»Den 89ern ein Gesicht geben«

31. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Katrin Göring-Eckardt will die Grünen in die nächste Bundestagswahl führen

Sie hat eines der höchsten Ämter innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Nun hat sie ihre Ambitionen auf einen Platz im Team der Spitzenkandidaten ihrer Partei für die nächste Bundestagswahl angemeldet. Dazu vier Fragen an die Präses der EKD-Synode und Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt:

Katrin Göring-Eckardt. Foto: Harald Krille

Katrin Göring-Eckardt. Foto: Harald Krille

Sie haben Ihre Bereitschaft zur Spitzenkandidatur für den Bundestagswahlkampf Ihrer Partei angekündigt. Was sind Ihre Vorstellungen, die Sie in den Wahlkampf einbringen wollen?
Göring-Eckardt:
Politische Inhalte müssen glaubwürdig von Personen vertreten werden. Glaubwürdig heißt für mich, eine klare Haltung zu haben und auch die Offenheit, mich von besseren Argumenten überzeugen zu lassen. Ich stehe für eine soziale Politik, die sich stark macht für die Menschen, die Unterstützung benötigen, für eine lebendige Demokratie, die Menschen beteiligt und für nachhaltige Politik, die die Schöpfung bewahrt. Ich gehöre zur ersten gesamtdeutschen Politikergeneration, den 89ern, und will deren Perspektive als Spitzenkandi­datin ein Gesicht geben.

Innerhalb Ihrer Partei werden von einigen durchaus religionsfeindliche und kirchenkritische Positionen vertreten. Wie gehen Sie damit um?
Göring-Eckardt:
Wie in anderen Politikfeldern auch sind wir Grüne in Kirchenfragen nicht einer Meinung und erarbeiten Positionierungen im demokratischen Wettstreit, das gehört einfach dazu. Ich halte das Verhältnis von Kirche und Staat, so wie es heute ausbalanciert ist, für sinnvoll und ­vertrete dies in der Diskussion mit Kolleginnen und Kollegen. Und zum Beispiel gerade in bioethischen Fragen wird der Standpunkt der evange­lischen Kirche bei den Grünen sehr geschätzt.

Sie begleiten als Präses der Synode der EKD auch eines der höchsten Ämter der evangelischen Kirche – wie schätzen Sie den bisherigen Spagat zwischen politischem und kirchlichem Amt ein?
Göring-Eckardt:
Ich empfinde das nicht als Spagat. Dass Protestantinnen und Protestanten politische Verantwortung übernehmen gehört zu unserem Selbstverständnis. Und darüber, dass ich ehrenamtlich ein solches Amt in meiner Kirche bekleiden kann, bin ich sehr froh. Natürlich darf beides nicht vermischt werden, aber in der Person vereinbart werden kann es.

Es gibt inzwischen Forderungen, beispielsweise vom Evangelischen Arbeitskreis der CDU in Sachsen, Sie sollten im Blick auf Ihre Kandidatur Ihr Amt als Präses der Synode ruhen zu lassen.
Göring-Eckardt:
Befürchtungen, ich könne dem Ehrenamt aufgrund meiner politischen Aufgaben nicht gerecht werden, konnte ich in der Vergangenheit hoffentlich ausräumen. Bevor ich mich um die Spitzenkandidatur beworben habe, habe ich das Gespräch mit Vertretern meiner Kirche gesucht und niemand hat gefordert, ich solle das Präsesamt ruhen lassen. Wenn sich etwas ändert bin ich natürlich gerne bereit, neu darüber zu reden.

Die Fragen stellte Harald Krille.

Israel: Auf schwäbischen Spuren im Heiligen Land

29. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor rund 150 Jahren suchte eine schwäbische Erweckungsbewegung, die Templergesellschaft, ihr Heil im Heiligen Land. In Tel Aviv, Haifa und in Jerusalem finden sich bis heute ihre Siedlungsspuren im Stadtbild. In den 40er Jahren gab es ausgerechnet in Palästina die größte Nazi-»Landesgruppe« im Ausland. In Tel Aviv marschierten die bibelfesten Hitleranhänger mit Hakenkreuzflaggen, während in Deutschland schon die Juden in den Tod verschickt wurden. Damals herrschten die Briten in Palästina als Mandatsmacht. Sie erklärten die deutschen Siedler zu »feindlichen Ausländern«. 1941 deportierten sie 661 nach Australien und beschlagnahmten ihre Häuser.

Nach der Gründung Israels 1948 gingen der ehemals deutsche Grundbesitz und die Häuser in israelischen Staatsbesitz über. 1962 zahlte Israel dafür 54 Millionen Mark »Wiedergutmachung«.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Jerusalem.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Jerusalem.

Ihre im typisch deutschen Stil errichteten Häuser im heutigen Tel Aviver Viertel Sarona sind mit Bibelsprüchen geschmückt. Inzwischen wurden viele der Templerhäuser unter Denkmalschutz gestellt. Bei Restaurierungsarbeiten entdeckten israelische Künstler jetzt unter dicken Farbschichten auch Inschriften auf Kapitellen über Säulen: »Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes«, oder »Von Zion wird das Gesetz ausgehen«, steht da in gotischen Lettern auf den Kapitellen. Und daneben – zur Überraschung der Restauratoren – der gleiche Spruch auf Arabisch.

Shai Farkash, ein internationaler Experte für Wandmalereien, meinte, dass die arabischen Bibelsprüche ein Versuch der Templer gewesen sein könnten, die Gunst des osmanischen Herrschers zu gewinnen.« Im nächsten Jahr, nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten, sollen die 37 erhaltenen Templerhäuser von Sarona zu einem neuen Kulturzentrum im Herzen von Tel Aviv werden.

Im Jerusalemer Konrad Adenauer Zentrum wurde jetzt das Buch »Deutschland und Deutsche in Jerusalem« vorgestellt. Der von Professor Haim Goren und Jakob Eisler herausgegebene Band enthält die Vorträge von Forschern bei einer Tagung im März 2007. In der Tat überragen monumentale Kirchen, Schulen und Hospize das Panorama Jerusalems. Sie wurden teilweise von Kaiser Wilhelm II. während seines historischen Besuchs 1898 eingeweiht. Mitte des 19. Jahrhunderts erweckten neben Deutschen auch Briten, Franzosen und Russen, die Heilige Stadt aus einem Dornröschenschlaf. 1914 wurden 5000 europäische Christen in Jerusalem gezählt. Sie waren als Lehrer, Ärzte, Missionare und Bauherren gekommen. 3000 von ihnen waren Deutsche und von denen waren 2500 Schwaben!

Der aus Sachsen stammende Theologe und Archäologe Dieter Vieweger, Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes, meint, dass diese Deutschen Jerusalem zu einer »modernen Stadt« gemacht hätten. Wobei freilich die Lokalbevölkerung nicht gefragt wurde, »ob sie wirklich mit den Segnungen der europäischen Kultur und ihren Werten beschenkt werden wollte.« Das sei ein Problem, »das uns noch heute verfolgt«, so Viehweger.

Ulrich W. Sahm

Ein Stück Eden für jeden

28. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Christine Lässig

Christine Lässig

»Ein Stück Eden für jeden.« So heißt der Slogan eines Garten- und Landschaftsbau-Betriebes, ist das kämpferische Motto einer Bürgerinitiative von Kleingärtnern, die durch den Wohnungsbau vertrieben werden sollen, verspricht die Werbung einer Kreuzfahrt-Reederei, die paradiesische Sehnsuchtsorte anfährt. Findige Landbesitzer, die brachliegende Flächen an interessierte Hobbygärtner vermieten, haben dieses einprägsame Motto ebenso gewählt wie Ehrenamtliche, die einen Lehr- und Versuchsgarten offenhalten. Ein Bauträger lockt damit Käufer von Häusern mit Garten, und in England heißt der neue botanische Garten aus der Retorte das »Eden Project«. Er soll für alle da sein, die im größten Treibhaus der Welt ein Stück vom Paradies erleben wollen.

»Ein Stück Eden für jeden« ist also ein pfiffiger Spruch für Geschäftsleute und am Gemeinwohl Interessierte gleichermaßen. Aber darüber hinaus könnte er als wahrhaft frommer Wunsch durchgehen, denn das Paradies meint mehr als schöne Blumen und fruchtbare Bäume. Im Garten aller Gärten stimmt alles. Er ist ein Ort, an dem man Gott begegnen und mit ihm reden kann, heile Welt, ein Ort des Friedens, gut für Leib und Seele. Was kann man Menschen Besseres wünschen als ein Stück Eden für jeden!

»Ein Garten ist etwas, woraus man nur hat vertrieben werden können,
denn wie sonst hätte man ihn je verlassen.«
Rudolf Borchardt

Erfahrungsgemäß lässt sich das Paradies auf Erden aber nicht kopieren und individuell auch nur manchmal und ausnahmsweise erleben – Stückwerk eben. Dass der Mensch nur noch mehr vom Baum der Erkenntnis essen müsse, um zurückkehren zu können ins Paradies, wie es Tim Smit, der Erfinder des Eden Projects meint, ist eine ziemlich weltfremde Ansicht. Trotzdem ist es gut zu wissen, wie es sein könnte, wenn nicht Sündenfälle aller Art die Vertreibung aus dem Paradies zur Folge hätten. Die Sehnsucht nach heiler Welt bleibt. Und wer sie wenigstens ansatzweise in einem Garten findet, sollte sich glücklich schätzen. »Gott der Allmächtige pflanzte zuerst einen Garten, und er ist in der Tat die reinste der menschlichen Freuden« (Francis Bacon). So gesehen ist jedem ein Stück Eden zu gönnen.

Christine Lässig

Das »System Gulag«

25. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Erste deutsche Ausstellung zeigt Spuren und Zeugnisse des stalinistischen Terrors

Die riesige Landkarte ist überzogen mit zahlreichen roten Punkten. Sie markieren die sowjetischen Zwangsarbeitslager, in denen rund 20 Millionen Menschen dem stalinistischen Terror ausgesetzt waren: Eine Ausstellung in Weimar erinnert an die Opfer.

Auf dem Kleiderbügel hängt zerschlissen und durchlöchert ein violettes Sommerkleid. Die 31-jährige Walentina Buchanewitsch-Antonowa hat es getragen, als sie 1938 plötzlich verhaftet wurde. Anschließend verbrachte sie in diesem Kleid zwölf Monate in drei Moskauer Gefängnissen. Die Frau war unvermittelt Opfer des Großen Terrors unter dem sowjetischen Diktator Stalin geworden.

Die Ausstellung dokumentiert die Geschichte des Gulag sowohl anhand von Relikten der Lagerhaft und Zwangsarbeit als auch anhand von Dokumenten, Bildern, Karten, Fotografien sowie Video- und Audiomaterial. – Foto: Claus Bach/Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Die Ausstellung dokumentiert die Geschichte des Gulag sowohl anhand von Relikten der Lagerhaft und Zwangsarbeit als auch anhand von Dokumenten, Bildern, Karten, Fotografien sowie Video- und Audiomaterial. – Foto: Claus Bach/Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Das Kleid ist mit seiner Geschichte eines der berührenden Exponate in der Ausstellung »Gulag«, die in Weimar Spuren und Zeugnisse aus sowjetischen Zwangsarbeitslagern zeigt. Das Projekt der Gedenkstätte Buchenwald und der russischen Menschenrechtsorganisation »Memorial« thematisiert erstmals in Deutschland das Lagersystem in der Sowjetunion. Weimar ist für die Wanderausstellung nach Neuhardenberg die zweite Station.

Das »System Gulag« wird nicht nur aus der Perspektive seiner rund 20 Millionen Opfer dargestellt, sondern auch in seinen gesellschaftlichen Bezügen. Damit gehe die Präsentation deutlich über die rund 300 russischen Gulag-Ausstellungen über das Leiden in den Lagern hinaus, erläutert Kurator Rikola-Gunnar Lüttgenau: Die Straflager sind eine der dunklen Seiten des »Modernitätsversprechens« einer humanen Gesellschaft, für dessen Verwirklichung inhumane Mittel eingesetzt wurden.

Deshalb beginnt der Rundgang mit einem zunächst irritierenden Exponat. Ein Modell zeigt den Entwurf des russischen Avantgardisten Wladimir Tatlin (1885–1953) für sein »Monument der III. Kommunistischen Internationale« von 1919. Der gigantische Turm für Petrograd mit rotierenden Gebäudeteilen sollte 400 Meter hoch werden und die Zukunftsgewissheit der Sowjetmacht demonstrieren. Das Projekt scheiterte wie die Gesellschaft, als deren Symbol es gedacht war.

Dem »Tatlin-Turm« sind als Kehrseite dieser Vision originale Hinterlassenschaften aus Straflagern gegenübergestellt – ein eiserner Schlitten für den Lastentransport, Teile von Arbeitsgeräten, Balken von früheren Häftlingsbaracken. Die umstehenden Boxen mit den teils sehr persönlichen Exponaten geben wie geöffnete Archivschränke ihre Geheimnisse preis.

Eine bunte Häftlingszeichnung mit dem Obelisken »Asia« erinnert an den Transport der Verbannten in die Ferne. Auf einer feinmaschigen Stickerei ist unschwer eine Heiligenfigur zu erkennen. Eine andere Textilarbeit zeigt Fensterkreuze mit Blumenvasen. Und auch der zerknautschen Zigarettenschachtel der Marke »Belomorkanal«, die es in Russland bis heute gibt, ist ihre lange Geschichte anzusehen. Sie verweist auf den Weißmeer-Kanal am Polarkreis, den Gulag-Häftlinge ab 1931 bauen mussten.

Das Lagersystem konnte jeden treffen, resümiert Kurator Lüttgenau. So spiegelte sich im Gulag das gesamte soziale Profil der Sowjetunion. Die Begründungen für die willkürliche Lagerhaft reichten von »Schädlingstätigkeit«, Verschwörung, Vaterlandsverräter und »Kollaborateur« bis zu »konterrevolutionärer Agitation und Propaganda«.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Die Ausstellung »Gulag. Spuren und Zeugnisse. 1929–1956« im Weimarer Schiller-Museum ist bis 15. Oktober dienstags bis freitags und sonntags von 9 bis 18 Uhr sowie samstags von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Vom 16. bis 21. Oktober ist die Ausstellung dienstags bis sonntags von 9 bis 16 Uhr zu sehen.

www.ausstellung-gulag.org

Urwaldbischof gibt nicht auf

22. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Brasilien: Kirchen und Umweltschützer protestieren weiter gegen das umstrittene Wasserkraftwerk Belo Monte


In Brasilien ist die Kirche treibende Kraft im Umweltschutz – und der aus Österreich stammende Bischof Erwin Kräutler Symbolfigur des Kampfes für die Bewahrung der Schöpfung.

Brasiliens Umweltorganisationen zählen meist nur einige Hundert Aktive. Angesichts der gravierenden Umweltprobleme wurden daher Bischöfe, Padres und Ordensleute notgedrungen zu Öko-Experten. Sie tragen die Proteste gegen ungehemmte Naturvernichtung, werden deshalb systematisch verfolgt, sogar ermordet. Wenige Attentate auf kirchliche Umweltaktivisten wurden weltweit so bekannt wie das von 2005 auf die nordamerikanische Urwaldmissionarin Dorothy Stang, enge Mitarbeiterin von Bischof Kräutler.

Auch auf ihn ist ein Kopfgeld ausgesetzt, Berufskiller warten auf ihre Chance. Weil sich die Regierung in der Hauptstadt Brasilia den entsprechenden Imageschaden ausrechnen kann, wird Kräutler sicherheitshalber durch vier Polizisten rund um die Uhr bewacht. Der Terror gegen aktive Naturschützer lässt gerade im Amazonasgebiet viele Menschen auch aus Angst um das Leben ihrer Familien schweigen. Bischof Kräutler erhebt daher umso lauter seine Stimme, erhielt nicht zufällig 2010 den Alternativen Nobelpreis – auch wegen der wohlfundierten Proteste gegen den unweit vom Bischofssitz in Altamira begonnenen Bau des Mega-Wasserkraftwerks Belo Monte. Sogar Amnesty International hat sich ihm angeschlossen.

Erstmals nennt der 73-Jährige jetzt in Brasiliens Landesmedien den Ex-Staatschef Lula und dessen Amtsnachfolgerin Dilma Rousseff »skrupellose Amazonas-Zerstörer, die Wirkungen verursachten, durch die sich das Klima des Planeten unumkehrbar verändert.« Belo Monte werde einen Domino-Effekt haben und sei der »Dolchstoß« mit dem Lula und Dilma Rousseff das Herz Amazoniens tödlich träfen. In Brasilien sind 61 Wasserkraftwerke geplant, die meisten in Amazonien. Derzeit werden neben Belo Monte bereits mehrere andere errichtet, ebenfalls mitten im Indianer-Lebensraum.

Im Fadenkreuz der Kopfgeldjäger: Der aus Österreich stammende brasilianische Bischof Erwin Kräutler gehört zu den unbeugsamen Aktivisten des Umweltschutzes im Amazonasgebiet. – Foto: privat

Im Fadenkreuz der Kopfgeldjäger: Der aus Österreich stammende brasilianische Bischof Erwin Kräutler gehört zu den unbeugsamen Aktivisten des Umweltschutzes im Amazonasgebiet. – Foto: privat

Aber ist Wasserkraft nicht saubere Energie? In den heißen Tropen werden Stauseen zu Faulgasproduzenten erster Güte. Sie geben laut wissenschaftlicher Studien massenhaft Kohlendioxid und das weit klimaschädlichere Methan an die Atmosphäre ab. Ist Belo Monte erst einmal fertig, geht der Strom vor allem an Bergbau-, Aluminium- und Stahlunternehmen, die größtenteils in Industrieländer, darunter Europas, exportieren.

Derzeit machen Arbeiterrevolten auf den Baustellen, heftige Zusammenstöße mit der Militärpolizei, eine hochgeschnellte Mordrate sowie Kinderprostitution fast täglich Schlagzeilen. Dazu kommen die Aktionen der sich wehrenden Indianer. Denn in einem Land wie Brasilien lösen solche Großvorhaben stets eine regelrechte Völkerwanderung aus, machen sich Hunderttausende aus den Elendsvierteln der südlichen Großstädte nach Amazonien auf, kampieren in Zelten und Hütten, hoffen auf einen Job. Doch: »Wer nichts kriegt, haust erneut im Elend«, beklagt Kräutler.

Die Militärdiktatur hatte Belo Monte einst geplant – mit dem Amtsantritt von Luiz Inácio Lula da Silva, genannt Lula, im Jahr 2003 hielt man das Projekt für endgültig gestorben. Noch 2009 sichert er Kräutler im Präsidentenpalast zu: »Das Wasserkraftwerk zwinge ich niemandem auf – Erwin, du kannst mit mir rechnen.«

Der Bischof heute: »Das war Theater, politisches Spielchen, nur Show. Als wir entdeckten, dass Lula seine Position geändert hatte, sind wir aus allen Wolken gefallen. Das war Verrat. Ich selbst fühle mich verraten. Heute haben wir eine Zivildiktatur – denn Belo Monte wurde aufgezwungen, ohne die Verfassung, darunter die Indianerrechte, zu respektieren.«

Die heutige Präsidentin Dilma Rousseff war in der Lula-Regierung als Energieministerin für derartige Projekte, auch weitere Atomkraftwerke, zuständig. »Wir können so viel protestieren, wie wir wollen – Dilma Rousseff verhindert jeglichen Dialog. Sie ist sehr hart, unnachgiebig, akzeptiert keine abweichende Meinung.«

Am Bauplatz von Belo Monte wurde bereits kräftig Urwald abgeholzt, bewegten Bagger und Planierraupen mehrere Millionen Kubikmeter Erde. Viele in Brasilien halten daher weiteren Widerstand gegen den künftig drittgrößten Stausee der Erde für sinnlos. Auch Bischof Kräutler? »Ich bin nicht der Typ, der klein beigibt. Wir werden alle gewaltlosen Mittel anwenden, um dieses Monsterprojekt doch noch zu verhindern.«

Klaus Hart

Der Tod des Kaisers

21. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in Memleben widmet sich den Todes- und Jenseitsvorstellungen im Mittelalter

Memleben im Süden Sachsen-Anhalts ist ein besonderer Ort. Dort starben mit Heinrich I. (876–936) und seinem Sohn Otto dem Großen (912–973) die ersten beiden Vertreter des ottonischen Geschlechts. Im Andenken an seine Vorfahren stiftete Otto II. gemeinsam mit seiner Frau, der Kaiserin Theophanu, ein Reichskloster. Die dort gelegene Krypta fasziniert bis heute. Sogar Hochzeitspaare geben sich in dem romanischen Gewölbe das Ja-Wort. Das geschichtsträchtige Areal übt seinen Reiz bis heute aus.

Bis zum 9. Dezember dieses Jahres beleuchtet eine Sonderausstellung »Wenn der Kaiser stirbt« den Umgang mit dem Tod des Herrschers im Mittelalter. Memleben ist dabei in ein landesweites Projekt eingebunden. Insgesamt acht Museen, Kirchgebäude und Schlösser Sachsen-Anhalts erinnern an den 1100. Geburtstag Ottos des Großen sowie seine Krönung zum römischen Kaiser vor 1050 Jahren, sagte Museumsleiterin Andrea Knopik. Dazu gehörten unter anderem die Stiftskirche in Gernrode, die Königspfalz in Tilleda und das Schloss Wallhausen.

In der Ausstellung wird der Fenstersturz »Tod des ­Gerechten« gezeigt. – Fotos: Klaus-Peter Voigt

In der Ausstellung wird der Fenstersturz »Tod des ­Gerechten« gezeigt. – Fotos: Klaus-Peter Voigt

Ab dem 27. August verwandelt sich Magdeburgs Kulturhistorisches Museum für drei Monate in eine Schatzkammer der Antike und des frühen Mittelalters. Mehr als 300 Goldschmiede- und Steinmetzarbeiten, Textilien und Schriftstücke werden dort zu sehen sein, erläuterte Direktor Matthias Puhle.

Am Sterbeort der beiden Herrscher hat die Stiftung Kloster und Kaiserpfalz Memleben eine eigene ansprechende Exposition gestaltet. Sie passt in das Konzept der historischen Stätte, die seit geraumer Zeit zunehmend an Attraktivität gewinnt ohne dass die Ehrfurcht vor der Vergangenheit auf der Strecke bleibt. Im Frühjahr wurde am Rande des Klostergeländes ein Besucherzentrum eröffnet, das nicht auf Massentourismus abzielt, sondern für Gäste einen Anlauf- und Ruhepunkt darstellt.

Im historischen Klosterteil wird nun über den Tod nachgedacht. Eine in ziegelrot gehaltene Schatzkammer bildet den Mittelpunkt der Präsentation. Eines der wertvollsten Stücke ist dort die Stiftungsurkunde Ottos II. für das Kloster von 976, die aus dem Hessischen Staatsarchiv stammt. Aus der Stiftskirche zu Gandersheim kam eine Reliquie vom Grab der Gottesmutter Maria in die Schau. Sie wurde in byzantinische Seide gehüllt und gelangte vermutlich um 1007 in das Gotteshaus. Blau und Schwarz geben dem Raum ansonsten das Gepräge. Der widmet sich den Vorstellungen vom Tod, will Eindrücke vom Umgang mit dem Thema im Mittelalter vermitteln, der sich bis in die Gegenwart verändert hat. Eingebunden sind moderne, mediale Mittel wie Computeranimationen und ein Zeichentrickfilm von Studenten der Halleschen Burg Giebichenstein, die die Ankunft des Leichnams Ottos des Großen in Magdeburg interpretiert.

Es gibt ein umfassendes Begleitprogramm. Dazu gehören öffentliche Führungen durch die Ausstellung und durch das gesamte Klostergelände sowie eine Reihe von Vorträgen zu den Ottonen und anderen Themen mittelalterlicher Geschichte an.

Klaus-Peter Voigt

Öffnungszeiten: 11. 8. bis 31. 10. – täglich 10 bis 18 Uhr; 1. 11. bis 9. 12. – Dienstag bis Sonntag 10 bis 16 Uhr

www.kloster-memleben.de

Raus aus dem System!

20. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Geld: Die Kirchen sind Komplizen des Finanzkapitalismus – ein Sozialethiker ruft zur Umkehr


Umkehr im Denken und Handeln forderte die EKD 2009 angesichts der Finanzkrise. Selbstkritisch könnte das heißen: Raus aus den kapitalgedeckten Kirchenpensionen.

Altersvorsorge Betriebsrente ist in Gefahr. Die Pensionskassen können nur noch Anleihen mit niedrigen Zinsen aufnehmen. Der darauffolgende Anlagennotstand lässt die Renten schrumpfen.« Diese Meldung der letzten Wochen macht vielen Menschen Angst vor Altersarmut, hatte man doch überall geraten, eine sichere Altersvorsorge auf dem Kapitalmarkt aufzubauen. Ratlosigkeit und Furcht vor Altersarmut machen sich auch bei Pensionskassen und Unterstützungskassen breit. Das Problem, vor dem alle Versorgungswerke – und auch die kirchlichen – stehen, lässt sich an der Renditeentwicklung deutscher Bundesanleihen ablesen: Warfen die Papiere im Jahr 2002 noch einen üppigen Ertrag von mehr als fünf Prozent ab, sind es heute gerade einmal 1,2 Prozent.

Im Vorwort des Wortes der Evangelischen Kirche in Deutschland zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise »Wie ein Riss in einer hohen Mauer« (2009) hatte Bischof Wolfgang Huber, eine »Umkehr« im Denken und Handeln gefordert. Auch die Kirchen müssen sich aus einer Komplizenschaft mit dem Finanzkapitalismus lösen und umkehren. Diese Komplizenschaft zeigt sich geradezu exemplarisch in der Verstrickung der kapitalmarktgedeckten Zusatzversicherung der Kirchen und Diakonie. In den Boomjahren des Finanzkapitalismus hatten manche Kirchen im Einklang mit den politischen und ökonomischen Eliten die Pfarrerpensionen und auch die Zusatzversorgung ihrer Mitarbeitenden in Kirche und Diakonie teilweise sogar gegen einigen heftigen Widerstand auf das Kapitaldeckungsverfahren umgestellt.

Orientierung gefragt: Die Bibel fordert zum klugen Umgang mit Geld und Besitz auf – doch wie kann das in Zeiten globaler Finanzkrisen für die Kirchen aussehen? – Foto: Erwin Wodicka

Orientierung gefragt: Die Bibel fordert zum klugen Umgang mit Geld und Besitz auf – doch wie kann das in Zeiten globaler Finanzkrisen für die Kirchen aussehen? – Foto: Erwin Wodicka

Seit 20 Jahren wird die umlagefinanzierte Rente madiggemacht. Sie sollte durch eine kapitalgedeckte Finanzierung der Alterssicherung auf dem Kapitalmarkt ergänzt werden. Doch jetzt ist die kapitalgedeckte Finanzierung der Alterssicherung ins Strudeln geraten und hält nicht, was sie verspricht. Diese Erkenntnis bedeutet, dass die Kirchen in die Irre gegangen sind. Sie haben sich in den destruktiven Finanzkapitalismus durch die kapitalgedeckte Altersversicherung sündhaft verstricken lassen.

Die Abkehr von der umlagefinanzierten solidarischen Rente und die Hinwendung zur Kapitaldeckung der Renten ist nicht nur ein finanztechnisches Problem. Sie bedeutet sozialethisch, dass die Kirche auf den fatalen Erfolg eines renditeträchtigen Finanzsystems für die Finanzierung der Pensionen und Zusatzversicherungen ihrer Beschäftigten setzt. Sie zieht somit ihren Vorteil aus einem System, das auf renditeträchtige Anlage bedacht ist und Finanzmittel ins Kasino spült.

Es ist an der Zeit, dass die Kirchen ihre eigenen Verstrickungen in das Finanzsystem aufdecken. Wenn die Kirchen es mit der Umkehr ernst nehmen, dann müssen sie die Kapitaldeckung der Pensionen und Zusatzversorgungen aufkündigen und zu der sehr viel krisensicheren Umlagefinanzierung der Renten und Pensionen ihrer Beschäftigten zurückkehren. Dies ist ökonomisch vernünftig und ein theologisch kräftiges Zeichen für die Umkehr der Kirchen und ihrer Abkehr vom Finanzkapitalismus.

Franz Segbers

Der Autor lehrte als Professor für Sozialethik an der Universität Marburg und ist seit 2011 in Altersteilzeit.

Buchtipp
Duchrow, Ulrich; Segbers, Franz (Hg): Frieden mit dem Kapital? Wider die Anpassung der evangelischen Kirche an die Macht der Wirtschaft, Publik-Forum, 2008, 192 Seiten, ISBN 978-3-88095-179-2, 13,90 Euro



Widerspruch
»Unser System ist absolut grundsolide«

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sowie in Anhalt sieht man sowohl die Kritik an der Altersversorgung innerhalb der Kirche als auch die Hysterie um die Verluste bei Rentenfonds gelassen. Gemeinsam mit neun weiteren Kirchen wickeln beide die Auszahlung der Pfarrerpensionen über die Evangelische Ruhegehaltskasse (ERK) in Darmstadt ab. Und die gibt sich auf Nachfrage gut aufgestellt.

»Wir haben ein Mischsystem«, erklärt der stellvertretende Geschäftsführer Klaus Bernshausen. Das bedeutet: Ein Teil der Zahlungen an die derzeit rund 10000 Versorgungsempfänger wird durch regelmäßige Umlagen aus den Haushalten der beteiligten Landeskirchen gedeckt. Der andere Teil aus den eingezahlten Rücklagen der Landeskirchen, mit denen die ERK auf dem Kapitalmarkt operiert und Renditen erzielt. Mit diesem – »von unabhängigen Fachleuten hoch gelobten« – »Hybridsystem« arbeite man seit 40 Jahren erfolgreich. Gleiches erwarte man auch für die Zukunft. Ein rein kapitalgedecktes Modell würde »uns in voller Höhe den Schwankungen und Unbilden des Finanzmarktes unterwerfen«, bestätigt Bernshausen. Eine reine Umlagefinanzierung der Pensionen aber würde durch die demografischen Entwicklungen zu ähnlichen Problemen führen, wie sie sich in der staatlichen Rentenkasse zeigen.

Eine Meinung, der sich Oberkirchenrat Christian von Bülow von der Finanzabteilung der Evangelischen Landeskirche Anhalts vorbehaltlos anschließt. Es sei abzusehen, dass bei einer umlagefinanzierten Altersversorgung in Zukunft immer weniger Pfarrer beziehungsweise letztlich Kirchensteuerzahler für immer mehr Ruheständler aufkommen müssten. Bei der demografischen Entwicklung in den Kirchen sei dies sogar noch krasser als in der übrigen Gesellschaft. Von Bülow, der zum Verwaltungsrat der ERK gehört, sieht als Vorteil des »dualen Systems«, dass bei Problemen etwa auf dem Kapitalmarkt durch eine Erhöhung der Umlagebeiträge kurzfristig nachgesteuert werden kann. »Unser System ist absolut grundsolide«, gibt er sich deshalb überzeugt. Und auch EKM-Finanzchef Stefan Große lässt nichts auf das ERK-Modell kommen. »Wir fühlen uns krisensicher aufgestellt«, so der Oberkirchenrat.

Und die ethische Frage der Beteiligung am Finanzmarktsystem? Ein klares »Ja« zu Anlagen auf dem Finanzmarkt kommt von Oberkirchenrat von Bülow. »Allerdings«, so setzt er sofort hinzu, »nur in nachhaltigen Anlageformen«. Eine Verpflichtung, der die EKR nach Angaben ihres stellvertretenden Geschäftsführers schon lange genügt. Schließlich habe man federführend den innerkirchlichen Leitfaden für ethische Geldanlagen mitentwickelt. Und sei erst 2010 von einer Fachzeitschrift als »Bester nachhaltiger Investor« ausgezeichnet worden.

Harald Krille

Die Sinnlücke füllen durch Zugehörigkeit

19. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wie wir uns vor Burnout schützen können – Im Gespräch mit der Expertin Helen Heinemann


Es gilt als ausgemacht, dass Stress im Job für Burnout verantwortlich ist. Die Gründerin des Instituts für Burnout-Prävention in Hamburg, Helen Heinemann, ist hingegen zu anderen Erkenntnissen gekommen, die sie in Ihrem Buch »Warum Burnout nicht vom Job kommt« darlegt.
Mit der Autorin sprach Sabine Kuschel.

Frau Heinemann, wie kommt es, dass sich die Überzeugung, Stress im Job, Zeitnot und ständige Erreichbarkeit seine Ursache für das Ausgebranntsein, hartnäckig hält. Im Gegensatz dazu vertreten Sie in Ihrem Buch die These: Burnout kommt nicht vom Job.
Heinemann: Die Schwierigkeit ist der Stress, der auf der psychosozialen Ebene entsteht, weil er nicht sichtbar ist. Wir leben in einer visuellen Welt, alles ist zu sehen, sogar das Ungeborene kann man genau betrachten. Wir können schlecht mit Dingen umgehen, die wir nicht sehen können. Deshalb fixieren wir uns auf das, was wir sehen können. Ein lautes Handy können wir hören, den Berg an Aufgaben, der abzuarbeiten ist, die unglaubliche Fülle an E-Mails können wir sehen.

Man kann sagen, die Arbeit ist unglaublich verdichtet, die Anforderungen steigen. Das macht Stress, der sichtbar ist. Ich hatte eben ein Gespräch. Mehrfach klingelte das Handy meiner Gesprächsteilnehmer. Sie haben versucht, gleichzeitig das Gespräch mit mir und das Gespräch am Handy zu halten. Sie haben sich in zwei verschiedenen gedanklichen Räumen aufhalten müssen. Keine Frage, das ist Stress, den man ganz deutlich sehen kann.

Die meisten Menschen würden sagen, es ist notwendig so zu handeln, weil sie sonst vielleicht ihre Arbeit verlieren würden.
Heinemann: Die meisten Menschen, mit denen ich arbeiten darf, sind hoch qualifiziert. Die sind nicht kündbar, denn sie wären nicht ersetzbar, weil sie so erfahren, gebildet und spezialisiert sind. Das Argument, sie verlieren ihren Arbeitsplatz, gilt in diesen Fällen nicht. Trotzdem sagen die nicht Nein. Warum schalten die nicht ihr Handy ab und sagen, ich hab jetzt ein Gespräch, die halbe Stunde lass ich mich nicht stören? Danach rufe ich zurück.

Helen Heinemann ist Pädagogin mit psychotherapeutischer Ausbildung. – Foto: privat

Helen Heinemann ist Pädagogin mit psychotherapeutischer Ausbildung. – Foto: privat

Warum tun sie das nicht?
Heinemann: Ein Nein zu einer Aufgabe, zu einer Gruppe zu sagen, bedeutet auf der realen Ebene nicht unbedingt den Arbeitsplatzverlust, sondern es bedeutet, dass ich möglicherweise nicht mehr ganz so dazugehöre, wie ich dazugehören möchte. Wenn ich mehrfach Nein sage, wenn ich Feierabend mache, weil es außer der Arbeit noch etwas anderes gibt, das in meinem Leben wichtig ist, dann riskiere ich die Zugehörigkeit zu den Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Ich habe dann zwar noch meinen Arbeitsplatz, aber irgendwie mögen die mich vielleicht ja nicht mehr so, weil ich Nein gesagt habe. Das ist die Bedrohung. Das muss noch nicht Mobbing sein, sondern man gehört eben nicht mehr ganz so dazu.

Gleichwohl gibt es Menschen, die mit sehr viel Stress fertig werden und nicht an Burnout leiden.
Heinemann: Das sind die Menschen, die sich außerhalb der Arbeit noch an anderen Stellen gebunden fühlen, eine Zugehörigkeit haben. Menschen, die sich zum Beispiel mit ihrer Familie sehr verbunden fühlen. Die sagen, Job ist Job. Das ist Broterwerb, ich mache die Arbeit so gut wie möglich und ich bringe alles ein, was ich kann. Aber es ist nicht mein Leben. Mein Leben ist meine Familie, mein Engagement in einem sozialen Projekt, mein Chor, mit dem zusammen ich etwas Schönes in die Welt bringe. Oder auch die Kirchengemeinde oder jede andere Form von Gemeinschaft, zu der ich dazugehöre.

Also gefährlich ist es, wenn jemand nur für seine Arbeit lebt?
Heinemann: Ganz genau. Das Problem: Das ist ein schleichender Prozess. Man ist auf Arbeit, wird angefragt, macht Überstunden. Das alles, damit man dazugehört, Anerkennung und Wertschätzung bekommt. Die Folge ist, dass man im Privatleben Abstriche machen muss und irgendwann gehört man nicht mehr zu dem Freundeskreis, der Sport- oder Musikgemeinschaft oder zur Familie. Auf der Arbeit ist es oftmals nicht der Chef, der die Überstunden erzwingt, sondern die Betreffenden selbst haben nichts Besseres vor, zu Hause wartet niemand, also sitzen sie abends noch bis zehn oder elf im Büro. Sichern sich dort eine große Anerkennung und Zugehörigkeit, verlieren aber eben immer mehr die anderen Kontakte. Außerdem entsteht dabei ein weiterer Effekt: Kollegen, die auch noch ein Privatleben haben, geraten unter Druck, weil andere unglaublich viel arbeiten. Das schaukelt sich dann immer weiter hoch.

Damit sind wir bei der Sinnlücke, die Sie in Ihrem Buch ansprechen. Sie ist sozusagen zu füllen durch Zugehörigkeit zu anderen Menschen, zu einer Gemeinschaft?
Heinemann: Ja, Sinnhaftigkeit und Zugehörigkeit hängen sehr eng zusammen. Einen Platz in einer Gemeinschaft und darin eine Bedeutung zu haben, gibt uns ein Gefühl von Sicherheit, dass unser Leben Sinn hat. Das entspannt uns. Wir gehören dazu, wir wissen, was unsere Rolle ist, was von uns erwartet wird. Wir können einen Beitrag für die Gemeinschaft leisten, wie auch immer der aussieht. Das kann ein Kunstwerk oder das Sauberhalten von Büroräumen sein. Es ist völlig egal, auf welcher Ebene das stattfindet. Das kann ein übergeordneter globaler Beitrag für die Welt sein, wenn ich mich beispielsweise in einem Projekt für Brunnenbau engagiere. Das kann ein Beitrag sein, den ich innerhalb meiner Familie erbringe.

Als eine Ursache für Burnout machen Sie auch die gesellschaftlichen Veränderungen verantwortlich, die die Menschen überfordern.
Heinemann: In unserer Gesellschaft lösen sich Strukturen auf. Das ist der Grund, warum die Erschöpfung, dieser Stress, den man nicht sieht, zunimmt. Er nimmt zu, wenn sich Halt gebende Strukturen auflösen. Eine solche Halt gebende Struktur ist die Geschlechtsrolle. Die Veränderung der Geschlechtsrollen geben mir als Frau, aber auch den Männern keine klaren Regeln mehr vor. Das ist eine unglaubliche Befreiung, die ich großartig finde. Gleichzeitig muss ich jetzt alle Regeln selber machen. Es gibt nicht mehr die Vorgaben, dass ein Mann dies und eine Frau jenes tut. Das bedeutet, jeder Mensch ist gezwungen, in sich selber Halt zu entwickeln. Das ist sehr fordernd. Dieser Halt entsteht, wenn ich für mich die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, zu einer Gruppe herstelle.

Wie können Sie den Menschen, die an Burnout leiden, helfen?
Heinemann: Wenn ich mich erschöpft fühle, ist es wichtig zu gucken, was mir in meinem Leben wirklich wichtig ist. Wo möchte ich dazugehören? Welche Rolle möchte ich in diesem Leben spielen? Ich sage in den Seminaren zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern immer wieder: Stellen Sie sich vor, Sie sind 96 Jahre alt oder älter. Sie sind altersweise, blicken auf ihr Leben zurück und sagen: Mein Leben war schön. Bitte vergegenwärtigen Sie sich, was das Wichtige war? Dann kommt immer wieder die spannende Erkenntnis: Es war nicht die Arbeit! Die Arbeit war spannend, sie war interessant, sie diente dem Broterwerb, der Sicherung meines Lebens. Noch nie hat jemand gesagt: Meine Arbeit hat mein Leben rundgemacht. Mit dieser Erkenntnis rücken wir die Bedeutung der Arbeit wieder auf den Platz, wo sie hingehört.

Das hilft schon?
Heinemann: Ja, wir schauen dann auch, wie diese Einsicht sofort in den Alltag zu bringen ist. Das sieht ganz schlicht aus. Es geht nicht darum, den Job hinzuschmeißen. Ein Mann z. B. hat festgestellt, eigentlich ist es doch meine Ehe, meine Frau, die mein Leben rund machen. Ich merke, das rutscht mir alles weg. Für den Mann war deutlich, was der nächste Schritt sein müsste. Ich glaube, er hat einen kleinen Sonderurlaub geplant. Er hat sich darum gekümmert, dass er und seine Frau gemeinsam zu einem Tango-Kurs gehen. Das sind die ersten kleinen Schritte. Er sagt: Mensch, das ist es. Das macht mein Leben wieder rund.

Literaturempfehlung
Heinemann, Helen: Warum Burnout nicht vom Job kommt. Die wahren Ursachen der Volkskrankheit Nr. 1, adeo, 234 S., ISBN 978-3-942208-56-7, 17,99 Euro

Kleiderordnung in der Kirche?

15. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Diskussion: In der Kirche geht es um Texte – manchmal aber auch um Textilien


Früher war es einfach: Da hatte man seinen »Sonntagsstaat« und mit dem ging es in den Gottesdienst. Heute sind die Sitten und die Moden lockerer. Besonders zur Urlaubszeit steht manchmal die Frage nach der angemessenen Kleidung für den Kirchgang – nicht nur beim Besuch im orthodoxen Ausland. Zwei Meinungen zum Thema.


Meine Meinung

Marita Krüger ist Regionalbischöfin des Sprengels Meiningen-Suhl der EKM

»Um den Text soll es gehen und nicht um die Textilien«, auch im Gottesdienst. Den Satz gibt es schon lange und er provoziert zu Recht. Aber wir kommen um die Textilien nicht rum, denn nur in solchen nehmen wir an Gottesdiensten teil oder halten sie. Für die Gottesdienstgestalter gibt es eine Kleiderordnung, die die zu schätzen wissen, die diesen Dienst tun. Und auch Mitwirkende im Lektoren-, Prädikanten- oder Ehrenamt tragen in der Regel eine Kleidung, die dem Anlass angemessen ist. Für den Gottesdienstbesucher gibt es keine Kleiderordnung, obwohl das früher mal so war und man das manchmal noch zu sehen bekommt. In manchen Kirchen außerhalb Deutschlands gibt es noch die Kirchenkleidung.

Marita Krüger

Marita Krüger

Das hat auch etwas für sich, aber ich bedaure es nicht, dass es das bei uns nicht mehr gibt. Aber ich bedaure gelegentlich, dass Textilien im Gottesdienst für meine Begriffe dem Anlass nicht mehr entsprechen und manche eben einfach falsch angezogen sind. Es ist nicht egal, was man wo anhat, es zeigt auch mein Verhältnis zu dem Anlass, also auch zum Gottesdienst. Da der Gottesdienst nicht mit einem Besuch im Freibad zu verwechseln ist, hat auch eine »erweiterte« Badekleidung, die man im Sommer im Freien anhat, hier nicht ihren richtigen Ort. In der Regel gehen Menschen nicht zufällig in den Gottesdienst oder werden von ihm überrascht, ohne sich umziehen zu können.

Kleidung hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun. Achtung Gott gegenüber, der uns mit seinem Wort nahekommen will und dessen Anwesenheit wir uns versichern indem wir um seine Nähe im Gebet rufen. Und auch Achtung der Gemeinde. Man kann Menschen auch durch die Art des Auftretens und der Kleidung kränken und das ist keine Glaubensfrage, sondern eine Frage der Höflichkeit, weil der Gottesdienst die Gemeinschaft der Glaubenden darstellt. Natürlich gibt es auch Gottesdienste in bestimmter Kleidung beispielsweise Bikergottesdienste, da ist die Kleiderfrage ohnehin geklärt.

Schwieriger ist schon zu bestimmen, was angemessen ist und was nicht. Das ist auch einem Wandel in Zeit und Mode unterworfen. Aber es hat immer einen anlassbezogenen gesellschaftlichen Konsens gegeben über den Rahmen des Kleidens und den Spielraum, den es da gibt. Weil es keine Kleiderordnung gibt, ist das dem Einfühlungsvermögen und dem Taktgefühl zuzuordnen.

Noch wichtiger als bei uns ist die Kleidung allerdings in manchen Ländern, die wir gerne im Urlaub besuchen. Ein ärmellos-kurzhosiger Tourist im Gotteshaus wird dort als Beleidigung empfunden und ist ein Hindernis für Ökumene und interreligiösen Dialog.


Meine Meinung

Thomas Stein ist Pfarrer in Heberndorf, Superintendentur Schleiz

Obwohl 35 Jahre her, ist es mir immer noch ganz frisch in Erinnerung: »Wir wollen nicht über Textilien reden, sondern über Texte!« Damit wurde meine schüchterne Vikarsfrage nach der Möglichkeit eines weißen Talars vom Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates abgeschmettert. Es kam nie zum Gespräch über Texte. Es ging nur darum, dass nichts verändert würde. Das habe ich aber erst viel später mitbekommen. Veränderungen geschehen dennoch. Ich erinnere mich noch selber an Gottesdienste in den 50er Jahren, in denen ganz selbstverständlich Frauen im Gottesdienst Kopfbedeckungen trugen. Irgendwann verschwand das einfach.

Thomas Stein

Thomas Stein

Einmal hatte ich einen nicht ganz pflegeleichten Konfirmanden, der zur Konfirmation in seinem neuen violetten Anzug erschien, zum Entsetzen seiner Großmutter, die den schwarzen Anzug durchsetzen wollte: »Das gehört sich doch so, Herr Pfarrer.« Aber ich habe ihn ermutigt: »Es ist deine Konfirmation und keine Beerdigung.«

Damit sind wir beim Thema: Was ist »angemessene Kleidung«? Zur Beerdigung ist schwarz verständlich, wenn Trauer da ist. Zur Hochzeit oder Taufe drückt es wohl Feierlichkeit aus, aber nicht Freude. Bunt wäre da schöner. Aktionen nur um aufzufallen, anders zu sein oder zu provozieren, lehne ich ab. Einen Abendmahlsgottesdienst im Nudistenklub kann ich mir nicht vorstellen, das wäre Religionsvermischung: Die haben ja ihren eigenen Glauben. Jedoch im Strandgottesdienst Anzug und Talar zu tragen, erschiene mir lächerlich.

Wenn ein Christ weiß, was er tut, weil er weiß, wo er sich befindet, dann hat er bereits die Textilien an die Texte angemessen. Und ich kenne auch Christinnen, die beim Gebet einen Schleier aufsetzen, weil das so in der Bibel steht. Unsere geistliche Kultur ist freier und vielfältiger geworden. Sie festlegen zu wollen auf »Altehrwürdiges« würde die Kirche nur mehr zu einem »Trachtenverein zur Pflege spätmittelalterlicher Traditionen« machen.

Noch immer trage ich den schwarzen Talar in Amtshandlungen. Die Absurdität ist mir bewusst. Es kommt nicht mehr drauf an. Wir machen anderweitig viel mehr Blödsinn. Kleiderordnungen retten die Kirche ebenso wenig wie die Titanic vor dem Untergang. Christlicher Glaube aber geht nicht unter, doch Textilfragen haben daran keinen positiven Anteil. Christlicher Glaube ist nicht nur privat, sondern auch öffentlich und zeitgemäß. Das muss ich auch textil zeigen können und dürfen. Da ist Freiheit, auch wenn sie mal respektlos scheint, vor allem ein Ausdruck von lebendigem Glauben.

Christen zwischen allen Stühlen

14. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Syrien: Das Land zerfällt in einem blutigen Bürgerkrieg und mit ihm aller Zusammenhalt in der Gesellschaft


Im Krieg zwischen den Regierungstruppen und den Rebellen geraten Syriens Christen immer mehr in Bedrängnis.

Juni 2012: Aus den Lautsprechern der Moscheen in Kusair sind schlechte Nachrichten zu hören. »Christen sollten so schnell wie möglich die Stadt verlassen«, tönt es durch die Gassen der westsyrischen Kleinstadt in der Nähe von Homs. Von den rund 40000 Einwohnern sind rund zehn Prozent Christen. Viele von ihnen haben den Ort bereits verlassen. Sie fürchten um ihr Leben.

Kusair an der Grenze zum Libanon ist seit mehr als einem Jahr heftig umkämpft. Wo früher Menschen unterschiedlicher Religionen friedlich zusammenlebten, erschüttern nun Angst, Gewalt, Geiselnahmen und Morde die Stadt. Ein Teil der etwa zwei Millionen Christen in Syrien sieht in der Situation in Kusair eine Warnung: So könnte ihre Zukunft aussehen, wenn Assad an Macht verliert. Die weiter andauernden heftigen Kämpfe in der Hauptstadt Damaskus und in Syriens größter Stadt Aleppo zeigen, wie stark der Druck der Opposition auf Assad ist. Erst vor wenigen Wochen war Syriens Verteidigungsminister Daud Radscha bei einem Anschlag auf den engsten Sicherheitsstab der Regierung in Damaskus ums Leben gekommen. Der 65-jährige Christ und Ex-General ist das bislang hochrangigste Opfer in dem nun fast eineinhalb Jahre dauernden Konflikt.

Während Aufständische und Regierungstruppen weiter um die Stadt Aleppo kämpfen, wird für die Bevölkerung die Versorgung immer schwieriger: Menschen warten vor der Verkaufsluke einer Bäckerei auf Brot. – Foto: picture alliance/abaca

Während Aufständische und Regierungstruppen weiter um die Stadt Aleppo kämpfen, wird für die Bevölkerung die Versorgung immer schwieriger: Menschen warten vor der Verkaufsluke einer Bäckerei auf Brot. – Foto: picture alliance/abaca

Christen in Syrien standen bislang weitestgehend auf der Seite von Assad. Sie bekleideten wichtige Posten in der syrischen Regierung und der Armee. Assad, der in dem Land mit einer sunnitischen Mehrheit zu der muslimischen Splittergruppe der Alawiten gehört, hatte sich um eine säkulare Politik bemüht, und den Minderheiten Religionsfreiheit und Schutz geboten.

In Kusair begannen die Spannungen vor gut einem Jahr, als der Protest gegen das Regime von Assad zunehmend gewalttätig wurde. Regierungstruppen begannen, die Häuser von Muslimen zu durchsuchen, um Oppositionelle und Aktivisten festzunehmen. Muslime beschuldigten Christen, als Informanten für Assads gefürchteten Geheimdienst zu arbeiten. Anfang Februar nahmen schließlich Männer der Rebellentruppe »Free Syrian Army« einen christlichen Unteroffizier der syrischen Armee als Geisel. Als Reaktion entführten regierungsfreundliche Einwohner sechs Sunniten aus der Stadt und töteten einen davon. Daraufhin kidnappte ein aufgebrachter Mob 20 Christen.

»Die Gesellschaft in Syrien verliert jede Form des Zusammenhaltes«, klagte der italienische Jesuiten-Pater Paolo Dall’Oglio im TV-Sender CNN. Der katholische Geistliche war im Juni nach über 30 Jahren aus Syrien ausgewiesen worden.

Während die Rebellen versuchen, Alawiten und Christen aus den von ihnen eroberten Gebieten zu vertreiben, bemühe sich die Regierung in Damaskus, einen alawitischen Rumpfstaat zu schaffen. »Der Plan für eine Teilung ist da«, meint Fahd, ein Exil-Syrier, der in den arabischen Emiraten lebt. Doch er hat Zweifel, wie das genau in Syrien funktionieren soll. Die Christen in Syrien sitzen ja nicht in einer Ecke, sie sind überall«, sagt er. Allein in Aleppo wird die Zahl der Christen auf eine viertel Million geschätzt. Was passiert, wenn radikale Islamisten die Stadt übernehmen? Droht dann den Christen in Syrien ein ähnliches Schicksal wie im Irak?

Agnes Tadler (epd)

Musiktradition von internationalem Rang

13. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Zu den Adjuvantentagen wird in Vergessenheit geratene Musik der Region zur Aufführung gebracht


Am 8. und 9. September finden in Hildburghausen und Eisfeld die 5. Thüringer Adjuvantentage statt. Seit 2008 veranstaltet die Academia Musicalis Thuringiae an wechselnden Orten dieses Musikfest. Es erinnert an die sogenannten Adjuvanten, die seit der Reformation bis ins 19. Jahrhundert als Helfer der Kantoren auf den Dörfern das protestantische Musikleben prägten. Mit dem Experten für Adjuvantentage, Claus Oefner, sprach Sabine Kuschel.

Herr Dr. Oefner, vor fünf Jahren fanden in Thüringen zum ersten Mal Adjuvantentage statt. Wie kam es dazu?
Oefner: Durch die Quellen, die wir gefunden haben. In Udestedt, nördlich von Weimar, gibt es ein wertvolles Archiv mit Musik aus Venedig und Amsterdam. Wir haben uns gefragt, wie solche wertvolle Musik aufs Dorf kommt? Es waren die Adjuvanten, die diese Musik auf den Dörfern einstudiert haben. Da es nicht nur dieses eine Archiv gibt, dessen Bestände jetzt im Thüringischen Landesmusikarchiv in Weimar erfasst sind, sondern noch weitere Archive, unter anderem in Ichtershausen, in Gräfenroda, in Großfahner und Eschenbergen, sind wir auf die Idee gekommen, einen Tag nur mit Adjuvanten-Musik zu machen.

Claus Oefner ist Musikwissenschaftler und im Vorstand der Academia ­Musicalis Thuringiae – Foto: Sabine Kuschel

Claus Oefner ist Musikwissenschaftler und im Vorstand der Academia ­Musicalis Thuringiae – Foto: Sabine Kuschel

Adjuvanten waren die nach der Reformation tätigen Laienmusiker, Helfer der Kantoren?
Oefner: Ja, die Kantoren auf dem Dorfe haben die Jungen und Mädchen im Singen und Musizieren ausgebildet und sie später immer wieder zum Dienst herangeholt. In den Städten musizierte der Kantor mit den Hofkapellen und Stadtmusikanten, die es auf dem Dorf nicht gab. Dort waren es die Adjuvanten. Ihre Tradition ist ähnlich der von Posaunenchören.

Die Adjuvantentage sind also eine Möglichkeit, die in den Archiven der Kirchengemeinden schlummernde und in Vergessenheit geratene Musikliteratur der Adjuvanten zur Aufführung zu bringen?
Oefner: Wir wollen die Musik der Adjuvanten wieder zum Erklingen bringen und sie eventuell zur Diskussion stellen für unsere Kirchenchöre. Wir sagen den Leuten auf den Dörfern, die Musik, die ihr heute hört, haben vielleicht schon eure Großeltern, Urgroßeltern oder Ururgroßeltern gehört, eventuell sogar mitgesungen oder mitgespielt.

Wir können dazu beitragen, dass diese Musik gerettet wird. Zuerst muss sie in die Archive kommen, erfasst, katalogisiert und gesichert werden, damit sie nicht durch Feuchtigkeit, Mäusefraß oder Feuer kaputtgeht. Doch die Musik ist nicht für die Archive geschrieben. Auf den Adjuvantentagen bringen Berufsmusiker sie in Verbindung mit Laienchören zum Klingen.

Das ist anspruchsvolle Musik, die uns die Adjuvanten hinterlassen haben?
Oefner: Ja, etwas übertrieben gesagt: Das Herz der europäischen Musik hat auch auf den Dörfern geschlagen. Mit Werken von Giovanni Gabrieli und Orlando di Lasso hatten die Gottesdienstbesucher damals die Möglichkeit, das gleiche Repertoire zu hören wie in Dresden, Venedig und Amsterdam. Die Kantoren hatten einen weit gespannten Horizont. Das ist interessant. Ich habe mich dieser Tage mit einer Sammlung aus dem 19. Jahrhundert beschäftigt. Auf dem Dorfe wurden Kantaten für drei Trompeten, zwei Hörner, Oboen, Flöten, Streicher und Pauken aufgeführt. In einem anderen Dorf doppelchörige Motetten a-cappella. Das sind erstaunliche Leistungen. Heute kriegt man mit Müh und Not einen Chor zusammen, der vielleicht zwei- oder dreistimmig singen kann.

Es gibt ganze Jahrgänge von Kantaten, für jeden Sonntag vom ersten Advent bis zum letzten Sonntag nach Trinitatis eine Kantate. Viele Komponisten einschließlich Bach und Telemann haben Kantaten für das ganze Kirchenjahr verfasst. Diese haben die Dorfkantoren abgeschrieben und mit den Adjuvanten zur Aufführung gebracht. Die Kantoren haben für ein interessantes Repertoire gesorgt. Es wurde immer nur das Beste, auch das Modernste musiziert. Man war der Meinung, das Modernste ist das Beste, und das Beste ist für den lieben Gott gerade gut genug. Das ist in unserer Zeit undenkbar. Können Sie sich heute vorstellen, mit zeitgenössischer Musik jemanden zu erfreuen? Das hat andere Ursachen. Aber damals waren sie bemüht, aktuell zu sein.

Finden Sie in den Archiven bekannte Musikstücke oder sind auch Überraschungen dabei?
Oefner: Beides. Es finden sich bekannte Namen wie Mozart und Haydn und völlig unbekannte Namen, die heute vergessen sind. Manche zu Recht, andere sind zu Unrecht vergessen worden. Die Dichte dieser Musiklandschaft würde es verdienen, auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt zu werden.

Auch in Hildburghausen und Eisfeld, den diesjährigen Veranstaltungsorten, spielten die Adjuvanten eine Rolle?
Oefner: Ja, in Hildburghausen kommen Stücke aus den dortigen Adjuvanten-Archiven zur Aufführung, Musik von Johann-Philipp Käfer, der war Kapellmeister in Hildburghausen und Römhild und Musik von Friedrich Wilhelm Zachow, der war in Halle und Lehrer Händels. Wir wollen zuerst Musik aus der Region aufführen, zweitens die Wirkung des reformatorischen Kirchenliedes dokumentieren. Das sind die beiden Kriterien des diesjährigen Programms.

Die Kantoren waren alle Vollstrecker von Luthers Willen. Luther wollte, dass die Gemeinde sich aktiv am Gottesdienst beteiligt. Das kann sie am besten durch eigenes Singen. In diesem Sinne waren die Kantoren auf den Dörfern »Vollstrecker« von Luthers Willen.

Die Natur ist ein guter Lehrmeister

12. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Christine Lässig

Christine Lässig

Was im Garten geschieht, kann Punkt für Punkt als Gleichnis gelten für unser Leben außerhalb des Gartens. (Jürgen Dahl) Da ist was dran! Auf alle Fälle lernt man Demut und Bescheidenheit. In den Erbsen ist schnell der Wurm drin, und die prachtvollen Funkien sind kein Hingucker mehr, wenn sich die Schnecken dort eingenistet haben. Nie wird alles so vollkommen wie gedacht. Diese Erfahrung muss man alle Jahre wieder machen – im Garten und überhaupt.

Aber das ist beileibe nicht der einzige Erkenntnisgewinn. Man lerne Geduld und Ausdauer, sinniert ein Pfarrer Ende des 19. Jahrhunderts, das Schwache zu pflegen und das Verwundete zu heilen. Man sehe, dass das Edle am langsamsten wachse und das Gemeine üppig und ohne Mühe aufschieße, dass zuweilen aus edlem Samen nichts Rechtes werde, während bereits Aufgegebenes und Kränkelndes sich fasse und erhole. Man müsse erleben, dass manches, über dessen fröhliche Entwicklung man sich gefreut habe, plötzlich welke und manch schöne Frucht innen faul sei. Robert Moser ist überzeugt davon, dass seine praktischen Erfahrungen im Pfarrgarten ihm auch beruflich weiterhelfen. »Neben dem vergnüglichen Promenieren im Garten«, resümiert er, »fasst man auch Mut und Trost, wenn es im geistlichen Leben der Gemeinde nicht besser geht.«

»Die Natur ist das einzige Buch, das auf allen Blättern großen Inhalt bietet.«
Johann Wolfgang von Goethe

Für ihn und seine Amtsbrüder lieferte ein Gartenrundgang Predigtbeispiele zuhauf. An das Sichtbare wurde das Höhere geknüpft, es war die Zeit der erbaulichen Gartenpredigten. Wer sie heute liest, findet sie streckenweise mehr kurios als missionarisch und länger, als wir wachen Sinnes verkraften können. Aber dass die Natur ein guter Lehrmeister ist, Aha-Erlebnisse vermittelt und manchen abstrakten Gedanken anschaulich machen kann, bleibt wahr. Dass sie zudem als lebendiges Buch Gottes von seinem Schöpfer erzählt, auch. Man muss nur lesen können. Dann lässt sich bei der Gartenarbeit nicht nur Demut und Bescheidenheit lernen, sondern auch Geduld und Ausdauer, Mut und Trost, Hoffnung und den Glauben, dass Gott es gut mit uns meint.

Christine Lässig

Endlich Frieden

7. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Filmtipp der Woche: Das Schwein von Gaza

Jafaar ist ein Pechvogel, aber er lässt sich nicht unterkriegen. Der arme palästinensische Fischer freut sich schon, wenn er statt der üblichen Plastiksandalen ein paar Sardinen fängt. Mit seiner Frau Fatima lebt er im Gazastreifen, in einem halb zerbombten Haus, auf dessen Dach israelische Soldaten Wache stehen. Man arrangiert sich, und Jafaar ist ein wahrer Meister der Improvisation.

Als ihm eines Tages ein lebendes Schwein ins Netz geht, entwickelt er schnell einen Plan, wie er den Fang zu Geld machen kann. Natürlich darf seine Frau ebenso wenig davon erfahren wie die lokalen Chef-Islamisten oder die Soldaten auf dem Dach.

Filmszene mit Sasson Gabai. Foto: Alamode Filmverleih

Filmszene mit Sasson Gabai. Foto: Alamode Filmverleih

So geht Jafaar auf die Suche nach Schweinefans im Gazastreifen, er wird zum Wanderer zwischen den verfeindeten Welten, zum Terroristen wider Willen und schließlich zum Helden.
Der Humor dieser grotesken Geschichte ist dabei eher leise und hat wenig von einer Slapstickkomödie, obwohl es durchaus witzige Situationen gibt – zum Beispiel, wenn Jafaar sein Schwein als Schaf verkleidet und durchs Dorf treibt. Vielmehr verbreitet der Film seine Friedensbotschaft mit jüdisch-arabischem Charme und gelegentlich hübscher Boshaftigkeit.

Jafaar muss dem Schwein, das er nicht einmal berühren darf, Sperma entlocken, und er zieht ihm Strümpfe an, damit der heilige Boden Israels nicht entweiht wird.
Großartig spielt Sasson Gabai den Jafaar als gottesfürchtigen, naiven Araber, der von einer Katastrophe in die nächste taumelt. Baya Belal ist ­Jaffars würdevolle Ehefrau Fatima. ­Neben Juden und Moslems gibt es auch noch ein paar Christen – Jafaar trifft einen überforderten UN-Beamten (Ulrich Tukur). Die Begegnung ist symptomatisch, denn man versteht einander nicht. Dabei sind sich letztlich alle einig: Sie wollen den Frieden. Der Weg, den Jafaar geht, mit einem Schwein an seiner Seite, ist sicherlich der unwahrscheinlichste, aber sehr ­effektiv. Er beendet den Krieg durch seine Menschlichkeit.

Sympathie und Spott werden hier gerecht auf alle Beteiligten verteilt. Jafaar schließt Freundschaft ausgerechnet mit einer russisch-jüdischen Siedlerin, die Schweine züchtet, mit deren Hilfe man Terrorbomben aufspüren kann. Bei aller Ironie ist dieser Film sehr ernsthaft. Über Weltanschauungen und Religion hinweg wirkt er wie das Lachen eines Kindes, das sich hemmungslos über die dummen Erwachsenen lustig macht. Sehr befreiend.

Gaby Sikorski

Kinostart ist am 2. August. Regie führte Sylvain Estibal. Der Film wurde in Deutschland, Frankreich und Belgien produziert.

Das Wissen der Ixil

6. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Guatemala: In einer alternativen Universität für ein Volk der Mayas wird altes Wissen nutzbar gemacht

Sogenannte »eingeborene« Völker gelten als unterentwickelt und rückständig. Doch sie selbst entdecken zunehmend den Wert ihrer eigenen indigenen Kultur.

Im 15. Jahrhundert haben die Vorfahren des heutigen Mayavolkes der Ixil die grausamen Feldzüge des spanischen Eroberers Pedro de Alvarado im Hochland von Guatemala überlebt. Als in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Soldaten der guatemaltekischen Armee mit einer Strategie der verbrannten Erde Dutzende ihrer Dörfer dem Erdboden gleichgemacht haben, hat die Weltgemeinschaft davon nahezu keine Notiz genommen. Heute kommen viele internationale Nichtregierungsorganisationen in die Dörfer der Ixil, um Hilfsprojekte durchzuführen. Doch auch sie ignorieren häufig die Kultur und das Wissen dieses Volkes.

Kostenlose Alternative zu teuren Privatinstituten

Noch liegt kalter Morgennebel über den Wäldern des guatemaltekischen Hochlands. In dem Gemeinschaftssaal der Ortschaft Rio Azúl sitzen 14 junge Leute und zwei Dozenten auf langen Holzbänken. Das Seminar zum Thema lokale Entwicklung ist Teil des Ausbildungsprogramms der vor zwei Jahren gegründeten Universität Ixil. Sie bietet eine kostenlose ­Alternative für junge Leute, die es sich nicht leisten können, an einem der teuren, privaten Institute der Region zu studieren. Bisher hat die Univer­sität Ixil Ableger in 20 verschiedenen Gemeinden gegründet. Sie hat keine eigenen Gebäude. Man trifft sich in privaten oder kommunalen Räumen.

Während des Seminars wird vorwiegend Ixil gesprochen, die Muttersprache der Studierenden. Der 23-jährige Sebastian Solis trägt ein Referat über das Problem der Müllentsorgung in Rio Azúl vor. Damit entspricht er der Philosophie der Universität, die wissenschaftlich fundierte Lösungsansätze für Probleme der Lebens­situation vor Ort erarbeiten will. »In der Sekundarschule sollte ich viel über die Geschichte Europas lernen«, erinnert sich Sebastian Solis. »Ehrlich gesagt habe ich davon nichts behalten. Wir kennen diese Länder nicht. Hier an der Universität Ixil erfahren wir etwas über unsere eigene Welt, die Welt in der wir leben.«

Insbesondere in der Landwirtschaft haben viele Facetten der ­antiken Kultur der Mayas bis heute überdauert. Zum Beispiel haben die vorkolonialen Mayas die Frucht der Kakaopflanze angebaut und die Schokolade erfunden. Sie haben die ersten Maisfelder angelegt und Maissorten ausgewählt, die von den Ixil noch immer viel häufiger angepflanzt werden als die angeblich verbesserten Sorten aus den USA.

Seit Jahren bemühen sich ausländische Landwirtschaftsberater darum, die Ixil von dem Anbau neuer landwirtschaftlicher Produkte zu überzeugen. Doch viele Versuche, diese kleinbäuerlichen Praktiken durch einen aufwendigen Technologietransfer zu modernisieren, sind gescheitert. So existiert noch immer ein großer Schatz althergebrachten landwirtschaftlichen Wissens, das die Mayas seit Generationen an ihre Kultur und die natürlichen Gegebenheiten der Region angepasst haben.

Älteste befragen statt im Internet recherchieren

Kommunaler Saal, einheimische Sprache: Beim Projekt der Ixil-Universität sollen die lokalen Traditionen und das überlieferte Wissen gestärkt und für die Zukunft nutzbar gemacht werden. Foto: Andreas Boueke

Kommunaler Saal, einheimische Sprache: Beim Projekt der Ixil-Universität sollen die lokalen Traditionen und das überlieferte Wissen gestärkt und für die Zukunft nutzbar gemacht werden. Foto: Andreas Boueke

Die Universität Ixil will dieses Wissen aufwerten, pflegen, weiterentwickeln und der jungen Generation vermitteln. In seinem ersten Jahr hat das Projekt viel Anerkennung bekommen. Zum Beispiel hat sich die internationale Organisation »Tierärzte ohne Grenzen« entschlossen, dem franzö­sischen Agronom Benoit Maria eine Stelle zu finanzieren, um den Aufbau der Universität zu unterstützen. Er legt seine Rolle als Berater sehr zurückhaltend aus. Die Universität soll nicht den europäischen Wissenschaftsbetrieb kopieren, sondern ein eigenes Konzept zur Vermittlung des Wissens der Ixil entwerfen. »Die neuen technischen Modelle der Landwirtschaft mit ihren Maschinen und den Pestiziden haben in dieser bergigen Region keine guten Ergebnisse gebracht. Vieles wurde zerstört, nicht nur die Umwelt, auch altes Wissen. Die intensive, chemische Landwirtschaft schafft schnelle Erfolge, die einige Jahre lang überzeugen. Dann aber werden die langfristigen Schäden offensichtlich.«

Ein Sprichwort der Ixil sagt, der Tod eines alten Menschen sei wie die Zerstörung eines Schatzes an Wissen. Um dieses Wissen zu bewahren, haben es sich die Dozenten der Universität Ixil zur Aufgabe gemacht, den Dialog zwischen den Generationen zu stärken. Die Studierenden im ersten Semester dürfen für ihre Forschungsarbeiten nicht im Internet recherchieren. Stattdessen sollen sie zu den Ältesten ihrer Gemeinde gehen und von deren Wissen profitieren.

Noch steckt die Universität Ixil in den Kinderschuhen. Erst mit der Zeit wird sich zeigen, ob das Konzept funktioniert und ob sich die Vision ihrer Gründer langfristig umsetzen lässt. Bei der Lerngruppe in der Gemeinde Rio Azúl scheint es zu funktionieren. Die Studierenden packen ihre Stifte und Hefte ein. Die meisten der jungen Männer werden zu ihrem Acker gehen und den Boden pflügen. Aber für den späten Nachmittag haben sich schon einige verabredet, um mit den Leuten der Nachbarschaft über bessere Methoden der Müllentsorgung zu reden.

Andreas Boueke

Tag der indigenen Völker
Die Vereinten Nationen haben den 9. August zum Internationalen Tag der indigenen (»eingeborenen«) Völker ausgerufen, um deren Recht auf Überleben und Selbstbestimmung zu stärken. Weltweit gibt es rund 5000 indigene Völker.
Häufig werden sie gezwungen, sich dem Lebensstil der westlichen Welt ­anzupassen. Ihre Lebensräume werden eingeengt und ihre Kulturen durch Großprojekte internationaler Konzerne, aber auch durch unangepasste Hilfsprogramme bedroht.
(GKZ)


»Mutter Latein und ihre Kinder«

6. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Wegen seiner Bedeutung wird Latein an vielen Schulen und Universitäten gelehrt

Warum Pfarrerinnen und Pfarrer die Bibel in ihren Originalsprachen verstehen sollten, erörterten zwei Beiträge in den vorangegangenen Ausgaben Nr. 30 und 31. Abschließend geht es um Latein. Die Heilige Schrift ist zwar nicht in Latein abgefasst, doch hatte die Vulgata, die lateinische Übersetzung der Bibel großen Einfluss auf das Christentum und das kulturelle Leben in Westeuropa.

Latein ist tot. Es lebe Latein!«, so der Titel eines Buches von Wilfried Stroh, Deutschlands bekanntestem und wohl besten Lateiner. In der Tat ist Latein eine tote indogermanische Sprache, die sich seit der Zeitenwende nicht mehr entscheidend verändert hat, aber gerade deshalb zum internationalen Kommunikationsmittel im Mittelalter und der Neuzeit werden konnte. Latein war Amtssprache des Römischen Reiches und wurde durch dessen Expansion Verkehrssprache in allen eroberten Gebieten. So wird heute über die romanischen Sprachen gesagt: »Mutter Latein und ihre Kinder«, weil das Grundvokabular dieser Sprachen (Französisch, Portugiesisch, Italienisch, Rumänisch, Spanisch als die wichtigsten) seine Wurzeln im Lateinischen hat. Das ­Studium der Theologie erfordert auch Kenntnisse der lateinischen Sprache, die ebenso wie die Kenntnisse in Griechisch und Hebräisch spätestens bei der Anmeldung zur Zwischenprüfung (Lehramt/Magister) bzw. Diplom-Vorprüfung nachgewiesen werden müssen. Dies bedeutet unter Umständen eine erhebliche Belastung der ersten vier Semester des Theologiestudiums durch die Nachholung der erforder­lichen Sprachnachweise.

Lateinische Bibel: Der Prolog des Johannesevangeliums in einer Vulgata-Ausgabe aus dem Jahr 1922. Foto: wikipedia/Jastrow

Lateinische Bibel: Der Prolog des Johannesevangeliums in einer Vulgata-Ausgabe aus dem Jahr 1922. Foto: wikipedia/Jastrow

Das Alte und das Neue Testament sind zwar nicht in Latein abgefasst, doch hatte die Vulgata, die lateinische Übersetzung der Bibel durch Hieronymus, großen Einfluss auf die Ausgestaltung des Christentums und damit des gesamten kulturellen Lebens in Westeuropa. Die meisten christlichen Denker der Spätantike, des Mittel­alters bis hinein in die Neuzeit haben ihre Gedanken in Latein ausgedrückt. Für das Studium kirchengeschichtlicher Quellen ist damit Latein unabdingbar, so schrieb der bedeutendste Autor des Spätmittelalters, Thomas von Aquin, in dieser Sprache. Der ­Unterricht in alten Sprachen in der Schule erschöpft sich nicht nur im Lernen von Vokabeln und Aufsagen von Deklinationen. Die Lektüre antiker Texte bringt den Schülern und ­Studenten eine Welt nahe, die zu Recht als Wiege unserer europäischen Kultur bezeichnet wird. Latein war die führende Sprache von Politik und Kirche, Literatur und Wissenschaft. Gelehrte wie Petrarca, Erasmus von Rotterdam, Luther, Kopernikus, Descartes oder Newton haben manche Werke in Latein verfasst. Bis ins 19. Jahrhundert wurden die Vorlesungen an den Universitäten in ganz Europa auf Latein gehalten. Bei der Bildung neuer Fachbegriffe wurde immer wieder auf ­Latein zurückgegriffen. In Tausenden von Lehn- und Fremdwörtern sowie Redewendungen ist Latein heute auch in nichtromanischen Sprachen wie Deutsch oder Englisch präsent.

Wegen seiner enormen Bedeutung für die sprachliche und kulturelle Entwicklung Europas wird Latein vor allem in Deutschland an vielen Schulen und Universitäten gelehrt. Für manche Studiengänge (nicht nur Theologie!) sind Lateinkenntnisse oder das Latinum nötig.

Als Stärke des lateinischen Sprachunterrichts wird sein Reflexionscharakter angeführt. Demnach sei Latein für die meisten ein »Modell von Sprache«, an dem sowohl der systematische Aufbau der Sprache als auch das Funktionieren von Sprache als Verständigungsmittel nachhaltig studiert werden können. Zudem trainiere das gewiss anstrengende und stets geforderte Nachdenken über Sprachstrukturen, Sätze und Satzperioden das Gehirn. Die dabei geschulten Fähigkeiten des mikroskopischen Beobachtens, des geduldigen und beharrlichen Analysierens und Kombinierens, des Überprüfens der logischen Stimmigkeit des jeweils Übersetzten seien Sekundärtugenden, die für fast alle Universitätsstudien die Voraussetzung bilden. Übersetzungen aus dem Lateinischen verlangen Präzision und schulen logisches und vernetztes Denken – eine Kompetenz, die auch in der Mathematik, den Naturwissenschaften und den Rechtswissenschaften gebraucht werden kann.

Marcel Schneider

Wenn das Fundament zum Zankapfel wird

6. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Theologie: Die Bibel ist Grundlage des Glaubens – doch um ihr richtiges Verständnis gibt es oft genug Streit

Spätestens bei konkreten ­ethischen oder theologischen Fragen zeigt sich, dass das Bibelverständnis oft höchst unterschiedlich ist.

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille

Über Fragen des Verständnisses der Bibel und ihre angemessene Auslegung ist in der Geschichte der Kirche immer wieder ­gestritten worden. Auch heute wird kontrovers darüber diskutiert. Mit der Bibel wird die Frauenordination begründet und abgelehnt. Mit Bezugnahme auf die Heilige Schrift wird eine hierarchisch aufgebaute Verfassung der Kirche gefordert und ebenso als »unbiblisch« beurteilt. Der Kanon der Heiligen Schrift scheint eine Vielfalt von Deutungsmöglichkeiten zuzulassen. Die Bibel ist insofern nicht nur gemeinsames Fundament der christlichen Kirchen. Sie ist auch Zankapfel. Sie verbindet die Christen und trennt sie. Im Verständnis und in der Auslegung der Bibel können gravierende Unterschiede bestehen.Kann man dem Streit um die rechte Auslegung der Bibel entfliehen, indem man die Bibel gleichsam mit ins Glaubensbekenntnis aufnimmt und sagt: »Wir glauben an die Bibel als das von Gott gegebene ›irrtumslose‹ und ›unfehlbare‹ Wort Gottes«? Lassen sich auf diese Weise Autoritäts- und Machtfragen jenseits von langwie­rigen Diskussionsprozessen beantworten? Vertreterinnen und Vertreter einer »wortwörtlichen« Auslegung der Heiligen Schrift sehen es so. Sie glauben, dass durch ihr Bekenntnis zur ­Bibel der Streit um ihre angemessene Auslegung beendet werden kann. Das ist meines Erachtens jedoch nicht ­zutreffend: Bei der Annahme ihrer »absoluten Unfehlbarkeit« hört der Streit um ihre wahre Auslegung keineswegs auf. Auch zwischen evange­likal geprägten Gruppen und Ausbildungsstätten werden im Blick auf das Bibelverständnis durchaus verschiedene und teilweise widerstreitende Anschauungen vertreten: etwa zur Frauenordination oder zum The­ma Schöpfung und Evolution, zum Verhältnis von Glaube und Heilung. Wie kann ein angemessenes Verständnis der Schrift aussehen, in dem die Freiheit und die Bindung eines Christenmenschen gegenüber der Schrift gleichermaßen Berücksichtigung finden?

Nach evangelischem Verständnis ist das Zeugnis der Bibel für kirchliches Handeln und Lehren grundlegend. Deshalb betonten die Reformatoren, dass die Schrift einzige und ausschließliche Quelle der Verkündigung des Evangeliums ist (sola scriptura – allein die Schrift). Evangelische Identitätsbildung geschieht stets neu durch den Umgang mit der Heiligen Schrift und in der Gemeinschaft der Christen. Wenn evangelikal geprägte Christinnen und Christen betonen, dass alle Ausdrucksformen kirchlichen Lebens, christlichen Zeugnisses und kirchlichen Dienstes unter die Norm der Heiligen Schrift zu stellen seien, so vertreten sie ein urevange­lisches Anliegen.

Die Orientierungskraft der Bibel ist allerdings nicht etwas, über das wir verfügen könnten, etwa durch ein Verbalinspirationsdogma. Zwar ist von Inspiration zu reden. Die biblischen Texte selbst tun es. Gottes Geist schaltet die menschliche Begrenztheit der Zeugen dabei jedoch nicht aus. Gottes heilvolle Nähe in seinem Wort gibt es nur in gebrochenen und vorläufigen Formen. Die Bibel ist weder in den zentralen reformatorischen noch in den altkirchlichen Bekenntnissen ­Gegenstand des Heilsglaubens. In der Bibel lässt sich Gott durch Menschen bezeugen. Er spricht durch die manchmal fehlerhafte Grammatik menschlicher Sprache. Die »Raumzeitlichkeit« der göttlichen Selbstmitteilung nötigt dazu, die Bibel auch in historischer Perspektive zu betrachten. Es gibt kein beweisbares, kein sichtbares Wort Gottes. Das göttliche Wort gibt es nicht pur. Es verbirgt sich im unzulänglichen Menschenwort und lässt sich darin zugleich finden. Wo solche Spannungen geleugnet werden, wird Gewissheit zur falschen Sicherheit. Die Wahrheit des Glaubens an den dreieinigen Gott lässt sich jedoch der Anfechtung nicht entziehen.

Die Bibel wird vor allem dann richtig gelesen, wenn sie von ihrer Mitte her, dem Evangelium, gelesen wird. Diese Mitte ist Gott selbst, der Jesus Christus in die Welt gesandt hat und uns in seinem Heiligen Geist nahekommt. Ihre Mitte ist die Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders, der Vergebung empfängt »aus Gnade, um Christi willen durch den Glauben« (Augsburgisches Bekenntnis, Art. 4). Vom Evangelium als ihrer Mitte eröffnet sich die Möglichkeit, »Teile von geringerer und größerer Wichtigkeit« (Adolf Schlatter) zu unterscheiden. Alle Bemühungen um das richtige Verständnis der Schrift und ihre an-
gemessene Auslegung sind freilich vergeblich, wenn sie nicht aus der Kenntnis und Wertschätzung der Bibel kommen, einem erwartungsvollen Hören auf sie im Alltag des Lebens.

Reinhard Hempelmann

Der Theologe Dr. Reinhard Hempelmann ist Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin.