Der Liebesmystiker

30. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

100. Todestag: Am 30. Mai 1912 starb Karl May, dessen Poesie eine spirituelle Botschaft hat

Er ist einer der meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache. Nicht ohne Grund, denn Karl May hat es verstanden, die Herzen seiner Leser zu erreichen. Gelungen ist ihm das, weil er es als Christ und Humanist tat.

Die Meinungen über Karl May sind seit über hundert Jahren geteilt. Zweifellos hat der Erfolgsschriftsteller aus Sachsen selber viel Schuld an den unterschiedlichen Sichtweisen seines Werkes und seiner Person. Dennoch – nicht ohne Grund hat er sich bis heute so gut verkaufen können – mit einer Gesamtauflage von inzwischen rund 100 Millionen Exemplaren allein hierzulande!

Die enorme Fantasie dieses Mannes, der einige Jahre seiner Kindheit blind und einige Jahre als junger Mann im Gefängnis zugebracht hat, sowie sein außergewöhnlicher Fleiß – über 90 Bände zählen die Gesammelten Werke – können es nicht allein gewesen sein, was so weit getragen hat. Vielmehr hat Karl May es verstanden, zu den Herzen seiner Leser zu sprechen. Und das ist ihm gelungen, weil er es als Christ und Humanist tat. Darin dürfte sogar das Geheimnis seines köstlichen Humors gelegen haben.

In der Ausstellung »Karl Mays Traumwelten« betrachtet eine Frau im KunstHaus in Gotha zwei überdimensionale Fotografien, die den Schriftsteller Karl May in verschiedenen Kostümen zeigen. Die Schau mit rund 130 Grafiken und Illustrationen sowie 100 Exponaten zu Leben und Werk des Schriftstellers Karl May ist noch bis 6. Mai zu sehen. – Foto: picture-alliance/dpa

In der Ausstellung »Karl Mays Traumwelten« betrachtet eine Frau im KunstHaus in Gotha zwei überdimensionale Fotografien, die den Schriftsteller Karl May in verschiedenen Kostümen zeigen. Die Schau mit rund 130 Grafiken und Illustrationen sowie 100 Exponaten zu Leben und Werk des Schriftstellers Karl May ist noch bis 6. Mai zu sehen.
Foto: picture-alliance/dpa

Dass er für seine Menschlichkeit berühmt war, spiegelt sich in seinen Reiseerzählungen wieder, hatte aber auch im realen Leben Anhalt. Zum Entsetzen seiner auf Sparsamkeit bedachten Frau unterstützte er Menschen, die in Not geraten waren, gern mit vollen Händen. Und so wollte er auch seine Leserschaft reich beschenken: nicht nur mit spannenden Erzählungen, sondern mit Geschichten, die zur Herzensbildung und zur Glaubensstützung beitragen sollten. »Ein wahrer Christ weiß, dass die Liebe allmächtig ist und endlich allen Hass überwindet«, erklärt er als Kara Ben Nemsi gegen Ende seines sechsbändigen Orientromans, nachdem er dort zuvor einem rachsüchtigen Freund gegenüber betont hatte: »Und ich will Liebe und Versöhnung.«

Welch innere Kraft ihn der Kampf gegen die Versuchungen des Bösen gekostet und welch spirituelles Glück ihm der Aufstieg in die Höhen eines lichten Gottesglaubens gebracht hatte, darüber gibt keines seiner Bücher so deutlich Auskunft wie just der einzige Gedichtband, den er um die Wende zum 20. Jahrhundert geschrieben und unter dem treffenden Titel »Himmelsgedanken« veröffentlicht hat. Seine Bücher hatten damals bereits eine Gesamtauflage von über 700000 erreicht. Endlich hatte er auch eine reale Orientreise antreten können.

Gerade die Begegnung mit der wirklichen Welt im Osten aber trug dazu bei, dass es in seiner empfindsamen Seele stark zu rumoren begann. Er verabschiedete sich während einer psychischen Krise von seinem Old Shatterhand-Image und vertiefte seine spirituellen Ansätze zu einer weisheitlichen Religiosität, die von einer ausgesprochenen Liebesmystik zeugt. Mit Blick auf sein Spätwerk nannte ihn Arno Schmidt 1957 einen der letzten »Großmystiker« der deutschen Literatur.

Genau den Beginn dieses Spätwerks mit seiner Tiefe und Symbolik stellen Karl Mays »Himmelsgedanken« dar. Dass dieser Band mit 130 Gedichten und einer Reihe von Aphorismen die bis dahin begeisterte Leserschaft mehr verwunderte als beglückte, hat der Dichter selbst geahnt: »Doch bleibt dem menschlichen Verstand / Die Gottesbotschaft unbekannt, / Weil er das, was er denkt und dichtet, / Nach außen, nicht nach innen richtet. / Er faßt in seiner Prosa nicht / Des Himmels herrlichstes Gedicht.«

Mays Poesie wurde damals und bis heute kaum angemessen erfasst und gewürdigt. Ihm ging es weniger um Dichtkunst im Sinne von Lyrik, sondern um eine spirituelle Gesamtbotschaft, die in poetischer, rhythmischer, teils inbrünstiger Sprache ausgearbeitet ist. Etliche dieser Texte erinnern nicht zufällig an Lieder: Karl May hatte sich zuvor schon einige Male kompositorisch versucht. Oft beginnen Strophen mit den gleichen Worten, um dann ihre Aussagen klug zu variieren und dabei Tiefsinniges, Weisheitliches, immer wieder Anrührendes hervorzubringen. Die beiden ersten Strophen aus dem Gedicht »Gnade« etwa lauten:

»Steig nieder, liebes, heilges Wunder, /
Das ich gern fassen möcht und doch nicht kann. /
Senk dich zu mir, in mich herunter, /
Und zünd in mir des Altars Kerzen an. /
Sie harren dein, schon lange dir bereit; /
O komm, o komm, es ist wohl an der Zeit! /
Steig nieder, liebes, heilges Wunder, /
Das ich gern fassen möcht und doch nicht kann. /
Bring deinen Himmel mir herunter, /
Und zünd am meinigen die Sterne an. /
Sie harren dein, schon lange dir bereit, /
Und sollen leuchten bis in Ewigkeit.«

Diesen Autor hundert Jahre nach seinem Tod neu zu entdecken, lohnt sich für Jung und Alt.

Werner Thiede

Der Autor, Professor Werner Thiede, lehrt Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg

Buchtipps:

  • May, Karl: Himmelsgedanken. Gedichte von Karl May, Books on Demand, 396 S., ISBN 978-3-8334-2518-9, 22,50 Euro
  • Schmiedt, Helmut: Karl May oder Die Macht der Phantasie, Verlag C. H. Beck, 368 S., ISBN 978-3-406-62116-1, 22,95 Euro
  • Thiede, Werner: Mystik im Christentum. 30 Beispiele, wie Menschen Gott begegnet sind, Hansisches Druck- und Verlagshaus, 256 S., ISBN 978-3-86921-003-2, 19,90 Euro
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