Zwei Möglichkeiten

30. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Wann ist in diesem Jahr Erntedankfest? Am 30. September oder am 7. Oktober? Der Termin war dieses Jahr in vielen Kirchengemeinden eine Überlegung wert.

Wann ist der Erntedanktag? »Am Sonntag nach Michaelis«, sagen die einen; »am ersten Sonntag im Oktober«, die anderen. In den meisten Jahren decken sich die beiden Aussagen, weil dann der erste Sonntag im Oktober gleichzeitig der Sonntag nach Michaelis (29. September) ist.

Verwirrung stiftet der Michaelistag nur als Sonnabend, weil der folgende Sonntag dann der 30. September ist. Der erste Sonntag im Oktober ist dann der 7. Oktober. Wer sich noch an die DDR erinnern kann, denkt dabei an einen bestimmten Feiertag, bei dem Christen in der Regel wenig zum Danken hatten.

Provinzialpfarrer Karsten Müller arbeitet im Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Provinzialpfarrer Karsten Müller arbeitet im Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Wann ist der Erntedanktag? Fangen wir in diesem Jahr einmal beim Alten Fritzen an, dem König Friedrich II. von Preußen, vor 300 Jahren geboren. Ihm verdanken wir nicht nur die Förderung des Kartoffelanbaus. Im Jahr 1773 erließ er einen Erlass, der den Erntedanktag auf den »Sonntag nach Michaelis« festlegt. Diese Praxis setzte sich im Lauf der Zeit in vielen Gegenden Deutschlands durch. Landwirtschaftlich Kundigen fällt auf, dass ­dieser Termin nach der Getreideernte liegt, aber vor der Kartoffel- und Rübenernte.

Die katholische Deutsche Bischofskonferenz hat 1972 den ersten Sonntag im Oktober als Termin für den ­Erntedanktag festgelegt. Allerdings ist hier zu beachten, dass Erntedank kein offizielles Fest des Kalenders ist. Den Gemeinden ist freigestellt, ob sie es begehen oder nicht.

Die Terminempfehlung für den ersten Sonntag im Oktober ist 1985 auch von den evangelischen Kirchen mit der Einführung des neuen Perikopenbuches aufgenommen worden. Gleichwohl heißt es im Evangelischen Gottesdienstbuch von 1999: »Der Erntedanktag im Herbst – wird traditionell am Sonntag nach Michaelis (…) oder am ersten Sonntag im Oktober begangen …«

Der langen Rede kurzer Sinn:
Beide Termine sind möglich. Im Übrigen ist die Realität in vielen Pfarrbereichen längst über unsere Frage hinweggegangen. Der Erntedanktag wird »gestreckt«, damit er in möglichst vielen Kirchen gefeiert werden kann.

Außerdem gerät bei unserer Fragestellung schnell aus dem Blick, dass sie nicht einmal zweitrangig ist. In ­diesem Jahr beschäftigt sie uns, dann erst wieder 2018, danach gerät sie ­vielleicht 2029 wieder auf die Tagesordnung.

Wichtig ist vielmehr, dass und wie wir Erntedank feiern – aber das ist eine ganz andere Frage.
Karsten Müller

Kampf um den Vatikan

24. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Fernsehdokumentation über das Zweite Vatikanische Konzil

Der Film beginnt mit bedrohlicher Musik. Der Blick durch ein barockes Schlüsselloch fällt auf den Petersdom, Gebäude und Statuen im Vatikan. Eine sonore Frauenstimme erklärt, dass es in den folgenden 52 Minuten um einen Kampf geht, der die Welt drei Jahre bewegte, und an dessen Folgen 50 Jahre später der heutige Papst Benedikt XVI. noch immer zu knabbern habe.

Fünf Jahre lang hat der heutige Chef der Katholischen Nachrichten Agentur (KNA) Ludwig Ring-Eifel in den Archiven geforscht und mit letzten Zeitzeugen des Zweiten Vatikanischen Konzils Interviews geführt. Der katholische Journalist gilt als einer der wenigen Vatikan-Kenner im deutschen Sprachraum. Er hat sich aufgemacht, um im 50. Jubiläumsjahr die Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1962–1965 neu zu erzählen. Damals stellte die Einberufung des Kirchenparlaments einen riesigen logistischen Aufwand dar, alle römisch-katholischen Bischöfe der Welt versammelten sich drei Jahre lang in Rom. Von Anfang an bildeten sich Fronten, die italienisch-barocke gegen die modenere deutsch-französische Allianz, mit der sich viele Bischöfe aus Afrika, Nord- und Lateinamerika solidarisierten. Es ging um die Reform der Liturgie, also die Abschaffung der lateinischen Sprache zugunsten der jeweiligen Heimatsprache. Auch die Beziehungen zu den orthodoxen Kirchen des Ostens wurden debattiert.

Blick auf den Petersdom. Foto: Harald Krille

Blick auf den Petersdom. Foto: Harald Krille

Dass es in dem Konzil auch um die Neubestimmung der römisch-katholischen Kirche zum Judentum ging, lässt der Film, und das ist eine mediale Sünde, völlig unerwähnt. Im Zweiten Vatikanischen Konzil wurde nämlich das Judentum erstmals von den Katholiken als eigenständig zu respektierende Religion anerkannt. Die Juden sollten künftig nicht mehr als Gottesmörder diffamiert, geschweige denn zum Christentum bekehrt werden. Jegliche antijüdische Liturgie wurde aus der Kirche verbannt. Die historische Schuld der Kirche gegenüber den Juden wurde offen anerkannt und als sündhaft verworfen. Eine Revolution, die Ring-Eifel unerwähnt lässt. Stattdessen verliert sich die Dokumentation in zahlreichen Interviewschnippseln, wer vor 50 Jahren mit wem wo wann was hinter welchen Kulissen besprochen haben will. Erst nach detailreichen, manchmal quälenden 44 kirchenhistorischen Minuten kommt der Film im Jahr 2012 an. Ring-Eifels These ist, dass die Reformen von damals in der römisch-katholischen Kirche nie ausreichend diskutiert wurden und sich somit bis heute der Reformstau ergibt. Wenn Papst Benedikt XVI. jetzt wieder die lateinische Messe zulässt, so sei dies der mangelnden Diskussion von damals geschuldet und bedeute eine Harmonisierung mit den nie verstummten konservativen Kräften in der Kirche. Die Wiederaufnahme der Piusbruderschaft in die römische Weltkirche rühre eben daher, dass auf die Katholiken um den erzkonserva­tiven Bischof Marcel Lefebvre vor 50 Jahren zu wenig Rücksicht genommen wurde. Die Abschaffung des Zölibats, die Eucharistie für Wiederverheiratete und den Pädophilenskandal lässt der Film unerwähnt. Es sprechen nur die Theologen und ein paar Vatikankorrespondenten. Das normale Kirchenvolk kommt nicht zu Wort, außer Andrea Nahles von der SPD, die hier wohl als Katholikin spricht. Ein Drittes Vatikanisches Konzil wird es wohl noch lange nicht geben, ist doch das Zweite innerhalb der Kirche längst nicht verdaut.

Thomas Klatt

Am 25. 9., 20.15 Uhr, strahlt arte die Dokumentation »Kampf um den Vatikan – Hinter den Kulissen des Konzils« aus.

Zeit zum Aufwachen

23. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Islamische Welt: In den Protesten gegen den Mohammed-Film entlädt sich jahrzehntelange Wut über den Westen

Ein Sturm der Empörung hat die islamische Welt erfasst. Auslöser ist ein grottenschlechtes Filmchen über den Propheten Mohammed. Doch dahinter steckt weit mehr.

Als seien vier tote Diplomaten nicht genug, breitet sich der Volkszorn wie ein Lauffeuer aus. Nach dem Raketenangriff auf die US-Botschaft in Bengasi brennen amerikanische Flaggen in Jemen und Ägypten, in Marokko, im Sudan und Tunesien und Afghanistan. Selbst die deutsche Botschaft im Sudan fiel den Flammen zum Opfer. Alle Beteuerungen, man verabscheue zutiefst, was Muslime beleidige, helfen nichts. Der Mob tobt und lechzt nach Blut.

Johannes Gerloff berichtet für unsere Zeitung aus dem Nahen Osten.

Johannes Gerloff berichtet für unsere Zeitung aus dem Nahen Osten.

Amerika ist schockiert. Wie konnte der Arabische Frühling »diese hässliche Wendung nehmen?« Wie ein einziges Video, furchtbar stümperhaft, einfach nur schlecht und nervtötend gemacht, die gesamte amerikanische Außenpolitik zugrunde richten? »Wie konnte das passieren in einem Land, das wir befreien halfen, in einer Stadt, die wir vor der Zerstörung bewahrt haben?«, fragt sich Außenministerin Hillary Clinton.

Doch allen diplomatischen Nettigkeiten, die »keine feindseligen Gefühle gegen die USA in Ägypten« sehen wollen, zum Trotz, Präsident Barack Obama sollte endlich aufwachen: Die arabische Öffentlichkeit spuckt auf die Hand, die er der islamischen Welt seit seiner historischen Rede im Juni 2009 in Kairo hinhält.

Jahrzehntelang hat Amerika in der islamischen Welt Diktatoren unterstützt – um sie dann kaltblütig fallen zu lassen. Lippenbekenntnisse zur Demokratie sind unhörbar angesichts der realpolitischen Verachtung von Wahlergebnissen – im Januar 2006 bei den Palästinensern, im Dezember 1991 in Algerien, ja schon in den 1950er Jahren im Iran. Kaum ein Muslim hält »westliche Werte« für erstrebenswert. Niemand glaubt, dass sie ernst gemeint sind. Das Zutrauen der Araber, von dem Amerika träumt, hat es nie gegeben.

Stattdessen klettern der US-Botschaft in Kairo Demonstranten aufs Dach, reißen die amerikanische Flagge herunter und hissen die schwarze Flagge mit dem islamischen Glaubensbekenntnis, der Schahada: »Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet!« Dieses schwarze Tuch mit dem Schwert des Islams und der Schahada ist nicht, wie manche meinen, das Banner von Al-Kaida-Extremisten, sondern die ­ursprüngliche Fahne des Islams, die unter den Abbasidenkalifen im achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung populär wurde. Schwarz verhüllte Frauen skandieren: »Ihr Anbeter des Kreuzes, lasst den Propheten Mohammed in Ruhe!« Die Ideologie des Dschihad, des Heiligen Krieges, gegen den dekadenten Westen ist heute vorherrschende Kraft in der arabischen Welt. Das hat der Arabische Frühling gezeigt.

Die mörderische Volkswut wurde dieses Mal nicht von Karikaturen entfesselt oder durch die Verbrennung ­eines Korans, sondern durch einen Film über den Propheten Mohammed. Dargestellt wird, wie der Gründer des Islam seine Nachfolger zum Heiligen Krieg anstachelt, Gegner täuscht und seinen Libido auslebt – nicht unähnlich den autorisierten Biografien. Anstößig für Muslime ist nicht nur der Inhalt des Films, sondern vor allem die Darstellung ihres Idols im Bild.

Dabei scheint der Mohammed-Film nur willkommener Vorwand, nicht aber eigentlicher Auslöser der Unruhen zu sein. Islamistische Gruppierungen hatten in letzter Zeit dazu aufgerufen, die Kairoer US-Botschaft niederzubrennen – um Häftlinge aus Guantanamo freizupressen, oder auch den blinden Scheich Omar Abdul Rahman, der in den USA wegen ­eines Anschlags auf das World Trade Center 1993 eine lebenslange Haftstrafe verbüßt. Ein Jahr lang dümpelte der Film bereits im Internet vor sich hin – bis ihn eine salafitische Fernsehstation in Ägypten ausfindig machte und sendete. Wäre diesen Leuten die Ehre des Propheten Mohammed wichtiger gewesen als ihre antiamerikanischen Ressentiments, sie hätten das Machwerk im Sumpf des Internets versickern lassen.

Vielleicht ist es an der Zeit, sich von lieb gewordenen Träumen und einer romantischen Vorstellung von der »Friedensreligion Islam« zu verabschieden. Die Schreie der Christen, denen das Leben unter islamistischer Herrschaft zur Hölle gemacht wird, sind unüberhörbar. In den Ländern des Arabischen Frühlings kreuzigen Muslimbrüder ihre ideologischen Gegner. Wenn Muslime zum Christentum konvertieren, werden sie vor laufender Kamera geschlachtet. Auch das ist im Internet bei Youtube einsehbar für diejenigen, die das sehen wollen. Verstehen wir den Weckruf des tobenden Mobs?

Johannes Gerloff (Jerusalem)

Jedes Jahr eine neue Chance

22. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Es wird höchste Zeit, an den nächsten Sommer zu denken. Nicht, dass ich den heurigen schon abgehakt hätte. Ganz im Gegenteil: Wer den Herbst kommen sieht, genießt Sommersonne, Sonnenhut und Sonnenbraut ganz bewusst. Aber die Wicken sind längst keine Zierde mehr, die Prunkwinde hat auch schon mal besser ausgesehen, und auf den Sonnenblumen liegt Mehltau.

»Auch ein kleiner Garten ist eine endlose Aufgabe«
Karl Foerster

Das schafft Platz für Neues, das zwar in diesem Jahr nicht mehr zum Zuge kommt, aber im nächsten sicher großartig aussehen wird.
Jetzt können die Zweijährigen an Ort und Stelle gepflanzt und entstandene Lücken mit Stauden aufgefüllt werden. Blumenzwiebeln sollten auch langsam in die Erde, und der Samentütchen werden es immer mehr. Mich überkommt das außerordentlich befriedigende Gefühl, mit Weitblick und Ordnungssinn das Meine getan zu ­haben, damit die nächste Gartensaison ein Erfolg wird. »Wer mit seinem Garten schon zufrieden ist, verdient ihn nicht«, hat der weise Stauden­gärtner Karl Foerster zu Protokoll gegeben.

Christine Lässig

Christine Lässig

Freilich: Der schöne Plan ist das eine, die Umsetzung das andere, und das Ergebnis hält immer wieder Überraschungen bereit. »Jahre überdauernde Pflanzen sind die, die als Unkraut wachsen, zweijährig wachsende Pflanzen sind die, die schon in diesem Jahr eingehen statt im nächsten, und winterfeste Pflanzen sind die, die überhaupt nicht hochkommen.« (Katherine Whitehorn) Das ist zwar et-
was sarkastisch ausgedrückt, entbehrt aber nicht eines Schusses Realität. Ausfälle gibt es immer wieder. Doch in der Regel darf man durchaus damit rechnen, dass zweijährige Vergissmeinnicht zur Blüte kommen und Stauden den Winter überstehen. Die Langlebigkeit des Unkrauts allerdings kann nicht bezweifelt werden.

Was wäre die Gärtnerei, wenn wir nicht jedes Jahr – so Gott will und wir leben – eine neue Chance bekämen, es besser zu machen als in der zu Ende gehenden Saison. Schließlich ist man um einige Erfahrungen reicher geworden. Das tröstet darüber hinweg, dass die warmen Tage bald vorbei sind und die meisten Blumen schon ihren Auftritt hinter sich haben. Es ist kein Abschied für immer.
Christine Lässig

Unlösbare Probleme und kleine Schritte

21. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Joachim Liebig über seine Eindrücke aus Palästina und der Schule Talitha Kumi

Joachim Liebig ist Mitglied des Missionsrates des Berliner Missionswerks. Foto: Pressestelle

Joachim Liebig ist Mitglied des Missionsrates des Berliner Missionswerks. Foto: Pressestelle

Gemeinsam mit einer Delegation des Berliner Missionswerkes besuchte der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig Anfang September die palästinensischen Autonomiegebiete. Im Mittelpunkt stand der Besuch in der vor mehr als 160 Jahren gegründeten christlichen Schule Tali­tha Kumi in Beit Jala.

Herr Kirchenpräsident, die Situation in Nahmen Osten scheint undurchschaubar – was ist Ihr Eindruck von der Reise?
Liebig:
Wir hatten eine ganze Fülle von Gesprächen mit palästinensischen Christen und Muslimen. Mein Eindruck ist, dass die Situation im Heiligen Land verfahrener ist als je ­zuvor. Derzeit gibt es große wirtschaftliche und soziale Spannungen in den palästinensischen Gebieten, die zu Unruhen unter der Bevölkerung führen. Und ich habe nicht die leiseste Vorstellung, wie diese Situation zu ­lösen sein wird.

Man hörte in den letzten Jahren, dass es in der sogenannten West Bank durchaus positive Entwicklungen gab: wirtschaftlicher Aufschwung, eine verbesserte Sicherheitslage …
Liebig:
Es gab in der Tat eine Phase der Konsolidierung. Doch diese ist im Augenblick infrage gestellt. Die Verhandlungen mit Israel sind ins Stocken geraten und der höchst umstrittene israelische Siedlungsbau wurde weiter vorangetrieben.

Ist der israelische Siedlungsbau die einzige Ursache oder gibt es auch hausgemachte palästinensische Probleme?
Liebig:
Uns wurde von vielen Seiten bestätigt, dass es insgesamt zu einer Radikalisierung auf beiden Seiten kommt. Auf der palästinensischen Seite gibt es den tiefen Konflikt zwischen Fatah und Hamas. Und auf israelischer Seite gibt es mit der Siedlerbewegung ein Gegenüber, mit dem ­rational vermutlich nicht zu reden sein wird. Umso wichtiger ist es, die noch rational zugänglichen Kräfte auf beiden Seiten in jeder Weise zu bestärken.

Welche Rolle spielen denn die Christen in der palästinensischen Zivilgesellschaft?
Liebig:
Es gibt nur wenige Christen, weniger als zehn Prozent. Ihre gesellschaftliche Bedeutung ist dagegen deutlich höher. Es gibt eine ganze Reihe von Christen in entscheidenden politischen und auch wirtschaftlichen Positionen. Wir sprachen unter anderem mit der vormaligen Tourismusministerin Khouloud Daibes Abu Dayyeh, die auch eine Schülerin von Talitha Kumi war. Sie steht exemplarisch für eine sich entwickelnde palästinensische Mittelschicht, in der sehr viele Christen anzutreffen sind, die auch politisch Einfluss nehmen.

Stichwort Talitha Kumi, die Schule scheint so etwas wie ein Hoffnungszeichen zu sein?
Liebig:
Sie gehört zu den Leuchttürmen unter den Schulen im paläs­tinensischen Gebiet! Rund Tausend palästinensische Schülerinnen und Schüler, Christen und Muslime, gehen dorthin. Es gibt Angebote vom Kindergarten bis zu einer Hotelfachschule. Im kommenden Jahr werden erstmals palästinensische Schülerinnen und Schüler ihr Abitur auf Deutsch und nach deutschen Zentralabitur-Standards ablegen. Mit diesen jungen ­Leuten zusammenzutreffen, ist eine derartig bewegende Begegnung, dass sich alle Mühe zum Erhalt der Schule trotz all der Schwierigkeiten in jedem Falle lohnt.

80 Prozent des Haushaltes der Schule werden vom Berliner Missionswerk getragen. Das soll also auch weiter so bleiben?
Liebig:
Ja. Es ist ein entscheidender konstitutiver Auftrag von Kirche, auch solche Dinge zu unterstützen und ­namentlich im Heiligen Land präsent zu sein. Und im Zusammenspiel mit verschiedenen Trägern und vor allen Dingen auch den vielen Menschen, die die Arbeit mit ihren Spenden ­unterstützen, sehen wir uns durchaus in der Lage, dieses weiter zu leisten. Die großen Probleme scheinen wie immer unlösbar. Umso wichtiger sind die kleinen Schritte, wie sie beispielsweise in Talitha Kumi jeden Tag gegangen werden.
Die Fragen stellte Harald Krille

Spenden für Talitha Kumi: Berliner Missionswerk, Konto: 71617, Evang. Darlehnsgenossenschaft Kiel, BLZ: 21060237, Projektnummer 4301 (bei Überweisungen angeben)

www.berliner-missionswerk.de
www.talithakumi.org

Frei und niemandem untertan

18. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Organspende: Regelmäßig werden wir mit dem Tod konfrontiert und gezwungen über ihn hinauszudenken

Das Transplantationsgesetz, das die Organspende regelt, ­betrifft uns alle. Wie wollen wir nach unserem Tod behandelt werden? Notger Slenczka beantwortet diese Frage als ­Theologe und für sich persönlich.

Die rechtliche Regelung der Entnahme von Spenderorganen wird derzeit wieder diskutiert. Die intensivmedizinischen Möglichkeiten haben dazu geführt, dass der Hirntod – der irreversible Ausfall des Gehirns und seiner Funktionen – und der Zusammenbruch der Herztätigkeit und des Kreislaufs zeitlich auseinandertreten können. Die zeitliche Lücke zwischen Hirntod und Herztod eröffnet die Möglichkeit, unbeschädigte Organe zu entnehmen und an geeignete Empfänger weiterzugeben.

»Das Leben zerbricht, aber eben dadurch geht die Tür auf, und Er steht auf der anderen Seite« Romano Guardini (1885–1968)

»Das Leben zerbricht, aber eben dadurch geht die Tür auf, und Er steht auf der anderen Seite« Romano Guardini (1885–1968)

Die Zahl der oft verzweifelt wartenden Empfänger, darunter viele Kinder, übersteigt bei Weitem die Zahl derjenigen, die sich zu Lebzeiten bereitfinden, in einem solchen Fall ihre ­Organe zur Verfügung zu stellen. Denn geltendes Recht in Deutschland ist eine »Zustimmungsregelung«: eine Organentnahme ist nur zulässig, wenn der Spender dies zu Lebzeiten ausdrücklich verfügt hat. Diese Zustimmung kann schriftlich vorliegen, kann aber auch von den nächsten ­Angehörigen bezeugt werden. Daher heißt die Regelung »erweiterte Zustimmungsregelung«. Seit Mai dieses Jahres wurde diese Regelung verändert: Beginnend mit dem 16. Lebensjahr wird jedem Krankenversicherten in regelmäßigen Abständen die Aufforderung zugeschickt, sich zu entscheiden, ob er als Spender zur Verfügung stehen will. Unverändert wird nur derjenige, der zustimmt, im Fall eines Falles als Organspender herangezogen.

Wir werden regelmäßig mit dem Tod konfrontiert und gezwungen, über ihn hinaus zu denken. Gewöhnlich verdrängen wir ihn – und werden darin durch den antiken Philosophen Epikur bestärkt: Warum fürchten wir uns eigentlich vor dem Tod?, fragt er und gibt zu bedenken: »Das schrecklichste Übel, der Tod, geht uns eigentlich nichts an. Denn solange wir sind, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr.« Allerdings zeigt spätestens die Diskussion um das Transplantationsgesetz: Auch wenn es richtig ist, dass wir nicht mehr sein werden, wenn der Tod eingetreten ist, geht uns dennoch der Tod an. Denn jetzt, wo wir noch leben, werden wir aufgefordert, uns Gedanken darüber zu machen, was dann, nach dem Tod, mit uns sein wird.

Der Tod hat in der Tat eine schreckliche Macht. Aus fühlenden, denkenden, handelnden, sich bewegenden und behauptenden Wesen macht er uns zu kalten und starren Dingen. Ein Leichnam ist nicht zu unterscheiden vom Kadaver von Tieren, kalt wie ein Stein, starr wie ein Stück Holz im Unterschied zur Wärme und Beweglichkeit eines lebenden Körpers.
Der Tod macht uns verfügbar wie die Dinge. Wir sind ausgeliefert – nicht nur dem Verwesungsprozess, sondern dem Gutdünken der Menschen, die uns überleben. Bislang haben sie mit uns gerechnet, haben unsere Eigenständigkeit respektiert auch dann, wenn sie uns für ihre Zwecke eingesetzt haben. Und bislang konnten wir uns notfalls wehren – verbal oder durch aktiven und passiven Widerstand. Erst der Tod macht uns zu puren Dingen in der Verfügungsgewalt von anderen.

Der Tod ist auch darum schrecklich, weil es gar nicht wahr ist, dass wir nicht mehr sind, wenn er da ist. Noch vor jeder Frage nach einem wie auch immer gearteten Leben nach dem Tod gilt: Der Tod ist nicht einfach das Nichtsein. Es bleibt der Leib. Wir – als ein Ding, über das nun andere verfügen. Der Tod ist der Verlust der Selbstbestimmung. Ein Teil des Schreckens des Todes ist dies Übergehen in die Verfügung von anderen. Andere erinnern sich meiner und schreiben meine Lebensgeschichte. Andere verfügen über meinen Körper.

Wie ein Stein, wie ein Tierkadaver ist der Tote – aber nie würden wir einen toten Menschen als »Kadaver« bezeichnen. Wir umgeben den toten Körper mit Ehrfurcht. Die Störung der Totenruhe ist eine Straftat. Der Umgang mit Verstorbenen ist ein uralter Generationenvertrag. Er ist mit Riten und Tabus umgeben. Diese Riten haben auch den Sinn, uns dessen zu vergewissern, dass wir nach unserem Tod würdevoll behandelt werden: Auch unser Leichnam wird nicht einfach achtlos weggeworfen wie ein Kadaver oder verwendet wie ein Gegenstand.

Mit der Neufassung des Transplantationsgesetzes ändert sich daran nichts. Niemand verfügt gegen unseren Willen über uns. Aber es tritt mit neuer Dringlichkeit die Frage an uns heran, ob wir selbst es zulassen, dass unsere Organe für Menschen eingesetzt werden, die auf Spender­organe warten, falls es dazu kommen sollte, dass wir bei stabilem Kreislauf hirntot sind. Viele Fragen sind mit ­dieser einen Frage verbunden: Die Frage beispielsweise, ob der endgültige Ausfall des Hirns wirklich das zentrale Kriterium für den Tod ist – oder ob man warten muss, bis alle zentralen Lebensfunktionen, also auch der Kreislauf, an ein Ende gekommen sind.
Einen christlichen Vorbehalt gibt es hier nicht. Im Falle des Hirntodes verhindern nur die intensivmedizinischen Apparaturen, dass in kürzester Zeit auch der Herztod eintritt. Auch wenn man es beim Hirntod mit einem Schritt im Sterbeprozess zu tun hätte: Es ist der entscheidende Schritt, hinter den es kein Zurück mehr gibt.

Bereits in der Alten Kirche, aber auch in der Gegenwart wird zuweilen die Frage gestellt, ob nicht der Körper, weil die Christen an dessen Auferweckung glauben, darum auch unversehrt ins Grab gelegt werden muss. Einmal ganz abgesehen von der Frage, ob angesichts vom 1. Korintherbrief 15,35–44 die »Auferstehung des Leibes« wirklich die Wiederherstellung desselben physischen Körpers meint: Im Laufe unseres Lebens werden alle Körperzellen mehrfach ausgewechselt. Sie sterben ab, und neue wachsen nach. Physisch ist unser Körper am Lebensende nicht mehr derselbe wie zu Beginn – und doch kommt kein Mensch auf die Idee, dies für ein Hindernis für die »Auferstehung dieses unseres Leibes« zu halten. Auch nach einer Amputation, nach einer Blinddarmoperation oder nach einer Zahnentfernung kommt niemand auf die Idee, dass der Betroffene »nach der Auferstehung’« nicht komplett sein könnte. Nein: Die Auferstehung des Leibes ist kein Argument gegen die Organspende.

Im Tod vertrauen wir uns – zunächst einmal – der Nachwelt an in der Hoffnung, dass sie mit unserem Leib würdevoll und im Respekt vor dem, wer und was wir jetzt sind, umgeht. Und das ist die eigentliche Frage, die uns gestellt wird, wenn wir in ­Zukunft regelmäßig aufgefordert ­werden, über die Möglichkeit einer Organspende nachzudenken: Wer sind wir? Und wie wollen wir nach unserem Tod behandelt werden? Jeder kann das nur für sich beantworten – ich tue das so: Ich bin Christ. Als Christ gehöre ich zu Jesus Christus, zu dem Herrn aller Wirklichkeit. Mein Geschick nach dem Tod ist nur vordergründig in der Verfügung anderer Menschen. »Ich befehle mich, meinen Leib und meine Seele und alles in deine Hände«, spricht Luther im Morgensegen vor. Das heißt: Jetzt schon ist mein Leben getragen von Jesus Christus, der ein dienstbarer Knecht aller wurde und allen zur Verfügung stand. Wie er, so bin auch ich und ist jeder Christ »ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan«.

Kein Christ sollte sich gegen Gefühl und Gewissen selbst nötigen oder gar genötigt werden, als Spender zur Verfügung zu stehen. Es gibt auch hier keinen (un)heiligen Zwang. Ich selbst aber sage mir in aller Freiheit, dass ich gerade als Herr »ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan« bin (Luther: »Von der Freiheit eines Christenmenschen«). Daher stelle ich mich zur Verfügung und habe schon seit langem einen Organspendeausweis.

Notger Slenczka

Der Autor ist Professor für Systematische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin

»Ein weiterer Baustein zur Selektion von Menschen«

18. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Standpunkt: Warum ein scheinbar einfacher Bluttest so viel über unsere Humanität sagt

Seit wenigen Wochen ist in Deutschland ein neuer Bluttest für Schwangere zugelassen, der mit hoher Sicherheit das Down-Syndrom beim ­werdenden Kind erkennen lässt. Segen oder Fluch?

Es ist zwar vordergründig und auf den ersten raschen Blick »nur« ein Bluttest. Aber auf den zweiten Blick eben nicht mehr »nur«. Denn es bedarf nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was denn dann passiert – wenn, ja wenn sich herausstellt, dass das noch nicht ­geborene Kind ein Down-Syndrom hat. Wissen ist Macht, so heißt es. Und dieses machtvolle Wissen verlangt stets nach Verantwortung. In diesem Falle scheint das Wissen aber sogar die Macht zum Töten mit anzureichen. Tatsächlich ist nämlich der vermeintlich so harmlose Bluttest letztlich ein weiterer Baustein zur Perfektion der Selektion von Menschen, hier im vorgeburtlichen Lebensstadium. Insofern ist es erschreckend, mit welcher Konsequenz sich verantwortliche Politiker einem Erkenntniszuwachs widersetzten, als es darum ging, die Einführung dieses »Bluttests« zu verhindern.

Martin Lohmann studierte Geschichte und katholische Theologie und arbeitet als ­Publizist. Seit 2009 ist er ehrenamtlich Bundesvorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht.

Martin Lohmann studierte Geschichte und katholische Theologie und arbeitet als ­Publizist. Seit 2009 ist er ehrenamtlich Bundesvorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht.

Seit Jahren verdunstet in unserer Gesellschaft an vielen entscheidenden Stellen das Bewusstsein für die Unantastbarkeit der Menschenwürde und die Heiligkeit eines jeden Lebens. Vielfach ist in Vergessenheit geraten, dass sich das unteilbare Lebensrecht keineswegs am Grad des Gesundheitszustandes bemisst, sondern vorgegeben und jedem Menschen geschenkt ist. Umso fataler und dramatischer sind alle Versuche, diese für eine wahre Humanität grundlegende Erkenntnis auszublenden oder gar zu leugnen. Insofern ist es äußerst gefährlich für uns alle, wenn – wie etwa mittels eines Bluttests – der Perfektion der Selektion des Lebens Tür und Tor geöffnet werden. Es wäre böse, über das Leben eines anderen entscheiden zu wollen und faktisch zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben zu unterscheiden.

Im Artikel 2 unseres Grundgesetzes steht: »Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.« Das darf nicht zur Hohlformel degradiert werden, sondern muss Maßstab der Verantwortung im Umgang mit jedem bereits existierenden menschlichen Leben sein und bleiben. Die Zulassung eines vermeintlich harmlosen Bluttests aber ist in höchstem Maß unverantwortlich und buchstäblich lebensgefährlich.
Das Lebensrecht ist längst nicht mehr geschützt und selbstverständlich. Es ist von der Diktatur des Relativismus massiv bedroht und verletzt. Am Lebensbeginn ebenso wie am Lebensende. Nach wie vor ist die häufigste Todesursache weltweit die Abtreibung, also die Tötung von bereits existierenden und wachsenden Menschen im Mutterleib. Und die Euthanasie von alten und – sagen wir es so, wie es sich die meisten noch nicht zu sagen trauen, es aber gleichwohl denken – teuren wie lästigen Menschen gewinnt erschreckenderweise wieder an Boden in den Köpfen vieler.

Es ist nicht nur für Christen, aber vor allem auch für sie, Zeit, aufzuwachen und ein Zeugnis für das Leben zu setzen! Es ist Zeit, endlich ganz wach zu sein! Eine humane Gesellschaft setzt das Lebensrecht voraus. Wir vom Bundesverband Lebensrecht (BVL) stellen daher in diesem Jahr das Lebensrecht behinderter Menschen in den Mittelpunkt unseres »Marsches für das Leben« (siehe Kasten – d. Red.). Wir erinnern an die Schutzpflicht des Staates gegenüber allen Menschen, ob behindert oder nicht. Wir warnen vor der teuflischen Falle, Leben sortieren und aussortieren zu wollen. Und wir sagen ganz klar und deutlich: Jeder Mensch ist gleich wertvoll, unabhängig von Eigenschaften und Umständen! Alles andere verrät unsere Humanität. Alles andere zerstört die Kultur des Lebens. Es kann und darf keine Alternative geben zum unbedingten Bekenntnis: Ja zum Leben!

Martin Lohmann

Down-Syndrom und »Marsch für das Leben«

Das Down-Syndrom oder Trisomie 21 (früher auch als Mongolismus) bezeichnet, ist ein Gendefekt, bei dem das 21. Chromosom drei- statt zweimal vorkommt. Er kann zu geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen unterschiedlicher Intensität führen. Eine sichere ­Diagnose kann nur durch eine gentechnische Untersuchung des Fruchtwassers erfolgen, dass dazu durch eine Punktion entnommen werden muss.

Beim neuen Bluttest, genannt »PraenaTest«, wird in einer Blutprobe der Mutter nach darin enthaltenen Bruchstücken der Gene des ­Kindes gesucht. Tauchen bestimmt Teile überdurchschnittlich oft auf, gilt dies als Hinweis auf einen entsprechenden Defekt. Die ­Trefferquote gilt als sehr hoch, muss aber durch eine Fruchtwasseruntersuchung bestätigt werden.

Der Bundesverband Lebensrecht ist ein überkonfessioneller ­Zusammenschluss verschiedener Aktion- und Initiativgruppen, die sich für den Schutz des Lebensrechts aller Menschen »von der Zeugung bis zum natürlichen Tod« einsetzen. Er ruft am 22. September zu einem »Marsch für das Leben« in Berlin auf. Start ist 13 Uhr vor dem Bundeskanzleramt. Das Motto: »Ja zum Leben – für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie! Keine Selektion von Menschen mit Behinderung!«

www.marsch-fuer-das-leben.de

Kriminalisierte Obdachlose

17. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Ungarn: Kirchen und zivilgesellschaftliche Bewegungen engagieren sich gegen Aufräumaktionen der Regierung

In Ungarn baut die rechtsnationale Regierung Schritt für Schritt die Grund- und Sozialrechte ab. Seit fast ­einem Jahr steht sogar die Obdachlosigkeit unter Strafe.

János Varga steht in der Mitte des großen Saals und schaut sich traurig um. Diese lange, triste Halle, auch »Beheizte Straße« genannt, bietet jedem ein Klappbett oder eine Bank zum Schlafen. Hier und dort gibt es Tische und Stühle und wenig Anderes. Es riecht nach Essen und Schweiß. »Vier Sozialarbeiter kümmern sich hier um Hunderte Menschen«, stellt der 27-jährige Mann fest. Er sieht genauso aus wie jeder Durchschnitts-Ungar in seinem Alter. Einziger Unterschied: Varga hat nie seine Eltern ­kennengelernt, er ist in einem Kinderheim im Nordosten des Landes aufgewachsen. »Mit 18 wird man rausgeschmissen und wird damit meistens obdachlos«, sagt der Junge. Bis 2009 konnte er sich mit Gelegenheitsjobs noch einigermaßen über Wasser halten. Doch dann kam die Wirtschaftskrise und nichts ging mehr.

Im Kinderheim aufgewachsen, auf der Straße gelandet: János Varga ist einer der regelmäßigen Gäste in der »Beheizten Straße«, die von Methodistenpfarrer Gábor Iványi und seiner Gemeinde in Budapest betrieben wird. Foto: Dagmar Gester

Im Kinderheim aufgewachsen, auf der Straße gelandet: János Varga ist einer der regelmäßigen Gäste in der »Beheizten Straße«, die von Methodistenpfarrer Gábor Iványi und seiner Gemeinde in Budapest betrieben wird. Foto: Dagmar Gester

Varga kam nach Budapest. »Natürlich zieht die Großstadt auch die Obdachlosen an. Ungarn ist ein armes Land, es gibt heute ungefähr zwei ­Millionen Leute hierzulande, die in Armut leben, und die Situation in der Provinz ist einfach hoffnungslos«, ­erklärt Pfarrer Gábor Iványi, dessen methodistische Kirchengemeinde die »Beheizte Straße« und eines der größten Obdachlosenheime in Ungarn betreibt. Über 1000 Menschen nehmen täglich das eine oder andere der Angebote des Zentrums in Anspruch: die Betten, die Duschen, das Krankenhaus, die soziale und psychologische Beratung oder die warme Mahlzeit, die jeden Tag in mehreren Schichten serviert wird.

»Wir versuchen nach wie vor, das Beste aus den vorhandenen Mitteln zu machen. Doch unser Geld wird immer knapper und wir haben ehrlich gesagt keine Ahnung, wie es weiter gehen soll«, beschwert sich Iványi. Der Pfarrer, der sich bereits in den 1970er Jahren für die Rechte der Sozialschwachen und gegen die Unterdrückung der Religionsfreiheit zu Zeiten des Staatssozialismus engagiert hat, gilt als eine der wichtigen Figuren der ­ungarischen Zivilgesellschaft. Heute zeigt er sich sehr kritisch gegenüber der Sozialpolitik von Ministerpräsident Viktor Orbán. »Unter dieser vermeintlich christlichen Regierung gilt Armut als Verbrechen. Die Armen ­gelten als Geldverschwendung und Orbán will sie um jeden Preis loswerden. Jeder, der sich um die Armen kümmert, gilt als politischer Gegner«, empört sich Iványi.

Der Pfarrer hat recht, denn Obdachlosigkeit ist in Ungarn mittlerweile illegal: Wer seit dem 1. Dezember 2011 öffentliche Plätze »sachfremd nutzt«, riskiert eine Geldstrafe von bis zu 500 Euro oder sogar Haft. »Die bisherige Regelung des Problems Obdachlosigkeit ist völlig gescheitert. ­Jeden Winter erfrieren immer mehr Obdachlose auf Stadtbänken, und die Bürger trauen sich nicht mehr, mit ihren Kindern durch Budapests Straßen spazieren zu gehen. Das ist kein Zustand«, zeigt sich Máté Kocsis empört. Der 30-jährige Bezirksbürgermeister mit eng geschnittenem Mantel und gegeltem Haar ist der Initiator des neuen Gesetzes. Er gilt als einer der ambitioniertesten aufsteigenden Sterne in der rechtspopulistischen ­Regierungspartei Fidesz.

Auch das Wühlen in Mülltonnen ist verboten

Der achte Bezirk, auch Józsefváros (Josefstadt) genannt, liegt in der Nähe des Ostbahnhofs und genießt spätestens seit der Wende den schlechten Ruf einer verarmten Problemgegend. Wegen der Jugendgangs, Drogensüchtigen und arbeitslosen Alkoholiker traue sich selbst die Polizei nicht mehr dorthin, so wird kolportiert. Doch seit seiner Wahl im Herbst 2010 will der junge Fidesz-Bürgermeister zeigen, dass er hier Ordnung schafft. Eine ­private Sicherheitsfirma arbeitet jetzt im Auftrag der Bezirksverwaltung. Die Jófiúk, zu Deutsch die »Guten Jungs«, patrouillieren in massiven schwarzen Geländewagen durch die Straßen.
Gut ein Viertel der fast 10000 Budapester Obdachlosen lebt laut offizieller Statistik in Józsefváros. »Das ist viel zu viel«, findet der Bürgermeister. »Die meisten hatten nie eine Wohnung hier, sondern in anderen Bezirken oder sogar in anderen Städten. Die sind hierhergekommen, weil andere Obdachlose schon hier lebten.« Vor einem Jahr verbot Kocsis das Wühlen in den Mülltonnen. »Seitdem müssen wir viel weniger Müll von den Straßen sammeln, die Einsatzzeit der Teams hat sich um die Hälfte verringert«, rühmt sich der Politiker.

Weit weg von der Innenstadt, am Rande seines Bezirks, eröffnete Bürgermeister Máté Kocsis im Dezember, vor den Kameras des Staatsfernsehens, das erste »Haus der Seele«. Hier wird zunächst 14 Obdachlosen »die Möglichkeit der Arbeit und der geistlichen Lehre« angeboten. Das Projekt ist Teil eines neuen Programms der ­Fidesz-Regierung: Jede Kommunalverwaltung soll »ihre« Obdachlosen dazu bewegen, von den Straßen in die neuen polizeilich bewachten Einrichtungen einzuziehen. Diese werden in Zusammenarbeit mit christlichen Hilfswerken organisiert, mit einer Gebets- und Arbeitspflicht. »Manch ein politisch motivierter Kritiker meint, es sei das Recht der Obdachlosen, zu entscheiden, ob sie draußen auf der Bank erfrieren oder in die für sie ­eingerichteten Wohnheime gehen. Meiner Meinung nach sind solche Menschen alles andere als Freunde der Obdachlosen«, stellt Bürgermeister Kocsis klar.

Doch nicht nur die meisten Obdachlosen, sondern auch viele andere Ungarn, vor allem Studenten und junge Akademiker, sehen das neue Modell skeptisch. Auf der Einweihung einer ähnlichen Einrichtung im ­neunten Bezirk wurden Ende 2011 Innenminister Sándor Pintér und Oberbürgermeister István Tarlós von einer laut protestierenden Gruppe Aktivisten empfangen. »Wir wollen den Wohlstandsstaat, keinen Polizeistaat«, stand auf ihren Transparenten.

Zurück in Józsefváros, unweit vom Blaha-Lujza-Platz, liegt der Hauptsitz der Polizeiabteilung für Ordnungswidrigkeiten. Seit Ende 2011 ist dieses Amt dafür zuständig, die »sachfremde Nutzung öffentlicher Plätze« zu protokollieren und die Obdachlosen mit Geldstrafen zu belegen. An einem Freitagnachmittag kurz nach 17 Uhr schlagen mehrere Dutzend Aktivisten an einer benachbarten Straßenkreuzung Zelte auf. Es regnet, die impro­visierten Transparente werden nass. Attila »Steve« Kopiás, frisch gewählter Pressesprecher der neuen Initiative »Unterkünfte statt Knast«, aber will gemeinsam mit seinen Kollegen die ganze Nacht auf der Straße ausharren. »Hier im achten Bezirk wollen wir zeigen, dass die Politik der Regierung und der Stadtverwaltung heuchlerisch und menschenverachtend ist«, ruft der junge Mann in ein Megafon.

Silviu Mihai

Geschichte einer großen Liebe

14. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Theaterstück »Editha my Love« in Magdeburg zu sehen

Sie wurde nur 36 Jahre alt und aus ihrem Leben ist wenig überliefert. Dennoch ist Editha, Tochter aus angelsächsischem Königshaus und erste Gemahlin Otto I., bis heute in Erinnerung geblieben: Als Frau von ausgesprochen gutem Ruf, die gewissenhaft ihre Pflichten als Erste Frau des ostfränkischen Königreiches erfüllte und ihrem Mann zwei Kinder gebar. Otto, vor die Wahl gestellt, sie oder ihre Schwester zu heiraten, entschied sich für Editha. Und er soll sehr getrauert haben, als sie am 26. Januar 946 unerwartet starb.

"Compagnie Magdeburg 09"

"Compagnie Magdeburg 09"

Wo es an gesicherten Überlieferungen fehlt, erhält die Phantasie Raum. Aus beidem webt die »Compagnie Magdeburg 09« ein Stück, welches ­unter dem Titel »Editha my Love« am 14. September in Magdeburg seine Uraufführung erlebt. Bernd Kurt Goetz (Regie gemeinsam mit Gisela Begrich) und Christoph Deckbar (Musik) entschieden sich, die Königin als eine selbstbewusste Frau darzustellen, »deren Mildtätigkeit Ausdruck einer Lebenshaltung ist«, die sie auch gegenüber ihrem Mann verteidigt. Mit dem Stück will »ich das überlieferte Bild von Editha bestätigen, nicht hinterfragen«, so Götz.
Edithas Geschichte erzählt die »Compagnie Magdeburg 09« mit einer Fülle von Szenen und eingebettet in die Geschichte der Zeit. Das Stück solle »auch die zwei Seiten Ottos« deutlich machen, so Gisela Begrich, den liebenden Mann und den König, der um Machterhalt und Machterweiterung kämpft.

Außer dem Königspaar treten auf: Ottos Parteigänger, Markgraf Gero, König Heinrich und Königin Mathilde, Ottos Halbbruder Thankmar und viele andere. Die Hauptrolle der Editha hat Franziska van der Heide (Berlin) übernommen, als junger Otto ist Thomas Streipert (Leipzig) zu sehen.
Die Compagnie will sich einklinken in die Geschichte der Ottonen und zugleich mit ihrem Stück unterhalten. Wie das gelingt, können Theaterfreunde ab 14. September in Magdeburg erleben.

Angela Stoye

Aufführungen am 14., 15., 28. und 29. September, 2., 3., 5., 6., 19., 20. 23. und 24. Oktober sowie am 16., 17., 20. und 21. November, immer um 19.30 Uhr im Kaiser-Otto-Saal des Kulturhistorischen Museums.

www.CMD-09.de

USA: Eine rechts-christliche Machtdemonstration

11. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Der Parteitag der US-amerikanischen Republikaner in Tampa ist gelaufen. Multimillionär Mitt Romney ist nun offiziell Herausforderer des demokratischen Präsidenten Barack Obama. Und die konservativen Politchristen haben ihren Einfluss demonstrativ zur Schau gestellt – obwohl Romney, ein Mormone, für viele nicht die erste Wahl gewesen sein dürfte.

Die mehr als 2000 Delegierten haben in Tampa ein Parteiprogramm beschlossen, mit dem Sprecher rechts-christlicher Verbände mehr als zufrieden sind. Kulturkampf um »traditionelle Familienwerte« wird groß geschrieben. Fraglich ist freilich, ob dieses von Kritikern als intolerant verurteilte Programm der Partei wirklich hilft. Und fraglich ist, ob sich die konservativen Christen damit nicht isolieren vom Gespräch mit einer zunehmend diversen und freizügigen Gesellschaft.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Die Partei sei grundsätzlich gegen Schwangerschaftsabbruch, heißt es in dem neuen Programm. Das »ungeborene Kind« habe ein »fundamentales individuelles Recht auf Leben«. Ausnahmen, etwa ein Ja zur Abtreibung nach einer Vergewaltigung, werden nicht gemacht. Das Nein zur gleichgeschlechtlichen Eheschließung wurde so klar formuliert, wie es eben geht.

Die Parteiversammlung forderte einen Zusatz zur US-Verfassung zum Verbot der Homoehe und kritisierte die sechs Bundesstaaten, in denen gleichgeschlechtliche Paare gegenwärtig heiraten dürfen. Präsident Obama wird vorgeworfen, er »führe Krieg« gegen Gläubige. Am deutlichsten sei das bei der Gesundheitsreform. Dieses Gesetzespaket schreibt vor, die Krankenversicherung für Angestellte religiöser Verbände müsse auch für Empfängnisverhütung zahlen. Das sei »gewaltsame Säkularisierung«, urteilte das Parteiprogramm.

Die Republikaner sprachen sich selbst für die »öffentliche Zurschaustellung« der biblischen Zehn Gebote aus. Diese brächten das »judeo-christliche Erbe« der Nation zum Ausdruck. Das ist in den USA ein komplexes Thema. Die Verfassung legt Wert auf die Trennung von Kirche und Staat. Das mit dem judeo-christlichen Erbe mag stimmen, doch demonstrative Glaubensdarbietungen erwecken auch den Eindruck, hier kämpfe jemand um Macht und Einfluss. Mit Verkündigung hat das nicht unbedingt zu tun.

Beim Kulturkampf stehen die konservativen Christen langfristig wohl aufseiten der Verlierer. Mehr als die Hälfte der US-Amerikaner spricht sich bei Umfragen für die Zulassung der Homoehe aus. Bei der Abtreibungsfrage sind die Amerikaner gespalten. Eine klare Mehrheit befürwortet aber die Zulassung nach einer Vergewaltigung oder wenn das Leben der schwangeren Frau in Gefahr wäre. Und in den USA wächst die Zahl der Anhänger nicht-christlicher Religionen und der Atheisten und Agnostiker.

Und vor allem junge Christen haben immer weniger Lust auf den altmodischen Kulturkampf. Habe Jesus doch ganz andere Themen betont; sich für die Armen ausgesprochen und den Reichtum verurteilt, zum Beispiel. In der Bibel steht, man solle die Fremden willkommen heisen. Das republikanische Parteiprogramm will »Illegale« zügig abschieben und Englisch zur offiziellen Sprache der USA machen.

Konrad Ege

Ausnahmen bestätigen die Regel

9. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Christine Lässig

Christine Lässig


Die Kleingartenidylle in Eisenach ist seit Juli gestört. Die eine Leiche mit Abschiedsbrief, die andere verscharrt, passen nicht ins Bild. Dabei hatte der Tatverdächtige die verwilderte Parzelle so vorbildlich in Ordnung gebracht und sich aktiv am Vereinsleben beteiligt! Die Gartennachbarn können es nicht fassen. Dass der Mörder der Gärtner ist, kommt zwar in Krimis immer mal wieder vor, gilt aber im richtigen Leben als sehr unwahrscheinlich, genauso, wie böse Menschen keine Lieder singen. Wer sich um einen Garten kümmert, ist ein friedlicher Zeitgenosse, der höchstens Nacktschnecken mordet. Und das auch noch mit schlechtem Gewissen.
Die Ausnahme bestätigt die Regel. »Blumen machen die Menschen fröhlicher, glücklicher und hilfsbereiter. Sie sind der Sonnenschein, die Nahrung und die Medizin für die Seele.« (Luther Burbank) Das ist eine grundlegende Erfahrung, auf der ein ganzer Berufszweig aufbaut. Gartentherapie heißt das neue interdisziplinäre Fachgebiet, das in der Arbeit mit Traumatisierten, Verwirrten, Süchtigen, Traurigen und Altgewordenen von Belang ist. Die magische Wirkung von Grün wird professionell eingesetzt, um nicht nur den Leib zu stärken, sondern auch die Seele zu heilen. Gärten helfen leben. Man muss gar nicht krank sein, um das zu bestätigen.

»Wer mit Liebe im Garten arbeitet, muss ein guter Mensch sein.«
Eva Ibbotson

Um den Kopf frei zu bekommen, kann man joggen, Musik hören, Bilder anschauen, lesen, stupide Hausarbeit machen, mit Freunden reden, gut essen – oder in den Garten gehen. Jeder nach seinem Geschmack und seinen Möglichkeiten. Ich bin für alles und mehr (außer joggen), aber der Garten zählt zu den Favoriten. Er bringt mich auf gute Gedanken, beruhigt die Nerven, steigert mein Wohlbefinden und macht mir Freude. Dasitzen und den Pflanzen beim Wachsen zuschauen, ist einfach schön. Und sie dabei tatkräftig zu unterstützen auch – selbst wenn es Mühe und Arbeit kostet. Manchmal allerdings scheint es Seelenzustände zu geben, die sich durch Gartenarbeit nicht beheben lassen. Und dann wird auch ein Gärtner zum Mörder.

Christine Lässig

Die Gesichter unserer Heimat

8. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Tag des offenen Denkmals: Interview über architektonische Besonderheiten an Fachwerkhäusern in Mitteldeutschland


Häuser und Städte in Mitteldeutschland können architektonisch unterschiedliche Prägungen haben. Was typisch für bestimmte Regionen ist, erörtert Bauforscher Frank Högg im Gespräch mit Sabine Kuschel.

Herr Högg, wenn wir etwa von Thüringen nach Sachsen-Anhalt fahren, begegnen uns charakteristische Baustile. Was sind die Besonderheiten beispielsweise von Schmalkalden und Quedlinburg?
Högg: Bei den beiden Orten denke ich vor allem an die prägenden Fachwerkbauten. Typisch für Thüringer Fachwerk ist z. B. die sogenannte »Thüringer Leiter«, eine Anordnung von kleinen senkrechten Stielen im Abstand von 30 bis 40 Zentimetern unter den Fensterbrüstungen. Das sieht tatsächlich aus wie eine waagerecht angeordnete Leiter – sie ist ein beliebtes Schmuckelement, typisch für Thüringen, tritt aber auch in anderen Hauslandschaften auf. Nördlich des Harzes zum Beispiel gibt es auch Fachwerkhäuser mit Leiterfachwerk.

Frank Högg beschäftigt sich als ­Bauforscher unter anderem mit Fachwerkgebäuden. – Foto: privat

Frank Högg beschäftigt sich als ­Bauforscher unter anderem mit Fachwerkgebäuden. – Foto: privat

In anderen Regionen sind unter den Fenstern Kreuzstreben vorherrschend, die Andreas-Kreuze. Das sind diagonal aufgestellte Kreuze, die unterschiedliche Formen haben können. Charakteristisch für die Gegend um Schmalkalden ist ein besonders reiches Fachwerk mit vielen krummen Hölzern, die verzierend angeordnet sind.
Wiederum in anderen Gegenden Thüringens fehlen am Außenbau durch Schnitzereien verzierte Hölzer fast gänzlich. Dafür ist das Haus im Inneren ganz besonders prächtig geschmückt. Dass Innenräume, insbesondere die »guten Stuben« in den Häusern ganz aus Holz konstruiert wurden, ist ein Phänomen, das in Thüringen sehr weit verbreitet war. Man spricht von sogenannten Holzstuben. Ihre Balkendecken und Wände sind ganz aus Holz gezimmert und manche ihrer Balken wurden prächtig verziert. Ihre Bauweise ist nebenbei gesagt unter modernen Aspekten außerordentlich energieeffizient durch den Verbund von Holz und Lehm.
Zum Quedlinburger Regionalstil gehört zum Beispiel der »Pyramidenbalkenkopf«, ein Ornament am Ende des Balkens in Form einer Pyramide. Diesen Diamantbalkenkopf gab es um 1600 in Quedlinburg das erste Mal. Er ist dann sehr beliebt geworden und wurde von vielen Zimmerern übernommen. Bis etwa 1750 war es das überwiegende Schmuckmotiv für Balkenköpfe, bis auf einige wenige benachbarte Orte nur in Quedlinburg.

Auch der Harz hat seine typische Prägung.
Högg: Stolberg zum Beispiel ist eine Stadt, mitten im Harz gelegen, die sowohl von Thüringen als auch von Südostniedersachsen beeinflusstes Fachwerk hat. In Stolberg gibt es eine große Anzahl von Fachwerkhäusern, die noch aus dem Mittelalter stammen. Sie haben ganz thüringische Konstruktionen, zum Beispiel die bereits genannten Bohlenstuben. Daneben sind in Stolberg Gebäude zu sehen wie sie im südlichen Niedersachsen, in Hildesheim und Braunschweig, üblich waren, das sogenannte »niedersächsische Fachwerk«. Es hat eine sehr reiche Ornamentik mit Kreuzstreben und verzierten Balkenköpfen. Zwischen 1530 und 1540 ist diese Bauweise eingedrungen in den Harz. In Stolberg kulminiert sie.

Wie und wann ist dieses differenzierte Bild entstanden, das wir heute kennen, mit unterschiedlichen Ausprägungen?
Högg: Im Mittelalter gab es noch nicht so viele verschiedene typische Hauslandschaften. Nach heutiger baugeschichtlicher Vorstellung war im 13. und 14. Jahrhundert noch in ganz Deutschland die Fachwerkbauweise ähnlich schmucklos und schlicht. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Stadtbürger als Bauherren noch nicht so reich waren wie im 16. Jahrhundert. In der Zeit der Renaissance, die wegen ihrer vielen holzbautechnischen Innovationen auch das »hölzerne Jahrhundert« bezeichnet werden könnte, entstanden besonders viele der reich und malerisch verzierten Fachwerkhäuser.
Modische Entwicklungen wurden u. a. über den Holztransport weitergegeben. Es ist nachweisbar, dass in Magdeburg am mittleren Lauf der Elbe über den Floßhandel importiertes Holz aus dem Thüringer Wald verbaut worden ist. Ein Fichten- oder Tannenholzfloß war monatelang unterwegs vom Thüringer Wald bis nach Magdeburg. Mit ihm wurden neben dem unverzichtbaren Holz auch andere Handelsgüter und kulturelle Einflüsse transportiert.

Wahrscheinlich nahmen auch die Handwerker in der Zeit ihrer Wanderschaft fremde Einflüsse auf, die dann in ihre Arbeit einflossen und einer Region ein individuelles Gesicht gaben?
Högg: Jeder traditionell ausgebildete Zimmermann beherrschte sein Repertoire und seinen eigenen Stil perfekt. Anders als beim heutigen Hausbau, wo zunächst ein Architekt den Entwurf zeichnet, hat der Bauherr dem Zimmermann früher gesagt: »Bau mir bitte ein Haus, das soll zwölf Gebinde lang, ein bisschen größer als das vom Nachbarn und ansehnlich sein.« Der heute so bewunderte Zierrat der Gebäude ist höchstwahrscheinlich nicht gesondert bezahlt worden, sondern war das persönliche Aushängeschild jedes einzelnen Meisters. Dort sind sicherlich Einflüsse ästhetischer und konstruktiver Art zutage getreten, die der Meister einmal in seiner eigenen Lehrzeit aufgenommen hatte.

Herr Högg, Sie sind Bauforscher – womit beschäftigen Sie sich in diesem Beruf?
Högg: Ich beschäftige mich z. B. intensiv mit den Konstruktions- und Ornamentformen von Fachwerkgebäuden, das nennt sich Gefügekunde und hat auch viel mit Kunstgeschichte, meinem ursprünglichen Fachgebiet, zu tun. Ich werde oft dann beauftragt und hinzugezogen, wenn alte Gebäude saniert werden. Bei der Restaurierung von Fachwerkgebäuden kommt es vor allem auf eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit an. Der Statiker prüft die Stabilität und macht Vorgaben. Der Denkmalpfleger sagt, was als geschichtlich bedeutend erhalten werden muss, damit eine Baugenehmigung erteilt werden kann. Der Bauforscher versucht, eine Brücke zwischen den Konstrukteuren und den Behörden zu schlagen. Er kann den bauhistorisch wertvollsten Bestand erkennen aber auch, wie stark das Gebäude im Lauf seiner Geschichte umgebaut und überformt worden ist. Ich versuche den Architekten und Baufirmen die Augen zu öffnen darüber, wo sie ohne Gefahr für die historisch wertvolle Substanz in den Bau eingreifen, reparieren und modernisieren können. Den Sinn der modernen Denkmalpflege zu erklären und sie praktikabel zu gestalten, ist ein Hauptanliegen der historischen Bauforschung. Aber es geht auch um Fragen, wer hat wann in dem Haus gewohnt? Das ist sehr interessant, weil sich mitunter durch die Bewohner der Häuser ein ganz buntes Bild von der historischen sozialen Topografie in einer Stadt erschließt. Ich sitze mitunter im Archiv und recherchiere zu einem alten Gebäude alte Baurechnungen, Heiratsregister oder Steuerlisten.

Sehr interessant!
Högg: Ja, die historische Erforschung von alten Häusern und Holzbauten, Zimmermannskonstruktionen oder Gemäuern hat für mich in den 15 Jahren, seitdem ich mich damit beschäftige, nichts von seiner Faszination verloren.

»Holz ist Zukunft, nicht nur Nostalgie«

8. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Interview: Was ein Historiker zu Geschichte und Zukunft eines Naturproduktes sagt


Holz steht im Mittelpunkt des diesjährigen »Tages des offenen Denkmals«. Der Historiker Joachim Radkau hat eine Kulturgeschichte des Holzes geschrieben. Doch Holz ist für ihn nicht nur ein Rohstoff der Vergangenheit. Harald Krille sprach mit ihm.

Herr Prof. Radkau, angesichts der Allgegenwart von Stahl, Beton und Kunststoffen kann man sich kaum vorstellen, dass Holz einmal ein wichtiger Träger der Entwicklung war?
Radkau: Werner Sombart, einer der Gründerväter der Sozialwissenschaften, hat sogar die gesamte Zeit bis zur industriellen Revolution als »hölzernes Zeitalter« charakterisiert. Nicht nur in einem äußeren Sinne, dass Holz eben der allerwichtigste Bau-, Brenn- und Werkstoff war. Sondern auch in einem übertragenen Sinne, dass es ein organisches Zeitalter gewesen sei, das innerlich mit dem Wachstum und auch den Grenzen des Wachstums der Natur verbunden gewesen ist. Man sollte allerdings auch hinzusetzen: Diese klassische Moderne, mit ihrer Orientierung auf Stahl und Beton, hat in den letzten Jahrzehnten einen kräftigen Knick bekommen. Und insofern hat das Holz wieder Zukunft. Es klingst vielleicht makaber, aber das Attentat auf die Twin-Towers in New York hat nebenbei auch übertriebene Vorstellungen von der Stabilität des Stahlbetons ramponiert.

Joachim Radkau ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. – Foto: privat

Joachim Radkau ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. – Foto: privat

Aber hat die Tatsache, dass Holz lange Zeit wichtigster Energieträger und Werkstoff war nicht auch zum berüchtigten Raubbau in den Wäldern geführt?
Radkau: Das ist das Bild, dass in den üblichen Forstgeschichten bis vor einiger Zeit auch in Deutschland gezeichnet wurde: Bis ins 18. Jahrhundert das Zeitalter der Raubwirtschaft, die Bauern und Hüttenherren haben in ihrer Blindheit alles abgeholzt. Und dann kommt der glorreiche Siegeszug der modernen Forstwirtschaft, der Forstwissenschaft, der nachhaltigen Waldwirtschaft. Ich bin aufgrund meiner Forschungen da vorsichtiger. Es hat zweifellos Raubbau gegeben. Aber auch die Menschen in vormoderner Zeit sind nicht allesamt verrückt gewesen. Elinor Ostrom, die vor Kurzem verstorbene Wirtschaftsnobelpreisträgerin, hat den Nobelpreis 2009 bekommen für ihre Entdeckung, dass auch die alten Waldgemeinschaften der Dörfer durchaus fähig waren, nachhaltige Waldwirtschaft zu betreiben. Und zudem: Auch mit dem Siegeszug der nachhaltigen Waldwirtschaft seit 18. Jahrhundert ist es so eine Sache – noch nie in der Weltgeschichte wurde so viel Wald abgeholzt, wie in den letzten beiden Jahrhunderten.

Welche Rolle haben nach ihrem Eindruck früher die Kirchen und Klöster als oft große Waldbesitzer gespielt?
Radkau: Also insgesamt ist mein Eindruck, dass gerade die Klöster im Großen und Ganzen relativ vernünftig gewirtschaftet haben. Schulbücher bringen zwar gern die mittelalterliche Darstellung eines Mönches, der einen Baum fällt. Und natürlich haben die Mönche auch Bäume gefällt. Aber insgesamt scheint mir der Klerus doch relativ vernünftig mit dem Wald umgegangen zu sein.
Im Übrigen habe ich bei meinen Untersuchungen auch herausgefunden, dass es einen offenkundigen Zusammenhang zwischen ökonomischem Erfolg und einem Mindestmaß von ökologischem Bewusstsein gibt. Das herkömmliche Geschichtsbild, die Industrialisierung sei auf Grund einer katastrophalen Holzverknappungskrise erfolgt, halte ich deshalb für grundfalsch. Gerade weil Europa und auch die USA relativ holzreich waren, haben sie Erfolg gehabt. Das Gleiche gilt übrigens auch für Japan. Ich finde es deshalb ganz wichtig, Holz mehr mit Zukunft zu verbinden, nicht nur mit Nostalgie, Tradition und Freilichtmuseen.

Kann man heute schon von einer Renaissance des Holzes sprechen?
Radkau: Ja, ganz eindeutig. Schon die Ökowelle seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts hat zu einer neuen Liebe zum Holz geführt – auch als Gegensatz zur klassischen Moderne, die ja sehr stark dem Beton und Stahlbeton verhaftet war. Allerdings wohnen da bis heute zwei Seelen in der Brust der Ökos: Auf der einen Seite möchte man gern möglichst viel naturhaftes Holz um sich herum haben. Auf der anderen Seite tut es einem auch in der Seele weh, wenn man sieht, wie mit der Motorsäge im Wald die Bäume gefällt werden. Da gibt es bis heute so eine innere Gespaltenheit der Ökobewegung. Auf der anderen Seite hat man in den letzten Jahren die schon erwähnte Überschätzung der Haltbarkeit von Stahl und Beton erkannt und demgegenüber manchen technologischen Vorteil des Holzes entdeckt. Dadurch ist allerdings auch der Druck auf die Wälder deutlich gestiegen.

Man hört in diesem Zusammenhang ja auch von Vorstellungen der »industriellen« Holzproduktion …
Radkau: Ich habe im vorigen Sommer auf der »Ligna«, der weltgrößten Holzmesse in Hannover, einen Vortrag gehalten und war schon etwas erschrocken über diesen überdimensionalen Maschinenpark: von riesigen Harvestern – also »Holzvollerntemaschinen« – bis zu Massen von Maschinen zur Hackschnitzel- und Holzpelletgewinnung. Ich fürchte, das kann nicht gut gehen. Wälder und Waldnutzung haben ihre Grenzen, die wir respektieren müssen. Die »Grenzen des Wachstums« waren und sind im Wald immer sehr konkret, wo »Wachstum« noch seine ursprüngliche organische Bedeutung besitzt.

Was würden Sie denn aus Ihrer Sicht sagen, wie ein vernünftiger Umgang mit der Ressource Holz aussehen kann?
Radkau: Da kann man wohl nur allgemeinen Regeln aufstellen. Es geht vor allem um regional angepasste Lösungen. Im Schwarzwald gibt es diese Mustergemeinde Schönau, die alles mit Holz und anderen erneuerbaren Energien macht. Aber Schönau im Schwarzwald ist eben nicht Leipzig oder Halle. Die Zukunft, denke ich, liegt in regionalen Bündnissen, »Clustern«, von der regionalen Waldwirtschaft über verschiedenen Stufen der Verarbeitung bis hin zu den Baubetrieben und Möbelmärkten.


Das Buch zum Thema:

Gerade ist von Joachim Radkau in erweiterter Neuauflage sein Grundlagenwerk »Holz« erschienen. Darin werden die wechselvollen Beziehungen zwischen dem Naturstoff Holz und seinem Nutznießer Mensch von den Anfängen bei den Jägern uns Sammlern der Steinzeit bis zur gegenwärtigen globalisierten Welt untersucht.

Radkau, Joachim: Holz. Wie ein Naturstoff Geschichte schreibt, oekom verlag, 352 Seiten mit zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-86581-321-3, 22,95 Euro

Der »Tag des offenen Denkmals«:
Am »Tag des offenen Denkmals«, dem zweiten Sonntag im September, öffnen Tausende von historischen Gebäuden, Garten- und Parkanlagen ihre Pforten für Besucher. Kirchen, Klöster, Burgen und Schlösser können ebenso besichtigt werden wie archäologische Ausgrabungen oder technische Denkmäler, von denen viele nur an diesem Tag zugänglich sind. In diesem Jahr widmen sich mehr als die Hälfte der rund 7500 Veranstaltungen dem Schwerpunktthema »Holz«.

www.tag-des-offenen-denkmals.de

Ein machtbewusster Herrscher

5. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Ausstellung: »Otto der Große und das Römische Reich« zeigt 1000 Jahre Geschichte


Magdeburg lädt zum dritten Mal zu einer großen Ausstellung über den Sachsenkönig ein, der Grundlagen für das Europa von heute schuf.

Die Schatzkammer ist geöffnet. In der Landesausstellung »Otto der Große und das Römische Reich. Kaisertum von der Antike zum Mittelalter« im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg dokumentieren 350 wertvolle Originale 1000 Jahre europäische Geschichte. Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt lädt damit zum dritten Mal zu einer großen Ausstellung über den Sachsenkönig ein, der sich in Rom vom Papst zum Kaiser krönen ließ. Er schuf Grundlagen für das Europa von heute. Magdeburg brachte er einst als Morgengabe seiner ersten Frau Editha dar; hier gründete er 968 ein Erzbistum. Und hier im Dom ist er, ebenso wie seine Gemahlin, begraben. Folgerichtig wurde die Ausstellung am 26. August mit einem Festakt im Dom eröffnet.

Landesbischöfin Ilse Junkermann begrüßte die Gäste und würdigte Otto den I. als Begründer des modernen Europa. Er habe große Macht errungen und diese vermehrt. Aber er sei sich auch der Grenzen seiner Macht bewusst gewesen und ruhe nun in Demut zu Füßen des Altars. Kaiser Otto solle uns dazu anhalten, »heute bewusst über die Grenzen unseres Handelns nachzudenken und Grenzen als Hilfen anzuerkennen«, mahnte sie. Und Gerhard Feige, Bischof des Bistums Magdeburg, blickte in seinem Grußwort zurück auf die Rolle der Kirche. Sie habe bereits im Römischen Reich zum Erhalt der Macht beigetragen und verlor so einen beträchtlichen Teil ihrer Freiheit. »Alle religiösen Streitigkeiten hatten zugleich politische Dimension«, stellte er fest.

Mit dem Kaisertum sei ein universeller Herrschaftsanspruch verbunden; die Ausstellung führe zu den historischen Wurzeln dieser Idee, stellte ihr Schirmherr, Bundestagspräsident Norbert Lammert, fest. Die Pflege historischer Zusammenhänge sei eine staatliche Aufgabe, begründete er, dass er gern die Schirmherrschaft übernommen habe.

Wer angesichts der Büsten, Reliefs, Schmuckstücke, Münzen von 138 Leihgebern aus 17 Ländern in ganz Europa die Zusammenhänge zwischen dem römischen Kaisertum und Ottos Herrschaftsanspruch erfassen möchte, muss vor allem eines mitbringen: Zeit.

Intensives Betrachten haben die Exponate verdient. Wertvolle Goldschmiedearbeiten, feine Elfenbeinschnitzereien, prächtige Bücher, kunstvolle Steinmetzarbeiten und beeindruckende Textilien sind versammelt. Die 2005 auf dem Palatin gefundenen Insignien des Kaisers Maxentius – die einzigen erhaltenen römischen Insignien – sind erstmals in Deutschland zu sehen und auch nicht während der gesamten Ausstellungszeit, da ein Teil im Oktober nach Mailand geht. Die bereits in der ersten Otto-Schau 2001 zu bewundernde Heiratsurkunde der byzantinischen Prinzessin Theophanu, die Ottos Schwiegertochter wurde, gehört erneut zu den Höhepunkten der Ausstellung. Die Eheschließung bescherte Otto I. die ersehnte Anerkennung durch Byzanz. Mit dem Chludow-Psalter aus dem Staatlichen Historischen Museum Moskau ist eine der ältesten byzantinischen Handschriften vertreten. Zu den Leihgebern gehören die Vatikanischen Museen und die Kapitolinischen Museen in Rom, die französische Nationalbibliothek in Paris und das Kunsthistorische Museum Wien.

In fünf Abschnitten zeichnet die Ausstellung chronologisch 1000 Jahre Kaisertum nach, von Augustus über Konstantin und das christliche Kaisertum zu Byzanz, wo das Kaisertum kontinuierlich bis ins 15. Jahrhundert fortbestand. Karl der Große knüpfte im 9. Jahrhundert bereits bewusst an die antiken Vorbilder an. Nach seinem Tod erlosch das Kaisertum nördlich der Alpen infolge der Reichsteilungen durch Erbschaft, bis es 962 mit der Krönung Ottos in Rom für 900 Jahre etabliert wurde. Wer all das anhand der Exponate nachverfolgen möchte, ist mit einem Audioguide am besten unterwegs.

Renate Wähnelt

Ausstellung bis 9. Dezember im Kulturhistorischen Museum Magdeburg, Otto-von-Guericke-Straße 68–73
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr
Eintrittspreise: 12 Euro, ermäßigt 9 Euro; Gruppen ab 12 Personen 9 Euro pro Person
Rahmenprogramm mit Vorträgen, Langen Nächten, Führungen; Museumspädagogische Angebote; Kinderbetreuung
Domgemeinde: spezielle Führungen im Dom, Buchung unter Telefon (0391) 5432414 und am Kartentisch im Dom
Korrespondenzausstellungen zu Otto dem Großen in Wallhausen, Halberstadt, Merseburg, Memleben, Quedlinburg, Tilleda und Gernrode bis zum 9. Dezember
Kultur-Ticket-Spezial der Deutschen Bahn (www.bahn.de/kultur)

www.otto2012.de

»Es ordnet sich« – wirklich?

4. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Norwegen: Anders Behring Breivik ist kein kranker Mensch, sondern ein politisch motivierter Gewalttäter

Mit dem Schuldspruch des Gerichts wurde am 24. August der Prozess gegen den Massenmörder von Oslo und Utøya beendet. Doch abgeschlossen ist das nationale Trauma damit noch nicht.

Det ordnar seg« – »Es ordnet sich«. Diese Haltung trägt zum relativ entspannten Lebensgefühl der Norweger bei. Es begünstigt aber auch einen gewissen Schlendrian. Jedes Jahr im Sommer versinkt das Land in eine Art Sommerschlaf, wenn zuerst die eine Hälfte der Einwohner und dann die andere Hälfte Ferien machen. Innerhalb der achtwöchigen Schulferien wenigstens drei Wochen Urlaub machen zu dürfen, ist ein gesetzlich verbrieftes Recht. Es gilt für alle: Politiker, Pfarrer und auch die Polizei.

Uneinsichtig, verbohrt, provozierend: Anders Behring Breivik am Tage der Urteilsverkündung durch das Osloer Gericht. Foto: picture alliance

Uneinsichtig, verbohrt, provozierend: Anders Behring Breivik am Tage der Urteilsverkündung durch das Osloer Gericht. Foto: picture alliance

Deshalb war am 22. Juli 2011 auch im ganzen Land kein Polizeihubschrauber einsatzbereit und die Hälfte der Polizisten und der Regierung im Urlaub. Dies und die Haltung, dass schon nichts passieren wird, haben die Anschläge von Anders Behring Breivik überhaupt erst möglich gemacht. Zehn Jahre wurde diskutiert, die Straße in Oslo, in der Breivik den Transporter explodieren ließ, für den Verkehr zu sperren. Einen Monat nach der verheerenden Bombenexplosion sollte sie gesperrt werden.

Der Notruf nach der Explosion wurde erst einmal abgelegt, bevor er bearbeitet wurde. Verschiedene Polizeieinheiten konnten durch die Einführung des digitalen Polizeifunks nicht aktiviert werden und nicht miteinander kommunizieren. Durch diesen und andere Fehler dauerte es viel zu lange, bis der Terrorist, wie er nun meist in den Medien genannt wird, gestoppt werden konnte. Zu viele starben auf Utøya.
Dies bestätigt ein Bericht, der im Auftrag der Regierung am 13. August vorgelegt wurde. Es wurde dem Terroristen zu leicht gemacht. Trotzdem hat sich wenig verändert: Auch diesen Sommer war kein Polizeihelikopter einsatzbereit und auch dieses Jahr hätte es nicht genügend Personal gegeben, um in einer Krisensituation Polizeikontrollen an den Grenzen durchzuführen.

Doch Norwegen ist weiter ein offenes Land und vieles wird leichter und unbekümmerter gesehen als in Deutschland. Denn bei einem Wohlfahrtsstaat, einer Arbeitslosenquote von unter drei Prozent und einer wachsenden Bevölkerung gibt es kaum Grund für Zukunfts- oder Existenzängste. Vielleicht ist man manchmal dadurch aber auch zu sorglos und unbekümmert.

Die Taten des 22. Juli waren nicht die eines »armen Irren«. Sie waren ­politisch motivierte Gewalt eines ideologisch verblendeten Egomanen. Anders Behring Breivik wurde zur höchsten Strafe verurteilt: 21 Jahre Gefängnis und anschließende Sicherungsverwahrung. Eine höhere Strafe kennt Norwegen nicht. Der Unterschied von Sicherungsverwahrung und einer Gefängnisstrafe ist, dass die Verwahrung auch über 2032 hinaus verlängert werden kann, wenn er dann immer noch als gefährlich angesehen wird.

Sowohl die Angehörigen der Opfer als auch der Terrorist selbst wollten ­einen Schuldspruch. Für jeden der ­Toten wurde er einzeln verurteilt und will dagegen auch keine Berufung einlegen. Die Staatsanwaltschaft, die ihn gern als unzurechnungsfähig eingestuft hätte, hat noch bis zum 7. September die Möglichkeit dazu.

Was nun ansteht ist die Auseinandersetzung mit den Taten. Dieser wird man sich hoffentlich stellen und sich nicht darauf verlassen: »Es ordnet sich«. Es ist eben nicht die Tat eines ­Irren, sondern politisch motivierte Gewalt im sicheren und entspannten Norwegen. Die Konsequenz sollte nicht mehr Überwachung sein, sondern vielleicht nur etwas weniger ­Bequemlichkeit: Vielleicht brauchen wir dann mehr Polizisten auf den ­Wachen – auch in der Urlaubszeit?

Und vielleicht sollten wir uns als Christen mit seiner Ideologie auseinandersetzen? Viele seiner Ideen sind weiter verbreitet als man erwarten sollte. Wie können wir mit der Angst vor der Islamisierung Europas umgehen? Welches Bild zeichnen wir von Einwanderern? Radikalisieren sich Muslime gerade nicht dann, wenn sie sich mit ihrer Identität in der Gesellschaft nicht akzeptiert fühlen?
Das Wichtigste ist jedoch, die Tat nach dem Urteil nicht auf sich beruhen zu lassen. Viele mussten wegen einer Ideologie sterben. Das wird sich niemals ordnen. Ich für meinen Teil meine zumindest, dass die Norwe­gische Kirche mehr Kirche, mehr ­Gemeinschaft der Glaubenden und weniger norwegisch werden sollte.

Michael Hoffmann

Partnerwahl in biblischen Zeiten

4. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Wie die Paare der Heiligen Schrift zueinanderfanden – Kennenlern-Geschichten

Wie lernten sich eigentlich Menschen kennen, als es weder Facebook und andere internette Flirt-Portale gab? Zum Beispiel: Wie im Traum oder am Brunnen vor dem Tore.

Die erste Kennenlerngeschichte der Bibel (und nach biblischer Sicht: der Welt) geschah im Schlaf. Gott hatte Adam erschaffen und in den Garten Eden »gesetzt« – und merkte, dass dieses männliche Geschöpf ziemlich einsam war. Er wollte ihm eine »Gehilfin machen, die um ihn sei«. Gott versetzte Adam in einen tiefen Schlaf, entnahm ihm eine Rippe und formte daraus eine Frau. Als Adam aus der göttlichen Narkose ­erwachte, stand Eva vor ihm – ein gleichsam traumhaftes Kennenlernen und für die ersten Menschen ohne Qual der Wahl. Obwohl beide nackt waren, schämten sie sich nicht. Ein Zeichen unschuldigen Beisammenseins. Aus dem später, nach diversen dramatischen Geschehnissen, eine tragfähige Lebensgemeinschaft mit drei Söhnen entstand. (1. Mose 2,7-25)

Lovestory im Alten Testament: Der Stammvater Jabob begegnet Rahel und verliebt sich in die Tochter seines Onkels -  doch erst sieben Jahre später kann er sie heiraten. Ein Gemälde des vom Stil der Nazarener beeinflussten österreichischen Malers Joseph Ritter von Führich.

Lovestory im Alten Testament: Der Stammvater Jabob begegnet Rahel und verliebt sich in die Tochter seines Onkels - doch erst sieben Jahre später kann er sie heiraten. Ein Gemälde des vom Stil der Nazarener beeinflussten österreichischen Malers Joseph Ritter von Führich.

Ein Brunnen diente als Hintergrund für eine ergreifende Kennenlern-Szene. Stammvater Jakob ruhte auf einer Reise zu seinem Onkel Laban, der im fernen Mesopotamien lebte, an einem Brunnen aus. In der Ferne sieht er eine Schafhirtin kommen, »schön von Gestalt und von ­Angesicht«. Ganz Gentleman, wälzt Jakob für sie den Stein vom Brunnenloch, damit die Tiere zu trinken bekommen. Dann küsst er die Frau
und beginnt zu weinen. Es sind ­Freudentränen. Denn die Hirtin ist Rahel, seine Cousine. Doch in die ­verwandtschaftliche Zuneigung mischen sich andere Gefühle. Sieben Jahre später heiraten Jakob und Rahel. (1. Mose 29)

Von gleichberechtigter Partnerwahl oder gar von Liebesheirat ist wenig die Rede in biblischen Zeiten. Vor Vermählungen wurden die Beteiligten nicht gefragt, in höheren Kreisen wurden Ehen auch aus politischen Gründen geschlossen. Umso mehr erstaunt eine Episode im Leben des damals noch raubeinigen Heerführers David. Der sollte eigentlich Merab, eine Tochter König Sauls, heiraten. Als diese dann doch einem anderen versprochen wurde, meldete sich deren Schwester Michal. Sie »hatte David lieb«, heißt es. Die beiden werden ein Paar – allerdings nur auf Zeit.  (1. Samuel 18,17-30)

Waren es Liebe oder Triebe auf den ersten Blick, die König David für Batseba entflammen ließen? Vom Dach seines Königspalastes aus sah er eine hübsche Frau im Bade. Er ließ nachforschen und erfuhr, dass es Batseba war, eine verheiratete Soldatenfrau. Der König »ließ sie holen« – und nun beginnen in den Köpfen von Bibellesern Fantasien, ebenso in denen von Literaten und Filmemachern: Ist Batseba dem Charme und der Macht Davids erlegen? Oder nahm der König sie mit Gewalt? Das Kennenlernen hatte jedenfalls Folgen: Batseba wur­de schwanger. Ihr erstes Kind starb, das zweite, Salomo, wurde Thronfolger. (2. Samuel 11f.)

Der persische König Ahasveros, soeben verlassen von seiner allzu emanzipierten Gattin Waschti, suchte eine neue First Lady. »Alle schönen Jungfrauen« der Länder seines Königreiches ließ er in sein Schloss bringen. Bevor sie dem König präsentiert wurden, machten sie eine Art Schönheitsparcours durch, wurden »sechs Monate mit Balsam und Myrrhe und sechs Monate mit kostbarer Spezerei« gepflegt. Solcherweise präpariert, durften sie für eine Probenacht zum König. Dieses Kennenlernen würde heute vermutlich als »Jungfrauen-Casting« im Fernsehen übertragen. Die jüdischstämmige Jungfrau Ester gewinnt das Casting – Ahasveros »gewann Ester lieber als alle Frauen«. Bald darauf war Ester Königin. (Ester 2,1-18)

Gänzlich frei von romantischen Vorstellungen war die Partnerinnenwahl des Propheten Hosea. Er bekam von Gott den Auftrag, sich ein »Hurenweib« zur Frau zu nehmen, mit dem er »Hurenkinder« zeugen sollte. Wem beim Kennenlernen der beiden Assoziationen an den Film »Pretty Woman« kommen, liegt sicherlich falsch. Hosea ging und nahm sich eine ­Prostituierte namens Gomer. Aus der Beziehung gingen drei Kinder hervor. Die seltsame Familie sollte ein Zeichen sein dafür, dass Israel mit fremden Göttern »hurte«. Dass Gott eigentlich andere Vorstellungen einer liebevollen und leidenschaftlichen Beziehung hat, wird später deutlich. Wenn Israel seinem Gott wieder treu ist, will er sich »verloben für alle Ewigkeit, ich will mich mit dir verloben in Gerechtigkeit und Recht, in Gnade und Barmherzigkeit«. (Hosea 1,1-9, 2, 21)

Uwe Birnstein