Israel braucht eine Vision vom Frieden

27. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie der palästinensische Pfarrer Mitri Raheb auf die Kritik an der Vergabe des Deutschen Medienpreises reagiert

Die Auszeichnung des palästinensischen Pfarrers Mitri Raheb mit dem Deutschen Medienpreis stößt bei der Deutsch-Israelischen Gesellschaft sowie in christlich-jüdischen Orga­nisationen auf Kritik. Dem Theologen wird vorgeworfen, »judenfeindliche Stereotypen neu zu beleben«, weil er 2010 gesagt habe, das Jesus Palästinenser und kein Jude sei. Am 24. Februar wird er in Baden-Baden für seinen Einsatz zur Verständigung von Christen, Juden und Muslimen geehrt. Mit ihm sprach Benjamin Lassiwe in Berlin.

Mitri Raheb ist lutherischer Pfarrer in Bethlehem.

Mitri Raheb ist lutherischer Pfarrer in Bethlehem.

Herr Raheb, wie sieht die Situation der arabischen Christen in Palästina aus?
Raheb:Die Situation ist schwierig, weil die israelische Besatzung seit 1964 weitergeht. Der sogenannte arabische Frühling hat die ganze Region aufgewühlt, und die Auswanderung lässt die Zahl der Christen abnehmen. Das alles sorgt dafür, dass die Lage nicht sehr ruhig ist.

Vor welchen Aufgaben stehen die Christen der Region?
Raheb:Für die Christen ist es eine ganz wichtige Aufgabe, zu einer gemeinsamen Position zu kommen. Denn die Region braucht eine Vision. Israel braucht eine Vision vom Frieden. Die Palästinenser brauchen eine Vision, wie ihr Leben in Würde sein kann. Die ganze Region sucht nach ­einer neuen Vision von einer pluralistischen Zivilgesellschaft, in der es Rechtsstaatlichkeit und Freiheit, Pres­se- und Religionsfreiheit gibt.

Das »Kairos-Papier«, das Sie mitverfasst haben, enthält auch einen Boykottaufruf für israelische Produkte – passt das zu einer Gesellschaft von Freiheit und Demokratie?
Raheb:Klar, weil wir im Kairos-Dokument dazu aufrufen, Sachen zu boykottieren, die die Besatzung unterstützen. Wir rufen nicht zum Boykott von Israel auf, sondern von Sachen, die die israelische Besatzung unterstützen. Das muss man unterscheiden. Und der Grundsatz dafür ist der mündige Bürger. Er muss Entscheidungen treffen, mit seinem Gewissen beurteilen können, ob das, was er kauft, den falschen Leuten zugutekommt.

Sie sollen in einem Vortrag gesagt haben, dass Jesus Palästinenser und kein Jude gewesen sei.
Raheb:Nein, nein, nein. Das können Sie nirgendwo lesen. Das habe ich ­nirgendwo gesagt. Das ist ein falsches Verständnis von Geschichte. Das ist eine Verleumdung.

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen den christlichen Palästinensern und der jüdischen Mehrheitsbevölkerung in Israel?
Raheb: Ich denke, die Christen sind kein Thema für die jüdische Mehrheit. Ich persönlich glaube, dass Juden, Christen und Muslime auch sehr gut zusammenarbeiten können. Wir sind nicht dazu verdammt, in den Krieg miteinander zu ziehen. Auch weigere ich mich, zu sagen, dass der Konflikt um Palästina ein religiöser Konflikt ist, also den Krieg als einen Krieg zwischen Juden und Muslimen oder Juden und Christen zu sehen. Das ist nicht so. Diese Hetzkampagne gegen mich wurde nicht von Juden gestartet, sondern von christlichen Zionisten.

Was heißt christlicher Zionismus, und wo sehen Sie da die Gefahren?
Raheb:Die Gefahr des christlichen Zionismus ist es, Israel für theologische Zwecke zu instrumentalisieren. Also einen Philosemitismus zu pflegen, der im Grunde genommen antisemitisch ist. Für diesen christlichen Zionismus sind wir der Stolperstein: Denn wenn es uns als palästinensische Christen nicht gäbe, dann können Sie den Konflikt um Palästina als Konflikt zwischen Judentum und ­Islam definieren. Unsere Existenz ­hingegen sagt, dass der Nahostkonflikt ein politischer Konflikt ist. Und ein politischer Konflikt ist lösbar, es braucht keine Wunder dafür. Aber ­genau das wollen die christlichen ­Zionisten nicht: Sie unterstützen Israel, weil sie sich, wie ein Buchtitel heißt, nach Armageddon sehnen.

Wie bewerten Sie die Kritik, die etwa christlich-jüdische Gesellschaften an Ihrer Person äußern?
Raheb:Mich ärgert, dass diese Leute keine sachliche Diskussion geführt haben. Sie haben keine meiner Schriften richtig zitiert. Ich habe alle meine Predigten und die meisten Vorträge ins Internet gestellt. Ich habe über 14 Bücher geschrieben – auf die man ­eingehen kann. Das haben sie nicht getan. Sie haben Verleumdungen aufgestellt und Sachen gesagt, die ich nicht gesagt habe. Sie wollen aus Deutschland ein Schlachtfeld von pro-israelischen und pro-palästinensischen Gruppen machen. Aber darauf lasse ich mich nicht ein. Ich glaube, unsere ganze Arbeit in Bethlehem hat gezeigt, dass wir versuchen, Räume der Hoffnung in einer hoffnungslosen Situation zu schaffen. Darauf konzentrieren wir uns auch in ­Zukunft.

Die zweite Chance

27. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Joachim Gauck – Foto: J. Patrick Fischer

Der evangelische Theologe Joachim Gauck wird der erste Bundespräsident mit DDR-Biografie

Die zweite Chance zum Einzug in Schloss Bellevue hatte Joachim Gauck kaum mehr erwartet. Er hatte am Sonntag Termine in Wien. »Ich bin noch nicht einmal gewaschen«, bekundete der 72-Jährige am Sonntagabend freimütig bei der Pressekonferenz im Bundeskanzleramt in Berlin. Im Taxi von der Fahrt zum Flughafen habe ihn der Anruf von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erreicht.

Dort präsentierten ihn die Parteivorsitzenden von Union, FDP, SPD und Grünen zwei Tage nach dem Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff als ihren gemeinsamen Kandidaten für die Nachfolge. Nachdem der ehemalige Stasi-Beauftragte Gauck im Sommer 2010 als Opposi­tionskandidat dem rund 20 Jahre jüngeren Wulff in der Bundesversammlung unterlegen war, gilt nun als sicher, dass der 72-Jährige zum elften Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland gewählt wird.

Der evangelische Theologe Gauck wird der erste Bundespräsident mit DDR-Biografie. Dass dies auch seine Agenda als Präsident prägen wird, machte er schon bei der Vorstellung am Sonntagabend deutlich. Ihm sei wichtig, dass die Menschen in Deutschland wieder lernen, dass sie »in einem guten Land« leben. Die Freiheit gebe ihnen »wunderbare Möglichkeiten« zu einem erfüllten ­Leben, sagte Gauck sichtlich bewegt. »Die Idee der Freiheit in Verantwortung« – das sei Gaucks Thema, sagte Merkel, die trotz ihrer Entscheidung für Wulff vor zwei Jahren aus ihrer Sympathie für Gauck nie einen Hehl gemacht hat.

Biografie und deutsche Geschichte gehen bei Gauck, der das Ende des Zweiten Weltkrieges als Fünfjähriger erlebt hat, Hand in Hand. Der Kandidat für das höchste Amt im Staat hat die Einschränkung persönlicher Freiheit am eigenen Leib erlebt. 1951 wird sein Vater vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und für vier Jahre in ein Arbeitslager nach Sibirien verschleppt. Das Erlebnis prägt Gaucks Haltung zur DDR. Er wird Pastor und wählt damit einen Beruf, der ihn in Distanz zur staatlichen Doktrin leben lässt.

In seiner Geburtsstadt Rostock wird er, der nie einer oppositionellen Gruppe angehört hat, im Herbst 1989 zu einem der Köpfe des kirchlichen Protests. Der parteilose Gauck ist kein eingefleischter Politiker. Zwar kandidiert er 1990 für das »Bündnis 90« bei der ­ersten freien DDR-Volkskammerwahl. Als Abgeordneter leitet er später den Parlamentsausschuss zur Kontrolle der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, schließlich wird er zum ersten Beauftragten für die Stasi-Unterlagen berufen – und leitet die quasi nach ihm benannte Gauck-Behörde bis 2000.

In den vergangenen Jahren war Gauck, der seit 1991 getrennt von seiner Frau lebt und vier erwachsene Kinder hat, vor allem als Vortragsreisender in Deutschland unterwegs. Er referierte beispielsweise über die deutschen Verhältnisse in Ost und West. Themen für den Vorsitzenden des Vereins »Gegen das Vergessen – Für Demokratie« sind allerdings immer wieder auch die Verbrechen der NS-Diktatur und das Demokratiebewusstsein in Deutschland.

Bei seiner nur vier Wochen währenden Kandidatur gegen Wulff im Sommer 2010 habe ihn der Zuspruch aus der Bevölkerung überrascht, sagte er danach. Umfragen zufolge ist die Zustimmung ungebrochen. Und im zweiten Anlauf hat er nun auch Schwarz-Gelb von sich überzeugt.

Barbara Schneider und Karsten Frerichs (epd)

Nicht perfekt, aber schön genug

26. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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»7 Wochen ohne Meckern über Bauch, Beine und Co.« – Ein ungewöhnliches Experiment nicht nur für die Fastenzeit

Spieglein, Spieglein an der Wand …«. Frauen und Mädchen nehmen sich meist kritisch unter die Lupe. Das Ergebnis ist selten ein zufriedener Blick, sondern oft das selbstkritische, in extremen Fällen das selbstzerstörerische Urteil: »Mangelhaft! So, wie ich bin, bin ich nicht schön genug.«

Laut einer Studie der Kosmetik­industrie finden sich nur zwei Prozent aller Frauen in Deutschland schön. Über neunzig Prozent aller Mädchen würden mindestens einen Aspekt ihres Erscheinungsbildes ändern, wenn sie das könnten. Der Busen zu klein oder zu groß, die Lippen nicht voll genug, die Nase zu lang. Oberstes Schönheitsmerkmal ist das (Leicht)­Gewicht. Schönheit fängt frühestes bei Konfektionsgröße 38 an. Mehr ist von Übel.

Julia Warkentin (38) boykottiert ihre Waage. Sie hat sich verabschiedet vom täglichen Kontrollblick auf die Waage. Mit Geschmack und erhobenen Hauptes trägt sie Konfektionsgröße 44. Vom Versuch, sich um eine oder zwei Kleidergrößen runterzuhungern, hat sie sich verabschiedet. Aber den bedauernden Blick in den Spiegel kennt die Kulturwissenschaftlerin nur allzu gut. Der endete bei ihr genau wie bei den allermeisten Frauen: Mit dem Gefühl, nicht mithalten zu können mit den Bildern der Models in den Katalogen und Zeitschriften.

Julia Warkentin hat gelernt, sich nicht länger dem Diktat eines von ­Medien vermittelten Körperbildes zu beugen. »Ich habe geübt, mich so zu mögen und anzunehmen wie ich bin. Nicht perfekt, aber gut genug«, sagt sie.

»Ich habe angefangen, mich ganz bewusst im Spiegel anzuschauen und mich an den Sachen zu freuen, die ich gut an mir finde«, beschreibt sie einen wichtigen Schritt auf ihrem Weg, Freundschaft mit dem eigenen Körper zu schließen.

Auf diesem Weg möchte sie möglichst viele Menschen, Frauen und Männer, mitnehmen. Julia Warkentin schlägt vor, dazu die Zeit vor Ostern zu nutzen, die traditionell als Fastenzeit gilt. In ihrem gerade erschienenen Fastenkalender geht es nicht um eine Blitzdiät, eher um ein Langzeitprogramm. Ihr Vorschlag lautet, aus dem gewohnten Trott von Selbstkritik und Unzufriedenheit auszubrechen und auszuprobieren, wie sich das anfühlen kann, »7 Wochen ohne Meckern über Bauch, Beine und Co.« zu leben. Statt wie früher in der Fastenzeit auf Fleisch und Eier oder, wie heute weit verbreitet, auf ­Süßes oder Alkohol zu verzichten, lädt sie ein, sieben Wochen lang ­negative Gedanken über das eigene Aussehen zu vermeiden und gezielt zu trainieren, Ja zu sich selbst zu ­sagen.

Julia Warkentin gibt für jeden Tag zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag eine Anregung, die helfen soll, Freundschaft mit sich selbst zu schließen und die eigene Schönheit zu entdecken.

Das Fastenexperiment beginnt mit einer Bestandsaufnah­me. Welche Sätze und Gefühle bestimmen mein Denken über mich? Wie wohl fühle ich mich in meiner Haut? Klar, dass die möglichst ehrlich beantwortet werden sollte. Am besten in einem Fastentagebuch.

Glaube Alltag-09

Sich klarzumachen, dass man Kalorien zum Überleben braucht, statt jede Kalorie als Feind anzusehen, ist eine weitere Anregung. Julia Warkentins Rezeptvorschläge machen Appetit darauf, sich selbst nicht weiterhin täglich Bewertungen, Komplexe und Mäkeleien zu servieren: Stattdessen: den Kampf ums Gewicht sieben ­Wochen lang aussetzen und jede Mahlzeit bewusst genießen und auf die Signale des Körpers achten!

Zugegebenermaßen lang ist der Weg, sich mit den Eigenheiten und Körperteilen zu versöhnen, die man sich selbst wohl kaum so ausgesucht hätte, wenn man gefragt worden wäre. »Das fühlt sich an, wie einem Feind die Hand zu reichen«, weiß Julia Warkentin. Ist aber aus ihrer Sicht nötig, weil die permanente Unzufriedenheit sonst Kraft und Energie raubt.

Julia Warkentins 47 Impulse laden mit Witz, Einfühlungsvermögen und Tiefgang zu einem veränderten Blick aufs Leben und sich selbst ein. Dabei macht sie keinen Hehl daraus, wo für sie die eigentliche Quelle der Selbstannahme ist: Im Glauben daran, eine geliebte Tochter Gottes zu sein. Und als solche – ausgestattet mit königlicher Würde – durch den Tag zu gehen. Besser gesagt: zu schreiten! Und wenn es Rückschläge in alte Muster gibt? Wenn Aschenputtel statt Königstochter zum Vorschein kommt, weil Umlernen gar nicht so einfach ist? »Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen!«

Karin Vorländer

Warkentin, Julia: 7 Wochen ohne Meckern über Bauch, Beine & Co. Der etwas andere Fastenkalender, Neukirchener Aussaat, 80 S., ISBN 978-3-7615-5913-0, 8,99 Euro

Nachträglich bewerten – frühzeitig erkennen – nachsichtig bleiben

25. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Moral: Kaum jemand hat eine solch weiße Weste, dass er berechtigt wäre, einen anderen gnadenlos zu verurteilen

Wie werden wir Politikern, Schriftstellern und anderen Persönlichkeiten gerecht, ­deren Fehler und Verirrungen offensichtlich sind? Ein Zwischenruf aus aktuellem Anlass, vor dem Hintergrund der monatelangen Kritik an Christian Wulff, der nun am 17. Februar als Bundespräsident zurückgetreten ist.

Mehrfach wurde ich gebeten, zum 100. Geburtstag von Erwin Strittmatter im September dieses Jahres ihn in seiner Geburtsstadt Spremberg zu würdigen. Ich hab das abschlägig beschieden, wiewohl dieser Autor durch seine ­verschwiegene Vergangenheit nicht vollends »erledigt« ist. »Ihr, die ihr ­auftauchen werdet aus der Flut, gedenkt unserer mit Nachsicht«, schrieb Brecht uns Nachgeborenen bereits 1938 ins Stammbuch.

Wir selber werden immer ehrlich sein müssen gegenüber unserer eigenen Lebensgeschichte, eigenen Irrtümern, Fehlgriffen, kleineren oder größeren Versäumnissen. Wir werden im Blick auf Menschen, die wir verehren, die uns Lehrer oder Vorbilder geworden sind, darauf verzichten müssen, sie zu Heiligen zu stilisieren.

Es gibt ganz wenige, die sich durch Tun oder Lassen nicht mitschuldig ­gemacht oder die nicht an kollektiven Irrtümern teilgehabt hätten – zumal in Deutschland mit seinem Für-Gott-Kaiser-und-Vaterland-Pathos im Ersten Weltkrieg. Mein Großvater, ein Lehrer, war auch patriotisch mitgezogen gegen den Erbfeind – und blieb seit August 1914 verschollen, irgendwo verschüttet an der Front.

Meine eigene große Verwandtschaft durchforstend, stoße ich durchaus auf fanatisch überzeugte Kleinbürger. Mein Bruder findet eine begeisterte Postkarte, die mein Vater an seine Mutter 1932 geschickt hatte: Goebbels hätte wunderbar geredet, es gehe aufwärts, schreibt er da. Er gehörte zu denen, die groß geworden sind mit der Schmach der deutschen Niederlage, der Knebelung des Versailler Vertrages, alleinig zugeschobener Schuld an der Urkatastrophe des Jahrhunderts mit Verlust aller Ersparnisse in der Inflation.

Mein Vater wurde kein Nazi, aber wie nahe war er dran gewesen? Wer Menschen verstehen will, muss die Zeitumstände, in denen Menschen gedacht und gehandelt haben mit berücksichtigen, sonst kommt es zu übermoralisierenden Fehlschlüssen.

Das Reichstagsgebäude in Berlin, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestages, ist ein Ort geschichtlicher Ereignisse. Hier tritt die Bundesversammlung in der ­Regel aller fünf Jahre zur Wahl des deutschen Bundespräsidenten zusammen. Bei vorzeitiger ­Beendigung der Amtszeit des Bundespräsidenten, wie im Falle Christian Wulffs, der am 17. Februar als Bundespräsident zurückgetreten ist, tritt die Bundesversammlung spätestens 30 Tage nach dem Rücktrittstermin zur Wahl des Nachfolgers zusammen. Joachim Gauck soll am 18. März zum neuen Bundespräsidenten gewählt werden. Foto: ddp images

Das Reichstagsgebäude in Berlin, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestages, ist ein Ort geschichtlicher Ereignisse. Hier tritt die Bundesversammlung in der ­Regel aller fünf Jahre zur Wahl des deutschen Bundespräsidenten zusammen. Bei vorzeitiger ­Beendigung der Amtszeit des Bundespräsidenten, wie im Falle Christian Wulffs, der am 17. Februar als Bundespräsident zurückgetreten ist, tritt die Bundesversammlung spätestens 30 Tage nach dem Rücktrittstermin zur Wahl des Nachfolgers zusammen. Joachim Gauck soll am 18. März zum neuen Bundespräsidenten gewählt werden. Foto: ddp images

Und wer das Glück hatte, nicht in diktatorischen Systemen leben und bestehen zu müssen, sollte alle Steine in der Tasche behalten, die er werfen könnte. Nichtsdestotrotz muss von heute aus auch bewertet werden, wer was warum wem angetan hat, wer die Menschenrechte mit Füßen getreten hat. Zum Beispiel Strittmatter: Dass er die Mitgliedschaft bei der Polizei, die auf dem Balkan gegen Partisanen ­gewütet hat, sogar seiner Frau Eva ­verschwieg, gehört zu den belastenden Dingen, die wir nicht mehr klären können, die uns aber erschüttern, weil Strittmatter sich sei­ne Biografie zurechtgebogen und auch zurechtgelogen hat.

Aber ist das ganze Lebenswerk Erwin Strittmatters davon so betroffen, dass es erledigt ist? Ist nicht »Der Laden« ein großartiges Epos über das vergangene Jahrhundert? Hatte auch er sich nicht allmählich befreit aus enger stalinistischer Ästhetik seiner ganz frühen Jahre? Und hatte nicht der »Wundertäter Band III« schon alles ­offengelegt, was wir heute Stasiismus nennen, der zuerst – dissidentische – Kommunisten selber traf?

Wie leicht wird in den Medien mit einem Relativsatz eine Person und ihr Lebenswerk »erledigt«. Also: Walter Jens, der vor der Erinnerung in die ­Demenz flüchtete. Günter Grass, der 55 Jahre seine SS-Mitgliedschaft verschwiegen hat (war es nicht der 17-Jährige, der zur Waffen-SS gegangen war?). Und die meisten (West-)Kommentatoren können, wenn sie von Christa Wolf reden, nicht auf den ­Relativsatz verzichten: » … die als IM Margarete für die Stasi gearbeitet hat.« Manche fügen noch das abschwächende Wort »kurzzeitig« ein.

Warum aber sagt man nicht, wenn man ­Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger erwähnt, gleich im Relativsatz »der Mitglied der NSDAP gewesen war« oder Theodor Heuss, »der dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hatte« oder Franz Fühmann, »der ein blindgläubiger Nazijunge gewesen ist«?

Der Publizist Hans-Dieter Schütt, der nun 20 Jahre zeigt, was Wandlung ist und der als ein geistig Befreiter lebt und denkt, bleibt fast immer mit dem Relativsatz verbunden: »… der als Chefredakteuer der Jungen Welt einen schrecklichen Kommentar über den Abuladse-Film ›Die Reue‹ geschrieben hat.« Stigma. Stigma. Stigma. Nichts verjährt, nichts relativiert sich, nichts wird wieder gut gemacht?

Wir werden Menschen nicht gerecht, wenn wir ihren blinden oder schmutzigen Fleck einfach mit einem Relativsatz an ihren Namen anfügen und ihm damit etwas anhängen, was jederzeit sichtbar bleiben soll, um ­sodann – günstigenfalls – doch eine Würdigung anzufügen. Wie tief unser Volk in eine faschistische, rassistische, militaristische, nationalistische, antisemitische Stimmung verwoben war, dem müssen wir uns weiter stellen und können auch im Relativsatz sagen, dass wir uns dem in den letzten 65 Jahren ehrlich, manchmal selbstbeschädigend, gestellt haben und dass es uns immer noch schwerfällt, ein deutsches Nationalgefühl zu entwickeln, weil Deutschsein überschattet bleibt von dem, was sich mit Auschwitz verbindet.

Menschen gerecht zu werden heißt, sie zu würdigen mit ihren Verirrungen, die weder verschwiegen noch beschönigt werden. Wir sind keine Helden, wir sind keine Heiligen, wir sind keine Weiße-Westen-Träger, die berechtigt wären, einen moralischen Finger gnadenlos steif auf andere auszustrecken. Es gibt das Recht, ein anderer zu werden. Glücklicherweise.

Wer allerdings, wie Christian Wulff, sein kleinlich-persönlich-gieriges Privilegien-Imperium dadurch salvieren zu können meinte, indem er sagte, dass er »sich entschuldigt«, hatte nicht verstanden, worum es ging. Indem Wulff als Bundespräsident zurückgetreten ist und aus dem Schloss Bellevue auszieht, wird der Würde und dem Anspruch dieses Amtes wieder Raum gegeben für eine(n), der (die) das glaubwürdig ausfüllen kann. Auch Wulff hat ein Recht, ein anderer zu werden.

Nur ohne dieses Amt. Freilich: Jedermann und zu jeder Zeit gilt die Mahnung aus dem Johannes-Evangelium: »Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.« Das heißt nicht, dass Schuld verwischt wird oder strafrechtlich Relevantes übergangen wird, wohl aber wird der hypermoralische Selbstanspruch infrage gestellt, mit dem die einen über die anderen aburteilend herfallen zu dürfen meinen.

Denken wir Deutsche immer daran, wem wir entronnen sind und dass wir vom politischen Übel der 13 Jahre Nazismus nicht aus eigener Kraft ­freigekommen sind. Frühzeitiges Erkennen von Gefahren für Menschenrechte und Rechtstaat sind nötig. ­Bürger und Bürgerinnen selbst sind der ­Verfassungsschutz, während dieses »Organ« sich so unfähig erwiesen hat, dass es überflüssig ist und durch seine V-Leute im Lager der Mörder selber zur Gefahr geworden ist.

Friedrich Schorlemmer

Bachsche Musik – komponierte Theologie

24. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Tagung: Wie Johann Sebastian Bach zu den Ideen Martin Luthers stand und sie in Musik umsetzte

Im Rahmen des Themenjahres »Reformation und Musik« beschäftigt sich ein Symposium mit lutherischer Theologie und Bachscher Musik. »Bach als Lutheraner«, so das Thema vom 24. bis 28. Februar in Eisenach.

Persönlich begegnen konnten sich die beiden prominenten Männer nicht. Als Johann Sebastian Bach am 21. März 1685 geboren wurde, war Martin Luther bereits 139 Jahre tot. Er starb am 18. Februar 1546. Dennoch sind die zwei großen Namen eng miteinander verbunden. Luther liebte die Musik. Sie war für ihn »nach Gottes Wort der höchste Schatz auf Erden«. Er wusste auch, dass ­Musik es vermag, das vom Verstand aufgenommene Wort mit dem Gefühl zu verbinden und so das Herz zu berühren. »Die Noten machen den Text lebendig.«

Wie kein anderer Reformer setzte Luther auf die Macht der Musik und nutzte sie zur Verbreitung seiner Lehre. »Luthers Lieder haben mehr Seelen verdorben als seine Schriften und Reden«, klagte deshalb 1620 der Jesuit Adam Contzen. Luther rückte den ­Gemeinde- und Chorgesang ins Zentrum des lutherischen Gottesdienstes und schuf so die Voraussetzung für Bachs spätere Tätigkeit als Kantor und Organist. Der Musiker ist dem Theologen in dessen Texten begegnet.

Von den 37 Kirchenliedern, die Luther schuf, hat Bach mindestens 30 vertont. Seine Musik sei komponierte Theologie, so Corinna Dahlgrün, Professorin für Praktische Theologie an der Universität Jena.

Die getanzte Version von Bachs »Kunst der Fuge« mit dem Ballettensemble des Landestheaters Eisenach. Foto: Carola Hölting

Die getanzte Version von Bachs »Kunst der Fuge« mit dem Ballettensemble des Landestheaters Eisenach. Foto: Carola Hölting

»Johann Sebastian Bach war ein großartiger Musiker und Tonkünstler, der theologische Grundanliegen Martin Luthers in einzigartiger Vollendung zum Klingen brachte«, würdigt Christopher Spehr das Wirken des Komponisten. Der Professor für Kirchengeschichte an der Universität Jena wird auf dem Symposium in ­Eisenach einen Vortrag halten: »Wortgewalt und Sprachgestalt. Bach als ­Interpret Martin Luthers«. Dabei beleuchtet er unter anderem, wie sich Bach von ­Luthers Schriften – über ­Luthers Bibel und den Kleinen Katechismus hinaus – inspirieren ließ.

Auf dem Symposium werden Experten die Wirkungsgeschichte Bachscher Musik, ihre Rezeption im Jazz und in der avantgardistischen Szene bedenken und erörtern, wie das Erbe von Bach und Luther als Impulsgeber für die europäische Musikkultur erlebt und weitergeführt werden kann. In Vorträgen, Workshops, Konzerten und Gottesdiensten solle der Austausch zwischen Theologie und Musik angeregt, akademischer Diskurs mit praktischer Erfahrung verknüpft werden, so Corinna Dahlgrün. Neben ihr sind als Referenten unter anderen Martin Petzoldt, Vorsitzender der Neuen Bachgesellschaft und Christfried Brödel, Rektor und Professor für Chorleitung an der Hochschule für Kirchenmusik Dresden, eingeladen.

Das Symposium richtet sich an Kirchenmusiker, Pfarrer, Musikwissenschaftler und Studenten sowie an alle Liebhaber der Musik Bachs. Organisiert wird die Tagung von der Universität Jena und dem Kirchenkreis ­Eisenach-Gerstungen.

Der Veranstaltungsort Eisenach soll den Theologen und den Musiker symbolisch miteinander verbinden. Hier besuchte Luther die Lateinschule, erhielt Unterricht in Musiktheorie und musikalischer Praxis, sang im Gottesdienst der Georgenkirche und in der Eisenacher Kurrende und gehörte zum Schülerkreis um die Patrizierfamilie Cotta, in dem geselliges Singen von Liedern und mehrstimmigen Motetten gepflegt wurde.

Vom 4. Mai 1521 bis 1. März 1522 übersetzte Luther auf der Wartburg das Neue Testament ins Deutsche. In Eisenach wurde Johann Sebastian geboren. Er besuchte die gleiche Lateinschule wie einst Martin Luther und sang ebenfalls in der Eisenacher Kurrende sowie im Chorus musicus der Georgenkirche. In der Stadt erhielt Bach Unterricht in Luthers ­Katechismus und den ersten Musikunterricht.

Zum Rahmenprogramm des Symposiums gehört eine Ausstellung »Luther und (Bachs) Musik« im Bachhaus Eisenach. Sie thematisiert Luthers Liebe zur Musik und würdigt seinen Beitrag zur Musikgeschichte. »Das Gesangbuch ist die vielleicht schönste Erfindung der Reformation«, so Jörg Hansen, Geschäftsführer und Direktor des Bachhauses. Stolz berichtet er, dass die Ausstellung eine Rarität präsentiert: das erste deutsche Gesangbuch, das 1524 gedruckte »Achtliederbuch«, es ist eines von weltweit zwei Exemplaren. Daneben werden weitere Gesangbücher gezeigt, das von Luther herausgegebene »Wittenberger Gesangbuch« in der Auflage von 1535 ­sowie das »Babstsche« von 1545.

Eine weitere Ausstellung im Eise­nacher Lutherhaus widmet sich den Kantaten Georg Philipp Telemanns. Er wirkte vor 300 Jahren, von 1708 bis 1712, als Konzert- und Kapellmeister in Eisenach. Hier schuf er protestantische Kirchenkantaten und entwickelte dabei Strukturen, die Bach und andere Musiker aufgenommen haben. Eisenach gilt damit als »Geburtsstätte« der neueren protestantischen Kirchenkantate.

Die Schau »Im Kirchenstyle hatte er seines Gleichen nicht« wolle zeigen, wie eng der Austausch zwischen Bach und Telemann war, erklärt Barbara Harnisch, Geschäftsführerin des Wartburg Verlages GmbH, zu dem das Eisenacher Lutherhaus gehört. Gezeigt werden Textbücher der für Eisenach komponierten Kantatenjahrgänge, die als Leihgaben aus zahlreichen Archiven Deutschlands kommen sowie Gemälde, Kupferstiche, Gesangbücher, Dokumente und andere Gegenstände der Telemann-Zeit.

Sabine Kuschel

Veranstaltungen
Höhepunkte im musikalischen Programm des Symposiums sind ein Festkonzert mit dem international renommierten Vokalensemble »amarcord« und die getanzte Version Bachs »Kunst der Fuge« sowie Henning Frederichs »Passionserzählung der Maria Magdalena« von 1985, aufgeführt von der Meißner Kantorei 1961.

Die Ausstellung »Luther und (Bachs) Musik vom 24. Februar bis 11. November im Bachhaus Eisenach ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Die Ausstellung »Im Kirchenstyle hatte er seines Gleichen nicht« vom 25. Februar bis 16. November im Lutherhaus Eisenach ist täglich 10 bis 17 Uhr zu sehen.

www.bach-als-lutheraner.de

Liebe ist uns ins Herz geschrieben

22. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ethik des Reiches Gottes: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst

Philippe ist seit einem Gleitschirm-Unfall ab dem vierten Halswirbelkörper abwärts gelähmt. Seinen Lebensmut hat er trotzdem nicht verloren, aber er braucht Menschen, die sich rund um die Uhr um ihn kümmern. Und er ist reich. Als er einen neuen Pfleger sucht, steht der gerade aus dem Gefängnis entlassene Driss in seinem Wohnzimmer. Er möchte eigentlich nur einen Stempel dafür haben, dass er sich vorgestellt hat, um weiterhin Arbeitslosenunterstützung zu erhalten.

Doch Philippe lässt ihn so schnell nicht gehen. Er fühlt sich von der lockeren Art des jungen Senegalesen aus der Pariser Vorstadt angezogen. Als Driss seine Wohnung verliert, nimmt er den Job, auch weil er bei Philippe ein paar luxuriöse Zimmer beziehen kann.

Nach und nach krempelt Driss das Leben des Adeligen um und zwischen beiden entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft.
Seit Mitte Januar steht der Film »Ziemlich beste Freunde« an der Spitze der deutschen Kinocharts. Das Schöne: Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit und erzählt die Geschichte des ehemaligen Geschäftsführers des Champagnerherstellers Pommery, Philippe Pozzo di Borgo, der 1993 bei einem Gleitschirmflug abstürzte und sich dabei so schwer an der Wirbelsäule verletzte, dass er seitdem vom Hals abwärts querschnittsgelähmt ist.

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Szene aus dem Film »Ziemlich beste Freunde« – Foto: Gaumont Distribution

Der Algerier Abdel Yasmin Sellou pflegte den Unternehmer zehn Jahre lang, sie wurden Freunde und unternahmen zusammen viele gemeinsame Reisen. Im Film gesteht Philippe einem befreundeten Geschäftsmann, warum er Driss eingestellt hat: »Weil er kein Mitleid mit mir hat.« Tatsächlich hatte Driss zunächst keinerlei Motivation, dem Schwerbehinderten zu helfen. Er tat es dennoch – unbekümmert, unbeschwert.

Szenenwechsel: Jerusalem vor 2000 Jahren. Ein Schriftgelehrter tritt auf Jesus zu und fragt ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!«

Das sogenannte Doppelgebot der Liebe gehört zum Urgestein der christlichen Überlieferung, als Hauptstück des Glaubens. Doch Jesus hat dieses Gebot nicht selbst erfunden. Seine Antwort besteht aus einer Kombination zweier Zitate aus dem Alten Testament. »Du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben …« (5. Mose 6,5) und »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18).

Jesus schöpft also aus seinem Glauben als Jude, als Kenner der Schrift. Was ist also das Besondere daran? Dass Jesus den Begriff des »Nächsten« vom jüdischen Volksgenossen auf die ganze Menschheit ausweitet? Man kann beim Liebesgebot keinen Keil zwischen Jesus und das Judentum treiben, um einen »christlichen Mehrwert« sicherzustellen. Was ist dann das Besondere an Jesus? Es ist die radikale Konzentration und Intensität, mit der Jesus die Liebe thematisiert. Er machte mehrmals deutlich, dass man in bestimmten Situationen um des Menschen willen Gebote brechen muss. Er heilte einen Mann am Sabbat (Markus 3,1ff), er erlaubte seinen Jüngern am Sabbat Ähren auszuraufen (Markus 2,23ff).

Liebe zu Gott heißt Absage an Heuchelei und Mammondienst (Matthäus 6) und konkretisiert sich in Umkehr und Nachfolge. Die Liebe zum Nächsten schließt die unbedingte Bereitschaft zum Geben und Vergeben ein sowie williges Erleiden von Unrecht (Matthäus 5,21f, 38f). Der Begriff des Nächsten wird nicht theoretisch erörtert, es ist der in Not geratene Mensch (Lukas 10,29ff).

Einen zweiten Aspekt desselben entfaltet Matthäus im 6. Kapitel (Verse 1-18). Alles steht im Licht Gottes, aber gerade darum hat das bloß Äußerliche keinen Wert mehr. Was zählt, ist das Innere, ist das Herz. Da ist keine Innerlichkeit gemeint, die sich nicht ins Werk, nicht in die Tat umsetzte. Gemeint ist vielmehr eine Lauterkeit, die sich nicht um den äußeren Effekt, nicht um die Fassade kümmert.

Das christlich-jüdische Liebesgebot spielt in dem sehenswerten französischen Kinofilm vordergründig keine Rolle. Aber der Film macht klar: Nächstenliebe verwirklicht sich nicht, weil sie geboten ist, sondern weil sie von Gott in unser Herz geschrieben ist. Wir müssen sie nur zulassen. Gott kommt auf uns zu, er tritt in unser Leben ein. Er lässt uns Menschen begegnen. Jeden Tag. Diese Selbstverständlichkeit kann zur Überraschung, zum Abenteuer werden, so wie zwischen Philippe und Driss.

Helmut Frank

Worte können Berge versetzen

18. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Sprache und Literatur zur Lutherzeit

Der Sachse hat eine schnelle Zunge, der Bayer brüllt wie ein Ochse … und versteht den Sachsen nicht, so wenig wie die Nachteule die Elster; und doch werden beide mit Recht Deutsche genannt.« An der von dem Zisterzienser Peter von Zittau um 1300 beschriebenen Situation hatte sich auch zu Luthers Zeiten kaum ­etwas geändert. Das Frühneuhochdeutsch, wie man die Sprache des 14. bis 16. Jahrhunderts nennt, war ein Sammelsurium verschiedener regionaler Dialekte; eine einheitliche, für alle gleichermaßen verständliche Spra­che fehlte.

Nur das Latein war überregional gültig; es war Kirchen-, Amts-, Geschäfts- und Gelehrtensprache. Luther lernte es und es blieb bis zu seinem 30. Lebensjahr seine »Berufssprache«. Erst als er zu der Überzeugung gelangte, dass ein jeder das Recht habe, das Wort Gottes in einer ihm verständlichen Sprache zu hören – eine Forderung, die schon Karl der Große gestellt hatte – wandte er sich den Quellen zu.

»Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen.«

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In der deutschen Sprache erreichte »die Wittenbergisch Nachtigall«, wie ihn Hans Sachs nannte, eine Meisterschaft und Wortgewalt, die ebenso Berge versetzen konnte wie sie Gemüter zart anrührte. Nicht zuletzt deshalb wurde das Deutsch der Luther-Bibel – sie ist das meistübersetzte Buch der Weltliteratur – zu einer Hauptsäule unseres heutigen Deutsch. Durch den Buchdruck hatten sich schon vorher regionale Varianten einer deutschen Literatursprache herausgebildet: das »gemeine Deutsch« im bayrisch-oberdeutschen Raum mit den Zentren Augsburg, Nürnberg und Straßburg – hier erschien 1466 die erste deutschsprachige Bibel – und das von Luther favorisierte Ostmitteldeutsch im Raum Erfurt, Leipzig, Wittenberg.

Auch das städtische Kanzleiwesen und der weiträumige Handel trugen das Ihre zur Herausbildung einer Nationalsprache bei, die schließlich Ende des 18. Jahrhunderts, eine gültige Norm gar erst 1901 mit Konrad Duden, entstand.

Zu Luthers Zeit dominierten lateinische Dichtungen und Schriften den Buchmarkt. Bezeichnend ist, dass die erste deutsche Dichterkrönung 1487 dem Erzhumanisten Konrad Celtis galt, der sich ausschließlich des Lateins bediente. Auch die erste aufsehenerregende Dichtung der deutschen Literaturgeschichte, die sog. »Dunkelmännerbriefe« (1515/17), waren in Latein abgefasst. Die Satire auf die römische Kirche gilt als »humoristisches Glanzstück der Narrenliteratur«, für Luther aber war die ins Lächerliche gezogene antirömische Kritik nur das Werk eines »Hanswurst«.

Wir wissen nicht, wie Luther über das Narrenwesen seiner Zeit dachte, gilt doch die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert als die Blütezeit der Narrenfestspiele, der Narrenaufzüge und der Narrenliteratur. Mit Sebastian Brants »Narrenschiff« (1494) erreichte erstmals eine Dichtung in deutscher Sprache europäische Geltung. Mit Beispielen aus der Bibel und aus der ­klassischen Literatur ebenso unterlegt wie von moralischen Exkursen begleitet, erfuhr das »Narrenschiff« insbesondere in der Reformationszeit große Beachtung.

Das literarische Spektrum der Lutherzeit war jedoch nicht auf Bibeldrucke, humanistische und reformatorische Schriften und Narrenliteratur beschränkt. Schon 1472 hatte Albrecht von Eyb mit seinem »Ehebüchlein. Ob einem manne sey zunemen ein ­eelichs weyb oder nicht« einen Bestseller verfasst, der ständig neue Auflagen erlebte. Ohne theologische oder moralische Systematik, dafür aber ­unterhaltsam-pragmatisch, arbeitete Eyb damit der protestantischen Ehekonzeption vor, der sich Luther später annahm.

Die lehrhafte Dichtung war in unterschiedlichen Formen vertreten. Im »Grobianus« wurde gutes Benehmen bei Tische gelehrt, Sebastian Franck, der ein Luther ebenbürdiges kräftiges Deutsch schrieb, brillierte 1528 mit dem Traktat »Von dem greulichen Laster der Trunkenheit«. Der einstige Mitstreiter Luthers, Johann Agricola, sammelte und erläuterte 300 bzw. 750 deutsche Sprichwörter (1529/1541) und die Fabeln des Äsop wurden in ­ihrer unterhaltenden Belehrung neu entdeckt. Auch Luther legte 1530 eine deutsche Übersetzung Äsopscher Fabeln vor.

Der Meistersang erlebte ebenso wie das Fastnachtspiel mit dem Nürnberger Schusterpoeten Hans Sachs an der Spitze seine Blütezeit und das deutsche Volkslied wurde als geistliches und weltliches Lied entdeckt. Das Volksbuch, in Prosa verfasste Historien, erscheint als Gegenstück zur gelehrten Literatur. Erhielt mit dem ersten Volksbuch von »Till Eulenspiegel« (1510/11) die Figur des Narren schlechthin ihre ewige Gestalt, so war die »Historia von D. Johann Fausten« (1587) ein Sammelsurium von Belehrungen, Schwänken und okkulten Geschichten um eine historische Figur.

Das Faust-Thema aber gehörte »unmittelbar zur Dialektik der lutherischen Reformation« (H. Mayer), führt es doch das Streben des Renaissancemenschen nach Erkenntnis der Welt im Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Scharlatanerie vor.

Sylvia Weigelt
Die Autorin ist Historikerin.

Weltgebetstag hat Malaysia im Fokus

17. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Foto: Thomas Paulsteiner/Mission Eine Welt

Foto: Thomas Paulsteiner/Mission Eine Welt


 
Christinnen aus dem südostasiatischen Malaysia haben den diesjährigen Weltgebetstag der Frauen am 2. März vorbereitet. Unter dem Motto »Steht auf für Gerechtigkeit« geht es um die Stärkung der Rechte von Hausangestellten in dem wirtschaftlich aufstrebenden Land. In einer Petition, die der malaysischen Regierung übergeben werden soll, wird arbeitsrechtlicher Schutz und eine staatliche Anerkennung für Hausangestellte gefordert.

Erst im Sommer 2011 war eine Demokratiebewegung unterdrückt worden. Und obwohl offiziell ­Religionsfreiheit im islamischen Malaysia herrscht, werden Christen und andere Minderheiten Einschränkungen auferlegt.

Zum Weltgebetstag laden Christinnen aller Konfessionen aus mehr als 170 Ländern ein. Damit gilt der Weltgebetstag als größte ökumenische Laienbewegung weltweit.

www.weltgebetstag.de

»… dann hätten wir der Menschheit einen großen Dienst getan«

16. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Ökumene nach dem Papstbesuch und das Reformationsjubiläum 2017 – im Gespräch mit Bischof Gerhard Ludwig Müller

Am 24. Februar jährt sich zum 475. Mal die Unterzeichnung der Schmalkaldischen Artikel. Sie gehören bis heute zu den grundlegenden lutherischen Bekenntnisschriften.
Harald Krille sprach aus diesem Anlass mit dem Vorsitzenden der Ökumenekommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Gerhard Ludwig Müller.

Herr Bischof Müller, ich zitiere aus den Schmalkaldischen Artikeln: »Denn so wenig wir den Teufel selber als einen Herrn oder Gott anbeten können, so wenig können wir auch seinen Apostel, den Papst oder Endchristen, in seiner Herrschaft als Haupt oder Herrn ertragen.« Und kurz später fährt Luther fort: »Darum dürfen wir hier nicht seine Füße küssen und sagen, ihr seid mein gnädiger Herr, sondern wie in Sacharja der Engel zum Teufel sprach, Gott strafe dich Satan.« Wenn Sie das heute hören, was löst das bei Ihnen aus?

Müller: Ja, das ist eine offizielle lutherische Bekenntnisschrift. Diese Formulierung reicht allerdings sehr weit in die Zeit heftigster Auseinandersetzungen zurück. Wir wissen, dass Luther sehr ungerecht werden konnte und in allem und jedem, das ihm und seiner Meinung ­widersprach, den Teufel persönlich am Werk sah.

Aber wir leben heute im ökumenischen Zeitalter und sollten uns auf das ursprüngliche Kernanliegen Luthers konzentrieren, das uns verbindet: die Frage nach dem persönlichen, gnädigen Gott. Der Papst hat dies im Erfurter Augustinerkloster aufgegriffen. Und in den Schmalkaldischen Artikeln ist in den ersten Abschnitten Gott sei Dank auch davon die Rede, dass wir in den hohen Artikeln der göttlichen Majestät – also etwa in der Trinitätslehre, der Christologie, der Menschwerdung Gottes – eins sind.

Gerhard Ludwig Müller ist seit 2002 Bischof der Diözese Regensburg. Zuvor war Müller, der 1977 mit einer Arbeit über den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer promovierte, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in München. Müller ist Vorsitzender der Ökumenekommission, stellvertretender Vorsitzender der ­Glaubenskommission und Mitglied der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. Foto: Harald Krille

Gerhard Ludwig Müller ist seit 2002 Bischof der Diözese Regensburg. Zuvor war Müller, der 1977 mit einer Arbeit über den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer promovierte, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in München. Müller ist Vorsitzender der Ökumenekommission, stellvertretender Vorsitzender der ­Glaubenskommission und Mitglied der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. Foto: Harald Krille

Immerhin haben Sie im vergangenen Jahr gefordert, dass die Lutheraner sich für diese Antichrist-Vorwürfe an den Papst entschuldigen sollten …

Müller: Ich hab das etwas ironisch gemeint vor allem im Hinblick auf die Forderungen, die katholische Kirche solle die Exkommunikation Luthers endlich aufheben. Abgesehen davon, dass das kirchenrechtlich gar nicht geht, weil die Exkommunikation eine Beugestrafe ist und sich nur auf Lebende bezieht: Ich bin mit vielen der Meinung, dass man das Verhältnis katholisch-evangelisch nicht nur einseitig aus der Sichtweise des 16. Jahrhunderts sehen kann, wo dann nur wir auf der Anklagebank sitzen.

Man sollte zumindest sehen, dass es auch bei Luther problematische Seiten gab. »Ec­clesia semper reformanda« – die Kirche, die sich immer wieder selbst in Christus erneuert – bezieht sich auch darauf, dass wir immer neu Maß nehmen müssen an der Nachfolge Jesu Christi und jeder im täglichen Vaterunser beten muss: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir ­vergeben unseren Schuldigern.«

Warum brauchen wir eine Einheit? Wir könnten es doch auch mit dem Alten Fritz halten – jeder soll nach seiner Façon selig werden – und am Ende sehen wir, wie Gott darüber urteilt.

Müller: Der Alte Fritz gilt in militärischen Dingen als Experte, aber in Glaubensfragen ist er ein schlechter Ratgeber. Wir sind der gemeinsamen Wahrheit verpflichtet, so wie sie uns nach unserem gemeinsamen Verständnis aus der Offenbarung Gottes heraus zukommt. Natürlich kann es und soll es Verschiedenheiten geben. Das Pfingstereignis zeigt, dass jeder das Evangelium in seiner Sprache, sozusagen seiner »Kultur« hörte. Aber sie waren trotzdem »ein Herz und eine Seele«.

Sie waren geeint in der Lehre der Apostel, im Brotbrechen, im Gebet, in der Gemeinschaft. Und so muss es eben auch in der Kirche deutlich werden: ein Herr, ein Gott, ein Glaube, eine Taufe. In den wesentlichen Fragen des Bekenntnisses und des sakramentalen Lebens muss es nach unserem ­Verständnis eine Einheit geben. Da geht es nicht nur um das Verständnis von ­Eucharistie beziehungsweise Abendmahl.

Wenn für uns beispielsweise die Ehe ein Sakrament ist, für die Evangelischen aber nicht, dann kann das eigentlich nicht unvermittelt nebeneinanderstehen. Doch wie es der Papst in der ­Predigt über Johannes 17 in Erfurt sagte: Die Einheit mit Gott und Gemeinschaft im Glauben, Bekennen und Beten ist letztlich der Wille Christi.

Von diesem »ein Herz und eine Seele« scheinen wir weit entfernt. Nach dem Papstbesuch hat sich unter den Protestanten Enttäuschung breitgemacht. Haben Sie Verständnis dafür?

Müller: Nein, eigentlich nicht. Sicher muss man sagen, dass auch Äußerungen über die Medien dazu beigetragen ­haben, unrealistische Erwartungen zu wecken, die dann zwangsläufig nur enttäuscht werden können. Aber von kirchenleitenden und theologisch gebildeten Persönlichkeiten darf man schon erwarten, dass sie die Tiefe des ­Ereignisses erspüren und die Erfurter ­Begegnung in dem Kloster, in dem Luther zu seinen für ihn fundamentalen Einsichten kam, als die ökumenische Sensation des Jahrhunderts, ja überhaupt der letzten 500 Jahre begreifen.

Sie arbeiten auch in der Kommission Weltkirche mit. Ist das ökumenische Gespräch in Deutschland Vorreiter oder hinkt es eher hinterher?

Müller:Deutschland ist das Ursprungsland der Reformation und damit auch der Kirchenspaltung und wir haben eine starke theologische Tradition. Aber die deutschen Kirchen der Reformation sind manchmal nicht auf dem Stand, auf dem die Weltökumene sich befindet. Zum Beispiel sind uns die Lutheraner Skandinaviens in vielen Dingen viel näher und der ökumenische Prozess ist dort weiter vorangeschritten. Denken Sie nur an die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 in Augsburg: Es waren 160 deutsche evangelische Theologieprofessoren, die ein Jahr zuvor dagegen opponierten …

Gehen wir noch weiter voran oder haben wir eine ökumenische »Eiszeit«?

Müller: Solche globale Einschätzungen sind schwierig. Es gibt immer die schöne bunte Mischung. Da gibt es einen liberalen Katholizismus, der den Glauben auf eine Kulturerscheinung reduziert, dem die Realpräsenz in der Eucharistie nicht so wichtig ist wie ein klangvolles Hochamt mit Weihrauch. Und es gibt die ­liberalen Evangelischen, für die sich der Protestantismus auf das »gegen den Papst und Rom« und überhaupt »gegen Autoritäten sein« reduziert. Da wird Ökumene überflüssig.

Ökumene ist für uns nur interessant mit evangelischen Christen, die mit uns die Grundüberzeugung teilen, dass die Offenbarung Gottes in Christus nicht ein Mythos ist, nicht eine schöne literarische Fiktion aus dem ersten Jahrhundert, aus der man vielleicht noch ein paar moralische Lehren und Prinzipien ziehen kann. Und da sind wir in den letzten Jahren durchaus auch zu einem tieferen gegenseitigen Verständnis gekommen.

Wie sehen Sie im Blick auf die Ökumene das Reformationsjubiläum 2017?

Müller: Ich hoffe, dass dieses Reforma­tionsjubiläum ökumenisch genutzt wird und nicht nur aus Negativfolien aufgebaut wird. Nach dem Motto: Die katholische Kirche hat alles verdorben, doch dann kam Luther als Lichtgestalt wie der Phönix aus der Asche. Wenn man ökumenisch die Kirchengeschichte der letzten 500 Jahre betrachtet, wird man sagen müssen, es gab auf beiden Seiten viel Licht, aber auch viel Schatten. Nur Licht gibt es allein bei Jesus Christus, unserem gemeinsamen Herrn und Heiland.

Wie könnte das Reformationsgedenken denn praktisch gemeinsam begangen werden – einfach mitfeiern kommt für die katholische Seite ja kaum infrage?

Müller: Nein, wir können schwer das feiern, was zur Spaltung der ­Kirche führte. Aber wir könnten vielleicht gemeinsam in einen Prozess der »Healing of Memories« – Heilung der Erinnerungen – einsteigen. Wir könnten uns gegenseitig von unseren Verletzungen erzählen, die eigenen Quellen etwas kritischer lesen, unsere Schuld voreinander bekennen und uns der Tragik der Spaltung der Christenheit bewusst werden, die Luther eigentlich gar nicht wollte.

Dann könnten wir das Jahr 2017 nutzen, um das ursprüngliche Anliegen Luthers, die Gottesfrage, und ein gemeinsames Bekenntnis zu Jesus Christus als wahren Gott und wahren Menschen, als Messias aus den Juden und als Heiland der Heiden in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn wir das hinbekämen, nämlich ein großes gemeinsames Christusbekenntnis mit den Christen der ganzen Welt, dann hätten wir der Menschheit einen großen Dienst getan!

Hintergrund:

Die Schmalkaldischen Artikel
Im Februar 1537 stellte Luther auf der Bundesversammlung des 1530 gegründeten Schmalkaldischen Bundes die im Auftrag des sächsischen Kurfürsten verfassten Schmalkaldischen Artikel vor. Sie sollten den Glaubensgenossen zur Vorbereitung auf ein vom Papst ­ursprünglich nach Mantua einberufenes Konzil dienen. Nicht zuletzt aus Angst, nach seinem Tod könnten die Anhänger der Reformation seine Lehren verwässern und dem Papst gegenüber Entgegenkommen zeigen, fasste Luther die Schrift in großer Schärfe ab.

Seine schroffen und jeden Kompromiss ausschließenden Formulierungen führten dazu, dass die führenden protestantischen Theologen die Artikel am 24. Februar 1537 in der südwestthüringischen Kleinstadt teilweise nur unter Vorbehalt unterzeichneten und die Mitglieder des Bundes sie als nicht geeignet für das Konzil erachteten. Dennoch wurden die Schmalkaldischen Artikel 1544 in die Reihe der bis heute gültigen Bekenntnisschriften der lutherischen Kirchen aufgenommen.

(GKZ)

Mit Gott über Mauern springen

13. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Was Nächstenliebe mit der eigenen Angst zu tun hat.

Schon abends kaum den nächsten Tag erwarten können, mit Freude und Elan die Aufgaben anpacken und immer guter Laune sein: Ja, das wär’s!

Jeder von uns kennt Tage, an denen es uns vor dem Aufstehen graut. Ich denke an Menschen im Bekanntenkreis: Bei Marion sind es die vielen unerledigten Dinge, die sich wie ein unüberwindlicher Berg vor ihr auftürmen.

Selbst- und Gottvertrauen: Wenn Gott für mich ist, wer kann gegen mich sein?

Selbst- und Gottvertrauen: Wenn Gott für mich ist, wer kann gegen mich sein?

Bei Peter ist es ein Termin beim Chef, der vielleicht die Kündigung ­bedeutet; gehen doch seit Tagen Gerüchte um, dass die Belegschaft seiner Firma verkleinert werden soll. Manfred ist bereits arbeitslos und erhält auf alle seine Bewerbungen seit ­Monaten nur eine Absage nach der anderen.

Das Beschwerliche überwinden – Die erste Bedingung für die Selbstmotivation heißt: »Überwinde, was dich demotivieren will!« Für Marion wäre es gut, zu wissen, dass die angestauten Arbeiten nicht immer so groß sind, wie sie scheinen. Psychologen haben herausgefunden, dass sich dieser Eindruck durch das wiederholte Aufschieben entwickelt. Unerledigte Aufgaben sind einfach demotivierend an sich. Motivierend wirk, wenn ich die Aufgaben einzeln sehe, sie ordne und gewichte.

Peter hat dagegen seine Situation nicht mehr allein in der Hand. Die ­Befürchtung, dass sein Arbeitsplatz bedroht ist, ist keineswegs übertrieben. Er wäre gut beraten, einmal zu prüfen, wie sehr er seinen Selbstwert mit seiner Arbeit verknüpft. Je mehr er sich über seine berufliche Position definiert, umso mehr Angst wird ihn umtreiben. Er würde sich weniger ohnmächtig fühlen, wenn er sich eine Strategie für den Fall des Falles überlegt hätte. Das letzte Wort ist ja noch nicht gesprochen.

Als Christ würde ich Peter gerne davon überzeugen, dass sein Selbstwert nicht von Menschen abhängt, sondern von Gott: Wir sind geliebt, gewollt und begabt. Das kann uns niemand nehmen.

Sich selbst bejahen, auf die eigenen Stärken besinnen und positiv über sich selbst denken. Eigentlich geht es darum, ein Gebot Gottes ernst zu nehmen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Habe ich gelernt, mir Gutes zu gönnen und mich für das Erreichen eines Zieles zu belohnen?

Für Manfred ist es vielleicht nicht leicht, alle diese Ratschläge zu beherzigen. Selbstmotivation hat ihre Grenzen und zwar dort, wo unsere menschlichen Möglichkeiten aufhören. Wer in aussichtslosen Situationen steckt, sollte darauf achten, sich nicht aufzugeben.
Warum? Weil nicht immer aussichtslos ist, was aussichtslos scheint.

Es gibt in der Bibel die Geschichte von David und Goliat. Die Heere der Israeliten und der Philister standen sich 40 Tage lang gegenüber. Goliat, ein riesenhafter Hüne der Philister, forderte die Israeliten zweimal täglich unter Hohn und Spott zum Zweikampf heraus. Er wollte den Krieg auf diesem Weg entscheiden. Keiner der Israeliten traute sich, bis David kam. David war noch ein Junge, zu schwach, um auch nur eine Rüstung zu tragen. Aber David stellte sich dem Riesen entgegen, weil Gott ihm half, eine andere Perspektive einzunehmen.

Was wäre, wenn wir sicher wären, dass die Umstände von jemandem kontrolliert werden, der das Beste für uns im Blick hat? Ich selbst habe es mir zur Gewohnheit gemacht, vor schwierigen Gesprächen zu beten und im Geiste zwei Bibelworte für mich in Anspruch zu nehmen: Wenn Gott für mich ist, wer kann dann gegen mich sein? » (vgl. Römer 8, 31) und »Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen!« (Psalm 18, Vers 30) Diese Zusagen Gottes haben mich noch jedes Mal besonders widerstandsfähig gemacht.

Iris Bollerhoff

Wunder am laufenden Band – man muss es nur glauben

12. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Brasilien: Traditionelle Lutheraner und Katholiken stehen einem bizarr-religiösen Umfeld gegenüber.
 
Die evangelikalen Gruppen und Sekten des riesigen ­Tropenlands sind in unzählige Richtungen ­gespalten, ­konkurrieren ­erbittert ­mit­einander, ­funktionieren wie Wirtschaftsunternehmen und boomen – oder gehen pleite.
 

Gotteshäuser nur für Surfer oder nur für Fans von Hardrock und HipHop, nur für Homosexuelle, für Fußballer oder Free-Fight-Boxwett­bewerbe vorm Altar mit einem »Bischof« als Ringrichter – geht das? In Brasilien nun schon seit über einem Jahrzehnt.

Renommierte Universitätstheologen wie Edin Abumansur in Sao Paulo haben allergrößte Mühe, neueste Phänomene und Tendenzen zu erfassen, sprechen mit ­Ironie und Galgenhumor von einem regelrechten »Markt der Religionen«, mit »Produkten« für bestimmte Zielgruppen und einer hemmungslosen Kommerzialisierung heiliger christlicher Werte.

»Die in der Verfassung garantierte Religionsfreiheit bedeutet in der Praxis, dass jedermann eine neue Glaubensrichtung ausrufen, sich von heute auf morgen zum Pastor, Bischof, Apostel erklären kann – denn eine theologische Ausbildung wird nicht verlangt«, so Abumansur.

Sie gehören auf den Straßen Sao Paulos und anderer Städte Brasiliens zum täglichen Erscheinungsbild: Prediger der ­unüberschaubaren Fülle an protestantischen Kirchen, Sekten und Gruppen. Foto: Klaus Hart

Sie gehören auf den Straßen Sao Paulos und anderer Städte Brasiliens zum täglichen Erscheinungsbild: Prediger der ­unüberschaubaren Fülle an protestantischen Kirchen, Sekten und Gruppen. Foto: Klaus Hart

»Eine neue Kirche zu eröffnen ist einfacher, als eine Kneipe aufzumachen«, konstatiert sein Kollege Ricardo Mariano. Der durchaus existierende Scharlatanerie-Paragraf wird nicht angewandt, ständig sind daher selbsternannte Geistliche solcher Sektenkirchen in den Polizeiberichten: Ein »Bischof« hatte mit zwei weiteren Pastoren einen Jungen missbraucht und dann lebendig verbrannt, Sektenführer morden, kooperieren mit dem organisierten Verbrechen, verstecken in ihren Kirchen sogar Drogengangster sowie Waffen.

Ex-Banditen machen als spektakuläre Sektenprediger Furore – und landen wegen schwerer Straftaten erneut im Knast. In Kirchenräumen werden sogar Maschinengewehre gefunden. Verfahren gegen Sektenchefs wegen Bandenbildung, Geldwäsche und Betrug sind häufig. Doch befragte fanatische Anhänger erklären einem in Sao Paulo oder Rio de Janeiro dazu empört: »Alles gar nicht wahr – dahinter steckt der Satan!«

Derzeit zirkulieren immer mehr Menschen zwischen den Kirchen, treten aus, treten ein, erläutert Religionsexperte Abumansur. »Denn häufig lauert in unseren Städten gleich auf der anderen Straßenseite die Konkurrenz – und wirbt marktschreierisch für ihr Produkt.«
Evangelikal-charismatische Gruppen überraschen oft auch architektonisch: Letzte Woche noch ein Supermarkt, Kino, Fabrikhalle oder Garage – jetzt auf einmal Stätte der Teufelsaustreibung und ekstatischer Wunderheilungen. Man kann sie bei YouTube anklicken, im Sekten-TV live verfolgen: Blinde werden sehend, Querschnittsgelähmte stehen aus den Rollstühlen auf, Ungezählte erklären sich befreit von Aids oder Krebs – man muss es nur glauben … Und: Je höher die Spende, umso größer die Heilungschancen, wird den Gläubigen eingehämmert.

Selbst FIFA-Weltfußballer Kaká von Real Madrid war lange Zugpferd und wichtiger Finanzier der Sektenkirche »Renascer em Cristo« (Wiedergeburt in Christus), heiratete, predigte im Haupttempel in Sao Paulo. 2010 trat er überraschend aus, nachdem die beiden schwerreichen Sektenführer in den USA Gefängnisstrafen verbüßten, der Haupttempel gar mitten im Gottesdienst zusammenkrachte – neun Tote, Dutzende von Schwerverletzten. Massenaustritte folgten – von den landesweit über 1100 Renascer-Tempeln sind nicht einmal mehr 300 übrig.

Dafür ist die »Weltkirche der Macht Gottes« derzeit Star und Aufsteiger unter den Evangelikalen. Der Chef und selbst ernannte »Apostel« Valdemiro Santiago und seine Pastoren wissen, wie man bei Messen mit 10000 Gläubigen, meist aus der wenig gebildeten Unterschicht, Emotionen hochkocht. Kein Wunder – alle haben zuvor ihr Handwerk bei der einst führenden »Universalkirche vom Reich Gottes« gelernt, waren dort angestellt.

Die katholische Bischofskonferenz im größten katholischen Land meint, dass Sektenanhänger, die in die Mittelschicht aufsteigen, sich mehr bilden und daraufhin kritischer werden, sich von den evangelikalen Kirchen abwenden – der katholischen Kirche aber annähern. Religionsexperte Abumansur ist skeptisch. »Es gibt schließlich auch evangelikale Kirchen für die Mittelschicht, die Zulauf haben.« Aber auch er bestätigt: »Wer sozial aufsteigt, möchte eine Kirche, die weniger mit Wunderheilung, magischen Elementen arbeitet und eine besser ausformulierte Theologie besitzt.«

Seine Prognose ist dennoch, dass Brasilien mehrheitlich katholisch bleibt. »Der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung dürfte sich bei 65 Prozent stabilisieren.« Brasilien hat derzeit knapp 192 Millionen Einwohner. Die Zahl der Lutheraner wird auf rund eine Million (rund 0,5 Prozent), die der Katholiken auf etwa 134 Millionen (rund 70 Prozent) geschätzt. Bei den Sektenkirchen schwanken die Zahlen zwischen 26 Millionen und 50 Millionen Anhängern, was einen Anteil zwischen rund 13,5 und 26 Prozent entspricht.

Klaus Hart

Frau Musica im Dienste von Hass und Gewalt

10. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Rechtsextremismus: Sachsen und Thüringen sind seit Jahren Hochburgen der Neonazi-Musikszene – Rattenfängerei und Millionenumsätze.

Nicht nur die Reformatoren nutzten einst die Musik, wie das derzeitige Themenjahr zur Reformationsdekade aufzeigt. Mit Hilfe von Musik verbreiten heute auch rechte Ungeister ihre christen- und menschenfeindlichen Ideen.


Einstiegsdroge: Die »Schulhof-CD« wurde seit 2004 hunderttausendfach von der NPD kostenlos verteilt. Foto: picture-alliance

Einstiegsdroge: Die »Schulhof-CD« wurde seit 2004 hunderttausendfach von der NPD kostenlos verteilt. (Foto: picture-alliance)

»Wir wollen euren Jesus nicht, das alte Judenschwein / Denn zu Kreuze kriechen kann nichts für Arier sein / Walvater Wotan soll unser Herrgott sein / Walvater Wotan wird Germanien befrei‘n«, grölt die Berliner Rechtsrockband »Landser« in ihrem Song »Odin«. Seit der Wiedervereinigung, die einen Nationalismus-Schub mit sich brachte, sind derartige Lieder in ganz Deutschland zu hören.

Das Fatale daran: Oft ist ihr menschenverachtender Rassismus beim ersten Hören gar nicht gleich zu erkennen. Denn die Texte sind aufgrund schlechter Arrangements für Außenstehende häufig kaum zu verstehen – oder sie sind in gefällige Melodien ­bekannter Popsongs verpackt: Aus »Männer« von Herbert Grönemeyer machte ein Neonazi-Bandprojekt namens »Die lustigen Zillertaler« ein Hetzlied: »Zecken sind geisteskrank. Zecken schreien ›Nazis raus!‹. Zecken sind furchtbar dämlich. Sie quatschen dich voll vom Holocaust.« Wobei mit »Zecken« all jene gemeint sind, die aus Sicht der Nazis politisch links stehen. Und was mit denen passieren soll, macht die CD-Hülle deutlich, indem sie einen Galgen zeigt.

Neuheidentum und Gewaltverherrlichung

Doch es geht noch härter: Die Musikstile »Hatecore« (Kunstwort aus engl. »Hass« und »Hardcore«) und »National Socialist Black Metal« (NSBM) sind eine einzige Gewaltorgie und nehmen besonders Juden und Christen ins Visier: »Ich nehme jede Tat in Kauf, dunkle Nacht ein Menschenschrei, die Tat ist vollbracht, das Stöhnen vorbei«, so das Lied »Todesweihe« der Band »Magog« aus dem sächsischen Pirna.

Der Geraer Band »Totenburg« gefiel dieses Lied offenbar so gut, dass sie es 2006 in einem fränkischen Gasthof nachsang. Ihr Sänger Jens Fröhlich erklärte später offen, was derartige Lieder bezwecken: »Feindbilder schüren, wie die Flammen in der Glut.« Das Motto des damaligen Konzerts: »Töten für Wotan!«

Viel gefälliger kommen hingegen Nazi-Liedermacher wie Frank Rennicke daher. Der sechsfache Vater und ehemalige Jugendführer der 1994 verbotenen »Wiking-Jugend« ist ein gern gesehener Gast auf NPD-Veranstaltungen. Inzwischen selbst NPD-Mitglied, bringt er es deutschlandweit auf bis zu 40 Konzerte pro Jahr – auch wenn das musikalische Niveau seiner Lieder und Texte eher dürftig ist. Doch mit seinen Balladen auf den Hitler-Stellvertreter Heß oder die »heldenhafte« Wehrmacht trifft er den Geschmack nicht nur der NPDler. Und nachdem das Bundesverfassungsgericht 2008 seine mehrfache Verurteilung wegen Volksverhetzung aufhob, kürte ihn die NPD sogar zum Kandidaten fürs Amt des Bundespräsidenten.

Seit Anfang der 1990er Jahre wurden die Hass- und Gewaltpredigten der Rechtsrock-Bands auch immer wieder zur Saat, aus der Mord und Totschlag erwuchs: Die Mörder von Omar Ben Noui (Guben 1999) hatten sich ebenso mit Musik der Band »Landser« aufgeputscht wie die von Alberto Adriano (Dessau 2000). Das führte zwar dazu, dass – erstmals in der bundesdeutschen Rechtsgeschichte – die Band als kriminelle Vereinigung eingestuft und ihr Sänger Michael Regner alias »Lunikoff« eine mehrjährige Haftstrafe verbüßen musste. Andererseits steigerte es die Popularität der Band ungemein: Ihre Songs kursieren heute allein ­unter ostdeutschen Schülern zehntausendfach, wie der Berliner Rechtsextremismus-Experte Michael Weiss einschätzt.

Spitzenreiter bei rechtsextremen Konzerten ist laut Verfassungsschutz seit Jahren Sachsen, dicht gefolgt von Thüringen. Und hier ist es vor allem die Stadt Gera, die traurige Berühmtheit erlangt hat. In der von Abwanderung geprägten Stadt tummeln sich gleich sechs Neonazi-Bands, und zwei einschlägige Versandhandelsfirmen setzen jährlich mehr als Hunderttausend Euro um.

Ähnliches gilt für das sächsische Chemnitz und Sachsen-Anhalts Hauptstadt Magdeburg. Deutschlandweit ist der Rechtsrock mittlerweile ein Millionengeschäft.

Doch Gera hat noch ein weiteres Problem: Hier findet seit 2003 fast jedes Jahr die Veranstaltung »Rock für Deutschland« statt, auf der sich bis zu 4000 Neonazis treffen. Und da die NPD als Veranstalter das Ganze als »politische Kundgebung« deklariert, hat die Stadt bisher kaum eine Handhabe dagegen.

Ursprünglich war Rechtsrock ein Produkt der rechtsextremen Skinhead-Szene, das heißt der »Nazi-Glatzen«. Doch inzwischen hat längst auch die NPD entdeckt, dass sich damit Nachwuchs rekrutieren lässt: Die »Schulhof-CD« mit einer Mischung aus rechtsextremen Balladen, Popsongs und »Hatecore« wird von ihr seit 2004 Jahr für Jahr kostenlos vor Schulen verteilt – Spitzenauflage: 200000 Exemplare.

Doch rechtsextreme Musik bedient inzwischen nicht nur alle Altersgruppen und Vorlieben, sie ist – dank des Musik-Netzwerkes »Blood & Honour« (»Blut & Ehre«) auch international bestens verbunden: Diese Organisation mit den »Hammerskins« als militantem Arm ist in 25 Ländern vertreten.

In Deutschland gilt zwar seit dem Jahre 2000 ein Verbot. Aber nicht erst die Morde der Terrorzelle »Nationalsozialistischer Untergrund« haben gezeigt, dass ihre Strukturen auch hierzulande weiterhin funktionieren. Die Mitglieder, zumeist führende Köpfe in der Neonazi-Szene, kennen sich: Man trifft sich auf Konzerten in Ungarn, lässt CDs in Tschechien produzieren, betreibt Websites auf Servern in den USA und lädt Bands aus England, Schweden usw. zu sich ein.

Die gesamte Gesellschaft ist bereits durchsetzt


»Das Netzwerk war nie weg«, ist sich Danilo Starosta vom Kulturbüro Sachsen sicher. Sein Büro schreibe seit ­Jahren darüber, aber: »Keiner wollte es hören; die Mär von den Einzelkämpfern war viel bequemer.« Jetzt sei die Politik endlich dabei zu erkennen, dass die Neonazi-Szene mit ihrer ­Musik eine soziale Bewegung sei, die bereits die gesamte Gesellschaft durchsetzt habe.

Was tun gegen die Hass-Musik? Geras Stadtjugendpfarrer Michael Kleim gibt nicht auf: »Kirchliche Jugendarbeit kann immunisieren, aufklären, wachrütteln. Und gelebter Glaube ist ein wirksames Gegenmittel gegen braunen Ungeist.« Eine Geraer Podiumsdiskussion kürzlich zum Thema »Rechter Terror« war so gut besucht wie lange nicht, darunter auch von einigen Konservativen. Das lässt hoffen.

Rainer Borsdorf

Hinweis: Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat eine Reihe von Broschüren zum Thema Rechtsextremismus herausgegeben. Darunter »Symbole und Zeichen der Rechtsextremisten« sowie »Rechtsextremistische Musik«. Beide können auf der Internetseite der Behörde bestellt bzw. kostenlos heruntergeladen werden:
www.verfassungsschutz.de

Singen zu Ehren Gottes

9. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Motettenkonzert in der Leipziger Thomaskirche. Foto: ACCENTUS Music

Motettenkonzert in der Leipziger Thomaskirche. Foto: ACCENTUS Music


Dokumentarfilm zeigt den außergewöhnlichen Alltag der Thomaner.

Seit fast 800 Jahren singen sie »zu Ehren Gottes«, derzeit tun es 94 Jungen und junge Männer des weltberühmten Leipziger Thomanerchores. Ein solches Jubiläum gilt es zu feiern, Anlass für einen Film, der über den Zeitraum eines Jahres den Chor begleitet und dabei unter anderem Momente des Anfangs und des Abschieds dokumentiert. Kinder werden in den Chor aufgenommen, junge Männer verlassen ihn, in jedem Falle existenzielle Herausforderungen. Was die Kinder im Chor mit seinen anachronistisch anmutenden Regeln des Internates erleben, wird sie prägen. Sie werden sich ein- und unterordnen, sonst ist es nicht möglich zu bestehen in diesem geschlossenen System mit 15 Minuten fürs Mittagessen, der »einzigartigen Welt zwischen Motette, Internat und Fußballplatz«, in der das Leben »geprägt ist von Erfolg und Leistungsdruck, Zweifel und Stolz, Heimweh und echter Freundschaft«.

Wenn sie den Chor verlassen, können sie nicht einfach hinter sich lassen, was sie in neun Jahren geprägt hat. Es sei schön gewesen, habe ihn zu dem gemacht, was er jetzt sei, sagt ein 18-Jähriger. Aber jetzt gehe es erst richtig los, er müsse das, was er erfahren hat »so einsetzen, dass man wirklich vollständig wird«.

Alle, Kinder und Jugendliche, die im Film zu Wort kommen, drücken sich gewählt aus, kritische Töne gibt es nur selten, Verdruss gar nicht. Manches klingt wie ein vorbereitetes Statement. Einmal nur in fast 100 Minuten begehrt einer auf. Für die Tournee nach Südamerika war er vorgesehen und musste dann doch in Leipzig bleiben. Nur die Besten reisen. Aber, fügt der Junge hinzu, man höre ja, dass es gar nicht so toll sein solle dort.

Thomaskantor Georg Christoph Biller nennt die Mitglieder des Chores »Thomasser« und gibt zu, dass er auch manchmal böse werden müsse. Um zu demonstrieren, wie kumpelhaft er auch sein kann, fragt er einen Steppke wie es um die Liebe bestellt sei. »Thomasser« wohnen im Internat in »Stuben«, ein »Dispi« ist ein Sänger, der wegen eines Vergehens dispensiert wurde.

Es ist ein Vorteil des Films, viele Augenblicksmomente völlig unkommentiert zu zeigen, so kann man auch unangenehme Formen arroganter Altershierarchie entdecken oder übersehen. Über pubertäre Herablassungen den anderen Schülerinnen und Schülern des Thomas-Gymnasiums gegenüber mag man lächeln oder auch nicht. Bei so viel Disziplin und Einsehen vergisst man fast, dass der Film ein Jahr der Thomaner während der Umbauphase des Alumnats begleitet und vieles sich in Provisorien abspielen muss.

Einmal stellt der Thomaskantor die Frage, ob seine »Thomasser« in »Christo Jesu« seien. Ohne »Gretchenfrage« geht es nicht in einem solchen Film. Musikalität, stimmliche Qualitäten und Intelligenz, nicht Taufscheine sind Voraussetzungen für die Aufnahme in den Chor, dessen Hauptaufgabe es aber ist, geistliche Musik aller Epochen, besonders die des großen Thomaskantors Johann Sebastian Bach zu singen und das auch nicht vornehmlich auf Konzertpodien, sondern in Kirchen, im liturgischen Rahmen der Motetten am Freitag, der Kantaten am Sonnabend oder in den Gottesdiensten der Leipziger Thomaskirche.

Manche Jungen kamen ­getauft und christlich erzogen in den Chor und haben nach neun Jahren mit dem Glauben abgeschlossen. ­Andere finden ihn und verlassen als Getaufte den Chor. Dass die tiefe Religiosität der Passionen Bachs Sänger und Zuhörende, Gläubige oder Nichtgläubige ergreifen, bewegen und sogar verändern kann, über Glauben und Verstehen hinausreicht, davon vermittelt der Film einiges.

Man mag diesen Film sehen und unterschiedlich darauf reagieren. »Die Thomaner« mit »Herz und Mund und Tat und Leben«, wie es im Untertitel heißt, sind ein Chor, den erlebt man, wenn er singt. Dazu sollte man doch am besten in die Thomaskirche gehen.

Boris Michael Gruhl

Die Thomaner. Herz und Mund und Tat und Leben.
Ein Film von Paul Smaczny und Günter Atteln,
ACCENTUS Music UG Leipzig in Koproduktion mit dem MDR,
Länge: 113 min, Kinostart: 16. Februar

Schiffbrüche in biblischen Zeiten

7. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Mehr als heute waren die Seefahrer damals den Launen des Wetters ausgeliefert

Glaube-Alltag-06

Paulus erleidet Schiffbruch vor derr Insel Malta – Darstellung auf einem Mosaik nach einem Bild des Renaissance-Künstlers Nicolò Circignani, genannt "il Pomarancio".

Kreuzfahrten waren in biblischen Zeiten nicht bekannt. Wohl aber Schiffbrüche und die Ängste und Nöte, die sie auslösten.

Keine Kreuzfahrtschiffe, sondern Handelsschiffe durchkreuzten die Meere. Sie transportierten Steine und Stoffe, Gewürze und Nahrung, Tiere und Menschen. Noch mehr als heute waren die Seefahrer in ihren einfachen Schiffen den Launen des Wetters ausgeliefert. Einige Handelsschiffe »zerschellten«. Ihrer Angst begegneten die Seeleute mit Vertrauen auf Gott. Wer in solchen bedrohlichen Stürmen und Wellentürmen zum Herrn schrie, den führte er aus Ängsten, indem er den Sturm stillte und sie »zum erwünschten Lande brachte«. (Psalm 107, 23-32; 1 Könige 22,49)

Eine der berühmten biblischen Schiffsgeschichten handelt von Jona. Dieser Prophet versucht, vor Gott zu fliehen – kein aussichtsreiches Unterfangen, betete doch schon der Psalmist: »Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen.« Jona besteigt ein Schiff, doch Gott vereitelt Jonas Fluchtpläne mit einem heftigen »Ungewitter«.

Die Seeleute versuchen, ans rettende Ufer zu rudern – »aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an«. Auf eigenen Wunsch hin werfen die Seeleute Jona über Bord, der Prophet wird als menschlicher Ballast geopfert. Doch Gott rettet ihn, indem er »einen großen Fisch« kommen lässt, der den Flüchtling verschlingt und nach drei Tagen und Nächten an Land ausspeit. (Jona 1-2; Psalm 139, 9f.)

Die phönizische Hafenstadt Tyrus, »sehr reich und herrlich geworden«, war eigentlich ein Verbündeter und Handelspartner Israels. Dennoch prophezeite der Prophet Hesekiel ihr den Untergang. Dafür verwendet er Bilder, die die schifffahrtserfahrenen Menschen verstanden. Hesekiel schildert ein Angst einflößendes Schiffbruchsszenario, das dem Untergang der Titanic in nichts nachsteht. (Hesekiel 27)

Dass jemand in seinem Leben »Schiffbruch erleidet« ist eine bis heute gebräuchliche Redewendung für eine gescheiterte Existenz. In der Bibel verwendet sie der Apostel Paulus. Diejenigen, die gegen ihr Gewissen handeln, erleiden Schiffbruch am Glauben, erklärt Paulus und hat dabei Christen im Blick, die der Geldgier ­erliegen. Das menschliche Leben ­vergleicht er mit einem Schiff, das von »jedem Wind einer Lehre bewegt« werde und »umhertreibt«. (1. Timotheus 1,19; Epheser 4,14)

Mehrmals mussten Jesus und seine Jüngerschar den See Genezareth überqueren. Das Gewässer sieht friedlich aus, ist aber gefährlich. Als Jesus unterwegs war, erhob sich »ein großer Windwirbel«, der die Wellen ins Boot schwappen ließ. Während seine Jünger panisch das Wasser aus dem Boot schöpften, schlief Jesus seelenruhig auf einem Kissen weiter. Ängstlich ­wecken die Jünger ihren »Meister« und werfen ihm vor, er kümmere sich nicht um sie in dieser Notsituation. Sofort stand Jesus auf, »bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme!« Tatsächlich legte sich der Wind »und es entstand eine große Stille«. (Markus 4,35-41)

Viele tausend Seemeilen hatte der Heidenmissionar Paulus auf seinen Reisen zurückgelegt. Nun war der Apostel als Gefangener an Bord eines Segelschiffes. In Rom sollte ihm der Prozess gemacht werden. Dem heftigen Wind entkam der Kapitän, indem er im Schutze Zyperns an der (heute türkischen) Küste entlangschipperte.

In Myra steigt Paulus unter Aufsicht des Hauptmanns Julius auf ein anderes Schiff um; an Kreta ging es vorbei mitten hinein in gewaltige Nordoststürme. Dramatische Szenen spielten sich ab: Ladung wurde über Bord geworfen, das Schiff trieb tagelang manövrierunfähig in der Adria. Schließlich erlitten sie Schiffbruch auf einer Sandbank vor Malta. Alle 276 Mann überlebten. Für den Vielreisenden Paulus selbst war es bereits der vierte Schiffbruch. (Apostelgeschichte 27; 2. Korinther 11,25)

In den Endzeitvisionen des Sehers Johannes spielt das Meer eine wichtige Rolle. Ein fürchterliches Monster steigt aus dem Meer, es hat zehn bekronte Hörner und sieben Köpfe. Dann gießt ein apokalyptischer Engel seine Schale ins Meer, woraufhin sich das Wasser in Blut verwandelt und alles Leben im Meer vernichtet wird. Weitere sieben Engel sorgen mit lautem Posaunenschall für Horror. Als der zweite sein Instrument bläst, wird ein Drittel aller Schiffe vernichtet. Das Endzeitgrauen endet mit der Aussicht auf das »neue Jerusalem«, in dem Gott alle Tränen abwischen wird. Zwei wichtige Dinge wird es in dieser neuen Welt nicht mehr geben: die Nacht und das Meer. Und damit auch keine Schiffbrüche. (Offenbarung 8,8f.; 13,1; 16,3; 21,1)

Uwe Birnstein

Leben in der Unterwelt

6. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

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»In Darkness« erzählt die Geschichte vom Überlebenskampf einer Gruppe Juden in der Kanalisation

In der von Nazis besetzten polnischen Stadt Lvov (Lemberg) herrscht 1943 Armut. Die Schwachen plündern die Schwächeren, die Armen bestehlen die, die noch weniger haben. Juden werden auf der Straße exekutiert, die Nazis räumen die Ghettos. Leopold Socha, ein polnischer Kanalarbeiter und Gelegenheitsdieb kämpft um das Überleben seiner Frau und seiner Tochter. Eines Tages entdeckt er eine Gruppe von Juden, die versucht, der bevorstehenden Auflösung des Lvov’er Ghettos durch Flucht in die Kanalisation zu entkommen.

Socha versteckt sie gegen Geld im Labyrinth der Kanalisation. Am 9. Februar kommt der Film »In Darkness – Eine wahre Geschichte« in die Kinos. Das Drama der polnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Agnieszka Holland erzählt die wahre Geschichte des Polen Leopold Socha, der unter Einsatz seines eigenen Lebens und das seiner Familie während des Zweiten Weltkrieges Juden über viele Monate in der Kanalisation von Lvov Schutz gewährte. In der Realität hatten sich dort 20 Juden versteckt. Zwölf von ihnen haben es irgendwann nicht mehr ausgehalten und sind ans Tageslicht zurückgekehrt. Von ihnen hat keiner den Krieg überlebt.

Leben in der Unterwelt

Leben in der Unterwelt

Der Film der Produzenten von Schmidtz Katze Filmkollektiv aus Halle und Berlin ist für den Oscar nominiert.

Die Geschichte wird in den Originalsprachen Polnisch, Deutsch, Jiddisch und Ukrainisch erzählt. Benno Fürmann spielt den Juden Mundek Margulies, der in der Kanalisation die große Liebe findet. Maria Schrader und Herbert Knaup sind das reiche Ehepaar Chiger, Eltern der ­beiden Kinder, von denen das Mädchen Krystyna als letzte noch lebende Zeugin der Geschichte heute in den USA lebt. Den Helden Leopold Socha spielt der polnische Schauspieler Robert Wiekie­wicz.

Das Leben für die kleine Gruppe Juden in der Unterwelt ist menschenunwürdig. Zwischen Ratten versuchen sie, sich trotzdem einen menschlichen Alltag aufzubauen und so normal wie möglich zu ­leben.

Der Großteil des Filmes spielt in der Kanalisation. Die Dreharbeiten dort waren nach Angaben der Protagonisten eine Herausforderung, ebenso die Imitation des Abwassersystems. Gedreht wurde in echten Abwasserkanälen von Lvov und in einer Halle am Stadtrand von Leipzig, wo aus Holz die Kanalisation samt Gullydeckeln, einströmendem Wasser und Dunkelheit nachgebaut worden war.

Eine Filmkritik würdigt Agnieszka ­Hollands polnischen Oscar-Beitrag »In Darkness« als ein so unprätentiöses wie unbequemes Holocaust-Drama, das zur historischen Auseinandersetzung jenseits von Allgemeinplätzen und vorschnellen Vereinfachungen einlade.

(GKZ)

Rosen für Europa, Mais für die USA

3. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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»Land Grabbing«: Internationale Unternehmen bewirtschaften in Entwicklungsländern riesige Flächen

Rosen für Europa, Mais für die USA

Oft das Ende vom Lied: riesige Monokulturen und Chemieeinsatz – wie hier auf einer Sojaplantage in Paraguay. Foto: epd-bild/Heiner Heine

Während die Hälfte der Menschen in Äthiopien hungert, züchtet eine indische Firma dort auf riesigen Plantagen Rosen für Europa.

Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern weichen wegen der hohen Bodenpreise in ihrer Heimat zunehmend in Entwicklungsländer aus. Dabei werden vielfach über die Köpfe der Kleinbauern hinweg lukrative Verkaufs- und Pachtverträge zwischen den Regierungen und den Investoren abgeschlossen. Die Bauern verlieren ihr Land, oft auch ihr Zuhause.

Denn die Eigentumsverhältnisse in Entwicklungsländern sind oft nicht ausreichend geregelt. Selbst wenn die Menschen seit Generationen ein Grundstück bewohnen und bewirtschaften, können sie es selten nachweisen. Und viele Regierungspolitiker wollen von den Geschäften mit Großinvestoren profitieren. So bedrohen ausländische Investitionen vielfach das Leben der Einwohner, statt wie erhofft zu Aufschwung und Entwicklung zu führen. Die Kritiker sprechen von »Land Grabbing« (Landnahme).

Knapp die Hälfte der Fläche, die ausländische Großinvestoren in Beschlag nahmen, diene dem Anbau von Pflanzen für Agrar-Treibstoffe, erklärt der südafrikanische Wissenschaftler Ward Anseeuw. Die Philippinen sind nach seiner Statistik der Staat mit dem meisten Land Grabbing: 4,7 Millionen Hektar, eine Fläche von der Größe Niedersachsens, die etwas weniger als ein Drittel der gesamten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche der Philippinen ausmacht.

In Madagaskar werden 2,6 Millionen Hektar, in Äthiopien 2,3 Millionen Hektar durch ausländische Investoren bewirtschaftet. Anseeuw erstellt zusammen mit Michael Taylor von der »International Land Coalition«, die sich für die Landrechte der Armen einsetzt, eine Datenbank zu Land Grabbing.

Der Landrechte-Experte der UN-Landwirtschafts- und Ernährungs­organisation (FAO), Paul Mathieu, spricht von einer Strategie der Industrieländer, ihre landwirtschaftliche Produktion auszulagern. Um die negativen Auswirkungen zu dämpfen, arbeitet die FAO an Richtlinien.

»Das Menschenrecht auf Nahrung steht seit Jahrzehnten auf dem Papier, wurde aber nie richtig umgesetzt«, beklagt der stellvertretende FAO-Generaldirektor Alexander Müller. Länder, in denen die Bevölkerung hungere, exportierten dennoch Agrarprodukte. Dass es weltweit noch viel ungenutzten Boden gebe, weist Müller als Fehleinschätzung zurück. Alle nutzbaren Flächen würden bewirtschaftet, besonders in Entwicklungsländern herrsche deshalb ein reger »Verdrängungswettbewerb«.

Die FAO wendet sich nicht generell gegen Landkauf durch Großinvestoren, spiegelt die UN-Organisation doch die Interessen aller ihrer 191 Mitgliedsstaaten wider. Es gibt jedoch schwierige Debatten und heftigen Streit.

Der Inder Sai Ramakrishna Karuturi ist mit seiner Rosenzucht in Äthiopien reich geworden. Rund 311000 Hektar Land lässt er bewirtschaften und neben Blumen Reis, Mais, Palmöl und Zuckerrohr im großen Stil anbauen – weiteres Wachstum ist geplant.
Die Investoren betonen die Vorteile für die Entwicklungsländer.

Sie werben damit, dass sie Arbeitsplätze schaffen und nach gewissen ökologischen Standards anbauen. Denn in der westlichen Welt gehört nachhaltiges Wirtschaften und die Achtung der Menschenrechte zum guten Ton. Doch der ehemalige Grünen-Politiker Müller warnt: »In vielen Bereichen sind hehre Absichtserklärungen und tägliches Handeln nicht immer in Einklang zu bringen.«

Im Unterschied zu Müller sieht Landrechte-Experte Mathieu Investitionen in Agrarflächen als Chance, wenn transparente und faire Verträge abgeschlossen werden, die auch überwacht werden. Afrika brauche dringend mehr Investitionen und Arbeitsplätze. »Wenn nichts geschieht, wie in den letzten 10, 20 Jahren, und weiterhin zu wenig in den Agrarsektor investiert wird, wäre das ein katastrophales Szenario«, warnt Mathieu. »Die Zeiten für billige Investitionen in Land sind ­ohnehin bald vorbei.« Denn der Wettbewerb um Land treibe auch in den Entwicklungsländern die Bodenpreise nach oben.

Bettina Gabbe (epd)

Selbst ein Akteur auf dem Markt

2. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Wirtschaft: »Theologische Tage« in Halle fragten nach der Rolle der Kirche zwischen Kapital und kirchlichem Auftrag

Der Kapitalismus steckt in der Krise.  Selbst Wirtschaftsvertreter wissen um die Schwachpunkte.  Auch die Kirche kommt nicht umhin, sich mit ihrer Rolle auf dem Markt auseinanderzusetzen.

Der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Institutes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. »Wir«, sagt Gerhard Wegner, »brauchen eine grundlegende Veränderung des Wirtschaftssystems.« So, wie es jetzt aufgestellt ist, seien die Zukunftsperspektiven nicht besonders gut. Eine Ursache der gegenwärtigen Krise sieht der Wirtschaftsfachmann und Sozialethiker in der dominierenden Rolle des Geldes und im Auseinanderklaffen von Real- und Finanzwirtschaft. »Derzeit«, weist Wegner nach, »geht es nur noch um die Vermehrung des Geldes.« Mit allen negativen Begleiterscheinungen.

Zugleich hält sich der Theologe aber auch nicht mit Selbstkritik zurück. Die Kirche dürfe ihre Positionierung nicht nur auf das Soziale verkürzen, sondern müsse auch das ökonomische Geschehen in den Blick nehmen, findet Wegner. Ein fairer Wettbewerb etwa könne weltweit gesehen durchaus sinnvoll sein. Als Negativbeispiel nennt er die Agrarsubventionen in der EU, die die armen Länder benachteiligen würden.

Zwei Tage lang stehen wirtschaftliche Fragen im Mittelpunkt der Theologischen Tage der Martin-Luther-Universität in Halle. Unter dem Motto »Zwischen Angebot und Nachfrage. Kirche – Markt – Macht« geht es um jüdisch-christliche Wertvorstellungen zu Geld, Zinswesen und zur ­Wirtschaft sowie um die Frage, ob diese religiösen Orientierungsangebote überhaupt noch zeitgemäß sind.

Blickpunkt-06Neben dem Leiter des Sozialwissenschaftlichen Institutes spricht der Tübinger Theologieprofessor Eilert Herms über Markt und Macht im Selbstverständnis der Kirche, der frühere Bischof Axel Noack fragt nach unternehmerischem Handeln aus christlicher Sicht und der Hallenser Professor für systematische Theologie Jörg Dierken befasst sich in einem Workshop mit Kapitalismus und Marktzerstörung in christlicher Perspektive.

Die traditionsreichen Theologischen Tage greifen damit ein Thema auf, das durch die Krise des Euro und der globalen Finanzsysteme derzeit in aller Munde ist und die Medien beherrscht. Wenn ganze Staaten ins Taumeln geraten, könnten sich die Kirchen nicht einfach zurücklehnen, heißt es dazu in Halle.

Tatsächlich gehört sie selbst zu den »nicht ganz kleinen Akteuren« (Wegner) und unterliegt mit ihrem Geld den Regeln des Marktes. Allein die Pensions­kassen aller Landeskirchen umfassen derzeit etwa 15 Milliarden Euro. Für den Leiter des Sozialwissenschaftlichen Ins­titutes kann das nur eines bedeuten:

Die Kirche müsse sich fragen, ob sie sich dem Markt angleichen oder andere Strukturen entwickeln wolle. Dass der Umgang mit dem Geld dabei immer wichtiger wird, darauf weist auch der frühere Magdeburger Propst Matthias Sens hin. So habe die mitteldeutsche Kirche Ende des vergangenen Jahres ethische Kriterien zur Kapitalanlage beschlossen, sagt er in der anschließenden Diskussion.

Doch grundlegend ändern lässt sich das Wirtschaftssystem damit nicht, das vor allem auf Wachstum angelegt ist. Wichtig sei es deshalb zu fragen, woran künftig der Wohlstand gemessen werden soll, findet Wegner. Dagegen plädiert der Hallenser Theologie-Professor Jörg Dierken für mehr Realitätssinn in der Debatte und wirft einen kritischen Blick auf die lange Tradition des Antikapitalismus im Luthertum.

So seien August Hermann Francke oder Johann Hinrich Wichern auch große Unternehmer gewesen, durch deren Handeln etwas Positives für andere herausgekommen sei. Nach seiner Ansicht haben Theologie und Ökonomie eine ganze Menge miteinander zu tun. »Religion ist der Umgang mit der Endlichkeit, in der Ökonomie geht es um den Umgang mit der Knappheit.« Zudem könne auch wirtschaftliches Handeln als Lebenssinnquelle verstanden werden, so Dierken.

Einen Schritt weiter geht der Tübinger Soziologe Christoph Deutschmann, der sich in seinem Beitrag mit der »dämonischen Qualität des Geldes« befasst. Seit dem 19. Jahrhundert hätte der Markt eine quasi religiöse Rolle erhalten. »Heute ist Geld weit mehr als ein harmloses Tauschmittel«, zeigt er sich überzeugt. Auch in der Idee des Marktes sieht Deutschmann keineswegs ein Naturgesetz.

Vielmehr handele es sich um einen Glauben, der in direkter Konkurrenz zur christlichen Religion stehe. »Der Marktgott ist kein gütiger Gott, sondern ein ­Dämon!« Dabei sei der Kapitalismus nicht per se amoralisch, stellt der Soziologe klar. Das Argument der liberalen Theorie, der Markt führe zu globaler Gerechtigkeit, sei nicht völlig falsch. »Aber wir sollten uns vor einer Marktgläubigkeit hüten.« Heute stehe die Aufgabe, wie sich die »Entgrenzung des Marktes« ­wieder rückgängig machen lasse. »Das«, findet Deutschmann, »kann auch eine Aufgabe der Kirche sein.«

Martin Hanusch