»… dann hätten wir der Menschheit einen großen Dienst getan«

16. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Die Ökumene nach dem Papstbesuch und das Reformationsjubiläum 2017 – im Gespräch mit Bischof Gerhard Ludwig Müller

Am 24. Februar jährt sich zum 475. Mal die Unterzeichnung der Schmalkaldischen Artikel. Sie gehören bis heute zu den grundlegenden lutherischen Bekenntnisschriften.
Harald Krille sprach aus diesem Anlass mit dem Vorsitzenden der Ökumenekommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Gerhard Ludwig Müller.

Herr Bischof Müller, ich zitiere aus den Schmalkaldischen Artikeln: »Denn so wenig wir den Teufel selber als einen Herrn oder Gott anbeten können, so wenig können wir auch seinen Apostel, den Papst oder Endchristen, in seiner Herrschaft als Haupt oder Herrn ertragen.« Und kurz später fährt Luther fort: »Darum dürfen wir hier nicht seine Füße küssen und sagen, ihr seid mein gnädiger Herr, sondern wie in Sacharja der Engel zum Teufel sprach, Gott strafe dich Satan.« Wenn Sie das heute hören, was löst das bei Ihnen aus?

Müller: Ja, das ist eine offizielle lutherische Bekenntnisschrift. Diese Formulierung reicht allerdings sehr weit in die Zeit heftigster Auseinandersetzungen zurück. Wir wissen, dass Luther sehr ungerecht werden konnte und in allem und jedem, das ihm und seiner Meinung ­widersprach, den Teufel persönlich am Werk sah.

Aber wir leben heute im ökumenischen Zeitalter und sollten uns auf das ursprüngliche Kernanliegen Luthers konzentrieren, das uns verbindet: die Frage nach dem persönlichen, gnädigen Gott. Der Papst hat dies im Erfurter Augustinerkloster aufgegriffen. Und in den Schmalkaldischen Artikeln ist in den ersten Abschnitten Gott sei Dank auch davon die Rede, dass wir in den hohen Artikeln der göttlichen Majestät – also etwa in der Trinitätslehre, der Christologie, der Menschwerdung Gottes – eins sind.

Gerhard Ludwig Müller ist seit 2002 Bischof der Diözese Regensburg. Zuvor war Müller, der 1977 mit einer Arbeit über den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer promovierte, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in München. Müller ist Vorsitzender der Ökumenekommission, stellvertretender Vorsitzender der ­Glaubenskommission und Mitglied der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. Foto: Harald Krille

Gerhard Ludwig Müller ist seit 2002 Bischof der Diözese Regensburg. Zuvor war Müller, der 1977 mit einer Arbeit über den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer promovierte, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in München. Müller ist Vorsitzender der Ökumenekommission, stellvertretender Vorsitzender der ­Glaubenskommission und Mitglied der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. Foto: Harald Krille

Immerhin haben Sie im vergangenen Jahr gefordert, dass die Lutheraner sich für diese Antichrist-Vorwürfe an den Papst entschuldigen sollten …

Müller: Ich hab das etwas ironisch gemeint vor allem im Hinblick auf die Forderungen, die katholische Kirche solle die Exkommunikation Luthers endlich aufheben. Abgesehen davon, dass das kirchenrechtlich gar nicht geht, weil die Exkommunikation eine Beugestrafe ist und sich nur auf Lebende bezieht: Ich bin mit vielen der Meinung, dass man das Verhältnis katholisch-evangelisch nicht nur einseitig aus der Sichtweise des 16. Jahrhunderts sehen kann, wo dann nur wir auf der Anklagebank sitzen.

Man sollte zumindest sehen, dass es auch bei Luther problematische Seiten gab. »Ec­clesia semper reformanda« – die Kirche, die sich immer wieder selbst in Christus erneuert – bezieht sich auch darauf, dass wir immer neu Maß nehmen müssen an der Nachfolge Jesu Christi und jeder im täglichen Vaterunser beten muss: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir ­vergeben unseren Schuldigern.«

Warum brauchen wir eine Einheit? Wir könnten es doch auch mit dem Alten Fritz halten – jeder soll nach seiner Façon selig werden – und am Ende sehen wir, wie Gott darüber urteilt.

Müller: Der Alte Fritz gilt in militärischen Dingen als Experte, aber in Glaubensfragen ist er ein schlechter Ratgeber. Wir sind der gemeinsamen Wahrheit verpflichtet, so wie sie uns nach unserem gemeinsamen Verständnis aus der Offenbarung Gottes heraus zukommt. Natürlich kann es und soll es Verschiedenheiten geben. Das Pfingstereignis zeigt, dass jeder das Evangelium in seiner Sprache, sozusagen seiner »Kultur« hörte. Aber sie waren trotzdem »ein Herz und eine Seele«.

Sie waren geeint in der Lehre der Apostel, im Brotbrechen, im Gebet, in der Gemeinschaft. Und so muss es eben auch in der Kirche deutlich werden: ein Herr, ein Gott, ein Glaube, eine Taufe. In den wesentlichen Fragen des Bekenntnisses und des sakramentalen Lebens muss es nach unserem ­Verständnis eine Einheit geben. Da geht es nicht nur um das Verständnis von ­Eucharistie beziehungsweise Abendmahl.

Wenn für uns beispielsweise die Ehe ein Sakrament ist, für die Evangelischen aber nicht, dann kann das eigentlich nicht unvermittelt nebeneinanderstehen. Doch wie es der Papst in der ­Predigt über Johannes 17 in Erfurt sagte: Die Einheit mit Gott und Gemeinschaft im Glauben, Bekennen und Beten ist letztlich der Wille Christi.

Von diesem »ein Herz und eine Seele« scheinen wir weit entfernt. Nach dem Papstbesuch hat sich unter den Protestanten Enttäuschung breitgemacht. Haben Sie Verständnis dafür?

Müller: Nein, eigentlich nicht. Sicher muss man sagen, dass auch Äußerungen über die Medien dazu beigetragen ­haben, unrealistische Erwartungen zu wecken, die dann zwangsläufig nur enttäuscht werden können. Aber von kirchenleitenden und theologisch gebildeten Persönlichkeiten darf man schon erwarten, dass sie die Tiefe des ­Ereignisses erspüren und die Erfurter ­Begegnung in dem Kloster, in dem Luther zu seinen für ihn fundamentalen Einsichten kam, als die ökumenische Sensation des Jahrhunderts, ja überhaupt der letzten 500 Jahre begreifen.

Sie arbeiten auch in der Kommission Weltkirche mit. Ist das ökumenische Gespräch in Deutschland Vorreiter oder hinkt es eher hinterher?

Müller:Deutschland ist das Ursprungsland der Reformation und damit auch der Kirchenspaltung und wir haben eine starke theologische Tradition. Aber die deutschen Kirchen der Reformation sind manchmal nicht auf dem Stand, auf dem die Weltökumene sich befindet. Zum Beispiel sind uns die Lutheraner Skandinaviens in vielen Dingen viel näher und der ökumenische Prozess ist dort weiter vorangeschritten. Denken Sie nur an die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 in Augsburg: Es waren 160 deutsche evangelische Theologieprofessoren, die ein Jahr zuvor dagegen opponierten …

Gehen wir noch weiter voran oder haben wir eine ökumenische »Eiszeit«?

Müller: Solche globale Einschätzungen sind schwierig. Es gibt immer die schöne bunte Mischung. Da gibt es einen liberalen Katholizismus, der den Glauben auf eine Kulturerscheinung reduziert, dem die Realpräsenz in der Eucharistie nicht so wichtig ist wie ein klangvolles Hochamt mit Weihrauch. Und es gibt die ­liberalen Evangelischen, für die sich der Protestantismus auf das »gegen den Papst und Rom« und überhaupt »gegen Autoritäten sein« reduziert. Da wird Ökumene überflüssig.

Ökumene ist für uns nur interessant mit evangelischen Christen, die mit uns die Grundüberzeugung teilen, dass die Offenbarung Gottes in Christus nicht ein Mythos ist, nicht eine schöne literarische Fiktion aus dem ersten Jahrhundert, aus der man vielleicht noch ein paar moralische Lehren und Prinzipien ziehen kann. Und da sind wir in den letzten Jahren durchaus auch zu einem tieferen gegenseitigen Verständnis gekommen.

Wie sehen Sie im Blick auf die Ökumene das Reformationsjubiläum 2017?

Müller: Ich hoffe, dass dieses Reforma­tionsjubiläum ökumenisch genutzt wird und nicht nur aus Negativfolien aufgebaut wird. Nach dem Motto: Die katholische Kirche hat alles verdorben, doch dann kam Luther als Lichtgestalt wie der Phönix aus der Asche. Wenn man ökumenisch die Kirchengeschichte der letzten 500 Jahre betrachtet, wird man sagen müssen, es gab auf beiden Seiten viel Licht, aber auch viel Schatten. Nur Licht gibt es allein bei Jesus Christus, unserem gemeinsamen Herrn und Heiland.

Wie könnte das Reformationsgedenken denn praktisch gemeinsam begangen werden – einfach mitfeiern kommt für die katholische Seite ja kaum infrage?

Müller: Nein, wir können schwer das feiern, was zur Spaltung der ­Kirche führte. Aber wir könnten vielleicht gemeinsam in einen Prozess der »Healing of Memories« – Heilung der Erinnerungen – einsteigen. Wir könnten uns gegenseitig von unseren Verletzungen erzählen, die eigenen Quellen etwas kritischer lesen, unsere Schuld voreinander bekennen und uns der Tragik der Spaltung der Christenheit bewusst werden, die Luther eigentlich gar nicht wollte.

Dann könnten wir das Jahr 2017 nutzen, um das ursprüngliche Anliegen Luthers, die Gottesfrage, und ein gemeinsames Bekenntnis zu Jesus Christus als wahren Gott und wahren Menschen, als Messias aus den Juden und als Heiland der Heiden in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn wir das hinbekämen, nämlich ein großes gemeinsames Christusbekenntnis mit den Christen der ganzen Welt, dann hätten wir der Menschheit einen großen Dienst getan!

Hintergrund:

Die Schmalkaldischen Artikel
Im Februar 1537 stellte Luther auf der Bundesversammlung des 1530 gegründeten Schmalkaldischen Bundes die im Auftrag des sächsischen Kurfürsten verfassten Schmalkaldischen Artikel vor. Sie sollten den Glaubensgenossen zur Vorbereitung auf ein vom Papst ­ursprünglich nach Mantua einberufenes Konzil dienen. Nicht zuletzt aus Angst, nach seinem Tod könnten die Anhänger der Reformation seine Lehren verwässern und dem Papst gegenüber Entgegenkommen zeigen, fasste Luther die Schrift in großer Schärfe ab.

Seine schroffen und jeden Kompromiss ausschließenden Formulierungen führten dazu, dass die führenden protestantischen Theologen die Artikel am 24. Februar 1537 in der südwestthüringischen Kleinstadt teilweise nur unter Vorbehalt unterzeichneten und die Mitglieder des Bundes sie als nicht geeignet für das Konzil erachteten. Dennoch wurden die Schmalkaldischen Artikel 1544 in die Reihe der bis heute gültigen Bekenntnisschriften der lutherischen Kirchen aufgenommen.

(GKZ)

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “»… dann hätten wir der Menschheit einen großen Dienst getan«”
  1. Paul Haverkamp sagt:

    Während Müller in diesem Interview für seine Verhältnisse erstaunlich handzahme und moderate Töne findet hinsichtlich ökumenischer Gespräche mit den nach seinem Verständnis in einer „kirchlichen Gemeinschaft“ lebenden Christen der Reformation, benennen drei Protagonisten der evangelischen Kirche in nicht zu überbietender Klarheit und Wahrheit die wahren Hindernisse eines ökumenischen Dialogs zwischen den Kirchen der Reformation und der kath. Kirche.

    Der Braunschweiger Landesbischof Weber schilderte im letzten Jahr aus evangelischer Perspektive nach meiner Ansicht zutreffend, wie weite Kreise der kath. Kirche sich Ökumene vorstellen:

    „Die katholische Kirche ist bereit, ihre Tür zu vergrößern, damit auch der evangelische Schrank in ihr Haus passt.
    Aber die Struktur des Hauses ist nach ihrer Überzeugung von Gott vorgegeben in der Gemeinschaft der Bischöfe als Nachfolger des Apostelkollegiums mit dem Papst als seinem Haupt. Und erst wenn über die Struktur des Hauses, also über das Verständnis von Kirche, Einheit herrscht, dann ist auch die gemeinsame Feier des Abendmahles als Ausdruck dieser Gemeinschaft möglich. Die Abendmahlsgemeinschaft ist hier also Endpunkt einer ökumenischen Entwicklung.“

    Hinsichtlich des Monopolanspruchs der kath. Kirche auf die einzig von Gott eingesetzte Kirche formuliert der evang. Theologe Schorlemer zu Recht:

    „Diese römische Arroganz müsste als Erstes abgelegt werden, und dafür ist er leider mitverantwortlich, ein Mann, der ansonsten auch sehr bescheiden auftritt, ein eher schüchterner Mensch zu sein scheint, und doch den Menschen wie gestern im Stadion, doch den katholischen Menschen eine Glaubensstärkung gibt, aber auch gleichzeitig Treue einschwört zur Kirche, und dann gibt es nur eine Kirche, das ist die Kirche, die römische. Also dieser römische Alleinvertretungsanspruch muss eigentlich weg. Wir müssen zu einer Einheit in versöhnter Vielfalt kommen. Das ist auch das, was die Welt von uns erwartet, und ich glaube, das entspricht auch dem Geist Christi.“

    Und hinsichtlich der Reformbereitschaft der kath. Kirche formuliert Schorlemer:
    „Sie hat, glaube ich, Angst davor, wenn sie anfängt, sich zu reformieren, dass das Ganze dann irgendwie zusammenfällt, und deswegen polemisiert der Papst stark gegen Relativismus, aber was er macht, ist auch ein alter Dogmatismus.“

    Ergänzend und unterstützend formuliert der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Kock, hinsichtlich der Bereitschaft der kath. Kirche in der Ökumene-Frage auf die evang. Kirche zuzugehen:

    „Das ist nicht anzunehmen, obwohl es der katholischen Kirche gut täte, sich in diesen Fragen mehr zu öffnen. Ich kenne die Argumente der katholischen Kirche und verstehe sie intellektuell, halte sie aber für falsch. Die Theologie ist eigentlich ganz nah beieinander, im Blick auf das Abendmahlsverständnis gibt es keinen kirchentrennenden Unterschied mehr. Viele katholische Theologen wissen, dass die bischöfliche Tradition nicht das Wesen der Kirche ausmacht. Es gab schon in neutestamentlicher Zeit presbyteriale Verfassungen. Da kann niemand nachträglich sagen: Das war nicht Kirche. Was noch trennt, ist vor allem die kirchliche Praxis und die Angst der gegenwärtigen römischen Hierarchie vor einer Protestantisierung der eigenen Kirche.“

    Weber, Schorlemer und Kock haben aus meiner Perspektive in korrekter Weise das Ökumenische Verständnis der kath. Amtskirche wiedergegeben. Diese Sichtweise der kath. Amtskirche wird jedoch dazu führen, dass eine „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ auf den Sankt Nimmerleins-Tag verschoben wird – und zwar ausschließlich deshalb, weil Machtfragen in der römischen Zentrale eine Einheit verhindern.

    Solange die offizielle katholische Position behauptet, dass Jesus eine hierarchisch strukturierte Papst- und Priesterkirche gewollt und er die Anerkennung dieser Kirchenstruktur als notwendige Voraussetzung für die Teilnahme an seinem Versöhnungsmahl angesehen hat, so lange wird es keinen ökumenischen Fortschritt geben.

    Es ist theologisch unzulässig und pastoral problematisch, wenn sich die katholische Kirche auf den Willen Jesu oder die ungebrochene Tradition der Kirche beruft, um ökumenisches Miteinander bei der Abendmahls- und Eucharistiefeier zu unterbinden. Entscheidend dagegen ist für die Nachfolger Jesu, dass Menschen sich seiner erinnern, seine Gegenwart in Wort und Sakrament feiern und versuchen, seine Botschaft in der Welt erfahrbar werden zu lassen.
    Die Überzeugung in der katholischen Kirche, die „einzig wahre, katholische und apostolische Kirche“ zu sein, die geleitet wird vom „Stellvertreter Jesu Christi“ und ausschließlich repräsentiert wird von Amtsträgern, die „in persona Christi“ agieren, bilden eine ungeheuere Barriere für eine Ökumene, die Gleichwertigkeit der Partner zur Voraussetzung hat. Wenn auch viele Christen der reformierten Kirchen mittlerweile einen universalkirchlichen Petrusdienst als menschliche Einrichtung (iure humano) für durchaus nützlich ansehen („Communio mit Petrus“), so wird die katholische Kirche zur Kenntnis nehmen müssen, dass sie Abschied nehmen muss von der Vorstellung einer „Communio unter Petrus“.

    Die Chancen bezüglich einer Einheit der christlichen Kirchen ist in elementarer Weise abhängig von dem zugrunde gelegten Oekumene – Verständnis. Geht man unter einer ekklesiozentrischen Prämisse an diese Frage heran, so kann die Folgerung für die „abgefallenen“ Kirchen aus katholischer Perspektive nur lauten, dass eine Einheit nur als Rückkehr der anderen in den „wahren“ Schoß der katholischen Kirche möglich ist, da diese sich als die „einzig wahre“ Kirche Jesu Christi wähnt. Dieser Denkansatz wird heute noch von denjenigen verkündet, die das Rad der Kirchengeschichte auf eine vorkonziliare Zeit zurückdrehen möchten; auf das Zweite Vatikanische Konzil können sich diese römischen Zentralisten nicht berufen, denn dieses hatte bezüglich des oekumenischen Ansatzes den christozentrischen Ansatz in den Mittelpunkt gestellt; nicht das kirchengeschichtlich Trennende sollte im Vordergrund stehen, sondern das christologisch Verbindende.

    Kardinal Kasper hat darauf hingewiesen, dass es auch in der Urkirche keine zentralistische Einheitskirche gegeben hat : „…denn historisch gesehen gab es vermutlich von Anfang mehrere Gemeinden , neben der Jerusalemer Gemeinde auch Gemeinden in Galiläa. Die eine Kirche bestand als von Anfang an ´in und aus´ Ortskirchen.“ Kasper, der im Gegensatz zu Ratzinger nicht einer zentralistischen Einheitskirche das Wort redet, sondern sich für eine Balance von Universal- und Partikularkirchen einsetzt, beschreibt dann auch folgerichtig aus seiner Perspektive die Zielvorstellung einer zukunftsweisenden Oekumene: „Die oekumenische Zielvorstellung ist ja nicht die uniformistische Einheitskirche, sondern eine Kirche in versöhnter Verschiedenheit.“

    Vertreter beider Konfessionen sollten einsehen, dass es nicht darum geht, dass die Evangelischen katholischer und die Katholischen evangelischer werden müssen; Ökumene kann nicht auf eine totale Einheit in allen Einzelfragen hinauslaufen, aber notwendig ist, dass keine Kirche das, was eine andere Kirche amtlich offiziell verbindlich lehrt, als Widerspruch zum Evangelium betrachtet.

    Ökumene will kein Verarmungsprozess sein, bei dem man sich auf den geringsten gemeinsamen Nenner einigt; Ökumene will und muss als ein Lern- und Mehrungsprozess verstanden werden, bei dem alle Beteiligten voneinander lernen. Keine Konfession darf und soll ihre Identität aufgeben müssen; zu der Vorstellung von einer „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ gibt es, wenn alle Beteiligten wahrhaftig und ernsthaft den Gedanken der Ökumene verwirklichen möchten, keine Alternative!

    Paul Haverkamp, Lingen

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