Bomben gegen »Ungläubige«

29. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Zerstörte Autos vor der schwer beschädigten katholischen St.-Theresa-Kirche im nigerianischen Madalla. <br>Foto: picture alliance

Zerstörte Autos vor der schwer beschädigten katholischen St.-Theresa-Kirche im nigerianischen Madalla.
Foto: picture alliance


Islamistische Anschläge reißen in Nigeria mindestens 40 Christen in den Tod.
 

Die Terroristen der islamistischen Boko-Haram-Bewegung hatten die Anschläge mit grausamer Präzision geplant: Um möglichst viele nigerianische Christen zu töten, ließen sie die Sprengsätze zu Weihnachten vor Kirchen detonieren. Dass die vier Attentate am ersten Weihnachtsfeiertag nicht noch mehr als die geschätzten 40 Opfer in den Tod rissen, ist Zufällen zu verdanken. In Jos konnte die Polizei mehrere Sprengsätze sicherstellen, bevor sie explodierten; mehrere Bomben waren zudem in der vergangenen Woche vorzeitig in die Luft gegangen.

Dennoch könnte die Rechnung der Boko-Haram-Gruppe aufgehen: Ihr Ziel ist es vermutlich, neue Unruhen zwischen christlichen und muslimischen Jugendlichen zu provozieren. Gelingt ihr das, würde das den Vielvölkerstaat Nigeria in seinen Grundfesten erschüttern. Die jahrelang kaum beachtete Sektierergruppe, die der Prediger Mohammed Yusuf 2002 im äußersten Nordosten Nigerias gründete, ist inzwischen die mit Abstand größte Gefahr für den Frieden in Afrikas bevölkerungsreichstem Land. Das Ziel von Boko Haram ist die Errichtung eines Gottesstaates.

Derzeit fehlen Polizei und Geheimdiensten offenbar jegliche Zugänge zur Terrorgruppe. Wie weit Boko Haram ungehindert gehen kann, zeigte der Anschlag auf das UN-Hauptgebäude in Nigerias Hauptstadt Abuja am 26. August. Ein mit Sprengstoff beladenes Auto raste ins Erdgeschoss des Gebäudes und detonierte: Nigerias erster Selbstmordanschlag. »Das ist unser 9/11«, sagten Passanten kurz nach dem Attentat schockiert in die Mikrofone von Reportern. 23 Menschen starben, mehr als 80 wurden verletzt. Seit August explodieren in ­regelmäßigen Abständen Sprengsätze im ganzen Land, vor allem im mehrheitlich muslimischen Norden, wo Boko Haram seine Rückzugsräume hat.

Nigerianische Geheimdienstakten, die das Wall Street Journal veröffentlichte, belegen, dass Funktionäre von Boko Haram in Terrorcamps der Kaida in Afghanistan ausgebildet wurden – und zwar schon 2007. Sogar schon im Gründungsjahr 2002 sollen Boko-Haram-Kämpfer in Mauretanien und später in Algerien ausgebildet worden sein.

Nigerias Regierung will solche Berichte nicht kommentieren. Sie verharmlost die Terroristen meist als rein lokale Rebellengruppe und propagiert selbst den Namen Boko Haram, was in der Haussa-Sprache »Alles Westliche (oder: Westliche Bildung) ist Sünde« bedeutet. Die Bewegung selbst nennt sich indes »Sunnitische Bruderschaft in Ausführung des Heiligen Krieges« – ein deutlicher Hinweis auf die wahren Ziele der Dschihadisten, denen sich immer mehr arbeitslose und benachteiligte Jugendliche im muslimischen Norden Nigerias anschließen.

Dabei glaubten sich nigerianische Sicherheitskräfte 2009 am Ziel, als bei einer Großoffensive Boko-Haram-Gründer Mohammed Yusuf verhaftet und kurze Zeit später getötet wurde. Doch seitdem haben Zahl und Ausmaß der Terroranschläge zugenommen. Dass niemand zu wissen scheint, wer genau Boko Haram seit Yusufs Tod führt, zeigt einmal mehr, wie hilflos Nigerias Sicherheitsapparat gegen die neue Bedrohung ist. In dem westafrikanischen Staat glaubt jedenfalls kaum jemand, dass die Boko-Haram-Anschläge vom ersten Weihnachtsfeiertag die letzten gewesen sind.

Marc Engelhardt (epd)

Perlen der Filmkunst zu Weihnachten

26. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Gemütliche Flimmerstunde in Familie. Foto: ddpimages

Gemütliche Flimmerstunde in Familie. Foto: ddpimages


 

Fernsehen: Zum Weihnachtsprogramm gehören Spielfilme, die den Geist der Versöhnung und des Friedens aufnehmen.

 
Es lohnt sich, an den Weihnachtstagen einen Blick ins Fernsehprogramm zu werfen. Neben Thriller, Action- und Horrorfilmen gibt es auch spannende Filme mit weihnachtlichem Flair.
 
Alle Jahre wieder, kommt …« das Weihnachtsprogramm der Fernsehsender und damit spätestens ab 22 Uhr am Heiligabend Thriller, Action- und Horrorfilme mit Titeln wie »Tödliche Weihnachten«, »Scream 2« oder »Stirb langsam 2«.
 
Daneben gibt es aber auch Perlen der Filmkunst mit weihnachtlichem Flair, versteckt im vorweihnachtlichen Programm, im Nachmittagsprogramm oder spät in der Nacht. Filme wie »Ist das Leben nicht schön?«, »Der kleine Lord« oder eine der vielen Verfilmungen von Charles Dickens klassischer Weihnachtsgeschichte »A Christmas Carol in Prose«.
 
Jahr für Jahr appellieren die Kirchen an die Sender, das Weihnachtsprogramm weniger blutig zu gestalten. »Ich bin mit allen Sendern darüber im Gespräch. Und auch bei den Privatsendern ist der Heilige Abend, zum Teil auch der erste Feiertag, moderat, feiertagsgemäß und familienfreundlich programmiert«, sagt Oberkirchenrat Markus Bräuer, Medienbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ab 22 Uhr am zweiten Feiertag sehe es dann aber oft anders aus: Der Quotendruck, der Wettbewerb sei hart, und dann werde oft auf den bewährten Blockbuster gesetzt.
 
Thriller sind laut Bräuer aber auch am zweiten Weihnachtstag und zu später Stunde deplatziert. Das Angebot an spannenden Filmen sei so groß, dass nicht auf Actionthriller gesetzt werden müsse, um die Quoten zu erreichen.
 
Ein gutes Weihnachtsprogramm spiegelt nach Ansicht Bräuers die Botschaft des Christfestes in allen Fernsehformaten: Fernsehgottesdienste in ARD und ZDF, die auch die Menschen, die nicht selbst in die Christvesper gehen können, über die Weihnachtsbotschaft aufklärt. Reportagen, die historische Kenntnisse über die Zeit Jesu und das Heilige Land vermitteln. Dokumentationen, die zeigen, wie viele Ehrenamtliche es zu einem Teil ihres Lebens gemacht haben, die Menschenfreundlichkeit Gottes weiterzugeben und in der Kältehilfe oder der Obdachlosenarbeit tätig sind.
 
Das ist das Programm, das er sich wünscht. »Für mich gehören auch Spielfilme dazu, die den Geist der Versöhnung und des Friedens aufnehmen«, sagt der Medienbeauftragte. Versöhnung, Frieden, die Wandlung vom bösen zum guten Menschen, der Sieg der scheinbar Schwachen und Armen über die Reichen und Hochmütigen – das sind auch die klassischen Themen der großen ­Weihnachtsfilme. Dabei taucht immer wieder ein Archetypus, eine charakteristische Figur auf: der Menschenfeind. Oft reich und geizig, fast immer hartherzig und gefühlsarm, aber nicht unbedingt von Grund auf böse. Manchmal ist er derjenige, der im Mittelpunkt der Handlung steht und sich wandelt, manchmal muss der Protagonist ihn überwinden.
 
Eine der besten Darstellungen dieses Archetypus ist Charles Dickens in seiner Erzählung »A Christmas Carol in Prose« – zu Deutsch »Eine Weihnachtsgeschichte« – mit seiner Hauptfigur Ebenezer Scrooge gelungen. Die Geschichte spielt zu Weihnachten. Scrooge ist seit dem Tod seines Geschäftspartners Jacob Marley einziger Inhaber eines Warenhauses im England des 19. Jahrhunderts. Seinen einzigen Angestellten beutet er aus. Seinen einzigen Verwandten, seinen Neffen, der ihn zum Weihnachtsessen einladen will, weist er kalt zurück. Für zwei Männer, die für arme Menschen Geld sammeln, hat er nur Hohn und Spott.
 
Am Heiligen Abend erscheint Scrooge der Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Marley und prophezeit ihm ein düsteres Ende für den Fall, dass er sein Leben nicht ­grund­legend ändere.
 
Den Geist des Miteinanders, das selbstlose Geben, die Armut des materiell Reichen und der Reichtum dessen, der Freunde hat – wohl kein Film vereint diese Themen besser als der Weihnachtsklassiker schlechthin: »Ist das Leben nicht schön?« von 1946. James Stewart ist George Bailey, der in der verschlafenen Kleinstadt Bedford Falls lebt. Als sein Vater stirbt, muss er seine hochfliegenden Pläne, die Welt zu bereisen und zu studieren, fallen lassen und die kleine Bausparkasse »Building and Loan« übernehmen. Privat findet er sein Glück mit seiner Jugendliebe Mary, doch beruflich gibt es immer wieder Rückschläge, und alle anderen scheinen an ihm vorbeizuziehen. Sein kleiner Bruder, dem er einst das Leben rettete, wird zum Baseball-Star und zum Flieger-Ass, sein bester Freund schwimmt in Geld und besitzt mehrere Fabriken. Seine Hochzeitsreise fällt aus, weil er das Geld in der Wirtschaftskrise braucht, um die Kunden seiner Bausparkasse zu bedienen.
 
Und dann ist da noch sein Gegenspieler: Mr. Potter, Besitzer von Mietskasernen, Banken und vielem mehr in Bedford Falls, hartherzig, gierig, nur auf Profit orientiert – unser Archetypus. George ist mit seiner Bausparkasse Potter ein Dorn im Auge. Denn George ermöglicht den ärmeren Menschen, sich ein Eigenheim zu bauen und aus Potters Mietskasernen auszuziehen. Doch dann passiert das Unglück: Die »Building and Loan« muss Potter 8000 Dollar zurückzahlen, und Georges Onkel verliert das Geld – und das zu Weihnachten. Die Pleite droht, George verzweifelt und will sich umbringen; wünscht sich gar, er hätte nie gelebt. Doch der Himmel schickt George einen Engel, um ihn zu retten.
 
Jochen Krümpelmann

Empfehlenswerte Weihnachtsfilme
Ist das Leben nicht schön? ZDF, 25. 12., 0.35 Uhr, auf DVD erhältlich.
Der kleine Lord ARD, 23. 12., 20.15 Uhr und 24. 12., 13.15 Uhr sowie in mehreren dritten Programmen.
Charles Dickens: Eine Weihnachtsgeschichte, mehrere Verfilmungen zum ­Beispiel: Die Geister, die ich rief, Kabel 1, 26. 12., 20.15 Uhr, auf DVD erhältlich, modernisierte Fassung der Geschichte Charles Dickens – Eine Weihnachtsgeschichte, Das Vierte, 24. 12., 20.15 Uhr, auf DVD erhältlich.
Schöne Bescherung, Vox, 24. 12., 20.15, auf DVD erhältlich.
Der Polarexpress, RTL, 25. 12., 16.15 Uhr, auf DVD erhältlich.
Noch ein Tipp: Ähnlich wie zu Silvester »Dinner for one« genießt bei vielen zu Weihnachten Loriots Sketchsammlung »Weihnachten bei Hoppenstedts« Kultcharakter, WDR, 26. 12., 17.40 Uhr.

Menschen der Nacht

25. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Sie arbeiten, wenn andere schlafen.

 
Sie sorgen für Geborgenheit in der Fremde, eilen bei ­Pannen zu Hilfe: Frauen und Männer, die nachts ­arbeiten. Eine Hotelportierin und ein Pannenhelfer sprechen über ihre ­Erfahrungen in der Nacht.
 

Die Wächterin

Sylvia Sädler, Foto: Maik Schuck

Sylvia Sädler, Foto: Maik Schuck


 

»Ich habe mir Nachtarbeit schlimmer vorgestellt«, sagt Sylvia Sädler (48). Sie arbeitet seit drei Jahren ausschließlich nachts in der Rezeption des Hotels Amalienhof in Weimar. Ihre Aufgaben: Von 22 bis 2 Uhr ist sie für die Gäste da und sorgt für Ordnung und Sauberkeit im Foyer. Nach 2 Uhr bereitet sie in der Küche das Frühstücksbüfett für den nächsten Morgen vor. »Das nimmt viel Zeit in Anspruch, 6 Uhr, wenn die Ablösung kommt, muss alles fertig sein.« Dann ist ihr Nachtdienst zu Ende. Doch wenn sie nach getaner Arbeit zu Hause ankommt, ist an Schlafen nicht zu denken. »Morgens bin ich immer aufgekratzt«, erzählt sie. Familiär trifft es sich gut, dass auch ihr Mann als Kraftfahrer immer nachts arbeitet. Wenn er gegen 10 Uhr von seiner Nachtschicht kommt, frühstücken die Eheleute, legen sich danach schlafen oder unternehmen bei schönem Wetter etwas im Freien.
 
Die Stunden am Abend zwischen 18 und 21 Uhr sind für Sylvia Sädler ebenfalls Schlafenszeit. Anfangs sei es für sie ungewohnt gewesen, aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, während andere sich bettfertig machen. Aber ihr Körper habe sich gut und schnell an den Rhythmus gewöhnt. Sie kann dem Nachtdienst sogar einige Vorteile abgewinnen. »Die Arbeit flutscht, es ist ruhig und angenehm, kein Stress.«
 
Schön sei, dass sie bei ihrer Arbeit im Hotel mit Menschen zu tun habe. Und die Gäste wiederum seien freudig überrascht, dass nachts jemand an der Rezeption ist und ihnen ihre Wünsche erfüllt, etwas zu trinken reicht oder zu einem Gespräch aufgelegt ist.
 

Der Engel

 

Michael Franz, Foto: Maik Schuck

Michael Franz, Foto: Maik Schuck


 

Ob er am Tag oder in der Nacht auf den Straßen unterwegs ist, sei für ihn kein großer Unterschied, sagt Michael Franz (45) vom ADAC Hessen-Thüringen. Pannenhilfe auf der Autobahn zum Beispiel sei immer gefährlich, in der Dunkelheit wie am helllichten Tag. »Dort ist es wichtig, so schnell wie möglich fertig zu werden, um aus dem Gefahrenbereich herauszukommen.« Denn alle seine Kollegen würden Momente der Todesgefahr kennen, und es sei nicht selten, dass Gelbe Engel während ihres Dienstes tödlich verunglücken, bemerkt Franz.
 
Durchschnittlich achtmal, bei Kälte bis zu 18 Mal wird er während einer Schicht zu Hilfe gerufen. Meistens, wenn ein Reifen gewechselt werden muss oder bei Kälte die Batterie streikt. Mitunter erlebt er kuriose Situationen. Franz erzählt zum Beispiel von einem Herrn, dessen Reisegruppe mit dem Bus von einer Raststätte ohne ihn weitergefahren war. Ein anderer hatte sich auf dem Parkplatz selbst ausgeschlossen.
 
Als er nach einer ­Toilettenpause zu seinem Auto zurückgekommen sei, musste er mit Erschrecken feststellen, dass dieses verschlossen war, der Schlüssel aber im Fahrzeug lag. Kein Vergnügen bei winterlichen Temperaturen und ohne ­Jacke zu harren bis der Pannendienst kommt. In solchen Fällen versuchen die Gelben Engel schnell an Ort und Stelle zu sein.
 
Wenn allerdings viele Leute zu gleicher Zeit Hilfe anfordern, könne sich die Wartezeit auf mehr als eine Stunde verlängern, so die Erfahrung des ADAC-Mitarbeiters. In mindestens 80 Prozent der Fälle, so Franz, sind die Gelben Engel in der glücklichen Lage, helfen zu können.
 
Sabine Kuschel

Wie Daniel und Jonas zur Krippe kamen

24. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe

Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe


 
Eine Weihnachtsgeschichte von Thomas Reuter.
 
Daniel: Schalom, ich bin Daniel. Und der da ist Jonas. Ich muss euch unbedingt was erzählen. Stellt euch vor: Gerade war ich dabei…
Jonas: Daniel?
Daniel: Ja, Jonas?
Jonas: Wer ist hier der Chef?
Daniel: Du bist der Chef, Jonas.
Jonas: Wer erzählt also?
Daniel: Du erzählst, Jonas.
 
Jonas: Ist schließlich auch meine Geschichte. Also – ich bin Jonas. Aber das wisst ihr ja schon. Die Schafherde dort gehört mir. Daniel ist mein Hirte. Ich kann mich eigentlich auf ihn verlassen. Aber manchmal schaue ich doch lieber nach, wie er seine Arbeit macht.
Daniel: Völlig unnötig.
Jonas: Und gestern Nacht, Daniel? Ich komme aufs Feld, das Lagerfeuer brennt, die Schafe schlafen, die Hunde dösen. Nur einer fehlt: Daniel. Ich rufe ihn – nichts. Na, denke ich, dann hat der Löwe diesmal wohl kein Schaf, sondern Daniel geholt.
Daniel: Sehr lustig, Jonas.
Jonas: Plötzlich höre ich jemanden gerannt kommen. Es ist Daniel. Ich verstecke mich hinter einem Busch. Daniel klettert über den Zaun, nimmt eines der kostbaren Felle, springt zurück und will wieder davonrennen. Ich verstelle ihm den Weg und packe ihn an der Jacke. Wo willst du hin?
Daniel: Zu Gottes Sohn. Der ist in unserem Stall geboren. Und das Schaffell ist ein Geschenk für ihn.
 
Jonas: Hast du während der Arbeit Wein getrunken??
Daniel: Die Engel waren da! Hast du sie nicht gesehen?
Jonas: Er reißt sich los und rennt davon. Ich ruf ihm nach: Du bist gefeuert, Daniel!
Daniel: Kein Problem!
Jonas: Was? Kein Problem? Er braucht doch das Geld. Was soll ich jetzt tun? Ihm nachlaufen? Da kommt wieder einer gesaust. Den Kerl hab ich noch nie gesehen. Hirte ist er jedenfalls nicht. Das sehe ich an seiner Kleidung. Vielleicht Tischler oder Zimmermann? Er sieht mich und ruft mir zu: Bist du Jonas?
Jonas: Wer will das wissen?
Josef: Ich bin Josef, der Vater von ­Jesus. Dem Messias. Na, jedenfalls – Daniel ist bei uns im Stall.
Jonas: Das ist immer noch mein Stall!
Josef: Sei nicht so streng. Heute ist eine besondere Nacht! Der Erlöser ist geboren! Und Daniel hat es als Erster erfahren. Kommst du mit?
 
Jonas: Vergiss es! – Und schon ist er wieder weg. Der war doch genauso betrunken wie Daniel! Der Messias? In meinem Stall? – Da trappelt es schon wieder. Das müssen mindestens drei Leute sein. Mit Tieren. Große Tiere dem Gestampfe nach. Kamele vielleicht. Aus der Dunkelheit tritt ein Mann auf mich zu, vornehm ­gekleidet, behängt mit goldenem Schmuck. An seiner Aussprache merke ich, dass er nicht aus Israel kommt.
Sterndeuter: Verzeiht – wir sind auf der Suche nach dem neugeborenen König der Juden. Die Schriftgelehrten haben uns nach Bethlehem gesandt. Ist es noch weit?
Jonas: Ich krieg keinen Ton raus, zeige nur in Richtung meines Stalles. Der reiche Mann bedankt und verbeugt sich und verschwindet wieder in der Dunkelheit. Jetzt muss ich mich setzen. Das ist zu viel! Aber nein, schon wieder ­raschelt es, und plötzlich steht ein ­römischer Soldat vor mir.
 
Soldat: He, du, Hirte! Sind die Sterndeuter mit den Kamelen hier vorbeigekommen?
Jonas: Moment – was will der von denen? Sie verhaften? Er merkt, dass ich zögere.
Soldat: Keine Sorge, ich will ihnen nichts Böses. Ich habe sie belauscht. Sie sind auf dem Weg zum Messias. Und da bin ich hinterhergelaufen, denn das klingt doch ziemlich spannend, stimmt´s?
Jonas: Bin ich denn hier der Einzige, der von nichts weiß? Der Kerl macht einen ehrlichen Eindruck. Ich zeig dir den Weg. Komm! Und dann sind wir beide durch die Nacht gestiefelt. Er hat mir erzählt, dass er eine Frau und drei Kinder hat. In Rom. Und dass er hofft, bald wieder nach Hause zu dürfen. Dann waren wir bei meinem Stall. Und tatsächlich: In meiner Futterkrippe liegt der Kleine.
 
Familie-1
 
Daniel: Du meinst Jesus.
Jonas: Genau. Dann ist da noch ­dieser Zimmermann mit seiner Frau. Und um die Krippe scharen sich ein ­jüdischer Hirte, drei weit gereiste Sterndeuter und ein römischer Soldat. Die würden sonst nie ­miteinander reden. Und da habe ich gewusst, dass dieser Jesus wirklich was ganz Besonderes ist.
 
Daniel: Der Messias, Jonas. Ich hab dir doch von den Engeln erzählt.
Jonas: Ja, das könnte wohl der Messias sein. Tja, das war meine Geschichte.
Daniel: Nicht ganz. Dass es wirklich der Messias ist, merkt man auch an dir.
Jonas: Was? Wie meinst du das?
Daniel: Na, du wolltest mich doch feuern, weil ich nicht bei der Herde geblieben bin. Aber gemacht hast du´s nicht. Und wenn einer wie du plötzlich ein weiches Herz bekommt, kann das nur das Werk des Messias sein.
Jonas: Na warte…
 

Wo alles begann

24. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Frau berührt den Stern in der Geburtsgrotte unter der Geburtskirche in Bethlehem. Er trägt die Inschrift »Hic de ­Virgine Maria Jesus Christus natus est« - »Hier wurde von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren«.	Foto: epd-bild/Kobi Wolf.

Eine Frau berührt den Stern in der Geburtsgrotte unter der Geburtskirche in Bethlehem. Er trägt die Inschrift »Hic de ­Virgine Maria Jesus Christus natus est« - »Hier wurde von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren«. Foto: epd-bild/Kobi Wolf.


 

Bethlehem: Hier soll nach der Tradition in einer als Stall genutzten Grotte Maria den Heiland geboren haben.


 
Wo sie steht, soll sich einst die Geburt des Friedefürsten ereignet haben. Doch bis heute geht es in und um die Geburtskirche in Bethlehem mitunter alles andere als friedlich zu.

 
Im vierten Jahrhundert nach Christus machte die byzantinische Königinmutter Helena eine Reise ins Heilige Land und lokalisierte dabei die meisten traditionellen Heiligen Stätten – so etwa den Berg Sinai, die Grabeskirche und die Geburtsgrotte Jesu. Zwischen 327 und 333 ließ Kaiser Konstantin eine erste Basilika bauen. Als im 7. Jahrhundert die Perser alle Kirchen des Landes dem Erdboden gleichmachten, blieb die Geburtskirche verschont. Der persische Kommandeur soll von einem Fresko der Drei Weisen aus dem Morgenland so beeindruckt gewesen sein, dass er das christliche Gotteshaus stehen ließ: Die drei Magier waren persisch gekleidet.
 
Bis in die jüngste Zeit hinein hat die Geburtskirche eine bewegte Geschichte und ist Gegenstand des Streites christlicher Konfessionen. Mitte des 19. Jahrhunderts war sie einer der Hauptgründe dafür, dass die Franzosen in den Krimkrieg gegen Russland einstiegen. Auch während der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzungen wurde sie immer wieder Schauplatz von Kämpfen. Im Frühjahr 2002 verschanzte sich eine Gruppe militanter Palästinenser in dem Gebäude und wurde von der israelischen Armee belagert.
 
Die heutige, im fünften Jahrhundert errichtete Kirche, gehört zu den wenigen vollständig erhaltenen Bauten aus der frühen Christenheit und hat für viele Menschen eine geradezu mystische Ausstrahlung. Selbst muslimische Frauen kommen, stecken ihre Finger in kreuzförmige Löcher einer der uralten Säulen und bitten um Fruchtbarkeit. Palästinensische Christen bringen ihre Neugeborenen an den Geburtsort des Herrn. Sie versprechen sich davon einen besonderen Segen.
 
Zankapfel der Politik und der Konfessionen

Zu Weihnachten geht es in Bethlehem hoch her. Am späten Vormittag des 24. Dezember wird der lateinische Patriarch, der seinen Sitz in Jerusalem hat, von Bevölkerung und Geistlichkeit Bethlehems pompös vor der Geburtskirche empfangen. Aus der katholischen Katharinenkirche, direkt neben der orthodoxen Basilika gelegen, wird am Heiligabend die Christvesper weltweit im Fernsehen übertragen.
 
Nachdem der Moslem Jasser Arafat zum Weihnachtsfest 1995 an diesen Festivitäten teilgenommen hatte, erlebten sie eine zunehmende Politisierung. Zu Ehren des PLO-Vorsitzenden wurde damals ein Modell des Felsendoms auf dem Dach der Geburtskirche platziert, was Beobachter als Demonstration der Herrschaft des Islam über die heiligste christliche Stätte ­interpretierten. Erstmals in der Geschichte der Geburtskirche hing eine Nationalflagge, die palästinensische, an der Kirchenmauer – was weder unter den Türken, noch unter Briten, Jordaniern oder Israelis jemals der Fall gewesen war.
 
Auch ohne Weltpolitik bietet das Areal genug Zündstoff für Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen christlichen Denominationen, die Anspruch auf die Geburtsgrotte Jesu erheben. Besonders zu Festzeiten wird jeder Tritt einer Prozession, die genaue Länge von Gottesdienstzeiten, jeder Besenstrich eines Mönchs beim Hausputz vor dem Fest, mit eisernem Ernst durchfochten. Deshalb haben die britischen Kolonialherren 1929 jede Einzelheit im sogenannten »Status quo« schriftlich dokumentiert, nachdem dieser 1856 in Paris festgelegt und auf dem Berliner Kongress 1878 und im Vertrag von Versailles 1919 noch einmal bestätigt worden war.
 
Zwar konnten die römischen Katholiken (Lateiner) mit Dokumenten aus dem 17. und 18. Jahrhundert
ihre uralten Ansprüche »beweisen«. Durchgesetzt haben sich aber die ­Orthodoxen, die heute das alleinige Recht besitzen, im Hauptschiff der kreuzförmigen Kirche Prozessionen abhalten zu dürfen. Die Armenier, die im nördlichen Querschiff sitzen, dürfen das Hauptschiff nur auf dem Weg in ihren Bereich durchqueren. Und die Lateiner, die den Krippenaltar in der Grotte besitzen, haben nur Durchgangsrechte vom Haupteingang zum Eingang ihres Konvents, und von ihrer Kirche in einer geraden Linie durch das nördliche Querschiff zur Nordtür der Grotte.
 
Sie dürfen keinerlei religiöse Zeremonien in der Basilika durchführen und dürfen dort auch nicht putzen. Die eifrigen Nachfolger des Friedefürsten kämpfen um jeden Quadratzentimeter, um jedes Quäntchen Staub, um jedes Jota Rechtsanspruch. Was zuweilen bis zu blutigen Schlägereien führt. Die Staatsmacht wird in solchen Fällen zur Schlichtung gerufen. Vor einigen Jahren war das noch die israelische Militärregierung, heute ist es die Palästinensische Autonomiebehörde.
 
Die westliche Christenheit kümmert der kleinliche Streit um den Geburtsort Jesu nur wenig. Sie feiert Weihnachten am 24. Dezember – und am Abend dieses Tages sind die Lateiner Alleindarsteller in der Geburtskirche. Die evangelischen Lutheraner haben ihre Weihnachtskirche Luftlinie ein paar Hundert Meter entfernt auf der anderen Seite der Altstadt von Bethlehem und erheben keinen Besitzanspruch auf den angeblich originalen Geburtsort Jesu. Und die orthodoxen Ostkirchen feiern das Christfest erst am 6. Januar.
 
Der wichtige Großputz, beim dem jeder Besenstrich ein Akt von weltpolitischer Bedeutung ist, weil es weniger um Sauberkeit als um Besitzansprüche geht, ist ein Streitpunkt ­zwischen Gläubigen der Ostkirchen. Auch er findet erst im Januar statt, wenn für die Westkirche das Weihnachtsfest schon längst im Rummel von Silvester und Jahreswechsel verklungen ist.
 
Johannes Gerloff

Der Herr des Tages und der Nacht

23. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Foto: picture alliance

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Theologie: Tag und Nacht gehören zur Schöpfung Gottes und stehen unter seiner Herrschaft – Nachdenken über »Heilige Nächte«.

 
In der Nacht erscheint Gott dem Abraham, im Bethlehemer Stall wird des Nachts der Heiland geboren, der später ebenso in einer Nacht ­ver­raten wird. Ein nächtlicher Streifzug durch die Bibel.
 
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein!« – so beginnt ein Weihnachtslied von Dieter Trautwein (EG 56). Die tiefe Nacht der Gottesoffenbarung, die frohe Nacht der Geburt Jesu wird darin zur traurigen Nacht der Menschen in Beziehung gesetzt. In diesem Beziehungsgefüge leuchten Spuren dessen auf, was Nacht in der Bibel bedeutet.
 
Die Finsternis, das lehren die ersten Verse der Bibel, ist älter als das Licht. »Es werde Licht!«, spricht Gott als ersten Satz in der Schöpfung (1. Mose 1,3) und begrenzt mit diesem das Licht hervorbringenden Schöpferwort die Finsternis. Danach benennt Gott die Finsternis als Nacht und setzt sie sprachlich in Opposition zum Licht beziehungsweise zum Tag: Er »nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht«.
 
Tag und Nacht, Licht und Finsternis stehen so als aufeinanderbezogene Dimensionen unter dem Urteil, das Gott über seine Schöpfung gefällt hat: »Gott sah an, alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut«.
 
Nach der Vertreibung aus dem Paradies, nach der Rettung der Menschheit durch die Sintflut hindurch verheißt Gott: »Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht« (1. Mose 8,22).
 
Weder im Raum des Paradieses noch in dem der gefallenen Schöpfung wird also die Finsternis als unbegrenzte Macht oder absolute Kraft gedacht. Dies gilt trotz aller Gefahren, die nach biblischem Zeugnis die Nacht birgt als Zeit des menschlichen Versagens (zum Vergleich vor allem das Verhalten der Jünger Jesu in der Nacht seiner Verhaftung).
 
Dies gilt trotz aller todbringenden strafenden Begegnungen mit Gott in der Nacht (2. Mose 12,29+30) und allen Schmerzen, aller Angst, aller Einsamkeit und Unruhe, die vor allem die Psalmbeter und Hiob in Worte fassen. Und das gilt auch und vor allem angesichts des Todes, des dem Raum der Nacht zugeordneten Schlafes Bruder.
 
Dass die Nacht nicht gottlos ist, sondern dass die Finsternis vielmehr auch ein Bereich Gottes, ja ein Wohnort des göttlichen Geheimnisses ist, das wird in der Bibel vielfach bezeugt. Der weise König Salomo formuliert (1. Könige 8,12): »Die Sonne hat der Herr an den Himmel gestellt; er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen.«
 
»Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht« (EG 16, Strophe 5), dichtet Jochen Klepper in der Adventszeit 1938.
 
Zu dieser theologisch-weihnachtlichen Deutung der Nacht passt, dass die Nacht in der Bibel auch als die Zeit der Gottessuche und des Gebets verstanden wird: »Am Tage sendet der Herr seine Güte, und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.« (Psalm 42,9) Auch für Jesus, so berichten die Evangelien, war die Nacht der Raum für das persönliche Gebet (Lukas 6,12).
 
Vielfach werden in der Bibel nächtliche Gottesbegegnungen und Gotteserfahrungen bezeugt: In Träumen und Nachtgesichten erscheint Gott Jakob und Salomo; auch den nichtjüdischen König Abimelech warnt Gott im Traum und Paulus erfährt vielfach Gottes Ermutigung und Wegweisung in Nachtgesichten.
 
Sowohl im Alten wie im Neuen Testament ist die Nacht auch die Zeit der segensreichen Gottesoffenbarungen: In der Nacht verheißt Gott Abraham so viele Nachkommen als Sterne am Himmel zu sehen sind; in der Nacht sagt er Isaak seinen Segen und die Mehrung seiner Nachkommen zu; in der Nacht verheißt er durch den Propheten Nathan David und seinen Nachkommen das Königtum über Israel; in der Nacht offenbart er den ­Hirten die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem; in der Nacht erweist er seine Macht in der Auferweckung Jesu Christi vom Tode.
 
Auch die christliche Gottesdienstordnung ist von solchen Nachtbezügen gekennzeichnet: »In der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot …« heißt es in 1. Korinther 11,23 von der Einsetzung des Heiligen Abendmahls – und bis heute feiert die christliche Gemeinde am Gründonnerstag einen Abend- oder Nachtgottesdienst. Die zwei wichtigsten nächtlichen Gottesdienste sind bis heute jedoch die Osternacht, in Erinnerung an die Auferstehung Jesu Christi, und natürlich das Weihnachtsfest. Das Licht der Osterkerze am Ostermorgen bezeugt wie die vielen Kerzen in den Gottesdiensten der Heiligen Nacht Jesus Christus, der von sich gesagt hat: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.« (Johannes 8, 12)
 

Dass Jesus in der Heiligen Nacht geboren ist, Christus in der Nacht des Ostersonntags auferstand, findet seine Fortsetzung darin, dass das Gericht, das der Wiederkunft Christi vorausgeht, an manchen Stellen in der Bibel als ein nächtliches Ereignis beschrieben wird. Erst nach Christi Wiederkunft, am Ende der Zeit, so erzählt es die Offenbarung, verschwinden Tag und Nacht, das Fortschreiten der Zeit, ja verschwindet die Dunkelheit und Finsternis für ewig: »Und es wird keine Nacht mehr sein … denn Gott der Herr wird sie erleuchten.« (Offenbarung 22, 5)
 
Bis die Nacht endgültig besiegt sein wird, feiert die Christenheit Weihnachten und singt dabei mit den Worten Martin Luthers: »Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein; es leucht’ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht. Kyrieleis.« (EG 23, Vers 4)
 

Andreas Löw, der promovierte Theologe ist Pfarrer in Korntal.

Griechische Weihnacht: Fest ohne Hoffnung

16. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Mildes Wetter, dennoch harte Zeiten – immer mehr Hellenen kehren ihrer Heimat den Rücken zu

Die Gespenster der Schuldenkrise inspirieren auch griechische Graffiti-Künstler – wie hier auf einem Ladentor in der Hauptstadt Athen. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Aristidis Vafeiadakis

Die Gespenster der Schuldenkrise inspirieren auch griechische Graffiti-Künstler – wie hier auf einem Ladentor in der Hauptstadt Athen. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Aristidis Vafeiadakis


Die Krise in Griechenland wird immer drastischer. Die Wirtschaft liegt brach. Angesichts der Perspektivlosigkeit denken viele Menschen
an Auswanderung – nicht nur die ganz jungen.

Das Wetter ist mild. In den letzten Tagen vor Weihnachten ist das ungewöhnlich für Nordgriechenland. Die Bewohner sind zu dieser Jahreszeit einen rauen Seewind gewohnt. Vor allem in der Hafenstadt Thessaloniki tobt er sich aus. Ganz ­anders in diesem Jahr: Bei angenehmen 13 Grad und Sonnenschein herrscht dichtes Gedränge in der Innenstadt.

Die Massen ziehen an den Schaufenstern entlang, trotz der Krisen­situation herrscht in der Millionenmetropole noch Kauflaune – so als wolle man sich und seinen Liebsten ein letztes Mal etwas gönnen. Dennoch: Von einem regen Konsum vor dem Fest kann allerdings keine Rede sein. Etliche Beschäftigte warten seit Monaten auf ihre Bezahlung. Andere mussten Gehaltskürzungen von mehreren Hundert Euro hinnehmen. Oder sie waren vom massiven Stellenabbau in ihrer Firma betroffen. Wer noch regelmäßig rund 1200 Euro im Monat bekommt, kann sich glücklich schätzen. Die Lebenshaltungskosten sind denen in Deutschland vergleichbar.

»Ausverkauf« – Vorzeichen für kältere Tage

 
Dass die Zeiten sich radikal geändert haben, tritt auch in der City von ­Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands, deutlich zutage. Geschäftsleute klagen über einbrechende Umsätze. An beinah allen Läden gibt es Schilder, die mit Extrem-Rabatten locken. Preisnachlässe bis zu 50 Prozent sind die Regel. Bargeld muss dringend in die Kassen. Auch solche Hinweise sind zuhauf ausgehängt: »Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe« oder »Zu vermieten«. Täglich mehren sich diese Ankündigungen.

Vorzeichen kälterer Tage, Zeiten sozialer Härte. Weihnachten ist in Griechenland in diesem Jahr ein Fest ohne Hoffnung. Für die elf Millionen Hellenen, die zu 98 Prozent orthodox sind, ist es eine notwendige Auszeit vor den massiven Sorgen des Alltags. Die Angst vor Jobverlust, sozialem Abstieg und anhaltender Perspektiv­losigkeit geht um. Viele sehen eine Chance nur noch im Auswandern, auch wenn sie schon ein gesetzteres Alter erreicht haben.

Zu ihnen gehört der 46-jährige ­Kriton Grigoriou. Sein Ziel lautet: Melbourne in Australien. »Ich habe ein Touristenvisum für den Sommer, werde bei einem Verwandten wohnen und mich nach Arbeit umsehen«, berichtet er nüchtern. Die Lage in Griechenland sei »sehr schlecht« – und Aussicht auf zügige Besserung gebe es nicht.

Grigoriou hat in den USA und in England studiert. Sport und Tourismus-Management. Lange hat er in ­einem Reiseunternehmen gearbeitet, dann wurde ihm infolge der Krise gekündigt. Er schlug sich als Aufseher im Byzantinischen Museum von Thessaloniki durch, doch seit einem Monat ist er wieder arbeitslos. »Ein halbes Jahr lang erhalte ich den Einheitssatz von 450 Euro staatlicher Unterstützung«, sagt er.
Die Arbeitslosenhilfe ist in Griechenland zeitlich nach der Beschäftigungsdauer gestaffelt. Maximal wird sie ein Jahr lang gezahlt. Danach fallen viele ins Bodenlose. Sozialhilfe gibt es in Griechenland nicht.

Grigoriou sieht in der Übersiedlung auf den fünften Kontinent seine einzige Möglichkeit, wirtschaftlich wieder Fuß zu fassen. Die Zeit drängt. Er erklärt: »Einwandern kann man in Australien nur bis zum 50. Lebensjahr. Vorausgesetzt, dass man einen Beruf hat, bei dem Nachfrage besteht.« Das gelte besonders für Ärzte, Mechaniker, Pflegekräfte und eben Tourismus-Experten. Mulmig sei ihm schon zumute angesichts des Wechsels in eine neue Welt. Doch immerhin spricht er fließend Englisch und hat seine berufliche Ausbildung im angelsächsischen Ausland absolviert.

Heute gehen Fachkräfte – morgen fehlen sie dem Land

 
Der Abzug von Fachkräften – er könnte die Lage in Griechenland ­verschlimmern. Grigoriou weiß allein aus seinem Freundeskreis von vier Personen, die ihr Glück in einem anderen EU-Land suchen wollen. Der Tourismus gilt zwar als jene Branche, in der Griechenland gute Entwicklungschancen hat. Doch Grigoriou, der vom Fach ist, sagt entnervt: »Ich habe allein im letzten Jahr 250 Bewerbungen geschrieben und keine einzige Antwort erhalten.«

Die Wirtschaft liegt am Boden. Und viele befürchten, dass es wegen der Sparauflagen der Regierung noch schlimmer wird. Loukas Papademos, neuer parteiloser Regierungschef, musste als ersten Akt seiner Amtszeit per Unterschrift ein Bekenntnis zum Konsolidierungskurs des Landes abgeben – Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte es gefordert. Auch von den Chefs der Koalitionsparteien, den ­Vorsitzenden der Sozialisten, Konservativen und Rechtspopulisten. Die Schreiben galten als eine der Voraussetzungen für weitere EU-Hilfen.

In Griechenland teilen sich die Meinungen über den Einfluss und die Kontrolle der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) über den Haushalt des Landes. Viele sprechen auch von einer zu großen deutschen Dominanz. Andere wiederum sehen gerade in der EU-Führungsrolle Deutschlands die einzige Rettung – nicht nur für das eigene Land. Kriton Grigoriou ist dieser Auffassung: »Die Nachrichten überstürzen sich. Man weiß nicht mehr, was man glauben soll und kann. Fest steht: Ich bin für ein vereintes Europa.« Wie sich die Lage im alten Kontinent entwickelt, wird er aber aus dem fernen Australien beobachten.

Gorgio Tzimurtas

»Mein Leben wird von unsichtbarer Hand geführt«

16. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der Schauspieler Horst Krause alias Dorfpolizist Horst Krause über seine Arbeit, sein Leben und den Glauben

Der Brummbär in der Kirchenbank: (v. l.) Elsa Krause (Carmen-Maja Antoni), Horst Krause (Horst Krause), Meta Krause (Angelika Böttiger) und Rudi Weißglut (Tilo Prückner) im neuen Fernsehfilm »Krauses Braut«. Foto: rbb/Arnim Thomaß

Der Brummbär in der Kirchenbank: (v. l.) Elsa Krause (Carmen-Maja Antoni), Horst Krause (Horst Krause), Meta Krause (Angelika Böttiger) und Rudi Weißglut (Tilo Prückner) im neuen Fernsehfilm »Krauses Braut«. Foto: rbb/Arnim Thomaß


Horst Krause ist als liebenswert grummelnder Dorfpolizist im brandenburgischen »Polizeiruf« einem Millionenpublikum bekannt. Am 18. Dezember wird der Schauspieler 70. Am 20. Dezember ist er in der ARD in »Krauses Braut« zu sehen. Steffen Reichert sprach mit ihm.

Herr Krause, Sie werden in Ihren Interviews immer wieder auf die Kons­tellation angesprochen, Horst Krau­se vs. Horst Krause. Heute sollen Sie stattdessen sagen, ob Sie das nervt. Es ist ja für den Zuschauer tatsächlich schwer auseinanderzuhalten, was bei Horst Krause Fiktion und was Realität ist.
Krause: Das ist auch für den Zuschauer unwichtig. Wichtig ist, dass sich der Zuschauer mitgenommen fühlt. So, dass die Frage eigentlich gar nicht auftaucht. Wenn die Frage wirklich auftaucht – was ist Krause, was ist Figur –, dann stimmt vielleicht auch beim Zuschauer was nicht.

Sie sind in den letzten zehn, 15 Jahren ganz stark über die Rolle Krause identifiziert worden …
Krause: Also, wollen wir mal so sagen: Die Wende war für mich ein völlig neuer Abschnitt im Leben. Nach der Wende entdeckten auf einmal Leute Dinge bei mir, die vorher nicht gesehen wurden. Oder vielleicht vorher nicht gesehen werden wollten. Aus welchen Gründen, weiß man nicht. Aber auf jeden Fall – nach der Wende brach für mich eine Zeit an, für die ich dem Schöpfer danken kann.

Denken wir nur an die Geschichte mit der Frotteeunterwäsche. Sie beschwerten sich bis hin zum Parteisekretär eines Chemnitzer Kaufhauses, weil man Ihnen nicht fünf Garnituren verkaufen wollte. Sie waren also offensichtlich jemand, der auch schon vor 1989 deutlich gesagt hat, was er denkt.
Krause: Ja, aber so portioniert, dass man nicht sagen konnte: Der ist gesellschaftsfeindlich eingestellt. Sondern ich habe das so vorgetragen, dass man die Möglichkeit hatte, mich zu korrigieren.

War die Zeit in Chemnitz eigentlich Ihre schönste, Ihre prägendste Zeit?
Krause: Die längste Zeit. Ich war 15 Jahre in Chemnitz am Theater. Danach bin ich ja nach Dresden gegangen.

Sie haben mal gesagt, Sie hätten sich da unterfordert gefühlt …
Krause: Jaja, ich hätte dort vielleicht auch andere Rollen spielen können. Wenn ich mir überlege, was dort gemacht wurde – Don Quichotte und Sancho Pansa. Da hätte ich mich schon als Sancho Pansa gesehen. Aber die Konzeption hätte natürlich eine völlig andere sein müssen. Ich weiß nicht, woran es lag. Ob es an mir lag oder der damaligen Führung.

Ihr Repertoire ist sehr breit angelegt. Welche religiöse oder historische Rolle würden Sie gerne einmal spielen?
Krause: Mich hat immer sehr »Nathan der Weise« interessiert. Aber ich glaube nicht, dass ich ihn in meinem Leben noch spielen werde.

Verbinden Sie mit Kirche beziehungsweise mit Glaube ein besonderes Erlebnis, eine besondere Erfahrung?
Krause: Ja, ich glaube, dass mein ­Leben von einer unsichtbaren Hand geführt wird und habe den Eindruck, das auch zu spüren.

Haben Sie denn schon einmal in einer Kirche als einem Ort der Ruhe gedreht, die plötzlich zum hektischen Tatort wurde?
Krause: Diese Situation hatten wir einmal bei einem »Polizeiruf«. Aber in diesem Fall wird die Kirche zu einem Drehort wie jeder andere.

Nun steht ja in diesem Jahr ein großes Jubiläum an: Wohl wissend, dass Sie eher ungern über Ihr privates ­Leben reden …
Krause: Ja, das möchte ich nicht.

Wollen Sie dennoch sagen, wie Sie diesen 70. Geburtstag im Dezember feiern werden?
Krause: Ich werde nicht zu erreichen sein.

Mit diesem Jubiläum verbindet sich aber eine Frage …
Krause: Ich habe kein Jubiläum.

Okay. Dennoch: Ihr Kollege Peter Sodann ist als »Tatort«-Kommissar vom MDR mit 70 in den Ruhestand geschickt worden.
Krause: Wir sind beide nicht zu vergleichen!

Aber normalerweise wird man als Polizeibeamter spätestens mit 67 Jahren pensioniert. Denken Sie darüber nach?
Krause: Nein, denke ich nicht, weil ich glaube, dass das die Zeit entscheidet. Und da soll man nicht drüber nachdenken. Man soll sich auf das Heute freuen! Über das Gestern nachdenken und sich auf das Morgen auch freuen!

Das kommt ja wie in Stein gemeißelt. Was haben Sie denn sonst noch für Pläne – Theater zum Beispiel?
Krause: Ich mache manchmal unbewusst Theater.

Mal im Ernst…
Krause: So, wie ich im Moment zu tun habe, das genügt mir. Weil ich ja auch mit meiner Freizeit gerne etwas anzufangen weiß. Was kommt, wird gemacht, mit Freude gemacht. Wie war das bei Goethe? Ältestes bewahrt mit Treue, freundlich aufgefasstes Neue.

Advent und Weihnachten sollen im biblischen Sinne einladen zum Innehalten. Haben Sie Gelegenheit dazu?
Krause: Die innere Einkehr ist bei mir nicht an die Jahreszeit gebunden.

Fernsehtipp: »Krauses Braut« wird am
20. Dezember 2011 um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.

 
Zur Person
Horst Krause, geboren in Bönhof in Westpreußen, feiert am 18. Dezember seinen 70. Geburtstag. Im Zuge der Vertreibung als eines von fünf Kindern 1947 ins brandenburgische Ludwigsfelde gekommen, wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Er absolvierte eine Lehre als Traktorist, arbeitete als Laienschauspieler und wurde nach einem Schauspielstudium 1969 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) engagiert. Seinen nationalen Durchbruch erreichte er erst nach 1990. Krause drehte u. a. mit Hape Kerkeling und Wolfgang Stumph, Joachim Król, Evelyn Hamann und Gerd Dudenhöfer – meist stellt er humorvoll-markante Typen dar. ­Inzwischen als grummelnder, liebenswerter Polizeihauptmeister beim ­»Polizeiruf« des RBB ermittelnd, ist er längst einem Millionenpublikum ­bekannt. Aus dieser Krimireihe heraus ­entwickelte sich die erfolgreiche Filmreihe »Krauses Fest«, die den Polizeibeamten privat mit seinen Sorgen und Nöten zeigt.

Weniger ist mehr

15. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Überfluss: Die Volkskrankheit »Zuvielitis« macht auch vorm Kinderzimmer nicht Halt

Auch für die Weihnachtsgeschenke gilt: Es müssen nicht viele sein. Ein einziges Präsent kann Freude genug auslösen. Foto: picture-alliance/dpa

Auch für die Weihnachtsgeschenke gilt: Es müssen nicht viele sein. Ein einziges Präsent kann Freude genug auslösen. Foto: picture-alliance/dpa


Das Angebot an Spielsachen ist unüberschaubar groß und verlockend zugleich. Doch ein Zuviel an Geschenken und Eindrücken überfordert die Kinder.

Voriges Jahr durfte oder besser gesagt musste Jannik (6) jeden Tag vier Adventskalender öffnen: Den mit Schokolade von der netten Nachbarin, den mit den roten Säckchen von der Patentante, in dem Süßes oder ein Zettel mit der Ankündigung einer gemeinsamen Aktivität steckte, zwei von den Großeltern – ­einen mit einem Legospielzeug für ­jeden Tag und einen mit Mini-Bilderbuch. »Richtig freuen konnte sich Jannik gar nicht mehr – er hat nur noch abgeräumt«, erinnert sich seine Mutter Steffi Klein (Name geändert).

Diese Erfahrung mit der Überfülle weckt in ihr die Sehnsucht nach dem guten ­alten Adventskalender, der jeden Tag mit einem schlichten bunten Bild ­erfreute. »Weniger ist mehr«, hat sie deshalb beschlossen und Freunden und Großeltern mitgeteilt: »In diesem Jahr kriegt Jannik nur von uns einen Kalender.«

Mit ihrer Entscheidung liegt Steffi Klein auf der Linie dessen, was die neuere Hirnforschung belegt: »Zu viele Eindrücke legen das Lustzentrum des Gehirns lahm, sodass wir uns weder richtig begeistern noch freuen können«, erklärt Archibald Hart in seinem Buch »Wer zu viel hat kommt zu kurz«.

Immer neue Angebote zur Unterhaltung, Freizeitevents und Medien versprechen Glück, Zufriedenheit, Bildung und Erfolg. Und so führt für viele der Weg zum vermeintlichen Glück über das Kaufen und Konsumieren.

»Und so führt für viele der Weg zum vermeintlichen Glück über das Kaufen und Konsumieren«

 
Diese Haltung macht auch vor den Kinderzimmertüren nicht halt: Kuscheltiere en masse, Puzzles, Kons­truktionsspielzeug von Holzeisenbahn über Bauklötze und Legosteine, eine Flut pädagogisch wertvoller Lernspiele, von Büchern, Hörbüchern und Computerspielen lassen die Spielzeugregale überquellen. Mit dem Ergebnis, dass Kinder angesichts der Fülle kaum noch wissen, womit sie spielen sollen.

Erzieherin Reinhild Pelger setzt sich für ein reduziertes Angebot und die bewusste Auswahl von Spielzeug ein – und dafür, dass ­Eltern es aushalten, wenn ihre Kinder auch mal über Langeweile jammern. »Man muss Kinder auch mal in Ruhe lassen. Sie brauchen nicht unentwegt Vorschläge. Sie suchen und finden Spiel-Räume – man muss ihnen aber auch Zeit dafür lassen«, ist Pelgers Erfahrung.

Kinder brauchen nicht immer neues Spielzeug. Sie müssen nicht unentwegt unterhalten und beschäftigt werden. Kinder brauchen so etwas wie die »Expedition zu den Gegenständen des täglichen Lebens«, fordert Donata Elschenbroich. Sie gilt als Expertin für Bildung in den frühen Jahren und hat sich auf dem Gebiet der international vergleichenden Kindheitsforschung einen Namen gemacht. Sie ermutigt Eltern, Kinder nicht ausschließlich in die Sonderwelt von gekauftem Spielzeug zu entlassen, sondern sie in den ganz normalen Alltag einzubeziehen.

Kinder brauchen und lieben es, mitmachen und helfen zu dürfen. Beim Einkaufen und Aufräumen, beim Wäscheaufhängen und Autoputzen, beim Kochen und Backen, beim Laubfegen und Tischdecken. Und sie brauchen es, dass Eltern ­gemeinsam mit ihnen ganz banale Alltagsgegenstände entdecken. Denn, so führt Donata Elschenbroich aus: »In den Dingen steckt das Wissen der Welt und die Alltagsgegenstände sind spannender als viele Spielzeuge.«

Was zum Beispiel kann man mit einer Wäscheklammer alles machen? Und wie ist zu erklären, dass dieses Wunderding immer wieder in die Ausgangslage ­zurückkehrt? Wie funktioniert eine Stimmgabel? Und was lässt sich mit ihr entdecken? Donata Elschenbroich erinnert an die »Wunderkammer« des frommen Reformpädagogen August Hermann Francke, der für seine ­Zöglinge eine solche Wunderkammer mit alltäglichen und geheimnisvollen Exponaten anlegte, um »über die Welt staunen zu lernen und Gottes Taten
zu feiern«.

»So gewinnen womöglich die einfachen Freuden und die Rituale vergangener Tage wieder neue Bedeutung«

 
Die meisten Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Angesichts von verheerenden Pisa Studien boomt das Angebot von Frühförderungskursen: Englisch für Kleinkinder ab drei Monate, Frühschwimmen, musikalische Förderung und und und. »Verplante Kindheit«, nennen Wissenschaftler die nicht selten entstehende Terminhetze, denen Kinder vermehrt ausgesetzt sind. Hinzu kommt schon früher Medienkonsum: Kassetten und Hörbücher, Fernsehen, Playstation und Computer vertreiben zwar vordergründig die Langeweile oder vermitteln womöglich sogar Wissen.

Sie sorgen zugleich aber für Mangel an Bewegung und für eine Flut von kaum zu verarbeitenden Eindrücken. Handeln und Gestalten sind nicht ­gefragt. Das Fernsehkind wird leicht zum Konsumkind. Weil es beim Fernsehen nicht die Möglichkeit habe, selbst etwas einzubringen, fehle ihm das Gefühl, anderen etwas geben zu können. »Es bleibt ohne emotionale Bindung«, urteilt der renommierte Hirnforscher Prof. Gerald Hüther.

Nachhaltig präge sich nur das ein, was wiederkehrt und was eigene ­Aktivität erfordert, betont er. Neuronale Verknüpfungen und Bahnen entstehen durch Wiederholung und Rituale. Und so gewinnen womöglich die einfachen Freuden und die Rituale vergangener Tage wieder neue Bedeutung: die Reime und Kinderlieder, die Dämmerviertelstunde bei Kerzenlicht, das Gutenachtgebet, der Kakao nach dem Baden am Freitagabend, das Verkleide- und Verwandlungsspiel, der Spaziergang im Wald, und die Kunst, aus einem Stock eine Wünschelrute, einen Zauberstab oder eine Bohrmaschine zu machen. Weniger ist mehr – Eltern und Kinder können es gemeinsam entdecken.

Karin Vorländer

Lesetipps

Elschenbroich, Donata: Die Dinge. Expeditionen zu den Gegenständen des täglichen Lebens, Kunstmann Verlag, 206 S., ISBN 978-3-88897-681-0, 18,90 Euro
Hüther, Gerald/ Nitsch, Cornelia: Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden, Gräfe und Unzer, 224 S., ISBN 978-3-8338-0747-3, 19,99 Euro

Der trauernde Wirt

15. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Erzählung: Eine Variation zur biblischen Weihnachtsgeschichte

Foto: picture-alliance/dpa

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Der Wirt spielt in der Geschichte von Jesu Geburt eine undankbare Rolle.
Ein neuer Blick auf ihn.

Seit Rut am 3. Elul gestorben ist, quäle ich mich durch die Tage. Nichts macht mir Freude, nirgends sehe ich einen Sinn. Dabei bemühe ich mich, von meiner Leere nichts nach außen dringen zu lassen, und vermutlich gelingt mir das auch. Ich begrüße die Gäste freundlich wie immer, bediene sie schnell, nehme keine überhöhten Preise und versuche, jedem zu helfen. Aber ich habe keine Freude daran.

Es gab ja immer einmal Zeiten, in denen wir viele Gäste hatten und weder die Schlafplätze für die Menschen noch die ­Abstellplätze für die Gespanne ausreichten. Wie haben wir da geräumt und überlegt, um keinen abweisen zu müssen! … Dabei ging es uns nicht in erster Linie ums Geld, sondern wir hatten Freude, wenn uns die Arbeit gelang. Rut besonders. Wie war sie ­erfinderisch, wenn sie unbedingt noch Platz für einen Strohsack brauchte. Nie wurde ihr die Arbeit zu viel. Ich entsinne mich, wie sie mich einmal hinters Haus rief und mir die viele ­Wäsche zeigte, die sie gewaschen und aufgehängt hatte. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie lang weg gewesen wäre. Stolz und glücklich sah sie mich an.

Obwohl Rut nun fast vier Monate tot ist, kann ich ihren Verlust immer noch nicht fassen. Wenn ich an ihrem Grab stehe, und ich gehe jeden Morgen zum Friedhof, begreife ich nicht, dass sie darin liegt. Wenn ich morgens aufwache, verstehe ich nicht, weshalb sie nicht neben mir liegt. Soll das denn nun das ganze Leben so weitergehen, ohne sie aufwachen, ohne sie den Tag über arbeiten, ohne sie die nächtliche Runde gehen und dann ohne sie einschlafen?

Ich kann nicht sagen, dass niemand Anteil nähme. Vor allem natürlich die beiden Kinder; sie sind selbst traurig, aber sie haben ihre eigenen Familien, ihr Alltag hat sich nicht geändert. Die Tochter hat neulich vorgeschlagen, ich solle die Gastwirtschaft verkaufen und zu ihr ziehen. Auf ­ihrem Hof gäbe es genug Arbeit, und ich wäre nicht allein. Aber Rut fehlte mir dort genauso, wie sie mir hier fehlt. Hier habe ich wenigstens meine gewohnte Umgebung und meinen ­gewohnten, mit Rut gelebten Tagesablauf – wenn mir das alles auch nicht hilft.

Und die vielen herzlichen, teilnehmenden Worte, die ich seit Ruts Tod immer wieder höre. Die meisten sind wirklich ehrlich gemeint, denn wir ­haben viele Freunde. Die Nachbarn und die Verwandten wollen mir etwas Gutes tun. Ich höre, was sie sagen, denke, ja, sie haben Recht mit ihrer Mit-Trauer, mit ihren Beileidsäußerungen, mit den Versicherungen ihrer treuen Verbundenheit und auch mit den oft hilflosen Trostversuchen – aber sie erreichen mein Herz nicht. Ich hatte mir nie vorstellen können, jemals so verzweifelt, so ohne jede Freude und Hoffnung zu leben.

Das ist vielleicht die einzige Veränderung, die die Menschen in meiner Umgebung spüren: Ich singe nicht mehr. Ich habe früher stets bei der ­Arbeit gesungen. Und: Ich scheuche die Mägde und Knechte nicht mehr so heftig wie früher. Nicht, dass ich nicht nach wie vor auf Sauberkeit und Schnelligkeit achtete. Aber das tue ich eher aus Gewohnheit, es ist mir gleichgültig geworden.

Jetzt ist das Haus wieder voll. Ich habe mich all der Ecken und Winkel entsonnen, in denen Rut zusätzliche Schlafplätze eingerichtet hatte. Ich selbst werde heute Nacht auf dem Dach schlafen. Ganz zum Schluss, es war schon dunkel, hat mir Rut besonders gefehlt, und ich spürte meine Einsamkeit stärker als den ganzen Tag über: Ein Mann stand vor mir, seine schwangere Frau saß auf einem Esel, und sie suchten eine Unterkunft. Dass ich sie nicht abweisen konnte, war klar.

Ich wollte sie aber auch nicht aufs Dach schicken, dort war noch Platz. So habe ich die vier jungen Männer, die sich im Stall schon eingerichtet hatten, gebeten, aufs Dach zu gehen und dem Paar Platz zu machen. Sie haben gescherzt und gelacht und gesagt, wenn das Kind heute Nacht noch geboren würde, müsste ich ihnen Wein spendieren, am besten gleich allen Gästen, die hier übernachteten.
So vergnügt war ich auch einmal.

Wie hätte sich Rut um die Schwangere gekümmert! Fürsorglich hätte sie sich ihrer angenommen und es ihr so bequem wie möglich gemacht. Ich will der Magd gegenüber nicht ungerecht sein, die ich in den Stall geschickt habe. Sie hat sich große Mühe gegeben, und der Mann kam eigens noch einmal in die Wirtsstube, um sich für die Aufnahme und die Hilfsbereitschaft zu bedanken. Er wirkte sehr erschöpft und ist gleich wieder zu seiner Frau hinübergegangen.

»Dass die Familie morgen auf jeden Fall noch da sein wird, wirkt wie ein Trost«

 
Auch ich war erschöpft, als ich vorhin ums Gehöft gegangen bin. Es ist heute sehr spät geworden. Trotzdem wäre mir nicht in den Sinn gekommen, von etwas abzuweichen, woran ich mit Rut gewohnt war, und ohne diesen abendlichen Gang schlafen zu gehen. Natürlich habe ich auch einen Blick in den Stall geworfen, vermutlich von dem Paar gar nicht bemerkt: Die Frau hat tatsächlich ein Kind ­geboren.

Der Vater hielt es gerade in den Händen, als ich vorbeiging. Am liebsten wäre ich stehen geblieben und hätte es länger angeschaut. Aber ich sagte mir, lass die drei jetzt allein, du kannst morgen am Tag zu ihnen gehen und das Kind in Ruhe anschauen. Dass die Familie morgen auf jeden Fall noch da sein wird, wirkt wie ein Trost.

Nun sitze ich hier, wo ich mit Rut auch gesessen habe, und mit einem Mal habe ich das Gefühl, ich hätte sie nicht für immer verloren. Das ist Unsinn, denn sie liegt ja dort auf dem Friedhof begraben, und Tote sind noch nie wiedergekommen. Aber das neue Gefühl lässt sich nicht unter­drücken, und ich will es ja auch nicht unterdrücken; ich will mir nur nichts vormachen und mich nicht selbst betrügen.

Auch denke ich plötzlich, mein restliches Leben müsse nicht nur stumpf und sinnlos sein. Und vielleicht wache ich morgen zum ersten Mal nicht mit dem Gefühl auf, der neue Tag sei eine riesige Last, die ich auf mich zu nehmen und zu tragen habe. So hat seit Ruts Tod jeder Tag begonnen, und ich habe gedacht, das bliebe für immer so.

Ach Rut, wärst du doch bei mir! Du schautest gewiss noch einmal nach dem neugeborenen Kind und seiner Mutter.
Ich habe das Gefühl, du bist mir zum ersten Mal seit dem 3. Elul wieder nahe.

Jürgen Israel

Aus: Bick, Amet (Hg.): Der Wirt packt aus. Zwölf Variationen zur Weihnachtsgeschichte, Wichern-Verlag, 132 S., ISBN 978-3-88981-332-9, 12,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161

Glaubenssache: Brauchen wir ein neues Bekenntnis?

15. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Pro und Kontra: Ein gemeinsames Bekenntnis soll verbinden – doch immer wieder gibt es Streit um die traditionellen Formulierungen

In jedem Gottesdienst wird es gemeinsam ­gesprochen: das Glaubensbekenntnis. Zumeist das sogenannte Apostolikum. Doch an seinen Formulierungen reiben sich nicht wenige ­Christen. Für eine Neuformulierung gibt es gute Gründe. Doch auch für eine Beibehaltung des ­alten Textes gibt es gute Argumente.

Pro
Felix Leibrock, promovierter Theologe, Pfarrer in Apolda und ehrenamtlicher Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Felix Leibrock, promovierter Theologe, Pfarrer in Apolda und ehrenamtlicher Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Das Apostolikum ist alt und ehrwürdig. Es wird überall auf der Welt, auch ökumenisch gesprochen. Aber ist es zeitgemäß? Und wo ist die zentrale Botschaft des Jesus von Nazareth?

Zeitgemäß: Repräsentative Umfragen zeigen, dass der Glaube an dogmatische Lehrsätze dramatisch einbricht, auch unter
Christenmenschen. Viele wollen Gott bekennen als den, dessen Spuren sie ganz persönlich in ihrem Leben entdecken. Wer nicht betriebsblind sein will, sieht diese Verunsicherung vieler. Sie wird noch vergrößert durch das antik-mittelalterliche Weltbild von Himmel, Erde und Hölle, das hinter dem Apostolikum steht. Kopernikus hat mit der Vorstellung der Erde als Mitte des Universums aufgeräumt.

Ein zeitgemäßes Credo nimmt ­solche Erkenntnisse ernst. Sonst darf sich niemand wundern, wenn intelligente ­Religionskritiker wie Richard Dawkins die Bestsellerlisten erobern. Auch erschließt sich die »Theologengeheimsprache des 2. bis 5. Jahrhunderts« (J. Zink) nur schwer. Jesus hat mit seinen Reden die Hirten, Winzer, Frauen in ihrer Lebenswelt abgeholt. Luther hat dem Volk aufs Maul ­geschaut und die Bibel in zeitgemäße Sprache übersetzt. Das Credo ist zu wichtig. Es darf nicht irgendwann in der Mottenkiste landen, weil nur noch wenige seine Sprache und Bilder verstehen.

Jesu zentrale Botschaft: Heute fragen viele angesichts von Konsumdiktat und seelischer Obdachlosigkeit nach einem sinnerfüllten Leben. Jesus, der »glücklichste Mensch, der je gelebt hat« (D. Sölle), lebt ein solches Leben vor: Von Gott durchleuchtet, beflügelt, ermächtigt verströmt er Glück: Er wendet sich den Einsamen zu, stärkt die Position von Frauen und Kindern, betet abgeschieden, feiert mit den Menschen, predigt vom Seligsein, öffnet sich Ausländern, kritisiert die Gesetzesfanatiker, zweifelt auch an Gottes Nähe.

Er kennt grüne Auen und finstere Täler. Immer ist er verbunden mit Gott. Er zeigt eine andere Welt auf, zusammengefasst als »Reich Gottes«, das im Hier und Heute beginnt. Und das Apostolikum? Spart das aus. Zu seiner Entstehungszeit waren andere Themen wichtig. Das ist verständlich. Aber die Fragen ­haben sich heute gewandelt. Jesus hat Antworten. Die kann man bekennen.

Warum nicht ein ökumenisches Konzil? Hans Küng hat es schon einmal ­zuwege gebracht, sogar religionsübergreifend. Das Projekt Weltethos ist das ­Ergebnis. Ein Glaubensbekenntnis der Christenheit in unserer Sprache, das das naturwissenschaftliche Weltbild ernst nimmt und auch das Reich Gottes umfasst, das ist eine Aufgabe voller Verheißung.

Kontra

Martin Luther hat im Kleinen Katechismus fünf Texte zusammengestellt und mit Erklärungen versehen, die er für unentbehrlich für jeden Christenmenschen hielt: die Zehn Gebote, das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, den Taufbefehl und die Einsetzungsworte des Heiligen Abendmahles. Vier davon sind der Bibel entnommen. Das Glaubensbekenntnis ist eine Zusammenstellung von Bekenntnisaussagen der Alten Kirche, die sich aber alle für sich genommen in der Bibel finden.

Thomas Küttler, lutherischer ­Theologe, von 1979 bis 2002 Superintendent in Plauen, jetzt im Ruhestand.

Thomas Küttler, lutherischer ­Theologe, von 1979 bis 2002 Superintendent in Plauen, jetzt im Ruhestand.


Sicher kann jeder für sich persönlich ein Bekenntnis seines Glaubens formu­lieren. Luther selber tut das ja in seinen »Erklärungen« im Katechismus. Um der Einmütigkeit und Einstimmigkeit der Christen willen sollte jedoch niemand seinen Bekenntnistext an die Stelle des gottesdienstlichen Glaubensbekenntnisses treten lassen oder gar für andere verbindlich machen wollen. Das Nizänum verbindet uns mit Christen weltweit, das Apostolikum stärker mit der Christenheit aller Jahrhunderte seit Christi Geburt. Das ist ein kostbares Gut.

Dass es nicht unsere Sprache spricht, sondern die des Neuen Testaments, sollte niemanden verwundern. Übersetzungsarbeit ist allemal zu leisten. Ein Beispiel: Die Doppelzeile »empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria« ließe sich einmal übersetzen mit: »Er stammt von Gott und wurde von ­Maria zur Welt gebracht.«

Aber bei Übersetzungen geht meist etwas verloren. Das Original ist unersetzbar. Das Apostolikum mit seinen knappen Formulierungen spricht sich zudem gut im Chor. Wenn wir darauf achten, dass unsre Kinder noch dabei sind, wenn die Gemeinde im Gottesdienst ihren Glauben bekennt, dann wird ihnen der Text vertraut, und wir ­können dann das Vertraute einmal verfremden, um eine Aussage besonders zu betonen.

Es stellt sich auch die Frage: Gibt es ­etwas, was uns im Apostolikum zu sehr fehlt? Es geht nicht darum, das Glaubensbekenntnis mutwillig zu erweitern. Wohl aber ist denkbar, dass etwas Vermisstes aus besonderem Anlass einmal besonders herausgestellt wird. Ich denke an den 10. Sonntag nach Trinitatis. Da könnte unserm Bekenntnis zu Christus, das heißt zu dem Messias des erwählten Volkes, dazugesetzt werden: »… ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.« Eine biblische Einfügung (vgl. Jes.49,6; Luk 2,32).

Wer sich schon einmal derartige Gedanken gemacht hat, der lernt freilich auch das Staunen über die Prägnanz und Dichte der Sprache, die diese altkirch­lichen Texte sprechen, und kehrt immer wieder dankbar zu ihnen zurück.

Wege ins »Gelobte Land«

13. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Bis heute wandern Juden aus aller Welt nach Israel ein – drei Beispiele aus drei Generationen

Symbol für die Sehnsucht nach Jerusalem: Die Westmauer des früheren Tempels in Jerusalem gilt Juden aus aller Welt als heiliger Ort des Gebets. Fotos: Harald Krille (3), Reinhard Heubner (1)

Symbol für die Sehnsucht nach Jerusalem: Die Westmauer des früheren Tempels in Jerusalem gilt Juden aus aller Welt als heiliger Ort des Gebets. Fotos: Harald Krille (3), Reinhard Heubner (1)


Auslöser war der zunehmende Antisemitismus in Europa: Ende des 19. Jahrhunderts entstand der moderne Zionismus – der Traum vom freien jüdischen Leben im eigenen Land.

Henry Stern gestikuliert unter einem Olivenbaum im Kibbuz Lavi, nahe des Sees Genezareth. Er erzählt von einer amerikanischen Reisegruppe, die ihn fragte, wie es komme, dass die Kibbuzim immer in den schönsten Parks gebaut wurden? »Als wir 1949 als junge Männer hier ankamen, gab es nur Steine und Geröll, zwei oder drei Olivenbäume, kein Wasser«, erinnert sich der heute 86-Jährige.

Zehn Jahre zuvor war der in Stuttgart geborene Henry im Alter von 14 Jahren im Rahmen einer Kinderevakuierung gerade noch aus Deutschland herausgekommen. Er kam nach England, bereitete sich dort in einem Farmkurs auf die »Alija«, die Auswanderung ins »Gelobte Land«, vor. Viel hat die britische Farmausbildung nicht geholfen. »Immerhin – wir haben gelernt, wie eine Kuh aussieht«, schmunzelt Henry Stern. »Der junge Staat unterstützte uns so gut es ging, aber wir mussten unsere Erfahrungen durch Versuch und Irrtum machen.«

Henry Stern

Henry Stern


Von den Mühen der Anfangszeit ist nichts mehr zu spüren: 1000 Kühe, 600000 Hühner, 800 Menschen, eine eigene Möbelfabrik und ein Gästehaus in idyllischer Parklandschaft. Aber auch Schutzräume und Bunker in allen Häusern, Kindergärten, Schulen gehören heute zur Heimat von Henry. 4000 Raketen feuerte die Hisbollah im Libanon vor fünf Jahren auf den Norden Israels. Dennoch gibt sich Henry Stern gelassen: »Wir wissen im Nahen Osten doch nie, was morgen passiert«.

Hadar Samalo gehört zu den fast 100000 äthiopischen Juden, die seit den 80er Jahren in teils spektakulären Aktionen aus Not, Verfolgung und Bürgerkrieg evakuiert wurden. Die sogenannten Falascha führen sich selbst auf die Begegnung des biblischen Königs Salomo mit der Königin aus Saba zurück. Den Juden gelten sie als Nachkommen des Stammes Dan. Fest steht, dass sie über Jahrhunderte eine archaische Form des Judentums bewahrten. Und die große Sehnsucht, eines Tages nach Hause, nach Zion zu kommen.

Hadar Samalo

Hadar Samalo


Die heute 44-jährige Hadar wusste nichts vom Staat Israel, als sie sich 1984 auf den Weg macht. Aber es sollte irgendwie im Sudan die Möglichkeit bestehen, ins »Gelobte Land« zu ­kommen, »dem Land, wo Milch und Honig fließen«. Gemeinsam mit zwölf anderen jungen Leuten vertraut sie sich bezahlten Führern an, wird von ihnen verraten, von Räubern überfallen. Irgendwie schafft sie es bis in ein Flüchtlingslager des Roten Kreuzes im Sudan.

Dort wird sie von Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad entdeckt und auf damals noch geheimen Wegen nach Israel gebracht. Lange braucht sie, um sich im modernen Land Israel zurecht zu finden. Kulturen prallen aufeinander. Heute ist sie selbst Leiterin eines Aufnahmezentrums für afghanische Einwanderer in der Nähe von Jerusalem. Wurden ihre übersteigerten Erwartungen an »Zion« nicht enttäuscht? »Nein, ich bin froh und glücklich«, bekennt Hadar Samalo. Die einzige Enttäuschung sei die Erfahrung, dass es säkulare Juden gibt, die die Gebote nicht halten.

Arye Sharuz Shalicar

Arye Sharuz Shalicar


Zu diesen eher säkularen Juden ­gehört auch der 1977 geborene Arye Sharuz Shalicar. Der heutige Sprecher der israelischen Armee im Range eines Hauptmanns, der fließend zehn Sprachen spricht und Politikwissenschaften und Geschichte studierte, kam vor zehn Jahren nach Israel. Zuvor musste der Sohn iranischer Juden, die vor dem Ajatollah-Regime geflohen waren, wegen ­seiner Abstammung erleben, wie er durch Berlins Straßen gejagt wurde. Nicht von unbelehrbaren Deutschen, sondern von jungen Muslimen. »Diesen neuen muslimischen Antisemitismus in den Straßen Deutschlands habe ich jahrelang am eigenen Leib zu spüren bekommen«, erinnert er sich bitter.

Seine Erfahrungen hat er in dem Buch mit dem Titel »Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude« aufgeschrieben. »Für Deutsche war ich ein Türke, für die Türken und Araber ein verhasster Jude, hier in Israel bin ich als Jude endlich zu Hause – ob ich in die Synagoge gehe oder nicht, hier bin ich Mensch unter Menschen.«

Das ist es auch, was für Reuven Rozen im Mittelpunkt steht. Der Sohn dänischer Juden, die einst mit einem Fischkutter vor der SS flohen, ist einer der leitenden Mitarbeiter des Keren Hayessod. Die Stiftung fördert seit 1920 den Aufbau des Landes und die Integration der Neubürger. Zu den Unterstützern gehören nicht zuletzt Christen in Deutschland (siehe unten). »Jeder Jude auf der Welt kann und soll wissen, dass er jederzeit in ­Israel eine Heimat hat«, so das Credo von Reuven.

www.kh-uia.org.il

Harald Krille
 

»Jesus ist ohne Israel nicht zu haben«

 
Warum Christen Israel unterstützen – drei Fragen an Wilfried Gotter von den Sächsischen Israelfreunden

Eine der größten Israel-Unterstützer-Gruppen im mitteldeutschen Raum sind die Sächsischen Israelfreunde. Soeben wurden sie für ihren Einsatz sogar vom israelischen Parlament geehrt. Drei Fragen an den Geschäftsführer Wilfried Gotter.

Seit wann gibt es die Sächsischen Israelfreunde und was ist das Anliegen des Vereins?
Gotter: Die Sächsischen Israelfreunde wurden nach dem 50. Geburtstag des Staates Israel 1998 gegründet. Auslöser war eine erste große Konferenz in Chemnitz mit fast 6000 Teilnehmern. Seither fanden 15 Sächsische Israelkonferenzen statt. Da Israel in der ­Bibel kein Nebenthema für irgend­welche Spezialisten ist, lohnt es, sich kontinuierlich damit zu beschäftigen. Schwerpunkte unseres Tuns sind die Versöhnungs- und Bildungsarbeit im Blick auf Israel und das Judentum. Dazu gehört etwa auch die Unterstützung von Holocaust-Über­lebenden und Terroropfern. Und wir ermutigen zum Gebet für Israel. Die nächste ­Israelkonferenz findet übrigens am 17. Mai 2012 im Bildungs- und Begegnungszentrum im vogtländischen Reichenbach statt.

Wilfried Gotter ist Geschäftsführer der Sächsischen Israelfreunde e.V.

Wilfried Gotter ist Geschäftsführer der Sächsischen Israelfreunde e.V.


Die Sächsischen Israelfreunde unterstützen unter anderem die Organisation Keren Hajessod. Warum eine dem Zionismus verpflichtete Gruppe?
Gotter: Christen sind eingepfropft in den edlen Ölbaum Israel: »Nicht du trägst die Wurzel sondern die Wurzel trägt dich.« Man lese dazu den Römerbrief. Da der Jude Jesus ebenfalls Zionist war, wäre es verwunderlich, wenn wir es nicht wären. Wenn man Christ ist, kommt man an Jesus und seinem Land nicht vorbei. Jesus ist ohne Israel nicht zu haben. Geistlich und weltpolitisch haben wir als Christenheit keine Zukunft ohne Israel. Und noch eins ist wichtig: Das jüdische Volk ist das Gerichtskriterium Gottes für die nichtjüdischen Völker, siehe beim Propheten Joel. (Joel 4,1-4)
 
Und wie schätzen die Sächsischen ­Israelfreunde die Arbeit des Keren Hajessod ein?
Gotter: Aus der eben beschriebenen Sicht war und ist es uns eine große Freude, nach unseren Möglichkeiten den Keren Hajessod, der zu den drei großen Säulen der Unterstützung ­Israels gilt, zu helfen. Der Segen fliest zurück – denn wer Israel segnet, soll gesegnet sein! Übrigens die anderen zwei Säulen, die Jewish Agency, die ­offizielle Einwanderungsorganisation Israels, und den Jüdischen Nationalfonds, Keren Kayemeth Leisrael (KKL), unterstützen wir ebenfalls. Beispielsweise durch Baumpflanzungen in der Wüste. Vertreter dieser Organisationen sind natürlich auch auf unseren Konferenzen anwesend.

www.zum-leben.de

Ganz und gar Familienmensch

12. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Martin Luther und seine Familie

Gemälde von Gustav Adolph Spangenberg »Luther im Kreise seiner Familie«. Foto: akg-images

Gemälde von Gustav Adolph Spangenberg »Luther im Kreise seiner Familie«. Foto: akg-images

Mein Herr hat mich plötzlich, während ich ganz andere Gedanken hatte, wunderbar in die Ehe geworfen mit Katharina Bora, jener Nonne«, schrieb Martin Luther am 20. Juni 1525 voller Begeisterung an seinen Freund und Mitstreiter Wenzeslaus Linck. Und das, obgleich er da noch keine »hitzige Liebe oder Leidenschaft« für seine Frau empfand. Hatte er selber sich auch mit der Ehe schwergetan – noch drei Jahre zuvor schrieb er: »Mir graut und ich predige nicht gern vom ehelichen Leben, deshalb, weil ich befürchte: wo ichs einmal recht anrühre, wird’s mir und andern viel zu schaffen geben – so galt sie ihm doch als ein Geschenk Gottes.«

Als Geschenk Gottes erwies sich schließlich auch seine Käthe, »die beste Frau und d(as) geliebteste Weib«, die es ihm letztlich nicht schwer machte, der klaren Anweisung der Schrift »für die Ordnung in der Familie zu folgen: Liebet eure Frauen und erziehet eure Kinder«.

Martin und Käthe hatten sechs Kinder: Johannes (1526–1575), Elisabeth (1527–1528), Magdalena (1529–1542), Luthers Liebling, Martin (1531–1565), Paul (1533–1593) und Margarethe (1534–1570). Nach dem Tod der gerade acht Monate alten Elisabeth bekennt Luther: »Das hätte ich nie zuvor gedacht, dass ein väterliches Herz so weich werden könnte wegen der Kinder.

Der Tod der zwölfjährigen Magdalena trifft die Eltern tief: Und obwohl ich und meine Frau nur froh und dankbar sein sollten über ihren so glücklichen Heimgang … so ist doch die Macht der Liebe so groß, dass wir es ohne Schluchzen und Wehklagen des Herzens, ja ohne großes Absterben nicht vermögen.«

Luther hatte genaue Vorstellungen davon, was aus seinen Kindern werden sollte: Johannes Theologe, Martin Rechtsanwalt und der stämmige Paul ein Krieger. Das Schicksal entschied anders. Johannes studierte Rechtswissenschaft und war u. a. Ratgeber in der Weimarer Kanzlei, Martin studierte Theologie, war aber nie als Pfarrer tätig. Paul wurde ein angesehener Arzt. Margarethe schließlich wurde die Ahnherrin der heutigen Lutheriden.

»Liebet eure Frauen und erziehet eure Kinder«

Mit seinen Kindern, die er über alles liebte, war Luther zwar streng, aber aus gutem Grund nicht so streng, wie er ­selber erzogen worden war. Bei Tische ­erzählte er einmal: »Mein Vater stäupt’ mich einmal also sehr, dass ich ihm floh und dass ihm bang war, bis er mich wieder zu ihm gewöhnet. Ich wollt auch nicht gern mein’ Hansen sehr schlagen, sonst würd’ er blöde und mir feind; so wüßt ich kein größer Leide … Meine Eltern haben mich aufs peinlichste gezüchtigt, bis ich kleinmütig wurde … Und so haben sie mich mit ihrer strengen Zucht zuletzt ins Kloster getrieben, wiewohl sie es herzlich gut gemeint haben.« Luther also wollte es besser machen.

Luther war nicht nur ein kluger und konsequenter Streiter des Geistes, er war auch durch und durch Familienmensch. Gemälde und Reliefs – obgleich historisch nicht zwingend korrekt – zeigen ihn als Mittelpunkt seiner Familie, als Musik liebender Hausvater und stabiler Kern der Hausgemeinschaft. Zu dieser zählte aber nicht nur seine Familie im engeren Sinn, sondern auch alle, die ständig oder zeitweise in seinem Haus gastliche Aufnahme fanden, »Weib und Kind, Knechte und Magd, Vieh und Futter«.

Neben seinen eigenen Kindern wuchsen hier noch elf Waisenkinder auf, darunter Kinder von Luthers Schwestern und Verwandte von Katharina. »Im Haus der Lutherin«, sagten die Leute, »wohnt eine gar wunderlich gemischte Schar aus Studenten, verlaufene Nonnen, Witwen, alten Leuten und Kindern.« Doch das bunte Treiben störte den Hausvater nicht, im Gegenteil: Er selber zog immer wieder Gäste ins Haus und wollte Verwandte und Freunde um sich haben, wenn er aus seiner Studierstube kam. Das bewahre ihn vor schwarzen Gedanken, meinte er.

Das Leben im Schwarzen Kloster zu Wittenberg‚ Martins und Käthes Heimstatt, wurde für Generationen protestan­tischer Pfarrhäuser ein erstrebenswertes Modell. Ein gastfreundliches Haus, in dem Hilfe geleistet wurde, wo sie nötig war, in dem Bildung und Musik, Gebet, Andacht und Bibellektüre großgeschrieben wurden – das waren die Grundpfeiler dieser häuslichen Gemeinschaft.

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Historikerin mit Schwerpunkt europäisches Mittelalter.

Vorbereitung – Erwartung – Hoffnung

12. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Vorweihnachtszeit spirituell gestalten

Urheber: Steffen Giersch

Urheber: Steffen Giersch


Die Zeit vor Weihnachten sollte eine Vorbereitung sein auf das, was kommt. Advent heißt ursprünglich (lateinisch) Ankunft: Ankunft Gottes als Kind, als Mensch, bei/unter uns. Nun ist es im Jahresfestkreis immer so, dass große Feste eine Vorbereitungszeit haben, damit wir nachkommen innerlich. Wir sind getrieben vom sonstigen Lebenstempo, von Hast, die uns normalerweise treibt. Und so vergessen wir leicht dieses Lebensgesetz, dass alles eine Wartezeit braucht, Ouvertüre, Vorgeschmack.

Das zu erinnern, das zu lehren, das zu lernen, dazu hilft Advent. Damit wir bewusst erleben und üben können: Wenn Gott ankommen soll in der Welt und in unserem Leben, dann braucht das Vorlaufzeit. Wenn Liebe und Glück landen sollen in unserem Leben, dann braucht das auch Vorlaufzeiten.

Fragen Sie sich bitte einmal selber: Wie geht es mir beim Thema »Warten«? Was löst Warten in mir aus? Wenn man an einem beliebigen Tag im Dezember durch die Straßen einer deutschen Stadt geht, so wird jedem eines deutlich und klar: Hier muss ­irgendetwas los sein! Irgendetwas macht, dass die Menschen aufgeregter, geschäftiger, eiliger und unruhiger sind als sonst.

Wenn man sich in diesem bunten Gewühl treiben lässt, so fängt man vielleicht an, sich zu fragen: Was ist es eigentlich, was diese Menschen hier in Bewegung bringt? Was ist das Besondere an dieser Zeit? Was kann es sein, was die Menschen hier gewinnen oder zu ­gewinnen suchen? Kann es auch sein, dass das Ganze eine Kehrseite hat und dass die Menschen hier etwas verlieren oder gar vor etwas fliehen?

»Wenn Gott ankommen soll in der Welt und in unserem Leben, dann braucht das Vorlaufzeit«

 
Stellen Sie sich in eine belebte Geschäftsstraße oder mitten in ein Kaufhaus, und versuchen Sie, einige Minuten ganz still zu sein, Ihre »stille Zeit« zu haben, eine Insel der Ruhe, der Einkehr und der Stille zu finden!

Gehen Sie in eine Advents- oder Weihnachtsveranstaltung und achten Sie darauf, was die Klänge, Lichter, Gerüche und Inhalte in Ihnen bewirken! Finden Sie durch diese Beobachtungen eine Antwort auf diese Frage, was uns an der Advents- und Weihnachtszeit so anziehend und zugleich so schwer ist?

Und nun lassen Sie uns noch konkreter werden – Spiritualität mitten im Leben. Überlegen Sie bitte einmal, wie man die Advents- und Weihnachtszeit auch anders gestalten könnte … Dazu gäbe es eine wesentliche Voraussetzung: Wie gestalten Sie selbst denn die Feiertage und die Adventszeit? Sie können ja nicht gut Ruhe und Frieden verbreiten, den Sie selbst nicht haben! Es würde sich also vielleicht lohnen, selbst einmal nachzugraben in der eigenen Lebensgeschichte, welche Formen des Feierns für Sie angenehm sind? Wie war es für Sie früher? Wie ist es für Sie jetzt? Werden Sie kreativ und fangen Sie an, neue Formen des Feierns zu suchen und zu entwickeln.

Üben Sie selbst die Praxis der Stille und Meditation? Setzen Sie sich einmal hin vor eine brennende Kerze, ­legen Sie meditative und beruhigende klassische Musik auf und versuchen Sie, einfach ins Licht zu schauen und Ihre Gedanken kommen und gehen zu lassen. »Ich konzentriere mich nur auf das Licht, gleichzeitig auf meinen Atem, sonst nichts. Gedanken ziehen lassen wie Wolken am Himmel, Vögel oder Schmetterlinge, denen ich mich jetzt nicht zuwende, sondern ganz in diesen einen Augenblick eintauche, jetzt ganz bei mir bin.« Diese Übung, häufig wiederholt, stärkt Ihre eigene Persönlichkeit, Ihre Nerven, bringt Ihnen selbst Ruhe und Konzentration, die dann wiederum von innen ausstrahlen – aus Ihnen heraus.

»Nur in der Nacht siehst du die Sterne«

 
Bedenken Sie bitte einmal für sich selbst und auch mit anderen die Grundaussage des Glaubens in Bezug auf Advent und Weihnachten, dass wir »im ganz Unscheinbaren Gott erkennen« können, dass der Urgrund des Lebens sich nach christlicher Botschaft in einem Baby zeigt, mit menschlichem Gesicht. Dass die »Urkraft des Lebens und der Liebe« sich schenken und unser Schicksal teilen will. Das ist gemeint mit dem Lebensweg Jesu.

Meditieren Sie darüber ­hinaus auch einmal den Satz »Nur in der Nacht siehst du die Sterne.« Eine Aussage speziell für die hoffnungs­losen und schwärzesten Stunden des Lebens, der die Hoffnung beinhaltet, dass man das Licht manchmal erst und besonders dann sieht, wenn es im Leben dunkel geworden ist. Das bedeutet Advent: Ankunft »Gottes« – wie auch immer wir ihn verstehen – inmitten unseres Lebens!

Hans Gerhard Behringer

Der Autor ist Theologe, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Seminartrainer und Schriftsteller.

»Als Kirche dem Druck standgehalten«

12. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Vor 30 Jahren riegelten 42000 DDR-Sicherheitsleute die Kleinstadt Güstrow ab – weil Helmut Schmidt kam

Gemeinsam in der Kirchenbank: Bundeskanzler Helmut Schmidt (links) und DDR-Staatsratsvorsitzender Erich Honecker lauschen am 15. Dezember 1981 ­gemeinsam im Güstrower Dom den Orgelklängen. Foto: ullstein-bilderdienst

Gemeinsam in der Kirchenbank: Bundeskanzler Helmut Schmidt (links) und DDR-Staatsratsvorsitzender Erich Honecker lauschen am 15. Dezember 1981 ­gemeinsam im Güstrower Dom den Orgelklängen. Foto: ullstein-bilderdienst


Am 13. Dezember 1981 herrschte in der Kleinstadt Güstrow der Ausnahmezustand. Der damalige Bundeskanzler besuchte gemeinsam mit Erich Honecker die Stadt und ihren Dom.

Normalerweise ist Heinrich Rathke ein eher zurückhaltender Mensch. Aber als er, im Dezember 1981 mecklenburgischer Landesbischof, an jenem Morgen erfährt, dass ein ehemaliger Pastor im Pfarrhaus von der Stasi unter Hausarrest gestellt worden ist, da wird er sichtlich energisch. »Ich bestand darauf«, erinnert sich der heute 82-Jährige an die Vorgänge vor 30 Jahren, »Heiko Lietz in seiner Wohnung besuchen zu dürfen. Andernfalls müsste ein anderer als ich den Bundeskanzler begrüßen.« Also darf Bischof Rathke schließlich die Wohnung betreten.

Güstrow am 13. Dezember 1981: Nach zähem Ringen hinter den Kulissen besucht Bundeskanzler Helmut Schmidt nun offiziell das andere Deutschland. Am Tag vorher in Berlin in Gesprächen mit DDR-Partei- und Staatschef Erich Honecker zugange, wird er am Sonntag in die Kleinstadt Güstrow reisen, den Dom und die Ernst-Barlach-Gedenkstätte besichtigen. Für die DDR soll es ein großer Tag werden, das kleine Land erhofft sich Aufwertung und Anerkennung.

Tatsächlich wird es ein gespenstischer. »Operation Dialog« hat die Staatssicherheit ihre Planungen für ­jenes Wochenende genannt. Minister Erich Mielke persönlich führt die Planungen, die Honecker höchstselbst absegnet. Das Besondere des Gipfels ist nicht allein die Tatsache, dass ein Bundeskanzler in die DDR kommt.

Vor allem Schmidts geplanter Abstecher von Berlin nach Güstrow lässt bei der DDR alle Alarmglocken schrillen. Nicht nur, dass der Hanseat eine Kirche besuchen möchte. Nein. Vor allem sein Wunsch, mit möglichst authentischen Menschen in Berührung zu kommen, sorgt für Unruhe beim DDR-Sicherheitsapparat. Kein zweites Mal soll sich wiederholen, was 1970 in Erfurt geschah: dass DDR-Bürger unkontrolliert einem Bundeskanzler zujubeln. Damals ist es Willy Brandt gewesen.

Elf Jahre später betreibt die DDR deshalb einen Aufwand ohnegleichen, um eins sicherzustellen: Helmut Schmidt soll nur linientreuen Menschen begegnen. 21800 Stasileute und weitere 20000 Polizisten sollen an ­jenem Wochenende verhindern, dass der Westpolitiker bejubelt wird. So wird das Zentrum der Kleinstadt schließlich de facto evakuiert. In alle Häuser ziehen Sicherheitsleute ein. 10908 Personen stehen an jenem Tag unter Kontrolle der Staatssicherheit, 4481 Durchsuchungen sind im Vorfeld erfolgt, 4811 Anreiseverbote ausgesprochen und 5875 »Vorbeugungsgespräche« geführt worden.

Bürgerrechtler Lietz, damals gerade wegen seiner kirchenkritischen Haltung aus dem Kirchendienst entlassen und in Rostock als Essenausträger bei der »Volkssolidarität« untergekommen, wird noch in der Nacht vor Schmidts Besuch mit einem befreundeten Korrespondenten des Hamburger Magazins »Stern« durch Güstrow ziehen. »In unseren Kutten sahen wir genau aus wie die Teams von der Stasi, die in ganz Güstrow unterwegs waren. Gespenstisch«, erinnert er sich.

Am Morgen danach steht das MfS vor der Tür von Lietz und hindert den Familienvater am Gang zum Gottesdienst. Dass wenig später schließlich der gesamte Weihnachtsmarkt von »normalen Menschen« geräumt und mit Sicherheitsleuten besetzt wird, erfährt er deshalb erst später. Lietz, 1989 Mitbegründer des Neuen Forum und nach 1990 Landeschef von Bündnis 90/Die Grünen, verfolgt den Tag also per TV. Doch selbst die »Live«-Übertragung wird vorsorglich zehn Minuten versetzt ausgestrahlt.

Für den damaligen Bischof Heinrich Rathke freilich hat dieser Besuch noch eine andere Dimension. »Mit dem Besuch von Helmut Schmidt in einer Kirche musste auch Honecker erstmals eine Kirche als Kirche besuchen«, erinnert sich Rathke im Rückblick. Der Theologe verlangt zudem Redefreiheit für das Treffen im Dom. Und auch die ­Gemeinde besteht bereits im Vorfeld darauf, dass sie das Hausrecht behalten und eine Gruppe von Teilnehmern selbst benennen darf: darunter den Küster, die Katechetin und den Organisten.

Als die Orgel schließlich zu spielen beginnt und Helmut Schmidt sich demonstrativ in eine Bank setzt, um dem Choral andächtig zu lauschen, da muss es ihm Honecker gleichtun. Für den Schweriner Rathke ist dies ein bleibender Triumph: »Die Kirche hat an jenem Tag allem Druck standgehalten.«

Steffen Reichert

Die Angst vor dem Volk

5. Dezember 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Furcht vor dem Wahlergebnis: Kardinal Melville (Michel Piccoli) in dem Konklave.  Er beginnt zu ahnen, wie die Wahl ausgehen wird. (Foto: Prokino Filmverleih GmbH)

Furcht vor dem Wahlergebnis: Kardinal Melville (Michel Piccoli) in dem Konklave. Er beginnt zu ahnen, wie die Wahl ausgehen wird. (Foto: Prokino Filmverleih GmbH)


Nanni Morettis Film »Habemus Papam« über einen Papst, der ausbüxt.
 

Vor dem Petersdom drängen sich die Menschen. Die Glocken läuten. Weißer Rauch steigt in den Himmel. Gleich soll der neue Papst auf dem Balkon erscheinen. Doch Kardinal Melville, soeben zum geistlichen Oberhaupt gewählt, überfällt die Panik: »Ich schaffe das nicht, helft mir«, ruft er verzweifelt. Und läuft davon.

Ein Papst, der sein Amt nicht ausüben will: Die Idee hat Regisseur Nanni Morretti zur Grundlage seines Filmes »Habemus Papam – Ein Papst büxt aus« genommen. Er ermöglicht es, einen unbefangenen Blick hinter die Kulissen der katholischen Kirche zu werfen. Die anfänglichen Befürchtungen des Vatikans, es könne ein kirchenkritischer Film entstehen, erwiesen sich als unbegründet, denn »Habemus Papam« zeigt tiefen Respekt vor dem katholischen Glauben.

Die Geschichte ist geschickt konstruiert. Es geht es um die Frage, was passiert, wenn ein Papst – schön gespielt von dem 85-jährigen französischen Darsteller Michel Piccoli – sein Amt nicht annimmt. Der gesamte Vatikan erstarrt im Schock: Die Kardinäle drängen ihn, einen Arzt zu konsultieren, sie lassen einen renommierten Psychoanalytiker kommen, doch auch er weiß keinen Rat.

Der Papst zieht sich in sein Zimmer zurück, schließlich soll es einen letzten Versuch geben: Er wird zu einer Psychologin in die Stadt ­geschickt und nutzt diese Gelegenheit, um zu fliehen. Mehrere Tage wandert der Papst nun durch die Großstadt. Die Begegnung mit fremden Menschen weckt längst vergessene Emotionen. Er erinnert sich an die Eltern, die Jugend und entdeckt seine alte Freude am Theater.

Bildet die Suche nach Freiheit den ­einen Pol des Films, so konzentriert sich ein zweiter Erzählstrang auf die Situation im Vatikan. Denn die Kardinäle dürfen die Gebäude so lange nicht verlassen, bis sich das gewählte Oberhaupt dem Volk gezeigt hat.

Um das Verschwinden des Papstes zu vertuschen, muss ein Schweizer Gardist das Zimmer hüten und gelegentlich am Vorhang rütteln. Selbst der Psychoanalytiker darf den Vatikan nicht verlassen.

Was aber tun gegen die Langeweile, die sich unter den wartenden Kardinälen ausbreitet? Erst wird gegessen, dann werden Spielkarten gezückt – und schließlich organisiert der Therapeut sogar ein Volleyball-Turnier.

Kardinäle und Päpste sind auch nur Menschen: Es ist diese schlichte Formel, die den Reiz und den Witz des Films ausmacht. Mit nachsichtigem Blick verfolgt die Kamera die Kardinäle: Der Eine mag nicht verlieren, der Nächste wird von ­Alpträumen verfolgt, die er mit starken Schlafmitteln bekämpft, ein Anderer raucht heimlich.

Und der Papst? Ist weder verwirrt noch altersschwach, sondern sehr klar in seinem Zweifel. Der Mann, der plötzlich Verantwortung über eine weltweite Religion bekommen soll, fühlt sich verloren und einsam. Das ist nachvollziehbar und verleiht der Figur ihre Stärke.

Der Film entfaltet mit seinen stillen Bildern eine große Kraft. Und er ist ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit und Menschlichkeit beim kirchlichen Bodenpersonal.

Rieke C. Harmsen

Ab 8. Dezember im Kino.

Biblische Gaben: Gold, Liebe, Kinder

3. Dezember 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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In vielen Facetten beleuchtet die Bibel die Kunst des Schenkens.
 

geschenkSie wissen noch nicht, was Sie Ihren Lieben schenken sollen? Die Bibel hat viele Tipps parat – und die stammen nicht nur von den »Heiligen Drei Königen«.

Eine Stimmung, ähnlich wie nach der Wahl Barak Obamas. Vor 2100 Jahren hieß der neu gewählte Herrscher Saul, das Volk jauchzte ihm zu und skandierte freudetrunken: »Es lebe der König!« Eigentlich ein Anlass für viele Geschenke. Das dachte Saul wohl auch, nachdem er von Samuel zum allerersten König Israels gesalbt worden war. Nur einigen »ruchlosen Leuten« missfiel die Einführung des Königtums. »Was soll der uns helfen?«, fragten sie murrend. Und gaben ihm ohne Worte, aber um so deutlicher, zu verstehen, was sie von ihm hielten: »Und sie verachteten ihn und brachten ihm kein Geschenk.« (1. Samuel 10)

Geschenke als Wiedergutmachung: Diese Strategie wollte Jakob gegenüber seinem Bruder Esau einsetzen. Zu einem schlechten Gewissen hatte er guten Grund: Mit einer List hatte er seinem älteren Zwillingsbruder den Erstgeburtssegen seines Vaters Isaak abgeluchst. Esau war dermaßen betrübt und sauer, dass er Jakob töten wollte. Der floh und wurde in der Fremde ein reicher Mann. Doch die unversöhnte Situation mit seinem Bruder ließ ihm keine Ruhe. Eines Tages stellte er riesige Tierherden zusammen, um mit ihnen Esau zu besänftigen. Als die beiden Brüder sich begegnen, fallen sie sich in die Arme und weinen vor Rührung. Der Wille Jakobs zur Versöhnung hätte Esau ­genügt, um zu verzeihen: »Ich habe genug, mein Bruder; behalte, was du hast!« (1. Mose 32 bis 33, 16)

Der Himmel hängt voller Glocken: nicht nur für Weihnachts-Enthusiasten, sondern auch für Verliebte. Zum Beispiel für Salomo und Sulamith, das herzig-hemmunglose Liebespaar im »Hohenlied«. Wunderschön und fantasievoll kleiden sie ihre Leidenschaft in Worte. Ihre Geschichte ist ein flammendes Plädoyer für die erotische Liebe. Sulamith lädt ihren Freund ein, die Nacht »unter Zyperblumen« zu verbringen und von da aus früh am Morgen aufzubrechen zu Weinbergen. »Da will ich dir meine Liebe schenken.« (Hohes Lied 7, Vers 13)

»Wer hat, dem soll gegeben werden«: Das mag sich die Königin von Saba gesagt haben, als sie Sachen für ihre Reise nach Jerusalem packte. Dort wollte sie endlich Salomo, den sagenumwobenen König Israels kennenlernen. Der lebte zwar schon in Saus und Braus – aber wer würde schon ein paar Zentner Gold und wertvolles Baumaterial ausschlagen? Mehrere Schiffe waren nötig, um das Holz zu transportieren, unzählige Kamele mühten sich mit den Geschenken ab. »Es kam nie mehr so viel Spezerei ins Land, wie die Königin von Saba dem König Salomo gab.« (1. Könige 10, 1 bis 13)

Kaum ein anderer Wunsch kann so stark sein wie der nach Kindern. Viele Geschichten des Alten Testaments machen Hoffnung, dass vermeintliche Kinderlosigkeit nicht für immer bleiben muss. Allesamt stellen sie in den Vordergrund, dass es nicht Menschenwerk, sondern Gottes Sache ist, ob Kinder gezeugt und geboren werden. Kinder sind eines der eindrücklichsten Zeichen der geschenkten Gnade Gottes. »Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk.« (Psalm 127, Vers)

Nur wen Schulden selbst mal drückten, kann die Erleichterung des Schuldners nachempfinden, dem sein Gläubiger 500 Silbergroschen erlassen hat. Jesus verwendete diese Situation für ein Gleichnis. Im alten Israel war der Schuldenerlass eine feste Instution: Alle sieben Jahre wurde das »Erlassjahr« begangen, in dem sämtliche Schulden erlassen werden sollten. Auch zu Weihnachten würden sich wohl mehr über einen Schuldenerlass als über Verlegenheitsgeschenke freuen. »Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden.« (Lukas 7, 39 bis 43)

Viel tragen wollten die drei Weisen aus dem Morgenland nicht, als sie aufbrachen und dem Stern folgten. Er würde ihnen zeigen, wo der Messias geboren ist. In Bethlehem finden sie »das Kindlein mit Maria, seiner Mutter«, sie fallen auf die Knie, beten Jesus an und überreichen ihm ihre symbolträchtigen Geschenke: Gold als Zeichen des wahren Reichtums; Weihrauch, ein weißes Baumharz, das im Jerusalemer Tempel als Rauchopfer dargebracht wurde; und Myrrhe, ein Balsam aus Baumharz, das als heiliges Salböl gilt. »Und (sie) fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.« (Matthäus 2, 1 bis 11)

In erstaunlich vielen Facetten beleuchtet die Bibel die Kunst des Schenkens. Ihren Ursprung findet das Schenken im Opfer: Menschen schenken Gott ihre erste Ernte oder ihr erstgeborenes Vieh. Aber auch zwischen den Menschen erhält das Schenken einen hohen Stellenwert. Beispielsweise soll der Zehnte des Einkommens den Bedürftigen geschenkt werden. Wichtig bei alledem ist, so mahnt ein biblischer Weisheitsspruch, nicht mit einem Gegengeschenk zu rechnen: »Das Geschenk des Narren wird dir nicht viel nützen; denn mit einem Auge gibt er und mit sieben Augen wartet er, was er dafür bekommt.« (Jesus Sirach 20, Vers 14)

Uwe Birnstein

Nur der Tod befreit von den Schulden

2. Dezember 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Polen: Krankheit, Arbeitsverlust, überzogene Kredite – die Spirale des materiellen und sozialen Abstiegs.
 

Polen gehört zwar nicht zur Euro-Zone, hat aber auch eine Krise. Denn immer mehr Menschen sind hoffnungslos überschuldet. Einer der prominentesten: der ­frühere Fernsehmoderator Tadeusz Broś.

Die Initialen an seiner Jacke erinnerten noch an einstige Glanzzeiten beim Staatsfernsehen: Tadeusz Broś.

Die Initialen an seiner Jacke erinnerten noch an einstige Glanzzeiten beim Staatsfernsehen: Tadeusz Broś.

Sein Gesicht mit dem zuversichtlichen Lächeln erschien vor kurzem wieder in den Medien. So wollte er in Erinnerung bleiben. Tadeusz Broś, der beliebte Fernsehjournalist der 80er- und 90er-Jahre ist mit 62 Jahren an ­einem Schlaganfall gestorben. Millionen schauten seine Talkshows, am bekanntesten wurde er durch die Moderation von »Teleranek«, der Kindersendung des staatlichen Fernsehens TVP am Sonntagmorgen.

Doch der Tadeusz Broś der letzten Jahre verkörperte etwas ganz anderes – die Misere des neuen Polens: eine Verschuldung ohne Ausweg und ein sozialer Abstieg ohne Beispiel. Wer ihn in den letzten zwei Jahren traf, traf einen gebeugten Mann mit schlohweißem Haar und verfaulten Zähnen, der sich zum Interview auf eine Suppe einladen musste. Er revanchierte sich dann mit einem Foto aus alten, besseren Zeiten.

Schuld war der Alkohol, munkelten manche, Schuld haben die Schulden, meinte Broś. Vor einigen Jahren kaufte er sich eine Wohnung im Warschauer Stadtteil Praga, nahm dafür umgerechnet 50000 Euro Schulden auf. Dann wurde er länger krank, zudem hatte die rechtskonservative Partei »Recht und Gerechtigkeit« 2006 das Staatsfernsehen übernommen, und diese warf missliebige Redakteure hinaus.

Nach seiner Entlassung im Jahre 2007 fand er keine Arbeit mehr beim Fernsehen. Er, der mit dem Staatsfernsehen Reisereportagen in der ganzen Welt gedreht hatte, lebte einfach weiter auf der Überholspur, überzog Kreditkarten und kam den Zinszahlungen nicht nach. »Wenn Du nicht zahlst, wirst Du’s bereuen«, leuchtete es schließlich in roten Lettern aus den Mahnbriefen der Inkassofirmen.

Er bereute längst. Die Schulden waren auf umgerechnet 150.000 Euro angewachsen. Er verdingte sich als Taxifahrer, Wachmann, im Supermarkt. Dort lernte er die Realitäten dieser Jobs kennen – die Demütigung, an ­einer Kasse zu stehen und bei der Abrechnung beschissen zu werden. Zuletzt arbeitete er in einem Callcenter.

Viele Menschen, denen er begegnete, glaubten ihm die Not nicht, sondern witterten versteckte Kameras. Jemand aus der Fernsehwelt konnte einfach nicht so tief absteigen.

In einer Sache stand er noch einmal ein wenig in der Öffentlichkeit – Broś war der erste Pole, der Privatinsolvenz anmeldete, und einer der wenigen Schuldner, der öffentlich dazu stand, einer zu sein.

Dabei sind es viele: Über zwei Millionen Polen haben mittlerweile Schwierigkeiten, geliehenes Geld zurückzahlen. Das Volumen der rückständigen Kredite ist innerhalb von zwei Jahren von rund drei Milliarden Euro (2009) auf acht Milliarden angewachsen.

Schuldner in Polen können seit zwei Jahren Privatinsolvenz anmelden. Doch die Prozedur gilt als eine der komplexesten und restriktivsten in Europa, so die Zeitung »Gazeta ­Wyborcza«. Darum haben angeblich bislang nur zwanzig Polen die Privatinsolvenz durchsetzen können.

Weitaus sichtbarer als die Hilfsangebote ist landauf landab die Verführung: Spots, in denen Konsum-Kredite wie Schokoriegel angeboten werden, dominieren noch immer die TV-Reklame. Es wird Schnelligkeit und Unkompliziertheit versprochen, wenn auch die Banken mit der Kreditvergabe nun etwas vorsichtiger agieren.

Tadeusz Broś, der Kredite mit Krediten bezahlte, gab auch der Werbung eine Teilschuld an seinem Schicksal, ein sogenannter »Lebenslänglicher« zu sein: »Nur der Tod«, meinte er letztes Jahr, »macht ein Ende mit meiner Verschuldung.« Vor wenigen Wochen hat sich seine Ahnung erfüllt.

Jens Mattern

Was dem Papst Angst macht

2. Dezember 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Reden und Hören: Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster im Vieraugen-Gespräch mit Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. (Foto: picture alliance/Guido Bergmann)

Reden und Hören: Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster im Vieraugen-Gespräch mit Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. (Foto: picture alliance/Guido Bergmann)


Einwurf: Können Protestanten nicht zuhören?
Anmerkungen zum Papstbesuch.

Christoph Demke war 1983 bis 1997 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen und im Lutherjahr 1983 Sekretär des kirchlichen Lutherkomitees.

Christoph Demke war 1983 bis 1997 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen und im Lutherjahr 1983 Sekretär des kirchlichen Lutherkomitees.

Der Deutschlandbesuch von Papst Benedikt XVI. und seine Reden wurden von vielen als enttäuschend bezeichnet. Doch ist diese Einschätzung wirklich berechtigt?

Bei vielen Reaktionen auf die Reise des Papstes hat man den Eindruck, sein Reden und Verhalten werden nach dem Testbogen bewertet, den unsere Hoffnungen und Ängste, unsere Enttäuschungen und unsere Resignation zusammenstellt: Wo hat er unsere positiven oder negativen Erwartungen erfüllt? Entsprechend bekommt er Plus- und Minuspunkte. Neues können wir so natürlich nicht erfahren. Wie wäre es denn, wenn wir den Papst einmal ausreden ließen? Was bekommen wir dann zu hören?

Im Kapitelsaal des Augustinerklosters in Erfurt hat der Papst zwei Herausforderungen genannt, vor denen die »klassischen Konfessionskirchen« stehen. Und angesichts derer wir gemeinsam gerufen sind, uns der Grundlagen unseres Glaubens im biblischen Zeugnis und in den altkirchlichen Bekenntnissen zu vergewissern. Das eine ist die Herausforderung durch den »Säkularisierungsdruck«. Das andere sind die neuen Formen von ­Christentum, die eine »manchmal beängstigende missionarische Dynamik« entwickeln und die uns »ratlos« machen.

Ich denke, in beiden Fragen können wir Evangelischen uns nicht als glückliche Besitzer der Antworten aufführen. Wir sollten den Appell Benedikt XVI. aufnehmen, »uns gegenseitig helfen: tiefer und lebendiger zu glauben. Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube«.

Präses Schneider konnte das mit der von ihm mit Recht favorisierten Rede von der »Ökumene der Gaben« (und nicht der Profile!) aufnehmen. Der neue katholische Erzbischof von Berlin, Rainer Woelki, beförderte in seiner Grußansprache zum Reformationstag am 31. Oktober in der Berliner Marienkirche das »gegenseitig« sogar zum Hauptwort. Er sprach von der »aufrichtigen Gegenseitigkeit (also: auf Augenhöhe?) in der Ökumene«. In einer Ökumene, die »notwendiger Weise auch die Orthodoxie und die ­Freikirchen einschließt, zusammen mit einem wachen Blick auf geistliche Entwicklungen in der Weltchristenheit«.

Ich bin nicht kundig genug, um diese neuen Entwicklungen jetzt genauer zu beschreiben. Man hängt ihnen das Etikett »charismatisch« an. Die Beschreibung, die der Papst im Kapitelsaal des Augustinerklosters gegeben hat (geringe institutionelle Dichte und Stabilität, mit wenig rationalem und noch weniger dogmatischem Gepäck), ruft bei mir die Frage wach: Haben die »beängstigenden« missionarischen Entwicklungen damals in Damaskus oder Antiochia die ersten Christen in Jerusalem nicht ähnlich ratlos gemacht?

Jedenfalls hat das gar nicht nach irgendeinem Masterplan gesteuerte Entstehen heidenchristlicher Gemeinden, die so viele der vertrauten Riten nicht ­befolgten, nicht nur die Judenchristen ­erschreckt (siehe Apostelgeschichte 10, Vers 45), sondern auch zu einer – um mit dem Papst zu formulieren – »neuen Form des Christentums« – geführt. Der theologische und kirchenleitende Einsatz des Apostels Paulus ist ganz maßgeblich der Grund dafür, dass die Christenheit damals nicht auseinanderdriftete.

Stehen wir vor neuen, aber in der Struktur in ­vielen Punkten ähnlichen Entwicklungen und Verwandlungen der Christenheit? Werden sich unsere Kirchen darauf einlassen, die Wunder des Geistes (siehe noch einmal Apostelgeschichte 10, Vers 45-46) zu riskieren?

In den Reden des Papstes treten die klassischen konfessionellen Streitpunkte (Amt, Eucharistie und Kirchenverständnis) faktisch vor diesen aktuellen Herausforderungen zurück. Bei der Grußansprache von Erzbischof Woelki wird das noch deutlicher, wenn er im Blick auf die traditionellen Streitthemen einerseits sagte: »Zu hoffen, dass die jeweils anderen unsere Weise zu denken und unsere Weise zu glauben irgendwann schließlich doch übernehmen, das führt uns alle und die Ökumene in eine Sackgasse, entweder in Selbstgenügsamkeit oder Ratlosigkeit.«

Andererseits stellte er dann, im Blick auf die erst zu erahnenden Entwicklungen in der Weltchristenheit fest: »Auf diese Weise kann der Geist Gottes stärker wirken, unsere Denkformen und Strukturen im Sinne Christi umgestalten und verflüssigen – mehr und anders als wir es selbst vermögen und erwarten.« Er schloss mit dem Satz, dass er sich freue, mit uns auf dem »nicht vorhersehbaren Weg der ecclesia semper reformanda (der sich ständig reformierenden Kirche – die Red.) unterwegs zu sein, dem einen Herrn Jesus Christus entgegen.«

In beeindruckender Nachdrücklichkeit hat der Papst die Frage Luthers nach einem gnädigen Gott als wichtigen Eingang zu einem gewissen Glauben hervorgehoben.

Aber – und das ist das andere, was den Papst besorgt, ja ängstigt: »Wen kümmert das (Luthers Frage) eigentlich heute – auch unter Christenmenschen?« Gibt es in der abendländischen Christenheit Entwicklungen, die merkwürdig ähnlich sind den neuen Formen eines charismatischen Christentums, die sich in Afri­ka und anderen Weltteilen ausbreiten?

Kann man sagen, dass die klassischen Konfessionskirchen, also wir Abendländer, im Denken und in unseren Riten in einer Erlösungsreligion zu Hause sind, während nun eine christliche Religion des Lobpreises und der Dankbarkeit ­heraufdämmert, deren Eingangstor nicht Luthers Frage, »wie bekommen ich einen gnädigen Gott«, ist? Vielleicht ist es weniger das Erschrecken über die Übermacht der Sünde als vielmehr die Anfechtung durch die Erfahrungen der Ohnmacht der Liebe, die heute viele Menschen in der Kirche und vor der Kirche bewegt. Oder sind beides dieselben Fragen?

Die EKD-Synode hat in diesem Jahr ­erneut über den missionarischen Auftrag der Gemeinde Jesu Christi nachgedacht mit dem Schwerpunktthema: »Was hindert’s, dass ich Christ werde?« Der Vorbereitungsausschuss hatte drei gewissermaßen »Zeugen« gewonnen, die aus ihrem Leben mit wohltuendem Freimut erzählten, wie sie auf diese Frage geantwortet haben bzw. jetzt antworten würden.

Die Synode hatte große Schwierigkeiten, das, was da zu ­hören war, aufzunehmen bis dahin, dass die Berliner Synodale Viola ­Kennert in ihrem Redebeitrag zunächst ihre Mitsynodalen fragte, ob sie denn nicht zugehört hätten?

Welches sind die Fragen, die den Zugang zum Glauben an Jesus Christus aufschließen? Wie kann die Aufforderung, nein besser der Wunsch des Papstes, dass die Frage nach dem gnädigen Gott, die Luther so bedrängte, »wieder neu und gewiss in neuer Form auch unsere Frage wird«, aufgenommen werden?

In der Tat: Für eine Protestanten und Katholiken vereinende, gemeinsame Vorbereitung des Jubiläumsjahres 2017 hat der Besuch von Benedikt XVI. genügend Anstöße gegeben. Jedenfalls sollte sein Besuch dazu helfen, in den Schritten auf 2017 zu uns nicht bloß mit jährlich neuen Schwerpunkten der weitreichenden und umfassenden Bedeutung der Reformation zu vergewissern. Ein solches Konzept riecht trotz aller anders lautenden Beteuerungen nach Triumphalismus.

Christoph Demke