Förderin der Reformation

4. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Frauen des Mittelalters: Felicitas von Selmenitz.

Wappen der Familie von Selmenitz (Quelle: M. Hofmann)

Wappen der Familie von Selmenitz (Quelle: M. Hofmann)

»Der Erbarn, tugentsamen frawen Felicitas von Selmenitz, meiner Lieben Gevattern … Martinus Luther d. d.« Mit diesem Vermerk schenkte Martin Luther seine 1534 bei Hans Lufft in Wittenberg erschienene erste vollständige Bibelübersetzung der frommen Witwe Felicitas von Selmenitz.

Deren nachgelassene Bücher wurden nach dem Tod ihres Sohnes Georg zusammen mit dessen Büchersammlung der Marienbibliothek in Halle übergeben.

Die Familienbibliothek derer von Selmenitz ist die erste große Schenkung an die 1552 gegründete Marienbibliothek, eine der ältesten evangelischen Kirchenbibliotheken Deutschlands. Sie bildet eine wertvolle Ergänzung zu den schon vorhandenen Reformationsschriften.

Unterstreichungen, Wiederholungen von für sie bedeutungsvollen Worten und eine eigene Bildsprache an den Seitenrändern machen deutlich, dass Felicitas von Selmenitz die Heilige Schrift gründlich studiert hat.

Felicitas von Münch wurde 1488 geboren. Sie stammt aus einer am Hofe des Kurfürsten Friedrich von Sachsen hoch angesehenen Adelsfamilie. Ihr Vater, Hans von Münch, war Vogt zu Bürgel, Gleißberg, Windberg, Eisenberg und saß in Würschhausen. 1507 heiratete sie den verwitweten Schlosshauptmann Wolf von Selmenitz. Dem Ehepaar werden sieben Kinder geboren.

Das Jahr 1519 wird zum Schicksalsjahr der jungen Frau. Ihr Mann, Wolf von Selmenitz, wird nach einer Hochzeitsfeier auf den ­Stufen des »Goldenen Ringes«, eines Gasthauses mitten in Halle, hinterrücks von Moritz Knebel ermordet. Hintergrund für diese Mordtat waren alte ­Familienstreitigkeiten.

Felicitas ist 31 Jahre alt. Von ihren sieben Kindern sind bereits vier gestorben, zwei verliert sie kurz darauf an der Pest. Allein Georg, der Zweitgeborene, überlebt. Mit ihm verlässt sie ihren Witwensitz auf der Vitzenburg und siedelt in ihr Gut nach Glaucha bei Halle über.

Hier hat sie Kontakt zum Zisterzienserinnenkloster, der sog. Marienkammer, und trifft Thomas Müntzer. Aufmerksam verfolgt sie die Verbreitung der lutherischen Lehre, der ihr Schwager Sebastian von Selmenitz schon länger anhängt und nimmt schon 1523 das Abendmahl in beiderlei Gestalt entgegen.

Den Anfeindungen Kardinal Albrechts ausgesetzt, entflieht sie 1528 der Stadt Halle, nachdem sie bei Luther angefragt hat, wie sie sich in dieser Situation verhalten sollte. Felicitas von Selmenitz begleitet ihren Sohn Georg zum Studium der Rechtswissenschaft nach Wittenberg. Hier trifft sie auf die Familien der Reformatoren, auf Martin Luther, Philipp Melanch­thon, Justus Jonas, Johannes Bugenhagen und Caspar Cruciger. Sie alle schenken ihr mit persönlichen Widmungen ihre Schriften und achten sie als Schwester im Glauben.

Immer wieder auf der Flucht vor der Pest begleitet sie ihren Sohn nach Jena, Magdeburg und Zerbst, um sich endlich ab 1547 wieder in Halle niederzulassen. Hier hatte sich inzwischen die lutherische Lehre seit 1541 durchgesetzt. Justus Jonas war der erste evangelische Prediger und spätere Superintendent an der Hauptkirche »Unser lieben Frauen« in Halle.

Ihr Sohn Georg von Selmenitz heiratete 1551 die wohlhabende Witwe des Kanzlers Christoph Türck, Ursula Türck, geb. Keller, aus Leipzig und bezog das Passendorfer Gut bei Halle. Eine Anstellung fand er als Hofrat beim Bischof von Merseburg, Michael Helding, gen. Sidonius. Seiner Familie errichtete er 1557 auf dem neuen Gottesacker auf dem Martinsberg einen Schwibbogen als Erbbegräbnis.

Das eindrucksvolle Epitaph zeigt uns die Familie kniend vor der Kreuzigungsszene, rechts Felicitas mit ihren Töchtern Anna und Dorothea, links Wolf von Selmenitz mit den fünf gemeinsamen Söhnen, die jeweiligen Familienwappen beigegeben.

Am 1. Mai 1558 stirbt Felicitas von Selmenitz und wird auf dem Stadtgottesacker begraben. Der Kirche »Unser lieben Frauen« in Halle hinterlässt sie laut Testament einen erheblichen Geldbetrag von zwölf Schock.

Die Bibel der Felicitas von Selmenitz war bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts am Reformationstag auf dem Altar der Marktkirche in Halle in Gebrauch und wird heute als kostbares Zeugnis der Reformation für kommende Generationen in der Marienbibliothek aufbewahrt.

Seit 1998 trägt eine Straße im Süden von Halle, in unmittelbarer Nähe der Lutherkirche, den Namen dieser frommen tapferen Frau. Der Freundeskreis der Marienbibliothek stiftete 2009 ein Zusatzschild zum Straßenschild mit folgendem Hinweis: Felicitas von Selm(e)nitz, 1488–1558, erste Förderin der Reformation in Halle, Freundin der Familie Luthers.

Mechthild Hofmann

Die Autorin ist wissenschaftliche Bibliothekarin und Vorsitzende des Freundeskreises der Marienbibliothek Halle e.V.

Bookmark and Share
mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de ist ein Angebot der Kirchenzeitungen GLAUBE UND HEIMAT (Weimar/Magdeburg) und DER SONNTAG (Leipzig)

Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Förderin der Reformation”

Trackbacks

Das sagen andere über diesen Artikel
  1. [...] Zum Originalbeitrag: FĂśrderin der Reformation No related links [...]