Ein Fest der Seele und des Kommerzes

28. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Die traditionelle Wallfahrt von Warschau nach Tschenstochau fand in diesem Sommer zum 300. Mal statt. Doch Pilger ziehen das ganze Jahr über zur Schwarzen Madonna – ein Boom, der auch wirtschaftliche Bedeutung hat.	(Foto: Jens Mattern)

Die traditionelle Wallfahrt von Warschau nach Tschenstochau fand in diesem Sommer zum 300. Mal statt. Doch Pilger ziehen das ganze Jahr über zur Schwarzen Madonna – ein Boom, der auch wirtschaftliche Bedeutung hat. (Foto: Jens Mattern)


Polen: Im August und September ziehen die Hauptscharen der Pilger zur »Schwarzen Madonna« nach Tschenstochau.


Im katholischen Polen hat Pilgern eine lange Tradition. Im Mittelpunkt steht dabei das Nationalheiligtum auf dem Klarenberg.

Gitarren spielen auf, Marienlieder erklingen und die Glocken der Kirchen auf der »Krakauer Vorstadtstraße« läuten. Aus Megaphonen tönen Anweisungen, nach denen sich die Menschen mit den ­Hals­tüchern, Rucksäcken und unterschiedlichstem Wanderschuhwerk zu einer Gruppe formieren. Dann rückt ein Pilgerzug mit rund 200 Menschen los. Insgesamt sind 2000 auf dem Platz vor der St.-Anna-Kirche in der Warschauer Altstadt versammelt.

Anfang August begann in Warschau wieder der große Aufbruch zur Schwarzen Madonna, dem berühmten Abbild der Gottesmutter im Wallfahrtsort im schlesischen Częstochowa/Tschenstochau. »300 Jahre mit Maria auf der Pilgerschaft des Glaubens«, heißt der Leitspruch der diesjährigen Pilgerfahrt, die nunmehr zum 300. Mal stattfindet.

Im Jahre 1711 liefen Pauliner-Mönche von Warschau erstmals als Geste des Dankes die Strecke bis zum Kloster Jasna Góra (Heller Berg oder auch Klarenberg). Eine jahrelange Typhus-Epidemie in der Königsstadt war damals endlich vorbei: Die Schwarze Madonna hatte ihre Fürbitten erhört.

Rund 85000 liefen dieses Jahr Strecken von bis zu über 600 Kilometern, um an Mariä Himmelfahrt (15. August) den Hellen Berg zu erreichen. Doch in Tschenstochau ist eigentlich immer Pilgerzeit.

Während in Polen das Vertrauen in die Kirche rapide abnimmt, erfreut sich das Wallfahren einer immer größeren Beliebtheit. Es sind jedoch vornehmlich nicht die Armen, die sprichwörtlichen »Mühseligen und Beladenen«, die sich über den sommerlichen Asphalt quälen.

Das Pilgern zu Fuß ist eine Angelegenheit der gebildeten Schicht, deren Vertreter in der Welt der Banken aber auch in den beiden konservativen Parteien das Sagen haben.

Mittelschicht-Wallfahrt, gesponsert von Toyota

Dass nun Tausende von zahlungskräftigen Pilgern die Landstraßen bevölkern, macht sie auch als Konsumenten interessant. Dies beginnt schon bei der Landbevölkerung, die traditionell kostenlos Tische mit Essen an den Straßenrand stellte. Doch das ist vorbei.

Heutzutage wird von den mit Mobiltelefon und Navigationsgeräten ausgerüsteten Wallfahrern Geld verlangt. Aber auch die kirchlichen Ausrichter gehen mit der Zeit: Die größte Pilgerorganisation, die »Warschauer Oberbischöfliche Akademische Pilgerfahrt«, hatte jüngst Toyota als Sponsor gewonnen: »Ihre Fahrzeuge bringen das Gepäck an die Schlafstellen, auf ihren Karosserien haben sie Slogans, die die Pilger begrüßen, erklärt Priester Piotr Jawoski.

»Emotionalisierte Kundenbindung« würde man das in der Fachsprache der Werbung nennen. Davon träumt auch die Stadt Tschenstochau. Die Pilgerströme, die, durch 70 Gemeindepolizisten gebändigt und von mehreren Krankenwagen betreut, die maroden Straßen verstopfen, würden nicht genug Geld für die Stadt abwerfen.

So klagt der Stadtrat, dem ein Bürgermeister der Linkspartei SLD vorsteht. Trotz Protests der konservativen Parteien will die Stadt nun eine Kopfsteuer von umgerechnet 50 Cent auf die Pilger erheben und dabei auch – wie gewagt! – die Bischöfe abkassieren.

Bislang galt, dass das Geld der ­Pilger vornehmlich dem Klerus zukommt: 800 Übernachtungsplätze offeriert das Paulinerkloster, von den 4500 weiteren Betten in der Stadt ­gehören über die Hälfte dem Klerus. Auch befindet sich das Kloster in harter Konkurrenz zu den vielen Buden mit Devotionalien, die teils in China hergestellte Artikel vertreiben.

Die Pauliner selbst betreiben die Geschäftskette »Clarmontana«, welche die kleinen Familienbetriebe angeblich gern verbieten würden.

Pilgern – ein wachsender »Wirtschaftszweig«

Pilgern ist in Polen durchaus ein ­eigener »Wirtschaftszweig«. Neben Tschenstochau werden gern weitere Ziele im In- und Ausland anvisiert: Etwa sieben Millionen, rund 15 Prozent der Bevölkerung, reisen jährlich zu heiligen Stätten.

Und trotz Wirtschaftskrise verzeichnen Pilgerreisebüros jüngst einen Anstieg von 30 Prozent beim »Religionstourismus«.

Doch das Zentrum der polnischen Katholiken bleibt der Helle Berg, der auch jenseits des Augusts Konjunktur hat. Dann reisen die Pilgerscharen nach Berufsgruppen geordnet zur Fürbitte an.

Anfang September bitten die Landwirte um den Segen der ­Gottesmutter, danach sind die Zöllner und Finanzbeamten dran. Im Mai ­baten bereits die Bankkaufleute um eine günstige Konjunktur. Seit der Wirtschaftskrise, so bemerkte das Fachblatt »puls biznesu«, hat speziell diese Pilgergruppe sehr stark zugenommen.

Jens Mattern

»An Zufälle glaube ich nicht mehr«

28. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Wie Menschen zum Glauben kommen – Zum Beispiel Torsten Geschke aus Wolfen.

Torsten Geschke

Torsten Geschke

Torsten Geschke, Physiotherapeut, 38 Jahre, ist durch seinen dreijährigen Sohn zum Glauben gekommen. Till Gregor, das erste Kind von Anja Topat und Torsten Geschke, ist am 7. Juni 2008 geboren. Als er da ist, fragen sich seine Eltern, wie sie ihn erziehen, welche Werte sie ihm vermitteln sollten?

Bestimmte Haltungen, darin sind sich beide einig, wollen sie ihrem Sohn auf keinen Fall beibringen, zum Beispiel die, dass materieller Besitz und Status Anerkennung bringt, nach dem Motto: »Hast du was, dann bist du was.«

Ob es vielleicht in der Kirche noch andere Werte geben könnte? Nur vage denken sie an diese Möglichkeit. Doch weder Torsten Geschke noch seine Partnerin sind in der Kirche.

Doch Anja Topat arbeitet in einer Kirche, im Merseburger Dom, wo sie unter anderem Führungen macht. Obwohl sie nicht in der Kirche ist, bewarb sie sich nach ihrem Studium der Kommunikation und Medienpädagogik um die Stelle dort – und bekam sie.

Bereits während der Schwangerschaft schlägt der Pfarrer vor, das Kind nach der Geburt taufen zu lassen und signalisiert, dass dies möglich sei, auch wenn die Eltern selbst nicht der Kirche angehören. »Wir hatten ein sehr aufschlussreiches und angenehmes Gespräch mit dem Pfarrer und haben uns für die Taufe entschieden«, erzählt Geschke.

An Zufälle glaube er inzwischen nicht mehr. Erst recht nicht, wenn er daran denkt, wie ihn scheinbar zufällige Ereignisse zum Glauben führten.

Ihren Till Gregor wollen die Eltern später zur Christenlehre schicken, sie selbst können ihm keine christlichen Werte vermitteln, finden es aber ganz in Ordnung, wenn ihr Sohn auf diese Weise zwei Seiten kennenlernt, Christen und Nichtchristen. Doch dann kommt es anders.

Nach einem Umzug innerhalb Leipzigs befreundet sich die junge Familie mit ihren neuen Nachbarn. Diese sind Christen und laden das Paar nach einigen Gesprächen zu einem Glaubenskurs in die Nathanelkirchgemeinde in Leipzig-Lindenau ein.

Anja Topat hat momentan dazu keine Zeit, Torsten Geschke lässt sich nach einigem Zögern darauf ein. Beeindruckt ist er von der freundlichen Begrüßung, »dass mir jeder in der ­Gemeinde die Hand gereicht und freundlich gelächelt hat«.

Trotzdem denkt er: »Es muss einen Haken geben. Es wirkte wie eine Großveranstaltung einer Versicherung.« Nach den ersten Abenden stellen sich große Zweifel ein.

»Ich bin Realist«, sagt er. »Es kann nicht sein, dass eine Person, die man nicht sehen kann, eine Welt erschafft. Oder dass jemand zu Tode gefoltert wird, das war die Kreuzigung Jesu, nach drei Tagen aufersteht. Das funktioniert nicht.«

Weitere Veranstaltungen will er nicht besuchen. Jedoch die Diskussionen in der Gemeinde und danach mit seinem Freund auf dem Nachhauseweg findet er hoch ­interessant. »Das waren tiefgründige und auch ergreifende Gespräche.«

Und so vergeht ein Abend nach dem anderen bis das Thema »Heiliger Geist« dran ist. »Dabei habe ich eine außergewöhnliche Erfahrung ­gemacht«, erinnert er sich. Nach dem Videovortrag sind Vier-Augen-Gespräche zwischen den Kursteilnehmern und Mitgliedern der Gemeinde vorgesehen.

Peinliche Stille!

Der ­Pfarrer ist der Einzige, mit dem sich Geschke ein Gespräch vorstellen könnte, doch der verlässt den Raum. »Ich dachte, gut, dann gehe ich eben auch nach Hause. Rumsitzen muss ich hier nicht«, so Geschke.

Er ist überrascht und irritiert, als der Pfarrer vor der Tür steht. Kurze Zeit später folgt er ihm zu einem Gespräch unter vier ­Augen. Der Pfarrer beginnt mit einem Gebet, er bittet um den Heiligen Geist.

In diesem Moment habe er ein Gefühl absoluter Euphorie erlebt, schildert Geschke. »Das war eine Erfahrung, die mich irritiert hat.«

Doch mit diesem Erlebnis steht fest: »Ich lasse mich taufen.«

Sein Leben, sagt Geschke, habe sich seitdem verändert. »Fakt ist, da bin ich wieder Realist, es zählt das Ergebnis. Ich habe mehr Ruhe und Gelassenheit. Das Gebet gehört jetzt zum alltäglichen Leben. Und das ist wunderbar. Zu beten, das ist eine wunderbare Sache. Und man sieht, dass sich etwas ändert.«

Wie Geschke zum Glauben gefunden hat, das ist ein Prozess, der einige Jahre gedauert hat. »Vielleicht hätte es nicht funktioniert, wenn meine Frau damals nicht im Dom angefangen hätte«, sinniert er. Sie wolle übrigens demnächst ebenfalls einen Glaubenskurs besuchen.

2010 kam Leonhard, ihr zweiter Sohn zur Welt, er wurde dieses Jahr im Mai getauft.

Vor einigen Wochen ist die Familie von Leipzig nach Wolfen gezogen, wo Geschke eine Sport- und Physiotherapeutische Praxis eröffnet hat.

Sabine Kuschel

Wärme für allzu coole Jungs

27. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Vorgestellt: Eine Seelsorgerin hilft jungen Männern beim Erwachsenwerden in der Haft.

 
Beeindruckt vom Raum der Dresdner Frauenkirche: Gefängnisseelsorgerin Gabriele Sommer mit Jugendlichen aus dem offenen Vollzug der Jugendanstalt Raßnitz. (Foto: Steffen Giersch)

Beeindruckt vom Raum der Dresdner Frauenkirche: Gefängnisseelsorgerin Gabriele Sommer mit Jugendlichen aus dem offenen Vollzug der Jugendanstalt Raßnitz. (Foto: Steffen Giersch)


Gefängnisseelsorgerin Gabriele Sommer übt mit Gefangenen in der Jugendanstalt im sachsen-anhaltischen Raßnitz soziales Verhalten. Zugleich öffnet sie ihnen eine Tür zum Glauben.

Sie geben sich cool. Viel Reden ist nicht. »Geile Bräute hier«, witzelt ­einer. Aber in der Frauenkirche kommen sie dann doch ins Staunen. In Dresden gewesen sind manche schon. Den wieder errichteten Barockbau indes betreten sie zum ersten Mal. Einer findet die Malerei besonders interessant. »Dass die damals für den Bau nur sieben Jahre länger gebraucht haben als heute, alles mit Hand, nur primitive Technik – alle Achtung«, meint ein anderer. Er ist gelernter Maurer.

In ihren bunt bedruckten T-Shirts, Jeans und Turnschuhen, die Schirmkappen lässig auf den Hinterkopf geschoben, sind die zwölf Jungs zwischen 18 und 24 Jahren nicht von anderen ihres Alters zu unterscheiden. Doch mitten unter Touristen gemächlich durch das Zentrum einer Großstadt zu schlendern – das haben sie schon lange nicht machen können.

Die einen ein Dreivierteljahr nicht, manche drei Jahre. Je nachdem, zu wie viel Monaten Jugendhaft das Gericht sie verurteilt hat.

Den größten Teil davon haben sie verbüßt. In der 2002 errichteten Jugend­anstalt Raßnitz, im Südosten Sachsen-Anhalts, die bewusst auf das Wort »Haft« in ihrem Namen verzichtet. Sie alle sind im offenen Vollzug. Der Tag der Entlassung ist abzusehen.

»Eingliederungsphase« heißt das offiziell. »Sie stehen an der Schwelle«, sagt Gabriele Sommer. Sie ist evangelische Gefängnisseelsorgerin, seit Eröffnung der Jugendanstalt.

Neben zwei Vollzugsbeamten begleitet sie die Jugendlichen auf dieser Exkursion. Die ist ein Gemeinschaftsprojekt von ­Gefängnis, Seelsorge und dem Europäischen Bildungswerk für Beruf und ­Gesellschaft (EBG). Teil eines Vier-Stufen-Programms, das im offenen Vollzug beginnt, die Jugendlichen in Erwerbstätigkeit begleitet und sie sozial zu integrieren versucht, wie Olaf Erxleben vom EBG erläutert.

Gabriele Sommer hat die zwölf in die Unterkirche der Frauenkirche begleitet, wo der Künstler Michael Schoenholtz einen »Turm der Gebote« gestaltet hat, und jedem ein Blatt ausgehändigt. Darauf hat sie den Dekalog zu »10 Geboten für Entlassene« umformuliert.

»An erster Stelle deines Lebens steht nicht die Angst vor neuen Straftaten, sondern die Liebe Gottes für dein Leben in dieser Welt«, lautet das 1. Gebot.

Auf viel Wissen über Religion kann sie bei den Gefangenen nicht bauen. »Sie ­haben wenig Bezug zu Kirche.« Als einen Grund dafür sieht sie die soziale Vernachlässigung in der Kindheit, die manche in die Kriminalität abdriften lässt. Worum es ihr in der Seelsorge deshalb vor allem geht: »permanentes Einüben in soziales Verhalten«. Zugleich will sie mit dem christlichen Glauben bekannt machen. »Zumindest kann ich versuchen, ihnen eine Tür dorthin zu öffnen.«

Aufgebaut sei die Raßnitzer Jugendanstalt wie ein Dorf, erzählt sie. »Und in der Mitte steht eine Kirche.« Ein Ort für das Erzählen, für Trost und Begegnung sei dieses Gebäude. Elf Gottesdienste für ­unterschiedliche Gefangenengruppen haben sie dort etwa zu Ostern gefeiert, besucht von mehr als einem Drittel der Gefangenen.

Zu den Höhepunkten ihrer Arbeit gehören die Taufen. Erst am vergangenen Sonnabend, dem 20. August, war es wieder einmal soweit. Nach zwölf Taufkurstreffen wollten zwei junge Männer ihre Hinwendung zum christlichen Glauben festmachen.

Jede Menge Einzelgespräche gehören zum Alltag der Seelsorgerin. Im Seelsorgezentrum, in der Krankenstube oder in der Zelle sitzen ihr dann junge Menschen gegenüber, die nicht selten Gewalt in der Kindheit erlebt haben, später selber gewalttätig geworden sind. »Und nun müssen sie unter den Bedingungen der Haft erwachsen werden.« Vielen fehle einfach ein anderer, der sie mit Achtung behandelt, sie zum Nachdenken über sich selbst anregt, ihnen Selbstwertgefühl vermittelt.

Auch künstlerisch arbeitet sie mit ihnen. In einer Gruppe mit maximal sieben Gefangenen. »Meditation Farbe» hat sie ihr Konzept genannt.

»Wir schauen uns zum Beispiel ein Bild an oder konzentrieren uns auf etwas, das existenziell berührt.« Aus dieser Meditation heraus gestalten sie dann gemeinsam ein Bild. »Die Erfahrungen der Einzelnen werden da zum Gruppenerlebnis.« Auf diese Weise sind in Wachskratztechnik oder als ­Collage drei Jahreskalender und mehrere Ansichtskarten entstanden.

»Den Glauben ins Leben ziehen« – das möchte Gabriele Sommer. Und die Gefangenen Kirche als Ort erleben lassen, wo sie Halt finden können.

»Vielleicht ­erinnert sich der eine oder andere später daran, dass er zu einem Pfarrer oder zur Beratungsstelle der Diakonie gehen kann.« Zugleich ist sie dankbar für die große Unterstützung ihrer Arbeit durch die Anstaltsleitung.

Mal in der Frauenkirche gestanden zu haben, das findet einer der Jugendlichen schon beeindruckend. Bei seinen letzten Besuchen in Dresden habe er andere Ziele gehabt. »Vielleicht komme ich ­später mal wieder, mit Familie eventuell. Ich kenne mich ja jetzt aus.«

Tomas Gärtner

»Wir haben durch Loriot lachen gelernt«

26. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Vicco von Bülow alias Loriot mit seinem berühmten »Knollennasen-Männchen«. (Foto: ddp images/dapd)

Vicco von Bülow alias Loriot mit seinem berühmten »Knollennasen-Männchen«. (Foto: ddp images/dapd)


Am 22. August starb Vicco von Bülow, Deutschlands berühmtester Karikaturist.

»Mit 70 muss man damit rechnen, aus biologischen Gründen vertragsbrüchig zu werden …«, witzelte Loriot vor Jahren. Da war Vicco von Bülow selbst schon über 80. Und er begegnete dem eigenen Altern mit ­einer gehörigen Portion schwarzen Humors.

Am 22. August, Montagnacht, ist Deutschlands berühmtester Karikaturist mit 87 Jahren in Ammerland am Starnberger See gestorben – an Alterschwäche. Als einer der ersten brachte Bundespräsident Christian Wulff seine Trauer zum Ausdruck: »Wir haben durch Loriot lachen gelernt.«

»Wach bleiben, nichts als selbstverständlich hinnehmen und sich über alles wundern« – hatte der einst sein Erfolgsrezept beschrieben.

Als Cartoonist, Autor, Schauspieler und Regisseur war Loriot vor allem für seine exakte Planung von Witz und Hintergründigkeit bekannt. »Ich zeige ja allzu menschliche Dinge, die wirklich jedem passieren und einen großen Wiedererkennungswert haben«, sagte er. Über bestimmte Themen wie etwa Kirche mache er jedoch keine Witze, erläuterte er einmal.

Den meisten Deutschen ist er wohl durch die gespielten Sketche seiner sechsteiligen Fernsehserie »Loriot« im Gedächtnis – oft an der Seite von Evelyn Hamann (1947–2007). Legendär ist etwa die »Liebeserklärung«, die an einer Nudel auf der Nase scheitert.

Aber auch die Trickfilme mit Dr. Klöbner, Herrn Müller-Lüdenscheidt und einer Gummi-Ente in der Hotelbadewanne zählen zu den unvergessenen Loriot-Klassikern. Später wurden seine Kinofilme »Ödipussi« (1988) oder »Pappa ante portas« (1990) zu großen Erfolgen.

Der am 12. November 1923 in Brandenburg an der Havel geborene Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow stammt aus einer alten preußischen Offiziersfamilie. Er wuchs bei seiner Großmutter in Berlin auf, wurde zum Kriegsdienst eingezogen, nahm am Russlandfeldzug teil.

Nach Kriegsende studierte er Malerei und Grafik und zeichnete ab 1950 unter dem Pseudonym »Loriot« Karikaturen. Der Name, der später sein Markenzeichen wurde, geht auf das Wappentier der Familie zurück: den starengroßen, gelbschwarzen Pirol, der auf Französisch Loriot heißt.

Vicco von Bülow war seit 1951 mit seiner Frau Romi verheiratet und ­Vater von zwei Töchtern. Er lebte bis ­zuletzt am Starnberger See.

In einem Interview äußerte er sich zu seinem Glauben: »Ich bin ein ganz normal erzogener norddeutscher Christ. Das spielt in meinem Leben schon eine Rolle. Ich versuche, nicht gereizt zu reagieren auf Dinge, die mir nicht gefallen.« Und seine Reaktion auf die Frage, was ihn trösten würde: »Schwer zu sagen. Die Bibel? Ja, sicher.«

Seit einigen Jahren war es stiller geworden um ihn. Loriot hatte sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Das Fernsehen sei heute »zu schnell geworden für meine Komik«, befand er. Die von ihm stets angestrebte und geleistete »komische Qualität« sei kaum mehr erreichbar im hektischen TV-Geschäft. Besonders zugeneigt blieb der Humorist zeitlebens dagegen der klassischen Musik und der Oper.

Anlässlich seines 85. Geburtstags zeigte das Berliner Museum für Film und Fernsehen 2008/2009 die bislang größte Ausstellung zu seinem Werk. Das ist hochdekoriert, unter anderem mit einem Adolf-Grimme-Preis (1974), der Goldenen Kamera (1978), dem Deutschen Kleinkunstpreis (1979), zwei »Bambis« (1988, 1993), dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache (2004) und dem Deutschen Comedypreis/Ehrenpreis (2007). Victor von Bülow ist zudem Träger des Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1998).

Dem Publikum bleibt er wohl vor allem durch seine Filme und Fernsehsketche in Erinnerung. »Der deutsche Film ist angenehmer als eine Nase, denn bei durchschnittlicher Länge läuft er nur 90 Minuten.« Diesen Ausspruch über die Filmkunst legte Vicco von Bülow seinem berühmten Knollennasen-Männchen in den Mund.

Andreas Rehnolt und Renate Kortheuer-Schüring (epd)

Streit um Fliege

26. August 2011 von redaktionguh  
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Foto_Fliege

Scharfe Kritik an dem früheren »Fernsehpfarrer«.

 
Mit immer absonderlicheren Äußerungen zum christlichen Glauben macht der ehemalige Fernsehpfarrer Jürgen Fliege von sich reden. Nachdem der evangelische Theologe wegen eines von ihm vertriebenen »Weihwassers«, der sogenannten »Fliege-Essenz«, in die Kritik von Medien und Sektenexperten geraten war, griff er in der Fernsehsendung »RTL exclusiv weekend« die biblischen Texte zur Wiederkunft Christi an: Dass eines Tages die Welt untergehe und einer vom Himmel komme, sei schlimmer, als alles, was die Scientologen sich ausgedacht hätten, so Fliege.

Zuvor hatte die frühere Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta Jürgen Fliege vorgeworfen, sich immer stärker der Esoterik zuzuwenden und mit Scientologen zusammenzuarbeiten. Bei dem von ihm seit mehreren Jahren im bayerischen Bad Wörishofen veranstalteten »Flieges Wörishofener Herbst« treten Geistheiler und Schamanen auf.

In der vergangenen Woche war Jürgen Fliege nun vor allem wegen seiner »Fliege-Essenz« in Kritik geraten. Dabei handelt es sich um eine Flüssigkeit, die Fliege während des Produktionsvorgangs gesegnet haben soll. »Ich lege meine Hände auf die Maschine, in der die Essenz hergestellt wird. Ich spreche das Vaterunser und 1. Korinther 13«, sagte Jürgen Fliege gegenüber der »Bild am Sonntag«. »Sie soll ein Segen sein«, so Fliege über die Essenz.

Scharfe Kritik an dieser Praxis äußerte etwa der Vorsitzende der EKD-Kammer für Theologie, der frühere Rektor der Berliner Humboldt-Universität, Christoph Markschies: »Offenbar ist Fliege nicht klar, dass wir in der evangelischen Kirche Menschen den Segen Gottes zusprechen, aber nicht wie Wundermänner irgendwelche Kräfte und Emotionen in materielle Objekte senden«, sagte Markschies dieser Zeitung. Fliege handele ganz sicher nicht wie ein evangelischer Pfarrer.

Eine andere Linie scheint dagegen der als rheinischer Präses auch für den Ruhestandspfarrer Jürgen Fliege zuständige EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider zu verfolgten: Gemäß ­einem im Juli veröffentlichten ­Kongressprogramm für den von Fliege veranstalteten »Wörishofener Herbst«, sollte Schneider dort als Referent auftreten.

Während die EKD dieses zunächst energisch ­dementierte, veröffentlichte Jürgen Fliege am 10. August per Pressemitteilung Auszüge eines Schreibens des EKD-Ratsvorsitzenden. Schneider habe demnach sehr wohl vorgehabt, den Kongress zu besuchen, aber wegen eines Terminproblems mit der Verleihung der Luthermedaille werde daraus nichts.

Außerdem habe er seinen Pressesprecher angewiesen, »dass ich bei aller schwierigen Vergangenheit einen respektvollen Ton der EKD Dir gegenüber wünsche. Und er weiß auch, dass ich zu Dir stehe.« Das zeugt von einer Vertraulichkeit zwischen Schneider und Fliege, die wohl aus der gemeinsamen Vikariatszeit in der Evangelischen Kirche im Rheinland resultiert.

Gleichzeitig jedoch legt es den Gedanken der persönlichen Befangenheit des Ratsvorsitzenden nahe: So wie schon in der Frage der Präimplantationsdiagnostik (PID) scheint der menschlich-persönliche Zugang Schneiders zu Betroffenen entscheidend für seine Urteilsbildung zu sein.

Benjamin Lassiwe

Die Drei in der Schule ist eine gute Zensur

22. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Spannend, der erste Tag in der Schule. (Foto: picture-alliance/dpa)

Spannend, der erste Tag in der Schule. (Foto: picture-alliance/dpa)


Schulanfang: Eltern sollten nicht zu hohe Erwartungen an die schulischen Leistungen ihrer Kinder stellen.


Die Note Drei honoriert eine im besten Sinne des Wortes befriedigende Leistung. Trotzdem hat die Zensur in den Augen vieler Eltern einen schweren Stand.

Wenn zum Schulanfang die Erstklässler mit ihren Zuckertüten zum ersten Mal den Weg zur Schule gehen, sind auch die Eltern voller Spannung. Was wird aus ihren Kindern einmal werden? Mit den Zensuren werden die Weichen dafür gestellt, welche beruflichen Chancen die Kinder später einmal ­haben werden. Eltern wünschen das Beste für ihr Kind und das ist in den Augen vieler Mütter und Väter das Gymnasium.

Also hoffen sie auf gute Zensuren, Einsen und Zweien.

»Das ist traurig«, sagt Heide Wendrich, Lehrerin an der 101. Mittelschule »Johannes Gutenberg« in Dresden, denn sie erlebt tagtäglich, dass der falsche Ehrgeiz der Eltern die Kinder überfordert.

Aber sie weiß auch aus eigener Erfahrung als Mutter, dass es für Eltern schwer zu akzeptieren ist, wenn die Kinder in der Schule nicht die erwarteten Leistungen bringen.

Alexander, ihr erster Sohn, hatte die ­erwünschten Einsen, Thomas, der zweite Sohn, Dreien.

»Wieso der das nicht schnallt«, sei für sie und ihren Mann Rolf schwer zu begreifen gewesen. »Thomas war in Rechtschreibung schlecht. Wir konnten nicht verlangen, dass er schreibt, was wir diktieren. Also haben wir das Abschreiben geübt. Erst wenn er eine Zeile aus dem Schulheft abgeschrieben hatte, durfte er spielen gehen«, erzählt Wendrich.

Nach ­ihrer Erfahrung ist es wichtig, dass die Kinder vom ersten Schultag an in ­kleinen Schritten an die neuen Anforderungen herangeführt werden. »Sie müssen das Lernen lernen«, betont die Lehrerin.

Eltern sollten sich jeden Tag eine halbe Stunde Zeit nehmen, nicht mehr, weil sonst das Kind die Lust verliere, und sich erzählen lassen, wie es in der Schule war. Sie rät Eltern, interessiert zuzuhören und sich zeigen zu lassen, was die ­Kinder in der Schule gemacht haben.

Eltern sollten den Kindern ­Erfolgserlebnisse organisieren.

Ein Erfolg für Kinder sei, wenn je nach Stundenplan Turnbeutel und Zeichenutensilien mit im Ranzen sind und nichts vergessen wird. Das sollten Eltern kontrollieren.

Leistungsdruck ist Wendrichs Meinung nach ungeeignet, um Kinder zum Lernen zu motivieren. »Unter Druck machen sie nichts mehr, sie ­rutschen ganz ab.« Stattdessen sollten Eltern mehr loben als tadeln. »Und sich über eine Drei freuen.«

»Wenn die Kinder höchstens Dreien schaffen, sage ich, das ist keine schlechte Note«, so Dr. Reinhold Goldmann, Schulleiter am Evangelischen Schulzentrum Mühlhausen. Seine Erfahrung ist, dass Eltern oft mehr erwarten als ihre Kinder zu ­leisten vermögen.

Zugleich beobachte er, dass die Leistungsbereitschaft der Kinder stark abgenommen habe. Das liege zum Teil an den Ablenkungen durch den Computer etc.

»Doch das Problem: Eltern unterstützen die Bequemlichkeit ihrer Kinder und wenn sie dann schlechte Noten bringen, machen sie die Schule verantwortlich. Das war früher anders. Wenn ein Kind einen Verweis bekommen hatte, bekam es Druck von seinen ­Eltern«, schildert Goldmann, der seit 30 Jahren Lehrer ist. Heute käme es immer häufiger vor, dass Eltern bei einem Verweis zweifelten, ob dieser seine Berechtigung habe.

Hendrik Felber, Lehrer am Evangelischen Kreuzgymnasium in Dresden, kennt Eltern, die das Augenmerk mehr auf die musischen Fähigkeiten ihrer Kinder legen und den anderen schulischen Leistungen keine so große Bedeutung einräumen.

»Es gibt Eltern, die sagen, mein Kind ist besonders begabt, es muss in Mathe keine Eins haben«, so Felber. Die ­Situation an der Kreuzschule sei insofern etwas anders, denn »wir lesen die Schüler aus«. Sie müssen wie an anderen Schulen auch eine Bildungsempfehlung fürs Gymnasium haben. Ihre Chancen seien größer, wenn sie bereits ein Instrument spielen. Dann dürften sie sogar einen etwas schlechteren Durchschnitt haben, weil für die Bands und Orchester immer Nachwuchs gebraucht würde, erklärt Felber.

Die Schulen haben verschiedene pädagogische Ansätze. Demzufolge kommen die Schülerinnen und Schüler mit ­unterschiedlichen Voraussetzungen ans Gymnasium.

»Manche langweilen sich, wenn ich ihnen ­Subjekt und ­Prädikat erläutere«, sagt Felber, der Deutsch und Latein unterrichtet.

Andere wüssten nicht, was sie tun sollten, wenn sie aufgefordert würden, einen längeren Text in Schreibschrift zu Papier zu bringen. »Auf dem Gymnasium ist die 5. Klasse dazu da, die Kinder auf einheitliche Anforderungen zu bringen.«

Einsen und Zweien zu bekommen, sei an manchen Schulen leichter als an anderen, bemerkt Reinhold Goldmann, wodurch mitunter Leistungen vorgetäuscht würden. Manchmal sei auch die Entscheidung, das Kind aufs ­Gymnasium zu schicken, eine falsche, so Hendrik Felber.

Das Halbjahreszeugnis der 4. Klas­se ist ausschlaggebend, in welche Schule die Kinder ab der 5. Klasse ­gehen und wird demzufolge von den Eltern mit großer Spannung erwartet.

»Ganz schlimm ist, wenn die Eltern den Wechsel aufs Gymnasium einklagen«, meint Heide Wendrich. In diesem Falle müssen die Kinder beim Schulamt eine Aufnahmeprüfung machen, schaffen sie die, dürfen sie aufs Gymnasium.

Nach Wendrichs Erfahrung wäre es viel besser, sie blieben bei entsprechenden Leistungen auf der Mittelschule, wo sie besser aufgehoben wären. »Sie sind sonst ­un­glücklich, schlafen aufgrund des psychi­schen Druckes schlecht.« Außerdem könnten sie, wenn sich die Leistungen in der 6. Klasse verbessern, immer noch aufs Gymnasium wechseln.

Der Mensch ist mehr als seine ­Leistung.

Gut und schlecht, oben und unten – das schulische Zensurensystem birgt die Gefahr in sich, dass die Kinder klassifiziert, mit ihrer Leistung identifiziert werden. »Das ist der Kardinalfehler, den Lehrer vermeiden sollten«, sagt Felber.

Hinter manchem Ehrgeiz der Eltern steht die Sorge, ihr Kind könnte später nicht seinen Platz im Leben ­finden. Dass Schulabgänger mit einer Drei auf dem Abschlusszeugnis keine Chance auf dem Ausbildungsmarkt hätten, kann Goldmann nicht bestätigen.

Im Gegenteil: Seine Erfahrung ist, dass sie alle eine Lehrstelle bekommen. »Wir haben auch Schüler mit sehr schlechten Abschlüssen, die trotzdem eine Lehrstelle gefunden ­haben, weil Mangel herrscht.«

Der Wert der Kinder ist nicht von ihren schulischen Leistungen, nicht von ihren Zensuren und auch nicht davon abhängig, welchen Beruf sie wählen. Es ist auch nicht nötig, dass alle einen Hochschulabschluss haben, denn es würden auch Arbeiter gebraucht, meint Heide Wendrich.

Deshalb wäre es gut, dass die Note Drei, die im besten Sinne des Wortes eine befriedigende Leistung honoriert, wieder zu Ehren kommt.

Sabine Kuschel

Auf einmal ist alles anders

19. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Argentinien: Seit Wochen leidet der Süden Argentiniens unter dem Ascheregen des Vulkans Puyehue.

Was wie Wintersportidylle aussieht, ist die von Vulkanasche überdeckte Landschaft in der Region San Martin de Los Andes. (Foto: GAW)

Was wie Wintersportidylle aussieht, ist die von Vulkanasche überdeckte Landschaft in der Region San Martin de Los Andes. (Foto: GAW)


Der Ausbruch eines isländischen Vulkans und seine ­Folgen für den Flugverkehr beschäftigte im vergangenen Jahr ganz Europa. In Südamerika spielt sich, kaum ­beachtet, Ähnliches ab.

Seit 1997 arbeitet Rainer Kalmbach im Süden Argentiniens als Pfarrer der Evangelischen Kirche am La Plata. Seine Diasporagemeinde reicht vom Rio Negro bis hinunter nach Feuerland und umfasst praktisch ganz Patagonien. Das Gebiet der Gemeinde ist größer als Mitteleuropa. Reiner Kalmbach: »Das bedeutet, dass ich ständig unterwegs bin – jeden Monat ungefähr 6000 Kilometer mit dem Auto.«

Der Hauptsitz der Gemeinde befindet sich in Allen, im Tal des Rio Negro, einem der größten Obstanbaugebiete der Welt. Ein weiteres Zentrum der Gemeinde ist San Martin de Los Andes.

Die 25000-Einwohner-Stadt liegt 540 Kilometer südöstlich von Allen in einem beliebten argentinischen Wintersportgebiet. Die Mitglieder der kleinen Missionsgemeinde in San Martin de los Andes treffen sich in Privaträumen, träumen aber von einem eigenen Gemeinderaum – als Treffpunkt und als sichtbares Zeichen des Gemeinde-Seins.

Vor Kurzem konnte die Gemeinde ein günstiges Grundstück kaufen, hat selbst gespart und auch das Gustav-Adolf-Werk (GAW) in Deutschland um Unterstützung gebeten.

Eigentlich sollte in diesen Tagen mit dem Bau des Gemeinderaumes begonnen werden. Doch auf einmal ist alles anders.

San Martin de Los Andes und die gesamte Region liegen seit Wochen unter einer etwa einen halben Meter dicken Ascheschicht begraben.

Seit Anfang Juni spuckt der chilenische Vulkan Puyehue Asche. Die Erde kommt nach dem schweren Beben in Chile im Februar 2010 nicht zur Ruhe. Von der mächtigen Aschewolke des Puyehue ist vor allem Argentinien betroffen, doch auch in Südafrika und Australien führte sie schon zu Ausfällen im Luftverkehr.

In San Martin de Los Andes und der gesamten betroffenen Region sind bereits mehr als eine Million Schafe verendet, weil das Gras mit Asche zugedeckt und das Wasser vergiftet ist.

Die Region lebt vom Tourismus, eigentlich sollte jetzt die Skisaison beginnen. Doch statt von Schnee ist alles mit Asche bedeckt. Feiner Aschenebel trübt die Luft und behindert die Sicht.

Reiner Kalmbach, der trotz der Asche regelmäßig in San Martin de Los Andes ist: »Die Situation ist schlimm. Die Vulkanologen prognostizieren, dass der Puyehue vor Ende August/Anfang September nicht zur Ruhe kommen wird.

5000 Arbeitsplätze sind allein in San Martin de Los Andes schon jetzt verloren gegangen.« So musste beispielsweise auch eine Familie, die zur Gemeinde gehört und von der Vermietung ihrer fünf Ferienbungalows lebt, ihren Betrieb schließen.

Die evangelische Gemeinde in San Martin de Los Andes hat indes einer Genossenschaft von Kleinbauern 5000 Euro gespendet für den Kauf dringend benötigter Futtermittel.

5000 Euro, das ist ungefähr die Hälfte des Geldes, das die Gemeinde für den Bau ihres Gemeinderaumes angespart hatte und dessen Grundsteinlegung wegen des Ascheregens nunmehr verschoben ist.

Wann der Bau beginnen kann ist ungewiss.

Irgendwann hört der Ascheregen auf, wird aufgeräumt und dann soll die Gemeinde ihren ­Gemeinderaum bauen können – um sich zu treffen, um auf Gottes Wort zu hören und um trotz des eigenen Mangels solidarisch zu sein mit anderen.

Enno Haaks

Enno Haaks ist Generalsekretär des in Leipzig ansässigen Gustav-Adolf-Werks (GAW). Als Diasporawerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland unterstützt es evangelische Minderheiten in 35 Ländern.

Von der Weltbühne ins Kloster

18. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Jubiläum: Vor zehn Jahren wurde in Volkenroda der Christus-Pavillon der Expo Hannover eingeweiht.

Zentrum für Kunst, Kultur und Spiritualität: Der Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda prägt heute die Ansicht der alten Zisterzienseranlage. (Foto: Kloster Volkenroda)

Zentrum für Kunst, Kultur und Spiritualität: Der Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda prägt heute die Ansicht der alten Zisterzienseranlage. (Foto: Kloster Volkenroda)

Als der futuristische Kubus aus Stahl, Glas und Marmor im ehemaligen Zinsterzienser-Kloster aufgestellt wurde, gab es viele skeptische Stimmen. Heute ist er wichtiges Teil dieses »spirituellen Kraftzentrums«.

Ein wenig überragt die Klosterkirche im thüringischen Volkenroda den 3000 Quadratmeter großen Bau an ihrer Seite. Dennoch prägt der Christus-Pavillon die Ansicht des früheren Zisterzienser-Klosters, dessen älteste Teile aus dem 12. Jahrhundert stammen. Als der futuristische Quader vor zehn Jahren in dem Dorf eingeweiht wurde, hatte er eine Vergangenheit auf internationaler Bühne hinter sich. Bei der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover war er mit 1,8 Millionen Besuchern das Aushängeschild der christlichen Kirchen.

Den Jahrestag der Einweihung in Volkenroda bei Mühlhausen feiern die evangelischen Landeskirchen von Mitteldeutschland und Hannover an diesem Wochenende vom 19. bis zum 21. August unter anderem in einem Gottesdienst mit ihren Bischöfen Ilse Junkermann und Ralf Meister. 100 Schwertransporter brachten im Anschluss an die Expo im Jahr 2000 die 800 Tonnen schwere Stahlkonstruktion nach Volkenroda.

Statt Trubel umgibt ihn dort ländliche Ruhe.

Damit die Kirchturmspitze tatsächlich der höchste Punkt blieb, wurde in Volkenroda die Erde abgetragen und der Pavillon drei Meter tiefer gelegt. »Am Anfang war er für die Leute ein gewisser Fremdkörper und ein West-Import, der auch Befremden ausgelöst hat«, weiß Albrecht Schödl aus Erzählungen. Inzwischen identifizierten sich viele mit dem Bau, sagt der Pfarrer, der seit knapp vier Jahren den Christus-Pavillon leitet. »Brautpaare lassen sich dort gern fotografieren.«

Einmal im Monat ist Bauernmarkt am Kloster. Die Mitglieder der Jesus-Bruderschaft, einer Kommunität mit Familien- und zölibatär lebenden Mitgliedern, die im Kloster leben, sorgen Schödl zufolge für eine gastfreundliche Atmosphäre.

40000 Besucher im Jahr zählt Volkenroda, zu dem auch ein Jugendbildungszentrum gehört. Der von dem Star-Architekten Meinhard von Gerkan entworfene Christus-Pavillon aus Stahl, Glas und durchscheinendem Marmor ist längst mehr als ein für Touristen interessantes Bauwerk.

Besondere Gottesdienste etwa für Biker und zum Valentinstag werden dort gefeiert. Ausstellungen und Konzerte finden statt – zum Jubiläum wird am 20. August open air die Carmina Burana gegeben.

Regelmäßige Gebetszeiten machen deutlich: Der Pavillon ist eine Kirche.

Dass diese überhaupt gebaut wurde, war einer Vielzahl glücklicher Zusammentreffen zu verdanken, erinnert sich der frühere hannoversche Landesbischof Horst Hirschler.

Mitte der 1990er Jahre suchte die Landeskirche in Hannover Ideen für einen Beitrag zur ersten Weltausstellung auf deutschem Boden. Zur gleichen Zeit baute die ökumenische Jesus-Bruderschaft das Kloster in Volkenroda weiter auf, das lange dem Verfall preisgegeben war.

Sie wollte die Klosterkirche wieder ergänzen. Dafür warb sie im Kloster Loccum der hannoverschen Kirche um Unterstützung, das Zisterziensermönche aus Volkenroda einst gegründet hatten.

»Allein für Volkenroda gibt niemand Geld. Für eine Expo-Kirche, die danach in Volkenroda steht, aber wohl! Das wäre der Knüller!«, erinnert sich Hirschler an die zündende Idee. Dem Bischof gelang es, die deutsche Stahlindustrie zu gewinnen, die sich mit fünf Millionen Mark beteiligte und bis heute den Pavillon unterstützt.

Ohne Volkenroda hätte es auch den Pavillon auf der Expo nicht gegeben, sagt der damalige Expo-Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gerhard Wegner. »Man scheute sich, nur für die fünf Monate der Weltausstellung so etwas zu machen.« Der 16,5 Millionen Mark teure Bau sollte nachhaltig sein. Bei der Weltausstellung zählte er zu den beliebtesten Pavillons.

Volkenroda sei ein »spirituelles Kraftzentrum«, schwärmt heute Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, die Schirmherrin des Jubiläumsjahres ist. 1996 zeichnete die Europäische Union das Kloster als »schützenswertes Kulturerbe« aus.

Den Christus-Pavillon nennt Lieberknecht: »Ein bauliches und erbauliches Ensemble, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verkörpert.«

Karen Miether

Der weiße Strich

18. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ausstellung in Bautzen erzählt über eine Kunst- und Protestaktion an der Berliner Mauer.

Im November 1986 war die Mauer auf Westberliner Seite längst übersät mit Graffiti. Prominente Künstler wie der französische Maler Thierry Noir oder der US-Amerikaner Keith Haring hatten ihre Spuren auf dem sogenannten »antifaschistischen Schutzwall« hinterlassen und lockten damit Touristen an.

Die Grenzschützer der DDR, die auch für die Mauer auf der Westseite verantwortlich waren, reagierten darauf, wie die Politführung, kaum. Wohl auch, weil die Mauer so viel weniger auffiel, weil sie nicht mehr als die bei Nacht und Nebel gebaute Barriere wahrgenommen wurde, vermuten Historiker.

Hingegen war es ein weißer Strich, der die Oberen auf die Palme brachte.

Über diesen Strich – eine Kunst- und Protestaktion von fünf jungen Männern – erzählt nun eine Ausstellung in der Gedenkstätte Bautzen II. Im ehemaligen Stasiknast wird so an den Mauerbau vor 50 Jahren erinnert.

Zur Eröffnung in der vergangenen Woche berichteten drei der fünf damals Beteiligten, von der »spontanen und schlecht vorbereiteten Aktion«, wie Frank Schuster, einer der Akteure, heute einschätzt.

Fünf ostdeutsche Jungs waren sie. Jahrgang 1962 bis 1966. Alle unter dem Dach der Kirche in Weimar engagiert. Gesprüht haben sie gegen den DDR-Staat. Sie wurden bespitzelt, verhaftet, eingesperrt, bedroht. Und schließlich gingen Frank Willmann, Frank Schuster, Wolfram Hansch sowie Thomas und Jürgen Onißeit nacheinander nach Westberlin.

Dort war erstmal ­»alles so schön bunt«, erinnert sich Frank Willmann, der heute als freier Autor in Berlin lebt und die Ausstellung in der Bautzener Gedenkstätte mitgestaltet hat.

Doch bald wuchs ­Ärger über die schöne bunte, schön verdrängte, schön zur Gewohnheit gewordene Mauer.

Und die Männer entschieden: Wir machen etwas. Ohne Kommentar.

Ein weißer Strich mit billiger Farbe aus dem Baumarkt auf 178 Kilometern, gezogen in zwei Wochen.

Weit kamen sie nicht in jenem November 1986.

Am zweiten Tag tauchten plötzlich DDR-Grenzsoldaten aus einer Tür in der Mauer auf, schnappten sich Wolfram Hansch und verschwanden mit ihm in den Osten.

Trotz aller Proteste, trotz großer Medienresonanz wurde der Krankenpfleger, damals 23 Jahre jung, zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt. Acht Monate musste er absitzen – in Bautzen, in jener Stasihaftanstalt, die traurige Berühmtheit erlangt hat, wegen all der politisch Gefangenen, die hier aus teilweise nichtigen Gründen einsaßen.

Die Kunstaktion an der Mauer war mit der Festnahme beendet.

Die Ausstellung »Mauer Punks und Haft in Bautzen«, die in der Garage der Ex-Haftanstalt auf drei schlichten Holztischen aufgebaut ist, schlägt ­einen weiten Bogen.

Erzählt von den jungen Protestlern aus Weimar, von DDR-Repressionen, öffnet Gerichtsakten und Geheimreports. Sie macht in Tondokumenten Radioberichte von 1986 über den Fall nachhörbar. Und zeigt auf Fotos junge Männer mit strubbligem Haar, deren Leben durch den DDR-Repressions-Alltag und die Haft des Freundes grundlegend verändert wurde. Auch von der Malaktion selbst sind Bilder geblieben. Eine heute unbekannte Fotografin hatte die Männer, die alle maskiert waren, an ihrem ersten Tag begleitet.

Mehr als 20 Jahre später gab es für die Beteiligten dann noch einmal einen Schock.

Jürgen Onißeit, ältester der Fünfergruppe, Bruder von Thomas und Ideen-Geber der Malaktion, hatte vor der Ausreise in den Westen für die Stasi gespitzelt. Bei der Arbeit an der Ausstellung kam das ans Licht. »Wir haben versucht, mit ihm darüber zu reden. Aber er wollte nicht«, erzählen die Männer.

Nun gibt es keinen Kontakt mehr zu ihm. Doch die anderen habe das wieder neu und noch mehr zusammengeschweißt.

Irmela Hennig

Die Ausstellung ist bis 31. Oktober montags bis donnerstags von 10 bis 16 Uhr, freitags von 10 bis 20 Uhr, sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Zur Kunstaktion ist außerdem ein Buch mit dem Titel »Mauer, Punks und Haft in Bautzen« erschienen.

»Wir müssen nicht perfekt sein«

18. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Nikolaus und Anne Schneider erinnern sich im Christlichen Hospiz an ihre 2005 verstorbene Tochter.


Nikolaus und Anne Schneider (Foto: Archiv)

Nikolaus und Anne Schneider (Foto: Archiv)


Die gelbe Kerze am Eingang des Hospizes Siloah in Herrnhut brennt. Wenn jemand im Haus gestorben sei, dann würde die Kerze angezündet und brenne 24 Stunden lang, erklärt Gundula Seyfried, Gründerin der christlichen Hospizarbeit in Ostsachsen, das Ritual.

Es ist eine Schwimmkerze in einer blumengeschmückten Wasserschale, die auf einem aus Sandstein gehauenen Ständer steht.

»Wie ein Taufbecken«, meint Anne Schneider.

Ihr Mann, Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, führt den Gedanken weiter: »Das Wasser der Taufe führt mit Christus durch den Tod ins Leben.«

Beide Theologen, Anne Schneider ist Lehrerin, haben Mitte August zum ersten Mal Herrnhut besucht. Dass sie dort sofort das Hospiz aufsuchten, lag an Meike, der jüngsten ihrer drei Töchter. Sie starb 2005 im Alter von 22 Jahren nach zweijährigem Kampf gegen Knochenmarkkrebs, Leukämie. Die Erinnerung an sie sei stets gegenwärtig. »Wenn ich in eine Kirche komme, zünde ich ­immer eine Kerze an für Meike«, erwähnt Anne Schneider.

Hier im Hospiz hat das Ehepaar mit einigen Todkranken gesprochen: »Es wurde sofort sehr persönlich, es ­waren Minuten mit unglaublicher Dichte«, berichtet Nikolaus Schneider bewegt.

Anne Schneider erinnert sich: »Ich habe zwei Jahre mit auf den Krebsstationen gelebt, Freude und Trauer erlebt, das möchte ich nicht missen. Man konnte viel körperlich zeigen, sich umarmen. Die Menschen haben keine Masken.«

In Siloah ist jetzt eine Frau gestorben, die sie eigentlich noch besuchen wollten. Zu spät!

Wieder eine schmerzhafte Erinnerung, über die Anne Schneider spricht: »Meike hatte sich einen Abschied mit Segen gewünscht, bevor sie wegen ihrer Schmerzen in ein künstliches Koma versetzt wurde. Wir hatten telefoniert und ihr versprochen, dass wir kommen, aber wir mussten von Neukirchen nach Essen und sind fünf Minuten zu spät gekommen.« – »Stau auf der A40«, wirft ihr Mann ein.

Anne Schneider: »Da bleibt ein Stück Bitterkeit. Der Trost: Das ist nicht das absolute Ende.« ­

Nikolaus Schneider: »Wir erfahren unsere Grenzen, wir müssen nicht perfekt sein.«

In dieser gegenseitigen Ergänzung – sie in persönlichen Erinnerungen, er mehr in der theologischen Reflexion – haben sie 2006 ein Buch geschrieben »Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist – Leben und Glauben mit dem Tod eines geliebten Menschen«.

»Da kämpften und hofften und beteten wir zwei Jahre lang vergeblich für unsere und mit unserer Tochter um ihre Heilung und um ihr Leben und wollen jetzt mit all unserer Trauer und Traurigkeit ein Trostbuch schreiben – geht das?«, fragt Nikolaus Schneider im Vorwort. Ohne »frömmelnde Vertröstung« oder »christlichen Leistungsdruck?«

Beide machen deutlich, dass der Abschied vom Leben wehtut, dass Sterben und Sterbebegleitung die Fragen nach Gottes konkreter Liebe und Allmacht immer neu stellen.

»Aber gerade weil Meikes und weil unsere Gottesbeziehung in Leid und Verzweiflung nicht abgebrochen ist, gerade deshalb gewannen wir die Freiheit, glaubend zu fragen und zu zweifeln, zu zittern und zu ­weinen, zu klagen, anzuklagen und sprachlos zu werden.«

Seit dem Erscheinen des Buchs sind sie vielen Einladungen aus der Hospizarbeit gefolgt, um mit Mitarbeitern und Angehörigen zu sprechen.

Nun fand so ein Abend auch in Herrnhut statt. Anne Schneider zieht Bilanz: »Diese Gesprä­che mit den Besuchern helfen auch meinem Mann und mir, den Verlust unserer Tochter einzuordnen und Nä­he zu spüren.«

Katharina Weyandt

Mittelalter zwischen Sizilien und Skandinavien

14. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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In Halberstadt findet das erste internationale »Forum Kunst des Mittelalters« statt.

Kongressteilnehmer und -teilnehmerinnen haben die Chance, den weltweit bedeutenden Domschatz, der sich im ­Halberstädter Dom befindet, kennenzulernen. (Foto: Mahlke)

Kongressteilnehmer und -teilnehmerinnen haben die Chance, den weltweit bedeutenden Domschatz, der sich im ­Halberstädter Dom befindet, kennenzulernen. (Foto: Mahlke)


Nicht einmal die Wissenschaftler aus New York haben gefragt: »Warum in Halberstadt?« In der berühmten Domstadt wird vom 21. bis 24. September 2011 zum ersten Mal das »Forum Kunst des Mittelalters« ­organisiert. Die Resonanz auf die Einladung zu dem internationalen Kongress hat alle Erwartungen des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft und der Domschatzverwaltung Halberstadt übertroffen.

»Der internationale Kongress versammelt in der Harzstadt 90 Referenten aus ganz Europa, Russland und Amerika, die ihre Forschungsergebnisse im freien Gedankenaustausch zwischen Wissenschaftlern, Studenten und an mittelalterlicher Kunst ­interessierten Tagungsgästen vorstellen und diskutieren«, erläutert Dom-Kustos Dr. Thomas Labusiak, ­einer der Organisatoren vor Ort.

Das Forum sei eine wunderbare Plattform des Austausches, weil viele Aspekte der Zeit von 500 bis 1500 kunstwissenschaftlich eher selten betrachtet ­würden. Labusiak nennt es »die Fruchtbarkeit der Randgebiete«, die eben von den Historikern noch sehr unvollständig beackert worden seien. »Unser Ansatz ist breit gefasst, sodass der Runen-Forscher sich ebenso ­einbringen wird wie der Mosaik-Experte.«

Die 16 thematisch vielfältigen Sektionen reichen von Architektur und Malerei über England, die Premysliden bis hin zu den Phänomenen Siegel, Textilien und Reliquienschreinen. Der thematische Schwerpunkt liegt dabei auf der Kunst des 13. Jahrhunderts. Linda Herbst aus dem Vorbereitungsteam findet dieses Treffen »ideal für den Domschatz und gut für die ganze Region«, denn es werde über mittelalterliche Kunstgeschichte in der gesamten Breite und an Orten zwischen Skandinavien und Sizilien diskutiert.

Nicht nur universitäre Dispute seien gefragt. Museen und zahlreiche Denkmalpfleger haben ihr Kommen ebenso angekündigt wie Studenten und an mittelalterlicher Kunst interessierte Tagungsgäste, sodass bereits seit Wochen selbst das letzte Halberstädter Hotelbett belegt sei und in den Harz ausgewichen werden muss. Dorthin führen auch einige der Exkursionen während der vier Kongresstage. Die Veranstalter nennen das Treffen »eine Tagung in Bewegung«.

Die Sektionen treffen sich an den Orten, über die sie reden. Dazu gehören der Domschatz und die romanische Liebfrauenkirche sowie die Moses Mendelssohn Akademie für jüdische Geschichte.

So hätten die Teilnehmer die einmalige Chance, den weltweit bedeutenden Domschatz nicht nur aus den Publikationen kennenzulernen.

»Wer von einem Treffpunkt der Sektionen zum anderen wandelt, der wird zum Schauen animiert und gezwungen, den facettenreichen Stadtorganismus kennenzulernen, wird ihn erlaufen und erfahren im Sinne von Erfahrungen machen. Es gibt schon genug Kongresse, auf denen nur zwischen Auditorium und Kaffeetassen im Foyer gependelt wird«, so Dom-Kustos Dr. Thomas Labusiak.

Er verweist auf den Messecharakter des ­Forums. »Namhafte Verlage und Forschungsinstitutionen bauen hier ihre Stände auf. Eine neue Erfahrung für uns hier.« Ihn freut, dass Sponsoren bis nach New York »dem Forum-Konzept vertrauen und Geld in Ideen investieren«.

Uwe Kraus

Die andere Seite Chinas

13. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Übung macht den Meister: Gemeinsam mit freiwilligen Helfern aus Deutschland lernen Kinder im Süden Chinas die Grundregeln der Hygiene. Zahnbürsten und -creme sowie Seife und Handtücher werden in China selbst gesammelt. (Foto: baumhaus-projekt.de)

Übung macht den Meister: Gemeinsam mit freiwilligen Helfern aus Deutschland lernen Kinder im Süden Chinas die Grundregeln der Hygiene. Zahnbürsten und -creme sowie Seife und Handtücher werden in China selbst gesammelt. (Foto: baumhaus-projekt.de)


Deutsche Freiwillige versuchen im Reich der Mitte, Nothilfe im eigenen Land zu organisieren.


Chinas Wirtschaftswachstum ist verblüffend. Doch die Entwicklung verläuft asynchron: Neben florierenden Großstädten und Regionen mit stetig steigendem ­Lebensstandard gibt es ­Gebiete mit bitterer Armut.

Neben den pulsierenden Großstädten wie Peking oder Schanghai hat China auch eine andere Seite zu bieten: Die kargen Ebenen der sibirischen Steppe, die Unendlichkeit der Wüste Gobi und die tropische Schönheit der Flusstäler Yunnans. Yunnan ist eine der ärmsten Provinzen Chinas. Sie liegt ganz im Süden, angrenzend an Vietnam, Laos und Myanmar. Den meisten Europäern ist die Region aufgrund des Teeanbaus bekannt. In China selbst jedoch ist Yunnan ein Symbol für kulturelle Vielfalt, aber auch für bittere Armut.

Die meisten Menschen außerhalb der Großstädte leben traditionell wie ihre Urahnen. In den Bergen spricht kaum jemand Hochchinesisch und fließendes Wasser gibt es aus Bächen ein paar Hundert Meter weiter unten; zu erreichen nur über schmale Pfade an den Berghängen entlang. Das Bergwasser wirkt sauber und klar, ist aber häufig durch Fäkalien oder Abfälle verseucht. Besonders die Kinder leiden darunter: Viele von ihnen haben krätzeähnlichen Ausschlag.

Ein weiterer Grund für schlechte Hygiene ist die fehlende Bildung. Kinder der armen Bevölkerungsschicht bekommen, wenn überhaupt, nur eine grundlegende Schulbildung. Ihre Familien können das Schulgeld für eine weiterführende Schule nicht aufbringen und brauchen zudem die ­Kinder als Hilfe bei der Feldarbeit.

Auf den Straßen der Kleinstädte ­Yunnans sieht man viele Kinder im Grundschulalter, die zur Unterstützung der Familie Müll sammeln.

In der Region Nujiang, der auto­nomen Region der Lisu-Minderheit, wurden daher einige Projekte ins ­Leben gerufen, um die Lage der ­Menschen, vor allem jedoch der Kinder zu verbessern: Because They Are Children (»Weil sie Kinder sind«) ist ein von deutschen Freiwilligen initiiertes Patenschaftsprogramm der Peter Jochimsen Stiftung. Dabei werden sowohl chinesische als auch ausländische Paten für Kinder aus armen Verhältnissen gesucht.

Es geht in erster Linie um den Kontakt zwischen Pate und Kind. E-Mail beziehungsweise Briefkontakt ist erwünscht und wird von den Freiwilligen vor Ort angeregt und unterstützt. Sie besuchen auch in regelmäßigen Abständen alle Patenkinder. Dabei wird überprüft, was diese wirklich benötigen. So ist es den Paten möglich, zweckgebundene Spenden für die jeweiligen Bedürfnisse der Kinder zu geben, ihm etwa auch den Besuch weiterführender Schulen zu ermöglichen.


Hilfe durch Zahnbürsten und gebrauchte Kleidung


Weil in der kurzen Grundschulzeit nur das Allernötigste vermittelt wird, kommen Themen wie etwa Erziehung zur Hygiene nicht vor. Ein anderes Projekt der Freiwilligen aus ganz Deutschland hat sich deshalb des ­Hygienenotstandes angenommen.

In Zusammenarbeit mit dem wohlhabenderen Teil der einheimischen ­Bevölkerung sowie kleinstädtischen Supermärkten und Hotels werden Zahnbürsten, Zahnpasta, Seife und Handtücher gesammelt. Diese Artikel werden dann in den Grundschulen der Bergregion verteilt. Und natürlich wird dabei erklärt, wie wichtig es ist, sich die Hände zu waschen und die Zähne zu putzen.

Da praktisches Beispiel die beste Form der Vermittlung ist, üben die deutschen Freiwilligen gemeinsam mit den einheimischen Kindern den richtigen Gebrauch von Zahnbürste und Zahncreme. Unterstützend werden Plakate mit Bildern und Erläuterungen in den Schulen ausgehängt.

Ein weiteres Projekt nimmt sich des Kleidermangels der armen Bevölkerung an. Auch wenn das Klima in den Tälern Yunnans tropisch ist – die Winter in den Höhenlagen der Bergbewohner sind streng. Die Schüler in den Bergschulen, aber auch in den ­Internaten der Städte haben in der ­Regel nur eine dünne Decke zum Schlafen, eine Hose, ein Hemd und ein rotes Halstuch. Deswegen haben die Freiwilligen in Yunnan gemeinsam mit Freiwilligen in der Großstadt Tsingtau an der Ostküste Chinas ein Kleiderprojekt ins Leben gerufen.

Auf öffentlichen Plätzen der wohlhabenden Hafenstadt, die zu den wirtschaftlichen Wachstumsregionen gehört, werden Kleidersammlungen ­durch­geführt. Die gesammelten Kleidungsstücke werden gewaschen und dann in den Schulen der abgelegenen Dörfer verteilt. Ein Gemeinschaftsprojekt von Chinesen und Deutschen, das schon deutlich zu einer Verbesserung der Situation beigetragen hat.

Mechthild Sasse

Mechthild Sasse stammt aus Leipzig und war nach dem Abitur ein Jahr lang im ­Rahmen des »weltwärts«-Programms der Bundesregierung in China.

Ein Leben im Schatten der Mauer

12. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Er erlebte vom Westen aus den Mauerbau und wurde durch den Mauerfall gerettet: Christoph Wonneberger.

Christoph Wonneberger initiierte in Dresden die Friedensgebete. (Foto: Steffen Reichert)

Christoph Wonneberger initiierte in Dresden die Friedensgebete. (Foto: Steffen Reichert)

Das Allgäu also. Diese Landschaft, die Wiesen und Weiden einrahmt zwischen rauschenden Bächen. Wo sanfte Hügel zum Wandern verführen und den Blick freigeben auf die Alpen. Wo man das Gefühl grenzenloser Freiheit genießt: Das ist das Allgäu, das Christoph Wonneberger in sich trägt. In das die Familie aus Chemnitz in jenem Sommer ‘61 für vier Wochen zum Urlaub gereist ist. Unbeschwerte Tage sollen es sein für eine Familie, in der Sohn Christoph nicht die Oberschule besuchen darf, weil sein Vater Landesjugendpfarrer ist.

Mit einer Radiomeldung ist diese Ruhe im Allgäu plötzlich vorbei: »Die Sektorengrenze nach Ostberlin wird abgeriegelt«, tönt es aus dem Empfänger. Kampfgruppen, Ziegelsteine, Stacheldraht: Zuerst wird Berlin, dann Deutschland unwiderruflich geteilt. Ein Schock ist das für die Wonnebergers. Sie sitzen, reden und diskutieren. Christoph, der damals 17 ist und das alles sehr bewusst erlebt, steht vor einer der schwersten Entscheidungen seines Lebens: »Mein Vater hat mir freigestellt, nicht mit zurückzugehen. Im Westen könnte ich studieren.«

Nach Tagen des Ringens entscheidet sich Wonneberger doch mit zurückzukehren in das Land, aus dem er stammt: »Wenn ich im Westen geboren worden wäre, wäre ich wahrscheinlich dort geblieben«, glaubt der heute 67-jährige Leipziger.

Es ist ein Leben im Schatten der Mauer, das Christoph Wonneberger führt. Und das ihn prägt.

Auf der einen Seite ist die DDR das Land, das das bessere Deutschland sein will. Auf der anderen Seite jener Staat, »in dem man immer öfter suchen musste, ob von diesem Samen der Gerechtigkeit überhaupt auch etwas aufgegangen ist«.

Aber Wonneberger ist einer, und das ist er bis heute, der ändern will, der eine Vision hat. Bei ihm ist der Weg das Ziel.

So lernt er in Chemnitz Maschinenbau – studieren kann er ohne Abitur nicht. Abends paukt er Griechisch, Hebräisch und Latein. Dass er eines Tages Theologe werden wird, das weiß er noch nicht: Das Studium ist schließlich auch eine Entscheidung, um sich gegen den Vater zu emanzipieren.

Er nimmt mit einer Kirchlichen Hochschule zunächst den Umweg, den viele gehen müssen, weil ihnen das Abitur verweigert wird. Er wechselt an die Universität nach Rostock: »Ich wollte wissen, was die Welt zusammenhält.«

Wonneberger liest Hegel und Feuerbach, Karl Marx und Ernst Bloch.

Er fährt nach Prag und Marienbad, wo er Gleichgesinnte trifft und mit ihnen in jenem Frühling ’68 den Traum von einer gerechten Gesellschaft träumt. Doch eines Morgens wacht er auf: »Statt des Weckers hörte ich Maschinengewehrsalven.«

Als er, von diesem Schock innerlich tief verletzt, nach Rostock zurückkehrt und mit Kommilitonen beschließt, bei den Theologen höchstselbst eine FDJ-Gruppe zu gründen, ist es vorbei: Einige von ihnen werden zu Haftstrafen verurteilt, er selbst muss seine Prüfungen vorzeitig abschließen und die Uni verlassen.

Und doch, sagt Christoph Wonneberger, wollte er weitermachen, unbequem sein.

Als Pfarrer in Dresden betreut er Wehrdienstverweigerer und Bausoldaten. Aber weil er eigentlich nicht will, dass junge Männer Straßen bauen müssen, auf denen dann doch Panzer fahren, hat er 1980 eine Idee: die vom »sozialen Friedensdienst« – eine Art Zivildienst für die DDR. Er vernetzt Gruppen und Aktivisten, lässt Kettenbriefe versenden: »Ich dachte immer, dezentral können sie uns am wenigsten fassen. Selbst wenn ich verhaftet werde, geht es weiter.«

In jenen Jahren entsteht durch Wonneberger ein Projekt, das später die Mauer zum Einsturz bringen wird. Christoph Wonneberger begründet in Dresden die Friedensgebete.

Beten für eine bessere Umwelt, für Gerechtigkeit und für gleiche Bildungschancen. Er trägt diese Friedensgebete mit nach Leipzig an die Nikolaikirche, wohin er 1985 wechselt.

Dass er damit aneckt, auch provoziert, das weiß er. »Es gab keinen Monat, wo ich nicht zu einer Aussprache mit meinen Vorgesetzten musste.« Die Stasi beschwert sich nicht bei ihm, sondern beim Bischof oder dem Landeskirchenamt.

Dabei ist er für diese DDR, er will sie nicht abschaffen, er will sie reformieren. Er ist auch gegen jene, die in die Kirche nur kommen, um leichter ausreisen zu können. Aber all das kann er nicht öffentlich erklären. Nur so viel ist ihm klar.

Als im Sommer ’89 der Eiserne Vorhang Risse bekommt und Zehntausende über Ungarn und die ČSSR das Land verlassen, weiß er, »dass wir jetzt eine deutlichere Sprache sprechen müssen«.

Er wirbt für Demokratie, ist tage- und nächtelang auf Achse.

Aber dann – auf dem Höhepunkt dieser friedlichen Revolution – erleidet der damals 45-Jährige am 30. Oktober 1989 einen schweren Schlaganfall.

Als Christoph Wonneberger Tage später aufwacht, gibt es die Mauer, auch die alte DDR so nicht mehr. Er liegt auf der Intensivstation eines Leipziger Krankenhauses. Er kann nicht verarbeiten, was da geschieht, er kann auch nicht sprechen.

So ist es auf schicksalhafte Weise jener Mauerfall, der ihm nun das Leben rettet.

Freunde aus der Partnergemeinde Hannover besuchen ihn fünf Tage nach dem 9. November am Krankenbett. »Die haben dann einfach gesagt: Hier tut sich ja gar nichts. Wir nehmen dich jetzt mit.« Setzen ihn ins Auto, packen den Arztbrief ein und fahren los. Und so wird nun möglich, was vorher undenkbar schien: Der schwer kranke Wonneberger fährt über ­Marienborn und Helmstedt – das deutsch-deutsche Nadelöhr – hinüber nach Hannover.

Ein Jahr bleibt er dort und lernt das Leben neu. Er ist weit weg von den großen Ereignissen, die Deutschland so gründlich verändern. Er genießt mit diesem Abstand eine Normalität, die ihm hilft, den Alltag zu ­bewältigen. So schön das auch ist, so wehmütig ist er manchmal auch.

»Natürlich«, sagt der Pensionär Wonneberger heute über jene Tage, »hätte ich den damaligen Prozess gerne selber mitbegleitet. Vielleicht hätte man von den Idealen der Gerechtigkeit mehr mit hinübernehmen können.«

Die Freiheit des Einzelnen und die Gerechtigkeit für alle – das bleibt weiter sein Thema. Und so wird er auch diesen Sommer genießen. Ganz grenzenlos, versteht sich. Wonneberger und Frau radeln 2000 Kilometer von Budapest ans Schwarze Meer. Es geht über Serbien und Bulgarien bis an die Küste von Rumänien. Und Christoph Wonneberger wird dabei nicht ein einziges Mal seinen Reisepass benö­tigen.

Steffen Reichert

Der neue Mann in Bad Blankenburg

12. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Gespräch: Thomas Günzel folgt Reinhard Holmer als Direktor des Evangelischen Allianzhauses.


Thomas Günzel, 1960 in Waldkirchen im Erzgebirge geboren, erlernte zunächst den Beruf eines Eisenbahners und arbeitete als Fahrdienstleiter. Nach einem Theologiestudium am Berliner Paulinum wurde er Gemeinschaftsprediger und Jugendbildungsreferent im sächsischen Jugendverband »Entschieden für Christus« (EC). Von 1994 bis 1998 arbeitete ­Günzel als Jugendbildungsreferent im sächsischen Landesjugendpfarramt, ­anschließend als Lehrer, Theologe und Pfarrer im Ehrenamt beim ­diakonischen Berufsbildungswerk für Hör- und Sprachgeschädigte in ­Leipzig. 	(Foto: Harald Krille)

Thomas Günzel, 1960 in Waldkirchen im Erzgebirge geboren, erlernte zunächst den Beruf eines Eisenbahners und arbeitete als Fahrdienstleiter. Nach einem Theologiestudium am Berliner Paulinum wurde er Gemeinschaftsprediger und Jugendbildungsreferent im sächsischen Jugendverband »Entschieden für Christus« (EC). Von 1994 bis 1998 arbeitete ­Günzel als Jugendbildungsreferent im sächsischen Landesjugendpfarramt, ­anschließend als Lehrer, Theologe und Pfarrer im Ehrenamt beim ­diakonischen Berufsbildungswerk für Hör- und Sprachgeschädigte in ­Leipzig. (Foto: Harald Krille)

Vom 3. bis 7. August lud die Evangelische Allianz in Deutschland zu ihrer traditionellen Glaubenskonferenz nach Bad Blankenburg. Rund 2500 Christinnen und Christen aus Landes- und Freikirchen folgten der Einladung. Einer der Höhepunkte war die Einführung des bisherigen Leipziger Pfarrers und Lehrers Thomas Günzel als neuer Direktor des Bad Blankenburger Allianzhauses. Harald Krille sprach mit ihm.

Von Leipzig nach Bad Blankenburg, was ist da die größte Umstellung?
Günzel: Die größte Umstellung ist vielleicht wirklich die Einwohnerzahl. Aber ansonsten bin ich in den Bergen geboren und darf jetzt wieder in den Bergen wohnen. Das ist gar nicht so schlecht. Und ich finde, dass Sachsen und die Thüringer beides gemütliche Völkchen sind, wo man als ein fröhlicher Mensch gut leben kann.

Bad Blankenburg und das Allianzzentrum sind Ihnen ja nicht fremd.
Günzel: Ich war 1978 zum ersten Mal hier zu einer Konferenz. Das hat mich so fasziniert, dass ich eben immer wiedergekommen bin. Während des Theologiestudiums sprach mich ein Mitstudent an und sagte: Wenn du hinfährst kannst du auch mit Zeltplatzhelfer machen. Also wurde ich Zeltplatzhelfer. Und dann kam schon so langsam die Wendezeit und mein beruflicher Einstieg in der Jugendarbeit der Landeskirchlichen Gemeinschaften. Und da bin ich dann in den Jugendarbeitskreis der Evangelischen Allianz hineinberufen worden.

Was sind die größten Herausforderungen, die Sie für Ihren neuen Dienst sehen?

Günzel: Eigentlich ist alles ganz spannend. Aber die größte Herausforderung ist auf der einen Seite die Frage der Wirtschaftlichkeit. So ein Haus will gefüllt sein und soll sich weitgehend selbst tragen. Aber wir wollen mit unserem Haus auch offen stehen für Leute, die wenig Geld haben: für Christen aus Osteuropa beispielsweise. Deshalb brauchen wir trotz allem weiter Spenden.
Die andere Herausforderung: Bad Blankenburg ist ein Ort mit einer ­langen geistlichen Tradition. Und das soll auch so bleiben: Ein Ort, an dem gebetet wird, an dem Menschen von Gott bewegt werden aber auch gesellschaftliche Situationen vor Gott bewegt werden.

Sind schon inhaltliche Schwerpunk­te absehbar, die Sie setzen wollen?

Günzel: Da ist zum einen das Problem des sogenannten »Burn-out-Syndroms« unter kirchlichen Mitarbeitern. Ich habe im Gespräch mit anderen Hauptamtlichen gemerkt, wie viele eigentlich hart an der Grenze des Möglichen arbeiten oder manchmal auch drüber rausgehen. Und ich habe festgestellt, dass das Problem nicht neu ist: Die Gründerin des Allianzhauses, Anna von Weling, kannte das Phänomen schon im 19. Jahrhundert. »Im Dienst ermüdete Reichsgottesarbeiter«, nannte man das damals. Das Allianzhaus soll auch ein Haus der Seelsorge sein, in dem diese Probleme einen Platz haben.
Daneben ist mir der Bildungsaspekt wichtig. Ich möchte schon so ein bisschen eine Art evangelikale Akademie entwickeln. Man soll bei uns über Themen diskutieren können, wo sich andere vielleicht nicht ran trauen. Und ich wünsche mir, dass ­dabei Christen aus verschiedenen Gemeinden und verschiedenen Frömmigkeitstraditionen miteinander ins Gespräch kommen. Das soll nicht in Konkurrenz zu bestehenden Evangelischen Akademien geschehen, sondern eher in Ergänzung. Aber darüber hinaus ist natürlich weiter jede und ­jeder zu Seminaren, Tagungen oder einem Urlaubsaufenthalt eingeladen.

Welche Wünsche und Erwartungen hat der neue Allianzhaus-Direktor an die Kirche, speziell die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland?

Günzel: Also ich möchte bewusst Mitglied dieser, meiner Kirche sein und mich auch einbringen – hier vor Ort und darüber hinaus. Dabei wünsche ich mir, dass man nicht gleich in eine Ecke gestellt wird. Ich weiß, dass das manchmal auch Allianzler machen und das tut mir weh. Genauso weiß ich aber auch, dass mancher, der in der Kirche zu Hause ist und Allianz kritisch beäugt, auch so seine Ecken hat, wo er Leute hinstellt. Und denen sage ich: Bitte stell mich nicht in eine Ecke, sprich mit mir, entdecke mich, so wie ich dich auch entdecken möchte.

»Du sollst ein Segen sein«

7. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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<h5><i>Unterwegs</ i>< /br> Der Herr sei vor dir,< /br> um dir den rechten Weg zu zeigen.< /br> Der Herr sei neben dir,< /br> um dich in die Arme zu schließen.< /br> Der Herr sei hinter dir,< /br> um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen.< /br> Der Herr sei unter dir,< /br> um dich aufzufangen, wenn du fällst.< /br></ h5> <i>Irischer Reisesegen /Foto: ddp images</i>


Unterwegs
Der Herr sei vor dir,
um dir den rechten Weg zu zeigen.
Der Herr sei neben dir,
um dich in die Arme zu schließen.
Der Herr sei hinter dir,
um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen.
Der Herr sei unter dir,
um dich aufzufangen, wenn du fällst.


Irischer Reisesegen /Foto: ddp images


Eine persönliche Betrachtung über die Bedeutung von Segenshandlungen.

Was Segen für sie persönlich bedeutet, beschreibt die Autorin Karin Vorländer, in einem zweiteiligen Beitrag. Hier die Fortsetzung der in der vorigen Ausgabe begonnenen Ausführungen.

Der Reisesegen. Reisen bedeutet Aufbruch ins Ungewisse. Wenn in der katholischen Kirche zu Beginn der Urlaubszeit Autos gesegnet werden, werden nicht die Fahrzeuge als solche gesegnet. Es geht um die berechtigte Angst vor einem Unfall mit vielleicht schrecklichen Folgen. Mit dem Segen bitten wir Gott um seinen Schutz und vergewissern uns, dass wir in Gottes Hand sind. Oder ein Segen zu Beginn des neuen Schuljahres?

Ganz handgreiflich mit dem Auflegen der Hand, sozusagen zur Unterstreichung des Streichelns.

Viele Gemeinden bieten so einen Segnungsgottesdienst beim Übergang in die weiterführende Schu­le inzwischen an. Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Ich stelle mir Segen vor wie das Fließen eines Stromes.

Segen ist fließende, in unser Leben hineinfließende, in unserem Leben zirkulierende und aus unserem Leben herausfließende Lebenskraft. Segen widerfährt einem Menschen – er tut selbst nichts dazu.

Segen heißt im Alten Testament ganz arglos und konkret: dass es dem Menschen gut geht, dass er, seine ­Kinder, sein Vieh und sein Getreide gedeihen! Gott erscheint als der ­Segnende ungemein großzügig. Viele Christinnen und Christen können das nur schwer glauben und annehmen, weil sie aus einer Tradition kommen, in der gilt: Um Gott zu dienen, muss man sein Letztes geben und darf auf keinen Fall an sein eigenes Glück ­denken.

Erfülltes Leben, Segen und gesegnet sein, heißt in der Bibel auch: Damit wir ein Segen sind, soll es in unserem Leben eine Erfahrung von Fülle geben. Erst allmählich hat man begriffen: Das muss mehr bedeuten als Gesundheit, Kinderreichtum und materieller Reichtum.

Segen als Fülle wird vielleicht auch andere Formen haben!

Es kann sein, dass jemand weder gesund noch kinderreich noch reich ist, aber dieser Mensch ist eine Wohltat für andere, weil er oder sie in einem inneren Einklang ist, mit dem eigenen Schicksal, mit sich selbst, mit seiner Umgebung und mit Gott.

Nun gibt es aber eine Bestimmung von Segen, die noch eine tiefere Daseinsebene erreicht: Segen bzw. gesegnet sein, das ist radikales Bejaht sein, und zwar im Tiefsten durch Gott.

Meine Einzigartigkeit ist damit verbürgt, das Recht meines So-Seins. Ich bin ein Geschenkpaket. Vielleicht in einer schlechten Verpackung. Vielleicht muss man lange daran aufpacken, bis man an den Kern kommt. Aber der Kern heißt: Ich bin das lebendige Ja Gottes!

Darauf müsste dann auch in einer christlichen Familie alles hinauslaufen: dass die Kinder, die Kleinen und Großen vermittelt bekommen: »Du, nimm dich genauso an, wie Gott dich gemacht hat! Und: Glaube daran, dass du einzigartig und wertvoll bist und Gott dich zum Segen setzt!« Diesen Segen sind wir unseren Kindern schuldig!

Und dann ist eigentlich sofort klar, warum es nach dem ersten Satzteil: »Ich will dich segnen«, sofort und ohne Verzögerung heißt und heißen muss: »… und du sollst (bzw. im Hebräischen: wirst) ein Segen sein!« Wo Menschen in diesem Gefühl von bejaht sein und Fülle leben, schwappt etwas von der Fülle über! Großzügigkeit und Annahme machen sich breit!

Segen über den Tod hinaus.

Das Gesegnet-sein-und-zum-Segen-werden kennt die Todesgrenze nicht, weil Segen und segnen mit dem Sterben eines Menschen nicht aufhört. Der Segen soll aus einem Menschenleben zumindest bis »ins dritte und vierte Glied« fließen! Der Segen schließt die Kinder und Kindeskinder mit ein!

Wer sich fragt, was das heißen soll, der soll sich nur erinnern: Kennen wir nicht wenigstens einen Menschen, dessen Leben erst recht und noch mehr zu leuchten begann, seitdem er nicht mehr unter uns ist? Da wird das Sterben zur Aussaat. Und die Nachkommenden bringen die Ernte ein – und wissen vielleicht nicht einmal, wer zuvor gesät hatte.

Auch in dieser Hinsicht ist Segen ein Licht im Dunklen, auch beim Gedanken an den eigenen Tod, kann ich darauf vertrauen: Gott hat auch in mein Leben etwas hineingelegt, dass den Lebenden noch für eine Weile ­Segenskraft sein wird. Es wäre schön, wenn alte Menschen in dieser Gewissheit ihre Kinder und Enkel segnen würden.

Der Lügenwall

6. August 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Erinnert: Vor 50 Jahren begann die DDR-Führung damit, das eigene Volk einzumauern.
 
Ein Relikt des wohl monströsesten Bauwerks der jüngeren deutschen Geschichte in Berlin. (Foto: picture alliance/Eventpress Mu)

Ein Relikt des wohl monströsesten Bauwerks der jüngeren deutschen Geschichte in Berlin. (Foto: picture alliance/Eventpress Mu)

 

Was mit Postenketten und ­Stacheldrahtrollen begann, wurde in kurzer Zeit zur »Mauer«, die Berlin und Deutschland trennte. Manche gewöhnten sich an das Bauwerk – auch im Westen.

Lügen haben kurze Beine, sagt das Sprichwort und weiß sich gültig im niederen Alltag der Menschen wie in der hohen Politik. Eine der kürzesten politischen Lügen der Weltgeschichte war zweifelsohne jener berüchtigte Satz Walter Ulbrichts, den er mit der ihm eigenen Verschlagenheit auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin am 15. Juni 1961 in die Mikrofone der Weltöffentlichkeit sprach: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.«

Keine zwei ­Monate später wuchs sie in Berlin sowie an der gesamten innerdeutschen Grenze über Nacht aus dem Boden und hielt bis zum 9. November 1989, als der SED-Diktatur das Wasser bis zum Hals stand und die sowjetischen Besatzungstruppen dank Michael Gorbatschow nicht mehr rettende Feuerwehr spielen durften.

Die mit der ersten verbundene zweite Lüge, es handele sich bei dieser Mauer um einen »antifaschistischen Schutzwall«, gerichtet gegen den potenziellen Aggressor im Westen, die »Bonner Ultras«, benötigte noch weniger Zeit, um sich, ebenso weltöffentlich, restlos zu entlarven: Die ersten Toten an der Mauer, noch im Errichtungsmonat August erschossen, ertrunken, aus Fenstern gestürzt, waren eben nicht Opfer des Westens, sondern exakt jener monströsen ­Gewaltmaßnahme, die SED-Diktator Ulbricht angeordnet und Erich Honecker, sein aus dem Saarland stammender Sicherheitssekretär im Politbüro, erfolgreich umgesetzt hatte. Sie hießen Rudolf Urban und Ida Siekmann, geboren 1914 und 1902, zu Tode gestürzt beim Fluchtversuch aus Häusern der Bernauer Straße, oder Roland Hoff, 1934 geboren, auf der Flucht durch den Teltow-Kanal ­erschossen am 29. August 1961.

So ist es geblieben, bis ins Jahr des Mauerfalls, als am 5. Februar 1989 mit dem 21-jährigen Chris Gueffroy das 94. und letzte Maueropfer in Berlin zu ­be­klagen war: ermordet von den ­Grenz­soldaten der NVA Ingo Heinrich, Peter Schmett, Andreas Kühnpast und Mike Schmidt. Sie alle willige Vollstrecker jenes Schießbefehls von ganz oben, an den sich nach dem Zusammenbruch der SED-Diktatur keiner von denen, die ihn erfunden hatten und in der täglichen Vergatterung von Grenzsoldaten verwirklicht wussten, mehr erinnern konnte.

Heute wissen wir, dass dem von der SED zu verantwortenden mörderischen innerdeutschen Grenzregime über 1000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Was zuerst und zuletzt nur bedeutet: Nie konnte es eine Illusion über den tödlichen Charakter dieses Bauwerks geben und wem es galt. Noch weniger über die, die den Befehl gaben, sie zu errichten, weil sie die Menschen in ihrem Machtbereich fortan daran hindern wollten, massenhaft die Flucht zu ergreifen angesichts des politischen und ökonomischen Terrors, den der sogenannte »erste deutsche Arbeiter- und Bauernstaat« zur alltäglichen Erfahrung gemacht hatte.

Dieser ständigen Abstimmung mit den Füßen über die Legitimität des Systems »DDR« musste ein Ende bereitet werden, bewies sie doch, dass es sich mit ihr um eine ­ordinäre Diktatur handelte und sonst nichts, der zweiten in der deutschen ­Geschichte.

Heute ist auch sie Geschichte und der Mauerbau ein gut erforschtes ­Ereignis.

Weniger gut verankert im öffentlichen Bewusstsein unserer Tage ist aber das, was man den zweiten Mauerbau nennen könnte: Jene nach 1961 wachsende Anerkennung der SED-Diktatur durch westdeutsche Politiker, Journalisten, Geisteswissenschaftler und Theologen, mit der nicht nur die faktische Existenz der Diktatur gemeint war, um Politik auf der Basis der Realitäten, wie es, vernünftig klingend, hieß, machen zu können, zumal im Interesse der getrennt lebenden Menschen in Deutschland.

Gemeint war in wachsendem Maße auch so etwas wie eine politisch-moralische Legitimität, die der Diktatur im Laufe der Zeit angeblich zugewachsen war, weil sie »antifaschistische Wurzeln« hätte, aber ein durch den Kalten Krieg schlecht verlau­fenes Experiment sei und die Teilung Sühne für die Massenverbrechen der NS-Diktatur.

Die Bücher, die mit ihren abstrusen Thesen dazu zwischen 1961 und 1989 im Westen erschienen, sind Legion und hatten so scheinheilige Titel wie »Das ­geplante Wunder. Leben und Wirtschaften im anderen Deutschland« (Joachim Nawrocki, 1967) oder »Modell DDR. Die kalkulierte Emanzipation« (Rüdiger Thomas, 1972).

Der Ex-Diplomat und ­Publizist Günter Gaus schließlich, gern gesehener Jagdpartner Honeckers während seiner Zeit als bundesrepublika­nischer Diplomat in der DDR, verstieg sich noch wenige Monate vor dem ­Mauerfall zu der Forderung, die Ostdeutschen im Westen zu diskriminieren, um sie von der Auswanderung aus der DDR abzuhalten.

Dass Vorstellungen und Vorschläge dieser Art hauptsächlich aus linken wie linksliberalen Kreisen kamen, hing mit der dort weitverbreiteten Überzeugung zusammen, dass die Deutschen kein politisch-moralisches Recht mehr auf einen einheitlichen Staat hätten.

Es waren die Deutschen im Osten, die sich diesem Pseudomoralismus nicht beugten, weil er nicht der Freiheit, sondern einer Diktatur zuarbeitete. Sie aber wollten Freiheit und Einheit und überrannten schließlich das tödliche Bauwerk in der humansten Revolution der Weltgeschichte.

Ulrich Schacht

Der Autor, Ulrich Schacht, wurde in der DDR 1973 wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und 1976 von der Bundesrepublik freigekauft. Er lebt heute als Schriftsteller und Journalist in Schweden.

Bizarr und verstörend

5. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Kultur

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Religiöse Themen motivieren zeitgenössische Künstler zu einer Neuinterpretation.
 
Blick in die Ausstellung »What Happened to God?«. (Foto: Maik Schuck)

Blick in die Ausstellung »What Happened to God?«. (Foto: Maik Schuck)

Dass unsere Welt auf vielfältige Weise von religiösen Symbolen, Vorstellungen und Ideen über Gott und das Göttliche beeinflusst ist, diesem Phänomen versucht die Ausstellung in der Weimarer ACC-Galerie ­unter dem Titel »What Happened to God?« nachzuspüren.

Wer sich dem Thema Religion ­nähern will und vielleicht Antworten auf die Frage nach Gott sucht, schaut hier allerdings auch in dunkle Abgründe. Auffällig ist, dass viele der an der Schau beteiligten zeitgenössischen Künstler Religion mit Gewalt, Exzessen und Blutvergießen verbinden.

In dem Video »Angels of Revenge« kommen dem Betrachter durch einen dunklen, schmalen Gang Teilnehmer eines Kostümwettbewerbs entgegen. Als Zombies, Monster und Werwölfe verkleidet sprechen sie grausame Flüche und Beschimpfungen aus, drohen Gewalt an. Die Idee des Künstlers Christian Jankowski: In einer Horrormesse sollten sich die Beteiligten ihrer Aggressionen auf erdachte oder tatsächliche üble Feinde entledigen.

Die Ausstellung strotzt von abstoßenden Szenen. Blutbesudelte, die den Vergleich mit Schlächtern nahelegen. Auch das zentrale Ereignis im Christentum, die Kreuzigung Jesu, deuten Künstler als ein Geschehen wie im Blutrausch. Zu sehen sind drastische Bilder von Orgien und Prozessionen.

Die Präsentation erkundet auf der einen Seite die dunkle Welt der gewalttätigen norwegischen Black-Metal-Szene. Black Metal ist eine Subkultur des Metal. Diese Musikrichtung entstand in den 1980er Jahren in Norwegen und Schweden und breitete sich dann in Europa aus. Der ameri­kanische Dokumentarfotograf Peter Beste porträtierte die Protagonisten dieser extremistischen Bewegung, ein düsterer Mix von Heavy-Metal-Musik, Horror, Satanismus, heidnischem Glauben, nordischer Mythologie und adoleszenter Lebensangst.

Was ist mit Gott passiert? Wo ist er angesichts von Fanatismus und Terror, Gewalt und Krieg? Die bizarren und verstörenden Bilder scheinen verzweifelt nach einer Antwort auf diese Fragen zu suchen. Andere Arbeiten spüren dem Faszinierenden in der ­Religion nach.

»Was veranlasst zeitgenössische Künstler, in ihren Werken religiöse Motive aufzunehmen?« Mit dieser Frage beschäftigt sich ein 60-minütiger Dokumentarfilm »Amen! Die Kunst und ihr Heimweh nach Gott«. Die Filmemacherin Julia Benkert, Jahrgang 1970, zeigt darin verschiedene religiöse Gegenstände, die zeitgenössische Künstler zu einer Neuinterpretation anregten: die Dornenkrone, das Kreuz, ein Weihrauchpendel. Eine mehr als zwei Meter hohe Installation von Radiorecordern in einer Kirche simuliert die Posaunen von Jericho, deren Schall die Stadtmauer nach dem alttestamentlichen Bericht in Josua 6, einfallen ließ.

Das österreichische Künstlerpaar Helmut und Johanna Kandl –, beide wurden katholisch erzogen, haben sich aber vom kirchlichen Leben ­entfernt –, beschäftigt sich mit Wallfahrten. Fotos und Videos entstanden bei ihren Besuchen in verschiedenen Wallfahrtsorten.

Diese und weitere Objekte können als Beispiele für das Positive von Religion und Glauben angesehen werden. Im Übrigen vermittelt die Schau einen eher düsteren Einblick und sie wirkt teilweise diffus und konzeptionslos. Den Besucher, der sich dem Phänomen Religion nähern will und auf Antworten hofft, lässt sie allzu oft ratlos.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung »What Happened to God?« in der ACC-Galerie Weimar, Burgplatz 1 und 2 ist bis 28. August, montags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr, freitags und sonnabends von 12 bis 20 Uhr zu sehen.

Vom 17. September bis 24. Oktober wird sie in Halle 14, Zentrum für zeitgenös­sische Kunst in der Leipziger Baumwollspinnerei, Spinnereistr. 7, dienstags bis sonnabends von 11 bis 18 Uhr gezeigt.

Katastrophe des Wegschauens

5. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Eine Welt

Für Cornelia Füllkrug-­Weitzel, die Leiterin der evangelischen Hilfswerke »Brot für die Welt« und ­Diakonie Katastrophenhilfe, ist im Blick auf Ostafrika schnelles Handeln nötig. ­Elvira Treffinger sprach mit ihr.


Cornelia Füllkrug-Weitzel (Foto: Brot für die Welt)

Cornelia Füllkrug-Weitzel (Foto: Brot für die Welt)

Frau Füllkrug-Weitzel, aus Ostafrika kommen schreckliche Bilder von abgemagerten Menschen. Zwölf Millionen Männer, Frauen und Kinder sind von Hunger bedroht. Bahnt sich dort eine riesige Katastrophe mit vielen Toten an?
Füllkrug-Weitzel: Anbahnen scheint mir das falsche Wort. Die Katastrophe hat längst begonnen, Menschen und Herden sterben schon in der Region, die die größte Dürre seit 60 Jahren verzeichnet. Eine Dürre, die zum Beispiel in Somalia und im Sudan Menschen trifft, die durch Jahrzehnte gewaltsamer Konflikte, Zerstörung und Flucht ohnehin extrem arm, geschwächt und wenig widerstandsfähig sind.

In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts bewegten dramatische Hungersnöte am Horn von Afrika die Welt. Hat man daraus nichts gelernt?
Füllkrug-Weitzel: Leider muss man sagen: Es ist zu wenig geschehen! Die Gewaltkonflikte am Horn von Afrika haben nicht nur keine Gelegenheit gelassen, in Entwicklung – das heißt in Bildung, die Stärkung der Menschenrechte, die soziale Infrastruktur und in Einkommensmöglichkeiten – zu investieren. Sie haben im Gegenteil die Voraussetzungen dafür noch weiter ruiniert.

Schon länger wären entschiedene Anstrengungen zur Anpassung an die Erderwärmung notwendig gewesen. Denn dass die Region im Zuge des Klimawandels zunehmend mehr unter Dürren, unmäßigen und ­un­regelmäßigen Regenfällen leiden würde, war abzusehen. Jetzt muss zugleich mit der Nothilfe auch an langfristigen, nachhaltigen Lösungen gearbeitet werden.

In Kenia leben bereits mehrere Hunderttausend Somalier im größten Flüchtlingslager der Welt. Wie können die Menschen in den Dürregebieten gerettet werden?
Füllkrug-Weitzel: Tatsächlich ist jetzt kurzfristig in sehr großem Stil internationale Hilfe bei der Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln notwendig. Die ausländischen Summen, die bisher in die Unterstützung der Menschen in der Region geflossen sind, sind lächerlich. Die größte Katastrophe ist das Vergessen und Wegschauen. Jetzt ist es an der Zeit, das zu ändern! Wir brauchen Spenden und Zusagen der Regierungen des Westens, die Mittel für die UN-Hilfswerke aufzustocken.

Die Krieg führenden Parteien in Süd- und Zentral-Somalia, wo die Dürre besonders dramatisch in den fruchtbarsten Gebieten des Landes wütet, müssen dazu gebracht werden, freien Zugang für humanitäre Helfer zu garantieren und deren Neutralität zu akzeptieren. Wir und unsere Partner werden weiterhin nicht bereit sein, unsere Hilfe politisch instrumentalisieren zu lassen. Alle Menschen, die hungern in der Region – egal welcher religiösen, ethnischen oder politischen Zugehörigkeit – brauchen Hilfe!

Spendenkonten

Diakonie Mitteldeutschland, Konto 800 8000 bei der Evangelischen Kreditgenossenschaft, BLZ 52060410, Kennwort: Ostafrika

Diakonie Sachsen, Konto 100100100 bei der LKG Sachsen – Bank für Kirche und Diakonie, BLZ 35060190, Kennwort: Ostafrika