanzes, eine Ahnung davon zu geben, wie das Leben danach oder mit dem Verlust aussehen kann. Bisweilen nehme er mit dem Tanz Dinge auf, die mit Worten in einer Trauerrede nicht gesagt werden könnten. In seinem Tanz habe sich das Leben des Verstorbenen widergespiegelt, sagte ihm einmal nach einer Beerdigung einer der Trauernden.
»Ich habe bewusst das Wort Tod nicht für meine künstlerische Arbeit gewählt«, sagt Grützner. Er zeige ­keinen Totentanz, sondern erzähle vom Leben. Er könne auch verstehen, dass Menschen wegschauen, wenn er bei einer Beerdigung tanzt, weil sie in ihrer Trauer vielleicht die Direktheit des Tanzes nicht ertragen. Die meisten jedoch seien positiv überrascht, richtige Ablehnung habe er noch nie erfahren. Genau genommen seien auch die Liturgie und die Gesten des Pfarrers sehr stark von Körpersprache geprägt. Für Grützner ist Tanz unmittelbarer Ausdruck. Sich in der Kirche zum Beispiel in Gottesdiensten zu ­bewegen, bezeichnet er als ein großartiges Erlebnis.

Grützner bietet auch Seminare für Hospizhelfer an. Sein Wunsch war es daher, bei dem gemeinsam vom Greizer Theaterherbst und der Evangelischen Kirchengemeinde Greiz organisierten Abend, auch den Hospizdienst der Greizer Diakonie mit vorzustellen. Es sei in der Hospizarbeit wichtig, sowohl für die Sterbenden als auch für die Angehörigen da zu sein. »Begleitung bedeutet Ohnmacht teilen«, so Grützner. Und Trauernde seien oft sehr dankbar, wenn sie eine Möglichkeit erhalten, über ihren Verlust, über ihren Schmerz sprechen zu können. Übrigens, musikalisch wurde Grützner bei seinen Tänzen von dem ­Greizer David Hummel an der Violine begleitet, der virtuos ein Stück von ­Johann Sebastian Bach ­sowie mehrere klangvolle Eigenkompositionen vortrug.

Karsten Schaarschmidt

www.lebenstaenzer.de

Polizei und Rassismus?

2. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Sicherheitsbehörden: Ressentiments gegen Fremde, kombiniert mit Ausbildungs- und Ressourcendefiziten

Wenn es um rechte Gewalt und Alltagsrassismus geht, bescheinigen Kritiker den ­Sicherheitsbehörden auch weiterhin eine mitunter ­gestörte Wahrnehmung.

Zehn Morde, zahlreiche Verletzte, 14 Banküberfälle: Es ist eine Spur unglaublicher Brutalität, die das Jena-Zwickauer Trio ­»Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) in zehn Jahren quer durch Deutschland gezogen hat. Doch fast genauso erschreckend ist das jahrelange Versagen der Sicherheitsbehörden, das durch die Arbeit der Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern immer deutlicher zutage tritt.

Nach Auffliegen des NSU hatte der Deutsche Bundestag im November 2011 einstimmig »rasche Konsequenzen für die Arbeit der Sicherheitsbehörden« und eine Stärkung »aller demokratischer Gruppen, die sich gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus engagieren«, gefordert. Die Amadeu-Antonio-Stiftung wollte wissen, wie die Situation in Deutschland knapp ein Jahr nach dem Ende des NSU ist und gab dazu bei der Politikwissenschaftlerin und Publizistin Marion Kraske eine Studie in Auftrag (G+H berichtete).

Studie: Rechte Gewalt wird weiterhin verharmlost

Ihr Fazit: Die Sicherheitsbehörden verharmlosen und relativieren auch weiterhin die rechtsextreme Gewalt und den Rassismus im Alltag. Die Verfehlungen bei der NSU-Verfolgung seien »wohl fast absehbar und eben nicht die Ausnahme« gewesen. Kraske belegt ihre These mit zahlreichen Beispielen aus Ost und West und hat dazu Opferberatungsstellen und Initiativen gegen Rechtsextremismus konsultiert.

So hat die von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) getragene Opferberatung »ezra« (Neudietendorf) für Thüringen in den letzten anderthalb Jahren 16 Fälle polizeilichen Fehlverhaltens dokumentiert. Darunter sind Fälle wie 50-minütige Wartezeiten nach einem Notruf oder eine Polizei, die am Tatort zuerst gründlich die Personalien der Opfer aufnimmt, statt sich um die Verfolgung der Täter zu kümmern. Und Christina Büttner (ezra) beobachtet immer wieder Beamte, die aus ihren Ressentiments gegen Fremde keinen Hehl machten. Sie meint daher: »Im Beamtenapparat fehlt ganz eindeutig die interkulturelle Kompetenz.« Der politische Hintergrund von Angriffen oder Bedrohungen werde zudem ­häufig negiert, rechtsextreme Angriffe immer wieder als »harmlose Schlägereien« eingestuft.

»ezra« kämpfe zudem seit über einem Jahr darum, über das Thüringer Innenministerium ein Infoblatt zur Arbeit der Opferberatung an alle Polizeidienststellen zu verteilen – bisher ohne Erfolg, wie Projektkoordinator Jürgen Wollmann bedauert. Auch auf Recherche-Anfragen für diesen Beitrag antwortete das Ministerium nur schleppend und ausweichend; die Frage nach »eventuell rassistischen Einstellungen in den eigenen Reihen« ließ es unbeantwortet.

Blick-40-2012

»Im Beamtenapparat fehlt ganz eindeutig die multikulturelle Kompetenz«: Polizisten sprechen mit Demonstranten vor dem Landgericht Dessau, in dem über die Umstände des Feuertods des Afrikaners Ouri Jalloh Anfang 2005 in ­Polizei­gewahrsam verhandelt wird. Das Foto entstand 2007. Foto: picture-alliance

In Sachsen-Anhalt führt David Begrich, Fachreferent Rechtsextremismus beim Netzwerk »Miteinander« (Magdeburg) seit anderthalb Jahren einen kritischen Dialog mit der Polizei und hat festgestellt: »Die Polizei ist nicht ‘rechtsblind’, aber sie hat Ausbildungs- und Ressourcen-Defizite.« Polizeiliches Handeln sei von Routine, Handlungsdruck und politischen Vorgaben geprägt. Statt sich bei Kritik von außen abzuschotten, wünsche er ihr »mehr Mut zur Selbstkritik«.

Das dürfte schwierig sein: Hatte doch schon der Diplomkriminalist und Psychologe Günter Schicht 2007 in seiner Studie »Menschenrechte und Polizei« festgestellt, dass Polizisten eigenes Fehlverhalten kaum einräumen würden, solange ihre Kollegen gezwungen seien, sie dann sofort anzuzeigen. Dies sei aber nach geltendem Recht der Fall.

Keine »Rechtsblindheit«, aber zu wenig Selbstkritik

Neben verstärkter Menschenrechts-Fortbildung für alle Polizei-Ebenen forderte Schicht damals eine »unabhängige Kontrollinstanz für polizeiliche Übergriffe« – eine Forderung, die die Agentur für Grundrechte der Europäischen Union 2010 für die gesamte EU erhob. Sie ist bis heute weder in Thüringen noch Sachsen-Anhalt umgesetzt. In ihrer – in zehn EU-Staaten durchgeführten – Erhebung »Polizeikontrolle und Minderheiten« hatte die Agentur auch bei der deutschen Polizei überproportional häufige, teils diskriminierende Kontrollen ethnischer Minderheiten festgestellt. Dazu Petra Albert, die Ausländerbeauftragte der EKM: »Die Dunkelziffer dürfte hoch sein, denn die meisten Betroffenen steckens schweigend weg.« Würden die nichtdeutsch Aussehenden hingegen von offensichtlich Deutschen begleitet, seien Polizei und Behörden »überkorrekt«.

Das Innenministerium Sachsen-Anhalts ließ dazu verlauten: »Die Polizei Sachsen-Anhalt ist bestrebt, allen Formen von rassistischen Einstellungen in den eigenen Reihen entgegenzutreten.« Man organisiere zu dem Thema regelmäßig Fortbildungen; Verstöße würden ein Disziplinarverfahren nach sich ziehen. Dazu Polizeiseelsorger Michael Bertling (Landeskirche Anhalt): »Rassismus kommt zu häufig vor als Empfinden bei den Betroffenen. Jeder Vorfall ist einer zu viel.« Gerade nach den NSU-Morden seien alle Sicherheitsbehörden in ihrer Glaubwürdigkeit angefragt. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Rainer Borsdorf