»Rettet unsere Revolution«

25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Ägypten: Die Gewalt zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in Kairo hält an

Kreuz und Halbmond zieren die ägyptische Fahne, die Demonstranten am Montag, 21. November, in Kairo den mit Tränengas und Gummigeschossen angreifenden Polizisten entgegenhalten. Tausende Ägypter sind in der Hauptstadt und anderen Städten auf den Straßen, um ein Ende der Militärherrschaft  zu fordern. Foto: picture alliance

Kreuz und Halbmond zieren die ägyptische Fahne, die Demonstranten am Montag, 21. November, in Kairo den mit Tränengas und Gummigeschossen angreifenden Polizisten entgegenhalten. Tausende Ägypter sind in der Hauptstadt und anderen Städten auf den Straßen, um ein Ende der Militärherrschaft zu fordern. Foto: picture alliance


Am 28. November sollen die Parlamentswahlen in Ägypten beginnen. Doch eine Woche zuvor gibt es wieder gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten.

Die Stimmung erinnert viele an die Tage der Revolution im ­Januar. Seit dem vergangenen Wochenende ist die ägyptische Hauptstadt Kairo erneut Schauplatz von Kämpfen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Friedliche Proteste schlugen am Sonnabend in Gewalt um. Aktivisten warfen Steine und Molotow-Cocktails, die Polizei setz­te Tränengas und Gummigeschos­se ein. Am Montag gingen die gewaltsamen Auseinandersetzungen weiter, mindestens 20 Menschen starben, meldete der britische Sender BBC am Vormittag. Die Aktivisten sprechen von mehr als 1500 Verletzten.

Im Januar hatten die Demonstranten nach 18 Tagen des Protestes Präsident Husni Mubarak zum Rücktritt ­gezwungen. Doch wirklichen politischen Wandel hat es aus ihrer Sicht seitdem nicht gegeben. »Das System ist noch das alte. Die Revolution muss weitergehen«, sagt die Studentin Salmar Mohammed.

Am Freitag hatten sich mehrere Zehntausend Aktivisten zu einer Demonstration unter dem Slogan »Rettet unsere Revolution« versammelt. Auch islamische Gruppierungen beteiligten sich in großer Zahl. Zunächst protestierten sie friedlich, doch dann kam es zu Kämpfen, als die Polizei ein Zeltlager der Aktivisten auf dem Tahrir-Platz räumte. Auch in anderen ägyptischen Städten wird seitdem demonstriert.

Viele Aktivisten sprechen bereits von einer neuen Revolution. »Wir sind enttäuscht, denn es hat sich viel zu wenig geändert. Die Generäle haben die Macht übernommen, doch sie führen Ägypten nicht wie versprochen zur Demokratie, sondern regieren schlimmer als Mubarak«, sagt der ­Demonstrant Scherif Hassan. »Wir wollen, dass die Militärregierung ­aufhört, Zivilisten vor Militärgerichte zu stellen und endlich einen Termin nennt, wann sie die Macht an eine ­zivile Regierung abgibt.«

In den vergangenen Wochen ist der Frust vieler Ägypten über die Generäle zunehmend gewachsen. Mehrere Blogger wurden festgenommen, und die Bürger leiden unter der Wirtschaftskrise und der steigenden Kriminalität. »Der Militärrat hat im politischen Spektrum massiv an Unterstützung verloren«, sagt auch Stephan Roll, Ägypten-Experte der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik. Eine erneute Massenbewegung erwartet er in nächster Zukunft dennoch nicht. Gerade in ländlichen Gebieten schätzen nach Rolls Ansicht viele Ägypter das Militär als einzige Ordnungsmacht.

In der ägyptischen Presse wird diskutiert, ob die für den 28. November geplanten Wahlen wegen der Unruhen verschoben werden. Bisher dementierte die Regierung das. Die Muslimbruderschaft, deren Partei gute Siegchancen eingeräumt werden, hat vor einer Verschiebung der Abstimmung gewarnt. Auch Roll glaubt, dass das Militär die Wahlen wie geplant abhalten will.

Die Armee wolle die unpopuläre direkte Verantwortung für den politischen und wirtschaftlichen Wandel so schnell wie möglich abgeben. ­Dennoch hätten die Generäle kein ­Interesse an einer starken Demokratie. Aber auch die Aktivisten sind seiner Ansicht nach nicht bereit, das Feld zu räumen. Wenn die Situation weiter eskaliere, sei nicht auszuschließen, dass die Wahlen doch verschoben würden.

Einige Demonstranten wittern eine Verschwörung. »Vielleicht hat die Regierung diese neue Krise angezettelt, um einen Vorwand zu haben, die Wahlen abzusagen«, sagt Mahmoud M., der einen Kopfverband trägt und sich am Rande des Tahrir-Platzes ­ausruht. »Im Grunde ist es auch egal, denn die Wahlen sind bloßes Theater.«

Tatsächlich sind viele Ägypter misstrauisch, denn die Vertreter des alten Regimes wurden nicht von der Wahl ausgeschlossen. Sie verfügen über Macht und Geld und könnten im Parlament eine starke Fraktion stellen. Viele Aktivisten befürchten, dass die Regierung Mubarak so auf ganz legalem Weg wieder zu Macht kommt.

Julia Gerlach und Jasmin Maxwell
(epd)

Luthers Thesen in Zinn

25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Bis zum Reformationstag 2012 sollen 30 Miniaturen entstehen

Eine ruhige Hand braucht Arnfried Müller beim Bemalen seiner filigranen Zinnfiguren. Foto: Uwe Kraus

Eine ruhige Hand braucht Arnfried Müller beim Bemalen seiner filigranen Zinnfiguren. Foto: Uwe Kraus


Der Betrachter glaubt, die Thesen, die Martin Luther an die Kirchentür schlägt, fast lesen zu können, so akribisch hat Arnfried Müller die Zinnfiguren für das Diorama gestaltet. Bis zum Reformationstag 2012 sollen rund 30 Luther-Dioramen die Offizin (Werkstatt mit angeschlossenem Verkaufsraum) Arnfried und Irmgard Müller am Waldrand von Güntersberge verlassen haben. Was kann es in der Luther-Dekade Besseres geben als solch eine besondere Ausstellung.

In Verantwortung des Städtischen Museums Halberstadt und mit Unterstützung einer Projektgruppe des Halberstädter Gymnasiums Martineum gestaltet Arnfried Müller die Miniaturen. Zu den ­Dioramen, an denen die Arbeiten bereits ­abgeschlossen sind, zählen »Luthers Hochzeit«, »Der Ablasshandel« und der bestaunte »Thesenanschlag«. Ab 2013 sollen die Miniatur-Kunstwerke durch die Lutherstädte wandern. Eine entsprechende Konstruktion der Dioramen und der dazu von einer Historikerin erarbeiteten Schrifttafeln soll es ermöglichen, die Lutherschau sowohl in Museen, auf der Wartburg, im Lutherhaus Eisleben und im Augustinerkloster Erfurt als auch in kleineren Kirchen zu zeigen, erklärt Müller.

Er schaut gerne, was die anderen Zinnfigurengießer so machen, welche Trends das Ausland setzt. Sein Spezialgebiet sind die Flachfiguren, die eigentlich nur im deutschsprachigen Raum verbreitet sind. »Die Vollfiguren sind sehr materialaufwendig, aber natürlich recht dekorativ.« Er schwärmt von den Meisterschaften, die die Zinngießer in Spanien oder Italien veranstalten. »Wenn da ein Reiter mit Pferd dargestellt wird und die Figur fünf Zentimeter hoch ist, malen die auf die Pferdedecke noch ein ganzes ­Gemälde.«

Vor dem Fenster seines kleinen Hauses in Güntersberge erstreckt sich ein wunderbares Harz-Panorama. Hier entstehen jedes Jahr eine neue Serie und ­einige Einzelfiguren. Das Teure daran sind die Gussformen, die sich der Gießer anschaffen muss. So fließen die Einnahmen zumeist in die Gestaltung einer neuen Zinnfiguren-Serie. Beliebt sind seine 30-Millimeter-Flachfiguren-Serien, die mit akribischem Historienverständnis gestaltet werden.

Für Thale schuf er ein Diorama zur Walpurgisnacht, 40 Figuren waren in durchaus auch deftigen Szenen zu betrachten. »Die Uniformen müssen farblich stimmen, die Helme und Perücken passen«, berichtet Arnfried Müller. »Vadder mit Rat« heißen die fünf Figuren, die eine historische Schachszene in Ströbeck nachempfinden. Für den »Tod Napoleons« gestaltet der Zinngießer vier Figuren, zwei Gruppen sowie den Kaiser auf dem Totenbett, »Der Tod von Marschall Kutusow 1813« umfasst immerhin 19 Figuren.

In Sammlerkreisen haben seine Figuren einen guten Namen. Zumeist werden diese Szenen als Blankserie verkauft, die von den Sammlern dann voller Ehrgeiz selbst bemalt werden.

Uwe Kraus

Maria aus evangelischer Perspektive

25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein neues Buch bietet einen Streifzug durch die Betrachtungsmöglichkeiten der Gestalt der Mutter Jesu
Buchcover-Maria.-Evangelisch
Es ist beachtenswert, wenn aus dezidiert evangelischer Perspektive ein Buch über Maria erscheint. Thomas A. Seidel und Ulrich Schacht haben im Auftrag der Evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden zu Erfurt in dem kürzlich erschienenen Sammelband »Maria. Evangelisch« Beiträge einer im Jahr 2008 stattgefundenen Tagung zur Gottesmutter Maria und andere Artikel zur Marienthematik publiziert.

Neben zehn Beiträgen, von denen die eine Hälfte theologische Reflexionen über Maria sind, und die andere Hälfte unter der Überschrift »Künstlerische Perspektiven« versammelt sind, ist die Übersetzung und der tiefsinnige Kommentar zum Magnifikat, dem Lobgesang Mariens in Lukas 1,46-55, von Martin Luther abgedruckt.

Seidel hat diesen ­um­fassenden Essay eingeleitet. Wie in seinem Beitrag macht er hierin die Bildtheologie als hermeneutischen Schlüssel zum Verständnis der Person Mariens und des lutherischen Marienbildes stark: Vieles wird bei der ­biblischen und theologischen Rede über Maria verständlich, wenn man sie als metaphorische Rede versteht, z. B. die Jungfrauengeburt.

Luthers Kommentar zum Magnifikat, dem Herzstück des Bandes, steht im geistig-geistlichen Strom der monastischen Marienfrömmigkeit. Darin offenbart sich nicht nur seine für heutige Leser überraschende Zuneigung zu und Verehrung für Maria, sondern entfaltet auch seine Mariologie. In Maria scheint die menschliche Haltung des puren Empfangens der Gnade Gottes auf. Hierin besitzt sie Vorbildcharakter für alle Menschen. Sie »verkörpert das menschliche Gefäß, die empfangsbereite Seele, in die hinein das Wunder der Inkarnation geschieht«.

Auch wenn sich Maria selbst als niedrig einschätzte, wurde sie dennoch von Gott angeschaut (»denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut«) und dazu ausersehen, den Heiland zu gebären. Das bedeutet für Luther, dass auch wir trotz unserer Abgründe von Gott gnädig angeschaut werden. Dass aber gerade Maria zur Gottesmutter auserwählt wurde, führt Luther auf die Gnade Gottes und nicht auf den Verdienst Mariens zurück (»… denn er hat mir getan große Dinge«).

»Dass aber gerade Maria zur Gottesmutter auserwählt wurde, führt Luther auf die Gnade Gottes und nicht auf den Verdienst Mariens zurück«

 
Dieses Marienbild von Luther stellt die interpretative Leitlinie der spezifisch evangelischen Sicht auf Maria dar, was zu reflektieren ja Intention des Sammelbandes ist und in den einzelnen Beiträgen immer wieder aufleuchtet. Die Beiträge nehmen verschiedene theologische Zugänge zum Ausgangspunkt der Reflexion und bieten insgesamt ­einen guten Streifzug durch die Betrachtungsmöglichkeiten der facettenreichen Gestalt Mariens, also metaphorisch, dogmatisch, ökumenisch, spirituell, frömmigkeitsgeschichtlich, tiefenpsychologisch oder künstlerisch. Wer sich als interessierter Laie mit den verschiedenen Ebenen der Maria vertraut machen möchte, ist mit diesem Band gut beraten.

Neben den schriftlichen Beiträgen beeindruckt der Sammelband durch die knapp 30 Kunstbilder mit Motiven aus dem Leben Mariens oder anderen Mariendarstellungen, wie etwa den Schutzmantelmadonna-Darstellungen. Alle Abbildungen weisen aufgrund des hochwertigen Papiers eine sehr gute Druckqualität auf. Auch wenn der Band auf den ersten Blick wie ein Ausstellungskatalog anmutet, laden viele Bilder zur kontemplativen Betrachtung ein.

Man würde dem Sammelband nicht gerecht werden, verstünde man seinen Titel kontroverstheologisch. Das ausführliche Autorenverzeichnis bezeugt die ökumenische Intention des Bandes. Dort findet man neben evangelischen Autorinnen und Autoren, lediglich einen römisch-katholischen Autor aus Frankreich und einen altkatholischen Theologen.

Dennoch hätte es dem Band mit seinem ökumenischen Anliegen inhaltlich gut getan, die Stimme eines weiteren römisch-katholischen Theologen oder einer Theologin zu Wort kommen zu lassen und die im Band angestoßenen ökumenischen Impulse zu bündeln. Dann wäre ersichtlich geworden, dass die Differenzen in der Mariologie dank der ökumenischen Forschung heute gar nicht mehr so virulent sind.

Es ist Konsens, dass Maria eine unverwechselbare Stellung in der Gemeinschaft der Heiligen einnimmt und alles, was Maria geschah oder was Maria bewirkte, unter der absoluten Gnade Gottes stand (sola gratia). Die Antwort auf diese Gnadengabe ist nur durch ein im Glauben gegebenes Ja möglich (sola fide).

Martina Bär

Die Autorin ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Exegese und Theologie des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt.

Seidel, Thomas A./Schacht, Ulrich (Hg.): Maria. Evangelisch, Evangelische Verlagsanstalt, 272 S., ISBN 978-3-374-02884-9, 19,80 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Jenas gutes Gewissen

25. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Wie sich der Thüringer Jugendpfarrer Lothar König mit seiner Gemeinde gegen Rechtsextremismus engagiert

Rauschebart mit wachem Blick für die Gefahren rechts- extremen ­Denkens: Von manchem wurden Lothar Königs ­Einsatz gegen  Rassismus und Neonazismus schon als übertrieben bewertet. Doch die aktuellen Ereignisse geben ihm recht. Foto: picture-alliance

Rauschebart mit wachem Blick für die Gefahren rechts- extremen ­Denkens: Von manchem wurden Lothar Königs ­Einsatz gegen Rassismus und Neonazismus schon als übertrieben bewertet. Doch die aktuellen Ereignisse geben ihm recht. Foto: picture-alliance

Das Engagement gegen ­Neonazi-Umtriebe gehört zu seinem Leben. Doch während die rechte Terrorzelle aus Mitteldeutschland ­jahrelang unbehelligt ihr mörderisches Unwesen ­treiben konnte, geriet der ­Jenenser Lothar König ins ­Visier der sächsischen ­Ermittlungsbehörden.

Da war wieder dieses Reizwort: Tatsächlich Sachsen? Lothar König zuckt kurz mit den Augenbrauen. Dann legt er die Zigarette weg, die er sich gerade gedreht hat, und holt tief Luft. »Wenn es stimmt, dass Zielfahnder die drei in Chemnitz schon aufgespürt hatten, aber nicht zugreifen durften …« Er kann, er will es nicht fassen. Und dann beginnt der Jenaer Jugendpfarrer zu erzählen.

Von Beate Zschäpe, von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Von drei Leuten aus dem thüringischen Jena, wo praktisch jeder jeden kennt. Drei junge Menschen, die Mitte der 90er erwachsen, aber als Rechtsextremisten auch immer radikaler werden. König berichtet von der Zeit nach der Wende: von Übergriffen und überforderten Eltern, von belächelten Lehrern. Und davon, dass am Ende eine Terrorzelle steht, die aus Jena ab- und in Zwickau untertaucht, bis am Ende neun Migranten und eine Polizistin ermordet und 14 Banken überfallen sind. Und dann auch noch Chemnitz?

Einsatz gegen Rechts: »Einer muss es ja machen«

Königs Selbstgedrehte ist längst ausgegangen, die Asche abgefallen auf ­einen Tisch, der vollgepackt ist mit ­Papierstapeln und CD’s, mit Infomaterialien und Visitenkarten seiner jüngsten Besucher. Jetzt nimmt sich der Stadtjugendpfarrer Zeit an diesem späten Abend in seinem Büro, auch wenn er längst bei einem Treffen seiner Jugendgruppe sein müsste.

Der Tagesplan ist ohnehin aus dem Ruder gelaufen. Der »Guardian« aus London war gerade da, ein französisches TV-Team will noch kommen. Aus Hamburg rufen sie an, aus Hannover und Berlin: Und alle wollen sie wissen, wie doch sein konnte, was so unvorstellbar scheint. Und wie und warum er, der 57-Jährige, seit zwei Jahrzehnten in der Universitätsstadt gegen Rechtsextremismus, aber auch für Demokratie und Toleranz kämpft. »Einer muss es ja machen«, sagt er trocken. König ist so etwas wie das gute Gewissen von Jena.

Es ist ein langer Weg, den König, der Rauschebart, gegangen ist. Er hat ihn in Leimbach, einem Ortsteil des nordthüringischen Nordhausens, beschritten. Er ist als Bauernsohn aufgewachsen, hat harte Arbeit gelernt. Er wird 1968 als 14-Jähriger vom Prager Frühling begeistert. Aber ein Jahr ­später, als er das auch sichtbar an die Wand malt, sind die Weichen für sein Leben gestellt: Wohnungsdurchsuchung, kein Abitur, eine Lehre als Zerspanungsfacharbeiter.

Was folgt sind Protest, langes Haar, ein »Hinüberdriften zur Kirche«. »Ich wusste eigentlich nicht, was ich machen sollte, so wurde ich Diakon«, erinnert sich König. Eines Tages dann lernt er aber tatsächlich einen Pfarrer kennen, »der mir Jesus so erklärt hat, dass ich ihn auch verstanden habe«. Offene Jugendarbeit, Schwerter zu Pflugscharen und Nato-Doppelbeschluss, Gorbatschow und Neues Forum. Das alles prägt ihn.

Prägende Erfahrung mit den Skinheads in der DDR

Vor allem aber prägt ihn 1987 der rechtsradikale Überfall von DDR-Skinheads auf die Berliner Zionskirche. Und als er 1990 schließlich eine Stelle in Jena antritt und auch dort schon bald der erste Überfall von Rechts zu beklagen ist, da ist ihm klar: Dieses Engagement wird ihn sein ­Leben lang begleiten. Dennoch die Frage: Ist es ruhig geworden in Jena nach den Zeiten von Thüringer Heimatschutzbund und dem Untertauchen der drei späteren Terroristen?

König überlegt wieder einen Augenblick, er differenziert. »Äußerlich – Ja.« Aber er nennt es einen »römischen Frieden«. Sie gäben deshalb Ruhe, sagt er, weil sie in ganzen Stadtteilen bereits die Meinungsführerschaft innehätten. Das alles treibt ihn an, lässt ihn weitermachen.
Sein Job, seine Arbeit in der Jungen Gemeinde, ist sein Leben. Als »Bürger für Jena« ist er inzwischen Stadtrat, auch weil er mitgestalten will. Wird es ihm gedankt? Da lächelt er dann doch. »Heute sind wir hier die Vorzeigeinitiative, doch lange wurden wir geschnitten.« Aber so was ist ihm eigentlich egal.

Lothar König tut, wovon er überzeugt ist. Also fährt er mit seinem Kleinbus natürlich auch an diesem 19. Februar 2011 nach Dresden, will dabei sein, wenn die Mitte der Gesellschaft gegen Rechtsextremismus protestiert. Sechs Monate nach dieser Demo, bei der eine Million Handyverbindungen erfasst worden sind, werden seine Dienstwohnung und sein Büro durchsucht. Bischöfin Ilse Junkermann, das Landeskirchenamt und Minister der Landesregierung protestieren: Lothar König als der Staatsfeind Nummer eins? Er, der intellektuelle Kopf einer kriminellen Vereinigung?

»Da ist in Sachsen etwas aus dem Ruder gelaufen«

Neues Tabakpäckchen, neue Zigarette, dazwischen ein Telefonat. Der Pfarrer denkt nach, er will es präzise sagen. Er glaubt nicht mal, dass zunächst er im Fokus stand. »Da ist in Sachsen einfach etwas aus dem Ruder gelaufen«, ist der Theologe überzeugt. Und dann erzählt er von der Aktenlage, die existiert. Von sächsischen Ermittlungen wegen Marihuanabesitzes gegen irgendwelche Fremden.

Wie die Polizei diesen Personen auch Zusammenhänge von Rechts-Links-Ausein­andersetzungen zuordnet. Wie seine Tochter als Landtagsabgeordnete per Auto nach Dresden zu solchen Leuten fährt. Er erzählt von dokumentierten Observationen und Telefonüberwachungen. Von der Kfz-Halterfeststellung, die seinen Namen zutage fördert. Von der folgenden Datenbankabfrage im Landeskriminalamt, die zu seinem Namen 21 Treffer ausspuckt: 21 Mal aufgefallen im Zusammenhang mit Demonstrationen gegen Rechts. Und nun plötzlich ist da der Verdacht, der ihn zugleich zum Kopf einer kriminellen Vereinigung werden lässt. »Total konstruiert«, wie er findet.

In dieser Woche wollte die Staatsanwaltschaft Dresden über eine Anklageerhebung entscheiden. Er selbst ist zu den Vorwürfen noch nicht ­einmal befragt. Natürlich wird er sich wehren gegen den Vorwurf des schweren Landfriedensbruchs, denn den Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung hat man inzwischen klammheimlich fallen lassen. Aber wenn es denn einen Prozess geben wird, dann müsste er Zeugen bringen, die ihn entlasten für sein ­Verhalten auf der Demonstration. Und dass es dieses Verfahren gibt, da ist er sicher: »Es geht Sachsen um ­Gesichtswahrung.«

Demokratie darf nicht der Lethargie weichen

So ist es denn eine paradoxe Situation, in der sich der Pfarrer sieht. In diesen Tagen gilt er als Ansprechpartner für viele. Man fragt ihn als Experten, will wissen, wie zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechts befördert werden kann. Auf der anderen Seite soll er genau deshalb vor Gericht. Er wird sich dem stellen. Schließlich ist er überzeugt davon, dass er Menschen ermutigen will. Sonst laufe man, fürchtet der Pfarrer, eines Tages Gefahr, dass die Demokratie der Lethargie weicht.

Haben also die Ereignisse um die Zwickauer Terrorzelle, so furchtbar und beschämend sie sind, die Gesellschaft wachgerüttelt? Lothar König ist sich da nicht so sicher. »Die Medien haben sie aufgeschreckt«, findet er. Aber ob sich nach dieser Serie des Rechtsterrorismus auch die Menschen verändern werden? »Das muss man abwarten«, glaubt er. »Und vielleicht in zwei, drei Monaten noch einmal diskutieren.«

Und dann muss er los. Es ist zwar schon abends, lange nach acht. Aber wenn sich Lothar König beeilt, dann findet das Treffen der Jungen Gemeinde nicht völlig ohne ihn statt. Also rennt er.

Steffen Reichert

Hintergrund:

Ermittlungen gegen Jugendpfarrer König
In der Frühe des 10. August dieses Jahres durchsuchten sächsische ­Polizei­beamte in Abwesenheit von Lothar König die Dienst- und Privaträume des ­Jugendpfarrers in Jena. Akten, Infomaterial, Datenspeicher sowie ein Kleinbus wurden beschlagnahmt. Die im Vorfeld nicht mit den Thüringer Behörden ­abgestimmte Aktion sorgte für erhebliche Irritationen bis in die Reihen der thüringischen Landesregierung. Nachdem der zuvor erhobene Vorwurf der Bildung einer kriminellen (linken) Vereinigung gegen König fallen gelassen wurde, steht nun der Vorwurf der Anstiftung zum schweren Landfriedensbruch im Raum. König soll bei den teilweise gewalttätigen Demonstrationen gegen den Neonazi-Aufmarsch am 19. Februar in Dresden über Lautsprecher auf seinem Kleinbus zu Gewalt gegen Polizisten aufgerufen haben.

(GKZ)

Anmerkung der Redaktion: Die Staatsanwaltschaft Dresden hat am Mittwoch, 23. November, mitgeteilt, dass die Ermittlungen zum “Fall König” bisher noch nicht abgeschlossen seien. Die Entscheidung  über eine Anklageerhebung werde vermutlich erst bis Ende November erfolgen.

Hauptsache es gibt eine »schöne Leich«

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Das »Wiener Blut« und der Tod – Kurioses und Nachdenkliches im Bestattungsmuseum der Donaustadt

Letzte Ruhestätte für Fußballfans: Die Urne in Form des runden Leders kam ­anlässlich der Fußball-EM 2008 auf den Markt.	Foto: Ulrich Traub

Letzte Ruhestätte für Fußballfans: Die Urne in Form des runden Leders kam ­anlässlich der Fußball-EM 2008 auf den Markt. Foto: Ulrich Traub


»Bei uns liegen Sie richtig!« So begrüßt Wittigo Keller seine Gäste im Wiener ­Bestattungsmuseum, das in seiner Art durchaus ­einzig­artig ist.

Das jährliche Probeliegen in ­einem Sarg stoße immer auf großes Interesse, erfährt der verblüffte Besucher. Es scheint noch etwas dran zu sein am besonderen Verhältnis der Wiener zum Tod. 1967 wurde das Museum als weltweit erstes seiner Art gegründet. Und es ist ein Unikum geblieben. Das garantiert Wittigo Keller, Ethnologe und Designer, der sich seit einem Vierteljahrhundert der Sammlung und ihrer ­Vermittlung verschrieben hat.

Rund Tausend Exponate zeigt das Museum – von einer Leichendroschke über Postkartenserien, die zu besonderen Begräbnissen gedruckt wurden, bis zu Galauniformen von Sargträgern und Kutschern. Es gibt historische Dokumente, dazu Bibeln, Kreuze und Madonnenstatuen, Sargverzierungen und Urnen, von denen das wie ein Fußball geformte Modell ins Auge fällt. »Sie wurde zur Europa-Meisterschaft 2008 auf den Markt gebracht«, erklärt der Museumschef.

Im Zentrum der Ausstellung steht das Phänomen der »schönen Leich«, womit kein gut aussehender Dahingeschiedener gemeint ist, sondern eine pompöse Bestattungszeremonie. »Dafür nahmen sich die Wiener gerne einen Tag frei«, schmunzelt Keller – wobei nicht von Angehörigen, sondern von Schaulustigen die Rede ist. Zeitungsannoncen belegen, dass Fensterplätze zu Höchstpreisen vermietet wurden: ein todsicheres Geschäft. Der Trauerzug wurde als gesellschaftliches Ereignis angesehen. Für weniger Betuchte gab es Fachgeschäfte, in denen man seine Trauerkleidung, in der man schließlich nicht zweimal gesehen werden wollte, leihen konnte.

Im Wien der Monarchie, erzählt Wittigo Keller, sei der Tod ­all­gegenwärtig gewesen. »Aufwendige Feierlichkeiten waren eine Spezialität der Habsburger.« Aber im späteren 19. Jahrhundert gehörte die »schöne Leich« dann auch zum Selbstverständnis des Bürgertums. Häufig wurde ein ganzes Leben für diese letzte Etappe gespart. Hinter der Inszenierung stand, laut Keller, ein ganz und gar weltlicher Wunsch: »Bitte behaltet mich in guter Erinnerung.«

Als Zeremonienmeister des Spektakels fungierten die »Pompfüneberer«. Diese Bezeichnung haben die Wiener dem Französischen entlehnt. Pompes Funèbres ist ein Bestattungsunternehmen. »Heute spricht man von Ritualbestattern«, so der Wissenschaftler. »Die Wiener setzten sich nicht mit dem Tod auseinander, sondern mit der Art ihrer Bestattung.« Das Begräbnis diente zur Unterstreichung des sozialen Status. »Das ist in anderen Kulturen nicht so«, resümiert er.

Da kann es nicht verwundern, dass der Klappsarg nur kurz zum Einsatz gekommen ist. Ende des 18. Jahrhunderts sorgte der reformerisch veranlagte Kaiser Josef II. mit diesem Modell für einen Aufschrei in der Bevölkerung. Eine schnöde Kiste als Durchgangsstation, die nur dazu diente, die Dahingeschiedenen in die Grube plumpsen zu lassen. Sind nicht vor dem Tod alle gleich? Mag sein, aber mit Ausnahme der Wiener. Der Kaiser musste sein Dekret zurücknehmen.

Auch andere Exponate sind kurios: Ein Wecker, dessen Schnur vom Handgelenk des Verstorbenen bis ins Zimmer des Totengräbers reichte, sollte im Fall der Fälle eine schnelle Rettung ermöglichen. »Die Scheintod-Hysterie grassierte seinerzeit«, erläutert Wittigo Keller. Und weil das so war, gab es für Persönlichkeiten, die lieber auf Nummer sicher gehen wollten, das doppelschneidige Herzstichmesser. Da ging selbst der stärkste Scheintod k. o.

Ein Modell der schwarzen Leichenstraßenbahn, die zeitweise in Wien durch die Gassen ratterte und Särge zum Zentralfriedhof transportierte, sorgt für ungläubiges Staunen. Und wer glaubt, dass auf den Fotos aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Lebende zu sehen sind, täuscht sich. Zu dieser Zeit blühte die Totenfotografie. Leichen wurden ins Studio verfrachtet, wo sie in voller Montur ins rechte Licht gerückt wurden. Der Museumschef klärt auf: »Da hier niemand gewackelt hat, bereiteten die langen Belichtungszeiten auch kein Problem mehr.«

Sogar die Kleinsten wurden mit der »schönen Leich« vertraut gemacht – zum Beispiel mit einem Ausschneidebogen zum Bemalen, der einen stattlichen Trauerzug zeigt. Auch Wittigo Keller ist mit einem von ihm entworfenen Sitzsarg, der eine Gemäldevorlage des Surrealisten René Magritte aufgreift, im Museum vertreten. Bestattet wurde noch niemand darin – selbst in Wien nicht.

www.bestattungsmuseum.at

Ulrich Traub

Dem Tod auf der Spur

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Filmbesprechung: Andreas Dresen erzählt in »Halt auf freier Strecke« die Geschichte eines sterbenskranken Familienvaters

»Noch kein Film hat so überzeugend gezeigt, dass Leben zum Sterben gehört« - Filmszene mit Mika Seidel (re.) und Milan Peschel. Foto: Pandora Filmverleih

»Noch kein Film hat so überzeugend gezeigt, dass Leben zum Sterben gehört« - Filmszene mit Mika Seidel (re.) und Milan Peschel. Foto: Pandora Filmverleih


 
Frank ist Schichtleiter und mit Simone verheiratet. Die beiden haben sich ein Reihenhaus gekauft. Völlig unvorbereitet trifft Frank die Diagnose des Arztes, die einem Todesurteil gleichkommt: Krebs. Ein schonungsloser und berührender Film über das Sterben.

Die Ratlosigkeit, ist dem Gespräch anzumerken. Als der Arzt die Diagnose verkündet, herrscht erst einmal Schweigen. Ein inoperabler Gehirntumor. Nur noch wenige Monate oder gar Wochen zu leben. Man sieht nur den Gesichtern von Frank und seiner Frau Simone an, was sie fühlen. Ein Großteil des Gesprächs besteht aus Schweigen und holprigen Sätzen.

Einmal klingelt das Telefon, der Operationssaal ist dran, etwas Wichtiges. Man spürt förmlich, wie unvorbereitet die Diagnose, die für Frank einem Todesurteil gleichkommt, einschlägt. Und man merkt, dass auch der Arzt, der sie wahrscheinlich mehrmals pro Woche ­verkünden muss, immer noch hilflos dabei ist. »Hm«, sagt er oft.

Mit »Halt auf freier Strecke« hat Andreas Dresen einen schonungslosen und berührenden Film über das Sterben gedreht. Es gibt im deutschen Kino keinen anderen Regisseur, der so authentisch und lebensnah Alltag beschreiben kann wie Dresen. Das fängt schon bei den Lebensumständen der beiden Hauptfiguren an. Frank ist Schichtleiter bei DHL, Simone lenkt eine Straßenbahn. Die beiden haben sich ein Reihenhaus gekauft, irgend­wo an der Peripherie von Berlin. Nicht unbedingt schön, aber mit Charme, mit Blick ins Grüne. Es kommt nur am Rande vor, aber man weiß: Nach Franks Tod wird sich Simone dieses Haus, Inbegriff ihres kleinen Glücks, nicht mehr leisten können.

»Halt auf freier Strecke« folgt Frank in den letzten Monaten seines Lebens, zeigt seinen Versuch, so etwas wie Normalität zu wahren, obwohl er immer vergesslicher wird und schon mal ins Zimmer seiner Tochter pinkelt. Einmal schaut er fern, die Harald-Schmidt-Show, und da ist zu Gast: sein Gehirntumor, der prahlt, wie er sich in Frank eingenistet hat. Auch auf dem iPhone, mit dem Frank seinen Alltag und seine Beobachtungen in kleinen Filmen festhält, erscheint der Tumor. Was beim ersten Mal wie ein entlastender Gag wirkt, bekommt im Verlauf der Handlung einen tieferen Sinn: Jemand anderes gewinnt die Kontrolle über Frank.

Denn je weiter die unheilbare Krankheit fortschreitet, desto mehr verändert sich auch Frank, wird gebrechlich und jähzornig, die Haare fallen ihm wegen der Chemotherapie aus. Bei all seinem Naturalismus verliert der Film aber nie seinen Humor. Einmal fragt Franks Sohn seinen Vater: »Wenn du stirbst, darf ich dann dein iPhone haben?« Und als die ganze Wohnung beschriftet wird, weil Frank alles sehr schnell vergisst, klebt auch auf seiner Stirn ein Zettel. Darauf steht: »Papa«. Als Frank immer unselbstständiger wird, entschließt sich Simone, ihren Mann selbst zu Hause zu pflegen, mit einer Palliativärztin, die sich auf unheilbare Krebsfälle spezialisiert hat.

»Halt auf freier Strecke« beschreibt das Sterben im Mikrokosmos einer Familie, zeigt, wie sich das Leben und seine Abläufe verändern, zeigt, welche immense Belastung ein solcher Krankheitsfall bedeutet, zeigt aber auch, wie das Leben trotzdem weitergeht, weitergehen muss. »Ich muss zum Training«, sagt Franks Tochter, als ihr Vater gestorben ist. Für solche Szenen liebt man diesen Film, weil sie beiläufig daherkommen und doch von der Meisterschaft einer präzisen Inszenierung zeugen.

Denn der Film bleibt immer nüchtern, er weidet sich nie am Leiden, er beutet auch nie unser Mitleid aus. Dresen hat die Szenen mit den hervorragenden Darstellern, allen voran Milan Peschel und Steffi Kühnert, weitgehend improvisiert gedreht, die Ärzte und das Pflegepersonal sind Laien. Das ist dem Film sehr gut bekommen und ist gleichzeitig auch eine große Leistung: Es gibt nicht viele Schauspieler, die normale Menschen glaubhaft verkörpern können.

Am Ende gibt es keine Erlösung, keine Transzendenz, nur den Tod. Aber noch kein anderer Film hat so überzeugend gezeigt, dass das Sterben zum Leben gehört wie »Halt auf freier Strecke«. Vielleicht mag man sich diesen Film nur einmal anschauen. Aber er ist ein Ereignis. (epd)

D/F 2011. Regie: Andreas Dresen. Buch: Cooky Ziesche, Andreas Dresen. Mit: Steffi Kühnert, Milan Peschel, Talisa Lilly Lemke, Mika Seidel, Ursula Werner, Marie Rosa Tietjen. Länge: 110 Minuten. FSK: ab 6, ff. FBW: besonders wertvoll.

Rudolf Worschech

Der Weg führt durch Trauer zum Licht

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit Verlusten neu leben lernen – Eine Betrachtung zum Ewigkeitssonntag

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille


Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt«, sagt Erika (Name geändert). Für sie ist es jetzt ganz schlimm. Ihr Mann hat sich das Leben genommen. Lange schon war er schwer krank. Aber dass er so verzweifelt war, hatte sie nicht geahnt. In das Entsetzen über dieses Sterben mischt sich ein alter Schmerz. Vor Jahren kam ihr achtjähriges Kind, das einzige Mädchen, bei einem Unfall ums Leben. »Da hab’ ich mich gefühlt, als wäre ich nur noch halb«, sagt sie. Die Wunde ist wieder aufgerissen.

Ich weiß nichts zu sagen, was Erika trösten könnte. Sie selbst sagt das ­Entscheidende: »Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt.« Ich staune über ihre Hoffnungskraft. Dieser Satz redet nichts schön. Trauer und Entsetzen sind in ihr Leben eingekehrt. Obwohl da keine Worte sind, die auch nur annähernd ausdrücken könnten, was mit ihr geschieht, ist es nötig, das auszudrücken. Im Moment genügt dieser schlichte Satz: Es ist ganz schlimm.

Doch da ist noch der zweite Teil: Man darf nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt. Damit begibt sich Erika auf einen Weg. Sie bleibt nicht im Finsteren stecken, sondern sie geht Schritt für Schritt – wie durch einen Tunnel. Das Licht am Ende kann sie nicht sehen. Noch nicht. Aber sie weiß und glaubt, dass ihr Weg wieder zum Licht führt.

Jeder Verlust entreißt uns ein Stück unseres Lebens. Das kann auch der Verlust des Arbeitsplatzes sein, das Zerbrechen einer Partnerschaft oder eine Krankheit, die zu bleibenden Einschränkungen führt. Verluste hinterlassen Wunden in uns. Die heilen am besten, wenn wir sie betrauern. Tränen helfen dabei, dass der Schmerz sich in unserem Inneren löst und Ausdruck findet. Gefährlich wird die Trauer, wenn ein Mensch sie nicht als Weg versteht, sondern hocken bleibt. Oder wenn er sie gar nicht ­zulässt und versucht, so weiterzuleben, als wäre nichts geschehen. Dann wird sie sich in seinem Inneren verfestigen, und die Seele kann nicht gesunden.

»Wenn alles ganz schlimm ist, darf man nicht glauben, dass es immer so schlimm bleibt«

 
Trauer braucht Zeit, oft viel Zeit. Und sie kostet Kraft. Nicht umsonst sprechen Fachleute von Trauer-Arbeit. Sie verläuft in verschiedenen Phasen, die manchmal auch durcheinanderlaufen oder sich wiederholen. Am Anfang kann unsere Seele noch nicht fassen, was geschehen ist. Vielleicht fühlen wir gar nichts, funktionieren einfach weiter und tun, was getan werden muss. Die Gefühle sind wie abgeschnitten. Dann wundern sich andere zuweilen, dass wir so »gefasst« sind, und halten das womöglich für besondere Glaubensstärke. Nach und nach erst kommen die Gefühle an die Oberfläche. Ganz verschiedene Gefühle: Zorn kann dabei sein, Zorn auf Menschen, die eigentlich gar nichts dafür können. Auch Zorn auf Gott. Oder auf sich selbst.

Dazwischen, wenn es gut geht, empfinden wir Dankbarkeit für glückliche Tage, die wir mitein­ander hatten, für Momente ­inniger Verbundenheit selbst im Schmerz, für die Zeichen der Liebe, die uns andere in solchen ­Zeiten geben. Wir spüren Gottes bergende Nähe. Oder das Gegenteil: Von Gott und Menschen im Stich gelassen zu sein. Manchmal verdichtet sich das Durcheinander der Gefühle so sehr, dass wir wie in ein schwarzes Loch ­fallen.

Es ist wichtig, dass wir unserer Seele in all dem Wirrwarr der Gefühle Gehör schenken. Dann liegt es in unserer Macht zu entscheiden, welche Gefühle wir bewahren wollen und welche wir besser loslassen. Vorwürfe beispielsweise, wenn wir sie festhalten, werden unser Inneres vergiften. Zorn, wenn er festgehalten wird, macht uns hart. Selbstmitleid wird wie eine undurchdringliche Mauer, die unser Inneres im Dunkel einschließt. Dankbarkeit dagegen gibt uns Kraft.

Mitten im Trauerprozess haben wir die Möglichkeit, bewusst Schönes zu suchen und uns an kleinen Dingen zu freuen. Erika beispielsweise hat sich von Freundinnen einladen lassen. Sie sind miteinander verreist. Das hat den Trauerweg nicht verkürzt. Aber es waren Lichtpunkte, die ihr Mut gaben, weiterzugehen.

Als ich sie frage, ob ich ihre Geschichte erzählen darf, stimmt sie sofort zu. Und sie ergänzt: »Aber schreiben Sie doch auch, was einem in solchen Zeiten wirklich hilft. Es sind ganz praktische Dinge. Die Leute brauchen gar nicht so viel zu sagen. Nur da sein und fragen, was man braucht.«

Das Ziel des Trauerweges besteht darin, neu leben zu lernen. Wir treten heraus aus dem Tunnel, genießen das Licht und die Farben. Das Verlorene tragen wir wie einen Schatz in uns und sind zugleich frei für das, was heute dran ist.

Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologin und Pfarrerin im Haus der Stille im evangelischen Zentrum Kloster Drübeck

Todsicher!

21. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Ewigkeitssonntag: Wenn mit dem Tod wirklich alles aus ist, dann wird das Leben zur »letzten Gelegenheit«

Paul M. Zulehner ist katholischer Priester und emeritierter ­Professor für ­Pastoraltheologie der Universität Wien. Er gilt als einer der ­bekanntesten ­Religionssozio­logen Europas. Foto: Andi Bruckner

Paul M. Zulehner ist katholischer Priester und emeritierter ­Professor für ­Pastoraltheologie der Universität Wien. Er gilt als einer der ­bekanntesten ­Religionssozio­logen Europas. Foto: Andi Bruckner

Im Blick auf den Tod herrscht bei vielen ein Gemisch aus Angst, Hoffnung und Zweifel. Ein Beitrag, wie Menschen mit dem Gedanken ans Ende umgehen.

Der Mensch von heute lebt mit Vielem, was unsicher ist: ob die Erde bewohnbar bleibt, ob jemand Arbeit hat, eine Partnerschaft hält, was aus den Kindern wird. Nur eines ist sicher: dass unser Leben vergänglich ist, ein ­sicheres Ende hat. Das ist »todsicher«, ­sagen wird. Dabei ist es oft nicht der eigene Tod, an den wir mit ­Unbehagen denken. Vielmehr leiden wir unter dem Tod derer, die wir lieben.

Keine Frage ist in der Geschichte der Menschheit älter als diese: Was ist am Ende stärker: der Tod oder die Liebe? Die alten Griechen erzählten zu dieser Frage die Geschichte von Orpheus und Eurydike. Der Spielmann Orpheus verliert, die er liebt. Aber die Liebe treibt ihn hinabzusteigen in die Unterwelt. Dank seines Liedes, begleitet von einer Lyra, kann er den Todesfluss überwinden, kommt zu den Herrschenden der Unterwelt, Hades und Persephone.

Diese sind von der Kraft seiner Liebe so beeindruckt, dass sie ihm gestatten, das Schattenwesen Eurydike in das Land des Lebens und der Liebe zurückzuführen. Er dürfe sich auf dem Weg zurück nur nicht umsehen – was er nicht schafft, und so verliert er sie für immer. Der Tod, so die alte depressive Erzählung, hat aus der Sicht des Menschen das letzte Wort.

Wenn wir heute Umfragen zu Rate ­ziehen, gibt es nicht wenige Menschen unter uns, welche diese dunkle Ahnung teilen. Für sie ist mit dem Tod alles aus. Ihre Hoffnung stirbt mit ihnen. Das hat Rückwirkungen auf das eigene Leben. Dieses wird zur »letzten Gelegenheit«, schreibt die kluge und nachdenkliche Marianne Gronemeyer. Solches Leben wird freilich hastig, anstrengend, überfordernd. Wir haben ja für das maßlose Sehnen nur mäßig Zeit. Zudem ­bedrängt uns untergründig die Angst, zu kurz zu kommen. Was uns wiederum entsolidarisiert.

Angst und Lieben passen nicht zusammen, so unsere Erfahrung. Andere freilich bauen ihr Leben auf die für sie sichere Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Die Bilder von einem solchen Danach sind freilich unscharf. Nicht wenige, reiseerfahren, denken an
Reinkarnation – Milliarden von Menschen in fernöstlichen Gebieten setzen darauf.

Andere ahnen, dass die Freiheit des Menschen eine Zielrichtung hat und auf eine endgültige Vollendung des Lebens drängt. Also rechnen sie mit einem ausgereiften Leben nach dem Tod. Wie es aussehen sollte dort, darüber sagt Maria-Luise Kaschnitz: »nur Liebe, freigewordene, mich überflutend«. Diese Menschen hoffen also, dass der Tod durch die Liebe besiegt wird. Das bewirkt, so spüren sie, dass sie weniger Angst vor der Todesgeburt in dieses Leben der Liebe haben müssen, was sie wiederum »freimacht von einem Leben krampfhafter Selbstbehauptung«.

»Es könnte die Angst von uns nehmen und uns frei machen zu einer Liebe, die den Tod nicht mehr fürchtet.«

 
Eine dritte Gruppe bleibt ein Leben lang voll Zweifel. Solche Skeptiker hoffen und misstrauen zugleich ihrer schwachen Hoffnung. Sie lassen es offen, wie es sein wird. Zugleich aber spüren sie, dass es Entscheidungen gleichsam »auf Leben und Tod« gibt: Ob ich mich in Liebe an jemanden verausgabe, ob ich den Mächtigen widerstehe, das Knie »nie mehr vor einer Partei« oder vor dem Konsum beuge.

Vielleicht trägt jede und jeder von uns heute alle drei Arten des Umgangs mit dem »todsicheren« Ende unseres Lebens in sich: Zunächst die naheliegende Erfahrung, die heute auch Naturwissenschaften teilen und für die große atheistische Denksysteme der Vergangenheit sich eingesetzt haben, dass mit dem Tod alles aus ist. Sodann fällt der Blick auf die Liebe und die geliebten Menschen, der es uns schwer macht ernsthaft zu glauben, dass der Tod die Liebe endgültig verschlingt. Und im Grunde schließlich der Zweifel, dass wir es letztlich aus unserer Erfahrung heraus kaum endgültig entscheiden können. So regiert bei vielen ein Gemisch von Angst, Hoffnung und Zweifel.

Die frühen Christen haben den depressiven Mythos der Griechen von Orpheus und Eurydike gut gekannt. In den römischen Begräbnisstätten, den Katakomben, gibt es Bilder, in denen Christus als Orpheus dargestellt wird. Er ist der liebende Spielmann Gottes. Die, die er liebt, seine Eurydike, das ist die Menschheit, die vom Tod erfasst wird. Von Gottes Spielmann erzählen Christen seit Anfang an, dass er aus dem raumzeitenthobenen Lebensraum in Gott »hinabgestiegen ist in das Reich des Todes«.

Und die christlichen Kirchen erzählen von Anfang an, dass er von dort – in seinem Tod und seiner Auferstehung – die Menschheit zurückgeführt hat in das Land todentrückten Lebens. Die Lyra, die ihm dabei behilflich ist, sei – so die alte Deutung – die Kirche: jenes Instrument, auf dem zugunsten der Menschen das rettende Lied des Lachens, der Hoffnung und der Auferstehung erklinge. Ob dieses Lied unsere zweifelnden Herzen erreicht und beruhigt? Es könnte die Angst von uns nehmen und uns frei machen zu ­einer Liebe, die den Tod nicht mehr fürchtet.

Paul M. Zulehner

Paul M. Zulehner ist katholischer Priester und emeritierter ­Professor für ­Pastoraltheologie der Universität Wien. Er gilt als einer der ­bekanntesten ­Religionssozio­logen Europas.

Zeichen des Glaubens und der Freiheit

12. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Sogar zur Hochzeit kommen Brautpaare mit ihren Eltern und Gästen zur Gedenkstätte. Foto: Günter Schenk.

Sogar zur Hochzeit kommen Brautpaare mit ihren Eltern und Gästen zur Gedenkstätte. Foto: Günter Schenk.


Litauen: Der »Berg der Kreuze« ist zum wichtigsten Pilgerort im Baltikum geworden

Die ersten Kreuze wurden Mitte des 19. Jahrhunderts für das Seelenheil der im Kampf gegen die Russen ­gefallenen Freiheitskämpfer aufgestellt. Seither erlebt das »Litauische Golgota« eine wechselvolle Geschichte.

Mitten in Litauen, nur ein paar Autominuten nördlich des Industriestädtchens Siauliai, recken sich mehr als Hunderttausend Kreuze in den Himmel. Alte und neue, große und kleine. Kreuze in allen Farben: aus Holz, Metall, Stein, Plastik und Pappe. Manche sind riesig, andere ganz winzig. Dicht an dicht stehen die Zeichen des Glaubens auf einem kaum zehn Meter hohen Hügel, den die Einheimischen stolz »Kryziu Kalnas« nennen: Berg der Kreuze. Es ist ein heiliger Ort und Stätte des Gedenkens – ­inzwischen aber auch eine der wichtigsten touristischen Attraktionen im Baltikum.

Es ist Sonnabend und wie oft drängen sich Brautpaare und andere Festgesellschaften an der Gedenkstätte. Längst nämlich gehört es für viele ­Familien Litauens zum guten Ton, zu Hochzeit und Geburt ein Kreuz zu ­stiften. Andere schleppen sie zum ­Zeichen des Dankes nach schweren Krankheiten an, nach überstandenen Operationen oder Unglücksfällen.

Zehntausende von Kreuzen stehen inzwischen zusammen. Viele stammen von den Souvenirhändlern, die zu Füßen der Pilgerstätte ihre Stände neben dem Parkplatz aufgeschlagen haben. Andere haben die Menschen von weither mitgebracht. Manche Kreuze tragen einfache Inschriften. Namen, die an in Sibirien verschollene Angehörige erinnern oder an viel zu früh verstorbene Kleinkinder. Andere sind Schuldbekenntnisse, so wie das Kreuz eines Deutschen, der um Vergebung für den Holocaust bittet.

Eine Treppe führt den Besucher zum Gipfel. Keine zehn Meter ist er hoch. Von oben reicht der Blick weit ins flache Land. Schmale Trampelpfade führen kreuz und quer durch die Reihen der Kreuze. Schlicht und einfach sind die meisten, viele aber auch kunstvoll gedrechselt und mit Schnitzereien verziert. Und immer wieder finden sich im Meer der Kreuze die Schmerzensmutter und der leidende Christus. »Litauisches Golgota«, heißt der Erinnerungsort deshalb heute auch noch.

Um seine Geschichte ranken sich viele Legenden. Eine erzählt von einem Vater, der am Bett seiner kranken Tochter eingeschlafen war. Im Traum sei ihm eine Frau erschienen, die ihm auftrug, ein Kreuz aufzustellen. Der Mann tat wie ihm geheißen – und fand bei seiner Rückkehr nach Hause seine Tochter gesundet. Schnell, so heißt es in Litauen, habe sich die Geschichte rumgesprochen und andere dazu bewogen, in Notsituationen ebenfalls ein Kreuz zu pflanzen.

Realistischer sind die Historiker, welche die ersten Kreuze vor den Toren der Stadt Siauliai Mitte des 19. Jahrhunderts verorten. Nach Aufständen gegen den Zaren hätte man Kerzen und Kreuze für das Seelenheil der im Kampf gegen die Russen gefallenen Freiheitskämpfer aufgestellt. Ende des 19. Jahrhunderts wurden so bereits rund 150 Kreuze gezählt, war der Kreuzberg schon ein bekannter Wallfahrtsort. Eine nationale Pilgerstätte, die Glaubensbekenntnis und Freiheitskampf vereinte. Noch mehr Kreuze kamen nach dem Zweiten Weltkrieg hinzu, nachdem die Rote Armee das zuvor für kurze Zeit unabhängige Land wieder besetzt hatte und viele Menschen aus den umliegenden Dörfern nach Sibirien deportierte.

Der Berg der Kreuze wurde so zum Erinnerungsort für Folteropfer und Verschleppte. Sehr zum Unmut der Sowjets, die schon bald darauf beschlossen, den heiligen Ort aufzulösen. Denn mit dem Berg der Kreuze sahen die Militärmachthaber ihre Autorität infrage gestellt. Im April 1961 walzten ihre Planierraupen das Gelände platt. Doch Tage später standen mehr Kreuze als zuvor da. Es war der Auftakt zu einem langen und verbissenen »Krieg der Kreuze«, der fast 20 Jahre währte. Immer wieder vernichteten die Kommunisten, was die Christen an Glaubenssymbolen auf den Hügel stellten. Vor allem Priester schmuggelten die oft schweren, von Kunsthandwerkern gefertigten Kreuze an den betrunkenen oder eingeschlafenen Wachen vorbei an den heiligen Ort.

Ende der 1980er Jahre, im Zeichen von Perestroika und Glasnost, wurde das Gelände weniger streng kontrolliert, stieg die Zahl der Kreuze sprunghaft an. 1990 wollte man schon 40000 Kreuze gezählt haben. Noch mehr wurden es im Januar 1991, als auf dem Höhepunkt des Unabhängigkeitskampfes mehr als ein Dutzend Litauer von russischen Spezialtruppen vor dem Fernsehturm in der Hauptstadt Vilnius erschossen wurden und Tausende ihre Trauer am Berg der Kreuze sichtbar zum Ausdruck brachten. Wenig später war Litauen unabhängig, der »Berg der Kreuze« neuer Pilgerort und Symbol der neuen Freiheit.

1993 stattete ihm Papst Johannes Paul II. einen Besuch ab, bei dem er die Franziskaner mit der Betreuung des Ortes betraute und sie ermunterte, hier ein Kloster zu errichten. Zur Jahrtausendwende war der zweistöckige Bau mit seinen 16 Mönchszellen fertig. Ein »Haus der Stille«, ein Ort des Gebetes und der Kontemplation – mit einem großen Glasfenster zum Meer der Kreuze hin. Wie viel es inzwischen sind, weiß niemand genau. Anfangs der 1990er Jahre versuchten Studenten der Universität Vilnius, sie zu zählen. Bei 50000 gaben sie auf, was Litauens Christen als einen weiteren Beweis werteten, dass man Gott mit dem Verstand allein nie begreifen könne.

Günter Schenk

Brille, Buchdruck, Globus

11. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Erfindungen und Entdeckungen zur Zeit Luthers

 
Wie hilfreich eine Brille sein kann, weiß jeder, der auf sie angewiesen ist. Auch der wohl weitsichtige Luther wusste diese Erfindung zu schätzen. Aus den arabischen Anfängen des Lesesteins hatten sich zu seiner Zeit verschiedene Formen der Lesehilfe entwickelt: Neben dem Monokel gab es die Nietbrille, deren Gläser in einem Rahmen aus Eisen, Holz oder Horn zusammengenietet und vor die Augen gehalten wurde.

Dazu kam die Bügelbrille, die man mittels eines geschlitzten Lederstückes auf die Nase setzte. Bei Damen war die Mützenbrille begehrt, deren Gläser mit einer metallenen Konstruktion an der Haube bzw. Mütze befestigt waren. Wir wissen nicht, welche Art Brille Luther bevorzugte. Nicht immer entsprach die ihm zur Verfügung stehende Brille jedoch seinen Anforderungen. So beschwerte er sich einmal bei seiner Frau: »Sage Meister Christianus, dass ich mein Tage schändlichere Brillen nicht gesehen habe, denn die mit seinem Briefe kommen. Ich kund nicht ein Stich dadurch sehen.«

Dass es für die Brille überhaupt einen so großen Bedarf gab, hatte mit einer anderen Erfindung zu tun, dem Buchdruck mit beweglichen Lettern, wie ihn Johann Gutenberg um 1445 in Mainz präsentierte. Das neue Verfahren ersetzte den aufwendigen Holzdruck, es leitete den Siegeszug des geschriebenen Wortes ein. Ohne diese Erfindung wäre eine Breitenwirkung, wie sie Luthers Schriften und das reformatorische Gedankengut entfalteten, kaum möglich gewesen.

In Wittenberg entstand eine ganze Druckindustrie, die Drucker-Verleger wurden reich, während Luther kein Honorar bekam. Doch die nun jedermann zugänglichen Schriften bahnten nicht nur neuen Denk- und Glaubensmodellen den Weg, manch einer sah damit auch die Moral gefährdet.

Stieß aber das Wort an seine Grenzen, bediente man sich anderer Mittel, um sein Ziel zu erreichen. Auch deshalb wurde das Schieß- oder Schwarzpulver, im Mittelalter »Donnerkraut« genannt, erfunden. Das war zwar hierzulande schon im 14. Jahrhundert, doch zur Lutherzeit wurde der gezogene Gewehrlauf entwickelt, in den das Pulver geladen wurde. Prompt wetterte der Reformator, die Fürsten seien Spitzbuben und Schalke, wo doch eigens für sie der gezogene Gewehrlauf erfunden worden wäre, dass sie anlegten auf ihre Untertanen.

Während Luther mit dem Gewehrlauf wohl kaum direkte Bekanntschaft machte, war ihm die Uhr ein unabding­barer Gebrauchsgegenstand geworden. Nutzte er eine mechanische Standuhr, die es seit dem 13. Jahrhundert gab oder besaß er schon eine der um 1510 von Peter Henlein in Nürnberg entwickelten Taschenuhren (nicht zu verwechseln mit dem »Nürnberger Ei«), die freilich ganz andere Ausmaße hatte als heute. Wir wissen es nicht genau.

Auf der Kanzel jedoch wusste er die Vorteile der altgedienten Sanduhr zu schätzen, die ihm stets 40 Minuten anzeigte. Denn so lange, und keine Minute länger, sollte nach Luthers Meinung ein Vortrag dauern, wollte er die Hörer erreichen.

Martin Luther wird vermutlich weder einen Globus noch eine Weltkarte gesehen haben. Für ihn war die Erde flach und eine Scheibe, ihr Zentrum war Rom oder Jerusalem - das hatte er gelernt, und davon wich er auch nicht ab. Foto: Wikipedia

Martin Luther wird vermutlich weder einen Globus noch eine Weltkarte gesehen haben. Für ihn war die Erde flach und eine Scheibe, ihr Zentrum war Rom oder Jerusalem - das hatte er gelernt, und davon wich er auch nicht ab. Foto: Wikipedia


 
Aus Nürnberg, dem »Auge und Ohr« Deutschlands, wie es Luther nannte, kam auch Martin Behaim, der 1491 den ersten Globus, den Erdapfel, baute, noch ehe Columbus Amerika entdeckte. Bereits 1507 erschien die Neue Welt, der deutsche Geographen versehentlich den Namen »America« gaben, auf der Weltkarte von Martin Waldseemüller. Luther wird vermutlich weder einen Globus noch eine Weltkarte gesehen haben. Für ihn war die Erde flach und eine Scheibe, ihr Zentrum war Rom oder Jerusalem – das hatte er gelernt, und davon wich er auch nicht ab. Ob die Kunde von den großen Entdeckungen, die das Weltbild so entschieden veränderten, überhaupt bis zu ihm gelangte, weiß man nicht.

Sylvia Weigelt

»Ich bin hier wohl das ›schwarze Schaf‹«

11. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Sprichwort vom »schwarzen Schaf« geht auf die Wertmaßstäbe der Schafzucht zurück, wonach die Wolle weißer Schafe als wertvoller anzusehen ist, da sie sich einfacher färben lässt. Foto: ddp images/dapd.

Das Sprichwort vom »schwarzen Schaf« geht auf die Wertmaßstäbe der Schafzucht zurück, wonach die Wolle weißer Schafe als wertvoller anzusehen ist, da sie sich einfacher färben lässt. Foto: ddp images/dapd.


 

Zusammenleben: Vom Umgang mit Außenseitern, Sündenböcken und Rebellen in der Familie

 
Kein Kind kommt als »schwarzes Schaf« auf die Welt, dennoch gibt es sie, die Problemkinder, die ­ständig anecken. Eltern ­können ­etwas tun, damit ihr Kind nicht ins Abseits gerät.

Mit Fleiß und Disziplin haben Helenes Eltern es geschafft, sich eine Existenz aufzubauen. Sie kommen, wie sie immer betonen, aus »kleinen Verhältnissen«. Als ihr ältester Sohn vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam, war das ein schwerer Verlust. »Er war so ein wunderbarer Junge«, heißt es seither. Dass ihr zweiter Sohn mit ­Bravour das Abitur geschafft hat und Aussichten auf ein Stipendium hat, ist ihr ganzer Stolz. Für Helene (16) dagegen schämen sie sich: Sie raucht, sie kleidet und schminkt sich auffällig, kommt erst mitten in der Nacht nach Hause, und es ist fraglich, ob sie einen Schulabschluss schafft.

Seit der Scheidung vor drei Jahren erzieht Annette ihre drei Kinder allein. Mit den beiden Töchtern gibt es keine Probleme. Aber ihr Ältester, der 16-jährige Patrick, der seinem Vater so ähnlich sieht, provoziert sie durch Unzuverlässigkeit und Leichtsinn. Er umgibt sich mit falschen Freunden, war schon mehrmals betrunken, und sie hat den Verdacht, dass er ihr Geld gestohlen hat. »Ich kann dir ja sowieso nichts recht machen«, blockt Patrick alle Vorhaltungen ab. Anders als seine Schwestern verbringt er jedes zweite Wochenende gerne bei seinem Vater. Und das, obwohl Annette seit Monaten auf den Unterhalt für die Kinder warten muss.

Teufelskreis
Ständig eckt der achtjährige Tim an. Wo immer er auftaucht, stiftet er durch impulsives Verhalten und Ungeschick Chaos. Auf Ermahnungen reagiert er bockig und störrisch. Tims Eltern fragen sich inzwischen: »Was haben wir falsch gemacht bei seiner Erziehung?« Neulich hat Tim wütend und traurig ausgedrückt wie er sich fühlt: »Ich bin wohl hier das ›schwarze Schaf‹?«

Kein Kind kommt als »schwarzes Schaf« zur Welt. Temperament, Kons­titution, Geschwisterkonstellation und die Paarbeziehung der Eltern spielen eine wichtige Rolle, wenn ein Kind in einer Familie als schwierig gilt und als Ursache für Konflikte und ­Probleme ausgemacht wird.

Das »schwarze Schaf« seinerseits fühlt sich ungerecht behandelt und ungeliebt. Ist die Rolle erst mal festgeschrieben, wird das betroffene Kind sich so ­verhalten, wie es charakterisiert wird. Schuldzuweisungen, Festlegungen und Konflikte haben verschüttet, was an Konstruktivem und Positivem in ­jedem Kind wohnt.

Familiensystem
Gar nicht selten ist es so, dass sich im »schwarzen Schaf« der Familie die Probleme des Elternpaares oder der Lebensgeschichte eines Elternteils wie in einem Brennglas fokussieren. »Die Erkenntnis, dass ein ›schwarzes Schaf‹ ein Symptomträger sein kann, ist für Eltern oft eine harte Nuss«, erlebt Familientherapeutin Renate Lang immer wieder.

Dabei gehe es nicht um Schuldzuweisung oder Verurteilung von Eltern. Wenn ein Kind schwierig ist, spiegelt sich darin oft eine Gesamtbelastung in der Familie wieder. Das »schwarze Schaf« nimmt das wahr und will – so paradox es sich anhört – mit seinem Verhalten das System Familie in Balance bringen. »Haben Sie abgesehen von diesem Kind keine Probleme?« Diese Frage öffne oft den Zugang zu einer neuen Betrachtung der Gesamtsituation.

Im Fall von Patrick etwa dämmerte es seiner Mutter Annette, dass sie die Trauer über die gescheiterte Ehe und ihren Zorn auf ihren Ex-Mann auf ihren Sohn übertrug. Weil Patrick zudem ihrem Ex-Ehemann äußerlich sehr ähnelt, hatte sie ihn innerlich festgelegt: »Du bist genau wie dein ­Vater.«

Mit neuem Blick
Ein Blick auf die Geschwister- und Rollenkonstellation einer Familie ist oft hilfreich. So hat etwa Helene gegen zwei ältere »Überbrüder« zu kämpfen. Der verstorbene Bruder erhielt so etwas wie einen »Heiligenschein«, und der lebende Bruder ist durch seine überragenden Leistungen der stolz präsentierte Vorzeigesohn. Helene entschied sich unbewusst dafür, gar nicht erst in Wettbewerb zu den beiden zu treten und die »Rebellin« der Familie zu sein.

Den Schlüssel zu Tims Verhalten fanden seine Eltern, indem sie ihn bei einem Neurologen vorstellten. Der stellte nach ausführlichen Tests eine Reizverarbeitungsstörung, auch als MCD (Minimale Reizverarbeitungsstörung) bekannt, fest. Sie kann als die Ursache für Tims Verhalten gelten. Er braucht keine ständigen Zurechtweisungen, sondern spezielle Förderung. Und er braucht Eltern, die die Zusammenhänge zwischen dem hirnneurologischen Defizit und Tims Verhalten erkennen und ihre Reaktionen darauf einstellen.

Hilfreiche Anstöße
Machen Sie sich klar, dass eine Familie ein System ist. Wie in einem Mobile reagiert das Ganze auf die Bewegung jedes einzelnen Teils.
Jedes Familienmitglied nimmt eine bestimmte Rolle ein. Oft ist es das bequemste, alle negativen Gefühle auf eine Person zu fokussieren und sie für jeden Konflikt verantwortlich zu machen.

Prüfen Sie, inwieweit andere Familienmitglieder an Konfliktsituationen beteiligt sind. Üben Sie, einen neuen Blick auf das »schwarze Schaf« zu werfen. Es ist immer noch das Kind, das sie kurz nach seiner Geburt staunend und beglückt in den Armen hielten und das geliebt sein will. Können Sie es segnen und Gott für dieses Kind danken?

Beschreiben Sie, was genau Sie am Verhalten Ihres Kindes als anstrengend erleben. Besprechen Sie mit Ihrem Kind respektvoll und in Ruhe, wie und warum sie künftig auf solches Verhalten reagieren werden und ­bitten Sie um seine Mithilfe. Kinder können das verstehen. Die Situation lässt sich nicht ändern, indem Sie sich auf das konzentrieren, was Sie stört, beschämt oder gar Schuldgefühle in Ihnen weckt. Schreiben Sie jede noch so winzige positive Kleinigkeit auf, die Sie an Ihrem »schwarzen Schaf« entdecken. – Bringen Sie das, was liebenswert an ihrem »Problemkind« ist, auch zum Ausdruck. Und zwar möglichst in entspannten »Friedenszeiten«.

Vermeiden Sie es, Ihr Kind auf ­Charakterzüge oder Eigenschaften festzulegen oder zu sagen: »Du bist genau wie …« Vermeiden Sie es, die Rivalität unter Geschwistern anzuheizen, indem Sie sie voreinander vergleichen oder einander als Vorbild hinstellen. Trennen Sie eigene Probleme von denen, die Sie mit dem Kind haben. Gestehen Sie sich ein, wo es in Ihrer Familie, in der Paarbeziehung, im Beruf Probleme gibt und holen Sie sich fachliche Hilfe. Lassen Sie überprüfen, ob das Verhalten des Kindes körperliche Ursachen haben könnte. Verabschieden Sie sich von der Vorstellung, perfekte Eltern in einer stets harmonischen Familie sein zu müssen.

Karin Vorländer

BUCHHINWEISE
Shaw, Elizabeth: Das kleine schwarze Schaf, Kinderbuchverlag Berlin, 56 S., ISBN 978-3-358-03039-4, 9,95 Euro
Zum Vorlesen ab 5 Jahre
Juul, Jesper: Elterncoaching. Gelassen erziehen, Verlag Beltz, 272 S., ISBN 978-3-407-85920-4, 17,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Geschenke der Nacht

10. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Träume: Sie bieten die Möglichkeit für seelische Reifungsprozesse und spirituelles Wachstum

Jeder Mensch träumt in der Nacht. Wer sechs bis acht Stunden schläft erzielt die meisten Traumerinnerungen. Foto: ddp images.

Jeder Mensch träumt in der Nacht. Wer sechs bis acht Stunden schläft erzielt die meisten Traumerinnerungen. Foto: ddp images.


 
Träume sind Schäume! Von wegen. Schon die Bibel misst den Träumen große Bedeutung bei. Sie dienen der seelischen Gesundheit und sind ein Übungsfeld für religiöse Erfahrung.

Über 120 Mal ist in der Bibel vom Träumen die Rede. Immer wird Großes dabei verhandelt, es geht um persönliche ­Gefährdung und Bewahrung, um Machterhalt und Herrschaftskritik, um intuitive Erkenntnisse und göttliche Führung. Die Bibel weist also sehr deutlich auf Träume als Übungsfeld für religiöse Erfahrung hin. Die Vielzahl biblischer Träume verrät große Wertschätzung für das Reich der Seele und differenzierte Kenntnisse.

Die Sprache der Träume wird als Zuspruch, Weisung oder Offenbarung Gottes verstanden. Josefs Traum von der Himmelsleiter illustriert die Erkenntnis einer beständigen Verbindung zwischen Immanenz und Transzendenz, Himmel und Erde. Träume markieren kritische Wendepunkte im Leben, die neben einem klaren Kopf auch Intuition erfordern. Matthäus plädiert für Träume als Sprache der Intuition, durch die man wie Josef, Marias Mann, sicherer durch reale Gefahren navigiert.

Die erste evangelische Traumsystematik stammt von Philipp Melanch­thon (1497–1560). Der Weggefährte Luthers schrieb nicht nur seine eigenen Träume auf, er deutete auch die Träume von Luther und seiner Frau Käthe. Der Gelehrte unterschied vier Arten von Träumen: Zunächst gibt es Träume, die Eindrücke des Tages verarbeiten und um aktuelle Probleme kreisen.

Zur zweiten Gruppe zählte er die weissagenden Träume der Warnungen, Vorausahnungen oder Prophezeiungen. Die dritte Gruppe bilden die geistigen, »von Gott gesandten« Träume. Dazu gehören alle klaren, eindrücklichen Träume, die Sinn, Ermutigung, Wegweisung oder auch Ermahnung und Kurskorrektur vermitteln. Zur letzten, »verwirrenden« Traumsorte rechnet er Träume, die ängstigen, lähmen und als verdreht und belastend erlebt werden.

Heute wissen wir, dass jeder Mensch in der Nacht vier- bis sechsmal träumt und der Traum für psychische Gesundheit sorgt. Träume sind besondere Bewusstseinszustände, messbar an den Rapid-Eye-Movements (REM), den schnellen ­Augenbewegungen im Schlaf. Unter der Schicht unseres Wachbewusstseins liegen unbewusste Wünsche, Fragen und Einstellungen, die der Traum symbolhaft zur Sprache bringt.

Träume werden heute als Möglichkeitsraum für innerpsychische Reifungsprozesse und spirituelles Wachstum verstanden. Sie sind ernst zu ­nehmende Angebote der Seele an das Bewusstsein, die transzendente Tiefe des Daseins auszuloten.

Wie können wir mit unseren Träumen umgehen? Hier einige Ratschläge dazu:

  1. Genügend Schlaf suchen. Mit sechs bis acht Stunden ungestörtem Schlaf erzielt man die meisten Traumerinnerungen. Die Träume gegen Morgen sind am ergiebigsten.
  2.  

  3. Signalisieren Sie Ihrem Unterbewusstsein vor dem Einschlafen, dass Sie sich für seine Traumbotschaften öffnen: »Ich werde mich morgen an meinen Traum erinnern.« Legen Sie ein Traumtagebuch oder ein Handy mit Diktierfunktion neben das Bett.
  4.  

  5. Lassen Sie beim Erwachen die Augen noch einen Moment zu und rollen sie vom letzten Bild her den Traum rückwärts auf. Damit ziehen Sie ihn ins Tagesbewusstsein herüber. Halten Sie den Traumverlauf wenigstens in Stichworten noch vor dem Aufstehen mit Datum fest.
  6.  

  7. Verknüpfen Sie die Traumbilder mit Ihrer derzeitigen Lebenssituation: Welche Erinnerungen, Konflikte, Ängste, Hoffnungen und Gedanken fallen Ihnen zu den Traumelementen ein? Was ist das Thema des Traums? Der Schlüssel zur Deutung sind immer die Gefühle, die der Traum weckt. Sind die Traumgestalten Ausdruck realer Personen oder spiegeln sie Aspekte Ihrer selbst? Gibt es unangenehme Wahrheiten, die Sie anschauen sollten? Oder eine kreative Lösung für ein aktuelles Problem, Hinweise für eine sinnvolle Verhaltensänderung?
  8.  

  9. Geistliche Dimension erkunden. Spiegeln sich aktuelle oder frühere Glaubenserfahrungen und Gottesbilder wider? Ist der Traum tröstlich, heilsam, versöhnlich, beglückend? Weckt er Ehrfurcht, Staunen, erschüttert er Sie stark? Ziel jeder geistlichen Traumarbeit ist innere Wandlung, Transformation. Wie könnte gerade dieser Traum Ihre geistliche Entwicklung befördern? Betrachten Sie den Traum durch die »trinitarische Brille« der Liebe, Weisheit und Barmherzigkeit Gottes. Führt dieser Traum Sie hin zu mehr Möglichkeiten des Guten? Öffnet er Ihnen die Augen für mehr Wahres? Oder erfüllt er Ihr Herz mit mehr Schönem?
  10.  

  11. Sich begleiten lassen. Betrachten Sie Ihre Träume mit einem kundigen Seelsorger oder Therapeuten. So lassen sich ungelöste Konflikte, seelische Störungen und Entwicklungspotenziale erkennen. Gute Traumarbeit ist immer auch Arbeit am unbewussten Schatten und fördert die Ganzwerdung der Person.
  12.  

  13. In Kirchengemeinden könnten sich kleine Traumgruppen ansiedeln. Christen hätten so einen geschützten Raum, um gemeinsam die spirituelle Dimension ihrer Träume auszuloten. Eine neue protestantische Traumkultur müsste bemüht sein, aufgeklärt-psychologische Traumdeutung mit der in der Bibel bezeugten Sinnvertiefung durch Hinwendung zu den ­innerseelischen Bildern zu verbinden. Wer einmal die Symbol-Sprache der Träume erlernt hat, kann auch die Zeugnisse christlicher Mystiker besser verstehen und seine Träume als Durchgangsfeld für tiefere Versenkungszustände wie der bilderlosen Kontemplation begreifen.

»Es ist dunkel, plötzlich öffnet sich die Zimmerdecke, und ein geflügeltes Wesen steigt mit Getöse herunter und erfüllt das Zimmer mit Bewegungen und Wolken. Ein Rauschen von schwingenden Flügeln. Ich denke: ein Engel. Ich kann die Augen nicht öffnen, es ist zu hell, zu leuchtend. Nachdem es das ganze Zimmer durchschritten hat, erhebt sich das Wesen und verschwindet durch die Spalte in der Decke. Es wird wieder dunkel. Ich erwache.«

Dieser Traum eines jungen Kunststudenten könnte unter unzähligen seiner später weltberühmten Bilder stehen: Der Träumer war Marc Chagall (1887–1985), dessen Lebenswerk wie eine einzige Einladung anmutet, die eigene Kreativität durch Traumbilder zu beleben und unseren Glauben damit zu intensivieren. Von Chagall kann man lernen, seine Träume der Welt zurückzuschenken als eine Erinnerung an den göttlichen Urgrund, aus dem sie Nacht für Nacht den Weg zu uns finden.

Marion Küstenmacher

Die Autorin ist evangelische Theologin. Gemeinsam mit ihrem Mann Werner Küstenmacher veröffentlichte sie eine Buchreihe »Simplify your life« (Vereinfache dein Leben).

»Herzschlag der Kirche«

10. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Teilnehmerin des Dresdner Kirchentages formt mit ihren Händen ein Herz, das Symbol des Kirchentages. »... da wird auch dein Herz sein«, lautete das Motto. Das Herz der Kirche gehört der Mission. Foto: epd-bild.

Eine Teilnehmerin des Dresdner Kirchentages formt mit ihren Händen ein Herz, das Symbol des Kirchentages. »... da wird auch dein Herz sein«, lautete das Motto. Das Herz der Kirche gehört der Mission. Foto: epd-bild.


 
EKD-Synode: Das Thema Mission stand im Mittelpunkt der Beratungen des Kirchenparlamentes in Magdeburg.

Lange war Mission allenfalls ein Randthema im Protestantismus. Inzwischen hat die evangelische Kirche die Bedeutung erkannt. Die ­zentrale Frage lautet: Wie können Christen ihren ­Glauben so leben, dass er auch andere anspricht?

Die Zahlen lügen nicht: Der Artikel zum Kirchenaustritt der Internet-Enzyklopädie Wikipedia sei im November 1269 Mal aufgerufen worden, der Beitrag zum Kircheneintritt dagegen nur 37 Mal. Sehr offen gibt Pavel Richter, Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland e.V., Auskunft über sein Verhältnis zur Religion und zur Frage, was ihn daran hindert, Christ zu werden.

Diese Frage, eröffnet er am 7. November ­seinen Beitrag vor der EKD-Synode in Magdeburg, komme im Alltag kaum vor. »Ich weiß nicht mal, wann ich danach das letzte Mal gefragt worden bin.« Dabei versteht sich der Geschäftsführer durchaus als Christ im Sinne einer kulturellen Prägung, aber eben nicht als gläubig. Als einen Grund, warum er nicht in die Kirche eintritt, nennt er unter anderem die Kirchensteuer.

Zugleich gibt Richter aber auch eine Frage an die Synode zurück: »Was lockt mich, in die Kirche einzutreten?« Für sein »Christsein« brauche er die Kirche eigentlich kaum, gibt er zu Protokoll.

Vier ganz unterschiedliche Voten sollen die Synodalen auf das Schwerpunktthema Mission einstimmen. Neben dem Wikimedia-Geschäftsführer kommt Max Bank von »attac« zu Wort, der sich erst als 27-Jähriger hat taufen lassen. Die Ostberliner Jazzsängerin Pascal von Wroblewsky dagegen macht unmissverständlich klar, dass der Glaube für sie kein Thema ist. »Offenbar hat Religion auf mich keine Wirkung, hier bin ich immun.«

Die ­Tübinger Theologieprofessorin Birgit Weyel wirft schließlich einen Blick auf die fortschreitende Entkirchlichung. Gründe dafür sieht sie in
der Individualisierung des Religiösen. Dennoch sei das Christentum in Deutschland durchaus präsent. Etwa 62 Prozent der Menschen würden sich als Christen bekennen.

Aufgabe der Kirche sei es, das Gespräch über die christlichen Lebensdeutungen zu fördern. Dabei müssten die Menschen ernst genommen werden. »Sie sind keine Konsumenten, an die man vermeintlich passgenaue Angebote adressieren kann.« Bereits zum zweiten Mal nach 1999 hat die EKD-Synode das Thema Mission auf die Tagesordnung gesetzt.

Einen Tag lang nehmen sich die Synodalen Zeit, um über die Impulsreferate und den Kundgebungsentwurf unter dem Titel »Was hindert’s, dass ich Christ werde?« zu diskutieren. Der Grund liegt auf der Hand: In den letzten acht Jahren hat die evangelische Kirche rund zwei Millionen Mitglieder verloren.

Derzeit zählt die EKD noch 24 Millionen Christen. Vor allem im Osten stellt sich die Situation dramatisch dar. In Magdeburg etwa, dem ­Tagungsort der Synode, gehören gerade einmal 8,9 Prozent der Einwohner der evangelischen Kirche an. Bis 2040 rechnet die EKD mit einem Rückgang auf insgesamt 16 Millionen Mitglieder.

Trotzdem soll das Thema Mission keinesfalls als Programm zur Mitgliedergewinnung missverstanden werden. Weder gehe es um eine ­»christ­liche Motivationsstrategie« noch um die »Rekrutierung neuer Mitglieder«, so der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, der als Vorsitzender des Vorbereitungsausschusses den Kundgebungsentwurf einbringt.

»Die Kirche bedarf einer neuen Sprachfähigkeit des Glaubens, um die Botschaft fantasievoll, überzeugend und leidenschaftlich zu vermitteln.« Christliche Mission spüre sowohl »ihrem eigenen Herzschlag« nach, aber nehme gleichzeitig auch offen wahr, was die Menschen ihr zu sagen haben und was die Gesellschaft heute bewegt, sagt der ­Bischof bei der Einbringung. Die geistliche Herausforderung sieht er in der »geistlichen Konzentration und eine konsequente Ausrichtung auf das Zentrum, auf Gott und Christus selbst«.

Zugleich warnt Meister vor ­einer aktionistischen Engführung. Bei der Mission gehe es immer um die Freiheit des Gegenübers.
Doch der Entwurf, der am Mittwoch (nach Redaktionsschluss) verabschiedet werden soll, stößt im Kirchenparlament nicht nur auf Zustimmung.

Etliche Synodale kritisieren die »depressive Grundstimmung« und bemängeln die Ausrichtung. Die Ostberliner Sängerin Pascal von Wroblewsky kann der Diskussion ohnehin nichts abgewinnen. Für sie ist die Frage ebenso irrelevant wie für die Mehrheit der Ostdeutschen. Das allerdings spielt im Plenum der EKD-Synode keine Rolle.

Martin Hanusch

Nikolaus Schneider

»Nicht über unsere Verhältnisse leben«

EKD-Chef bekräftigte Reformnotwendigkeit in der Kirche und las der Finanzwirtschaft die Leviten

Am Anfang stand ein deutliches Bekenntnis des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Fortsetzung des Reformprozesses. Die evangelische Kirche sei ein offenes und missionarisches Haus und habe den Mut zu ­Reformen unter Beweis gestellt, sagte der rheinische Präses Nikolaus Schneider zum Auftakt der in Magdeburg tagenden EKD-Synode. Das geschehe nicht in »blindem Reformeifer zur Selbstprofilierung«, sondern im Blick auf die künftigen Aufgaben.

Es gebe allerdings auch in der Kirche so etwas wie eine »Reformmüdigkeit« und eine prinzipielle Zurückhaltung gegenüber notwendigen Veränderungen, räumte der EKD-Ratsvorsitzende ein, der seinen Bericht unter das Motto »Haus der lebendigen Steine« gestellt hatte. Die demografische Entwicklung, zurückgehende Kirchenmitgliedschaft und der Relevanzverlust der Institutionen stellten die Kirche »zwingend« vor die Aufgabe, nachhaltig lebbare Strukturen anzustreben. »Wir wollen und sollen als Kirche nicht in die Gefahr geraten, auf Dauer über unsere Verhältnisse zu leben.«

Ausführlich ging der EKD-Chef in seinem Bericht zudem auf die ­Papst­visite in Deutschland ein. Mit seinem Besuch im Erfurter Augustinerkloster habe Benedikt XVI. ein »starkes ökumenisches Signal« gesetzt, lobte Schneider. Zugleich äußerte er sich jedoch enttäuscht über das Treffen am 23. September. Es dürfe nichts schöngeredet werden, »was nicht schön war«.

Brennende Fragen des ökumenischen Dialogs seien im Gottesdienst gar nicht oder nur missverstehend und missverständlich angesprochen worden, kritisierte Schneider. Besonders irritiert habe viele Menschen die Rede des Papstes von einem »Gastgeschenk«, das er nicht dabei hätte. Niemand habe das erwartet, wohl aber inhaltliche Impulse. Trotz dieser ökumenischen Irritation lud der Ratsvorsitzende die katholische Kirche dazu ein, das Reformationsjubiläum 2017 mitzufeiern.

Breiten Raum nahmen in dem Bericht schließlich die gesellschaftlichen Entwicklungen vom Atomausstieg und der Suche nach einem Endlager über den Flüchtlingsschutz bis zur Eurokrise ein. So mahnte der EKD-Ratsvorsitzende Konsequenzen aus der internationalen Finanz- und Schuldenkrise an. »Wir benötigen eine Politik, die Finanzakteure so zügelt und Finanzstrukturen so steuert, dass sie nicht der Bereicherung Einzelner, sondern dem Leben vieler Menschen dienen.«

Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise drohten dagegen die Stabilität ganzer Staaten die Existenzgrundlage vieler Menschen zu ­gefährden, sagte Schneider. Von den Folgen der Finanzkrise seien weltweit die Armen am stärksten betroffen. Auch in Deutschland vergrößere sich die soziale Kluft. Er sei dankbar, dass die Politik wieder über Mindestlöhne diskutiere. Grundsätzlich müsse unter sozialethischen Gesichtspunkten gelten: »Eine volle Berufstätigkeit soll so entlohnt werden, dass ein eigenverantwortetes Leben möglich ist.«

Zugleich ging Schneider vor dem Kirchenparlament auch auf das umstrittene kirchliche Arbeitsrecht ein, das während der Synode beraten wurde. Dabei verteidigte der Ratsvorsitzende die Sonderregelungen, nach denen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer Dienstgemeinschaft verbunden sind. »Wir wollen eine Leitwährung für den Dritten Weg.« Letztlich ziele dieser auf ein gleichberechtigtes Miteinander und wolle dem Gegen­einander von Dienstgebern und Dienstnehmern im Sinn von Arbeitskämpfen wehren. Allerdings drohe das Verhalten einzelner Träger durch Ausgründungen und Zeitarbeit die Gemeinschaft auszuhöhlen. Hier brauche es bessere Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen durch die Dienstgeber, forderte der Ratsvorsitzende.

Martin Hanusch

Friedhofskultur auf Skandinavisch

9. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: An diesem Wochenende ist Totengedenken – Gottesäcker mit viel weniger Regeln als in Deutschland.

Pflegeleicht und wenig Regeln: Die Friedhofsvorschriften in Norwegen zwingen niemanden, aus Angst vor der Überforderung durch die Grabpflege auf ­anonyme Grabfelder auszuweichen. Foto: Michael Hoffmann.

Pflegeleicht und wenig Regeln: Die Friedhofsvorschriften in Norwegen zwingen niemanden, aus Angst vor der Überforderung durch die Grabpflege auf ­anonyme Grabfelder auszuweichen. Foto: Michael Hoffmann.


Am ersten Wochenende im November besuchen die Skandinavier die Gräber ­ihrer Lieben. Es ist der »Alle helgens dag«, das einzige große kirchliche Fest des Herbstes.

Der »Alle helgens dag« ist aus dem katholischen Fest Allerheiligen hervorgegangen, das auch als das Osterfest des Herbstes bezeichnet wird. Dieses Fest wird in orthodoxen Kirchen am ersten Sonntag nach Pfingsten und in der römisch-katholischen und der anglikanischen Kirche am 1. November gefeiert.

Es wurde ursprünglich zum Gedenken an alle Märtyrer begangen, die keinen eigenen Feiertag haben. Der in Halle geborene Arzt Johann Friedrich Struensee (1737–1772) verlegte 1770 als Regent des Königs von Dänemark-Norwegen den Feiertag im Rahmen einer Feiertagsreduktion.

In Dänemark und Norwegen wird er nun am ersten Sonntag im November und in Schweden einen Tag früher ­gefeiert. Inhaltlich entspricht er eher dem ­Allerseelentag, der in der katholischen Kirche am 2. November begangen wird und dem evangelisch-deutschen Ewigkeitssonntag: Es wird der im vergangenen Jahr Verstorbenen gedacht.

Alle Friedhöfe in Norwegen sind kirchliche Friedhöfe, auch wenn es in einigen Städten inzwischen muslimische Grabfelder gibt. Die Vorschriften für Beerdigungen sind sehr übersichtlich: Es gibt ein Gesetz. Dieses schreibt vor, in der Regel innerhalb von acht Tagen nach dem Todesfall zu beerdigen und es sichert, dass ein ­einfaches Grab in der Kommune des Wohnsitzes 20 Jahre kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

»Kultur ist lebendig, sie entwickelt und verändert sich. Dies gilt auch für christliche Friedhofskultur«

 
Es gibt eine Vorschrift zum Gesetz, das die Normen für die Einrichtung von Friedhöfen, die Abmessungen von Gräbern, einen Sargzwang, Regeln für die Behandlung von Särgen und Urnen, den Betrieb von Krematorien und insgesamt acht Paragrafen über Grabsteine auf Gräbern enthält.

Es soll in der Regel nur ein Grabstein pro Grab aufgestellt werden. Text, Fotografien, Verzierungen und Symbole sollen zurückhaltend eingesetzt und normalerweise nur die Namen der dort Beerdigten verzeichnet werden. Der Stein muss aus einem Material sein, das das norwegische Wetter und das Rasenmähen auf dem Friedhof verträgt, und er darf nicht zu groß sein.

Ein Gewicht von 300 Kilogramm soll nicht überschritten werden. Doch Ausnahmen sind möglich, so lange der Stein entsprechend der Vorschriften mit einem Fundament und Bolzen gegen Umfallen gesichert ist. Weitere Vorschriften gibt es nicht. Trotzdem ist der Friedhof ein Platz des stillen Gedenkens und kein Platz des Wettbewerbs.

Im Gegensatz zu deutschen Friedhöfen sind die Gräber meist nicht gegeneinander abgegrenzt. Manche, aber nicht alle, nutzen die Fläche eines A3-Blattes vor dem Grabstein für Blumen und Grabschmuck. Der Rest des Grabes ist mit Rasen überwachsen und wird von der Kirchengemeinde mit dem Rasenmäher gepflegt.

Kaum ein alter Mensch muss sich, aus Angst davor, seine Angehö­rigen mit der Grabpflege zu überfordern, für ein anonymes Grab entscheiden. Ich habe in Deutschland den Schmerz von Menschen erlebt, deren Angehörige in einem anonymen Grabfeld auf einem städtischen Friedhof weit weg beerdigt wurden, und die nun kein Grab haben um ihre Trauer auszudrücken.

Oft wünschten sich die Verstorbenen, die selbst viele Jahre lang Gräber aufopferungsvoll gepflegt hatten, für sich selbst ein einfach zu pflegendes Grab: Ohne regelmäßiges Harken und Bepflanzen, ein Ort für Andacht und stilles Gedenken. Doch dafür war auf dem kirchlichen Friedhof vor Ort kein Raum.

Ich verstehe, dass kirchliche Friedhöfe auch als solche zu erkennen sein sollen. Doch wer hat entschieden, dass es nur die eine christliche Friedhofskultur gibt? Warum ist es nicht möglich, einen Blick nach Herrnhut zur Brüder-Unität, ins katholische Bayern oder gar über die Landesgrenzen hinaus zu werfen? Vielleicht steckt hinter den oft detaillierten Friedhofsordnungen aber auch ein deutsches Bedürfnis, alle denkbaren und undenkbaren Möglichkeiten zu regeln?

Kultur ist lebendig, sie entwickelt und verändert sich. Dies gilt auch für christliche Friedhofskultur. Jeder Versuch, sie unverändert in einem engen Korsett zu konservieren, muss auf Dauer scheitern. Ich bin in meinen zehn Jahren als Pfarrer in Norwegen noch mit keiner Friedhofssatzung in Berührung gekommen. Mein persönlicher Entschluss steht übrigens auch fest: Ich möchte in einem einfachen norwegischen Grab beerdigt werden und nicht in einem engen deutschen kirchenbürokratischen Korsett.

Michael Hoffmann

Michael Hoffmann ist Pfarrer im norwegischen Haram und Fjørtoft.

Eine Boygroup besonderer Art

7. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Kirche ist Dieter Falk mit seinem Pop-Oratorium »10 Gebote« aufgefallen. Schon vorher hat der Erfolgsproduzent mit seinem Mix aus Klassik, Kirchenchoral und Popsong für Aufsehen gesorgt. Und Diskussionen. Sein neues Projekt: Bach.

Dieter Falk mit Söhnen Paul (links) und Max. Fotos: Gerd-Matthias Hoeffchen.

Dieter Falk mit Söhnen Paul (links) und Max. Fotos: Gerd-Matthias Hoeffchen.


Auf der Treppe in den Keller begegnet einem Daliah Lavi. Die Mädels von der TV-Popgruppe »Monrose«. Das Gesangs-Duo Marshall & Alexander. Und immer wieder: die Pop-Rock-Band »Pur«.

Wo bei anderen Leuten Trockenblumen oder Makramee-Knüpfereien an den Wänden hängen, ist die Tapete bei Familie Falk auf dem Weg ins Untergeschoss mit Goldenen Schallplatten gepflastert.

»Hier im Keller hat schon Karel Gott gesungen«, sagt Dieter Falk. Keller? Das klingt nach Waschmaschine und Wäschetrockner. Bei Falks sieht das so aus: ein Schlagzeug. Eine Orgel. Ein E-Piano. Eine Menge weiterer ­Tasteninstrumente. Trotzdem: Um ans Mikrofon zu kommen, musste wohl auch Karel Gott erst mal zwischen den Regalen mit Sportschuhen, Tennisschlägern und Koffern durch.

»Früher habe ich für Plattenproduktionen jedes Mal ein großes Studio angemietet«, erklärt Dieter Falk. Heute kann der mehrfach preisgekrönte Musiker dank modernster Computertechnik die Arbeit in seinem Keller daheim im schmucken Düsseldorfer Vorstadthäuschen erledigen.

Zwischen Instrumenten und Computern: Dutzende von Pappordnern. Gefüllt mit Noten, Arrangements und Verträgen. Handbeschriftet, schwarzer Filzstift: Howard Carpendale. Nino de Angelo. Katja Ebstein. Und eben Pur.

Pur: 20 Millionen Platten hat Dieter Falk in den 90er-Jahren als Produzent der damals erfolgreichsten deutschen Popgruppe verkauft. »Pur war für mich der Sprung in die Oberliga«, erinnert sich Falk. Schon zuvor hatte sich der junge Falk als Pianist und Keyboarder (Edwin Hawkins: »Oh happy Day«; Inge Brück: »Frag den Wind«; Arno & Andreas) sowie als Produzent (Pe Werner: »Dieses Kribbeln im Bauch«) einen Namen gemacht.

Mit Pur kam, kurz nachdem der bis dahin bei einer christlichen Plattenfirma Angestellte sich selbstständig gemacht hatte, dann der kommerzielle Erfolg. »400000 D-Mark hat eine Plattenproduktion mit Pur gekostet«, erinnert sich Dieter Falk, »und das war nicht mal besonders teuer.«

Was macht ein Produzent? Dieter: »Ich bin Regisseur der Lieder.« Beispiel Pe Werner: Die war »mit ihrer ­Gitarre und einer tollen Idee« bei ihm reingeschneit. Gemeinsam haben sie sich ans Klavier gesetzt, gesungen, probiert, verworfen. Weitere Musiker dazugeholt. Aufgenommen. Und am Ende all die Stimmen und Instrumente zu diesem wundervollen Lied zusammengefügt. »Der Produzent ist der Berater des Künstlers. Ein Song-Architekt.«

Rumms! Auftritt der beiden Falk-Söhne. Max am Schlagzeug. Paul an der Orgel. Max ist 17, Paul 14, beide ­legen los, als hätten sie nie etwas anderes als Musik gemacht. »Bei uns im Haus hat man keine Chance, der Musik zu entgehen«, meint Paul grinsend.

Trotz Schallisolierung hörte die Familie mit, was der Vater unten aufnahm. »Wir sind runtergelaufen, wenn uns was nicht gefallen hat«, ergänzt Max, »und haben gesagt, was Papa anders machen muss …«

»Die beiden sind mit Musik aufgewachsen«, erzählt Dieter. »Aber richtig geübt haben sie erst, als sie mit auf die Bühne durften.« Auf die Bühne mit dem großen Papa: Selbstverständlich war das nicht. Als Juror des ProSieben-Nachwuchswettbewerbs »Popstars« hatte Dieter Falk zwei Jahre lang Erfahrungen mit ehrgeizigen Eltern gemacht: »Was einige ihren Kindern da antun …« Den Falks ist die Balance wichtig.

Familie, Schule, Ausbildung dürfen nicht zu kurz kommen. Max denkt ans Medizinstudium. Paul ­sammelt Erfahrung als Schauspieler (»Kleine Morde«, mit Uwe Ochsenknecht, Kinostart 2012).

Was macht eigentlich Mutter Angelika, eine Grundschullehrerin? »Die holt uns auf den Boden zurück, wenn wir in die Wolken steigen wollen«, meint Paul. Wieder dieses Grinsen. Das hat er wohl vom Vater. Der wirkt mit 51 Jahren wie ein großer, unverschämt sympathischer Junge, der jeden gleich duzt: »Bei Musikern üblich.« Der andere Dieter (Bohlen) soll sich deshalb mal eine Anzeige eingefangen haben: Er hatte einen Polizisten geduzt.

Falk und Söhne – das ist eine Boygroup besonderer Art. Das Interesse an ihrem neuen Programm ist riesig. »Man kann uns buchen«, sagt Dieter. Das sei nicht billig, aber mit »nem Sponsor kann das auch eine Kirchengemeinde hinkriegen«. Spannend ist das allemal. Als Wandler zwischen den Welten – Klassik und Pop – hat Falk Grundlegendes geleistet.

Was aber nicht jedem gefällt: »Gerade von Kollegen aus der Kirchenmusik habe ich schon vor Jahren Schelte bekommen«, erinnert sich der studierte Jazzmusiker, dessen musikalische Wurzeln in der Kirche liegen – die Mutter war Leiterin eines Kirchenchors in Siegen.

Trotzdem: Seine CD »A Tribute to Paul Gerhardt« hat sich 30000 Mal verkauft; sein Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« wurde begeistert gefeiert. Und die Evangelische ­Kirche in Deutschland denkt bereits über weitere Projekte mit ihm nach.

Die Falks und die Musik – da ist das ganze Haus beteiligt. Wenn Daliah Lavi oder Katja Ebstein sich in den Pausen oben in der Küche ein Butterbrot schmieren, sind die ohnehin »ein Teil der Familie«, meint Dieter. Oder Karel Gott. Der hatte, ganz Kavalier der alten Schule, der Dame des Hauses einen Kasten Pralinen mitgebracht, bevor er zum Singen in den Keller ging.

Gerd-Matthias Hoeffchen

Gerhard Ulrich ist neuer Leitender Bischof der lutherischen Kirche

7. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Leidenschaftlicher Prediger

Gerhard Ulrich ist neuer Leitender Bischof der lutherischen Kirche.

 
Er gilt als eine treibende Kraft bei der Gründung der Nordkirche und scheut keine stressige Gremienarbeit mit Sitzungen bis in die Nacht. Seine Leidenschaft aber ist die Predigt. Gerhard Ulrich (60), neuer Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), will auch in seinem neuen Amt das tun, was er als Pastor, Propst und nordelbischer Bischof schon immer am liebsten getan hat: Menschen für das Evangelium gewinnen.

Gerhard Ulrich ist neuer Leitender Bischof der lutherischen Kirche.

Gerhard Ulrich ist neuer Leitender Bischof der lutherischen Kirche.


Als er im Juli 2008 Schleswiger Bischof wurde, sagte Ulrich auf Journalistenfragen, dass seine Leidenschaft für das Wort durch seine Geschichte geprägt sei. Dabei verwies der neue Spitzenmann des Zusammenschlusses von acht lutherischen Landeskirchen mit fast zehn Millionen evangelischen Christen auf ein zentrales Schlüsselerlebnis.

Er war Schauspielschüler. Kurz vor einem Auftritt beim Stück “Abelard und Heloise” hörte der damals 22-Jährige im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater, wie eine Kollegin den Psalm 139 rezitierte: “Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir … und nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.” Dieser Eindruck brachte Ulrich dazu, vom Studium der Germanistik, Theaterwissenschaften und Schauspielkunst 1974 zum Theologiestudium zu wechseln.

Er legt großen Wert darauf, beim Predigen in die Lebenswirklichkeit der Menschen “hineinzuerzählen”. “Weil ich es selbst so erfahren habe, kann ich mir es gar nicht anders vorstellen”, sagt der evangelische Theologe, der mit Ehefrau Cornelia vier erwachsene Söhne hat.

Auch sein beruflicher Werdegang als Pastor war von Abwechslung geprägt. Als Sohn eines Polizisten in Hamburg geboren war Ulrich zunächst Pastor in Barsbüttel (Kreis Stormarn) und Hamburg-Wellingsbüttel. Danach wurde er Ausbildungsmentor für Theologen in Schleswig und Direktor des Predigerseminars Preetz. Im März 1996 übernahm er das Propstamt im Kirchenkreis Angeln, 2008 wurde er Schleswiger Bischof als Nachfolger von Hans Christian Knuth.

Bereits als Propst war er Mitglied der nordelbischen Kirchenleitung und von Anfang an aktiv beteiligt an den Weichenstellungen für die Nordkirche als Zusammenschluss der nordelbischen, mecklenburgischen und pommerschen Kirche. Er ist derzeit nicht nur Vorsitzender der nordelbischen Kirchenleitung, sondern hat auch den Vorsitz der gemeinsamen Kirchenleitung aller drei Kirchen inne.

Hartmut Schulz (epd)

Die Freiheit zur Unvollkommenheit

2. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Warum sich Martin Luther seiner Tränen nicht schämte – Betrachtung zum Reformationstag.

 

Luther-Statue in Magdeburg, Foto: Kriss Szkurlatowski, sxc.hu.

Luther-Statue in Magdeburg, Foto: Kriss Szkurlatowski, sxc.hu.

 Hier stehe ich und kann nicht ­anders!« Mit diesen Worten soll Luther 1521 auf dem Reichstag in Worms seine Rede beendet haben, als er seine Schriften widerrufen sollte. Ein Satz – wie geschaffen für ein Denkmal. Allerdings hat Luther die legendären Worte wahrscheinlich nie gesagt, niemand hat sie aufgezeichnet.
 
Sein Mut ist eher seltsam doppelbödig. Heftig kann er polemisieren, doch da ist auch die bei ihm oft aufflackernde Angst vor der Bodenlosigkeit. In der Nacht vor dem entscheidenden Auftritt in Worms soll er gebetet haben: Schreie, Seufzer, Satzfetzen, die nicht denkmaltauglich sind. Dann aber kippt unversehens seine Stimmung, indem er sich auf Christus beruft, »der mein Schutz und Schirm sein soll, ja meine feste Burg«.
 
Eine ängstliche Seele sucht Zuflucht bei einem, der auch keinen ­Boden unter den Füßen hat, nämlich beim am Kreuz hängenden Christus. Luther widerruft seine Bücher schließlich nicht, »überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes«. Das Gewissen – auch das ist wie Christus oder die mysteriöse Himmelsburg eine ungreifbare Größe, womit sich keine Herrschaft machen lässt. Aber gerade darauf sind die hohen Herren offenbar nicht vorbereitet: Dass da einer ist, der nichts weiter sagt als – ich.
 
Über Jahre hat dieser Mönch in seiner Zelle die Bibel gelesen, ein Einzelner, er fühlte sich ungenügend, nichts genügt. Er findet endlich tiefe Ruhe als er merkt: Die schreiende Sehnsucht muss er nicht dämpfen. Gott setzt
die Unvollkommenheit ins Recht. Nicht die heute oft geforderte Ganzheit lässt Luther Atem finden, sondern die Entdeckung, halb sein zu dürfen. Es ist eine verwundete, verletzte Vollkommenheit.
 
Das hatte ihm kein spiritueller Meister sagen können – und vielleicht auch nicht wollen. Denn wenn einer von sich sagen kann, ich bin um Gottes Willen heil, dann kann das keine menschliche Autorität tilgen. »Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit«, urteilt Heinrich Heine.
 
Sich zur Halbheit zu bekennen, verlangt auch heute Mut. Die prägenden Traditionen und Deutesysteme sind zurückgetreten, wie es etwa der Philosoph Wilhelm Schmid treffend beschreibt. Die so entstandene Freiheit geht nun aber über in den Druck, seine Biografie auch erfolgreich zu ­gestalten. Fast jede Niederlage hat man sich selbst zuzuschreiben. »Die Risikogesellschaft verlangt nach dem psychischen und physischen Tarzan, der sich selbst als Gewinner produziert«, sagt die Theologin Gunda Schneider-Flume. Das Leben soll ­gelingen! Das höre man oft, auch in den Kirchen, was für Schneider-Flume Tyrannei bedeute.
 
Die Vertreter des gelingenden Lebens differenzieren freilich, sie wissen natürlich, dass es Krankheit, Vergeblichkeit und Scheitern gibt, nur könne man doch dadurch lernen nochmals erfolgreicher zu sein.
 
In Volkshochschulen gibt es Schlagfertigkeits-Seminare, man lernt, wie man Kränkungen verhindern kann. In Arbeits- und Bildungsprozessen wird der Mensch in Potenziale aufgegliedert, die sich bewerten und messbar optimieren lassen. Irgendwann einmal soll dann alles rund erscheinen. Vielleicht nehmen die sogenannten psychischen Erkrankungen auch deshalb zu, weil das Ungereimte niemals ungereimt bleiben darf?
 
Luther kümmerte sich noch um die schöne Verletzlichkeit einer einzelnen Seele, nämlich seiner – und damit bereits um andere. Denn wer seine Verletzlichkeit eingesteht, wird frei vom Anspruch, die Maske ewigen Gelingens zu tragen. Sich zur Dünnhäutigkeit zu bekennen, war für Luther keine Theorie.
 
Als seine kaum acht Monate alte Tochter Elisabeth gestorben war, schrieb er an einen Freund: »Sie hat mir ein seltsam bekümmertes, beinahe weibliches Herz zurückgelassen.« Warum schämte sich der große Reformator der Tränen nicht? Weil Schwäche für ihn keine Schwäche war, sondern eine Stärke, nämlich das Ende des Wahns, alles können zu müssen. Das ist die herrliche refor­matorische Freiheit, unfertig sein zu dürfen. Und etwas völlig anderes als jener Mut, der in dem Satz zum Ausdruck kommt: »Ich stehe hier und kann nicht anders.«
 
Das hat Luther in Worms nicht gesagt. Bezeugt ist stattdessen, dass er seine Rede auf dem Reichstag mit den Worten beendet hat: »Gott komm mir zu Hilfe.«
 
Georg Magirius
 
Der Autor hat evangelische Theologie studiert. Er ist freier Schriftsteller und arbeitet als Journalist für mehrere ARD-Hörfunksender.

Gentechnik und Kirche

1. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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»Angstdebatte mit vielfach widerlegten Behauptungen«

 
Grüne Gentechnik: Brauchen wir gentechnisch veränderte Pflanzen? Im Gespräch mit Professor Reinhard Szibor.
 
»Gendreck weg«, lautet ein in Deutschland vielfach zu ­hörender Spruch. Der Magdeburger Naturwissenschaftler Reinhard Szibor hält dagegen. Für ihn ist die Ablehnung der Grünen Gentechnik ein unverantwortlicher Fehler. Harald Krille sprach mit dem bekennenden Protestanten.
 

Professor Reinhard Szibor, Foto: Harald Krille.

Professor Reinhard Szibor, Foto: Harald Krille.

 Herr Professor Szibor, die überwiegende Mehrheit der Deutschen hat Angst vor der Grünen Gentechnik. Sie nicht?
Szibor:
Ich habe keine Angst, sondern die Sorge, dass man sie nicht nutzt. Man muss festhalten, dass es ein unglaubliches Unwissen über Züchtung überhaupt und die Grünen Gentechnik im Besondern gibt. Viele wissen gar nicht, dass die große Mehrheit der Pflanzen, die wir essen, Ergebnisse ungerichteter Mutationen sind. Veränderungen in der konventionellen Züchtung werden oft dadurch erzeugt, dass man Pflanzen mit radioaktiven Strahlen und mit chemischen Mutagenen behandelt und eine Fülle von unkontrollierten Veränderungen erhält. Diese sind meist nachteilig, die wenigen erwünschten sucht man dann heraus. Eine Prüfung oder institutionelle Überwachung gab es dabei überhaupt nicht. Manches davon war gesundheitsschädlich und musste wieder vom Markt genommen werden.
 
Und das ist bei der Gentechnik anders?
Szibor:
Bei der gentechnischen Veränderung einer Pflanze gibt es einen gezielten Eingriff an nur einer Stelle und dort wird eine gut analysierte Gensequenz eingebaut. Das wirkliche Alleinstellungsmerkmal der Grünen Gentechnik ist, dass alles dort Produzierte einer Sicherheitskontrolle unterworfen ist: Es wird genau geprüft, ob es Gefahren für die Umwelt oder die Gesundheit von Mensch und Tier gibt. Erst dann kommen solche Pflanzen auf den Markt.
 
Auch die Atomphysiker und Kraftwerksingenieure haben uns versprochen, dass Kernenergie eine saubere und beherrschbare Sache sei. Heute weiß man, dass die Risiken und Nebenwirkungen kaum beherrschbar sind.
Szibor:
Ich bin kein Verfechter der Kernenergie. Aber: Wenn Sie mal die Toten und gesundheitlich Geschädigten durch Unfälle und Katastrophen in Atomanlagen zusammenzählen, dann sind das wenige Prozent von der Anzahl der Opfer, die früher im gleichen Zeitraum durch die Nutzung der Kohle zu beklagen waren. So schlimm Tschernobyl und Fukushima auch sind, man muss die Realitäten und die Relationen sehen. Um die enormen Probleme unserer Welt zu lösen, brauchen wir auch neue Technologien!
 
Ist das Misstrauen gegenüber neuen Technologien nicht verständlich wenn man bedenkt, wie oft die Heilsversprechen nicht eingehalten wurden?
Szibor:
Das Problem ist, dass sich ­alles, was schief gegangen ist, fester in unser Gedächtnis einprägt als die Vieltausend guten Ergebnisse. Man hört zum Beispiel immer die Klagen über die Antibiotika-Therapien, dass es dadurch Resistenzen gibt und so weiter. Aber man vergisst, wie viele Millionen und Abermillionen Menschen durch diese Therapien gerettet wurden.
 
Wir müssen also mit Risiken leben?
Szibor:
Es gibt kein Nullrisiko. Wir müssen immer die Vorteile einer Technologie realistisch abwägen gegen ihre zweifellos bestehenden Risiken und gegen die Risiken, die sich aus dem Verzicht darauf ergeben. Bei der Grünen Gentechnik sind die Risiken durch zugelassene Pflanzen nahe Null, die Chancen groß und ein Verzicht verschärft die bestehenden Probleme.
 
Und warum sollen wir uns den Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik aussetzen?
Szibor:
Weil alle sechs Sekunden auf der Welt ein Mensch an Hunger stirbt. Und weil die konventionelle Züchtung ausgereizt ist und kaum noch einen Zuwachs an Erträgen und an Ertragssicherheit bringt. Wir brauchen jetzt im Blick auf den Klimawandel dringend Pflanzen, die gegen Trockenheit resistent sind. Frau Käßmann hat es auf dem Dresdener Kirchentag auf den Punkt gebracht. Sie fragte, was wohl wäre, wenn jährlich 2,2 Millionen Kinder in Westeuropa an Mangel- und Unterernährung stürben? Dann wären wir alle sehr aufgeregt und ­würden nichts unversucht lassen, die Situation zu ändern.
 
Die Gentechnik also als Wunderwaffe gegen den Hunger in der Welt?
Szibor:
Gentechnik allein kann die vielschichtigen Probleme nicht lösen. Aber gentechnisch veränderte Pflanzen sind wichtig im Ensemble der Möglichkeiten. In vielen Ländern müssen daneben politische Verhältnisse verändert, muss in Bildung investiert und eine moderne Form der Landwirtschaft entwickelt werden.
 
»Brot für die Welt« und andere Organisationen fordern vehement den Erhalt kleinbäuerlicher Strukturen mit konventioneller Landwirtschaft in den Entwicklungsländern …
Szibor:
Gegen kleinbäuerliche Strukturen ist nichts einzuwenden. Sie sind aber nur gut, wenn die Bauern auch ertragsfähige Sorten, moderne Pflanzen- und Bodenschutzmöglichkeiten und Wissen vermittelt bekommen. Sonst erwirtschaften sie nur einen Bruchteil des Ertrages, der möglich wäre! Aber davon abgesehen: Derzeit steigt der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen gerade bei Kleinbauern in Entwicklungsländern jährlich um etwa sechs Prozent.
 
Die machen das doch nicht aus Jux und Tollerei oder nur um Firmen wie »Monsanto« und »BASF« einen Gefallen zu tun. Auch diese Bauern können rechnen. Höheren Kosten für das Saatgut stehen höhere Erträge gegenüber. Gerade die Kleinbauern profi­tieren überdimensional von dieser Technologie. Zu den höheren Erträgen kommen weitere Effekte: So fällt etwa durch Schädlingsresistenzen der Einsatz von Giften weg, der neben Kosten vor allem viele Umwelt- und Gesundheitsprobleme mit sich bringt.
 
Aber letztlich verdienen vor allem die Großkonzerne, die die Grüne Gentechnik auf den Markt bringen …
Szibor:
Und genau das ist mein Vorwurf an diverse Umweltorganisationen und auch die Kirchen. Sie behindern die gentechnische Forschung in öffentlicher Hand! Wissenschaftler werden geradezu aus Deutschland vertrieben. Die gehen zu »Monsanto« und ähnlichen Firmen nach Amerika. Dort reibt man sich die Hände, hat das gesamte Wissen und kann diktieren, wie hoch die Lizenzgebühren sind. Wir müssen die Forschung und die Produktion von gentechnisch veränderten Pflanzen in die öffentliche Hand legen! Dann könnten die Politiker auch sagen, wir geben den Bauern in Afrika dieses Saatgut unter besonders günstigen Bedingungen.
 
Aber besteht nicht die Gefahr, dass sich gentechnisch veränderte Pflanzen unkontrolliert mit anderen Pflanzen kreuzen – mit unvorhersehbaren Folgen?
Szibor:
Das Auskreuzungsproblem ist ein reales, aber es wird total überzogen dargestellt, zumal es bisher kein belegtes Beispiel dafür gibt. Aber: Aus Gründen der biologischen Schädlingsbekämpfung wurde beispielsweise der asiatische Marienkäfer bei uns eingeführt – der ist nicht rückholbar und frisst nicht nur Blattläuse, sondern gefährdet unsere heimischen Marienkäfer und andere Nutzinsekten. Die größte Umweltkatastrophe der letzen 20 Jahre, die uns ausgerechnet der biologische Landbau beschert hat! Darüber redet niemand, aber die hypothetische Frage, ob möglicherweise gentechnisch veränderte Pflanzen auswildern, wird zu einem riesigen Problem hochstilisiert. Aber auch dieses Problem steht im Focus der Sicherheitsprüfung.
 
Sie schrieben kürzlich, ausgerechnet die Kirche der Reformation drohe »aus Sicht vieler Biowissenschaftler in einen wissenschaftlichkeitsfeindlichen Zustand zu verfallen, wie wir ihn aus Zeiten kennen, als man Darwin noch einen Ketzer nannte«. Was wünschen Sie sich von Ihrer Kirche?
Szibor:
Ich bin davon überzeugt, dass zur Lösung der größten Probleme der Zukunft – Ernährung und Energie – der Einsatz von Biotechnologien unumgänglich ist. Deshalb brauchen wir eine sachliche Diskussion mit wissenschaftlichen und ethischen Argumenten. Kirchenleute sollten sich von Wissenschaftlern mit nachgewiesener Kompetenz beraten lassen.
 
Derzeit führen wir auch in den Kirchen weithin eine Angstdebatte mit vielfach ­widerlegten Behauptungen. Ich habe deshalb ein Memorandum zur Verantwortung der Kirchen verfasst, das zu einer sachlichen Diskussion auffordert. Es ist im Internet abrufbar.