Protestantische Pflänzchen

31. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Skanderbeg-Platz im Herzen Tiranas ist nach dem Nationalhelden Gjergj Kastrioti (deutsch Georg Kastriota, 1405–1468), Skanderbeg benannt. Er gilt als Verteidiger des Landes gegen die türkischen Heere. Erst zehn Jahre nach seinem Tod konnten die Osmanen das Land für 400 Jahre erobern und islamisieren. Foto: epd-bild/Egmont Strigl

Der Skanderbeg-Platz im Herzen Tiranas ist nach dem Nationalhelden Gjergj Kastrioti (deutsch Georg Kastriota, 1405–1468), Skanderbeg benannt. Er gilt als Verteidiger des Landes gegen die türkischen Heere. Erst zehn Jahre nach seinem Tod konnten die Osmanen das Land für 400 Jahre erobern und islamisieren. Foto: epd-bild/Egmont Strigl

 

Albanien: Das Land war einst orthodox, wurde später islamisch und dann per Gesetz zum atheistischen Staat

 
Nach Jahren des gesetzlich verordneten Atheismus beginnen evangelische Kirchen in Albanien Fuß zu fassen – allerdings nicht ohne Konflikte.
 
Haxhi Murati, der in einem christlichen Zentrum in Tiranas Problembezirk Bathore als Sozialarbeiter tätig ist, weiß, dass Albanien ursprünglich christlich war. Erst später seien die Osmanen gekommen und hätten den Islam mitgebracht, sagt er. In der kommunistischen Zeit, unter dem Diktator Enver Hoxha, war gar keine Religion erlaubt, denn der große Führer hatte sein Land per Gesetz zum einzigen atheistischen Staat auf der Welt erklärt.

In Haxhi Muratis Dorf gab es früher zehn Kirchen und Moscheen. Einige wurden Museen. Aber manchmal hat man abends dort gebetet, erinnert er sich.

Neu für Haxhi Murati ist, dass der evangelische Glauben in Albanien Fuß gefasst hat. Das ist für ihn auch deshalb erstaunlich, weil es früher nur orthodoxe und katholische Kirchen gab. Dabei weiß er aus eigener Erfahrung, dass das Engagement der Protestanten nicht nur aus Kirche und Gebet besteht: Sein Sozialprojekt wird aus Mitteln der Herrnhuter Missionshilfe finanziert. Die kleine evangelische Freikirche mit sächsischen Wurzeln und einer großen Vergangenheit als Missionskirche ist eine der evangelischen Kirchen aus Deutschland, die sich seit den Umbrüchen der 90er Jah­re in dem kleinen Land engagieren.

In einer alten Villa, fast im Zentrum Tiranas, befindet sich heute der Sitz der Evangelischen Allianz Albaniens, einer Art Dachorganisation der evangelischen Kirchen. Auf dem schönen Grundstück ist auch ein Gästehaus mit einfachen Zimmern. Erst im Mai letzten Jahres wurden die Kirchen evangelischer Prägung vom albanischen Staat endlich als rechtliche Körperschaft anerkannt.

Über diesen langen Weg weiß ­Austin McCaskill von der christlichen Stiftung AEP (Albanian Encouragement Project – Albanian Ermutigung Projekt) bestens Bescheid. Der Amerikaner ist seit sechs Jahren als einer der Geschäftsführer der Stiftung im Land und war vorher Anwalt in den USA. Die Kirchen aus dem evangelischen Spektrum hätten sich nur unter Vorbehalten und auch dem Widerstand von Orthodoxen und der Katholiken etablieren können. Dabei sei Hilfe von außen, vor allem aus Deutschland und den USA gekommen, berichtet er.

Der deutsche Botschafter habe sich schon vor Jahren beim albanischen Parlament für die evangelischen Christen eingesetzt.

Politischen Druck hätten auch die Amerikaner ausgeübt. In den USA gibt es einen jährlichen Bericht zur Religionsfreiheit in der Welt. Darin wurden die Auswirkungen des Religionsgesetzes in Albanien angeprangert, durch das alle Religionsgemeinschaften – Orthodoxe, Katholiken, Moslems und Bektashi (eine Variante des Islam) – anerkannt worden. Nur die Protestanten nicht.

Erst nach langen Verhandlungen gelang es, mit der albanischen Regierung einen Vertrag zu schließen, der nicht nur die Ausübung ihrer Religion zulässt, sondern zum Beispiel auch Steuerfragen regelt. Zum protestantischen Spektrum in Albanien gehören heute Pfingstler, unabhängige evangelikale Gemeinden, Baptisten, Mennoniten, Methodisten, Moraven (Herrnhuter) und zahlreiche weitere Gruppen.

Doch auch hier sind kleinere Konflikte vorprogrammiert. 300 evangelische Missionare aus mehr als 30 Ländern und 70 verschiedene Missionsorganisationen arbeiten in Albanien, verrät Austin McCaskill. Doch trotz der Vielfalt achte man einander. »Einheit in Verschiedenheit« sei ein ­dringendes Motto.

Die Herrnhuter hätten dabei einen guten Ruf, weil sie über Konfessionsgrenzen hinaus soziale Arbeit machen, zum Beispiel auch Muslime in ihre vier Sozialprojekte im ganzen Land integrieren. Haxhi Murati in Bathore wiederum weiß das nur zu gut, denn er stammt selbst aus ­einer muslimischen Familie.

Andreas Herrmann

Rau, frisch und direkt!

31. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Das romantische Bild vom musizierenden Luther im Kreise der Familie (mit dem biertrinkenden Melanchthon im Hintergrund) ist ein Produkt der Fantasie des 19. Jahrhunderts. Dass für Luther Lieder und Musik wichtig waren, ist allerdings unbestritten. Repro: Archiv.

Das romantische Bild vom musizierenden Luther im Kreise der Familie (mit dem biertrinkenden Melanchthon im Hintergrund) ist ein Produkt der Fantasie des 19. Jahrhunderts. Dass für Luther Lieder und Musik wichtig waren, ist allerdings unbestritten. Repro: Archiv.

 

Reformation und Musik: Luther und die Lieder des Gottesdienstes.

 
Die Evangelische Kirche in Deutschland eröffnet an diesem Wochenende das Themenjahr »Reformation und Musik«. Und folgt damit einem wichtigen Anliegen des Reformators, der sich selbst auch dem Lied widmete. Luther war ein Übersetzer. Das stimmt und ist doch zu wenig gesagt. Luther erwartete alles von Texten.
 
Er erwartete von ihnen Aufschluss über sein Leben, den Ausbruch aus seinen Ängsten, die Lösung seiner anfänglichen Orientierungslosigkeit. Über einem Stück Römerbrief öffnete sich ihm die Pforte des Himmels, schrieb er einmal. Und genau das machte ihn zum Übersetzer. Er übertrug nicht nur Worte aus der einen Sprache in die andere, sondern er versuchte einen ­lebendigen und sprechenden Text so ins Deutsche zu bringen, dass er lebendig und sprechend blieb.
 
Diese Art von Lebendigkeit versuchte er auch in Liedern hervorzubringen. Wenn er den Psalm 46 zu ­einem Lied macht, überträgt er nicht Zeile für Zeile in Reime und metrisch gefügte Sätze, sondern er studiert offenbar vor allem den Geist des Psalms. Das Toben und Wüten der Elemente, das Aufbranden des Krieges, das dem Erzittern der Berge gleicht. Und dann das Gerettetsein in Gott, wie mühelos in all dem Toben. Denn Gott ist eine Burg, in der sein Volk sicher ist.
 
Daraus entsteht das Lied »Ein feste Burg ist unser Gott« (EG 362). Das Hauptmotiv übernimmt Luther aus dem Psalm, spricht dann aber von ­seiner eigenen Zeit, dem Toben der reformatorischen Wirren, Jesus Christus als dem Herrn der Heere und dem einen Wörtlein, das den Teufel fällen kann, sogar »wenn die Welt voll Teufel wär«.
 
Luther hat sich sehr früh um die Lieder des evangelischen Gottesdienstes gekümmert. Schon Ende 1523 nahm er mit Spalatin Kontakt auf, um den gelehrten Übersetzer für eine Reihe von Psalmliedern zu gewinnen. In Wittenberg arbeitete Luther die römische Messe um und ließ erstaunlich viel stehen.
 
Denn aus Luthers Feder stammen mehrere Verdeutschungen altkirchlicher Gesänge. Auch das waren offenbar Texte, von denen er Aufschluss erwartete. Er übersetzte etwa das frühmittelalterliche Antiphon »Media in vita morte« ins Deutsche. Mit zwei hinzugedichteten Strophen justierte er allerdings die Theologie des Liedes nach (EG 518). Die Übersetzung gilt als so beispielhaft gelungen, dass die erste Strophe »Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen« inzwischen sogar im katholischen »Gotteslob« steht.
 
Luthers Geistliche Lieder gelten oft als rau gefügt. Oft müsse die Melodie geschickt über die Holprigkeiten des Versmaßes hinweghelfen. Dieses Urteil wird man nicht gänzlich zurückweisen können. Zum Teil liegt aber auch der Charme seiner Lieder an ­dieser fehlenden letzten Raffinesse. Sie wirken so, als seien sie schnell für den Gebrauch zusammenmontiert worden und vor allem, als sei der Überschwang der richtigen Gedanken manchmal nicht vollständig ins Wortmaß gebracht. Das gibt ihnen eine ­Frische und eine Direktheit, die wohl für die Langlebigkeit der meisten ­Lutherlieder mit verantwortlich sind.
 
Darüber hinaus teilen die Lieder Luthers natürlich seinen Hang zur ­Zuspitzung und seine Vorliebe fürs Paradox. Das führt zu beinahe atemberaubenden Formulierungen wie in seinem Osterlied »Christ lag in Todesbanden« (EG 101). Hier tanzt die Sprache geradezu einen Ostertanz: »Die Schrift hat verkündet das, / wie ein Tod den andern fraß, / ein Spott aus dem Tod ist worden.«
 
Frank Hiddemann

Cyber-Mobbing ist sichtbar und unwiderruflich

28. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Jeder dritte Schüler in Deutschland wurde schon einmal Opfer von Mobbing im Internet. Foto: Matthias Vorländer.

Jeder dritte Schüler in Deutschland wurde schon einmal Opfer von Mobbing im Internet. Foto: Matthias Vorländer.

 
Internet: Das weltweite Datennetz wird zum Tatort – Warum Jugendliche mobben und was man dagegen tun kann.

 
Chatrooms, Foren, soziale Netzwerke und auch Videoplattformen werden gezielt genutzt, um andere zu beleidigen, lächerlich zu machen oder sogar massiv zu bedrohen und zu erpressen. ­Cyber-Mobbing oder Cyber-Bulling heißt die Form des virtuellen Fertigmachens.

Jan ist fassungslos. In seiner Klasse wird über Handy ein Foto verschickt, das ihn in einer peinlichen Situation zeigt. Nur wer genau hinsieht, entdeckt, dass das Foto ein »fake« ist. Jemand hat Jans Kopf auf ein Porno-Bild montiert. Wenn Jan über den Schulhof geht, gellen ihm das Kichern und die anzüglichen ­Bemerkungen von Mitschülern in den Ohren. Am liebsten würde er die Schule wechseln.

Mitschülerin Mareike ist ebenfalls fassungslos. Von ihrem E-Mail-Konto ist das Foto nämlich verschickt worden. Offenbar hat jemand sich Zugang zu ihrem Konto verschafft, sodass sie als Urheberin gelten muss.

Eine aktuelle Studie der Uni Münster zeigt: Sexuelle Gerüchte und ­Demütigungen, manipulierte Fotos und üble Beleidigungen gehören zum Alltag einer wachsenden Zahl von ­Jugendlichen. Jeder dritte Schüler in Deutschland, so die Studie, wurde schon einmal Opfer von Mobbing im Internet. In 80 Prozent der Fälle kennen sich Täter und Opfer aus der Schule.

Dass Mitschüler belästigt, bloßgestellt, systematisch an den Rand gedrängt, verleumdet und gedemütigt werden, ist kein neues Phänomen. Mobbing hat es auch in Vor-Internet-Zeiten gegeben. Psychologin Catarina Katzer, die die ersten Studien im deutschsprachigen Raum zum Thema Cyber-Mobbing veröffentlicht hat, beschreibt das gefährlich Neue von Mobbing im Internet so: »Cyber-Mobbing ist für Hunderttausende sichtbar. Cyber-Mobbing ist endlos. Was einmal an Gemeinheiten oder peinlichen Bildern und Videos im Netz steht, bleibt drin – ein Leben lang.« Selbst wenn die Täter ermittelt werden können, bleiben die Bilder und Filme im Umlauf und lassen sich nicht zurückholen.

Die Folgen für die Opfer sind oft schwerwiegend. Sie reichen von Scham und hilfloser Wut über Isolation und Lernschwierigkeiten, bis hin zu Stress und psychischen Problemen. Sogar Fälle von Suizid sind mittlerweile bekannt.

Ähnlich wie beim »normalen Mobbing« sind häufig solche Jugendlichen Opfer und Zielscheibe, die kein hohes Selbstbewusstsein haben und ohnehin am Rande stehen. Auffällig sei auch, so Catarina Katzer, dass viele Opfer keine gute Beziehung zu ihren Eltern haben. Wenn Eltern ihre Kinder von klein auf befähigen, selbstbewusst für die Wahrung ihrer Grenzen einzutreten, könnte das der beste Schutz vor Mobbing sein.

Gar nicht selten ist, dass Opfer selbst zu Tätern werden. Die Anonymität des Internets macht es leicht, sich zu rächen. Fachleute beobachten, dass auch Opfer von herkömmlichem Mobbing im Netz zum Täter werden. Im Internet sehen sie die Möglichkeit, selbst einmal das Gefühl von Überlegenheit zu entwickeln und unerkannt zu bleiben.

Die Motive der Täter sind ähnlich wie beim normalen Mobbing: Sie wollen sich überlegen fühlen, hoffen auf den Beifall ihrer Gruppe oder wollen sich für eine Niederlage rächen. Dabei haben sie oft keinerlei Unrechtsbewusstsein. »Sie wissen nicht, dass Beleidigung und Drohungen und das Verschicken pornografischer oder gewalthaltiger Inhalte an Jugendliche kriminelle Handlungen sind«, so Kriminalhauptkommissar Walter Steinbrech vom Ressorts Gewaltprävention. Hinzu kommt, dass die Täter im Gegensatz zur realen Auseinandersetzung nicht befürchten müssen, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Denn die Anonymität, mit der manche Homepages sogar werben, senkt die Hemmschwelle.

Catarina Katzer erlebt bei Tätern immer wieder einen eklatanten Mangel an Empathie. Diesen Mangel an Einfühlungsvermögen und Mitgefühl erklärt die Expertin für Cyber-Psychologie so: »Die Täter stehen ihren ­Opfern nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie sehen nicht deren Schmerz. Sie werten die eigene Tat womöglich ab und sagen: ›Das ist ja gar nicht so schlimm.‹« Catarina ­Katzer beobachtet zudem eine Art Trophäenjagd, bei der es darauf ankommt, das brutalste Video zu präsentieren.

Die Fachfrau für Medienethik plädiert deshalb für die Vermittlung von Werten und sozialer Kompetenz im Umgang mit den neuen Medien. Sie erlebt, dass allzu viele Eltern sich an diesem Punkt verweigern oder meinen, es genüge, wenn Kinder und ­Jugendliche versiert im Umgang mit den neuen Medien sind. »Wir müssen feststellen, dass die Eltern oft nicht die Zeit und die Fähigkeit haben. Manche wollen sich mit dem Thema auch nicht befassen«, bedauert sie. Aus ­ihrer Sicht kommt deshalb auf die Schulen und kirchliche Jugendarbeit eine neue große Verantwortung zu.

Wenn Eltern mitbekommen, dass ihr Kind Zielscheibe von Cyber-Mobbing-Attacken ist, dann sollten sie nicht mit Überbehütung und pauschalen Computer- und Internetverboten reagieren. Wichtig ist, dass sie ihren Kindern vermitteln: »Wir glauben dir, du darfst auch weiterhin ins Internet, aber du sagst uns, wenn ­etwas passiert, was nicht in Ordnung ist.« Catarina Katzer rät dazu, virtuelles Mobbing zur Anzeige zu bringen. Weil Täter und Opfer sich meist aus der Schule kennen, sollte auch die Schule eingeschaltet werden.

»Wenn die Schule die Polizei zu Rate zieht, hat das oft die Wirkung, dass die Täter aus ihrer bis dahin bei manchen Mitschülern anerkannten Rolle herauskommen«, so Katzers Erfahrung. Darüber hinaus sollten Beleidigungen umgehend an die Betreiber von Chat­rooms, Foren und Netzwerken gemeldet werden, damit sie dort nicht länger zu lesen sind.

Karin Vorländer

Im Liegerollstuhl an die Universität

24. Oktober 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Erinnert: Wegbereiter der Selbstbestimmung – vor 60 Jahren starb Otto Perl, Gründer des ersten Selbsthilfebundes Körperbehinderter.
 
Lange wurden behinderte Menschen mehr schlecht als recht betreut. Der ­Gedanke der Selbstbestimmung und Teilhabe am »normalen« Leben entstand erst vor rund 100 Jahren in Mitteldeutschland.
 

Am 27. Oktober 2011 jährt sich der ­Todestag von Otto Perl zum 60. Mal. Foto: epd-bild

Am 27. Oktober 2011 jährt sich der ­Todestag von Otto Perl zum 60. Mal. Foto: epd-bild

Ein erhitzter Sprung in den kalten Teich der Winkelmühle wirft Otto Perl 1895 grausam aus der Bahn. Der Landwirtssohn aus dem sächsischen Dorf Wildenhain ist 13 Jahre alt. Seine Gelenke entzünden sich und versteifen unaufhaltsam. Das Kind wird, so der Sprachgebrauch, zum Krüppel.

Doch der intelligente Junge gibt sich nicht auf, macht mit 37 Jahren Abitur, schafft es im Liegerollstuhl auf die Universität. 1919 gehört der Sachse zu den Gründern des ersten Selbsthilfebundes für Körperbehinderte in Deutschland. Am 27. Oktober jährt sich sein Todestag zum 60. Mal.

Perl wird am 19. Oktober 1882 geboren. Seine Eltern Gottlob und Rosine Perl bewirtschaften einen kleinen Hof. Das Ehepaar bekommt zehn ­Kinder, doch nur vier überleben.

Mit 46 Jahren stirbt die Mutter, die den schwerbehinderten Otto aufopfernd betreute. Ein Schock: Sie war die »stille trostvolle Priesterin meiner Seele«, schreibt Perl.

Der Vater muss seinen Besitz verkaufen, um die Zuschüsse für die Heimunterbringung des Sohnes bezahlen zu können. Der 17-Jährige Otto kommt ins städtische Siechenhaus nach Halle.

Dort wird er nach den Worten seines späteren Förderers Hermann Rassow »mit dem Auswurf der Menschheit, (…) mit Zuhältern, Morphinisten usw. (zusammengepfercht), die sich ihrer Laster noch rühmten«.

Es ist der Auftakt einer jahrzehntelangen Odyssee durch verschiedene Fürsorgeeinrichtungen, in denen der wissbegierige Mann keinerlei Förderung erfährt. Doch in Wittenberg hat Perl Glück.

Er begegnet Hermann ­Rassow, später Oberstudiendirektor in Potsdam, der ihn nach Kräften unterstützt. Im Oberlinhaus im heutigen Potsdamer Stadtteil Babelsberg kann der Gelähmte seine Selbststudien ­vertiefen und macht im März 1919 als Externer vom Bett aus Abitur, »wobei ihm nichts geschenkt wurde«, wie Rassow anmerkt.

Mit dessen finanzieller Hilfe schafft Perl es auf die Universität, schreibt sich 1922 in Berlin an der Philosophischen Fakultät ein. Die Vorlesungen in Philosophie und Volkswirtschaft hört er im Stehen, »an einen Pfeiler gelehnt«.

Dann stoppt die Inflation jäh Perls Unibesuch: Der Pädagoge Rassow ist nicht mehr in der Lage, die Kosten zu tragen.

Die Zustände in den Verwahranstalten lassen Perl für Reformen streiten. In Aufsätzen und Vorträgen tritt er für das Recht Behinderter auf Selbstbestimmung ein.

1919 gründet er mit Friedrich Malikowski, Hans Förster und Marie Gruhl den Selbsthilfebund körperbehinderter Menschen.

In Gotha erscheint 1926 Perls Buch »Krüppeltum und Gesellschaft im Wandel der Zeit«. Perl und seine Mitstreiter fordern nicht nur die »materielle und politische Unabhängigkeit von der Fürsorge«, sie gründen auch Arbeitsbetriebe für Körperbehinderte, darunter eine Buchbinderei, Kunstgewerbewerkstätten sowie Schneidereien und Wäschereien.

 
»Das Kuckucksei im Nest unserer Krüppel«
 

Dieser Ansatz schreckt die Vertreter institutioneller Fürsorge auf. Sie fürchten, dass der Perl-Bund ihnen angestammte Kompetenzen streitig macht. Schriftwechsel aus der damaligen Zeit dokumentieren die heftigen Konflikte.

So schreibt der Leiter der Pfeifferschen Anstalten in Magdeburg-Cracau, Pfarrer D. Martin Ulbrich im Oktober 1919 dem Direktor des Zentralausschusses der Inneren Mission (Vorgänger der heutigen Diakonie), Gerhard Füllkrug, die Gründer des Perl-Bundes seien »unklare Fantasten mit eitlem Einschlag« (…), die ganz Deutschland, das sie unter dem Blickwinkel des Krüppels betrachten, zu ihrer Domäne machen (möchten). (…) Ich warte ab, was aus dem Kuckucksei, das in das Nest unserer Krüppel gelegt ist, kriechen wird.«

Perl geht nicht als unbestrittener Vordenker der Selbsthilfebewegung in die Sozialgeschichte ein, weil auf seinem Werk ein Schatten liegt. Geistig Behinderte grenzt er systematisch aus seinen Emanzipationsüberlegungen aus. Aus seiner Sicht müssen »Idioten und Psychopathen« von jeglicher ­Förderung ausgeschlossen bleiben.

Damit rückt Perl in die Nähe sozialdarwinistischer Vorstellungen.

Dennoch sind seine Ideen nicht vergessen: »Es ist gut, sich daran zu ­erinnern, dass Solidarität keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ­politischer und gesellschaftlicher Wille. Perl hat diesen Prozess mitangestoßen und einen Teil zu unserer Solidargemeinschaft beigetragen«, sagt Günter Mosen, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für Menschen mit Behinderungen.

Und Peter Reichert vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter ergänzt: »Die Wurzeln der Selbsthilfebewegung in Deutschland liegen in Sachsen und haben einen Namen: Otto Perl.«

Der Geist des Selbsthilfe-Pioniers lebt auch an anderer Stelle weiter: 1993 gründet der Freistaat Sachsen die »Stiftung Sächsische Behindertenhilfe – Otto Perl«. Sie leistet einmalige Hilfen an Behinderte in Notlagen und unterstützt Bildung und Begegnung von Menschen mit Handicap.

»Otto Perl scheint mir auch heute noch eine gute Wahl als Namenspatron zu sein«, betont die Stiftungsvorsitzende und Sächsische Staatsministerin für Soziales, Christine Clauß (CDU). »Viele seiner Forderungen sind noch heute erstaunlich aktuell.«

In Wildenhain hatten sich dessen Spuren in den Gründerjahren der DDR verloren. Helmut Bartsch, Pfarrer im Ruhestand, beginnt Anfang der 80er-Jahre, seinen Werdegang nachzuzeichnen. 1982, Perls 100. Geburtstag, wird in einer Feierstunde auf dem Friedhof erstmals dessen Wirken öffentlich gewürdigt.

Dirk Baas

Buchtipp:

Heiden, H.-Günter; Simon, Gerhard; Wilken, Udo: Otto Perl und die Entwicklung von Selbstbestimmung und Selbstkontrolle in der Körperbehinderten-Selbsthilfebewegung
Die Broschüre ist erhältlich gegen Einsendung eines mit 1,45 Euro frankierten und adressierten Rückumschlages beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V., Altkrautheimer Straße 20, 74238 Krautheim.

Geburtsurkunde mit Verfallsdatum?

22. Oktober 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Unsere Gesundheit liegt in Gottes Hand – aber auch in unserer Verantwortung.
 
Dass wir älter werden, können wir  nicht verhindern. Das Wie aber können  wir ein gutes Stück beeinflussen. Foto: Begsteiger

Dass wir älter werden, können wir nicht verhindern. Das Wie aber können wir ein gutes Stück beeinflussen. Foto: Begsteiger

Haben Geburtsurkunden ein Verfallsdatum? Diese provozierende Frage stammt von Walter Bortz, einem bekannten US-amerikanischen Arzt und Alternsforscher. Er will dazu anstiften, die eigene Lebensfrist nicht pessimistisch, sondern sehr optimistisch anzusetzen.

Ist das einfach nur typisch amerikanisch? Klar, es geht nicht bloß um ein längeres Leben, sondern um ein möglichst teilhabendes und selbstständiges, »gesünderes« Altern.

Bei diesem Thema lassen wir uns in der Christenheit oft von einem ­unglaublichen Fatalismus leiten, der uns eigentlich fremd sein sollte.

Auf einen Brunnen kommt – zumindest in unserem Kulturkreis – selbstverständlich ein Deckel, damit das Kind nicht hineinfällt.

Und niemand würde im Ernstfall sagen: Es war halt Gottes Wille. Wir wissen, dass das unsere ­Verantwortung ist.

Bei Gesundheit und Lebenserwartung dagegen sagen viele: Es kommt ohnehin so, wie Gott es will. Selbst Einfluss nehmen zu wollen, gilt als vermessen.

Ein Pfarrer witzelte vor ­einiger Zeit sogar, dass man dem lieben Gott nicht die Chance nehmen sollte, uns frühzeitig zu sich holen zu können – und zündete sich eine ­Zigarette an.

Apropos: Ist Tabak kein Thema für die Gemeinde, die Seelsorge? Klar, alle wissen, was sie sich mit dem ­Rauchen antun. Und niemand will dem anderen zu nahe treten. Aber es führt auch in große Abhängigkeit, also Unfreiheit, zu der Christen nicht berufen sind.

Ein offenherziger Freund sprach selbst immer von »Versklavung«, wenn er diesem Zwang nachgeben musste. Er starb »vor seiner Zeit«, wie so viele.

Gottes Wille? – Wir sollten darüber reden.

Walter Bortz, selbst schon über 80 Jahre alt, nennt vier Prinzipien, die uns zu einer langen Lebensteilhabe verhelfen können.

Da sei erstens die aktive Teilnahme am Leben: Sich nicht zurückziehen, neugierig bleiben, sich neue geistige, spirituelle, körperliche und soziale Herausforderungen verordnen – und sich nicht »unterkriegen« lassen. Denn wenn wir fallen, sei das Wiederaufstehen umso wichtiger. So können wir unsere Potenziale, unsere Lebensmöglichkeiten, erhalten.

Zweitens kommt es auf die innere Haltung an. Wir müssen uns selbst ­etwas zutrauen, müssen uns eigene Ziele setzen und etwas daransetzen, diese dann auch zu erreichen. Wir brauchen Reserven, um jeden Tag durchzustehen und für Zeiten, wo es uns nicht so gut geht.

Drittens Training. Wir können unsere körperlichen Fähigkeiten durch Training erhalten, und das ist nachweislich gleichbedeutend mit stabilerer Gesundheit. Dazu gehören Ausdauer und Kraft, aber auch Gleichgewichtssinn. Bortz bringt es auf den Punkt: Unsere wichtigsten Organe seien nicht Herz, Lunge oder Nieren, sondern unsere Beine! Warum? Vierzig Prozent unserer Muskulatur stecken in ihnen. Daher haben sie eine Schlüsselrolle im Stoffwechsel, beim Herz-Kreislauf-System, bei der Gehirngesundheit und der Erhaltung der Mobilität!

Und schließlich die Nahrung. Angemessen gesundes Essen ist nötig. Bortz verweist gern auf einen Zoo. Dort wird sehr genau auf das Futter geachtet, weil die Tiere im Gehege nicht die gleichen körperlichen Herausforderungen meistern müssen wie in freier Wildbahn. Je größer die Bewegungsarmut, desto wichtiger ist angemessenes Essen. Je mehr freilich unser Stoffwechsel durch Training angekurbelt ist, desto entspannter können wir auch essen.

Doch wozu das alles? Sind das nicht »vorletzte Dinge« (Bonhoeffer)?

Der Kirchenvater Thomas von Aquino (1225–1274) sagte, Gesundheit sei weniger ein Zustand als eine Haltung, und sie gedeihe mit der Freude am Leben.

Und solche Freude steht uns als Kinder Gottes gut.

Karl-Adolf Zech

Der Autor, Dr. rer.nat. Karl-Adolf Zech, arbeitet als Präventologe in Berlin.
www.robust-altern.de

Jubel mit bitterem Beigeschmack

21. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Vorläufiges Ende eines Dramas – der entführte israelische Soldat Gilad Schalit ist wieder bei seiner Familie.


Fast fünfeinhalb Jahre kämpfte Noam Schalit um die Freilassung seines Sohnes aus der Geiselhaft. (Foto: israility.com)

Fast fünfeinhalb Jahre kämpfte Noam Schalit um die Freilassung seines Sohnes aus der Geiselhaft. (Foto: israility.com)

1027 rechtskräftig verurteilte arabische Gewalttäter gegen eine einzige israelische ­Geisel – Hintergründe zum wohl spektakulärsten Gefangenentausch der Geschichte.

Familie Schalit kann aufatmen. Nach 1491 Tagen in Hamas-Geiselhaft kehrt der heute 25-jährige Gilad nach Hause zurück.

Ein halbes Jahrzehnt haben Noam und Aviva um ihren Sohn gekämpft.

Die Tage waren lang, die Nächte zermürbend.

Keinen Aufwand haben sie gescheut, kaum einen relevanten Politiker außer Acht gelassen, um zu verhindern, dass der gefangene Soldat in Vergessenheit geriet. Jetzt dürfen sie ihn endlich in die Arme schließen.

In den vergangenen fünfeinhalb Jahren ist Gilad Schalit zudem Sohn einer ganzen Nation geworden. Israel hat mit der Familie gebangt. Jetzt jubelt das Volk über die Heimkehr des verlorenen Sohnes.

Doch diese Freude ist nicht ungebrochen. Sie hat einen bitteren Beigeschmack. 1027 arabische Terroristen werden für einen israelischen Soldaten auf freien Fuß gesetzt.

Zeitgleich mit der Entlassung Schalits kommen in einer ersten Aktion 450 Männer und 27 Frauen frei. 280 von ihnen sind zu mindestens lebenslänglicher Haft verurteilt. Gemeinsam zeichnen sie für den Tod von etwa 600 Israelis ­verantwortlich.

Verzweifelt haben Angehörige von Terroropfern bis zum letzten Augenblick und bis vor dem Obersten Gericht Israels versucht, den Deal zu verhindern.

Tatsächlich wird wohl erst im Rückblick und mit beträchtlichem Abstand klar erkennbar sein, was den jüdischen Staat der Freikauf eines einzelnen Soldaten gekostet haben wird. »Kein Staat der Welt hätte so etwas ­getan«, meint der Schriftsteller Eyal Megged, der sich für die Freilassung Schalits eingesetzt hat und die Entscheidung der Regierung Netanjahu unterstützt.

Der Schalit-Deal schafft einen gefährlichen Präzedenzfall: Welcher radikale Massenmörder sollte jetzt nicht hoffen dürfen?

Tatsächlich werden bereits Stimmen aus dem rechten politischen Spektrum in Israel laut, die eine Begnadigung von jüdischen Terroristen fordern, die arabisches Blut an ihren Händen haben. Auch an Jonathan Pollard wird in diesem Zusammenhang erinnert, der seit mehr als einem Viertel Jahrhundert eine Strafe für Spionage für den Staat Israel in einem US-amerikanischen Gefängnis verbüßt.

Mit großer Sorge beobachtet man, wie der Staat Israel erpressbar wird.

Die Hamas hat bereits angekündigt, auch die verbleibenden 5000 Palästinenser in israelischer Haft freipressen zu wollen. Der Wert eines einzelnen jüdischen Soldatenlebens scheint ins Unermessliche gestiegen zu sein. Palästinensische Islamisten haben verstanden: Israelis entführen lohnt sich. »Sind wir zu Geiseln einer unaufhaltsamen Zugeständnis-Spirale geworden?«, fragt ein Beobachter.

Dabei hatte schon Rabbi Meir von Rothenburg Lösegeldzahlungen abgelehnt, die zu weiteren Entführungen ermutigen – und dafür mit seinem ­Leben bezahlt. Er starb 1293 nach sieben Jahren in Geiselhaft. 1307 wurde sein Leichnam von einem Frankfurter Kaufmann für 20000 Pfund Silber ausgelöst, damit Meir in Worms begraben werden konnte. Der Fall des deutschen Rabbis wurde in den vergangenen Jahren in Israel im Zusammenhang mit der Gefangenschaft Schalits heiß diskutiert.

Nach dem Schalit-Deal ist jetzt erstmals seit Jahren kein israelischer Soldat mehr in fremder Geiselhaft.

­Juristen und Gesetzgeber beraten darüber, die Preise für die Auslösung von Geiseln gesetzlich zu limitieren. Und: Wer tot ist, kann nicht mehr freigehandelt werden. Deshalb fordern nicht wenige Stimmen die Todesstrafe für verurteilte Massenmörder.

Während des Gazafeldzugs 2008/2009 ­hatten israelische Soldaten in Anti-Guerillakampfeinheiten sich abgesprochen, auf die eigenen Kameraden zu schießen, sollte sich dadurch ein »zweiter Gilad Schalit« verhindern lassen. Die offensichtliche Verzweiflung treibt beängstigende Blüten. Welche Früchte wird sie tragen?

Die Entführung von Gilad Schalit und seine Freilassung fordern einen hohen Preis von der israelischen ­Gesellschaft, von den israelisch-­palästinensischen Beziehungen, vom gesamten Nahen Osten und seinen Menschen.

Einen Preis, dessen letztendliche Höhe wohl erst in einigen Jahren erkennbar sein wird. Es ist die große Herausforderung israelischer Politiker, in naher Zukunft wirksame Maßnahmen zu ergreifen, die der ­Deflation arabischer Menschenleben und der gleichzeitigen Inflation des Wertes von jüdischem Leben Einhalt gebieten – ohne dadurch die Werte zu gefährden, die einer freiheitlichen Demokratie zugrunde liegen.

Johannes Gerloff (Jerusalem)

Armer Jesus und derber Humor

21. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Müssen sich Christen über Til Mettes Karikaturen ärgern oder dürfen sie auch lachen?

Mette_Hupen
Ist Gott nicht mehr allgegenwärtig, »weil er nicht auf Facebook ist?« Ein kleiner Junge auf einem Cartoon des renommierten Cartoonisten Til Mette sagt das dem Schöpfer keck ins Gesicht.

Auch viele andere Cartoons, die der seit 16 Jahren für den Stern zeichnende Mette unter dem Titel »Hupen Sie, wenn sie Jesus lieben« noch bis zum 6. November in der Caricatura im Kulturbahnhof ausstellt, haben einen grenzwertigen Humor.

Die Zeichnungen zeigen groteske Situationen: Der Herr am Kreuz als Pseudowerbung gegen Achselschweiß, die Drei Heiligen Könige, die von Maria zu hören bekommen: »Oh, das ist jetzt aber blöd. Mein unehelicher Sohn verbringt die Feiertage bei seinem Vater.«

Die Ausstellung des gebürtigen Bielefelders, der mal in Hamburg, mal in New York lebt, spaltet die Lager. Von Ironie bis Blasphemie, von Lausbubencharme bis köstlich pointiertem Humor reicht die Palette der Reaktionen. Und der Christ? Muss der sich ­ärgern oder darf er über die eine oder andere Zeichnung sogar lachen?

Vor der Be- oder Verurteilung sei der Versuch einer kleinen Analyse gestattet.

Ist der vielfach ausgezeichnete Cartoonist, der sich als Student mit Zeichnungen für die Süddeutsche Zeitung das Studium finanzierte, später Mitgründer der »taz« in Bremen wurde und vom Stern an Bord geholt wurde, ein bekennender Gegner des Christentums?

Ein beißwütiger Cartoonist, der mit seinem Zeichenstift Florettstiche setzen möchte?

Nein.

Der Preisträger des »Geflügelten Bleistifts« ist als Spaßvogel bekannt und als jemand, der sich in Glaubensfragen nicht zu positionieren weiß: »Ich bin kein Atheist«, sagt er, »ich kann nicht mal sagen, dass ich daran glaube, dass es keinen Gott gibt.«

Fazit: Mette hat überhaupt keinen geistlichen Standpunkt. Ergo auch keine Intention anzugreifen.

Der skurrile Humor ist sein einziger Standpunkt.

Mette gilt als bedeutendster Vertreter des US-amerikanischen Cartoonstils und hat sich dessen Codex auf die Fahne geschrieben: »Ameri­kaner wollen brisante Themen lustig rüberbringen, Deutsche wollen belehren.«

Ob es lustig ist, was er zeichnet, ­darüber darf man geteilter Meinung sein, weniger aber über die Aussage seiner Ausstellung.

Mette hat nicht die Absicht den Gottessohn zu veralbern. Er diskreditiert die, die sich neue ­Götter gesucht haben, sich von ihnen beherrschen lassen, ihnen die ganze Autorität und Aufmerksamkeit schenken.

Zeitgeist Internet: Die Kirchen bemühen sich um Besucher, Foren wie Facebook quellen davon über.

Nächstes Beispiel: Eine Zeichnung zeigt einen Jungen, der am Esstisch Nägel in eine Fußattrappe schlägt. Der Vater rügt ihn schroff: »Kannst du deine Hausaufgaben für die Konfer nicht woanders machen?«

Auch hier ist Mette nicht der Ankläger, sondern spiegelt, wie weit sich viele Konfirmanden und deren Eltern vom Sinn einer Konfirmation entfernt haben.

Fazit: Es ist nicht Til Mette, der ­Jesus oder den Glauben geißelt, sondern die Gesellschaft. Das darzustellen – so skurril, naiv und grotesk ­pointiert – gehört zum Herzblut eines Cartoonisten.

Achim Kuberczyk-Stein

Die Caricatura im Kulturbahnhof Kassel ist donnerstags und freitags von 14 bis 20 Uhr und sonnabends und sonntags von 12 bis 20 Uhr geöffnet.
www.caricatura.de

Eine Stadt ganz im Zeichen der Renaissance

16. Oktober 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Wittenberg-LogoDie Lutherstadt feiert vom 23. bis 31. Oktober die Musik der Renaissance. Und ­gedenkt dabei des Liederdichters und Reformators Paul Eber.

Als Multitalent bezeichnet der ­frühere Wittenberger Superintendent, Albrecht Steinwachs, Paul Eber, dem in diesem Jahr die »Nacht davor« im Rahmen des sechsten Witten­berger Renaissance-Musikfestivals gewidmet ist. Eber, vor 500 Jahren in Kitzingen geboren, war Gelehrter, Naturwissenschaftler, Prediger und wichtiger Vertreter der Reformation in Wittenberg. Darüber hinaus ging er als Liederdichter in die Geschichte ein. Etwa findet sich im Evangelischen Gesangbuch bis heute »Wenn wir in höchsten Nöten sein« (EG 366).

Es gilt als großes Trostlied, für Steinwachs spiegelt es wahrscheinlich auch Ebers eigene Situation wider. Der war infolge eines Sturzes vom Pferd in seiner Kindheit nicht nur selbst ein gesundheitlich angeschlagener Mann, sondern verlor auch fünf seiner 13 Kinder sehr früh. Ein Jahr vor dem eigenen Tod 1569 starb Ebers »innig geliebte« Frau Helene, der er ebenfalls ein Lied gewidmet hatte.

Begleitet von Musik und wissenschaftlichen Vorträgen soll also am 30. Oktober, dem Vorabend zu den Reformationsfeierlichkeiten in Wittenberg, im Lutherhaus das Leben Paul Ebers beleuchtet und ein Einblick in sein umfangreiches Schaffen gegeben werden.

Einblick in höfische Vergnügungskultur bietet am 29. Oktober der 1. Renaissancetanzball im prächtigen Festsaal des ­alten Wittenberger Rathauses. (Foto: epd-bild)

Einblick in höfische Vergnügungskultur bietet am 29. Oktober der 1. Renaissancetanzball im prächtigen Festsaal des ­alten Wittenberger Rathauses. (Foto: epd-bild)

Eröffnet wird das von dem Lautenisten und Chef der Wittenberger Hofkapelle, Thomas Höhne, im Jahr 2005 gegründete Festival bereits am 23. Oktober.

Zum Auftakt präsentieren die Klangspezialisten des Ensembles Oni Wytars in der Schlosskirche »The Praise of Folly«. In dieser Hommage an die Kompositionsform der Folia, die für ziemlich übermütige Ausgelassenheit steht, erklingen neben volkstümlichen Liedern auch Klassiker von Vivaldi und Corelli.

Mit zwei Echo-Klassik-Preisträgern, dem Ensemble Los Otros und der Lautten Compagney Berlin, präsentiert das Festival Meister ihrer Kunst. Während Los Otros, das Erfolgstrio um die Gambistin Hille Perl, im Lutherhaus unter anderen in die Musik des barocken Spaniens eintaucht, widmet sich die Lautten Compagney in der Schlosskirche den Liedern von Johannes Eccard. Ein weiterer Höhepunkt ist das Konzert des ­Ensembles La Moresca, das mit Tanzmusik des 17. Jahrhunderts auf eine Neuheit im Programm verweist.

Richtig feierlich soll es am Festivalwochenende im Alten Rathaus werden, wenn Liebhaber Alter Musik und schöner Gewänder beim ersten Renaissance-Tanzball Einblick in die ­höfische Vergnügungskultur zur Zeit Friedrichs des Weisen bekommen sollen. Es geht darum, »Mitmachtänze der Renaissance« zu erlernen, kulinarische Gaumenfreuden werden in Aussicht gestellt sowie Schaukampfeinlagen der italienischen Fechtkunst und Schauspielintermezzi nach der Commedia dell’Arte. Höhne ist die Nachfrage nach diesem Ball schon seit Wochen enorm.

Neben solchen Veranstaltungspunkten widmet sich das Festival erneut der Förderung von Kinder- und Jugendprojekten. In diesem Rahmen wird das aus Bad Schmiedeberg stammende Jugendorchester Praetorius Consort in der katholischen Kirche Wittenberg gastieren.

In Kooperation mit dem Theaterjugendclub und der Musikschule Wittenberg soll ein musikalisch-literarischer Abend gestaltet werden, der die Dichtkunst Shakes­peares mit den Kompositionen Dowlands vereint. Zudem gibt es Workshops und eine Ausstellung historischer Instrumente.

Das Abschlusskonzert soll am 31. Oktober um 17 Uhr in der St.-Andreas-Kirche von Eisleben stattfinden. Dann rückt noch einmal das »Multitalent« in den Mittelpunkt, wenn die Wittenberger Hofkapelle Lieder von Paul Eber zu Gehör bringt.

Schirmherr des Festivals, zu dessen Kooperationspartnern neben anderen die Stiftung Luthergedenkstätten und der Verein Wittenberg-Kultur gehören und das seit seiner Premiere immer weiter an Strahlkraft gewonnen hat und aus den Feierlichkeiten rund um den Reformationstag nicht mehr wegzudenken ist, ist in diesem Jahr Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD).

Für den Theologen ist Musik eine »wohltuende Unterbrechung des Alltags«.

Corinna Nitz

Karten können gebucht werden unter der Ticket-Hotline 0700/20082017, über E-Mail info@wittenberger-renaissancemusik.de oder direkt im Internet: www.wittenbergticket.com

Ich sorge mich um deine Seele

15. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag



Zuhören
Wer meint, seine Zeit sei zu kostbar,
als dass er sie mit ­Zuhören ­verbringen dürfte,
der wird nie Zeit haben für Gott und den Bruder,
sondern nur immer für sich selbst,
für seine eigenen Worte und Pläne.


Dietrich Bonhoeffer (1906–1945)


Die Sorge um das Wohl und das Seelenheil des anderen ist allen Christinnen und Christen aufgegeben.
 

»Sie können jederzeit bei uns vorbeikommen, wenn Sie jemanden zum Reden brauchen!« Gerade erst hatte die Frau ihren Mann ins Krankenhaus gebracht, voller Ungewissheit – da tat das aufrichtige Angebot einer Bekannten einfach gut.

Ein kleiner Satz, der zeigte: Da ist es jemandem wichtig, wie es mir geht.

Seelsorge: Jemand sorgt sich um die Seele eines Menschen; um sein Wohl, seine Bedürfnisse, sein Leben. Und um seine Beziehung zu Gott – um sein Seelenheil.

In der Vorstellung vieler Christinnen und Christen ist Seelsorge zur ­alleinigen Aufgabe der dafür ausgebildeten Pfarrerinnen und Pfarrer geworden.

Das aber war ursprünglich anders vorgesehen: Die Berichte, die das Neue Testament aus der Frühzeit der christlichen Gemeinde überliefert, setzen voraus, dass alle Gläubigen für die Seelsorge aneinander verantwortlich sind. »Nehmt euch der Nöte der Heiligen an«, schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom, und: »Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.«

Zuhören, mitfühlen, trösten oder praktische Hilfe leisten, das können alle Christen. Eine besondere Technik ist dafür nicht unbedingt notwendig. Was zählt, ist die Haltung – eine ­Haltung der Achtsamkeit und der Nächstenliebe.

Diese Haltung kann ­jeder einnehmen, egal ob theologisch oder therapeutisch gebildet oder nicht. Darum kann auch die Frage »Wie geht’s?«, die Einladung zum Kaffeetrinken oder der kurze Klön vorm Gemeindehaus zur Seelsorge werden.

Keine Situation ist zu banal, um jemandem zu zeigen: Es ist mir wichtig, wie es dir geht.

Gute Ratschläge sind dabei weniger gefragt. »Stattdessen ist es hilfreich, einen Menschen ein kleines Stück auf seinem Weg zu begleiten«, sagt etwa Pfarrerin Britta Möhring aus Schwerte, die ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche in die Technik des seelsorglichen Kurzgesprächs einführt.

Zu ihren Grundsätzen gehört: viel zuhören, weniger selber reden, nicht gleich ­wissen, was der andere meint. Denn: »Ich löse nicht für den anderen das Problem, sondern gehe mit ihm auf seiner Suche nach neuen Möglichkeiten«, so Möhring.

Die goldene Regel dabei lautet: zuhören, nicht selber reden. Den anderen ausreden lassen!

Oft kommt das eigentliche Thema erst nach einigen Sätzen.

Und: Wer zu schnell mit Ratschlägen bei der Hand ist, würgt ein Gespräch leicht ab.

Besser: mit dem Gesprächspartner gemeinsam nach neuen Möglichkeiten suchen.

Sätze wie: »Das wird schon wieder«, oder: »Irgendwann ist man darüber weg«, bergen zwar eine Wahrheit, nehmen die Gefühle des Gesprächspartners in der Situation aber nicht ernst. Besser fragt man: »Wie schaffst du das?«

Viele Menschen scheuen sich davor, andere auf ihre Trauer oder eine schwierige Situation anzusprechen. Tun Sie es trotzdem! Trauernde Menschen wollen andere mit ihrem Kummer nicht belästigen und verein­samen daher leicht.

Aber Vorsicht mit Bibelzitaten.

Auch wenn der Gesprächspartner sie als unpassend empfindet, wird er es kaum wagen, ­etwas dagegen zu sagen.

Als tröstend empfinden Menschen dagegen oft Sätze, die etwas »schenken«, etwa: »Ich denke an dich«, »Ich bete für dich«, »Ich wünsche dir viel Kraft und Gottes Segen«.

Mitweinen ist auch in Ordnung. Eine mitgeweinte Träne ist oft mehr Trost als 100 kluge Sätze.

Und: Auch praktische Hilfe und Unterstützung ist in manchen Situationen tätige Seelsorge.

Anke von Legat
Foto: © Bergsteiger

Trolle, Elfen, Lutheraner

14. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Naturgewalten: Die berühmten Islandponys vor der Silhouette des aktiven Vulkans Eyjafjoell, dessen Aschewolke im Frühjahr vergangenen Jahres halb Europa überzog.	 Foto: picture alliance/abacaPhoto

Naturgewalten: Die berühmten Islandponys vor der Silhouette des aktiven Vulkans Eyjafjoell, dessen Aschewolke im Frühjahr vergangenen Jahres halb Europa überzog.
Foto: picture alliance/abacaPhoto


Gewaltige Natur, Vulkane und Geysire prägen Island und die Vorstellungen seiner Menschen. Ein Blick in die ­religiöse Welt der Bewohner des diesjährigen Gastlandes der Frankfurter Buchmesse.

Island, bietet neben grandioser Landschaften manch andere merkwürdige Erfahrung. Fährt man beispielsweise den »Elfenhügelweg« entlang, muss man das Tempo drosseln, denn die Straße wurde verengt.

Die Erklärung: In dem unscheinbaren Steinhaufen, um den die Straße herumgeführt wurde, sollen Elfen wohnen.

Nicht nur, dass die Isländer ihre Computer wörtlich übersetzt »Zahlen-Prophetinnen« nennen, in diesem rauen Land sollen neben Menschen und Tieren auch unsichtbare Wesen leben. Von Elfen und Trollen hört man da, vom »verborgenen Volk«, das in Steinen wohnt und das nur ganz selten ein Mensch zu Gesicht bekommt.

Ist etwas dran an diesen Erzählungen oder sind es nur originelle Geschichten für esoterikbegeisterte Touristen?

Für die Touristen wird die Klavierlehrerin Erla Stefansdottir, die überzeugt ist, Elfen sehen zu können, schon einmal zur »Isländischen Elfenministerin« befördert. Und die ganz Wissbegierigen können eine Elfenschule besuchen, in der man in einem Nachmittagskurs zum Beispiel über die Unterschiede zwischen Elfen, Trollen aufgeklärt wird.

So lernt man beispielsweise, dass Trolle zu Stein ­erstarren, wenn sie nicht rechtzeitig vor Sonnenaufgang wieder in ihren Verstecken verschwinden, und dass das »verborgene Volk« den Menschen sehr ähnlich sieht, während Elfen eher kleine zarte Wesen mit spitzen Ohren sein sollen.

Fast alle Isländer sind lutherische Christen und obwohl die meisten Einwohner des Landes in der Hauptstadt Reykjavik ein modernes Leben führen, schließen nur wenige die Existenz unsichtbarer Wesen kategorisch aus. Die alten Sagen und Märchen gehören in der durch die uralte isländische ­Sprache geprägten Kultur zum Leben.

Christentum und heidnische Überlieferung scheinen einander in vielen ­Sagen kaum auszuschließen.

Einige Geschichten erzählen sogar davon, wie auch unsichtbare Wesen sich zum Christentum bekehren.

Und eine Legende beschreibt die Herkunft des »verborgenen Volkes« folgendermaßen: Eines Tages besuchte Gott Adam und Eva. Eva wollte Gott zeigen, was für gelungene Kinder sie hatte und wusch den Nachwuchs vor dem Besuch noch schnell. Doch als erst die Hälfte der Kinderschar gebadet war, tauchte Gott schon auf. Eva versuchte die Schmutzfinken vor Gott zu verstecken, doch der sagte nur »Was vor mir verborgen wird, soll auch den Menschen verborgen sein.« Seitdem sind diese Kinder für die Menschen unsichtbar und Leben in Steinen, Hügeln und Felsspalten.

Auf die Frage, wie die Kirche mit diesem Volksglauben umgehe, antwortet Kristján Valur Ingólfsson, Pastor der evangelisch-lutherischen Kirche Islands jedoch gelassen: »Der spielt eigentlich im wirklichen Leben keine Rolle. Aber die Touristen lieben es.«

Dennoch kann es in Island tatsächlich vorkommen, dass Straßen kurzerhand um Steinhaufen herumgeführt werden, dass Felsbrocken eine Hausnummer bekommen oder dass Bauvorhaben gestoppt werden, wenn sich Missgeschicke oder Unfälle auf der Baustelle häufen.

Manchmal werden dann Elfenseherinnen wie Erla Stefansdottir zu Rate gezogen, damit sie Auskunft darüber geben, ob in dem Hügel, der gerade abgetragen werden sollte, nicht vielleicht doch ein Troll wohnt, der angesichts der drohenden Beseitigung seines Heims in Wut geraten ist.

Mag manch einer das auch belächeln, fest steht, dass Felsformationen, die der Legende nach von unsichtbaren Wesen bewohnt werden, in Island zum Kulturgut gezählt werden und daher auch durch Bauvorhaben nicht einfach zerstört werden dürfen.

In vielen Legenden fordern Elfen und Trolle die Menschen auf, nicht unnütz in die natürlichen Gegebenheiten einzugreifen.

Das Leben auf ­einer Vulkaninsel, auf der der Boden plötzlich beben oder sich auftun und heißes Wasser spucken kann und auf der immer wieder ganze Landstriche durch Vulkanausbrüche verschluckt werden, lehrte die Menschen von Beginn an, dass nichts so sicher ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Es lehrt, auf die Natur zu hören und respektvoll mit ihr umzugehen.

Und wer einmal durch die überwältigende Einsamkeit karger Lavaebenen und grün bemooster Felsen gewandert ist, wer zwischen nebelbedeckten Wasserläufen und beim Blick in den endlosen Himmel über dem Atlantik die Zeit vergisst, der kann erfahren, wovon die Isländer wirklich sprechen, wenn sie von Elfen erzählen.

Sonja Poppe

Island ist Ehrengast der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt, die seit Mittwoch für Fachbesucher und an diesem Wochenende, 15. und 16. Oktober, auch für die Öffentlichkeit geöffnet ist.
www.buchmesse.de
www.sagenhaftes-island.is/de

Unter die Lupe genommen

14. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Diskussion: Was als medizinischer und diagnostischer Fortschritt gefeiert wird, wirft ethische Fragen auf.

Der DNA, der Trägerin der Erbinformationen, gilt immer mehr das Interesse der Forscher. Mögliche Behinderungen und Veranlagungen zu Krankheiten sollen möglichst schon im Mutterleib erkannt werden. (Foto: ddp images)

Der DNA, der Trägerin der Erbinformationen, gilt immer mehr das Interesse der Forscher. Mögliche Behinderungen und Veranlagungen zu Krankheiten sollen möglichst schon im Mutterleib erkannt werden. (Foto: ddp images)

Ein neues Untersuchungsverfahren soll es ermöglichen, Föten medizinisch ­risikolos auf Erbkrankheiten hin zu untersuchen. Aber mit erheblichen ethischen ­Nebenwirkungen.

Die Zeiten, in denen ein gesundes Kind dankbar als unverdientes Geschenk Gottes und ein krankes oder behindertes Kind als unvermeidliches Schicksal ebenso angenommen werden wollte, sind wohl endgültig vorbei. Kinder haben »gesund« zur Welt zu kommen. Dafür sorgen schon seit Langem diverse Methoden vorgeburtlicher Untersuchungen, die sogenannte Pränataldiagnostik (PND).

Angefangen von einfachen Ultraschalluntersuchungen über Doppler-Sonografie bis zur Analyse des Blutserums der Mutter auf bestimmte Hormonspuren wird versucht, Behinderungen möglichst frühzeitig zu erkennen.

Besonders im Blickpunkt ist dabei das sogenannte Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt. Ein Gen-Defekt, der in der Regel zu eingeschränkten geistigen Fähigkeiten führt.

Das Problem: Mit den genannten Verfahren kann nur ein statistischer Risikowert für eine derartige Behinderung erstellt werden.

Um Gewissheit zu erlangen, muss eine komplette Körperzelle des Embryos auf ihr Erbgut hin untersucht werden. An die kommt man aber nur mit einem massiven Eingriff heran: Es müssen über einen Einstich durch die Bauchdecke der Mutter mit einer Hohlnadel Fruchtwasser, Nabelschnurblut oder Zellen des sich bildenden Mutterkuchens entnommen werden. Ein sogenannter invasiver Eingriff, der in einem von 100 Fällen zur Fehlgeburt führt.

Doch derartige Risiken scheinen bald der Vergangenheit anzugehören.

Die Konstanzer Firma LifeCodexx will bis Jahresende, spätestens bis Anfang 2012, ein völlig neues Verfahren der Erbgutanalyse praxisreif haben. Ansatzpunkt dabei: Schon spätestens in der zehnten Schwangerschaftswoche finden sich im Blutkreislauf der Mutter Fragmente der Erbmoleküle des Fötus. Zwar nur in Bruchstücken, doch eine neue Generation automatisierter Gen-Sequenzer soll es ermöglichen, schon aus wenigen Millilitern Mutterblut die vollständige Erbinformation des Kindes in ihrem Bauch zu entschlüsseln.

In den Niederlanden läuft bereits die klinische Erprobung des Verfahrens. Trefferquote: 100 Prozent.

Die Konsequenzen sind weitreichend: Das neue, nicht-invasive ­Verfahren dürfte schon bald zur Routineuntersuchung bei beginnender Schwangerschaft werden. Der soziale Druck auf die Eltern, insbesondere auf die Mutter, ein behindertes Kind nicht auszutragen, sondern abzutreiben, wird immens werden.

Zudem: Das Verfahren bietet den Zugriff auf das gesamte Erbgut.

Bald könnten also auch genetische Veranlagungen zu anderen Krankheiten in den Blick kommen – Muskelschwund, Blindheit oder Anfälligkeiten für Krebs und Alzheimer oder auch neuropsychiatrische Befunde wie ein möglicher Autismus. Von anderen Möglichkeiten ganz zu Schweigen.

Noch etwas merken Kritiker an: Während der »normalen« Diagnose eines Arztes eine Therapie zur Heilung oder Linderung folgt, besteht die einzige »Therapie« bei der PND in der Abtreibung, der Tötung des behinderten Lebens. Man darf sich nichts ­vormachen: Die Selektion in »lebenswertes« und »lebensunwertes« Leben findet bereits statt.

Harald Krille
 

Kritisch angemerkt

Gene sind längst nicht alles!

Dr. theol. Hildburg Wegener ist seit 1995 im Sprecherinnenteam des Netzwerks gegen Selektion durch Pränataldiagnostik.

Dr. theol. Hildburg Wegener ist seit 1995 im Sprecherinnenteam des Netzwerks gegen Selektion durch Pränataldiagnostik.

Für die neue Technik gilt, was zu allen selektiven Diagnoseverfahren zu sagen ist: Sicherheit gibt es nicht.

Die meisten Behinderungen entstehen nach der Geburt.

Von den meisten angeborenen Behinderungen kennt die Medizin die Ursachen nicht. Es gibt einige durch ein einzelnes Gen bedingte Krankheiten, bei denen das Kind im Mutterleib oder nach der Geburt stirbt.

Bei allen anderen gilt: Von der genetischen Ausstattung zu dem Gesundheitszustand des damit geborenen Menschen gibt es keine direkte Linie.

Auch eineiige Zwillinge können sich unterscheiden, eine unterschiedlich schwere Behinderung haben und unterschiedliche Krankheiten entwickeln.

Wir alle tragen eine Anzahl von Genen in uns, die unter bestimmten Umständen zu einer Behinderung führen können, aber nicht geführt haben.

Pränataldiagnostik ist ein Geschäft, das mit den Ängsten der Frauen rechnet und diese durch ihr Angebot verstärkt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind mit einer schweren Behinderung zur Welt kommt, ist seltener, als uns die Medien und die Ärztinnen und Ärzte glauben machen wollen oder sogar selber glauben. Oft ist die Angst vor Behinderungen schlimmer als das reale Leben.

Wie ein Mensch mit einer Behinderung lebt, ist auch abhängig von den Fortschritten, die die Medizin noch machen wird, und von der Barrierefreiheit und Inklusivität und Vorurteilslosigkeit unserer Gesellschaft.

Und vor allem: Die genetischen Merkmale, die vorgeburtlich erkannt werden, sind unveränderlich, es gibt keine Behandlungsmethode.

Auch ein früher Abbruch ist ein Abbruch, der oft körperliche und seelische Spuren hinterlässt.

Richtig ist allerdings, dass die schwangere Frau zu dieser Zeit zwar körperliche Veränderungen, aber keine Kindsbewegungen spürt und deshalb vielleicht noch keine Beziehung aufgenommen hat. Aber die Vorfreude, die Neugier, die Zukunftspläne, all dies hat ja schon ein kleines Gesicht.

Eine Schwangerschaft auf Probe ist für Frauen ein emotionaler Balanceakt, der nur mithilfe von Verdrängungen gelöst werden kann. Soviel für die einzelnen Frauen und Paare.

Wir predigen ihnen keinen Verzicht, sondern fordern sie auf, sich – möglichst vor der Schwangerschaft – über die Grenzen der Genetik und die Wichtigkeit von liebevollen Beziehungen und Selbstvertrauen Gedanken zu machen.

Menschen, die sich auf der Ebene der politischen Gestaltung Gedanken machen, sind daran zu erinnern, dass die Diskussion der letzten Jahre immerhin zwei Grundsätze festgeschrieben hat.

Das Gesetz zur begrenzten Zulassung der Präimplantationsdiagnostik besagt, dass Embryonen nur gezielt, also aufgrund einer vorliegenden Diagnose oder begründeten Vermutung, genetisch untersucht werden dürfen. Das müsste auch auf die neue Technik angewendet werden.

Und das Gendiagnostikgesetz legt fest, dass vor einer genetischen Untersuchung über jede einzelne Krankheit, die dabei festgestellt werden könnte, vorher genetisch beraten werden muss. Auch das müsste der Ausweitung der neuen Technik eigentlich Grenzen setzen.

Hildburg Wegener

www.netzwerk-praenataldiagnostik.de

Die Flitterwochen sind vorbei

10. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Richtig eingesetzt, können Mikrokredite nach wie vor eine Hilfe zur Selbsthilfe sein: Diese Frau im indischen Bundesstaat Andra Pradesh hat sich damit beispielsweise erfolgreich eine kleines Dorfgeschäft aufgebaut. (Foto: epd-bild/Stefan Trappe)

Richtig eingesetzt, können Mikrokredite nach wie vor eine Hilfe zur Selbsthilfe sein: Diese Frau im indischen Bundesstaat Andra Pradesh hat sich damit beispielsweise erfolgreich eine kleines Dorfgeschäft aufgebaut.
(Foto: epd-bild/Stefan Trappe)


Entwicklungshilfe: Lange galten Mikrokredite als Wundermittel gegen Armut – doch ihr Ruf ist angeschlagen.
 
Mit Selbstmorden verschuldeter Frauen im indischen Bundesstaat Andra Pradesh geriet ein Erfolgsprojekt der Entwicklungshilfe ins ­Wanken: Mikrokredite.
 

Sie sind für Menschen in Entwicklungsländern gedacht, denen keine der großen Banken hilft. Es geht um wenige Dollar, etwa für Saatgut, eine Nähmaschine oder die Einrichtung eines kleinen Ladens.

Gerade in Deutschland zeigten sich viele von der Idee begeistert. Doch aus sozialen Banken wurden mancherorts Kredithaie.

Die gesamte Branche der Mikrofinanzen – Kredite, Versicherungen oder auch Sparangebote für Arme – geriet in Verruf. Experten versuchen sich nun in der Ehrenrettung.

2,7 Milliarden Menschen weltweit kommen nach Angaben des Bundesentwicklungsministeriums nicht an grundlegende Finanzdienstleistungen heran.

Das Ministerium hält an Mikrokrediten fest, Deutschland zählt zu den führenden Geberländern in diesem Bereich. Allerdings herrsche bei dem Thema derzeit ein »Kommunikationsproblem«, räumt Susanne Dorasil, Leiterin des Referats Wirtschaftspolitik im Ministerium, ein.

Tilman Ehrbeck sieht das ähnlich: Die Idee der Mikrokredite, für die der Bank-Pionier Mohammed Yunus 2006 den Friedensnobelpreis gewann, klingt »verführerisch einfach«, sagt er – zu einfach angesichts eines komplexen Bereichs mit vielen Angeboten. Umso größer war die Enttäuschung vieler, als Probleme auftauchten.

Ehrbeck ist Geschäftsführer der Beratergruppe CGAP, die im Auftrag der Weltbank zum Bereich Mikrofinanz arbeitet. Aus Ehrbecks Sicht entstand die Krise speziell der Mikrokredite aus dem enormen Erfolg: »Bei dem rasanten Wachstum kam die verantwortungsvolle Kreditvergabe oft zu kurz.«

Auch Ben Simmes, Direktor der Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit, sieht das sehr schnelle Wachstum und die Profitgier mancher Anbieter als eine der Ursachen für die Mikrokredit-Krise. »Die Flitterwochen sind vorbei«, fasst er die Situation der Branche zusammen. Simmes sieht weitere Probleme: Mangelnde Ausbildung bei Mitarbeitern der Mikrofinanzinstitutionen, harte Konkurrenz, die teils mehrfache Überschuldung der Kunden und die fehlende Transparenz im Sektor.

»Aus diesen Erfahrungen müssen wir lernen«, sagt Simmes. Es müsse geprüft werden, wie sozial die Mikrofinanzanbieter wirklich noch seien. ­Oikocredit begrüßt deshalb auch einen entsprechenden Gesetzesentwurf der indischen Regierung, durch den Kreditnehmer besser geschützt werden sollen.

Günther Kastner, Gründer der Anlageberatung Absolute Portfolio Management GmbH, hält das Bild der Mikrofinanzen als Mittel gegen die ­Armut in der Welt für falsch. »Für uns Investoren ist die Armutsbekämpfung gar nicht vordergründig«, erklärt der Geschäftsführer der Vermögensverwaltung.

In extrem verarmten Regionen könnten Mikrokredite und ähnliche Angebote gar nicht funktionieren, weil es an Infrastruktur und Menschen mit Erfahrung im Unternehmertum fehle. So hätten einige Institute Mikrofinanz in Gebieten ange­boten, in denen andere Formen der Entwicklungshilfe zunächst einmal nötiger seien.

»Es sind nicht nur Kredite wichtig, sondern auch unterstützende Angebote«, betont deshalb auch Jan Binder, Pressesprecher von Opportunity International Deutschland. Die christliche Stiftung bietet ihren Kreditnehmern beispielsweise begleitende Kurse in Buchhaltung an.

Und: Zu Mikrofinanzen gehören auch Sparbücher und Versicherungen für Arme. Damit können sich zum Beispiel Bauern gegen Ernteausfälle oder Händler gegen Krankheit absichern.

Der Mikrofinanz-Experte Jim Reiff von Opportunity International kritisierte deshalb Vorschläge, Kredite künftig ausschließlich für die Gründung einer Existenz anzubieten. Auch Kredite für die Renovierung von Häusern oder für das Schulgeld der Kinder seien unter Umständen sinnvoll. Man müsse aber mit dem Kreditnehmer abklären, in welchen Raten und über welchen Zeitraum er das Geld zurückzahlen könne.

Die Krise der Branche sieht Reiff deshalb auch als Chance für eine Neuausrichtung: »Der Fokus muss wieder darauf gelegt werden, was am besten für die Kunden ist, und nicht, was den meisten Profit für die Investoren bringt.«

Ann Kathrin Sost (epd/GKZ)

Kreuzweg auf dem Todesstreifen

9. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine der Stationen auf dem Kreuzweg, der die biblische Geschichte von Jesu Verurteilung bis zu seinem Tod am Kreuz nachbildet. (Foto: epd-bild)

Eine der Stationen auf dem Kreuzweg, der die biblische Geschichte von Jesu Verurteilung bis zu seinem Tod am Kreuz nachbildet. (Foto: epd-bild)

Monumentale Figuren erinnern in Thüringen an die Opfer von Willkür und Unterdrückung.
 

Der »Weg der Hoffnung« liegt auf dem ehemaligen Todesstreifen. Ein Kreuzweg: Monumentale Metallskulpturen von Ulrich Barnickel zeichnen an 14 Stationen die biblische Geschichte von Jesu Verurteilung bis zu seinem Tod am Kreuz und der Grablegung nach.

An der ehemaligen Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Rasdorf in Hessen und Geisa in Thüringen, soll damit an die Opfer von Willkür und Unterdrückung erinnert werden. Der Kreuzweg gehört zur Gedenkstätte Point Alpha in der Rhön.

Einst verlief hier die Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit, Demokratie und Diktatur.

Point Alpha war bis 1989 Beobachtungsstützpunkt der US-Streitkräfte in Europa. DDR-Grenzer und US-Soldaten standen sich direkt gegenüber.

Schnurgerade verläuft der Weg eineinhalb Kilometer Richtung Westen. Am Anfang steht der Gerichtsplatz: Pontius Pilatus bricht den Stab über Jesus, das Volk fordert dessen Tod am Kreuz. Doch Jesus steht aufrecht. Unter der Wucht des Urteils bricht er nicht zusammen. Er nimmt das Kreuz auf und macht sich auf den Weg.

Ein »Weg der Hoffnung« auf dem einstigen Todesstreifen?

Die ehemalige Grenze sei Beleg dafür, dass sich der Einsatz für die Freiheit lohne, sagt Uta Thofern, Direktorin der Point-Alpha-Stiftung. Und darum sei der Ort auch ein Symbol der Hoffnung.

Sie sieht eine Analogie zwischen christlichem Kreuzweg und Widerstand gegen Unterdrückung: Es gehe um Menschen, die für ihren Glauben oder ihre Überzeugung einstünden, auch wenn dadurch ihr Leben bedroht sei. Das sei eine Frage von »Leid und Verfolgung, aber auch von Haltung und Mut«.

An Station zehn etwa wird Jesus seiner Kleider beraubt. Ein Soldat, gesichtslos mit einem Helm auf dem Kopf, zerrt an seinem Bein. Der Soldat steht in ­seinem entwürdigenden Tun in den Knien gebeugt. In dieser Haltung reicht er Jesus bis zum Bauch. Der hält sich aufrecht, die Schultern mit den kurzen Armen nach hinten gezogen: »Nimm, was du brauchst, ich wehre mich nicht«, scheint er zu sagen.

»Christus hat seine Würde behalten«, beschreibt Künstler Ulrich Barnickel. ­»Jesus wurde seiner Kleider beraubt, DDR-Bürger nach einem Fluchtversuch ihrer Freiheit, ihres Eigentums, sogar ihrer Kinder.« Der Soldat in Jerusalem sei ebenso Befehlsempfänger gewesen wie die DDR-Soldaten an der Grenze.

Barnickel, 1955 in Weimar geboren, hat die Unterdrückung durch das SED-Regime in der eigenen Familie erfahren. Nachdem sich sein Bruder »früh in den Westen abgesetzt« hatte, wie er sagt, galt die Familie als politisch nicht zuverlässig. Das Medizinstudium wurde dem späteren Künstler verboten, 1985 wurde er »quasi über Nacht« in die Bundesrepublik ausgewiesen.

Durch die Arbeit an den 20 Figuren, die bis zu vier Meter hoch sind, hat sich der 56-Jährige auch mit der eigenen Geschichte beschäftigt. »Ich habe nicht vergessen wie es war, mit dem christlichen Glauben in der DDR aufzuwachsen«, sagt Barnickel. Nachdem die Mauer gefallen war, habe er zunächst zurück in den ­Osten gewollt, um »denen gründlich die Meinung zu sagen«. Schließlich aber hat er sich darauf besonnen, mit den Mitteln der Kunst »zu mahnen, zu erinnern und zum Denken anzuregen«.

Behilflich war Barnickel die Sprache des Materials. Die Figuren des Kreuzwegs sind rostig, das Metall ist verbogen, verbeult, zum Teil gerissen. Eine Symbolik, die auf Leid und Kummer, auf Gewalt und Widerstand schließen lässt.

Die 14 Stationen des Kreuzwegs stehen für sich. Es gibt keine Informationstafeln, weder zu seiner christlichen, noch zu seiner symbolischen Bedeutung als Erinnerung an den Widerstand gegen die sozialistischen Diktaturen in Mittel- und Osteuropa.

»Wir wollten nicht an einzelne Stationen schreiben ›Zum Gedenken an den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953‹ oder ›Zum Gedenken an den Prager Frühling 1968‹«, sagt Direktorin Thofern.

Das Kunstwerk lasse bewusst Raum. Als Ergänzung zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschehnisse an der Grenze solle es Emotionen wecken, sagt Thofern. Damit wird ein anderer Zugang zur Vergangenheit möglich, ist sie überzeugt. Jeder könne seine eigenen Erfahrungen reflektieren und überlegen, wo er Gewalt und Willkür erfahren habe: »So vollendet sich das Werk immer erst mit dem Blick und den Gedanken des Betrachters.«

Renate Haller (epd)

»Ich träume von einem Bibelfrühling«

8. Oktober 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Welche Bibeltexte sollen im Gottesdienst vorkommen?
Im Gespräch mit Alexander Deeg.

Der leidende Hiob in einer Darstellung von Albrecht Dürer: Das Buch Hiob gehört bisher nicht in den Reigen der sonntäglichen Predigttexte, obwohl sich mit der Figur des unschuldig Leidenden viele Menschen identifizieren können.

Der leidende Hiob in einer Darstellung von Albrecht Dürer: Das Buch Hiob gehört bisher nicht in den Reigen der sonntäglichen Predigttexte, obwohl sich mit der Figur des unschuldig Leidenden viele Menschen identifizieren können.

Biblische Geschichten wie die von Hiob oder von Joseph und seinen Brüdern sind aus der abendländischen Kultur nicht wegzudenken. Dass sie im kulturellen Gedächtnis unserer Gesellschaft präsent sind, ist im entscheidenden Maße auch den Dichtern und Schriftstellern zu verdanken, die ihren Stoff für Romane der Bibel entnahmen.

Die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern etwa inspirierte nicht nur Thomas Mann, sondern auch andere Literaten und Filmemacher.

Jakobs Kampf am Jabbok – ein Text, der das Ringen des Menschen mit Gott thematisiert – begegnet in vielen Gemälden.

Die Bibel gibt Antworten auf Fragen, sie fasziniert durch die Schönheit ihrer Sprache und durch ihre Weisheit.

Im Buch der Sprüche und beim Prediger Salomo etwa finden sich weise Gedanken für den Alltag.

Es ­ließen sich weitere Beispiele anführen, von biblischen Geschichten mit großem Bekanntheitsgrad und bemerkenswerter Wirkungsgeschichte, auch in die nichtchristliche Umgebung. In den Gottesdiensten kommen sie jedoch kaum vor, weil sie als Lese- und Predigttexte nicht vorgesehen sind.

Dass auf eine Figur wie Hiob, mit der sich viele Menschen, wenn sie unter Schicksalsschlägen leiden, identifizieren können, verzichtet wurde, ist für Alexander Deeg, Professor für Praktische Theologie an der Univer­sität Leipzig ein Stein des Anstoßes, den er gern aus dem Weg räumen möchte.

Deeg gehört einer zwölfköpfigen Kommission an, die an einer Reform des Perikopensystems tüftelt.

Das Perikopensystem legt fest, welche Bibeltexte im Gottesdienst gelesen und gepredigt werden. Es ordnet jedem sonn- und feiertäglichen Gottesdienst die Lesungen für Epistel, Evangelium, Altes Testament sowie den Predigttext zu. In der evangelischen Kirche sind seit 1978 sechs Perikopenreihen im Gebrauch. Eine Reihe gilt jeweils für ein Kirchenjahr.

Im Rahmen dieser Perikopenordnung kommen sowohl in den Predigten als auch in den Lesungen die Evangelien und die neutestamentlichen Briefe häufig vor. Das Alte Testament hingegen sei viel zu selten vertreten, so Deeg.

Er erläutert die lange historische Entwicklung, in deren Verlauf das Alte Testament in den Gottesdiensten zurückgedrängt wurde.

»Jetzt sagen viele, uns ist das Alte Testament verloren gegangen und wir müssen ­einiges tun, um es wieder zurückzu­gewinnen. Es enthält Texte, die die Menschen heute brauchen, weil ihre Fragen darin aufgenommen werden.«

Überdies plädiert der Theologe dafür, dass Geschichten von Frauen, wie beispielsweise die von Ruth und der Richterin Debora, die bislang in den Perikopen nicht auftauchen, in Zukunft dort stärker repräsentiert sind.

Ebenso Texte, die nicht dem Mainstream zu entsprechen scheinen, etwa die abgründige Geschichte vom Tod der Aaronsöhne, die beide durch ein Feuer, das sie gelegt hatten, umkommen. (3. Mose, 10) Ein Bibelabschnitt, in dem sich die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes stellt.

Der Wunsch nach einer Revision der Perikopenordnung ist nicht neu. Vor etwa zwei Jahren habe die Evangelische Kirche in Deutschland, die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands und die Union Evangelischer Kirchen grünes Licht für die Reform gegeben.

»Es ist ein heikler Prozess, weil nicht ganz klar ist, in welche Richtung reformiert werden soll«, sagt Deeg. In der Pfarrerschaft und unter Kirchenmusikern gebe es eine hohe Zufriedenheit mit der bestehenden Leseordnung. Allerdings sei die Zufriedenheit regional unterschiedlich ausgeprägt.

»In Sachsen ist die Zufriedenheit am größten, der Wunsch, etwas zu verändern, deutlich am niedrigsten.« In den reformierten Gebieten Westdeutschlands hingegen sei die Zufriedenheit am geringsten, die Bereitschaft zu Reformen am größten, so Deegs Beobachtung.

»Ich persönlich hätte Lust zu einer mutigeren, größeren Reform, als sie sich jetzt abzeichnet«, merkt er an. Doch er weiß: »Es wird bestimmt ein schwieriger Prozess.«

Sein Wunsch ist, dass diejenigen Geschichten des Alten Testaments, die durch sprachliche Schönheit glänzen oder die eine große Lebensnähe aufweisen, in die neue Leseordnung aufgenommen werden. Kein leichtes Vorhaben, denn in der Bibel gilt jeder Text als wichtig, keiner ist überflüssig.

Wenn neue Abschnitte aufgenommen werden, müssen dafür andere wegfallen. Die Kommission nimmt jetzt ihre Arbeit auf und verfolgt das hehre Ziel, bis 2017 eine reformierte Perikopenordnung vorzulegen.

»Ich träume von einem Bibelfrühling«, sagt Deeg. Er wünscht sich, dass Menschen die Bibel aufschlagen und entdecken, dass die Geschichten ­darin etwas mit ihrem Leben zu tun haben. »Das wäre das Tollste, das Schönste. Wenn Leute Hiob oder andere Geschichten lesen und sagen: Ich hätte nicht gedacht, dass die Bibel solch ein aufregendes Buch ist.«

Sabine Kuschel

Das Bauernopfer der Politik

7. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Landwirtschaft: Große Agrargenossenschaften, industrielle Produktion – ein kritischer Blick auf den Niedergang der ländlichen Räume.
 
Begonnen hat er mit der ­Kollektivierung, seine Fortsetzung erfährt er bis heute: der Strukturwandel in der Landwirtschaft. Er hat weitreichende Folgen für die ländlichen Räume und die Ernährungssicherheit.
 
»Die Struktur einer Landwirtschaft ist ein Spiegelbild der politischen Verhältnisse.« Diesen Satz sprach der spätere Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Tierarzt Berndt Seite, im Frühjahr 1989 bei einem kirchlichen Umweltseminar in Schwerin. Er verglich die Einfalt der DDR-Agrarstruktur mit der Einfalt der Politbürokratie im SED-Staat.<br />
Und heute?<br />
Die Landwirtschaftsstrukturen in den ostdeutschen Bundesländern spiegeln noch weitgehend die DDR-Verhältnisse wider. Es scheint an der Zeit, danach zu fragen, warum das so ist und welche Folgen das für das Land hat.<br />
(Foto: ddp images)

»Die Struktur einer Landwirtschaft ist ein Spiegelbild der politischen Verhältnisse.« Diesen Satz sprach der spätere Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Tierarzt Berndt Seite, im Frühjahr 1989 bei einem kirchlichen Umweltseminar in Schwerin. Er verglich die Einfalt der DDR-Agrarstruktur mit der Einfalt der Politbürokratie im SED-Staat.
Und heute?
Die Landwirtschaftsstrukturen in den ostdeutschen Bundesländern spiegeln noch weitgehend die DDR-Verhältnisse wider. Es scheint an der Zeit, danach zu fragen, warum das so ist und welche Folgen das für das Land hat.
(Foto: ddp images)

Rund um das Erntedankfest geht unser Dank in zwei Richtungen: Zuerst an Gott, der alles wachsen lässt, was als Lebensmittel auf unseren Tisch kommt. In den Zeiten von Hochleistungszucht und Gentechnik muss man sich ja immer mal wieder bewusst machen, dass kein Lebe-
wesen durch den Menschen belebt und ­organisiert wird.

Der andere Teil unseres Dankes richtet sich an die Bauern, die in ­einer harten, aber erfüllenden Arbeit an der Erde die Gesamtbevölkerung ernähren.

Doch was heißt heute eigentlich noch Bauern?

Die mitteldeutschen Dörfer sind zwar durch schöne Bauernhöfe geprägt, aber Bauern im eigentlichen Sinne gibt es hier kaum noch.

Als die Vierseithöfe gebaut wurden, konnte eine Familie mit ein paar Angestellten auf und von einem solchen Hof und den dazugehörigen Äckern und Wiesen gut leben.

Die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung arbeitete als Kleinunternehmer im selbst gestalteten Wohnumfeld. Solange das so war, gab es in den Dörfern auch noch Schmiede und Tischler, Läden und Gastwirtschaften, Schulen und Arztpraxen, Gemeinde- und Pfarrämter.

Heute ist davon kaum noch etwas übrig – weil die Bauernschaft als tragende Schicht des ländlichen Raumes nicht mehr existiert.

Die Wenigen, die immer noch auf ihrem eigenen Hof eine bäuerliche Wirtschaft führen, werden oft mitleidig belächelt.

Als »modern« gilt die industrielle Agrarproduktion, die im Osten Deutschlands meist durch die LPG-Nachfolgeunternehmen betrieben wird.

Aus welcher Geschichte ist die ostdeutsche Landwirtschaft eigentlich hervorgegangen?

Die historische Analyse zeigt, dass die Bodenreform von 1945/46 und die Kollektivierung von 1952 bis 1960 zusammengehörten und zwei Teile desselben Plans waren. Dieser Plan sah nichts anderes vor, als die komplette Liquidierung der selbstständigen Bauern als Klasse.

Die leninsche Strategie zur Umsetzung der marxistischen Klassenideologie bestand aus einem Zweischritt: Zuerst Enteignung und Vertreibung der Groß- und Mittelbauern zugunsten von Kleinbauern und dann die Kollektivierung, das heißt die faktische Enteignung des gesamten Bauernstandes mit dem Ziel seiner Proletarisierung – und der hierfür erforderlichen Konzentration und Industrialisierung der gesamten Landwirtschaft.

In der Sowjetunion und in China wurden beide Teile dieses Plans mit einer unglaublichen Brutalität umgesetzt. Die Vernichtung der Bauernhaushalte löste Hungersnöte aus, deren Opfer im 1998 erschienenen »Schwarzbuch des Kommunismus« mit insgesamt 30 bis 50 Millionen beziffert werden.

Auch wenn in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR der Kampf gegen die Bauern nicht mit systematischen Erschießungen und Massendeportationen einherging – Bodenreform und Kollekti­vierung wurden in Ostdeutschland nach demselben Fahrplan umgesetzt, wie in der Sowjetunion.

Hier wie dort ging es um die ideologisch begründete Absicht, eine als »Klasse« definierte soziale Gruppe vollständig auszulöschen. Auch die Industrialisierung der DDR-Landwirtschaft seit Beginn der 1970er Jahre diente der Auslöschung des Bauernstandes. Mit der flächendeckenden Zerschlagung der selbstständigen Bauernwirtschaften war die Basis von nahezu allem vernichtet, was die gewachsenen Strukturen im ländlichen Raum – und damit die Identität der Menschen mit ihrer Heimat – geprägt hatte.

Neu- und Wiedereinrichter sind bis heute benachteiligt

Da es in der DDR keine Aussicht auf eine Existenz als selbstständiger Landwirt mehr gab, ergriffen die meisten Bauernsöhne und -töchter nichtlandwirtschaftliche Berufe.

Nach der Wende von 1989/90 gab es hier außer den LPG-Funktionären kaum noch jemanden, der in der Lage war, ein landwirtschaftliches Unternehmen selbstständig zu führen.

Noch schlimmer ist allerdings, dass bis heute die Wieder- und Neueinrichter in Ostdeutschland allen Grund dazu haben, über eine systematische Benachteiligung gegenüber den LPG-Nachfolgebetrieben zu klagen.

Obwohl kleinere Landwirtschaftsbetriebe mehr Arbeitskräfte je Fläche beschäftigen, begünstigt man mit den flächenbezogenen EU-Agrarsubventionen die Großbetriebe. Zudem führen die Flächensubventionen in Verbindung mit langfristigen (auch bei Eigenbedarf nicht kündbaren) Pachtverträgen zu einer faktischen Bodensperre.

Somit sind seit fast 20 Jahren neue landwirtschaftliche Unternehmensgründungen blockiert.

Im Gegensatz zu den historisch durch große Güter geprägten und ärmeren Regionen Nordostdeutschlands, dominierten in den mitteldeutschen Ländern bis vor 50 Jahren die leistungsstärkeren klein- und mittelbäuerlichen Bauernwirtschaften.

Hier war 1990 durchaus noch das Potenzial dafür vorhanden, ländliche Räume nach dem Vorbild der Schweiz wieder zu beleben.

Doch in der Landwirtschaftspolitik gab und gibt es in allen ostdeutschen Bundesländern eine ganz große Koalition von der PDS bis zur CDU, die nach dem agrarpolitischen Leitbild Kasachstan unsere ­Heimat nivelliert.

Was es bedeutet, die Ernährung der Gesamtbevölkerung von einer kleinen und privilegierten Minderheit abhängig zu machen, wird sich erst später zeigen.

Bei aller Unsicherheit von Zukunftsprognosen ist doch eines gewiss: Irgendwann zählt nicht mehr der Mehrwert an der Börse, sondern der Nährwert auf dem Teller.

Oder hat doch Oswald Spengler recht? Schon 1923 schrieb er in seinem Buch »Der Untergang des Abendlandes«, dass die allgemeine Verachtung des Bauernstandes und das Herabsinken der Regionen zugunsten weniger Metropolen ein Symptom von untergehenden Kulturepochen sei.

Schließlich hat unter dem ökonomischen Leitbild vom »Wachsen oder Weichen« auch der Westen Deutschlands seit 1960 eine Million Bauernhöfe und vier Millionen landwirtschaftliche Arbeitsplätze verloren. Was der Agrarwissenschaftler Hermann Priebe 1985 mit einem Satz auf den Punkt brachte, ist nicht nur im Blick auf die Vergangenheit relevant: »Die bäuerliche Familienwirtschaft war die soziale und wirtschaftliche Grundlage aller geschichtlichen Hochkulturen.«

Michael Beleites

Michael Beleites wurde 1964 in Halle geboren und gehörte zu dem Mitbegründern einer unabhängigen Umweltbewegung in der DDR. Von 1992 bis 1995 studierte er Landwirtschaft und amtierte unter anderem 2000 bis 2010 als Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.

Die Wurzeln des Grauens

3. Oktober 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Eine Welt

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Guatemaltekische Soldaten auf Patrouille in einem Armenviertel der Hauptstadt Guatemala-City. Auch 15 Jahre nach dem Bürgerkrieg sind die früheren Gewalttaten des Militärs im Kampf gegen echte oder vermeintliche Rebellen den Menschen gegenwärtig. (Foto: picture-alliance/dpa/Tomas Bravo)

Guatemaltekische Soldaten auf Patrouille in einem Armenviertel der Hauptstadt Guatemala-City. Auch 15 Jahre nach dem Bürgerkrieg sind die früheren Gewalttaten des Militärs im Kampf gegen echte oder vermeintliche Rebellen den Menschen gegenwärtig. (Foto: picture-alliance/dpa/Tomas Bravo)


Guatemala: Die Aufarbeitung von Gewalt und Terror der Militärdiktatur ist noch lange nicht abgeschlossen.
 
Vor 15 Jahren endete der ­blutige Bürgerkrieg in Guatemala. Er kostete mindestens 200.000 Menschenleben. Ein ehemaliger Soldat bricht sein Schweigen und berichtet über seine Erlebnisse.
 

Rodrigo Sic ist heute 46 Jahre alt. Seine Muttersprache ist Achí, eine der 22 Mayasprachen, die bis heute in Guatemala gesprochen werden. Er erinnert sich, dass er schon in seiner Jugend von der Mutter manchmal gewarnt wurde: »Heute darfst du nicht raus, weil die Soldaten Jungen fangen.« An solchen Tagen zog die Armee durch die Dörfer um Jugendliche zu »rekrutieren«.

Doch es half nichts: »Im Jahr 1982 kam ein Militärkommissar zu unserer Hütte und brachte einen Einberufungsbefehl.« Mit 700 anderen Jungen musste er sich vor dem Rathaus einfinden.

»Einen Tag und einen Nacht lang wurden wir eingesperrt. Draußen flehten die Mütter, dass sie ihnen ihre Söhne zurückgeben. Aber niemand schenkte ihnen Beachtung.« Mit LKWs ging es in eine Militärstation in die Stadt Salama. Dort begann für Sic ein Albtraum mit schreienden Vorgesetzen und brutalen Erniedrigungen.

Schreiende Ausbilder und drakonische Strafen

Ohne zu essen mussten die Rekruten stundenlang wie Enten laufen, auf den Knien mit den Händen auf den Schultern. Sie wurden in den Schlamm getreten, mit eiskaltem Wasser abgespritzt. »Das war die Begrüßung in der Armee. Viele wurden bewusstlos. Sie gaben uns Stiefel und alte Hemden. Jetzt waren wir Soldaten«, erzählt Sic.

»Ihr feigen Hühner! Indios! Guerilleros!« – schreiende Vorgesetze gehörten zum Ausbildungsalltag, ebenso wie drakonische Strafen. Und die Rekruten wurden in Foltertechniken ausgebildet. »Uns wurde gesagt: ›Wenn deine Mutter zu den kommunistischen Rebellen gehört, dann musst du sie töten.‹«

Der Grundsatz lautete: »Befehle werden nicht diskutiert, sondern ausgeführt.«

Mit Gewalt und Terror gegen vermeintliche Feinde

Drei Monate dauerte für Sic und seine Kameraden das »Training«, das vor allem aggressive Kämpfer aus ihnen machen sollte. Dann wurde Sic in den Ort Mazatenango versetzt. Dort sollten die Soldaten fünf Tage lang durch die Wälder ziehen und nach dem Feind, nach »Rebellen« suchen.

Doch es wurden drei Monate Kampfeinsatz daraus.

Erschütternde Szenen muss der junge Soldat miterleben: »Wir suchten nach ›Informanten‹ der Rebellen. Einmal kam ein Mann auf uns zu. Er war etwa vierzig Jahre alt und fragte freundlich, wie viele wir wären. Nur deshalb wurde er zu unseren Anführern gebracht. Sie haben ihm die Fingernägel ausgerissen und ihn kopfüber in eine Tonne gesteckt. Er hat nicht lange ausgehalten. Um Mitternacht war er tot, nur weil er gefragt hat, wie viele wir sind.«

Oder wie in einer anderen Gegend eine Frau zu den Soldaten kommt, um sich über ihren Mann zu beschweren, weil er sie geschlagen hatte. »Der Soldat, der gerade auf Wache war, sagte zu ihr: ›Na gut, ich rede mal mit ihm.‹ Aber dann hat er sie ins Gebüsch gezogen und die anderen gerufen. 24 Soldaten. Sie alle haben die Frau vergewaltigt. Danach durfte sie nach Hause gehen.«

Als am nächsten Tag der Vorgesetzte von der Vergewaltigung erfuhr, rief er den Soldaten zu sich. Er musste die Hose runterziehen »und bekam eine brennende Zigarette zwischen die Beide gedrückt«, weiß Rodrigo Sic zu berichten. Der Soldat sei zwar rumgesprungen, aber eine weitere Strafe bekam er nicht.

Die Saat der Gewalt geht in der Gesellschaft auf

Am 31. Juli 1983 kam für Sic endlich der Tag der Entlassung, »ohne Geld, ohne nichts«. Lange Zeit konnte er nicht schlafen, nicht arbeiten. »Ich habe mich auf die Straße gesetzt und wenn ich konnte, habe ich mich betrunken, um alles zu vergessen.« Es war sein kleiner Bruder, der ihm eines Tages Geld gab, um eine Ausbildung machen zu können. So gelang ihm langsam auch die Verarbeitung des Erlebten.

Doch nicht allen gelingt dies: »Viele Soldaten haben dasselbe erlebt wie ich. Sie behandeln heute ihre Söhne genauso wie man uns damals behandelt hat. Sie leiden noch immer«, ist Rodrigo Sic überzeugt.

In den traumatischen Erlebnissen so vieler Menschen in Guatemala sieht er auch die Ursache für die bis heute anhaltende Welle von Gewalt und Kriminalität im Land: »Die Leute sind voller Hass, die Kinder des Kriegs, die vergewaltigten Frauen, alle, die das erlebt haben. Damals wurde die Saat gesät, aus der noch mehr Gewalt hervorgeht.«

Sic hat dies alles überlebt und hinter sich gelassen, weil er ein Ziel hatte: Er wollte Lehrer werden. Die Ausbildung und die Arbeit als Lehrer haben ihm geholfen, eine sinnvolle Aufgabe zu finden. Doch die Erinnerungen ­belasten noch immer sein Gewissen. Deshalb hat er angefangen, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Der Arbeitstitel des Buches lautet: »Der Albtraum«.

Andreas Boueke

Damit die Ernte reich wird!

2. Oktober 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Danke

Warum die Kirche einen Ruck braucht
Überlegungen zum Erntedankfest.
 

Heuballen in der Kirche. Erntedank.

Dabei haben die meisten Jüngeren nie im Heu gespielt. Manche glauben, Kühe seien lila.

Kann es sein, dass das Erntedankfest an der Erfahrungswelt vieler Menschen vorbeizielt?

Dann wird das kirchliche Fest zum Menetekel. Auf die vielen Distanzierten wirkt die Kirche wie »das Zitat einer Religion, die es früher einmal gegeben hat. Oder wie Folklore« (Harald Martenstein).

Kirche ist eher Hort von Lehrsätzen und erstarrten Traditionen denn Einübungsort in Gottvertrauen, so wie es der Mann aus Nazareth vorlebt.

Wenn Jesus eines nicht wollte, dann war es ein geistiges Lehrgebäude. Er war spontan, unkonventionell, symbolstark.

Seht die Vögel, die Lilien, vertraut auf Gott, dann fällt euch alles zu.

Zahlreiche Reformpapiere der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), umtriebige Pfarrerinnen und Pfarrer, engagierte Kirchenälteste, viel ehrenamtliches Engagement.

Eigentlich beste Voraussetzungen für einen florierenden Verein, eine reiche Ernte.

Eigentlich.

Wo aber bleibt die Ernte für die Kirche?

Jahr für Jahr sinkende Mitgliederzahlen und, viel schlimmer, Erosion der öffentlichen Relevanz von Kirche. Stell dir vor es ist Kirche und keiner geht mehr hin.

Gefragt ist Kirche an den Lebenswendepunkten wie Geburt, Eheschließung oder Tod. Hier stellt die christliche Tradition mit Taufe, Trauung und Trauerfeier Rituale bereit. Hinzu kommen die Gottesdienste an Festtagen und, in Krisenzeiten, die seelsorgerische Kompetenz.

Aber sonst?

Die normalen Gottesdienste?

Viele Lieder sind veraltet und schwer singbar. Die Liturgie wirkt befremdlich und wird in vielen Gemeinden nur noch von einem kleinen Teil mit vollzogen.

Viel gewichtiger ist die theologische Grundlage: Sie ist weit entfernt von dem, was der Religionsstifter selbst den Menschen vorlebt, zuspricht, mitgibt.

Über bald zwei Jahrtausende hat hier ein Prozess der Entfremdung um sich ­gegriffen. Kunstvolle theologisch-­rationale Denkgebäude haben die ­unmittelbaren Bezüge des Mannes aus Nazareth zum Leben der Menschen überdeckt.

Notwendig ist ein »Ruck in den Köpfen der Kirche« (Matthias Kroeger).

Statt sich hinter einer ganz unjesuanischen und unreformatorischen Angst vor dem Verlust pfarramtlicher Pfründe und geistlicher ­Besitzstände zu verstecken, sind die Glaubensaussagen früherer Generationen zu überprüfen und, häufig, neu zu formulieren und zu deuten.

Das Apostolische Glaubensbekenntnis fußt auf dem spätantiken Weltbild von Himmel, Erde und Hölle und blendet das irdische Leben des Gottessohnes aus – für Menschen des Mondflug- und Atomzeitalters und angesichts des Abbruchs metaphysischer Weltsicht bestenfalls eine lieb gewordene Gewohnheit (s. Jörg Zinks einschlägige Bücher dazu).

Der christliche Liedschatz fußt zu einem erheblichen Teil auf falschen theologischen Voraussetzungen, so beispielsweise fast durchgängig in den Passionsliedern. Klaus-Peter Jörns belegt das jesuanische Verständnis des Abendmahls gerade nicht als Sühnopfer, sondern als ein Mahl gegen die tödlichen Mächte der Welt, gegen Isolation, Schmähung, Verfolgung.

Gebete lehnt Jesus in ihrer geschwätzigen Form, wie sie so oft als endlose, vorformulierte Fürbitten die Gottesdienste in die Länge ziehen, ab.

Die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes steht als theologisch hochartifizielles Konstrukt in weitem Abstand zu gelebter Religion und rührt emotional nicht an. Die göttlichen Überhöhungen des Mannes aus Nazareth widersprechen seinem Verhalten eklatant und sind Zeugnis für das antike Bedürfnis nach Herrschaftsnomenklatur, nicht aber für die gelebte Nähe zu den Zöllnern und Sündern.

Die Liste von notwendigen Veränderungen ist beliebig erweiterbar. Was nottut, ist eine Reform des Gottesdienstes und des kirchlichen Lebens »an Haupt und Gliedern«. Zu entdecken ist die Tiefe der für die Lebensbewältigung kaum zu überbietenden christlichen Symbole.

Neben den Kirchen sind andere Orte für kirchliche Rituale zu entdecken. Gott wirkt überall und lässt sich nicht an einem Ort festbinden.

Wege zur Mystik sind auszuloten, eine »Ent-bildung« in der Sprache Meister Eckharts anzustreben, das heißt ein »Freiwerden von Verhaftungen, Gedanken, Überlegungen, Sorgen, traumatischen Erfahrungen und Belastungen, generell also ­allen Vorstellungsbildern, zu denen eben auch die theologischen Begriffe zählen« (Joachim Kunstmann).

Zu wagen sind »notwendige Abschiede« (Klaus-Peter Jörns), die mitunter schmerzen, die aber zugleich der christlichen Religion und denen, die an ihr Interesse haben, neue spirituelle Wege in den Bahnen ihres Religionsstifters eröffnen.

Wenn das geschieht, wird auch die Ernte reich sein.

Felix Leibrock

Der Autor ist Pfarrer in Apolda.