Der Trostkreislauf

17. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Wie Leidende zu Tröstern werden.

Oliver Merz findet im Apostel Paulus ein Vorbild für den Umgang mit Leid.

Solange es uns gut geht, fällt es uns nicht schwer, Gott dankbar zu sein. Erst Leid und Schmerzen stellen den Glauben auf die Probe. Erst recht, wenn das Leiden ­dauerhaft ist und auch Gott nicht heilend eingreift.

Oliver Merz kennt das Hadern und die Fragen: Er erkrankte mit 20 Jahren an Multipler ­Sklerose und ist seither in seinen Bewegungen eingeschränkt. Warum er dennoch Trost ­gefunden hat und wie er dadurch anderen zum Trost werden konnte, das ­beschreibt der Pastor aus der schweizerischen Stadt Thun.

Glück, Leid und Heilung

In einem kleinen Dorf wohnte ein großes Glück. Ein Mann und eine Frau bekamen ein Mädchen, das der Sonnenschein aller wurde.

Eines Tages wurde das Kind vor den Augen der Eltern auf der Straße überfahren. Das ganze Dorf nahm Anteil an der Trauer der Eltern.

Auch nach über einem Jahr war die Mutter über den Verlust ihres Kindes untröstlich. Sie konnte keine Kinder mehr spielen sehen ohne bitteren Gedanken.

Langsam ­wuchsen in ihr Hass und Zorn, Neid und Eifersucht auf alles Lebendige und Gesunde. In ihren Gedanken lebten alle Menschen glücklich und zufrieden. Nur sie war geschlagen und voller Leid.

In ihrer Not ging sie zum Pfarrer. Der bat sie, durch das Dorf zu gehen und sich aus jedem Haus, in dem kein Leid wohnt, eine Blume zu erbitten. Mit dem Strauß sollte sie dann nach ­einer Woche wiederkommen.

Die Frau ging durch ihr Dorf von einem Haus zum anderen.

Als sie nach einer Woche zum Pfarrer kommt, hat sie nicht eine einzige Blume, aber einen Strauß von Erfahrungen. Sie musste erleben, dass in jedem der Häuser ein Leid wohnt, eine Not ist und Trost nötig war. So konnte sie manchen Leuten aus ihrer eigenen Schmerzerfahrung raten und beistehen.

Das war der Anfang einer inneren Heilung.

Aus: Kühner, Axel: Überlebensgeschichten für jeden Tag. 18. Auflage, Neukirchener Aussaat, 352 S., ISBN 978-3-7615-5873-7, 9,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Der Autor Oliver Merz ist Theologe und lebt mit seiner Familie in der Schweiz.

Der Autor Oliver Merz ist Theologe und lebt mit seiner Familie in der Schweiz.

Diese bewegende Geschichte von Glück, Leid und Heilung erinnert mich stark an Worte aus der Bibel, und zwar an Worte aus dem zweiten Korintherbrief. Der Apostel Paulus schreibt darin übers Trösten.

Wenn Paulus über das Trösten redet, beginnt er bei Gott selbst. Er beschreibt Gott als die Quelle des Trostes. Paulus schrieb diesen Brief in ­erster Linie, um auf Kritik an seiner Person zu reagieren. Einflussreiche Leiter und Gemeindeglieder zweifelten an seiner geistlichen Vollmacht und Autorität, weil Paulus äußerlich anscheinend eine erbärmliche Erscheinung abgab.

Wahrscheinlich konnte er auch nicht sehr überzeugend und packend referieren. Durch so einen konnte unmöglich Gott selbst reden und wirken, folgerten manche. Die Gegner von Paulus gingen teils noch weiter und kamen zum Schluss: So einer kann nicht wirklich zu Jesus gehören. Gott ist doch ein Gott der Stärke!

Paulus geht bereits im Briefeingang auf diese Angriffe ein. Er leugnet nicht, dass er tatsächlich ziemlich erbärmlich aussieht, stellt das allerdings in einen besonderen Zusammenhang. Paulus offenbart uns damit auch einen möglichen Sinn des menschlichen Leidens, ich nenne das den »Trostkreislauf«.

Das Wort »Trost« hat im Neuen Testament eine große Bedeutungsbreite – etwa ermutigen, ermahnen, zurechtweisen, stärken, innerlich festigen. Wenn von Gott als Tröster die Rede ist, meint das also viel mehr als bloß »bemitleiden«.

Als ich mit 20 Jahren plötzlich kaum mehr gehen, schreiben und ­lesen konnte, fragte ich mich, wie ich das nun mit einem liebenden und barmherzigen Gott zusammenbringen sollte. Ich sehe mich noch heute am Zimmerfenster im Spital stehen und denken: Ob ich da nicht lieber runterspringen sollte?

Der Apostel Paulus rechnete oft nicht mehr damit, lebendig aus Notsituationen herauszukommen. Dennoch kann er sagen, dass er von Gott getröstet wurde. Wie erlebte Paulus diesen Trost von Gott? Wir erfahren es nur bruchstückhaft. Er verstand wohl unter Trost ermutigen, ermahnen und stärken. Er sagt, dass er zum Beispiel durch den liebevollen Umgang der griechischen Christen mit einem Freund von ihm getröstet, gestärkt und ermutigt wurde.

In einem erlebte Paulus aber besonders Gottes ermutigendes und stärkendes Trösten: Er bekam immer wieder die Kraft, um seinen Weg mit Jesus und seinen Dienst für ihn gegen alle Widerstände und vermutlich trotz eines zusätzlichen chronischen Leidens zu gehen.

Die Erfahrung, dass auch andere Menschen mit Schwerem leben lernen müssen, wirkt tröstend.

Bei mir war und ist das ähnlich. Mit anderen Betroffenen über Erfahrungen und Gefühle im Umgang mit der eigenen Behinderung zu reden, tut meistens gut. Es gibt aber auch Zeiten, in denen es mir nicht nach Reden ist. Da bin ich darauf angewiesen, dass jemand einfach da ist.

Es kann sogar so weit gehen, dass ich Freunde brauche, die für mich glauben und beten, weil mir nicht mehr danach zumute ist.

Gerade uns Menschen mit Behinderung befreit Gott meistens nicht einfach von unseren Einschränkungen, wie sehr wir ihn auch darum bitten mögen. Wir brauchen in unserem Leben mit Einschränkungen manchmal die Unterstützung von Freunden und der Familie.

Paulus schreibt in seinem Briefeingang: »… damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden.« So kann sich Gottes Trost auswirken. Getröstete werden zu Tröstenden! Damit wir Gottes Wirken in unserer Not tröstend empfinden können, kostete ihn alles: Jesus Christus.

Gottes Trost ist zutiefst leidgeprüft! Eigene Leiden machen sensibel für die Leiden des Nächsten. Wenn jemand aus eigener Betroffenheit Trostworte spricht, dann sind das mehr als Worte!

Körperlich und seelisch begrenzte Pfarrerinnen und Pfarrer, Priester und Pastoren sind für ihre Kirchen eine unentbehrliche Bereicherung, ein Mehrwert! Sie fallen dadurch auf, dass sie mitunter einfühlsamer für die Nöte anderer sind. Pfarrer mit offensichtlichen Grenzen sind häufig ein Vorbild für den Umgang mit persönlichem Leiden.

Kurz nachdem ich selbst an MS erkrankt war, lernte ich andere kennen, die unerwartet mit schweren Diagnosen umgehen mussten. Andere wurden durch mein leidgeprüftes Leben irgendwie von Gott ermutigt und getröstet, ihre eigenen Herausforderungen zu tragen.

Ich scheine seither Menschen mit schwierigen Lebensumständen richtiggehend anzuziehen.

Das Erstaunliche ist: Wir werden dabei ermutigt und getröstet! Trost und Trösten ist also keine Einbahnstraße. Eine Bedingung gibt es allerdings: Wir dürfen nicht in der Isolation bleiben. Diese Phasen gibt es zwar. Wenn wir uns danach aber wieder zugänglich zeigen, den Weg ins Leben zurück suchen, dann können wir Ähnliches erleben wie Paulus und seine Freunde damals.

Doch es fehlt noch etwas Wichtiges: der Dank.

Den Schluss des Briefeingangs im 2. Korintherbrief habe ich lange überlesen, dabei enthält er ein überraschendes Detail: »Helft aber auch ihr, indem ihr für uns betet, damit viele Menschen in unserem Namen Dank sagen für die Gnade, die uns geschenkt wurde.« Am Anfang und am Schluss stehen der Dank und die Ehrerbietung an Gott.

Hier schließt Paulus zum Thema Trost einen Kreis. Wer in der Not erlebt, dass er von Gott und von Menschen getröstet wird, der ist auch ermutigt, Gott wieder und wieder um seine Hilfe zu bitten! Und er ist sich nicht zu schade, auch andere in seinem Umfeld über seine Situation zu informieren und um Gebet für ihn zu bitten. Nicht zuletzt schwingt hier auch eine missionarische Dimension mit!

Oliver Merz

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