Das Recht der Großeltern auf ihre Enkelkinder

11. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Scheidung: Ein Kind braucht nach der Trennung seiner Eltern die Verwandten beider Seiten.
 

Wenn Eltern sich trennen, leiden vor allem die Kinder. Doch was ist mit den Großeltern? Viele trauen sich gar nicht, über dieses Thema zu sprechen. Dabei wollen sie vor allem eines: den Kontakt zu den Enkeln nicht verlieren.
 

»Ich verlasse meine Frau. Ich liebe eine andere.« Eine Nachricht, die Hans und Katharina Kramer (Namen geändert) schockierte und traurig machte. Katharina Kramer erinnert sich: »Ich mag meine Ex-Schwiegertochter sehr. Ich dachte immer, wenn eins meiner Kinder eine stabile Ehe führt, dann dieser Sohn mit dieser Frau. Man hätte so schrecklich gern alles in Ordnung!«

Glückliche Großeltern: Sie genießen das Zusammensein mit ihrem Enkelkind. (Foto: picture-alliance/dpa)

Glückliche Großeltern: Sie genießen das Zusammensein mit ihrem Enkelkind. (Foto: picture-alliance/dpa)


Die Kramers sind in ihrer Gemeinde auf dem Lande engagiert, hatten ihren Kindern christliche Werte vermittelt und sind nicht zuletzt durch die eigene stabile Ehe Vorbild.

»Für christliche Ehepaare ist es besonders schwierig, damit umzugehen und es nach außen hin zu vertreten, wenn eins ihrer Kinder sich scheiden lässt«, hat auch Isabell Rössler, Referentin für Offene Altenarbeit beim Diakonischen Werk Württemberg, beobachtet.

Großeltern können durchaus dazu beitragen, dass junge Familien stabil bleiben, indem sie nicht über Schwiegertochter oder Schwiegersohn herziehen, sich in Alltagsfragen und ­Erziehung nicht einmischen und in ­Krisenzeiten da sind. Zuhören, vermitteln oder durch Babysitterdienste das Paar entlasten.

Manchmal genügt all das nicht.

Gründe, warum einst verliebte Paare es nicht mehr miteinander aushalten, gibt es viele: »Er hat ein Alkoholproblem.« – »Wir waren zu jung, um zu sehen, dass wir nicht zusammenpassen – jetzt haben wir uns auseinanderentwickelt.« – »Als Kinder kamen, war ich plötzlich für meine Frau ­unsichtbar.« Dass niemand mehr per Gesetz oder von der Kirche dazu ­gezwungen wird, bei einem Partner zu verharren, der ihn unglücklich macht oder sogar missbraucht, ist durchaus etwas Positives.

Statistisch gesehen, scheitern in Deutschland zurzeit ca. 38 Prozent aller Ehen. Etwa 150.000 Kinder pro Jahr sind davon betroffen. Sie sind es, die besonders viel Liebe und Rückenstärkung brauchen.

Scheidungskinder, wissen Psychologen, beziehen den Unfrieden zwischen den Eltern automatisch auf sich. Sie sind damit überfordert, wenn ein Elternteil sie als Stütze, Partnerersatz oder Verbündeten gegen den Expartner einsetzt.

Als Folge können Probleme in der Schule oder später Bindungsunfähigkeit auftreten. Mitunter reagieren sie mit einem geschwächten Immunsystem.

»Die Erde braucht einen Nord- und einen Südpol, ein Kind braucht Mutter und Vater und Verwandte beider Seiten, um sich gut zu entwickeln«, so Rita Boegershausen. Die vierfache Oma ist Spezialistin für komplizierte Großeltern-Enkel-Beziehungen.

Gemeinsam mit einigen anderen hat sie die Bundesinitiative Großeltern von Trennung und Scheidung betroffener Kinder (BIGE), gegründet.

Vor 14 Jahren gingen ihr Sohn und dessen Freundin auseinander, die Kinder blieben bei der Mutter. Den Kontakt zu ihnen zu erhalten, war schwierig.

Beim Jugendamt sagte man den Großeltern: »Sie sind ja ein Einzelfall.« Kurze Zeit später fuhren Boegerhausens zu einer Demo von Vätern, die für das Umgangsrecht kämpften. Dieses beschreibt den Anspruch auf Umgang eines minderjährigen Kindes mit seinen Eltern, gegebenenfalls auch das Recht Dritter mit dem Kind.

Bei diesem Treffen kam das Ehepaar mit anderen Großeltern ins Gespräch, die sich ebenfalls um den Kontakt zu ihren Enkelkindern bemühten. Sie beschlossen, gemeinsam etwas zu tun. Trauer und Wut ­gemeinsam verarbeiten, über Sorgen sprechen und wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entwicklung von Kindern in Krisen sammeln.

Ein Anliegen der BIGE ist es, für stabile Ehen und faire Trennungen einzutreten. Eine Eltern- und eine Großelternschule wünscht sich Rita Boegershausen. Sie gibt zu bedenken, dass ein Kind die ganze Familie brauche.

Die Erfahrung hat sie gelehrt: »Nach einer Trennung oder Scheidung tut es Kindern und Jugendlichen sehr gut, wenn sie sich bei Oma und Opa einfach nur erholen können.«

Als sich ihr Sohn von seiner Frau trennte, hielten Kramers ihr Haus für die Schwiegertochter offen und pflegten den Kontakt zu ihrem Enkel, der damals Teenager war. »Er wollte nicht reden«, erinnert sich Katharina Kramer. Beruhigt war sie, als er einmal ­erzählte, dass er mit seinem Freund, dessen Eltern ebenfalls geschieden waren, über das Thema sprechen könnte.

In Kramers Familie gab es eine Art Happy End. Ihr Enkel entwickelte sich zu einem herzlichen jungen Mann, zu dem sie regen Kontakt haben. Darüber freuen sich die Kramers. Ihr Sohn lebt mit seiner zweiten Frau in einer stabilen Beziehung.

Es kann auch ganz anders sein. »Wenn das Kind benutzt wird, um Macht über den Expartner zu behalten, ist das ganz schrecklich«, sagt Rita Boegershausen.

Schwierig sei auch, wenn Großeltern ihr Enkelkind bei jedem Treffen gegen seine Eltern aufhetzen mit Aussagen wie: »Jetzt komm zu deiner richtigen Oma! Deine Mama oder dein Papa ist doch blöd!« Wer solche Gedanken hegt, sollte sie auf keinen Fall vor dem Kind äußern.

Großelterntreffen oder Selbsthilfegruppen seien Möglichkeiten, um schlechten Gefühlen Raum zu geben.

»Wir hatten unser Netzwerk, das hat uns getragen«, erinnern sich die Kramers. Außerdem gibt es mehr und mehr kompetente kirchliche Ehe- und Familienberatungsstellen, die sich den Anliegen von Großeltern, deren Kinder sich scheiden lassen, öffnen.

Was tun, wenn die Schwiegertochter oder der Schwiegersohn –, immer häufiger kommt das vor –, das alleinige Sorgerecht bekommt und keinen Kontakt zwischen Großeltern und Enkelkind zulässt?

Rita Boegershausen rät Großeltern, alle friedlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, bevor der Klageweg beschritten wird. »Eine Klage ist zwar möglich, aber belastend für die Enkelkinder.«

Die BIGE setzt auf Geduld. »Schreiben Sie Briefe, schalten Sie zum Geburtstag eine Annonce in der Zeitung, führen Sie ein Tagebuch für Ihren Enkel oder zahlen Sie auf ein Sparbuch immer wieder einen kleinen Betrag ein.« Irgendwann ist das Enkelkind ­erwachsen genug, um sich ein eigenes Bild zu machen und zu erkennen: »All die Jahre haben Opa und Oma mich geliebt.« Es ist nie zu spät, eine gute Beziehung aufzubauen.

Petra Plaum

Bookmark and Share
mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de ist ein Angebot der Kirchenzeitungen GLAUBE UND HEIMAT (Weimar/Magdeburg) und DER SONNTAG (Leipzig)

Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Das Recht der Großeltern auf ihre Enkelkinder”
  1. Was wir meist so gut wie gar nicht sehen gelernt haben, ist unsere permanente Verbundenheit im Geiste. Wenn Menschen schlecht handeln, dann müssen sie dafür ihre eigenen guten Kräfte schlecht behandeln und in der Folge geht es ihren Kräften dann schlecht. Ihren Geistes- und Seelenkräften. Wir füttern zwar täglich mehrmals am Tag den Körper, dass aber Geistes- und Seelenkräfte auch HUNGER haben und der Pflege bedürfen, beachtet kaum jemand bewusst. Im Gegenteil, die feinen, sensiblen aber letztlich entscheidenden Geistes- und Seelenkräfte werden immer nur strapaziert und gequält.
    Wenn ich die Leute frage: “Mit wievielen von Deinen wenigstens 5000 Kräften & Talenten bist Du persönlich befreundet?” müssen fast alle passen. Keiner kümmert sich um seine fürs Existentielle zuständigen Kräfte. Infolgedessen müssen sich immer mehr Menschen völlig ausgelaugt und ausgebrannt fühlen. Ihr Auto tanken sie regelmäßig nach aber ihre Seele nicht.
    So scheitern immer mehr Menschen bei Aufgaben, die früher unter ungleich schwereren Bedingungen oft noch bewältigt wurden.
    Wir wissen nicht mehr, wie wir mit unseren eigenen existentiellen Kräften gut umgehen. Und wir wissen auch nicht mehr, wie einfach wir den in Not geratenen Geistes- und Seelenkräften anderer helfen können. Wenn ich denen nur ein gutes Wort sage, dann kannst du sofort eine Verbesserung aller Vitalfunktionen messen. Drum heißt es ja auch: “Sprich nur ein Wort, so wird d/meine Seele gesund!”
    Und wenn jemand die guten Worte nicht an sich heranlässt, wenn sie sein eitler, bewusster, großteils fehlinformierter bewusster Verstand zurückweist, dann geht es immer noch weiter. Geistes- und Seelenkräften kann man alles ZU-DENKEN. Wenn sie es brauchen können, nehmen sie es an. Wir können es spüren, wenn sich erschöpfte Kräfte vollsaugen mit der Stärkung, die wir ihnen zudenken. Dann sind diese Kräfte satt. Dann ist der Mensch satt. Satt ist jeder Mensch ein anderer Mensch.
    Die Hungrigen speisen, das bezieht sich keineswegs nur auf den Körper sondern ganz besonders auch auf Geist und Seele. Und wir können jedem, der hungert, alles zudenken, einfach zudenken, was ihm gut tut.
    Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe