Weniger ist mehr

15. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Überfluss: Die Volkskrankheit »Zuvielitis« macht auch vorm Kinderzimmer nicht Halt

Auch für die Weihnachtsgeschenke gilt: Es müssen nicht viele sein. Ein einziges Präsent kann Freude genug auslösen. Foto: picture-alliance/dpa

Auch für die Weihnachtsgeschenke gilt: Es müssen nicht viele sein. Ein einziges Präsent kann Freude genug auslösen. Foto: picture-alliance/dpa


Das Angebot an Spielsachen ist unüberschaubar groß und verlockend zugleich. Doch ein Zuviel an Geschenken und Eindrücken überfordert die Kinder.

Voriges Jahr durfte oder besser gesagt musste Jannik (6) jeden Tag vier Adventskalender öffnen: Den mit Schokolade von der netten Nachbarin, den mit den roten Säckchen von der Patentante, in dem Süßes oder ein Zettel mit der Ankündigung einer gemeinsamen Aktivität steckte, zwei von den Großeltern – ­einen mit einem Legospielzeug für ­jeden Tag und einen mit Mini-Bilderbuch. »Richtig freuen konnte sich Jannik gar nicht mehr – er hat nur noch abgeräumt«, erinnert sich seine Mutter Steffi Klein (Name geändert).

Diese Erfahrung mit der Überfülle weckt in ihr die Sehnsucht nach dem guten ­alten Adventskalender, der jeden Tag mit einem schlichten bunten Bild ­erfreute. »Weniger ist mehr«, hat sie deshalb beschlossen und Freunden und Großeltern mitgeteilt: »In diesem Jahr kriegt Jannik nur von uns einen Kalender.«

Mit ihrer Entscheidung liegt Steffi Klein auf der Linie dessen, was die neuere Hirnforschung belegt: »Zu viele Eindrücke legen das Lustzentrum des Gehirns lahm, sodass wir uns weder richtig begeistern noch freuen können«, erklärt Archibald Hart in seinem Buch »Wer zu viel hat kommt zu kurz«.

Immer neue Angebote zur Unterhaltung, Freizeitevents und Medien versprechen Glück, Zufriedenheit, Bildung und Erfolg. Und so führt für viele der Weg zum vermeintlichen Glück über das Kaufen und Konsumieren.

»Und so führt für viele der Weg zum vermeintlichen Glück über das Kaufen und Konsumieren«

 
Diese Haltung macht auch vor den Kinderzimmertüren nicht halt: Kuscheltiere en masse, Puzzles, Kons­truktionsspielzeug von Holzeisenbahn über Bauklötze und Legosteine, eine Flut pädagogisch wertvoller Lernspiele, von Büchern, Hörbüchern und Computerspielen lassen die Spielzeugregale überquellen. Mit dem Ergebnis, dass Kinder angesichts der Fülle kaum noch wissen, womit sie spielen sollen.

Erzieherin Reinhild Pelger setzt sich für ein reduziertes Angebot und die bewusste Auswahl von Spielzeug ein – und dafür, dass ­Eltern es aushalten, wenn ihre Kinder auch mal über Langeweile jammern. »Man muss Kinder auch mal in Ruhe lassen. Sie brauchen nicht unentwegt Vorschläge. Sie suchen und finden Spiel-Räume – man muss ihnen aber auch Zeit dafür lassen«, ist Pelgers Erfahrung.

Kinder brauchen nicht immer neues Spielzeug. Sie müssen nicht unentwegt unterhalten und beschäftigt werden. Kinder brauchen so etwas wie die »Expedition zu den Gegenständen des täglichen Lebens«, fordert Donata Elschenbroich. Sie gilt als Expertin für Bildung in den frühen Jahren und hat sich auf dem Gebiet der international vergleichenden Kindheitsforschung einen Namen gemacht. Sie ermutigt Eltern, Kinder nicht ausschließlich in die Sonderwelt von gekauftem Spielzeug zu entlassen, sondern sie in den ganz normalen Alltag einzubeziehen.

Kinder brauchen und lieben es, mitmachen und helfen zu dürfen. Beim Einkaufen und Aufräumen, beim Wäscheaufhängen und Autoputzen, beim Kochen und Backen, beim Laubfegen und Tischdecken. Und sie brauchen es, dass Eltern ­gemeinsam mit ihnen ganz banale Alltagsgegenstände entdecken. Denn, so führt Donata Elschenbroich aus: »In den Dingen steckt das Wissen der Welt und die Alltagsgegenstände sind spannender als viele Spielzeuge.«

Was zum Beispiel kann man mit einer Wäscheklammer alles machen? Und wie ist zu erklären, dass dieses Wunderding immer wieder in die Ausgangslage ­zurückkehrt? Wie funktioniert eine Stimmgabel? Und was lässt sich mit ihr entdecken? Donata Elschenbroich erinnert an die »Wunderkammer« des frommen Reformpädagogen August Hermann Francke, der für seine ­Zöglinge eine solche Wunderkammer mit alltäglichen und geheimnisvollen Exponaten anlegte, um »über die Welt staunen zu lernen und Gottes Taten
zu feiern«.

»So gewinnen womöglich die einfachen Freuden und die Rituale vergangener Tage wieder neue Bedeutung«

 
Die meisten Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Angesichts von verheerenden Pisa Studien boomt das Angebot von Frühförderungskursen: Englisch für Kleinkinder ab drei Monate, Frühschwimmen, musikalische Förderung und und und. »Verplante Kindheit«, nennen Wissenschaftler die nicht selten entstehende Terminhetze, denen Kinder vermehrt ausgesetzt sind. Hinzu kommt schon früher Medienkonsum: Kassetten und Hörbücher, Fernsehen, Playstation und Computer vertreiben zwar vordergründig die Langeweile oder vermitteln womöglich sogar Wissen.

Sie sorgen zugleich aber für Mangel an Bewegung und für eine Flut von kaum zu verarbeitenden Eindrücken. Handeln und Gestalten sind nicht ­gefragt. Das Fernsehkind wird leicht zum Konsumkind. Weil es beim Fernsehen nicht die Möglichkeit habe, selbst etwas einzubringen, fehle ihm das Gefühl, anderen etwas geben zu können. »Es bleibt ohne emotionale Bindung«, urteilt der renommierte Hirnforscher Prof. Gerald Hüther.

Nachhaltig präge sich nur das ein, was wiederkehrt und was eigene ­Aktivität erfordert, betont er. Neuronale Verknüpfungen und Bahnen entstehen durch Wiederholung und Rituale. Und so gewinnen womöglich die einfachen Freuden und die Rituale vergangener Tage wieder neue Bedeutung: die Reime und Kinderlieder, die Dämmerviertelstunde bei Kerzenlicht, das Gutenachtgebet, der Kakao nach dem Baden am Freitagabend, das Verkleide- und Verwandlungsspiel, der Spaziergang im Wald, und die Kunst, aus einem Stock eine Wünschelrute, einen Zauberstab oder eine Bohrmaschine zu machen. Weniger ist mehr – Eltern und Kinder können es gemeinsam entdecken.

Karin Vorländer

Lesetipps

Elschenbroich, Donata: Die Dinge. Expeditionen zu den Gegenständen des täglichen Lebens, Kunstmann Verlag, 206 S., ISBN 978-3-88897-681-0, 18,90 Euro
Hüther, Gerald/ Nitsch, Cornelia: Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden, Gräfe und Unzer, 224 S., ISBN 978-3-8338-0747-3, 19,99 Euro

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