Singen zu Ehren Gottes

9. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Motettenkonzert in der Leipziger Thomaskirche. Foto: ACCENTUS Music

Motettenkonzert in der Leipziger Thomaskirche. Foto: ACCENTUS Music


Dokumentarfilm zeigt den außergewöhnlichen Alltag der Thomaner.

Seit fast 800 Jahren singen sie »zu Ehren Gottes«, derzeit tun es 94 Jungen und junge Männer des weltberühmten Leipziger Thomanerchores. Ein solches Jubiläum gilt es zu feiern, Anlass für einen Film, der über den Zeitraum eines Jahres den Chor begleitet und dabei unter anderem Momente des Anfangs und des Abschieds dokumentiert. Kinder werden in den Chor aufgenommen, junge Männer verlassen ihn, in jedem Falle existenzielle Herausforderungen. Was die Kinder im Chor mit seinen anachronistisch anmutenden Regeln des Internates erleben, wird sie prägen. Sie werden sich ein- und unterordnen, sonst ist es nicht möglich zu bestehen in diesem geschlossenen System mit 15 Minuten fürs Mittagessen, der »einzigartigen Welt zwischen Motette, Internat und Fußballplatz«, in der das Leben »geprägt ist von Erfolg und Leistungsdruck, Zweifel und Stolz, Heimweh und echter Freundschaft«.

Wenn sie den Chor verlassen, können sie nicht einfach hinter sich lassen, was sie in neun Jahren geprägt hat. Es sei schön gewesen, habe ihn zu dem gemacht, was er jetzt sei, sagt ein 18-Jähriger. Aber jetzt gehe es erst richtig los, er müsse das, was er erfahren hat »so einsetzen, dass man wirklich vollständig wird«.

Alle, Kinder und Jugendliche, die im Film zu Wort kommen, drücken sich gewählt aus, kritische Töne gibt es nur selten, Verdruss gar nicht. Manches klingt wie ein vorbereitetes Statement. Einmal nur in fast 100 Minuten begehrt einer auf. Für die Tournee nach Südamerika war er vorgesehen und musste dann doch in Leipzig bleiben. Nur die Besten reisen. Aber, fügt der Junge hinzu, man höre ja, dass es gar nicht so toll sein solle dort.

Thomaskantor Georg Christoph Biller nennt die Mitglieder des Chores »Thomasser« und gibt zu, dass er auch manchmal böse werden müsse. Um zu demonstrieren, wie kumpelhaft er auch sein kann, fragt er einen Steppke wie es um die Liebe bestellt sei. »Thomasser« wohnen im Internat in »Stuben«, ein »Dispi« ist ein Sänger, der wegen eines Vergehens dispensiert wurde.

Es ist ein Vorteil des Films, viele Augenblicksmomente völlig unkommentiert zu zeigen, so kann man auch unangenehme Formen arroganter Altershierarchie entdecken oder übersehen. Über pubertäre Herablassungen den anderen Schülerinnen und Schülern des Thomas-Gymnasiums gegenüber mag man lächeln oder auch nicht. Bei so viel Disziplin und Einsehen vergisst man fast, dass der Film ein Jahr der Thomaner während der Umbauphase des Alumnats begleitet und vieles sich in Provisorien abspielen muss.

Einmal stellt der Thomaskantor die Frage, ob seine »Thomasser« in »Christo Jesu« seien. Ohne »Gretchenfrage« geht es nicht in einem solchen Film. Musikalität, stimmliche Qualitäten und Intelligenz, nicht Taufscheine sind Voraussetzungen für die Aufnahme in den Chor, dessen Hauptaufgabe es aber ist, geistliche Musik aller Epochen, besonders die des großen Thomaskantors Johann Sebastian Bach zu singen und das auch nicht vornehmlich auf Konzertpodien, sondern in Kirchen, im liturgischen Rahmen der Motetten am Freitag, der Kantaten am Sonnabend oder in den Gottesdiensten der Leipziger Thomaskirche.

Manche Jungen kamen ­getauft und christlich erzogen in den Chor und haben nach neun Jahren mit dem Glauben abgeschlossen. ­Andere finden ihn und verlassen als Getaufte den Chor. Dass die tiefe Religiosität der Passionen Bachs Sänger und Zuhörende, Gläubige oder Nichtgläubige ergreifen, bewegen und sogar verändern kann, über Glauben und Verstehen hinausreicht, davon vermittelt der Film einiges.

Man mag diesen Film sehen und unterschiedlich darauf reagieren. »Die Thomaner« mit »Herz und Mund und Tat und Leben«, wie es im Untertitel heißt, sind ein Chor, den erlebt man, wenn er singt. Dazu sollte man doch am besten in die Thomaskirche gehen.

Boris Michael Gruhl

Die Thomaner. Herz und Mund und Tat und Leben.
Ein Film von Paul Smaczny und Günter Atteln,
ACCENTUS Music UG Leipzig in Koproduktion mit dem MDR,
Länge: 113 min, Kinostart: 16. Februar

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