Gottes Beistand auch in Niederlagen

31. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Sport: Zur deutschen Mannschaft bei den Sommerspielen in London gehört auch ein »Olympiapfarrer«

Zwischen Medaillenglück und einsamer Niederlage ­liegen oft nur Zehntelsekunden. Olympiapfarrer Thomas Weber ist auch dann für die Sportler da, wenn es mal nicht so gut läuft.

Pfarrer Thomas Weber hat seine Koffer inzwischen in London ausgepackt. Offiziell gehört er als »Olympiapfarrer« zur Mannschaft. »Als Pfarrer ist man dort aber ein Exot«, erzählt der 52-Jährige, der aus dem nordrhein-westfälischen Gevelsberg bei Wuppertal kommt. Zusammen mit seinem katholischen Kollegen Hans-Gerd Schütt ist er geistlicher Ansprechpartner für die Sportler, ihre ­Familien und für Trainer und Funktionäre.

»Olympiapfarrer« Thomas Weber spielt selbst Handball und Tennis. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

»Olympiapfarrer« Thomas Weber spielt selbst Handball und Tennis. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Die Leute rechneten bei den Olympischen Spielen mit allen möglichen Experten, sagt der Theologe. »Aber ­einen Pfarrer erwartet man an der Aschenbahn so ziemlich als letzten.« Weber feiert Gottesdienste und Andachten. Und er sieht seine Aufgabe darin, zwischen den Extremen von ­berauschenden Siegen und deprimierenden Niederlagen für die Sportler da zu sein.

Besonders jüngere Olympioniken müssten oft lernen, mit Niederlagen umzugehen. »Wenn man erfolgreich ist, klopft einem jeder auf die Schulter«, sagt Weber. Wenn man aber verliere oder Verletzungen auskurieren müsse, zögen sich Partner und Freunde zurück. Aber erst das Überwinden einer Niederlage formt die Persönlichkeit, ist der »Olympiapfarrer« überzeugt. »Als Pastor sage ich: Aufstehen mit Gottes Hilfe ist auch ein Angebot unseres Glaubens.«

Mit einem Pfarrer können die Sportler über alles sprechen, was ihnen auf der Seele lastet. Ein Thema ist oft die Familie: Wie kann Familienleben gelingen, wenn man für den Sport einen Großteil des Jahres unterwegs ist? Viele Athleten treibt auch eine ungewisse Zukunftsperspektive um, wie Weber erfahren hat: »Die meisten wissen: Selbst wenn sie Sieger sind, werden sie einmal abtreten, und dann interessiert das niemanden mehr.«

Besonders beeindruckt hat ihn einmal ein Gespräch auf dem Flug zu den Winterspielen nach Vancouver vor zwei Jahren. Der Eishockeyspieler neben ihm erzählte von seiner Familie und seinen Kindern. Dann kam er auf den plötzlichen Tod des Torhüters durch einen Gehirntumor. Wenn so etwas passiere und jemand Frau und Kinder hinterlasse, müsse sich doch jeder fragen, was wirklich zähle im Leben, habe der Sportler nachdenklich gesagt. »Das hätte ich als Pfarrer nicht besser formulieren können«, sagt Weber. Den Rest des Fluges sprachen sie dann über den Tod und die Ziele im Leben.

Die großen Wettkämpfe begleitet der Pfarrer, der im Vorstand des bundesweiten Arbeitskreises »Kirche und Sport« ist, seit den Winterspielen 2006. Dabei ist Weber natürlich nur im Nebenamt »Olympiapfarrer«. Hauptamtlich betreut er die Kirchengemeinde Gevelsberg im Kirchenkreis Schwelm.

Innerhalb der Kirche werde das kirchliche Engagement bei den Sportveranstaltungen gelegentlich auch skeptisch gesehen. »Das ist in der Kirche schon ein Randgebiet«, ist die Erfahrung Webers. Für den Theologen, der Handball und Tennis spielt, ist die Präsenz der Kirche bei den Olympischen Spielen hingegen ein wichtiges Signal. »Damit zeigen die Kirchen: Wir ziehen uns nicht zurück, sondern sind auch bei solchen großen Veranstaltungen dabei und bieten unsere Hilfe an.«
Dass die Sportler das Angebot der Kirchen gerne annehmen, hat Weber in den vergangenen Jahren immer wieder erfahren. »Wir finden es gut, dass die Kirchen Pfarrer mitschicken«, habe ihm einmal ein Trainer gesagt, der normalerweise nicht viel mit der Kirche zu tun hat.

Nach den Spielen in Peking wurde Weber sogar von einem Sportler gebeten, bei dessen Hochzeit mitzuwirken. »Das sind dann die kleinen ­Erfolgserlebnisse, von denen wir als Pfarrer leben.«
Holger Spierig (epd)

Gottes Teilchen

31. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Anmerkungen zur Sprache

Wie war die Weltanschauung doch leicht, als die Erde eine Scheibe war, bedeckt von einer Glocke, durch deren Löcher nachts das Himmelslicht schien.

Später war der Planet nur einer von vielen, die um die Sonne kreisten, die dann auch ihre zentrale Position verlor. Am Rand des Milchstraßensystems befinden wir uns, und es existieren Millionen solcher Systeme. Wer sich für die weitere Umgebung unserer Heimstatt im All interessiert, weiß um Schwarze Löcher (die weder schwarz noch hohl sind, sondern aus farbloser, extrem dichter Materie bestehen); und er hörte, wie vor 14 Milliarden Jahren Materie, Raum und Zeit in die Welt kamen – beim »Urknall«, der natürlich lautlos geschah, weil es noch keine Luft gab, die ein Knallen erst hörbar macht.

Aber alles muss irgendwie, wenn auch noch so unzulänglich, benannt werden. Am Anfang war das Wort.

Der Autor, Christoph Kuhn, lebt als ­Schrift­steller in Halle.

Der Autor, Christoph Kuhn, lebt als ­Schrift­steller in Halle.

Wunderbar ist, dass der Mensch, kaum vertauschte er den Fellschurz gegen Synthetics und zog aus der Höhle ins Haus, durch Mikroskope und Teleskope zu den kleinsten Bausteinchen und fernsten Regionen des Alls blickt. Und was Geräten unzugänglich bleibt, wird errechnet, empirisch nachgewiesen. Unvorstellbar! Und wie auch vorstellbar in einem Gehirn, dass die meiste Zeit unseres Daseins bloß dem Beutemachen diente. Vom Herdfeuer bis zur Kernspaltung: Alles, was wir meinen erfunden zu haben, haben wir nur gefunden, in der Natur. Inzwischen gilt es, die aufgestörten Naturkräfte in lebensverträglichen Grenzen zu halten. Da gibt es die noch unerforschte sogenannte dunkle Energie und dunkle Materie, aus der das All zu 96 Prozent besteht – vier Prozent sind bekannte Stoffe, Himmelskörper aus Gas, Stein oder Staub.

Manchmal entsteht der Eindruck, wir kommen der Frage, »was die Welt im Innersten zusammenhält«, näher. Doch scheint jedes Ergebnis neue Fragen zu zeugen, was an Claudius’ Vers erinnert: »Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel.«

Es bleibt die Frage nach dem Sinn des Ganzen, dem Sinn des Lebens. Die Wirklichkeit lässt sich nicht quantifizieren, in Zahlen und Formeln ausdrücken. Deshalb werden wir eine Weltformel vergeblich zu erforschen suchen.

Jüngst wurde im Forschungszentrum Cern »mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit« das Higgs-Boson gefunden (vorhergesagt von dem Physiker Peter Higgs). Seiner Bedeutung entsprechend – es gibt den Elementarteilchen ihre Masse, ohne die es das Universum nicht gäbe – wird es »Gottesteilchen«, von Ungläubigen oder anders Gläubigen auch »Anti-Gottesteilchen«, genannt. Ein Begriff aus der Sprachnot des Unsagbaren. Welcher Begriff vom Schöpfer-Gott des Himmels und der Erden ist da vorausgesetzt und welches Gottesbild? Möglichst keines nach dem Gebot: Du sollst dir kein Bildnis machen. Demnach auch kein Gerede vom Teilchen Gottes.

Christoph Kuhn

Auf den Spuren Otto I.

30. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Landesausstellung in Magdeburg und in weiteren Orten über das Kaisertum

Magdeburg mit der Landesausstellung »Otto der Große und das Römische Reich – Kaisertum
von der Antike zum Mittelalter« und die sieben Korrespondenzstandorte bilden ein begehbares Ottonen-Museum. Findet Dr. Matthias Puhle, Direktor des Kulturhistorischen Museums Magdeburg, Mittelalterexperte und Vater der nunmehr dritten großen Ausstellung über Otto den Großen und Deutschland im Mittelalter. Sie wird am 26. August mit einem Festakt im Dom der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt eröffnet, in dem Otto I. und seine erste Frau Editha bestattet sind.

Mit etwa 300 Exponaten aus internationalen Museen und Bibliotheken wie die Vatikanischen Museen, die Kapitolinischen Museen und die Biblioteca Apostolica Vaticana in Rom, das Historische Museum in Moskau, die Bibliothèque National Paris und das Kunsthistorische Museum Wien führt die Ausstellung in Magdeburg viele hochkarätige Leihgaben aus tausend Jahren europäischer Kaisergeschichte zusammen. Anlass der Schau sind der 1100. Geburtstag sowie der 1050. Jahrestag der Kaiserkrönung Otto I.

Über diese Ausstellung hinaus wird Sachsen-Anhalt als Kernland der Ottonen begreifbar, indem sich unter dem Titel »Auf den Spuren Ottos des Großen. Kaiserorte in Sachsen-Anhalt« sieben Orte mit eigenen Ausstellungen und Aktivitäten an der Jubi­läumsfeier beteiligen. »Wir haben bei den vorigen großen Ausstellungen gute Erfahrungen mit den Korrespondenzstandorten gemacht. Jeder bringt seine Eigenheit ein. Es passt auch zu Otto, dem Reisekönig, der von Ort zu Ort zog mit seinem Tross, um zu herrschen«, nennt Puhle Gründe für die vielen Ausstellungsorte.

Mit der Enthüllung der aufwendig restaurierten etwa 2000 Jahre alten römischen Kaiserstatue, Leihgabe aus dem ­Pergamon-Museum, gaben Dr. Matthias Puhle (li.), Museumsdirektor aus Magdeburg, und Dr. Andreas Scholl, Direktor ­Antikensammlung der Staatlichen Museen Berlin, einen Vorgeschmack auf die Landesausstellung über Otto den Großen. Foto: Viktoria Kühne

Mit der Enthüllung der aufwendig restaurierten etwa 2000 Jahre alten römischen Kaiserstatue, Leihgabe aus dem ­Pergamon-Museum, gaben Dr. Matthias Puhle (li.), Museumsdirektor aus Magdeburg, und Dr. Andreas Scholl, Direktor ­Antikensammlung der Staatlichen Museen Berlin, einen Vorgeschmack auf die Landesausstellung über Otto den Großen. Foto: Viktoria Kühne

Die verdichtete Pfalzlandschaft in Mitteldeutschland, wie er es nennt, biete zudem klare Anknüpfungspunkte an die Biografie Ottos des Großen, über die weitergehende Inhalte dargestellt werden können.
Wallhausen zum Beispiel, wo Otto vermutlich geboren wurde, war ein wichtiger Herrscherort. Das belegen die vielen hier ausgestellten Urkunden. Hier, nahe Sangerhausen, weilte Otto I. nach Magdeburg, Quedlinburg und Ingelheim am häufigsten. Die einstige Pfalz wird an der Stelle vermutet, an der heute das Renaissanceschloss steht.

In Halberstadt residierte einer der stärksten Widersacher des Kaisers: ­Bischof Bernhard widersetzte sich bis zu seinem Tod erfolgreich der Gründung des Erzbistums Magdeburg. »Auch solche Gegnerschaft gehörte zum Herrschen«, weiß Matthias Puhle. Bernhard wie Otto stritten, jeder für sich »In Hoffnung auf ewigen Lohn«, wie die Ausstellung überschrieben ist. Das Grab Bernhards im Dom ist nur während der Ausstellung zu sehen.
In Gernrode sei die einzige Kirche aus ottonischer Zeit in der Region zu finden, und Tilleda nahe der thüringischen Grenze lasse als einziger Ort den Alltag in einer Pfalz erlebbar werden, erläutert der Museumsdirektor die Bedeutung einzelner Kaiserorte.
Renate Wähnelt

www.otto2012.de

Die Ausstellungsorte
Wallhausen – Geburtsort; Quedlinburg – Hochzeit; Memleben – Sterbeort,  Gernrode – Stiftskirche aus der Ottonenzeit, Halberstadt – Sitz eines erbitterten Gegners, Merseburg – das eigene Bistum, Tilleda – Freilichtmuseum Königspfalz, Magdeburg – Lieblingspfalz, eigenes Erzbistum und Machtzentrum mit Grablege im Dom
Alle Ausstellungen enden am 9. Dezember 2012.

Es ging nie um den Sportgedanken – es ging um den Klassenauftrag

29. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: »Sport wird bis heute missbraucht« – Hans-Georg Aschenbach, Olympiasieger, DDR-»Held« und DDR-»Verräter«, zieht Bilanz

Wenn über die DDR geredet wird, wird oft die Sportförderung in den höchsten Tönen gelobt. Der Thüringer Skispringer Hans-Georg Aschenbach brachte es bis zum olympischen Gold – und kehrte der DDR dennoch den Rücken. Harald Krille sprach mit ihm.

Herr Aschenbach – DDR und Sport: Wie sind denn Ihre Erfahrungen?
Aschenbach:
Der Sport war für die DDR vor allem eine Möglichkeit, die Überlegenheit des Systems nach außen hin zu dokumentieren und nach innen hinein eine gewisse Erfolgsbilanz darzustellen. Natürlich bot die gezielte Sportförderung talentierten Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, in den Kinder- und Jugendsportschulen und in den Klubs sich als junger Mensch fortzubilden. Aber letztendlich immer verbunden mit dem Gesichtspunkt der extrastarken Disziplin und des politischen Gehorsams.

Goldjunge: Hans-Georg Aschenbach mit der Replik seiner wertvollsten Medaille – dem olympischen Gold in der Disziplin Skispringen bei den ­Winterspielen von 1976 in Innsbruck. Die Originale seiner Medaillen befinden sich in verschiedenen Museen. Foto: Harald Krille

Goldjunge: Hans-Georg Aschenbach mit der Replik seiner wertvollsten Medaille – dem olympischen Gold in der Disziplin Skispringen bei den ­Winterspielen von 1976 in Innsbruck. Die Originale seiner Medaillen befinden sich in verschiedenen Museen. Foto: Harald Krille

Wie lief das bei Ihnen?
Aschenbach:
Ich bin als Zwölfjähriger auf eine Kinder- und Jugendsportschule delegiert worden, nachdem ich im Rahmen der Schul-, Kreis- und Bezirksmeisterschaften gute Leistungen vollbracht habe. Natürlich hat man mit meinen Eltern gesprochen, aber letztlich galt: Nicht von den Eltern oder gar von einem selbst, sondern vom politisches System wurden die Entscheidungen gefällt. Immer unter dem Gesichtspunkt, junge Menschen heranzuzüchten, die durch hohe sportliche Leistungen im internationalen Maßstab das System vertreten sollten.

Aber es wurde auch etwas geboten?
Aschenbach:
Sicherlich belohnte das System die Unterordnung und die Leistungserbringung mit bestimmten Möglichkeiten. Ob bei der Berufswahl oder später der bevorzugten Beschaffung von Wohnraum, Autos, Fliesen …

In ihrem Buch schreiben Sie: »Die Sportler der DDR waren keine Diplomaten. Wir waren Krieger, eingesetzt an der politischen Front, Kämpfer für die Unsache des Sozialismus.«
Aschenbach:
So sind wir erzogen worden. Das war unsere Überzeugung. Schon in der Sportschule haben Geschichtslehrer und Direktor das politische Ziel formuliert. Ich weiß es noch wie heute: »Die Blutspur führt nach Bonn, die schlimmsten Menschenfeinde sind die Bürger der Bundesrepublik Deutschland und das sind unsere ersten Feinde. Wir treiben keinen Sport, sondern wir machen eine Ausbildung, um besser zu sein als die Sportler der kapitalistischen Länder und ganz besonders als die Westdeutschlands.« Das war auch Inhalt der politischen Gehirnwäschen, die wir in Vorbereitung auf Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele bekamen. Es ging nie um den Gedanken des Sports. Es ging um den Klassenauftrag: Wir schlagen den Gegner aus den kapitalistischen Ländern, bevorzugt die Sportler der Bundesrepublik Deutschland.

Trotzdem hat der Sport und der damit verbundene Erfolg für Sie persönlich viel bedeutet.
Aschenbach:
Das ist richtig. Ohne den DDR-Sport wäre ich nicht das, was ich heute bin. Das Ziel kann man heute kritisieren, trotzdem bot das Gesamtsystem dieser einheitlichen sportlichen Förderung und Führung eine ideale Möglichkeit für junge Menschen, Zielrichtung zu finden, zu sich selbst zu finden, Disziplin zu entwickeln, Charakterfestigkeit, Ehrgeiz, fertig zu werden mit Niederlagen. Der Sport ist auch heute noch für mich eine der wichtigsten Möglichkeiten der Erziehung junger Menschen. Nur wurde er im Dritten Reich missbraucht, er wurde im Sozialismus missbraucht, er wird heute weiterhin missbraucht, weil der Sport weltweit einen falschen Stellenwert bekommen hat.

Was meinen Sie mit falschem Stellenwert?
Aschenbach:
Weil er dazu dient, eine direkte Auseinandersetzung zwischen den Systemen durchzuführen. Es ist Krieg auf anderer Ebene. Und die Sportler und ihre Erfolge werden immer missbraucht, um das System zu rechtfertigen, dem sie letztendlich dienen. Turnvater Jahn hatte sich das ganz anders vorgestellt.

Zu den dunklen Seiten des DDR-Sports gehört auch das Stichwort Doping.
Aschenbach:
Die DDR war eines der ersten Länder, das eine flächendeckende Konzeption zum Einsatz unterstützender Mittel hervorgebracht hat. Dabei ging es zunächst um Ernährung, um den Einsatz der Sportmedizin, der Sportphysiotherapie und von Vitaminen. Irgendwann ist einer gekommen und hat gesagt: Leute, man könnte auch aus den Ergebnissen medizinischer Forschung heraus bestimmte Mittel einsetzen, um die sportliche Leistung zu erhöhen. Und es gab verblendete Ärzte und Wissenschaftler, die aus Geltungssucht heraus diese Mittel systematisch in den Leistungssport hineintrugen. Und es gab dazu eine politische Führung die sagte, dass diese Möglichkeiten auch angewendet werden.

Sie gehören zu den wenigen, die offen darüber reden. Warum sind es nicht mehr?
Aschenbach:
Ja, das Problem ist, dass derjenige, der sich outet, sich eben outet. Das heißt, er unterwirft sich der Kritik. Wenn man sagt: Ich habe gedopt, ich musste dopen um meinen politischen Auftrag zu erfüllen, dann muss man auch sagen, man hatte die Alternative Nein zu sagen. Auch ich hatte diese Alternative, als mir die Sportfunktionäre gesagt haben: So läuft es in Zukunft, machst du mit oder machst du nicht mit? Mir ist das mit 18 widerfahren. Da hat man schon mal ein paar Jahre trainiert, hat einen gewissen Stellenwert, weiß natürlich auch um die Verlockungen des Auslandsstartes, des Westgeldes, der Möglichkeiten, durch den Sport sich beruflich zu entwickeln. Der Preis des Nein wäre das Ende der Laufbahn gewesen …

Sie lebten nach Ihrer aktiven Laufbahn als Sportmediziner und Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee weiter in einem Bereich, der besonders von ideologischer Indoktrination geprägt war. Dennoch brachen Sie mit dem System, während viele bis heute behaupten, alles sei gut gewesen und von den schlimmen Dingen habe man nichts gewusst …
Aschenbach:
Nein! Nein, das stimmt nicht, das ist gelogen. Ich denke mal, jeder bewusst lebende Mensch hat auch mitbekommen, was eigentlich vor sich geht, welche Widersprüche es im System gibt. Mit 38 Jahren habe ich mit dem System gebrochen, weil ich gesehen habe, wo das Ganze hinführt. Weil ich bewusst angefangen habe nachzudenken und mich nicht selber als Sportmediziner schuldig machen wollte. Ich kann verstehen, dass viele sich angepasst haben, sich um des Überlebens und um der Kinder willen entschlossen haben, mit den Wölfen zu heulen. Was ich nicht verstehe, dass man heute noch dasteht und sagt: Ich hab all das nicht gewusst, es ging uns doch gut und es war doch alles in Ordnung. Da fehlt es offenbar an Aufarbeitung der eigenen Rolle. Das ist eine absolute Verdrängungsgeschichte.

»Die Sportler der DDR waren keine Diplomaten. Wir waren Krieger, eingesetzt an der politischen Front, Kämpfer für die Unsache des Sozialismus«

Sie haben auch 20 Jahre gebraucht, um die Geschichte Ihres Bruches mit dem System aufzuarbeiten.
Aschenbach:
Meine heutige Frau hat mich letztlich zur Aufarbeitung gezwungen. Bei einem Besuch bei der Geschichtsmesse in Suhl vor zwei Jahren merkte ich, das Thema ist heute noch brisant und Menschen sagten mir, wir brauchen Leute wie dich, du bist kritisch, du bist offen, schreib deine Geschichte auf. Und dann sagte meine heutige Frau: Wenn du das jetzt nicht machst, dann müssen wir uns glaube ich trennen. Beende deine Vergangenheit, indem du sie öffnest. Dass führte dann auch zu der Erkenntnis, ich sollte nach 20 Jahren meine Stasiakte anschauen.

Mit welchem Ergebnis?
Aschenbach:
2000 Seiten, die mich im ersten Moment wirklich erschütterten. Die Art und Weise, wie Menschen in der DDR miteinander umgegangen sind, wie Freunde verraten wurden. Aber dann sage ich wieder: Okay, in jener Zeit war es ein Selbstschutz, aber was war danach?

Ist irgendjemand von denen, die als Spitzel über Sie schrieben, auf Sie zugekommen, zumindest jetzt nach dem Buch?
Aschenbach:
Nein, nicht ein einziger. Es wäre doch ganz einfach zu sagen, du ich hab in dem System meine Rolle gespielt, ich hab das und das gemacht, ich hab den und den Vorteil gehabt, es tut mir Leid. Können wir uns wieder in die Augen schauen? Und da würde ich sagen, ja wir können.

In diesen Tagen beginnen die Olympischen Sommerspiele in London. Wie sehen Sie die Situation im Leistungssport heute?
Aschenbach:
Sie ist sogar noch schlimmer als früher. Weil heute sehr viel mehr Geld im Spiel ist.

Hat der Kommerz die Politik im Missbrauch des Sport abgelöst?
Aschenbach:
Natürlich – es ist der Kommerz, dass Firmen Geld investieren, dass Werbelogos getragen werden und dass man einen sportlichen Erfolg mit einer Ware, mit einem Produkt verbindet. Dazu kommt: Es ist ein Berufsbild entstanden, das heißt Sportler. Und mit diesem Beruf kann man Geld verdienen, aus, fertig.

So nüchtern sehen Sie das?
Aschenbach:
Ja, so nüchtern sehe ich das. So nüchtern sehen das auch die Sportorganisationen, so nüchtern sieht das letztendlich der Staat bei der Förderung. Denn wo ist denn da die Gerechtigkeit? Wo sind die Nordic-Walker, wo sind Extremsportler? Wo sind Bergläufer, Freikletterer oder Bergsteiger, die ja auch Sportler sind und die in ihrem Bereich viel mehr den Gedanken der Gemeinsamkeit, des Zusammenseins als Freude miteinander ausleben? Die werden nicht gefördert. Warum nicht? Weil man mit ihnen kein internationales Ansehen hervorbringen kann und weil sich kein Werbesponsor dafür interessiert.

Aschenbach, Hans-Georg: Euer Held. Euer Verräter. Mein Leben für den Leistungssport, Mitteldeutscher Verlag, 192 Seiten, ISBN 978-3-89812-892-6, 19,95 Euro

Aschenbach, Hans-Georg: Euer Held. Euer Verräter. Mein Leben für den Leistungssport, Mitteldeutscher Verlag, 192 Seiten, ISBN 978-3-89812-892-6, 19,95 Euro

Hans-Georg Aschenbach, 1951 im thüringischen Brotterode geboren, wird als Mitglied im Armeesportklub (ASK) Oberhof mehrfacher Weltmeister und schließlich 1976 Olympiasieger im Skisprung. Nach außen zum »Helden« stilisiert, lebt er in der geschlossenen Welt der Armee, studiert Sportmedizin, ist schließlich Oberstleutnant. Dennoch gerät Aschenbach innerlich immer mehr in Konflikt mit dem DDR-System und plant seine Flucht in den Westen, die ihm als begleitenden Mannschaftsarzt bei einem Trainingslager in den Alpen 1988 gelingt. Der »Held« wurde zum »Verräter«, auch an seiner damaligen Familie, die nichts von seinem Vorhaben wusste.
In seinem Buch beschreibt Aschenbach, der heute als niedergelassener Arzt in Freiburg lebt, schonungslos offen und zutiefst ehrlich seine inneren und äußeren Kämpfe.

Es wächst mehr im Garten als man gesät hat

28. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Man kämpft das ganze Wochenende mit dem Löwenzahn und da, am späten Montagnachmittag, ist er überall keck wieder da in voller wunderschöner Blüte, über alle Maßen hübsch und gedeiht, wie es nur Löwenzahn im Angesicht der Not tun kann«, ist die Erfahrung der ­englischen Schriftstellerin Katherine ­Whitehorn. Wer teilt sie nicht mit ihr. Unkraut ist unglaublich zäh, wenn es ums Überleben geht. Die zarte Vogelmiere behauptet sich ebenso erfolgreich wie der schier unausrottbare Giersch, die Brennnessel oder der Gundermann. Dass man sie samt und sonders in der Küche verwenden kann, sie überaus vitaminreich sind und keinen Cent kosten, tröstet nicht wirklich.

»Unkraut ist die Opposition der Natur gegen die Regierung der Gärtner«
Oskar Kokoschka

Obwohl – die meisten sehen dazu noch hübsch aus. Gänseblümchen im Rasen sind nicht die feine englische Art, aber liebenswert, teetauglich und eine Zierde auf dem Salat. Das goldgelbe Scharbockskraut gehört zum ersten Grün und kann vor der Blüte als Vitamin C-Lieferant in die Kräuterbutter oder Frühlingssuppe. Sterne­köche haben den Geschmack von ­Unkraut – oder besser Wildkraut – neu entdeckt und dekorieren ihre Kreationen damit. Gartenzeitschriften winden Kränze aus Disteln und preisen Rezepte mit Melde. Altes Kräuterwissen und neue Begeisterung mischen sich und verwischen die Grenzziehung zwischen Unkraut und Gepflanztem.

Christine Lässig

Christine Lässig

Überhaupt ist die Einteilung in Zierpflanzen, Nutzpflanzen und Unkraut nicht sehr überzeugend. Kapuzinerkresse kann man essen, Kartoffelblüten zierten früher die Frisuren vornehmer Damen, und roter Mohn im Kornfeld sieht umwerfend aus, auch wenn es den Bauern nicht freut.
Die Natur richtet sich einfach nicht nach unseren Bewertungskriterien. Sie lächelt über unseren Ordnungssinn und Gestaltungswillen. Da mag man noch so fleißig ­jäten – es wächst im Garten mehr als man gesät hat. Leider Gottes und Gott sei Dank. Denn sonst würde nicht ­neben meiner lavendelblauen Clematis diese ­zitronengelbe Rapontika blühen, ein ausgewildertes Gourmetgemüse der Goethezeit.
Christine Lässig

Musik ist seine Berufung

24. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Wolfgang Kupke leitet die Kirchenmusikhochschule in Halle


Die Studenten strahlen, wenn sie ihm auf der Treppe begegnen und die Hallenser mögen ihn wegen seiner überragenden Konzerte: Wolfgang Kupke, Rektor der evangelischen Musikhochschule in Halle, ist beliebt. Und das hat der 60-Jährige mehrfach Schwarz auf Weiß: Erst vor Kurzem wurde er für sein kulturelles Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet; im Juni verlieh ihm die Universität Halle den Ehrentitel »Universitätsorganist«, den der Musikprofessor nun neben dem Titel Kirchenmusikdirektor tragen darf.

»Ich nehme das locker, das ist nicht das Wichtigste für einen Musiker«, sagt der gebürtige Ascherslebener, für den die Musik schon seit frühester Kindheit eine Rolle spielte. Mit fünf Jahren lernte er Klavier spielen, mit 14 trat er seine erste Organistenstelle an, mit 23 Jahren machte er in Halle den Abschluss zum Kirchenmusiker – an der Hochschule, deren Leiter er nun seit April 2000 ist.

Vor Kurzem erhielt Wolfgang Kupke von der Universität Halle den Ehrentitel »Universitätsorganist«. Foto: Silvia Zöller

Vor Kurzem erhielt Wolfgang Kupke von der Universität Halle den Ehrentitel »Universitätsorganist«. Foto: Silvia Zöller

Egal, ob er den Hochschul-Chor dirigiert oder in den Noten von Thomas Buchholz, Ge­winner des Komposi­tionswettbewerbs der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) blättert, dessen ungewöhnlichen Lutherchoral »Feste Burg« Kupke im November bei der ­Uraufführung dirigieren wird – immer wird mit nur wenigen Gesten klar, dass die Musik nicht der Beruf, sondern die Berufung von Wolfgang Kupke ist. »Das Wichtigste für mich ist die Arbeit«, stimmt er zu. Und die Arbeitsbedingungen sind für ihn mehr als optimal: An der Kirchen­musikschule, die nach Kupkes ­An­gaben die größte in Deutschland ist, studieren im Schnitt 60 bis 70 Studenten, die von 40 Lehrkräften betreut werden, darunter auch vom Rektor in der Dirigierklasse. »Das Kirchenmusikstudium vollzieht sich im wesent­lichen im Einzelunterricht«, erklärt Kupke das außergewöhnliche Verhältnis von Studenten- und Dozentenzahl. Nur die Allerbesten bestehen die schwere Aufnahmeprüfung: Schließlich stehen jedes Jahr nur zehn neue Plätze zur Verfügung. »Das mag für ­einige hart sein, aber es ist besser, als nach fünf Jahren Studium wegen ­eines schlechten Abschlusses keine Stelle zu finden«, ist das fürsorgliche Credo des Rektors. Obwohl die Chancen für ­Kirchenmusiker zurzeit, so Kupke, gut stehen: Den deutschlandweit rund 100 Absolventen stehen ­momentan ­etwas mehr freie Stellen zur Auswahl.

Wenn man den ganzen Tag von Musik umgeben ist, mag man da abends zu Hause noch Bach und Co hören, geschweige denn spielen?

»Ja«, ist die klare Antwort von Wolfgang Kupke, der mit einer ­Opern­sängerin verheiratet ist und mit ihr gerne gemeinsam in Konzerte geht oder CDs hört. Und ihr noch viel lieber Stücke auf seiner Orgel vorspielt, die seit letztem Jahr in seinem Haus steht: »Ich war immer in Sorge, den Musikstudenten Übungsstunden an der Hochschul-Orgel wegzunehmen«, erklärt er die Anschaffung. Die moderne Technik machte es möglich, dass der Orgel-Fan seiner Leidenschaft nun auch in den eigenen vier Wänden nachgehen kann – Kupkes elektronische Orgel hat keine Pfeifen, sondern erzeugt die Klänge ihrer 30 Register via Computertechnik.
Doch noch mehr liegt ihm eine andere Orgel am Herzen, die Sauer-­Orgel der Universität, an der er künftig häufiger zu hören sein wird, etwa bei Universitätsgottesdiensten oder bei akademischen Festveranstaltungen. Denn der frisch gekürte Universitätsorganist Kupke hält das 1926 erbaute und 2007 sanierte ­Instrument für ein besonderes und einmaliges: »Hier ist eine ­früh­barocke Orgel mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts gebaut worden.« So können auf der Orgel problemlos unterschiedlichste Musikstücke aus Barock, Romantik und anderen Stilen gespielt werden. Und das ist ganz nach Kupkes Gusto, der Abwechslung in der Musik liebt und sich in den letzten Jahren vor allem Interpretationen der Musik des 20. Jahrhunderts wie Poulenc, Honegger, Kodály oder Schönberg widmete.
Silvia Zöller

www.ehk-halle.de

Was die Bibel zur Beschneidung sagt

23. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Bibelkunde: Zur Herkunft und Tradition des Jahrtausende alten Rituals mit religiöser Bedeutung

Die religiöse Beschneidung ist für die meisten hierzulande ein fremdes, geheimnisvolles Ritual. Die Wurzeln dieser nicht nur jüdischen Sitte sind in der Bibel zu ­finden.

Die Beschneidung ist Zeichen des Bundes Gottes mit dem Stammvater Abraham und dessen Nachkommen. Gott verheißt ihm »das ganze Land Kanaan zu ewigem Besitz«. Als Zeichen der Menschen fordert Gott: »Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden; eure Vorhaut sollt ihr beschneiden.« Die Anordnung gilt für Säuglinge (»jedes Knäblein, wenn’s acht Tage alt ist«), Hausangestellte und Sklaven. Abraham erfüllt den Wunsch sofort, beschnitt auch sich selbst – wohlgemerkt im stolzen Alter von 99 Jahren. Viele Jahrhunderte danach wird auch Jesus beschnitten – am achten Tage, wie es das Gesetz will.
»Wenn eine Frau empfängt und einen Knaben gebiert, so soll sie sieben Tage unrein sein, wie wenn sie ihre Tage hat. Und am achten Tage soll man ihn beschneiden.« (3. Mose 12, Vers 2f)

1. Mose 17; 1. Mose 21,3f.; Johannes 7,22
Dass die Erfüllung des Mosaischen Gesetzes nicht genügt, um Gott zu gefallen: Darauf weisen deutlich die Propheten hin. Auch in Sachen Beschneidung üben sie Kritik. »Beschneidet euch für den Herrn und tut weg die Vorhaut eures Herzens, ihr Männer von Juda und ihr Leute von Jerusalem, auf dass nicht um eurer Bosheit willen mein Grimm ausfahre wie Feuer und brenne, sodass niemand löschen kann.« Auch Apostel Paulus übernimmt die Vorstellung. Die »Beschneidung des Herzens« sei wichtiger als die fleischliche, denn sie geschehe »im Geist und nicht im Buchstaben«.

5. Mose 10,16; Jeremia 4,4; Römer 2,29
Nach einer Beschneidung braucht es Zeit, damit die Wunde heilen kann. Josua weiß das – nachdem er die Söhne des wandernden Gottesvolkes mit einem Stein beschnitten hatte, »blieben sie an ihrem Ort im Lager, bis sie genesen waren«. Simeon und Levi, zwei Söhne Jakobs, nutzen die Schmerzen der Beschneidung strategisch und hinterhältig aus: Sie forderten die Hiwiter auf, sich zu beschneiden. Dann, »am dritten Tage, als sie Schmerzen hatten, nahmen (sie) ein jeder sein Schwert und überfielen die friedliche Stadt und erschlugen alles, was männlich war«. Als Waffe im Krieg setzten die makkabäischen Freischärler um Mattatias die Beschneidung ein.

1. Mose 34; Josua 5,8; 1. Makkabäer 2,45f.;
Im 2. Buch Mose findet sich eine merkwürdige Episode, die darauf hinweisen könnte, dass einst Frauen die Beschneidung durchführten. Mose ist mit seiner Frau Zippora unterwegs – da begegnet er Gott, der ihn töten will. Die Gründe für Gottes Zorn sind im Unklaren; sie könnten darin liegen, dass Moses Frau Zippora die Tochter eines midianitischen Priesters ist und Moses Sohn Gerschom nicht beschnitten war. Sofort nach der göttlichen Drohung beschneidet Zippora ihren Sohn und berührte mit der Vorhaut Abrahams Scham »und sprach: Du bist mir ein Blutbräutigam«. Daraufhin ließ Gott von Mose ab. Die Geschichte lässt viele Fragen offen.

2. Mose 4,24-26
Einmal beschnitten – immer beschnitten: Das Zeichen des Bundes ist nicht zu verbergen, sollte man meinen. Im zweiten Jahrhundert vor Christi haben einige Juden es geschafft. Sie wollten die »heidnische Lebensweise« wieder einführen. Mit Hilfe künstlicher Vorhäute machten sie ihre Beschneidung rückgängig und schlossen sich so aus dem Bund Gottes wieder aus. Auch ohne solche ­körperliche Veränderung kann die Beschneidung rückgängig gemacht werden, meint in neutestamentlichen Zeiten der Apostel Paulus: »Hältst du aber das Gesetz nicht, so bist du aus einem Beschnittenen ein Unbeschnittener geworden.«

1. Makkabäer 1,11-16; Römer 2,25
Ach, schöne mittelalterliche Zeiten, als für eine Braut »nur« eine Kuh oder zehn Ziegen gezahlt werden mussten. Um seine Angebetete Michal ehelichen zu dürfen, forderte deren Vater, Israels König Saul, nicht weniger als »hundert Vorhäute von Philistern« von David. Der seltsame  Brautpreis lässt sich erklären: Saul meinte, David würde den Kampf gegen die Philister nicht überleben. Doch der kampferprobte David »zog hin mit seinen Männern und erschlug unter den Philistern zweihundert Mann«. Die Schilderung der Prozedur der Leichenbeschneidung erspart uns die Bibel. Jedenfalls bringt David seinem künftigen Schwiegervater 200 Vorhäute, woraufhin dieser zähneknirschend seine Tochter David übergeben muss.

1. Samuel 18,17-30

Vor der Beschneidungszeremonie werden die chirugischen Instrumente zurechtgelegt. Foto: picture-alliance/ dpa

Vor der Beschneidungszeremonie werden die chirugischen Instrumente zurechtgelegt. Foto: picture-alliance/ dpa

Muss ein Christ beschnitten sein? Das war in der Urchristenheit eine Frage, die fast zur Spaltung führte. Sie stellte sich, als sich die ersten Nichtjuden – »Heiden« – zum christlichen Glauben bekannten. Nach vielen Diskussionen und überzeugenden Argumenten des Apostels Paulus – selbst beschnittener Jude – spricht sich eine Apostelversammlung gegen den Zwang zur Beschneidung aus. Paulus meint, die Beschneidung sei nur ein äußeres Zeichen. »In Christus Jesus« hingegen zähle »weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist«.
Oder, aus einem anderen ­Blick­winkel: Jeder Christ ist beschnitten – »mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht… der Beschneidung durch Christus«.

Apostelgeschichte 15; Römer 2,26-29; Galater 5,6; Philipper 3,3-5; Kolosser 2,11

Uwe Birnstein

Akteneinsicht

22. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Vojen Syrovatka gibt seine Lebensgeschichte als Sohn eines politischen Häftlings an Jugendliche weiter

»Im Fadenkreuz der Geheimpolizei« war das Motto eines Seminars, bei dem ein Zeitzeuge von der politischen Verfolgung in der ­ehemaligen CSSR spricht.

Wir durften Vater nur einmal im halben Jahr 15 bis 20 Minuten sehen. Meist war ein Draht zwischen uns oder ein Fenster.« Wenn Vojen ­Syrovatka heute davon erzählt, wie er als Kind mit Mutter und Schwester in den 1950er Jahren seinen Vater im ­Gefängnis besuchte, klingt das weit weg. Für die 32 deutschen und tschechischen Jugendlichen, die ihm bei ­einem Seminar in der Dresdner Brücke/Most-Stiftung gespannt zuhören, ist das Geschichte. Sie sind zwischen 16 und 19 Jahren alt und haben den Sozialismus nicht erlebt.

Vojen Syrovatka studiert gemeinsam mit Schülern aus Most Kopien aus der Stasi-Akte seines Vaters, der zwischen 1949 und 1963 in politischer Haft war. Fotos: Robert Gommlich

Vojen Syrovatka studiert gemeinsam mit Schülern aus Most Kopien aus der Stasi-Akte seines Vaters, der zwischen 1949 und 1963 in politischer Haft war. Fotos: Robert Gommlich

»Doch das ist nahe Geschichte, ­deren Einfluss auf unser heutiges Leben noch sehr stark ist«, meint einer der Jugendlichen, der 16-jährige Mittelschüler Tomas Kochlöffel aus Most (Brüx). Für Vojen Syrovatka war das bis vor Kurzem noch unendlich entfernte Vergangenheit. Erst als er letztes Jahr knapp 10000 Akten aus dem Archiv der Staatssicherheit in Prag über seinen Vater ausgehändigt bekam, änderte sich das.

»Der Zugang zu den Stasiakten besteht ja schon länger, aber ich war ständig unterwegs und habe mir dafür keine Zeit genommen«, sagt der 71-Jährige. Seine wachen Augen liegen tief unter buschigen Augenbrauen. Wer bei seinem ergrauten Rauschebart an einen orthodoxen Priester denkt, liegt fast richtig. Syrovatka ist bis heute evangelischer Pfarrer, davon zwischen 1971 und 1990 im nordböhmischen Rumburk (Rumburg).

Erst als ihn ein Mitarbeiter des Stasi-Archivs wegen seines Vaters sprechen wollte, befasste er sich mit dessen Vergangenheit aus der Sicht der Spitzel. Die Akten halfen ihm, die ­Erinnerungen wachzurufen. Ein Jahr nach seiner Geburt ging der Vater in den Widerstand gegen die nationalsozialistischen Okkupanten. Nach dem Krieg gehörte er zu einer Armeeeinheit, die die Deutschen vor der wilden Vertreibung schützen sollte und war doch wehrlos, als das deutsche Kindermädchen seiner Frau von fanatischen Tschechen umgebracht wurde.

Nur kurze Zeit später wurde er selbst Opfer der Repression. Als ­entschiedener Antikommunist verbrachte er seit 1949 14 Jahre ­seines ­Lebens hinter Gittern und in schwersten Arbeitslagern wie dem Uranbergbau in Jachymov (Joachimsthal) im Erzgebirge.

Dass ihm seine jungen Zuhörer aufmerksam an den Lippen kleben, hat auch damit zu tun, dass Syrovatka in ihrem Alter war, als er mit der Abwesenheit des Vaters leben musste. »Erst wurde mir die Elektromechanikerlehre verwehrt, später durfte ich nicht auf die Hochschule«, schildert Vojen Syrovatka die Folgen. Die politische Verfolgung hatte Auswirkungen bis ins alltägliche Leben der Familie. Seine Mutter bekam nur schlecht bezahlte und körperlich schwere Arbeit und keiner wollte mit ihnen zu tun ­haben. Dazu die ständigen Verhöre.

Mit der vorzeitigen Freilassung des Vaters in der politischen Tauwetterphase der 1960er Jahre war es jedoch nicht getan. Die Familie hatte sich entfremdet. »Viele zerbrachen daran«, unterstreicht Syrovatka.
Ihm selbst war der Antikommunismus des Vaters lange zu radikal. Er setzte große Hoffnungen auf den ­Prager Frühling, dass der Sozialismus sich als reformfähig erweisen würde. »Nach 1968 musste ich dem Vater recht geben«, sagt Syrovatka heute.

Da beendete er gerade sein Theologiestudium, wurde Pfarrer in Rumburk, wo er 1977 als einer der ersten die Charta 77 unterzeichnete und fortan selbst der Geheimpolizei ausgesetzt war. »Meine Mutter nahm das sehr mit. Erst damals wurde mir klar, wie stark sie unter der politischen Haft des Vaters gelitten hat«, schließt Syrovatka.
Ob er glaubt, dass sich die Geschichte wiederholt, fragt ihn zum Abschluss einer der Jugendlichen. »Das hängt auch von euch ab, ob ihr nachdenkt, euch im System gut orientiert und nicht Ideologen verfallt«, gibt er seinen Zuhörern mit auf den Weg.

Steffen Neumann

Die Stasiakten der ehemaligen CSSR

Das Seminar »Im Fadenkreuz der Geheimpolizei« wurde im Rahmen eines ­Zeitzeugenprojekts der Brücke/Most-Stiftung und des Collegium Bohemicum aus Usti nad Labem (Aussig) organisiert.
In Tschechien ist seit Mitte der 1990er Jahre die Einsicht in die Akten der Staatssicherheit möglich. Seit 2008 gibt es ein gemeinsames Archiv, das alle Geheimdienstakten zwischen 1945 und 1992 vereint und erforscht. Bemerkenswert ist die Vielzahl an Diplom- und Doktorarbeiten zu dem Thema. Bis heute werden Angestellte im tschechischen Staatsdienst obligatorisch auf Stasi-­Mitarbeit überprüft.

In gutem, verständlichem Deutsch geschrieben

21. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Buch »Martin im Sturm« erklärt auf kindgemäße Weise, was Reformation bedeutet

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag

Nach der Erzählung »Martin sucht die Freiheit« von 2010 legt Andreas Müller nun erneut ein Kinderbuch über Martin Luther vor: »Martin im Sturm«. Die Erzählung spielt im Winter 1521/22. Der zwölfjährige Martin aus Luthers Geburtsort Möhra fährt als Gehilfe des alten Zunderkurt, der Feuerschwämme verkauft, nach Wittenberg und gerät dort in die Auseinandersetzungen zwischen Verfechtern der alten und der neuen christlichen Lehre sowie in die Streitigkeiten innerhalb von Luthers Anhängern. Luthers Predigten gegen die Bilderstürmer und der Empfang des Abendmahls unter beiderlei Gestalt sind die geistlichen Höhepunkte von Martins Aufenthalt in Wittenberg. Die Stadt erscheint ihm wie ein »aufgescheuchter Hühnerstall«, »lauter aufgeregte Menschen«. Auf kindgemäße Weise wird erklärt, was Reformation bedeutet. Der Student Lukas, dem Martin sich anschließt, geht von der Bedeutung des Wortes »Re-Formation« aus. »Wir sollen alles in der Kirche so zurückformen, wie es Jesus gewollt hat. Alles Gold und Geld muss den Armen gegeben werden, denn Jesus und seine Freunde waren arm. Und einen Papst in Rom muss es nicht geben, und Götzen brauchen wir auch nicht. ­Re­formation ist viel Arbeit und Streit und viel Neues, was aber längst in der ­Bibel geschrieben steht.«

Martin entgegnet: »Und ich dachte, Reformation heißt nur, dass man keine Angst mehr zu haben braucht, weil vor Gott alle gleich sind. Und dann dachte ich noch, dass man sich frei fühlt, wenn man keine Angst mehr hat. Ich dachte, Reformation heißt, mutig sein und fromm.«

Im Unterschied zu der früheren Erzählung liegt hier der Schwerpunkt auf dem geistigen und geistlichen Verstehen von Reformation. Die Handlung ist wieder farbig, in sich stimmig und interessant, wenngleich nicht ganz so spannend. Aber das liegt am Stoff, der sowohl dem zwölfjährigen Helden als auch den Lesern ab etwa zehn Jahren Reflexion und Interesse an Geschichte und existenziellen ­Problemen abverlangt. Aber gerade Kinder stellen ja die entscheidenden Fragen nach Tod und Leben.

Christian Badels teils farbige, teils schwarz-weiße Illustrationen werden die Kinder erfreuen. Empfehlenswert ist das Buch noch aus einem anderen Grund: Es ist in einem guten, verständlichen, dem Stoff und den Lesern angemessenen Deutsch geschrieben.

Jürgen Israel

Müller, Andreas: Martin im Sturm. Wartburg Verlag, 68 S., ISBN 978-3-86160-253-8, 14,80 Euro

Moderner Klassiker des Kirchenlieds

16. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Vertreter des Neuen Geistlichen Liedes: Friedrich Karl Barth – Glaubensmusiker (Teil 6/Schluss)

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 den Schwerpunkt in diesem Jahr auf »Reformation und Musik« gelegt. Eine ­Serie stellt Komponisten und Liederdichter von der Reformation bis zur Gegenwart vor, deren Kunst ein reformatorisch inspirierter Glaube geprägt hat.

Die Bibel ist von Luther als ein Buch für jeden verstanden worden, nicht nur Lehre, sondern auch poetisch und ansatzweise immer Klang, was an den Psalmen besonders deutlich wird. Sie ist auch die Inspirationsquelle, aus der sich die evangelische Kirchenmusik erneuern kann. So ist es typisch reformatorisch, dass bei einem modernen Klassiker des Kirchenlieds wie Friedrich Karl Barth (Jahrgang 1938) der Beruf des Pfarrers mit dem des Dichters untrennbar verbunden ist.

Friedrich Karl Barth. Foto: Georg Magirius

Friedrich Karl Barth. Foto: Georg Magirius

»Komm, bau ein Haus«, »Selig seid ihr« »Brich mit dem Hungrigen dein Brot« oder das vielleicht meist ­ge­sungene deutschsprachige Tauflied »Kind, du bist uns anvertraut« stammen von ihm. Barth ist ein Vertreter des Neuen Geistlichen Liedes, einer Bewegung, die vor etwa 50 Jahren ­ihren Anfang nahm. Die moderne Sprache und neue musikalische Stile wollte man ins kirchliche Singen einbeziehen, oft waren das Elemente des Jazz. Konfessionelle Grenzen wurden dabei spielend überwunden. Lieder wie die von Wilhelm Willms, Rolf Schweizer, Fritz Baltruweit, Dieter Trautwein und Friedrich Karl Barth – wurden oft zuerst auf Kirchentagen gesungen, dann auch im normalen.
Anfang der 1960er Jahre hatte Barth begonnen, insbesondere für Jugendliche und auch mit ihnen nach einer Glaubenssprache zu suchen, die heute verständlich ist. Sie sollte sich von dem abheben, was er als »Phrasendrusch« erlebte. Die Sprache der aus dem Krieg heimgekehrten theologischen Elterngeneration empfand er als verbraucht.

Im Team gestaltete Barth auf dem Düsseldorfer Kirchentag 1973 die Liturgische Nacht, die der Kirchentagsbewegung so intensive Impulse gab, dass sie noch heute davon lebt. Zu dem fünfstündigen nächtlichen Fest kamen viele Tausend Teilnehmer, man malte, tanzte, feierte ein Mahl und sang neue Lieder. Es war die erste Zusammenarbeit mit Peter Janssens, der fortan die Musik für Barths Verse schrieb.

Barth suchte in seinen Lieder nach Wortkombinationen, in denen sich Hoffnung und Sehnsucht entfalten können. Zweifel, Fragen und Schmerz sollten allerdings nicht ausgeblendet werden. Die Sprache ist tänzerisch, festlich, eingängig, doch immer ist da auch ein Widerhaken, der zum Denken reizt. Barths Lieder sind merkwürdig und prägen sich rasch ein. Der Weg zu ihnen war schwer: »Es ist ein Absteigen in Schichten, über die du nicht verfügen kannst«, sagt Barth. »Es ist ein Wissen, das du nicht einfach abrufen kannst, sondern um das du dich quälen musst. Und wenn die Qual am schlimmsten ist, dann irgendwann ist das Wort da, das wie eine Lösung ist, fast so etwas wie Erlösung.«

Barth, Vertreter des Neuen Geistlichen Lieds, fand seine Inspiration im Alten. Gern lese er die unrevidierte Lutherübersetzung. Vieles mutet ihm gegenwärtig freilich restaurativ an, etwa das unablässige Aufführen von Bachkantaten: »Das ist ein abgehobenes ästhetisches Vergnügen, bei dem sich die Bürgerlichkeit zudeckt wie mit warmen Kissen.« Dagegen gelte es, das Biblisch-Alte und doch nie Überholte in die Gegenwart hereinzuholen. »Die Ideen zu den Liedern kamen auf Spaziergängen«, erinnert sich Barth: »In der Badewanne oder bei meinem unsystematischen Umgang mit der Bibel.«

Barth, zuletzt Kurseelsorger in Bad Wildungen bei Kassel, geht es nicht darum, dass seine Lieder bestehen bleiben. Wichtig ist ihm eine Sprache, die Menschen heute tröstet und berührt. Dafür seien Demut und Dünnhäutigkeit nötig, dazu die Fähigkeit, einander in Dunkelheit beizustehen. »Wenn du nicht wie Jesus an die Ränder gehst, kann es nichts werden«, sagt Barth, der mehrere Schlaganfälle erlitten hat. »Nur wenn du an die Ränder gehst, findest du deinen Text. Und wo das geschieht, geht es der Kirche nicht schlecht. Aber wo das nicht geschieht, soll sie die Gesangbücher zuklappen und sich vom Acker machen.«

Georg Magirius

Der Autor ist evangelischer Theologe. Er arbeitet als freier Schriftsteller und Journalist.

Literaturempfehlung
Magirius, Georg: Meister der Kirchenmusik, Agentur des Rauhen Hauses Hamburg, 48 S., ISBN 978-3-7600-0978-0, 3,00 Euro

Statt »Staatskirche« eine »Staatskirche light«

16. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Trotz einiger kritischer Anmerkungen, scheint die Norwegische Kirche den Demokratietest bestanden zu haben. Die Politiker waren bereit, ihr mehr Freiheit zu geben. Doch ist sie nun immer noch Staatskirche oder schon nicht mehr? Ist sie schon eine Volkskirche für die ganze Bevölkerung oder doch nur eine Kirche für das norwegische Volk? Einfacher ist es jedenfalls nicht geworden.

Michael ­Hoffmann ­berichtet für ­unsere Zeitung aus Norwegen.

Michael ­Hoffmann ­berichtet für ­unsere Zeitung aus Norwegen.

Bis zum 21. Mai 2012 war die Sache einfach: Norwegen war ein Königreich, der evangelisch-lutherische Glaube Staatsreligion, Die Norwegische Kirche eine Staatskirche und der König ihr weltliches Oberhaupt. Praktisch bedeutete dies, dass die Kirche Teil der Staatsverwaltung und keine eigene ­juristische Person war. Einen Glauben oder eine Weltanschauung zu haben, wird als ein menschliches Grundbedürfnis angesehen und mit der Norwegischen Kirche sichert der Staat eine Grundversorgung als staatliches Religionswesen bis auf die letzte Insel. So war es seit der per ­Dekret durchgeführten Reformation vor 500 Jahren. Seit 1999 entschied die Kirche auch selbst über alle Pfarrstellen. Nur Pröpste und Bischöfe wurden noch von der Regierung ernannt. Alle waren zufrieden, selbst die Muslime, die lieber in einem christlichen als in ­einem säkularen Staat leben. Alle? Nein, nicht alle!

Die organisierten Atheisten, die 1,6 Prozent der norwegischen Bevölkerung ausmachen und sich gern als Retter aller Nichtchristen aufspielen, konnten nicht mehr in einem christlichen Staat leben. In seltener Eintracht mit vielen Kirchenfunktionären, die endlich Herren im eigenen Haus sein wollten, gelang es ihnen, die Politiker zu überzeugen: Staatskirche und ein christlicher Staat sind nicht mehr zeitgemäß. Beides gehört abgeschafft. Doch geht dies nicht am Ziel vorbei? Die meisten Norweger sind mit ihrer Staatskirche zufrieden. Das Problem ist eher, dass es nur die ethnischen Norweger sind, die aufgrund von Einwanderung einen immer geringeren Teil der Bevölkerung ausmachen. Die Norwegische Kirche ist trotz einiger halbherziger Versuche vor allem eine Kirche fast nur für Norweger, und kaum gewillt dies zu ändern. Die Kirche soll die Tradition bewahren und Elemente aus anderen Kulturen werden da eher als störend empfunden. Für die meisten soll die Kirche da sein, wenn sie sie brauchen: zu Taufen, Beerdigungen, Konfirmationen, zur Wertevermittlung für die nächsten Generationen und als sicherer Hafen in Krisensituationen, wie im Sommer 2011. Ansonsten soll sie ihren Alltag so wenig wie möglich stören.

Seit dem 21. Mai ist nun alles anders. Das Grundgesetz ist geändert. Ich bin immer noch Staatsangestellter. Mein Staat hat keine Staatsreligion mehr, sondern nur eine Volkskirche. Diese ist immer noch keine eigene juristische Person, sondern weiter ein Teil der Staatsverwaltung. Aber die Kirche wählt nun auch ihre Pröpste und Bischöfe selbst.

Auch der König wird sich nach eigener Intervention weiter zum evangelisch-lutherischen Glauben bekennen müssen. Seine Bekenntnispflicht hatte man abschaffen wollen, ohne ihn selbst zu fragen. Dies ging Harald V. dann doch zu weit und entgegen allen Gepflogenheiten wagte er es, sich vorsichtig in die Politik seiner Regierung einzumischen.

Alles bleibt anders – statt »Staatskirche« eben »Staatskirche light«.
Michael Hoffmann

Glocken im klingenden Dialog

16. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 4. Mal startet am 14. Juli das Weltglockengeläut in Apolda

In Apolda gegossene Glocken wurden in alle Welt geliefert. Zum Weltglockengeläut, das am 14. Juli zum 4. Mal in Apolda startet, erklingen sie in unterschiedlichen Orten der Welt im Dialog. Das Geläut der drei Glocken in der Apoldaer Lutherkirche erwidern Glocken aus allen vier Himmelsrichtungen. Aus dem Westen antwortet der »decke Pitter«, die ­Dom­glocke von Köln, aus dem Osten die Glocke der Johanniskirche im sächsischen Lößnitz, aus dem Norden das Glockenspiel in der Kallion Kirkko im finnischen Helsinki und aus dem Süden die Glocke der Himmelfahrtskirche von Jerusalem in Israel. Jeweils vor Ort reagieren Musiker auf das Geläut, das erstmalig Menschen auf der ganzen Welt per Livestream im Internet mit verfolgen können.

100-jähriges Schilling-Geläut in der Kallion Kirkko in Helsinki. Foto: Kallion Kirkko, Helsinki

100-jähriges Schilling-Geläut in der Kallion Kirkko in Helsinki. Foto: Kallion Kirkko, Helsinki

Die Idee, die Apoldaer Glockengießergeschichte auf diese Art lebendig werden zu lassen, hatte der Medienkünstler Micky Remann zum Kulturstadtjahr 1999: »Ich war gerade fünf Jahre hier. Da habe ich erfahren, dass Apolda in alle Welt Glocken geliefert hat. Ich hatte Weltkonzerte organisiert, an denen sich Musiker per Telefon beteiligten und miteinander kommunizierten. Da kam mir die Idee, dass man das auch mit Glocken machen kann.« Die Premiere wurde ein Erfolg. Es war nicht nur der Glockenklang, der überzeugte, sondern die Verständigung über alle Grenzen hinweg. Durchschnittlich alle vier Jahre gibt es nun das Weltglockengeläut, das Micky Remann auch in einem interreligiösen Zusammenhang sieht: »Jede Glocke wird in ihrem Kontext gewürdigt und der Klang interpretiert. Die Domglocke in Köln ist katholisch kodiert, die Lutherkirchenglocken evangelisch.« Inzwischen beteiligt sich auch ein Kloster in Katmandu (Nepal) und die »International Peace and Friendship Bell« in Oak Ridge, Tennessee.

Dass die Herrenmeisterglocke aus Jerusalem, die Franz Schilling 1910 gegossen hat, überhaupt geläutet werden darf, verdankt sie einem neuen Gutachten. Sie ist die größte Glocke des Geläuts der Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg, aber seit drei Jahren stumm. Das Kugellager der Aufhängung ist kaputt, der Klöppel hat kaum noch Halt. Eine Spendenaktion, die in Apolda angelaufen ist, wird inzwischen von der Kaiserin Augusta Victoria-Stiftung in Jerusalem betreut, ­einem Pilger- und Touristenzentrum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf dem Ölberg. Doch nicht nur im Heiligen Land wird zum Weltglockengeläut eine Ausnahme ­gemacht. Der Dompropst in Köln genehmigte das außerplanmäßige Glockengeläut der größten freischwingenden Glocke der Welt, zu dem das Erste Kölner Akkordeonorchester spielen wird. In Helsinki erklingt die von Jean Sibelius eigens für das Glockenspiel komponierte Carillion-Melodie. Im Erzgebirge reagieren der ­Posaunenchor Lößnitz und das Blechbläserensemble Lutz Hildebrandt auf die Bronzeglocke – alles live in Bild und Ton ab 19 Uhr. In der Apoldaer Lutherkirche, dem Zentrum der Weltglockenbewegung, erwartet die Besucher ein vielversprechendes Programm: das Klang-Paar Ernst Fauer (Apolda)/Felix Pfeifer (Weimar) mit Apoldaer Glocken und burmesischem Gongspiel, Gert Anklam (Berlin) am Saxophon, Hang Karin Nakagawa (Japan) am japanischen Saiteninstrument Koto, Konrad Pippel (Apolda) an der Orgel sowie Beate Gatscha und Madlen Werner (Berlin) mit Tanz. In zweiten Teil des Abends werden die Klangpartner aus den USA und Nepal zugeschaltet. Salil Kanika präsentiert vor dem Swayambunath-Tempel, dem Affentempel in Katmandu, einen Glockentanz. Zum Weltglockenfinale improvisieren die Künstler zum Motto der Aktion: »Glocken sind Musik, Glocken verbinden, Glocken lassen aufhorchen«.

Doris Weilandt

www.apoldaglocken.de

Einen Garten für Faule gibt es nicht

15. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Christine Lässig

Christine Lässig

Ein Garten will dich jeden Tag sehen, sagt man. Das ist etwas zugespitzt formuliert, aber die Richtung stimmt. Es gibt natürlich Gärten, die sehr pflegeintensiv sind, und solche, in denen es weniger zu tun gibt. Aber der »Garten für Faule«, wie ein ­Buch­titel verheißt, ist ein leeres Versprechen ebenso wie der »Faulenzer­garten« oder der »Nutzgarten ohne Arbeit«. Da soll man sich keinen Illusionen hingeben. Das funktioniert nur, wenn andere zum Spaten greifen und man sich aufs Lustwandeln beschränken kann.

Weil dies aber nur wenigen vergönnt ist, bleibt ein Garten immer mit Anstrengung und Schweiß verbunden. »Was der Frühling nicht sät, kann im Sommer nicht reifen, der Herbst nicht ernten, der Winter nicht genießen«, heißt ein Sinnspruch von Johann Gottfried Herder. Und wo er recht hat, hat er recht. Man muss etwas tun, damit der Unterschied zwischen gestalteten Gärten und naturbelassener Erde deutlich wird.

Wer das Säen und Ernten, das Pflanzen und Pflegen nur als Arbeitslast empfindet, taugt freilich nicht zum Gärtner. Der muss auch seine Freude daran haben und sich mit der Schriftstellerin Virginia Woolf einig sein: »Den ganzen Tag Unkraut gejätet und die Beete fertig gemacht in einer eigentümlichen Art von Begeisterung, die mich dazu brachte zu sagen: Das ist Glück.«

Mindestens ist es ein befriedigendes Gefühl, mit seiner Hände Arbeit aus dem anvertrauten Land ein Stück vom Garten Eden zu machen »ver­lockend anzusehen und gut zu essen«, wie es in der Bibel heißt. Doch selbst im Paradies – so schön und fruchtbar es Gott geschaffen hatte – gehörten für Adam und Eva das Bebauen und Bewahren dazu. Einen Garten für Faule oder einen Nutzgarten ohne Arbeit gab es auch dort nicht. Als sie später das Land selbst urbar machen mussten und den Acker voller Dornen und Disteln mit ihrem Schweiß düngten, ging ihnen freilich auf, dass es trotzdem paradiesische Zustände gewesen waren.
Christine Lässig

Das Wissen um die Vergangenheit

15. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Begegnung: Der erzgebirgische Schnitzer Gottfried Reichel im Gespräch mit Inhaftierten des Offenen Vollzuges der Jugendanstalt Raßnitz

Zwölf Inhaftierte waren zu Gast in der Galerie »Die Hütte« in Pobershau, um sich das Lebenswerk des 86-jährigen ­Gottfried Reichel anzuschauen.

In meinem Leben ging alles schief. Aber wenn man das Puzzle von hinten zusammensetzt, dann stimmt es wieder«, sagt der 86-jährige Gottfried Reichel im Rückblick. Als prägende Zeit schildert er seine Kriegsgefangenschaft in England: »Diese zwei Jahre haben mein Leben umgekrempelt – bis heute.« Der Hobby-Schnitzer hat Hunderte ausdrucksstarke Skulpturen gefertigt. Etwa 300 von ihnen sind in der Galerie »Die Hütte« im erzgebirgischen Pobershau zu sehen.

Gottfried Reichel und seine Gäste in der Ausstellung. Fotos: Sebastian Morgenstern

Gottfried Reichel und seine Gäste in der Ausstellung. Fotos: Sebastian Morgenstern

Am Sonnabend, 30. Juni, Nachmittag rollen zwei Kleinbusse auf den Parkplatz vor der »Hütte«. Zwölf Inhaftierte aus dem offenen Vollzug der Jugendanstalt Raßnitz steigen aus, dazu fünf Betreuer. »Willkommen in der ›Hütte‹; es freut mich, dass Sie da sind!«, begrüßt Gottfried Reichel. Diese Begegnung ist für alle eine Premiere. Die inhaftierten Jugendlichen werden von Seelsorgerin Gabriele Sommer begleitet: »Mir liegt sehr an dem Auseinandersetzen mit moderner Gewalt, mit Drogen, Verführungen: Die unterschwellige Faszination von rechts ist Realität – und Gottfried Reichel spricht unverkrampft darüber.« Das schätzt sie an ihrem Gesprächspartner. Und der sagt ganz deutlich: »Mein Schwerpunkt sind die Neonazis, man muss wissen, wo die herkommen und was die wollen. Die wollen mit jungen Menschen dort weitermachen, wo Hitler bei mir aufgehört hat!«

Nachdem die Besucher eine Zigarette geraucht haben, folgen sie aufmerksam einem Film über Gottfried Reichels Lebenswerk. Dann geht es ein Stockwerk höher in die Ausstellung. Gottfried Reichel hält sich zurück, lässt Zeit zum Betrachten der Skulpturen. Hin und wieder spricht ihn ein Jugendlicher an. Es geht um die handwerkliche Ausführung solcher Arbeiten, um die Figur »Heimkehr« aus dem Gleichnis vom Verlorenen Sohn und darum, wie er die ­Kontakte zu seiner englischen ­Gast­familie während der DDR-Zeit pflegen konnte. Beim gemeinsamen Kaffeetrinken sagt Reichel: »Ich hoffe, dass ihr nicht solche Dummheiten macht, wie wir sie gemacht haben.« Gegenüber diesen Gästen bekommt der Satz einen besonderen Klang.

1925 in Pobershau geboren, wuchs Gottfried Reichel in das sogenannte Dritte Reich hinein. »Der wirtschaft­liche Aufschwung hat uns beeindruckt«, erinnert er sich. Ebenso selbstverständlich gehörte er der evangelischen Kirche an, für ihn war das damals kein Widerspruch. Aus »Sorge, den Endsieg zu verpassen«, wie er erzählt, hat er sich 1944 freiwillig zur Luftwaffe gemeldet. Dort wurde er der SS-Panzerdivision Totenkopf überstellt. Die Frage nach persönlichem Widerstand entkräftet er: »Ich war damals 19 Jahre alt. Und den SS den Befehl zu verweigern, hätte bedeutet, sofort erschossen zu werden – das machst du mit 19 nicht.«
Er nennt es Gottes Führung, dass sich seine ganze Kompanie den US-Amerikanern ergeben hat und dass er anschließend zwei Jahre in englischer Gefangenschaft verbrachte.

»Im Frühjahr 1946 war ich als Dolmetscher im Kriegsgefangenenlager nahe Manchester eingesetzt. Ich hatte Zugang zu allen britischen Zeitungen und habe erstmals das Grauen des Zweiten Weltkrieges und der Judenvernichtung wahrgenommen«, berichtet der 86-Jährige. Zugleich sei ihm dort »eine Welt der Offenheit und Freundlichkeit« begegnet. Weihnachten 1946 feierte er bei englischen Familien: Er durfte als Kriegsgefangener mit am Tisch sitzen, mit feiern, mit den Kindern spielen!

Dies hat Reichel für sein weiteres Leben geprägt. Nach seiner Rückkehr ins Erzgebirge wurde er Neulehrer: »Ich wollte die Jugend zum Frieden erziehen.« Doch bereits 1949 wurde er entlassen, weil er nicht ins neue politische System passte. »Das war eine schwierige Zeit! Ich habe herumgegammelt. Der Krieg hatte uns schon die Jugend geraubt, nun wollte es wieder nicht weitergehen«, erzählt er.

An seine erzgebirgischen Wurzeln anknüpfend, habe er schließlich das Schnitzmesser genommen und einen Bergmann geschnitzt. Damit bekam er wieder Boden unter die Füße und verdiente seinen Lebensunterhalt fortan als Buchhalter.
Ab 1950 leitete er die Junge Gemeinde in Pobershau. »Ich habe das nicht gelernt, musste mich in die ­biblischen Texte hineinknien, um sie der Jugend zu vermitteln.« Nebenbei schnitzte er. Manche biblische Szenen weisen aktuelle Bezüge auf: Die drei entsetzten Gesichter von »Sodom und Gomorra« gestaltete der Schnitzer 1974 unter dem ­Eindruck der Atombombenversuche. »Kains Brudermord« entstand zum sogenannten Prager Frühling. »Die Botschaft der Bibel half der Jugend, der DDR-Ideologie zu widerstehen«, meint er. ­Reichel hat sich schließlich mit seinem Beruf versöhnt: »In die Junge ­Gemeinde kamen junge Leute ­frei­willig, das hat mehr gebracht als die Schule.«

»Das Thema Juden lässt mich nicht los«, bekennt er. Tief bewegt von Fotos aus dem Warschauer Ghetto hat er 1995 beschlossen: »Das musst du schnitzen!« In den folgenden zwei Jahren stellte er die große Gruppe fertig.«An der Vergangenheit ändern wir nichts«, sagt der Künstler, »aber aus dem Wissen um die Vergangenheit müssen wir die Kraft aufbringen, um den Anfängen zu wehren!«

Unvermittelt schlägt Gottfried Reichel mit der Faust auf den Tisch und strahlt seine Gäste an: »Toll, dass ihr da wart! Es ist mir ein innerer Genuss, mit jungen Leuten zusammen zu sein!« Alle Exkursionsteilnehmer verabschieden sich mit Handschlag bei ihm: »Schönen Dank, es war sehr interessant, sie zu besuchen«, sagt einer der Jugendlichen.
Dorothee Morgenstern

www.pobershau.de

»In Unruhe, dauernd unterwegs«

9. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Posaunengeneral: Johannes Kuhlo – Glaubensmusiker (Teil 5)

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 den Schwerpunkt in diesem Jahr auf »Reformation und Musik« gelegt. Eine Serie stellt Komponisten und Liederdichter von der Reformation bis zur Gegenwart vor, deren Kunst ein reformatorisch inspirierter Glaube geprägt hat.

Bläserchöre gelten als typische Klangfarbe des Protestantismus. Auf Kirchentagen ertönen Bläser tausendfach in Stadien, auf Straßen und in Messehallen. Sie sind auch abseits von Kirchentagen und in schlanker Besetzung zu hören, auf Friedhöfen, in Wirtshäuern und im Advent von Balustraden aus. Der Klang geht nicht direkt auf die Reformation zurück, animiert freilich zum Singen von ­Chorälen – auch jenseits kirchlicher Räume, was typisch evangelisch ist. Denn der Glaube ist laut Reformation nicht an heilige Räume gebunden, so sind Choräle natürlich nicht an den Klang der Orgel gebunden.

Die Posaunenbewegung gehört sogar zu den größten Laienbewegungen des Protestantismus, wobei das Wort »Laie« reformatorisch genommen auch nicht präzise ist, weil im musi­kalisch-reformatorischen Sinn niemand Laie ist, sondern Experte, ein von Gott zum Klingen berufener Gläubiger sein kann. Die ersten Chöre im heutigen Sinn jedenfalls sind im Zuge der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts in Ostwestfalen gegründet worden.

Johannes Kuhlo Foto: Wikipedia

Johannes Kuhlo Foto: Wikipedia

Anfangs kamen alle möglichen Blechblasinstrumente zum Einsatz, auch Flöten, Klarinetten, Trommeln. Johannes Kuhlo (1856–1941) setzte eine einheitliche Stimmung und Griffweise durch, Holzblasinstrumente und Schlagwerk wurden zur Ausnahme, Kesselpauken bekämpfte er entschieden. Dank der von ihm geförderten Klavierschreibweise konnten Menschen leicht zusammenspielen, die zuvor noch nie miteinander musiziert hatten. Johannes Kuhlo hatte überdies das Geschick, erstmals mehrere Hundert Bläser zu einem klingenden Posaunenchor zusammenzuführen und wurde deshalb auch Posaunengeneral genannt. Sein Schriftzug war »Pastor i. U. d. u.« – was bedeutet: »in Unruhe, dauernd unterwegs.«

Johannes Kuhlo steht für einen eher hemdsärmeligen, unkomplizierten Protestantismus. Er unterwarf sich keinem abgehobenen Bildungsideal, wirkt gewitzt und bodenständig, fast 30 Jahre war er Vorsteher der Westfä­lischen Diakonenanstalt Nazareth in Bethel. Mit dem Kuhlo-Horn-Sextett feierte er zwischen 1920 und 1930 Erfolge in ganz Europa und Nordafrika und machte die evangelische Posaunenmusik international bekannt. Das Flügelhorn hatte der Pastor auch auf der Kanzel parat, seine Gedanken verdeutlichte er gern musikalisch. Als Theologiestudent wollte er einmal den Rhein durchschwimmen, um eine Wette zu gewinnen. Allerdings: Während der Überquerung sollte er zusätzlich das Horn blasen. Tatsächlich erreichte er musizierend das andere Ufer. Die Bläser nannte er gern Mitarbeiter am 150. Psalm, in dem es heißt: »Lobet ihn mit Posaunen!«

Allerdings arbeitete der langjährige Reichsposaunenwart nicht nur zum Lobe Gottes. 1932 sah er Adolf Hitler »von Gott mit großen Gaben ausgerüstet«. 1935 dichtete er den 21. Psalm zu einer Hymne an den Führer um. Er besuchte ihn einige Male auf dem Obersalzberg, wo er »Setzt zusammen die Gewehre!« blies. Die Weimarer ­Republik hatte er eher widerwillig hingenommen. So hinterlässt es ein zwiespältiges Gefühl, wenn seine sogenannten Kaiserhuldigungen gelegentlich noch immer als Höhepunkte evangelischer Posaunenarbeit bezeichnet werden. Kuhlo hatte sie kurz vor der Jahrhundertwende für Wilhelm II. durchgeführt, als erstmals Massenchöre von über 1000 Instrumentalisten in Erscheinung traten.

Kuhlo konnte aber auch auf intime Weise musizieren. Als kleiner Junge übte er so lange Tonleitern in Pianissimo, bis im Nebenzimmer fast nichts mehr davon hörbar war. Bei seinem ersten Spiel im Gottesdienst hatte er nämlich so laut dazwischengeschmettert, dass seine Chormitglieder zwar anerkennend schmunzelten, sein ­Vater ihn jedoch zurechtwies: »Wenn du noch mal so einen Lärm machst, nehme ich dir die Posaune weg. Es steht geschrieben: Alles, was lieblich ist, was wohllautet, das erwägt!«
Georg Magirius

Der Autor ist evangelischer Theologe. Er arbeitet als freier Schriftsteller und Journalist.

Literaturempfehlung
Magirius, Georg: Meister der Kirchenmusik, Agentur des Rauhen Hauses Hamburg, 48 S., ISBN 978-3-7600-0978-0, 3,00 Euro

Begegnung und Abschied

8. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Landesbischöfin Ilse Junkermann entwidmete das Augusteum in Wittenberg. Foto: Achim Kuhn

Landesbischöfin Ilse Junkermann entwidmete das Augusteum in Wittenberg. Foto: Achim Kuhn

Wittenberg:  Am 27. Juni begann der Auszug des Evangelischen Predigerseminars aus den Räumen der alten Universität

Fast 200 Jahre diente der Universitätsbau in Wittenberg der Ausbildung von Pfarrern. In Zukunft wird das Augusteum der Stiftung Luthergedenkstätten gehören und nach Beendigung der Umbauarbeiten unter anderem Sonderausstellungen beherbergen.

Das Evangelische Predigerseminar in Wittenberg verlässt das Augusteum. Es ist das Ende einer Ära. Immerhin seit fast 200 Jahren wurden in dem Universitätsbau aus dem 16. Jahrhundert Pfarrer für ihren Dienst in der Gemeinde vorbereitet. Warum? Weil nicht jeder brillante Theologe automatisch ein guter Pfarrer ist, erklärte kürzlich eine Vikarin. Man könnte es auch mit dem ersten Direktor Karl Ludwig Nitzsch sagen, der1816 in seinem Konzept sinngemäß schrieb: »Die Ausbildung setzt durch praktische Bildung der wissenschaftlichen die Krone auf.«

Eröffnet wurde das Seminar 1817. Drei Jahre zuvor hatte Napoleon die Wittenberger Universität schließen lassen, ein harter Schlag für die Stadt. Die Einrichtung des Seminars veranlasste Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. Wie viele Theologen seither das Institut besuchten, kann dessen heutige Direktorin Hanna Kasparick nicht sagen. Aber allein seit 2000 wurden etwa 350 Vikarinnen und Vikare ausgebildet. Eine Besonderheit ist, dass sich in den Kursen regelmäßig auch Gemeindepädagogen befinden. 50 Plätze gibt es pro Jahrgang. 2013, schätzt Hanna Kasparick, dürften es eher mehr werden – trotz demografischem Wandel und Säkularisierung. »Theologie ist immer noch attraktiv«, sagt Hanna Kasparick, »weil sie das Ganze des Lebens im Blick hat.«
Insgesamt vier ostdeutsche Landeskirchen schicken ihre angehenden Pfarrerinnen und Pfarrer an das von der Union Evangelischer Kirchen in der EKD getragene Wittenberger Institut. Vorausgegangen waren

Schließungen etwa des Predigerseminars in Brandenburg im Jahr 2006. Hanna Kasparick, die promovierte Theologin war damals dort Direktorin, spricht von einer Reaktion auf die demografische Entwicklung in Ostdeutschland. Es sei darum gegangen, das Landeskirchenwesen zu modernisieren und Doppelstrukturen auf engem Raum zu beenden. Dazu passt, aber das nur nebenbei, auch das Zusammengehen der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen mit der Thüringer Landeskirche zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Deren Landesbischöfin Ilse Junkermann entwidmete am 27. Juni das Augusteum. Im Rahmen eines »Dies communis« (eine Tradition, die Wittenberg aus dem einstigen Predigerseminar im thüringischen Neudietendorf übernommen hat), gestaltete die Landesbischöfin eine Andacht im Fürstensaal. Auch die eingangs erwähnte Vikarin war mit Seminarkollegen und Dozenten beteiligt. In kurzen Szenen veranschaulichten sie, wie aus einem etwas verkopften Theologen ein lockerer und auf dem Boden der Tatsachen stehender Gemeindepfarrer (gemacht) wird. Das war zum Teil sehr amüsant. Ansonsten kann man von einem Wechselbad der Gefühle sprechen. Vorfreude mischte sich mit Wehmut. Dass mancher gar nicht gekommen sei, weil er die Aufgabe des Augusteums als Verrat betrachte, erklärte die Landesbischöfin und zitierte aus einem Brief, der sie erreicht habe: »Die Kirche verlässt ihre Wurzeln und baut sich ein Schloss.«

Auch Hanna Kasparick hat sich in der Vergangenheit manchmal gefragt, ob es richtig war, im Zusammenhang mit den baulichen Umwälzungen in der Lutherdekade jener Rochade zuzustimmen, bei der bedeutende Gebäude in Wittenberg Nutzer und Besitzer wechseln werden. Inzwischen ist sie der Ansicht, »dass die Entscheidung viel für sich hat«. Das Predigerseminar zieht ans Westende der Altstadt ins Schloss, in einen noch zu errichtenden Anbau. Bis es soweit ist, kommt man zum Wohnen in der Cranach-Herberge und mit dem Lehrbetrieb in der Jugendherberge unter. Im August muss der Auszug aus dem Augusteum geschafft sein. Dort erhält die Stiftung Luthergedenkstätten nach Beendigung der Sanierungs- und Umbauarbeiten unter anderem dringend benötigte Flächen für Sonderausstellungen. Mit Blick auf das neue Domizil am Schloss und die Schlosskirche, die ja zugleich Ausbildungskirche für die Vikare ist, spricht die Direktorin von einer »lebendigen Zukunftswerkstatt«. Sie bekräftigt, dass man »eben nicht nur« das Seminar sehen darf, sondern das ganze Ensemble im Blick haben müsse.
Und wer weiß, vielleicht ist ja bald vom Beginn einer neuen Ära die Rede.
Corinna Nitz

Latenter Kulturkampf

7. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Gespräch mit Staats­kirchenrechtler


In der vergangenen Woche erklärte das Landgericht Köln, die von Juden und Muslimen praktizierte Beschneidung von Kindern sei als Körperverletzung einzustufen, und damit strafbar. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit Prof. Hans Michael Heinig, dem Leiter des kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Herr Professor Heinig, wie bewerten Sie das Urteil des Kölner Landgerichts?
Heinig:
Ich halte das Urteil für schwierig, weil es dem Recht der Eltern auf religiöse Erziehung ihres Kindes nicht hinreichend Rechnung trägt. In der Logik der Entscheidung dient die Beheimatung eines Kindes in einer religiösen Tradition nicht dem Kindeswohl.

Hans Michael Heinig

Hans Michael Heinig

Doch es läuft auf ein Zerrbild von Religionsfreiheit hinaus, wenn man darunter versteht, Kinder so lange von Religionen fernzuhalten, bis sie selbst entscheiden können, ob sie dazugehören wollen.

Betrifft das auch die Kirchen?
Heinig:
Wir haben in Deutschland schon so etwas wie einen latenten Kulturkampf, mit immer stärker werdenden antikirchlichen Kräften. Da muss man sich dann fragen, ob es im nächsten Schritt nicht konsequent wäre, die Kindertaufe zu verbieten. Denn natürlich: Die Taufe ist keine Körperverletzung. Aber theologisch ist sie ein unauslöschliches Prägemal eines Kindes – wer das Recht der Eltern auf religiöse Erziehung nicht akzeptiert, wird auch damit Probleme bekommen.

Es gibt Forderungen, die Juden und Muslime sollten nun ihre Tradition ändern…
Heinig:
Wenn Christen solche Forderungen erheben, waren 60 Jahre christlich-jüdischer Dialog umsonst. Die Apostelgeschichte spricht vom »Bund der Beschneidung« und macht auch uns Christen deutlich, welche besondere Rolle die Beschneidung im Judentum spielt. Sie ist für die Juden und ihre Religion konstitutiv, und kann nicht weggelassen werden!

Wie geht es jetzt weiter?
Heinig:
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder der Gesetzgeber regelt die Angelegenheit oder die Gerichte. Nun besteht allerdings die Besonderheit, dass der in Köln angeklagte Arzt mangels Schuld freigesprochen wurde. Eine Berufung ist also nicht möglich. Wer jetzt einen neuen Prozess, etwa vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, erreichen will, müsste bereit sein, sich potenziell strafbar zu machen.

Und was kann der Bundestag tun?
Heinig:
Der Gesetzgeber könnte etwa im Bürgerlichen Gesetzbuch eine Formulierung einfügen, wonach kunstgerecht durchgeführte Knabenbeschneidung aus religiösen Gründen zulässig ist. Oder er ergänzt das »Gesetz über religiöse Kindererziehung«, das den Eltern schon heute das Recht zuspricht, über die religiöse Erziehung ihres Kindes zu entscheiden.

»… ich glaube daran!«

6. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Versöhnung: Dirigent Daniel Barenboim geht wieder mit seinem Verständigungsorchester auf Tournee

Er macht Musik zu Politik und umgekehrt. Daniel ­Barenboim versteht sich als Vermittler zwischen Welten, die einander selten zuhören.

Mit Klang gegen Grenzen anspielen, das ist seine Mission. Denn Musik ist das, was er kann, sagt Daniel Barenboim, Stardirigent, Pianist, Idealist. Dabei handelt der 69-jährige Chefdirigent der Berliner Staatskapelle nach dem Leitsatz: »Das Unmögliche ist oft einfacher als das Schwierige.« Er ist Argentinier, ­Israeli und palästinensischer Ehrenbürger. Und er hat sich vorgenommen, die Grenzen zwischen Israel und den arabischen Ländern zu überwinden – nicht nur die physischen, auch die gedanklichen.

Hör- und sichtbarstes Resultat von Barenboims Idealismus ist das »West-Eastern Divan Orchestra«, in dem etwa 100 junge Musiker aus Israel, den palästinensischen Autonomiegebieten und anderen arabischen Ländern zusammenspielen. »Nach zwei Stunden Probe habe ich das Hassniveau auf null reduziert«, konstatiert der Maestro. Zwar könne es danach wieder einen Knall zwischen den Musikern geben. »Aber in diesen zwei Stunden haben wir Frieden.« Am 7. Juli beginnt ihre diesjährige Tournee in Berlin.

Das Orchester habe das Leben aller verändert, die in ihm mitwirkten. »Ein Israeli und ein Syrer, die während der Probe am gleichen Notenpult gesessen haben, sitzen auch beim Essen nebeneinander und hören sich zu«, sagt Barenboim. Auch die erneut zugespitzte Situation im Nahen Osten und der Arabische Frühling des vergangenen Jahres konnten dies nicht torpedieren. Im Gegenteil: Für die diesjährige Saison bewarben sich mehr junge Musiker als zuvor.

Gegen israelischen Widerstand gelang ihm 2005 ein Konzert des »West-Eastern Divan Orchestra« in Ramallah im Westjordanland. Aus Solidarität mit den Palästinensern trat er im Mai 2011 mit einem Ensemble aus verschiedenen europäischen Orchestern in Gaza auf. Heftig beschimpft wurde Barenboim, als er 2001 bei einem Konzert mit der Berliner Staatskapelle in Jerusalem als Zugabe die Ouvertüre zu Tristan und Isolde des von den Nationalsozialisten verehrten Richard Wagners darbot.

Auch mit seiner schonungslosen Kritik hat sich der UN-Friedensbotschafter nicht nur Freunde gemacht: »Kein Volk hat das Recht, ein anderes zu besitzen, auch nicht das jüdische Volk«, sagte er dem Fernsehsender ARTE. »Was dort passiert, das ist Apartheid.« Feinde mag er seine Kritiker nicht nennen. Doch »es gibt viele, die denken, ich sollte lieber hübsch Klavier spielen und das Maul halten«.

Daniel Barenboim

Daniel Barenboim

Nichts liegt dem mehrfach für Musik und Friedensengagement ausgezeichneten Workaholic ferner. Barenboim ist nicht nur Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper Unter den Linden, Gastdirigent zahlreicher Orchester und Pianist mit reger CD-Produktion. In Berlin, Ramallah und in palästinensischen Flüchtlingslagern hat er Musikkindergärten gegründet, und er fördert junge Musiker in den Autonomiegebieten.
Gegründet hat Barenboim das Orchester, das nach dem »West-östlichen Divan« Goethes benannt ist, 1999 mit dem inzwischen verstorbenen palästinensischen Publizisten und Literaturwissenschaftler Edward Said. »Wir wollten in Ermangelung einer politischen eine menschliche Lösung schaffen«, sagt Barenboim, der am 15. November 1942 als Sohn russisch-jüdischer Migranten in Argentinien geboren wurde und als Zehnjähriger mit seiner Familie nach Israel auswanderte. Auch geografisch will Barenboim seine Bemühungen, den Dialog zwischen Feinden zu fördern, ausweiten. Im August 2011 spielte das »West-Eastern Divan Orchestra« in der entmilitarisierten Zone zwischen den beiden koreanischen Staaten. Nächste Wunschziele sind der Gaza-Streifen und der durch die arabische Revolution berühmte Tahrir-Platz in Kairo: »Eines Tages werden wir in der Lage sein, in allen Ländern zu spielen, die im Orchester repräsentiert sind, ich glaube daran.« Und: »Eine Stunde Geigenunterricht in Gaza oder Ramallah ist eine Stunde ohne Gewalt«, kommentiert Barenboim.
Natalia Matter (epd)

Konzerttermine in Deutschland:
• 7. Juli, 20.00 Uhr Staatsoper im Schiller Theater, Berlin
• 10. Juli, 20.00 Uhr Philharmonie im ­Gasteig, München
• 29. Juli, 20:00 Waldbühne, Berlin

»Der Naumburger Meister«

6. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung im Naumburger Dom widmet sich dem Weg und Werk des Steinbildhauers

Ein Jahr nach der Eröffnung der sachsen-anhaltischen Landesausstellung setzen die Vereinigten Domstifter im Naumburger Dom dem unbekannten Naumburger Meister erneut ein Denkmal und schreiben ein weiteres Kapitel seiner Kulturgeschichte. Dechant Walter Christian Steinbach, Ehrendomherr Georg Graf von Zech-Burkersroda und Stiftskustos Holger Kunde eröffneten die neue Schau »Weg und Werke des Naumburger

Naumburger Dom

Naumburger Dom

Meisters«. »Ich wünsche ihr viele interessierte Besucher«, sagte Steinbach. Nahezu 200000 Gäste hatten im vergangenen Jahr die Landesausstellung gesehen. Nun werden rund 60 Exponate in der Klausur des Domes gezeigt, darunter ein original Wasserspeier vom Westchor, fünf Objekte vom Westlettner des Mainzer Domes, ein Abguss des Bamberger Reiters sowie Urkunden und Handschriften. Die Stücke weisen auf die Zeit vom zehnten bis 13. Jahrhundert. Schautafeln, Modelle und Filme erläutern den Weg des Naumburger Meisters, seine Entwicklung und Werke. »Wir haben die Möglichkeit genutzt, neben den Stifterfiguren, dem Hauptwerk im Dom, eine eigene Ausstellung zu präsentieren und sein Schaffen weiterhin zu thematisieren, um nachhaltig zu wirken«, erklärte Matthias Ludwig, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Domstiftsarchivs. Die Räume in der Klausur seien im Zuge der Landesausstellung restauriert und neu gestaltet worden, einige Stücke nach der Landesschau in den Besitz der Vereinigten Domstifter übergegangen, so Ludwig weiter. Zu den Exponaten zählen auch Leihgaben, unter anderem vom Diözesanmuseum Mainz sowie dem ­Kunst­historischen Institut der Universität Bonn.

Derzeit wird eine Erweiterung der Präsentation vorbereitet. Voraussichtlich im Herbst werden Stücke der Domstiftsbibliothek in einer ­Schau­bibliothek gezeigt, Sonderführungen dazu angeboten sowie ein Benutzerraum für Wissenschaftler und geschichtsinteressierte Laien eingerichtet.

Eine Gruppe Bildhauer und Steinmetze verbindet sich bis heute mit dem Namen »Naumburger Meister«, dem eine ganze Reihe Skulpturen von weltweitem Rang zugeschrieben werden. Mit den Stifterfiguren und dem Passionsrelief am Westlettner hat er im Naumburger Dom Spuren hinterlassen. Nach der Ausbildung in Frankreich im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts reiste er weiter über Mainz, Naumburg und Meißen.
Constanze Matthes

Öffnungszeiten: März bis Oktober: Montag bis Sonnabend 9 bis 18 Uhr, Sonntag und an kirchlichen Feiertagen 12 bis 18 Uhr; November bis Februar: Montag bis Sonnabend 10 bis 16 Uhr, Sonntag und an kirchlichen Feiertagen 12 bis 16 Uhr.

Fenster zum Glauben

2. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Eines der vier von Wolfgang Nickel gestalteten Fensters in der Eisenacher Nikolaikirche. – Foto: privat

Eines der vier von Wolfgang Nickel gestalteten Fensters in der Eisenacher Nikolaikirche. – Foto: privat

Kirchenraum: Der Glaskünstler Wolfgang Nickel gestaltet sämtliche Fenster der Nikolaikirche in Eisenach

Die Nikolaikirche in Eisenach soll bis zum Reformationsjubiläum 2017 vollständig restauriert und als spirituelles Zentrum umgestaltet werden. Die ersten von Wolfgang Nickel gestalteten vier Fenster wurden im Juni eingeweiht.

Wie gelingt es einem Künstler, dass sein Werk, – ein Bild oder ein Musikstück, – den Betrachter oder den Zuhörer anrührt, in ihm eine Saite zum Klingen bringt? »Es ist das Göttliche«, sagt Wolfgang Nickel. Das »Göttliche« in einem Kunstwerk vermag es seiner Meinung nach, Menschen innerlich zu berühren.

Auch Nickel wurde bei der Einweihung seiner vier neuen Glasfenster in der Eisenacher Nikolaikirche gefragt, wie er es nur geschafft habe, die Fenster zum Leuchten zu bringen. Der Glaskünstler erzählt in solchen Momenten gern von seinem Freund, einem Violinbauer, der nur eine Erklärung habe für den außergewöhnlich schönen Klang der von ihm gefertigten Geige: »Es ist das Göttliche.«

Doch wie kommt dieses Göttliche durch die Hände des Künstlers oder Kunsthandwerkers in das Gemälde, in das Musikinstrument oder das Glasfenster?

Das Handwerk allein reiche nicht, ist Nickel überzeugt. Das Göttliche, er nennt es »die Zutat«, sie komme, wenn der Künstler bei seiner Arbeit »mit dem Herzen dabei ist. Man muss brennen«. Offensichtlich war der Glasgestalter aus Georgenzell im Südwesten Thüringens mit dem Herzen dabei, als er seine Fenster für die Nikolaikirche in der Wartburgstadt entwarf. Sie vermögen es, das Gotteshaus mit ihren Farben gelb, blau und rot zu erleuchten.

Dass Nickel den Auftrag bekommen hat, sämtliche Fenster in der Nikolaikirche zu gestalten, ist einer Kunstliebhaberin zu verdanken, die auf Reisen gern Kirchenfenster bewundert, die zu ihrem Steckenpferd geworden seien, erzählt Nickel. »Sie ist verliebt in Fenster.« Monika Wiegandt aus Stuttgart stiftete für die ersten vier Fenster der Eisenacher Kirche 30000 Euro.

Eine Investition für die Ewigkeit. – Wenn nicht für die Ewigkeit, dann zumindest für eine Zeit von 300 bis 500 Jahren, schränkt Nickel ein. Vorausgesetzt, das Land und die Stadt bleiben von Krieg verschont. Gleichwohl sei das Material Glas für die Ewigkeit geschaffen und biete sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten, die er längst noch nicht alle ausgeschöpft habe. Für die Fenster in der Wartburgstadt wandte der Künstler die Fusing-Technik an, eine Methode, bei der Glas verschiedener Farben und Formen im Brennofen verschmolzen wird. Das Glas erhält dadurch Strukturen wie zum Beispiel kleine Pünktchen, die das Licht reflektieren.

Wolfgang Nickel bei der ­Arbeit in seiner Werkstatt. – Foto: Sabine Kuschel

Wolfgang Nickel bei der ­Arbeit in seiner Werkstatt. – Foto: Sabine Kuschel

Für den Glauben seien Fenster von großer Wichtigkeit, findet Nickel. Als die Menschen in früheren Zeiten noch nicht lesen konnten, erzählten ihnen die Bilder der Fenster die biblischen Geschichten, erläutert er. Heute hingegen sei es nötig, über Farbe, Stimmung und Ästhetik das Gefühl der Betrachter anzusprechen.

Entsprechend den Vorgaben der Kirchengemeinde sollten die neuen Fenster zeitgemäß und abstrakt gestaltet werden, der Bezug zur Romanik, in dessen Stil die Nikolaikirche erbaut ist, durch Farben hergestellt werden. Bei einem Besuch in Eisenach entdeckten Wolfgang Nickel und Monika Wiegandt die Nikolaikirche, die auf beide einen tristen Eindruck machte. Den fasst die Stifterin so zusammen: »Es fehlte etwas, was ich in romanischen Kirchen oft bewundert hatte: farbige Fenster. Damals dachte ich, es wäre wunderbar, wenn es gelingen würde, den Raum mit farbigem Licht zu schmücken.« Wiegandt bot der Kirchengemeinde die Finanzierung aller Fenster an, wenn sie von Wolfgang Nickel gestaltet werden.

Er wählte für das Fenster hinter dem Taufstein die Farben grün, gold und rot, strahlendes Blau für das benachbarte Fenster. Am Nordeingang sind zwei in einem gelben, warmen Ton gehalten.

Nachdem Mitte Juni die ersten vier Fenster festlich eingeweiht wurden, folgen nächstes Jahr drei weitere. »Höhepunkt sollen die hinter dem Altar werden«, verspricht Nickel. Die Kunst besteht für ihn darin, das Schwierige einfach zu machen. Nickel, der bereits mehrere Kirchenfenster in Thüringen gestaltet hat, kennt das Kopfzerbrechen über religiöse Themen und deren künstlerische Umsetzung. Doch zu seinem Erfahrungsschatz gehört auch die Erkenntnis: Wenn der Künstler mit seinem ganzen Herzen bei der Sache ist, für sein Werk brennt, kann er getrost hoffen, die »Zutat« kommt, denn »das Göttliche ist immer da«.

Sabine Kuschel

Biografisches
Wolfgang Nickel wurde 1960 in Schmalkaden geboren. Von 1982 bis 1987 studierte er an der Hochschule für Kunst und Design, Burg Giebichenstein, Halle, Malerei/Grafik. Seit 1987 ist er freischaffend tätig. 1990 wandte er sich der Glaskunst zu. Er gestaltete mehrere Kirchen in Thüringen, unter anderem die evangelische Kirche Schmalkalden-Weidebrunn, die St. Trinitatiskirche Unterellen, die Michaeliskirche in Erfurt. Zu seinen Objekten gehören das Standesamt Schmalkalden, das Justizzentrum Meiningen, das Kreiskrankenhaus Ilmenau und die Kliniken des Wetteraukreises Frankfurt/Friedberg

Deutsche Pfarrer weltweit gefragt

2. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Auslandsgemeinden: Zwischen Urlauberseelsorge, Auswandererbetreuung und Traditionspflege

Von Addis Abeba bis Wladiwostok reicht die Liste der Städte, in denen es deutsche Auslandgemeinden gibt. Mehr als 200 auf allen Kontinenten.

Für Michael Denner war es auch ein Stück aufarbeiten der DDR-Vergangenheit. »Es ist für uns der sprichwörtliche Blick über den Tellerrand, ein Rausgehen in die Welt, dass uns ja früher völlig verwehrt war.« Seit zehn Monaten betreut der 52-jährige Pfarrer zwei Gemeinden im südafrikanischen Kapstadt. Vorher tat er Dienst in der Evangelischen Kirche von Mitteldeutschland in Marksuhl bei Eisenach. Durch Freunde aus Südafrika fanden er und seine Frau Helga Interesse an dem Land an der Südspitze des afrikanischen Kontinents. von den vier Söhnen ist der jüngste, 16 Jahre alt, mitgegangen.

Familie Denner wohnt in Kapstadt – Foto: Martin Maier

Familie Denner wohnt in Kapstadt – Foto: Martin Maier

»Wir sind bis heute jeden Tag wieder begeistert, von der Andersartigkeit des Lebens, des Landes und der Leute«, sagt Michael Denner. Auch die Gemeinden, obwohl deutschstämmig, »ticken anders, irgendwie afrikanischer«, beschreibt er seine Eindrücke. Eine seiner beiden Gemeinden existiert seit rund 150 Jahren. Die Umgangssprache ist längst das Afrikaans, auch »Kapholländisch« genannt, eine der elf offiziellen Amtssprachen des Landes. »Doch die Lieder und Gebete sind Deutsch«. Seine zweite Gemeinde ist sogar dreisprachig geprägt: zu Deutsch und Afrikaans kommt noch Englisch. Im Gemeindealltag entsteht so oft »ein lustiger, aber auch anstrengender Sprach-Mischmasch«.

Bei aller Begeisterung: »Die Probleme des Landes sind nicht zu übersehen.« In dem nach dem Ende der Apartheid gern als »Regenbogennation« bezeichneten Land herrsche nach wie vor ein verbreiteter Rassismus, beobachtet Denner. »Auf allen Behörden, in allen Formularen wird zuerst nach der Rasse gefragt.«

Eine Situation, die viele junge weiße Südafrikaner keine Zukunft mehr im Lande sehen lässt. Viele wanderten nach Nordamerika, Australien oder England aus. »Unsere Erfahrungen mit dem bewussten ›Bleiben‹ in der DDR werden auf einmal wertvoll und von Interesse für die Menschen«, stellen die Denners erstaunt fest.

Familie Panzig beim Besuch in Rovaniemi – wo der finnische Weihnachtsmann wohnt – Foto: privat

Familie Panzig beim Besuch in Rovaniemi – wo der finnische Weihnachtsmann wohnt – Foto: privat

Auch für Erik Panzig, bis Sommer 2010 Pfarrer im Kirchenkreis Großenhain in Sachsen, war es »eine Punktlandung«: Er betreut die deutsche lutherische Gemeinde in Helsinki. Eigentlich Teil der finnischen Kirche, will die ebenfalls schon mehr als 150 Jahre bestehende Gemeinde bewusst ihre deutschen Wurzeln pflegen – und zugleich Anlaufstelle für Deutsche sein, die zum Studium, zur Arbeit, der Liebe wegen, als Urlauber oder als Auswanderer in die finnische Hauptstadt kommen. Mit mehr als 3000 Gemeindemitgliedern, 24 Angestellten und vielen Ehrenamtlichen »sind wir eine aus sich selbst heraus lebensfähige Gemeinde mit allen üblichen Arbeitsbereichen«, berichtet Panzig. 21 Konfirmanden hat er im vergangenen Monat konfirmiert. »Das einzige, was wir nicht haben, ist ein eigener Friedhof.«

Ein großes Problem für jeden Deutschen sei natürlich die finnische Sprache. Doch die meisten Einwohner sprächen sehr gut Englisch und erstaunlich viele ältere auch Deutsch. Die meisten Gemeindemitglieder sind finnische Staatsbürger, wollen aber ihre deutsche Tradition pflegen. Wobei Deutschland und die Deutschen »generell hoch im Kurs stehen«, wie Panzig immer wieder erfährt. Daneben faszinieren den 39-Jährigen, seine Frau Antje Wilkening sowie die beiden acht und 13 Jahre alten Söhne vor allem die Natur Finnlands, die Familienfreundlichkeit und die äußerst guten Wohn- und Arbeitsbedingungen in dem skandinavischen Land.

Auslandspfarrstellen werden jeweils für sechs Jahre ausgeschrieben, eine Verlängerung ist nach Absprache mit der entsendenden Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Ortsgemeinde und der jeweiligen Heimatlandeskirche möglich. Sowohl für Michael Denner als auch Erik Panzig ist diese Frage noch weit weg. Ganz nah aber ist für beide eine Begegnung miteinander und mit vielen ihrer Kollegen. Denn vom 3. bis 9. Juli kommen rund 100 Pfarrerinnen und Pfarrer nebst Familien zum Erfahrungsaustausch zur EKD-Auslandspfarrerkonferenz in Wittenberg zusammen.

Harald Krille

www.ekd.de/auslandsgemeinden

Der Rhythmus geht in alle Glieder

1. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Tänzerischer Kantor: Johann Sebastian Bach – Glaubensmusiker (Teil 4)

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 den Schwerpunkt in diesem Jahr auf »Reformation und Musik« gelegt. Eine Serie stellt Komponisten und Liederdichter von der Reformation bis zur Gegenwart vor, deren Kunst ein reformatorisch inspirierter Glaube geprägt hat.

Ein Weihnachtsfest ohne Weihnachtsoratorium ist für viele undenkbar. Johann Sebastian Bach (1685–1750) wird auch für seine Kunst der Fuge bewundert, andere geraten beim C-Dur-Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier ins Schwärmen. Der Bach-Experte Wilfrid Mellers findet in der Musik des Leipziger Thomaskantors etwas Ekstatisches und Tänzerisches. Er verweist auf den Rektor der Leipziger Thomasschule, der bei einer Probe gesehen habe, »wie der Rhythmus Bach in allen Gliedern sitzt«.

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Johann Sebastian Bach im Jahre 1746, Ölgemälde von Elias Gottlob Haußmann aus dem Jahre 1748. – Foto: Wikipedia

Der heute Bewunderte galt in den Augen des Leipziger Stadtrats allerdings als Kantor zweiter Wahl. Der aus einer über Generationen verzweigten Musiker- und Kantorenfamilie stammende Bach erhielt die Stelle an der Thomaskirche, weil Telemann und Graupner abgesagt hatten. Bachs Kompositionen werden dafür gerühmt, dass die Selbstständigkeit der Einzelstimmen mit der tiefsinnigen Harmonik des Gesamtsatzes verbunden ist, ohne dass das eine auf Kosten des jeweils anderen ginge.

Bachs Musik scheint die Grenzen von Nationalität, Alter, Konfession und Religion leichtfüßig aufheben zu können. Andererseits gilt beispielsweise seine Orgelmusik vielen wiederum als die Klangfarbe des Protestantismus. Für einige ist dieser Komponist sogar selbst so etwas wie ein Reformator, mag er auch zwei Jahrhunderte nach Luther gelebt haben. »Für mich ist Bach der größte Prediger«, hat der französische Komponist und Organist Charles-Marie Widor gesagt. Musik wie die von Bach ist für viele der Theologie offenbar gleichwertig, Melodien und Klänge rühren sie sogar tiefer an, manchmal scheinen sie auch selbst so etwas wie Religion zu sein. Allein wegen der Musik tauchen viele überhaupt noch in der Kirche auf. Altbundeskanzler Helmut Schmidt etwa bekennt: »Meine Religiosität war nie sehr ausgeprägt – für meine Frau Loki und für mich war die Kirchenmusik immer wichtiger als die Kirche.«

Es ist nicht nachweisbar, ob Bach wirklich so fromm und evangelisch fühlte, wie viele Kirchenvertreter es dem Leipziger Thomaskantor nachsagen. Natürlich hat er Passionen und viele geistliche Kantaten komponiert. Seine Werke unterzeichnete er oft mit Soli Deo Gloria – allein Gott die Ehre. Das könnte indes auch formelhaft gemeint sein, wenden Skeptiker ein, schließlich haben auch viele von Bachs Zeitgenossen diese Worte unter ihre Werke gesetzt. Außerdem: Bachs kirchenmusikalische Werke waren Auftragsarbeiten, neben seinen Verpflichtungen als Thomaskantor hat er aus eigenem Antrieb und zusätzlich Orgel- und Cembalomusik geschrieben – und gab sie in Druck, was auf ein besonderes Interesse an dieser Musik hindeutet, der man kein sakrales Gepräge nachsagen kann.

Und doch gibt es etwas in seinem Werk, das man als kontinuierlich protestantisch bezeichnen kann: Die Beschäftigung mit dem Kirchenlied zieht sich durch Bachs Werk, seine Choralbearbeitungen decken vom einfachen, motivisch konsequenten Orgelchoral bis zum weit ausgedehnten Choralpräludium alles ab.

Wie wichtig ihm Orgelmusik war, zeigt eine frühe Episode aus seinem Leben. Bach, obwohl kundig in der alten italienischen und in der zeitgenössischen Musik Frankreichs, bildete sich nicht durch weite Reisen. Einmal aber, als er Organist in Arnstadt war, unternahm er eine mehr als 400 Kilometer lange Wanderung. Sie führte nach Lübeck zu dem für seine Orgelkunst bekannten Dietrich Buxtehude. Der junge Wanderer dehnte den ihm gewährten dreiwöchigen Urlaub auf mehrere Monate aus. Schon in jungen Jahren hatte er als Organist Bewunderung und Staunen ausgelöst. Ein Zeitgenosse urteilt: »Seine Füße flogen über die Pedale, als ob sie Schwingen hätten; donnergleich brausten die mächtigen Klänge durch die Kirche.«

Georg Magirius

Der Autor ist evangelischer Theologe. Er arbeitet als freier Schriftsteller und Journalist.

www.georgmagirius.de

Literaturempfehlung: Magirius, Georg: Meister der Kirchenmusik, Agentur des Rauhen Hauses Hamburg, 48 S., ISBN 978-3-7600-0978-0, 3,00 Euro