An der Elbe hellen Stränden

30. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ökologie: Ein weiterer Ausbau für die Schifffahrt käme für Europas größten noch weitgehend frei fliesenden Fluss einer Katastrophe gleich


Mehr als 1000 Kilometer windet sich die Elbe grenzüberschreitend von Tschechien kommend durch wechselnde Landschaften – und bietet einmalige Biotope.

Wenn Besucher des Elbekirchentages an diesem Wochenende in Meißen einen Eindruck von einem ganz eigenen Reiz der Elbe erfahren wollen, müssen sie etliche Kilometer flussabwärts reisen: Sandstrände, wie sie sonst nur von der Ostsee her bekannt sind. Etwa ab Wittenberg in Sachsen-Anhalt, wo das UNESCO-Biosphärenreservat Mittelelbe beginnt, nimmt die Fließgeschwindigkeit ab, sodass sich die feinkörnigen Bestandteile ablagern können – »ein Sammelsurium unter anderem aus dem Elbsandsteingebiet und dem Riesengebirge«, sagt der Elbeprojektleiter des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Ernst Paul Dörfler. Die Sandstrände seien für die Menschen attraktiv, aber auch für bestimmte Pflanzenarten und Vögel lebenswichtig. All das stehe auf dem Spiel, wenn die Elbe durch Bauarbeiten vertieft oder aufgestaut wird, warnt Dörfler.

Sandstrände wie an der See – die Elbe in ihrem mittleren Abschnitt. – Foto: www.elbeinsel.de

Sandstrände wie an der See – die Elbe in ihrem mittleren Abschnitt. – Foto: www.elbeinsel.de

Die Elbe gilt als der größte noch weitgehend frei fließende Fluss in Mitteleuropa. Und gerade im Abschnitt der Mittleren Elbe ist eine hohe Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten zu verzeichnen, denen durch Menschenhand das Aus droht. Der Name Elbe leitet sich von den mehr als 2000 Jahre alten Bezeichnungen wie »Albis« oder »Alba« her. Er geht auf ein indogermanisches Wort für die Farbe Weiß zurück – auch für unsere Vorfahren waren die hellen Strände vermutlich ein Idyll.

Dörfler wohnt in Steckby südlich von Zerbst – und nahe der Elbe. Der 62-Jährige ist nicht nur Mitbegründer der Bürgerinitiative »Pro Elbe« und Autor mehrerer Bücher über die Tier- und Pflanzenwelt an der Elbe. Für sein Engagement erhielt er unter anderem 2010 den Preis der Umweltstiftung EuroNatur. Dörfler gilt als einer der führenden Köpfe des Widerstands gegen den Elbeausbau und den geplanten Seitenkanal, der die Schiffbarkeit der Saale kurz vor der Mündung in die Elbe verbessern soll.

Beim Aufstauen wären die Strände unter Wasser, und bei einer Vertiefung nimmt das Gefälle zwischen den Auen an den Ufern und dem Fluss zu. Der Prozess ist schon seit Beginn der Regulierung von Menschenhand Ende des 19. Jahrhunderts im Gange. Seitdem hat sich die Elbe bis zu zwei Meter tief eingegraben – die Strände werden immer steiler, der Sand rutscht ab in das Flussbett. Abzulesen ist der zerstörerische Eingriff des Menschen etwa bei den Silberweiden an der Mittelelbe. Sie sind nach Schätzung von Dörfler alle um die 100 Jahre alt, also aus der Zeit, als die Regulierung begann.

»Die meisten der Bäume schaffen es nicht mehr, sich zu verjüngen und zu vermehren«, sagt Dörfler. Die abgefallenen Samen vertrocknen, weil der Fluss zu weit entfernt ist. Ohne Regulierung wäre das Elbufer breit und flach genug, um gute Überlebensbedingungen für die Wälder zu bieten. Aber durch den zunehmenden Neigungswinkel der Ufer verschwinden diese zum Überleben der Wälder nötigen Streifen.

Betroffen sind auch Vögel. So bieten die Strände den Brutplatz für den Flussregenpfeifer. Steinige Ufer kann der Vogel nicht nutzen, weil er nur kleine Mulden in den Sand gräbt, in die er seine Eier legt. »An geschotterten Flüssen kommt der Vogel gar nicht mehr vor«, erklärt Dörfler. Ähnlich ergeht es dem Flussuferläufer und der Flussseeschwalbe. Alle drei Arten stehen bereits auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere.

Ziel der Befürworter von Ausbauarbeiten an der Elbe ist es, für Binnenschiffe eine Fahrrinnentiefe von 1,60 Meter für das ganze Jahr sicherzustellen. Doch damit verringert sich der Grundwasserspiegel. Die Umweltschützer sehen auch eine Bedrohung durch neue, weit in die Elbe gebaute Buhnen, die die Fließgeschwindigkeit in der Fahrrinne erhöhen sollen.

Schauplatz für den allerersten Kirchentag war übrigens im Jahr 2008 die zwischen Dessau-Roßlau und Wittenberg gelegene Stadt Coswig, und mit ihr gewissermaßen auch das Biosphärenreservat. Noch ist es geprägt durch naturbelassene Auwälder an den Ufern der Elbe.

Karsten Wiedener

www.elbeinsel.de

Die Kirchen und die Elbe

Bereits 2010 verabschiedeten die sieben Elbanrainerkirchen, darunter die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland und die Evangelische Landeskirche Anhalt, ein gemeinsames Positionspapier zur Zukunft des Flusses. Darin fordern sie ein umfassendes und tragfähiges Zukunftskonzept für den gesamten Flusslauf unter Berücksichtigung wirtschaftlicher wie ökologischer Interessen.

Am 19. Juli lädt die anhaltische Kirche gemeinsam mit der Evangelischen Akademie in Wittenberg zu einer Tagung ein. Das Treffen unter dem Motto »Der Fluss Elbe: Ein langer Weg« soll die Notwendigkeit eines strategischen Gesamtkonzeptes für den Fluss unterstreichen. Darüber hinaus soll mit einer »Wittenberger Erklärung« zudem zu einer übergreifenden Elbe-Konferenz aufgerufen werden.

Anmeldungen: Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt, Schlossplatz 1d, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Telefon (03491) 49880

Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit

26. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Geschichte: Europas furchtbare jüngere Geschichte prägt mit ihrer Verstrickung von Schuld und Versagen bis heute die Menschen vieler Länder


Der Enkel eines deutschen SS-Mannes erforscht gemeinsam mit seiner polnischen Frau die Geschichte ihres in Auschwitz ermordeten Großvaters. Herausgekommen ist ein Buch, das Tätern und Opfern ein Gesicht gibt.
Harald Krille sprach mit dem Autor Uwe von Seltmann.

Herr von Seltmann, Sie haben bereits die Geschichte Ihres Großvaters erforscht. Jetzt die Geschichte des Großvaters Ihrer polnischen Ehefrau Gabriela. Was waren die Erfahrungen?
Von Seltmann: In unseren beiden Familien sind dieselben Mechanismen zu beobachten: In meiner Familie war der SS-Großvater, in Gabrielas Familie der in Auschwitz ermordete Großvater das Tabu. Über beide wurde nicht geredet. Und eine zweite Parallele: So wie ich in meiner Familie der einzige war, der über einen langen Zeitraum hinweg Recherchen gemacht hat nach dem verdrängten und verschwiegenen Großvater, gab es auch in Gabrielas Familie jemanden, der sich mit der Vergangenheit beschäftigte, nämlich ihren Bruder Zbyszek. Und niemand anders in der Familie hat davon gewusst.

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Uwe von Seltmann, Jahrgang 1964, studierte Evangelische Theologie in Wien und Berlin, war Korrespondent und Chefredakteur evangelischer Wochenzeitungen. Seit 2008 lebt er als freier Publizist vorwiegend in Krakau. Auf den Spuren seines in der Familie beschwiegenen Großvaters, eines jungen SS-Offiziers im sogenannten Generalgouvernement, lernt er in Polen seine jetzige Ehefrau ­Gabriela kennen und das beschwiegene Geheimnis in deren Familie: der in Auschwitz ermordete Großvater Michał Pazdanowski. – Foto: Harald Krille

Der Enkel eines deutschen SS-Offiziers recherchiert über das Leben und den Tod eines polnischen Opfers. Hat das nicht Probleme gemacht?
Von Seltmann: Es gab beides. Man kann sich vorstellen, dass schon wenn der Enkel eines SS-Mannes in eine Familie einheiratet, in der der Großvater in Auschwitz ermordet wurde, der Großonkel in Dachau inhaftiert war, in dem ein Teil der Familie den Krieg irgendwo im Wald verbracht hat, das natürlich auf Schwierigkeiten stößt. Aber grundsätzlich kann ich sagen – wie in meiner Familie – ein Teil hat die Recherchen unterstützt, ein Teil hat sie regelrecht angefeindet und ein dritter Teil war neutral.

Und wie ist die Situation heute?
Von Seltmann: Ein Bespiel: Gabrielas Tante ist nach Südfrankreich emigriert und hat ihr ganzes Leben über ihre Kriegserfahrungen geschwiegen. Es hat drei Jahre gedauert, bis sie endlich die Kraft fand, sich mit uns zu treffen. Aber am Ende dieses Gespräches sagte sie: »Auf diesen Tag hab ich mein ganzes Leben gewartet – und ausgerechnet ein Deutscher, ausgerechnet ein Deutscher bringt mir den Vater zurück.« Diese Erfahrung mache ich oft, auch in Begegnungen mit Amerikanern, mit Israelis, die dann sagen: Du bist der erste Deutsche den wir treffen und der sagt, ja, in meiner Familie hat es Täter gegeben; ja, mein Großvater war SS-Mann, war Polen- und Judenmörder.

Der Großvater Ihrer Frau wohnte im damals polnischen Ostgalizien, der heutigen Westukraine. Die Recherchen berührten also nicht nur deutsch-polnische Ressentiments …
Von Seltmann: Ich benutze ungern militärische Ausdrücke, aber hier ist es wirklich angebracht: Es ist ein einziges Minenfeld. Das Verhältnis Polen-Ukrainer ist sehr kompliziert. Die Polen waren ja in der heutigen Westukraine über Jahrhunderte hinweg die Herrscher und haben die Ukrainer auch nicht unbedingt gut behandelt. Wovon viele Polen aber nichts wissen wollen. Dann gab es während des Zweiten Weltkrieges die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA), die am Ende zwar gegen die Deutschen kämpfte, aber auch in Kollaboration mit den Deutschen gegen die Polen vorging und bei der Deportation der Juden half. Sie verübte Massaker, manche sprechen sogar von Völkermord.

Die Erinnerungskultur scheint in Polen und der Ukraine erst am Anfang zu stehen?
Von Seltmann: Da muss ich eine Lanze für die Polen brechen. Es gibt kein Land im ehemaligen Ostblock, in dem sich so intensiv mit der Vergangenheit auseinandergesetzt wird wie in Polen. Allerdings vornehmlich in den letzten zehn Jahren, vor allem infolge der Bücher des polnisch-jüdisch-amerikanischen Historikers und Soziologen Jan Tomasz Gross. Aber im Vergleich zur Ukraine ist Polen sehr weit in der Erinnerungskultur. In der Ukraine wird immer noch alles weithin unter den Teppich gekehrt. Und es gibt einen für Außenstehende absurden Opferwettlauf. Wer hat die meisten Opfer zu beklagen? Die Polen? Die Juden? Oder die Ukrainer? Aber wie gesagt, in Polen gibt es mehr und mehr Offenheit, auch über dunkle Seiten der eigenen Geschichte – Stichwort Kollaboration – zu sprechen.

Die Recherchen führten Sie quer durch ganz Europa – wer hat das alles bezahlt?
Von Seltmann: Zum allergrößten Teil haben wir das aus eigener Tasche bezahlt, unsere Ersparnisse aufgebraucht dafür. Offizielle Unterstützung haben wir, außer von der Heinrich-Böll-Stiftung, keine bekommen. Alle Förderanträge an deutsch-polnische Stiftungen wurden abgelehnt.

Mit welcher Begründung?
Von Seltmann: Wir haben es zunächst immer nur inoffiziell gehört, inzwischen hört man es auch offiziell: Es werden keine Projekte mehr befördert, die mit der Nazi-Zeit zu tun haben.

Was angesichts der sich wieder breitmachenden braunen Gesinnung höchst problematisch erscheint …
Von Seltmann: Ich halte das für ein fatales Signal. Wir sehen unser Projekt auch als ein auf die Zukunft gerichtetes Versöhnungsprojekt. Wir müssen unsere je eigene Vergangenheit kennen, um die Zukunft gestalten zu können. Es ist unglaublich, wie viele Familien in allen Ländern bis heute unter den Folgen der NS-Zeit leiden. Das, was die Leute während des Krieges erlebt haben, wird – unbewusst natürlich – von einer Generation an die andere weitergegeben. Doch alles, was unter den Teppich gekehrt wird, kommt irgendwann mal wieder an die Oberfläche. Das ist wie bei einem Schwelbrand. Dann bricht das Feuer irgendwo aus und keiner weiß warum.

Viele sagen, »lasst doch die alten Geschichten ruhen …« Heilt nicht auch die Zeit manche Wunden?
Von Seltmann: Nein! Die Alten in der Bibel haben mit nichts so recht gehabt wie mit dem Satz: »… bis ins dritte und vierte Glied« (2. Mose 20, Vers 5). Das wird uns heute von den Psychologen und den Erinnerungsforschern bestätigt: Vier Generationen stehen in einem Zusammenhang und alles, was in diesen vier Generationen geschieht, hat einen Einfluss, wird unbewusst weitergegeben. Auch diese Ängste oder Schuldgefühle bei vielen Polen gegenüber Deutschen und umgekehrt, zwischen Ukrainern und Polen oder zwischen Juden und Polen werden weitergegeben. Das beste Beispiel ist Gabrielas Cousine, die in Frankreich geboren ist. Ihre Mutter stammt aus Polen, ihr Vater ist Nichtpole, sie hat nie in Polen gelebt. Aber sie hat die gleichen Ängste wie meine Frau. Sie hat nie irgendwas über die Familiengeschichte gewusst. Aber die beiden Cousinen entdeckten, dass sie beide ständig auf gepackten Koffern sitzen, dass sie immer Angst haben, es bricht wieder irgendwo Krieg aus, dass sie immer das Gefühl haben, keine Wurzeln zu haben, auf der Flucht zu sein. Und das in der dritten Generation.

Sie sind zu Lesungen auch in Schulen unterwegs – hat die junge Generation überhaupt noch Interesse an solchen Themen?
Von Seltmann: Die Frage ist, wie man’s vermittelt. Die Zahl von sechs Millionen ermordeten Juden beispielsweise ist so abstrakt, dass keiner was damit anfangen kann. Aber was junge Leute anspricht, sind persönliche Geschichten, wenn Opfer und Täter ein Gesicht erhalten. Und da werde ich nach jeder Veranstaltung an Schulen optimistischer was die Zukunft betrifft.

blip_cover_26-12Ihr Buch liegt inzwischen in polnischer Übersetzung vor. Wie sind die Reaktionen im Nachbarland?
Von Seltmann: Die Reaktionen in Polen sind überwältigend. Das Medienecho ist gigantisch und durchweg positiv, und wir bekommen Reaktionen aus aller Welt von Leuten, die uns ihre Familiengeschichte erzählen oder um ein persönliches Gespräch bitten. Mich hat überrascht, wie viele junge Menschen das Buch lesen und sich dann über Facebook an uns wenden. Offensichtlich haben wir den Nerv der Zeit getroffen. Das zeigt auch der Kommentar einer jungen Frau: Das Buch sei eine »Erlaubnis zum Reden« und helfe, die »Mauer des Schweigens« zu durchbrechen. Das freut uns natürlich.

Seltmann; Uwe von: Todleben. Eine deutsch-polnische Suche nach der Vergangenheit, F. A. Herbig, 320 Seiten, ISBN 978-3-7766-2681-0, 19,99 Euro

Singend die Traurigkeit überlisten

24. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Dichter des Gottvertrauens: Paul Gerhardt – Glaubensmusiker (Teil 3)

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 den Schwerpunkt in diesem Jahr auf »Reformation und Musik« gelegt. Eine Serie stellt Komponisten und Liederdichter von der Reformation bis zur Gegenwart vor, deren Kunst ein reformatorisch inspirierter Glaube geprägt hat.

Die Lieder Paul Gerhardts (1607 bis 1676) gelten als Zeugnis tiefer Herzensfrömmigkeit und festen Gottvertrauens. Die Verse des bekanntesten deutschsprachigen evangelischen Liederdichters werden fast überall auf der Welt gesungen, bei weitem nicht nur von Evangelischen, es gibt sie auch in Japanisch, Chinesisch und in afrikanischen Sprachen. Und die ins volksliedhafte gehenden Lieder wie »Nun ruhen alle Wälder« (EG 477), »Geh aus, mein Herz, und suche Freud« (EG 503) haben Gerhardts Ruf ohnehin weit über die Grenzen des Kirchlichen hinaus bekannt gemacht.

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Gemälde von Paul Gerhardt. – Foto: epd-bild

Die Verse des Barockdichters klingen leicht, sein Leben war es nicht. Früh verliert er seine Eltern, er erlebt den Dreißigjährigen Krieg, mit Ende 30 bezeichnet er sich noch als Student der Theologie, wird erst mit 44 Pfarrer. Mit Amt versehen kann er endlich heiraten. Drei seiner vier Kinder sterben früh.

Noch ehe er Pfarrer wird, erlebt Gerhardt in Berlin eine segensreiche Zusammenarbeit mit Johann Crüger, dem Kantor an der Nikolaikirche. Beide haben ähnliche Ziele, verbinden die lutherische Tradition mit einer neuen verinnerlichten Frömmigkeit. Der Kantor vertont Gerhardts Verse selbst oder ordnet ihnen bekannte Melodien zu. In Crügers Gesangbuchausgabe »Praxis Pietatis Melica – Das ist Übung der Gottseligkeit in christlichen und trostreichen Gesängen« von 1647 finden sich bereits 18 Lieder von Gerhardt, in der Ausgabe von 1653 waren es bereits 82.

Typisch reformatorisch an Gerhardt: Die musikalisch-poetische Zusammenarbeit von ihm und Crüger ist auf die Gemeinde gerichtet, die im Sinne Luthers keine Stellvertreter braucht, um selbst in Beziehung mit Gott oder den Urkunden des Glaubens zu treten. Allerdings bestand nicht anders als zu Luthers Zeiten auch in dem barocken Krisenjahrhundert der größte Teil des Volkes aus Analphabeten. Gut merkbare Lieder waren wichtig. Die Eingängigkeit von Gerhardts Versen freilich ist nicht mit Naivität zu verwechseln, in seinen insgesamt 139 deutschen Liedern und Gedichten hat man 56 verschiedene Strophenformen entdeckt, zehn Strophenformen tauchen bei ihm überhaupt zum ersten Mal auf, etwa »in dem Morgenlied ›Die güldne Sonne‹ eine Art Walzertakt im Wort, um auf diese Weise Freude auszudrücken«, so der Musikwissenschaftler und Theologe Christian Brunners.

Biblisches fließt in Gerhardts Dichten ein, oft wie nebenbei, gleichwohl in kunstvoller Anspielung. Dazu ist seine Lyrik nicht anders als Luthers Sprache oder die der Bibel ansatzweise klingend. Oft wirken seine Verse wie ein höchst lebendiges Selbstgespräch, dann wieder wie ein Dialog mit einem stumm gewordenen Leser, der dazu verführt wird, nicht allein Leser zu sein, sondern der Stummheit zu entkommen.

Gerhardts Lieder rühren an, weil Kummer, Verzweiflung und Todesangst nicht geleugnet werden. Sie sind befreiend realistisch. Wer seine Lieder zu singen beginnt, kann die Traurigkeit überlisten, weil er damit bereits nach einer Schönheit zu suchen begonnen hat, die trotz Bitterkeit nicht vergangen ist. Unter Schriftstellern und Komponisten hat der evangelische Barockdichter viele Bewunderer. Theodor Fontane meinte einmal: »Eine Strophe von Paul Gerhardt ist mehr wert als dreitausend Ministerialreskripte.« Und Gabriele Wohmann rühmt seine »himmelssüchtigen inneren Monologe«. Ihre enorme Bekanntheit verdanken Gerhardts Lieder freilich auch Johann Sebastian Bachs Kantaten, der Matthäuspassion und dem Weihnachtsoratorium.

Georg Magirius

Der Autor ist evangelischer Theologe. Er arbeitet als freier Schriftsteller und Journalist.

Literaturempfehlung: Magirius, Georg: Meister der Kirchenmusik, Agentur des Rauhen Hauses Hamburg, 48 S., ISBN 978-3-7600-0978-0, 3,00 Euro

Viel Skepsis im Gastgeberland

22. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Brasilien: Umweltkatastrophen begleiten die UNO-Konferenz für nachhaltige Entwicklung in Rio de Janeiro


Ein biblisches Zeichen von ganz oben? Just vor dem bis diesen Freitag tagenden Umweltgipfel Rio+20 wird das Gastgeberland von zwei Umweltkatastrophen heimgesucht – Folgen ungehemmter Waldvernichtung.

Rekordüberschwemmungen in Nordbrasiliens Amazonasgebiet – und eine Rekord-Dürre im Nordosten, die laut Regierungsangaben bereits wirtschaftliche Schäden von umgerechnet rund fünf Milliarden Euro anrichtete. Während Staatschefs und Zivilgesellschaft in Rio debattieren, dauern mehr als 1000 Kilometer nordöstlich die Dürre-Dramen an. Zwei Ernten wurden in Gluthitze von 40 Grad bereits vernichtet. Der Dritten droht dasselbe. Ganze Städte müssen mit 2600 Wasser-Tankwagen versorgt werden.

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Das Ende der Bäume – ein Sägewerk im Amazonasgebiet. Die abgeholzten Flächen werden dann oft zu Weideland oder Anbauflächen für Viehfutter – mit dem nicht zuletzt auch deutsche Rinder gemästet werden. – Foto: picture-alliance/Werner Rudhart

Kaum bekannt, aber Fakt: Im größten katholischen Land zählt die Kirche seit jeher zu den aktivsten Verteidigern der Schöpfung. Bischof Christian Krapf etwa in der Diözese von Jequié gehört zu den Warnern, startete ein beispielhaftes Aufforstungsprojekt mitten in der abgeholzten Dürrezone. »Ich habe hier die ganzen Jahre versucht, Groß- und Kleinbauern zu überzeugen, systematisch aufzuforsten. Aber sie machen es nicht, weil es eben dauert, bis man einen Nutzen davon hat. Selbst in der Regenzeit werden die ersehnten Niederschläge von Jahr zu Jahr immer schwächer und seltener, Flüsse und Bäche sind ausgetrocknet.«

Das größte Drama spielt sich am Atlantik ab

Brasilien und Waldvernichtung – da denken die meisten Deutschen an Amazonien. Doch in den weit artenreicheren Atlantikwäldern mit den angrenzenden Baumsavannen wird viel rascher abgeholzt, ist auch der Bevölkerungsdruck größer. Denn hier lebt die Mehrheit der rund 190 Millionen Brasilianer. Die Resultate sieht man deutlich: Während Amazonien etwa 20 Prozent seiner Wälder verlor, etwa 720000 Quadratkilometer, sind von den Atlantikwäldern nur noch etwa sieben Prozent übrig, gingen rund 1,3 Millionen Quadratkilometer verloren.

Strenge oder weniger strenge Umweltvorschriften, wie etwa das brasilianische Waldgesetz, haben daran nichts geändert. Letzten Dezember unterzeichnete Präsidentin Rousseff sogar gegen den Willen ihrer eigenen Umweltministerin ein Gesetz, das der mit Geldern und Personal nur armselig ausgestatteten staatlichen Umweltschutzbehörde IBAMA auch noch wichtige Kontrollbefugnisse entzieht. Nicht einmal ein Prozent der gegen illegale Abholzer verhängten Bußgelder treibt die IBAMA tatsächlich ein.

Szenenwechsel zum Schauplatz Amazonien – derzeit von atypischen Überschwemmungen geplagt. Sogar in der Millionenstadt Manaus am gewaltigen Rio Negro herrscht Notstand, stehen ganze Viertel unter Wasser. Hunderttausende Schüler haben keinen Unterricht. Malaria, Gelbfieber, Durchfall nehmen überall zu. Aber litt Amazonien die letzten Jahre nicht auch unter verheerender Dürre, sah man selbst den Rio Negro nur noch als Rinnsal, Tausende von Schiffen auf Grund?

Paul Adario, Leiter des Greenpeace-Büros in Manaus und sein Forscherteam betonen wichtige Zusammenhänge: In immer längeren Dürreperioden mit früher unbekannten Hitzegraden sterben immer mehr Amazonasbäume ab, denn es handelt sich, wie der Name ja sagt, um Regenwald, der möglichst kontinuierliche Regenfälle braucht. Kurze Regen- und Überschwemmungszeiten wie derzeit reichen vielerorts zur Regeneration nicht mehr aus. Amazonien nähert sich daher dem Punkt, von dem an die Waldvernichtung auch ohne menschliches Zutun voranschreitet. »Amazonien erlebt Extreme in immer kürzeren Abständen – auf Rekord-Dürren folgen Rekord-Überschwemmungen. Alles Konsequenz der globalen Klimaveränderung, zu der Brasilien durch Abholzungen beigetragen hat«, konstatiert Adario.

Der Biologe und langjährige UNO-Berater Fabio Olmos nimmt kein Blatt vor den Mund: »Brasiliens Regierung hat in Amazonien die Abholzung durch Großgrundbesitzer, Fleischkonzerne, Neusiedler seit Langem subventioniert. Das Ergebnis war katastrophal. Derzeit stehen nur noch jene Amazonaswälder, die noch nicht wirtschaftlich interessant sind. Ich fände es fabelhaft, wenn die EU einfach kein Fleisch mehr aus Brasilien kaufen würde.«

Traurige Erfahrung: Die Politik versagt kläglich

Für Rio+20 ist er alles andere als optimistisch: »Es ist traurig – wir haben sehr ernste ökologische Herausforderungen, doch keine politischen Führer, die sich diesen stellen.« Aber war nicht 1992 in Rio jenes viel gepriesene, teure Pilotprojekt der G-7-Staaten zum Schutze der Regenwälder Brasiliens gestartet worden, mit Deutschland als Hauptfinanzier? Fabio Olmos: »Das Pilotprojekt zählt zu den größten Fehlschlägen im Umweltbereich.«

Brasiliens Kirche haben daher vor Rio+20 mehrere wichtige Umweltkampagnen gestartet. So für den Schutz der nationalen Trinkwasserressourcen, gegen die unkontrollierte Verwendung von Agrargiften. Denn in keinem Land der Erde werden mehr eingesetzt. Ebenso protestiert die Kirche gegen den geplanten Bau von 22 Wasserkraftwerken in Amazonien, die wichtige Naturschutzgebiete stark verkleinern.

Klaus Hart

»Ein witziges, muthiges und beherztes Weib«

20. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen des Mittelalters: Katharina von Schwarzburg, die »Heldenmütige«

Als Friedrich Schiller im Sommer 1788 die Erzählung »Herzog von Alba bei einem Frühstück auf dem Schlosse zu Rudolstadt im Jahre 1547« schrieb, setzte er damit einer überaus mutigen Frau der Reformationszeit ein literarisches Denkmal: Katharina von Schwarzburg, »die Heldenmütige« genannt. Schillers Episode erfuhr bis heute zahlreiche Adaptionen, doch der Erste, der die Geschichte überliefert, war der Jurist Cyriakus Spangenberg in seinem 1591 erschienenen »Adelsspiegel«. Die Gräfin ­selber hatte sie ihm am 24. Mai 1552 erzählt.

Darstellung der Gräfin Katharina von Schwarzburg auf einer Chorstuhlwange in der Marienkirche Hanau. Foto: wikipedia

Darstellung der Gräfin Katharina von Schwarzburg auf einer Chorstuhlwange in der Marienkirche Hanau. Foto: wikipedia

Es war im Juni 1547, kurz nach der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes gegen das Heer Karls V., als ein Teil der kaiserlichen Truppen ­unter dem berüchtigten Herzog Alba durch schwarzburgisches Gebiet in Richtung Rudolstadt zog. Hier residierte Gräfin Katharina von Schwarzburg-Blankenburg, Witwe Heinrichs XXXII. In weiser Voraussicht hatte sie die Brücke über die Saale so weit vom Stadtzugang verlegen lassen, dass der Einzug des feindlichen Heeres kaum möglich war. Allerdings hatte sich Herzog Alba selber zum Frühstück bei der Gräfin eingeladen. Weil sie dieses Ansinnen schwerlich zurückweisen konnte, ging der Herzog am 26. Juni mit dem Herzog von Braunschweig und einigen seiner Gefolgsleuten zu ihr auf das Schloss. Doch während man speiste, kamen Boten Katharinas und berichteten, die Truppen des kaiserlichen Heeres würden plündernd durchs Land ziehen. Und das, obwohl die Gräfin einen kaiserlichen Schutzbrief besaß, der ihre Untertanen vor diesen Plünderungen bewahren sollte! Katharina war zutiefst empört. Ohne dass es Alba bemerkte, hieß sie ihre Diener, welche die hohen Gäste umsorgten, sich zu bewaffnen und die Türen abzuschließen. Danach stellte sie den Herzog zur Rede und forderte, wenn ihren Bauern nicht sogleich das geraubte Vieh wiedergegeben würde, müsse sie eben »Fürstenblut für ­Ochsenblut« nehmen. Offensichtlich brachte sie ihre Forderung so nachdrücklich vor, dass Alba sich schriftlich verpflichtete, diese unverzüglich zu erfüllen. So kamen die Untertanen der Gräfin, aber auch der Herzog, noch einmal glimpflich davon.

Katharina wurde im Januar 1509 als Tochter des Grafen Wilhelm von Henneberg-Schleusingen geboren. 1524 heiratete sie Heinrich XXXII. von Schwarzburg-Blankenburg. Aus der Ehe gingen drei Töchter und zwei Söhne (?) hervor, über deren Geburt ein von ihr selbst angelegtes Verzeichnis unterrichtet. Auch einige ihrer Briefe sind erhalten. Danach scheint sie tatsächlich »ein witziges, muthiges und beherztes Weib«, gewesen zu sein, wie C. F. Paulini im Jahre 1700 anmerkt, die zudem »im Gesetz des Herrn Tag und Nacht geforscht« habe.

Schon früh hatten sich Katharina und ihr Gemahl zu Luther bekannt und 1527 die Reformation in der Oberen Herrschaft eingeführt. Als Heinrich XXXII. 1538 starb, übernahm seine Frau die Regierungsämter Rudolstadt und Blankenburg und setzte sein Werk entschlossen fort. Sie kümmerte sich um die Verbesserung des Schulunterrichts, berief evangelische Lehrer und Geistliche und gewährte den wegen ihres Glaubens Verfolgten Schutz. So beherbergte sie 1548 heimlich den Lutherfreund und Pfarrer in Saalfeld Kaspar Aquila für mehrere Monate auf ihrem Schloss, über den die Reichsacht verhängt worden war. Als 1564 auch in Rudolstadt der sogenannte »Wucherstreit« um die Rechtmäßigkeit der Zinsgeschäfte entbrannte, ließ Katharina Gutachten von Universitäten, Theologen und ­Juristen einholen, um die lutherische Position in diesem Streit moraltheo­logisch zu stärken.

Allerdings konnte sie ihre Interessen auch mit Härte verteidigen, wie die Bewohner des Dorfes Mörla 1563 zu spüren bekamen. Weil sie die Wasserleitung, die von ihrer Quelle zum gräflichen Schloss führte, zerstört hatten, ritt Katharina mit Bewaffneten ein und ließ einige der Männer einsperren. Dafür rächten sich die Mörlaer, so erzählt man, auf ihre Weise: Als die Gräfin wieder einmal an der Quelle nach dem Rechten sehen wollte, soll sie von als »Butzemänner« verkleideten Männern in den Quellteich gestürzt worden sein. Noch heute feiert man hier das »Butzelmannfest«, bei dem Katharina höchst unfein vom Pferd in den Teich gestoßen wird.

Als Katharina am 7. November 1567 starb, wurde sie in der Stadtkirche St. Andreas in Rudolstadt beigesetzt, ihre Grabplatte befindet sich im Chorbereich. Ein Denkmal in der Marktstraße zu Rudolstadt erinnert noch heute an die resolute Fürstin, die als »Katharina, die Heldenmütige« und eine der berühmtesten Frauenpersönlichkeiten der Schwarzburger in die Geschichte einging.

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Historikerin.

Fußballer im Rad der Geschichte

19. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Sport: Wenn Fußballer das Nationaltrikot wechseln, sorgt das bis heute nicht für ungeteilten Beifall

Sport verbindet Menschen über Grenzen hinweg – so wird oft behauptet. Doch Sport kann auch entzweien. Ein Blick in Geschichte und Gegenwart deutsch-polnischer Fußballbeziehungen.

Am 27. August 1939 zeigte Ernest Willimowski, Stürmer der polnischen Nationalmannschaft, eine seiner Glanzleistungen: Er schoss drei Tore gegen Ungarn, das noch in der Halbzeit mit 1:2 führte. Polen gewann dadurch mit 4:2.

Strahlender Torschütze auf der Titelseite: Ernst Willimowski, der seine Karriere als polnischer Nationalspieler begann. Repro: Archiv

Strahlender Torschütze auf der Titelseite: Ernst Willimowski, der seine Karriere als polnischer Nationalspieler begann. Repro: Archiv

Vier Tage später rollte kein Ball mehr in Polen, sondern deutsche Panzer. Fußballspielen wurde von den deutschen Besatzern den polnischen »Untermenschen« verboten.

Karrierebeginn in Polen, Fortsetzung in Deutschland

Ernest, beziehungsweise Ernst, wie Willimowskis Vorname jetzt geschrieben wurde, trat jedoch weiter gegen das runde Leder. Auf einem seiner bekanntesten Fotos, einem Porträt auf der Titelseite der »Sport Illustrierten« von 1942, prangte ein Hakenkreuz auf dem Trikot. Der deutschstämmige Kattowitzer (heute Katowice) hatte die sogenannte deutsche Volksliste unterschrieben und konnte so seine sportliche ­Karriere fortsetzten. Er spielte zwischen 1941 und 1942 bei acht ­Länderspielen mit und kam dabei auf 13 Tortreffer. Bis ins Jahr 1959 war der 1916 Geborene noch aktiver Fußballer, zuletzt in der deutschen Kleinstadt Kehl an der französischen Grenze.

Oberschlesien hat der legendäre Stürmer nach dem Krieg nie wieder betreten. Denn in Polen galt er, der bei Länderspielen 21 Tore für Polen schoss, als ein Verräter. Auch in der Nachkriegszeit. Davon unbeeindruckt schickten ihm allerdings auch viele polnische Fußballfreunde Fanpost nach Deutschland.

»Er war stets mit Polen verbunden, der Vorwurf hat ihn geschmerzt«, meint heute Sylvia Haarke, seine Tochter. Sie war Anfang Juni auf einer Podiumsdiskussion im Warschauer »Haus der Treffen mit der Geschichte«. Der gut besuchte Abend war mit dem Motto »Mein Papa war Fußballspieler« überschrieben. Anwesend waren ihr Ehemann und Willimowski-Biograf Karl-Heinz Haarke, der Korrespondent der Süddeutschen Zeitung Thomas Urban als Moderator sowie Alfred Görlitz aus dem sächsischen Freiberg, der Sohn von Emil Görlitz.

Auch Emil Görlitz begann wie ­Willimowski seine Karriere beim 1. FC Kattowitz, dem Fußballklub, der seit 1922, nach Volksabstimmung und ­Teilung Oberschlesiens, zu Polen ­gehörte. Obwohl der 1903 geborene Görlitz keinen Hehl daraus machte, bei der Abstimmung für Deutschland optiert zu haben, stand er 1924 und 1925 für die polnische Nationalmannschaft im Tor. »Mein Vater wollte im Sport vorankommen, darum willigte er ein«, erinnert sich sein Sohn an Gespräche in der Nachkriegszeit.

Nach einigen Stationen im Ausland und Rückkehr zum 1. FC Kattowitz, ging er 1934 nach Ostthüringen, spielte dort in der Eintracht Altenburg und blieb auch nach dem Krieg in der Skatstadt. Anders als der bekanntere Willimowski, besuchte Emil Görlitz ab den frühen 60er Jahren von der DDR aus Oberschlesien, sein Sohn ­Alfred begleitete ihn oft. Beide heute verstorbene Fußballspieler vermieden es, sich jenseits des Sports von der NDSAP oder ihren Gliederungen einspannen zu lassen.

Die Gespräche der Kinder fanden in Warschau guten Anklang. Immerhin waren auch einige betagte Polen gekommen, die Willimowski noch als polnischen Spieler des polnischen Vereins Ruch Wielkie Hajduki erlebt hatten. Anschuldigungen und Vorwürfe blieben an diesem Abend aus. Im Gegenteil: In Polen ist wieder ein Interesse an den oberschlesischen Fußballern erwacht. So hat der polnische Fußballbund PZPN im letzten Jahr Emil Görlitz zum besten Torwart der 20er Jahre gekürt.

Die Frage nach dem Adler: Schwarz oder Weiß?

Eine Ausstellung vor dem Königschloss zeigt während der EM-Zeit die deutsch-polnische Fußballgeschichte. Ko-Autor der Schau ist Thomas Urban, der mit seinem jüngsten Buch »Schwarze Adler, weiße Adler« die deutsch-polnischen Fußballbeziehungen aufgearbeitet hat.

Dennoch ist der Verräter-Vorwurf nicht aus der Welt, sondern erhält derzeit unerwartete Nahrung: Die beiden in Polen geborenen deutschen Nationalspieler Miroslaw Klose und Lukas Podolski sind nicht überall in Polen beliebt. Beide müssen sich in Interviews mit polnischen Journalisten ­immer wieder für die Entscheidung rechtfertigen, dass der schwarze und nicht der weiße Adler auf der Brust prangt. Und Jan Tomaszewski, langjähriger Nationaltorhüter und aktuell Abgeordneter der Partei »Recht und Gerechtigkeit«, nannte die beiden vor wenigen Tagen erst »gefärbte Füchse«, die verhinderten, dass die polnische Mannschaft weiterkomme …

Dabei ist Podolski der »polnischere« unter den beiden, der ­um­strittenerweise auch mal das polnische Trikot anzieht, bei der deutschen Nationalhymne nicht mitsingt und sich bei einem Tor gegen Polen die Haare rauft. An seinem Geburtstag, am 4. Juni sangen ihm darum die polnischen Fans beim Training in Danzig ein Ständchen.
Jens Mattern

Buchtipp:
Urban, Thomas: Schwarze Adler, weiße Adler. Deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik, Verlag Die Werkstatt, 192 Seiten (mit Fotos), ISBN 978-3-89533-775-8, 12,90 Euro

Es wird durchgeblüht

19. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Christine Lässig

Christine Lässig

Alles Gute ist nie beieinander. Das ist leider auch im Garten so. Rosen, die besonders üppig blühen, tun es nur einmal im Jahr. Die in der Farbe ideal wären, duften nicht. Schwertlilien und Pfingstrosen geben nur ein kurzes, wenn auch prächtiges Schauspiel, sofern man ihre ­Blütezeit nicht durch verschiedene Sorten in die Länge ziehen kann. Ganz zu schweigen vom Klatschmohn, der seine zerknitterten Blütenblätter kaum entfaltet hat und schon dahin ist.

Die edlen Funkien werden gern von Schnecken gefressen, und die aromatischsten Erdbeeren sind besonders anfällig für Grauschimmel.
So bedauerlich das alles ist – es macht das Leben spannend. Was immerzu da ist, was tadellos daherkommt, wird auch schnell langweilig. Stellen Sie sich einen Garten vor, in dem dieselben Blumen das ganze Gartenjahr in Blüte stehen. Vom Frühjahr bis zum Herbst der gleiche Anblick. Keine Abwechslung in den ­Farben, kein neues Zusammenspiel in den Formen. Ich bin mir gar nicht mehr sicher, ob ich Rosen schön finden soll, die durchblühen bis zum Frost. Im klassischen Weimar hat man ein Fest gefeiert, wenn im Park des umtriebigen Geschäftsmannes und Blumisten Friedrich Justin Bertuch die über 50 Rosensorten dufteten. Es war der Höhepunkt des Gartenjahres, den man mit seinem Blütenrausch bewusst genossen hat. Danach waren andere Blumen dran.

»Es wird durchgeblüht!«, hieß die Maxime des großen Staudengärtners Karl Foerster. Allerdings bezog sich das nicht auf einzelne Pflanzen, sondern auf die bunte Vielfalt der Gärten und die vielen Möglichkeiten, zu allen Jahreszeiten etwas fürs Auge zu haben. Das ist hohe Kunst, bedarf einiger Kenntnisse und Erfahrungswerte und macht eventuell mehr Arbeit als das Gestalten mit Dauerblühern. Aber man kann an den Blumen sehen, in welchem Monat wir leben. Und das ist doch was, in einer Zeit, wo immer alles zur Verfügung steht, Chrysanthemen in Frühlingssträuße gebunden werden und Tomaten das ganze Jahr über zu haben sind.
Christine Lässig

Wer ist hier Opfer, wer ist hier Täter?

17. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Menschen in Insel wehren sich gegen zwei Straftäter, die ihre Strafe abgesessen haben – und fühlen sich selbst als Opfer

Seit Monaten geht der Name der kleinen Gemeinde Insel bei Stendal durch die Medien. In den vergangenen Wochen eskalierte der Protest von Bewohner gegen zwei ehemalige Strafgefangene, die sich im Ort niedergelassen haben. Harald Krille sprach darüber mit dem zuständigen Superintendenten Michael Kleemann.

Herr Kleemann, der Name des Ortes ­Insel geht durch alle Medien. Sie kennen die Probleme von Anfang an. Was ist schiefgelaufen?
Kleemann:
Bevor man mit Schuldzuweisungen Dritten gegenüber operiert, müssen wir uns selber an die Nase fassen: Auch wir als evangelische Kirche haben erst sehr spät die Dramatik der Situation um die beiden entlassenen ehemaligen Straftäter zur Kenntnis genommen und uns in diesem Prozess eingebracht. Das war dann zu einem Zeitpunkt, als die Eskalation bereits weit fortgeschritten war und die Emotionen in dem Dorf sich so entwickelt hatten, dass jede Intervention ausgesprochen schwierig wurde.

Michael Kleemann (53) hat als Superintendent des Kirchenkreises Stendal der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland den Konflikt in der Gemeinde Insel von Anfang an mitverfolgt. Foto: privat

Michael Kleemann (53) hat als Superintendent des Kirchenkreises Stendal der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland den Konflikt in der Gemeinde Insel von Anfang an mitverfolgt. Foto: privat

Wie hat Kirche denn versucht zu intervenieren?
Kleemann:
Ich war selbst maßgeblich daran beteiligt, zunächst für die beiden Männer eine zumindest zeitweise alternative Unterkunft zu finden. Allerdings waren die Anfragen in Kommunitäten und geschützten kirchlichen Häusern sehr frustrierend. Aus heutiger Sicht muss ich allerdings sagen, dass dieses Bemühen zwar in guter Absicht geschah, aber ein falsches Signal war. Denn wir haben damit suggeriert, dass es rechtens wäre, die beiden Männer an einen anderen Ort zu bringen.

Aber die Fehler liegen ja sicher nicht nur bei Ihnen und der Kirche?
Kleemann:
Natürlich. Von Anfang an haben alle verantwortlichen Institutionen bis hin zum Justizministerium und dem Innenministerium die Situation nicht richtig eingeschätzt. Man hätte damals ganz schnell agieren müssen und mit hoher politischer Präsenz in dem Dorf um Aufklärung und Entspannung ringen müssen. Und das oberste Signal hätte dieses sein müssen, was am vergangenen Wochenende der Landtag mit seiner Demonstration in Insel gegeben hat: Artikel 1, Grundgesetz – »Die Würde des Menschen ist unantastbar«. Das heißt, die ­beiden Männer haben das Recht zur Freizügigkeit, sie dürfen wohnen, wo immer sie wollen. Und es gibt niemanden, aber auch gar niemanden, der das Recht hat, sie von dort zu vertreiben. Punkt.

Wie schätzen Sie als Pfarrer die Situation in Insel ein?
Kleemann:
Zunächst – wenn wir es als Christen betrachten, dann gilt für uns immer vorrangig das Doppelgebot der Liebe aus der Bergpredigt und das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe. Dahinter können wir nicht zurück.
Zum anderen: Wer ist eigentlich Opfer, wer ist Täter? Nachdem die beiden Männer zu Tätern geworden waren, wurden sie überproportional hart bestraft: Sie haben dreimal länger in Haft gesessen als der Richterspruch vorsah. Das liegt an der nachträglich angeordneten Sicherungsverwahrung, die nach vielen Jahren durch das EU-Recht kassiert wurde. Damit sind die beiden nun ihrerseits zu Opfern geworden. Für ihre Taten haben sie gesühnt. Seit ihrer Freilassung haben sie sich nichts mehr zuschulden kommen lassen. Und nun werden sie Opfer eines wie
auch immer gearteten Volkszorns, einer wirklich richtigen Pogromstimmung, die leider auch von Trittbrettfahrern außerhalb Insels angeheizt und mit verursacht worden ist.
Und im Blick auf die Ängste der Bevölkerung: Natürlich muss man diese Ängste ernst nehmen. Aber es gilt auch, dass alle Prognosen über die Gefährlichkeit der beiden sich im Bereich von Mutmaßungen bewegen. Das Risiko, dass mein netter Nachbar irgendwann mit der Axt durchs Haus rennt und Schaden anrichtet oder dass ich selbst irgendwann irgendeinem Wahn verfalle, ist meiner Meinung nach nicht wesentlich geringer.

Welche Rolle spielen die Medien in diesem Konflikt?
Kleemann:
Die Medien haben von Anfang an diesen Konflikt mitbefeuert und mitgesteuert. Das kann man gar nicht ­anders sagen. Es sind unterschiedlich tendenziöse Berichterstattungen in den unterschiedlichsten, auch öffentlich-rechtlichen Medien verbreitet worden. Wenn ich nur den vergangenen Freitag anschaue: Berichtet wurde über die sicher richtige, wichtige und plakative ­Aktion des Landtages, die große Polizeipräsenz, über ein kleines Scharmützel am Rande, wo ein paar Linksautonome ein Plakat entrollten. Teil dieses Nachmittages war aber auch ein Friedensgebet in der Dorfkirche, zu dem wir alle eingeladen hatten – die Landtagsmitglieder, die Menschen aus Insel, die Befürworter wie die Gegner des Bleibens der beiden Männer. Mehr als Hundert nutzten die Chance, für den Frieden zu beten und die Kirche zugleich als Gesprächsraum zu nutzen, Auge in Auge in kleinen Gruppen, ohne Schuldzuweisungen. Doch das kam in den Fernsehmedien überhaupt nicht vor und in der Presse nur als kleine Randnotiz. Das finde ich tragisch.
Und was die Bildzeitung gemacht hat, als sie den jüngeren der beiden Männer, der sich in Chemnitz Arbeit suchen und eine neue Existenz aufbauen wollte, öffentlich an den Pranger stellte, finde ich nach wie vor strafrechtlich relevant. Ich hoffe, dass die eine oder andere Institution das auch verfolgt.

Was müsste, was kann die Politik jetzt weiter tun?
Kleemann:
Die Politik ist gefragt, nicht nur solche Zeichen wie am vergangenen Freitag zu setzen, sondern die Gespräche auch mit der Bürgerinitiative, die den Wegzug der beiden Männer möchte, weiterzuführen und zwar in kleinen Einheiten. Und damit eine Ansprechbarkeit herzustellen, die die Menschen bisher vermisst haben. Daneben hat die Politik weiterhin die Verantwortung, in aller Klarheit gegen jede Form von Vertreibung Stellung zu beziehen und damit auch alle Trittbrettfahrer von Rechts und auch von Links aus diesem Ort und aus dem Konflikt fernzuhalten. Und was ganz wichtig ist: keine Belehrungen und Besserwissereien.

Und die Kirche?
Kleemann:
Wir als Kirche können immer wieder Räume für Kommunikation und Gespräch anbieten und diese Kommunikation moderieren, wenn es gewünscht ist. Wir können und müssen darüber ­hinaus im Kleinen immer wieder Einzelgespräche mit den Menschen in ­Insel führen. Und wir können nicht zuletzt ­engagiert beten für diesen Konflikt und für die Menschen, die in diesem Konflikt zerrieben werden. Das sind sowohl die beiden Männer als auch viele, viele Menschen, die in Insel wohnen und sich in den letzten Monaten einer regelrechten Treibjagd ausgesetzt fühlten.

Kinder unterm Kronenkreuz

11. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Studie zeigt: In der DDR gab es mehr kirchliche Kinderheime als allgemein bekannt

Blick-24-2012Auch in Ostdeutschland haben sich die Kirchen an der Heimerziehung von Kindern und Jugendlichen beteiligt. Während die Debatte um Prügel und Schläge in kirchlichen Heimen bislang ausschließlich in Westdeutschland geführt wurde, legte nun der Berliner Professor für Sozialethik, Karsten Laudien, eine Studie vor, aus der hervorgeht, dass beide großen Kirchen wesentlich stärker als bisher wahrgenommen an der Heimerziehung in der DDR beteiligt waren: »Dokumente aus dem Archiv des Diakonischen Werks der EKD und dem Bundesarchiv sagen, dass es 1952 auf dem Gebiet der DDR insgesamt 152 evangelische und katholische Kinderheime mit 9297 Plätzen gab«, so Laudien. Für das Jahr 1962 würden noch 94 Heime der sogenannten Jugendhilfe in kirchlicher Trägerschaft mit insgesamt 5582 Plätzen genannt.

Allerdings ging der Staat in seinem Bemühen, ein Erziehungsmonopol zu schaffen, schon bald gegen die kirchlichen Heime vor. »Viele Heime mussten in den 1960er Jahren schließen, weil die Tagegeldsätze zu gering wurden, oder die Behörden keine Kinder mehr einwiesen«, so Laudien.

Doch einzelne Kinderheime in kirchlicher Trägerschaft habe es bis zur Wende in der DDR gegeben. Noch 1987 nennen Stasiakten beispielsweise ein Heim in Sachsen. »Dass es sich dabei nicht um Heime für Kinder mit geistiger Behinderung gehandelt hat, kann man daran erkennen, dass sie vom Ministerium für Volksbildung und nicht vom Ministerium für Gesundheit bezuschusst wurden«, so Laudien.

Weitgehend unklar sei dagegen bislang, wie es den Bewohnern der kirchlichen Heime zu DDR-Zeiten ergangen sei. »Bislang sind nur einige wenige Betroffene aus katholischen Heimen in Birkenwerder bei Berlin und Thüringen bekannt«, sagt Laudien. »Aber in den 1950er Jahren dürfte sich die Heimerziehung in Ost- und Westdeutschland noch nicht wesentlich voneinander unterschieden haben.«

»Ein flächendeckendes, systematisches Unrecht wie in den staatlichen Einrichtungen wird es in den kirchlichen Heimen wohl nicht gegeben haben«, vermutet Laudien. »Man sollte kirchliche Einrichtungen nicht mit dem Jugendwerkhof in Torgau in einen Topf werfen.«

Nach Einschätzung von Oberkirchenrat Christian Schönfeld, Vorsitzender der Diakonie Sachsen, wurden die meisten kirchlichen Heime im ­Bereich der sächsischen Jugendhilfe bereits in den 50er Jahren geschlossen oder umgewidmet. Wie viele Heime dies betraf, vermag man derzeit nicht zu sagen.

Eine Ausnahme sei aber tatsächlich das Luisenstift in Königsbrück in der Westlausitz. Dort wurden weiterhin »normale« Kinder auf der Grundlage von privaten Vereinbarungen und vermittelt über die Fürsorgebeauftragten der sächsischen Kirchenkreise sowie die Schaustellerseelsorger aufgenommen. Doch weil die DDR-Behörden nur 3,80 DDR-Mark Zuschuss pro Kind und Tag zahlten, musste ein erhebliches Defizit von der Inneren Mission getragen werden, so Schönfeld. Beschwerden ehemaliger Heimkinder über Misshandlungen lägen bisher nicht vor. »Sollte da noch etwas zum Vorschein kommen, dann müssten wir das natürlich aufarbeiten«, betont der Diakoniechef.

In Sachsen-Anhalt gab es schon einmal den Vorwurf der Misshandlung in kirchlichen Heimen: Das war 1953 im Zuge einer staatlichen Kampagne gegen die Neinstedter Anstalten. Diese wurden später ebenfalls zur Umorientierung auf Heilerziehungspflege gezwungen. Klar ist, dass die damaligen Vorwürfe politisch instrumentalisiert wurden. Wie weit sie indes einen realen Hintergrund hatten, ist bis heute unklar.
Beschwerden von Betroffenen liegen jedenfalls bisher auch im Bereich der Diakonie Mitteldeutschland nicht vor, wie deren Sprecher Frieder Weigmann betont. Eine Diskussion über eine Beteiligung der Kirchen am Hilfsfonds für Ost-Heimkinder hält er deshalb auch für abwegig.
Benjamin Lassiwe/Harald Krille

Ein Lutheraner in Rom

10. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Händel-Festspiele widmen sich dem Verhältnis des Komponisten zu den Konfessionen

An Luther kommt in diesem Jahr keines der Musikfestivals vorbei. Auch die Händel-Festspiele in Halle machen da keine Ausnahme und erweisen dem Reformator gegenwärtig die Ehre. »Händel und die Konfessionen« lautet das Motto des traditionsreichen Musikfestivals, das seit dem 31. Mai in Halle läuft und noch bis zum 10. Juni andauert. Passend zum Schwerpunktjahr »Reformation und Musik« innerhalb der Lutherdekade wollen die Festspiele dabei auf die ­unterschiedlichen Strömungen eingehen, denen Händel in seiner Zeit begegnete.

So viele kleine Händel. Parallel zu den großen Festspielen gibt es in Halle auch Kinderhändelfestspiele. Zum Auftakt am 4. Juni beteiligten sich 250 Jungen und Mädchen in barocken Kostümen. Foto: Thomas Meinicke

So viele kleine Händel. Parallel zu den großen Festspielen gibt es in Halle auch Kinderhändelfestspiele. Zum Auftakt am 4. Juni beteiligten sich 250 Jungen und Mädchen in barocken Kostümen. Foto: Thomas Meinicke

Für Clemens Birnbaum, Intendant der Händel-Festspiele, ist das Motto dabei eine logische Konsequenz. »Im Gegensatz zu Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann, die durchgehend in einem protestantisch geprägten Umfeld gearbeitet haben«, zähle Händel zu den wenigen Komponisten des 18. Jahrhunderts, die für verschiedene Konfessionen tätig waren, unterstreicht der Direktor der Stiftung Händel-Haus. Er selbst stammte aus einem streng lutherischen Elternhaus, genoss eine Kantorenausbildung, spielte im calvinistischen Dom in Halle die Orgel und komponierte in seiner italienischen Zeit diverse Werke für die römisch-katholische Kirche. In England wandte sich der begnadete Komponist dann der Musiktradition der anglikanischen Kirche zu.

Deutlich wird seine Offenheit und religiöse Toleranz in dem thematischen Konzert unter dem Motto »Der ökumenische Musiker – ein Lutheraner in Rom«. Zwar habe es zu Händels Zeit keine Ökumene in unserem Sinne gegeben, räumt Erik Dremel, Dozent an der Theologischen Fakultät in Halle, in seinem Einführungsvortrag ein. Doch eine gelebte Ökumene, »eine Begegnung von Menschen verschiedener Konfessionen auf Augenhöhe«, gab es schon. Dafür steht in besonderer Weise seine Zeit in Italien. Händel hat in den Jahren 1707 bis 1710 kein Problem damit, katholische Kirchenmusik zu schreiben. Zu seinen Förderern gehören hier die Kardinäle Pamphilij, Ottoboni und Colonna. Beispielhaft erklingen am 2. Juni in ­einem Konzert im Händel-Haus drei geistliche Werke aus seiner Feder: »Laudate Puer Dominum«, das noch aus seiner Hamburger Zeit stammt, sowie das »Salve Regina«, eine marianische Antiphon, und die Kantate »Gloria«.

Der überzeugende Auftritt des Bozen Baroque-Orchesters unter der Leitung von Claudio Astronio mit der Sopranistin Gemma Bertagnoli ist ein Teil der Veranstaltungsreihe »Nach Luther«, die den Händel-Festspielen in diesem Jahr ihr besonderes Gepräge geben. Neben einem Konzert, das sich Händels Lehrer, dem wichtigen protestantischen Kirchenmusiker Friedrich Wilhelm Zachow, zuwendet, erklingt im Rahmen dieser Reihe auch Händels einzige deutschsprachige Passionsmusik, die »Brockes-Passion«. Insgesamt elf Aufführungen und eine Sonderausstellung widmen sich sowohl dem Schwerpunktthema »Händel und die Konfessionen« als auch dem Veranstaltungsreigen »Nach Luther«. Dabei werden eine Reihe von Kompositionen an authentischen ­Orten der Reformation zur Aufführung gebracht. So zählen Exkursionen nach Wittenberg und Eisleben und Konzerte im Lutherhaus oder der Andreaskirche zum Programm.

Für die Schirmherrin der diesjährigen Händel-Festspiele, die EKD-Lutherbotschafterin Margot Käßmann, ist eine solche Schwerpunktsetzung folgerichtig. Händels Lebensweg sei stark von der Reformation geprägt ­gewesen. Zudem hätten in seinem Schaffen zentrale biblische Texte immer eine große Rolle gespielt, sagt sie zum Auftakt. Das kann Erik Dremel von der Theologischen Fakultät nur unterstreichen. Händel sei Zeit seines Lebens ein stolzer Lutheraner geblieben, der seine Bibel »selbst fleißig gelesen hat«. Um in Rom weiter Karriere zu machen, hätte Händel konvertieren müssen. Das habe er bewusst nicht getan, auch nicht in seiner langen Londoner Zeit, wo er wiederum Kirchenmusik für die anglikanische Kirche schrieb. »Seine lutherische Herkunft und seine Heimat«, ist Dremel überzeugt, »hat er nie verleugnet.«

Martin Hanusch

www.haendelfestspiele.halle.de

Den Glauben zum Klingen bringen

10. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Dirigent der Reformation: Martin Luther – Glaubensmusiker (Teil 1)

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 den Schwerpunkt in diesem Jahr auf »Reformation und Musik« gelegt. Eine Serie stellt Komponisten und Liederdichter von der Reformation bis zur Gegenwart vor, deren Kunst ein reformatorisch inspirierter Glaube geprägt hat.

Ob als Bläserklang, Orgelsatz oder in einer Kantate – der Choral ist ein wichtiges Element eines reformatorisch inspirierten Glaubens, der klingen will. Entscheidenden Einfluss auf das Kirchenlied hatte Martin Luther (1483–1546), ohne dessen Musikalität die Reformation gewiss einen anderen Verlauf genommen hätte. Theologie war für den Mönch und Professor der Bibelwissenschaft keine kühle Kopfarbeit, sondern leidenschaftlich. Die Kraft der Bibel entfaltet sich seiner Ansicht nach gerade dann, wenn sie hörbar wird. Das sollte auch für den Gottesdienst gelten. 1525 schrieb der Reformator: »Ich möchte, wir hätten möglichst viele deutsche Lieder, die das Volk in der Messe singt, aber noch fehlt es an Dichtern.« Er regt Freunde an, dichtet und komponiert auch selbst. Ihn leitet ein Gedanke, der sich heute vielleicht als Konsumkritik bezeichnen ließe: Die Gläubigen sollten nicht etwa gehorsame Empfänger im Gottesdienst sein, sondern den Glauben selbst zum Klingen bringen können. So entstand das auf Deutsch gesungene Kirchenlied. Diese von Luther initiierte neue musikalische Farbe zog ihre Kraft aber doch auch wieder aus dem Alten. Er erfand nämlich eine Liedgattung, die ihm die biblischen Psalmen bescherten, die sogenannten Psalmgesänge. »Aus tiefer Not schrei ich zu dir« (EG 299), »Ach Gott, vom Himmel sieh darein« (EG 273) und weitere Psalmgesänge sind bis heute im Evangelischen Gesangbuch zu finden.

Foto: wikipedia

Foto: wikipedia

Für Luther ist das Buch der Psalmen der musikalischste Ausdruck der Bibel, eine Kurzform des Christentums, ein »Sturmwind der Gefühle«, in dem »Saft, Kraft, Brunst und Feuer« zu finden sind. Auch Luthers wohl bekanntestes Lied »Ein feste Burg ist unser Gott« (EG 362) ist von einem Psalm inspiriert. Dieser Choral ist ­allerdings zuweilen als reformatorisches Kampflied missverstanden worden, Soldaten sollen das Lied singend in den Kampf gezogen sein. Die ursprüngliche Melodie, die heute leider nur noch selten gesungen wird, ist aber eigentümlich schwebend, von rhythmischer Energie und einer fast zerbrechlich wirkenden Grazie. Marschieren lässt sich darauf nicht.

»Ich liebe die Musik«, schrieb Luther 1530 in seiner Skizze über die Musik, die viel von seinem Gespür verrät, die Heilige Schrift als klangvoll zu ­erleben. Die Musik mache die Seelen fröhlich, verjage den Teufel, sie komme für ihn gleich nach der Theologie. »Das ergibt sich aus dem Beispiel Davids und aller Propheten, weil sie all das Ihre in Metren und Gesängen überliefert haben.«

Auch Luther selbst hat das Seine in Metren und Gesängen überliefert, denn seine Sprache ist rhythmisch, bildreich und oftmals sehr poetisch. Theologie in seinem Sinn ist ansatzweise immer musikalisch, kein abstraktes System, sondern immerwährende Auslegung der Bibel, ist soteriologisch orientiert und fragt damit stets danach, was das theologisch Gesagte und Gedachte für den Menschen bedeutet, ob es berührt, hilft, anrührt, rettet. Luthers Sprache ist den Psalmen und dem biblischen Hebräisch nicht unähnlich. Denn die hebräische Bibel ist ursprünglich niemals nur gelesen, sondern immer auch gesungen oder zumindest gemurmelt worden. Das ist der Ausgangspunkt eines reformatorisch inspirierten Glaubens: Niemand soll ohne Stimme sein. Die Musik ist dabei nicht etwa nur Dekoration oder Vermittlungshilfe ohnehin bereits feststehender Glaubenswahrheiten, sondern gehört konstitutiv zur Religion dazu.

Georg Magirius

Der Autor ist evangelischer Theologe. Seit 2000 arbeitet er als freier Schriftsteller und Journalist.

Literaturempfehlung
Magirius, Georg: Meister der Kirchenmusik, Agentur des Rauhen Hauses Hamburg, 48 S., ISBN 978-3-7600-0978-0, 3,00 Euro

Ukraine: Augen auf – auch nach dem Abpfiff !

9. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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An diesem Freitag beginnt die EURO 2012. Wegen der menschenunwürdigen Haftbedingungen nach fragwürdigem Prozess gegen Julia Timoschenko schlugen im Vorfeld die Wellen hoch. Sollen deutsche Politiker die EM boykottieren? Gehört die Ukraine überhaupt zum »gemeinsamen Haus Europa«?

Die Ukraine ist als Nation sehr jung. Wirklich unabhängig ist das Land erstmals seit 1991. Die »Orange Revolution« von 2004/05 hat gezeigt: Volkssouveränität ist möglich. Groß war danach die Enttäuschung über die, die als Volkstribunen auftragen und sich als Oligarchen entpuppten. Von denen erwartet heute kaum noch jemand etwas. Viele sehnen sich wieder nach dem »starken Mann«.
Der Zusammenhang zwischen der Fußball-Europameisterschaft und dem Fall Timoschenko wird hier im Land offiziell kaum diskutiert; man hört vielleicht eine dürre Nachricht aus dem Westen und einen verständnis­losen bis empörten offiziellen Kommentar. Die Presse ist allerdings nicht wirklich frei in ihrer Berichterstattung. Es ist peinlich und ärgerlich, wenn Sportfunktionäre uns glauben machen wollen, Sport und Politik hätten nichts miteinander zu tun. Spätestens seit Berlin 1936 ist bekannt, dass das nicht so ist.

Uland Spahlinger ist Pfarrer und ­Bischof der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine mit Sitz in Odessa.

Uland Spahlinger ist Pfarrer und ­Bischof der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine mit Sitz in Odessa.

Beunruhigend, was in manchen ­Internetforen zu lesen ist: Frau Timoschenko habe es ja nicht besser verdient; der Fall sei doch nur aufgebauscht; sie würde im umgekehrten Fall auch nicht anders handeln usw. Auch liest man Einlassungen, die im deutschen »Meinungsaustausch« die Handschrift von Parteigängern Präsident Janukowitschs tragen.
Julia Timoschenko ist sicher eine politische Reizfigur – gleichzeitig aber ist sie auch Symbol: sie hat wie jeder Mensch Anspruch auf faire, transparente und menschenwürdige Behandlung. Die Justiz eines Landes muss frei sein von politischer Einflussnahme. Wenn Gerichte nicht unabhängig sind, dann ist das ein bedrohliches Signal für den Zustand eines Gemeinwesens.

Wer auf die Missstände aufmerksam machen will, kann sich für oder gegen Boykott entscheiden. Er muss sich dessen bewusst sein, dass alles im öffentlichen, politischen Raum stattfindet. Manchmal muss man den Dialog mit dem Dialogunwilligen aussetzen. Die Entscheidung von Bundespräsident Gauck, einer Konferenz auf der Krim fernzubleiben, war ein wichtiges Signal. Die EURO wird stattfinden, auch in Kiev, Charkiv, Donezk und Lviv. Zu wünschen ist, dass die Gäste mit wachen Sinnen kommen – und warum nicht mit der europäischen Menschenrechtskonvention, die auch die Ukraine unterzeichnet hat, im Handgepäck? Es lohnt, mit den Menschen das Gespräch darüber und über bürgerliche Rechte zu suchen. Und dann ist da noch die Frage, ob das öffentliche Interesse an der Ukraine auch nach der EURO so groß sein wird wie davor?
Uland Spahlinger

Der letzte Aufbauhelfer

5. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Russland: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) unterstützt personell die Emanzipation der Lutheraner


Seit Jahren schickt die EKD Pfarrer in die Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Doch diese Form von Hilfe ist ein Auslaufmodell.

Seine besondere Mission bezeichnet er als »Kärrnerarbeit« – aber eine, die Spaß macht. Thomas Vieweg, 58, derzeit noch Dekan des Kirchenbezirks Kirchheimbolanden in der Nordpfalz, übernimmt ab 1. August eine spannende und zugleich anstrengende Aufgabe: Er wird die Evangelisch-Lutherische Propstei im russischen Kaliningrad, dem früheren Königsberg, drei Jahre lang leiten. Dort wird der 59-Jährige der vermutlich letzte von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entsandte Propst für die rund 2100 Lutheraner sein.

Auf dem Weg nach Russland: Monika und Thomas Vieweg. – Foto: Stepan

Auf dem Weg nach Russland: Monika und Thomas Vieweg. – Foto: Stepan

In der kurzen Zeitspanne muss der gebürtige Erfurter viel Arbeit schultern: Zunächst soll er den Aufbau und die Vernetzung von ambulanten Diakoniestationen in den Dörfern und Städten in der Region um die frühere Hauptstadt Ostpreußens vorantreiben. Dann geht es darum, seinen einheimischen Nachfolger in der russischen Exklave zwischen Polen und Litauen an der Ostsee einzuarbeiten. Seine Frau Monika unterstützt Vieweg als theologische Mitarbeiterin. Bisher waren alle Kaliningrader Pröpste Deutsche.

Seit 1991 leistet die EKD den Protestanten in der Region Kaliningrad, die fast so groß wie Schleswig-Holstein ist, Aufbauhilfe. Diese gründeten nach dem Ende der Sowjetunion mithilfe ihrer Glaubensbrüder und -schwestern aus Deutschland die lutherische Propstei, die heute rund 40 Gemeinden mit sieben Pfarrern umfasst. Es gibt keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele der vorwiegend russischen Einwohner in der Region einer christlichen Kirche angehören. Dort leben rund eine Million Menschen.

»Ich freue mich auf die Aufgabe, für die mich die EKD angefragt hat, weil ich dort in besonderer Weise seelsorgerlich und diakonisch tätig sein kann«, sagt Vieweg. Die Mission Kaliningrad sei quasi vom Himmel auf ihn herabgefallen. »Der Mensch denkt, Gott lenkt«, kommentiert er den plötzlichen Wechsel in seiner Lebensplanung. Bei der Propstwahl der lutherischen Kirche in Kaliningrad wurde Vieweg kürzlich einstimmig gewählt. In Kaliningrad und zwei weiteren Orten wird er neben seinem Leitungsamt zudem die Aufgaben eines Gemeindepfarrers übernehmen.

Ein Grund, weshalb das Referat für Mittel- und Osteuropa der EKD in Hannover an ihn herangetreten sei, ist die Partnerschaft zwischen den Protestanten in Kirchheimbolanden und Tschernjachowsk (Insterburg). Neben seiner Leitungserfahrung sei ihm auch seine besondere Biografie zugute gekommen, sagt der frühere DDR-Bürger Vieweg.

Seine persönlichen Erfahrungen mit autoritären Regimes machte der gebürtige Erfurter als Theologiestudent in der DDR. Nach vielen Schikanen durch die Stasi siedelten Vieweg und seine Familie in den Westen über, 1987 begann er seinen Dienst in der pfälzischen Landeskirche. Ihr Schul-Russisch wollen die Viewegs vor ihrer Abreise mit einem Sprach-Crashkurs aufbessern. Für die in Kaliningrad zweisprachig gehaltenen Gottesdienste steht ihnen eine Dolmetscherin zur Seite.

Nach den drei Kaliningrader Jahren, so ist der designierte Propst überzeugt, werden sein Amtsnachfolger vorbereitet und die kirchlich-soziale Arbeit in der Region gestärkt sein. Die helfenden Hände aus Deutschland würden dort dann hoffentlich weniger gebraucht, ist der Theologe überzeugt: »Nach 20 Jahren Aufbauarbeit sind die Menschen selbstbewusst geworden.«

Alexander Lang (epd)

www.propstei-kaliningrad.info

Wenn Sprache Klang wird

4. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Sieben Kompositionen Michael Muschners sind je einen Monat lang in Jena zu hören

»Mich beeindrucken Raum und Klang in der Einheit.« – »A wonderful church with amazing sound/music.« – »Hell und freundlich, Klänge ungewöhnlich, macht neugierig!« So lauten drei Eintragungen im Gästebuch der Friedenskirche Jena, in der unter dem Motto »Frieden suchen, Frieden finden, Frieden wahren« noch bis 31. Oktober eine siebenteilige Klanginstallation des Berliner Komponisten Michael Muschner (geboren 1967) präsentiert wird.

Eintauchen in den Klang: Besucher der Klanginstallationen in der Jenaer Friedenskirche, die in der Kirche von 13 bis 20 Uhr und im Außenbereich rund um die Uhr erklingt. – Foto: Jürgen Scheere

Eintauchen in den Klang: Besucher der Klanginstallationen in der Jenaer Friedenskirche, die in der Kirche von 13 bis 20 Uhr und im Außenbereich rund um die Uhr erklingt. – Foto: Jürgen Scheere

Wenn man sich dem Gotteshaus über den malerischen Johannisfriedhof nähert, ist seine Musik bereits dezent hörbar. Da sie hier rund um die Uhr ertönt, ist die Wahrnehmung eine höchst unterschiedliche. Während die außergewöhnlichen Sounds von den Stadtgeräuschen des Tages nahezu überlagert werden, erfahren sie in der Nacht eine verblüffende Präsenz. Doch ihr eigentlicher Aufführungsort ist die Kirche selbst, wo die Komposition täglich zwischen 13 und 20 Uhr erklingt. Hat man ihre Schwelle überschritten, taucht man in ein Meer sich allmählich wandelnder Klänge, die den Raum erfüllen und deren Ursprung geheimnisvoll erscheint.

Wer nicht nur flüchtig hineinschaut, sondern länger verweilt, erlebt hier eine spannende Klangreise, die neue Erlebnishorizonte eröffnet. Das Ungewohnte versetzt in Staunen, hat aber auch besondere Faszinationskraft. Dass es sich dabei um »geistliche Musik« handelt, »die in den historischen Kirchen-Raum hineinkomponiert ist und seine Aura erstrahlen lassen soll«, so der Komponist, wird sich gewiss vielen Besuchern nicht gleich erschließen.

Der Pfarrer der Friedenskirche Gotthard Lemke hat für das Langzeitprojekt sieben Bibelworte und dazu passende Luther-Kommentare ausgewählt, die von ihm gelesen und von Michael Muschner aufgenommen wurden. Danach verwendete der Komponist das vielfältige Spektrum der menschlichen Stimme als Klangmaterial, wobei er geradezu mikroskopisch in die Sprache hineingehört hat, um aus den akustischen Bausteinen etwas Neues entstehen zu lassen. Dabei tritt der Inhalt »in den Hintergrund, es bleibt der reine Klang«. Dass dieser bewusst gewählte kompositorische Ansatz nicht nur auf Zustimmung stößt, liegt auf der Hand. »Das ist keine Verkündigung!«, lautete denn auch der Vorwurf eines Besuchers.

In der Gemeinde sei das Projekt – »von völliger Ablehnung bis zu innerer Zustimmung« – kontrovers aufgenommen worden, berichtet der Pfarrer der »Offenen Kirche«, der die hier erklingende Musik »berührend« findet. Es sei unbedingt nötig, »sich Zeit zum Hören zu nehmen«. Um die inhaltlichen Aussage nicht zu vernachlässigen, gibt es zu jeder der sieben Kompositionen eine Textpostkarte. »Es ist das Wort, das schwingt, nicht nur in Harmonien, auch Dissonantes ist zu hören, löst sich aber auch auf«, so die Wahrnehmung des Theologen.

Auf der Basis des verwendeten »Rohmaterials« – der menschlichen Stimme – lässt es sich nicht vermeiden, dass manches bei aller Kunst der Transformation »ähnlich« erscheint. Muschner gelingt es dennoch, seinen Klängen immer wieder neues Leben einzuhauchen. Dazu trägt nicht zuletzt ihre Bewegung im Raum bei, die über 20 Wiedergabekanäle eines Lautsprechersystems im Kirchenschiff ermöglicht wird.

Ob es wirklich notwendig ist, ein solches Projekt auf sieben Monate oder – wie Muschners Wittenberger »KlangThesen« (2009/2010) – gar auf ein ganzes Jahr zu »dehnen«, muss kritisch hinterfragt werden. Bei aller Sympathie für seine Arbeit, bleibt – nicht nur im John-Cage-Jahr – gerade im Kirchenraum die Sehnsucht nach Stille.

Michael von Hintzenstern

Der besondere Tipp: 3. Juni, 10 Uhr, Friedenskirche: Wortwechsel – Festlicher Gottesdienst zum Abschluss der zweiten und zur Einführung der dritten Phase des Kompositions-Zyklus von Michael Muschner »FRIEDEN – SUCHEN. FINDEN. WAHREN. – sieben Kompositionen aus dem Geist des Wortes«

Der Geist unter der Dusche

3. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Gespräch mit dem Religionswissenschaftler Georg Schwikart über Paulus, Bibel und Heiligen Geist

Georg Schwikart ist Autor eines gerade erschienenen Buches über den Apostel Paulus. Uwe Birnstein sprach mit ihm.

Herr Schwikart, Sie haben sich lange mit Paulus beschäftigt, jetzt sogar ein Buch über ihn geschrieben. Keine Spaßarbeit bei so einem seltsamen Heiligen, oder?
Schwikart:
Manchmal kommt Paulus einem seltsam vor, das stimmt. Ein Heiliger ist er auf jeden Fall: Jemand, der Menschen zu Gott führen möchte. Paulus ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Man muss nicht alles gut finden, was er sagt. Aber ich finde, er ist es wert, dass wir uns mit ihm auseinandersetzen. Paulus hat viele verschiedene Seiten.

Georg Schwikart, Dr. phil., geboren 1964, studierte vergleichende Religionswissenschaft, katholische Theologie und Volkskunde. Nach Auseinandersetzungen mit der katholischen Kirche konvertierte er 2011 zur evangelischen Kirche. – Foto: privat

Georg Schwikart, Dr. phil., geboren 1964, studierte vergleichende Religionswissenschaft, katholische Theologie und Volkskunde. Nach Auseinandersetzungen mit der katholischen Kirche konvertierte er 2011 zur evangelischen Kirche. – Foto: privat

Asketisch zum Beispiel klingt Paulus’ Bemerkung, das Reich Gottes bedeute »nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.« Ist es etwa geistlos, Freude am Essen und Trinken zu haben?
Schwikart:
Man diskutierte im frühen Christentum, ob die Griechen und Römer, die Christen geworden waren, auch das jüdische Ritualgesetz einhalten müssen, also auch die besonderen Ge- und Verbote, die sich um Essen und Trinken drehen. Paulus sagt: Nein, die aus dem Heidentum kommenden Christen müssen diese Vorschriften nicht halten. Ihnen ist alles erlaubt. Aber wichtiger noch als Essen und Trinken ist doch das Reich Gottes – also eine neue Art miteinander umzugehen: nämlich gerecht und friedlich! Dann entsteht eine Freude im Heiligen Geist, die mehr bieten kann als Essen und Trinken.

Ich lese bei Paulus: »Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.« Sollten Christen also weniger lesen und dafür mehr Geisterfahrungen sammeln?
Schwikart:
Auch dieses Zitat bezieht sich auf die Diskussion, ob die Christen dem jüdischen Ritualgesetz verpflichtet sind. Paulus kämpft vehement – wie übrigens Jesus selbst auch! – dafür, den Sinn hinter den Geboten und Verboten freizulegen. Am Sabbat sollst du ruhen, aber das heißt doch nicht, dass man am Sabbat nicht heilen oder einem Menschen in Not helfen dürfte! Und, um das noch zu ergänzen, Bibellesen und Geisterfahrung sammeln – das schließt sich ja nicht aus, im Gegenteil. Wer sich immer wieder in die Bibel vertieft und manche Stellen oft gelesen hat, dem geht vielleicht erst in einer konkreten Situation auf, vom Geist berührt, was sie sagen will. Der Geist kann einen treffen – in der Kirche, aber auch in der Straßenbahn, unter der Dusche, im Fußballstadion, am Bett eines Kranken, zu Tisch …

Wenn der Geist lebendig macht – warum meint Paulus dann, wer im Geist lebe, werde »die Begierden des Fleisches« nicht mehr »vollbringen«. Müssten Christen also sexuelle Asketen sein?
Schwikart:
Ein weites Feld. Zur Sexualität hatte unser Paulus wahrlich kein entspanntes Verhältnis. Wir wissen nicht genau, ob er ehelos lebte, verwitwet oder doch – wie manche Exegeten mutmaßen – verheiratet gewesen war. Auf jeden Fall empfiehlt er, besser nicht zu heiraten. Und selbstverständlich konnte er sich Sexualität, die vor Gott geordnet ist, nur innerhalb der Ehe vorstellen. Ich denke, Paulus meint einfach: Lasst euch nicht von den Trieben bestimmen. Wenn wir heute beobachten, welche Rolle Sex im Internet oder in Filmen spielt, dann ahnen wir, wovor Paulus warnt.

»Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.« Das ist Lebenshilfe pur. Denn mit diesem Spruch läßt sich Versagen bestens rechtfertigen, oder?
Schwikart:
Nun zitieren Sie das Evangelium. Jesus sagt das, als er nach dem letzten Abendmahl allein betet, die Jünger aber einschlafen. Paulus kannte dieses Zitat nicht, er kannte ja gar kein aufgeschriebenes Evangelium, da sie alle verfasst wurden, nachdem er schon tot war. Und doch kannte Paulus das Evangelium durch sein Damaskuserlebnis: Er ist dem lebendigen Christus begegnet. Paulus würde diesem Satz vorbehaltlos zustimmen: Er hat selbst offen zugegeben, dass er nicht alles umsetzen kann, was er für wahr und richtig erkannt hat. Aber das ist doch barmherzige christliche Tradition: Der gute Wille zählt! Es geht nicht darum, sich rauszureden. Der Mensch ist ein Sünder. Aber als solcher darf er sich von Gott angenommen und geliebt wissen. Das zu verkünden war die leidenschaftliche Lebensleistung des Paulus von Tarsus. Sein Motto: Glaube, Hoffnung, Liebe – am wichtigsten ist die Liebe! Das gilt für den Menschen, aber noch mehr für Gott.

Lesetipp: Schwikart, Georg: Paulus. Wie der Christenverfolger die Liebe entdeckte, Wichern-Verlag, Berlin, 144 Seiten, ISBN 978-3-88981-324-4, 14,95 Euro

»Giraffen unterwegs« suchen Mitwanderer

3. Juni 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Eine Pilgertour entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze

»Giraffen sind eine Metapher für Gewaltfreie Kommunikation«, erklärt Anja Palitza die Überschrift, die sie für ihre 13-wöchige Wanderung entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze gewählt hat. »Sie haben Weitblick und ein großes Herz.« Die Erziehungswissenschaftlerin aus Jena kam durch einen Freund auf den Gedanken, die Strecke von Regnitzlosau in Franken bis nach Priwall in Schleswig-Holstein abzulaufen und unterwegs viele Menschen zu treffen, mit denen sie über Gott und die Welt reden will. Sie möchte mit den Gesprächen dazu beitragen, dass Vorurteile abgebaut werden und dass Menschen die Begegnung miteinander wertschätzen lernen.

Initiatorin Anja Palitza – Foto: Doris Weilandt

Initiatorin Anja Palitza – Foto: Doris Weilandt

Dass sie das schaffen kann, spürt man sofort. Intensiv begegnet sie ihrem Gegenüber, ist sehr präsent. Sie möchte zum Frieden beitragen, indem sie das, was sie denkt, auch leben und an andere weitergeben will. Wie wenig die Deutschen in Ost und West mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung voneinander wissen, erlebt sie bei ihrer Arbeit als Familienberaterin in einem Kinder- und Jugendheim nahe der ehemaligen Grenze.

Das Konzept »Gewaltfreie Kommunikation« (GfK) ist Anja Palitza zum ersten Mal während eines Weiterbildungsseminars in der Schweiz begegnet. Dort hat sie den Amerikaner Marshall B. Rosenberg kennen gelernt, der in vielen Krisengebieten der Welt unterwegs war. Sein Credo: Friedliche Beziehungen gelingen nur durch echte Empathie. Der Ausbruch der Rassenkriege in den USA war für den promovierten Psychologen Anlass, sich mit Gewaltfreiheit zu beschäftigen.

Rosenberg hat mit seiner Methode serbische Pädagogen unterstützt, für die Schulen ein mehrbändiges Werk zum Erlernen friedlicher Umgangsformen zu schreiben. Er hat in Ruanda, Israel, Palästina und Kroatien mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Seine Ansichten haben Anja Palitza überzeugt, umzudenken, nicht nur im Umgang mit anderen, sondern auch mit sich selbst.

Gepilgert ist sie seitdem jedes Jahr auf dem ökumenischen Pilgerweg, jeweils eine Woche. Aber die Sehnsucht, auf eine lange Wanderung zu gehen, gibt es schon geraume Zeit. Die Strecke mit den Aufenthalten, meist in Pfarrgemeinden, ist festgelegt, Mitwanderer sind jederzeit herzlich willkommen. Los geht es am 9. Juni in Regnitzlosau bei Hof. Am 8. September soll die Ostsee erreicht sein. Von dem, was sie über »Gewaltfreie Kommunikation« gelernt hat, möchte sie unterwegs einiges weitergeben. Mehrfach gibt es deshalb Zwischenstopps mit Seminarangeboten. Anfragen zum Mitwandern sind per Mail an <anja.palitza@t-online.de> ausdrücklich erwünscht.

Doris Weilandt

www.mit-einander-wandeln.de