»Als Kirche dem Druck standgehalten«

12. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Erinnert: Vor 30 Jahren riegelten 42000 DDR-Sicherheitsleute die Kleinstadt Güstrow ab – weil Helmut Schmidt kam

Gemeinsam in der Kirchenbank: Bundeskanzler Helmut Schmidt (links) und DDR-Staatsratsvorsitzender Erich Honecker lauschen am 15. Dezember 1981 ­gemeinsam im Güstrower Dom den Orgelklängen. Foto: ullstein-bilderdienst

Gemeinsam in der Kirchenbank: Bundeskanzler Helmut Schmidt (links) und DDR-Staatsratsvorsitzender Erich Honecker lauschen am 15. Dezember 1981 ­gemeinsam im Güstrower Dom den Orgelklängen. Foto: ullstein-bilderdienst


Am 13. Dezember 1981 herrschte in der Kleinstadt Güstrow der Ausnahmezustand. Der damalige Bundeskanzler besuchte gemeinsam mit Erich Honecker die Stadt und ihren Dom.

Normalerweise ist Heinrich Rathke ein eher zurückhaltender Mensch. Aber als er, im Dezember 1981 mecklenburgischer Landesbischof, an jenem Morgen erfährt, dass ein ehemaliger Pastor im Pfarrhaus von der Stasi unter Hausarrest gestellt worden ist, da wird er sichtlich energisch. »Ich bestand darauf«, erinnert sich der heute 82-Jährige an die Vorgänge vor 30 Jahren, »Heiko Lietz in seiner Wohnung besuchen zu dürfen. Andernfalls müsste ein anderer als ich den Bundeskanzler begrüßen.« Also darf Bischof Rathke schließlich die Wohnung betreten.

Güstrow am 13. Dezember 1981: Nach zähem Ringen hinter den Kulissen besucht Bundeskanzler Helmut Schmidt nun offiziell das andere Deutschland. Am Tag vorher in Berlin in Gesprächen mit DDR-Partei- und Staatschef Erich Honecker zugange, wird er am Sonntag in die Kleinstadt Güstrow reisen, den Dom und die Ernst-Barlach-Gedenkstätte besichtigen. Für die DDR soll es ein großer Tag werden, das kleine Land erhofft sich Aufwertung und Anerkennung.

Tatsächlich wird es ein gespenstischer. »Operation Dialog« hat die Staatssicherheit ihre Planungen für ­jenes Wochenende genannt. Minister Erich Mielke persönlich führt die Planungen, die Honecker höchstselbst absegnet. Das Besondere des Gipfels ist nicht allein die Tatsache, dass ein Bundeskanzler in die DDR kommt.

Vor allem Schmidts geplanter Abstecher von Berlin nach Güstrow lässt bei der DDR alle Alarmglocken schrillen. Nicht nur, dass der Hanseat eine Kirche besuchen möchte. Nein. Vor allem sein Wunsch, mit möglichst authentischen Menschen in Berührung zu kommen, sorgt für Unruhe beim DDR-Sicherheitsapparat. Kein zweites Mal soll sich wiederholen, was 1970 in Erfurt geschah: dass DDR-Bürger unkontrolliert einem Bundeskanzler zujubeln. Damals ist es Willy Brandt gewesen.

Elf Jahre später betreibt die DDR deshalb einen Aufwand ohnegleichen, um eins sicherzustellen: Helmut Schmidt soll nur linientreuen Menschen begegnen. 21800 Stasileute und weitere 20000 Polizisten sollen an ­jenem Wochenende verhindern, dass der Westpolitiker bejubelt wird. So wird das Zentrum der Kleinstadt schließlich de facto evakuiert. In alle Häuser ziehen Sicherheitsleute ein. 10908 Personen stehen an jenem Tag unter Kontrolle der Staatssicherheit, 4481 Durchsuchungen sind im Vorfeld erfolgt, 4811 Anreiseverbote ausgesprochen und 5875 »Vorbeugungsgespräche« geführt worden.

Bürgerrechtler Lietz, damals gerade wegen seiner kirchenkritischen Haltung aus dem Kirchendienst entlassen und in Rostock als Essenausträger bei der »Volkssolidarität« untergekommen, wird noch in der Nacht vor Schmidts Besuch mit einem befreundeten Korrespondenten des Hamburger Magazins »Stern« durch Güstrow ziehen. »In unseren Kutten sahen wir genau aus wie die Teams von der Stasi, die in ganz Güstrow unterwegs waren. Gespenstisch«, erinnert er sich.

Am Morgen danach steht das MfS vor der Tür von Lietz und hindert den Familienvater am Gang zum Gottesdienst. Dass wenig später schließlich der gesamte Weihnachtsmarkt von »normalen Menschen« geräumt und mit Sicherheitsleuten besetzt wird, erfährt er deshalb erst später. Lietz, 1989 Mitbegründer des Neuen Forum und nach 1990 Landeschef von Bündnis 90/Die Grünen, verfolgt den Tag also per TV. Doch selbst die »Live«-Übertragung wird vorsorglich zehn Minuten versetzt ausgestrahlt.

Für den damaligen Bischof Heinrich Rathke freilich hat dieser Besuch noch eine andere Dimension. »Mit dem Besuch von Helmut Schmidt in einer Kirche musste auch Honecker erstmals eine Kirche als Kirche besuchen«, erinnert sich Rathke im Rückblick. Der Theologe verlangt zudem Redefreiheit für das Treffen im Dom. Und auch die ­Gemeinde besteht bereits im Vorfeld darauf, dass sie das Hausrecht behalten und eine Gruppe von Teilnehmern selbst benennen darf: darunter den Küster, die Katechetin und den Organisten.

Als die Orgel schließlich zu spielen beginnt und Helmut Schmidt sich demonstrativ in eine Bank setzt, um dem Choral andächtig zu lauschen, da muss es ihm Honecker gleichtun. Für den Schweriner Rathke ist dies ein bleibender Triumph: »Die Kirche hat an jenem Tag allem Druck standgehalten.«

Steffen Reichert

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “»Als Kirche dem Druck standgehalten«”
  1. Alexander sagt:

    Für welches “Auditorium” läutet Helmut Schmidt die “Glocke”?

    Nur die deutschen Sozialisten haben die tödliche Gefahr, welche Deutschland bedroht, mitbekommen.

    Es ist offensichtlich, dass manche Banden in Berlin den …”Dreißigjährigen Krieg” weiterführen.

    Es ist offensichtlich, dass sich Deutschland an die Spitze eines religiösen Krieges gegen die PIIGS des Mittelmeers gesetzt hat.

    Die Ironie ist, dass diejenigen, die Deutschland zu diesem gefährlichen Krieg “hinführen”, nicht bloß keine fanatischen Christen sind, sondern sie sind überhaupt nicht mal …Deutsche.

    Aufgrund derer, werden in ein paar Jahren Begriffe wie “Deutschland” oder “Deutsche” aus Europa verschwunden sein.

    Wenn ein so wichtiger deutscher Staatsmann der Auffassung ist, dass eine “deutsche Kraftmeierei” existiert, ist es selbstverständlich, dass der selben Auffassung auch all diejenigen sind, die gerufen werden unter dieser “Kraftmeierei” zu leiden. Wenn diese “Kraftmeierei” von jemandem, der theoretisch von ihr profitiert, wahrgenommen wird, können wir erkennen, um wie viel leichter diese von denjenigen, die dadurch einen Schaden erleiden, wahrgenommen wird …Besonders dann, wenn diese “Kraftmeierei” von Seiten Deutschlands ausgeführt wird …Von Seiten Deutschlands, dessen Geschichte von solch gewalttätigen Verhaltensweisen schwer belastet wird. Das ist auch der Grund dafür, dass Helmut Schmidt von vorneherein diese “Kraftmeierei” für Deutschland schädlich hält. Er hat sie schon mal in der Vergangenheit “schädlich” auf Deutschland wirkend gesehen und deshalb ist er sich auch über das Resultat der heutigen im Klaren…

    http://eamb-ydrohoos.blogspot.com/2011/11/fur-welches-auditorium-lautet-helmut.html