Nichts ist wertlos

31. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Oft ausgenutzt, unverstanden, gescheitert, aber dennoch glücklich – der Architekt Otmar Jordan

Genial und fantasievoll: Otmar Jordan erklärt die Funktion des Brunnens in seinem Hausgarten – gebaut wurde er ­natürlich nur aus »Abfall«-Materialien. Das Gerüst besteht beispielsweise aus Betonbohrkernen. – Foto: Harald Krille

Genial und fantasievoll: Otmar Jordan erklärt die Funktion des Brunnens in seinem Hausgarten – gebaut wurde er ­natürlich nur aus »Abfall«-Materialien. Das Gerüst besteht beispielsweise aus Betonbohrkernen. – Foto: Harald Krille

Vieles in seinem Leben lief anders als gewünscht. Dennoch hadert Otmar Jordan nicht mit seinem Schicksal. Im Gegenteil.

»Schauen Sie sich bloß nicht um, es sieht unaufgeräumt aus«, sagt er zur Begrüßung. Auf den ersten Blick scheint das »unaufgeräumt« für Haus und Wohnung, Hof und Garten des Weimarer Architekten eine fast beschönigende Beschreibung zu sein. Doch wie so oft im Leben täuscht der erste Blick. Dem zweiten offenbart sich eine erstaunliche Ordnung der Dinge. Und ein faszinierendes, kreatives Gestalten mit dem, was anderen nichts mehr bedeutet, was in ihren Augen unnütz ist. Ob alte Ofenkacheln, Möbel oder Baumaterialien – für Otmar Jordan ist nichts Geschaffenes und Gewordenes wertlos.

So schuf – und schafft – sich der heute 68-Jährige eine geradezu geniale Gegenwelt zur allgegenwärtig angestrebten Perfektion. Ein Gesamtkunstwerk – mit Anklängen an das Werk so begnadeter Künstler und Berufskollegen wie Antoni Gaudi oder Friedensreich Hundertwasser. Stolz führt Jordan durch seine Glashäuser und Wintergärten, in denen auf und zwischen abenteuerlichen Balkenkonstruktionen Dutzende Pflanzen wachsen und blühen. »Opferpflanzen« nennt er sie. Pflanzen, die irgendjemandem zu groß oder zu »unmodern« wurden, die halb vertrocknet und unverkäuflich im Supermarkt den Weg in die Tonne antreten sollten. Er gibt ihnen Raum. Wortwörtlich: Wenn eine Palme die Zimmerdecke erreicht, kommt Jordan nicht mit der Schere. Dann bricht er schon mal die ­Decke zum Dachgeschoss auf.

Vielleicht hat Otmar Jordans Zuneigung zum Weggeworfenen damit zu tun, dass er selbst im Leben an so vielen Stellen ein Gescheiterter ist. ­Jedenfalls auf den ersten Blick. Schon mit seinem Wunsch Biologie zu studieren, scheitert er am Willen seines Vaters. Stattdessen beginnt er an der Weimarer Hochschule für Architektur und Bauwesen – der heutigen Bauhaus-Uni – ein Architekturstudium. Intelligent und begabt wird er Forschungsstudent, soll im Rahmen einer Gruppenpromotion seinen Doktor­titel erwerben.

Doch der junge Genosse, »bewusst« in die »Sozialistische Einheitspartei Deutschlands« eingetreten, scheitert. Weil er einen klaren Verstand und eine eigene Meinung hat und weil seine Forschungsergebnisse nicht den ideologischen Vorgaben entsprechen. Als »Antikommunist und destruktives Element« wird er ohne Graduierung zum Wohnungsbaukombinat nach Erfurt »delegiert«. »Als Architekt im Plattenbau – wo ­sogar die Grundstruktur der Wohngebiete schon durch die notwendigen Bahnen der Montagekräne vorgegeben war« – Jordan hebt resigniert die Schultern. Zum wirklichen Architekten wird er erst viel später, im eigenen Heim. Einem Haus, das eigentlich ­abbruchreif war …

Doch er stellt sich neuen Herausforderungen: Für den Bau des Palastes der Republik in Berlin werden Mitarbeiter gesucht. Jordan meldet sich, plant am Prestigeobjekt des Staates mit. »Mit einem Mal war ich eine Adresse im Kombinat.« Als ein Bauleiter für die Druschba-Trasse, den deutschen Bauabschnitt der Erdgasleitung durch Sibirien, gesucht wird, ist Jordan wieder mit dabei.

In dieser Zeit, 1980, zerbricht seine in der »Palast-Zeit« geschlossene Ehe. Zu unterschiedlich die Erwartungen, zu lang die Trennungszeiten, zu unbändig der Wunsch nach Freiheit und Abenteuer, der ihn mit Freunden in der Freizeit illegal auf Achttausender Berge im sowjetisch-afghanischen Grenzgebiet treibt. »Im Blick auf das Ziel eine Familie zu gründen, bin ich wohl gescheitert«, so seine nüchterne Bilanz.

Nach einer kurzen beruflichen Episode beim Stadtbau Weimar lässt Jordan sich wieder »breitschlagen«: Weitere Einsätze in der sich verändernden und schließlich zerfallenden Sowjetunion. 1992 kommt er zurück – und steht vor dem Nichts. »Mit 49 Jahren, ohne Ahnung von einem Computer, ich konnte noch nicht mal einen Kopierer bedienen …«

Frühere Kommilitonen, die ein Architektenbüro gegründet hatten, stellen ihn zur Bauüberwachung ein. Jordan blüht auf. In seiner Freizeit segelt er. Nicht auf Ost- oder Nordsee – richtiges Blauwassersegeln: Jachtüberführungen über den Atlantik, Segeltörns in der Karibik. Doch als 1996 die Aufträge zurückgehen, ist er der Erste, der gehen muss. Arbeitslos mit 53. Jordan gibt nicht auf. Zwei Jahre später hat er wieder eine Arbeit. Bei einem Bauinvestor aus den alten Bundesländern, der in Thüringen aktiv ist mit hochkarätigen Sanierungen. »Ich habe ein Hausmeistergehalt bekommen und auch entsprechende Arbeiten gemacht. Aber das war schon OK so.«

Bis er, der immer arglos – mancher würde vielleicht sagen naiv – auf Menschen zugeht, mitbekommt, dass er gegenüber den Behörden als Betriebsleiter, als bauvorlageberechtigter Architekt geführt wird. »Ich hatte ohne es zu wissen die Verantwortung für Baustellen, die ich nie gesehen habe.« Jordan überlegt kurz, dann sagt er nachdenklich: »Das ist auch ein Stück Scheitern, dass ich letztlich nicht die Kraft hatte, dieser Gesellschaft, dieser menschengefährdenden Praxis das Handwerk zu legen.« Stattdessen beschließt er, sich kündigen zu lassen und in den Vorruhestand zu gehen. Mit allen Abschlägen seiner ohnehin nur geringen Rente.

»Bin ich ein Gescheiterter?«, fragt Jordan. »Weil ich immer versucht habe, für andere da zu sein und oft genug übers Ohr gehauen wurde?« Seine Antwort kommt klar: »Nein! Die Dinge sind geworden, wie sie geworden sind. Ich sehe mich selbst nicht als gescheitert.« Und er fügt hinzu: »Aber ich habe gelernt, in der Gegenwart zu leben, aus dem Augenblick meine Kraft zu schöpfen.« So viele Menschen leben nach seinen Beobachtungen nur in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Für Jordan sind das die wirklich Gescheiterten, auch wenn sie materiell besser dastehen, beruflich erfolgreicher sind. »Ich fühle mich wohl, habe einen ruhigen Schlaf, viele Freunde und Freundinnen und die Muse, das alles zu genießen.«

Harald Krille

Der Liebesmystiker

30. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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100. Todestag: Am 30. Mai 1912 starb Karl May, dessen Poesie eine spirituelle Botschaft hat

Er ist einer der meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache. Nicht ohne Grund, denn Karl May hat es verstanden, die Herzen seiner Leser zu erreichen. Gelungen ist ihm das, weil er es als Christ und Humanist tat.

Die Meinungen über Karl May sind seit über hundert Jahren geteilt. Zweifellos hat der Erfolgsschriftsteller aus Sachsen selber viel Schuld an den unterschiedlichen Sichtweisen seines Werkes und seiner Person. Dennoch – nicht ohne Grund hat er sich bis heute so gut verkaufen können – mit einer Gesamtauflage von inzwischen rund 100 Millionen Exemplaren allein hierzulande!

Die enorme Fantasie dieses Mannes, der einige Jahre seiner Kindheit blind und einige Jahre als junger Mann im Gefängnis zugebracht hat, sowie sein außergewöhnlicher Fleiß – über 90 Bände zählen die Gesammelten Werke – können es nicht allein gewesen sein, was so weit getragen hat. Vielmehr hat Karl May es verstanden, zu den Herzen seiner Leser zu sprechen. Und das ist ihm gelungen, weil er es als Christ und Humanist tat. Darin dürfte sogar das Geheimnis seines köstlichen Humors gelegen haben.

In der Ausstellung »Karl Mays Traumwelten« betrachtet eine Frau im KunstHaus in Gotha zwei überdimensionale Fotografien, die den Schriftsteller Karl May in verschiedenen Kostümen zeigen. Die Schau mit rund 130 Grafiken und Illustrationen sowie 100 Exponaten zu Leben und Werk des Schriftstellers Karl May ist noch bis 6. Mai zu sehen. – Foto: picture-alliance/dpa

In der Ausstellung »Karl Mays Traumwelten« betrachtet eine Frau im KunstHaus in Gotha zwei überdimensionale Fotografien, die den Schriftsteller Karl May in verschiedenen Kostümen zeigen. Die Schau mit rund 130 Grafiken und Illustrationen sowie 100 Exponaten zu Leben und Werk des Schriftstellers Karl May ist noch bis 6. Mai zu sehen.
Foto: picture-alliance/dpa

Dass er für seine Menschlichkeit berühmt war, spiegelt sich in seinen Reiseerzählungen wieder, hatte aber auch im realen Leben Anhalt. Zum Entsetzen seiner auf Sparsamkeit bedachten Frau unterstützte er Menschen, die in Not geraten waren, gern mit vollen Händen. Und so wollte er auch seine Leserschaft reich beschenken: nicht nur mit spannenden Erzählungen, sondern mit Geschichten, die zur Herzensbildung und zur Glaubensstützung beitragen sollten. »Ein wahrer Christ weiß, dass die Liebe allmächtig ist und endlich allen Hass überwindet«, erklärt er als Kara Ben Nemsi gegen Ende seines sechsbändigen Orientromans, nachdem er dort zuvor einem rachsüchtigen Freund gegenüber betont hatte: »Und ich will Liebe und Versöhnung.«

Welch innere Kraft ihn der Kampf gegen die Versuchungen des Bösen gekostet und welch spirituelles Glück ihm der Aufstieg in die Höhen eines lichten Gottesglaubens gebracht hatte, darüber gibt keines seiner Bücher so deutlich Auskunft wie just der einzige Gedichtband, den er um die Wende zum 20. Jahrhundert geschrieben und unter dem treffenden Titel »Himmelsgedanken« veröffentlicht hat. Seine Bücher hatten damals bereits eine Gesamtauflage von über 700000 erreicht. Endlich hatte er auch eine reale Orientreise antreten können.

Gerade die Begegnung mit der wirklichen Welt im Osten aber trug dazu bei, dass es in seiner empfindsamen Seele stark zu rumoren begann. Er verabschiedete sich während einer psychischen Krise von seinem Old Shatterhand-Image und vertiefte seine spirituellen Ansätze zu einer weisheitlichen Religiosität, die von einer ausgesprochenen Liebesmystik zeugt. Mit Blick auf sein Spätwerk nannte ihn Arno Schmidt 1957 einen der letzten »Großmystiker« der deutschen Literatur.

Genau den Beginn dieses Spätwerks mit seiner Tiefe und Symbolik stellen Karl Mays »Himmelsgedanken« dar. Dass dieser Band mit 130 Gedichten und einer Reihe von Aphorismen die bis dahin begeisterte Leserschaft mehr verwunderte als beglückte, hat der Dichter selbst geahnt: »Doch bleibt dem menschlichen Verstand / Die Gottesbotschaft unbekannt, / Weil er das, was er denkt und dichtet, / Nach außen, nicht nach innen richtet. / Er faßt in seiner Prosa nicht / Des Himmels herrlichstes Gedicht.«

Mays Poesie wurde damals und bis heute kaum angemessen erfasst und gewürdigt. Ihm ging es weniger um Dichtkunst im Sinne von Lyrik, sondern um eine spirituelle Gesamtbotschaft, die in poetischer, rhythmischer, teils inbrünstiger Sprache ausgearbeitet ist. Etliche dieser Texte erinnern nicht zufällig an Lieder: Karl May hatte sich zuvor schon einige Male kompositorisch versucht. Oft beginnen Strophen mit den gleichen Worten, um dann ihre Aussagen klug zu variieren und dabei Tiefsinniges, Weisheitliches, immer wieder Anrührendes hervorzubringen. Die beiden ersten Strophen aus dem Gedicht »Gnade« etwa lauten:

»Steig nieder, liebes, heilges Wunder, /
Das ich gern fassen möcht und doch nicht kann. /
Senk dich zu mir, in mich herunter, /
Und zünd in mir des Altars Kerzen an. /
Sie harren dein, schon lange dir bereit; /
O komm, o komm, es ist wohl an der Zeit! /
Steig nieder, liebes, heilges Wunder, /
Das ich gern fassen möcht und doch nicht kann. /
Bring deinen Himmel mir herunter, /
Und zünd am meinigen die Sterne an. /
Sie harren dein, schon lange dir bereit, /
Und sollen leuchten bis in Ewigkeit.«

Diesen Autor hundert Jahre nach seinem Tod neu zu entdecken, lohnt sich für Jung und Alt.

Werner Thiede

Der Autor, Professor Werner Thiede, lehrt Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg

Buchtipps:

  • May, Karl: Himmelsgedanken. Gedichte von Karl May, Books on Demand, 396 S., ISBN 978-3-8334-2518-9, 22,50 Euro
  • Schmiedt, Helmut: Karl May oder Die Macht der Phantasie, Verlag C. H. Beck, 368 S., ISBN 978-3-406-62116-1, 22,95 Euro
  • Thiede, Werner: Mystik im Christentum. 30 Beispiele, wie Menschen Gott begegnet sind, Hansisches Druck- und Verlagshaus, 256 S., ISBN 978-3-86921-003-2, 19,90 Euro

»Jauchze, singe, jubiliere«

24. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Telemann-Festtage präsentierten den Komponisten als lutherischen Kirchenmusiker

Es war ausgerechnet der diesjährige Telemann-Preisträger, der Leipziger Cellist Siegfried Pank, der Oberbürgermeister Lutz Trümper in Erklärungsnot brachte. Obwohl Magdeburg gerade mitten in einer Ottostadt-Kampagne steckt, konnte sich der geehrte Interpret und Hochschullehrer einen Vorschlag nicht verkneifen. »Wie wäre es«, fragte er bei seiner Dankesrede nach der Verleihung des Preises, »mit der Telemann-Stadt Magdeburg.«

Abschlusskonzert der Magdeburger Telemann-Festtage mit dem Barockorchester B’Rock aus Gent. – Foto: Engelbert Dudek

Abschlusskonzert der Magdeburger Telemann-Festtage mit dem Barockorchester B’Rock aus Gent. – Foto: Engelbert Dudek

Doch es brauchte in den vergangenen Tagen gar nicht dieses offiziellen Titels. Auch sonst stand Magdeburg vom 9. bis zum 18. März ganz im Zeichen von Georg Philipp Telemann (1681–1767), des zumindest musikalisch berühmtesten Sohnes der Stadt. Unter dem Motto »Betont! 50 Jahre Telemann aus Magdeburg« lockten gut 50 Veranstaltungen am Ende rund 7500 Besucher an.

»Die Vielfalt war noch nie so groß«, zeigte sich der wissenschaftliche Leiter des Zentrums für Telemann-Pflege und -Forschung, Carsten Lange, überzeugt. So standen unter anderem Telemanns Passionsoratorium »Der Tod Jesu«, geistliche Kantaten und Orgelmusik, die moderne Wiederaufnahme der Oper »Miriways« sowie das Oratorium »Der Tag des Gerichts« auf dem Festivalprogramm.

Dagegen nahmen sich die Anfänge vor 50 Jahren überaus bescheiden aus. Damals habe es an drei Tagen fünf Konzerte gegeben, blickte der Oberbürgermeister zurück. Im Jubiläumsjahrgang erstreckte sich das Festival nun erneut über zehn Tage. Und zur guten Resonanz trugen nicht zuletzt die hervorragenden Musiker bei: von den Dirigenten David Stern und Reinhard Goebel über die Virtuosi Saxoniae unter Leitung von Ludwig Güttler bis zu den Solisten Hille Perl und Patrick van Goethem.

Doch es war auch aus anderer Sicht ein bedeutsames Musikfestival. Seit 1962 sind die Festtage aufs engste mit der internationalen Telemann-Rezeption und modernen Erstaufführungen verbunden. In diesem Jahr lag ein Hauptaugenmerk – passend zur Lutherdekade – zudem auf der Kirchenmusik des Komponisten, die ganz in lutherischer Tradition steht.

Programmatisch wurde es beim Konzert »Telemann und Luther«, das sich bewusst am Themenjahr »Reformation und Musik« orientierte und den Blick auf das von Luther geprägte und eingeführte Liedgut der Reformation lenkte. Telemann verwendete Lieder in vielfältiger Weise in seinen Werken. In den fünf erstmals wieder erklingenden Kompositionen verarbeitete er Texte und Melodien Luthers. Dazu gehören das schon 1524 in Magdeburg in Umlauf gebrachte »Es woll uns Gott genädig sein«, »Es spricht der Unweisen Mund wohl«, »Vater unser im Himmelreich«, »Mitten wir im Leben sind«, »O Herre Gott, dein göttlich Wort« und »Ein feste Burg ist unser Gott«.

Ergänzt wurde das Programm durch Choralbearbeitungen Telemanns über Melodien von Luther-Liedern für Orgel. Auch hier habe sich Telemann dem Kernbestand des protestantischen Liedgutes zugewandt, hieß es.

Aber auch an anderer Stelle war das kirchenmusikalische Werk Telemanns präsent, was bei mehr als 1700 Kirchenkantaten nicht weiter verwundert. Das spiegelte sich etwa im Konzert »Jauchze, singe, jubiliere« wieder, bei der in Magdeburg neben der Kapitänsmusik 1730 auch zwei Kantaten zur Zweihundertjahrfeier der Augsburgischen Konfession von der Merseburger Hofmusik unter der Leitung von Michael Schönheit aufgeführt wurden. Hier, so Ralph-Jürgen Reipsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Telemann-Zentrum, zeige sich letztlich auch sein Standpunkt als Christ und lutherischer Kirchenmusiker, dem das Gotteslob ein zentrales Anliegen war.

Martin Hanusch

Das Passionsoratorium »Der Tod Jesu« wurde von MDR-Figaro mitgeschnitten und soll am Karfreitag (6. April) um 13.05 Uhr ausgestrahlt werden.

Ein blindes Kind entscheidet, wer neuer Papst wird

23. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ägypten: Nach dem Tod von Kopten-Papst Schenuda III. beginnt die Suche nach einem Nachfolger

Mitten in die schweren Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen in Ägypten kam am Wochenende die Nachricht vom Tod des Oberhauptes der koptischen Christen.

Am Dienstag wurde für das verstorbene Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche in der großen Kathedrale von Kairo die Messe gelesen. Anschließend wurde Schenuda III., der die Kirche mehr als 40 Jahre leitete, in einem Kloster im Wadi Natrun beerdigt. Der Kopten-Papst starb am vergangenen Sonnabend, 17. März, im Alter von 88 Jahren in seiner Residenz nahe der Kathedrale in Kairo. Schon länger hatte Schenuda Berichten zufolge mit Leber- und Lungenproblemen zu kämpfen. Und es wird über die Nachfolge debattiert.

Die Papstwahl ist kompliziert. Geregelt wird sie durch die Traditionen der koptischen Kirche, die als eine der ältesten christlichen Kirchen gilt, sowie durch ein Präsidentendekret aus dem Jahre 1957. Der Wahlprozess nimmt mindestens drei Monate in Anspruch. Vermutlich wird es jedoch länger dauern, bis die weltweit zehn Millionen koptischen Christen ein neues Oberhaupt bekommen: Es gilt als wahrscheinlich, dass zunächst die Wahl des ägyptischen Präsidenten abgewartet wird.

Der neue Papst wird von einer Versammlung gewählt, die aus drei Gremien besteht: Das mächtigste ist die Heilige Synode. Sie besteht aus bis zu 150 Bischöfen und anderen hohen Würdenträgen. Hinzukommt der sogenannte Millet-Rat, ein weltliches Gremium mit 24 gewählten Mitgliedern, unter ihnen auch einige Frauen. Ebenfalls stimmberechtigt ist ein vom ägyptischen Präsidenten ernanntes Gremium. Es umfasst wichtige koptische Persönlichkeiten.

Innerhalb eines Monats nach dem Tod des Papstes soll ein 19-köpfiges Gremium zusammentreten und zunächst eine Kandidatenliste erstellen. Wählbar ist ein koptischer Ägypter, der älter als 40 Jahre ist und seit mindestens 15 Jahren im Kloster lebt. Es muss mindestens fünf Kandidaten geben, aber nicht mehr als sieben. Dann wird gewählt.

Das letzte Wort hat allerdings nicht die Wahlversammlung, sondern der Wille Gottes, so will es die Tradition. Daher werden im Anschluss an die Wahl die Namen der drei Kandidaten mit den meisten Stimmen auf Zettel geschrieben. Ein blindes Kind wählt einen davon aus.

Derzeit werden mehrere Kandidaten in der ägyptischen Presse als Favoriten diskutiert: Im Gespräch ist Bischof Bischoi von Damietta, der in den vergangenen Jahren mehrfach mit provokanten Bemerkungen gegen Muslime für Aufruhr gesorgt hatte. 2010 sagte er, dass die Muslime »Gäste« im ursprünglich christlichen Ägypten seien, wo koptische Christen rund zehn Prozent der 83 Millionen Ägypter ausmachen. Ob er gewählt werden kann, muss allerdings noch geklärt werden: Als Bischof mit Diözese ist er eigentlich als Kandidat ausgeschlossen.

Ein weiterer Kandidat ist Bischof Mussa. Er ist bisher zuständig für Jugendangelegenheiten und vor allem bei jungen Christen sehr beliebt. Gute Chancen werden zuletzt auch Bischof Yuanis eingeräumt. Er war bisher einer der päpstlichen Sekretäre und gilt als enger Vertrauter des verstorbenen Papstes.

Der sich derzeit in Deutschland aufhaltende Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ägypten, Andreas Jacobs, meint, die Situation verschaffe den Kopten »zumindest eine Atempause«. Mit dem sehr alten und »öffentlich kranken« Papst habe es den Kopten zuletzt an Führung gefehlt, worunter viele gelitten hätten. Jetzt könnten die Kopten die Gelegenheit nutzen, die Umbruchphase in Ägypten intensiver mitzugestalten und sich »politisch anders oder besser« zu positionieren. Insgesamt schätzt er jedoch die zukünftige Situation für die koptischen Christen in Ägypten pessimistisch ein.

Der koptisch-orthodoxe Bischof Anba Damian äußerte die Hoffnung, dass es aus Respekt vor dem Kopten-Oberhaupt keine Gewalt gegenüber koptischen Christen gebe. »Wir hoffen, dass die Menschen vernünftig bleiben«, sagte Damian. Das Oberhaupt der koptischen Kirche sei ein Schutzgarant für die koptischen Christen gewesen. Der Papst habe sich sehr stark für den Frieden zwischen Muslimen und Christen eingesetzt. Auch bei den Muslimen habe der Kopten-Papst eine große Anerkennung gehabt.

Zugleich kritisierte Damian, dass koptische Christen von der Regierung zu wenig vor Übergriffen geschützt würden. »Es gibt keinen Schutz durch das Gesetz, keinen Schutz durch die Behörden und auch keinen Schutz durch die Armee.« Bislang habe sich durch die neue Regierung nichts für die Situation der Kopten verbessert.

Julia Gerlach (epd)

Hiob macht nicht mehr mit

23. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Hiob glaubt Gott nicht mehr – genau deswegen ist er fromm

Das Buch Hiob ist das Buch des schwarzen theologischen Wissens, eine Partisanentheologie ohne Netz und doppelten Boden, ein Blick ins Dunkel vor dem ersten Schöpfungstag. Dass Hiob es überhaupt in den Kanon der heiligen Schriften geschafft hat, verdankt sich vielleicht einer der ehrwürdigsten Eigenschaften des Heiligen Geistes: Der List. Vielleicht waren die Zensoren nur müde geworden, vielleicht hatte sich aus der Müdigkeit Sympathie entwickelt, absichtslos, weil man spürte, dass der geschlagene Mann Hiob aus dem Lande Uz etwas mit einem selbst zu tun haben könnte.

Die Figur des unschuldig leidenden Hiobs hat immer wieder auch Künstler inspiriert – wie den Bildhauer Gerhard Marcks (1889–1981), der unter anderem vor seiner Verfemung durch die Nationalsozialisten Lehrer am Weimarer Bauhaus und an der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle war. – Foto: Andreas Praefcke/Wikipedia

Die Figur des unschuldig leidenden Hiobs hat immer wieder auch Künstler inspiriert – wie den Bildhauer Gerhard Marcks (1889–1981), der unter anderem vor seiner Verfemung durch die Nationalsozialisten Lehrer am Weimarer Bauhaus und an der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle war. – Foto: Andreas Praefcke/Wikipedia

Unheil wurde auf Gott zurückgeführt
Hiob ist ein glücklicher Mann, er hat sieben Söhne und drei Töchter, er ist wohlhabend durch großen Vieh- und Landbesitz. Vor allem aber: Er ist fromm und rechtschaffen, eingebunden in eine Religion, die von einem Tun-Ergehens-Zusammenhang menschlichen Handelns und menschlichen Schicksals ausgeht: »Sonderlich bei großen menschlichen Untaten wusste man, dass über kurz oder lang das Unheil zu dem Täter zurückkehren werde.

Man mache sich klar, dass die gesamte Unheilsverkündigung der Propheten auf dieser Erkenntnisruht«, schreibt der Alttestamentler Gerhard von Rad. Krankheit und Unheil wurden im hebräischen Denken auf Gott zurückgeführt, der so auf eine bestimmte Schuld der Menschen reagierte. Feierliche Schuldbekenntnisse bildeten dann den kultischen Rahmen, der dazu diente, das Verhältnis von Mensch und Gott wieder zu bereinigen.

Neuauslegung des Sündenfalls
Der theologische Dammbruch des Buchs Hiob besteht also nicht im Unglück Hiobs, sondern in seiner Reaktion: Er rebelliert, wo eigentlich kultisch gestaltete Buße geboten ist, wie sie etwa Samuel noch praktiziert: »Es ist der Herr; er tue, was ihm wohlgefällt« (1. Samuel 3,18). Zunächst reagiert Hiob ähnlich kontrolliert, trotz des Todes seiner Kinder, trotz finanziellen Ruins, trotz der Krankheit, die ihn mit Geschwüren entstellt. Und doch ist sein Bekenntnis seltsam doppeldeutig:

»Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?« Hiob 2,10. Der Leser weiß hier längst, was Hiob nur ahnen kann, dass nämlich »Gott« selbst der Urheber von Hiobs Schicksalsschlägen ist, was das Buch Hiob theologisch zu einer ungewollten Neuauslegung des »Sündenfalls« macht: Gottes Sündenfall. »Du aber hast mich bewogen, Hiob ohne Grund zu verderben«, sagt Gott in Hiob 2,3 zu Satan.

Die Wette Gottes mit dem Satan
Die Theologie des Buches Hiob gleicht einem Drahtseilakt: Um die Herkunft des Bösen, des Unheils in der Welt zu erklären, führt sie das Böse auf Gottes freien Willen zurück – und erschafft einen Gott, der sich wissentlich fürs Böse entscheidet. Die Wette Gottes mit Satan im Buch Hiob verschlüsselt das bislang Undenkbare: Der unschuldige Hiob handelt moralischer als Gott:

»So merkt doch endlich, dass Gott mir unrecht getan hat und mich mit seinem Jagdnetz umgeben hat. Siehe, ich schreie ›Gewalt!‹ und werde doch nicht gehört; ich rufe, aber kein Recht ist da«, klagt Hiob (19,6+7). Hiobs Freunde sind aufgrund ihres Verhaltens nicht zu tadeln: Sie versuchen durch ihre Rückfragen, das Unglück Hiobs auf dessen moralisches Fehlverhalten zurückzuführen. Sie greifen auf nichts anderes als das überlieferte und darum gängige religiöse Wissen ihrer Zeit zurück.

Aus einem Gewittersturm antwortet Gott
Das Maß der Unantastbarkeit ihres theologischen Wissens ist zugleich das Maß der Unerbittlichkeit jenes Gottes, mit dem sie sich – gegen Hiob – verbunden fühlen. Genau diese Unerbittlichkeit Gottes wird am Ende des Hiobbuchs nicht aufgelöst, sondern verstärkt. Aus einem Gewittersturm antwortet Gott endlich auf Hiobs Fragen. Deutlicher formuliert: Indem der Gott des Gewittersturms vor Hiob seine eigene Macht betont, seine eigene Schöpfungskraft und Potenz, glaubt er, die Fragen Hiobs zu überwinden. »Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist.

Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat?« (Hiob 38,4+5). In Wahrheit unterläuft er Hiobs Fragen, beantwortet, was nie in Zweifel stand, gibt naturkundliche Antworten, wo Hiob nach Moral fragte. Ernst Bloch hat den inneren Widerspruch des Gottesbildes Hiobs unvergleichlich auf den Punkt gebracht: »Der Freund, den Hiob sucht, der Verwandte, der Rächer, kann nicht der gleiche Jachwe sein, gegen den Hiob den Rächer aufruft.«

Ob der Himmel auf uns wartet, ist noch offen
Der Gott des Exodus, mit dem Abraham vor Sodom um Überlebende feilschte, der Israels Glaube an Recht und Gerechtigkeit band, der sich durch den Mund der Propheten für Rechtlose, Witwen und Waisen stark machte, kann unmöglich der Gott sein, der sich mit Satan aufs kurzweilige »Wetten, dass …« verständigt und sich abschließend auf dem schöpfungstheologischen Ticket aus der Verantwortung stiehlt. Die unausgesprochene Lösung, die das Hiob-Buch nahelegt, begreiflicherweise aber nicht ausspricht, ist die Verabschiedung dieses Gottes. Damit ist zugleich die Annahme, das Alte Testament, die Bibel der Hebräer, verfüge über ein einheitliches Gottesbild, damit auch über eine einheitliche Theologie, hinfällig.

Ob der Himmel auf uns wartet, ist noch offen. Hiob jedenfalls hält stand. Die entlarvende Auskunft des Gottes aus dem Gewittersturm, »dass die Welt auch ohne Mensch bestehen könne, dass sie nicht auf ihn bezogen sei: diese Lehre ist am wenigsten die messianische, die Hiob erwartet. Der Gott, von dem im Hiob die Rede ist: an seinen Früchten erkannt, mit so viel Gewalt und Größe herrschend und erdrückend, tritt nur als Pharao vom Himmel her entgegen, doch Hiob eben ist gerade fromm, indem er nicht glaubt«, schreibt Ernst Bloch.

Hiobs Thema im 20. Jahrhundert
Mehr als zwei Jahrtausende sind seit Hiob vergangen, sein Thema ist nicht vergessen. Nur seine Schlussfolgerung spitzte sich im 20. Jahrhundert dramatisch zu. Es war der jüdische Philosoph Günther Anders, der die Frage eines TV-Journalisten »Glauben Sie an Gott, wenn nein, warum nicht?« so beantwortete: »Wenn es Gott gibt, dann ist er einer, der Auschwitz und Hiroshima nicht verhindert hat. Ist solch ein Gott ein gerechter Gott? Einer, zu dem wir beten dürfen, ohne uns zu entwürdigen? Einer, den wir anbeten dürften, ohne uns zu schämen? Ohne uns zu Komplizen seines Zulassens zu machen? Finden Sie nicht, dann besser kein Gott?«

Der »mitleidende Gott« spendet Kraft und Trost
Ob der Himmel dereinst freundlich erleuchtet auf uns Menschen wartet oder ob er leer ist, weil niemand wartet, ist noch nicht ausgemacht. Kein innerweltliches Leid kann jedenfalls, durch welchen Tausch auch immer, wieder gut gemacht werden. Mit dieser Perspektive müssen wir Menschen, so der Philosoph Jürgen Habermas, »prinzipiell trostlos leben«. Dass der christlich vorgestellte »mitleidende Gott«, Kranken und Leidenden Kraft und Trost spenden kann, sei unbestritten. Dann aber ist er gewiss auch schwache Quelle jenes schwarzen Humors des kranken Schriftstellers Robert Gernhardt: »Gut schaust du aus! – Danke! Werds meinem Krebs weitersagen. Wird ihn ärgern.«

Christian König

»Auf ›Grüne Gentechnik‹ können wir getrost verzichten«

22. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Landwirtschaft: Warum ostdeutsche Familienbetriebe von »gentechnisch verbesserten« Pflanzen und Tieren nichts wissen wollen


Betriebswirtschaftlich gefährlich und produktionstechnisch überflüssig – so lautet das Urteil von Landwirt Reinhard Jung über die Gentechnik.

Für Reinhard Jung ist es die schönste Rinderrasse überhaupt – das Rotbunte Niederungsvieh. Voller Stolz tätschelt er einen Jungbullen aus seiner Herde. »Das gibt saftige Steaks.« Und gutes Geld. Klasse, statt Masse, so seine Devise. Darum extensive Fütterung, artgerechte Haltung mit dem Gang auf die Weide. Der Landwirt aus Lennewitz in der Prignitz bewirtschaftet derzeit 32 Hektar im Nebenerwerb. Bald sollen es 50 sein. Das den Bauern oft nachgesagte notorische Klagen hört man bei Jung nicht. »Ich bin sicher nicht mit einem Stein auf der Brust geboren worden«, sagt er und lacht.

Reinhard Jung und sein Rotbuntes Niederungsvieh: Von den Segnungen der »Grünen Gentechnik« hält der Aktivist des Deutschen Bauernbundes nichts. – Foto: Frank Stubenrauch

Reinhard Jung und sein Rotbuntes Niederungsvieh: Von den Segnungen der »Grünen Gentechnik« hält der Aktivist des Deutschen Bauernbundes nichts. – Foto: Frank Stubenrauch

Ärgern tut sich Reinhard Jung freilich schon gelegentlich. Nicht nur über die manchmal zu hörende These, nur dem Großbetrieb in der Landwirtschaft gehöre die Zukunft. Er ärgert sich auch, wenn Menschen die vermeintlichen Segnungen der »Grünen Gentechnik« preisen. Denn die sehen er und die anderen ostdeutschen Landwirte, die im Deutschen Bauernbund (siehe unten) zusammengeschlossen sind, äußerst kritisch.

Seine Argumente kommen aus der bäuerlichen Praxis: »Die ›Grüne Gentechnik‹ ist aus unserer Sicht betriebswirtschaftlich gefährlich und produktionstechnisch überflüssig«, sagt er kurz und bündig. Was das bedeutet? Der Produktionserfolg eines Landwirtschaftsbetriebes ist von etlichen Faktoren abhängig. Eine Reihe davon sind von den Landwirten nicht oder kaum zu beeinflussen. »Wir brauchen zum Beispiel Landtechnik, wir brauchen Spritz- und Düngemittel und sind dabei abhängig von Anbietern und Preisentwicklungen«, erklärt Jung. Zudem gibt es in dem Bereich eine immer höhere Konzentration der marktbeherrschenden Betriebe. Ebenso auf der Abnehmerseite.

»Für unsere unternehmerische Freiheit ist deshalb die Verfügungsgewalt über unseren Boden, über unsere Pflanzen und über unsere Tiere unverzichtbar. Die gehören keinem sonst«, sagt er mit Nachdruck. Und genau hier liege das Problem der Gentechnik – dass plötzlich ein Unternehmen mit Hilfe von Patentrechten das Eigentum an Pflanzen oder Tieren und an deren Nachkommen einfordert. Alles abgesichert mit entsprechenden Gesetzen, die in den USA selbst große Agrarunternehmen in die Knie gezwungen haben. »Und nur, weil sie bei einer Pflanze mit Millionen Genen, die uns der liebe Herrgott umsonst geschenkt hat und die wir Landwirte seit Tausenden Jahren durch Züchtung verbessert haben, ein einziges Gen verändert haben?«, fragt Jung.

Er macht es mit einem Vergleich deutlich: »Da kommt einer und schraubt mir auf mein Treckerrad eine neue, vielleicht sogar wirklich verbesserte Ventilkappe auf und sagt: ›Jetzt gehört der Trecker mir. Wenn du damit fahren willst, musst du Jahr für Jahr eine Nutzungsgebühr an mich entrichten.‹« Gegen diese faktische Enteignung müsse man sich wehren.

Und auf der anderen Seite sei die »Grüne Gentechnik« produktionstechnisch überflüssig. Dies zeige schon ein Vergleich der Hektarerträge in den USA mit Deutschland. Obwohl dort inzwischen auf fast 40 Prozent der Fläche gentechnisch »verbesserte« Pflanzen wachsen, liegen die Erträge in Deutschland deutlich höher. »Wer die Fruchtfolge einhält und keine Monokulturen anbaut, wer fachmännisch und zur richtigen Zeit seine Bodenbearbeitung macht, der behält auch die Schädlinge und die Unkräuter im Griff«, sagt Bauer Jung. Das sei ja gerade das Geheimnis erfolgreicher bäuerlicher Praxis.

Demgegenüber werben Firmen der »Grünen Gentechnik«, wie der US-amerikanische Marktführer Monsanto, mit einem »Rundum-Sorglos-Paket«: Man kauft Saatgut von Pflanzen, die gegen das gleichzeitig angebotene Spritzmittel Glyphosat, unter anderem unter dem Handelsnamen Roundup bekannt, resistent sind. Und schon gebe es keine Probleme mehr. »Das ist Landwirtschaft für Blöde und hat in der Praxis keinen Bestand«, erregt sich Jung. Dabei ist er kein Dogmatiker. Glysophat könne schon gelegentlich nützlich sein, wenn man mal auf einen Schlag des Unkrautes nicht mehr Herr werde. »Aber die Ausbringung von Giften darf nie zum integralen Bestandteil des Produktionssystems werden«, betont der Landwirt.

Genau das aber geschieht in zunehmendem Maße. Vor allem in Südamerika schlagen Umweltschützer inzwischen Alarm, weil sich im Zuge des gigantisch gewachsenen Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen, vor allem Mais und Soja, die Ausbringung von glysophathaltigen Unkrautvernichtungsmitteln pro Fläche vervielfacht hat. Ein Grund dafür ist, neben unsachgemäßem Umgang, die Entwicklung giftresistenter Unkräuter.

»Die Natur schlägt zurück«, kommentiert Jung diese Entwicklung. Es zeige sich, »dass wir mit der ›Grünen Gentechnik‹ nur in eine neue gewaltige Spirale von Chemie und noch mehr Chemie kommen«. Zur Abhängigkeit vom patentrechtlich geschützten Saatgut komme auch noch die Abhängigkeit von der vom gleichen Unternehmen angebotenen Chemie. »Da kann man schon fast von Leibeigenschaft reden.«

Reinhard Jung ist deshalb froh, dass in Deutschland bisher die »Grüne Gentechnik« nicht Fuß fassen konnte, sich die Verbraucher mehrheitlich dagegenstellen. »Der liebe Gott hat uns so schöne Sachen gegeben, von denen wir wunderbar leben können«, sagt er und lässt die Augen über seine »Rotbunten« schweifen.

Harald Krille

Der Deutsche Bauernbund

Der Deutsche Bauernbund (DBB) vertritt mehr als tausend Landwirte in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen. Diese bewirtschaften ausschließlich bäuerliche Familienbetriebe (Durchschnittsgröße 300 Hektar) mit unterschiedlichen Produktionsschwerpunkten im Haupt- oder Nebenerwerb. Die DDB-Mitglieder verbindet, dass sie »freie Bauern auf freier Scholle« sein wollen. Zu ihrem Selbstbewusstsein gehört die Überzeugung, der bäuerliche Familienbetrieb sei »langfristig gesehen die leistungsfähigste Form, Landwirtschaft zu betreiben – und damit das Beste, was Deutschland und der Welt passieren kann«, wie es im Prospekt des Verbandes heißt.

Die Berufsorganisation, die mit der Unterzeile »christlich – konservativ – heimatverbunden« wirbt, entstand in der Nachwendezeit, als sich die Familienbetriebe gegenüber den aus den LPGs entstandenen Agrargenossenschaften benachteiligt sahen. Der DBB versteht sich so auch als Alternative zum Deutschen Bauernverband (DBV) und hat inzwischen ein eigenständiges und breites agrarpolitisches Profil entwickelt, auch über die Frage der Agrarstruktur hinaus.

(GKZ)

www.bauernbund.de

Das Bild des »ersten neuen Mannes«

22. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Mehr als ein Statist an der Krippe von Bethlehem: Zum Fest des heiligen Josef am 19. März

Innerhalb der »Heiligen Familie« hält er die undankbarste Rolle besetzt, in der Bibel führt er ein Schattendasein und in der Kirche wurde er erst im neunten Jahrhundert einigermaßen populär: Josef. In künstlerischen wie bäuerlichen Krippendarstellungen wirkt er oft wie ein Statist. Lukas Cranach etwa malte ihn auf seinem 1509 entstandenen Fürstenaltar (Torgauer Altar) neben der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben als Beiwerk im Hintergrund – schlafend.

Familienbild: Großmutter, Mutter und Kind – »Anna selbdritt« nennt man in der christlichen Kunst das Motiv, welches die heilige Anna (rechts im Bild) mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben zeigt. Im Hintergrund der ­schlafende Josef. Repro: Archiv

Familienbild: Großmutter, Mutter und Kind – »Anna selbdritt« nennt man in der christlichen Kunst das Motiv, welches die heilige Anna (rechts im Bild) mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben zeigt. Im Hintergrund der ­schlafende Josef. Repro: Archiv

Die Zurückhaltung vieler Künstler und Krippenbauer entspricht allerdings exakt der sparsamen biblischen Überlieferung. Josef ist keine interessante Gestalt für die Evangelien. Wir finden nichts über die Familienstrukturen im Haus zu Nazaret, kein Psychogramm seiner Beziehung zu Maria, zum Sohn. Nur die knappe – wiewohl tiefsinnige – Auskunft, er sei »fromm« gewesen (Matthaus 1,19). Kein Wort darüber, was er bei der gefährlichen Wanderung mit der hochschwangeren Maria nach Bethlehem empfand und bei der Geburt seines Sohnes im elenden Stall. Kein Wort über seine Gefühle, als die Familie im Schutz der Dunkelheit nach Ägypten fliehen musste.

Eine leise Andeutung allenfalls zwölf Jahre später, als der kleine Jesus im Jerusalemer Festtrubel verloren ging und im Tempel wieder auftauchte, altklug mit den Schriftgelehrten diskutierend. »Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht«, hielt ihm Maria vor (Lukas 2,48). Es ist das letzte Mal, dass Josef in den Evangelien erwähnt wird. Bei der Hochzeit zu Kana, als Jesus ins Licht der Öffentlichkeit tritt, ist er offenbar bereits Halbwaise.

Der schlafende Held im Hintergrund

Josef, der Mann im Hintergrund. Stets verfügbar, schweigend, klaglos seine Pflicht erfüllend. Josef, der typische gläubige Jude, der auf den Messias wartet und auf Gott horcht. Nie lesen wir davon, dass er seine Abstammung aus dem Geschlecht des Königs David hervorkehrte, aus dem einst der Messias kommen sollte. Dabei hätte ihn sein armseliges Handwerkerleben leicht verführen können, sich in die verflossene Herrlichkeit des Davidsreiches wegzuträumen und die triste Wirklichkeit hinter der Fassade eitler Selbstüberschätzung verschwinden zu lassen.

Josef war ja bestimmt kein ehrengeachteter Schreinermeister oder Kleinunternehmer, wie wir uns das gern vorstellen. Zum einen hatte das Zimmererhandwerk im Orient ein sehr schlechtes Prestige, zum andern konnte im kleinen Nazaret wohl kaum ein spezialisierter Schreiner existieren. Josef wird sich mit einer Reihe handwerklicher Arbeiten und ein paar Schafen oder Rindern mühsam fortgebracht haben. Vermutlich hat er Wiegen und Särge gezimmert, Hacken, Rechen und Milchkübel zurechtgehämmert, Türen eingehängt und wurmstichige Pflüge gerichtet.

In der Geschichte Gottes mit den Menschen kommt dem kleinen Sargtischler und Gerätereparateur freilich eine überragende Bedeutung zu. ­Gemeinsam mit Maria geht er den ­Menschen auf dem Pilgerweg des Glaubens voran. Weil er aber aus seiner Rolle kein Drama macht, darum spricht sein stilles Leben eine unüberhörbare Sprache. Er tut, was notwendig ist, ohne viel zu reden und sich selbst zu bespiegeln. Er ist stark im Glauben, weil er ein waches Ohr für Gott hat und zupackt, wenn von ihm verlangt wird, zu handeln.

Respekt vor dem schlichten Alltag lässt sich von Josef lernen und der Mut, einfach seine Pflicht zu erfüllen und sich nicht in fruchtlose Träume von jenem »eigentlichen« Leben zu flüchten, das erst richtig Sinn machen würde – und natürlich unerreichbar ist.

Und noch eine zeitlose Botschaft enthält dieses scheinbar spurlos vorübergegangene Leben: Worauf es in der Partnerschaft zwischen Frau und Mann wirklich ankommt, ist die »Einheit der Herzen« (Augustinus). Oberflächlichen Betrachtern mag die Beziehung zwischen Maria und Josef als unglückliche Konstruktion erschienen sein. Wie peinlich für den vom Schicksal nicht gerade verwöhnten Davidsspross, als publik wurde, dass seine Verlobte schwanger war, ohne dass er eine Ahnung davon hatte!

Aber Josef war ein »Gerechter«, und die sind immer auch barmherzig. Statt also groß empört zu tun, beschloss er sich in aller Stille von Maria zu trennen (zwei Zeugen mussten ­dabei sein, denn die Verlobung galt nach damaligem Recht schon als ­Eheschließung), um sie nicht bloßzustellen. Wenn die Bibel Recht hat, kam es dann anders. Der Engel Gottes veranlasste Josef, Maria als seine Frau zu sich zu nehmen und ihrem Kind Vater zu sein.

Bereits am Anfang also schonende, behutsame Liebe statt des gekränkten Stolzes, den man eigentlich erwartet hätte. Es ist ein anderes Verhältnis zur Frau, als es die Geschichte der patriarchalischen Welt bis heute bestimmt: partnerschaftlich, respektvoll, lernfähig. Josef will nicht besitzen, sondern beschützen (was unter heutigen Bedingungen freilich als Anmaßung und schlecht bemänteltes Beherrschenwollen verdächtigt würde). Er will sich nicht bedienen lassen, sondern ein Leben begleiten.

Vor diesem Hintergrund gab ein unangepasster Pionier wie der Breslauer katholische Theologieprofessor und Volksschriftsteller Joseph Wittig (1926 wurde er exkommuniziert) Josef den Ehrennamen des »ersten neuen Mannes«. Wittig über das »Ehe-Elend unserer Tage«: Nur der Geist Gottes habe das Recht auf einen Menschen, »kein Mensch kann einen anderen Menschen zu Eigen und Besitz machen«.

Breitenwirkung musste solchen Einsichten allerdings versagt bleiben. Zumindest solange das blasse Ideal einer »Josefsehe«, das ­Zusammenleben unter Verzicht auf jeden sexuellen Kontakt, wie es die ­katholische Lehre im Blick auf das Verhältnis von Maria und Josef festschreibt, als Voraussetzung dafür angesehen wurde.

Vom Tollpatsch zum Beschützer der Kirche

In der Ostkirche, vor allem in Ägypten, wurde Josef schon früh verehrt und besungen: »Freue dich, du gerechter Josef, und lobe den Herrn. Freue dich, denn das Leben liegt an deiner Brust!« Im Westen hingegen wird er anfangs an den Rand gedrängt; er erscheint als unbequeme Figur, als Bedrohung für den Gottessohnmythos. Erst um 850 wird er im Martyrologium des Inselklosters Reichenau erwähnt, und von da ab fördern die Franziskaner und charismatische Reformer wie Bernhard von Clairvaux oder Teresa von Avila kräftig seinen Kult.

Bezeichnend, wie sich das Image des heiligen Josef in der bildenden Kunst und in den mittelalterlichen Weihnachtsspielen wandelt. Dort tritt er anfangs als tollpatschiger, seniler Hahnrei auf, zum Gaudium des Publikums: Im Stall von Bethlehem niest er so ungeschickt, dass er das Licht auslöscht, er lässt den Brei für das ­Jesuskind anbrennen und will ihm aus ­seinen durchlöcherten Hosen eine Windel machen.

Was allerdings schon die Vorstufe für eine erheblich sympathischere Rolle auf Altarbildern und Buchillustrationen des Spätmittelalters ist: Hier gibt Josef den fürsorglichen Familienvater, der Feuer macht, ein Süpplein kocht und das Badewasser für das Knäblein vorbereitet. Später, zur Zeit der Gegenreformation, sind es unter anderem die Habsburgerkaiser, die Josef zu ihrem Hausheiligen machen und zu einem himmlischen Vorbild für ihr leutselig-patriarchalisches Herrschaftsverständnis.

Der Tag des heiligen Josefs am 19. März wird in der katholischen Kirche als Hochfest »des Beschützers der ganzen Kirche« gefeiert. Auch in der evangelischen wie anglikanischen Kirche gilt der 19. März als Gedenktag an Josef.

Christian Feldmann

Ein Jahr ist purer Luxus

21. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Wolfgang Herrndorf gilt als Favorit für den Preis der Leipziger Buchmesse

Er ist bereits vor der Eröffnung der Buchmesse der Liebling des Publikums. Ein Liebling, der selbst täglich gegen den Tod anschreibt.
Es ist der Traum vieler Schriftsteller: hohe Buchauflagen, zahllose Buchpreise, Anerkennung und Möglichkeiten. Für den 47-jährigen Berliner Autor Wolfgang Herrndorf ist solch ein Traum wahr geworden.

Mit seinem Jugendroman »Tschick« stand er im vergangenen Jahr monatelang auf der Bestsellerliste. Und sein aktuelles Buch »Sand« ist kaum weniger gefragt und abermals nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Schreiben und Lesen als Lebenselixier: Wolfgang Herrndorf lebt im Angesicht des Todes »so, wie ich immer hätte leben sollen«. Foto: Mathias Mainholz

Schreiben und Lesen als Lebenselixier: Wolfgang Herrndorf lebt im Angesicht des Todes »so, wie ich immer hätte leben sollen«. Foto: Mathias Mainholz

Und doch grenzt dieser Traum für Herrndorf auch an einen Albtraum. »Jetzt könnte ich sechsstellige Summen verdienen, und es gibt nichts, was mir egaler wäre«, schreibt er in seinem Internet-Tagebuch. Vor zwei Jahren wurde bei Wolfgang Herrndorf ein bösartiger Gehirntumor diagnostiziert. Seither lebt er mit einer schmal gewordenen Frist. Doch Herrndorf will sich nicht ergeben, nicht aufgeben, will noch etwas von der Welt in ihm nach draußen geben.

Immer wieder errechnet er mit Statistiken die verbleibende Zeit, überlegt, ob sie noch ausreicht. »Ich werde noch ein Buch schreiben, sage ich mir, egal wie lange ich noch habe, wenn ich noch einen Monat habe, schreibe ich eben jeden Tag ein Kapitel. Wenn ich drei Monate habe, wird es ordentlich durchgearbeitet, ein Jahr ist purer Luxus.«

Herrndorf zwingt sich in die Gegenwart, ohne Blick zurück, ohne Blick voraus. Er schreibt mit einer unglaublichen Energie. Und findet darin das, was ihn am Leben erhält: »Arbeit und Struktur« – so auch der Titel seines Tagebuchs. Findet er darin nicht sogar Erfüllung? »Ich lebe so, wie ich immer hätte leben sollen. Und es nie getan habe, außer vielleicht als Kind«, bilanzierte er vor einem Jahr.

Es ist, als vermesse dieser Mann in seinen sogenannten besten Jahren nicht wie üblich die satte Breite und Länge des Lebens, sondern seine Tiefe. Alles kommt auf den Prüfstand: Ist es Zeitverschwendung, ist es wesentlich? Konventionen und alles, was man angeblich wissen oder gelesen haben muss, wird nachrangig. »Ich sterbe, und du erzählst mir ungefragt deinen ganzen nicht enden wollenden, langweiligen Lebenslauf«, schrieb Herrndorf vor vier Monaten über ein »Mädchen auf irgendeiner Party«.

Ein Lebenselixier ist für ihn nicht nur das Schreiben, sondern auch das Lesen. »Existenziellen Trost« finde er im Teilnehmen an einem anderen Dasein, am Bewusstsein von Menschen, wie es in der Lektüre »großer Erzählungen« geschehe. Dostojewskis und Hesses Bücher gehören für ihn dazu.

Doch Wolfgang Herrndorf verschont den Leser nicht mit den Tiefpunkten. Da ist die Angst, die immer wieder angekrochen kommt. »Die Nächte sind schön und leicht zu ­er­tragen. Jeder Morgen ist die Hölle.«

Er beschreibt Panikattacken, epileptische Anfälle, die ihn stumm machen und Stimmen hören lassen und die Welt aufzulösen scheinen. Seine größte Angst: Irgendwann nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein.

Zum Rettungsanker wird ihm die Vorstellung des selbstbestimmten Sterbens, er nennt es »Exitstrategie«. Wie Hohn erscheinen ihm Worte Margot Käßmanns, die eine Gefahr im »zur Verfügung gestellten effektiven Tod« sieht. »Mitleiderregende Dummheit« kann Herrnsdorf diese wohlfeilen Worte nur nennen.

Es gibt für ihn offenbar so etwas wie Beruhigung der Angst durch Einwilligung. Und so entstehen Momente, in denen er das Glück im Leben und das Glück im Tod sehen kann: Glück ist pulsierendes Leben. Glück ist, zum Ende zu kommen.

Einmal ist Herrndorf fähig zu einer Liste von Dingen, die besser geworden sind: »Nie wieder Steuererklärung, nie wieder Rentenversicherung, nie wieder Zahnarzt. Ich werde meine Eltern nicht zu Grabe tragen.«

Als Geschenk kann man Herrndorfs brillante Romane begreifen. Ein Geschenk ist aber auch sein Tagebuch, seine Sicht auf das Leben, die die vielen kleinen Tode im Leben entlarvt. Er zeigt die Möglichkeiten des Lebens:

»Ich will mein Leben tanzen / Ihr Lächeln, das ich nie vergessen werde / Wenn sie lachte, hatte ich Hoffnung / Einladung in den Himmel / Flieg mit den Vögeln / Mutti, ich hab’ noch nicht Tschüss gesagt.«

Stefan Seidel

www.wolfgang-herrndorf.de

Der Unbeugsame

20. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Iran: Wegen seines Glaubens droht im islamischen Gottesstaat einem protestantischen Pfarrer die Hinrichtung

Dem iranischen Pfarrer ­Youcef Nadarkhani droht die Hinrichtung. Weil er als ­junger Mann vom Islam zum Christentum übergetreten ist und eine evangelische ­Hauskirche leitete.

Von Youcef Nadarkhani gibt es einige Bilder in hellblauer Häftlingskleidung, wie er in seiner Zelle auf einer Pritsche sitzt und schüchtern in eine Kamera lächelt. Sie sind in einer Haftanstalt des iranischen Geheimdienstes in der Stadt Lakan entstanden, irgendwann nach dem 12. Oktober 2009, dem Tag, an dem er von einem Revolutionsgericht vorgeladen und verhaftet wurde. Anfangs durfte er regelmäßig Besuch von seinem Anwalt, seiner Familie und seinen Freunden empfangen.

Ein Bild aus der Zeit vor seiner Verhaftung: Pfarrer Youcef Nadarkhani mit seiner Frau Pasandideh und den beiden Söhnen des Ehepaares. Foto: privat

Ein Bild aus der Zeit vor seiner Verhaftung: Pfarrer Youcef Nadarkhani mit seiner Frau Pasandideh und den beiden Söhnen des Ehepaares. Foto: privat

Doch damit war es bald vorbei. Das iranische Regime übte massiven Druck aus. Sein Vergehen: Er war als 19-Jähriger vom Islam zum Christentum konvertiert und leitete bis zu seiner Verhaftung als Pastor eine 400 Mitglieder große freikirchliche evangelische Hauskirche.
Erst wurden die Besuche seines Anwalts eingeschränkt, dann wurde am 18. Juni 2010 seine Frau Fatemeh Pasandideh inhaftiert.

Man brachte sie ebenfalls ins Gefängnis nach Lakan. Die zwei Kinder des Ehepaares, ein Junge ist sieben, der andere neun, blieben bei Verwandten. Die iranischen Behörden drohten den Eltern, ihnen die Jungen wegzunehmen und in eine muslimische Familie zu geben. Nadarkhanis Frau Pasandideh wurde ohne Beistand eines Anwalts zu lebenslanger Haft verurteilt.

Dann der große Schock: Am 22. September 2010 verurteilte die Erste Kammer des zuständigen Revolutionsgerichts den Pastor wegen des »Abfalls vom islamischen Glauben« und der »Verbreitung nichtislamischer Lehren« zum Tode.

Seine Frau wurde nach einem Berufungsverfahren nach viermonatiger Haft freigelassen, Nadarkhani aber wurde innerhalb des Gefängnisses in die Sektion für politische Gefangene verlegt. Er durfte keinen Besuch mehr erhalten. Am 13. November 2010 erhielt er von der Ersten Kammer des Revolutionsgerichts das schriftliche Urteil. Der Einspruch von Nadarkhanis Anwalt beim höchsten iranischen Revisionsgericht wurde verworfen, am 28. Juni 2011 bestätigte die dritte Kammer des Obersten Gerichtshofs in Qom die Todesstrafe.

Youcef Nadarkhani wurde allerdings ein Ausweg angeboten. Der einzige Weg, dieses Urteil außer Kraft zu setzen, wäre die Lossagung von seinem Glauben. Nach Informationen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main sollte er durch eine Vielzahl an »Maßnahmen« wieder zum »richtigen« Glauben zurückgeführt werden. Im Zuge einer Verurteilungs- und Einschüchterungswelle wurde auch Nadarkhanis prominenter Anwalt Mohammad Ali Dadkhah Anfang Juli 2011 zu Peitschenhieben, neun Jahren Haft und einem zehnjährigen Berufsverbot sowie einer Geldstrafe verurteilt.

Dass nun seine Hinrichtung bevorsteht, erklären Beobachter mit der verfahrenen politischen Lage im Streit um das iranische Atomprogramm, die westlichen Sanktionen gegen das Mullahregime und die Kritik an den iranischen Vernichtungsdrohungen gegen Israel. Die Lage ist sehr ernst.

Sein Tod würde die Lage für alle Christen im Iran verschärfen. Warum an Nadarkhani nun ein Exempel statuiert werden soll, kann nur vermutet werden. Vielleicht liegt es daran, dass er auch außerhalb seiner Hauskirche für seine christlichen Überzeugungen eingestanden ist. Er protestierte beispielsweise 2009 gegen ein neues Gesetz, das eine noch stärkere Akzentuierung des muslimischen Glaubens im Schulunterricht vorsah.

Nadarkhani wäre seit Jahren der erste Konvertit, den die iranische Justiz wegen des »Abfalls vom Islam« ­hinrichten würde. Die bedrängte iranische Untergrundgemeinde geriete ­dadurch sicher noch stärker unter Druck. Der Iran würde sich jedoch vor aller Welt ins Unrecht setzen, denn das Recht auf Religionsfreiheit im UN-Zivilpakt hat auch der Iran völkerrechtlich bindend anerkannt.

Doch das Völkerrecht wird davon überlagert, dass der Islam im Iran Staatsreligion ist. Alle Gesetze und Vorschriften müssen der offiziellen, sehr strikten Interpretation der Scharia-Gesetze entsprechen. Betroffen sind besonders die Bahai, Sufi-Muslime und Christen muslimischer Herkunft. Die Verfolgung von religiösen Minderheiten nahm seit der Wahl des konservativen Hardliners Mahmud Ahmadinedschad zum Präsidenten ständig zu.

Trotz des harten Kurses der Regierung und islamischer Geistlicher gründen Konvertiten neue Hausgemeinden. Meist geben einheimische Christen ihren neuen Glauben an ihre muslimischen Verwandten und Freunde weiter oder Menschen kommen durch christliches Satellitenfernsehen und Internetangebote zum christlichen Glauben. Christen muslimischer Herkunft bilden die Mehrheit der christlichen Minderheit im Iran, die derzeit etwa 460000 Gläubige umfasst. Mehr als drei Viertel der Christen im Land sind ehemalige Muslime. So wie Youcef Nadarkhani.

Helmut Frank

www.igfm.de

Kirche zwischen Gewerkschaft und Himmelreich

19. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Debatte: Der kirchliche Sonderweg im Arbeitsrecht wird immer mehr infrage gestellt – was sagen die Politiker dazu?

Jahrzehntelang galt das kirchliche Selbstbestimmungsrecht in Sachen Arbeitsrecht für Mitarbeiter in der Diakonie als selbstverständlich. Doch der Streit, vor allem im Blick auf ein ­Streikrecht, spitzt sich zu. Die Kirchenzeitung befragte ­Vertreter der Fraktionen im ­Bundestag zu ihrer Sicht.

Ingrid Fischbach, stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Ingrid Fischbach, stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Ihre Position zum kirchlichen Arbeitsrecht?
Fischbach: Das kirchliche Arbeitsrecht als Ausdruck der Religionsfreiheit und des kirchlichen Selbstbestimmungs- und Selbstverwaltungsrechts ermöglicht eine sehr hohe Tarifbindung kirchlicher Einrichtungen. Der sogenannte »Dritte Weg« der Kirchen führt – und das ist bisweilen nicht ­bekannt – zu einem vergleichsweise hohen Vergütungsniveau: die Bezahlung entspricht im Wesentlichen der des Öffentlichen Dienstes. Damit hält der »Dritte Weg« jedem seriösen Vergleich mit nichtkirchlichen Tarifen stand.

Wie stehen Sie zum Streikverbot für kirchliche Mitarbeiter?
Fischbach: Das Streikverbot ergibt sich zunächst aus der Tatsache, dass Löhne und andere grundlegende ­Arbeitsbedingungen im kirchlichen Arbeitsrecht nicht einseitig vom Arbeitgeber festgelegt oder im Rahmen von Tarifverhandlungen ausgehandelt und beschlossen werden, sondern durch Gremien, die paritätisch aus den Reihen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber besetzt sind. Auch unterscheiden sich kirchliche Einrichtungen aufgrund ihrer religiösen Dimension von anderen Einrichtungen. Dennoch gilt es zu prüfen, ob Arbeitskampfmaßnahmen wie Streik und Aussperrung tatsächlich gänzlich mit der Zielrichtung kirchlicher Arbeit unvereinbar sind.

Was müsste sich konkret ändern?
Fischbach: Nicht die Regelungen des kirchlichen Arbeitsrechts sind problematisch, sondern einige regelwidrige Abweichungen von diesem als eine Reaktion auf den zunehmenden Wettbewerbsdruck und die geänderten ­Refinanzierungsbedingungen, insbesondere im Sozial- und Gesundheitswesen.

Raju Sharma, religionspolitischer Sprecher der ­Fraktion Die Linke

Raju Sharma, religionspolitischer Sprecher der ­Fraktion Die Linke

Ihre Position zum kirchlichen Arbeitsrecht?
Sharma: Das Sonderarbeitsrecht der Kirchen enthält den Mitarbeitern dort wichtige Rechte vor, die im öffentlichen Dienst oder der Privatwirtschaft selbstverständlich sind. In Tarifverhandlungen haben Beschäftigte kirchlicher Träger deshalb schlechtere ­Karten. Auch der Kündigungsschutz ist ein Problem. Uneheliche Kinder, Homosexualität oder Wiederheirat können (zumindest in der katholischen Kirche) nicht nur für den Pfarrer, sondern auch für den Krankenpfleger oder die Putzfrau die Kündigung bedeuten.

Wie stehen Sie zum Streikverbot für kirchliche Mitarbeiter?
Sharma: Natürlich muss das Streikrecht auch den Beschäftigten von ­Kirchen und kirchlichen Trägern zustehen. Den Mitarbeitern fehlt damit das wichtigste Instrument, um für ihre Interessen zu kämpfen. Kirchliche Träger verschaffen sich damit oft Wettbewerbsvorteile, weil Dumping­löhne beispielsweise im Bereich der Pflege Billigpreise möglich machen.

Was müsste sich konkret ändern?
Sharma: Ich hoffe, dass für Beschäftigte der Kirchen und ihrer Träger irgendwann die gleichen Rechte gelten wie für alle anderen. Bis dahin können wir nur auf die Einsicht der Kirchen und Träger hoffen, denn es entspräche dem christlichen Weltbild, dass der Leistung der Beschäftigten der gebührende Respekt entgegengebracht wird. Und zwar nicht erst im Himmelreich, sondern schon auf Erden. Die EKD beispielsweise könnte sofort ­ihren fatalen Beschluss rückgängig machen, der das Streikrecht für ihre Beschäftigten ausschließt.

Kerstin Griese, kirchenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion.

Kerstin Griese, kirchenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion.

Ihre Position zum kirchlichen Arbeitsrecht?
Griese: Das Hauptargument für den »Dritten Weg« ist die hohe Tarifbindung von über 80 Prozent, die in kirchlichen Einrichtungen erreicht wird und die es nicht mehr geben würde, wenn der »Dritte Weg« beendet würde. Das wäre zum Schaden der Mitarbeitenden. Ich unterstütze das kirchliche Arbeitsrecht aber nicht bedingungslos: In der letzten Zeit sind zu viele Missstände bekannt geworden, die behoben werden müssen. Wenn der »Dritte Weg« Zukunft haben soll, muss er fair gestaltet und gut gelebt werden.

Wie stehen Sie zum Streikverbot für kirchliche Mitarbeiter?
Griese: Als Sozialdemokratin halte ich das Streikrecht für ein Grundrecht ­abhängig Beschäftigter. Dass sich der Konflikt zwischen ver.di und den ­Kirchen auf die Frage des Streiks zuspitzt, ist wenig hilfreich. Denn wenn Kirchen und Gewerkschaften zusammenarbeiten würden, könnte man gemeinsam mehr für die Menschen im Sozial- und Gesundheitsbereich erreichen. Daher appelliere ich an beide Seiten: Rüstet ab! Die Kirchen sollten das Streikrecht akzeptieren und die Gewerkschaften sollten in den Arbeitsrechtlichen Kommissionen mitarbeiten und den »Dritten Weg« nicht mehr boykottieren.

Was müsste sich konkret ändern?
Griese: Die Rechte und Strukturen der Mitarbeitenden und ihrer Vertretung müssen gestärkt werden, damit auf Augenhöhe zwischen Dienstgebern und Dienstnehmern verhandelt werden kann. »Schwarze Schafe«, die durch ersetzende Leiharbeit oder verstärktes Outsourcing die Mitarbeitenden ausbeuten, müssen sanktioniert werden, bis zum Ausschluss aus Diakonie oder Caritas. Die Kirchen sollten sich für einen »Branchentarifvertrag Soziales« einsetzen, damit der Wert der Arbeit am Menschen gestärkt wird und auch die privaten Anbieter gezwungen werden, mit dem Lohndumping aufzuhören. Wir brauchen einen verbindlichen bundesweiten Leittarif und auf evangelischer Seite einheitlichere Strukturen. Zudem schlage ich eine »Ombudsstelle« vor, die Missständen nachgeht und an die sich alle Beteiligten wenden können.

Stefan Ruppert, kirchenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion

Stefan Ruppert, kirchenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion

Ihre Position zum kirchlichen Arbeitsrecht?
Ruppert: Als Ergebnis des grundgesetzlich garantierten Selbstbestimmungsrecht der Kirchen und somit der institutionellen Religionsfreiheit ist das kirchliche Arbeitsrecht nicht überholt. Den sogenannten »Tendenzschutz« genießen eine Reihe von Organisationen und Betriebe, was nicht gegen europäische Antidiskriminierungsvorgaben verstößt.

Wie stehen Sie zum Streikverbot für kirchliche Mitarbeiter?
Ruppert: Das Konzept der Dienstgemeinschaft hat nach wie vor Geltung. Allerdings sind Reformen dringend notwendig. Eine Stärkung der Mitarbeitervertretungen ist hier nur ein Beispiel. Nur wenn dies gewährleistet wird, ist ein Streikverbot auf die Dauer gerechtfertigt. Als Christ wünsche ich mir, dass das Gemeindeleben und die Diakonie nicht entkoppelt werden. Eine völlig professionalisierte Diakonie, ohne dass sich die Gemeinden vor Ort auch einbringen, ist keine gute Entwicklung.

Was müsste sich konkret ändern?
Ruppert: Die Sozialeinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft sollten in ihrer Tätigkeit ihre Kernaufgabe, die Verkündung des Evangeliums, nicht aus den Augen verlieren. Daran sollten ihre Aktivitäten (auch die unternehmerischen) gemessen werden. Trotz Zwänge der Ökonomisierung im sozial-karitativen Bereich, sollten die Kirchen ihren moralischen Ansprüchen gerecht werden. Die neuere Judikatur des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs stellt das kirchliche Arbeitsrecht nicht infrage, sondern verlangt eine genauere Grundrechtsabwägung.

Josef Winkler, kirchenpolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis90/Die Grünen, teilte vor Redaktionsschluss dieser Zeitung mit, dass man sich innerhalb seiner Partei noch nicht auf eine einheitliche Linie zum Thema geeinigt habe und er deshalb noch keine Stellungnahme abgeben wolle.

Benjamin Lassiwe

Der Bundestag beschäftigt sich mit dem kirchlichen Arbeitsrecht

Das kirchliche Arbeitsrecht wird erneut Thema im Deutschen Bundestag: Am 26. März soll im Ausschuss für Arbeit und Soziales eine öffentliche Anhörung zur Situation der Beschäftigten in den beiden großen Kirchen, in Diakonie und Caritas stattfinden. ­Anlass ist ein Antrag der Fraktion Die Linke, der bereits im Mai 2011 in erster Lesung im Parlament debattiert worden war: Er ­fordert die Abschaffung des vom Grundgesetz garantierten, gesonderten kirchlichen Arbeitsrechts. Denn die Linkspartei stört sich ebenso wie die Gewerkschaften schon lange daran, dass im kirchlichen Arbeitsrecht ein Streikverbot gilt.

Seit der ersten Lesung ist in Sachen Arbeitsrecht allerdings schon viel passiert: Die Kirchen stärkten den »Dritten Weg«, bei dem Dienstgeber und Dienstnehmer in paritätisch besetzten Kommissionen Arbeits- und Tarifrecht aushandeln – und gingen zugleich die von den Gewerkschaften beklagten Probleme ­damit an. So schrieb die von ver.di-Demonstrationen begleitete EKD-Synode im vergangenen November in Magdeburg den »Dritten Weg« als »kirchengemäßes« Arbeitsrecht für Diakonie-Einrichtungen verbindlich fest.

Doch in einem parallelen »Kundgebungs«-Papier beklagte die Synode zugleich, dass sich einige diakonische Träger »ganz oder in Teilen den Tarifen der Diakonie entzogen« hätten und forderte »ernsthafte Konsequenzen« für »Missstände wie Outsourcing mit Lohnsenkungen, ersetzende Leiharbeit und nicht hinnehmbare Niedriglöhne«.

Und erst in der vergangenen Woche bekräftigte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider, dass diakonische Unternehmen, die über privatrechtliche Konstruktionen dauerhaft den »Ersten Weg« gehen wollten, mit ihrem Ausschluss aus dem Diakonischen Werk rechnen müssten. Einzelne Diakonie-Einrichtungen in Niedersachsen bekamen die neue Linie bereits zu spüren: Die Altenhilfe Lilienthal und das Wichernstift in Ganderkesee wurden wegen Lohndumpings aus ihren jeweiligen Diakonischen Werken ausgeschlossen. Weitere könnten folgen.

Ganz ähnlich ist die Situation in der römisch-katholischen Kirche. Die Deutsche Bischofskonferenz stellte ihren Betrieben und Einrichtungen auf der Frühjahrsvollversammlung in Regensburg ein Ultimatum: Bis Ende 2013 muss sich jede katholische Einrichtung verbindlich entscheiden, ob sie den »Dritten Weg« befolgt – oder das weltliche Arbeitsrecht anwendet. »Wer die Vorteile des kirchlichen Arbeitsrechts haben möchte, muss sich auch an den »Dritten Weg« halten«, sagte der DBK-Vorsitzende Robert ­Zollitsch in Regensburg.

Und wenn es in einer katholischen Einrichtung mehr als sechs Monate Leiharbeit geben soll, muss die Mitarbeitervertretung zustimmen – sofern die Einrichtung der ­Jurisdiktion der Bischofskonferenz untersteht. Auf die kirchenrechtlich direkt Rom unterstellten Orden und ihre Krankenhäuser und Altenheime haben die deutschen Bischöfe bekanntlich keinen Zugriff.

(GKZ/las)

Die Welt mit Gottes Augen sehen

14. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Auf der Suche nach dem Guten – Wichtige Anhaltspunkte dazu finden sich im biblischen Schöpfungsbericht

Wie geht es dir?« Schnell kommt die Antwort: »Gut geht es mir!« Gut, dann kann es weitergehen, das Gespräch, das Leben. Gut so. Man könnte aber auch einmal das Gespräch hier anhalten und nachfragen: Was heißt das für dich, dass es dir gut geht? Was muss erfüllt sein, damit es mir gut geht? Die Antworten werden so unterschiedlich ausfallen, wie die Menschen sind. Es geht mir gut, ich habe Arbeit, mein Gehalt wurde erhöht, am Wochenende kommt mein Enkelkind.

Gesundheit steht bei den meisten Menschen an erster Stelle. Arbeit in Zeiten von Arbeitslosengeld II ist wichtig. Immer wichtiger auch die Ruhephase für die Zuvielarbeiter. Freizeit ist zu einem hohen Lebenswert geworden. Die Frage nach dem guten Leben findet sich schon in der biblischen Erzählung von der Schöpfung. Mit einfacher Sprache wird berichtet, wie Gott die Welt erschafft, wie er ­Ordnung ins Chaos bringt. Wenn Gott etwas geschaffen hat, findet sich die Formulierung:

»Und Gott sah, dass es gut war.« Diese Formulierung ändert sich nach der Erschaffung des Menschen am Ende des sechsten Tages: »Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.« Gott schafft die Welt aus dem Nichts, gibt ihr Bestand und setzt den Menschen in diesen gottgewollten Kosmos.

Mir geht es gut. – Geht es mir gut?

Mir geht es gut. – Geht es mir gut?

Darüber kann man staunen: dass es überhaupt etwas gibt und nicht Nichts. Und Gott sah – und siehe, es war sehr gut. Das ist eine entscheidende Erkenntnis: Dass Gottes Werk gelungen und die Welt gut ist, das ist der tragende Grund der Wirklichkeit, aber man sieht es der Wirklichkeit ­selber nicht an. Das Gute steckt und wirkt in der Welt, aber es braucht den Blick Gottes, um das zu erkennen. Das Gute liegt im Auge des göttlichen Betrachters.

Damit sind zwei Zugänge zum Guten in der Welt ausgeschlossen. Der eine, der besagt: Das Gute ist in der Welt selbstverständlich vorhanden; jeder Mensch ist gut, jeder Sonnenaufgang, alles Gewimmel von Fauna und Flora ist an sich gut. Die biblische, ernüchternde Erkenntnis heißt, ob die Welt an sich gut ist, das lässt sich nicht an ihr ablesen.

Auch ein anderer Zugang ist verbaut. Dass das Gute gerade nicht in der Welt ist, sondern zu ihr hinzukommt, um etwas Gutes aus ihr zu machen. Damit wird die Wirklichkeit zur ethischen Zusatzaufgabe. Du sollst etwas Gutes aus dir machen, und alles kann gut werden, wenn du dich nur richtig anstrengst. Wo aber das Gute zur Aufgabe der Selbstperfektionierung wird, ist der Mensch überfordert, und Ethik wird zur Überforderung.

Befreiend dagegen ist es, sich darauf einzulassen, dass das Gute in der Welt schon wirkt und sich im Lichte Gottes eröffnet. Unsinn, möchte man gegen diese biblisch-frommen Sichtweisen einwenden, Unsinn, denn wir sehen, wenn wir die Welt sehen, gerade nicht das sehr Gute, nicht einmal das Gute, sondern viel Übles, Böses, Leid, Schmerz und Versagen.

Und steht nicht schon im biblischen Bericht, dass Adam und Eva sich Gott widersetzt haben, deswegen sie das Paradies verlassen mussten? Die Welt ist eine andere geworden als jene, die Gott am Anfang gesehen hat. Das Böse in der Welt kommt durch den Menschen, der seine Freiheit missbraucht.

Zurück zur Schöpfungsgeschichte, eine Geschichte vom Guten gegen die Kraft des Versagens. Sie ist der Versuch, die Welt mit Gottes Augen zu ­sehen: »Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.« Was Gott genau gesehen hat, weiß niemand.

Herausfinden lässt sich das Gute, das Gott sieht, nur, wenn der Mensch sich auf diese Blickrichtung einlässt, sich einlässt auf eine Welt, wie sie ist, und darin Gott am Werke sehen lernt.

Ethik beginnt nicht mit dem Tun des Guten. Ethik beginnt mit dem Sehen des Alten im neuen Licht. Sichtbar wird nicht die gute alte Welt, sondern eine neue Welt, in der sich das höchste Gut des Lebens selber nochmals verwandelt: Aus Gut wird Güte. Ob damit die Geschichte, die eigene Lebensgeschichte, die Geschichte der Menschen unserer Tage eine bessere wird, bleibt offen. Eine Erfolgsgarantie für die Suche nach dem Guten gibt es nicht. Wer sich auf das Gute einlässt, lässt sich auf Freiheit ein und geht damit ein Risiko ein, ein Abenteuer.

Entschieden wird dies nicht in einem großen apokalyptischen Showdown à la Hollywood, wo am Ende der Gute die Bösen besiegt. Entschieden wird das Abenteuer des Guten täglich neu. »Wie geht es dir?« »Mir geht’s gut.«

Hans Jürgen Luibl

Der Autor ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Erwachsenenbildung in Bayern und Lehrbeauftragter für Philosophie/Ethik an der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg.

Norwegen: Von der Butterkrise in die Rindfleischkrise

14. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Kua mi, jeg takker deg / deilig melk du gir til meg. / Hver en dag jeg til mitt brød, / drikker melka di så søt: Meine Kuh ich danke dir, gute Milch die gibst du mir. Jeden Tag zu meinem Brot, trink deine Milch ich süß und gut.

In vielen norwegischen Kinder­gärten wird dieses »religionsneutrale Tischgebet« gesungen. Auch wenn Norwegen sich immer noch als ein Bauernland versteht: Über die Hälfte der bald fünf Millionen Norweger wohnt in Orten mit wenigstens 20000 Einwohnern und weit weniger als eine halbe Million wohnt in Orten mit weniger als 2000 Einwohnern. Unter ihnen sind auch die meisten der etwa 50000 Bauern und Fischer. Auch wenn der Abstand zu den Bauern immer größer wird: Norwegen versorgt sich immer noch zu großen Teilen selbst mit landwirtschaftlichen Produkten und ist in diesem Bereich auch nicht der EU angeschlossen.

Doch auch die Norweger sind inzwischen an volle Supermarktregale gewöhnt und kaufen ihre Lebens­mittel dort. Auch der Abstand zum Schöpfer dieses wunderbaren Landes wird leider auf Betreiben einiger politisch aktiver Atheisten immer größer. In einem mit »Lebenskunde-Ethik-Religion« (LER) verwandten Fach darf Christentum in der Schule nur noch im gleichen Umfang wie andere Religionen unterrichtet werden. Einen konfessionellen Religionsunterricht gibt es nicht.

Michael ­Hoffmann ­berichtet für ­unsere ­Kirchenzeitung aus Norwegen.

Michael ­Hoffmann ­berichtet für ­unsere ­Kirchenzeitung aus Norwegen.

Seit dem Herbst 2011 wurden wir dann daran erinnert, dass der Erntedank vielleicht doch keine so unnütze Einrichtung ist. Die Bauern dürfen, um Überproduktion zu vermeiden, nur eine bestimmte Menge Milch verkaufen und halten dementsprechend auch nicht mehr Kühe. Durch starke Niederschläge und Überflutungen im Sommer gab es nun weniger Milch und Milch von geringerer Qualität.

Gleichzeitig begannen viele Norweger noch mit einer »Low-Carb-Diät«. So leerten sich die Butterregale. Bald gab es Hamsterkäufe und schließlich nur noch zwei Pfund Butter pro Person. Kurz vor der Adventszeit waren die ­Regale dann ganz leer. Als Notmaßnahme beschloss die Regierung, den Import einiger Tonnen irischer, belgischer, französischer und deutscher Butter zu genehmigen. Die Weihnachtsbäckerei war gerettet.

Inzwischen gibt es auch wieder norwegische Butter in den Regalen. Doch nun klopft bereits die nächste Krise an die Pforten: die Rindfleischkrise. Die Kühe treten halt weder ihre Milch noch ihr Fleisch so ganz freiwillig an die Menschen ab. Ich bin jedenfalls froh, dass im Kindergarten meines Sohnes ein anderes Tischgebet gesungen wird:

Å du som metter liten fugl / Velsign vår mat å Gud: Oh du, der du den kleinen Vogel sättigst, Segne unser Essen oh Gott.

Michael Hoffmann

Weit entfernt von Normalität

12. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der Gastronom Uwe Dziuballa sammelt in Chemnitz seit Jahren Erfahrungen mit jüdischem Alltagsleben

Juden in Deutschland? Ja, es gibt sie. Man kann ihnen gelegentlich sogar im Alltag begegnen. Auch in Mitteldeutschland. Doch längst nicht allen Zeitgenossen gefällt dies.

Eigentlich hat Uwe Dziuballa nur einen Wunsch: Normalität. Der 1965 im damaligen Karl-Marx-Stadt geborene Jude hat sie schon ­erlebt. In den USA. Dorthin verschlug es den früheren Ingenieur für Elektrotechnik nach der Wende in der DDR. Er kannte die jüdische Tradition. Aber in den USA lernte er die Vielfalt jüdischen Lebens kennen. Vor allem beeindruckte ihn, dass dieses jüdische Leben dort ganz normal im öffentlichen Alltag präsent ist. Und noch etwas war ihm neu: »Du kannst einem Juden, der sich schlecht benimmt, ganz normal die Meinung sagen, ohne dass Du gleich in den Verdacht des Antisemitismus kommst«, sagt Dziuballa.

Nicht zuletzt durch den frühen Tod ihres Vaters finden Uwe Dziuballa und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Lars Ariel in dieser Zeit auch einen Zugang zur religiösen, spirituellen Seite des jüdischen Glaubens. Heute trägt Uwe selbstverständlich auch im Alltag die Kippa oder Yarmulke, wie die religiöse Kopfbedeckung auf jiddisch heißt.

Optimistisch trotz aller Probleme: Uwe Dziuballa führt gemeinsam mit seinem Bruder das Schalom in Chemnitz als ­koscheres Restaurant. Foto: Harald Krille

Optimistisch trotz aller Probleme: Uwe Dziuballa führt gemeinsam mit seinem Bruder das Schalom in Chemnitz als ­koscheres Restaurant. Foto: Harald Krille

Als er Mitte der 90’er Jahre »ziemlich blauäugig« nach Chemnitz zurückkommt, spürt er schnell, wie weit jüdisches Leben in Deutschland noch von Normalität entfernt ist. Auf der einen Seite erlebt er »einen verklärten, oft christlichen Philosemitismus«, auf der anderen Seite »die ständigen Plattheiten und Dummheiten des gewöhnlichen Antisemitismus«.

Uwe Dzibulla will sich damit nicht abfinden. Gemeinsam mit seinem Bruder gründet er 1998 den Schalom e.V. Der Verein möchte durch Angebote zu Kunst und Kultur, Bildung und Sozialarbeit eine Plattform für Deutsch-Israelisch-Jüdische Begegnungen und Gespräche sein. Doch damit nicht ­genug: Am 15. März 2000 eröffnen die Brüder in Chemnitz die Gaststätte Schalom – ein zertifiziertes koscheres Restaurant. Wobei Koscher oder Kaschrut, also den jüdischen Speisegeboten entsprechend, weit mehr als nur den Verzicht auf Schweinefleisch bedeutet.

So viel Öffentlichkeit ruft allerdings auch ganz andere Geister auf den Plan. »Wir erfreuen uns leider auch negativer Aufmerksamkeit«, konstatiert Uwe Dziuballa mit vornehmer Zurückhaltung. Zu dieser Art »Aufmerksamkeit« gehören Sachbeschädigungen, die sich in zehn Jahren auf rund 40000 Euro belaufen. Mit Vandalismus hat praktisch jeder Gastwirt zu kämpfen.

Doch wenn gezielt immer wieder der Davidstern im Gaststättenschild zerstört wird, wenn Hakenkreuze gemalt werden, aus den Briefkästen von Gaststätte und Verein »die Pisse läuft«, wenn am Transporter wieder alle vier Reifen zerstochen sind und vor der Gaststättentür Schweineköpfe mit Davidstern abgelegt werden, das Ganze begleitet von anti­semitischen Schmähflugblättern und Drohanrufen, dann ist das etwas anderes als »normaler« Vandalismus.

Und wenn dann bis heute kein einziger dieser Fälle aufgeklärt ist, stattdessen bei den Polizeibehörden in Chemnitz Akten unauffindbar sind und sichergestellte Beweismittel »irrtümlich« vernichtet statt kriminaltechnisch untersucht werden, dann stellt sich Dziuballa die Frage: »Über wen soll ich mich mehr ärgern? Über die handvoll Unbelehrbaren oder über diese Behörden?«

Doch Rückzug kommt für ihn nicht infrage. »Wir wollen unser jüdisches Leben nicht nur in Gemeinden oder Museen leben. Wir wollen als normale Menschen im normalen Alltag wahrgenommen werden.«

Einmal, vor zwei, drei Jahren, häuften sich die Vorfälle derartig, dass er nahe am Aufgeben war. Damals organisierten Christen und andere Bürger Mahnwachen vor dem Gebäude in der Carolastraße. »Ich bin durchaus ein harter Knochen, aber da kamen mir die Tränen«, bekennt Uwe Dziuballa. »Das tat einfach gut.«

Harald Krille

Restaurant Schalom, Chemnitz, Carolastraße 5, ab April Heinrich-Zille-Straße 15 (Brühl)
www.schalom-chemnitz.de

Die Woche der Brüderlichkeit

Seit 1952 veranstalten die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im März eines jeden Jahres die Woche der ­Brüderlichkeit. In allen Teilen des Landes werden aus diesem Anlass Veranstaltungen angeboten, um auf die Ziele der Gesellschaften und ihr jeweiliges Jahresthema hinzuweisen.

Mit der Eröffnung der 60. Woche der Brüderlichkeit steht Leipzig vom 11. März an ganz im Zeichen der christlich-jüdischen Verständigung. Unter dem diesjährigen Jahresthema »In Verantwortung für den Anderen – 60 Jahre Woche der Brüderlichkeit« sind in Leipzig über 30 Veranstaltungen geplant, darunter Führungen, Vorträge und Konzerte. Die zentrale Eröffnungsfeier an diesem Sonntag im Leipziger Gewandhaus um 11.30 Uhr wird vom ZDF live übertragen.

Im Rahmen dieser Eröffnungsfeier wird die Buber-Rosenzweig-­Medaille an den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, verliehen. Mit dem Preis solle das nachhaltige Wirken Schneiders für eine Neugestaltung in den christlich-jüdischen Beziehungen gewürdigt werden. Schneider habe maßgeblich an der Aktualisierung der »bahnbrechenden« Synodalerklärung der rheinischen Kirche von 1980 zur »Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden« mitgewirkt, erläutert Ricklef Münnich, evangelischer Präsident des Koordinierungsrats, die Entscheidung.

In der Gründung, aber auch im Bestand des Staates Israel sehe Schneider ­gemeinsam mit seiner Kirche ein Zeichen der Treue Gottes zu ­seinem Volk. Wegweisend bleibe zudem seine deutliche »Absage an die Judenmission«.

Die undotierte Buber-Rosenzweig-Medaille wird seit 1968 an Personen oder Institutionen vergeben, die sich um die Verständigung zwischen Christen und Juden verdient gemacht haben. Sie erinnert an die jüdischen Philosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig.

www.deutscher-koordinierungsrat.de

Von Jugendstil bis Gegenwart

12. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein neues Glanzlicht in Ostdeutschlands Museumslandschaft: Zu den neu gestalteten Ausstellungsräumen des Leipziger Grassimuseums gehört auch die beeindruckende Pfeilerhalle. Fotos: Grassimuseum/Christoph Sandig

Ein neues Glanzlicht in Ostdeutschlands Museumslandschaft: Zu den neu gestalteten Ausstellungsräumen des Leipziger Grassimuseums gehört auch die beeindruckende Pfeilerhalle. Fotos: Grassimuseum/Christoph Sandig

Neueröffnung: Das Leipziger Grassimuseum ist mit seiner Gegenwartsausstellung nach 60 Jahren wieder komplett

Mehr als 60 Jahre lagerten die Schätze im Magazin. Nun werden sie erstmals wieder der Öffentlichkeit präsentiert. Der Mensch braucht rund 1250 Schritte, um von der Antike bis zum Heute zu gelangen. Zumindest im Leipziger Grassimuseum, das seit vergangenem Sonntag wieder komplett ist. Unter dem Titel »Es ist vollpracht – Jugendstil bis Gegenwart« hat das auf Kunsthandwerk spezialisierte Haus in Leipzig damit den dritten und letzten Teil seiner ständigen Ausstellung vollendet. Den Besucher erwarten auf zwei Etagen rund 1500 Vasen, Teppiche und Möbelstücke.

Viele der ausgestellten Objekte würden auch unter heutigen Maßstäben als »stylish« gelten. Wie etwa die Nachttischleuchte namens Kandem, die 1928 von der Chemnitzer Künstlerin Marianne Brandt geschaffen und mit ihrem schnörkellosen Design auch Berliner Hipster-Wohnungen schmücken könnte. Das sogenannte Senftenberger Ei, ein aufklappbarer rundlich geformter Plastiksessel in Ferrari-Rot, reiht sich neben die weiß-quietschorangene Sitzgruppe des ­Finnen Eero Saarinen, der mit der ­Erfindung des Tulpenstuhls, einem auf einem breiten, kreisrunden Standfuß stehenden Möbelstück, berühmt wurde.

Die Schwerpunkte liegen auf den Sammlungen des Jugendstils, auf Art déco, Funktionalismus und Bauhaus, erklärt Museumsdirektorin Eva Maria Hoyer. Aber auch ostdeutsche Exponate ab den 1950er Jahren sowie zeitgenössisches internationales Design werden abgedeckt. Der Hauptteil der Werke aus den 1920er und 1930er Jahren wurde auf den damaligen Grassimessen, den museumseigenen Messen für Kunstgewerbe, erworben. »Damit haben die Exponate nicht nur ­Design- und Gestaltungsgeschichte geschrieben, sondern sie geben auch die Historie des Hauses wieder«, sagt Hoyer.

Seit 1939 im Magazin des Museums eingelagert, werden die ­Stücke erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Etwas Messeatmosphäre, wenn auch hinter Glasscheiben geschützt, erhalten die Besucher so auch durch einen originalgetreu nachgebauten Stand aus dem Jahr 1936. Er wurde für die Vereinigten Lausitzer Glaswerke Weißwasser von der Berliner Designerin Lilly Reich für die Grassimesse ­gestaltet. Reich hatte über zehn Jahre eng mit dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe und Produktdesigner Wilhelm Wagenfeld zusammen gearbeitet.

Neben hauptsächlich Schmückenden findet sich aber auch künstlerisch gestaltete Technik, wie etwa das 1993 von Philippe Starck entworfene tragbare Fernsehgerät »Jim Nature« mit ­einem kompostierbaren Gehäuse in verwaschenem Orange. Aber auch das formschön gestaltete Kinderzimmer stand früh im Fokus der Designer, wie der von Ladislav Sutnar 1927 entworfene Baukasten mit seinen ungewöhnlichen geometrischen Formen beweist. Höhepunkt und Abschluss bildet eine 360 Grad-Installation, bei der Besucher als Teil des Kunstwerks agieren können.

Bei Eintritt in einen weißen Raum, dem »White Cube«, können Farben, Lichter und Formen mit Körperbewegungen selbst gestaltet werden. Die Szenarien reichen vom ornamentalen Schwung des Jugendstils bis zu offenen Formen der Gegenwart. »Das Wichtigste ist, dass sich Besucher direkt in den Gestaltungsprozess mit einbringen können«, erklärt Hoyer.

Ikonen der Formgestaltung: Das »Senftenberger Ei« von Peter Ghyczy (Lehmförde) 1968 entworfen, wurde vom VEB Chemiekombinat Schwarzheide in der Lausitz hergestellt. Das TV-Gerät mit kompostierbarem Gehäuse stammt von Philippe Starck (Paris).

Ikonen der Formgestaltung: Das »Senftenberger Ei« von Peter Ghyczy (Lehmförde) 1968 entworfen, wurde vom VEB Chemiekombinat Schwarzheide in der Lausitz hergestellt. Das TV-Gerät mit kompostierbarem Gehäuse stammt von Philippe Starck (Paris).

Mit der Eröffnung des letzten Teils der Dauerausstellung ist das Grassimuseum nach mehrjährigen Umbauarbeiten mit seinen drei darin ­be­heimateten Museen – Museum für Angewandte Kunst, Museum für Völkerkunde, Museum für Musikinstrumente – seit dem vergangenem Sonntag wieder vollständig für Besucher zugänglich.

Stephanie Höppner(epd)

Das Grassimuseum am Johannisplatz 5–11 in Leipzig ist dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

www.grassimuseum.de

Die uramerikanische Religion

5. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Durch den Wahlkampf rückt die Glaubensgemeinschaft der Mormonen in den Blickpunkt

Der republikanische US-­Präsidentschaftskandidat Mitt Romney ist nicht nur Multimillionär, sondern auch prominenter Vertreter einer eigenwilligen Religionsgemeinschaft: der Mormonen.

Kein US-Präsidentschaftswahlkampf ohne Debatte über den ­religiösen Glauben der Anwärter. 2008 nahm man Barack Obamas kontroversen Pastor unter die Lupe. Vier Jahre davor George W. Bushs Angaben über seine Bekehrung Dank Billy Graham. 2012 ist Mitt Romney dran, der nach wie vor Spitzenreiter unter den republikanischen Kandidaten ist. Der Multimillionär und frühere Gouverneur von Massachusetts (2002–06) wäre der erste mormonische Präsident der USA. Das muss verdaut werden. Mormonen machen nur zwei Prozent der US-Bevölkerung aus.

Man kennt sie. Immer zu zweit, weißes Hemd, dunkle Hose, kurze Haare, oft per Fahrrad unterwegs. Die jungen Männer sind Missionare der »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage«, wie die Mormonen »richtig« heißen. In der ganzen Welt klopfen sie an Türen. Ihre weltweit rund 14 Millionen Mitglieder zählende Glaubensgemeinschaft verpflichtet zu diesem 18 bis 24 Monate langen Dienst. Gegenwärtig sind nach kirchlichen Angaben 53000 Missionare ­tätig, 450 davon in Deutschland. Auch Romney missionierte in seinen jungen Jahren.

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Erfolgreicher Finanz-Geschäftsmann und frommer Mormone: Mitt Romney will Präsident der USA werden. – Foto: picture alliance/dpa/Jeff Kowalsky

Willard Mitt Romney nimmt seinen Glauben offenbar ernst. Von 1981 bis 1986 war er Bischof einer Gemeinde und von 1986 bis 1994 Präsident des »Pfahls« von Boston in Massachusetts – einem Verband vom Gemeinden, vergleichbar mit einer Diözese. Im Präsidentschaftswahlkampf ist das Mormonentum ein Bremser: Viele US-Amerikaner wissen wenig über den Glauben, kennen selber kaum Mormonen, und gehen auf Distanz zu einer Religion, die manche Riten hinter verschlossenen Türen durchführt und bis 1890 Polygamie praktizierte. Auch Romneys Urgroßvater hatte noch mehrere Frauen.

Das Mormonentum ist eine durch und durch amerikanische Religion, entstanden im Jahr 1830 im Bundesstaat New York zu einer Zeit dramatischen spirituellen Umbruchs. Erweckungsprediger gründeten neue Kirchen und Gemeinschaften, vor allem im Nordosten der USA, warnten vor der Hölle und dem Weltuntergang. Da war es gar nicht so ungewöhnlich, dass der Bauernsohn Joseph Smith behauptete, ein Engel namens Moroni habe ihm eine neue Heilige Schrift übergeben. Die »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage« gründet sich seitdem auf dieses Buch Mormon, und die auf die angeblich »unvollständige« christliche Bibel.

Die Konflikte mit Gesellschaft und Politik waren vorprogrammiert, allein wegen der Vielehe und wegen wirtschaftlicher Streitigkeiten. Die Mormonen riefen bewaffnete Milizen ins Leben, wurden aber immer ­weiter nach Westen vertrieben. 1844 kandidierte Smith (zu dem Zeitpunkt mehr als dreißig Ehefrauen) für die US-Präsidentschaft. Im selben Jahr wurde er jedoch von einer anti-mormonischen Meute erschossen. Die Mormonen zogen weiter ins unwegsame Utah.

Heute sind die Mormonen, nach den Katholiken, dem Südlichen Baptistenverband und den Methodisten die viertgrößte US-amerikanische Kirche. Die meisten protestantischen Kirchen sind freilich der Ansicht, Mormonen seien keine Christen. Romney werde die Mormonen »weltweit legitimieren«, befürchtete der baptistische Theologe Philip Roberts in der »New York Times«. Und man wisse nicht, ob ein Präsident Romney auf die Kirchenführung in Salt Lake City hören werde, warnen Skeptiker. Echos von 1960, als John F. Kennedy Präsident wurde und manche Protestanten warnten, der erste Katholik im Weißen Haus werde »auf Rom hören«.

Das Leben der Mormonen konzentriert sich auf Familie (»die zentrale Einheit im Plan Gottes«) und Kirche, man bleibt gesellschaftlich etwas abgeschottet in Utah und im Westen der USA. Knapp drei Viertel der erwachsenen Mormonen sind verheiratet, verglichen mit 54 Prozent der »restlichen« US-Bevölkerung. Man lebt konservativ, engagiert sich politisch und wählt mit großer Mehrheit republikanisch. Die Männer haben das Sagen. Wohlhabender und gebildeter als der Durchschnitt, pflegten die Mormonen »traditionelle Werte« schon lange bevor konservative Evangelikale diesen Begriff zum Kampfwort machten.

Allmählich gewöhnt sich die Nation offenbar an Mormonen in der Politik. Fünf der 100 US-Senatoren sind Mormonen, auch der Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, Harry Reid. Natürlich freuten sich die Mormonen über Romneys Erfolg, kommentierte die mormonische Bloggerin Joanna Brooks. Aber der Erfolg mache auch nervös. Nun falle das Schlaglicht auf die schwierigen Kapitel der Kirchengeschichte: Die Vielehe, dass bis in die 70er Jahre Schwarze keine Priesterämter bekleiden durften, und die exklusiv männliche Kirchenhierarchie.

Konrad Ege

Sind Mormonen Christen?

Sie nennen sich »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage«. Darin ist der Anspruch ausgedrückt, die wahre Kirche Jesu Christi zu repräsentieren. Mormonen nehmen Bezug auf viele Begriffe und Vorstellungen, wie sie auch in der übrigen Christenheit von Bedeutung sind. Aber sie stellen der Bibel neue Offenbarungen zur Seite und interpretieren viele Dinge in grundlegend anderer Weise. Es wird überliefert, dass dem späteren Kirchengründer Joseph Smith der Engel Moroni gezeigt habe, wo goldene Platten mit einer Geheimschrift vergraben sind.

Daraus hat Smith in einem visionären Vorgang das Buch Mormon »übersetzt«. Dieses gilt aus Sicht der Gemeinschaft als der Bibel gleich gestellte Offenbarungsquelle. Hinzu kommen weitere Heilige Schriften wie »Die köstliche Perle« und »Lehre und Bündnisse«. Grundsätzlich ist aus der Sicht der Mormonen die göttliche Offenbarung nicht mit der Bibel abgeschlossen, sondern kann ständig weitergehen. Jeder amtierende Präsident der Mormonenkirche hat das Recht, neue Offenbarungen zu empfangen. Darum trägt er den Titel »Prophet«.

In diesem Umgang mit den Heiligen Schriften zeigt sich ein Grundprinzip mormonischer Heilslehre: die Vorstellung einer ständigen Entwicklung. Dies betrifft sogar Gott, der seinem Wesen nach lediglich ein erhöhter Mensch sei, der sich erst zu Gott entwickelt habe. Gott gilt auch nicht als der Schöpfer der Materie, sondern er habe sie lediglich geordnet. Der Weg zum Heil führt nicht über die Rechtfertigung durch den Glauben, sondern nur wer die göttlichen »Gesetze und Verordnungen« erfüllt, kann selig werden, heißt es in den »Glaubensartikeln«.

Ein Teil dieser Verordnungen wird in den mormonischen Tempeln nach geheim gehaltenen Ritualen durchgeführt. Dazu gehört u.a. die Versiegelung der Ehe, damit sie auch nach dem Tod in der himmlischen Welt gültig bleibt. Bekannter ist die Praxis der stellvertretenden Taufe für verstorbene nichtmormonische Familienangehörige.

Zu diesem Zweck wird von Mormonen umfangreiche Ahnenforschung betrieben.

In Freiberg in Sachsen steht bereits seit 1985 ein Mormonentempel – seinerzeit der erste im Ostblock. Mit der Erlaubnis zu dessen Bau wollte die DDR-Führung demonstrieren, dass religiöse Minderheiten nicht völlig unterdrückt werden. 2002 wurde er noch einmal erweitert und vergrößert. In Deutschland gibt es etwa 36000 Mormonen. In den Bundesländern Hessen und Berlin haben sie den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

Zu anderen Kirchen gibt es keine ökumenischen Kontakte – sind die Mormonen doch der Meinung, dass die Urkirche nach dem Tod der Apostel untergegangen ist und erst 1830 mit ihrer eigenen Organisation wieder neu begründet wurde. Wegen der stark unterschiedlichen Vorstellungen ist die mormonische Taufe von den anderen Kirchen nicht als christliche Taufe anerkannt. Mormonen selbst empfinden sich dennoch als Christen.

Harald Lamprecht
Der Autor ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der sächsischen Landeskirche.

Die wiedererfundene Gemeinde

4. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Moldau: In Chisinau ist die deutsche evangelische Kirche verschwunden, doch Einheimische haben sie wiederbelebt

Eigentlich gibt es seit dem Zweiten Weltkrieg keine Deutschen mehr im früheren Bessarabien. Doch in der moldauischen Hauptstadt ­ertönen seit einigen Jahren wieder deutsche Choräle.

Anna Dragan empfängt ihre Gäste im Tiefparterre des Plattenbaus. Der schlichte Saal wirkt aufgeräumt, auf den Plastiktischen stehen Kaffee und Kekse. Von der lauten, staubigen Straße aus sehen die Räume eher wie ein kleiner Laden oder wie ein Lokal aus. »Willkommen in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Sankt-Nikolai«, erklärt die energische Frau in feierlichem Ton. Sie stolpert manchmal über die deutschen Worte, aber hat Spaß an der Sprache. Anna Dragan kommt ursprünglich aus einem Bulgaren-Dorf im Süden der Republik Moldau, doch heute ist sie das Herz der Deutschen Gesellschaft »Einigkeit«.

Ältere Paare kommen und setzen sich auf Holzbänke und Klappstühle. Anna Dragan verteilt Gesangbücher für die kurze Andacht vor dem Gemeinschaftstreffen. Von den rund 50 Mitgliedern der Gemeinde sind an diesem Freitagnachmittag nur 15 gekommen. »Jeden Montag bieten wir aber auch Deutschunterricht, vor allem für die jüngere Generation«, ­berichtet die Anna. Gepredigt wird ­jedoch auf Russisch, denn das ist die Sprache, die alle hier verstehen.

Eine-Welt-10

Gottesdienst im Tiefparterre des Plattenbaus: Pfarrer Valentin Dragan, der einzige evangelische Geistliche in der Moldau, zwischen den Ministranten Aleksei Kopper und Daniel Tertetschni, beim Dankgebet für die Spenden. – Foto: Dagmar Gester

Nach der Perestroika die eigenen Wurzeln entdeckt

Anna Dragans Mann, Valentin, ist seit acht Jahren der Pfarrer der Gemeinde – und der einzige evangelische Pfarrer in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldau. Seine Muttersprache ist der rumänische Dialekt der Moldauer, im Alltag spricht er, wie die meisten seiner Landsleute, Russisch. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeitserklärung seines kleinen Landes erfuhr Dragan, der früher als Techniker in ­einer Fabrik arbeitete, Näheres über seine Familie. Dragans Großmutter hieß Sophie Jeworski und ihr Vater – Wilhelm. Sie waren Bessarabiendeutsche. »Kurz darauf habe ich angefangen, Deutsch zu lernen«, erinnert sich Dragan.

Die Provinz Bessarabien, ein Streifen zwischen den Flüssen Pruth und Dnjestr, gehörte im 19. Jahrhundert zum Russischen Reich, die Zaren ­freuten sich über die deutschen Siedler, die vor allem aus Württemberg ­kamen. Die erste evangelische Gemeinde in Chisinau wurde 1827 gegründet und die ursprüngliche Sankt-Nikolai-Kirche wurde elf Jahre später eingeweiht.

»Vor dem Zweiten Weltkrieg betrachteten viele Bevölkerungsgruppen Bessarabien als ihre Heimat. Das Gebiet glich einem Flickenteppich, wo sich Juden, Rumänen, Polen, Ukrainer, Deutsche und Roma begegneten«, beschreibt der Bukarester Historiker Lucian Boia die Ausgangslage. Doch nach dem Hitler-Stalin-Pakt wurde die Provinz, die seit 1918 ein Teil Rumäniens war, von der Roten Armee besetzt.

Deutsche wurden Opfer des Hitler-Stalin-Paktes

Fast alle 100000 Deutschstämmigen verließen 1940 ihre Häuser und Bauernhöfe und folgten dem offiziellen Aufruf »Heim ins Reich«. Dragans Großmutter gehörte zu den ganz ­wenigen, die damals der Bevölkerungspolitik der Nazis nicht folgte – weil ihr Mann, Feodor Sotirca, in seinem Heimatdorf Floresti bleiben wollte. »Er war Moldauer und es war ihm egal, in welchem Land sein Dorf lag«, erinnert sich Dragans Mutter Evghenia.

Nach dem Krieg wurde Bessarabien wieder zur Sowjetrepublik Moldau. Feodor Sotirca, seine Frau Sophie und ihre Tochter Evghenia wurden wegen »Verrats« nach Sibirien deportiert. Erst nach Stalins Tod konnte die Familie nach Floresti zurückkehren. Die alte Sankt-Nikolai-Kirche wurde geschlossen und später abgerissen, an ihrer Stelle steht heute der Präsidentenpalast.

Im Februar 2000 wurde die Gemeinde dann allerdings wieder gegründet und ist inzwischen offiziell anerkannt. »Damals waren wir vielleicht 20 Leute und nur die ältesten hatten je in ihrem Leben eine Evangelische Kirche gesehen oder überhaupt jemals einem Gottesdienst beigewohnt«, erinnert sich Pfarrer Dragan. »Mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus begannen viele ehemalige Sowjetbürger, nicht nur bei uns in der Moldau, nach einer neuen Identität zu suchen. Zugehörigkeiten wurden wiederentdeckt – oder wiedererfunden«, erklärt die Historikerin Diana Dumitru, die an der Staatsuniversität in Chisinau zeitgenössische Geschichte unterrichtet.

Valentin Dragan wollte immer mehr über seine Familie erfahren und interessierte sich für Theologie. Er wollte evangelisch werden. Heute ­feiert er jeden zweiten Sonntag um 10 Uhr den Gottesdienst. Zusammen mit seiner Frau fährt er bereits zwei Stunden vorher zu dem Tiefparterre, das in einem der anonymen Plattenbauviertel der moldauischen Hauptstadt liegt. Der Saal muss jedes Mal umfunktioniert werden:

Valentin und Anna Dragan räumen die Plastiktische weg, reihen die Holzbänke ordentlich hintereinander und bereiten sich für die Zeremonie vor. »Seit sieben Jahren stellen wir Anträge bei der Hauptstadtverwaltung, um ein kleines Grundstück zu bekommen. Dann könnten wir vielleicht mit unseren ­bescheidenen Mitteln eine kleine Kapelle bauen. Doch bis heute ist nichts passiert«, beschwert sich der Pfarrer.

Kleine und arme Gemeinde, aber mit Sozialprojekt

Unter der Woche wird das Tiefparterre zum Speisesaal. Gut zehn Bedürftige aus der Nachbarschaft, vor allem Rentner und Behinderte, bekommen montags bis freitags eine warme Mahlzeit. »Vor ein paar Jahren hatten wir genug Geld für 20 Leute, doch die Kosten von Energie und Lebensmitteln sind mittlerweile so gestiegen, dass wir es nicht mehr schaffen«, sagt Anna Dragan, die 2005 die Idee für dieses kleine Sozialprojekt hatte.

Gilt doch die Republik Moldau mit einem monatlichen Durchschnittslohn von 150 Euro nach wie vor als ärmstes Land Europas. »Viele unserer Mitglieder sind ältere Leute, die von einer Rente von 80 Euro im Monat ­leben müssen. »Wir haben es gerade nicht leicht, aber das ist nicht Sibirien. Unsere Eltern haben schon schwierigere Zeiten erlebt«, sagt Anna Dragan zuversichtlich.

Silviu Mihai

»Der Geist ist’s, der lebendig macht«

3. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Bibel lesen und verstehen – Gedanken zur Auslegung der Heiligen Schrift

Die mittelalterliche Kirche lehrte einen vierfachen Schriftsinn und stellte zunehmend die kirchliche Lehrentwicklung neben oder gar über die Bibel. Dem widerspricht Luther mit seinen berühmten Worten »sola scriptura«. Allein die Bibel soll der Maßstab für Glaubensfragen sein.
Trotz dieses Grundsatzes gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Bibel auszulegen. Die Methode, die bei einer Bibelinterpretation angewendet wird, ist oft Anlass für theologische Streitigkeiten.

Da gibt es das bekannte Jesus-Wort aus der Bergpredigt (Matthäus 5,18): »Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.« Die darauf folgende Radikalisierung eines Teils der Zehn Gebote unterstreicht das Bestreben, die Bibel wörtlich zu nehmen. Das biblische Wort soll nicht durch verschiedenes Hin- und Herreden weich gespült werden.

GuA-10-2012

Symbol des Heiligen Geistes: die Taube - hier in einer Darstellung auf dem sogenannten Heilig-Geist-Fenster im Petersdom in Rom. – Foto: Archiv

Einige Verse weiter lesen wir (5,32) »… wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe.« Unsere kirchliche Praxis ist anders. Auch folgende Maßgabe aus der Zeit Jesu ist schon viele Jahrhunderte in der Kirche nicht mehr üblich: »Wenn einer stirbt und hat keine Kinder, so soll sein Bruder die Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen erwecken.« (Matthäus 22,24; vgl. 5. Mose 25,5f). Es gibt viele Bestimmungen im 3. Mose, die für uns Christen nicht mehr relevant sind, wie zum Beispiel die Beschneidung (12,3).

Wer legt nun fest, welche Anliegen der Schrift wörtlich zu nehmen sind und welche nicht? Soll es dafür eine menschliche Institution geben? Oder darf das jeder für sich selbst festlegen? Nach dem Grundsatz von »sola scriptura« wollen wir in der Bibel weiter schauen.

Im Johannesevangelium (6) kommt es zu einer Auseinandersetzung darüber, wie Brot und Wein in Jesus Christus zu verstehen sind. Wir lesen die provokanten Sätze von Jesus: »Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige ­Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken« (6,54). Das ist selbst den Jüngern zu viel, sodass ­Jesus die Deutung gibt: »Der Geist ist’s, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben« (6,63).

Der Heilige Geist schenkt die tiefere Bedeutung, der Buchstabensinn ist nur unnützes Fleisch in diesem Bild. Diesen Gedanken der tieferen Bedeutung greift auch Martin Luther auf. Der Maßstab für die Bibel selbst ist das, was Christum treibt. So schreibt Luther in der Vorrede des ­Jakobus- und Judasbriefes (1522) »Auch ist das der rechte prufesteyn alle bucher zu taddelln [beurteilen] wen[n] man sihet ob sie Christu[m] treyben odder nit.«

Der barmherzige Gott steht im ­Vordergrund der Verkündigung Jesu. Und er selbst wird durch die Barmherzigkeit Gottes zu dem Christus, der unser Heil bringt.

Folglich kommt es bei der Auslegung der Heiligen Schrift darauf an, zu ergründen, worin die Barmherzigkeit Gottes besteht, wodurch sie neues Leben stiftet und Neuanfänge des Glaubens ermöglicht. Das ist die Mitte der Heiligen Schrift, die in dem Doppelgebot der Liebe einen wichtigen Ausdruck findet (Matthäus 22,37-40). Eine solche Bibelinterpretation wird der reformatorischen Theologie des »sola scriptura« gerecht.

Der Glaubende ist bei der Bibel­interpretation herausgefordert, den tieferen Sinn der Heiligen Schrift zu ergründen, der den Geist Gottes lebendig werden lässt. Das kann auch bedeuten, dass wir uns von überlieferten kirchlichen Einschätzungen verabschieden müssen.
Immer dann, wenn die Kirche einseitig mit Gesetzen und nicht mit der Barmherzigkeit agierte, hat sie die Menschenherzen verloren. Das war nach dem 1. Weltkrieg so, als nach der Umstrukturierung der Finanzen nur noch diejenigen Mitglied der Kirche sein konnten, die die Kirchensteuer bezahlten. Das war auch in der Auseinandersetzung mit der Jugendweihe so, als man meinte, zwischen echten und unechten Konfirmanden unterscheiden zu müssen.

Luther selbst konnte auch die Bibel kritisieren. Die bekannteste Redewendung ist die über den Jakobusbrief als »stroherne Epistel«, weil dieser Brief stärker die Werkgerechtigkeit betont, als es die übrigen neutestamentlichen Schriften tun. Wir haben mit der Barmherzigkeit Gottes zu prüfen, ob biblische Urteile auf vergleichbare Situationen heute noch zutreffen. Dabei kann uns die Bibelforschung helfen, den konkreten Kontext eines Bibeltextes zu beleuchten.

Jede Generation wird immer wieder neu um die Wahrheit des biblischen Zeugnisses ringen.

Reinhard Junghans
Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Leipzig.

Ein Drama in fünf Akten

2. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden zeigt eine Ausstellung über Leidenschaften

Sie führen zu Kriegen und aufreibenden Nachbarschafts-Fehden, sie stacheln zu Höchstleistungen an und zu den größten Gemeinheiten: Die Leidenschaften. Ohne sie wäre das Leben kaum vorstellbar. Selbst der blasseste Langweiler pflegt noch irgendeine heimliche Vorliebe. Nach Ausstellungen über Glück, Schlaf oder Arbeit wendet sich das Deutsche ­Hygiene-Museum Dresden einer weiteren Seite des menschlichen Lebens zu; seiner unberechenbaren Gefühlswelt.

Die Sonderschau »Die Leidenschaften. Ein Drama in fünf Akten« bietet einen kulturgeschichtlichen Überblick über den Ausbruch von Emotionen bis zu deren Beherrschung. Sie wolle die Geschichte der Leidenschaften über 3000 Jahre von der Antike bis zur Gegenwart erzählen, sagt die in Australien geborene Kuratorin, Catherine Nichols. Sie spricht zwar von einem »verworrenen Feld«. Aber: »Wenn wir gut zusammen leben wollen, ist es das Thema«, betont sie.

Kultur-10

Das lebensgroße Modell eines Krokodils, es hängt über einem Esstisch, symbolisiert die im Menschen schlummernde Bestie. – Foto: Deutsches Hygienemusieum

Nichols trug für die 800 Quadratmeter Ausstellungsfläche knapp 400 Exponate zusammen. Zu den 87 Leihgebern aus dem In- und Ausland zählen das Victoria & Albert Museum in London, das Historische Museum Luzern und das Jüdische Museum Frankfurt/Main. Die Exponate – vom Filmausschnitt einer leidenschaftlichen Kussszene mit Burt Lancaster und Deborah Kerr über Apparaturen aus der Gefühlsforschung bis zum Tatwerkzeug eines Affektmordes – illustrieren positive Leidenschaften wie Liebe, Begierde, Freude, Staunen und negative wie Hass, Zorn, Angst, Scham, Trauer, Neid und Ekel.

Wie es sich für die großen Gefühle gehört und im Titel bereits anklingt, verlegte Nichols ihre Ausstellung in die Welt des Theaters. Sie arbeitete mit der französisch-iranischen Opernregisseurin Mariame Clément und der Berliner Bühnenbildnerin Julia Hansen zusammen. Die Besucher durchschreiten am Anfang einen ­Bühnenvorhang und kommen an fünf Bühnenbildern vorbei. Sie sehen eine immer wiederkehrende, gut bürger­liche Wohnung; Küche, Bad, Schlafzimmer, Wohnzimmer.

Zunächst sieht die Wohnung pingelig aufgeräumt aus, im zweiten Bild schleicht sich langsam Unordnung ein und im dritten bricht das Chaos aus. Die Räume symbolisieren, wie sich Konflikte zusammenbrauen und dann voll ausbrechen. Kuratorin Nichols spricht von einem »verspielten Umgang mit den Leidenschaften, wie man es vom Theater kennt«.

In der Tat wird die 0815-Wohnung von vielen überraschenden Exponaten dekoriert. Das lebensgroße Modell eines Krokodils symbolisiert die im Menschen schlummernde Bestie. Später stehen die Möbel auf einer schiefen Ebene. Alles scheint ins Rutschen zu kommen und die Leidenschaften zeigen sich mit ihrer ganzen zerstörerischen Wucht.

Die Möbel sind zertrümmert, eine Gipsleiche liegt da, die Titelseite einer Zeitung vom Tag nach dem Erfurter Amoklauf im Jahr 2002. Auch Exemplare der Schuhsammlung des Barons Peter Ludwig Heinrich von Block finden sich im Chaos. Der ehemalige ­Inspektor des Dresdner Grünen Gewölbes veruntreute in seiner Sammelleidenschaft königliche Schätze und kam in Festungshaft.

Doch nach dem Sturm kehrt wieder Ruhe ein, der analytische Blick auf die Leidenschaften gewinnt wieder die Oberhand. Wie gehen wir mit ihnen um, wie halten wir sie im Zaum? Eine Rolle spielen dabei unter anderem Religion und Erziehung mit ihrem System aus Strafe und Lob. Daneben gibt es aber auch Räume, in denen Leidenschaften ausgelebt werden dürfen, das eheliche Schlafzimmer, Sportstadien oder das Theater.

Im letzen Akt mit dem Titel »Auf­lösung« bringen die Ausstellungsmacher eine mögliche weitere Leidenschaft ins Spiel, die Mitleidenschaft. »Nur indem wir fühlen, können wir auch mitfühlen«, sagt Kuratorin Nichols. Ein Perspektivwechsel bietet scheinbar frische Luft und Raum für Nachdenklichkeit. Kunstrasen, Parkbänke, ein Haus, in das der Besucher nun von außen blickt. Wie zeigt sich Mitmenschlichkeit, die letztlich die Gesellschaft zusammenhält?

Auf einer Litfaßsäule ist von Gotthold Ephraim Lessing zu lesen: »Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste«. Es gehe nicht um eine Utopie, sagt Nichols. »Mitleid ist aber nur dann gut, wenn man auch handelt«, betont sie.

Die Ausstellung ist bis 30. Dezember dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Marius Zippe (epd)

www.dhmd.de