Politik im Spiegel der Kunst

30. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Besucherinnen der Ausstellung betrachten einen Flügel des Triptychons der Legende der heiligen Hedwig von Schlesien um 1440. (Foto: picture-alliance/dpa)

Besucherinnen der Ausstellung betrachten einen Flügel des Triptychons der Legende der heiligen Hedwig von Schlesien um 1440. (Foto: picture-alliance/dpa)

Ausstellung: In Berlin wird die Geschichte der 1000-jährigen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen dokumentiert.
 

Die am 21. September im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnete Präsentation steht unter dem Motto »Tür an Tür«. Zu sehen sind Kunstwerke, die die Geschichte und die Politik reflektieren.

Auf rund 3200 Quadratmetern sind in 19 Sälen rund 800 Exponate zu sehen, darunter vor ­allem Gemälde, Fotos, Kunstgegenstände und Werke zeitgenössischer Künstler. Beide Länder teilen sich die Kosten in Höhe von mehreren Millionen Euro. Dabei wird die Ausstellung nur in der Bundeshauptstadt zu sehen sein. Anders als ursprünglich geplant wird sie gar nicht nach Polen wandern.

»Wir wollen Kunstwerke zeigen, die die Geschichte und die Politik reflektieren«, beschreibt die polnische ­Kuratorin Anda Rottenberg ihr Programm.

Da, wo dies gelingt, zeigt die Ausstellung mit ihren in Überfülle und mit nur wenigen Erläuterungen gezeigten Werken ihre Stärken.

Besonders eindrücklich ist etwa der surreale Bilderzyklus »Erschießung« von Andrzej Wrobléwski über die deutschen Massenexekutionen an der polnischen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg. Fast die Hälfte der Ausstellung ist dem für die Beziehungen zwischen beiden Ländern so traumatischen 20. Jahrhundert gewidmet.

Für die Zeit nach dem politischen Wandel von 1989/90 bricht sie allerdings ziemlich abrupt ab.

Gleich nach den Solidaritätsbekundungen deutscher Künstler für die unterdrückte Gewerkschaft Solidarność in Form von Günther Ueckers »Splitter für Polen« oder dem Plakat von Klaus Staeck »Noch ist Polen nicht verloren« folgt am Ausgang bereits der binationale Adler. Ihn hat ein polnischer Künstler extra für die Ausstellung aus dem gemeinsamen Wappentier beider Nationen gestaltet.

Auf diese Weise bleiben die in beiden Ländern geführten aufgeregten Geschichtsdebatten etwa um die Vertreibung von Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und die umstrittene CDU-Politikern Erika Steinbach ausgespart. Auch Rottenberg hätte gerne jüngere Werke ausgestellt. »Aber es fand sich nichts«, erläutert die Warschauer Kunsthistorikerin.

In den früheren Jahrhunderten sind solche künstlerischen Kommentare der jeweiligen Zeitgeschichte naturgemäß noch viel seltener gewesen. Entdeckungen in anderer Weise sind dennoch nicht ausgeschlossen: Die dynastischen Verquickungen etwa zwischen Polen und dem dort verhassten Deutschen Orden oder später zu den bayerischen Wittelsbachern und den sächsischen Wettinern, die zum Aufschwung der erzgebirgischen Bergbaustadt Annaberg führten.

Zu entdecken ist auch Berlins erste Stadtansicht von 1536. Dabei fragt sich der Betrachter unwillkürlich, ob denn damals die kleine turmbekrönte Stadt an der Spree tatsächlich von so hohen Hügeln umgeben war, wie sie der unbekannte Maler der Panoramaansicht hinzufügte. Der Künstler war in poli­tischer Mission mit dem Pfalzgrafen aus Bayern nach Krakau unterwegs. Der Fürst wollte dort noch die Mitgift seiner Großmutter einfordern. Erst solche Geschichten machen die Ausstellung lebendig.

Bemerkenswert ist daher auch die Idee der Veranstalter, mithilfe von Studenten der Europa-Universität Frankfurt/Oder deutsch-polnische Tandemführungen anzubieten. Dabei erklären die beiden Ausstellungsführer den unterschiedlichen Kontext, in dem ein Objekt in ihrer jeweiligen Gesellschaft verstanden wird.

Stoff dafür bietet die Ausstellung reichlich: So etwa das von einem westdeutschen Schulbuchverlag nach dem Krieg noch ganz im propagandistischen NS-Sprachgebrauch herausgegebene Plakat: »Deutscher Lebensraum unter fremder Verwaltung«.

Oder ein Gemälde aus Leba an der Ostseeküste. Als Hinterpommern 1945 polnisch wurde, war die dortige Marienkirche plötzlich katholisch – doch es fehlte ein Madonnenbild. Der Pfarrer bat den gerade in Leba weilenden Maler Max Pechstein darum, ein solches neu anzufertigen. Der Künstler behalf sich mangels anderer Materialien mit Bootslack und einem Betttuch als Leinwandersatz.

Ausgestellt ist ferner im Original der Hirtenbrief der polnischen Bischöfe von 1965, der den ersten Anstoß zur Aussöhnung mit Deutschland gab. Die Ausstellungsmacher hätten dazu gerne die drei Jahre später ergangene Antwort katholischer Intellektueller aus Deutschland danebengelegt. Sie trägt unter anderem die Unterschrift eines gewissen Professors Joseph Ratzinger. Der war vorige Woche als Papst Benedikt XVI. höchstpersönlich in seiner Heimat.

Jürgen Heilig (epd)

Die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau ist bis zum 9. Januar mittwochs bis montags von 10 bis 20 Uhr zu be-
sichtigen.

Nette Bilder, aber nichts Neues

30. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Ernüchterung nach Spitzentreffen
Ökumenisches Gipfeltreffen: »Unser Herz brennt nach mehr«, erklärte Nikolaus Schneider (links), Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, nach seinem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster. (Foto: epd-bild)

Ökumenisches Gipfeltreffen: »Unser Herz brennt nach mehr«, erklärte Nikolaus Schneider (links), Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, nach seinem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster. (Foto: epd-bild)

Sie wurde von vielen als Höhepunkt der Papstreise angesehen: die Begegnung zwischen Benedikt XVI. und den Spitzenvertretern des deutschen Protestantismus im Erfurter Augustinerkloster.

Immerhin das erste Mal in der Geschichte, dass ein katholischer Oberhirte eine Lutherstätte besuchte und das zweite Mal, dass der ­Bischof von Rom einen Gottesdienst mit evangelischen Christen feierte. Daneben stand das Gespräch im kleinen Kreis, von dem sich viele Menschen – wenn schon nicht die Klärung aller Probleme in der Ökumene – so doch konkrete Impulse, etwa für den Weg zu einem gemeinsamen Abendmahl erwarteten. Und hatten sich wohl auch gewünscht, dass der Papst für Martin Luther nicht nur anerkennende Worte finden, sondern den einst verhängten Kirchenbann aufheben möge.

Doch so nahe sich Papst Benedikt XVI. und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses ­Nikolaus Schneider, im ebenso hermetisch ­abgeriegelten wie sonnendurchfluteten Klosterhof auch kamen (siehe Foto) – die Bilanz fällt ernüchternd aus.

Das Treffen habe in »geschwisterlicher Atmosphäre« stattgefunden, betont Schneider. »Wir ­haben wirklich aufeinander gehört.« Aber dennoch: »Unser Herz brennt nach mehr«, so Schneider. (GKZ)

Goering-EckardtPapst Benedikt XVI. hat in seiner Begegnung mit den Vertreterinnen und Vertretern der EKD im Augustinerkloster in Erfurt von unserer gemeinsamen ökumenischen Aufgabe gesprochen, uns gegenseitig dabei zu unterstützen, tiefer und lebendiger zu glauben. Daran sollten wir anknüpfen.

Natürlich hätten wir uns mehr und konkretere Aussagen zur Ökumene erhofft, auch wenn nicht zu erwarten war, dass wir einen ökumenischen Vertrag unterschreiben würden. Ich verstehe die Aussage des Papstes aber als eine Aufforderung und als Protestanten sind wir bereit, uns gemeinsam auf den Weg zu machen – durchaus in ökumenischer ­Ungeduld.

Jedenfalls habe ich die Hoffnung und bin ermutigt, dass wir uns jetzt gemeinsam mit der römisch-katholischen Kirche in Deutschland aufmachen, das Fest zum 500. Jubiläum der Reformation 2017 zu bedenken und zu feiern.

Katrin Göring-Eckardt, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, ­Teilnehmerin der Papstbegegnung

JunkermannDer Besuch des Papstes im Evangelischen Augustinerkloster zur Begegnung mit einer Delegation der EKD und der anschließende gemeinsame Gottesdienst – beides war ein deutliches ökumenisches Signal. Dies wurde mir noch einmal besonders klar am Samstag während der Messe auf dem Domplatz. Im Vergleich zu dieser riesigen Veranstaltung und zur sehr großen Entfernung zwischen Papst und Gemeinde dort war das Treffen im Augustinerkloster ein großes Signal an das Miteinander.

Positiv überrascht hat mich, wie klar und ­ausdrücklich er Martin Luthers Theologie und geistliches Ringen für unser gemeinsames christliches Zeugnis heute aufgenommen hat.

Und enttäuschend ist für mich, dass er keine weiteren konkreten Schritte im ökumenischen Miteinander angeregt hat, auch nicht auf ausdrückliche evangelische Nachfrage im Blick auf das ­Reformations­jubiläum 2017 hin. Seine Antwort war dennoch ermutigend. Sinngemäß sagte er: Schaut, ob es Euch in Eurem Herzen drängt, hier mehr Schritte ­aufeinander zu und miteinander zu tun. So hat er das weitere ökumenische Miteinander – ganz evangelisch – in die Hände und Herzen der Kirchen und Gemeinden vor Ort gelegt.

Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Teilnehmerin der Papstbegegnung

Bohl_LandesbischofAn den Besuch des Papstes hatten sich im Vorfeld viele Erwartungen geknüpft, auch in Bezug auf das ökumenische Verhältnis. Ich sehe es so, dass die Begegnung als solche dementsprechend der ökumenische Zugewinn war, und das wird verstärkt durch den Ort, an dem sie stattfand. So war es wohltuend zu hören, wie der Papst die Person Martin Luther als einen Gottes- und Wahrheitssucher gewürdigt hat.

Zu den konkreten Fragen der ökumenischen Situation hat sich der Papst, auch auf Nachfrage, nicht geäußert. Auch wenn man realistischerweise nichts anderes erwarten konnte, so war dies doch bedauerlich. Auch nach diesem Besuch ist nicht damit zu rechnen, dass die ­römisch-katholische Kirche ihre bisherige Sichtweise in absehbarer Zeit ­revidiert.

Jochen Bohl, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Teilnehmer der Papstbegegnung

Schorlemmer-Friedrich-1Bestes Wetter, freundliche Stimmung, bunte Bilder. Sonst nichts, was einen Aufbruch auch nur andeuten würde.

Im nichtöffentlichen Teil fand der Papst würdigende Worte für Luthers Gottesringen und dessen christozentrischen Glauben. Die Freiheitsbotschaft blieb ausgespart.

Im ­öffentlichen Gottesdienst vermied er das »L«-Wort gänzlich. Und zur Verhandlung steht nichts. Folgerichtig waren die Reformen anmahnenden Katholiken keines Gesprächs, nicht einmal eines Wortes wert.

Auch der Bundespräsident blieb ohne Antwort – weil der Oberhirte keinen Hirtenhut aufhatte und die prächtige Mitra zu fest saß. Es geht doch nicht vorrangig um Lehrunterschiede, sondern um gegenseitige Öffnung und Gleichachtung im Geiste Jesu Christi!

Das Ganze blieb so mager wie teuer.

Friedrich Schorlemmer, evangelischer Theologe und Publizist, Wittenberg

Garstecki»Wo Gott ist, da ist Zukunft« war das Motto des Papstbesuches. Dass das auch für seinen »Stellvertreter auf Erden« gilt, wird man nach Abschluss der Reise nicht sagen können.

Auf alle konkreten Zukunftsfragen der Kirche blieb Benedikt XVI. Antworten schuldig.

Beispiel Ökumene: Den großartigen Kairos, in Erfurt wertschätzende Worte über Martin Luther mit ein paar Anstößen zur Zukunft der Ökumene zu verknüpfen, hat der Papst vertan. Stattdessen die beinharte Position: Über Fragen des Glauben wird nicht verhandelt.

Das war anmaßend und ein Schlag ins Gesicht für alle, die aus ihrem Glauben für ökumenische Öffnungen der Kirchen arbeiten. »Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern Diener eurer Freude«, schrieb Paulus an die Korinther (2. Kor, 1,24).

Eine Vertröstungs-Ökumene, die sich anmaßt, endlos mit Gottes Geduld spielen zu können, ist in Erfurt an ihr Ende gekommen. Fazit: Erwartet nichts von oben, lebt Ökumene an der Basis!

Joachim Garstecki, katholischer Theologe, Magdeburg

Ramelow_BodoLange erwartet, von vielen ersehnt, von manchen erhofft, von einigen abgelehnt, aber immer in der öffentlichen Debatte – der Papst. Seine Rede vor dem Deutschen Bundestag war umstritten, nicht wegen des Inhaltes, denn den hätte man sich erst anhören müssen, um streiten zu können, ­sondern ob der Tatsache, dass ein ­Kirchenoberhaupt und der Vertreter des Vatikanstaates im deutschen Parlament spricht.

Ich habe ihn mir angehört und kann für mich feststellen, dass die Rede von Parlamentspräsident Lammert für mich als evange­lischen Christ sogar die spannendere war. Denn er mahnte die Ökumene an und viele weltliche Fragen, denen sich auch die Kirche stellen müsste.

Benedikt hat eine professorale Rede vor dem Bundestag gehalten, die auf Werte, Recht und Gerechtigkeit verweist, aber leider auch Anleihen an der Naturrechtslehre nimmt, die er als katholisches Oberhaupt eben katholisch fundamentiert.

Amüsiert habe ich mich allerdings, dass die katholischen Würdenträger der Papstdelegation in ihren roten beziehungsweise violetten Ornaten Platz nahmen auf den leeren Abgeordnetenplätzen der LINKEN. Soviel rot war selten bei uns Roten.

Bodo Ramelow, Fraktionsvorsitzender von DIE LINKE im Thüringer Landtag

Hoersting_AnsgarPapst Benedikt XVI. hat nichts Neues gesagt, nicht in der rechtsphilosophischen Vorlesung vor dem Bundestag, nicht im Augustinerkloster in Erfurt. Der wache Mann mit verschmitztem Humor jenseits des Redemanuskripts bringt religiöse Fragen, Gott, Jesus Christus zur Sprache. Er will diese Welt nicht dem rein Funktionalen und dem »Diktat des Rela­tiven« überlassen. Intellektuell anspruchsvoll, geistlich anregend und zeitgeistig inkorrekt war das. Applaus!

Der Pomp, das Papstamt an sich und die Prinzipienreiterei stehen auf einem anderen Blatt. Die römisch-­katholische Kirche hat einen langen Atem. Da kann Protestanten schon mal die Luft ausgehen.

Die nicht überraschende Konsequenz lautet: Am Miteinander von Protestanten und Katholiken ändert der Besuch nichts. Nichts zum Guten und nichts zum Schlechten.

Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, Witten, und Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen

Ein Leben für die Hoffnung auf Versöhnung

26. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Der Pazifist und Ökumeniker Paul Oestreicher wird am 29. September 80 Jahre alt.

Fast eine Meditation: Paul Oestreicher ruft mit den ­Glocken zum Abendgottesdienst in das Gemeindehaus von Neundorf. (Foto: Tilman Baier)

Fast eine Meditation: Paul Oestreicher ruft mit den ­Glocken zum Abendgottesdienst in das Gemeindehaus von Neundorf. (Foto: Tilman Baier)

Paul Oestreicher ist eine ökumenische Institution. Der anglikanische Priester, der heute in England und Neuseeland lebt, ist einer der großen alten Männer der christlichen Versöhnungsarbeit im und nach dem Kalten Krieg. Die Kirchenzeitung besuchte ihn auf Hiddensee, wo er seit acht Jahren im Sommer als Kurprediger arbeitet.

Dunkle Wolken ziehen auf am Abendhimmel über Hiddensee. Vor dem evangelischen Gemeindehaus im südlichen Inselort Neuendorf bremsen eilige Radfahrer, die möglichst schnell noch ins Trockene wollen. Es sind vor allem junge Leute, die sich durch die Tür drängen. Außerdem kommen noch fünf, sechs ältere Urlauber. An der Tür werden sie von einem alten Herrn in ­weißem Talar und bunter Stola begrüßt, bevor er zum Glockenstuhl geht und, versunken wie in eine Meditationsübung, den Sonntag einläutet.

Das Plakat im Schaukasten hat zum Abendgottesdienst mit dem Kurprediger Paul Oestreicher aus Brighton/Großbritannien geladen. Dazu ist die Unterstützung durch einige Mitglieder der Musici Jenensis angekündigt, einer musikalischen Vereinigung aus Thüringen, die ­jedes Jahr im Sommer auf der Insel probt und das kirchenmusikalische Angebot bereichert.

Im Inneren des Gemeindehauses fällt ­neben einem großen hölzernen Kruzifix ein weiteres Kreuz auf, das auf dem Altar steht: Es ist ein sogenanntes Nagelkreuz, dessen Vorbild aus den Eisentrümmern der Kathedrale von Coventry in England geschmiedet wurde, die deutsche Bomben im Zweiten Weltkrieg zerstörten.

Dieses Nagelkreuz ist der Auslöser dafür, dass es Paul Oestreicher vor neun Jahren erstmals nach Hiddensee verschlug: Oestreicher war oft zu Gast in den Kirchen der DDR, in den 60er Jahren als Osteuropareferent, dann in den 80er Jahren als ­Leiter des Außenamtes des Britischen Kirchenrates.

Diese Verbindung hielt auch, als er 1985 Domkapitular und Leiter des Internationalen Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry wurde. Von Coventry ging die weltweite Bewegung der Nagelkreuzgemeinden aus. Wer hier Mitglied ist, verpflichtet sich zu einer ­aktiven christlichen Versöhnungsarbeit.

In jenen Jahren lernte Oestreicher auch Manfred Domrös kennen, Landesjugendpfarrer in Brandenburg und dann ab 1986 bis vor zwei Jahren Inselpastor auf Hiddensee. Domrös wollte, dass auch seine pommersche Inselgemeinde Mitglied der Nagelkreuzbewegung wird und lud 2002 den anglikanischen Domkapi­tular, nun im Ruhestand, nach Hiddensee ein.

Seitdem kommt Paul Oestreicher, fasziniert von Landschaft, Menschen und der Möglichkeit, wie er fröhlich bekennt, ohne Badehose schwimmen zu gehen, ­jedes Jahr als Kurprediger auf die Insel. Unterstützt wird er dabei von seiner zweiten Frau, der neuseeländischen Professorin Barbara Einhorn.

Engagiert in Ost und West, Nord und Süd

Das tut sie, obwohl sie keine Christin ist, auch in diesem Abendgottesdienst in Neuendorf und souffliert leise von hinten. Denn Paul Oestreicher predigt frei und hält sich nicht an hergebrachte Liturgieabläufe. Doch heute Abend ist der 79-Jährige in seinem Element und braucht keine Hilfe: Er spricht über den 6. August 1945, den Tag des Atombombenabwurfs auf ­Hiroshima, über die Verantwortung der Christen für Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Fukushima wird angesprochen, aber auch die Kriege in Afghanistan und Libyen. Gebannt hören vor allem die Jugendlichen zu.

Wenn Paul Oestreicher von Versöhnung als Aufgabe der Christen spricht, dann redet jemand, der diese Versöhnung mit seinem Leben auch abdeckt: Kaum in seiner Geburtsstadt Meiningen (Thüringen) eingeschult, muss Paul 1939 mit seiner Familie Deutschland verlassen, weil der Vater, ein Kinderarzt, jüdischer Abstammung ist. In Neuseeland finden sie Asyl.

Trotzdem zieht es ihn nach dem Krieg immer wieder zurück nach Deutschland. Nach dem Studium von Germanistik und Politologie wird er 1955 für ein Jahr Forschungsstipendiat beim Bonner Theologieprofessor Helmut Gollwitzer und forscht über das Verhältnis von Christentum und Marxismus.

Theologie, damit kokettiert der Geistliche, hat er wie etliche anglikanische Gemeindepfarrer nie studiert. Um für die zweijährige Ausbildung am Priesterseminar angenommen zu werden, reicht irgendeine abgeschlossene Ausbildung und erwiesene menschliche Eignung. Nach dem Priesterseminar in England zieht es Paul Oestreicher wiederum nach Deutschland, er wird Gastvikar in der evangelischen Kirche von Hessen-Nassau.

1960 in England zum Priester geweiht, arbeitet er in einer sozialen Brennpunktgemeinde im Osten Londons.

Doch Paul Oestreicher will sich stärker gesellschaftlich einmischen.

Von 1961 bis 1964 arbeitet er als Programmdirektor für die Abteilung Kirche und Gesellschaft bei der BBC, danach beim Britischen Kirchenrat. Er bereist den Ostblock, will etwas gegen die große Kriegsgefahr tun. Manches davon scheint heute naiv im besten Sinne zu sein: So versucht er bei einem Treffen mit Walter Ulbricht, diesem wegen der menschlichen Folgen des Mauerbaus ins Gewissen zu reden. Er engagiert sich aktiv in der Christlichen Friedenskonferenz (CFK), einer Vereinigung von Theologen, die sich dem Sozialismus verbunden fühlen.

Doch 1968, schon vor der Niederschlagung des Prager Frühlings, erkennt er, wie stark die CFK von den Machthabern im Ostblock gesteuert wird.

Klarsichtiger Realismus und tiefe Hoffnung

Paul Oestreicher bleibt als Priester, als Kirchendiplomat, aber auch als Journalist und Publizist weiter aktiv für Menschenrechte und Frieden. Als Vorsitzender der britischen Sektion von Amnesty International tritt er für politische Gefangene in Osteuropa und Südafrika ein, fördert die Beziehungen seiner Kirche von England zu den Kirchen in der DDR und in Südafrika.

Auch in seinen letzten Dienstjahren hat er einen entscheidenden ­Anteil an der Ost-West-Versöhnung als ­Vorsitzender des Versöhnungswerkes der ­Kathedrale von Coventry. Und er gründet den »Dresden Trust«, der den britischen Anteil zum Wiederaufbau der Frauen­kirche in Dresden beisteuert.

Das alles schwingt mit, wenn er nun als alter Mann zu den Jugendlichen predigt. Es fasziniert dabei vor allem sein ­unverbrüchlicher Glaube an das Gute im Menschen, dem Ebenbild Gottes, trotz ­alledem.

Ebenso fasziniert und irritiert nach dem Gottesdienst noch am Abend bei einer Flasche Rotwein sein klarsichtiger Realismus einerseits und sein großer Glaube an die Demokratie, an gesellschaftlichen Fortschritt, an die Versittlichung des Menschen andererseits: Er nennt als Beispiel den Kampf einiger weniger evangelikaler Christen im England des späten 18. Jahrhunderts gegen die Sklaverei.

Diese Christen standen damals gegen die Mehrheit in der Gesellschaft, auch die Bischöfe stimmten im Oberhaus geschlossen gegen die Abschaffung.

»Heute ist die Sklaverei weithin geächtet«, sagt er, und: »Heute muss unser Kampf gegen den Unglauben gehen, dass es einen gerechten Krieg gibt.«

Unbeirrter Glaube an die Möglichkeit des Unmöglichen

Die Friedensfrage ist für ihn fundamental. Darum geht er mit seiner Kirche von England heftig ins Gericht. Sie sei einer friedensethischen Debatte aus dem Weg gegangen, sei geflüchtet. Zu oft noch werde Kaisers Willen mit Gottes Willen verwechselt. Die Evangelische Kirche in Deutschland würde wenigstens immer wieder einmal darüber diskutieren, sei aber auch zu lau.

Aber er will die Hoffnung nicht aufgeben: Irgendwann wird, wie Sklaverei oder Mord heute schon, auch der Krieg juristisch geächtet werden. Für die Durchsetzung solch allgemein anerkannten Rechts, von Ordnung und Sicherheit, so hofft er, reiche eine internationale Polizei aus.

»Und die Politiker werden es schon tun, wenn wir als Wähler es nur wirklich wollen.« Daran kann auch die Skepsis der Zuhörer nichts ändern. Er lächelt nur und meint abschließend: »Wenn wir nicht an die Möglichkeit des scheinbar Unmöglichen glauben, können wir aufgeben.«

Draußen zieht der Leuchtturm vom Dornbusch Lichtstreifen durch die Nacht. Er erscheint plötzlich wie ein Bruder dieses alten Mannes, der nun am 29. September zu seinem 80. Geburtstag in seiner Geburtsstadt Meiningen groß geehrt werden soll. Und der auch das bescheiden ­lächelnd über sich ergehen lassen wird.

Tilman Baier

Christen halten (noch) zu Assad

24. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Syrien: Die Kirchen des Landes beteiligen sich bisher kaum an den Protesten gegen die Regierung.

Syrische Pro-Assad-Demonstranten bekunden am 10. September in Damaskus ihre Verbundenheit mit dem Regime. Auch viele Christen des Landes sehen in ihm einen Garanten ihrer relativen Freiheit. (Foto: picture alliance)

Syrische Pro-Assad-Demonstranten bekunden am 10. September in Damaskus ihre Verbundenheit mit dem Regime. Auch viele Christen des Landes sehen in ihm einen Garanten ihrer relativen Freiheit. (Foto: picture alliance)

Syriens Christen fürchten ein Chaos wie im Irak mehr als die Diktatur von Staatspräsident Baschar al-Assad.


»Wir haben keine Angst vor dem ­Islam. Wir fürchten ein Chaos wie im Irak.« Der Wortführer der syrischen Christen, Patriarch Gregorius III. (früher als Lutfi Laham Erzbischof von Jerusalem) von der mit Rom unierten Melkitischen Griechisch-Katholischen Kirche, hat offene Briefe an Regierungen in Europa und den USA geschickt mit der Bitte, sich in Syrien nicht einzumischen.

Die rund zwei Millionen Christen in Syrien halten sich bedeckt und unterstützen das ­Regime des Präsidenten Baschar al-Assad. Während zunehmend westliche Politiker ihrer Abscheu über Massaker in Syrien mit immer schärferen Worten Ausdruck verleihen, die Türkei offen mit Krieg droht, haben erste arabische Länder sogar ihre Botschafter abgezogen.

Allerdings: Erzbischof Gregorius III. hat vom Libanon aus gegenüber dem deutschen Programm von Radio Vatikan sein »Beileid für die Toten beider Seiten« ausgesprochen.

Das war ein gewagter Schritt, den er gegenüber den syrischen Staatsmedien nicht getan hätte. Denn das offizielle Syrien sieht in den toten Zivilisten »Terroristen«, denen kein Beileid gebührt, da sie Angehörige von Armee und Polizei ermorden.

Gemäß den dürftigen und unzuverlässigen Informationen aus dem abgeschotteten Staat scheinen sich Christen nicht an den Demonstrationen zu beteiligen. Der syrisch-orthodoxe Patriarch Ignatius Zakka I. hat sich sogar offen zum Befürworter Assads erklärt.

Die Treue zu Assad hat für die christliche Minderheit einen guten Grund. Ähnlich wie im Irak unter ­Saddam Hussein definiert sich Syrien unter dem Regime der Baath-Partei als »weltlich«. Den religiösen Minderheiten, allen voran den Christen, wird Religionsfreiheit gewährt.

Die Gläubigen genießen eine weitgehende Gleichberechtigung und Autonomie. Zwar muss in Syrien laut Verfassung der Präsident ein Moslem sein, aber Christen dienen als Offiziere in der ­syrischen Armee ebenso wie Drusen und Kurden. So genießen die Christen deutlich mehr Freiheiten als in den meisten anderen arabischen Staaten.

Für Gregorius III. ist der Irak ein abschreckendes Beispiel. Unter dem Schreckensregime des Saddam Hussein konnten die Christen weitgehend »in Frieden« überleben. Seit dessen Sturz haben muslimische Gruppen durch Überfälle und Selbstmordattentate für eine Massenflucht von Christen aus dem Zweistromland gesorgt. Hunderttausende flohen in die Türkei und nach Syrien.

Einige syrische Bischöfe beginnen angeblich, hinter vorgehaltener Hand in Privatgesprächen das Blutvergießen infrage zu stellen, seitdem Katar und Saudi Arabien ihre Botschafter abgezogen haben, die Wirtschaft zugrunde geht und damit das Elend der Bevölkerung zunimmt.

Aber auch der Vatikan hält sich bisher bedeckt und schließt sich nicht dem Chor der ­westlichen und arabischen Politiker an, die mit »Erschütterung« und »Abscheu« die Massaker in Syrien verurteilen.

Beim Angelus-Gebet im Juli ­äußerte Papst Benedikt XVI. »tiefe Besorgnis« und meinte neutral, dass »Waffen nirgendwo Probleme gelöst hätten«. Ohne Gaddafi oder Assad ­namentlich zu nennen, rief der Papst zum »Dialog« zwischen der Bevölkerung und den Behörden in Libyen und Syrien »für eine friedliche Koexistenz« auf.

Ulrich W. Sahm

Annäherung – Kunst trifft Kirche

23. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Kongress: Wie die Kunst wieder Raum in Kirchen und Gemeinden bekommen kann.

Kunst und Kirche – sie führen meist ein Leben nebeneinander, selten miteinander. Sie beide näher zueinander zu bringen, das war Anliegen des ersten evangelischen ­Kirchen-Kultur-Kongresses, der vom 15. bis 18. September in Berlin stattfand.

Jens Schäfer als Paulus in dem gleichnamigen Musiktheaterstück. (Foto: epd-bild)

Jens Schäfer als Paulus in dem gleichnamigen Musiktheaterstück. (Foto: epd-bild)

Was wäre das Christentum ohne die Musik, ohne die Bilder und anderen Werke der Kunst? Doch die große Zeit der Korrespondenz zwischen Kirche und Kunst scheint vorbei zu sein. Es gibt zwar auch heute Kunstwerke, die sich mit christlichen Themen auseinandersetzen, doch sie führen meistens ein Eigenleben außerhalb der Kirchenmauern.

Wie Kunst und Kirche wieder in ein Gespräch kommen können, war das Thema des ersten Kirchen-Kultur-Kongresses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Rund 500 Teilnehmer beschäftigten sich in acht Foren mit Architektur, ­Bildender Kunst, Film, Gedenkkultur, Interkultur, Literatur, Musik und Theater.

Eröffnet wurde der Kongress mit dem Musiktheaterstück »Paulus. Das ängstliche Harren der Kreatur«. Der Apostel, gekleidet in helle Hosen und weißes Hemd ist in dem Stück eine Figur der Gegenwart, die sich auf Partys und in Talkshows wiederfindet. Die ersten beiden Szenen zeigen die Wandlung des Christenverfolgers Saulus zum glühenden Christusverehrer Paulus.

In der zweiten Hälfte des ­Stückes tritt der Apostel, knapp der Lynchjustiz entkommen, mit den sichtbaren Zeichen der Verfolgung und blutiger Angriffe, auf. Ein Mensch, der von seinen Zeitgenossen nicht verstanden wird, dessen Thesen als Brandstiftung gelten, einsam und dennoch leidenschaftlich bemüht, mit den Menschen in einen Dialog zu ­treten.

Christian Lehnert, Studienleiter für Theologie, Zeitgeschichte und Kultur an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt schrieb das Libretto zu dem Bühnenstück. Im Programmheft erläutert er: »Die Briefe des Paulus bezeugen ein hartnäckiges Ringen um Sprache. Unbeholfen, mal sprudelnd, mal stammelnd ist sein Griechisch. Wenig ist vorgeprägt. Der Autor muss sich selbst in die Geheimnisse seiner Glaubenserfahrung hineinsprechen. Hier sucht jemand nach Worten für ­etwas, das er um des Himmels willen nicht verschweigen kann.«

Seine Uraufführung erlebte das Stück in der Berliner St.-Elisabeth-Kirche. 1835 von Karl Friedrich Schinkel erbaut, wurde die Kirche im Zweiten Weltkrieg zerstört und stand fast fünf Jahrzehnte als Ruine da. Seit den 1990er Jahren ist sie wieder aufgebaut, wobei bewusst darauf verzichtet wird, die zerstörte Holzdecke, Emporen, Kirchenbänke und Altar zu rekonstruieren. In dem von den wieder errichteten Mauern umgebenen Raum sind die Zeichen der Zerstörung sichtbar.

Die Kombination von ehemaligen und modernen Elementen verleiht dem großen Kirchenraum eine eigene Atmosphäre, einen Hauch von Vorläufigkeit. Das Ensemble nutzte für das Stück den gesamten Raum, sodass Paulus, dargestellt von dem aus Fernseh-Produktionen bekannten Schauspieler Jens Schäfer, hautnah zu erleben war.

Das Musiktheaterstück wurde von der EKD eigens für den Kongress in Auftrag gegeben. Ein Umstand, der nach Ansicht von Petra Bahr, Kulturbeauftragte der EKD, leider eine Ausnahme darstelle. Sie wünsche sich, dass die Kirche wieder, wie es in vergangenen Zeiten häufiger der Fall war, als Auftraggeberin von Kunstwerken in Erscheinung tritt.

In den zurückliegenden Jahren war oft die Rede von der multifunktionalen Nutzung der Kirchenräume. So manche Gemeinde, die sich Sorgen macht um die Auslastung und Erhaltung ihrer Kirchengebäude, dachte über Möglichkeiten einer erweiterten Nutzung nach. Auf dem Kirche-Kultur-Kongress hingegen waren ganz andere Töne zu hören.

Gesine Weinmiller, Architektin und Ratsmitglied der EKD, warnte davor, Kirchen wie Mehrzweckhallen für kirchliche und kulturelle Anlässe zu öffnen. »Multifunktionalität kann alles, aber nichts richtig.« Für zukünftige Kirchengebäude entwarf sie ein sehr schlichtes Bild. »Ein Tisch, vier Wände, eine ­Decke und eine Kerze – das ist die ­Zukunft der Kirche.« Denn ihrer ­Meinung nach reichten diese vier ­Elemente aus, um Ruhe zu finden.

»Krippenspiel etc. Das meistgespielte Stück der Welt und andere biblische Geschichten als Bühnenstoff« – Das Motto der Veranstaltung im Rahmen des Forums »Theater« weckte ­Erwartungen auf pfiffige Ideen für Krippenspiele. Wer auf derartige Anregungen hoffte, war hier fehl am Platze. Dennoch erwies sich die Arbeit in Gruppen zwar anders als erwartet, aber nicht weniger gewinnbringend.

Die Schauspielerin Tanya Häringer zum Beispiel übte mit den Workshop-Teilnehmern das Sprechen von Texten und das Lesen der biblischen Weihnachtsgeschichte. Verblüffend die ­Erfahrung, wie anders der alte Text klingt, wenn er ohne ­Pathos schlicht erzählt wird, etwa so wie sich zwei ­einander nahestehende Menschen unterhalten.

2009 verlieh die EKD erstmals den evangelischen Kulturpreis »Grenzgänger« – ein Preis, der den Dialog von Kirchen und Gemeinden mit der Kultur fördern soll. Auf dem Kongress in Berlin wurden zum zweiten Mal »Grenzgänger« ausgezeichnet, die sich in Bereiche zwischen Kultur und Kirche vorgewagt hatten.

Der erste Preis ging an die »Community Dance Minden« für ihr Projekt »Verdi Requiem: Hommage an das Leben«. Das Chor-, Orchester- und Tanzprojekt gelang durch die jahrelange Zusammenarbeit der evangelischen St.-Marien-Gemeinde in Minden mit Schulen und dem städtischen Kulturbüro.

Mit dem zweiten Preis wurde der Kunstdienst der sächsischen Landeskirche für die Fotoausstellung »Nedomalzlenky – Zuneigungshunger« des tschechischen Künstlers Ondrej Stanek ausgezeichnet. Er fotografierte körperlich, mental oder sozial behinderte Mädchen einer katholischen Schule in Prag.

Den dritten Preis erhielt das Projekt »Passage 2011«, das in Kooperation von der St. Lukas-Gemeinde München und der evangelischen Gemeinde von Venedig entstanden ist. Als Beitrag zur 54. Biennale in Venedig wurde dabei ein rotes Boot über die Alpen gezogen.

Sabine Kuschel

Von der Lust, zu leben und zu lieben

23. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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paar

Sexualität – eine schöne Gabe Gottes, Lebenskraft und Liebesfähigkeit.

Was hat Sexualität mit Spiritualität zu tun? Sexualität ist ein Spiegel unserer Gottesbeziehung. Sexualität und Heiligung gehören zusammen.

»All diese Blumensträuße, die nach einem Herz suchen und nur eine Vase finden.« Dieser Satz lässt mich fragen: Wohin stelle ich die Blumensträuße Gottes? Denn ich gehe davon aus, dass der Blumen- und Menschen­erfinder uns wunderschöne Sträuße schenkt. Verliebte tun das gern.

Einen Strauß möchte ich heute besonders hervorheben, den er uns allen gleichermaßen geschenkt hat: die Gabe unserer Sexualität. Paulus selbst bringt mich auf diese Idee mit seinen Worten an die Thessalonicher.

Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen … Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt (1. Thessalonicher 4,3-8).

Welch wunderbarer Strauß – diese Kraft der Sexualität, mit ihren Blüten des Begehrens und der Hingabe. Und wo stellen wir ihn hin? Oder ab?

Er bräuchte zum Fassen wohl meine Glieder und mein Herz, mein Geschlecht, ja mich – ganz. Der Strauß ist ziemlich groß. Und sucht ein Gefäß.

Skeuos, das griechische Wort in Vers 4, heißt Gefäß.

Luther übersetzte es mit Frau: »Jeder von euch gewinne seine eigene Frau in Heiligkeit und Ehrbarkeit.« Vielleicht aus seinem geschichtlichen Kontext heraus.

Skeuos ist aber zuallererst Gefäß und lässt sich auf beiderlei Geschlecht beziehen: das Gefäß für unser Mannsein und Frausein, unsere Geschlechtlichkeit, unsere Sexualität, die uns ganz meint und nicht nur ein Teil von uns ist. Mir scheint, diese wurde oft, um im Bild zu bleiben, nicht ins Herz, sondern in eine Vase gestellt. Die vielen kleinlichen selbst gemachten Gebote rund um die Sexualität herum, sie erscheinen mir wie viel zu kleine Vasen, in die die überquellende Gabe Gottes hineingepresst wurde.

Gebote wie keine körperliche Liebe vor der Ehe oder nur zur Zeugung oder nur ohne Lust, am besten lichtlos und im Alter sollte es sich legen.

Gebote, die regulieren und kontrollieren wollen, was Gottes Sache ist. Medienwelt und »freier Markt« verwüsten diese Gabe mit einer Sprache, die Sexualität auf eine Technik oder Handelsware reduziert. Der Geber der Liebeskraft wird völlig vergessen. Dabei will der so schenkende Gott unsere Heiligung.

Wie geschieht Heiligung meiner Sexualität?

Vielleicht fängt sie mit der Annahme des Straußes an. Dass ich Gottes Blumen ans Herz nehme, indem ich bewusst meine sexuellen Regungen und mein Begehren nicht als Störung, nicht als isolierten Triebfaktor, sondern als lebendig blühende Kraft annehme.

Meine Lebenskräfte und -säfte in Gottes Strom fließen lasse.

Meine sexuelle Begabung will als eine große Liebesfähigkeit in vielerlei Gestalt gelebt sein: in körper­licher Vereinigung und in meiner Vereinigung mit Gott, meinem Gebet, meiner Hingabe an Gott. Ich darf mich lieben lassen und ihm unverschämt nahe kommen.

Mein Gebet kann ein Liebesaustausch mit Gott sein, so wie es die Mystiker und Mystikerinnen wagten. Ihre Gebetsprache ist nach dem Vorbild des Hoheliedes durchtränkt mit erotischen Bildern. In Lukas 7 wird die Jesus salbende Frau, eine stadtbekannte Hure, zum Vorbild. Mit ihren Tränen benetzt sie seine Füße und trocknet sie mit ihren Haaren.

Wir alle sind zum Heiligsein berufen, eben gerade als sexuelle Wesen. Ich denke, es ist Zeit, die Heiligkeit wieder zu erden und sie hineinzuholen in unser Dasein.

Könnten wir doch mehr von der Berufung zur Heiligkeit hineinstreuen in unsere Gesellschaft und aufhören, das Wort heilig als zu groß für unser Leben anzusehen. Denn dann könnte es geschehen, dass ich alles Geschaffene als Bruder und Schwester ansehe, Lebendiges lebendig sein lasse, auch in mir.

Mich freue am Genuss, nicht am Verschlingen, mich freue an meiner Lust und Wege finde, sie zu leben ohne wehzutun, meine Sexualität in das Bett der Treue und der Liebessprache lege, denn sie braucht Worte und Gesten, die das Herz des anderen finden.

Thea Vogt

Die Autorin ist promovierte Pfarrerin im Geistlichen Zentrum Schwanberg.

Der Trostkreislauf

17. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Wie Leidende zu Tröstern werden.

Oliver Merz findet im Apostel Paulus ein Vorbild für den Umgang mit Leid.

Solange es uns gut geht, fällt es uns nicht schwer, Gott dankbar zu sein. Erst Leid und Schmerzen stellen den Glauben auf die Probe. Erst recht, wenn das Leiden ­dauerhaft ist und auch Gott nicht heilend eingreift.

Oliver Merz kennt das Hadern und die Fragen: Er erkrankte mit 20 Jahren an Multipler ­Sklerose und ist seither in seinen Bewegungen eingeschränkt. Warum er dennoch Trost ­gefunden hat und wie er dadurch anderen zum Trost werden konnte, das ­beschreibt der Pastor aus der schweizerischen Stadt Thun.

Glück, Leid und Heilung

In einem kleinen Dorf wohnte ein großes Glück. Ein Mann und eine Frau bekamen ein Mädchen, das der Sonnenschein aller wurde.

Eines Tages wurde das Kind vor den Augen der Eltern auf der Straße überfahren. Das ganze Dorf nahm Anteil an der Trauer der Eltern.

Auch nach über einem Jahr war die Mutter über den Verlust ihres Kindes untröstlich. Sie konnte keine Kinder mehr spielen sehen ohne bitteren Gedanken.

Langsam ­wuchsen in ihr Hass und Zorn, Neid und Eifersucht auf alles Lebendige und Gesunde. In ihren Gedanken lebten alle Menschen glücklich und zufrieden. Nur sie war geschlagen und voller Leid.

In ihrer Not ging sie zum Pfarrer. Der bat sie, durch das Dorf zu gehen und sich aus jedem Haus, in dem kein Leid wohnt, eine Blume zu erbitten. Mit dem Strauß sollte sie dann nach ­einer Woche wiederkommen.

Die Frau ging durch ihr Dorf von einem Haus zum anderen.

Als sie nach einer Woche zum Pfarrer kommt, hat sie nicht eine einzige Blume, aber einen Strauß von Erfahrungen. Sie musste erleben, dass in jedem der Häuser ein Leid wohnt, eine Not ist und Trost nötig war. So konnte sie manchen Leuten aus ihrer eigenen Schmerzerfahrung raten und beistehen.

Das war der Anfang einer inneren Heilung.

Aus: Kühner, Axel: Überlebensgeschichten für jeden Tag. 18. Auflage, Neukirchener Aussaat, 352 S., ISBN 978-3-7615-5873-7, 9,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Der Autor Oliver Merz ist Theologe und lebt mit seiner Familie in der Schweiz.

Der Autor Oliver Merz ist Theologe und lebt mit seiner Familie in der Schweiz.

Diese bewegende Geschichte von Glück, Leid und Heilung erinnert mich stark an Worte aus der Bibel, und zwar an Worte aus dem zweiten Korintherbrief. Der Apostel Paulus schreibt darin übers Trösten.

Wenn Paulus über das Trösten redet, beginnt er bei Gott selbst. Er beschreibt Gott als die Quelle des Trostes. Paulus schrieb diesen Brief in ­erster Linie, um auf Kritik an seiner Person zu reagieren. Einflussreiche Leiter und Gemeindeglieder zweifelten an seiner geistlichen Vollmacht und Autorität, weil Paulus äußerlich anscheinend eine erbärmliche Erscheinung abgab.

Wahrscheinlich konnte er auch nicht sehr überzeugend und packend referieren. Durch so einen konnte unmöglich Gott selbst reden und wirken, folgerten manche. Die Gegner von Paulus gingen teils noch weiter und kamen zum Schluss: So einer kann nicht wirklich zu Jesus gehören. Gott ist doch ein Gott der Stärke!

Paulus geht bereits im Briefeingang auf diese Angriffe ein. Er leugnet nicht, dass er tatsächlich ziemlich erbärmlich aussieht, stellt das allerdings in einen besonderen Zusammenhang. Paulus offenbart uns damit auch einen möglichen Sinn des menschlichen Leidens, ich nenne das den »Trostkreislauf«.

Das Wort »Trost« hat im Neuen Testament eine große Bedeutungsbreite – etwa ermutigen, ermahnen, zurechtweisen, stärken, innerlich festigen. Wenn von Gott als Tröster die Rede ist, meint das also viel mehr als bloß »bemitleiden«.

Als ich mit 20 Jahren plötzlich kaum mehr gehen, schreiben und ­lesen konnte, fragte ich mich, wie ich das nun mit einem liebenden und barmherzigen Gott zusammenbringen sollte. Ich sehe mich noch heute am Zimmerfenster im Spital stehen und denken: Ob ich da nicht lieber runterspringen sollte?

Der Apostel Paulus rechnete oft nicht mehr damit, lebendig aus Notsituationen herauszukommen. Dennoch kann er sagen, dass er von Gott getröstet wurde. Wie erlebte Paulus diesen Trost von Gott? Wir erfahren es nur bruchstückhaft. Er verstand wohl unter Trost ermutigen, ermahnen und stärken. Er sagt, dass er zum Beispiel durch den liebevollen Umgang der griechischen Christen mit einem Freund von ihm getröstet, gestärkt und ermutigt wurde.

In einem erlebte Paulus aber besonders Gottes ermutigendes und stärkendes Trösten: Er bekam immer wieder die Kraft, um seinen Weg mit Jesus und seinen Dienst für ihn gegen alle Widerstände und vermutlich trotz eines zusätzlichen chronischen Leidens zu gehen.

Die Erfahrung, dass auch andere Menschen mit Schwerem leben lernen müssen, wirkt tröstend.

Bei mir war und ist das ähnlich. Mit anderen Betroffenen über Erfahrungen und Gefühle im Umgang mit der eigenen Behinderung zu reden, tut meistens gut. Es gibt aber auch Zeiten, in denen es mir nicht nach Reden ist. Da bin ich darauf angewiesen, dass jemand einfach da ist.

Es kann sogar so weit gehen, dass ich Freunde brauche, die für mich glauben und beten, weil mir nicht mehr danach zumute ist.

Gerade uns Menschen mit Behinderung befreit Gott meistens nicht einfach von unseren Einschränkungen, wie sehr wir ihn auch darum bitten mögen. Wir brauchen in unserem Leben mit Einschränkungen manchmal die Unterstützung von Freunden und der Familie.

Paulus schreibt in seinem Briefeingang: »… damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden.« So kann sich Gottes Trost auswirken. Getröstete werden zu Tröstenden! Damit wir Gottes Wirken in unserer Not tröstend empfinden können, kostete ihn alles: Jesus Christus.

Gottes Trost ist zutiefst leidgeprüft! Eigene Leiden machen sensibel für die Leiden des Nächsten. Wenn jemand aus eigener Betroffenheit Trostworte spricht, dann sind das mehr als Worte!

Körperlich und seelisch begrenzte Pfarrerinnen und Pfarrer, Priester und Pastoren sind für ihre Kirchen eine unentbehrliche Bereicherung, ein Mehrwert! Sie fallen dadurch auf, dass sie mitunter einfühlsamer für die Nöte anderer sind. Pfarrer mit offensichtlichen Grenzen sind häufig ein Vorbild für den Umgang mit persönlichem Leiden.

Kurz nachdem ich selbst an MS erkrankt war, lernte ich andere kennen, die unerwartet mit schweren Diagnosen umgehen mussten. Andere wurden durch mein leidgeprüftes Leben irgendwie von Gott ermutigt und getröstet, ihre eigenen Herausforderungen zu tragen.

Ich scheine seither Menschen mit schwierigen Lebensumständen richtiggehend anzuziehen.

Das Erstaunliche ist: Wir werden dabei ermutigt und getröstet! Trost und Trösten ist also keine Einbahnstraße. Eine Bedingung gibt es allerdings: Wir dürfen nicht in der Isolation bleiben. Diese Phasen gibt es zwar. Wenn wir uns danach aber wieder zugänglich zeigen, den Weg ins Leben zurück suchen, dann können wir Ähnliches erleben wie Paulus und seine Freunde damals.

Doch es fehlt noch etwas Wichtiges: der Dank.

Den Schluss des Briefeingangs im 2. Korintherbrief habe ich lange überlesen, dabei enthält er ein überraschendes Detail: »Helft aber auch ihr, indem ihr für uns betet, damit viele Menschen in unserem Namen Dank sagen für die Gnade, die uns geschenkt wurde.« Am Anfang und am Schluss stehen der Dank und die Ehrerbietung an Gott.

Hier schließt Paulus zum Thema Trost einen Kreis. Wer in der Not erlebt, dass er von Gott und von Menschen getröstet wird, der ist auch ermutigt, Gott wieder und wieder um seine Hilfe zu bitten! Und er ist sich nicht zu schade, auch andere in seinem Umfeld über seine Situation zu informieren und um Gebet für ihn zu bitten. Nicht zuletzt schwingt hier auch eine missionarische Dimension mit!

Oliver Merz

Hoffen und bangen

17. September 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Eichsfeld: Lange herrschte Feindschaft zwischen evangelischen und katholischen Christen – ein Stimmungsbild.

Blick auf das Feld, auf dem Papst Benedikt XVI. am 23. September eine Messe unter freiem Himmel feiern wird. (Foto: picture-alliance/dpa)

Blick auf das Feld, auf dem Papst Benedikt XVI. am 23. September eine Messe unter freiem Himmel feiern wird. (Foto: picture-alliance/dpa)

Nur zehn Prozent der ­Christen im Eichsfeld sind evangelisch. Sie sehen dem Kommen des Oberhauptes der katholischen Kirche
mit gemischten Gefühlen entgegen.

Seit Neuestem schauen Martin Luther und Papst Benedikt XVI. gemeinsam aus einem ­Papp­karton – von Bierflaschenetiketten ­herunter – aufs Supermarktvolk. Geschickt vermarktet von einem katholischen Eichsfelder Geschäftsmann. Prosit – möge es nützen!

Die Eichsfelder sind traditionell ­katholisch – evangelisch sind nur circa zehn Prozent der Bevölkerung. Und so liegen auch nur drei evangelische Gemeinden um Etzelsbach, den zweiten Thüringer Besuchsort des Papstes: Leinefelde, Worbis und Heiligenstadt.

Man spricht hier bereits leicht entnervt, hinter vorgehaltener Hand, vom täglichen »Zeitungsterror«. Doch etliche Protestanten nehmen Anteil, wenn der Papst in ihre Heimat kommt, so auch Pfarrer Traugott Eber aus Leinefelde.

Gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen, Dechant Bernhard Wehner, bereitet er eine der vier großen Thüringer Auftaktveranstaltungen zum Papstbesuch vor. »Wir heißen den Papst herzlich willkommen«, sagt er. Angeregt vom katholischen Bürgermeister Gerd Reinhardt, rücken sie die vom Papst verschmähte Burg Scharfenstein am 17. September nun doch noch ins Blickfeld.

Protestanten fahren sogar als Helfer oder in Begleitung ihrer katholischen Lebenspartner direkt nach ­Etzelsbach. »Die Zeiten, in denen man ja keinen Calvinischen mit nach Hause bringen sollte oder auf unserer Seite Rom-Hasser und Katholiken-Fresser gang und gäbe waren, sind seit den 70ern vorbei«, erinnert sich Pfarrer Eber.

Aus der Deckung der Anonymität heraus erwarten viele jedoch keine echten Fortschritte vom Erfurter Ökumene-Treffen. Man werde sich in Erfurt lediglich feierlich auf die Schulter klopfen. Da könne man nicht hingehen und solange man beim Abendmahl noch ausgeschlossen werde – nein! Gott sei Dank, sei die Basis viel weiter als dieser mittelalterliche Monarch.

Bei ihnen gingen katholische Ehepartner jedenfalls mit zum Abendmahl.

Einer, der die trennende Vergangenheit nur zu gut kennt, ist Horst ­Sievers, Kirchenältester von St. Martin in Heiligenstadt. Seit über 50 Jahren lebt er in konfessionsverbindender Ehe.

»Damals war eine ökumenische Trauung undenkbar. Ich musste zustimmen, dass unsere Kinder katholisch erzogen werden. Katholische Schwestern durften unsere Kirche nicht einmal betreten. Heute feiert ihre Gemeinde in unserer Kirche ­Gottesdienst.«

Er selbst fährt mit ­seinem Sohn nach Etzelsbach und freut sich mit seinen Nachbarn und Freunden, von denen drei Viertel katholisch sind, auf den Papstbesuch.

Man lebt und ­arbeitet doch eng miteinander. Eine, die die Ökumene täglich praktiziert, ist die katholische ­Daniela Mehler, Öffentlichkeitsbeauftragte des evangelischen Kirchenkreises Mühlhausen. Sie genießt das gute Arbeitsklima im Kreiskirchenamt und berichtet den Kollegen mit echter Begeisterung in der Stimme von ihrem geplanten Besuch in Etzelsbach.

Persönliche Nähe verändert die Sicht auf die Dinge – manchmal jedoch auch in die andere Richtung. Anonym berichten Protestanten über ihren tiefen Ärger, den sie beim Ausschluss vom Abendmahl bei einer Hochzeit katholischer Freunde empfanden.

Ebenso ungenannt möchten sie bleiben, wenn sie von einer »Event-Inszenierung« sprechen, »die Papst-Show, bei der man als Protestant nur fragend danebenstehen kann«. Versöhnend wirke einzig der Gedanke, dass der Bekanntheitsgrad der Heimat durch den Papst steigen wird.

Warum hört man all dies nur unter vier Augen? Man möchte die katholischen Nachbarn, Freunde und Kollegen nicht verärgern – nicht dass es hinterher heißt: »Mit dem sprichst du aber nicht mehr!«

Nach der lange kultivierten Feindschaft ist die Gemeinschaft wohl noch sehr zerbrechlich. Aber auch kostbar, denn man möchte sie nicht beschädigen. Das freundliche Schulterklopfen, das man dem Erfurter Treffen unterstellt, scheint auch im Kleinen nicht unbekannt.

Nur Klaus Schulze, Lektor aus Leinefelde, konstatiert offen: »Der Papst ist für mich als Protestant keine wichtige Persönlichkeit. Gleichwohl bringe ich ihm Respekt als Oberhaupt der ­katholischen Kirche und eines kleinen Staates entgegen. Ich werde auf keinen Fall an der Vesper mit dem Papst teilnehmen.«

Pfarrerin Cornelia Feja ergänzt: »Allein Christus ist unser Oberhaupt und dem sind wir treu. Aber vielleicht bewegt sich etwas im Hinblick auf das Reformationsjahr 2017 und die Aufhebung des Banns gegen Martin Luther«, hofft sie. »Der Papst setzt zumindest ein Zeichen, dass ihm die evangelische Kirche nicht unwichtig ist.«

Abschließend formuliert Horst Sievers einen Gedanken, der alle einen könnte: »Wir wenigen Christen müssen unseren Glauben öffentlich bekennen und uns gegenseitig unterstützen. Wirklich wichtig ist doch, dass das Gotteslob gefeiert wird.«

Regina Englert

Ökumene wird schwieriger

16. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Bischof Reinhard Guib über die Zukunft der Christen in Siebenbürgen.

Reinhard Guib ist seit Ende 2010 Bischof der Evangelischen Kirche »Augsburgischen Bekenntnisses« (A. B.) in Rumänien. Über die ­Situation der Gemeinden und die Beziehungen zur ­Orthodoxen Kirche sprach mit ihm Jürgen Henkel in Hermannstadt/Sibiu.

Reinhard Guib (49) stammt aus Mediasch in Sieben- bürgen. Er studierte evangelische Theologie  in Hermannstadt. Nach seiner Wahl zum Bischof wurde er im Dezember 2010 in sein Amt eingeführt. (Foto: Jürgen Henkel)

Reinhard Guib (49) stammt aus Mediasch in Sieben- bürgen. Er studierte evangelische Theologie in Hermannstadt. Nach seiner Wahl zum Bischof wurde er im Dezember 2010 in sein Amt eingeführt. (Foto: Jürgen Henkel)

Herr Bischof, was waren die Schwerpunkte Ihrer Arbeit bisher?
Guib: Mein erster Schwerpunkt war das Kennenlernen der genauen Arbeitsabläufe hier im Bischofsamt. Wichtig war für mich von Anfang an aber auch, den Kontakt zu den Partnern unserer Landeskirche im In- und Ausland zu pflegen. Genauso wichtig war es, die Verbindung zu den Gemeinden zu halten. Ich komme ja aus dem Gemeindedienst und bin nahe an den Gemeinden dran, das will ich auch als Bischof bleiben.

Wie nehmen Sie die Lage in den ­Diasporagemeinden wahr?
Guib: Wir wollen als Kirchenleitung sehr stark in den Gemeinden präsent sein und mit dem Landeskirchenkurator und dem Bischofsvikar eine nach der anderen sowie die Pfarrerinnen und Pfarrer besuchen. Wir wollen so das geistliche Leben und die Probleme vor Ort zu uns sprechen lassen und dabei darauf schauen, wo Verbesserungen möglich sind. Dabei geht es auch um die Entlastung von Verwaltung.

Welche Perspektive haben solche kleinen Diasporagemeinden mit drei oder vier Seelen überhaupt noch?
Guib: Die Perspektive ist, dass sie sich zusammenschließen mit anderen ganz kleinen Gemeinden, damit sie zu größeren und stärkeren Gemeinden werden. Die Siebenbürger Sachsen haben ein stark von der Gemeinschaft geprägtes Denken.

In den letzten 20 Jahren haben wir durch die Auswanderung gelernt, über die oft engen Ortsgrenzen hinauszuschauen und die Gemeinschaft überregional zu pflegen. Unsere traditionellen Nachbarschaften in den Dörfern können dabei zu einem Modell für regionale Nachbarschaften werden bis hin zu gemeinsamen Regionalgottesdiensten.

Im Mediascher Kirchenbezirk haben wir das gut gelebt. So kann das in der ganzen Kirche laufen. Das ist ein Modell, das uns helfen kann, eine Betreuung dieser Gemeinden zu gewährleisten, damit diese auch immer einen Ansprechpartner haben.

Wie wurde Ihre Wahl in der Ökumene im orthodox geprägten Rumänien aufgenommen?

Guib: Wir haben hier sehr gute Beziehungen zur Reformierten und zur ­Katholischen Kirche, insgesamt auch zur Orthodoxen Kirche. Wir haben das jetzt seit meinem Amtsantritt noch nicht vertiefen können, weil es große innerkirchliche Aufgaben zu lösen gab.

Wir stehen in einem Prozess und wollen ein Konzept »Zukunft Kirche« entwickeln. Dabei wollen wir schauen, welches unsere Grundlagen und Schwerpunkte in den nächsten zehn Jahren sein sollen.

Wir sind im Moment mit uns selbst mehr beschäftigt als mit den ökumenischen Partnern. Das wird sich in der Zukunft aber auch wieder ändern. So planen wir ein Partnerschaftsabkommen auf der sozialen Ebene mit der Orthodoxen Kirche.

Die ökumenische Lage ist dadurch schwieriger geworden. Die Orthodoxe Kirche hält sich bei gemein­samen Veranstaltungen und Gottesdiensten mittlerweile sehr zurück. Auch außerhalb des Abendmahlsgottesdienstes teilt sie das liturgische Gebet und ­Gottesdienste mit uns nicht mehr, sondern ist höchstens als Zuschauer dabei. Das ist eine Position, mit der wir und die anderen ­Kirchen in Rumänien sehr schwer zurechtkommen.

Es gibt einen sehr ­starken traditionalis­tischen Flügel in der Orthodoxen ­Kirche, dem solche Beschlüsse Rechnung tragen. Dabei ist der Patriarch sehr ökumenisch ­gesinnt.

Nun gibt es auch in Ihrer Kirche starke Flügelkämpfe zwischen Konservativen und Liberalen. Wie wollen Sie die Kirche zusammenhalten?

Guib: Das ist ein schwieriges Unterfangen. Wichtig ist, dass wir eine Linie haben, ein Gesamtkonzept, an dem wir uns orientieren, das alle mittragen können. Es wird immer Brüder oder Schwestern geben, die eine andere ­Linie haben wollen. Wir hoffen aber, dass wir diese mit ins Boot holen ­können. Ich befürchte derzeit keine Spaltungen.

In Deutschland und international gibt es heiße Debatten in den luthe­rischen Kirchen zu Reizthemen wie Homosexualität oder Gender-Theorien. Welcher Beitrag ist von Ihrer Kirche hier künftig zu erwarten?

Guib: Wir haben uns noch nicht ausführlich mit diesen schwierigen Fragen beschäftigt. Wir wollen nun erst dieses Konzept erarbeiten, das offen sein soll für die Zukunft, sicher auch für neue Gedanken.

Aber das heißt nicht, dass wir unser Proprium, das evangelische Bekenntnis und was ­damit zusammenhängt, verleugnen wollen. Wir wollen schon eine klare Position beziehen. Ein wichtiger Punkt ist, dass wir stärker in der Öffentlichkeit präsent sein wollen mit Stellungnahmen.

Was wollen Sie gegen den großen Unterschied zwischen ganz armen und sehr reichen Gemeinden unternehmen?

Guib: Wir planen einen Solidaritätsbeitrag, der für alle Gemeinden je nach finanziellen Möglichkeiten geleistet werden soll. So sollen die ­großen Stadtgemeinden zum Beispiel bei Verkaufserlösen von Immobilien mehr abgeben an die armen Diasporagemeinden. Es soll bei Einkommen, das in der Gemeinde bleibt, für arme Gemeinden und Bezirke, die finanziell schwach dastehen, etwas abgeführt werden, auch damit künftig der Unterschied zwischen einem Dorfpfarrer und einem Landpfarrer nicht mehr so eklatant ist wie zurzeit.

Wie würden Sie die Frömmigkeit Ihrer Gemeindeglieder mit einem Satz charakterisieren?

Guib: Sie haben ein tiefes Gottvertrauen, das unerschütterlich ist in allem, was kommt, und ein sehr stark auf Gemeinschaft ausgerichtetes Denken. Dafür bin ich sehr dankbar, denn diese Gemeinschaft wirkt ja auch in die weltweite Kirche hinein.

Die Königsmacher

16. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Rundfunk: Evangelische Christen sind in den Aufsichtsgremien des MDR stark vertreten.

mdr

Bei der Wahl des neuen MDR-Intendanten prallen auch politische Interessen aufeinander – Vertreter der Kirchen streiten für einen unabhängigen Rundfunk.
 

Das Telefon auf dem Schreibtisch des Rochlitzer Superintendenten Johannes Jenichen klingelt unablässig, sein Handy auch. Der Theologe aus der mittelsächsischen Stadt findet sich dieser Tage unversehens im Epizentrum eines machtpolitischen Erdbebens wieder: der Wahl des MDR-Intendanten. Jenichen ist Vorsitzender des MDR-Rundfunkrats, der den neuen Senderchef am 26. September wählen soll.

Die Kirchen haben in den Gremien der Rundfunkanstalt keinen geringen Einfluss – theoretisch.

Von den sieben Mitgliedern des MDR-Verwaltungsrats, der am 5. September den Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung Bernd Hilder zum einzigen Kandidaten für den Intendantenposten wählte, sind vier evangelisch.

Erst nach vier Wahlgängen entschieden sich die notwendigen fünf Delegierten des wirtschaftlichen Aufsichtsgremiums für den Zeitungsmann Hilder. Hinter der zähen Entscheidung sieht der MDR-Verwaltungsrat Jürgen Weißbach den politischen Druck der sächsischen CDU. Fünf der sieben Verwaltungsräte stünden der CDU nahe oder seien in ihr Mitglied, sagt der evangelische Theologe aus Halle und langjährige Vorsitzende des DGB Sachsen-Anhalt.

Auch Beobachter und nicht wenige Mitarbeiter des MDR sehen das so. Der Bautzener Oberbürgermeister Christian Schramm – Vorsitzender des Rates der Diakonie Sachsen, Mitglied der sächsischen Landessynode sowie der CDU – möchte als MDR-Verwaltungsrat wegen der angespannten Debatte nichts zu der knappen Entscheidung sagen.

Der Rochlitzer Superintendent Johannes Jenichen vor der Leipziger MDR-Zentrale. Er ist Vorsitzender des Rundfunkrates. (Foto: Armin Kühne)

Der Rochlitzer Superintendent Johannes Jenichen vor der Leipziger MDR-Zentrale. Er ist Vorsitzender des Rundfunkrates. (Foto: Armin Kühne)


Abgestimmt haben die evangelischen Mitglieder der Aufsichtsgremien des Senders ihre Positionen bislang nicht. »Ich bedaure das«, sagt Verwaltungsrat Weißbach. »Die Katholiken sind da koordinierter.«

Um das zu ändern, haben im Vorfeld der Intendanten-Wahl die Medienverbände der sächsischen und der mitteldeutschen Kirche erstmals Empfehlungen an die evangelischen Mitglieder der Aufsichtsgremien ausgesprochen.

Ein neuer Intendant solle »den MDR unabhängig von der Einflussnahme Dritter« führen, heißt es in dem Papier – eine klare Absage an den Druck aus der Politik. Zudem wünsche man sich von der neuen MDR-Spitze, dass sich »der alltägliche Vollzug evangelischen Lebens angemessener als bisher in den Programmangeboten wiederfindet« und dass die Berichterstattung über die DDR-Vergangenheit nicht einer »unreflektierten Verklärung des Alltags in der Diktatur« Vorschub leiste. Beides kann auch als Kritik am Programm des Senders gelesen werden.

Nach dem Vorschlag des MDR-Verwaltungsrates hat bei der Intendanten-Wahl der Rundfunkrat des Senders das letzte Wort.

Dessen Vorsitzender Johannes Jenichen appelliert an die 43 Mitglieder des Gremiums, den Sender nicht dem Staat oder den Parteien auszuliefern (siehe Interview unten). Als Kirchenmann gilt der Rochlitzer Superintendent als neutraler Moderator.

Der Rundfunkrat besteht als Vertreter der Allgemeinheit aus einem engmaschigen Netz von Quoten: Delegierte aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben in ihm feste Sitze, Vertreter der Wirtschaft, der Bauern, der Frauen, der Jugend, der Parteien, der Religionsgemeinschaften. »Bei den Abstimmungen kommt meist eher die persönliche Meinung durch als die des Verbandes oder der Partei«, sagt Rundfunkrat Carsten Meyer, Grünen-Abgeordneter im Thüringer Landtag und davor Geschäftsführer der Diakonie in Weimar. »Es gibt hier sehr differenzierte Debatten.«

Die drehen sich oft um die Qualität des Programms – nicht immer ändert sich danach etwas. Noch öfter aber drehen sich die Diskussionen in letzter Zeit um Enthüllungen zweifelhafter Geldschiebereien leitender MDR-Mitarbeiter. Rundfunk- und Verwaltungsräte des Senders erfuhren davon erst aus der Zeitung. Ihr Unmut darüber war deutlich vernehmbar.

Bei der Wahl des Intendanten aber sind die 43 Rundfunkräte am Zug. Ein bloßes Abnicken wird es diesmal wahrscheinlich nicht geben. Lehnen sie Hilder ab, müssten neue Kandidaten gesucht werden. Alles scheint offen.

Andreas Roth

 
 

Fragen an den Rundfunkrats-Vorsitzenden Superintendent Johannes Jenichen


Herr Jenichen, der Verwaltungsrat des MDR hat dem Rundfunkrat den Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung, Bernd Hilder, als neuen Intendanten vorgeschlagen – ist seine Wahl schon sicher?

Jenichen: Am 26. September wählt der Rundfunkrat diesen Kandidaten – oder nicht. Für einige Rundfunkräte ist die Entscheidung nicht mehr offen. Sie entscheiden sich so wie der Verwaltungsrat oder haben sich untereinander abgestimmt und stimmen zu. Andere sind noch am Überlegen und wollen die Präsentation des Kandidaten in den Landesgruppen abwarten. Der Ausgang dieser freien und geheimen Wahl scheint demnach offen.

Haben Sie sich schon entschieden?
Jenichen: Meine Entscheidung steht fest, aber die ist geheim.

Beobachter kritisieren, die sächsische CDU versuche, auf die Wahl zugun­sten Hilders Einfluss zu nehmen – haben Sie das gespürt?
Jenichen: Auf mich hat die sächsische CDU keinen Einfluss ausgeübt. Ich bin nicht ferngesteuert und es gab auch nicht den Versuch dazu. Aber ich kann nicht für andere sprechen. Ich habe bemerkt, dass sich verschiedene Gruppen im Rundfunkrat absprechen. Die Mehrheit des Gremiums scheint mir jedoch nicht an eine bestimmte Partei gebunden. Da gibt es viele verschiedene Interessen – auch innerhalb der Parteien.

Dürfen denn Parteien und Landesregierungen Einfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausüben?

Jenichen: Eines der hohen Gebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist eine gewisse Staatsferne. Vor dem Hintergrund der DDR-Geschichte bin ich heilfroh, dass wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit dem Grundsatz zur Unabhängigkeit haben. Mit uneingeschränkter Wachsamkeit haben wir eine für die Demokratie konstituierende freie Meinungsbildung zu fördern.

Sehen Sie es als Vorsitzender des Rundfunkrates und Vertreter der Kirche als Aufgabe, dies zu verteidigen?
Jenichen: Dass die Parteien Zustimmung gewinnen wollen, finde ich in Ordnung. Persönlich entscheide ich als freier Christenmensch in der Anwendung des biblischen Mottos: Prüfet alles und das Beste behaltet.

Wollen Sie diese Haltung auch in die Rundfunkrats-Sitzung zur Wahl des Intendanten hineintragen?
Jenichen: Unbedingt. Ich bitte die Rundfunkräte, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden. Das heißt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk weder dem Staat noch einer gesellschaftlichen Gruppe ausgeliefert wird.

Die Fragen stellte Andreas Roth

 

Prostitution für einen Hotdog

11. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Brasilien: Die Kirche attackiert grassierenden Sextourismus und damit verbundenen Kindesmissbrauch.
 
Die Bischöfe fordern von der Regierung angesichts neuer gravierender Fälle von ­Sextourismus Gegenmaßnahmen. Massenelend zähle zu den Hauptursachen sexueller Ausbeutung.
 

Die riesige Flussinsel »Ilha de Marajó« im Delta des Rio Amazonas wird in der deutschen Tourismuswerbung als paradiesisch gerühmt – malerische Strände, idyllische Fischerdörfchen. »Ich lebe im Delta und schaue genauer hin, ­empöre mich über pures Elend und Seuchen«, sagt Bischof Flavio Giovenale in der Diözese Abaetetuba. »Von den rund 15000 Inselbewohnern erkrankten seit Jahresbeginn über 12000 an Malaria – doch medizinische Betreuung fehlt! Hilfsgelder werden häufig abgezweigt, kriminelle Organisationen sind sehr aktiv.«

Neuerdings wird Sextourismus zumindest auf Airport-Plakaten der Regierung als Verbrechen gebrandmarkt.  (Foto: Klaus Hart)

Neuerdings wird Sextourismus zumindest auf Airport-Plakaten der Regierung als Verbrechen gebrandmarkt. (Foto: Klaus Hart)

Giovenale machte in Brasilien bereits Schlagzeilen, weil er den Sextourismus ganz Amazoniens anprangerte, deshalb Morddrohungen bekam, Bewachung brauchte. »Korrupte Politiker, Justiz und Polizeibeamte sind beteiligt!«

Er weiß, dass seine Worte viele ­Europäer schockieren. »Es ist trist – Menschen prostituieren sich für einen Hotdog, aus Hunger. Die Misere ist so groß, dass oft als völlig normal gilt, wenn sich Familienmitglieder feilbieten.«

Nur selten greift die Bundespolizei ein. Jetzt wurde eine Bande aus Nordamerikanern und Brasilianern verhaftet, die gar Amazonas-Sexreisen mit Indiomädchen verkaufte. »Viele Leute haben an solchem Tourismus großes wirtschaftliches Interesse und propagieren Brasilien daher als karnevaleskes Land, wo alles erlaubt ist.«

Neuerdings wird Sextourismus zumindest auf Airport-Plakaten der ­Regierung als Verbrechen gebrandmarkt. »Das finde ich positiv.«

Brasilien reagierte damit auf jahrelange Proteste der Kirche, denen sich selbst die UNO anschloss.

Die ­Bischöfe erreichten sogar einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der sich viele konkrete Vorschläge gegen sexuelle Ausbeutung, gegen Menschenhandel, Zwangsprostitution brasilianischer Frauen und Männer in Mitteleuropa anhören musste. Opfer des Sextourismus sind auch immer mehr Kinder.

Die Anklagen machen stutzig – bekämpft Brasiliens Regierung nicht seit acht Jahren erfolgreich die Misere?

»Das Anti-Hunger-Programm der Regierung hat krasses Elend verringert, doch wegen der hohen Preise reichen die Hilfen nicht. Eine Familie mit mehr als drei Kindern erhält monatlich umgerechnet höchstens 50 Euro, eine mit zwei Kindern nur an die 20 Euro. Davon kann man unmöglich leben.«

Bislang galt Thailand als wichtigste Sextourismus-Destination – Ermittler in den USA sehen ebenso wie im Frauenhandel inzwischen Brasilien an erster Stelle.

Giovenale: »Wir sind in einer komplizierten Situation, die uns ängstigt. Als Kirche leisten wir Präventionsarbeit, vermitteln christliche Werte – haben aber nicht die Macht, diese Probleme allein zu lösen – der Staat muss aktiv gegen das Verbrechen vorgehen, was aber nicht geschieht.«

Im Delta des Rio Amazonas liegen unzählige Inseln, die sich gut als Verstecke eignen, doch es gibt nicht einmal eine Wasserschutzpolizei.

»Das ist hier wie Niemandsland – der Staat ist nicht präsent, auch illegale Waffenhändler und die Drogenmafia haben freie Hand«, analysiert Giovenales Amazonas-Amtsbruder, Bischof José Luiz Azcona, der sich wegen seiner Anzeigen gegen sexuelle Ausbeutung ebenfalls viele Feinde machte, Morddrohungen erhält. Auch Giovenale hat die polizeiliche Bewachung nach einiger Zeit stoppen lassen.

»Für mich war das ein Unding. Die Polizei beschützt den Bischof – doch die Gläubigen bleiben schutzlos – so geht das nicht!«

Monique Laroche, kirchliche Expertin für Sextourismus, leitet Ausstiegsprojekte für Prostituierte. »Manche absolvieren einen berufsbildenden Kurs, finden hinterher aber keine Arbeit – und da sie von irgendetwas leben müssen, kehren sie in die Prostitution und zu den Drogen zurück.«

Sie ärgert, dass sexueller Missbrauch verharmlost werde. »Selbst im Fernsehen wird es so dargestellt, als sei Prostitution ein lukrativer Beruf der Zukunft, mit Glamour und Kick. Gerade wenig gebildete Mädchen der Unterschicht denken dann, wenn Prostitution also weder negativ noch problematisch ist, gehe ich eben auf den Strich.«

Doch dann, so analysiert Monique Laroche, sitzen sie regelrecht in der Falle, werden von einer Zuhältermafia beherrscht. »Prostitution zerstört die geistige und körperliche Gesundheit – wir sehen viel Grauenhaftes, Deprimierendes auf diesem Menschenmarkt.«

Klaus Hart

Das Recht der Großeltern auf ihre Enkelkinder

11. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Scheidung: Ein Kind braucht nach der Trennung seiner Eltern die Verwandten beider Seiten.
 

Wenn Eltern sich trennen, leiden vor allem die Kinder. Doch was ist mit den Großeltern? Viele trauen sich gar nicht, über dieses Thema zu sprechen. Dabei wollen sie vor allem eines: den Kontakt zu den Enkeln nicht verlieren.
 

»Ich verlasse meine Frau. Ich liebe eine andere.« Eine Nachricht, die Hans und Katharina Kramer (Namen geändert) schockierte und traurig machte. Katharina Kramer erinnert sich: »Ich mag meine Ex-Schwiegertochter sehr. Ich dachte immer, wenn eins meiner Kinder eine stabile Ehe führt, dann dieser Sohn mit dieser Frau. Man hätte so schrecklich gern alles in Ordnung!«

Glückliche Großeltern: Sie genießen das Zusammensein mit ihrem Enkelkind. (Foto: picture-alliance/dpa)

Glückliche Großeltern: Sie genießen das Zusammensein mit ihrem Enkelkind. (Foto: picture-alliance/dpa)


Die Kramers sind in ihrer Gemeinde auf dem Lande engagiert, hatten ihren Kindern christliche Werte vermittelt und sind nicht zuletzt durch die eigene stabile Ehe Vorbild.

»Für christliche Ehepaare ist es besonders schwierig, damit umzugehen und es nach außen hin zu vertreten, wenn eins ihrer Kinder sich scheiden lässt«, hat auch Isabell Rössler, Referentin für Offene Altenarbeit beim Diakonischen Werk Württemberg, beobachtet.

Großeltern können durchaus dazu beitragen, dass junge Familien stabil bleiben, indem sie nicht über Schwiegertochter oder Schwiegersohn herziehen, sich in Alltagsfragen und ­Erziehung nicht einmischen und in ­Krisenzeiten da sind. Zuhören, vermitteln oder durch Babysitterdienste das Paar entlasten.

Manchmal genügt all das nicht.

Gründe, warum einst verliebte Paare es nicht mehr miteinander aushalten, gibt es viele: »Er hat ein Alkoholproblem.« – »Wir waren zu jung, um zu sehen, dass wir nicht zusammenpassen – jetzt haben wir uns auseinanderentwickelt.« – »Als Kinder kamen, war ich plötzlich für meine Frau ­unsichtbar.« Dass niemand mehr per Gesetz oder von der Kirche dazu ­gezwungen wird, bei einem Partner zu verharren, der ihn unglücklich macht oder sogar missbraucht, ist durchaus etwas Positives.

Statistisch gesehen, scheitern in Deutschland zurzeit ca. 38 Prozent aller Ehen. Etwa 150.000 Kinder pro Jahr sind davon betroffen. Sie sind es, die besonders viel Liebe und Rückenstärkung brauchen.

Scheidungskinder, wissen Psychologen, beziehen den Unfrieden zwischen den Eltern automatisch auf sich. Sie sind damit überfordert, wenn ein Elternteil sie als Stütze, Partnerersatz oder Verbündeten gegen den Expartner einsetzt.

Als Folge können Probleme in der Schule oder später Bindungsunfähigkeit auftreten. Mitunter reagieren sie mit einem geschwächten Immunsystem.

»Die Erde braucht einen Nord- und einen Südpol, ein Kind braucht Mutter und Vater und Verwandte beider Seiten, um sich gut zu entwickeln«, so Rita Boegershausen. Die vierfache Oma ist Spezialistin für komplizierte Großeltern-Enkel-Beziehungen.

Gemeinsam mit einigen anderen hat sie die Bundesinitiative Großeltern von Trennung und Scheidung betroffener Kinder (BIGE), gegründet.

Vor 14 Jahren gingen ihr Sohn und dessen Freundin auseinander, die Kinder blieben bei der Mutter. Den Kontakt zu ihnen zu erhalten, war schwierig.

Beim Jugendamt sagte man den Großeltern: »Sie sind ja ein Einzelfall.« Kurze Zeit später fuhren Boegerhausens zu einer Demo von Vätern, die für das Umgangsrecht kämpften. Dieses beschreibt den Anspruch auf Umgang eines minderjährigen Kindes mit seinen Eltern, gegebenenfalls auch das Recht Dritter mit dem Kind.

Bei diesem Treffen kam das Ehepaar mit anderen Großeltern ins Gespräch, die sich ebenfalls um den Kontakt zu ihren Enkelkindern bemühten. Sie beschlossen, gemeinsam etwas zu tun. Trauer und Wut ­gemeinsam verarbeiten, über Sorgen sprechen und wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entwicklung von Kindern in Krisen sammeln.

Ein Anliegen der BIGE ist es, für stabile Ehen und faire Trennungen einzutreten. Eine Eltern- und eine Großelternschule wünscht sich Rita Boegershausen. Sie gibt zu bedenken, dass ein Kind die ganze Familie brauche.

Die Erfahrung hat sie gelehrt: »Nach einer Trennung oder Scheidung tut es Kindern und Jugendlichen sehr gut, wenn sie sich bei Oma und Opa einfach nur erholen können.«

Als sich ihr Sohn von seiner Frau trennte, hielten Kramers ihr Haus für die Schwiegertochter offen und pflegten den Kontakt zu ihrem Enkel, der damals Teenager war. »Er wollte nicht reden«, erinnert sich Katharina Kramer. Beruhigt war sie, als er einmal ­erzählte, dass er mit seinem Freund, dessen Eltern ebenfalls geschieden waren, über das Thema sprechen könnte.

In Kramers Familie gab es eine Art Happy End. Ihr Enkel entwickelte sich zu einem herzlichen jungen Mann, zu dem sie regen Kontakt haben. Darüber freuen sich die Kramers. Ihr Sohn lebt mit seiner zweiten Frau in einer stabilen Beziehung.

Es kann auch ganz anders sein. »Wenn das Kind benutzt wird, um Macht über den Expartner zu behalten, ist das ganz schrecklich«, sagt Rita Boegershausen.

Schwierig sei auch, wenn Großeltern ihr Enkelkind bei jedem Treffen gegen seine Eltern aufhetzen mit Aussagen wie: »Jetzt komm zu deiner richtigen Oma! Deine Mama oder dein Papa ist doch blöd!« Wer solche Gedanken hegt, sollte sie auf keinen Fall vor dem Kind äußern.

Großelterntreffen oder Selbsthilfegruppen seien Möglichkeiten, um schlechten Gefühlen Raum zu geben.

»Wir hatten unser Netzwerk, das hat uns getragen«, erinnern sich die Kramers. Außerdem gibt es mehr und mehr kompetente kirchliche Ehe- und Familienberatungsstellen, die sich den Anliegen von Großeltern, deren Kinder sich scheiden lassen, öffnen.

Was tun, wenn die Schwiegertochter oder der Schwiegersohn –, immer häufiger kommt das vor –, das alleinige Sorgerecht bekommt und keinen Kontakt zwischen Großeltern und Enkelkind zulässt?

Rita Boegershausen rät Großeltern, alle friedlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, bevor der Klageweg beschritten wird. »Eine Klage ist zwar möglich, aber belastend für die Enkelkinder.«

Die BIGE setzt auf Geduld. »Schreiben Sie Briefe, schalten Sie zum Geburtstag eine Annonce in der Zeitung, führen Sie ein Tagebuch für Ihren Enkel oder zahlen Sie auf ein Sparbuch immer wieder einen kleinen Betrag ein.« Irgendwann ist das Enkelkind ­erwachsen genug, um sich ein eigenes Bild zu machen und zu erkennen: »All die Jahre haben Opa und Oma mich geliebt.« Es ist nie zu spät, eine gute Beziehung aufzubauen.

Petra Plaum

»Ächt christliche Kunst«

10. September 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Trinitatiskirche in Hainichen (Foto: Matthias Donath)

Trinitatiskirche in Hainichen (Foto: Matthias Donath)


Kirchenbau des 19. Jahrhunderts: Die Schöpfungen des Historismus sind großartige Kunstwerke.
 
Erstmals in diesem Jahr widmet sich der »Tag des offenen Denkmals« am Sonntag unter dem Motto »Romantik, Realismus, Revolution« einer ganzen Zeitepoche, dem 19. Jahrhundert.
 

Die kirchliche Baukunst des 19. Jahrhunderts hatte lange keinen guten Ruf. Noch vor drei oder vier Jahrzehnten hieß es einmütig: »Das hässliche Zeug muss weg!«

Bei Renovierungen wurden – oft unter Zustimmung der Denkmalpflege – ganze Kirchenausstattungen zerstört. Man kappte die Türmchen, übertünchte die dekorativen Ausmalungen, beseitigte den Zierrat an Kanzeln und Altären und entfernte die Glasbilder in den Fenstern.

Die Ablehnung des Historismus wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Kunstkritikern und Intellektuellen ­formuliert, die einen Bruch mit der »albernen Stilkunst« forderten und ­einen Aufbruch in die Moderne erträumten.

Ihr Einspruch, das Jahrhundert der Industrialisierung habe zum »allertiefsten Niedergang der Kunst« geführt und nur »billige und protzige Stilkopien« produziert, prägte auch das Urteil der nachfolgenden Generationen.

Heute wissen wir, dass diese Bewertung nicht richtig war. Die Schöpfungen des Historismus sind – in ihrer handwerklich aufwendigen Ausführung und schmuckfreudigen Gestaltung – großartige Kunstwerke, die sich vor den Zeugnissen anderer Epochen nicht zu verstecken brauchen.

Der evangelische Kirchenbau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war noch stark von der barocken Bautradition geprägt.

Man errichtete weiträumige Emporenkirchen mit umlaufenden mehrgeschossigen Emporen. Altar und Kanzel waren zu einem Kanzelaltar vereint. Mit der Wiederentdeckung der Baukunst des Mittelalters begann man, nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten zu suchen.

So wurde 1859 in Dresden der »Verein für kirchliche Kunst« gegründet. Er setzte sich zum Ziel, »die ächt christliche Kunst nach den Grundsätzen und Bedürfnissen der evangelisch-lutherischen Kirche zu fördern, namentlich bei beabsichtigten Neu- und Umbauten von Kirchen, Altären, Canzeln«.

Als »ächt christlich« verstanden Christian Friedrich Arnold (1823–1890) aus Dresden und seine Baumeisterkollegen in Preußen und Süddeutschland den romanischen und den gotischen Stil. Mit ihrer Zustimmung wurde auf einer Kirchenkonferenz 1861 in Eise­nach eine Norm für den evangelischen Kirchenbau in Deutschland ­beschlossen.

Das folgenreiche Eise­nacher Regulativ forderte, bei Neubauten ausschließlich den »christlichen Baustyl« anzuwenden: »neben der altchristlichen Basilika und der sogenannten romanischen (vorgotischen) Bauart vorzugsweise den sogenannten germanischen (gotischen) Styl«. Alle Kirchen sollten nach traditionellem Brauch nach Osten ausgerichtet sein.

Ein Bruch mit früheren Vorstellungen stellte die Forderung dar, Altarraum und Kirchenschiff strikt voneinander zu trennen. Kanzelaltäre waren nicht mehr erwünscht.

Nach dem Eisenacher Regulativ darf die Kanzel »weder vor noch hinter oder über dem ­Altar, noch überhaupt im Chore ­stehen«. Die Wiederbesinnung auf mittelalterliche, vorreformatorische Gewohnheiten lässt sich mit einem Wandel in der evangelischen Theologie erklären: Der kirchliche ­Rationalismus, der auf die Nützlichkeit des Glaubens zielte, wurde vom konservativen Neuluthertum abgelöst, das stärker auf romantische und idealistische Inhalte setzte.

Das Eisenacher Regulativ galt für die große Zahl evangelischer Gotteshäuser, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Stadt und Land errichtet wurden. Infolge des starken Bevölkerungswachstums kam es nach der Reichsgründung zu einer enormen Kirchenbauwelle. Zwischen 1870 und 1914 entstanden allein in Leipzig 24 evangelisch-lutherische Kirchen!

Auch außerhalb der Großstädte ersetzte man zu klein gewordene Gotteshäuser durch neogotische oder neoromanische Neubauten. Diese als bloße »Stilkopien« abzuwerten, wird ihrer Bedeutung nicht gerecht. Die ­Architekten benutzten das historische Formengut, setzten aber eigene Akzente.

So schufen der Baurat Conrad Wilhelm Hase (1818–1902) aus Hannover und seine Schüler beeindruckende Monumente aus rotem Backstein. Eine der größten Backsteinbauten im mitteldeutschen Raum ist die Johanniskirche in Gera, die 1881 bis 1885 nach Entwürfen von Constantin Lipsius (1832–1894) und August Hartel (1844–1890) errichtet wurde.

Dass sich hinter dem historisierenden Stilkleid ganz neuartige Raumlösungen verbergen können, beweist die 1899 geweihte Trinitatiskirche in Hainichen (Kreis Mittelsachsen). Um allen Gottesdienstbesuchern einen ungehinderten Blick auf Altar und Kanzel zu ermöglichen, legte Gotthilf Ludwig Möckel (1838–1915) einen stützenfreien Zentralraum an. Trotz der gewaltigen Spannweite ist die gesamte Kirche überwölbt. Die Last des kühnen Gewölbes leitete der in Zwickau geborene Architekt über weit gespannte Spitzbögen auf die abgeschrägten Ecken der kreuzförmigen Vierung ab.

Leider hat man bei den Kirchenrenovierungen der letzten Jahre meist darauf verzichtet, die Ausmalungen des 19. Jahrhunderts wieder hervorzuholen. Noch immer scheint eine ­gewisse Abneigung gegen die farbenfrohen Gestaltungen des Historismus zu bestehen. Wie wichtig das Dekor für die Raumwirkung ist, beweist der Blick in die Hainichener Kirche. Die übertünchte Ausmalung wurde 2009/10 vollständig rekonstruiert.

Matthias Donath

Der Autor ist promovierter Kunsthistoriker und Vorsitzender des Dombau-Vereins Meißen.

Eisenacher Regulativ

Unter Mitwirkung namhafter Kirchenbaumeister, darunter Friedrich August Stüler (1800–1865) und Conrad Wilhelm Hase (1818–1902), beschloss die Deutsche Evangelische Kirchenkonferenz, die vom 30. Mai bis 5. Juni 1861 in Eisenach tagte, ein »Regulativ für den evangelischen Kirchenbau«.

Die Vorschriften galten – mit einigen Veränderungen – bis 1908 für alle evangelischen Kirchenneubauten in Deutschland. Mit der Reformkunst des frühen 20. Jahrhunderts löste man sich von dem inzwischen überholten Regelwerk.

Der Weg durch die 78 Etagen des World Trade Centers

10. September 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Buchbesprechung zu Michael Hingsons »Held auf vier Pfoten. Eine dramatische Rettung am 11. September«
 

Es ist 8.46 Uhr an einem Dienstagmorgen in New York. Vertriebsleiter Michael Hingson bereitet im Nordturm des World Trade Centers seine Präsentation für ein bevorstehendes Vertriebsseminar vor, als plötzlich das ganze Gebäude erbebt. Ganze 49 Minuten brauchen Hingson, sein Kollege David und Hingsons Labradorhündin Roselle, bis sie das Gebäude verlassen können.

Nur: Hingson ist seit seiner Geburt ohne Augenlicht, Roselle sein Blindenhund.

Den Weg durch die 78 Etagen, 1463 Stufen, des Nordturms und die anschließende Flucht durch die Straßen New Yorks nutzt Hingson, um Reflexionen über sein Leben als Blinder anzustellen. Angefangen von seiner Kindheit, in der er lernt »nur mit Gehör« Rad zu fahren, die Begegnung mit seinem ersten Blindenhund Squire, über die Ära des technologischen Fortschritts in den 1970ern bis zu seinem beruflichen Werdegang, entfaltet sich eine interessante Lebenserzählung, die sogar zu einer Begegnung mit Gott ausreift.

Beinahe ist man geneigt, durch die sympathische Erzählweise Hingsons das Ereignis »11. September« in den Hintergrund zu verdrängen, wäre da nicht der dramatische Wechsel zwischen biografischen Schilderungen und den beklemmenden Ereignissen jenes Tages.

Hingson, Michael: Held auf vier Pfoten. Eine dramatische Rettung am 11. SeptemberDas Buch gleicht daher einer erzählerischen Achterbahnfahrt, in der der Autor zum einen sein mit viel Witz und Anekdoten gespicktes Aufwachsen in der kalifornischen Provinz und die anschließenden Lehrjahre an der Universität nachzeichnet, zum anderen aber sehr plastisch die absurde und unwirkliche Realität jenes Tages dem Leser vor Augen führt. Genau von dieser Mischung aber zehrt das Buch, dass sich keineswegs nur als die persönliche Chronik des 11. September lesen lässt.

Vielmehr ist am Ende ein Plädoyer für mehr Selbstbehauptung herausgekommen, ein Bekenntnis, mit dem »Ärgernis« Blindheit, wie Hingson es nennt, umzugehen. Blindheit nicht als tragisches Defizit, sondern als Herausforderung zu verstehen; sich nicht hängen zu lassen, darum geht es Hingson, aber auch um die innige Beziehung, das unbedingte Vertrauen, das sich zwischen Hund und Mensch zu entwickeln vermag.

Als Zugabe finden sich am Ende des Buches noch ein »kleiner Knigge für den Umgang mit blinden Menschen« und ein Traktat über das Blindsein.

9/11, mittlerweile sich zum zehnten Mal jährend, wird in »Held auf vier Pfoten« damit zu einer Parabel für mehr Zusammenhalt und Toleranz innerhalb der Gesellschaft.

Alexander Mischke

Hingson, Michael: Held auf vier Pfoten. Eine dramatische Rettung am 11. September, SCM Hänssler, 208 S., ISBN 978-3-7751-5317-1, 18,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643) 246161

 

Mut zum Frieden in Zeiten des Krieges

9. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Museum zum Gedenken an die fast 3.000 Opfer des 11. Septembers 2011 in New York. (Quelle: picture-alliance/dpa)

Museum zum Gedenken an die fast 3.000 Opfer des 11. Septembers 2011 in New York. (Quelle: picture-alliance/dpa)

Gedenken: Der 11. September 2001 und die Folgen auf die Weltpolitik und die Friedensethik
 
Die Terroranschläge in den USA vor zehn Jahren haben die Welt verändert. Doch es gilt, sich nicht nur mit den Folgen, sondern auch mit den Ursachen auseinanderzusetzen.

 
Von Friedrich Schorlemmer

Dieser 11. September 2001 ist zum Menetekel geworden. Aus »heiterem Himmel« kam es zu einer Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß, deren Bilder sogleich um die ganze Welt gingen. ­Alles, was in Horror-Filmen über Monster- und Marsmenschen erdacht wurde, geschah. Plötzlich war »Ausnahmezustand«. Die Spaßgesellschaft war am Ende.

Vorläufig.

Unvergesslich: Ein Eingeschlossener winkte in 380 Meter Höhe mit einem Tuch, bis der erste Turm in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus, generalstabsmäßig, wie bei einer Sprengung, und begrub alles unter sich: Menschen, Einrichtungen, den Stolz Amerikas.

Im World Trade Center hatte sich die Welt-Markt-Macht symbolisiert, wie die militärische Macht im Pentagon. Eine Weltmacht taumelte in Trauer, Wut, Kränkung.

Sie wollte der Welt bald beweisen, dass sie stark genug ist, die Schuldigen zu finden und auszulöschen. Die Täter waren mit äußerster Brutalität vorgegangen, gnadenlos mit ihren Opfern, gnadenlos mit sich selbst. Der Hass hatte eine ungeheuerliche kriminelle Energie freigesetzt.

»Warum hassen sie uns so?«, fragte die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag (1933 bis 2004) und wurde dafür selber gehasst. Die USA, die seit Ronald Reagan »das Fenster der Verwundbarkeit« schließen und sich gegen »Schurkenstaaten« aus dem Weltraum schützen wollten, waren nun durch Gotteskrieger mit den Mitteln des zivilen Weltverkehrs getroffen worden. Die Utopie der Unverletzbarkeit zerstiebte.

Was da ersonnen und durchgeführt wurde, das war das Böse, das von sich selbst glaubt, es richte sich gegen das Böse. Es hat Nährboden gefunden. Es hat Gründe, es hat Geld. Es hat Verführungskraft.

Die Ursachen rechtfertigen nicht solches Tun, aber dieses Tun ist auf seine Ursachen hin zu ­untersuchen. Was geschehen ist, war nicht mit einem Schlag, auch nicht mit vielen Schlägen aus der Welt zu schaffen, schon gar nicht aus der Luft.

George W. Bush reagierte mit archa­ischen Rachemustern. Er rief den New War aus und versprach, die Täter überall zu jagen, forderte Afghanistan auf, die alsbald ausgemachten Anführer »auszuspucken«.

Das amerikanische Volk wäre gut beraten gewesen, gemeinsam mit der Völkergemeinschaft alles dafür zu tun, dass mit der Stärke des Rechts konsequent gegen terroristische Banden, Organisationen, Staaten, Einzelpersonen oder Ideologien vorgegangen wird. Nichts wäre nötiger gewesen als die Mobilisierung der Solidarität der Völkergemeinschaft über alle kulturellen, religiösen und sozialen Schranken hinweg.

Niemand sollte einen mörderischen Kulturkampf vom Zaune brechen, sondern ihm jede Rechtfertigung entziehen! Nichts ist mehr sicher. Die moderne Welt und alle ihre Einrichtungen sind gefährdet. Die offene Gesellschaft ist gefährdet.

Sollte sie sich abschließen und auf die Freiheit verzichten und der Illusion garantierbarer Sicherheit alles opfern?

Sollten die Geheimdienste, die versagt hatten, alle Macht bekommen, alle Vollmachten über uns und alles permanent überwacht werden?

Wir sind aus der Unbefangenheit vertrieben.

Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Globalisierung auch bedeutet, dass alles mit allen und ­allem zusammenhängt und deshalb auch alles von allen abhängt.

Aber die Bomben, mit denen ganze Völker in Geiselhaft genommen wurden, weil ihre Führer Terroristen beherbergten, wurden selber zum Futter für neue Extremisten. Bombenfutter.

Die zivilisierte Menschheit bleibt gefordert, die Täter und ihre Hintermänner dingfest zu machen, sie zu verurteilen und zugleich alles zu vermeiden, was Hass schürt. Es gilt, sich mit seinen Ursachen, nicht nur mit seinen Folgen zu beschäftigen.

Er lässt sich nicht totbomben, denn Tod – zumal durch »Kollateralschäden« – wurde Anlass für neuen Hass und führte wieder zum (heimtückischen) Tod. Der nun zehn Jahre tobende Afghanistankrieg wird militärisch nicht zu gewinnen sein.

Es ist der größere Mut gefordert, der Mut zum Frieden in Zeiten des Krieges, der sich der Vergeltung enthält und einen gerechten Frieden anstrebt.

Förderin der Reformation

4. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen des Mittelalters: Felicitas von Selmenitz.

Wappen der Familie von Selmenitz (Quelle: M. Hofmann)

Wappen der Familie von Selmenitz (Quelle: M. Hofmann)

»Der Erbarn, tugentsamen frawen Felicitas von Selmenitz, meiner Lieben Gevattern … Martinus Luther d. d.« Mit diesem Vermerk schenkte Martin Luther seine 1534 bei Hans Lufft in Wittenberg erschienene erste vollständige Bibelübersetzung der frommen Witwe Felicitas von Selmenitz.

Deren nachgelassene Bücher wurden nach dem Tod ihres Sohnes Georg zusammen mit dessen Büchersammlung der Marienbibliothek in Halle übergeben.

Die Familienbibliothek derer von Selmenitz ist die erste große Schenkung an die 1552 gegründete Marienbibliothek, eine der ältesten evangelischen Kirchenbibliotheken Deutschlands. Sie bildet eine wertvolle Ergänzung zu den schon vorhandenen Reformationsschriften.

Unterstreichungen, Wiederholungen von für sie bedeutungsvollen Worten und eine eigene Bildsprache an den Seitenrändern machen deutlich, dass Felicitas von Selmenitz die Heilige Schrift gründlich studiert hat.

Felicitas von Münch wurde 1488 geboren. Sie stammt aus einer am Hofe des Kurfürsten Friedrich von Sachsen hoch angesehenen Adelsfamilie. Ihr Vater, Hans von Münch, war Vogt zu Bürgel, Gleißberg, Windberg, Eisenberg und saß in Würschhausen. 1507 heiratete sie den verwitweten Schlosshauptmann Wolf von Selmenitz. Dem Ehepaar werden sieben Kinder geboren.

Das Jahr 1519 wird zum Schicksalsjahr der jungen Frau. Ihr Mann, Wolf von Selmenitz, wird nach einer Hochzeitsfeier auf den ­Stufen des »Goldenen Ringes«, eines Gasthauses mitten in Halle, hinterrücks von Moritz Knebel ermordet. Hintergrund für diese Mordtat waren alte ­Familienstreitigkeiten.

Felicitas ist 31 Jahre alt. Von ihren sieben Kindern sind bereits vier gestorben, zwei verliert sie kurz darauf an der Pest. Allein Georg, der Zweitgeborene, überlebt. Mit ihm verlässt sie ihren Witwensitz auf der Vitzenburg und siedelt in ihr Gut nach Glaucha bei Halle über.

Hier hat sie Kontakt zum Zisterzienserinnenkloster, der sog. Marienkammer, und trifft Thomas Müntzer. Aufmerksam verfolgt sie die Verbreitung der lutherischen Lehre, der ihr Schwager Sebastian von Selmenitz schon länger anhängt und nimmt schon 1523 das Abendmahl in beiderlei Gestalt entgegen.

Den Anfeindungen Kardinal Albrechts ausgesetzt, entflieht sie 1528 der Stadt Halle, nachdem sie bei Luther angefragt hat, wie sie sich in dieser Situation verhalten sollte. Felicitas von Selmenitz begleitet ihren Sohn Georg zum Studium der Rechtswissenschaft nach Wittenberg. Hier trifft sie auf die Familien der Reformatoren, auf Martin Luther, Philipp Melanch­thon, Justus Jonas, Johannes Bugenhagen und Caspar Cruciger. Sie alle schenken ihr mit persönlichen Widmungen ihre Schriften und achten sie als Schwester im Glauben.

Immer wieder auf der Flucht vor der Pest begleitet sie ihren Sohn nach Jena, Magdeburg und Zerbst, um sich endlich ab 1547 wieder in Halle niederzulassen. Hier hatte sich inzwischen die lutherische Lehre seit 1541 durchgesetzt. Justus Jonas war der erste evangelische Prediger und spätere Superintendent an der Hauptkirche »Unser lieben Frauen« in Halle.

Ihr Sohn Georg von Selmenitz heiratete 1551 die wohlhabende Witwe des Kanzlers Christoph Türck, Ursula Türck, geb. Keller, aus Leipzig und bezog das Passendorfer Gut bei Halle. Eine Anstellung fand er als Hofrat beim Bischof von Merseburg, Michael Helding, gen. Sidonius. Seiner Familie errichtete er 1557 auf dem neuen Gottesacker auf dem Martinsberg einen Schwibbogen als Erbbegräbnis.

Das eindrucksvolle Epitaph zeigt uns die Familie kniend vor der Kreuzigungsszene, rechts Felicitas mit ihren Töchtern Anna und Dorothea, links Wolf von Selmenitz mit den fünf gemeinsamen Söhnen, die jeweiligen Familienwappen beigegeben.

Am 1. Mai 1558 stirbt Felicitas von Selmenitz und wird auf dem Stadtgottesacker begraben. Der Kirche »Unser lieben Frauen« in Halle hinterlässt sie laut Testament einen erheblichen Geldbetrag von zwölf Schock.

Die Bibel der Felicitas von Selmenitz war bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts am Reformationstag auf dem Altar der Marktkirche in Halle in Gebrauch und wird heute als kostbares Zeugnis der Reformation für kommende Generationen in der Marienbibliothek aufbewahrt.

Seit 1998 trägt eine Straße im Süden von Halle, in unmittelbarer Nähe der Lutherkirche, den Namen dieser frommen tapferen Frau. Der Freundeskreis der Marienbibliothek stiftete 2009 ein Zusatzschild zum Straßenschild mit folgendem Hinweis: Felicitas von Selm(e)nitz, 1488–1558, erste Förderin der Reformation in Halle, Freundin der Familie Luthers.

Mechthild Hofmann

Die Autorin ist wissenschaftliche Bibliothekarin und Vorsitzende des Freundeskreises der Marienbibliothek Halle e.V.

Weiter auf dem »Dritten Weg«?

2. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Diakonie und Arbeitsrecht: Seit Jahren schwelt der Konflikt um das Arbeitsrecht in der Diakonie – ein Hintergrund und ein Pro und Kontra zum Thema.

Fotoquelle: BilderBox.com

Fotoquelle: BilderBox.com


DiakonieDie Diakonie steht in der Zerreisprobe: Soll der »Dritte Weg« im Tarifrecht beibehalten werden: Mitarbeitervertretungen und Gewerkschaften wollen eine Änderung. Im Bereich Mitteldeutschland laden sie deshalb am 6. Oktober zu einem »Fachtag Sozialer Dialog in der Diakonie« nach Leipzig. Im Mittelpunkt stehen dabei die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter und die Aushandlungsprozesse in den diakonischen Einrichtungen. Veranstaltet wird der Fachtag vom Gesamtausschuss der Mitarbeitervertretungen im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland und der Dienstleistungsgewerkschaft verdi gemeinsam mit dem Ostwindinstitut in Meißen.


DiakonieKirche und Diakonie regeln ihre inneren Angelegenheiten, also auch das Tarifrecht, selbst. Doch im Bereich der Diakonie ist über diesen »Dritten Weg« seit Jahren ein Streit entbrannt. Was steckt dahinter?

Bei der Ausgestaltung des Arbeitsrechts gibt es in Deutschland grundsätzlich drei Wege. Der sogenannte »Erste Weg« ist der direkteste: Die Bedingungen werden dabei vom ­Arbeit- beziehungsweise Dienstgeber einseitig festgesetzt. Der Arbeit- beziehungsweise Dienstnehmer kann wählen, ob er auf das Angebot eingeht oder nicht. Handelt es sich um eine begehrte Fachkraft, kann sie unter Umständen höhere Forderungen durchsetzen. Arbeitsverhältnisse für Führungskräfte in der freien Wirtschaft werden in der Regel auf diesem Weg ausgehandelt. Auch das Beamtenrecht entspricht weitgehend dem »Ersten Weg«.

Beim »Zweiten Weg« schließen sich ­Arbeitgeber und Arbeitnehmer jeweils branchenspezifisch in Interessenvertretungen zusammen: Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände stehen sich stellvertretend für ihre Mitglieder gegenüber und handeln im Auftrag ihrer jeweiligen Klientel Tarifverträge aus. Diese gelten dann in den angeschlossenen Unternehmen für alle. Zur Durchsetzung beziehungsweise Abwehr von Forderungen gibt es dabei die Instrumente des Arbeitskampfes: Streik und Aussperrung. In den Betrieben selbst wachen von der Belegschaft gewählte Betriebsräte laut Betriebsverfassungsgesetz über die Einhaltung der Vereinbarungen.

In den Kirchen ist freilich alles anders.

Durch den Paragraf 140 des Grundgesetzes wird das »Kirchliche Selbstbestimmungsrecht« aus der Weimarer Verfassung übernommen. Das bedeutet, dass Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften und die ihnen zugeordneten Vereine oder Einrichtungen – sofern sie als »Wesens- und Lebensäußerung« der jeweiligen Gemeinschaft gelten – ihre inneren Angelegenheiten selbst regeln. Das gilt auch für das Arbeitsrecht. Dies geschieht in der Diakonie, die sich selbst als eine solche »Lebens- und ­Wesensäußerung« der Kirche versteht, durch den sogenannten »Dritten Weg«.

Konkret heißt das unter anderem, es gibt Mitarbeitervertretungen statt Betriebsräte und es gibt »Arbeitsrechtliche Kommissionen« (ARK), in denen im Konsensverfahren die Rahmenbedingungen ausgehandelt werden. Da man sich nicht als gewinnorientiertes Unternehmen, sondern als eine Dienstgemeinschaft im Auftrag Gottes versteht, wird der »solidarische Interessenausgleich« beschworen.

In einer Stellungnahme des Verbandes der Diakonischen Dienstgeber (VdDD) heißt es dazu: »Aus dem Gedanken der Dienstgemeinschaft folgt, dass es einen Arbeitskampf (Aussperrung/Streik) in Diakonie und Kirche nicht geben kann.«

Doch der »Dritte Weg« ist zunehmend umstritten.

Längst sind die diakonischen Einrichtungen zu Sozialunternehmungen geworden, die auf dem freien Markt mit anderen Anbietern konkurrieren. Ausgliederungen von Arbeitszweigen und der Einsatz von Leiharbeitern zur Kostensenkung gehören weithin zum Alltag.

Dazu kommt: Besonders in den neuen Bundesländern sind ein großer Teil der Mitarbeiter keine Kirchenmitglieder und deshalb von der Mitwirkung in den Mitarbeitervertretungen ausgeschlossen. Die Mehrzahl der Mitarbeitervertretungen fordert deshalb, unterstützt durch die Gewerkschaften, den »Dritten Weg« zu beenden und auch im Bereich der Diakonie Flächentarifverträge abzuschließen.

Harald Krille

 

Pro: Eckart Behr

DiakonieDas Wort des Feldherrn Clausewitz, »Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln«, trifft auf den Konflikt zwischen diakonischen Dienstgebern und Dienstnehmern gottlob nicht zu. Auch wenn die Homepage des Gesamtausschusses der mitteldeutschen Mitarbeitervertretungen noch immer Sprüche von Kampf, Feind und Sieg genüsslich verbreitet.

Mit »anderen Mitteln« wollen einige Vertreter erreichen, was auf dem Verhandlungsweg nicht gelang. So die legendäre Forderung nach achtprozentiger Gehaltssteigerung. Seit sie nicht durchsetzbar war, wird der »Dritte Weg« blockiert.

Übrigens jahrelang auf dem finanziellen Rücken der Mitarbeitenden. Es gilt, die Überleitung in das andere System zu erzwingen.

Dass dieses Anliegen von Gewerkschaftlern protegiert wird, ist wegen deren Ausschau nach Betätigungsfeldern und Neumitgliedern verständlich. Der Gesamtausschuss der Mitarbeitervertretungen verdrängt, dass auch dann keine Luftschlösser erreichbar wären. Gewerkschaftlich verhandelte Tarife sind nicht automatisch höher als etwa die Gehaltstabellen der Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR) der Diakonie.

Auch sei erinnert, dass tarifliches Augenmaß für den Fortbestand von Einrichtungen und damit von Arbeitsplätzen unverzichtbar ist.

Nun sind diakonische Arbeitsvertragsrichtlinien zu komplizierten Texten und Tabellen herangereift, die nicht alle Beteiligten verstehen oder gar weiterentwickeln können. Da mag mancher Dienstgeber überfordert sein.

Erst recht Dienstnehmende, die sich als Krankenschwester, Ärztin, Hausmeister oder Sekretärin nicht auch noch zu Arbeitsrechtsexperten und Tarifmathematikern entwickeln wollen. Genau ­dafür regelte unsere Synode beispielsweise die Kostenübernahme für Experten, Sachkosten, Weiterbildung und Freistellungen für die Arbeitnehmerseite.

Als Geschäftsführer und Diakon in einer evangelischen Rehabilitationsklinik ist mir eine vertrauensvolle Zusammenarbeit wichtig, die sich »in guten und schlechten Kliniktagen« bewährt. Streikposten in Warnwesten, Aussperrungen und Arbeitskampf würden dem Renommee der Klinik und damit unmittelbar den Arbeitsplätzen schaden. Das wäre der »Zweite Weg«. Auch der »Erste Weg«, die einseitige Gehaltsanordnung, würde mir schwerfallen. Zu viele Risiken und Ungerechtigkeiten drohten, wenn individuelle Gehälter zu vereinbaren wären.

Bleibt also der »Dritte Weg«. Ein reiner Verhandlungsweg einer Dienstgemeinschaft, an dessen Ende ein gemeinsam errungenes Gehaltsergebnis steht.

Mir erschließt sich einfach nicht, was am zielführenden und verpflichtenden Aushandeln so schlecht sein sollte. Hardliner mögen den Begriff der Dienstgemeinschaft kritisieren. Vielleicht machten sie schlechte Erfahrungen. Mit ihrem eigenen AVR-Dienstvertrag haben sie sich allerdings vertraglich daran gebunden. Die ständige Sehnsucht nach »anderen Mitteln« lähmt einfach nur.

Eckart Behr ist Geschäftsführer der Sophienklinik Bad Sulza

 

Kontra: Annegret Köhlmann

DiakonieBis etwa 2003 haben vernünftigerweise alle Arbeitsrechtlichen Kommissionen (ARK) in der Diakonie, der Caritas und in den Kirchen im Wesentlichen einen bereits bestehenden Tarifvertrag übernommen, den Bundesangestellten-Tarifvertrag (BAT). Die Kommissionen hatten eine Koordinierungsaufgabe, keine Konfliktlösungsaufgabe.

Erste Schwierigkeiten entstanden durch Veränderungen in der Sozialpolitik in den 1990er Jahren. Das Selbstkostendeckungsprinzip wurde nicht mehr gewährleistet, die Einrichtungen bekamen ihre Kosten nicht mehr vollständig von den Kostenträgern erstattet.

Die Vorrangstellung der Träger der Freien Wohlfahrtspflege entfiel. Freie Marktwirtschaft, Wettbewerb und Konkurrenz ­unter den »Leistungserbringern« war das Ziel. Die Diakonie als eine der größten Arbeitgeberinnen auf dem Sozialmarkt verpasste es, sich politisch dagegen zu wehren.

Das neoliberale Denken fand Einlass in die Köpfe vieler christlicher Geschäftsführer diakonischer Einrichtungen. Man zog es vor, sich vom Tarif des öffentlichen Dienstes zu lösen und den Druck nach unten, an die Beschäftigten weiterzugeben.

Zu diesem Zweck bildeten sich Arbeitgeberverbände in der Diakonie, zum Beispiel der Verband diakonischer Dienstgeber in Deutschland (VdDD). Dieser schloss sich der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) an und ist dort auch im Vorstand vertreten.

Die Arbeitgeberverbände in der Diakonie entwickeln Personalkostensenkungskonzepte, sie erlangten Einfluss in allen wichtigen Gremien und bestimmen die Arbeitgeberpositionen in vielen Arbeitsrechtlichen Kommissionen.

Der Konflikt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist in der Diakonie aufgebrochen. Dieser Konflikt kann in den Kommissionen nicht gleichgewichtig gelöst werden, denn die Arbeitgeber sind dort strukturell überlegen. Sie können die Forderungen der Arbeitnehmer einfach aussitzen. Die Schlichtungsausschüsse bieten für die Arbeitnehmer keinen Ersatz, denn die Arbeitgeber können deren Beschlüsse ignorieren.

Durch etliche Entscheidungen wurde die Position der Arbeitnehmervertreter in den ARKs weiter geschwächt: So ­entschied der Kirchengerichtshof der Evangelischen Kirche von Deutschland im Januar 2010, dass Mitarbeitervertretungen die Beschäftigten nicht über die Verhandlungen in den Kommissionen informieren dürfen.

Die Diakonische Konferenz beschloss im Juni 2010 den Ausschluss kritischer Mitarbeitervertretungen aus der ARK. Und in der ARK des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ­können per kirchengesetzlicher Regelung Beschlüsse auch ohne die Anwesenheit von Arbeitnehmervertretern gefasst werden.

Die Kommissionen sind ein Mittel der Arbeitgeber, ihre Interessen durchzusetzen. Sie sind kein Konsensmodell. Sie verletzen die Grundrechte der Beschäftigten. Die Beschäftigten in der Diakonie brauchen deshalb eigene gewerkschaftlich gestützte Verhandlungsmacht.

Annegret Köhlmann ist Vorsitzende des Gesamtausschusses der Mitarbeitervertretungen der Diakonie Mitteldeutschland

 

Die Menschen erwarten, dass die Kirche für sie da ist

1. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Demokratietest für die Gläubigen – eine Staatskirche auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

 

In Norwegen hat bis dato die lutherische Kirche den Status einer Staatskirche. Doch das soll sich mit der bevorstehenden Kirchenwahl ändern.
 

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Rund 80 Prozent der Einwohner Norwegens sind Mitglieder der evangelisch-lutherischen Volkskirche »Den norske kyrkja«. Am 12. September haben sie die Wahl. Sie dürfen nicht nur ihre Vertreter für die Kommunal- und Regionalparlamente, sondern auch für die Kirchgemeinde- und Bistumsräte wählen. Die kirchlichen Wahllokale befinden sich häufig Tür an Tür mit den staatlichen. Dies geschieht auf Anweisung des Staates, denn die Kirche ist de facto noch immer eine Staatskirche.

Der Staat finanziert die Gehälter der Pfarrer und der anderen Angestellten der elf Bistümer. Die Kosten der lokalen kirchlichen Arbeit tragen fast ganz die Kommunen. Der Staat ­ernennt im Gegenzug aber auch die Bischöfe und mischt sich durchaus in theologische Fragen ein.
Deshalb ist diese Kirchenwahl so wichtig, auch wenn es bereits die zweite innerhalb von zwei Jahren ist: Sie ist nämlich ein Demokratietest für die Kirche.

Die Kirche soll das Wählen lernen, deshalb wurde 2009 gemeinsam mit den Parlamentswahlen gewählt und dann gründlich evaluiert: Während 1997 nur drei Prozent und 2005 etwas mehr als vier Prozent der Kirchenmitglieder zur Wahl gingen, waren es 2009 immerhin schon 13 Prozent.

Doch es gab Schwachstellen: Weil etwa die Kandidatenlisten für die Wahlen zu den Bistumsräten und ­damit auch zum »Kyrkjemø« genannten Kirchenparlament alphabetisch sortiert waren, war es für Herrn und Frau Andersen wesentlich einfacher gewählt zu werden als für Frau Øygard oder Aartun, da viele einfach nichts an den Stimmzetteln veränderten und somit die ersten Kandidaten der Liste wählten. Æ, Ø, und AA beziehungsweise Å sind nun einmal die letzten Buchstaben des norwegischen Alphabetes.

Doch grundsätzlich haben sich alle Parteien darauf verständigt, dass die Kirche eine Glaubensgemeinschaft und kein staatliches Religionswesen sein soll. Besteht die Kirche den Demokratietest, darf sie sich in Zukunft stärker selbst verwalten, ihre Bischöfe selbst wählen und der evangelisch-­lutherische Glaube wird nicht mehr Staatsreligion sein.

17 Prozent Wahlbeteiligung sind zwar keine explizite Bedingung des Staates, werden aber von der Kirche angestrebt. Dazu werden Anzeigen geschaltet und es wird fleißig plakatiert.

Norwegen kennt keine Kirchensteuer. Die Volkskirche wird durch den Staatshaushalt und die kommunalen Haushalte finanziert. Alle anderen Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften erhalten sowohl auf staatlicher als auch auf kommunaler Ebene einen Zuschuss, der dem entspricht, was die Volkskirche pro Mitglied vom Staat ­erhält. Niemand verlässt die Kirche also aus finanziellen Gründen und die absolute Mitgliederzahl geht auch nur leicht zurück.

Die prozentuale Mitgliederzahl nimmt allerdings kontinuierlich ab, denn die Volkskirche ist vor allem eine norwegische Kirche. Man muss getauft sein und entweder norwegischer Staatsbürger oder in Norwegen wohnhaft sein, um Mitglied sein zu können.

Ist man nicht in der Kirche in Norwegen getauft, muss man aktiv eintreten. Den vielen Einwanderern ist dies nicht bekannt. Deshalb gelten zum Beispiel die meisten deutschen Einwanderer laut Statistik als konfes­sionslos, auch wenn sie evangelisch oder katholisch sind.

Das Wappen der Norwegischen Kirche.

Das Wappen der Norwegischen Kirche.

Doch auch, wenn jemand darum weiß, kann noch einiges schiefgehen: Als ich nach Norwegen zog, trat ich als Student ordnungsgemäß in die Kirche ein, auch wenn es einige Zeit dauerte bis man das entsprechende Formular gefunden hatte. Ich erhielt eine Eintrittsbestätigung und konnte später in der norwegischen Kirche zum Pfarrer ordiniert werden.

Als ich dann als Gemeindepfarrer nach zwei Jahren im Amt bei meiner ersten Kirchenwahl das Mitgliedsregister überprüfte, musste ich feststellen, dass ich dort nicht als Mitglied geführt wurde. Erst nach einem Anruf war ich dann endlich Mitglied der Kirche, für die ich ­arbeite.

Eine Weltanschauung zu haben ist nach norwegischer Sicht ein Grundbedürfnis des Menschen und wichtig für eine funktionierende Gesellschaft.

Deshalb betreibt der Staat eine aktiv stützende Religionspolitik. Und die Menschen erwarten, dass die Kirche für sie da ist: zur Taufe, Konfirmation und auf jeden Fall zur Beerdigung.

Doch auch in persönlichen, lokalen und nationalen Krisen ist vielen die Kirche wichtig. Es gibt häufig einen engagierten Gemeindekern. Aber darüber hinaus ist es oft schwierig, die Menschen zu mobilisieren.

Ob dies bei der ­anstehenden Wahl gelingt? Doch: Wie hoch ist eigentlich die Wahlbeteiligung bei Gemeindekirchenratswahlen in den deutschen Landeskirchen, die doch schon bald 100 Jahre vom Staat unabhängig sind?

Michael Hoffmann

Der Autor stammt aus Sachsen und ist ­Gemeindepfarrer in den norwegischen Gemeinden Haram und Fjø.