Wenn die Welt zu Ende geht?! – Na und

30. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Was gegen Angst und Depression hilft und aus der Krise führt

»Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.« Paul Gerhardt – Foto: MEV

Die Welt ist voller schlechter Nachrichten. Fragen bedrängen uns: Wird mich im Alter jemand pflegen? Gibt es dann überhaupt noch eine Rente, von der man auch leben kann? Werden wir, unsere Kinder und Enkel sauberes Wasser haben? Genügend Arbeit oder genügend bezahlte Arbeit? Das sind bedrängende Fragen, wichtige Fragen. Wer hier zu schnell zum Jesus-Zitat »Sorget euch nicht um den morgigen Tag« (Matthäus 6,34) greift, übersieht, dass wir nicht auf Kosten des morgigen Tages leben dürfen. Für die Zukunft gilt: Keine Sorge, aber Fürsorge bestimmt!

Die Forschung hat gezeigt: Wenn ich begreife, dass ich dem Chaos nicht nur untätig zusehen muss, legen sich Ängste. Es ist nämlich nicht das zu erwartende Geschehen, was uns Angst macht und lähmt, sondern die Hilflosigkeit angesichts solcher Ereignisse. Wer sich hilflos fühlt, wird depressiv und sorgenvoll. Wer sich herausgefordert fühlt, wird dagegen mutig und kreativ. Der bedeutende Depressionsforscher Martin Seligmann nannte die Depression sogar »erlernte Hilflosigkeit«.

Jeder kann das selbst beobachten: Beifahrer zu sein ist viel stressiger als selbst am Steuer zu sitzen – obwohl das Risiko für beide gleich ist. Mit anderen Worten: Menschen, die glauben, dass das Wohl und Wehe ihres Lebens von ihrem Denken und Handeln abhängig ist, sind gesünder und leben besser. Nicht das Schicksal oder die Sterne, nicht die anonymen Mächtigen, nicht die Banken oder die Politik entscheiden, ob mein Leben wichtig und sinnvoll ist – sondern: Wie ich lebe, entscheidet darüber, ob mein Leben gelingt.

Das Gegenteil dazu bildet eine Einstellung, die sich sorgenvoll, aber hilflos ausliefert. Nach dem Motto »Da kann man eh nichts machen«. Aber diese Haltung übersieht: Gott lebt uns nicht – er hat uns Leben gegeben, damit wir es leben. Wir sind keine Marionetten eines himmlischen Puppenspielers, sondern Dialogpartner des Höchsten! Paul Gerhardt hat recht: »Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.« Und: »Auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn«. Aber das heißt auch: Wenn es Wege gibt, muss ich die gehen.

Wenn wir uns also – durch globale Medien bestens über jedes Horrorszenario informiert – geschlagen geben, kommt die Angst. Und schnell fühlen wir uns überwältigt, ohnmächtig, ängstlich grübelnd blicken wir in eine düstere Zukunft. Das ist vielleicht der Zeitgeist: »Es geht eh alles den Bach runter – nimm mit, was du kriegen kannst«. Paulus fordert – ganz im Gegenteil dazu – auf, sich nicht den gesellschaftlichen Trends anzupassen – »seid nicht gleichförmig dieser Welt« –, sondern »werdet verwandelt«. Und das »durch die Erneuerung eures Sinnes« (Römer 12,2).

Wie kann ich mein Denken erneuern? Zuerst einmal sind die Krisen, die uns emotional erschlagen, meistens irgendwelche anonymen Monster. Anstatt uns Ideen für unser Leben heute zu geben, machen diese Monster uns handlungsunfähig. Trauen Sie sich einmal, nicht zu erstarren, sondern weiter zu denken: Was ist, wenn ich keine Rente mehr bekomme? Dann muss ich sehr bescheiden leben. Dann muss ich lernen, mich an den Dingen zu freuen, die da sind. Alle wirklich wichtigen Dinge im Leben aber kann der Mensch sich nicht kaufen. Also könnte ich jetzt schon üben, meine Lebensfreude konsumunabhängiger zu gestalten.

Und ganz mutig: Was ist, wenn die Welt zu Ende geht? Dann wartet Gottes neue Welt. Und da ich dort Bürgerrecht habe, kann ich mich darauf schon jetzt vorbereiten. Entscheiden Sie, wie Sie die Freundschaft mit dem Herrn der neuen Welt heute schon pflegen. Lernen Sie tanzen und singen. Besuchen Sie Gefangene, kleiden Nackte und speisen Hungrige.

Wenn wir unser Denken nicht mehr zwanghaft auf das Bewahren unseres Lebensstandards fixieren – geschieht »verwandelt werden«. Wer loslassen kann, wird gelassen. Der KZ-Überlebende Viktor Frankl beobachtete:

Wer den Sinn seines Lebens im Glück sucht, wird es niemals finden. Wer den Sinn seines Lebens aber in dem sucht, was größer ist als er selbst, wird dabei auch sein Glück finden. Jesus sagte es ganz ähnlich: »Wer sein Leben liebt, wird es verlieren. Aber wer sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es für das ewige Leben erhalten« (Johannes 12,25).

Ulrich Giesekus

Der Autor ist Professor für Psychologie und Counseling (psychosoziale Beratung) an der Internationalen Hochschule Liebenzell und führt eine Praxis für psychologische Beratung.

Der neue Stradivari

28. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Porträt: Für Martin Schleske ist der Geigenbau ein Gleichnis für den Weg des Menschen zu Gott

Martin Schleske aus dem bayerischen Stockdorf gilt als einer der besten Geigenbauer der Gegenwart. Daneben begeistert er als Schriftsteller seine Leser.

Martin Schleske ist ein geschickter Handwerker und ein Mann der akribischen Wissenschaft zugleich. – Foto: privat

Einst, so lautet die Legende, suchten die alten Meister ihr Tonholz, indem sie am Ufer der Gebirgsflüsse standen und auf das Aneinanderschlagen der Baumstämme hörten, die talwärts geflößt wurden. Am Klang erkannten sie, welches die wahren »Sänger« des Waldes waren. So nennen die Geigenbauer jene raren Stämme, die für die Herstellung hochwertiger Musikinstrumente geeignet sind. Bergfichte muss es sein, gewachsen im kargen Alpenboden, mit gleichmäßigen Jahrringen.

Das Holz soll ein geringes Gewicht, aber dennoch hohe Festigkeit haben und wie ein kleines Glöckchen klingen, wenn man an den richtigen Stellen dagegen klopft.

Mit dieser Anekdote beginnt Martin Schleskes Buch »Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens«. Der Instrumentenmacher mit Weltruf erläutert darin die ganze Entstehungsgeschichte einer Geige, angefangen beim Holzschlag an der Waldgrenze und endend im Konzertsaal. Er gewährt einen seltenen Einblick in eine Handwerkskunst, die schon immer eine geheimnisvolle Aura umgab, nicht erst seit für antike Violinen von Stradivari & Co. Millionensummen bezahlt werden.

Doch nicht Schleskes Fachwissen ist es, welches das schriftstellerische Debüt zu einer herausragenden Lektüre macht. Denn wie der Untertitel schon ankündigt, geht es dem Autor um mehr. Für den tiefgläubigen Tontüftler stellt der Geigenbau ein Gleichnis für den Weg des Menschen zu Gott dar. Jeder Arbeitsschritt bekommt dabei eine symbolische Bedeutung.

Ähnlich wie aus dem rohen Holz in der Werkstatt ein kostbarer Klangkörper wird, ist für Schleske jeder Einzelne dazu berufen, ein Instrument Gottes zu sein. »Glück bedeutet dann, dass der Weisheit Gottes durch uns etwas Gutes geglückt ist«, heißt es in dem Buch.
Diesen Prozess der Verwandlung beschreibt der 46-Jährige auf berührende und poetische Weise anhand vieler persönlicher Erfahrungen und Einsichten. Außerdem hat der Verlag ein Kalenderbuch für sieben Jahre mit dem Titel »KlangBilder. Werkstattgedanken« herausgebracht. Es enthält teilweise veränderte, teilweise neue kurze Texte von Schleske neben kunstvollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der international bekannten Berliner Fotografin Donata Wenders.

Heute wie damals wird in den Ateliers der Violinenbauer nicht nur mit frommem Berufsethos, sondern ebenso mit unermüdlichem Forschergeist nach dem vollkommenen Klang gesucht. Während die Großen der Barockzeit schon komplizierte geometrische Formen für die Wölbungen ihrer Geigendecken entwarfen, ist inzwischen vielerorts modernste Technik mit im Spiel.

Das gilt auch für Martin Schleskes Werkstatt. Direkt an seinen Arbeitsraum grenzt ein kleines Akustiklabor, in dem er die Resonanzen jeder entstehenden Geige präzise misst und analysiert. Der hochgewachsene Brillenträger mit der Mütze auf dem Kopf ist ein geschickter Handwerker und ein Mann der akribischen Wissenschaft zugleich, mit abgeschlossener Zweitausbildung als Diplomphysiker.

Zwar werden gute Streichinstrumente bis heute ausschließlich von Hand geschnitzt und gefertigt. Doch daneben hat jeder Meister seine individuellen Tricks, um die Klangqualität zu verbessern. So gelangen beispielsweise kurzwellige Lichtstrahlen, Sauerstoffgemische oder Ozon zum Einsatz, um die Holzstruktur zu beeinflussen. Die genauen Methoden sind stets geheim.

Nur ein Instrument bleibt trotz aller Tüftelei in vieler Hinsicht unschlagbar, wie Martin Schleske bei seiner Tätigkeit immer wieder erkennen musste, und das ist die menschliche Stimme.

Als er jüngst eine Arie von Maria Callas mit einem speziellen Computerprogramm untersuchte, stellte sich heraus, dass die Operndiva in einem Vibrato bis zu zehnmal pro Sekunde die Obertöne ihres Gesangs veränderte. Dazu ist kein herkömmlicher Klangkörper der Welt fähig. Deshalb zählt es zu den wichtigsten Vorhaben von Schleskes privater Forschung, den Klangcharakter seiner Streichinstrumente immer mehr demjenigen der Stimme anzupassen. Vollständig wird Martin Schleske sein Ziel allerdings kaum je erreichen. Denn der Mensch ist eben doch aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt. Und Gott ein außergewöhnlich guter Werkmeister.

Fabian Kramer

Buchtipps
Schleske, Martin: Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens, Kösel-Verlag, 352 S., ISBN 978-3-466-36883-9, 21,95 Euro
Schleske, Martin: KlangBilder. Werkstattgedanken – Ein Kalendertagebuch für 7 Jahre aus der Geigenbauwerkstatt von Martin Schleske mit 52 Fotografien von Donata Wender, Kösel-Verlag, 224 S., ISBN 978-3-466-37026-9, 19,99 Euro

Als Pfarrerin im Urlaubsparadies

27. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Pfarrerin Eva Gabra – Foto: epd-bild

Ägypten: Hurghada am Roten Meer – Treffpunkt für Rentner, Urlauber, Abenteurer und verkrachte Existenzen

In der ägyptischen Touristenhochburg Hurghada gibt es seit dem Sommer eine Pfarrstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Du bist ein Volltreffer«, singen die Kinder im Kreis. Es ist ihr Lieblingslied beim Kinderbrunch. So heißt der deutschsprachige evangelische Kindergottesdienst im ägyptischen Touristenzentrum Hurghada am Roten Meer. Eva Gabra ist seit Sommer vergangenen Jahres Auslandspfarrerin der Evangelischen Kirche in Deutschland in Hurghada.

Die Zeiten sind nicht leicht. Die ägyptischen Christen, die Kopten, werden angegriffen und verfolgt, mehr als Hunderttausend sollen im vergangenen Jahr das Land verlassen haben. Die deutschsprachigen Christen in Hurghada, für die Eva Gabra zuständig ist, wurden von den Anfeindungen aber bisher nicht getroffen.

Die 29-Jährige mit dem blonden Pferdeschwanz ist Pfarrerin einer Gemeinde, die offiziell noch gar nicht existiert. Aber die deutschsprachigen evangelischen Christen in Hurghada sind schon lange sehr aktiv. »Bisher hatten wir keine theologische Anleitung, aber ich habe ab und zu meinen Vater angerufen, der ist Pfarrer in Deutschland und hat mir dann ein paar Tipps gegeben«, sagt Beke Hoppe, die den Kinderbrunch mitorganisiert hat.

»Wir leben in einem Land, in dem Religion eine große Rolle spielt. Da fragt man sich automatisch, an was man eigentlich selber glaubt und wo man hingehört«, konstatiert Hoppe. Kein Wunder also, dass Eva Gabra herzlich empfangen wird. »Ich habe das Gefühl, offene Türen einzurennen«, sagt die Pfarrerin, die in Wuppertal, Heidelberg und Kairo studiert hat.

Dennoch steht sie vor großen Herausforderungen, denn in den Auslandskirchen sind evangelische Christen nicht automatisch Mitglied, sie müssen eintreten und bezahlen. Das erfordert Überzeugungsarbeit. Auch hat sie bisher keinen Raum: So schiebt sie entweder die Sofas zur Seite und lädt zu sich ins Wohnzimmer ein oder sie feiert ihre Gottesdienste im Garten des deutschen Honorarkonsulats.

Es gilt, Brücken zu schlagen, denn Hurghadas Deutsche könnten unterschiedlicher nicht sein: »Dies ist ein Ort, der viele Abenteurer anlockt. Manche schaffen es hier, aber es gibt auch verkrachte Existenzen«, weiß die Pfarrerin zu berichten.

Der Honorarkonsul von Hurghada, Peter Jürgen Ely, schätzt, dass rund 7000 Deutsche dauerhaft in Hurghada und Umgebung leben. Viele von ihnen arbeiten in Hotels und Tauchschulen. Doch der Tourismus steckt seit der Revolution in der Krise. Viele aus der Branche machen sich Sorgen um die Zukunft – auch, weil die Salafisten, die bei den Parlamentswahlen zur zweitstärksten Kraft wurden, den Touristen Alkohol und Bikini verbieten wollen. Wer will dann noch Urlaub in Hurghada machen?

Nicht alle leben vom Tourismus. Viele Deutsche in Hurghada sind Rentner, die in der Sonne ihren Lebensabend verbringen. Hinzu kommen deutsche Frauen, die sich im Urlaub in einen Ägypter verliebt haben und geblieben sind. »Viele der Frauen sind wegen der Ehe zum Islam übergetreten, andere sind Christinnen geblieben. Das Zusammenleben mit ihren muslimischen Männern wirft bei ihnen jedoch die Frage auf, was das Christentum eigentlich ausmacht«, sagt Eva Gabra. Sie hat deswegen mit diesen Frauen bereits im November einen Glaubenskurs gemacht: Es ging um die Grundlagen des Christentums und darum, was die Christen im Alltag von den Muslimen unterscheidet.

Gabra hat sich in ihrem Studium auf christlich-islamischen Dialog spezialisiert und weiß, was es heißt, eine Ehe zwischen den Kulturen zu führen. Auch ihr Mann ist Ägypter. Sie hat ihn allerdings an der theologischen Fakultät kennengelernt. Auch David Gabra ist Pfarrer. Er betreut die evangelisch-koptische Gemeinde von Hurghada.

Zu Eva Gabras Gemeinde sollen aber nicht nur die in Hurghada lebenden Deutschen gehören. Auch mit Touristenseelsorge hat die Evangelische Kirche in Deutschland die Pfarrerin beauftragt. Doch wie fängt man das an? Hurghada ist ein Ferienort, der auf billigen Massentourismus setzt. Die meisten kommen her, weil sie mit Vollpension am Strand liegen wollen. Eine Pastorin haben sie nicht gebucht. »Andererseits ist der Urlaub auch ein Moment, in dem die Menschen zur Besinnung kommen und sich die Fragen des Lebens stellen. Dabei können sie vielleicht Begleitung gebrauchen«, sagt Eva Gabra.

Julia Gerlach (epd)

Dem Vergessen einen Strich durch die Rechnung machen

26. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Holocaustgedenktag: Bis heute arbeitet Yad Vashem daran, den Opfern ein Denkmal und einen Namen zu geben

Yad Vashem, die zentrale ­Holocaustgedenkstätte des Staates Israel, ist ein Muss für jeden Israelbesucher. Der Ort steht sowohl für das Erinnern wie auch für die wissenschaftliche Erforschung der Judenvernichtung.

In der Halle der Namen: Auch die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Sabine von Schorlemer, ­besuchte im März 2010 während ihres Israelaufenthaltes die Gedenkstätte Yad Vashem. Foto: Johannes Gerloff

Kein führender Politiker oder hochrangiger Geistlicher kann es sich leisten, den jüdischen Staat zu besuchen, ohne einen Kranz in der Halle des Gedenkens neben der ewigen Flamme niederzulegen oder sich in der Halle der Namen fotografieren zu lassen. Niemand bleibt unberührt beim Gang durch das Museum, das sich wie ein Pfeil durch den Bergrücken im Westen Jerusalems bohrt und die Geschichte des nationalsozialistischen Völkermords nachzeichnet. Der Name der Gedenkstätte ist dem biblischen Buch des Propheten Jesaja entnommen, wo der Gott ­Israels verspricht, Menschen »in meinem Hause und in meinen Mauern ›Yad Vashem‹ – ein Denkmal und einen Namen« – zu geben. (Jesaja 56,5)

Seit 1955 sammelt und archiviert Yad Vashem die Namen von Holocaustopfern. Von den schätzungswei­se sechs Millionen Holocaustopfern sind mehr als vier Millionen namentlich registriert. Zwei Millionen Namen fehlen noch. Debbie Berman gehört zu denen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diese Namen ausfindig zu machen. Seit 2006 arbeitet sie in Yad Vashem, heute als Projekt-Koordinatorin für die Erhaltung der Namen von Opfern der Schoah, wie der Holocaust auf Hebräisch genannt wird. Die modern-orthodoxe Mutter von vier Kindern betrachtet ihren Wettlauf ­gegen die Zeit und das Vergessen als Familienprojekt, als Mission und ganz einfach als Vorrecht.

Bermans Eltern und Großeltern sind selbst Holocaustüberlebende. Aber keiner wollte erzählen, was sie in den Konzentrationslagern, auf der Flucht oder im jahrelangen Versteck durchgemacht haben. »Emma Salgo war voller Leben, Freude und Lachen«, erklärt Debbie Berman das Schweigen ihrer Großmutter, »das wollte sie uns weitergeben – nicht die Geschichten von Verfolgung, Qual und Tod.« Deshalb hat sie ihren Kindern und Enkeln nie erzählt, was sie im Arbeitslager Kaufring, einer Außenstelle des KZ Dachau, erlebt hat. Im November 1944 wurde sie dorthin deportiert. Ihrem Mann Chaim war die Flucht in die Schweiz gelungen. Die Kinder, Robbi und Schoschanna, wurden in Budapest versteckt.

Dass Überlebende der Schoah nicht über die Vergangenheit reden wollen, ist nicht ungewöhnlich. Eine Antwort auf die Frage nach dem Grund dafür ist nicht leicht zu finden. »Viele haben nie wirklich um ihre Lieben trauern können. Der Verlust war einfach überwältigend«, meint Debbie Berman, »manchmal kann eine einzige Person 50, 60 oder gar 80 Namen aus dem engeren Verwandtenkreis nennen, die in der Schoah ihr Leben verloren haben.«

Manche hoffen immer noch, vermisste Familienmitglieder und Freun­de wiederzufinden. Berman hilft Überlebenden, Fragebögen zu vermissten Schoahopfern auszufüllen. »Den Satz ›Mendel ist tot‹ zu denken, auszusprechen, aufzuschreiben und dann auch noch eine Unterschrift unter ein Formular zu machen, erscheint ihnen oft unmöglich«, erzählt die junge Frau aus ihrer Arbeit. Aber dann ist es ­immer wieder doch eine gewaltige ­Erleichterung für diese Menschen, die jahrzehntelang eine unglaubliche, ­erdrückende Last mit sich herumgetragen haben. »Wir nennen die Zeugnisbögen auch ›virtuelle Grabsteine‹«, erklärt Berman.

»Es ist wichtig, dass da ein Name steht, wenn möglich ein Foto; dass die Erinnerungen ausgesprochen und aufgeschrieben werden, um so dem Bemühen der Deutschen, uns zu einer Nummer zu degradieren, uns zu vernichten, unseren Namen auszuradieren, einen Strich durch die Rechnung zu machen.«

Berman berichtet, dass ihre eigene Mutter anfangs auch nicht erzählen wollte. »Ich erinnere mich an nichts. Ich weiß nichts Wesentliches«, hatte sie immer wieder betont. Doch dann fuhren Mutter und Tochter nach Budapest, wo die Mutter als kleines Mädchen vor den Nazi-Schergen versteckt worden war. »Intuitiv kannte sie sich aus, wusste genau wo der Bahnhof sein musste«, erlebte Debbie Berman. Schließlich umfassten die ­Erinnerungen der Mutter 13 Seiten – und die Erinnerungen wurden bestätigt. Das Online-Archiv von Yad Vashem fand Verbindungen zu weiteren Verwandten und stellte fest, dass Debbies Urgroßmutter, Theresa Salgo-Rottenberg, eine Erinnerungsseite für ihren Sohn eingereicht hatte.

Debbies Vater, Simon Deutsch, wurde wie die Mutter von Nichtjuden gerettet. Debbie kennt die Namen der Retter ihrer Eltern. Es war der Portugiese Sousa Mendes, der ihrem Vater nach der Flucht aus dem von Deutschen besetzten Antwerpen das Überleben und einen Neuanfang im fernen Amerika ermöglichte. In den Archiven von Yad Vashem begegnete Berman schließlich noch einem Onkel ihres Vaters, dem Künstler Carol Deutsch. Seine Tochter Ingrid hatte in einem Versteck überlebt und 99 Illustrationen biblischer Geschichten ihres Vaters gerettet. Sie werden jetzt in der Gedenkstätte ausgestellt.

Immer wieder kommt es vor, dass Berman miterleben darf, wie Menschen Tote suchen und Lebende finden – etwa Liora Tamir, die als Vollwaise in der sowjetischen Gulagstadt Workuta und später in einem Waisenhaus in Leningrad aufwuchs. Tamir lebte in der Annahme, ihre gesamte Familie sei ausgerottet. Bis eines Tages ihre Tochter Ilana durch Nachforschungen herausfand, dass ein Onkel von Liora, Simcha Shikler, 1956 einen Eintrag in Yad Vashem veranlasst hatte. So wurde der Frau, die sich mutterseelenallein glaubte, »eine Familie geboren«, wie ihre Tochter Ilana im Rückblick formulierte.

Auf wunderbareweise überlebte die ganze Familie von Debbie Berman und wurde nach dem Krieg wiedervereint. Die Großmutter hatte es irgendwie geschafft, durch die gesamte Leidenszeit im Konzentrationslager ein kleines rosa Kleid ihrer Tochter zu bewahren. »Es war ein Hoffnungsschimmer inmitten des erlebten Albtraums.« Bevor Debbie 1992 nach Israel einwanderte, schenkte die Mutter ihr das rosa Kleidchen. »Ich habe es all diese Jahre aufbewahrt und dann einmal meiner kleinen Tochter Emma, die nach ihrer Großmutter genannt wurde, angezogen«, erzählt sie heute.

»Als ich meine eigene Tochter in diesem Kleidchen spielen und lachen sah, wurde mir plötzlich klar, was für ein Schmerz es für meine Großmutter gewesen sein muss, so lange und unter solchen Umständen von ihren Kindern getrennt sein zu müssen.« 2010 feierte Emma Berman ihren zwölften Geburtstag, ihre Bat-Mizwa. Aus diesem Anlass vermachte die Familie das geschichtsträchtige Familienkleidungsstück der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. »Ich denke, hier ist es am besten aufgehoben«, meint Debbie.

Johannes Gerloff

Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Überlebenden des größten nationalsozialistischen Vernichtungslagers in Auschwitz-Birkenau. Mit einer Proklamation des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog wurde am 3. Januar 1996 der 27. Januar in Deutschland offiziell zum »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus« erhoben. »Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen«, hieß es in der Proklamation.

Im Jahr 2005 erklärte zudem die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Holocaustgedenktag.
In Israel selbst ist der Jom haScho’a ein israelischer Nationalfeiertag. Er beginnt mit dem Sonnenuntergang am 27. Nisan des jüdischen Kalenders und endet am folgenden Abend. Nach dem gregorianischen Kalender fällt der Tag in diesem Jahr auf den 19. April.
(GKZ)

www.yadvashem.org/
www.yad-vashem.de

Glaubens-Façon und preußischer Mehrwert

22. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Interview: Der Sozialethiker Wolfgang Huber über Friedrich II., preußische Tugenden und religiöse Toleranz

Wolfgang Huber, Jahrgang 1942, ist evangelischer Theologe und Sozialethiker. Er war von 1993 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und von 2003 bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Huber ist unter anderem Mitglied im Nationalen Ethikrat und Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Garnisonkirche in Potsdam. Foto: picture-alliance

Wolfgang Huber, Jahrgang 1942, ist evangelischer Theologe und Sozialethiker. Er war von 1993 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und von 2003 bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Huber ist unter anderem Mitglied im Nationalen Ethikrat und Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Garnisonkirche in Potsdam. Foto: picture-alliance

Am 24. Januar jährt sich zum 300. Mal der Geburtstag des späteren preußischen Königs Friedrich II. Er steht ebenso für das Preußentum mit seinen umstrittenen Tugenden wie für einen aufgeklärten Absolutismus. Harald Krille sprach darüber mit Wolfgang Huber.

Herr Professor Huber, in der DDR galten Friedrich II. und die preußischen Tugenden weithin als Synonym für Militarismus und alles Böse. Gibt es gute Gründe für eine Renaissance des Alten Fritzen?
Huber: Zunächst muss man sagen, dass die Rezeption der Geschichte Preußens in der DDR außerordentlich widersprüchlich war. Einerseits wollte man ein Feindbild haben, von dem man sich abgrenzen konnte, und brachte deswegen den preußischen Militarismus und den Hitlerfaschismus ganz nahe zusammen. Und auf der anderen Seite wollte man gerne das kulturelle Erbe auf die eigenen Mühlen lenken. Deshalb hat man beispielsweise den Alten Fritz unter den Linden in Berlin wieder aufgestellt. Statt eines solchen zwiespältigen Verhältnisses sollten wir uns um eine kritische Aneignung der Tradition bemühen.

Friedrich II. war eine Persönlichkeit, die eindrucksvolle Züge hatte, die sich jedoch auch in einer Weise am militärischen Ruhm orientierte, die wir heute kritisch sehen. Aber ohne jeden Zweifel handelt es sich um eine herausragende und geschichtsprägende Gestalt. Friedrich II. hat Preußen nahezu ein halbes Jahrhundert regiert. Und dieses Preußen sah danach völlig anders aus. Er hat auf seine Weise dazu beigetragen, dass Preußen zu einem Kulturstaat geworden ist. Deswegen können wir gar nicht an ihm vorbei, denn die Spuren dieser kulturellen Prägung begegnen uns auf Schritt und Tritt.

Stichwort »kritische Aneignung«: Was taugt denn aus der preußischen Tradition für Demokraten im Rechtsstaat?
Huber: Aus dieser Tradition taugen vor allem zwei preußische Tugenden, die in meinen Augen ganz in den Vordergrund gerückt werden sollten:

Verlässlichkeit und Toleranz. Verlässlichkeit ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich Vertrauen bilden kann. Und Offenheit für den Anderen, für den Fremden ist eine Grundvoraussetzung für den Respekt vor der Glaubensüberzeugung auch derjenigen, die anders glauben als ich selbst. Diese beiden Tugenden sind für die Demokratie sehr wichtig. Sie taugen auch als kritische Maßstäbe im Blick auf Auswüchse in der Wirtschaft oder auf den Finanzmärkten, die wir gegenwärtig beobachten; sie können uns in der Gestaltung einer pluralistischen Gesellschaft hilfreich sein.

Viele verstehen die religiöse Toleranz Friedrichs II. und seinen berühmten Satz, »jeder soll nach seiner Façon selig werden«, eher als Ausdruck einer religiösen Gleichgültigkeit …
Huber: Es wird erzählt, dass Friedrich II. gelegentlich hinzugefügt haben soll: »Jeder soll nach seiner Façon selig werden, Hauptsache die Kerle haben überhaupt Religion.« So wurstig das klingt und so distanziert auch das eigene Verhältnis des Voltaire-Freundes zur Religion gewesen ist, so deutlich hat er doch ein Bewusstsein davon gehabt, dass der Mensch auf einen Bezugspunkt außerhalb seiner selbst angewiesen ist. Das ist ein Hinweis darauf, dass Menschen verarmen, wenn ihr Glaube verkümmert.

Außerdem: Die Preußen haben im Blick auf einwandernde Menschen anderer Konfession diese Glaubensüberzeugungen eben nicht zur Privatsache erklärt. Sie nahmen auch deren Religion und konfessionelle Prägung wichtig und sorgten dafür, dass sie ihren Glauben frei leben konnten. Das ist etwas anderes als Gleichgültigkeit.

Zu den preußischen Tugenden gehören auch solche Begriffe wie Treue, Gehorsam und Disziplin, die nicht zuletzt im Dritten Reich fürchterlich missbraucht wurden. Kann man heute wieder unbefangen vom Wert preußischer Tugenden sprechen?
Huber: Wenn unbefangen unkritisch bedeutet, dann kann man das natürlich nicht. Wenn man aber durch eine kritische Analyse der Wirkungsgeschichte hindurch wieder fragt, was denn eigentlich der Kern dieser preußischen Tugenden ist, dann kann man im Blick auf diesen Kern wieder ein Stück Unbefangenheit entwickeln. Denn dann merkt man, dass das Zerrbild eines preußischen Militarismus nicht unbedingt dem Kern preußischer Tugenden entspricht.

Was wären denn außer Verlässlichkeit und Toleranz aneignungswerte Kernwerte?
Huber: Ich will ein Stichwort nennen, das sehr modern klingt, aber in Wirklichkeit schon viel länger aktuell ist – nämlich die Tugend der Nachhaltigkeit. Wenn Sie anschauen, welche Kultivierungsleistung beispielsweise die Ansiedlung holländischer Bauern im Oderbruch zur Folge hatte, dann sehen Sie daran, dass in diesem Land mit seinen durchaus kärglichen Lebensbedingungen nicht nur an kurzfristigen Profit gedacht wurde. Es war die Zeit Friedrich des Großen, in der das Wort Nachhaltigkeit zum ersten Mal verwendet wird.

Zugegeben: nicht von einem Preußen, sondern von dem sächsischen Forstmeister Hans Carl von Carlowitz. Aber wir ­wissen, dass zur selben Zeit auch in Preußen in der Landwirtschaft genau der gleiche Gedanke vorangetrieben wurde: Nämlich den Ackerboden so zu bewirtschaften, dass die Erträge auch für die nächste Generation sichergestellt werden. Diese Art von ­Tugend haben wir lange Zeit sträflich vernachlässigt.

Wo würden Sie den Unterschied sehen zwischen den sogenannten preußischen Tugenden und den klassischen Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung oder den christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe?
Huber: Der Unterschied scheint mir die größere Alltagsnähe der preußischen Tugenden zu sein. Hier werden praktische Maßstäbe des persönlichen Verhaltens ins Zentrum gerückt, Maßstäbe, an denen der Einzelne sich orientieren kann und in denen er ­einen verlässlichen Kompass für die persönlichen Entscheidungen im Alltag hat. Es geht um gelebten Anstand im täglichen Miteinander. Sowohl die sogenannten Kardinaltugenden als auch die christlichen Tugenden sind im Vergleich dazu eher so etwas wie grundlegende Voraussetzungen.

Ein zeitgenössisches französisches Sprichwort lautet: »Preuße zu sein ist eine Ehre, aber kein Vergnügen« …
Huber: (lacht) Ja, man muss sicher auch die kritische Frage stellen, ob die Erfahrung von Glück, die Freude am Leben, die Muße zum Feiern in der preußischen Lebensauffassung den wünschenswerten Raum hatte. Bei Friedrich II. hat es an diesen Dimensionen eigentlich nicht gefehlt. Denken Sie an seine große Begeisterung für die Musik, denken Sie an die Gastlichkeit, die am preußischen Hof durchaus vorhanden war.

Oder denken Sie an die Gestaltung Potsdams und seiner Parkanlagen, in denen ein Stück mediterrane Lebensfreude auftaucht. Aber es gehört sicher zur kritischen Aneignung mitzureflektieren, dass die Hochschätzung der Arbeit nur dann ein Maß bleibt, wenn auch die Grenzen der Arbeit geachtet ­werden, und dass Pflicht nur dann mit Augenmaß betrachtet wird, wenn auch die Bereitschaft zur Freude an der Schönheit des Lebens vorhanden ist.

Sie haben Glaube, Hoffnung, Liebe eher als grundlegende Voraussetzungen bezeichnet – und für den pietistisch geprägten Vater Friedrichs II., Friedrich Wilhelm I., waren sie es besonders. Können preußische Tugenden überhaupt auf Dauer ohne Rückbindung an solche Voraussetzungen gelebt werden?
Huber: Sie verarmen sicher, wenn man sie nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Nützlichkeit für das eigene Leben und das eigene Fortkommen anschaut, statt unter dem Aspekt, dass ich für mein anvertrautes Leben, meine anvertrauten Gaben und für meine Mitmenschen Verantwortung vor Gott habe und ihm rechenschaftspflichtig bin. Das kann nicht in dem Sinn gemeint sein, dass Menschen, die nicht an Gott glauben, kein gutes und an Tugenden orientiertes Leben führen könnten.

Aber die Frage nach dem entscheidenden Grund und Halt für mein Leben, die Fähigkeit neu anzufangen, wenn etwas misslungen ist, wenn man gescheitert ist, wenn man Schuld auf sich geladen hat – das sind Glaubensfragen, ohne die allen Tugenden eine entscheidende Basis fehlt. Sie gehören unmittelbar zu unserem Leben; deshalb verweist unser Gespräch über Tugenden unmittelbar auf die Dimension des Glaubens. Und deshalb möchte ich jedem Menschen wünschen, dass er die Verwurzelung eines verantwortlichen Lebens in der Beziehung zu Gott verstehen und sich selber aneignen kann.

Flöte spielender Kriegsherr

21. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Jubiläum: Vor 300 Jahren wurde Friedrich der Große, der König von Preußen geboren, er gilt als Repräsentant des aufgeklärten Absolutismus

Berlin und Brandenburg ­feiern 2012 den 300. Geburtstag Friedrich des Großen.
Der preußische König ging als Inbegriff eines aufgeklärten Monarchen in die Geschichte ein. Doch der ­Herrscher­alltag sah anders aus.

Seine Taufe war die letzte, die im Berliner Stadtschloss mit barockem Pomp gefeiert wurde. Als Friedrich II. vor 300 Jahren am 24. Januar 1712 geboren wurde, da wollte sich sein Großvater und erster preußischer König eine solche »Solennität« (Feierlichkeit) noch nicht nehmen lassen. Der Täufling wurde bei dem Zeremoniell nicht nur mit dem Segen Gottes versehen, sondern gleich auch mit dem Orden vom Schwarzen Adler dekoriert, dem höchsten preußischen Orden.

Mit Thomas Mann, Adolf Hitler und Erich Honecker könnte die Schar seiner späteren Verehrer unterschiedlicher nicht sein, von den Preußen-Enthusiasten heutiger Tage ganz zu schweigen. Hingegen verbannte Helmut Schmidt eine Friedrich-Büste aus seinem Büro, als er 1969 Verteidigungsminister wurde. Mit dem »Alexander dem Großen im Taschenformat« wollte der Sozialdemokrat nichts zu tun haben.

Schon Zeitgenosse Friedrich Schiller mochte »diesen Charakter nicht lieb gewinnen«. Nicht erst mit einem Zeitabstand von zwei Jahrhunderten konnten die Widersprüche zwischen Schein und Sein, zwischen politischem Anspruch und Wirklichkeit ins Auge stechen. Kein anderer Monarch hatte sich bis dato so zu den Ideen der Aufklärung bekannt, sich gar als Flöte spielender »Philosoph auf dem Thron« verstanden und Freundschaften zu Intellektuellen geknüpft – wie Friedrich zu Voltaire.

1781, acht Jahre vor der Französischen Revolution, schreibt der damals schon mehr als vier Jahrzehnte regierende preußische König, »dass alle Monarchien durch den Reichtum verderbt worden sind«. Die Gesetze seien dazu da, »die Schwachen vor der Bedrückung durch die Starken zu schützen«. Schon zuvor hatte Friedrich erklärt, der Fürst sei »nur der erste Diener des Staates«.

Bereits vier Tage nach seiner Thronbesteigung hatte er die Folter abgeschafft, nur nicht für Hochverrat. Weitere zwei Tage später hob Friedrich auch die Zensur auf. Ein halbes Jahr danach, als er ohne Kriegserklärung Schlesien überfiel, führte er sie jedoch wieder ein.
Durch die Annexion soll sein Land zur Großmacht aufsteigen, was Friedrich auf friedlichem Wege nicht erreichen kann. Das Preußen des Jahres 1740 ist dafür zu schwach, ein rückständiger Flickenteppich.

Im Keller des Berliner Schlosses liegt allerdings ein Staatsschatz von acht Millionen Goldtalern, und die Armee ist von seinem Vater Friedrich Wilhelm I. gut ausgebildet. In jungen Jahren hatte der »Soldatenkönig« selbst den Kronprinz zum Spiel mit Zinnsoldaten und Pistolen gezwungen. Wenn sich Friedrich beim Abfeuern von Kanonen als »hasenfüßiges Kind« zeigte, verachtete der Vater ihn. Dieser Drill führte dann auch zur ­Auflehnung gegen den Vater und zu der Tragödie um die Fluchtpläne mit Freund Hans Hermann von Katte, für die dieser hingerichtet wurde.

Im fünfjährigen Schlesien-Krieg zeigt der neue König dann keine Abneigung mehr gegenüber dem Militär. Beim Triumphzug durch Berlin rufen ihn Claqueure zu »Friedrich dem Großen« aus. Es folgen Reformen nach innen. Der König kümmert sich persönlich um die Bauern, macht den Oderbruch urbar. Es entsteht der Mythos vom fürsorglichen Landesherren. Die Leibeigenschaft schafft Friedrich aber nicht ab. Knechte wie auch Juden dürfen nicht »nach ihrer Façon« leben.

Nach den jüngst veröffentlichten »Schatullrechnungen« war es auch mit einer angeblichen Sparsamkeit nicht so weit her. Seine berühmten Windspiel-Hunde, neben denen er unbedingt begraben werden wollte, waren ihm pro Jahr 20 Taler wert – es war das Jahresgehalt seiner Klofrau. Und um auch im Januar sein Lieblingsobst verspeisen zu können, gab er für Kirschen 396 Taler aus.

Es sind nicht die einzigen Kosten, die dem Staat entstehen. Friedrichs »Siebenjähriger Krieg« (1756–1763) gegen Österreich, Russland und Frankreich wird nicht nur zum finanziellen Desaster.

Ganze Landstriche werden verwüstet, mit einer Million Toten verliert das Land proportional mehr Einwohner als Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Nur der frühe Tod der russischen Zarin rettet Friedrich. Um die zerrütteten Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen, reduziert er sogar heimlich den Edelmetallanteil. Der Monarch wird zum Falschmünzer.

Der Krieg bringt Friedrich an den Rand der Selbsttötung. Fast hätte er zu den 18 giftigen Opiumpillen gegriffen, die er ständig um den Hals trägt. Doch der Tod ereilt ihn erst mehr als zwei Jahrzehnte später. Friedrich, schwerkrank und unter wachsender Atemnot leidend, stirbt in einer Augustnacht 1786 in einem Sessel des von ihm erbauten Lieblingsschlosses Sanssouci in Potsdam. Seine Gemahlin, mit der er keine Kinder hatte und die er auch schon mal als »Kuh« angesprochen haben soll, hatte er ein halbes Jahr zuvor das letzte Mal gesehen.

Nicht nur in ihren Augen dürfte Friedrich »das alte Ekel« gewesen sein. Die Trauer nach seinem Tod hielt sich offenbar in engen Grenzen: »Alle Welt beglückwünschte sich«, ­notierte einer seiner letzten Besucher, der französische Marquis de Mirabeau. »Kein Bedauern wird laut.«

Jürgen Heilig, (epd)

Ohne Reue Geld leihen und verleihen

20. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Der biblische Ratgeber für Kreditgeber und -nehmer

Ja, man kann viel falsch machen bei Krediten. Die Bibel gibt wertvolle Tipps, wie der private und geschäftliche Leihverkehr ohne weitreichende Folgen bleiben kann.

Foto: MEV

Foto: MEV

Du sollst Geld verleihen! (5. Mose 15,7-10; Lukas 6,34f.)
Zumindest wenn es sich um arme Mitmenschen handelt, gilt: Ein Mensch sollte Geld verleihen, und zwar so, »dass das Herz nicht verdrießt«. Der Grund ist nicht nur, jemandem aus der Patsche zu helfen, sondern um von Gott gesegnet zu werden. Hier vertritt die Bibel an einigen Stellen eine lupenreine Werkgerechtigkeit. Jesus treibt die Tugend des Leihens auf die Spitze und hinterfragt private Verleiher wie die gesamte ­Kreditwirtschaft: »Leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft!« Wer Geld leiht, sollte also nicht automatisch ­davon ausgehen, das Verliehene zurückzubekommen; das sei vielmehr das Gebaren der »Sünder, »damit sie das Gleiche bekommen«.

Vorsicht bei Bürgschaften! Bei Geld hört die Freundschaft für einige Menschen nicht auf. Gerät ein Freund in Not, stellen sie sich als Bürgen für dessen Kredit zur Verfügung. Ein löbliches, aber riskantes Verhalten. Denn wenn der Freund seinen Kredit nicht bedienen kann, bittet der Geldverleiher den Bürgen zur Kasse. Das konnte schon vor 3000 Jahren fatale Folgen haben. Aus diesem Grund warnte der weise und ­lebenserfahrene König Salomo davor, Bürgschaften zu übernehmen. »Sei nicht einer von denen, die mit ihrer Hand haften und für Schulden Bürge werden; denn wenn du nicht bezahlen kannst, so wird man dir dein Bett unter dir wegnehmen.« (Sprüche 22,26f.)

Erlasse die Schulden! (5 Mose 15,2; 1 Makkabäer 15,8)
Eine nette Geste oder pure Taktik? Eher das Zweite: Dass der Seleukidenkönig Antiochus dem jüdischen Makkabäerfürsten Simon die Schulden ­erlässt, hatte Hintersinn. Er wollte ihn als Verbündeten gegen einen Widersacher gewinnen. Wie hingegen ein selbstloser Schuldenerlass aussehen kann, schildert das Gesetz des Mose. Es fordert die gläubigen Gläubiger auf, alle sieben Jahre den Nächsten die Schulden zu erlassen. Einfach so, um Gottes willen.

Nimm von Armen keine Zinsen! (3 Mose 25,35-37; 5 Mose 23,20f.; Sprüche 28,8; Sirach 29,2)
Verleihen ist gut. Zinsen nehmen im Prinzip auch. Allerdings soll man Arme vor der demütigenden Prozedur des Zinsenzahlens bewahren. Die Bibel begründet das nicht mit moralischem Zeigefinger, sondern theologisch: »Du sollst dich vor deinem Gott fürchten, dass dein Bruder neben dir leben könne!« Gott habe sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft geführt – deswegen solle man sich seinem bedürftigen Nächsten gegenüber auch in befreiender Weise verhalten. Das kann auch so geschehen, dass eingenommene Zinsen hilfsbereiten Mitmenschen gespendet werden.

Leg dein Geld gewinnbringend an! (Lukas 19,11-27)
Dies Gleichnis Jesu könnte ein Werbespruch für jeden Anlageberater sein. Vor seiner Abreise händigt ein Fürst jedem seiner zehn Knechte einen Geldbetrag in Höhe von einem Pfund aus mit der Aufforderung, damit zu handeln. Nach seiner Rückkehr ist er neugierig. Der erste Knecht hat das ihm anvertraute Pfund verzehnt-, der zweite verfünffacht. Die beiden kassieren dickes Lob vom Fürsten und erhalten machtvolle Positionen in seinem Reich. Der Dritte allerdings reicht dem Fürst sein Originalpfund zurück; aus Angst, etwas falsch machen zu können, hatte er es liebevoll in einem Tuch aufbewahrt. Erbost herrscht der Fürst den Knecht an, warum er das Geld denn nicht zur Bank gegeben hätte. Als Strafe nimmt er dem vorsichtigen Knecht das eine Pfund und gibt es dem erfolgreichsten Geldanleger.

Leihe Mächtigen nichts! (Sprüche 22,7; Sirach 8,15)
Wer dem Rat des Jesus Sirach folgt, dürfte eigentlich keine Staatsanleihen kaufen. Denn ein Staat ist selbstverständlich mächtiger als ein einzelner Geldanleger. Auch mit seiner Prognose ist das weise Bibelbuch am Puls der Zeit: »Leihst du ihm aber etwas, so schreib es gleich ab.« Das Risiko ist groß, dass der Mächtige das Geld nicht zurückzahlt, sei es aus Willkür, sei es, weil er pleite ist. Dass es Griechenland so ergehen könnte, wusste der Apostel Paulus allerdings noch nicht, als in Athen »sein Geist ergrimmte«. (Apostelgeschichte 17,16) Und andersherum, sollte man sich von Mächtigen leihen? Tunlichst nicht, meint Salomo – denn »wer borgt, ist des Gläubigers Knecht«.

Uwe Birnstein

Zum Weiterlesen
Bauer, Dietrich: Geldgeschichten der Bibel, Deutsche Bibelgesellschaft, 168 S., ISBN 978-3-438-04806-6, 8,50 Euro

Großfarmer jubeln bereits

19. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Brasilien: Eine umstrittene Gesetzesnovelle soll die Schutzbestimmungen für den Regenwald lockern

Umstritten: Die Abstimmung im brasilianischen Senat über die Novelle des Waldgesetzes wurde von Protesten der ­Umweltschützer begleitet. Doch die Wirtschaftsinteressen setzen sich durch. Foto: picture-alliance/Pedro Ladeira

Umstritten: Die Abstimmung im brasilianischen Senat über die Novelle des Waldgesetzes wurde von Protesten der ­Umweltschützer begleitet. Doch die Wirtschaftsinteressen setzen sich durch. Foto: picture-alliance/Pedro Ladeira

Umweltschützer in Brasilien laufen Sturm. Denn eine Mehrheit im Parlament will den Schutz des Regenwaldes lockern. Und die Großfarmer jubeln schon.

Brasiliens neues, heftig umstrittenes Waldgesetz hat kurz vor Ende des vergangenen Jahres eine wichtige Hürde genommen: Der Senat verabschiedete seine umkämpfte Novelle. 59 der 67 anwesenden Vertreter des Oberhauses billigten die Reform, gegen die Brasiliens Umweltbewegung seit Monaten Sturm läuft. Sie befürchtet, dass die Zerstörung hochsensibler ökologischer Schutzgebiete im ganzen Land lega­lisiert wird.

Für die armen Urwaldbewohner und die Umwelt setzten sich hingegen zwei Senatoren der oppositionellen »Partei für Sozialismus und Freiheit« aus Amazonien ein. Sie stimmten mit Nein, »im Namen all jener, die bei der Verteidigung des Urwalds ihr Leben gelassen haben«, so die Senatoren. Die Novelle muss nun vom Parlament erneut bestätigt und dann von der Präsidentin Dilma Rousseff unterzeichnet werden.

Vor der Unterzeichnung des Gesetzes hätte die Präsidentin allerdings noch die Möglichkeit, ihr Veto gegen umstrittene Passagen einzulegen. Im Wahlkampf 2010 hatte sie öffentlich gelobt, keinem Gesetz zuzustimmen, das etwa eine Amnestie für Waldzerstörer enthält. Genau dies zeichnet sich jetzt ab: Die Novelle sieht unter anderem Straffreiheit für jene Landbesitzer vor, die vor Juli 2008 die ­gesetzlich vorgeschriebenen Schutzgebiete auf ihren Ländereien zerstört haben und sie nun wieder aufforsten. Alle, deren Landbesitz aber weniger als 440 Hektar umfasst, sollen von dieser Auflage befreit werden.

Um das Gesetz unter Dach und Fach zu bringen, hatte sich die Regierung mit Großfarmern bereits geeinigt. Senator Jorge Viana von Rousseffs Arbeiterpartei, ein früherer Mitstreiter der Umweltschützer Chico Mendes und Marina Silva, koordinierte jetzt die Senatsnovelle. »Wir ­beginnen eine neue Geschichte«, sagte Viana, dank des neuen Gesetzes würden in den kommenden 20 Jahren jeweils 20000 Quadratkilometer wieder aufgeforstet.

Das sehen Kritiker allerdings anders. Der Agrarökonom José Eli da Veiga sagt düster voraus, das neue ­Gesetz werde vor allem den »Billig­export von Naturressourcen aus Amazonien« in Form von Rindfleisch beflügeln. Damit widerspreche es den Zielen der brasilianischen Klimapolitik und den Bestrebungen, sagte da Veiga.

Auch die größte internationale ­Naturschutzorganisation, der World Wide Fund For Nature (WWF), reagiert entsetzt. Er befürchtet, dass die geplanten Lockerungen insgesamt zur Zerstörung von rund 76,5 Millionen Hektar Regenwald führen. Dies entspräche der Fläche von Deutschland, Österreich und Italien zusammen. »Der brasilianische Staat ist vor der Agrarlobby eingeknickt«, resümiert Eberhard Brandes, Vorstand von WWF-Deutschland.

Die Aufweichung des Waldgesetzes betrifft aber nicht nur den Regenwald im Amazonasgebiet. Im ganzen Land sollen Schutzgebiete an Flussufern zum Teil erheblich verringert und die landwirtschaftliche Nutzung an Berghängen und Kuppen ausgeweitet werden. Dabei kommt es schon jetzt bei heftigen Regenfällen in dicht besiedelten Gebieten regelmäßig zu großen Erdrutschen mit zahlreichen Todesopfern. Auch weil im kommenden Juni ein großer UN-Umweltgipfel »Rio+20« in Rio de Janeiro stattfindet, hoffen Umweltschützer nun auf das Veto der Präsidentin.

Gerhard Dilger, (epd)

86 Takte Friedensvision

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Einstudierung: Motette »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen«

Wer sich in einen Selbstversuch begibt, ist Überzeugungstäter. Auf Ludger Vollmer trifft dies zu. Der Vollblutmusiker und Christ gehört zu jenen 20 Komponisten, deren Werke sich im druckfrischen Luther-Chorbuch finden.

Der renommierte Künstler Ludger Vollmer probt mit dem Weimarer Madrigalchor. Fotos: Maik Schuck

Zum Auftakt des Themenjahres »Reformation und Musik« erschien zu Jahresbeginn das »Luther-Chorbuch«, eine Initiative verschie­dener Thüringer Musikverbände und ­Institutionen. Zeitgenössische Komponisten lieferten Beiträge zu Luther-Texten. Da die Werke für Laienchöre gedacht sind, studiert Ludger Vollmer seine Komposition mit dem Madrigalchor Weimar selbst ein und wird auch die Uraufführung im Rahmen des Festaktes am 18. Januar, um 19.30 Uhr, in der Erfurter Thomaskirche leiten. Derzeit laufen die Proben.

Mittwochabend, in einem Seminarraum der Bauhausuniversität Weimar: Die Tische sind übereinandergestellt, die Stühle zusammengesucht, das alte Klavier zurechtgerückt. Es wird eng, wenn alle der gut 40 Sängerinnen und Sänger da sind. Sie kommen sozusagen in alter Verbundenheit hierher, auch wenn optimale Probenbedingungen anders aussehen.

Bis 1992 gehörte der Madrigalchor zur Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar. Und er ist der jetzigen Universität als Verein dankbar, in diesem Raum kostenlos proben zu können. Inzwischen ist die Dominanz der Bauberufe im Chor gewichen, die Altersspanne reicht vom Studenten bis zum Senioren – der Chor ist ein Stück Leben nach dem Arbeitsalltag.

»Lasst uns mal einen Durchlauf wagen, dann hören wir gleich, wo noch Arbeit ist.« Ludger Vollmer steht aufmunternd vorm Chor. – Schon nach den ersten Takten wird klar: Eine zusätzliche Wochenendprobe ist unabdingbar. »Ihr Tenöre, hört doch mal auf den Sopran. Ensemble-Singen heißt, ein inneres Bewusstsein zu entwickeln, Töne weiterzureichen. Singt euch gegenseitig an, wenn’s hilft!« Es hilft, diese Hürde ist genommen. Die nächste liegt beim Bass. »Der Registerwechsel ist für euch schwer, ich weiß das.

Aber beim Komponieren ist das nun mal so.« Es klingt fast wie eine Entschuldigung, aber die hat Ludger Vollmer hier nicht mehr nötig. Schon nach der ersten Probe im Dezember vergangenen Jahres war die anfängliche Skepsis und Befangenheit des Chores in Leistungsbereitschaft gewechselt. Da steht einer vorn, dessen Intensität mitzureißen vermag und der ohne jede Attitüde überzeugen will.

Ludger Vollmer lebt in Weimar. Seit 1993 arbeitet er als freischaffender Komponist und Musiker. International renommierte Künstler führen seine Werke auf, das Oeuvre reicht von Opern, Filmmusiken bis zu Streichquartetten, in Europa, Australien, den USA und Fernost wird er als Komponist gefeiert. »Es ist nur ein kleines Stück, was wir hier machen, aber es steht viel dahinter.« Und zur Demonstration eilt Vollmer im Weimarer Seminarraum zur Wand, umreißt mit großer Gebärde die riesigen Tempelsteine in Jerusalem. »Die lassen sich nicht verrücken, das muss man hören, wenn ihr vom Berg singt, ›da des Herren Haus fest steht‹. Das ist keine Kammermusik, da muss ein Klang sein, dass die Thomaskirche wackelt!«

Musik und besonders jene, die mit einem frei gewählten Text verbunden ist, wird zu einem persönlichen Bekenntnis ihres Schöpfers. Ludger Vollmer hat seiner Motette »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen« das Bibelwort aus Jesaja 2, Verse 1 bis 4, in der Übersetzung von Martin Luther zugrunde gelegt. Der 1961 in Berlin-Köpenick Geborene studierte von 1984 bis 1990 Violine, Viola und Komposition in Leipzig.

Bei den friedlichen Demonstrationen war er dabei, sah die aufmarschierten Kampfgruppen im Herbst 1989. Das sei ein Grund, weshalb er diese Friedensprophezeiung gewählt habe. Der andere: die Eindrücke 2010 in Israel. Ein Arbeitsstipendium des Thüringer Kultusministeriums hatte ihm einen längeren Aufenthalt in Israel ermöglicht als Vorstudium für die Oper »Crusades«. Sie beschäftigt sich mit den Spätfolgen der Kreuzzüge. »Ich wollte wissen, warum es damals wie heute religiös motivierte Kriege gibt.«

Seine nächtlichen Erlebnisse in der Grabeskirche von Jerusalem, wo er den liturgischen Gesängen der armenischen Christen lauschte, fanden Eingang in die Motette, die eine Art musikalische Studie für sein Opernprojekt darstellt.

Der Komponist Ludger Vollmer.

Der Komponist Ludger Vollmer.

Ludger Vollmer ist Katholik. Für ihn ist Luther ein spirituelles Genie und ein Held, dessen emotionale ­Bindung an Gott ihn tief beeindruckt. »Ich möchte, dass Zuhörer wie Ausführende diese beiden Aspekte auch in meiner Komposition erspüren und emotional ergriffen werden. Für Luther war die Musik ein wichtiges Mittel, Gott zu preisen, und keines der Ablenkung. Das hat auch einen starken Widerhall in der katholischen Kirche gefunden.« Vollmer freut sich sehr, zum Luther-Chorbuch einen Beitrag leisten zu dürfen.

»Für uns ist das Projekt eine große Herausforderung und eine einzigartige Chance, ein zeitgenössisches Stück gemeinsam mit dem Komponisten zu erarbeiten. Die Kraft der Musik und des Textes und der Geschichten dahinter sind eine bereichernde Erfahrung und Motivation«, so Uta Tannhäuser vom Vorstand des Madrigalchores.

»Ich bedanke mich für die schweißtreibende Probe«, sagt Ludger Vollmer leicht erschöpft, aber mit fröhlichem Gesicht. Die Choristen räumen wieder ein, stellen Pappmodelle von Häusern und Städten zurück. Es geht auf halb elf zu. Sie haben fast eine Stunde länger als normal geprobt. Die Zeit verflog, die Begeisterung aber bleibt.

Uta Schäfer

Lang, Peter Helmut (Hg.): »…ich kann nicht anders«. 20 neue Kompositionen für gemischten Chor zum Themenjahr »Reformation und Musik« 2012, Strube Verlag, 127 S., ISBN 978-3-89912-158-2, Einzelpreis: 15 Euro, Staffelpreise möglich

Danke, dass mir Gott Kraft gegeben hat

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Betrachtung: Gedanken zur Jahreslosung 2012, die den Schwachen Stärke zuspricht

Stark sein ist in. Aber nicht jede und jeder hat die Kraft, die er oder sie sich wünscht. Manchmal entwickelt einer Kräfte, die ihm niemand ­zugetraut hätte. Und auch die scheinbar Schwächsten, können Stärke beweisen.

Foto: BilderBox.com

Foto: BilderBox.com

Schon immer habe ich die Starken besonders bewundert. Ach, diese Kräftigen mit ihrem breiten Rücken und den gespannten Muskeln! Schon als Kind war ich fasziniert von Männern, die große Gewichte stemmen und Lokomotiven ziehen konnten. Ich liebte Pippi Langstrumpf, die ein ausgewachsenes Pferd in die Höhe hob. Und natürlich habe ich sie beneidet. Das hätte ich auch gern geschafft!

Auf dem Rummelplatz stand ich immer lange bei der Hau–den–Lukas–Maschine. Nur die kräftigsten Männer schafften es, das Glöckchen oben bimmeln zu lassen. Mein Vater konnte das nicht. Auch der kluge Herr Doktor aus unserem Dorf hatte keine Chance. Aber der Willi mit seinem struppigen Vollbart – der bekam das spielend hin! Der Willi, der jeden Tag in den Wald ging, um Bäume zu fällen. Der holte nur einmal kurz aus – und schon krachte der Bolzen an das Glöckchen oben. Das war dann aber kein leises »Bim«, es war ein solcher Schlag, dass man um die Glocke fürchten musste. Willi durfte deshalb auch nur einmal zuschlagen. Der Besitzer hatte Angst um seine Maschine.

Aber da war noch ein Anderer.

Der hatte eine ebenso unglaubliche Stärke. Und das konnte ich eigentlich gar nicht glauben. Bei dem hätte ich das niemals erwartet.

Das war nämlich der Wolfgang. Der Wolfgang, den wir so gern gehänselt haben. Wie oft sind wir hinter ihm her­gelaufen und haben gerufen: »Wolfgang, Wolfgang, schaukel dich. Wolfgang, Wolfgang, brüll doch mal!« Die Kinder nannten ihn den »blöden Wolf«. »Der hat sie nicht alle«, sagten sie. »Bei dem ist nur Grütze im Kopf.« Und dann versuchten sie, ihn zu necken: »Wolfgang, sag doch mal ›Rotznase!‹« Und wenn sie Glück hatten, dann stammelte der arme Kerl: »Otzase« und lachte. Mein Onkel hatte mir verboten, mitzumachen. Aber ich habe es trotzdem getan. Auch ich habe gerufen: »Wolfgang, Wolfgang, schaukel dich!«

Dann beugte er nämlich seinen Oberkörper rhythmisch so weit nach beiden Seiten, dass es aussah wie bei einem Uhrpendel. Und alle haben ­gelacht. Ich auch.

Der Wolfgang lebte einfach so mit uns im Dorf. Er war halt dabei. Er schaukelte sich durch sein Leben.

Einmal im Jahr kam der Rummel. Dann war der Wolfgang nicht zu halten. Der Rummel – das war seine Welt: Die Karussells, die Schießbuden, die Gespensterbahn und vor allem: Die Hau–den–Lukas–Maschine. Also lief der Wolfgang im Sauseschritt die drei Kilometer in die Stadt. Keiner konnte ihn aufhalten. Niemand konnte ihn überholen.

Er sagte dann keine komischen Worte und schaukelte auch nicht. Er lief und lief bis er da war. Seine Mutter gab ihm immer genug Geld mit für zwei, drei Stunden. So hockte er dann mit einem seligen Gesicht auf dem Kettenkarussell und ließ die Beine baumeln. Er fuhr durch die Gespensterbahn und lachte die Geister aus. Er sagte »Wuckertatte« am Zuckerwattestand.

Und dann – ja dann ging er zur Hau–den–Lukas–Maschine. Aber der Besitzer sagte: »Na, mein Junge, das ist hier nichts für dich. Das schaffen nur die ganz Starken. Das musst du erst gar nicht versuchen.«

Ja, diese Worte weiß ich noch. Und beim ersten Mal war ich mir auch sicher, dass der Mann recht hatte. Wie sollte einer, den sie alle den »blöden Wolf« nannten, diesen Bolzen nach oben bekommen? Das schafften nur der Willi aus unserm Dorf und eine Handvoll Starke aus der Stadt. Die ­Maschine war mit Absicht so schwer eingestellt. Der Besitzer wollte seine Preise am liebsten behalten.

Und dann kam also der besondere Wolfgang aus meinem Dorf und alles grinste. So einer ohne Grips im Kopf – der kann das nicht. So einer, der ­dasteht wie ein Schaukelstuhl, der ­bekommt nicht mal den Hammer hoch. Nein, so ein Schwacher kann nicht stark sein. Das geht nun wirklich nicht.

Wolfgang bezahlte und hörte auf zu schaukeln. Er nahm den Hammer, der so schwer war, dass wir Kinder ihn nicht anheben konnten. Und dann ließ ihn der Wolfgang herabsausen. Plötzlich machte es »bing« da oben und noch mal »bing« und noch mal, bis der Besitzer rief: »He, Junge, du hast nur für zweimal bezahlt. Such dir deinen Preis aus!«

Aber da schritten die anderen ein. Das ließen sie nicht durchgehen. Denn man durfte so oft schlagen, wie es »bing« machte. Danach richtete sich die Größe des Preises. Und der Wolfgang hat es siebenmal geschafft. Siebenmal das Glöckchen klingen ­lassen! Und deshalb bekam er den Hauptpreis. Er konnte wählen zwischen einem Riesenteddy, einer Stoppuhr und einem Baukasten. Jedes Mal nahm er den Teddy, der ihm von den Füßen bis zum Bauch reichte. Und damit lief er ganz stolz über den ganzen Rummel.

Man sah den Wolfgang auf dem Kettenkarussell sitzen. Er hielt den Teddy auf dem Schoß. Wenn der Besitzer gnädig war, saß der Teddy sogar in einem extra Sitz neben Wolfgang. Und die Jungs aus meiner Schule lachten nicht mehr. Das ging ja nicht. Sie staunten noch. Sicher, das hat nicht lange angehalten. Irgendwann ging es mit dem Necken wieder los. Aber jetzt war auch Bewunderung dabei. Und Neid. Natürlich wollte keiner so komisch werden wie der Wolfgang. Aber so stark schon.

Ich ­natürlich auch. Klar. Einmal zur Hau–den–Lukas–Maschine gehen und siebenmal hintereinander das Glöckchen bimmeln lassen! Ein Lebenstraum für den kleinen Jungen, der nicht so richtig groß geworden ist. Geschafft habe ich es nie.

Ob mich das traurig macht? Ja

und nein. Ich hätte diese Kraft ganz gern. Daran hat sich nichts geändert. Natürlich kann ich jetzt besser mit diesem Wunsch umgehen. Aber es wurmt mich trotzdem. Denn der Traum ist geblieben, dass in mir schwachem Kerl einmal diese Kraft mächtig wäre. Ist sie nicht und wird sie wohl auch nie.

Aber vielleicht habe ich eine andere Kraft. Vielleicht liegt sie in meiner Fantasie. Oder darin, dass ich Menschen wie den Wolfgang mag. Dass ich sie lieb habe und niemals wieder etwas Gemeines hinter ihnen her rufen würde. Und dass ich versuche, meinen Konfirmanden die Achtung vor dem Wolfgang zu lehren. Vielleicht ist das meine Stärke, dass ich wahrnehme, welche göttliche Kraft in diesen Schwachen mächtig ist? Ja, das könnte sein. Ich denke, dass wir alle eine Stärke in uns haben. Jeder seine eigene, besondere. Vielleicht sogar dort, wo wir schwach sind.

Denn Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Dass wir uns manchmal nach ganz anderen Kräften sehnen, das bleibt trotzdem. Ich komme zum Beispiel immer noch schlecht an einer »Hau–den–Lukas–Maschine« vorbei. Aber wenn ich dann den Wolfgang wieder vor mir sehe, denke ich: Es ist gut, dass du das kannst, du kleiner Schaukelkönig meiner Kindheit. Dass gerade dir diese Kraft gegeben ist.

»Ach, Wolfgang, kannst du noch mal den Bolzen nach oben jagen? Kannst du noch mal das Glöckchen klingen lassen? Wenigstens in der Erinnerung. Na komm, bitte!« Und dann passiert es tatsächlich. In meinem Kopf. In meinem Erinnern. Ich sehe ihn, höre das »bing« und bin glücklich. Und danke Gott, dass er mir diese Kraft gegeben hat: Die Kraft der Fantasie und der Erinnerung. Was für eine kostbare Gabe!

»Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.«

Thomas Perlick
Der Autor ist Pfarrer im südwestthüringischen Römhild.

Die neue Super-Kirche im Norden

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Strukturwandel: Die Kirchenparlamentarier aus Mecklenburg, Pommern und Nordelbien stimmten der Fusion zu

Erst gab es stehenden Applaus, dann ein lautes »Großer Gott, wir loben dich!«: Am vergangenen Sonnabend wurde die letzte Hürde zur Fusion der Kirchen im Norden genommen.

Spontan stimmte ein Mitglied der »Verfassunggebenden Synode« der neuen Nordkirche den alten Choral an, als Präses Heiner Möhring im großen Tagungssaal der Yachthafenresidenz in Warnemünde-Hohe Düne die Ergebnisse der endgültigen und finalen Abstimmung über die Bildung der gemeinsamen Landeskirche in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern verkündet hatte:

Von den 255 anwesenden Synodalen stimmten 227 in dritter Lesung für die Verfassung der neuen Kirche. 22 votierten dagegen, sechs enthielten sich. »Nun sind wir diesen Schritt gegangen, haben diesen Schritt geschafft, Gott sei Dank!«, sagte der Vorsitzende der gemeinsamen Kirchenleitung, Schleswigs Bischof Gerhard Ulrich, in einer ersten Reaktion.

Damit wird es zum Pfingstfest 2012 nur noch eine einzige evangelische Landeskirche in Norddeutschland mit 2,3 Millionen Gemeindegliedern zwischen Usedom und Helgoland geben. Die 478 Jahre alte Pommersche Evangelische Kirche, die 465 Jahre alte Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs und die 35 Jahre alte Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche sind dann Geschichte.

Mit einem vom Fernsehen übertragenen Festgottesdienst im Ratzeburger Dom soll dann die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland gegründet werden. »Wer etwas Neues anfangen will, muss altes loslassen«, sagte Ulrich. Die neue Nordkirche sei eine historische Zäsur, die »von Bedeutung für die Entwicklung des Protestantismus in unserem Land und für das Zusammenwachsen zwischen Ost und West« sei, so der Bischof.

Erstmals »Barmer Erklärung« als offizielle Grundlage
 
Offiziell verhandelt wurde über den Zusammenschluss bereits seit 2007. Damals war klar: Alleine würden die damals noch 200000 beziehungsweise 100000 Gemeindeglieder zählenden Kirchen in Mecklenburg und Vorpommern langfristig nicht überleben können. Schon die demografische Entwicklung im Nordosten sprach gegen eine fortgesetzte Selbstständigkeit. Doch Versuche, lediglich die mecklenburgische und die pommersche Kirche zu fusionieren, scheiterten an der Mentalität vor Ort. Mit dem direkten Nachbarn ging es nicht. Die ganz große Lösung musste her.

Dazu mussten zahlreiche Probleme aus dem Weg geräumt werden: Kirchenleitungen, Verhandlungskommissionen und Synoden haben sich darauf geeinigt, dass es künftig einen Landesbischof mit Sitz in Schwerin und drei Sprengelbischöfe mit Sitz in Schleswig, Greifswald und Hamburg geben wird. Das in den beteiligten Kirchen noch unterschiedlich geregelte Arbeitsrecht – in Nordelbien gibt es einen Tarifvertrag, in den Kirchen Mecklenburg-Vorpommerns den in den meisten anderen Landeskirchen üblichen »Dritten Weg« – soll erst in sechs Jahren vereinheitlicht werden.

<Und auch in der Theologie ist die neue Kirche eine Besonderheit: »Die neue Nordkirche nimmt in ihrer Präambel ausdrücklich Bezug auf die ›Barmer Theologische Erklärung‹ von 1938«, sagt Bischof Ulrich. Damit ist sie die erste lutherische Kirche weltweit, die dieses Grundlagendokument der Bekennenden Kirche in ihrer Verfassung als theologische Grundlage anerkennt.

Doch selbst auf der finalen Synode in Warnemünde konnten nicht alle zustimmen: Die Gebrüder Mahlburg – der eine pommerscher, der andere mecklenburgischer Synodaler – und der mecklenburgische Synodale Lutz Decker machten ihre Ablehnung offen deutlich. Sie hätten sich eine langsamere Fusion gewünscht. »Natürlich bin ich auch ein kleines bisschen traurig«, sagte Decker hinterher. Doch auch er wolle sich nun auf den Weg in die Nordkirche machen und die gemeinsame Kirche kritisch begleiten.

Eine Gelegenheit dazu fand sich schnell. Denn in Warnemünde erlebte die neue Nordkirche auch ihre erste Krise. Die Überleitung der vier Bischöfe (zwei in Nordelbien sowie je einer aus Pommern und Mecklenburg) in die neue Kirche, eigentlich nur eine Formalie, scheiterte im ersten Anlauf. Die erforderliche Zweidrittelmehrheit war verfehlt. Schuld daran war nach Ansicht vieler Synodaler die Debatte um die Amtszeitverlängerung des pommerschen Bischofs Hans-Jürgen Abromeit.

Bis zuletzt noch Streit um die Bischöfe
 
Denn Abromeit ist nur bis 2013 als Bischof gewählt. Und eine »geistliche Vertrauensfrage«, die der Bischof im November vor der Landessynode in Züssow stellte, machte deutlich, dass ein gutes Drittel seiner Landessynode nicht hinter ihm steht. Trotzdem entschied sich der Bischofswahlausschuss der pommerschen Kirche, ihn bis 2018 zu verlängern. Seine Gegner beantragten daraufhin eine pommersche Sondersynode, die in Warnemünde bis tief in die Nacht tagte.

Ein mit den Worten »Die Synode steht zu ihrem Bischof« beginnender Beschluss, der der Verlängerung zustimmte, fand dann zwar wiederum die Zustimmung von zwei Dritteln der Synode. Immerhin ein Drittel stimmte weiterhin dagegen oder enthielt sich. Nun musste auch die gemeinsame Nordkirchensynode eine Nachtsitzung einlegen – im zweiten Anlauf einigten sich die Kirchenparlamentarier dann doch noch darauf, alle ihre Bischöfe mit in die Nordkirche zu nehmen. »Es wäre ein Desaster geworden, wenn wir die Debatte nicht in dieser Form aufgearbeitet hätten«, sagte die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs.

So herrschte am Ende auch in Warnemünde wieder eitel Sonnenschein. Mit einem lautstark gesungenen »Vertraut den neuen Wegen« des Jenaer Theologieprofessors Klaus-Peter Hertzsch gingen die Synodalen auseinander – um sich zum Pfingstfest zur Kirchengründung in Ratzeburg wieder zu treffen. Für alle sichtbar wird die neue Kirche spätestens 2013: Der dann in Hamburg stattfindende Deutsche Evangelische Kirchentag wird von der gesamten Nordkirche gemeinsam vorbereitet.

In Bewegung ist die Kirchenlandschaft bereits seit 2009. Damals kam der Zusammenschluss der Thüringer Kirche und der Kirchenprovinz Sachsen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland mit rund 900000 Mitgliedern zustande. Eine erste Neugliederung der östlichen Kirchen lag damals schon fünf Jahre zurück. Zum 1. Januar 2004 hatten sich die Berlin-Brandenburgische Kirche und die Kirche der schlesischen Oberlausitz zur Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz mit derzeit rund 1,1 Millionen Mitgliedern zusammengeschlossen.

Benjamin Lassiwe
 
www.kirche-im-norden.de

Zum politischen Handeln ermutigen

12. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Naher Osten: Der Fernsehsender »SAT 7« trägt die Botschaft von Christus in die arabisch sprechende Welt

Die Satellitentechnik macht es möglich, dass christliches Fernsehen überall im Nahen Osten und in Nordafrika zu empfangen ist. »SAT 7« heißt der Sender, der derzeit vor ganz neuen Aufgaben steht.

Die elektronischen Augen gen Himmel gerichtet: Blick auf die Wohnhäuser auf der Nil-Insel Zamalek in Kairo mit ihrem Wald von Satellitenschüsseln. Foto:picture alliance/ZB/Matthias Tödt

Die elektronischen Augen gen Himmel gerichtet: Blick auf die Wohnhäuser auf der Nil-Insel Zamalek in Kairo mit ihrem Wald von Satellitenschüsseln. Foto:picture alliance/ZB/Matthias Tödt

Weißer Schnee, geschmückte Tannenbäume und blonde Kinder, die die Weihnachtsgeschichte erleben: Was in den vergangenen Wochen über die Bildschirme in den Wohnstuben des Nahen Ostens flimmerte, hat auf den ersten Blick mit den Ländern des Vorderen Orients nicht viel zu tun. Es war ein TV-Adventskalender aus Norwegen, den das christliche Fernsehprogramm »SAT 7« eingekauft und übersetzt hat.

»Natürlich mussten wir im Vorspann erklären, was Schnee ist«, lacht Kurt Johansen. Der Däne ist Europa-Referent des Fernsehsenders, der 1995 von dem Briten Terence Ascott gegründet wurde, und mittlerweile aus Studios in Kairo, Beirut und Zypern auf vier Kanälen christliche Fernsehprogramme in arabischer, ­türkischer und persischer Sprache sendet.

Zwischen acht und zehn Millionen Menschen zwischen Marokko und dem Iran schalten die Sendungen regelmäßig ein. Eingekaufte Sendungen wie der norwegische Adventskalender sind dabei die Ausnahme. Immerhin 70 Prozent der Programme werden in enger Zusammenarbeit mit einheimischen Kirchen vor Ort produziert, etwa gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land. Deren palästinensischer Bischof Munib Younan, der auch Präsident des Lutherischen Weltbundes ist, gehört ebenso zum Vorstand des Senders wie der in Bethlehem ansässige Pfarrer Mitri Raheb.

Wobei sich durch die arabische ­Revolution auch für »SAT 7« viel geändert hat. »Nichts ist mehr, wie es war«, sagt Kurt Johansen. Die Christen im Nahen Osten seien einerseits in Ländern wie Ägypten stark unter Druck geraten, andererseits habe »SAT 7« zum ersten Mal überhaupt einen Fernsehgottesdienst aus Algerien übertragen. Bislang hätten sich christliche Gemeinden in dem nordafrikanischen Land aus Angst vor Verfolgung geweigert, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Und während der Sender früher jeden Bezug zur Politik krampfhaft zu vermeiden suchte, bemühe sich »SAT 7« nun, die Christen der ­Region zum politischen Engagement und mit speziell produzierten Videoclips zum Verbleib in ihren Heimatländern zu motivieren. Denn allein im vergangenen Jahr hätten rund 100000 Christen aus dem Nahen Osten ihre Heimatregion verlassen.

Auch verstärke »SAT 7« Johansen zufolge den Anteil der Live-Sendungen: Ein Programm mit dem Titel »Licht und Salz« stelle demnach aktuelle politische Ereignisse aus Sicht der arabischen Kirchen dar. »Früher hatten die Christen der Region entweder keine Möglichkeit, zur Wahl zu gehen oder sie sind zu Hause geblieben«, so Johansen. Durch politisches Engagement könnten jedoch die Lebensverhältnisse in den arabischen Ländern auch für Christen besser werden.

»Wir reden heute deutlich offener über die Situation der Christen im ­Nahen Osten als früher«, bekennt der Europa-Referent. Dabei sei es »SAT 7« wichtig, keinen Hass gegen die Regierungen zu erzeugen, sondern auch mit Muslimen im Dialog zu bleiben. »Wir ergreifen keine Partei, wir vermitteln«, so Johansen.

Finanziert werden die Programme von »SAT 7« überwiegend durch Spenden aus Europa und Nordamerika. Rund eine Million Euro pro Jahr kommen allein aus Skandinavien, wo nicht nur die Kirchen, sondern auch die Regierungen »SAT 7« unterstützen. Denn manche Programme des Senders, etwa Sendungen über Gesundheitsvorsorge oder ein Alphabetisierungskurs für Erwachsene, werden etwa von der norwegischen Regierung als Entwicklungshilfe gefördert.

In Deutschland wird das Fernsehprogramm dagegen bisher nur von Kirchen und kirchlichen Werken ­unterstützt. Zu den Förderern zählen etwa die Landeskirchen Bayerns und Württembergs, die Evangelisch-methodistische Kirche, das Nordelbische Missionszentrum und verschiedene andere landeskirchliche Missionswerke.

Benjamin Lassiwe

www.sat7.org (nur in Englisch)

Wenn Musik predigt

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Friedrich Hänssler, der im März 85 Jahre alt wird, leitete als Theologe und Musikwissenschaftler jahrzehntelang den vom Vater übernommenen Verlag und machte ihn zu einem der führenden christlichen Verlagshäuser in Deutschland. Foto: privat

Friedrich Hänssler, der im März 85 Jahre alt wird, leitete als Theologe und Musikwissenschaftler jahrzehntelang den vom Vater übernommenen Verlag und machte ihn zu einem der führenden christlichen Verlagshäuser in Deutschland. Foto: privat


 
Interview: Friedrich Hänssler und sein Verlag stehen bis heute vor allem für exquisite geistliche Musik

Unter den Verlegern christlicher Musik war er einer der bedeutendsten: Friedrich Hänssler, langjähriger Inhaber des gleichnamigen, heute zur Stiftung Christliche Medien gehörenden Verlags. Zusammen mit dem Dirigenten Helmuth Rilling brachte er eine Ausgabe sämtlicher Bachwerke auf CD auf den Markt. Zum Jahr der Kirchenmusik hat Benjamin Lassiwe mit ihm gesprochen.

Herr Hänssler, welche Musik hören Sie privat am Liebsten?
Hänssler: Im Laufe der Zeit hat sich natürlich mein recht breit angelegter Musikgeschmack immer wieder einmal gewandelt. Aber am Liebsten höre und beschäftige ich mich mit Johann Sebastian Bach. Das war dann auch der Grund für die Gesamtausgabe seiner Werke auf 172 CDs, die wir mit Helmuth Rilling aufgenommen haben. Meine erste selbst gekaufte Schallplatte war allerdings die »Psalmensymphonie« von Igor Strawinsky.

Was fasziniert Sie so an Johann Sebastian Bach?
Hänssler: Eigentlich alles: seine Kompositionsweise, die kunstvolle Durchführung der musikalischen Themen in seinen Instrumentalwerken, der wunderschöne Klang seiner Musikstücke. Aber vor allem erkenne ich in seinem geistlichen Werk eine ganz starke Bindung an die Bibel: Bach lebte mit seiner Lutherbibel, das sieht jeder, der das Glück hatte, sich einmal seine in den USA wieder aufgefundene Bibel ansehen zu dürfen. Sie ist voller Unterstreichungen und persönlicher Bemerkungen. Und nicht umsonst hat ja auch der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom Bach als den fünften Evangelisten bezeichnet. Denn Bach hat mit seiner Musik gepredigt: Vor allem seine Kantaten legen durch Text, Wort und Musik das Sonntagsevangelium oder die Epistel nicht weniger aus als es der Prediger tut.

Warum war und ist Johann Sebastian Bach so erfolgreich?
Hänssler: Ehrlicherweise muss man sagen, dass Bach zu Lebzeiten nicht sonderlich erfolgreich war. Er war ein brillanter Orgelspieler und ein gefürchteter Prüfer neu errichteter Orgeln. Aber seine Genialität als Komponist wurde erst viel später erkannt. Von seinen rund 200 erhaltenen Kantaten wurde nur eine einzige zu seinen Lebzeiten gedruckt. Und von seinem »Musikalischen Opfer«, das er dem preußischen König Friedrich II. in Berlin gewidmet hatte, wurden bis 1756, also bis sechs Jahre nach seinem Tod, nur 30 Exemplare verkauft.

Heute gilt er als Genie. Was geschieht mit Ihnen, wenn Sie Bach hören?
Hänssler: Die Musik Bachs spricht mich ganz persönlich an. Sie strahlt eine unwahrscheinliche Ruhe aus, etwas wirklich friedvolles, und das auch in ihren schnellsten Passagen. Und umgekehrt ist es etwas so Konstruiertes, etwas so planvoll Komponiertes, dass selbst moderne Jazzmusiker heute am Beispiel von Bach studieren, wie man komponiert.

Umgekehrt sind viele geistliche Choräle aus alten Zeiten heute vergessen …
Hänssler: Es ist nichts so beständig, wie die Veränderung. Das gilt auch für geistliche Lieder. Bei der unerbittlichen Sichtung, die die Zeit über die Jahrhunderte hinweg vornimmt, bleibt eben nur beste Qualität übrig. Wahrscheinlich liegt es aber auch ­daran, dass die Choräle eines Paul Gerhardt und eines Philipp Nicolai und anderer durch schwere Lebenssituationen zu echten Glaubenszeugnissen geworden und bis heute auch geblieben sind.

Ihr Verlag hat stets auch moderne Kirchenlieder herausgebracht. Was ist denn nun besser? Ein Dieter Trautwein von heute oder ein Paul Gerhardt von damals?
Hänssler: Ich würde das nicht vergleichen wollen. Singen geistlicher Musik ist nicht nur Lob, Bekenntnis und Verkündigung, sondern auch Antwort auf das verkündigte Wort. Und diese Antwort wird von jeder neuen Generation neu formuliert. Das führt oft zu einer persönlicheren Identifikation mit den Texten.

Jahrhundertelang hat es in allen Kirchen ähnliche Lieder gegeben – warum geht es heute so stark auseinander? Warum singen die einen Kirchentagslieder von Fritz Baltruweit und die anderen Lobpreissongs?
Hänssler: Das ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Ich will jetzt nicht den Begriff der Parallelgesellschaften verwenden, aber vielleicht liegt es daran, dass sich die Kirchen stärker auseinanderentwickelt haben. In den Landeskirchen waren die Kirchentage wichtige Ereignisse für die Kirchenmusik. Ihr Liedgut ist in die Gemeinden eingezogen. Die Freikirchen und ähnliche Gruppierungen hingegen waren eher kirchentagsabstinent. Sie waren mehr mit den USA verbunden, und haben von dort viele Impulse übernommen: im Musikstil wie in den Texten.

Was sind denn die Herausforderungen für die Kirchenmusik im Jahr der Kirchenmusik?
Hänssler: Die Aufgabe der Kirchenmusik ist schwerer geworden – denn überall ertönt der Ruf, dass die Gottesdienste verlebendigt werden sollen. Dabei steht so vieles im Angebot, vom ganz banalen, wohl nur gut gemeinten, manchmal mit großer Einbildung vorgetragenen, aber nicht guten, bis zur Exklusivität mancher Superspezialisten, die nur Kunstverständnis zelebrieren. Meiner Ansicht nach ist die Aufgabe der Kirchenmusik, die Kriterien, die das Neue Testament uns vorgegeben hat, wieder neu zu beachten: hin zur Gemeinde, hin zu Gott und hin zum Nächsten. Martin Luther gibt uns da eine Leitlinie, wie das zu geschehen hat: »Es muss beides, Text und Noten, Accent, Weise und Gebärde aus rechter Muttersprache und Stimme kommen.«

Und was wünscht sich der Musikverleger im Jahr der Kirchenmusik?
Hänssler: Wünschen würde ich mir zunächst einmal, dass generell wieder viel mehr gesungen wird. Im Gottesdienst, in der Familie, auch in der Schule. Die ständige Berieselung mit Musikkonserven ist für das Singen keinesfalls förderlich. Ich sehe einen gewissen Niedergang bei Jugendchören, einen steigenden Altersdurchschnitt bei Laienchören, auch bei Kirchenchören.

Nur bei der Gospelmusik gibt es ein großes Wachstum – sie entspricht den Lebensäußerungen mancher Menschen heute vielleicht mehr. Entscheidend scheint mir, dass zeitgenössische Dichter und Komponisten und Ausführende Formen finden, bei denen sie vom Bibelwort erfüllt sind, dass sie dessen Bote sein möchten – ein Bote, der nicht nur eine Order überbringt, sondern sich persönlich damit identifiziert.

Mit Judenstern und KZ-Jacken

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Israel: Der Konflikt zwischen ultraorthodoxen und liberalen Israelis nimmt groteske Formen an

Mit dem nationalsozialistischen Judenstern an der Brust demonstrieren ultraorthodoxe Juden in Jerusalem. Sie fühlen sich verfolgt, weil die Mehrheitsgesellschaft ihre Forderungen etwa nach Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit nicht akzeptiert. Foto: picture alliance/epa/Jim Hollander

Mit dem nationalsozialistischen Judenstern an der Brust demonstrieren ultraorthodoxe Juden in Jerusalem. Sie fühlen sich verfolgt, weil die Mehrheitsgesellschaft ihre Forderungen etwa nach Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit nicht akzeptiert. Foto: picture alliance/epa/Jim Hollander


Schon lange schwelt in der israelischen Gesellschaft der Konflikt zwischen den Vertretern des ultraorthodoxen Judentums und den Vorstellungen vieler Israelis von einer liberalen Gesellschaft. Derzeit eskaliert er.

Der Streit zwischen den radikal religiösen und weltlichen Israelis nimmt immer groteskere Züge an. In schwarz-weiß gestreiften KZ-Anzügen und mit dem gelben Judenstern am Revers und erhobenen Händen zogen einige von insgesamt rund 1000 ultraorthodoxen Männern und Kindern am vergangenen Wochenende in Jerusalem auf die Straße – gegen die »Verdrängung der Charedim«, wie sie sich nennen.

In Nazideutschland habe man die Juden physisch verfolgt, in Israel gehe es um die ideologische Verfolgung der Ultraorthodoxen, rechtfertigten einige Demonstranten den Missbrauch der Symbole. Auslöser für den eskalierenden Konflikt war eine Reihe von Übergriffen radikaler frommer Juden gegen Mädchen und Frauen. Auf ihren Druck hin wurden Frauen etwa aufgefordert, im Bus separate hintere Plätze einzunehmen.

Dürfen Frauen auch vorn im Bus sitzen?
Am 27. Dezember hatten sich zum ersten Mal einige Tausend weltliche Israelis versammelt, um gegen die von den Ultraorthodoxen ­vorangetriebene Verdrängung der Frauen aus dem öffentlichen Leben zu demonstrieren. Beide Lager haben dabei ihre Helden. Der Protest am vergangenen Sonnabendabend galt der Solidarität mit dem ultraorthodoxen Rabbi Schmuel Weisfisch, der am 1. Januar eine zweijährige Gefängnishaft antreten musste, weil er einen Computerladen verwüstete. Sein gläubiger Mitstreiter Schlomo Fuchs steht seit einigen Tagen unter Hausarrest, nachdem er die Soldatin Doron Matalon eine »Hure« schimpfte, weil sie sich weigerte, seiner Aufforderung nachzukommen und in den hinteren Teil des Busses umzuziehen. Dutzende Bewunderer begleiteten ihn vor Gericht.

Umgekehrt gehört für die Liberalen Tanja Rosenblit zu den Heldinnen, die dem massiven Druck frommer Männer standhielten und sich nicht von ihren Plätzen vertreiben ließen. Genauso wie die achtjährige Schülerin Naama Margolese, die von mehreren erwachsenen Männern beschimpft und sogar angespuckt worden war, weil sie ihren Vorstellungen von keuscher Bekleidung nicht entsprach. Der Übergriff auf das zierliche Kind löste die ersten großen weltlichen Proteste aus. Auch orthodoxe Juden und sogar einige Charedim waren unter den Demonstranten, ihnen waren die Radikalen zu weit gegangen.

Liberale Juden warnen vor der »Verschwarzung«
»Mit den frauenfeindlichen Übergriffen haben sie eine rote Linie überschritten«, erklärt Ram Vromen, Mitgründer des »Forums zum Schutz des weltlichen Charakters in den Nachbarschaften landesweit«, der erklärtermaßen gegen die »Verschwarzung« israelischer Ortschaften und Städte kämpft. Vromen warnt schon lange auf einer Internetseite, bei Diskussionsveranstaltungen und Demonstrationen vor dem schleichenden und steten Vormarsch der Frommen. »Gut, dass die Liberalen endlich aus ihrem Phlegmatismus aufgewacht sind.«

Obschon seine Gruppe nur von Weltlichen gegründet wurde, spricht für Vromen nichts gegen eine Zusammenarbeit mit Religiösen. »Für uns spielt es keine Rolle, ob jemand eine Kipa auf dem Kopf trägt«, sagt er. »Wichtig ist, ob er einen religiös­fundamentalistischen Staat will oder einen liberalen.« Die Tatsache, dass in einem Land, das schon vor über 40 Jahren von einer Frau regiert wurde, heute Frauen um die vorderen Sitzplätze in öffentlichen Verkehrsmitteln kämpfen müssen, scheint paradox. Schuld daran sind vor allem demografische Veränderungen seit den Tagen Golda Meirs. Jeder vierte Schulanfänger stammt heute aus dem ultraorthodoxen Sektor.

Zunehmende Radikalisierung der Ultraorthodoxen
»Die Charedim glauben, dass sie über größere politische Macht verfügen«, sagt Vromen. »Sie erleben in letzter Zeit eine Radikalisierung.« Nirgends werden die Gegensätze deutlicher als in der Knesset (Parlament). Die Oppositionsführerin ist eine Frau und die Führung der Arbeitspartei liegt ebenso in den Händen einer Frau. Dennoch gibt es Parteien, in denen Frauen gar nicht erst zugelassen werden. Die beiden Koalitionsparteien Schass und Agudat Israel etwa sind frauenfreie Organisationen.

Schon signalisieren Meinungsumfragen den jüngsten Demonstrationen folgend einen Popularitätsschub für die Politikerinnen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu unternimmt derweil eine Gratwanderung. Einerseits spricht er sich für Gleichberechtigung aus, zum anderen will er seine ultra­orthodoxen Regierungspartner nicht verprellen. Die Rabbiner in Israel, die für eine Abkühlung der erhitzten Gemüter sorgen könnten, bleiben bisher stumm.

In Deutschland äußert sich derweil der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, kritisch zur jüngsten Instrumentalisierung des Nationalsozialistischen Völkermordes durch die Ultraorthodoxen. »Die Bilder haben mich schockiert«, so Graumann gegenüber dem »Kölner Stadt-Anzeiger«. Er schäme sich dafür, dass ausgerechnet Juden ein »Zerrbild des Holocaust« lieferten. Das sei »geschichtslos und geschmacklos«.

Susanne Knaul (epd)

Schöpfung ohne Schöpfer?

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Glaube und Naturwissenschaft: Eine theologische Beleuchtung gegenwärtiger naturwissenschaftlicher Spekulationen

»Kosmischer Christus«: Christus als Schöpfer und Architekt des Universums in einer gotischen Miniaturmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Repro: akg-images

»Kosmischer Christus«: Christus als Schöpfer und Architekt des Universums in einer gotischen Miniaturmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Repro: akg-images

Sollte das christliche Credo am Ende sein? Wenn es nach dem derzeit wohl bekanntesten Physiker der Welt, dem britischen Cambridge-Professor Stephen Hawking ginge, entstand das Universum von allein.

In seinem Buch »Der große Entwurf. Eine neue Erklärung des Universums« (2010) scheuten sich der Astrophysiker Steven Hawking aus Cambridge, seines Zeichens Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, und der US-amerikanische Co-Autor Leonard Mlodinow in keiner Weise, Gott den Schöpfer als unnötig auszugeben.

1988 hatte Hawking noch in seinem Bestseller »Eine kurze Geschichte der Zeit« auf das Finden der »Weltformel« spekuliert mit den Worten: »… dann würden wir Gottes Plan kennen.« Jetzt aber streitet er den Gedanken an einen göttlichen Plan oder Schöpfer vollends als überflüssig ab: Es sei »nicht nötig, einen Gott heraufzubeschwören, der das blaue Zündpapier in Brand und das Universum in Gang setzt.«

Dabei tun er und sein Kollege so, als sei nun eine neue Erklärung des Weltalls auf den Tisch gekommen. Tatsächlich ist jedoch der Gedanke einer Selbstsetzung des Kosmos’ in der modernen Naturwissenschaft sogar schon älter als Hawkings Buch von 1988. Bereits 1973 trat der US-amerikanische Physikprofessor Edward Tryon mit der These hervor, das All sei aus dem Vakuum des leeren Raumes per Quantenfluktuation hervorgegangen. Rund ein Jahrzehnt später publizierte dessen Oxforder Kollege Peter W. Atkins ein Buch unter dem Titel »Schöpfung ohne Schöpfer. Was war vor dem Urknall?«.

Die damals mehr als heute provozierende These lautete, dass die Raumzeit im Zuge ihres selbsttätigen Aufbaus ihren eigenen Staub erzeuge: »Das Universum kann aus nichts entstehen. Ohne Eingriff. Durch Zufall.«

Auch wenn der Naturwissenschaftler sich mit solchen Formulierungen mindestens ansatzweise auf geisteswissenschaftliches Gebiet begab, sah es doch so aus, als habe er nicht anders gekonnt und als sei es Angelegenheit der Geisteswissenschaften, die Konsequenzen aus dem naturwissenschaftlichen Befund zu ziehen. Dabei lässt sich Atkins schon im Blick auf seine eigene Argumentation kritisieren. Zur Durchführung seiner Annahme einer Weltentstehung aus dem Nichts braucht er immerhin »zwei Zutaten« – eigentlich sogar drei. Die dritte, von ihm gar nicht ausdrücklich aufgezählte, war nämlich die These, dass die Naturwissenschaft verlässlich über den Urknall hinaus spekulieren könne.

Wer allerdings – wie einst Atkins und heute Hawking – den »Big Bang« vor 13,7 Milliarden Jahren als nur einen besonders drastischen von vielen Phasenübergängen im Universum deuten will, geht von nicht wirklich bewiesenen ­Voraussetzungen aus. Einstweilen muss es offenbleiben, ob sich das Weltall zyklisch ausdehnt und wieder zusammenzieht, wie das analog vor allem die indische Religiosität und von ihr abgeleitete esoterische Weltanschauungen annehmen oder ob von einem singulären Urknall auszugehen ist, von dem ab es sich in dauernder Ausdehnung befindet.

Die gewagten ­naturwissenschaftlichen Spekulationen über eine Zeit noch »vor« dem Urknall entsprechen den mathematisch gestützten Überlegungen und Fantasien über weitere Universen, also ein »Multiversum«. Der Oxforder Mathematikprofessor und Wissenschaftsphilosoph John Lennox hält gegenüber Hawking fest: »Die Theorie vom Multiversum ist allerdings unter Wissenschaftlern sehr umstritten.«

Wenn naturwissenschaftliche Spekulationen in durchaus »meta-physisch« anmutender Manier »hinter« den Urknall zurückzudenken versuchen, drängt sich ihnen in der Regel folgendes Bild auf: Aus dem untersten denkbaren Kältegrad heraus bildeten sich immer wieder einmal scherbenartig erste Wirklichkeitspunkte.

So lehrte es schon Atkins, der hierfür ­allerdings »zwei Zutaten« benennt, die er benötigt, um ein derartiges Zustandekommen des Urknalls zu erklären: ­»Erstens brauchen wir die Punkte, die sich zu den Zeit und Raum bestimmenden Mustern zusammenfinden. Zweitens brauchen wir die Punkte, die von der Zeitstruktur in ihre Gegensätze zerlegt werden. Die Zeit verleiht den Punkten Leben; die Punkte verleihen der Zeit Leben. Die Zeit brachte die Punkte in die Welt, und die Punkte brachten die Zeit in die Welt. Das ist der kosmische Reißverschluss, der unser Universum zusammenhält.«

Bereits die Formulierung dieser Sätze zeigt, dass hier mehr spekuliert als bewiesen wird. Atkins vermag nicht plausibel darzulegen, wodurch das Entstehen anfänglicher Punkte und damit auch der Zeit aus dem Gar-Nichts bedingt gewesen sein soll – denn ein Werden aus dem »Fast-Nichts« erklärt in der entscheidenden Hinsicht auch fast nichts. Deshalb schlägt der italienische Physikprofessor Maurizio Gasperini, der wie Atkins von einem langen Werden des Alls schon vor dem Urknall ausgeht, stringtheoretisch vor, den Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel heute folgendermaßen umzuformulieren: »Am Anfang erschuf Gott die Hintergrundfelder und die Materiequellen. Und die Quellen waren ohne Druck und eingebettet in den flachen Raum …«

Selbst ein Vertreter des hinter den Urknall zurückgehenden Modells macht sich also bewusst, dass die Annahme eines Schöpfers sinnvoll ist. Atkins’ Zutaten hingegen sind wackelige Hypothesen, die auf den Glaubenscharakter seiner Hauptthese hindeuten. Gewiss kann der Naturwissenschaftler auf die Realität quantenphysikalischer Sprünge aus dem Nichts – also außerhalb des Kausalitätsgesetzes – und auf die Bildung spontaner Fluktuationen verweisen. Doch nach wie vor bleibt die gerade auch geisteswissenschaftlich zu stellende Grundfrage bestehen, warum überhaupt etwas ist und nicht nichts. Denn quantenmechanische Gesetze werfen wiederum das Problem ihrer eigenen Ursprünglichkeit »im Anfang« auf.

Das bestätigt auch das Buch des US-amerikanischen Physikprofessors Alan H. Guth mit dem Titel »Die Geburt des Kosmos aus dem Nichts« (1997). Der Autor muss nach allen Darlegungen schließlich einräumen, dass »sämtliche Versuche, die Entstehung des Universums aus dem Nichts physikalisch erklären zu wollen, äußerst spekulativ sind«.

Er schließt sein letztes Kapitel mit den Worten: »Wenn sich aber die Entstehung des Universums als quantenmechanischer Prozess beschreiben lässt, dann bliebe immer noch ein großes Rätsel unserer Existenz: Was bestimmt die Gesetze der Physik?«

Genau diese Frage stellt sich auch, wenn Hawking argumentiert, die Existenz der Schwerkraft bedeute, dass die Entstehung des Universums unvermeidlich gewesen sei. Mit Recht hält ihm Lennox entgegen: »Aber wie kam es überhaupt zur Schwerkraft? Welche schöpferische Kraft steckt hinter ihrer Existenz?

Die Hoffnung mancher Naturwissenschaftler unserer Zeit, die Welt in ihrem Sosein bald einmal restlos erklären zu können, ist nichts als blanker Materialismus. Sie ist Ausdruck einer bestimmten Glaubenshaltung – eben einer negativen. Das zeigt auch Alexander Unzickers Buch »Vom Urknall zum Durchknall« (2010) auf, indem es die zahlreichen Spekulationsblasen in der modernen Physik auf erfrischende Weise als das demaskiert, was sie sind.

Die Wirklichkeit könnte indes viel interessanter sein: Getragen sein von einem letzten, guten Sinn, der sich freilich aus guten Gründen so verborgen hält, dass seine Wahrheit vorläufig nur durch Offenbarung erkannt werden kann. Positiver wie negativer Glaube bleiben aber – erkenntnistheoretisch gesehen – Spekulation. Und Spekulationen kritisch wie konstruktiv zu bearbeiten, ist primär eine geisteswissenschaftliche Angelegenheit.

Ob das All sozusagen autonom aus dem Nichts entstanden ist oder ob sich sein Werden aus dem Nichts dem Wort eines göttlichen Schöpfers verdankt, lässt sich nur im existenziellen Setzen auf bestimmte Perspektiven von Sinn oder Unsinn entscheiden. Dem modernen ­Autonomiegefühl entsprechen zweifellos die Entwürfe einer »autonomen« Entstehung des Universums am ehesten. Doch ihre Akzeptanz ergibt sich für manche namhafte Physiker keineswegs zwangsläufig, die es weiterhin mit der religiösen Annahme eines Schöpfergottes halten.

Wen sollte das laut Brian Greene »elegante Universum« in der Tiefe seines Geistes erfreuen, wenn es bei aller Eleganz ein sinnkaltes Gebilde darstellt, das modernsten Spekulationen zufolge nicht nur in endlose Kälte ausliefe, sondern auch aus endloser Kälte geboren wäre? »Für mich als Christen verstärkt die Schönheit der wissenschaftlichen Gesetze meinen Glauben an einen intelligenten Schöpfer«, bekräftigt Lennox. Und der deutsche Physikprofessor Jürgen ­Audretsch unterstreicht: »Die Vorstellung eines Gottes als Verursacher des Seins widerspricht der Kosmologie nicht.«

Ein Glaube liegt solchen Aussagen gewiss zugrunde. Doch auch der Glaube an die Möglichkeit einer »Weltformel« ist ein – wenn man so will: irrationaler – Vertrauensakt. Intellektuell redlich betonen Jean Guitto sowie Grichka und Igor Bogdanov in ihrem Buch »Gott und die Wissenschaft« (1993) nämlich: »Heute, an den seltsamen und beweglichen Grenzen, die die Quantentheorie gezogen hat, machen Physiker die Erfahrung eines Agnostizismus neuer Art: Die Realität ist nicht erkennbar; sie ist verschleiert und wird es immer bleiben.« Auch für den Astrophysiker Robert Jastrow steht fest, dass die Naturwissenschaft »niemals den Vorhang vor dem Mysterium der Schöpfung herunterreißen wird«.

Auf diesem Hintergrund hat das Credo der Christen weiterhin sein Recht. Und zwar sowohl mit seinem ersten Artikel als auch mit den anderen beiden, die von der Entfaltung des unbekannten Gottes in seiner Offenbarungsgeschichte handeln. Die Rede vom »kosmischen Christus« etwa bezieht sich auf alle drei Glaubensartikel. Wenn sich Naturwissenschaftler schon in Glaubensfragen einmischen, sollten sie bedenken, dass auch sie bei letzten Fragen nicht ohne Elemente irgendwelchen Glaubens auskommen.

Werner Thiede

Heute findet mein Leben statt

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille

Zwischen Alltagstrott und Überraschungen: Vom Charme und von der Schönheit des Alltäglichen

Nun hat er uns wieder: der Alltag. Und der hat bei den meisten Menschen überhaupt keinen guten Ruf. Zu Unrecht, wie ich finde. Alltag kann guttun. Denn wir leben nicht von Höhenflügen und Höhepunkten. »Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von Feiertagen«, pflegte meine Großmutter zu sagen.

Dass wir uns auf das Vertraute, auf das Normale, eben auf den Alltag freuen, das merken wir womöglich erst, wenn dieser Alltag plötzlich ausfällt. Wir machen diese Erfahrung etwa bei einem Krankenhausaufenthalt oder dann, wenn wir uns unfreiwillig für längere Zeit an einem Ort aufhalten müssen, der nicht unser ­Zuhause ist. Plötzlich erscheint uns der vertraute Alltag als lebens- und erstrebenswert. Aber wenn der vorher ersehnte Alltag wieder da ist, wird er, je länger er anhält, zunehmend in ein schlechtes Licht gestellt. Alltag eben. »Wie geht’s?« – »Es muss.«

Auf der Suche nach Alltagszufriedenheit
Aber wäre es nicht geradezu töricht, wenn wir den Alltag zum schlechteren Teil unseres Lebens erklärten? Denn meistens ist Alltag. Das Verhältnis ist sechs zu eins: Sechs Tage Alltag, ein Tag Sonntag. Und womöglich ein paar Tage Urlaub. Was kann helfen, den Charme und die Schönheit des Alltags zu entdecken und ihn so zu gestalten, dass er als schön erlebt wird?

Charme und Schönheit des Alltäglichen, das ist zu allererst die Lebenskunst der Dankbarkeit in kleinen Dingen. Ich beschränke mich auf ein einziges Beispiel, den Wocheneinkauf. Ich empfinde bei einem solchen Einkauf immer neues Staunen. Es hat keine Generation vor uns gegeben, die aus einer solchen Fülle schöpfen konnte. Selbst bei knappem Budget sind die meisten Menschen hierzulan­de von diesem Segen nicht rundweg ausgeschlossen.

Jeder sechste Weltbürger kann von solchen paradiesischen Verhältnissen nicht einmal träumen. Und es ist nicht mein Verdienst, dass ich hier und heute lebe. Das habe ich mir nicht aussuchen können, das ist mir zugefallen. Könnte dieser Zufall nicht dankbar und demütig zugleich machen? Bin ich es den Armen nicht geradezu schuldig, »alltagszufrieden« zu sein? Die Güter des Alltags dankbar genießen und in dem mir möglichen Maß zu teilen?

Dieser Tag ist einmalig und ein kostbarer
Den Alltag schätzen lernen, könnte auch heißen: Ich entdecke, wie kostbar und zerbrechlich das Leben ist. Dieser All-Tag ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Ein Tag, an dem ich leben darf. Dieser einmalige Tag ist es wert, dass ich ihn nicht gering schätze. Was ich heute tue oder lasse, gehört unverlierbar zu meinem Lebensschatz. Dieser Tag ist es wert, dass ich ihn nicht nur hinter mich bringe. Wie wäre es, ihn am Morgen bewusst zu begrüßen? Bewusst aus dem Fenster und in den Spiegel zu schauen? Ich bin da – und die Welt um mich her ist auch da – immer noch und immer neu.

So im Heute zu leben, könnte auch heißen: Ich hänge nicht in der Vergangenheit herum und flüchte nicht ins Morgen. Denn weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft kann ich im Mindesten verfügen! Das Vergangene entzieht sich meiner nachträglichen Beeinflussung; und das Zukünftige ist für unsere vielen Wünsche wie auch unsere vielen Sorgen stocktaub.

Das eigene Leben bewohnen: Alltagsrituale schaffen
Der Alltag mit seiner Vorhersehbarkeit lässt mich in meinem eigenen Leben Platz nehmen und macht das Leben bewohnbar. Wer im Alltag angekommen ist, kann sich »erden« und den ­eigenen Ort finden. Und dabei geht es um mehr als den Ort, an dem ich arbeite und lebe. Es geht um das Bewohnen des eigenen Alltags und die Beheimatung im eigenen Dasein.

Es gibt die eigentümliche Schönheit einer verlässlichen Form, einer guten Ordnung und eines eingeübten Rhythmuses. Alltagsrituale können helfen, den Tag, die Woche und das Jahr zu gestalten: Die bewusst genossene Tasse Kaffee oder Tee am Morgen. Die kleine Pause nach dem Mittagessen, der abendliche abschließende Spaziergang, die einzelne Rose und die Kerze auf dem Tisch zum Wochenausklang, die Brötchen am Samstagmorgen, der Sonntag, an dem Zeit zum Durchatmen ist.

Jeder hat andere Gewohnheiten, in jeder Familie gibt es andere gute Sitten, die dem Alltag Struktur und Glanz geben können. Den Alltag würdigen, das könnte heißen: sich in der Kunst zu üben, dem eigenen Leben einen stillen Glanz zu verleihen und mit dem Alltag so liebevoll gestaltend und formend umzugehen wie das ein Kunsthandwerker bei seinem Werk tut. Dabei ist es mit dem vertrauten Alltags-Rhythmus wie in der Musik: Lebendig wird sie durch überraschende Pausen, Taktwechsel und Synkopen. Auch die Melodie des Alltags braucht die Ausnahme von der Regel, damit sie klingt.

Der Langeweile das Handwerk legen
Wenn man sich langweilt, sobald weder die Arbeit ruft noch das Unterhaltsame lockt, findet man sich selbst offenbar ausgesprochen langweilig. In solchen Fällen kann folgende Übung Wunder wirken. Ich lade dazu ein, immer dann, wenn man den Alltag »zum Weglaufen« erlebt, sich für eine halbe Stunde auf einen Stuhl zu setzen, in aufrechter, achtsamer Haltung – ohne Radio, ohne Fernseher –, auf den eigenen Atem zu achten, und sich dem »puren Dasein« zuzuwenden.

»Ich bin da« – nichts fehlt! Ich kehre ein bei mir, beim Leben selbst. Ich setze mich einfach still hin und … komme bei mir an. Ich werde mir selbst zur Heimat, zu einem geliebten und liebenswerten Platz im Universum. Es versetzt der Langeweile den Todesstoß, wenn sie mitbekommt: Wer in der Lage ist, Einkehr zu halten dort, wo gar nichts los ist, bei dem hat soeben ein Fest begonnen. Aber man muss es üben. Einen Stuhl hat ja jeder zu Hause!

Wenn aber der Alltag gelegentlich wehtut …
Aber hat alle Lebenskunst nicht dort ihre Grenze, wo sich Leid oder Krankheit oder ein schwieriges Schicksal einstellen? Wenn sich das Widrige einstellt, muss man manchmal regelrecht ein wenig »feierlich« werden. Das haben wir als Kinder immer dann erlebt, wenn wir krank waren. Auf einmal kamen wir in den Genuss von ein paar schönen Dingen, die es sonst nicht gab.

Wir bekamen Plätzchen und heißen Tee und kalte Wickel und Besuch. Und vielleicht wurde uns etwas vorgelesen. Wenn schwere Tage kommen, muss man wieder lernen, feierlich mit dem Leben umzugehen! Dazu gehört, sich von allem Ballast, auch vom Terminballast zu lösen. Viele Menschen erfahren ihr Leben deshalb als unbewohnbar, weil sie sich chronisch überfordern!

Es gibt den krankmachenden Alltag, zu dem es freilich selten ohne unsere eigene Mitverantwortung kommt. Aber es gibt auch das ganz normale Krankwerden, wofür ein eigentümlicher Ausdruck in der deutschen Sprache uns rät, »krankzufeiern«. Diese Weisheit lässt sich schlecht beziehen auf schwerste Krankheiten, Krisen oder wirkliche Horrorerfahrungen, das wäre zynisch. Aber für dasjenige Maß an Leiden, das in der einen oder anderen Weise eben auch zum Alltag gehört, lässt sich so eine Spur finden, sich mit dem Unangenehmen zu arrangieren.

Karin Vorländer

Heute mit Hoffnung leben

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Ganz im Jetzt, in der Gegenwart ankommen – Gedanken zum Jahresbeginn

Foto: MEV

Foto: MEV

Wer am Silvesterabend auf die Uhr schaut, tut das mit einem anderen Blick als sonst. In der Neujahrsnacht kommt in den Blick, dass meine Zeit nicht immer weiterläuft, sondern dass sie auch einmal ausläuft, dass sie endlich ist. Das könnte Anlass zur Angst oder zur Sorge oder zur Rastlosigkeit sein. Wie viel Zeit bleibt mir noch? Oder: Wie kann ich in der verbleibenden Zeit möglichst viel erleben, schaffen, erledigen?

Der Jahresbeginn könnte Anlass sein, die Zeit und das eigene Leben neu zu verstehen: Gott sei Dank, dass es mich gibt. Gott sei Dank, dass ich dieses neue Jahr, und den neuen Tag sehen, erleben und gestalten darf. Die Zeit als Gelegenheit verstehen. Als Gelegenheit, ganz und gar im Heute zu leben. Wie wäre es, eine Spiritualität des Gegenwärtigseins einzuüben?

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht nicht darum, dass die Vergangenheit gleichgültig wäre. Sie ist die Würde und die Bürde unseres Lebens. Sie ist das Bewährte, das Bestandene und Überstandene, das unserem Leben Tiefgang gibt. Auch die Zukunft ist keineswegs gleichgültig.

Im Heute zu leben, das ist ein Grundthema vieler spiritueller Traditionen. Die großen Meister sagen: »Hänge nicht in der Vergangenheit herum und flüchte nicht ins Morgen. Weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft kannst du im Mindesten verfügen! Das Vergangene entzieht sich unserer nachträglichen Beeinflussung; und das Zukünftige ist für unsere vielen Wünsche wie auch unsere vielen Sorgen stocktaub.«

Wer im Heute leben möchte, muss üben, nicht bitter zu sein über das, was gewesen ist. Es geht darum, weder zu beschönigen noch zu verdrängen, was nicht gut gewesen ist. Alles, was gewesen ist, gehört zu meinem Leben, macht es einmalig und unverwechselbar, macht seine Würde und seine Bürde aus.

Es gibt Menschen, die die Wunden der Vergangenheit nicht heilen lassen. Sie fühlen sich gekränkt, weil sie schlechte Startbedingungen hatten, in unglücklichen Verhältnissen aufgewachsen sind, weil sie nicht die Zuwendung, Liebe und Zärtlichkeit bekommen haben, die sie gebraucht hätten. Oder sie sind von Menschen enttäuscht worden. Sie können denen nicht verzeihen, die sie verletzt haben. Sie können Gott nicht verzeihen, der ihnen diese Vergangenheit zugemutet hat. Wie befreiend könnte es sein, die Verbitterung loszulassen. Aufhören, mich an die Vergangenheit zu klammern, die eigene Verletztheit, die eigene Wut ansehen, sie annehmen und sie dann loslassen.

Nur, was ich angenommen habe, kann ich auch irgendwann abgeben und womöglich auch vergeben. Wer trägt eigentlich die Last, wenn man jemanden »etwas nachträgt«? Loslassen und vergeben, das erfordert zuallererst den Willen, solche Seelenarbeit zu leisten. Sie braucht Zeit, und gar nicht selten die Unterstützung und Hilfe eines vertrauenswürdigen Menschen.

Das Gestern ist vorbei, das Morgen ist noch nicht geboren. Wo wir in Reue, Trauer oder dem Zorn über das, was gestern war, leben, fehlt die Energie und die Aufmerksamkeit für das Heute.

Ob wir morgen noch leben, liegt nicht in unserer Hand. Aber ob wir üben, in Dankbarkeit, Gottvertrauen, Vergebung und Liebe jeden Tag als geschenkten Tag wahrzunehmen, das liegt sehr wohl in unserer Hand. Eine solche Lebenshaltung, die bewusst auf das Gute und Gelingende sieht, will geübt sein. So wie es die Geschichte von dem alten Grafen erzählt: Zu Tagesbeginn jedes Tages steckte er sich eine Handvoll Bohnen in die linke ­Jackentasche. Immer dann, wenn er etwas erlebte, das seinen Tag hell machte, einen freundlichen Gruß, ein Kinderlächeln, eine gute Mahlzeit, ließ er eine Bohne in die rechte ­Jackentasche wandern. Am Abend zählte er die »Hoffnungszeichen am Weg«. Schon eine Bohne genügte, damit der Tag für ihn ein guter Tag war.

Hoffnung im spirituellen Sinn beruht nicht auf angeborenem Optimismus, nach dem Motto »alles wird gut«. Sie will geübt und erworben werden.

Die Bibel mit ihren Verheißungen und Bildern von der neuen Welt, in der alle Tränen getrocknet werden, ist eine einzige große Hoffnungsgeschichte. Sie lädt ein, unter dem Blick der Güte Gottes zu leben, unter dem Menschen aufblühen und angesehen sind. Heute zu leben heißt nicht zuletzt, dem normalen Alltagstun Sinn abzuringen. Dabei geht es nicht um das Tun des Außergewöhnlichen, sondern darum, Schönheit und Wert des Alltäglichen zu entdecken.

Karin Vorländer

Am Fuße des Vesuvs

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Ausstellung: Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zeigt Kunst und Alltag in der antiken Stadt Pompeji

Ösen in Form von Sirenenköpfen, die zu einem Eimer römischer Herkunft gehörten. Sie wurden bei Grabungen in Quetzdölsdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gefunden. Foto: Klaus-Peter Voigt

Ösen in Form von Sirenenköpfen, die zu einem Eimer römischer Herkunft gehörten. Sie wurden bei Grabungen in Quetzdölsdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gefunden. Foto: Klaus-Peter Voigt


Die neue Landesausstellung Sachsen-Anhalts steht unter dem Titel »Pompeji – Nola – Herculaneum. Katastrophen am Vesuv«. Sie zeichnet das römische Leben am Hang des Vulkans nach.

Vesuv, das Wort allein weckt Assoziationen. Neapel und sein Feuer speiender Berg sind ein Begriff für Leid und Urgewalten. Gerade einmal 140 Meter höher als der Brocken hat der einzige auf dem europäischen Festland noch tätige Vulkan Geschichte geschrieben. Seit 1944 schlummert er in trügerischer Ruhe. Faszination ging von ihm zu allen Zeiten aus. Die Menschen an seinem Fuß blickten stets in Sorge auf den Krater.

Schon die Neandertaler erlebten vermutlich an den Hängen des Vesuvs Explosionen. Frühe Siedlungen aus der Bronzezeit wurden durch Asche und Lava verschüttet. Historiker und Archäologen sehen in solchen Funden nahezu einen Glücksfall, für die Menschen, die sich nicht retten konnten, waren die Ausbrüche eine Katastrophe. Das Hallesche Landesmuseum für Vorgeschichte greift das spannende Thema auf.

Die Ausstellung »Pompeji« widmet sich den zahlreichen Artefakten, die ein nahezu vollständiges Bild römischer Alltagskultur der Zeit 79 vor Christus widerspiegeln. Nur scheinbar ist zu diesem Thema alles gesagt. Die Wissenschaftler aus Sachsen-Anhalt blieben nicht bei der puren Rezeption der damaligen Ereignisse, sie wollten etwas Eigenständiges schaffen. So erlebt der Betrachter nicht eine der klassischen Wanderexpositionen zu diesem Thema, sondern eine Schau mit 600 originalen Exponaten vom kleinen Glasgefäß bis zu kompletten Räumen. Viele sind Leihgaben unter anderem aus dem Nationalmuseum in Neapel.

Die Zusammenarbeit mit den Machern des Projektes sei »hervorragend und fruchtbar« gewesen, sagt dessen Direktorin Valeria Sampaola. Sie lobt die dreijährige Vorbereitung und freut sich, dass im Land von Johann Joachim Winckelmann, des in Stendal geborenen Begründers der wissenschaftlichen Archäologie, historische Bezüge in die Antike dargestellt werden.

Und in der Tat, Parallelen finden sich an vielen Stellen zum Mitteldeutschen Raum. Erstmals wird in solcher Deutlichkeit gezeigt, dass die ganze Region zur Zeit des Untergangs von Pompeji enge Kontakte mit Italien verbanden. Das Grab einer reichen Germanin, entdeckt 2008 in einem Urnengräberfeld bei Profen im Burgenlandkreis und nun erstmals öffentlich gezeigt, belegt solche Beziehungen.

In ihre Urne hatten unsere Altvorderen ihren prachtvollen Goldschmuck gelegt. Und eine Kette aus dieser Bestattung findet eine Entsprechung in Funden der Städte am Vesuv. Selbst ein kleines Achatgefäß aus Kleinjena belegt frühe Handelsbeziehungen, wenn es auf sein Gegenstück aus Italien trifft.

Die Inszenierung der gesamten Ausstellung ist gelungen. Konzentration auf das Wesentliche, im richtigen Licht präsentierte Objekte, die Darstellung ganzer Gebäudeteile mit großformatigen und qualitativ hochwertigen Fotos sowie originalen Stücken lässt Geschichte nachvollziehbar werden. Nichts setzt allein auf den Schaueffekt um seiner selbst willen.

Fußabdrücke, die flüchtende Menschen des Dorfes Nola um 1900 vor Christus bei einem Vulkanausbruch hinterließen, sind zu sehen. Aber auch die Abdrücke von Menschen, die Pompeji nicht mehr rechtzeitig verlassen konnten. Beeindruckend die Casa del Menandro (Haus des Menander), denn dieses Haus wurde komplett ausgegraben und nun in einer bislang außerhalb Italiens in solcher Vielfalt nie gezeigten Fülle vorgestellt. Eines der größten repräsentativen Häuser Pompejis lässt ein wenig vom Alltag erahnen.

Ein Korkmodell erleichtert die Orientierung. Möbelbeschläge, Amphoren, und fantastisch erhaltene Silbergefäße belegen den Reichtum der Bewohner. Im Zentrum finden sich gehobene Wohn- und Empfangsräume. Gladiatorenspiele waren Bestandteil des Lebens im antiken Rom. Verzierte Helme und Beinschienen aus einer Kaserne der untergegangenen Stadt dienen als Beleg für die unterschiedlichen Gattungen der Kämpfer.

Als Korrespondenzstandort der Ausstellung empfiehlt sich nahezu das Schloss Wörlitz. Vom 21. April bis zum 26. August werden dort »Fremde Welten ganz nah« zu sehen sein. Eine logische Folge, denn dieser Ort und das ganze Dessau-Wörlitzer-Gartenreich hat ein Stückweit das Interesse am Vesuv und der Antike nach Sachsen-Anhalt getragen. Fürst Franz bestieg 1766 selbst den Vesuv.

Seine Grandtour führte ihn durch Europa, er besuchte Pompeji und Herculaneum. Seine Eindrücke fanden später Eingang in seine Anlagen. Der künstliche Vulkan auf der Insel Stein – am 24. August soll er wieder einmal »ausbrechen« – gehört zu den Nachwirkungen der Entdeckerreise. Mit ihm begann die Antikenrezeption nördlich der ­Alpen. In seinen Schlössern geht ein Großteil der Ausstattung auf diese Zeit zurück. Die Nachahmung der Villa Hamilton gehört dazu. Das Gebäude mit dem angrenzenden Vulkan ruht auf neun Pfeilern.

Klaus-Peter Voigt

Die Ausstellung »Pompeji – Nola – Herculaneum. Katastrophen am Vesuv« ist bis zum 8. Juni 2012 im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen. Sie ist dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr und am Wochenende von 10 bis 18 Uhr ­geöffnet.

»Haltet durch, seid stark«

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Reportage: Christen zwischen Angst und Hoffnung  – die Kopten verstehen sich als die ursprünglichen Ägypter

Den Blick fest auf das Kreuz gerichtet: Bruder Joaquin im Kloster St. Bischoi. Foto: Andreas Boueke

Den Blick fest auf das Kreuz gerichtet: Bruder Joaquin im Kloster St. Bischoi. Foto: Andreas Boueke


Seit Jahrhunderten sind die koptischen Christen Ägyptens unterdrückt und benachteiligt. Die Hoffnungen, dass sich infolge der »Arabellion« etwas ändert, schwinden zusehends.

Der Evangelist Matthäus berichtet davon, wie Maria, Josef und der Neugeborene Jesus auf ihrer Flucht vor den Schergen des Herodes nach Ägypten gezogen sind. Dabei sollen sie auch durch die unwirtliche Gegend von Wadi el-Natrun gekommen sein. Zahlreiche Kultstätten erinnern an die Reise. Schon zu Beginn des vierten Jahrhunderts haben sich christliche Eremiten in diese Klöster und Kirchen zurückgezogen. Heute ist die Wüstenlandschaft Wadi al-Natrun eine Hochburg christlichen Lebens in Ägypten.

Die meisten Christen in Ägypten sind Kopten. Das Wort Kopt kommt von Aigyptios. Deshalb sagen viele Kopten, sie seien die ursprünglichen Ägypter. Die Araber sind erst im Jahr 620 nach Christus in das Nildelta gekommen.

Das wohl älteste koptische Kloster ist das von el Baramus. Hier lebt ein junger Mönch, der seinen Namen nicht nennen möchte. Aber über sein Leben gibt er Auskunft: »Ich verlasse das Kloster nur sehr, sehr selten. In zwölf Jahren bin ich dreimal raus gegangen. Ich habe dieses Leben selbst gewählt. Deshalb empfinde ich es nicht als eine Beeinträchtigung meiner Freiheit.«

In den Klöstern von Wadi el-Natrun leben heute mehrere hundert Mönche in selbst auferlegter Armut und Enthaltsamkeit. Ihr Leben ist geprägt von Ritualen und Bräuchen. Die Mönche spüren nur wenig von den umwälzenden Ereignissen, die die ägyptische Gesellschaft zurzeit erlebt. »Wir kümmern uns nicht um Politik.

Aber immer mal wieder kommen Leute von außerhalb, die uns Nachrichten bringen. Wir haben eine Meinung, so wie jeder Mensch. Ich glaube, dass die Islamisierung des Landes zunimmt. Es gibt jetzt zwar mehr Freiheiten, aber nicht für Christen«, so der junge Mönch.

Bei den Demonstrationen im Januar des vergangenen Jahres gegen den Despoten Mubarak haben Kopten und Moslems Schulter an Schulter protestiert. Doch die Solidarität lässt nach. Die politischen und sozialen Umwälzungen haben neue Freiheiten für die Bevölkerung gebracht. Dazu gehört aber auch die Freiheit, ungestraft religiöse Minderheiten zu diskriminieren. In Ägypten leben weit über 80 Millionen Menschen. Nur rund fünf Millionen von ihnen sind Kopten.

Gewalttätige Übergriffe gegen christliche Gemeinden gab es auch während der 30jährigen Herrschaft Hosni Mubaraks. Doch die Berichterstattung darüber wurde häufig unterdrückt. Seit der Revolution sind solche Informationen weitgehend frei verfügbar.

Deshalb wissen die Kopten im ganzen Land genau, dass im Laufe der vergangenen Monate viele Kirchen in Brand gesetzt und Dutzende ihrer Glaubensbrüder ermordet wurden. Zu solchen Gewaltausbrüchen kommt es besonders dann, wenn Christen Selbstbewusstsein zeigen und gegen die latente Einschränkung ihrer Religionsfreiheit protestieren.

Diese Diskriminierung hat Tradition in Ägypten. Selbst der ehemalige Präsident und Friedensnobelpreisträger Anwar as-Sadat gilt als Gegner der Religionsfreiheit für Christen. Im Jahr 1981 verbannte er den koptischen Papst in das Kloster Sankt Bischoi. Erst vier Jahre später wurde das Oberhaupt der orthodoxen Kopten von Sadats Nachfolger Mubarak freigelassen.

St. Bischoi ist jetzt die zweite Residenz des koptischen Papstes Shenouda. Auch 120 Mönche leben in dem Kloster. Einer von ihnen ist Bruder Joaquin. Er sitzt auf einem Bett aus Holzplanken in einem kargen Raum, der nicht größer ist als fünf Quadratmeter. »Dies ist eine Mönchszelle aus dem neunten Jahrhundert«, sagt Bruder Joaquin. Während sich die Menschen in Ägypten auf grundlegende Veränderungen einstellen müssen, bleibt das Leben der Mönche in den Klöstern weitgehend gleich.

»Das System für uns ist jeden Tag dasselbe. Wir beten für die Menschen, die draußen leben. Außerdem haben wir täglich ein spirituelles Programm zu leisten, in dem wir für den Frieden beten.«

In der Kirche der Heiligen Barbara im alten Zentrum Kairos endet gerade ein Gottesdienst. Der Priester Sarabamoni Zaki ist in sein luxuriös ausgestattetes Büro gegangen. Der Mann hat einen langen, grauen Bart. Früher war er gut rasiert. Er meint, die Situation der Kopten habe sich durch die Revolution spürbar verändert: »Seit dem 25. Januar haben einige Christen Angst. Wir wissen nicht, was geschehen wird. Der moslemische Flügel bemüht sich heftig um die Macht. So etwas haben wir in den vergangenen 30 Jahren noch nicht erlebt.«

Die meisten koptischen Würdenträger sagen, sie seien froh darüber, dass es der Bevölkerung gelungen ist, Mubarak zu stürzen. Aber sie vermissen auch einige Vorzüge des alten Regimes. »Ich würde nicht sagen, er war gut oder er war schlecht. Aber es gab nicht diese Unsicherheit, unter der wir jetzt leiden. Wir verstehen, dass dies eine Übergangsphase ist. Aber wie wird das Ende dieser Phase aussehen? Nur Gott weiß das.«

Der Priester macht sich Sorgen um die Zukunft der Kopten in Ägypten. Trotzdem sieht er keinen Grund, sich zu verstecken: »Den jungen Leuten sage ich: Haltet durch, seid stark. Ihr müsst euch unter die Moslems mischen und mit ihnen zusammen leben. Habt keine Angst. Macht sie zu euren Freunden und erklärt ihnen eure Sorgen. Werdet nie wütend oder nervös. Seid respektvoll und sprecht friedlich.«

Andreas Boueke