Der Narziss von Utøya

28. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Singende Kinder, traumatisierte Opfer – Beobachtungen rund um Nationalfeiertag und Breivik-Prozess

Jetzt erst recht – lautete das heimliche Motto zum norwegischen Nationalfeiertag. Denn die Gesellschaft ist noch immer traumatisiert vom Attentat des vergangenen Jahres.

Am 17. Mai wurde in Norwegen gefeiert. Man feierte das norwegische Grundgesetz, das 1814 verabschiedet wurde und 1905 den friedlichen Übergang in die Unabhängigkeit ermöglichte. Dies wird gefeiert – aber nicht mit einem Festakt, eher mit ­einer Art Kirmes. Überall im Lande ziehen die Kinder mit ihren Eltern durch Dörfer und Städte. Oft spielt dazu das Schulorchester. Es gibt Gottesdienste und jede Menge Limonade, Eis und Spiele für die Kinder. Der bekannteste Kinderzug ist der in Oslo. Stundenlang zieht Schulklasse um Schulklasse am Schloss vorbei, von dessen Balkon der König und seine Familie den Kindern zuwinken.

Die Entkleidung eines selbstverliebten Täters

Auch in diesem Jahr wurde gefeiert. Jetzt erst recht! Denn an allen anderen Tagen nimmt der Prozess gegen den Narziss von Utøya, den Attentäter Anders Behring Breivik, der am 22. Juni vergangenen Jahres 77 Menschen ­tötete, sehr viel Raum ein. Die Berichterstattung darüber beansprucht mehr Sendezeit als der Norweger Lieblingsprogramm: Liveübertragungen vom Fußball oder Wintersport.

Das, was die Menschen da teilweise als Liveübertragung aus dem Gericht zu sehen bekommen, ist so ­etwas wie die Entkleidung eines selbstverliebten Täters. Breivik, der zu Beginn noch verlangte, in einer ­Fan­tasieuniform auftreten zu dürfen, wird Stück für Stück vor Augen geführt, wie viele seiner Behauptungen reine Hirngespinste sind. Dessen Hauptziel im Prozess ist es inzwischen, nicht als unzurechnungsfähig erklärt zu werden.

Nationalfeiertag: Schulklassen ziehen um das Königsschloss von Oslo und feiern gemeinsam mit der Königsfamilie die norwegische Verfassung. Foto: picture-alliance/RoyalPress Albert v. d. Werf

Nationalfeiertag: Schulklassen ziehen um das Königsschloss von Oslo und feiern gemeinsam mit der Königsfamilie die norwegische Verfassung. Foto: picture-alliance/RoyalPress Albert v. d. Werf

Viele Vorstellungen des Täters sind bereits als Fantastereien entlarvt worden. Durchaus real ist allerdings das Leid seiner Opfer. Opfer um Opfer wird vor Gericht behandelt. Die Toten bekommen ein Gesicht und die Überlebenden bekommen Gelegenheit, das Schreckliche, das sie auf Utøya ­erlebt haben, zu berichten. Manchen gelingt dies im Angesicht des Mannes, der auch ihr Leben auslöschen wollte. Bei anderen muss der Täter weiter entfernt vom Zeugenstuhl Platz nehmen oder sogar den Gerichtssaal verlassen. Einige leiden noch immer so unter den Erlebnissen, dass sie nicht davon berichten können. Trotzdem scheint der Mann, der 77 Menschen tötete, mit jedem Tag im Gericht ein wenig kleiner zu werden. Er tritt auch längst nicht mehr so großspurig auf wie vor und zu Beginn des Prozesses. Aber noch immer zeigt er kein Bedauern oder mitmenschliche Regungen.

Unaufgeregt und ruhig: Verteidiger Geir Lippestad

Ein anderer Mann dagegen leidet sichtbar. Der Prozess zehrt an ihm, auch wenn er dort seinen Beruf ausübt. Geir Lippestad ist Anwalt und der Verteidiger des Attentäters. Er ist ein Mann der vielen imponiert. Wenn der Jurist nach dem Tag im Gericht aufs Fahrrad steigt, erwartet ihn seine ­Familie: Seine Frau und acht Kinder, vier eigene und vier Stiefkinder. Die jüngste Tochter wurde geboren, als Lippestad bereits mit der Verteidigung Breiviks beschäftigt war. Zwei dieser Kinder sind schwer behindert.

Ein Massenmörder, der sich als Christ bezeichnet

Der Strafverteidiger ist selbst Sozialdemokrat, genauso wie die Opfer auf Utøya. Trotzdem übernahm er die Verteidigung. Lippestad ist es bisher stets gelungen sich deutlich vom Täter und dessen Anschauungen zu distanzieren und ihn trotzdem zu verteidigen. Unaufgeregt und ruhig gelingt es ihm, einen Straftäter zu verteidigen und ihn nicht zum »Monster von Utøya« werden zu lassen.

Viele Anschauungen des Täters sind verdreht und wirr. Trotzdem gibt es manches, was mich durcheinanderbringt: Breivik ist Mitglied der Kirche, in der ich Pfarrer bin. Er bezeichnet sich selbst als militanten Christen. Er meint, dass ihn Christen in seinem angeblichen Kampf gegen die Entchristlichung Europas unterstützen müssten. Er bezeichnet seine Taten als grausam aber notwendig.

Dies verletzt mich. Jesus opferte sich selbst für uns, nicht andere für sich. Doch auch Breivik behauptet von sich, an denselben Gott und denselben Erlöser zu glauben. Ist Jesus auch für einen 77-fachen Mörder gestorben, der nicht wirklich bereut? Ich bin froh, diese Frage jetzt und hier nicht beantworten zu müssen. Vielleicht wird dies mit der Zeit gelingen.

»Ja wir lieben dieses Land«, so beginnt unsere Nationalhymne, deren Text vom Pfarrerssohn Bjørnstjerne Bjørnson verfasst wurde. In der zweiten Strophe in unserem Gesangbuch heißt es: »Norwegische Männer in Haus und Hütte, dank großer Gott! Das Land wollte er beschützen, obwohl es finster aussah. Alles, was die Väter erkämpft haben, was die Mütter erweint, hat der Herr vollbracht so dass wir unser Recht gewannen.«

Ich freue mich, dass am 17. Mai ­jeder in seiner Tracht mitfeiern darf. Auch ich habe wieder meinen Bergmannshabit angezogen und lief mit meinen Kindern im Zug. Die zweite Strophe der Nationalhymne habe ich diesmal als Gebet gesungen, denn ich erlebte, das Gott trotz all dem Schrecklichen uns bisher beschützt hat. Egal ob der Narziss vom Utøya im Gefängnis oder in der Psychiatrie landet, sowohl die Familien als auch wir alle müssen mit dem, was geschehen ist, leben. Bisher ist der sehr sachliche Prozess eine gute Hilfe dabei.

Michael Hoffmann

Und das alles ist Dix!

28. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Otto Dix – Chemnitzer Sonderschau zeigt den Künstler in seiner Vielfalt

Er zählt zu den großen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Die Chemnitzer Schau macht jetzt die überraschen­de Breite des Werkes von Otto Dix deutlich.

Schon das erste Gemälde in der dritten Etage des Chemnitzer Museums Gunzenhauser ist ein Paukenschlag: Mit wehendem roten Mantel trägt der heilige Christophorus ein Kind unter bedrohlichen Wolken durch eine stürmische See. Das soll Otto Dix sein?

Der Heilige Christophorus VI (In stürmischer See vom Rücken gesehen), 1944. Foto: Kunstsammlung Chemnitz

Der Heilige Christophorus VI (In stürmischer See vom Rücken gesehen), 1944. Foto: Kunstsammlung Chemnitz

»Wir laden ein zu entdecken, wie vielfältig Dix in seinem Werk ist«, betont denn auch Kurator Thomas Bauer-Friedrich. Die Privatsammlung von Alfred Gunzenhauser, die als Stiftung die Kunstsammlungen Chemnitz bereichert, bietet dafür beste Voraussetzungen: Die mehr als 270 Werke umfassende Sammlung zählt zu den ganz großen. Sie umfasst wie kaum eine andere Dix-Werke aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis zum Spätwerk der 1950er Jahre. Zusammen mit dem Altbestand der Chemnitzer Kunstsammlungen bietet sich so ein Fundus von mehr als 350 Gemälden, Druckgrafiken und Zeichnungen.

120 Arbeiten sind seit dem vergangenen Sonnabend in Chemnitz zu ­sehen. Zu den ausgestellten Überraschungen des Künstlers, »der sich«, so Bauer-Friedrich, »Zeit seines Lebens immer wieder neu definierte«, zählen neben den Porträts vor allem die religiösen Bilder und die Landschaften. Zwei Themenbereiche, denen sich der 1933 sofort nach dem Machtantritt der Nazis als Professor der Dresdener Kunstakademie entlassene Dix vor ­allem seit den 30er und 40er Jahren verstärkt zuwandte.

Unpolitisch sind diese Bilder des als »entartet« Diffamierten freilich nicht. Die Landschaften aus der ersten Hälfte der 40er Jahre geben mit unheildräuenden Wolken der sich abzeichnenden Katastrophe deutlichen Ausdruck. Die religiösen Motive greifen vor allem das Leiden und Sterben des Christus, das Thema Verrat und Verleugnung auf. Aber in dem schon erwähnten Christophorus-Motiv (1944) auch die Bewahrung, das Hindurch-Getragensein. Es zeugt vielleicht von den Verunsicherungen unserer Zeit, dass sich das Christophorus-Bild nach Aussage des Kurators in den letzten Jahren zu einem der Publikumslieblinge in Chemnitz entwickelte. Programmatisch steht es nun als Plakatmotiv über der aktuellen Schau.

Schützengräben und Kriegsinvaliden, die Halbwelt der Großstadt, drastische Bordellszenen, duftige Aquarelle und expressive Grafiken – Dix ist vielfältig und bleibt sich und seinem künstlerischen Anliegen doch über die Zeiten treu. Auch politisch: Als er 1942 das Angebot erhält, Reichsaußenminister Joachim Ribbentrop zu porträtieren, lehnt er diese Versöhnungsofferte des Regimes ab. Vielleicht ist es diese Unbestechlichkeit, die Otto Dix nach dem Zweiten Weltkrieg in Ost und West gleichermaßen Anerkennung finden lässt. Er lebt am Bodensee und ist zugleich Mitglied der Akademie der Bildenden Künste in Berlin (West) sowie der Kunstakademie in Ostberlin, erhält 1966 die ­Ehrenbürgerwürde Geras und kommt bis weit in die 60er Jahre regelmäßig zum Arbeiten nach Dresden, bevor er 1969 stirbt.

Die Chemnitzer Entdeckungsschau ist bis zum 21. Oktober zu sehen und bildet zugleich den Abschluss des Themenschwerpunktes Otto Dix, der im vergangenen Jahr mit dem 120. Geburtstag des Künstlers begann. Begleitet wird sie von einem opulenten Werk: In einem wissenschaftlichen Bestandskatalog sind erstmals alle Dix-Werke aus den Chemnitzer Beständen zusammengefasst.

Harald Krille

Ausstellung:

Otto Dix – Die Sammlung Dr. Alfred Gunzenhauser, 20. Mai bis 21. Oktober 2012, Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser (Falkeplatz), Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr (auch an Feiertagen)


Katalog: 288 Seiten, 433 Abbildungen, Preis: 30 Euro

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Wo’s nottut, lässt sich alles wagen

27. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Pfingstbetrachtung über das Wirken des Heiligen Geistes

Rolf Wischnath

Rolf Wischnath

Die Frage des Heiligen Geistes ist nicht nur in diesen Pfingsttagen, sondern zu jeder Zeit die Frage unseres Lebens. Sie betrifft zuerst und vor allem den Ursprung unseres Glaubens: Kein Gedanke an den dreieinigen Gott, kein Gebet, kein Trost und Glaubensmut, kein Gehaltenwerden im Leben und im Sterben, welche nicht begründet wären allein in der Kraft des Heiligen Geistes. Allein! Einer der Kernsätze in Luthers Kleinem Katechismus steht in der Auslegung des dritten Teils des Glaubensbekenntnisses: »Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich … berufen, … erleuchtet, … geheiligt und erhalten.«

Aber die Frage des Heiligen Geistes steht auch hinter jeder Aktivität der verfassten Kirchen, hinter jedem Gottesdienst, jeder Predigt und Konfirmandenstunde, hinter ihren diakonischen Anstrengungen, dem Betrieb ihrer Gremien und allen Freizeitangeboten. Wenn es nicht im Geist ­geschieht, ist es vergeblich.
Wenn wir vom Heiligen Geist sprechen, dann meinen wir, dass wir beteiligt sind am Werk Gottes für die Welt. Es kann sich immer nur um ein Mittun handeln – daraufhin, dass Gott selbst schon in Jesus Christus etwas mit uns getan hat und tut. Im Blick auf das Wirken des Heiligen Geistes brauchen wir uns also nicht zu präparieren. Von ihm gefunden finden wir uns schon vor in seinem Werk.

Das jedoch bedeutet nicht, dass wir den Heiligen Geist zur Verfügung hätten. Schon in der frühen Zeit der Christenheit gab es Charismatiker (Geistbewegte), die meinten, den Geist in sich zu haben und in aufsehenerregenden Taten und Erfolgen vorführen zu können. Die in der Ökumene schnell wachsende Zahl der charismatischen Gemeinden (besonders in Lateinamerika) liegt oft auf dieser Linie: Zungenreden, Zuckungen, unbegrenzte Tränen, Lachen und vorgebliche Wunderheilungen prägen dann das äußere Bild der aus unserem Protestantismus erwachsenen Eiferer. Das Johannesevangelium setzt sich hart mit dieser Art von Begeisterten auseinander, indem es im Wort Jesu unterstreicht: Die Voraussetzungen für den Geistempfang liegen nicht in uns, sondern in dem, was Jesus für uns tut; und dies ist vor allem sein Weg zum Kreuz. Das Kreuz aber verbietet die Instrumentalisierung des Geistes zum Überschwang und zu Spektakeln. Das Kriterium, eine Erscheinung und Gabe als Erscheinung und Gabe des Heiligen Geistes zu erkennen, ist das darin ausgesprochene Zeugnis von Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Das aber kann vielerlei Gestalten haben. Eine sich oft wiederholende sei genannt:

Jeder einigermaßen engagierte Christ hat wohl dann und wann, mal mehr oder weniger mit dem ­Ge­danken gespielt (oder gar gekämpft) haben, diese Sache an den Nagel zu hängen, die derzeitige Kirche zu verlassen, sich abzuwenden von aufgeblasenen Backen und sich nicht weiter abzugeben mit dem törichten Wort vom Kreuz und jener verwegenen Geschichte vom leeren Grab. Wenn wir dennoch dabeigeblieben sind, dann doch nur darum, weil uns rätselhafter Weise das Weggehen noch schwerer und unmöglicher wurde als das Dabeibleiben – rätselhafter Weise! Man steht sich selbst wie einem Rätsel gegenüber. Man fängt an, beschämt zu staunen über das tröstliche Evangelium, über die Einheit im Geist in der Mitte einer oft so problematischen Kirche und über die fremde Beständigkeit, die uns Ungetreue beim Wort von Jesus Christus so unentrinnbar festhält. Das ist das Werk des Heiligen Geistes.

Und das gibt es nun: Das Zeugnis des Geistes überzeugt so, dass nun nicht nur der Geist selber, sondern auch Menschen für das Recht ihres Herrn eintreten. Sie treten hin vor die Welt mit der unerhörten Zeugenaussage: Sein Sterben ist der Sieg über die Welt; und: »Die Welt wird durch den Gekreuzigten und nicht durch die Kreuziger erlöst« (Benedikt XVI). Das gibt es – und hier sind wir einbezogen: Menschen, denen der Glaube nie zu Besitz und Stolz wird, sondern die angefochten bleiben, halten sich an jenes Zeugnis des Geistes. So unerhört das ist, es ist ­dennoch kein Wagnis. Der Geist lehrt uns ja: Es nicht zu ­wagen, wäre das größere Risiko, bei dem wir alles aufs Spiel ­setzen. Wenn schon »Wagnis«, dann doch nur im Sinn von Schillers Tell: Als ihn der Fährmann zum Zeugen anruft, dass im Sturm die Überfahrt nicht zu ­wagen sei, um die ein gehetzter Flüchtling bittet, da antwortet er: »Wo’s nottut, Fährmann, lässt sich ­alles wagen!«

Rolf Wischnath

Der Autor lehrt Theologie an der Universität Bielefeld.

Familienfest und Klassenfeier

27. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Jugendweihe: Auch mehr als 22 Jahre nach dem Ende der DDR ist die atheistische Jugendfeier beliebt wie eh und je

Sozialismus statt Kirche: Die SED-Führung setzte die Jugendweihe mit Gelöbnis auf den Staat an die Stelle der Konfirmation. Der SED-Staat ging, doch die Jugendweihe ist geblieben.

Es ist ein feierlicher Moment. 60 Jugendliche sitzen in den ersten Reihen der Ulrichskirche, festlich gekleidet und ein bisschen aufgeregt, und lauschen dem Redner auf der Bühne. Heute werden sie ein Stück erwachsener, erklärt er ihnen. Dann ruft er sie nacheinander auf und überreicht jedem eine Blume, eine Urkunde und ein Buch. Ein Besucher aus Westdeutschland könnte diese Szene für eine Konfirmation halten. Doch in Halle an der Saale wird heute Jugendweihe gefeiert – und die Ulrichskirche ist keine Kirche mehr, sondern eine Konzerthalle. Rund 27600 Jugendliche haben 2010 allein mit dem Verein ­Jugendweihe Deutschland, dem bundesweit größten Anbieter, in den ostdeutschen Bundesländern Jugendweihe gefeiert, rund 5000 weitere mit dem Verein Jugendweihe Berlin/Brandenburg. Konfirmiert wurden im selben Jahr in den ostdeutschen Gliedkirchen mit 15400 nicht einmal halb so viele Jugendliche.

»Hier im Osten ist die Jugendweihe Tradition und gehört zum Erwachsenwerden einfach dazu«, sagt Kerstin Zimmermann, Mutter der 14-jährigen Laura, die in der Ulrichskirche Jugendweihe feiert. Claudia Knepper, Theologin bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, urteilt: »Die Jugendweihe war das erfolgreichste Instrument der DDR-Führung, um die Menschen von der Kirche zu entfremden.«
Die Wurzeln der Feier gehen auf freireligiöse Bewegungen zurück, die sich im 19. Jahrhundert von der Amtskirche lossagten und eine Konfirma­tionsersatzfeier ins Leben riefen. Doch sie blieb ein Minderheitenphänomen.

1954 beschloss die SED, in der DDR eine vom Staat organisierte Jugendweihe einzuführen, um den Kirchen die Möglichkeit zu nehmen, Jugendliche durch Konfirmation oder Firmung für sich zu gewinnen. In Pflichtstunden wurden sie in der 8. Klasse auf die Jugendweihe vorbereitet, bei der sie schließlich ein Gelöbnis auf den sozialistischen Staat ablegen mussten. Wer sich konfirmieren ließ, musste damit rechnen, nicht zum Abitur zugelassen zu werden oder keinen Studienplatz zu bekommen.

Der Druck war erfolgreich: Die ­Kirchenaustrittszahlen stiegen ebenso schnell an wie die Teilnehmerzahlen an der Jugendweihe – in den 70er und 80er Jahren waren das rund 97 Prozent eines Jahrgangs. »Der Staat machte die vorher rein religiöse Entscheidung – Konfirmation ja oder nein – zu einer erzwungenen Entscheidung zwischen Kirche und Sozialismus«, sagt Knepper.

Während die Konfirmation zum Minderheitsritual wurde, entwickelte sich die Jugendweihe zum selbstverständlichen Familienfest mit Verwandten und Geschenken. Diese ­Tradition wollten die Menschen nach der Wende nicht aufgeben. »Üblichkeiten kommen nicht so schnell aus der Mode, auch wenn man ihren ­Ursprung vergessen hat. Eltern und Großeltern haben auch schon die ­Jugendweihe gemacht – warum sollte man diese familiäre Kontinuität unterbrechen?«, sagt Thomas Klie, Theologieprofessor an der Universität Rostock.

Heute werden die Feiern vor allem vom 1990 gegründeten Verein Jugendweihe Deutschland und seinen Landesverbänden, sowie vom Humanis­tischen Verband Deutschlands, der Arbeiterwohlfahrt, Freidenkerverbänden oder kleinen regionalen Initia­tiven organisiert und von den Teilnehmern selbst bezahlt. Sowohl Jugendweihe Deutschland als auch der ­Humanistische Verband – er spricht von Jugendfeier – definieren das Fest als einen festlichen Übergang von der Kindheit ins Jugendalter.
Blick-22-2012Verpflichtende Vorbereitungskurse wie im Konfirmandenunterricht gibt es nicht. Stattdessen können die Jugendlichen aus einem breiten Veranstaltungsangebot auswählen, das von Drogen- und Gewaltprävention über Sportturniere bis zu Tanz- und Kniggekurse reicht.

Es ist vor allem der Gemeinschaftsaspekt, der die Jugendweihe weiter bestehen lässt. Das zeigt sich auch in der Klasse von Laura Zimmermann am Herder-Gymnasium in Halle: 16 der 22 Kinder nehmen an der Jugendweihe teil, die Eltern haben sich gemeinsam für den Humanistischen Verband entschieden und ihre Kinder zu vier Veranstaltungen aus dessen Angebot angemeldet. Drei Kinder werden konfirmiert – und Gina Marie Bräutigam macht sogar beides: »Ich wollte zusätzlich zur Konfirmation noch mit der Klasse gemeinsam die Jugendweihe feiern, weil wir uns alle so gut verstehen.«

Um die Menschen in Ostdeutschland wieder für die Konfirmation und überhaupt für die Kirche zu interessieren, sollte diese vor allem auf Bildung setzen, urteilt Volker Jastrzembski, Pressesprecher der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. »Nur wir bieten mit dem Konfirmandenunterricht ein längerfristig angelegtes Bildungsangebot, in dem die Jugendlichen eine eigene Kompetenz in religiösen Fragen entwickeln können.« Doch bis auf Weiteres ist die Jugendweihe die traditionelle Feier in Ostdeutschland. Das weiß auch Annett Bräutigam, Gina Maries Mutter: »Als Getaufte sind wir hier in Halle Exoten.«
Imke Plesch
(epd)

»Nicht von der Gier nach Öl und Reichtum leiten lassen«

22. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Sudan: Zwischen Nord und Süd wird seit Ostern wieder gekämpft – die Kirchen aber rufen gemeinsam zum Frieden


Seit 2011 ist der Sudan ­offiziell geteilt in einen Nord- und einen Südstaat. Die ­Kirchen wollen allerdings an ihrer Gemeinsamkeit ­fest­halten – gerade angesichts der neuen Kämpfe um Erdöl.

Das erste Osterfest im neuen afrikanischen Land Südsudan war für die Christen ein besonders wichtiger Tag. Man habe zum Fest der Auferstehung des Herrn die neue Nation gefeiert. Die gesamte ­Kirchenführung der verschiedenen Konfessionen war bei Salva Kiir, dem Präsidenten der Republik Südsudan, zu einem Essen eingeladen, berichtet Mark Akec Cien, der amtierende ­Generalsekretär des Sudanesischen Kirchenrates. Ganz still sei die Feier gewesen, friedlich und ohne Politik. Danach aber waren wieder laute Töne zu hören kurz nach dem Osterfest. Denn der neu entflammte Krieg mit dem Norden wegen der umstrittenen Ölregionen in der Provinz Unity eskalierte und hält bis heute an. Seit Ostern sterben wieder Menschen bei bewaffneten Auseinandersetzungen. Die Regierung des Südsudan scheint den Osterfrieden vergessen zu haben und schickt immer mehr Kämpfer an die Front.

Neuer Kriegslärm: (nord-)sudanesische Soldaten feiern die Wiedereroberung des Heglig-Ölfeldes. Nord- und Südsudan sind eigentlich auf die gemeinsame Ausbeute der Bodenschätze angewiesen – doch das gegenseitige Misstrauen ist riesig. picture alliance / Photoshot

Neuer Kriegslärm: (nord-)sudanesische Soldaten feiern die Wiedereroberung des Heglig-Ölfeldes. Nord- und Südsudan sind eigentlich auf die gemeinsame Ausbeute der Bodenschätze angewiesen – doch das gegenseitige Misstrauen ist riesig. – Foto: picture alliance/Photoshot

Deshalb appelliert Cien an die Einheit der Kirche – und das im Nord- und im Südsudan. Das bedeutet zunächst, dass es weiter einen gemeinsamen Kirchenrat in dem riesigen Gebiet entlang der Ströme des Nils fast von seinen Quellen bis zum Zusammenfluss in Khartoum geben wird. Die Kircheneinheit im Dienst des Friedens betrifft insgesamt 14 Denominationen mit rund fünf Millionen Christen, davon die Mehrheit im neuen Südsudan. Das reicht von östlich orthodoxen Kirchen, Kopten und Katholiken im Norden bis hin zu Ang­likanern, Presbyterianern, Pfingstgemeinden und zahlreichen Missionskirchen im Süden. Auch Äthiopier und Griechen haben im Sudan eigene christliche Glaubensgemeinschaften.

Der Sudanesische Kirchenrat wur­de im Januar 1965 gegründet. Seit dieser Zeit arbeiten die Christen in ­allen wesentlichen Fragen zusammen. »Wir sprechen im Namen derer, die keine Stimme haben oder hatten«, sagt Cien. Rat holt man sich dabei auch in internationalen Gremien wie der All Africa Conference of Churches (Gesamtafrikanische Kirchenkonferenz) mit Sitz im kenianischen Nairobi, eine Flugstunde von der neuen Hauptstadt Juba entfernt.

Dass es zwischen dem Norden und dem Süden immer noch einen gemeinsamen Kirchenrat gibt, hält Cien für eine Fügung Gottes. Bei der Generalversammlung der Vertreter der Mitgliedskirchen im Mai 2011 wurde festgelegt, dass diese Strukturen auf jeden Fall bis Mai 2014 beibehalten werden. »Wir sind eine universelle Kirche, die das Wort der Bibel verwirklichen möchte und sich nicht von der Gier nach Öl und Reichtum einiger weniger leiten lässt«, betont der Generalsekretär. Mark Akec Cien, der selbst gute Freunde unter den Muslimen im Norden hat und früher einmal Vorsitzender des interreligiösen Rates des Sudan war, möchte auch alle Fragen im Zusammenhang mit dem Islam in dem ebenfalls noch bestehenden interreligiösen Rat lösen. Immer wieder sendet er Friedensappelle an die Regierenden in Juba und Khartoum. Der Islam gehöre schließlich zum gemeinsamen Haus Abraham.

Er selbst kenne einige Nordsudanesen, die als Händler in Juba arbeiten, und einige Somalis. Mit ihnen gebe es keine Probleme. Die entständen dann, wenn Religion von bestimmten Interessengruppen politisiert werde. Das schaffe schlechte Beziehungen zwischen den Menschen. Die religiösen Rechte und natürlich die religiösen Stätten in Nord und Süd seien ­unantastbar. Niemand habe das Recht zur Zerstörung von Kirchen und Gewalttaten gegen Christen, wie das unlängst in Khartoum geschehen ist.

Der Krieg in der Ölprovinz Unity aber hält weiter an. Bei den Kirchen im Südsudan trifft man nun erste Vorbereitungen für die Aufnahme von Flüchtlingen aus den umkämpften Gebieten. In einem bemerkenswert scharfen Appell an die Regierungen beider Länder hat Cien in diesen Tagen erneut zum Frieden aufgerufen. Man sollte aus den letzten 55 Jahren kriegerischer Auseinandersetzungen gelernt haben und die Saat der Gewalt nicht erneut verbreiten, lautet seine jüngste Botschaft aus Juba. gelernt ­haben und die Saat der Gewalt nicht erneut verbreiten, lautet seine jüngste Botschaft aus Juba.
Andreas Herrmann


Hintergrund: Der Sudankonflikt
Der Konflikt zwischen dem islamisch dominierten Nordteil des Sudans und dem mehrheitlich von Christen und Animisten bewohnten Süden hat eine lange Geschichte. Bereits 1955 bis 1972 kämpften Rebellen des Südens für eine Autonomie. Im Friedensabkommen von 1972 erreichte der Süden den Status einer autonomen Region. Die Zentralregierung in Khartoum griff allerdings immer wieder in die Selbstverwaltung ein. Der Bürgerkrieg eskalierte erneut ab 1983. Bis zu einem neuen Friedensabkommen im Jahr 2005 kostete der Konflikt rund zwei Millionen Menschen das Leben. Auch danach kam es ­weiter zu bewaffneten Auseinandersetzungen.
Beim vereinbarten Unabhängigkeitsreferendum im Januar 2011 stimmten fast 99 Prozent der Südsudanesen für einen eigenen Staat. Vom Norden wurde das Ergebnis akzeptiert und am 9. Juli die Republik Südsudan mit der Hauptstadt Juba ausgerufen.
Offiziell herrscht seither Frieden. Tatsächlich aber tobt ein Krieg um den Zugang zu Ölquellen im Grenzgebiet sowie um die Durchleitung und Vermarktung des Öles, da der Süden nur über den Norden Zugang zu Ölhäfen hat. Während der Norden mehrfach Ölfelder des Südens bombardierte, besetzten Truppen des Südsudans vor wenigen Wochen das formal zum Norden gehören­de Ölfeld von Heglig. Dieser antwortete mit massiven Gegenangriffen.
(GKZ)

Religionsfreiheit braucht Differenzierung

21. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Politik: In Berlin stand das Thema Christenverfolgung auf der Tagesordnung des Menschenrechtsausschusses


Jahrzehntelang spielte das Thema kaum eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Doch die Sensibilität für Verstöße gegen die Glaubensfreiheit wächst. Pauschale Antworten helfen allerdings nicht.

Seit 2010 ist der deutsche Theologe, Philosoph und Historiker Heiner Bielefeld als Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrates tätig. Der Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mahnt einen differenzierten Umgang mit dem Begriff der Religionsfreiheit an. Während eines Vortrags in Berlin kritisierte er in der vergangenen Woche beispielsweise den regelmäßig veröffentlichten »Weltverfolgungsindex« des evangelikalen Hilfswerks »Open Doors«: »Ich habe große Zweifel daran, dass diese Zahlen solide sind.« Bielefeldt warf dem Hilfswerk vor, über keine klaren Kriterien für den Begriff der Verfolgung zu verfügen und den Terminus »Christenverfolgung« deswegen sehr weitläufig anzuwenden.

Blick-21-2012

Unter Druck: Angehörige der koptischen Minderheit in Ägypten demonstrieren gegen die Verfolgung ihrer Familien. – Foto: privat

Aus der Sicht des Sonderberichterstatters gibt es beim Thema religiöser Verfolgung »keine natürlichen Täterreligionen und keine natürlichen Opferreligionen«. So seien die Kopten in Ägypten eine Religionsgruppe, die seit vielen Jahren unter einer starken Diskriminierung durch Muslime leide. Der verstorbene koptische Papst Shenouda III. habe sich jedoch mehrfach an den früheren ägyptischen Staatspräsidenten Husni Mubarak gewandt, um ihm seinerseits deutlich zu machen, dass die Zeugen Jehovas keine Christen seien und sich demzufolge auch nicht auf die den Christen zustehenden Rechte der ägyptischen Verfassung berufen könnten. Dies habe letztlich zu einer noch stärkeren Diskriminierung der Zeugen Jehovas geführt.

Auch der Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestags ­beschäftigte sich in der vergangenen Woche in einer Anhörung mit der ­Situation der Christen im Orient und den arabischen Staaten Nordafrikas. Und auch dabei wurde deutlich, dass mit Begriffen wie »Christenverfolgung« oder »religiöser Diskriminierung« besser vorsichtig umzugehen ist.
So verwies der Leiter der Fachstelle Menschenrechte des katholischen Hilfswerks Missio, Otmar Oehring, darauf, dass es derzeit in keinem Land des Nahen Ostens »Christenverfolgung im Wortsinne« gebe. Allerdings, so schränkte der Experte ein, gelte diese Aussage nicht für Konvertiten, die vom Islam zum Christentum übertreten. »Hier müssen wir durchaus von Verfolgung sprechen.«
Ähnlich äußerte sich auch der ­frühere Leiter der Evangelischen Akademie Loccum, Fritz Erich Anhelm. Seiner Ansicht nach kann von einer »systematischen Verfolgung von Religionsgemeinschaften auch in Ägypten keine Rede sein.« Ein Problem sei aber der »mangelnde staatliche Schutz vor Übergriffen und einer ungenügenden Strafverfolgung durch Polizei und ­Justiz«.

Die Leiterin des Instituts für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz, Christine Schirrmacher, wies allerdings darauf hin, dass es in den arabischen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens nirgends eine echte Religionsfreiheit gemäß der UN-Menschenrechtserklärung gibt: Religionswechsel seien vielfach nicht erlaubt, und nicht-islamischen Religionsgemeinschaften werde die gleichberechtigte Anerkennung durch den Staat verweigert. »Nicht-Muslime werden im Bildungssektor, beim Militär und in der Politik benachteiligt.«
Insgesamt bestach auch die Bundestags-Anhörung zur Situation der Christen im Nahen Osten durch ihre Sachlichkeit. Zusammen mit dem ­Vortrag von Bielefeldt zeigte sie, dass das Thema Religionsfreiheit nun endgültig die Agenda des politischen Berlins erreicht hat: Dass es im Plenum des Parlaments Debatten über das türkische Kloster Mor Gabriel gibt und Abgeordnete der CDU/CSU-Bundestagsfraktion einen »Stephanuskreis« gründen, um sich speziell dem Thema »Christenverfolgung« zu widmen, wäre noch vor zehn Jahren völlig undenkbar gewesen.

Da war es dann umso bedauerlicher, dass ausgerechnet der einzige arabische Christ unter den geladenen Experten, der palästinensische Pfarrer Mitri Raheb, in der Anhörung völlig aus der Rolle fiel: Er führte vor den überraschten Abgeordneten aus, dass es im Nahen Osten nur drei Staaten mit einem problematischen Verhältnis von Staat und Kirche gebe: Die islamische Republik Iran, das Königreich Saudi-Arabien – und Israel, den jüdischen Staat.
»Jeder, der nicht jüdisch ist, wird dort systematisch benachteiligt«, so Rahebs Begründung. Ein Vorwurf, der aus palästinensischer Perspektive vielleicht sogar verständlich sein kann. Doch angesichts der im Iran verhängten Todesstrafen für Konver­titen und des völligen Verbots der Ausübung aller nicht-islamischer Religionen in Saudi-Arabien wirkte der Vergleich des Pfarrers dann doch eher zweifelhaft.
Benjamin Lassiwe

Who’s who der Kunstszene

20. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Stiftung Christliche Kunst in Wittenberg zeigt sensationelle Grafiken

Eine Frau durchschreitet nackt mit einem Kreuz in der Hand die ­Kopenhagener Börse. Die Männer im Hintergrund scheinen sich nicht sonderlich für sie zu interessieren. Aber sicher ist das nicht. Ziemlich sicher war sich Jutta Brinkmann, dass das Bild mit dem Titel »Weiblicher Christus« von Bjørn Nørgaard in der Passionsausstellung der Stiftung Christliche Kunst in Wittenberg für Diskussionen sorgen würde. Und? »Nichts«, sagt sie. Es habe Lob für die Gesamtschau gegeben, »aber von Diskus­sionen über Nørgaard habe ich nichts gehört«. Brinkmann ist Geschäftsführerin der Stiftung, die über eine bemerkenswerte Sammlung christlicher Grafiken von bedeutenden Künstlern des 20. Jahrhunderts verfügt. Ihr zehnjähriges Bestehen feierten sie 2011 mit vier Sonderausstellungen in Wittenberg, von denen zumindest eine ähnlich provokante Werke beinhaltete wie jene Arbeit des dänischen Bildhauers und Performancekünstlers Nørgaard. In den 1960er Jahren hat er mit Joseph Beuys gearbeitet und nahm an verschiedenen Happenings teil. Eine Aktion vom 29. Mai 1969 firmierte unter dem Titel »Uddrivelsen af templet/Nøgen kvindelig Kristus« (Vertreibung aus dem Tempel/Nackter weiblicher Christus). Über das Werk heißt es beim Statens Museum for Kunst Kopenhagen, es habe einen klaren Zusammenhang zur Tempelreinigung im Neuen Testament. Die abgebildete Frau ist Nørgaards Frau – Lene Adler Petersen. Im Gegensatz zu den anderen Arbeiten aus der Passionsausstellung, die Brinkmann zufolge von etwa 1500 Besuchern gesehen wurden und nun nach Pfingsten abgehängt werden, soll Nørgaards Bild, mit dem er einst viel Aufsehen erregte, noch länger gezeigt werden.

»Vertreibung aus dem Tempel/Nackter weiblicher Christus I«, Offset-Lithographie von 1969 des Künstlers Bjørn Nørgaard. Foto: Fotostudio Kirsch, Wittenberg

»Vertreibung aus dem Tempel/Nackter weiblicher Christus I«, Offset-Lithographie von 1969 des Künstlers Bjørn Nørgaard. Foto: Fotostudio Kirsch, Wittenberg

Ansonsten wolle man Werke aus der Dauerausstellung präsentieren, in der sich Grafiken von Picasso ebenso finden wie von Pechstein, Kollwitz oder HAP Grieshaber. Die Liste der Namen liest sich wie ein Who’s who der Kunstszene des 20. Jahrhunderts. Eine neue Sonderausstellung hingegen werde es nach Brinkmanns ­Einschätzung zeitnah nicht geben können, denn die Stiftung leidet seit ­einiger Zeit an Platzmangel: Im Zuge der Freilenkung des Wittenberger Schlosses muss auch die dort befind­liche Ratssammlung bis zum Bezug des endgültigen Standortes an einem klimatisch und sicherheitstechnisch geeigneten Ort zwischengelagert werden. Weil dafür nur die Westhalle im Alten Rathaus geeignet sei, musste die Dauerausstellung mit der Grafiksammlung der Stiftung Christliche Kunst von der Westhalle in die Osthalle des Rathauses umziehen, um Platz für die Ratssammlung zu machen. Die Gestaltung im neuen Ausstellungsraum erwies sich als nicht ganz einfach, da dieser wesentlich kleiner ist. Fast 450 im Besitz der Stiftung befindliche Werke müssen untergebracht und eine repräsentative Auswahl in der Dauerausstellung gezeigt werden.

In jedem Fall weiter zu sehen ist »Die große Aureole« des Karlsruher Künstlers T. A. Straub. Die Plastik, für die er 2010 den Kunstpreis der Stiftung erhielt, zeigt einen goldfarbenen Lichtkranz, wie er etwa Gestirne umgibt. In der Ikonographie bezeichnet die Aureole einen den kompletten Körper umfassenden Heiligenschein. Zu sehen ist die raumgreifende Plastik im Eingangsbereich der Dauerausstellung. Brinkmann sagt: »Die Aureole hat sich ein bisschen zu unserem ­Markenzeichen entwickelt.
Corinna Nitz

Verbunden mit Gott

18. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Religiöse Erziehung: Wie Eltern mit ihren Kindern beten und dabei den eigenen Gebetsfaden wieder aufnehmen können

Mit Kindern beten – aber wie? Wann ist der richtige Zeitpunkt, mit dem Beten zu beginnen? Auf vorformulierte Gebete zurückgreifen oder frei formulieren? Einige Anregungen.

Als Marie geboren wurde, habe ich mich an die Gebete aus meiner eigenen Kindheit erinnert und an das gute Gefühl, wenn meine Mutter abends mit mir gebetet oder ein Lied gesungen hat«, sagt ­Bettina Schuster. Es ist vor allem diese Erfahrung von Geborgenheit, die sie ihrer Tochter Marie nicht vorenthalten will. Gemeinsam mit ihrem Mann Arndt möchte sie den Faden des Gebets wieder aufnehmen, der irgendwann im Erwachsenen-Alter bei ihnen gerissen war.

Weil religiöse Erziehung Rituale braucht, sollte auch ein Tischgebet nicht fehlen. Denn es kann Dankbarkeit und ­Achtsamkeit wachsen lassen. Foto: epd-bild

Weil religiöse Erziehung Rituale braucht, sollte auch ein Tischgebet nicht fehlen. Denn es kann Dankbarkeit und ­Achtsamkeit wachsen lassen. Foto: epd-bild

»Mit Kindern kommt Gott ins Haus.« Christiane Bundschuh-Schramm bringt im Titel ihres Buches zur religiösen Kindererziehung auf den Punkt, was viele Eltern wie Bettina und Arndt erleben: Mit der Geburt eines Kindes kommen sie auch in Berührung mit Gott, dem Schöpfer ihres Kindes, für das sie Schutz und Gedeihen erbeten. Und so fragen sie womöglich auch erstmals oder erneut danach, wie sie selbst zum Glauben stehen und wie sie ihr Kind religiös ­erziehen wollen.

Maries Eltern allerdings haben etliche Fragen zum Thema Beten. Etwa die, wann der geeignete Zeitpunkt ist, damit zu beginnen. Martina Liebendörfer, Referentin für Mutter-Kind-Arbeit bei den Evangelischen Frauen in Württemberg (EFW), hat darauf eine ganz klare Antwort. »Fangen Sie sofort an«, rät sie. Denn beim Gebet mit kleinen Kindern geht es aus ihrer Sicht nicht in allererster Hinsicht um das Verstehen, sondern um das Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen. Ein Segenswort am Bett des Säuglings oder eine abendliche Liedstrophe von »Der Mond ist aufgegangen« oder »Weißt du wie viel Sternlein stehen« reicht aus Liebendörfers Sicht schon aus. »Warum nicht eine Strophe singen, statt die Spieluhr aufziehen? regt sie an.

Wenn Kinder alt genug sind, um auch den Wortsinn zu verstehen, sollen Eltern dann auf vorformulierte Gebete zurückgreifen oder selbst Worte finden? Martina Liebendörfer, die sich auf die Altersgruppe der bis Dreijährigen spezialisiert hat, sieht da kein Entweder-Oder. Der Vorteil eines frei formulierten Gebets liegt für sie darin, dass aktuelle Ereignisse und die Alltagswelt der Kinder aufgenommen werden können. Solch freies Beten ­erfordert allerdings von Anfang an Achtsamkeit. Was, wenn die Oma trotz Gebet nicht gesund wird? Damit sich nicht ein Gottesbild verfestigt, in dem Gott ein »Macher« ist, der nach Gutdünken ­leben und sterben lässt, ist ein Stil des Gebets hilfreich, der etwa so klingen könnte: »Gott, du weißt, dass Oma krank ist. Wir wünschen uns, dass es ihr besser geht. Aber wie es auch kommt: du bist bei ihr. Sei ganz nah bei ihr. Du kannst sie trösten und uns auch.«

Auch für das Beten mit vorgegebenen Worten spricht nach Liebendörfers Ansicht einiges. Die stete Wiederkehr und das Versmaß in vorformulierten Gebeten oder Liedern machen es schon Zwei- bis Dreijährigen leicht, Gebetsworte oder Liedstrophen auswendig zu lernen.

Gebete, die dazu geeignet sind, Kinder zu disziplinieren oder ein angstmachendes Gottesbild zu vermitteln, lehnt Martina Liebendörfer strikt ab. Ein kritischer Blick auf weitverbreitete Gebete lohnt: Maries Mutter Bettina jedenfalls will das Gebet, das sie selbst aus Kindertagen kennt, nicht mehr sprechen. Ihre Tochter soll »Ich bin klein mein Herz mach rein. / Soll niemand drin wohnen als Jesus allein« auf keinen Fall lernen. Wieso soll in Maries Kinderherz nicht Platz für Menschen sein, die ihr lieb sind?«, begründet sie ihre kritische Haltung.

Auch Albert Biesinger, Professor für Religionspädagogik an der Universität Tübingen, will das frei formulierte Gebet und das Beten mit überlieferten, festen Formulierungen nicht gegeneinander ausspielen. Beten in jeglicher Form ist für ihn »eine Kompetenz fürs Leben«. Wer beten kann, kann sich Gott als der Herkunft des eigenen Lebens und der Zukunft des eigenen ­Lebens über den Tod hinaus anvertrauen. Wichtig ist ihm, dass Eltern nicht nur stellvertretend für ihre Kinder Gebetsworte finden, sondern dass sie ihnen Raum lassen, selbst etwas zu formulieren. So können Kinder lernen und erleben: Ich kann selbst und direkt vor Gott aussprechen, was mich bewegt, erfreut, bekümmert.

Aber auch überlieferte Gebetsworte wie das Vaterunser will Biesinger schon Kindern zu-muten. Sie bieten den Vorteil, dass sie gemeinsam mit anderen gebetet werden können. In Not und Grenzerfahrungen stehen sie zur Verfügung, wenn ansonsten die Worte fehlen. Gebete und Lieder dürfen deshalb über den aktuellen Verstehenshorizont des Kindes hinausgehen. Zumal sie ihrem Wesen auch dem Verstehen Erwachsener voraus sind. Denn welcher Erwachsene kann von sich sagen, er habe das Vaterunser zutiefst begriffen? Kinder haben Biesingers Beobachtung nach zudem »grundsätzlich Freude daran, über sich selbst hinauszuwachsen«. Sie wollen mehr lernen und mehr wissen. Stets sind sie darauf aus, mehr auszuprobieren als das, was sie gerade können.

Weil religiöse Erziehung Rituale braucht, sollte auch ein Tischgebet nicht fehlen. Denn es kann Dankbarkeit und Achtsamkeit wachsen lassen. Gerne erinnert sich Albert Biesinger dabei an den »Renner« unter den Tischgebeten bei seinen eigenen Kindern. »Jedes Tierlein hat sein Essen, / jedes Blümlein trinkt von Dir./ Hast auch uns hier nicht vergessen, / lieber Gott, wir danken Dir!«.
Damit Kinder aus solch kindlich formuliertem Gebet beim Älterwerden nicht einfach herauswachsen, ist es womöglich gut, schon früh auch andere Gebete einzuführen. Mit »Alle guten Gaben, / alles was wir haben, / kommt, guter Gott, von dir. / Wir danken dir dafür«, können Kleine und Große gleichermaßen älter werden.

Mehr als ein Fundament können Eltern allerdings nicht legen. Ein abendliches gemeinsames Lied, ein Gespräch, ein frei formuliertes Gebet oder eine Auswahl verschiedener gebundener Gebete kann in Kindern das Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen wecken, das bis in tiefe seelische Schichten reicht. Wenn Kinder älter werden und das Abendritual entfällt, kann bis dahin der Grundstein dafür gelegt sein, dass auch ältere Kinder die Kompetenz erworben haben, sich direkt an Gott zu wenden. Ob Kinder später davon selbst Gebrauch machen, darauf haben Eltern keinen Einfluss. Aber sie können ein Fenster für das öffnen, was über die sichtbare Welt hinausgeht.«
Karin Vorländer

Literaturempfehlungen
•    Biesinger, Albert: Wie Gott in die Familie kommt. Zwölf Einladungen, Kösel Verlag, 118 S., ISBN 978-3-466-36816-7, 14,95 Euro
•    Biesinger, Albert: Verbinde dich mit dem Himmel! Ein Geschenkbuch für Kinder mit Gebetschnur vom Berg Athos, Kösel Verlag, 64 S., ISBN 978-3-466-36739-9, 14,95 Euro

Leidensgeschichten schlichten Konflikte

13. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Weltblick: Bei der internationalen Peace Academy zu Pfingsten in Dresden sind auch zwei Pfarrer aus Indien dabei


Der Umgang mit globalen wie persönlichen ­Konflikt­feldern steht im Mittelpunkt des diesjährigen EVA-­Jugend­festivals rund um die Dresdner Frauenkirche.

Die zwei Pfarrer Dinesh Kumar Chand und Jakhin Kumar Huika legen einen weiten Weg nach Dresden zurück. Zur EVA 2012 Peace Academy zu Pfingsten in der Frauenkirche reisen sie aus einer Region blutiger Konflikte im Osten Indiens an. Dort, im Bundesstaat Orissa, in einer der abgelegensten Regionen, sind Christen eine Minderheit von wenig mehr als zwei Prozent. Die meisten Bewohner sind Hindus. Immer wieder flammen Auseinandersetzungen auf zwischen Adivasi, den Angehörigen der indigenen Stammesbevölkerung, und den Dalits, den »Unberührbaren« oder »Kastenlosen«, unter denen einige vom Hinduismus zum Christentum konvertiert sind.

Wenn aus Feinden Partner werden: Vor allem jugendliche Christen und Hindus, Angehörige der Dalits und des Volksstammes der Adivasi lernen in der Friedensarbeit der indischen Pfarrer Chand und Huika, ihre elementaren Interessen gemeinsam und nicht gegeneinander durchzusetzen. Fotos: privat

Die beiden Pfarrer Dinesh Kumar Chand (l.) und Jakhin Kumar Huika, Friedensaktivisten aus Indien, reisen zur EVA 2012 Peace Academy nach Dresden in die Frauenkirche. Foto: privat

Ethnische und religiöse Konflikte vermischen sich hier. Die beiden Pfarrer, selbst Angehörige der beiden verfeindeten Gruppen, versuchen zwischen ihnen zu vermitteln. »Und ebenso wollen wir für gegenseitiges Verständnis und Achtung zwischen Hindus und Christen wirken«, berichten sie. Gestritten werde vor allem um Landbesitz, erzählt Chand. Eine Organisation von Bauern und Arbeitern wolle den Ureinwohnern den Boden gewaltsam nehmen. Unterstützung bekämen die von gewalttätigen maoistischen Rebellen. In den benachbarten Bundesstaaten führen die seit Jahrzehnten einen Guerillakrieg. Seit 2004 hat er mehr als 5000 Menschenleben gefordert.

»Wir wollen die ­Bevölkerung dazu ermuntern, auf ­Gewalt zu verzichten und auf friedliche Weise für ihre elementaren Menschenrechte zu kämpfen«, sagt Chand.
Das tun sie, indem sie Angehörige beider Seiten, Jugendliche vor allem, in den Dörfern zusammenbringen und sie ihre Geschichten erzählen lassen. »So begreifen sie, dass die andere Gruppe nicht, wie sie meinen, Ursache des Problems ist, sondern dass ­jeder eine Leidensgeschichte zu erzählen hat.«

Ihre Erfahrungen möchten die ­beiden Pfarrer beim internationalen ­Jugendfestival vom 25. bis 28. Mai in ­einem der 16 Workshops weitergeben. Schon das Festival-Motto »Friedenstreiber – Zwischen Küchentisch und Krisenherd« deutet darauf hin, dass die Organisatoren ein möglichst breites Spektrum an Interessen bedienen. Es reicht von globalen Problemen wie die Zukunft der Welternährung, zivile und militärische Konfliktlösung über Auseinandersetzungen in anderen Weltregionen wie Sudan, Tansania, ­Israel und arabischen Ländern bis hin zum Alltag in Deutschland, dem Verhalten bei Beleidigungen, Streit oder Schlägereien. Dazu gibt es Workshops, wo Gospel geprobt oder Songs geschrieben werden. Noch sind einige Plätze für kurzentschlossene Jugendliche frei.

Gleich nach der Eröffnung in der Frauenkirche fahren die Teilnehmer am Sonnabend in das Militärhistorische Museum. Dort diskutieren sie über »Pazifismus versus militärische Intervention – was treibt Frieden voran?«. Für die Diskussionen und Beratungen stehen eine Reihe engagierter Fachleute zur Verfügung: EKD-Beauftragte, Trainerinnen für Gewaltprävention, Militärdekane, Nahostexperten, Jugendreferenten und Chorleiterinnen. Geplant sind auch ein Internationaler Abend, Andachten auf dem Turm der Frauenkirche und Nachtgebete, ein Pfingstgottesdienst und ein spiritueller Erfahrungsweg. Bei Konzerten sind zum Beispiel Tikwa Tanz Pantomime zu erleben, d:projekt (Dresden), die kroatische Ska-Band October Light und fünf Singer-Songwriter mit einem Überraschungsgast.
Tomas Gärtner

Weitere Informationen sowie Anmeldung im Internet:
www.eva-festival.de

Beten ist eine Lebenshaltung

13. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Erwachsen beten lernen! – Anregungen, um die Sprachlosigkeit gegenüber Gott zu überwinden


Anlässlich des Sonntags Rogate widmen wir uns dem Gebet. In dieser Ausgabe geht es um Tipps für Erwachsene, in der nächsten um Beten mit Kindern.

Nicht, dass er nicht an Gott geglaubt hätte, aber irgendwann ­redete er nicht mehr mit ihm. Es gab kaum eine ruhige Minute im Getriebe des Alltags und irgendwie auch keinen Bedarf. Sein Alltag verlief in geordneten Bahnen, und es fehlte ihm nichts ohne Gebet. Gewiss, gelegentlich ein Stoßgebet – als der Sohn so schlimm gestürzt war und nicht feststand, ob er seine Hand je wieder würde gebrauchen können. »Gott, lass ihn wieder gesund werden.«

Foto: picture-alliance/dpa

Foto: picture-alliance/dpa

Aber jetzt: Quälende Sprachlosigkeit, mühsames Suchen nach Worten angesichts der eigenen Krankheit. Nein, die Kindergebete, »Ich bin klein, mein Herz mach rein«, »Müde bin ich geh zur Ruh«, die plötzlich wieder präsent waren, waren nicht die Worte, die er jetzt sprechen konnte. Aber welche dann? Das Vaterunser vielleicht? Oder die Bitte, wieder gesund zu werden? Wo doch die Diagnose eindeutig »nicht heilbar« lautete.

Bruno Pflugschmidt (82) und sein Sohn Werner (51) waren dankbar, dass die Krankenhausseelsorgerin an ihrer Stelle Gebetsworte fand. Die beiden Männer sind keine Ausnahmen. Bei vielen Menschen reißt der Faden des Gebets – auch wenn sie keineswegs Atheisten sind.

Rüdiger Maschwitz, der gemeinsam mit seiner Frau Gerda das »Kursbuch Beten« geschrieben hat, macht als Seelsorger immer wieder die Erfahrung, dass viele Menschen angesichts einer Krise, eines Umbruchs, ­einer Krankheit oder in Situationen der Neuorientierung die Frage nach dem persönlichen Gebet stellen. Die meisten kennen das Gebet aus Kindertagen. »Wer als Kind das Beten nicht gelernt hat, lernt es später kaum noch«, weiß Rüdiger Maschwitz aus der Begleitung vieler Erwachsener. Aber wie wieder anfangen?

Viele Menschen erleben es als ­hilfreich, sich ein festes Ritual zu schaffen. Denn Formen formen. Wer formlos lebt, lebt wehrlos gegenüber Zeitmangel oder der eigenen Trägheit. Solche Rituale können sehr verschieden aussehen. Dietmar H. (46) etwa nutzt die Zeit, die er morgens auf dem Weg zur Arbeit regelmäßig im Stau steht zur Fürbitte für die Menschen, die ihm nahe sind.
Renate L. (62) ­zündet nach dem Frühstück für eine viertel Stunde eine Kerze an und hört Taizé Musik. »Ich bin einfach still vor Gott – ohne Worte«.

Georgine und Ralf B. (beide 82) nennen jeden Sonntagmorgen vor dem Frühstück die Namen ihrer Enkelkinder im Gebet. Und Günther H. (77) ist der frommen Tradition der »Stillen Zeit« treu geblieben. Jeden Morgen liest er allein für sich die ­Losung, einen Bibeltext – und die ­Zeitung. Wenn ihm das aktuelle Zeitgeschehen die Gebets-Sprache verschlägt, betet er mit Worten aus dem Gesangbuch oder aus den Psalmen.

Rüdiger Maschwitz ist es wichtig, sich selbst beim Einhalten solcher selbst geschaffener Rituale nicht unter Druck zu setzen. »Es gibt Zeiten, in denen es gelingt, regelmäßig inne zu halten und Zeiten, in denen wir hinter unseren Vorsätzen zurückbleiben.« Er warnt vor dem »spirituellen Hamsterrad«, ermutigt aber dazu, »sich immer wieder aus dem Alltag auszuklingen«.
Beten ist mehr als Dank, Bitte oder Klage. Beten ist etwas Grundlegendes: Beten heißt, sich Gott hinhalten!

Damit ist gesagt, dass Beten nicht zuerst ein Reden ist, weder laut noch leise. Beten ist ein Lebensvollzug, eine Daseinshaltung: Ich bin Gottes! Ich lebe unter dem Blick seiner Güte mit jedem Atemzug. Und ich tue das bewusst. Ich bete mich in das Leben vor Gott hinein und ich lebe mich in dieses Beten hinein; es bestimmt mein ganzes Dasein.

Um zu begreifen und leben zu ­können, dass Beten heißt, sich Gott hinzuhalten, dafür muss man die ­Erfahrung des Überwältigtseins oder die Erfahrung großer Angst und Ausweglosigkeit gemacht haben und dem eigenen Sterbenmüssen begegnet sein. Oder zu der Einsicht gelangt sein, dass man den Weg der eigenen Kinder nicht mehr beeinflussen, die eigene Lebensbilanz nicht mehr umschreiben kann. Wer so an das Ende aller Worte gelangt, wird sich ohne Worte Gott hinhalten!

Wenn das Beten ein Akt meines ganzen Daseins ist, dann werde ich für das Gespräch mit Gott immer wieder Zeiten und Orte finden. Ich höre mehr und mehr auf, Gott Vorschläge zu machen, wenn ich ihn um etwas bitte. Was habe ich als junger Mensch Gott alles nahegelegt, wie er mein Beten ­erhören soll! Und wie froh bin ich im Nachhinein, dass Gott sich oft nicht an meine Vorschläge gehalten hat!
Karin Vorländer

Maschwitz, Gerda/Maschwitz, Rüdiger: Kursbuch Beten. Anregungen für alle Lebenslagen, Kösel Verlag, 288 S., ISBN 978-3-466-36826-6, 17,95 Euro

Im Wandel der Zeiten

12. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Eisenachs Lutherhaus lädt zur Zeitreise durch das protestantische Pfarrhaus ein

Unter den Schritten der Besucher knarrt der Fußboden in der oberen Etage des Eisenacher Lutherhauses. Das Knarren begleitet den Besucher bei der »Zeitreise durch die Geschichte des evangelischen Pfarrhauses«, einer Dauerausstellung im Lutherhaus.

Pfarrerstochter und Pfarrer: Bundeskanz- lerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck. Fotos: Bundespresseamt

Pfarrerstochter und Pfarrer: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck. Fotos: Bundespresseamt

Die Geschichte der Pfarrhäuser beginnt mit der Reformation. Dem lutherischen Angriff auf das Zölibat folgte die Großfamilie im Pfarrhaus. Luther selbst war allerdings nicht der erste Priester bzw. Pfarrer, der gegen den Willen der Kirche heiratete. Dies war vermutlich ­Bartholomäus Bernhardi, der Propst von Kemberg, der am 24. August 1521 trotz Priestergelübde eine Familie gründete.

1525 heiratete Martin Luther seine Katharina von Bora. Das ehemalige Kloster in Wittenberg, ihre gemeinsame Heimstatt, galt seither als Prototyp des evangelischen Pfarrhauses. Hier waren fortan die Familie, die seelsorgerische Arbeit und der Glauben unter einem Dach vereint. Durch das nachgebildete Katherinenportal – einst ein Geschenk Katharinas an ihren Mann – tritt der Besucher der Ausstellung in die Geschichte des Pfarrhauses ein. Wie gestaltete sich das Leben in den Pfarrhäusern? Welche Rollen spielten die Pfarrfrauen? All das wird in der umfangreichen Sammlung von Bild- und Textdokumenten dargestellt. Dabei fehlt nicht der Blick in die heutige Zeit und die Zukunft des Pfarrhauses.

Im klassischen Pfarrhaus übte der Mann den Pfarrersberuf aus, die Pfarrersfrau kümmerte sich um Haushalt, Familie und arbeitete zudem in der Gemeinde mit. Heute gibt es auch hier eine Vielzahl von Lebensformen – Ehefrauen von Pfarrern, die selbst im beruflichen Leben stehen, Frauen als Pfarrerinnen, Pfarrer und Pfarrerinnen als Single, der Pfarrberuf in Teilzeit, die Gemeinde ohne Pfarrhaus …
Die Zeitreise macht auch deutlich, dass die Pfarrhäuser Orte der Bildung und der Forschung waren. Viele bekannte Namen aus Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst haben ihre Wurzeln in Pfarrhäusern: Entweder waren sie selber ­Pfarrer oder sind in Pfarrersfamilien ­aufgewachsen – man denke nur an den derzeitigen Bundespräsidenten und die Kanzlerin.

Möglich ist die Ausstellung vor allem deshalb, weil einst Pfarrer August Angermann begann, sich mit der Geschichte der Pfarrhäuser zu beschäftigen. Er gründete 1925 das evangelische Pfarrhausarchiv. Angesiedelt zunächst in Wittenberg kam es nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Eisenach. Aus seinen vielfältigen Beständen speist sich die »Zeitreise durch die Geschichte der evangelischen Pfarrhäuser«.

Silvia Rost

Das Lutherhaus am Lutherplatz 8 in unmittelbarer Nähe zum Eisenacher Marktplatz ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet.
www.lutherhaus-eisenach.de

Parabel für den Lebenskampf

11. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Meininger Theatergottesdienst ging es um die Tiefschläge des Lebens

Das Leben meint es nicht unbedingt freundlich mit Jojo. Keine Lehrstelle, kein Glück mit den Mädchen und dann auch noch Sozialstunden im Altersheim. Für ein krummes Ding, das er gar nicht gedreht hat. Jojo – großmäulig und doch irgendwie liebenswert – ist eine der beiden Hauptfiguren des Zweipersonen-Stückes »Das Herz eines Boxers«. Anfang März hatte es seine Premiere in den Kammerspielen des Meininger Theaters, eine zweite erlebte es vergangenen Sonntag beim Theatergottesdienst im Großen Haus.

Reinhard Bock (li.) und Raphael Kübler in »Das Herz eines Boxers«. Foto: Susann Winkel

Reinhard Bock (li.) und Raphael Kübler in »Das Herz eines Boxers«. Foto: Susann Winkel

Einige Hundert Zuschauer waren trotz scheußlichem Regenwetter gekommen, um die besondere Kombination von Andacht und Schauspiel zu erleben. Im Mittelpunkt des ökumenischen Gottesdienstes, der gemeinsam von der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Meiningen und der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde auf der Theaterbühne gefeiert wurde, stand die Geschichte von Jojo und Leo. Von dem Jungen, der keine Perspektive sieht, und dem Alten, der seine beste Zeit längst hinter sich hat. Beide angezählt, beide strauchelnd, kurz vor dem Fall. Was sie eint, ist die Liebe zum Boxen. Jener Sport, der so bildhaft für das Leben steht. In dem es um Austeilen und Einstecken geht, um Courage und Durchhaltevermögen, um Tiefschläge und das Aufrappeln danach.

Lutz Hübners Bühnenstück thematisiert den Konflikt zwischen Jung und Alt. Sowohl die Liturgie als auch die musikalischen Darbietungen unter der Leitung von Kantor Sebastian Fuhrmann nahmen unmittelbar Bezug auf die gleichnishaften Erlebnisse von Leo und Jojo. »Das Ringen nimmt uns niemand ab«, betonte Pfarrer Christoph Knoll in seiner Predigt, einmal mehr die Sport-Rhetorik aufgreifend. Auch Superintendentin Beate Marwede und Pastor Friedemann Heinrich kamen nicht umhin, ein ums andere Mal Bezüge zwischen der Philosophie des aufrichtigen Boxers und dem Lebenskampf an sich herzustellen.

Dem Schauspiel zur Seite gestellt wurde als biblische Grundlage die ­alttestamentliche Erzählung »Jakobs Kampf am Jabbok« – auch ein Ringen, mit dem Leben und mit Gott. Viel zum Gelingen des Vormittags trugen neben Reinhard Bock und Raphael Kübler, den beiden Darstellern vom Meininger Ensemble, auch die Kantorei – ausnahmsweise einmal über der Gemeinde im Ersten Rang singend – und der Jugendchor bei. Letztgenannter hatte gemeinsam mit der Band »S!X:30« der Baptistengemeinde Bob Dylans schwermütiges »Knockin’ on Heaven’s Door« vorbereitet.

Kirche und Theater – diese Verbindung glückt in Meiningen in vielfältiger Weise. Sei es, wenn das Gotteshaus in Umbauzeiten zur Spielstätte für das Theater wird. Sei es, wenn die Mädchen und Jungen vom Kinderchor der Kirchengemeinde als singende Statisten auf der Opernbühne agieren. Oder sei es, wenn Kirchen- und Theaterleute gemeinsam zum wortgewandten Nachsinnen über die Tiefschläge des Lebens aufrufen.
Susann Winkel

Am 13. Mai, 14.30 Uhr, hält der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof a. D. Wolfgang Huber eine Theaterpredigt in der Dessauer Kirche St. Johannis. Er spricht über die ­Inszenierung von Richard Wagners Musikdrama »Götterdämmerung« am Anhaltischen Theater. Premiere ist am 12. Mai, 17 Uhr.

Elend, Angst und Gewalt

7. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Brasilien: In den Elendsvierteln an den Peripherien der Millionenstädte wirken Geistliche mit hohem Lebensrisiko

2014 trägt Brasilien die ­Fußball-WM aus. Viel Geld wird für neue Stadien und in die notwendige Infrastruktur gesteckt. Auf der anderen Seite fehlt Geld für die ­sozialen Probleme an den Rändern der Großstädte.

Provisorisch zusammengezimmerte Katen aus Holz- und Pappabfällen im Labyrinth der Favela Cachoeirinha von Sao Paulo, stinkende Kloakegräben, Schwärme von Fiebermücken und Scharen von großen braunen Kakerlaken, dazu Ratten. »Die Leute hier im Slum beten sehr viel – bitten Gott um spirituelle Kraft, um Hilfe in dieser Misere«, sagt Gelegenheitsarbeiter Pedro, der seine Kate notgedrungen auf Pfählen mitten in einen Abwasserbach baute. »Nachts klettern Ratten und sogar Kobras zu uns hinauf, müssen wir unheimlich aufpassen.« Über andere ­Gefahren redet auch er lieber nicht.

Gelegenheitsarbeiter Pedro mit seiner Tochter. Foto: Klaus Hart

Gelegenheitsarbeiter Pedro mit seiner Tochter. Foto: Klaus Hart

Denn überall in den mehr als 2600 Favelas von Sao Paulo wird man von bewaffneten Drogengangstern beäugt, die die Slums als Hochburgen und Verstecke nutzen, neufeudal die Regeln bestimmen, sogar Ausgangssperren verhängen. »Gewalt und Drogenkriminalität sind unglaublich hoch«, erläutert Gemeindepriester Aecio Cordeiro da Silva. »Es gibt Hunger und Elend, die Menschen haben Angst«, ergänzt der irische Geistliche Bernardo Daly, der sich in seiner eigenen Kirchengemeinde, zu der die Favela Cachoeirinha gehört, keineswegs frei bewegen kann.

Orlando Barbie zählt zu seinen aktivsten Gemeindegliedern: »Die starke Mafia der Drogengangster beobachtet alles und jeden – einfach furchtbar. Wer wie wir von der Kirche jemanden aus dem Drogenmilieu, aus der Sucht rausholen will, also jemanden, der für deren Profit sorgt – da werden die böse, da wird man gnadenlos verfolgt. Die Polizei kommt und geht wieder – aber die Banditenkommandos bleiben, terrorisieren, zwingen den Bewohnern das Gesetz des Schweigens auf. Wer sich nicht unterwirft, weiß, was ihn erwartet.«

Laut Weltstatistik ist Brasilien das Land mit der höchsten Zahl an Morden – über 50000 sind es jährlich laut amtlichen Angaben. Die Dunkelziffer dürfte sehr hoch sein, da Verbrechen in den Slums, wo der Staat nicht oder kaum präsent ist, gewöhnlich nicht ­registriert werden. Landesweit agierende Todesschwadrone richten besonders in den Elendsvierteln regelmäßig Blutbäder an. Nur etwa fünf Prozent der Mörder werden gefasst.
Nicht zufällig belegt Brasilien in der UNO-Statistik für menschliche Entwicklung lediglich Platz 84, Chile dagegen Platz 44, Argentinien Platz 45. Kommen Vertreter kirchlicher Hilfswerke aus Deutschland, die in Brasilien Projekte finanzieren, bereitet das Erzdiözesen wie in Sao Paulo oder Rio de Janeiro enormes Kopfzerbrechen. Welche Slums kann man den Gästen zeigen, ohne deren Leben zu gefährden?
Padre Juarez de Castro, jahrelang Sprecher der Erzdiözese Sao Paulos, kennt diese Probleme nur zu gut: »Die Regierung sorgt nicht für die Einhaltung der Gesetze, lässt in den Favelas ein Machtvakuum, eine Banditendiktatur zu. Wir haben regelrechte Parallelstaaten mit Parallelregierungen. Die Kirche wird landesweit frontal von der Gewaltkriminalität attackiert. Vor allem in Nordbrasilien stehen zudem viele Bischöfe und Priester auf einer Todesliste, weil sie die Armen und ­deren Rechte verteidigen.«

2006 drohte Brasiliens führende Verbrecherorganisation PCC erstmals den Slumgeistlichen Sao Paulos ganz offen die Ermordung an. Der PCC ­unterhält in den Slums sogar Sondergerichte, verhängt Todesurteile, verscharrt Opfer auf geheimen Friedhöfen. Bedrückend für den deutschstämmigen Kardinal Odilo Scherer, dass Banditen jedes Jahr Geistliche ­ermorden, weil sie deren seelsorgerische Tätigkeit als geschäftsschädigend ansehen. »Wir als Kirche dürfen angesichts dieser Realität nicht die Courage verlieren, müssen immer wieder Initiativen ­ergreifen, die Zustände ­anprangern. So viele Menschenleben gehen ver-
loren«, sagt Scherer.

Besonders in Rio liefern sich riva­lisierende Gangstersyndikate teils monatelang heftige Gefechte um die Vorherrschaft in Elendsvierteln. »Dann bleiben unsere Sozialprojekte, Kindergärten geschlossen, niemand traut sich aus den Katen«, so Slum-Seel­sorger Luis Antonio Pereira Silva.
Derzeit leben noch über 30 Millionen Brasilianer in extremer Armut. Dank der Unterstützung deutscher kirchlicher Hilfswerke ist es in den Slums von Sao Paulo aber gelungen, wenigstens einen Teil der Mädchen und Jungen schulisch zu fördern – manche besuchen sogar die Salesianer-Universität, schaffen den Absprung aus der Favela. »Solche Bildungsförderung müsste es in diesem reichen Land massenhaft geben – was wir von der Kirche aber alleine nicht leisten können«, betont der Slumgeistliche Aecio Cordeiro da Silva in Cachoeirinha.

Immerhin ist Brasilien inzwischen die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt. Das Pro-Kopf-Einkommen betrug 2011 ca. 12600 US-Dollar. Allerdings ist der relative Reichtum des Landes sehr ungleichmäßig verteilt. Und er wird nicht zuletzt auch für Prestigeprojekte eingesetzt: »Die Politiker wollen große teure Bauten wie dieses neue WM-Stadion in Sao Paulo, weil ihnen die Baufirmen dann ihre Wahlkampagnen finanzieren«, resümiert da Silva. Doch es regt sich Protest: Zwei Busstunden von den Favelas entfernt, in der City Sao Paulos, fordern Demonstranten vor Präfektur und Bankpalästen lautstark Gelder für die Bildung, statt für die Fußball-WM.
Klaus Hart

»Bete für einen besseren Tag«

7. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Musiker Paddy Kelly startet im Mai seine Solo-Tournee in zehn deutschen Kirchen

Hinter ihm hängt ein großes Kruzifix, vor den Bauch hat er sich eine Gitarre geschnallt. Mit Ringelpulli, Lederjacke und weißer Jeans fängt Paddy Kelly an zu singen. Der einstige Frauenschwarm der »Kelly ­Family« ist wieder im Geschäft: Nach sechs Jahren in einem französischen Kloster startet er im Mai eine Deutschlandtournee. In einer Düsseldorfer Kirche gab er kurz vor Ostern einigen Journalisten eine Kostprobe seiner Kunst. »Pray, Pray, Pray, for a happier day«, sang Paddy Kelly. »Bete, bete, bete, für einen besseren Tag.«

Paddy Kelly Foto: picture-alliance/dpa

Paddy Kelly Foto: picture-alliance/dpa

Der Musiker ist ein neuer Mensch geworden. Aus dem gelockten Blondschopf wurde ein ernsthaft wirkender junger Mann, ein Musiker unterwegs in Sachen Glauben. Im Kloster hat er Lieder geschrieben, sie führt er nun in Deutschlands Kirchen auf. Zusammen mit dem »Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken« will er Jugendliche für den Glauben begeistern und Spenden sammeln für Caritas-Hilfsprojekte in Äthiopien. »Als ich vor sieben Jahren ins Kloster ging, hatte ich die Oberflächlichkeit des Show-Business satt«, erinnert sich Kelly. »Ich hatte materiell gesehen alles, was Leute heute als Symbol für Glück ­sehen – ich war ein Star.« Doch das Showgeschäft zehrte an den Nerven. »90 Prozent meiner Kollegen sind doch auf Drogen, Ecstasy, Alkohol«, sagt Paddy Kelly.

Im Kloster erlebte er eine andere Welt. »Ich habe Gott erfahren dürfen«, sagt Paddy Kelly. »Ich habe erfahren dürfen, dass es kein Zufall ist, dass ich auf der Welt bin – dass Gott mich geschaffen hat, und ich von ihm geliebt werde.« Doch während mancher Protestant Respekt vor solchen tiefgehenden Aussagen möglicherweise Respekt hat, könnte Kellys Katholizismus bei evangelischen Fans auch manches Stirnrunzeln hervorrufen: Nach jedem seiner Konzerte soll es ­einen Gebetsabend geben, und zwar vor einer Monstranz, in der das »Allerheiligste«, die nach katholischer Lehre gewandelte Hostie, zu sehen ist. »Ich glaube an die Realpräsenz der Eucharistie«, sagt Kelly. Da macht es sich dann bemerkbar, das Theologie- und Philosophiestudium im eher konservativen Orden der »Gemeinschaft des Heiligen Johannes«. Doch der Musiker erklärt auch, einmal über ökumenische Gebetsabende nachdenken zu wollen.

Warum er überhaupt seine Ordensgemeinschaft nach Ablauf des zeitlichen Gelübdes verließ? Das alte ­Leben habe er schon vermisst, sagt Paddy Kelly. Nun versuche er, beides miteinander zu verbinden: die Musik und seinen Glauben. Doch auch das Schicksal der Menschen in Afrika liegt dem Musiker am Herzen: »Bei einem Gottesdienst habe ich einen Flyer von der Caritas gefunden, in dem es um die Armut in Äthiopien ging«, berichtet Paddy Kelly. So sei die Idee für die Konzertreise entstanden. Erst kürzlich sei er dann auch selbst dorthin gereist, und habe die Armut mit eigenen Augen gesehen. »Wir haben als Musiker früher auch von der Straße gelebt«, erinnerte sich Kelly an die Zeit, als er mit seinem Vater und seinen ­Geschwistern durch Deutschland tourte. »Aber die Kinder in Afrika ­leben auf der Straße, und das ist ein Unterschied.« Die Musiker der »Kelly Family« hätten immer ein Dach über dem Kopf gehabt – den Straßenkindern in Äthiopien dagegen fehle es an Allem: Nahrung, Trinkwasser und medizinische Versorgung.

Für sie, wie für Deutschlands Katholiken muss das Engagement des Musikers wie ein Hauptgewinn im Lotto sein: »Als im letzten Jahr die Hungersnot am Horn von Afrika herrschte, gingen die Fernsehbilder um die Welt«, sagt Michael Brücker vom Deutschen Caritasverband. Heute gebe es solche Bilder nicht mehr, aber die Not in Afrika sei groß. »Da sind wir natürlich dankbar für so viel Engagement.« Und auch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken freut sich über einen Sympathieträger. »Wir brauchen authentische Persönlichkeiten«, sagt dessen Direktor Georg Austen. »Und Paddy Kelly ist ein Musiker, der auch Menschen außerhalb der Kirchenmauern erreichen kann.«
Benjamin Lassiwe

Konzerttermine unter: www.bonifatiuswerk.de

Weiße Flecken auf der Landkarte?

6. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Zeitgeschichte: Ausstellung im Internet beleuchtet den christlichen Widerstand im Nationalsozialismus

Im vergangenen Jahr wurde eine einzigartige Online-Ausstellung zum Widerstand von Christen im Nationalsozialismus gestartet. Jetzt werden dazu Informationen und Zeugnisse aus der mitteldeutschen Kirche gesucht.

Es hat sich tief in unser Bewusstsein eingegraben: Zu den Verbrechen des Nationalsozialismus, der Verfolgung und Tötung von Juden, zu der Auslösung des Zweiten Weltkrieges gehört als Spiegelbild die erschreckende Wahrheit, dass Hitler Begeisterung auslöste und »freiwillige Helfer« fand – und dass Millionen Deutsche selbst antisemitisch eingestellt waren. Das beschämt uns Nachgeborene. Umso mehr fragen wir, ob es nicht auch Widerstand gab? Haben sich Christinnen und Christen nicht widersetzt? Waren das nur sehr wenige?

Erstellt hat die Online-Ausstellung die Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte an der Ludwig-Maximilians- Universität München. Foto: screenshot: www.evangelischer-widerstand.de

Erstellt hat die Online-Ausstellung die Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte an der Ludwig-Maximilians- Universität München. Foto: screenshot: www.evangelischer-widerstand.de

Es ist an der Zeit, dass diesen Fragen erneut nachgegangenen wird. »Widerstand!? Evangelische Christinnen und Christen im Nationalsozialismus« ist der Titel einer Ausstellung im Internet, die von einer Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland erarbeitet wurde. Das ist ein ungewohntes, neuartiges Angebot. Unter der Internet-Adresse www.evangelischer-widerstand.de öffnet sich auf dem Computer eine Fülle von Material – Fotos, Dokumente, Informationen und Kommentare. Biografien von Frauen und Männern, die in höchst unterschiedlicher Weise dem NS-Regime Widerstand geleistet haben, werden gezeigt.

So zum Beispiel Werner Sylten, Pfarrer in Bad ­Köstritz, Eisenach, der später als Mitarbeiter im Berliner »Büro Grüber« ­Juden geholfen hat – und schließlich im KZ Dachau ermordet wurde. Oder Paul Schneider, der Prediger von ­Buchenwald. Natürlich auch Dietrich Bonhoeffer. Grundsatzfragen werden in eigenen Tafeln erörtert, um die ­Dimensionen widerständigen Verhaltens zu diskutieren. Denn was nennen wir Widerstand? Er geschah nicht nur dort, wo ein Attentat vorbereitet wurde, sondern oft in Protesten oder Verweigerung von Anpassung. Gegliedert nach »Zeiten« werden Kontexte und Reaktionen der Kirchen in den einzelnen Phasen der NS-Zeit vorgestellt.

Im Unterschied zu gewöhnlichen Ausstellungen kann man dies Material jederzeit anschauen, in Ruhe vergleichen. Ein großer Vorzug besteht darin, dass Fotos und Dokumente heruntergeladen und kostenlos ausgedruckt werden können. Wenn Schüler und Studenten dies entdecken, werden sie für Unterricht und Seminararbeiten davon Gebrauch machen.
Diese neue Form der Ausstellung ermöglicht Ergänzungen. Es ist vorgesehen, dass aus den Landeskirchen weiteres Material erarbeitet und eingestellt wird. Auch die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) will sich daran beteiligen. Das ist ­Herausforderung und Chance zugleich.

Die Leitung der Thüringer Kirche wurde von Deutschen Christen geprägt; die Kirchenprovinz Sachsen wurde vom Evangelischen Oberkirchenrat in Berlin bestimmt, der einen (vorsichtigen) Anpassungskurs steuerte. Die Bekennende Kirche (BK) vertrat in beiden Regionen eine wache, profilierte Minderheit. Von maßgeblichen Personen aus diesem Umfeld fehlen in der Ausstellung noch die Biografien – so vom späteren Bischof Ludolf Müller (Heiligenstadt), von Wolfgang Staemm­ler, dem Verantwortlichen für die Vikare und Hilfsprediger der BK, oder von Rechtsanwalt Bernhard Hofmann (Magdeburg), der unermüdlich in Gerichtsverfahren für Inhaftierte eintrat.

Über das Schicksal der nichtarischen Christen in unserer Region ist noch viel zu wenig erforscht worden. Exemplarisch war die Zwangspensionierung von Dr. Friedrich Weissler am Landgericht Magdeburg bereits 1933 – er wurde 1937 im KZ Sachsenhausen ermordet. Auch über evangelische Christen aus der Provinz Sachsen, die sich an der Vorbereitung des Hitler-Attentats vom 20. Juli beteiligt hatten, müsste berichtet werden. Und: Wer kennt noch die mutigen Entscheidungen von Gemeindekirchenräten, die sich der Zwangsversetzung ihres Pfarrers widersetzten – oder die vergeblichen Anstrengungen in der Gemeinde der Quedlinburger Stiftskirche gegen die Umwandlung ihrer Kirche in eine Weihestätte der SS? Wissen wir von Diakonissen und Mitarbeitern in diakonischen Einrichtungen, die vergeblich versuchten, den Transport von Patienten in die Gaskammern der Euthanasie zu verhindern?
Eine Arbeitsgruppe der EKM will solche Ereignisse und Taten des Widerstands sammeln und – soweit dies möglich ist – für die Übernahme in die Internetausstellung aufbereiten. Darum bittet die Arbeitsgruppe um die Mithilfe aus allen Regionen der Landeskirche.
Harald Schultze

Informationen, Aufsätze, Fotos von Menschen und von Dokumenten, die den ­Widerstand anschaulich machen, können direkt geschickt werden an: Dr. Harald Schultze, Zaunkönigstr. 36A, 39110 Magdeburg, E-Mail <hs.schultze@web.de>.

www.evangelischer-widerstand.de

Widerstand in seiner ganzen Breite

Unter dem Titel »Widerstand!?« informiert eine Online-Ausstellung über »Evangelische Christinnen und Christen im Nationalsozialismus«. 600 historische ­Dokumente werden unter der Adresse »www.evangelischer-­widerstand.de« im Internet ­präsentiert. Die Ausstellung wendet sich gegen eine einseitige Betrachtung christlicher ­Widerstandsformen. Der Widerstand in der NS-Zeit soll vielmehr in seiner ganzen Breite ­differenziert und mit seinen teils widersprüchlichen Beweggründen dargestellt werden.
Anhand einer Karte des ehemaligen Deutschen Reiches beleuchtet die Ausstellung drei Bereiche: Zum einen werden die Biografien von prominenten und teils weniger bekannten Personen aus dem christlich motivierten Widerstand vorgestellt.
Der Nutzer bekommt zudem die Möglichkeit, sich die Inhalte über eine Zeitschiene zu erschließen.
Ein dritter Bereich behandelt schließlich Grundfragen wie den Einfluss konfessioneller Prägungen sowie Widersprüche zwischen christlichem Glauben und Widerstand.

Nachwuchs gefragt? – Ja

4. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchenmusik: Die Ausbildungsstätten haben keine Nachwuchssorgen, aber der Bedarf an Kantoren und Organisten ist groß

Gibt es zu wenige Kantoren in den Gemeinden und ­wurden zu viele Stellen ­abgebaut? Wie ist es um die Kirchenmusik bestellt? Ein Blick auf die Situation in Mitteldeutschland

Wir können die Leute nur richtig in Anspruch nehmen, wenn wir sie auch ­angemessen bezahlen«, sagt Landeskirchenmusikdirektor Dietrich Ehrenwerth im Blick auf die Anzahl hauptamtlicher A- und B-Kirchenmusiker innerhalb der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Dass trotz Sparzwängen im letzten Jahrzehnt kaum Kantorenstellen abgebaut worden sind, sieht er als positives Zeichen. Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass manche volle Anstellung bis auf die Hälfte reduziert wurde. Der Geschäftsführer des Erfurter Zentrums für Kirchenmusik, Jürgen Dubslaff, kann dies mit einer Statistik belegen. Er hat dafür die Anzahl der vorhandenen Stellen in den Jahren 2008, 2010 und 2012 aufgelistet und auf Vollzeitstellen umgerechnet. So sind in diesem Zeitraum 41 A-Stellen auf 40 gesunken, und 144 B-Stellen wurden auf 143 reduziert. Gab es 2008 insgesamt 185 A- und B-Kantoren, sind es 2012 noch 183. Obwohl dies keineswegs dramatisch klingt, sei die Stimmung unter den Kirchenmusikern im Lande gedämpft. Zudem habe es in den letzten Jahren immer wieder Irritationen gegeben, wenn sich Kirchenmusiker genötigt sahen, bei der Legitimation ihrer Stelle jeden Arbeitsgang aufzuschreiben und zeitlich zu erfassen. »Bei der Auflistung ist oft eine höhere Stundenzahl zustande gekommen«, weiß der Landeskirchenmusikdirektor zu berichten. Oft werde danach gefragt, ob das Kirchenmusikstudium noch zukunfsfähig sei.

Zu den kirchenmusikalischen Talenteschmieden gehören die in Saalfeld beheimateten Thüringer Sängerknaben. 1950 von KMD Walter Schönheit gegründet, sind aus ihnen mehrere Kirchenmusiker hervorgegangen.  Unser Foto zeigt sie unter der Leitung von Dietrich Modersohn, der selbst Mitglied des Chores war und von 2003 bis 2011 als Kantor an der Johanneskirche wirkte. Seit seiner Berufung zum Dirigenten der »Wuppertaler Kurrende« ist die Saalfelder Kantorenstelle vakant. Sie wird kommissarisch von den Kirchenmusikern Andreas ­Marquardt und Klaus-Peter Marquardt betreut, die den Sängerknaben seit Jahren eng verbunden sind. Foto: Maik Schuck

Zu den kirchenmusikalischen Talenteschmieden gehören die in Saalfeld beheimateten Thüringer Sängerknaben. 1950 von KMD Walter Schönheit gegründet, sind aus ihnen mehrere Kirchenmusiker hervorgegangen. Unser Foto zeigt sie unter der Leitung von Dietrich Modersohn, der selbst Mitglied des Chores war und von 2003 bis 2011 als Kantor an der Johanneskirche wirkte. Seit seiner Berufung zum Dirigenten der »Wuppertaler Kurrende« ist die Saalfelder Kantorenstelle vakant. Sie wird kommissarisch von den Kirchenmusikern Andreas ­Marquardt und Klaus-Peter Marquardt betreut, die den Sängerknaben seit Jahren eng verbunden sind. Foto: Maik Schuck

Die Ausbildungsstätten in Mitteldeutschland indessen haben keine Nachwuchssorgen. In der Hochschule für Kirchenmusik in Halle – sie ist die älteste und die größte in Deutschland – gibt es momentan 61 Studierende. Die Umstellung der A- und B-Studiengänge auf den Bachelor bzw. Master of Church Music habe große Anstrengungen erfordert, erzählt Rektor Prof. Wolfgang Kupke. Die Hochschule sei sehr gut aufgestellt, um die Absolventen »allumfassend fit zu machen« für ihre künftigen Aufgaben. Durch die Kooperation mit der Martin-Luther-Universi­tät sei es auch möglich, als Schulmusiker »aufzusatteln«, um zusätzlich an Schulen als Musiklehrer arbeiten zu können. Während die Jungstudenten zumeist in Mitteldeutschland zu Hause sind, kämen die reiferen Jahrgänge aus ganz Deutschland, Österreich, Armenien, Taiwan, Korea, Japan und den USA.

Im Institut für Kirchenmusik der Weimarer Musikhochschule gibt es momentan 14 Kirchenmusik-Studierende, einen Konzertexaminanten im Fach Orgel sowie fünf Orgel-Schüler aus dem Musikgymnasium Belvedere. Außerdem belegen vier Schulmusiker eine Orgelausbildung (drei davon als Schwerpunktfach). Sie stammen aus dem gesamten Bundesgebiet und Italien.

Doch was wäre die Kirchenmusik in der Fläche ohne das kontinuier­liche Wirken der zahlreichen ehrenamtlichen Organisten und Chorleiter? Die Befähigung des Nachwuchses ist hierbei die zentrale Aufgabe. Seit 60 Jahren widmet sich in der einstigen Kirchenprovinz Sachsen das Kirchenmusikalische Seminar Halberstadt dieser Aufgabe, in dem nach zwei Semestern Direktstudium die C-Prüfung abgelegt werden kann. Im letzten Jahrzehnt gab es hier jährlich sieben bis elf Absolventen.

Im Erfurter Zentrum für Kirchenmusik ist es an Sonnabenden möglich, alle zwei oder drei Wochen von 9 bis 17 Uhr den Kurs von Kirchenmusik­direktor Martin Meier (Jena) zu besuchen, der nach einunddreiviertel Jahren mit dem C-Abschluss endet. Hinzu kommt die D-Ausbildung für Chorleiter, Organisten und Posaunenchorleiter. Den C-Kurs besuchen momentan zwölf Teilnehmer, die D-Qualifikation streben 17 Kandidaten an. »Die Frage, ob es genug Nachwuchs gibt, muss seit Jahrzehnten stets mit ›Nein!‹ beantwortet werden«, so Meier. Gemessen am Bedarf, der sich in den nächsten zehn Jahren abzeichnet, müssten viel mehr Leute ausgebildet werden!« Dafür tun sich neue Wege auf. In der Propstei Meiningen-Suhl laufe zurzeit »eine Grundausbildung für Chorleitung unterhalb der D-Anforderung«, ähnliche Ansätze gäbe es bereits seit längerer Zeit bei der Orgel. »Falls die Erfahrung positiv ausfällt, könnte man das Modell auch in anderen Regionen probieren«, ist sich Meier sicher. Dafür müssten aber die Stellenanteile zur Nachwuchsförderung erhöht werden, »um wirklich wirksam etwas zu unternehmen.«
Michael von Hintzenstern

Insel der Ratlosigkeit

1. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Kuba: Ernüchternde Bilanz – Berliner Missionswerk besuchte Partnerkirche im sozialistischen Inselstaat


Die Bilanz der deutschen Reisegruppe nach ihrer Rückkehr von Kuba ist ernüchternd. Die gesellschaftliche Situation in dem Land ist Anlass zur Beunruhigung.

»Kuba ist ein Land vor großen und grundlegenden Veränderungen, aber auch mit einer großen Ratlosigkeit, wie und wohin diese Veränderungen gehen sollen.« Es ist eine eher ernüchternde Bilanz, die Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig zieht. Gemeinsam mit dem Berliner Bischof Markus Dröge, dem Direktor des Berliner Missionswerkes Roland Herpich sowie weiteren Mitarbeitern des Werkes war er mehr als zwei Wochen auf der Karibikinsel. Es war der erste offizielle Besuch von ostdeutschen Kirchenleitern bei der kubanischen Partnerkirche, der Evangelisch-Reformierten Kirche in Kuba.

Mit etwa 15000 Mitgliedern ist sie eine Minderheit unter der Minderheit. Denn immerhin gehören etwa 60 Prozent der rund elf Millionen Kubaner zur katholischen Kirche. Diese gibt zwar selbst an, dass nur rund 200000 ihren Glauben auch aktiv praktizieren. Dennoch hat sie nach dem Eindruck aller Beobachter – nicht zuletzt durch die beiden Papstbesuche auf der Insel – deutlich an Einfluss und Selbstbewusstsein gewonnen. Die wenigen Protestanten fühlten sich oft eher »an die Wand gedrängt«, wie Liebig erfuhr. Zweitgrößte Kirche des Landes ist die freikirchliche »Vereinigung Gottes« mit rund 100000 Anhängern, gefolgt von den Methodisten mit 27000 Mitgliedern, sowie etlichen weiteren Kirchen und Gruppierungen. Rund zwei Dutzend von ihnen sind im kubanischen Christenrat zusammengeschlossen, auch die Evangelisch-Reformierte Kirche. Der Rat vertritt etwa ein Drittel der fünf Prozent evangelischen Christen. Kritiker bezeichnen ihn allerdings als staatsnah.

Schöne Häuser, die leider kaputt gehen. – Foto: Berliner Missionswerk

Schöne Häuser, die leider kaputt gehen. – Foto: Berliner Missionswerk

Auf wirkliche Oppositionelle mit Visionen für ein anderes Kuba sei man in all den Gesprächen mit Pfarrern und Mitarbeitern in diversen Entwicklungsprogrammen, die vom Missionswerk, von »Brot für die Welt« beziehungsweise dem Evangelischen Entwicklungsdienst unterstützt werden, auch nicht gestoßen. »Höchstens auf verhalten kritische Stimmen, um es vorsichtig auszudrücken«, sagt Liebig. Dabei gibt die gesellschaftliche Situation durchaus Anlass zur Beunruhigung. So gibt es seit längerem praktisch zwei Währungen – den offiziellen Kubanischen Peso und den Peso Convertible, den CUC, der eins zu eins mit dem Dollar gehandelt wird und derzeit etwa 26 regulären Pesos entspricht. »Für CUC kann man in dem traumhaft schönen Land alles kaufen«, haben die Besucher erfahren. Für die reguläre Währung freilich gibt es kaum etwas. »Ein Dollar Trinkgeld für einen Kellner im Hotel entspricht dem Tagesverdienst eines Straßenarbeiters«, resümiert Liebig. Dieses Ungleichgewicht zeige neben den vielen Industrieruinen deutlich, wie kaputt Wirtschaft und Gesellschaft des sozialistischen Inselstaates sind.

Offiziell gibt es dennoch kein Abweichen vom sozialistischen Weg. Dies versicherte zumindest die Staatssekretärin für Kirchenfragen den Besuchern aus Deutschland. Keine Veränderung, höchstens Anpassungen. Dazu gehören zaghafte Schritte in Richtung von Eigeninitiative und Marktwirtschaft. So ist es mittlerweile möglich, privat bis zu 80 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche relativ preiswert zu erwerben und zu bewirtschaften. Eine Möglichkeit, die auch protestantische Christen nutzen: Unterstützt vom Evangelischen Entwicklungsdienst wird etwa auf einer solchen Fläche ein Gartenbauprojekt betrieben. Dort lernen Kubaner die Anlage von Kleingärten und den Anbau von Obst und Gemüse zur Verbesserung der eigenen Versorgung. Dazu gehört auch, wie man unabhängig vom oft fehlenden Strom und damit auch ohne Gefrierschränke Obst und Gemüse durch Einkochen haltbar machen kann. Viele grundlegende Fertigkeiten der Selbstversorgung und der Landwirtschaft jenseits der früheren Agrar-Staatsbetriebe müssten neu vermittelt werden, so der Kirchenpräsident.

Kubas Protestanten nehmen durchaus ihre soziale Verantwortung wahr. Nicht nur durch das erwähnte Gartenbauprojekt. Darüber hinaus habe die Reisegruppe wichtige andere Projekte besucht, etwa zur AIDS-Prävention oder auch zur Stärkung bürgerschaftlichen Engagements. Dass allerdings die Christen ähnlich wie in der ehemaligen DDR eine wichtige Rolle bei einer aktiven Umgestaltung der Gesellschaft leisten könnten, hält Liebig nach seinen Erfahrungen für kaum denkbar. So sei auch das Angebot zum Austausch über die Erfahrungen aus der DDR-Wendezeit nur auf sehr verhaltenes Interesse gestoßen.

»Dennoch«, so das Resümee von Liebig, »wir wollen und wir müssen unsere kubanischen Partner weiter unterstützen.« Niemand wisse derzeit, wohin die Entwicklung Kubas gehe. Deshalb sei es um so wichtiger, kleine Punkte der Hoffnung zu setzen. Nicht zuletzt, um die weitere Abwanderung junger Menschen von der Insel einzudämmen. Obwohl niemand auf der Insel hungern muss, verlassen rund 30000 jährlich das Land, das, so Liebig, trotz aller Schwierigkeiten von »Warmherzigkeit, Gastfreundschaft und einer bunten Lebensatmosphäre geprägt ist«.

Harald Krille

www.berliner-missionswerk.de