Musik für fröhliche Seelen

30. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Ausstellung: Die Franckeschen Stiftungen in Halle widmen sich dem evangelischen Liedgut


Eines der wichtigsten Ausstellungsstücke ist das Erfurter Enchiridion von 1524. Es gilt als das erste evangelische Gesangbuch, das Lieder von Martin Luther enthält.

Es ist eine Schau für die Ohren, die jetzt in den Franckeschen Stiftungen in Halle eröffnet wurde: Lautenmusik, so wie sie Martin Luther gespielt hat, über die geistliche Musik von Telemann, Gerhard und Schütz bis hin zu einem modernen Gospel-Flashmob sind zu hören – ergänzt durch Bilder, Noten und Instrumente. »Weil sie Seelen fröhlich macht. Protestantische Musikkultur seit Martin Luther«, heißt die neue Jahresausstellung, die bis 23. September im Historischen Waisenhaus der Stiftungen zu sehen ist.

Erhalt uns Herr bei deinem Wort, Einblattdruck von Martin Luther, kolorierter Holzschnitt, um 1546. – Foto: Frankesche Stiftungen

Erhalt uns Herr bei deinem Wort, Einblattdruck von Martin Luther, kolorierter Holzschnitt, um 1546. – Foto: Frankesche Stiftungen

Zahllose Schätze hat Kuratorin Cordula Timm-Hartmann für die Präsentation aus 500 Jahren protestantischer Musik zusammengetragen. Star ist das weltweit einzige erhaltene Erfurter Enchiridon aus dem Jahr 1524 – das erste evangelische Gesangbuch, das unter anderem 18 Lieder von Martin Luther enthält. Viertelstündlich können die Besucher der Musik einer Harfenuhr aus dem Jahr 1758 lauschen, die abwechselnd zwei Choräle spielt. An Original-Notenblättern von Johannes Brahms und Max Reger können nicht nur Musikexperten ablesen, wie unterschiedlich ihre Art zu komponieren war. Und auch Musikinstrumente von einer Laute aus dem 17. Jahrhundert bis zu einer Hausmusikorgel aus dem Jahr 1938 zeigen den Wandel der kirchlichen Instrumentenwelt.

Rund 200 Exponate von Leihgebern aus Deutschland – besonders das Händelhaus in Halle stellte eine Vielzahl von Objekten bereit –, aber auch aus Österreich, den USA, Schweden und Polen zeichnen ein umfassendes Bild der Entwicklung von der Reformation bis heute. Clou sind die zahllosen Hörstationen, unter anderem auf drei nachgebauten Kirchenbänken. Hier wird die Ausstellung für jeden Besucher ganz persönlich ein Erlebnis. Eine Stunde, so Kuratorin Timm-Hartmann, sollte man für einen Rundgang mindestens einrechnen.

Anlass für die Ausstellung ist das Themenjahr der Lutherdekade »Reformation und Musik«. Und genau darauf weist auch der Ausstellungskatalog mit einem Lutherwort hin: »Ich liebe die Musik, und es gefallen mir die Schwärmern nicht, die sie verdammen.« Denn für den Reformator, der selbst ein begnadeter Lautenspieler und Sänger war, war die Musik ein Geschenk Gottes, weil sie die Menschen fröhlich macht – wie der Titel der Ausstellung betont. Musik, so Luther, sei nicht nur eine Möglichkeit, gesungen das Evangelium zu verkünden, sondern auch ein Botschafter wider den Zorn, die Begierden und den Hochmut »weil sie in der Zeit des Friedens herrscht«. Heute, darauf weist Stiftungsdirektor Thomas Müller-Bahlke hin, habe die Kirchenmusik sogar noch eine weitere Funktion: »Sie ist die Brücke zur Kirche.« Denn das Weihnachtsoratorium oder andere Höhepunkte seien auch für Nicht-Konfessionelle ein Grund, eine Kirche zu besuchen.

Begleitend zur Jahresausstellung gibt es mehrere Konzerte und Vorträge mit Musik, die einzelne Epochen beleuchten. Auftakt hierzu ist am 9. Mai: Dann werden Funktion und Provenienz der Melodien zu Luthers Chorälen von Hans-Otto Korth erläutert und der Stadtsingechor unter Leitung von Frank-Steffen Elster gibt hierzu musikalische Kostproben. Beginn ist um 18 Uhr im Proberaum des Stadtsingechors im Haus 21 der Franckeschen Stiftungen.

Wer sich noch mehr mit der protestantischen Musik in Halle auseinander setzen möchte, dem bieten sich gleich mehrere Möglichkeiten: Parallel zur Jahresausstellung zeigen die Franckeschen Stiftungen eine Kabinettausstellung zur Geschichte des Stadtsingechors ab 1808; im Händelhaus sind derzeit eine Ausstellung zum Händel-Lehrer und Marktkirchenkantor Friedrich Wilhelm Zachow zu sehen sowie eine Schau »Singe, Seele, Gott zum Preise« über den Hamburger Dichter Barthold Heinrich Brockes, dessen Passion »Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus« von Händel vertont wurde (Brockes-Passion). Am 27. April eröffnet die Marienbibliothek Halle eine Ausstellung zu Gesangbüchern und Musikdrucken aus 500 Jahren.

Silvia Zöller

Die Schau ist dienstags bis sonntags und feiertags von 10 bis 17 Uhr zu sehen.

www.francke-halle.de

»Das Grundgesetz ernst nehmen!«

30. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Interview: Hans Michael Heinig zur Frage, warum die Kirche die Diskussion um die Staatsleistungen selbst aktiv führen sollte


Seit Jahren wird immer wieder über die Staatsleistungen an die Kirchen diskutiert. Diese müssen darauf reagieren, meint der Göttinger Rechtswissenschaftler Hans Michael Heinig. Benjamin Lassiwe hat mit ihm gesprochen.

Herr Professor Heinig, es gibt bewährte Staatskirchenverträge – warum sollten sich die Kirchen um die Ablösung der Staatsleistungen kümmern?
Heinig: Die Kirchen sollten sich dem Thema widmen, weil es eine politisch relevante Debatte um Ablösungen gibt: Die Linke hat dazu einen Gesetzesentwurf in den Deutschen Bundestag eingebracht. Dazu werden sich die Kirchen natürlich verhalten müssen.

Kenner des Staatskirchenrechts: Hans Michael Heinig ist Professor für Öffentliches Recht an der Universität Göttingen und Leiter des ­Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland. – Foto: epd-bild

Kenner des Staatskirchenrechts: Hans Michael Heinig ist Professor für Öffentliches Recht an der Universität Göttingen und Leiter des ­Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland. – Foto: epd-bild

Wie bewerten Sie den Gesetzesentwurf der Linken?
Heinig: Mit dem Gesetzesentwurf liegt erstmals überhaupt ein Entwurf für bundesrechtliche Grundlagen und Rahmenbedingungen der Ablösung vor. Das ist ein für sich bemerkenswerter und interessanter Vorgang. Denn im Grundgesetz steht ja, dass die bislang gezahlten Staatsleistungen abzulösen sind. Das heißt: Die unter anderem auf den Enteignungen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 basierenden jährlichen Zahlungen sind gegen eine einmalige Schadlosstellung einzustellen. Die Voraussetzungen dafür kann man entweder bilateral schaffen – durch Verhandlungen zwischen dem Staat und den Kirchen – oder der Bundesgesetzgeber schafft sie alleine. Und die Linke versucht jetzt, eine Lösung ohne die Kirchen herbeizuführen, freilich mit einem notleidenden Gesetzesentwurf.

Worin sehen Sie dessen Defizite?
Heinig: Die Höhe der Ablösesumme wird freihändig geschätzt: Die Kirchen sollen das Zehnfache des bislang jährlich zu zahlenden Betrags bekommen, gegebenenfalls verteilt über 20 Jahre und parallel zu den normalen, jährlichen Zahlungen. Für die Bestimmung der Höhe gibt es keine tragfähige Begründung. Seriös abgeschlossen werden kann das Thema mit diesem Gesetzesentwurf nicht.

Gibt es denn eine Richthöhe, an der man sich aus Ihrer Sicht orientieren müsste?
Heinig: Es gibt einen alten Referentenentwurf aus der Weimarer Republik, in dem vom 25-fachen des jährlichen Betrags die Rede ist. In zivilrechtlichen Bestimmungen ist vom Faktor 18 die Rede, wenn es darum geht, eine unbefristete Zahlungspflicht durch eine Einmalzahlung zu ersetzen. Vielleicht kann man auch über moderate Abschläge reden: Denn auch die Kirchen dürften ein Interesse daran haben, dieses in jedem Sommer neu aufkommende Thema mittelfristig zu vernünftigen Bedingungen und unter ihrer Beteiligung erledigt zu wissen.

Warum ist das von Vorteil?
Heinig: Adressat des Ablösungsgebots aus dem Grundgesetz ist der Staat. Aber da die Kirchen ein partnerschaftliches Verhältnis zum Staat pflegen und das Grundgesetz mit seinen religionsfreiheitlichen Komponenten wertschätzen, müssen sie auch das Ablösegebot ernst nehmen. Die Verfassung sagt ja gerade nicht, dass die Ablösung der Staatsleistungen in die Unendlichkeit verschoben werden soll. Deswegen sollten die Kirchen das Ihre dazu beitragen, wenn auf staatlicher Seite der politische Wille da ist, das Ablösungsproblem anzugehen. Das gebietet die eigene Glaubwürdigkeit. Und deswegen hat der Ratsvorsitzende der EKD ja auch schon lange vor dem Gesetzesentwurf der Linken deutlich gemacht, dass die evangelischen Kirchen hier gesprächsbereit sind.


Was wären die Konsequenzen aus einer Ablösung? Würden sich damit nicht auch das Verhältnis zwischen Kirche und Staat lockern?

Heinig: Wenn die Staatsleistungen zu anständigen Bedingungen abgelöst werden, gäbe es keine Probleme: Die Kirchen würden finanziell nicht wesentlich schlechter dastehen, zumal die Staatsleistungen bundesweit gesehen ohnehin nur etwa zwei bis drei Prozent der kirchlichen Einnahmen umfassen. Wir sprechen hier also nicht über eine wahnsinnig relevante Summe. Man würde nicht mehr regelmäßig über eine Anpassung oder Dynamisierung der Staatsleistungen verhandeln. Aber das ist kein Bereich, dessen Wegfall ein Verlust wäre.

Das Stichwort: Staatsleistungen an die Kirchen – worum geht es?

Die Staatsleistungen an die Kirchen gehen auf Enteignungen und Säkularisierungen kirchlicher Güter durch den sogenannten Reichsdeputationshauptschluss von 1803 und zuvor zurück. Damals verpflichteten sich die Landesherren, im Gegenzug für die ausfallenden Einnahmen Ausgleichszahlungen an die katholische bzw. evangelische Kirche zu leisten. Ebenso gingen alle mit dem Grundbesitz verbundene Verpflichtungen – etwa zum baulichen Unterhalt von Kirchen oder anderen Gebäuden – auf den neuen Grundbesitzer über. Diese damals übernommenen Zahlungsverpflichtungen gelten im Grundsatz bis heute. Bereits im Reichdeputationshauptschluss wurde zwar die Ablösung der entstandenen Zahlungsverpflichtungen durch eine Einmalzahlung vorgesehen, aber in der Folge nicht vorgenommen.

Die Weimarer Nationalversammlung von 1919 bemühte sich um eine finanzielle Entflechtung von Staat und Kirche. Deshalb sah die Reichsverfassung in Artikel 138, Absatz 1, die Ablösung der Staatsleistungen durch eine einmalige Entschädigungszahlung vor. Diese Bestimmung wurde 1949 auch in das Grundgesetz der Bundesrepublik aufgenommen. In der DDR gab es zwar keine vertraglich geregelte Anerkennung der Zahlungsverpflichtungen gegenüber den Kirchen, dennoch wurde sie vom Grundsatz her weitgehend geleistet.

Derzeit zahlen Bund und Länder den beiden Großkirchen jährlich zirka 460 Millionen Euro, wobei die Belastungen in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich sind und durch jeweilige Staatskirchenverträge geregelt werden. Knapp 240 Millionen gehen davon an die evangelischen Landeskirchen. Das entspricht etwa zwei Prozent ihrer Gesamteinnahmen. Staatsleistungen erhalten zudem auch die jüdischen Landesgemeinden sowie der Zentralrat der Juden in Deutschland.

Sachsen-Anhalt zahlt derzeit rund 30 Millionen Euro an die beiden großen Kirchen, hinzu kommen 1,3 Millionen für die jüdische Gemeinschaft.

Im Freistaat Thüringen sind es rund 21,5 Millionen Euro, die an die beiden Kirchen fließen, sowie 324000 Euro an die jüdische Landesgemeinde.

Seit Jahren kommen aus den Reihen von Religionskritikern, aber auch von Landes- und Bundespolitikern der Grünen, der SPD, der FDP, der Linken und mittlerweile auch der Piratenpartei Forderungen nach Abschaffung bzw. Ablösung der Staatsleistungen.

Frisch auf zum Frühlingslauf

29. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Laufend in Bewegung – Jogging-Tipps der Bibel

Die Marathonsaison hat begonnen! Querfeldein und pflasterstrandwärts lassen die Menschen ihrem Bewegungsdrang freien Lauf. Nur wenige haben dabei die Bibel im Ohr.

Paulus wusste, was gute Predigten ausmachen: Er schaute dem Volk aufs Maul und verwendete bildhafte Beispiele, um das christliche Leben zu illustrieren. Der Laufsport war vielen seiner antiken Zeitgenossen bekannt. Schon im achten Jahrhundert v. Chr. gehörte der Stadionlauf zu den olympischen Disziplinen. Laufsportler wollen durch ihren Wettkampf einen »vergänglichen« Siegerkranz bekommen – »wir« Christen aber »einen unvergänglichen«, beginnt Paulus seine Analogie und stilisiert sich als Läufer im übertragenen Sinne: »Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse … ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.« (1. Korinther 9,24-27)

Foto: picture-alliance/dpa

Foto: picture-alliance/dpa

Auch im Brief an die Christen in Philippi verwendet Paulus das Bild des Läufers. Er jage dem Ziel nach, schreibt er und will damit sagen: Auch er selbst ist noch nicht im Ziel, hat noch nicht alles im Glauben erreicht, was es zu erreichen gibt. Eine geschickte Gesprächsstrategie. Denn Paulus stellt sich auf eine Stufe mit den anderen Christen: Zusammen »strecken sie sich nach dem, was da vorne ist, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus«. (Philipper 3,12-14)

Dem Frieden nachjagen

Manchmal ist es Angst, die Läufer zu Höchstleistungen antreibt. Zum Beispiel den Propheten Elia. Der Mann Gottes hatte – ganz und gar nicht gewaltfrei – 4500 Baalspropheten erschlagen. Dafür drohte Königin Isebel mit Rache. Also nahm Elia seine Beine in die Hand und lief, lief, lief, 150 Kilometer weit, vom Berg Karmel bis nach Beerscheba. Erschöpft »setzte er sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele!« Woraufhin er eine Begegnung der dritten Art hatte: Ein Engel kam, »rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir!« Plötzlich lagen Brot und Wasser hinter ihm. Stärkung für die nächste Wegstrecke, ähnlich weit, bis zum Berg Horeb auf der Sinaihalbinsel. (1. Könige 19,3-13)

Der Hebräerbrief versucht, müde Christen aufzumuntern. Das Leben erfordert viel Geduld und Durchhaltewillen, erklärt der unbekannte Verfasser. Wie Paulus bedient er sich des Läuferbildes: »Stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und macht sichere Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde.« Das Laufen hat aber nicht das Ziel in Form einer Linie im Blick. Vielmehr sollten Christen dem Frieden nachjagen »mit jedermann … und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird«. (Hebräer 12,1f.)

Bananen und Wasser, wissen Läufer, sind beste Nahrung und spenden Energie. Gläubige würden ergänzen: Der Läufer lebt nicht vom Obst allein, sondern zehrt von Gottes Kraft. Denn der »gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden«. Schon damals gab es Läufer, die schlicht nicht mehr konnten. »Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen.« Wer sich in solcher Situation auf Gott verlässt, wird Geduld bewahren und durchhalten. (Jesaja 40,29-31)

Marathonläufer wissen: Bei Kilometer 35 kommt eine Durststrecke. Der Körper rebelliert und muss den Stoffwechsel umstellen. In dieser Phase heißt es: Zähne zusammenbeißen und durch … Da ist es gut, wenn eine Stimme Durchhalteparolen einflüstert. Zum Beispiel sagt: »Dies ist der Weg; den geh!« Jesaja kennt so eine Geschichte von Erschöpften. Ihnen gibt Gott inmitten ihrer Trübsal Brot und Wasser. Und er bestärkt sie, weiterzugehen und sich nicht beirren zu lassen. (Jesaja 30,20f.)

Nicht beirren lassen

Gott »hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest«. Da bleiben Laufverletzungen ausgeschlossen. (Psalm 91,11f.) Diese Bibelstelle hilft Läufern tatsächlich, berichten Trainer des »spirituellen Laufens«. Es ist eine tröstliche und durchaus kommunikative Vorstellung, dass ein Engel mitläuft. Denn die himmlischen Mitläufer haben einen Auftrag.

Uwe Birnstein

www.spirituelles-laufen.de

Spanien: Schritt zur Gleichbehandlung von Protestanten

23. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Bis heute leidet die Kirche unter der ›historischen Schuld‹ des spanischen Staates gegenüber unseren evangelischen Pfarrern«, sagt Joel Cortés, Präsident der Iglesia Evangelica Española (IEE). »Sie durften in der Zeit der Franco-Diktatur nicht in die Pensionskassen und die Sozialversicherung einzahlen. Das war ein ­Berufsverbot!« Nach dem Ende der Diktatur hat die spanische Regierung zwar das Unrecht anerkannt, aber nichts unternommen. Für die IEE hatte das zur Folge, dass sie den pensionierten Pfarrern die Pensionszahlung aus dem Haushalt bezahlte. Zuletzt mussten dafür 30 Prozent der Mittel aufgewendet werden, was die Entwicklung der Kirche enorm eingeschränkte.

Pfarrer Enno Haaks (Leipzig) ist Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werkes.

Pfarrer Enno Haaks (Leipzig) ist Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werkes.

Pfarrer Francisco Manzanas ist einer von diesen Pfarrern der IEE. Inzwischen ist er 85 Jahre alt. Er ist den Weg durch alle spanischen Gerichtsinstanzen gegangen, um staatliche Pensionszahlungen einzuklagen. Bis hin zum spanischen Verfassungs­gericht wurde seine Klage abgelehnt, obwohl die Verfassung aus dem Jahre 1978 eigentlich eine Gleichbehandlung der katholischen und der evangelischen Pfarrer vorsieht. Doch während die Regelung der Pensionen für katholische Priester sofort galt, wurde sie für evangelische Geistliche erst 22 Jahre später wirksam.
Es blieb nur noch der Weg zum Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg. Unterstützt wurde Pfarrer Manzanas dabei von seiner Kirche. Im März 2011 reichte er die Klage ein. Am 3. April 2012 verkündete das Gericht in Straßburg nun das Urteil und erklärt darin die Vorzugsbehandlung der katholischen Priester als Verstoß gegen Artikel 14 (Diskriminierungsverbot) der Menschenrechtskonvention. »Der Unterschied der Behandlung bei gleichen Situationen gründet einzig und allein in der Frage der Bevorzugung eines religiösen Bekenntnisses«, stellt Straßburg fest. Der spanische Staat wird aufgefordert, die historische Schuld wieder gutzumachen.
Betroffen sind davon neben den Geistlichen der IEE auch weitere ­Pfarrer anderer evangelischer Kirchen, insgesamt 150. Meist haben sie ein ­hohes Alter. Erst ab 1999 war es für die jüngeren Pfarrer möglich, in die Sozial- und Pensionskasse einzuzahlen. »Heute ist für alle Protestanten auf der Welt ein glücklicher Tag, denn mit dem Urteil aus Straßburg ist das Recht der freien Religionsausübung gefestigt worden«, sagt der Sohn von Pfarrer Manzanas, ebenfalls Pfarrer der IEE.
»Nach dem Urteil hat der Spanische Staat die moralische Verpflichtung, endlich seine Verantwortung ­gegenüber den Evangelischen in Spanien wahrzunehmen und die Pensionszahlungen zu übernehmen!«, fordert Präsident Cortes. Ein wichtiger Schritt in einem Land, in dessen ­öffentlichem Bewusstsein noch weithin die Überzeugung gilt: spanisch ist gleich katholisch.
Enno Haaks

Ein gutes Wort mit auf den Weg nehmen

22. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Konfirmationsspruch: Er will den jungen Menschen Zuversicht auf das Leben und den Glauben zusprechen

Der Konfirmationsspruch hat für viele Menschen ein Leben lang Bedeutung. Deshalb sollte das Bibelwort mit Sorgfalt und Bedacht ausgewählt werden.

Eine Konfirmandin hatte ihrem Pfarrer zwei Jahre lang das Leben schwer gemacht, weil sie gerne Jungen »anmachte«. Deshalb hatte er es auf sie abgesehen. Ihm kam zugute, dass damals noch der Pfarrer den Konfirmationsspruch aussuchte. Bei der Einsegnung der Jugendlichen zitierte er Sprüche 1 Vers 10: »Wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht.«
Das Kichern in der Kirche wird der Konfirmandin wohl ein Leben lang im Ohr nachgeklungen haben, wenn sie an Kirche denken musste. Dabei sollte so ein Denk-Spruch, wie man früher sagte, ein würdevoller Wegbegleiter sein. Dessen Ansehen ist noch heute darin abzulesen, dass in vielen Häusern der Konfirmationsspruch eingerahmt an hervorgehobener Stelle hängt. Das Herz meines Zwillingsbruders hing beispielsweise am reichlich verzierten Konfirmationsspruch seines Großvaters: Psalm 73. Immer ­wieder gingen die Blicke beim Staubwischen zum Spruch an der Wand. So fiel es ihm leicht, sich ebenfalls diesen zu wählen und so wanderte der Konfirmationsspruch durch die Familie.

Der Konfirmationsspruch ist mehr als ein gutes Wort zur Feier des Tages, er ist Wegbegleiter. Foto: epd-bild

Der Konfirmationsspruch ist mehr als ein gutes Wort zur Feier des Tages, er ist Wegbegleiter. Foto: epd-bild

Wenn eine Familie an einem Grab zusammenkommen muss, graben manche zuvor noch mal in den Unterlagen nach und holen den Tauf- oder Konfirmationsspruch des/der Verstorbenen hervor. Dieser wird dann als Bibelwort für die Ansprache zur Beerdigung gewählt und begleitet die Angehörigen, wenn sie den eigenen und den Lebensweg des verstorbenen Christen bedenken. So wird deutlich, dass Konfirmation nicht nur ein einmaliges Fest als Übergang ins Jugendalter aufzufassen ist, sondern das ­konfirmierende Handeln der Kirche in unterschiedlicher Weise auftaucht. Von der Taufe, über den Vorstellungsgottesdienst bis hin zur Silber- oder Goldkonfirmation erstreckt sich die Konfirmation über mehrere Stationen.

Dem eigenen Bibelspruch nachspüren
Neben dem Bekennen des Glaubens kommt dabei immer wieder das ­Nennen des Namens Gottes über die Glaubenden zum Tragen. So geben sich Zuspruch der Begleitung und Ausspruch des Bekenntnisses die Hand: einerseits sagt Gott seine Nähe zu, andererseits sucht der Mensch die Nähe Gottes. Beides gehört zusammen.
Wenn im Festgottesdienst oder in der Besinnung auf die Konfirmation das Bibelwort der Einsegnung zur Sprache kommt, wird beides in Erinnerung gerufen: das eigene Versprechen und der Zuspruch Gottes! Wer zu Gast bei einer Konfirmation eingeladen ist, spürt vielleicht dem eigenen Bibelspruch nach und wie sich die ­Beziehung zum Bibelwort und zu Gott seit Taufe und Konfirmation verändert hat.
Nicht selten hört man nach Jahren den eigenen Konfirmationsspruch als Zusage an jemand anderen oder hört ein Wort aus dem Alten oder Neuen Testament, das einem im Moment ­etwas zu sagen hat oder der Seele gut tut?!
Wenn in einem Festgottesdienst zur Konfirmation mehr als ein gutes Wort zur Sprache kommt und im ­Kirchenschiff auch die Sprüche der anderen erklingen, bekommt man ­zugleich einen Einblick in die Vielfalt und doch Einheit der Heiligen Schrift. Trotz aller Verschiedenheit verbindet das Wort Gottes!
Allerdings sollte man mit Experimenten zurückhaltend sein und sich an die gute Tradition halten, die Luther-Bibel als Grundlage zu nehmen. Es ist kein Zeichen von Moderne, wenn man das Wort Gottes verwandelt in eine angeblich gerechte Sprache oder mit inklusiven Spitzen ­versieht. Ich habe einmal einen Pfarrer erlebt, der meinte, jeden Spruch original übersetzen zu müssen. Die Ergebnisse waren ehrlich gesagt nicht besonders originell. Ein Wiedererkennungswert der Worte sollte gewährleistet bleiben. Und auch die Fremdheit von Formulierungen darf jungen Menschen zugemutet werden!

Einblick in die Vielfalt der Heiligen Schrift
Es ist schön, wenn dies schon vor einer Konfirmation von Anfang an ­angebahnt und vorbereitet wird: Die Bibel enthält eine Fülle an Zusagen und Zusprüchen, die einem die Zuversicht auf das Leben und den Glauben stärken möchten. Deren Stärke will »in guten und in schlechten Tagen« deutlich werden und daran erinnern, dass das Leben nicht nur in der eigenen Hand liegt. Es liegt nahe, dass deshalb gerne Worte aus den Psalmen, den Evangelien und den Briefen ausgewählt werden, Sprüche, die man irgendwann schon einmal gehört hat. Doch ist die Bandbreite an beachtlichen Bibelworten bedeutend größer. Eine Übersicht bieten Listen mit Tauf- und Konfirmationssprüchen, die manche Pfarrerinnen und Pfarrer parat haben. Auch im Internet kursieren interessante Informationen und Zusammenstellungen, wie etwa www.konfiweb.de/spruch_index_konfirmationsspruch_3.php oder auf den jeweiligen Internet-Auftritten der Gemeinden und Kirchenkreise.
Es wäre schade, wenn die Suche nach einem passenden Bibelwort erst am Ende des Konfirmationsunterrichtes stünde. Wieso nicht vorher schon Worte auskundschaften, die in einer Familie Tradition haben? Im Internet oder in der eigenen Gemeinde kann man sogar nach Prominenten und ­ihren Konfirmationssprüchen suchen. Wieso nicht schon während der Konfirmationszeit auf Sprüche achten, die als »Lebensmotto« geeignet wären? Ich habe gute Erfahrungen damit ­gemacht, die Jugendlichen bewusst in der Bibel blättern und nach einem Wort forschen zu lassen. Dies ist auch schön mit einer eigenen Gestaltung des Konfirmationsspruches zu verbinden. Manche machen sich dann sogar auf die Suche nach ihrem Taufspruch. So wie mein Sohn, dem dann am Palmsonntag bei der Konfirmation ­zugesprochen wurde: »Denn der Herr, dein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland. Er wird sich über dich freuen und dir freundlich sein, er wird dir vergeben in seiner Liebe und wird über dich mit Jauchzen fröhlich sein.« (Zefanja 3,17)
Reiner Andreas Neuschäfer

Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe?

21. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Die Taufe: Jahrhundertelang Streitpunkt für Christen – zumindest in Deutschland wurde dieser Streit weitgehend entschärft

Es klingst gut und logisch, was Paulus im Brief an die Epheser im Blick auf die Einheit der Christen schreibt: »ein Herr, ein Glaube, eine Taufe«. Die Realität sah freilich lange Zeit anders aus.

Die Taufe sorgte seit der frühen Christenheit immer für handfesten Streit. Das begann mit dem sogenannten Ketzerstreit im 3. Jahrhundert und erreichte einen grausigen Höhepunkt im 16. Jahrhundert, als Lutheraner und Calvinisten gleichermaßen blutig gegen die allenthalben entstehende Täuferbewegung vorgingen.

Eintritt in die christliche Gemeinschaft: Die Taufe wird meist im Gemeindegottesdienst gefeiert. Foto: EKiR

Eintritt in die christliche Gemeinschaft: Die Taufe wird meist im Gemeindegottesdienst gefeiert. Foto: EKiR

Die »Wiedertäufer«, die sich neben der Erwachsen- oder Glaubenstaufe auch die Forderung nach einem radikalen Christsein und der Trennung von Staat und Kirche auf die Fahnen schrieben, wurden gehängt, verbrannt, ersäuft. Eine Haltung, mit der später auch den in ihrer Tradition ­stehenden Bewegungen wie etwa den Mennoniten, den Hutterern oder den Amischen begegnet wurde.
Bis heute gibt es mit den »täuferisch gesinnten« Freikirchen – Baptisten, Pfingstlern oder auch den Freien evangelischen Gemeinden – immer wieder Kontroversen in der Tauffrage. (Siehe dazu auch das Interview auf dieser Seite.) Daneben konnten die sogenannten Großkirchen sich jahrhundertelang trefflich über die richtige Form der Taufe streiten – mit ­Wasser besprengen, begießen oder ganz untertauchen?
Zumindest zwischen der überwiegenden Zahl der in Deutschland vorhandenen Kirchen ist das Sakrament der Taufe seit nunmehr fünf ­Jahren auch offiziell gegenseitig anerkannt: Am 29. April 2007 wurde
die »Erklärung über die Taufanerkennung christlicher Kirchen in Deutschland« in einem ökumenischen Gottesdienst im Magdeburger Dom feierlich unterzeichnet. (Siehe Hintergrundbeitrag)
»Ein Meilenstein der Ökumene«, wie Elisabeth Dieckmann, Geschäftsführerin der Ökumenischen Zentrale der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Frankfurt, es einschätzt. Zwar gab es schon vorher ­regionale Abkommen etwa zwischen katholischer und evangelischer Kirche, doch dass die Erklärung von einer solchen breiten Basis getragen wird, sei ein »echter Fortschritt«. Jetzt sei die Weiterarbeit dran. Etwa das vertiefte theologische Gespräch mit den Baptisten und den Mennoniten mit ihrem völlig anderen Zugang zur Taufe.

Eine Taufe, aber verschiedene Formen In der Praxis gibt es trotz gegen­seitiger Anerkennung Unterschiede. Für Orthodoxe etwa ist die Taufe als eigenständiges »Mysterium« erst vollständig, wenn auch die »Myronsalbung« (eine Salbung mit duftendem Öl) vollzogen ist. Tritt ein Andersgläubiger zur Orthodoxie über, muss diese Salbung, die normalerweise unmittelbar nach der Taufe erteilt wird, nachgeholt werden. In der katholischen Kirche erfolgt die Taufe in der Regel durch dreimaliges Übergießen mit Wasser, ein Untertauchen ist nur im Einzelfall vorgesehen. In jedem Fall aber muss die Taufe in einer geweihten Kirche stattfinden.
Zumindest in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sieht man dies weiter. »Verbindlich ist für uns die trinitarische Formel (›im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes‹), und dass der Täufling wirklich mit Wasser ­übergossen wird«, betont Christian Fuhrmann, Referent für Grundsatz­fragen im Gemeindedezernat der ­Landeskirche. Ansonsten verzeichnet Fuhrmann ein steigendes Interesse an der Taufform des Untertauchens. Insbesondere bei den zunehmenden Taufen von Jugendlichen und Erwachsen werde dies immer ­öfter gewünscht. Da die wenigsten Kirchen ein entsprechendes Taufbecken haben, spreche dabei nichts ­gegen einen Gang zum Baggersee oder zum Fluss. »Es gibt in der EKM kein generelles Verbot dieser Form«, so der Theologe.
Den Wunsch mancher Menschen, sich nach einer bewussten Entscheidung für das Christsein und vielleicht einem Wiedereintritt in die Kirche trotz früherer Kindertaufe noch einmal Taufen zu lassen, kann Fuhrmann nachvollziehen. »Doch ich würde dann immer die unverbrüchliche Zusage Gottes in der einen Taufe betonen«, so der Referent. Und er erinnert an die zunehmende Bedeutung der Tauferinnerungsfeiern, zu denen an vielen Orten inzwischen gezielt eingeladen wird.
Harald Krille

»Ein bodenständiger Mensch«

21. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Der Schriftsteller und Liedermacher Stephan Krawczyk über sein Verhältnis zu Luther

In der DDR sang Stephan Krawczyk unter dem Schutz der Kirchen seine regimekritischen Lieder. Heute nähert er sich dem Glaubensthema. Auf seiner neuen CD setzt er sich mit Martin Luther auseinander. Die Hintergründe erklärt er im ­Interview mit Uwe Birnstein.

Herr Krawczyk, was fasziniert Sie an Luther?
Krawczyk:
Am meisten seine Ausdruckskraft. Luther ist für mich in erster Linie ein Künstler. Er hat die Spannungen seiner Zeit ins Wort gebracht und sich damit auch Geltung verschafft und seinem Willen, die Welt gottgewollter zu gestalten, Nachdruck verliehen.

Stephan Krawczyk: »Luther ist für mich in erster Linie ein Künstler.« Foto: privat

Stephan Krawczyk: »Luther ist für mich in erster Linie ein Künstler.« Foto: privat

Wenn Sie sich Martin Luther vorstellen: Was für ein Mensch mag er gewesen sein?
Krawczyk:
Auf keinen Fall ein Mensch, der auf ein Denkmal wollte. Eher ein sehr bodenständiger Mensch. Mit einer sehr schönen Sinnlichkeit, die eben auch ihren sprachlichen Ausdruck gefunden hat. Man darf nicht vergessen, wo er herkam: aus einem Bauerngeschlecht. Diese Erdung hat er sein ganzes Leben lang bewahrt. Auch wenn er mit dem Kopf sehr, sehr oft im Himmel war. Vor allen Dingen hatte er wahrscheinlich auch eine sehr kräftige innere Stimme. Dass er auf sie gehört hat, davon haben wir heute noch was. Denn so konnte er sich eben auf diese wesentlichen Dinge konzentrieren, wie zum Beispiel der deutschen Sprache einen so schönen Sprachschatz zu verewiglichen, wie er das in der Übersetzung der Bibel getan hat.

»Luther war auf keinen Fall ein Mensch, der auf ein Denkmal wollte«

Würden Sie beide in einer Zeit leben – meinen Sie, Sie hätten mit ihm befreundet sein können?
Krawczyk:
Unbedingt, ich denke sogar, wir hätten zusammen gesungen oder wären zusammen aufgetreten. Damals zum Beispiel, 1985, als ich ­Berufsverbot hatte und Luther gerade mit dem Bannfluch belegt war, da standen wir ja auch zusammen in der Kirche, neben der Kanzel. Er wollte nicht hochgehen, weil ich sagte: »Nee, wir bleiben beede unten.« War ein ganz eindrucksvoller Auftritt. Unter anderem habe ich auch das Lied »Ich Martin Luther« gesungen, darin heißt es: »Es muss in jeder Zeit mindestens einen geben / sei es eine Frau, die ­widersteht, oder ein Mann.« Er hat in seiner Zeit widerstanden, ich in meiner Zeit widerstanden. Wenn die Zeit nicht dazwischenstünde, warum sollten wir nicht zusammen widerstehen?

Der Glaube spielt in Ihren bisherigen Liedern und Texte so gut wie keine Rolle – warum jetzt?
Krawczyk:
Ja, das stimmt, die Themen meiner Lieder waren weltlicher, aber ich spüre natürlich, jetzt, wo ich glücklicherweise älter geworden bin, dass neben der ganzen Wirklichkeit für den Einzelnen eine Kraft wirkt, für die ich erst jetzt Worte habe. Aber der große Zusammenhang, in dem wir leben mit Natur und Himmel und Erde und die Bewahrung dieser vorzüglichen Schöpfung, das war für mich schon immer Thema, auch zu DDR-Zeiten, wo das überhaupt noch nicht angesagt war. Mittlerweile spüre ich bei mir eine viel direktere Beziehung zu jener großen Kraft, die man auch Gott nennen kann.

»Ich glaube, dass Gott in uns wohnt«

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Krawczyk:
Das bin ich wohl, sonst würden mir wahrscheinlich nicht ­solche Zeilen einfallen, wie »Mit den Farben unserer Stunden malen wir ein Bild von Gott«. Ich glaube, dass Gott in uns wohnt und wir die Pflicht haben, ihm einen gotteswürdigen Klang zu verleihen. Wenn man akzeptiert, dass der Mensch eine Seele hat, dann ist der Schritt zum Glauben an Gott gar nicht mehr so groß. Und ich bin gespannt, wie sich das bei mir weiterentwickelt.

»erdverbunden, luftvermählt«: Wie kam es zu diesem Titel?
Krawczyk:
Ich wohne in Berlin-Neukölln und habe an meiner Parterrewohnung, Hinterhaus, so ein kleines Gärtchen dran. Und in dieser Wohnung lebe ich mit meinem Sohn Marvin, der ist sieben Jahre alt, zusammen. In diesem Gärtchen, da stehen zwei Birken. Und weil wir uns hier so wohl fühlen und die Birken zu uns ­gehören, wurden sie zum Gegenstand für ein Lied. In diesem Lied heißt es: »Wo ich wohne stehen die Birken wie ein Zeichen ihrer selbst, zwei mit fremden Eigennamen, erdverbunden, luftvermählt.«

Hör-Tipp:
Krawczyk, Stephan: erdverbunden, luftvermählt. Stephan Krawczyk und Martin Luther, CD, Hansisches Druck- und Verlagshaus, Spieldauer ca. 50 Minuten, ISBN 978-3-86921-094-0, 19,90 Euro

Der unsinkbare Mythos

18. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Titanic_Grand_StaircaseDas Schiff war das größte, schönste und sicherste, das je gebaut worden war. Doch schon als es zum ersten Mal übers Meer fuhr, stieß es mit einem Eisberg zusammen und ging unter. Der Untergang der RMS »Titanic« am 15. April 1912 gehört zu den großen Katastrophen der Seeschifffahrt. Vor allem aber ist die Geschichte der »Titanic« eine fast perfekte Metapher auf die Geschichte der Menschheit

Kaum ein Ereignis des Weltgeschehens strahlt eine derart zeitlose Faszination aus wie die Unglücksfahrt der »Titanic«. Es gab schlimmere, unglücklichere und vor allem folgenschwerere Katastrophen. Doch keine Schiffskatastrophe hatte wie der Untergang der »Titanic« das Zeug zum Mythos. In der Titanic-Literatur, die sich längst im Zustand der Unüberschaubarkeit befindet, findet sich immer wieder der Hinweis, es gebe, genau genommen, zwei »Titanics«: Die historische, die vor 100 Jahren im eiskalten Atlantik unterging, und die mythische, die erst aus dem Unglück erwuchs und sich als tatsächlich unsinkbar erweist.

Der Untergang der »Titanic« war vom ersten Moment an mehr als ein tragisches Schiffsunglück. Noch in der Unglücksnacht wurde der Mythos geboren, befeuert von der noch jungen Funktechnik, befeuert vom Sensationshunger der noch jungen Massenmedien, und nicht zuletzt durch die offizielle Beschwichtigungsmeldung aus der Führungsetage der International Mercantile Marine Company, zu der die White Star Line gehörte: »Es besteht keine Gefahr, dass die Titanic sinken wird. Das Schiff ist unsinkbar.« Als Vizepräsident Philipp Franklin dies verkündete, lag die »Titanic« bereits auf dem Grund des Atlantiks.

Warum kann ein unsinkbares Schiff untergehen? Wieso kann etwas passieren, das – eigentlich – gar nicht passieren darf? Was wäre gewesen, wenn…die Eiswarnungen Beachtung gefunden hätten? Wenn die »Titanic« Southampton nicht mit einer Stunde Verspätung verlassen hätte? Wenn sich der Eisberg nicht kurz vor der Kollision im Wasser gedreht hätte und dadurch schlecht zu sehen war? Wenn die Konstruktion des Schiffs und seiner geschlossenen Kammern nur geringfügig anders gewesen wäre? Wenn, wenn, wenn?

Tatsache ist, dass im Falle der ­»Titanic« eine Vielzahl von kleinen Geschehnissen, manchmal Zufällen, die sich unglücklich miteinander verketteten, in unerbittlicher Stringenz zur größtmöglichen Katastrophe geführt hat. Dieser Gedanke war schon vor 100 Jahren schwer zu ertragen. Überhaupt: Das Bild von der Gesellschaft, die sorglos und in maßlosem Reichtum bis zum letzten Moment blind für die Gefahren der Gegenwart, in ihren Untergang schippert, hat zeitlose Aktualität. Klima? Bevölkerungsexplosion? Gentechnik? Armut? Gerechtigkeit? Es wird schon alles halb so schlimm sein – Hauptsache, die ­Kapelle spielt weiter. Wie auf der ­»Titanic«, als mitten im Chaos des ­Untergangs die Klänge des Chorals »Näher, mein Gott zu dir« übers Wasser schallten, bevor die Musiker den Boden unter den Füßen verlieren.

»Wir verirren uns in einem lustvollen Wahn von Reichtum und Macht und Ehrgeiz. Wir spalten die Gesellschaft in Kasten auf. Es braucht eine schreckliche Warnung, um uns zurück zu unserer Verankerung in die Vernunft zu bringen.« Diese Worte stammen nicht etwa von einem kapita­lismuskritischen Occupy-Aktivisten anno 2012, sondern aus dem Mund des US-Senators William Alden Smith nach dem Abschluss der Untersuchungen des »Titanic«-Untergangs.

Walter Lords Dokumentation »Die letzte Nacht der Titanic«, mitunter als die »Bibel der Titanic-Fans« bezeichnet, formulierte 1955, schon mitten im Kalten Krieg, den Mythos in nostalgischer Perspektive: »Nie wieder wird die Welt so sein, wie sie war«. Mit der »Titanic«, so sah es Lord, war die gute alte Welt Britanniens unwiederbringlich untergegangen – die gerechte Ordnung, die Menschlichkeit inmitten der Not, die Übersichtlichkeit der Technik, die Hoffnung auf eine gute Zukunft.

Die Kulturwissenschaftlerin Linda Maria Koldau hat in ihrem neuesten deutschsprachigen »Titanic«-Buch festgestellt, dass der »Titanic«-Kult zunehmend religiöse Züge angenommen hat. Die letzten Überlebenden dienten als Ersatzheilige, die Opfer als Märtyrer, die »Titanic« selbst wird zum »sagenumwobenen Tempel oder sogar zur Gottheit, die für das Bessere der vergangenen Zeit steht«. Die Tragik der Katastrophe gerät ob derlei sinnstiftender Überhöhung mehr und mehr in Vergessenheit – der Mythos hat die Historie längst überflügelt.

Thomas Greif

»Ein schönes Land und nicht so eng wie Deutschland«

18. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Schweden: Viele Deutsche machen Urlaub in Schweden, manche arbeiten sogar dort – zum Beispiel als Pfarrer


Rund 30 deutsche Pfarrer und Pfarrerinnen leben und arbeiten in Schweden. Der Stellenabbau in deutschen Landeskirchen hat die meisten ins Ausland getrieben.

Es war ein ganzer Reisebus voller Theologen, der im schwedischen Bistum Karlstad für Schlagzeilen sorgte. Auch Olaf Traulsen aus der Nähe von Kiel hatte von den Busreisenden aus Dänemark gehört, die sich in Karlstad freie Pfarrstellen ansehen wollten. Das war 2003, Traulsen hatte gerade sein zweites theologisches Examen abgeschlossen, aber eine Aussicht auf eine Stelle in der Nordelbischen Kirche bekam er nicht. In Schweden dagegen wurden Pfarrer gesucht! Jedenfalls rund um Karlstad an der nördlichen Spitze des größten schwedischen Sees, dem Vänern. Seit knapp acht Jahren arbeitet Olaf Traulsen selbst als Pfarrer in Karlstad und in diesem Januar wurde dort auch seine Frau Kristina ordiniert.

Angekommen: Kristina Traulsen (M.) wurde am 8. Januar von Bischof Esbjörn Hagberg (r.) zur Pfarrerin der schwedischen evangelisch-lutherischen Kirche ordiniert. Links neben ihr ihr deutscher Konfirmationspfarrer Gerhard Obst. Foto: Thorgny Linden

Angekommen: Kristina Traulsen (M.) wurde am 8. Januar von Bischof Esbjörn Hagberg (r.) zur Pfarrerin der schwedischen evangelisch-lutherischen Kirche ordiniert. Links neben ihr ihr deutscher Konfirmationspfarrer Gerhard Obst. Foto: Thorgny Linden

Offizielle Angaben darüber, wie viele Pfarrer aus Deutschland derzeit in schwedischen Kirchengemeinden arbeiten, gibt es nicht. Hochgerechnet sind es etwa 30, inklusive derjenigen in den Auslandsgemeinden Stockholm, Göteborg und Malmö – also durchschnittlich ein bis zwei pro Bistum. Nur im Karlstäder Bistum sind es acht. »Viele von ihnen hatten hier schon oft ihre Ferien verbracht, hatten gar schon ein eigenes Sommerhaus und sind auch mal als Urlaubsvertretung in der örtlichen Gemeinde eingesprungen«, versucht Torgny Lindén, Sprecher des Karlstäder Bistums, eine Erklärung für die vielen deutschen Theologen zu finden. »Wer eine Stelle hier bekam, hat vielleicht auch andere angelockt«. Früher haben sogar noch mehr Deutsche im Bistum gearbeitet. Doch mittlerweile sind sie in ganz Schweden verteilt. Jedenfalls, so Lindén, habe man nicht gezielt nach ­Pfarrern in Deutschland gesucht.
Und das wäre auch nicht nötig ­gewesen. Der Stellenabbau in deutschen Landeskirchen hat den einen oder ­anderen angehenden Theologen ganz von selbst ins Ausland getrieben. So auch Ralf Peters, der 2000 zusammen mit seiner Frau nach Schweden kam. »Ein Grund war für mich die chaotische Personalpolitik in Westfalen, die meine Wartezeit immer ­wieder ein halbes Jahr verlängert hat.« Im Rahmen seines Auslandsvikariats habe Peters dann eine Kirche kennengelernt, »in der ich wirklich willkommen war«. Seit achteinhalb Jahren lebt der Pfarrer nördlich von Göteborg. Im gleichen Bistum arbeitet auch Stefan Hiller. Zwar kam der Pfarrer aus Ludwigsburg wegen der Liebe zu einer schwedischen Frau nach Schweden. Doch auch in der Württembergischen Landeskirche wurden Mitte der 1990er Jahre Ausbildungsplätze gestrichen. Sein Vikariat hat Stefan Hiller deshalb in Göteborg gemacht.
Sowohl Peters als auch Hiller ­haben mittlerweile die schwedische Staatsbürgerschaft neben der deutschen angenommen. Zum Teil sind ihre Kinder in der neuen Heimat geboren und aufgewachsen. Sie fühlen sich nicht nur wohl, sondern auch integriert. »Es ist ein schönes Land und nicht so eng wie Deutschland«, fasst es Ralf Peters für sich zusammen. Die Pfarrer würden in Schweden mit ihren Mitarbeitern eher auf Augenhöhe im Team arbeiten und die Gewerkschaft achtet darauf, dass die Arbeitszeiten eingehalten werden.
Weil die Schwedische Staatskirche erst 2000 abgeschafft wurde, sind auch heute noch acht von zehn Schweden Kirchenmitglieder. Doch das Gemeindeleben macht das nicht unbedingt einfacher. Mancher Pfarrer hat festgestellt, dass sich weniger Gemeindeglieder engagieren. »Vielleicht liegt es daran, dass in Schweden mehr Frauen berufstätig sind und Kirchengemeinden in finanziell guten Zeiten für viele Aufgaben Leute einstellen«, so Ralf Peters.
Was die Pfarrer gelernt haben: Wer richtig in Schweden ankommen will, muss die Sprache beherrschen und die schwedische Mentalität verstehen. »Wenn zum Beispiel am Anfang meiner Zeit in Schweden eine Verkäuferin im Laden anfängt, Englisch mit mir zu reden, obwohl ich sie auf Schwedisch anspreche, dann kann diese besondere Höflichkeit auch eine unbewusste Form von Ausgrenzung sein«, sagt Ralf Peters und Stefan Hiller stimmt ihm zu: »Es dauert einige Jahre bis man Fuß gefasst hat.« Aber dann gäbe es auch viele Dinge, die einen halten, zum Beispiel die hervorragende Kinderbetreuung.
Das Pfarrerehepaar Kristina und Olaf Traulsen in Karlstad weiß, dass es für sie mittlerweile wieder einfacher wäre, als Pfarrer in der Nordelbischen Landeskirche zu arbeiten. Doch das Paar mit vier Kindern, von denen zwei in Schweden geboren wurden, hat keine Pläne umzuziehen: »Solange es uns gefällt, bleiben wir hier.«
Maxie Thielemann

Der Held auf der »Titanic«

17. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Ein bayerischer Benediktiner verzichtete auf den Platz im Rettungsboot

Es geschah in der Nacht zum 15. April 1912. Ein tückischer Eisberg schlitzte die »Titanic«, als Wunder moderner Technik und »unsinkbare« Königin der Meere weltweit bestaunt und gefeiert, während ihrer Jungfernfahrt unterhalb der Wasserlinie auf. In einem dreistündigen Drama sank das Riesenschiff in der sternklaren Nacht. Nur 711 von 2201 Passagieren und Besatzungsmitgliedern überlebten. »Titanic« heißt auch der teuerste Film aller Zeiten, der die Katastrophe natürlich mit einer Love Story zwischen einer behüteten Oberschichtgöre und einem halbverhungerten Kunstmaler kombiniert.

Pater Joseph ­Peruschitz Foto: Archiv

Pater Joseph ­Peruschitz Foto: Archiv

Eine andere Liebesgeschichte, weit dramatischer und möglicherweise sogar spannender, fehlt in James Camerons Kino-Epos, und dabei wäre es eine wahre Story gewesen: die Geschichte von dem bayerischen Benediktinerpater Joseph Peruschitz. Gemeinsam mit einem englischen Geistlichen namens Thomas Byles verzichtete er auf einen Platz in den überfüllten Rettungsbooten, um die verzweifelten Menschen zu trösten und mit ihnen zu beten, während das sicherste Schiff der Welt Zentimeter um Zentimeter unter die Wasserfläche sank. Der einundvierzigjährige Priester sollte im US-Bundesstaat Minnesota ein katholisches Gymnasium aufbauen und leiten.
Joseph Benedikt Peruschitz war 1871 geboren. 1895 zum Priester geweiht, unterrichtete er die Internatsschüler der Benediktinerabtei Scheyern in Mathematik, Musik und Turnen. Für 155 Goldmark hat Peruschitz seine Schiffspassage für die erste Fahrt der »Titanic« über den Atlantik gebucht – bescheiden in der Dritten Klasse, wie es sich für einen Ordensmann gehört. Als das Riesenschiff am 8. April 1912 startet, rechnet keiner der Passagiere mit einer Gefahr.
Am 14. April kurz vor Mitternacht herrscht in den Bars auf dem Luxusdeck noch Hochbetrieb, elegante Menschen feiern, flirten, betrachten den grenzenlosen Sternenhimmel – während unten im Maschinenraum bereits die Wassermassen hereinströmen. Als die Passagiere die Katastrophe wahrnehmen, bricht Panik aus. Die Mannschaft versucht Ordnung in das Chaos zu bringen, verteilt die – viel zu wenigen – Schwimmwesten, dirigiert Frauen und Kinder in die ebenfalls nicht ausreichenden Rettungsboote.
Auch dem jungen Priester aus ­Bayern wird respektvoll ein Platz angeboten. »Doch hat er es abgelehnt«, berichtet ein Überlebender, »und dafür seinen Sitz einem anderen Mitreisenden überlassen. Als katholischer Priester blieb er auf dem sinkenden Schiff. Mit erhobenem Sterbekreuz eilte er von Kabine zu Kabine, segnete und tröstete. Fast alle Passagiere lagen auf den Knien, flehten und beteten. Als die Bordkapelle den Choral »Näher, mein Gott, zu dir« intonierte, ging auch Pater Peruschitz zusammen mit den anderen Todgeweihten unter.
Die elektrischen Lichter des Luxusschiffes seien bereits erloschen gewesen, gab die Überlebende Agnes Mac Coy in der New Yorker Zeitschrift »America« zu Protokoll, »so dass man nichts mehr sehen konnte, aber man hörte weder Jammergeschrei noch Schreckensrufe. Nur die friedvollen Stimmen des Gebets klangen herüber, als das Schiff in den Wellen verschwand.«
In den rund dreitausend Büchern über den Untergang der »Titanic« fehlt das Schicksal des bayerischen Ordenspriesters; lediglich sein englischer Mitbruder Byles findet Erwähnung, ganz selten. An Pater Peruschitz erinnert nur eine bescheidene, unter den vielen anderen Marmortafeln kaum auffallende Gedenkplatte im Kreuzgang des Klosters Scheyern. In Frieden möge Josephus Peruschitz ruhen, ist darauf gemeißelt, »qui in nave ista Titanica die 15. IV. 1912 pie so devovit«, der auf jenem Schiff »Titanic« fromm sein Leben hingab.
Christian Feldmann

Ein Gedicht schlägt Wellen

15. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Israelisches Einreiseverbot für Grass – Schneider: »Überzogene Israel-Kritik«Wegen seines umstrittenen Gedichts darf Günter Grass nicht mehr nach Israel einreisen. Der isra­elische Innenminister Eli Jischai erklärte den 84-jährigen Schriftsteller am Sonntag zur unerwünschten Person. Das Gedicht von Grass sei ein Versuch, »Hass gegen den Staat Israel und das israelische Volk« zu schüren, zitierte die »Jerusalem Post« den Minister.

Grass hatte in seinem in der vergangenen Woche veröffentlichten Gedicht »Was gesagt werden muss« Israel vorgeworfen, den Weltfrieden zu gefährden, indem die Atommacht den Iran mit einem »Erstschlag« bedrohe. Der israelische Innenminister Jischai verurteilte das Gedicht und erinnerte zudem an den Dienst von Grass in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges in der Waffen-SS. Dies ist nach einem Bericht der israelischen Zeitung »Haaretz« auch der offizielle Grund für das Einreiseverbot.

Der frühere israelische Botschafter in Berlin, Avi Primor, kritisierte das Einreiseverbot indes als »ein bisschen hysterisch«: Ein Antisemit sei der deutsche Schriftsteller nicht. Dennoch sei sein Gedicht lächerlich, weil Iran hundertmal größer sei als Israel.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle hatte es zuvor als absurd bezeichnet, Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen. In der »Bild am Sonntag« warnte der FDP-Politiker zudem vor einer Verharmlosung des iranischen Atomprogramms.

Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat dem Schriftsteller überzogene Israel-Kritik vorgehalten. In der Karwoche und ­unmittelbar vor dem jüdischen Pessachfest habe der Literaturnobelpreisträger in dem umstrittenen Gedicht der Politik Israels den Willen zum »Aus­löschen« des iranischen Volkes unterstellt. Dagegen werde in dem Grass-Gedicht die Bedrohung der Existenz des Staates Israel und der vom iranischen Präsidenten ausgesprochene Vernichtungswille »verharmlost und ignoriert«, kritisiert Schneider.

Der derzeitige Botschafter Israels in Deutschland, Emmanuel Nahshon, reagierte mit einer scharfen Erklärung: »Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will.« Israel sei der einzige Staat auf der Welt, dessen Existenzrecht immer wieder öffentlich angezweifelt werde.
GKZ/epd

Tödliche Lyrik?

Zu Günter Grass’ Schlag gegen Israel

Ein staatlich kontrollierter iranischer Fernsehsender lobte den Nobelpreisträger. Günter Grass sei »ein tödlicher lyrischer Schlag gegen Israel gelungen«. Poesie als Waffe? Die Zeiten von »Agitprop« sind glücklicherweise vorbei; große Kunst kam selten heraus. Aber die Iraner haben eines richtig verstanden: Günter Grass will als Dichter, nicht als Leitartikler gehört werden.

Als politischen Kommentar könnte man den Beitrag des 84-Jährigen nicht durchgehen lassen. Dazu ist er allzu sehr von Ahnungslosigkeit durchzogen. Günter Grass wird keinen einzigen Beleg für das vorbringen können, was ihm »offensichtlich« scheint, nämlich dass die Regierung Israels »das behauptete Recht auf den Erstschlag« einlösen und das »iranische Volk auslöschen« will. Umgekehrt jedoch, für das Vorhaben des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, »das zionistische Gebilde« von der Landkarte zu fegen, gibt es Willensäußerungen übergenug. Es gehört schon Chuzpe dazu, dies zu ignorieren oder als irrelevant, weil aus dem Munde eines »Maulhelden« kommend, anzusehen: Herr Grass, auch Adolf Hitler war ein Maulheld!

Und »das allgemeine Verschweigen«, das vermeintliche Verbot, »ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel« nicht zumuten zu ­dürfen, das Günter Grass »mit letzter Tinte« aufbrechen zu müssen meint, um »den ohnehin brüchigen Weltfrieden«, den allein Israel »gefährdet«, zu retten? Der Nahostkonflikt und die Politik der israelischen Regierung wird bei uns mehr diskutiert als jede andere Krise, mehr auch als das derzeitige Blutvergießen in Syrien, das anzuprangern sich ein Günter Grass stets zu schade bleiben wird. In einer von der EU 2003 in Auftrag gegebenen Umfrage sahen 59 Prozent der Befragten (in Deutschland sogar 65 Prozent) in Israel eine Gefahr für den Frieden in der Welt; Israel führte damit die Rangliste der als gefährlich eingeschätzten Staaten noch vor Iran und Nordkorea an. Musste Grass wiederholen, was die Deutschen längst zu wissen glauben?

Als Lyrik freilich werden wir für den Text noch dankbar sein. Denn es wird Schullektüre werden. Wenn die Generation mit SS- und NS-Vergangenheit dahingegangen sein wird, werden Schüler an Günter Grass beispielhaft erarbeiten, wie diese ihr Leben, »von nie zu tilgendem Makel behaftet«, verarbeitet hat. Rainer Werner Fassbinder schrieb 1975 im Drama: »Der Jud. Trinkt unser Blut und setzt uns ins Unrecht, weil er Jud ist und wir die Schuld tragen. … Das ist kein Witz. So denkt es in mir.« Drum dachte es 2012 in Günter Grass nicht mehr – so wird es in einer Klassenarbeit heißen – »Die Juden sind unser Unglück«, wie der Antisemit Heinrich von Treitschke 1879 verkündete, sondern: »Israel ist unser Unglück.«

Ricklef Münnich

Der Autor, Pfarrer Ricklef Münnich (Erfurt), ist evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Trommeln bis das Blut fließt

9. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Spanien: Karfreitag laut und wild – mit Pauken und Trommeln wird an das Erdbeben beim Tode Jesu erinnert


Die Ursprünge des Brauches liegen im Dunkel des Mittelalters. Heute ist das lärmende Inferno zur Erinnerung an den Tod Jesu Volksfest und Touristenattraktion zugleich.

Kurz vor Mitternacht kommt Leben ins Dorf, füllen sich in Hijar die Straßen. Alt und Jung ist auf den Beinen und wie immer am späten Abend des Gründonnerstags zieht es die Menschen Richtung Marktplatz. Kleine Trommeln haben die Damen unter dem Arm, große Pauken die Herren vor den Bauch geschnallt. Andächtig die einen, ausgelassen die anderen. Doch je weiter die Uhr Richtung Karfreitag rückt, verstummen die Gespräche. Fast unheimlich ist schließlich die Stille, die mit dem neuen Tag ein dumpfer Schlag durchdringt. Wie jedes Jahr haut der Bürgermeister auf eine riesige Pauke. Es ist der Auftakt zur lautesten Nacht des Jahres. Zu einem lärmenden Inferno, das die Ohren bis zur Schmerzgrenze strapaziert.

Mit Trommeln und Pauken: Die lautstarke Erinnerung an das Leiden und ­Sterben Jesu ist in Spanien längst keine Männerdomäne mehr. – Foto: Günter Schenk

Mit Trommeln und Pauken: Die lautstarke Erinnerung an das Leiden und ­Sterben Jesu ist in Spanien längst keine Männerdomäne mehr. – Foto: Günter Schenk

Wie in Hijar hauen Punkt Mitternacht auch in einer Handvoll umliegender Gemeinden Tausende auf die Pauke, strapazieren wie Besessene ihre großen und kleinen Trommeln. »Romper la hora« (»die Stunde zerschlagen«) heißt der Brauch, mit dem man im Herzen Spaniens des Leidens und Sterbens Christi gedenkt. Doch was früher in Nieder-Aragonien nur ein Stück lokaler Volksfrömmigkeit war, ist in der dünn besiedelten Region zwischen Madrid und Barcelona inzwischen eine touristische Attraktion. In Calanda, das sich selbst gern Trommelhauptstadt nennt, hat man den Brauch deshalb auf den Karfreitagmittag verlegt. Punkt Zwölf bricht hier das Inferno aus, strapazieren Tausende von Lärmenden die Ohren.

Ein alter Brauch, der nach Francos Tod populär wurde
In Aragonien aber ist die »Romper la hora« mehr als der Höhepunkt der Karwoche. Genau betrachtet ist es ein kollektiver Freudenrausch, beseelt von Wein, Bier und Schnäpsen, die wie zum rheinischen Karneval längst auch zu Spaniens religiös motivierten Karfreitagsriten gehören. Das gemeinsame Trinken, so deuten es manche Kulturforscher, erinnere an das letzte Abendmahl, mit dem Christus einst Abschied von seinen Jüngern nahm.
Über die Ursprünge des Brauches ist viel gerätselt worden. So macht in Calanda gern die Legende die Runde, dass am Karfreitag anno 1127 ein Schäfer mit wildem Getrommel die Dorfbewohner vor dem Überfall maurischer Ritter gewarnt habe. Seitdem würde in Calanda getrommelt. Verlässliche Quellen aber reichen allenfalls bis ins späte Mittelalter. So sind schon im frühen 16. Jahrhundert in Hijar von den Franziskanern organisierte Umzüge trommelnder Bruderschaften belegt.
Richtig populär aber wurde der Brauch erst nach dem Tod des Diktators Franco im Jahr 1975, als sich das demokratische Spanien mehr und mehr für neue Formen der Volksfrömmigkeit öffnete. Noch mehr Zulauf fanden die Karfreitagstrommler, nachdem neun Gemeinden 1970 mit der »Ruta del Tambor y Bombo« (»Route der Trommel und Pauke«) eine neue touristische Marke schufen, die schließlich zum Fest von nationalem touristischen Interesse deklariert wurde. Und mit den Fremden, die jetzt kamen, wuchs in den Dörfern die Lust am Trommeln weiter. Allein im 3500-Einwohner-Städtchen Calanda verdreifachte sich die Zahl der Fellverhauer im letzten halben Jahrhundert.

Junge Frauen geben heute beim Trommeln den Ton an
Heute gehören junge Frauen zu den Trommel-Motoren. So wie Maria, die mit fünf anderen Frauen vor der Disco in Hijar ihr Karfreitagsbier trinkt. Ausgelassen malträtieren sie immer wieder ihre Pauken, so als wollten sie den Burschen zeigen, wer heute in der Karwoche den Ton angibt. Zusammen bilden sie eine »Cuadrilla«, wie die Spanier die einzelnen Trommelgruppen nennen, die in Bruderschaften, Freundeskreisen oder familiären Verbänden organisiert sind. Manchmal sind es nur drei oder vier Leute, oft aber Gruppen von 30 und mehr. Hauen alle synchron auf ihre Felle, ist der Höhepunkt der Tamborada erreicht. Minuten kann die dauern, aber auch fast eine Stunde wie in den Trommelhochburgen Hijar oder Calanda.
Inzwischen gilt das gemeinsame Trommeln in Nieder-Aragonien als das wichtigste Stück regionaler Identität. Mancherorts ist fast die Hälfte des Dorfes in der Karwoche beim großen Trommeln dabei. Dann marschieren sie in Kolonnen, außen die Trommler, innen die Männer und Frauen mit den Pauken, zwischen den einzelnen Pasos, den dreidimensionalen Bildern vom Leiden und Sterben Christi. Diese Figuren finden sich in fast jeder spanischen Kirche und werden von Palmsonntag an durch die Straßen der Dörfer und Städte getragen werden.

Nur Weicheier schützen die Hände mit Handschuhen
Jesu Einzug nach Jerusalem zeigen sie ebenso wie seinen Kreuzweg, seine Schmähungen und Verhöhnungen, aber auch Maria, die leidende Mutter Gottes. Bumm-Bumm-Bumm! Noch immer hallt es durch die Dörfer entlang der Trommelroute. Mehr als 24 Stunden sind die Tapfersten jetzt schon unterwegs, manche mit blutverschmierten Fingern. Längst hat sich die Haut von den Knöcheln gelöst, tropft frisches Blut auf die Felle der Pauken. Rostrot werden sich die Flecken nächstes Jahr zeigen, sichtbarer Beweis für die Leidenschaft, die keinen Schmerz kennt. Nur Weicheier, so heißt es, tragen Handschuhe oder binden sich ein Tuch um die Knöchel.
Auch wenn man miteinander wetteifert, versucht, die anderen aus dem Takt zu bringen, am Schluss ist aus vielen Individuen eine neue Gemeinschaft geworden, aus einem kollektiven musikalischen Gedächtnis regionale Identität gewachsen.

Günter Schenk

Zum Glück lässt sich nicht alles planen

9. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Kleine Gärtnereien

Christine Lässig

Christine Lässig

Mit diesem Beitrag beginnen wir eine Serie mit hintersinnigen Gedanken zu Garten und Gartenarbeit, die im 14-tägigen Rhythmus erscheint. Autorin ist Christine Lässig, die ehemalige Chefredakteurin der thüringischen Kirchenzeitung Glaube+Heimat und Gartenexpertin.

Dieses Gartenjahr wird schöner, bunter und ertragreicher als das vergangene. Davon bin ich fest überzeugt – wie immer im Frühling. Um etliche Erfahrungen reicher, wird jede Pflanze am richtigen Standort stehen, mit passenden Nachbarn optimal zur Geltung kommen und dank meiner ständigen Fürsorge ungezieferfrei, gut gedüngt und gewässert zur Hochform auflaufen. Noch nie haben die Rosen so schön geblüht wie in diesem Jahr, werde ich im Spätherbst sagen. Noch nie waren die Funkien so schneckenfrei und die Hortensien so blau. Die Teppich-Waldrebe über der alten Mauer war einfach überwältigend, und die Veilchen haben geduftet wie in Kindheitstagen.

»Immer wieder tröstlich und immer neu
in ewiger Schöpfung Glanz lacht mir die Welt ins Auge«
Hermann Hesse

Dabei müsste ich eigentlich wissen, dass nie alle Blütenträume reifen. Nicht alles, was in Katalogen, Gartenbüchern und in Nachbars Garten so üppig daherkommt, wird auch bei mir so fotogen sein. Übrigens bei Ihnen auch nicht – nur damit Sie sich keine falschen Hoffnungen machen und dann enttäuscht sind. Selbst wenn wir unsererseits alle lobenswerten Vorhaben in die Tat umsetzen, Ausgaben nicht scheuen und uns eifrig im Internet belesen – das Wetter mindestens haben wir nicht in der Hand. Den Magnolien setzen die Spätfröste zu, die Kirschblüte verregnet oder der Rasen verdorrt in der anhaltenden Sommerhitze. Ungeziefer macht sich breit und Nützlinge sind rar. Es ist so wie im richtigen Leben. Trotz aller gut durchdachten Pläne kommt es anders als man denkt.

Das kann zuweilen von Vorteil sein. Auch wenn die Akelei sich an einer Stelle ausgesamt hat, die für Kräuter vorgesehen war, sieht sie bezaubernd aus neben der Petersilie. Das kleine Vergissmeinnicht in der Plattenfuge rührt jeden, der vorbeikommt. Ganz von allein hat sich der Frauenmantel unter den Kletterrosen angesiedelt und ist die perfekte Ergänzung zur gelben Blütenfülle. Zum Glück lässt sich nicht alles planen. Manches wird schöner als gedacht. Anderes bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Im Garten geht es zu wie im richtigen Leben. Trotzdem oder gerade deswegen bin ich optimistisch. Es wird ein ganz besonders schönes Gartenjahr, da bin ich mir relativ sicher.

Christine Lässig

Ein Opfer, das Leben bringt

8. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Interview: Warum Jesu Sterben mehr ist als das anderer Unschuldiger – im Gespräch mit dem früheren Methodisten-Bischof Walter Klaiber


Um die Frage, warum Jesus Christus gekreuzigt wurde, gibt es immer wieder Streit. Volker Kiemle sprach darüber mit dem ehemaligen Bischof der methodistischen Kirche, Walter Klaiber.

Herr Klaiber, warum wird über die Bedeutung des Todes Jesu gestritten?
Klaiber: Zum einen ist für uns manches Denkmodell, mit dem der Tod Jesu im Neuen Testament erklärt wird, fremd geworden. Wir kennen etwa Opfer nur noch im übertragenen Sinn – die Vorstellung, dass durch das Opfer eines Tieres etwas bewegt wird, können wir nicht nachvollziehen. Zum anderen haben wir eine Tradition, die diese Botschaft oft ziemlich verzerrt dargestellt hat und wo Aussagen falsch zitiert werden.

Walter Klaiber, Jahrgang 1940, leitete von 1989 bis 2005 als Bischof die Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Deutschland. Der promovierte Theologe war zudem von 1999 bis 2009 Präsident der Deutschen Bibelgesellschaft. – Foto: EmK

Walter Klaiber, Jahrgang 1940, leitete von 1989 bis 2005 als Bischof die Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) in Deutschland. Der promovierte Theologe war zudem von 1999 bis 2009 Präsident der Deutschen Bibelgesellschaft. – Foto: EmK

Worin besteht die Verzerrung?
Klaiber: Es ist etwa immer wieder von dem zornigen Gott die Rede, der nur dadurch vergeben kann, indem er seinen eigenen Sohn opfert. Damit wird der Gott Israels mehr oder weniger anderen Göttern gleichgesetzt. Das ist weder die Denkweise des Alten noch die des Neuen Testaments. Vielmehr sind Sühneopfer Zeichen und Handlungen, die die Menschen brauchen, damit ihr Leben untereinander und mit Gott wieder in Ordnung kommt. Gerade durch das Sühneopfer schenkt Gott Vergebung.

Das könnten die Menschen doch aber auch ohne Gott miteinander ausmachen …
Klaiber: Das ist der Knackpunkt: In unserem Bewusstsein hat Schuld nur in der Beziehung zu anderen eine Bedeutung. Und wir meinen, mit dem Satz: »Ich vergebe dir«, sei es geschehen. Doch das Alte Testament sieht in der Schuld mehr: eine Art Gift, die das Leben der Gemeinschaft zerstört. Diese Lebensvergiftung wird durch das Sühneopfer beseitigt. Das brauchen die Menschen – Gott braucht das nicht.

Was bedeutete der Tod Jesu für die ersten Christen?
Klaiber: Sie standen unter Schock und hatten keine fertige Theorie. Erst die Begegnung mit dem Auferstandenen hat in ihnen das Bewusstsein geweckt, dass in diesem Tod ein tieferer Sinn liegen musste. Sie haben sich dann an entsprechende Andeutungen Jesu erinnert und im Alten Testament nach Spuren gesucht, die etwas über diesen Tod aussagen konnten. Sie haben unterschiedliche Spuren gefunden, und das hat dann zu unterschiedlichen Deutungen geführt.

Welche Deutungen sind das?
Klaiber: Da ist etwa das Motiv des leidenden Gerechten: In der Geschichte Israels mussten immer wieder Propheten leiden oder wurden getötet, weil sie zur Sache Gottes standen. Dieses Modell greifen auch heutige Kritiker der Heilsbedeutung auf. Demnach ist der Tod des Gerechten vor allem Zeichen der Treue zur Sache Gottes. Gleichzeitig wurde deutlich, dass das für die Gemeinschaft, für die sich diese Leute eingesetzt haben, nicht ohne Bedeutung ist. Zumindest ist es ein Signal umzukehren. Bis heute ist das Kreuz ein Zeichen dafür, dass sich Christus in die Ungerechtigkeit der Welt hineinbegeben hat.

Auf welchen Nenner lassen sich diese verschiedenen Deutungen bringen?
Klaiber: Unabhängig vom einzelnen Erklärungsmodell ist die Tatsache, dass Jesus diesen Tod auf sich genommen hat, ein starker Erweis der Liebe Gottes. Gott will uns damit bis in die Tiefe des Todes hinein nahekommen! Das macht Paulus im Schluss von Römerbrief, Kapitel 8, deutlich: Nichts kann uns von der Liebe Gottes scheiden.

Paulus bezeichnet das Wort vom Kreuz als »anstößig«. Warum?
Klaiber: Paulus zeigt, dass sich Gott in diesem Tod erniedrigt hat, um auch den Armen und Verachteten zu zeigen: »Ich bin ganz bei euch!« Damit ist das Kreuz auch ein Zeichen der Solidarität Gottes mit Menschen, die leiden müssen – und gleichzeitig eine Kritik an Menschen, die sich auf Kosten anderer groß machen. Diese Botschaft ist anstößig, weil sie letztlich vom Menschen auch fordert, die Zerbrochenheit der eigenen Existenz anzuerkennen, und gleichzeitig betont, dass Gott in diese Zerbrochenheit gekommen ist.

Sie sagen in Ihrem Buch »Jesu Tod und unser Leben«, von einer positiven Bedeutung des Kreuzestodes könne nur im Licht Ostern gesprochen werden. Was meinen Sie damit?
Klaiber: Man kann zwar die Tatsache, dass Jesus seinem Auftrag bis in den Tod treu geblieben ist, ebenfalls als positive Bedeutung seines Sterbens verstehen. Aber dass dieser Tod mehr ist als das Sterben vieler anderer unschuldig Ermordeter und dass Gott an ihm zum Heil der Menschen gehandelt hat, das erschließt sich erst aus der Gewissheit, dass Gott sich zu ihm und seinem Leiden bekannt und an ihm die lebendig machende Kraft seiner Liebe gezeigt hat.

Ist die Geschichte von der Auferweckung Jesu also mehr als eine symbolische Erzählung?
Klaiber: Für mich, ja. Die Jünger und Jüngerinnen sind bei den Erscheinungen des auferstandenen Jesus einer Wirklichkeit begegnet, die sie überzeugt hat, dass Gott in der Auferweckung Jesu schon an einer Stelle die Herrschaft des Todes durchbrochen und Leben für eine neue Welt geschaffen hat. Aber schon im Neuen Testament wird diese Wirklichkeit auf unterschiedliche Weise beschrieben. Entscheidend sind nicht die Vorstellungen, die wir uns von ihr machen, sondern die Kraft die von ihr ausgeht.

Buchtipp
Klaiber, Walter: Jesu Tod und unser Leben, Evangelische Verlagsanstalt, 208 Seiten, ISBN 978-3-374-02845-0, 12,80 Euro

Verkündigung in der Küche

7. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

In der Wörlitzer Petrikirche sind historische Bibelfliesen ausgestellt

Das Abbild eines Schiffes mit stolz geblähten Segeln zieht die Blicke der Besucher auf sich. Aus zwölf weiß-blauen Fliesen sind der Schiffsbauch, Masten, Segel, Meer und ein Spruch zusammengesetzt, der da lautet: »Aan Godes Seegen is al geleegen.« Rund um das Schiff sind weitere Fliesen angeordnet. Aber hier steht eine jede für sich und erzählt je eine andere Geschichte aus dem Neuen Testament. Das Original dieses als Fliesentableau bezeichneten Wandschmuckes stammt aus dem 18. Jahrhundert und hängt in einer Hafenkneipe in Neuharlingersiel in Ostfriesland.

Diese Bibelfliese stellt die Geschichte von den Emmaus-Jüngern dar. – Foto: Archiv

Diese Bibelfliese stellt die Geschichte von den Emmaus-Jüngern dar. – Foto: Archiv

Als Foto-Bibelfliesenposter begrüßt es seit 1. April die Besucher der Petrikirche im anhaltischen Wörlitz. Es lädt dazu ein, weiter in das Kirchenschiff hineinzugehen und die Sonderschau zu besichtigen, die bis Anfang Mai dort zu sehen ist. »Mit Bilderfliesen durch die Bibel« heißt die Wanderausstellung, die das ehrenamtliche Bibelfliesenteam aus dem Kirchenkreis Norden in Zusammenarbeit mit der Ostfriesischen Bibelgesellschaft erarbeitet hat. In eigens angefertigten Tischaufbauten zeigt sie insgesamt 96 historische Bibelfliesen, davon 38 zu Texten aus dem Alten und 58 aus dem Neuen Testament. Die älteste Fliese stammt aus dem Jahr 1670. Großflächige Foto-Aufbauten zeigen zudem täuschend echt nachgebildete historische Bibelfliesenwände, die bis heute in Ostfriesland erhalten sind. Weitere Poster sowie Fotos von der aufwendigen Herstellung der Bilderfliesen sind ebenfalls zu sehen.

Bebilderte Keramikwandfliesen sind in den Niederlanden seit über 400 Jahren bekannt. Anfangs konnten sich nur wenige wohlhabende Bürger und Bauern diese Art des Schmucks in ihren Räumen, vorwiegend den Wohnküchen, leisten. Mit zunehmendem Wohlstand der Menschen ab der Mitte des 17. Jahrhunderts änderte sich dies. Wurden Wandfliesen zuerst in den großen Städten der Provinz Holland – in Rotterdam, Delft, Harlem, Amsterdam und Utrecht – hergestellt, wurden sie nach 1650 auch in Friesland produziert. Den abgebildeten Motiven waren kaum Grenzen gesetzt: Früchte, Blumen, Menschen, Tiere, Schiffe, Landschaften sowie Darstellungen aus der Bibel oder der antiken Mythologie. Unter dem Einfluss der China-Begeisterung Anfang des 17. Jahrhunderts wurden die Fliesen meist blau bemalt (Delfter Blau), aber es gibt auch braunviolette (manganfarbene). Im 18. und 19. Jahrhundert wurden Bibel- und andere Bilderfliesen erschwingliche Massenware. Heute sind die etwa 13 mal 13 Zentimeter kleinen Kunstwerke begehrte Sammlerstücke.

Das besondere an den Bibelfliesen ist, dass sie die Geschichten des Alten und Neuen Testamentes in klaren Bildern mitten ins Leben in den Bürger- und Bauerhäusern stellten. Zumal im calvinistisch geprägten Norden Hollands das Bilderverbot aus dem 2. Buch Mose (20,4-5) in den Kirchengebäuden streng eingehalten wurde.

Fast 300 Jahre beeinflussten niederländische Fliesen die Wohnkultur in Nordeuropa und Deutschland. Im nahe Wörlitz gelegenen Oranienbaum findet sich ein Beispiel dafür. Als Prinzessin Henriette Catharina von Oranien-Nassau 1659 den anhaltischen Fürsten Johann Georg II. heiratete, ließ sie sich im damaligen Dorf Nischwitz ein Schloss bauen. Dessen Sommerspeisesaal ist über und über mit Fliesen aus ihrer Heimat ausgekleidet. An den Wänden wechseln schachbrettartig angeordnete weiße und blau bemalte Bibelfliesen einander ab, während große Fliesentableaus, die Planetengottheiten zeigen, Blickpunkte bilden. Besichtigt werden kann diese Pracht vom 26. April bis 30. September als Teil der Ausstellung »Dutch Design – Huis van Oranje«.

Angela Stoye

www.fliesenbibel.de, www.kirche-ostfriesland.de

»Einmal Jesus Freak, immer Jesus Freak«

4. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Interview mit Martin Dreyer, dem Gründer der Jugendbewegung, über sein Leben und die Volxbibel

In Hamburg aufgewachsen, war Martin Dreyer (47) Punk, jobbte auf einem Containerschiff, diente als Zeitsoldat und war Straßenmissionar, wurde drogenabhängig und schaffte den Ausstieg. Er gründete mit den Jesus Freaks eine Jugendbewegung, der in Deutschland gut 2000 Mitglieder angehören, und veröffentlichte in einer jugendgemäßen Sprache die Volxbibel, an der im Internet jeder mitarbeiten kann. Nun legt er seinen Lebensbericht vor. Steffen Reichert sprach mit ihm.

Ihr Weg hat Sie zunächst zu den Jesus Freaks und nicht zur Amtskirche geführt. Warum?

Martin Dreyer

Martin Dreyer

Dreyer: Ich glaube, dass ich schon immer sehr zu Extremen geneigt habe. Mittelmaß hat mich nie zufriedengestellt. Insofern war dieser Weg mit Höhen und Tiefen eigentlich folgerichtig.

Auf dem Tiefpunkt Ihrer Drogensucht haben sich aber gerade die Jesus Freaks von Ihnen abgewandt. Das muss Sie unglaublich verletzt haben …
Dreyer: Aber das hat mich nicht davon abgehalten, in meinem Herzen weiter dieses Jesus-Freak-Gen zu tragen. Und viele Jahre später gab es eine wirklich echte Aussöhnung. Ich werde weiterhin eingeladen, übernehme Seminare und Workshops und habe immer noch eine Stimme in der Bewegung. Ich würde schon sagen: Einmal Jesus Freak, immer Jesus Freak. Wenn man einmal in dieser Bewegung gelebt hat, lässt einen das nicht mehr los.

Dieser Euphorie steht entgegen, dass die Amtskirchen immer mehr Mitglieder verlieren. Worauf führen Sie diese Schere zurück?
Dreyer: Ich persönlich glaube, dass die deutschen Staatskirchen wieder zu den Ursprüngen zurückmüssen. Politik ist wichtig, soziales Engagement ist wichtig. Aber was die Kirche mal ausgemacht hat, war Glaubensvermittlung. Wenn du auf der Suche nach Gott warst, bist du in die Kirche gegangen. Und heute gehen die Leute auf der Suche nach Gott in die Esoterik, ins Partyleben, sie meditieren, wollen Sinn durch Karriere oder durch Sport. Sie kommen gar nicht mehr auf den Gedanken, dass sie das auch in der Kirche finden können.

Mit der Volxbibel sind Sie in Hamburg und Leipzig, München und Berlin unterwegs. Gibt es unterschiedliche Reaktionen zwischen Ost und West?
Dreyer: Ja, zum einen: Es gibt ein Bildungsgefälle. Die Volxbibel kommt bei Haupt- und Realschülern viel besser an als bei Gymnasiasten, die sie oft als Pseudo oder als sprachlich unzureichend abtun. Und es gibt tatsächlich ein Ost-West-Gefälle. Im Osten kommt sie besser an, obwohl der Osten eigentlich unreligiöser ist. Aber da kommen mehr Leute, die sind begeisterter. Vielleicht ist auch einfach die Hemmschwelle für den Zugang niedriger.

Ist das Projekt Volxbibel ausgereizt oder wie weit lässt sich das treiben? Ihnen schwebt ja eine unter öffentlicher Beteiligung erarbeitete Version 100.0 vor …
Dreyer: Das kann man weiter vorantreiben, zumal es auch heute selbst im Religionsunterricht noch nicht durchgedrungen ist. Ich sehe regelmäßig im Internet, dass sich wieder eine Schulklasse an dem Text versucht hat. Da ist also Wachstumspotenzial. Was die Veränderungen der Versionen 2.0 zu 3.0 zu 4.0 angeht, so habe ich das Gefühl der Entschleunigung. Die Zeiträume werden immer länger. Das kann daran liegen, dass die aktuellen Fassungen gut sind, aber auch dass sich Sprache nicht so schnell verändert.

Wie reagieren die Amtskirchen mit ihren relativ festen Strukturen?
Dreyer: Es gibt mehr und mehr Anfragen – im Übrigen auch aus der katholischen Kirche –, von Gemeinden, die meine Predigten hören wollen und die Volxbibel in ihren Gemeindealltag integrieren. Aber es gibt auch gerade im freikirchlichen Bereich sehr viele Konservative bis hin zu Fundamentalisten, für die ich ein Kind des Teufels bin, die protestieren oder noch immer fordern, dass alle Volxbibeln vom Markt genommen werden.

Ihr Leben beschreiben Sie als eins zwischen Koks und Kiez, zwischen Containerschiff und Kirche. Wo sehen Sie sich heute?
Dreyer: Ich glaube an ein Leben in Wellenbewegungen, zumindest bei mir. Nun bin ich schon geraume Zeit oben auf der Welle und kann mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn es wieder nach unten geht. Ich habe ein ganz süßes Baby und eine tolle Ehefrau, ich bin gesund. Dennoch weiß ich auch durch meine Krisen, dass das nicht auf ewig garantiert ist. Und dieses Wissen macht mich sehr dankbar. Auch wenn ich inzwischen sehr ruhig geworden bin: Ich habe das Gefühl, dass es da noch irgendwas geben wird. Erst die Jesus Freaks, dann die Volxbibel – das war alles total krass und intensiv. Ich glaube, dass da noch was Drittes kommt, was Gott durch mich starten will. Ohne heute zu wissen, was es ist.

Martin Dreyer: Jesus-Freak. Leben zwischen Kiez, Koks und Kirche, Pattloch Verlag, ISBN 978-3-629-02306-3, 320 S., 18 Euro

Vorurteile und Waffenwahn

4. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

USA: Der Tod von Trayvon Martin erschüttert das Land – und stellt einmal mehr die Waffengesetze in Frage

Protest: Jugendliche halten am vergangenen Sonntag in East Cleveland im Bundesstaat Ohio eine Packung Skittles in die Luft – die Süßigkeit, die der getötete Trayvon Martin in Florida gekauft hatte. – Foto: picture alliance/landov/Joschua Gunter

Protest: Jugendliche halten am vergangenen Sonntag in East Cleveland im Bundesstaat Ohio eine Packung Skittles in die Luft – die Süßigkeit, die der getötete Trayvon Martin in Florida gekauft hatte. – Foto: picture alliance/landov/Joschua Gunter

Ein privater »Nachbarschaftswächter« erschießt einen unbewaffneten Teenager – weil der dunkelhäutig ist und einen Kapuzenpulli trägt. Das reicht in den USA bis heute, um verdächtig zu sein.

Kundgebungen der Empörung mit Zehntausenden, Mahnwachen, auch US-Präsident Barack Obama hat das Wort ergriffen, freilich erst drei Wochen nach der Bluttat. Der Tod des 17-jährigen Trayvon Martin in Florida entsetzt. Der afroamerikanische Teenager wurde am 26. Februar von einem »Nachbarschaftswächter« namens George Zimmerman erschossen, der in seinem Wohnviertel freiwillig Sicherheitspatrouillen durchführte.

Martin war in der Gegend zu Besuch und hatte in einem Laden Süßigkeiten gekauft und ein kaltes Getränk. Zimmerman meinte seinem Anruf bei der Polizei zufolge, der Junge mit dem Kapuzenpulli führe »nichts Gutes im Schild«. Er verfolgte Martin, es kam offenbar zu einer Auseinandersetzung. Zimmerman schoss Martin in die Brust. In der Aufzeichnung des Telefonanrufs einer Zeugin hört man verzweifelte Hilferufe. Martin war unbewaffnet. Bei seinen Lehrern galt er als Musterschüler.

Rassenbegründete Vorurteile sind tief verwurzelt in der US-Gesellschaft. Und das ist auch kein Wunder angesichts der amerikanischen Geschichte mit Sklaverei, Unterdrückung und Diskriminierung. Wohl kein weißer Amerikaner kann allen Ernstes behaupten, er oder sie sei immun von Vorurteilen. Wer ein Gewissen hat, der ringt mit diesen Vorurteilen. Aber es geht nicht nur um die Haltung einzelner: Viele Weiße, besonders das »eine Prozent«, wie man heute sagt, hat lange von dem einem institutionalisierten Rassismus profitiert, der die mit der dunkleren Haut allzu oft zu Jobs mit schlechterem Lohn verurteilt. Und im Justiz- und Polizeiwesen gelten junge schwarze Männer schnell als Verdachtspersonen.

Doch manches hat sich in den vergangenen Jahren auch verbessert. Vor allem unter jungen Menschen fällt ethnische Herkunft offenbar weniger ins Gewicht. Das sieht man an den Pärchen, die in Colleges und High Schools Händchen halten. Die Etikette Schwarz, Weiß, Gemischt, Latino, Asiatisch, lassen sich nicht mehr so einfach aufkleben. »Rasse« entpuppt sich zusehends als Konstrukt. Barack Obama, der erste »schwarze« Präsident, wie es heißt, hatte einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter. Selbst bei dem Todesschützen Zimmerman wird es kompliziert: Vom Namen her könnte man meinen, der 28-Jährige sei deutschstämmig. Doch schaut man sich sein Foto an: Zimmerman hat eine leicht braune Hautfarbe, so dass man ihn nachts auf der Straße unter Umständen sogar selber für einen Afroamerikaner halten könnte. Zimmerman sei »halb-hispanisch«, gab dessen Vater zu Protokoll.

Irgendwann (in ein paar Generationen?), werden Menschen unterschiedlicher Herkunft und verschiedener Kulturen hoffentlich gleichberechtigt und gemeinschaftlich leben. Bis man so weit ist, muss die Gesellschaft Wege finden, diese Entwicklung zu steuern. Appelle helfen wenig. Trayvon Martin wäre aber noch am Leben, hätten die USA keine so irrsinnigen Schusswaffenvorschriften. In Florida und in 25 weiteren Bundesstaaten gelten sogenannte »Stand your Ground«-Gesetze (»weiche nicht zurück«-Gesetze), denen zufolge Bürger schießen dürfen, wenn sie sich bedroht fühlen.

Wer sich bedroht fühlt, darf schießen – ganz legal

Zimmerman hat möglicherweise sogar legal gehandelt, aus »Notwehr«. Die Polizei hat ihn auch nicht fest genommen. Doch kaum ein Politiker hat den Mut, sich mit der Schusswaffenlobby anzulegen. Und ganz große Fans des Rechts auf Schusswaffenbesitz sind gewöhnlich die Politiker, die sich bei der Abtreibungsfrage für »Lebensschutz« stark machen.

Erst vor wenigen Tagen besuchte der erzkonservative republikanische Präsidentschaftsbewerber Rick Santorum bei einer Wahlkampfreise im Bundesstaat Lousiana demonstrativ einen Schießplatz in West Monroe, um den Südstaatlern zu zeigen, wie gut er mit der Schusswaffe umgehen kann. Unter dem Beifall der Waffennarren feuerte er zwei Magazine auf eine Zielscheibe, die den Umriss eines Menschen zeigt.

Konrad Ege