Zeichen des Glaubens und der Freiheit

12. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Sogar zur Hochzeit kommen Brautpaare mit ihren Eltern und Gästen zur Gedenkstätte. Foto: Günter Schenk.

Sogar zur Hochzeit kommen Brautpaare mit ihren Eltern und Gästen zur Gedenkstätte. Foto: Günter Schenk.


Litauen: Der »Berg der Kreuze« ist zum wichtigsten Pilgerort im Baltikum geworden

Die ersten Kreuze wurden Mitte des 19. Jahrhunderts für das Seelenheil der im Kampf gegen die Russen ­gefallenen Freiheitskämpfer aufgestellt. Seither erlebt das »Litauische Golgota« eine wechselvolle Geschichte.

Mitten in Litauen, nur ein paar Autominuten nördlich des Industriestädtchens Siauliai, recken sich mehr als Hunderttausend Kreuze in den Himmel. Alte und neue, große und kleine. Kreuze in allen Farben: aus Holz, Metall, Stein, Plastik und Pappe. Manche sind riesig, andere ganz winzig. Dicht an dicht stehen die Zeichen des Glaubens auf einem kaum zehn Meter hohen Hügel, den die Einheimischen stolz »Kryziu Kalnas« nennen: Berg der Kreuze. Es ist ein heiliger Ort und Stätte des Gedenkens – ­inzwischen aber auch eine der wichtigsten touristischen Attraktionen im Baltikum.

Es ist Sonnabend und wie oft drängen sich Brautpaare und andere Festgesellschaften an der Gedenkstätte. Längst nämlich gehört es für viele ­Familien Litauens zum guten Ton, zu Hochzeit und Geburt ein Kreuz zu ­stiften. Andere schleppen sie zum ­Zeichen des Dankes nach schweren Krankheiten an, nach überstandenen Operationen oder Unglücksfällen.

Zehntausende von Kreuzen stehen inzwischen zusammen. Viele stammen von den Souvenirhändlern, die zu Füßen der Pilgerstätte ihre Stände neben dem Parkplatz aufgeschlagen haben. Andere haben die Menschen von weither mitgebracht. Manche Kreuze tragen einfache Inschriften. Namen, die an in Sibirien verschollene Angehörige erinnern oder an viel zu früh verstorbene Kleinkinder. Andere sind Schuldbekenntnisse, so wie das Kreuz eines Deutschen, der um Vergebung für den Holocaust bittet.

Eine Treppe führt den Besucher zum Gipfel. Keine zehn Meter ist er hoch. Von oben reicht der Blick weit ins flache Land. Schmale Trampelpfade führen kreuz und quer durch die Reihen der Kreuze. Schlicht und einfach sind die meisten, viele aber auch kunstvoll gedrechselt und mit Schnitzereien verziert. Und immer wieder finden sich im Meer der Kreuze die Schmerzensmutter und der leidende Christus. »Litauisches Golgota«, heißt der Erinnerungsort deshalb heute auch noch.

Um seine Geschichte ranken sich viele Legenden. Eine erzählt von einem Vater, der am Bett seiner kranken Tochter eingeschlafen war. Im Traum sei ihm eine Frau erschienen, die ihm auftrug, ein Kreuz aufzustellen. Der Mann tat wie ihm geheißen – und fand bei seiner Rückkehr nach Hause seine Tochter gesundet. Schnell, so heißt es in Litauen, habe sich die Geschichte rumgesprochen und andere dazu bewogen, in Notsituationen ebenfalls ein Kreuz zu pflanzen.

Realistischer sind die Historiker, welche die ersten Kreuze vor den Toren der Stadt Siauliai Mitte des 19. Jahrhunderts verorten. Nach Aufständen gegen den Zaren hätte man Kerzen und Kreuze für das Seelenheil der im Kampf gegen die Russen gefallenen Freiheitskämpfer aufgestellt. Ende des 19. Jahrhunderts wurden so bereits rund 150 Kreuze gezählt, war der Kreuzberg schon ein bekannter Wallfahrtsort. Eine nationale Pilgerstätte, die Glaubensbekenntnis und Freiheitskampf vereinte. Noch mehr Kreuze kamen nach dem Zweiten Weltkrieg hinzu, nachdem die Rote Armee das zuvor für kurze Zeit unabhängige Land wieder besetzt hatte und viele Menschen aus den umliegenden Dörfern nach Sibirien deportierte.

Der Berg der Kreuze wurde so zum Erinnerungsort für Folteropfer und Verschleppte. Sehr zum Unmut der Sowjets, die schon bald darauf beschlossen, den heiligen Ort aufzulösen. Denn mit dem Berg der Kreuze sahen die Militärmachthaber ihre Autorität infrage gestellt. Im April 1961 walzten ihre Planierraupen das Gelände platt. Doch Tage später standen mehr Kreuze als zuvor da. Es war der Auftakt zu einem langen und verbissenen »Krieg der Kreuze«, der fast 20 Jahre währte. Immer wieder vernichteten die Kommunisten, was die Christen an Glaubenssymbolen auf den Hügel stellten. Vor allem Priester schmuggelten die oft schweren, von Kunsthandwerkern gefertigten Kreuze an den betrunkenen oder eingeschlafenen Wachen vorbei an den heiligen Ort.

Ende der 1980er Jahre, im Zeichen von Perestroika und Glasnost, wurde das Gelände weniger streng kontrolliert, stieg die Zahl der Kreuze sprunghaft an. 1990 wollte man schon 40000 Kreuze gezählt haben. Noch mehr wurden es im Januar 1991, als auf dem Höhepunkt des Unabhängigkeitskampfes mehr als ein Dutzend Litauer von russischen Spezialtruppen vor dem Fernsehturm in der Hauptstadt Vilnius erschossen wurden und Tausende ihre Trauer am Berg der Kreuze sichtbar zum Ausdruck brachten. Wenig später war Litauen unabhängig, der »Berg der Kreuze« neuer Pilgerort und Symbol der neuen Freiheit.

1993 stattete ihm Papst Johannes Paul II. einen Besuch ab, bei dem er die Franziskaner mit der Betreuung des Ortes betraute und sie ermunterte, hier ein Kloster zu errichten. Zur Jahrtausendwende war der zweistöckige Bau mit seinen 16 Mönchszellen fertig. Ein »Haus der Stille«, ein Ort des Gebetes und der Kontemplation – mit einem großen Glasfenster zum Meer der Kreuze hin. Wie viel es inzwischen sind, weiß niemand genau. Anfangs der 1990er Jahre versuchten Studenten der Universität Vilnius, sie zu zählen. Bei 50000 gaben sie auf, was Litauens Christen als einen weiteren Beweis werteten, dass man Gott mit dem Verstand allein nie begreifen könne.

Günter Schenk

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