Dem Segen auf der Spur

Der biblische Stammvater Jakob segnet seine Enkel - ein Gemälde von Rembrandt van Rijn.

Der biblische Stammvater Jakob segnet seine Enkel - ein Gemälde von Rembrandt van Rijn.

In der Bibel wird der Segen meist vom Vater auf den erstgeborenen Sohn weitergegeben. Jakob erschleicht sich den Segen des blinden Isaaks, indem er vortäuscht sein ­älterer Bruder Esau zu sein. Was Segen für sie persönlich bedeutet, beschreibt die Autorin, Karin Vorländer, in einem zweiteiligen Beitrag in dieser und der nächsten Ausgabe.

»Darf ich Sie mal was fragen? Sie ­sagen immer ›gesegnete Feiertage‹, statt schönes Fest – was meinen Sie eigentlich damit?« Die Frage der jungen Frau an der Kasse im Supermarkt ließ mich vom Einpacken meiner Feiertagseinkäufe hochschauen.

Ach du Schreck! Wie sollte ich das in wenigen Sätzen erklären?

»Das hier ist Segen«, sagte ich und deutete auf meinen vollen Warenkorb. »Fülle, Überfluss, dass das alles gewachsen ist und dass ich es mir kaufen kann.«

Der abwartende Blick der Kassiererin ließ mich einen zweiten Anlauf machen: »Segen heißt für mich auch, dass ich das Gefühl habe, so wie ich bin, bin ich gut genug, ich bin gewollt und geliebt. – Ein Fest ist für mich gesegnet, wenn alle das spüren: Wir leben von dem, was Gott wachsen lässt und wir leben unter dem wohlwollenden Blick der Güte Gottes.«

»Ach so«, meinte die Kassiererin beim Wechselgeld herausgeben immer noch ein bisschen ratlos.

Auf dem Nachhauseweg sinnierte ich: »War das eine verständliche Erklärung – oder hätte ich besser kurz erzählt, dass wir unsere vier Kinder kurz nach ihrer Geburt haben segnen lassen?

Dass wir seit fast 25 Jahren jede Woche ein Sonntagsbegrüßungsfest in unserer Familie feiern, bei dem wir uns am Ende der kleinen Liturgie und vor dem leckeren Essen eine ›gesegnete Woche‹ wünschen?

Dass ich unsere Mahlzeiten mit einem Tischgebet oder zumindest mit ›gesegnete Mahlzeit‹ eröffne?

Dass ich unserem erwachsenen Sohn, ehe er für ein Jahr nach Kalifornien aufbrach, wortlos ein kleines Kreuz als Reisesegen auf die Stirn gezeichnet habe?

Dass ich unsere Kinder für unverfügbares Geschenk Gottes halte?

Als Eltern wollten wir ihnen nichts lieber vermitteln als das Grundgefühl: »Ich bin willkommen auf der Welt. Komme was mag, ich habe zu Hause Zuflucht, Schutz und Hilfe«.

Oder hätte ich beim allgemeinen Sprachgebrauch ansetzen sollen?«

Etwa bei: »Ein Segen, dass du kommst«, »Erntesegen«, »Kindersegen«, »meinen Segen habt ihr«. – Überall klingt an: Da wird etwas gut geheißen, als Glück empfunden, da ist Fülle, Schutz und Gedeihen. Und es klingt auch durch: Segen hat mit Unverfügbarkeit zu tun, da ist etwas der menschlichen Machbarkeit entzogen: Erntesegen: »Wir pflügen, und wir streuen – doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand«, heißt es in dem alten Erntedanklied, das ich so gerne singe. Und wenn der »Haussegen schief hängt«? Dann ist da kein gedeihliches Zusammenleben, da wachsen weder Frieden noch Glück.

Eine Bauersfrau hat mir erzählt, dass ihr Enkelkind morgens vor der Schule – und besonders gern vor einer Klassenarbeit – bei ihr klingelt und sie bittet: »Oma, mach mir ein Kreuzchen auf die Stirn.« Sie praktiziert, wie Segnen im Alltag aussehen kann: Jemanden bewusst unter den Schutz Gottes stellen, ihm Fülle und Gelingen zusprechen.

Segnen, das ist mehr als ein guter Wunsch.

Segen kommt von »signare« und bedeutet: »bezeichnen«. Natürlich kommt es dabei auch darauf an, Segen nicht als magisches Ritual misszuverstehen. Was, wenn die Arbeit trotz Kreuz auf der Stirn danebengeht? »Dann nehme ich den Enkel in den Arm und sage: »Macht nix, ich hab dich trotzdem lieb«, erklärte mir die Bäuerin.

Segnen heißt: Wir sind handsignierte Unikate – komme was mag.

Denn das Erstaunliche ist, dass wir heute dieselbe Erfahrung machen wie Menschen in biblischer und vorbiblischer Zeit: nämlich, dass das Leben voller Gefahren ist, dass es jeden Augenblick die Erfahrung mit sich bringt, ausgeliefert zu sein wie ein ausgesetztes Kind. Und darum gibt es die Sehnsucht nach Segen auch noch heute: nach Schutz in ungesicherten Situationen, nach Behütet werden. Nicht zuletzt deshalb ist der Segen an Schwellen des Lebens gefragt: Geburt, Erwachsenwerden, Heiraten, Sterben.

Am Anfang des Lebens bringen die meisten Eltern ihre Kinder zur Taufe. Dabei steht sehr oft der Wunsch nach Segen im Vordergrund: Angesichts des Wissens, wie zerbrechlich das Leben ist, stellen sie es unter den Schutz dessen, von dem alles Leben kommt.

Hauen, stechen, schießen – kämpfen unter Gottes Wort?

31. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Auf dem Trabharnisch des Herzogs August von Sachsen von 1547 ist ein kniender Ritter vor dem Kruzifix zu sehen. (Foto: ddp images/dapd/Norbert Millauer)

Auf dem Trabharnisch des Herzogs August von Sachsen von 1547 ist ein kniender Ritter vor dem Kruzifix zu sehen. (Foto: ddp images/dapd/Norbert Millauer)

Ausstellung im Dresdner Residenzschloss thematisiert das Verhältnis von Macht und Religion.

Ein bedeutendes Jubiläum wirft seine Schatten voraus. Im Jahre 2017 wird das 500-jährige Reformationsjubiläum begangen. Bereits 2008 wurde in Wittenberg die »Lutherdekade« eröffnet, u. a. mit der Absicht, die folgenden zehn Jahre zu ­nutzen, auch mittels der Kunst auf dieses Ereignis von Weltbedeutung hinzuweisen.

Im Dresdner Residenzschloss ist noch bis 15. August eine Ausstellung zu sehen, deren Exponate auch auf ungewöhnliche Weise die Zeit der Reformation und ihre Ereignisse auf sehr spezielle Art lebendig werden lässt. Den Staatlichen Kunstsammlungen, aus deren Beständen sich die Schau zusammensetzt, sei damit »ein kleines Kabinettstück gelungen«, so Kulturstaatsminister Bernd Neumann in seinem Grußwort des aufschlussreichen, ansehenswerten Kataloges.

In zwei Räumen gibt es insgesamt 30 Exponate zu sehen, worunter allerdings 19 Mal Waffen zu bestaunen sind. Es sind prunkvolle Stücke, Rapiere, Dolche, Schwerter und Pistolen, dazu zweimal ein schlachterprobter Harnisch.

Bei den Hieb-, Stich- und Schusswaffen lohnt es genauer hinzusehen. Einmal wegen der kunstvollen Ausführungen, wie z. B. dem Prunkdolch Johann Friedrich I., des Großmütigen, Kurfürst von Sachsen, aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Man ist geneigt das Ebenmaß der Waffe zu bewundern und staunt nicht schlecht, dass sie Abbilder des Besitzers und seiner Ehefrau zieren, dazu auf dem Mundblech der Scheide eine biblische Szene, Abigail und David.

Eine wahre »Bilderbibel« mit insgesamt 23 Darstellungen aus der Heiligen Schrift ziert Rapier und Dolch des Kurfürsten August von Sachsen. Auch auf seinen Pistolen können wir Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament bestaunen.

Auf einem Harnisch kniet ein Ritter unterm Kreuz, und das Kurschwert des Herzogs ­Moritz von Sachsen ziert nicht nur ein Silberkreuz, auch eine Inschrift, die Jesus zitiert, der im 26. Kapitel des Matthäusevangeliums vor dem Gebrauch des Schwertes warnt und dem Kämpfer den Tod durch eine solche Waffe ankündigt.

Zu sehen ist in der Ausstellung auch Martin Luthers »Hauswehr«, eine Blankwaffe, die er zum Zwecke der Selbstverteidigung und zum Schutz seines Hausfriedens hätte nutzen wollen.

Nicht dass diese gut aufgestellte und höchst informativ gestaltete Schau allein Waffen zeigt, da sind wunderbare andere Exponate zu sehen, etwa ein Trinkgefäß als Pelikan, einem Tier, das in der ikonografischen Tradition zum Christussymbol wurde, die reich verzierte Prachtmitra des Erzbischofs von Brandenburg oder golddurchwirkt gestrickte rote Pontifikalhandschuhe.

Es geht aber, so der Titel und die Unterzeile der Ausstellung, um die Verbindung von Macht und Glauben, um das Verhältnis von Macht und Religion: »Erhalt uns, Herr, pei deinem Wort – Glaubensbekenntnisse auf kurfürstlichen Prunkwaffen und Kunstgegenständen der Reformationszeit.«

Beschriftungen und vor allem der Katalog verhelfen zu historischen Einordnungen, klären auf über zeitbedingte Ansichten und daraus zu erklärendes Zusammenwirken von Religion und Politik.

Die Bekenntnisse auf den Waffen, darauf weist der sächsische Landesbischof Jochen Bohl hin, dokumen­tieren den inneren Standpunkt ihrer Träger in einer Zeit, als Religion alles andere als Privatsache war. Er schlägt mit seinen Gedanken eine Brücke in die Gegenwart, fordert das öffentliche Bekenntnis, das aber anders als in den Auseinandersetzungen der Reformationszeit nichts mit Gewalt zu tun habe.

Die Brisanz aber bleibt bestehen, die Frage nach dem Verhältnis des Gebotes vom grundsätzlichen ­Tötungsverbot und der Idee vom »rechtmäßigen« Krieg provoziert umstrittene Antworten. Vom Evangelium her, so der Bischof, gehe es darum, rechtmäßigen und gerechten Frieden anzustreben.

Historische Exponate schärfen den Blick auf gegenwärtige Zusammenhänge.

Boris Michael Gruhl

Die Ausstellung im Dresdner Residenzschloss ist noch bis zum 15. August täglich, außer dienstags, von 10 bis 18 Uhr, ­geöffnet.

Wie viel Bio ist im Biosprit?

29. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Energiepolitik: Ein Blick ins Ethanol-Herstellerland Brasilien zeigt die Folgen des Hungers nach Kraftstoff.

Rauchpilze über dem Rio Sao Francisco: Auf brasilianischen Zuckerrohrplantagen werden vor der Ernte die Seitenblätter abgefackelt. Aus dem  Zuckerrohr wird vor allem Bioethanol hergestellt. (Foto: Klaus Hart)

Rauchpilze über dem Rio Sao Francisco: Auf brasilianischen Zuckerrohrplantagen werden vor der Ernte die Seitenblätter abgefackelt. Aus dem Zuckerrohr wird vor allem Bioethanol hergestellt. (Foto: Klaus Hart)

Eine Mehrheit der Deutschen lehnt den sogenannten Biosprit E10 nach wie vor ab – zumeist aus Sorge um ihr Auto. Doch es gibt weit ­gewichtigere Argumente ­gegen den neuen Kraftstoff.

Wer derzeit Urlaub in Brasilien macht, wo aus Zuckerrohr die E10-Beimischung Ethanol erzeugt wird, sieht Flächenbrände bis zum Horizont – ob um die Megacity Sao Paulo oder im nordöstlichen Küsten-Teilstaat Alagoas. Über vier Meter hohe Flammenwände fressen sich dort auf breiter Front an die Straße heran, Asphalt wird zu Matsch und dichte, ätzende Rauchwolken verdunkeln die Sonne.

José Teixeira Rodrigues muss höllisch aufpassen. Fährt der Franziskaner zum Kloster Penedo zurück und gerät in das Flammenmeer, den giftigen Qualm, wäre das sein Ende. Wie das Schicksal ungezählter Tiere, die links und rechts der Fahrbahn lebendig verbrennen.

Monokultur, Agrargifte und weitere Regenwaldabholzung

»Wie zur Kolonialzeit werden kurz vor der Zuckerrohrernte die Seitenblätter abgefackelt – ein Verbrechen auch gegen den Klimaschutz«, empört sich Pater Rodrigues. Sogar im Kloster direkt am Rio Sao Francisco hat er den Brandgeruch in der Nase – denn gleich zwei Zucker- und Ethanolfabriken stehen jetzt nahe der uralten Bischofsstadt Penedo.

»Auch wegen der Brände ist die Lage hier trist – die Zuckerbarone beherrschen die ganze Region politisch und machen mit der Umwelt, was sie wollen. Obwohl wir von der Kirche viel Aufklärungsarbeit leisten, fehlt es den Menschen an Umweltbewusstsein. Denn dieser Teilstaat hat die höchste Rate an Analphabetismus und Arbeitslosigkeit.«

Früher gab es am Rio Sao Francisco dichte Uferwälder mit bis zu 60 Meter hohen Bäumen, unglaublich viele exotische Vögel und Säugetiere, Fische und Langusten im Überfluss. Doch dann wurde zugunsten des ­Zuckerrohranbaus massiv abgeholzt, immer mehr Agrargift in den Rio Sao Francisco gespült.

Um Penedo verschwanden 30 Fischarten komplett, die Fänge gehen um 90 Prozent zurück.

Roberto Malvezzi, landesweit bekanntester Umweltexperte der Kirche, nennt Zuckerrohr daher eine umweltschädliche Monokultur: »Ethanol aus Zuckerrohr ist kein sauberer Kraftstoff. Immer wieder brechen Plantagenarbeiter an Überanstrengung tot zusammen. Um die Anbauflächen zu erweitern, wird abgeholzt, vertreibt das exportorientierte Agrobusiness Indiostämme und Kleinbauern sogar durch Terror und Mord. Hinter moderner Fassade verstecken Großfirmen nur zu oft Sklavenarbeit.«

Plantagenbrände geraten zunehmend außer Kontrolle

Mehrere Tausend Kilometer weiter südlich, im Teilstaat Sao Paulo, machen die Plantagenbrände derzeit laut Mario Mantovani, Präsident der Umweltstiftung »SOS Mata Atlantica«, die Naturschutzgebiete kaputt. Denn das Feuer gerät außer Kontrolle, frisst sich in Schutzzonen und Wälder.

»Alle denkbaren Vorteile von Ethanol werden allein durch das Abfackeln aufgehoben. Der Ausstoß an Dioxin und ­klimaschädlichen Gasen ist immens. Die Gesundheitsposten bei Sao Paulo sind voll von Leuten, die schwere Atemprobleme haben, Sauerstoffbehandlungen brauchen.«

2007 löste der Dominikaner Frei Betto mit seiner provozierenden Formel »Biosprit ist Todessprit« in Europa sogar Parlamentsdebatten aus. Der viel gerühmte Öko-Treibstoff soll Armen und Hungernden rund um den Erdball den Tod bringen?

Viele hielten Frei Bettos These für überdreht, realitätsfremd. Dass viele Lebensmittel in Brasilien teurer als in Deutschland sind, unerschwinglich für Arme, wird verdrängt.

Derzeit gibt es erneut ­brutale Preissprünge – und spürbare Klimaveränderungen wegen massiver Abholzung im Amazonasgebiet.

Erneutes Nachfragen deshalb im Dominikanerkloster Sao Paulo bei Frei Betto, der zu Brasiliens führenden Intellektuellen gehört und zahlreiche in- und ausländische Menschenrechts- und Literaturpreise erhielt.

»Ja – die Landnutzung für Zuckerrohr bewirkt den Tod vieler Menschen! Wenn man die Ackerfläche für Nahrungsmittel verkleinert, steigen deren Preise, sterben viele Menschen, die sich keine guten Grundnahrungsmittel leisten können.«

Frei Betto zitiert UNO-Daten, wonach die Zahl der chronisch Hungernden in der ganzen Welt auf über eine Milliarde anwuchs. Aber sicherlich ist doch Brasilien, immerhin achtgrößte Wirtschaftsnation der Welt, davon ausgenommen?

Frei Betto bleib dabei: »Biosprit ist Todessprit«

Frei Betto verneint: »Unsere Regierung räumt offiziell ein, dass es noch 16,2 Millionen Hungernde in absolutem Elend gibt – doch aus meiner Sicht sind es doppelt so viele!« Zwei Jahre hatte er im Präsidentenpalast von Brasilia sein Büro nur einige Türen vom damaligen Staatschef Lula da Silva entfernt, arbeitete für das Anti-Hunger-Programm. Als es zum Stimmenkaufprogramm deformiert wird, Bedürftige von Regierungsalmosen abhängig macht, legt Frei Betto den Posten nieder.

Brasilien ist weit weg, muss uns in Deutschland das wirklich interessieren? »Bei Euch redet alles von Klimaänderung, Treibhaus-Effekt. Ethanol aus Zuckerrohr wie im E10 treibt ihn voran«, kontert der Dominikaner und hat wissenschaftliche Studien parat: Wegen der Zuckerrohrplantagen wurden riesige Urwaldgebiete Amazoniens abgeholzt, was das ökologische Gleichgewicht in Nord- und Südamerika schädigt, sich auf die ganze Welt negativ auswirkt. Denn Amazoniens Regenwald ist der größte des Planeten. Und die Regenfälle, ob im Süden Floridas oder Argentiniens, hängen von der Verdunstung in Amazonien ab.

Die Megacity Sao Paulo zählt über 2000 rasch wachsende Slums. Auch das hat für Frei Betto mit Ethanol, mit E10 zu tun – denn mehr Zuckerrohranbau bewirkte Vertreibung von Kleinbauern, Landarbeitern: »Ein Heer von Arbeitslosen zieht im Lande umher und verdingt sich bei der Zuckerrohrernte, haust den Rest der Zeit aber in Slums mit Drogen, Gewalt, Prostitution.«

Klaus Hart

Ein Land in Schmerz und Trauer

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Norwegen: In Zeiten der Not erweisen sich gerade die Kirchen als Sammelpunkt für Menschen, die dem Hass widerstehen wollen.

Autor Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und lebt seit elf Jahren in Norwegen. Er ist Gemeindepfarrer in Haram und Fjørtoft auf den Inseln der Westküste, nördlich von Ålesund.

Autor Michael Hoffmann stammt aus Sachsen und lebt seit elf Jahren in Norwegen. Er ist Gemeindepfarrer in Haram und Fjørtoft auf den Inseln der Westküste, nördlich von Ålesund.

Norwegen gilt vielen als Sehnsuchtsort: offen, friedlich, weiträumig. Und jetzt diese blutige Tragödie. Ein norwegischer Pfarrer berichtet über das Leben nach dem Attentat.

Die Fahne weht auf Halbmast, auch vor unserem Haus und vor unserer Kirche. Wir stehen unter Schock. Es ist unbegreiflich, dass sich ein zweites Attentat wie 1995 in Oklahoma-City in unserem friedlichen Land ereignet haben soll. Das bisher frei zugängliche Regierungsviertel nördlich der Domkirche in Oslo ist schwer verwüstet, doch Ersatzbüros in Oslo werden schnell gefunden sein und die Regierung wieder arbeiten.

Nicht zu ersetzten sind die Toten und Verletzten durch die Bombe in Oslo und das unbegreifliche Massaker auf Utøya im Tyrifjord, einem der größten Binnenseen Norwegens nordwestlich von Oslo.

Die Regierung hat uns bisher versprochen, dass ­unser freies und offenes Land auch morgen noch wiederzuerkennen sein wird. Wir hoffen, dass sie damit recht behalten wird. Und es besteht zumindest eine Chance dafür, da der Täter, wie es aussieht, ein rechtsextremer norwegischer Einzelgänger war.

Bisher habe ich auch noch nicht ausrücken müssen.

Als Pfarrer der norwegischen Volkskirche gehört es zu meinen Aufgaben, Todesnachrichten im Gebiet meiner Gemeinden zu überbringen. Es gibt sogar einen eigenen Bereitschaftsdienst der Pfarrer dafür, eingebunden in die kommunalen Krisenteams. Doch bisher hat die Polizei zum Glück noch nicht bei mir angerufen.

Norwegen ist zwar ein weites Land, aber es gibt nur wenige Einwohner. Auch wenn die Bevölkerung wächst, mehr als fünf Millionen sind es nicht. ­Jeder kennt jemanden, der direkt oder indirekt berührt ist: Die Schwieger­eltern der Kulturministerin kommen aus unserer Gemeinde, die Frau eines Gemeindemitglieds arbeitet in einem der Ministerien in Oslo, eine andere Frau aus der Gemeinde wurde durch Glassplitter bei der Explosion in Oslo verletzt.

Haram und Fjørtoft, meine beiden Gemeinden, sind mehr als 500 Kilometer von den Schauplätzen der Tragödie entfernt, aber niemand ist wirklich verschont worden: Der Stiefbruder der Kronprinzessin starb, als er auf Utøya versuchte, das Leben seines zehnjährigen Sohnes zu retten. Der Sohn überlebte.

Gerade in schweren Zeiten erweisen sich die Kirchen als ein Sammelpunkt für die Menschen und es ist gute Tradition, sie bei lokalen und nationalen Krisen und Katastrophen zu öffnen. Viele Menschen in Oslo gehen zur Domkirche und dem Meer aus Blumen und Kerzen dort, um überhaupt realisieren zu können, was geschehen ist.

Norwegen versucht dem Hass zu widerstehen, niemand verlangt nach Rücktritten oder ruft nach der Todesstrafe. Ein Zitat aus diesen Tagen: »Wenn ein Mann so viel Hass schaffen kann, kann man sich nur vorstellen, wie viel Liebe wir alle gemeinsam schaffen können.«

Eigentlich sollte jetzt Wahlkampf sein. Denn für den 12. September sind Kommunal- und Regionalwahlen, aber auch Wahlen zu Kirchgemeinderäten und Bistumsräten festgesetzt. Doch der Wahlkampf wird auf längere Zeit ausgesetzt. Am Montag um 12 Uhr stand das ganze Land still: Kein Auto, kein Flugzeug, kein Rasenmäher, nichts war zu hören. Aber unser Leben muss weitergehen.

»Å ta vare på kvarandre« ist ein Ausdruck, den wir in Norwegen oft in diesen Tagen verwenden. Er bedeutet so viel wie »einander beschützen« und »aufeinander aufpassen«.

Eine Gesellschaft ist mehr als eine Menge von Individuen und dabei haben wir als norwegische Kirche und als norwegische Pfarrer eine wichtige Aufgabe. Wir haben diese Aufgabe nicht weil unsere Gehälter vom Staat bezahlt werden, sondern weil wir Norweger sind.

Auch ich bin Norweger, obwohl ich in Deutschland geboren bin und meinen Namen immer und immer wieder buchstabieren muss. Ich bin Norweger, nicht weil ich einen norwegischen Pass habe, sondern weil ich es wie viele andere meine, wenn ich die Nummer 737 aus unserem Kirchen­gesangbuch singe: »Ja, vi elsker dette landet« – »Ja, wir lieben dieses Land«.

Michael Hoffmann

Lateinische Gebete und bayerische Blasmusik

27. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Spontaner Papst: Trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen am Pfingstfest bricht Papst Benedikt XVI. immer wieder aus dem Ring seiner Personenschützer aus, um während seines Ein- und Auszuges im Peterdom unter dem Beifall der ­Gottesdienstbesucher Kinder zu segnen.  Fotos: Harald Krille

Spontaner Papst: Trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen am Pfingstfest bricht Papst Benedikt XVI. immer wieder aus dem Ring seiner Personenschützer aus, um während seines Ein- und Auszuges im Peterdom unter dem Beifall der ­Gottesdienstbesucher Kinder zu segnen. Fotos: Harald Krille


Reportage: Rom – die »Ewige Stadt« ist Zentrum der katholischen Weltkirche und täglich Ziel tausender Pilger.

Im September besucht das Oberhaupt der katholischen Kirche und zugleich Staatsoberhaupt des Vatikanstaates Deutschland. Im Vorfeld sammelten zwei Journalisten in ökumenischer Eintracht Eindrücke vom Leben im Zentrum der Weltkirche.

Auf der Via della Conciliazione geht am späten Nachmittag des Pfingstsonnabends gar nichts mehr. Trotz mehrerer Fahrspuren steht der Verkehr, unser Taxi mittendrin. Die prachtvolle »Straße der Versöhnung« führt direkt von Engelsburg und Tiberbrücke zum Petersplatz und Petersdom, dessen Kuppel sich am Ende der Blickachse majestätisch erhebt. 1937 ließ der faschistische Diktator Benito Mussolini die Schneise durch das dicht bebaute mittelalter­liche Handwerkerquartier, das Borgo, schlagen. Damit erfüllte er einen alten Wunsch der Päpste und bedankte sich zugleich für die 1929 unterzeichneten Lateranverträge. Mit ihnen wurde der Frieden zwischen dem Papst und dem jungen italienischen Nationalstaat besiegelt. Zugleich sind sie die Grundlage der bis heute weltweit anerkannten völkerrechtlichen Unabhängigkeit und Souveränität des Kirchenstaates.

Der Papst in allen Varianten
Links und rechts der Conciliazione reihen sich die Eingänge zu diversen exterritorialen Gebäuden des Vatikans. Das päpstliche Presseamt hat hier seinen Sitz, um die Ecke herum bei der Engelsburg sind die Redaktionsräume von Radio Vatikan. Wappenschilder markieren die Sitze diverser Botschaften, die praktisch alle Länder, auch muslimische, am Heiligen Stuhl unterhalten. Durchmischt wird das ganze von Hotels, Gaststätten und vor allem Souvenirläden. Die Bandbreite des Angebotes reicht von handwerklich und künstlerisch hochwertigen Kreuzen, Monstranzen und Leuchtern bis zur Plastikkrippe mit Maria, Josef und dem Jesuskind in der Schneekugel.

Dazwischen der Papst in allen Varianten: auf Teppichen, als Anstecknadel, als Plastikpuppe. Und weil gerade der Vorgänger von Benedikt XVI., der polnischstämmige ­Johannes Paul II. selig gesprochen wurde, ist auch dieser allgegenwärtig. Selbst beide zusammen sind zu haben – auf einem Frühstückstellerchen. Die Preise, so das Gefühl, steigen mit zunehmender Nähe zum Petersplatz …

Rom-Wallfahrt der Pferdezüchter
Doch uns steht der Sinn nicht nach Shopping, wir wollen zum Vatikan. Also aussteigen und zu Fuß weiter. Wir trauen unseren Ohren nicht: Aus Richtung Petersplatz erklingt gut bayerische Marsch- und Volksmusik. Ungläubiges Staunen: Pferdewagen mit Fässern Münchner Brauereien ­beladen, andere mit den Modellen bayerischer Kirchen, sind für das Verkehrschaos verantwortlich. Dazwischen Blaskapellen, Reiterformationen und Trachtengruppen. Schrill kreischt eine Schar asiatischer Touristinnen auf, als einer der Kutscher über ihren Köpfen wieder und wieder seine Peitsche knallen lässt. Der Zug quält sich rund um den Petersplatz durch die unübersehbare Menge von Schaulustigen. Dicht gefolgt von den dröhnenden Fahrzeugen der Stadtreinigung, die jeden Pferdeapfel sogleich wegkehren. 42 Pferde und sechs ­Gespanne, so erfahren wir später, gehören zur Rom-Wallfahrt des Bayerischen Pferdezuchtverbandes. Begleitet von fünf Musikgruppen aus Deutschland, Österreich und Italien.

Wir müssen zum Bronzetor am rechten Ende der Kolonnaden, dem Haupteingang zum päpstlichen Palast. Dort sind die bestellten Eintrittskarten für die Messe mit dem »Heiligen Vater« am Pfingstsonntag für uns hinterlegt. Zwar ist der Besuch von Gottesdiensten oder der Generalaudienz am Mittwoch auf dem Petersplatz kostenlos. Aber selbst für Sankt Peter, die größte Kirche der Welt, die immerhin bis zu 60000 Gläubigen Platz bietet, gibt die »Präfektur des päpstlichen Hauses« Billetts für die Teilnahme aus. Wie viele Pilger jährlich nach Rom kommen, vermag niemand mit Sicherheit zu sagen. Zudem: Wer ist Pilger und wer »nur« normaler Tourist? Die Stadt Rom zählte im vergangenen Jahr 20 Millionen Übernachtungsgäste – mithin im Durchschnitt rund 55000 pro Tag. Tendenz steigend.

Militärisches Korps des Vatikans
Zwei Schweizer Gardisten in maßgeschneiderter Renaissanceuniform bewachen mit mächtiger Hellebarde das Bronzetor wie auch jeden anderen Eingang in den Vatikan. 110 Mann stark ist das einzige militärische Korps des Vatikans für die unmittelbare Sicherheit des Papstes und seiner Gebäude zuständig. Die Prunkgewänder dienen der Repräsentation – ansonsten tragen sie schlichte blaue Uniformen, sind in Nahkampf und Personenschutz trainiert, tragen Pfefferspray und moderne Schusswaffen bei sich. Sie werden den Papst auch bei seinem Deutschlandbesuch begleiten – dann aber in Zivil.

Daneben gibt es die Vatikanische Gendarmerie, die alle Polizeiaufgaben wahrnimmt. Großen Widerhall fand vor einiger Zeit die Meldung, dass der nur 0,44 Quadratkilometer große Kirchenstaat bezogen auf seine wenigen Hundert Bewohnern die höchste ­Kriminalitätsrate der Welt habe. In die Statistik fallen eben auch alle Taschendiebstähle auf dem täglich von Tausenden besuchten Petersplatz.

Offizielle Amtssprache ist übrigens Latein – doch darin werden nur die ­offiziellen Dokumente abgefasst. Verkehrsprache ist Italienisch. Immerhin aber soll es in einem Gebäude nicht weit von der Peterskirche den wohl weltweit einzigen Bankautomaten mit wahlweise lateinischer Menüführung geben … Und die weltweit meistfrequentierte Apotheke befindet sich hinter den Mauern des Kirchenstaates: Wer ein Rezept für ein in Italien sonst nicht oder nur wesentlich teurer erhältliches Medikament vorweisen kann, bekommt so Einlass in die sonst verschlossene Stadt und die päpstliche Apotheke.

»Sicher ist sicher«, sagen wir uns und frühstücken am Sonntag schon um sieben Uhr. 20 Minuten vor acht Uhr sind wir mit unseren Eintrittskarten auf dem Petersplatz, 9.30 Uhr soll die Messe beginnen. Es erwartet uns eine fünfreihige Warteschlange, die bereits das halbe Rund des wahrlich nicht kleinen Platzes füllt. Der Begriff Weltkirche wird greifbar: Afrikaner, Asiaten, Nord- und Südamerikaner, Ost und Westeuropäer gehören zur Warteschar. Unmittelbar vor und hinter uns sind deutsche Pilger. Die Stimmung ist gelöst – bis sich eine italienische Gruppe von der Seite untermischen will. »Nix da! Hinten, hinten, sonst Patschi, Patschi!«, droht ein frommer Germane lautstark.

Pilgergruppen aus aller Welt
Nach dem Gottesdienst, den Tausen­de per Videoleinwand auf dem Petersplatz verfolgen, ist die römische Luft schon wieder von Peitschenknall und »Dicke-Backen-Musik« erfüllt. Die Pferde-Pilger aus Bayern und ihre begleitenden Blaskapellen nehmen Aufstellung für das mittägliche Angelusgebet des Papstes, dass er aus dem Fenster seines Arbeitszimmers im obersten Stock des vatikanischen Palastes hält. Nach dem Gebet begrüßt er die größten Pilgergruppen in ihren Landessprachen. Während Brasilianer, Slowaken und US-Amerikaner zur Antwort jubeln und winken, intonieren die deutschen Kapellen das ökumenische »Großer Gott, wir loben dich«. »Danke für die schöne Musik aus meiner Heimat«, antwortet Benedikt, und: »Vergelt’s Gott!«


Von Harald Krille und Matthias Holluba

Harald Krille, Chefredakteur der Gemeinsamen Redaktion der evangelischen Kirchenzeitungen in Mitteldeutschland, und Matthias Holluba, Chefredakteur vom »Tag des Herrn«, der katholischen Bistumszeitung für die Bistümer Erfurt, Magdeburg und Dresden-Meißen, besuchten Pfingsten gemeinsam Rom und den Vatikan.

Buchtipp für weitere Hintergrundinfos zum Vatikan: Erbacher, Jürgen (Hg): Der Vatikan – Das Lexikon, St. Benno-Verlag, 474 S., ISBN 978-3-7462-2752-8, 9,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Heimkehr einer Sammlung

26. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Projektleiterin: Sabine Maier, Professor für Konservierung und Restaurierung an der Fachhochschule Erfurt, zu Besuch in der Abteilung für Kopie in der Muchina-Akademie St. Petersburg.  Foto: privat

Die Projektleiterin: Sabine Maier, Professor für Konservierung und Restaurierung an der Fachhochschule Erfurt, zu Besuch in der Abteilung für Kopie in der Muchina-Akademie St. Petersburg. Foto: privat


Im Landgut Holzdorf sollen Meisterkopien impressionistischer Bilder gezeigt werden.

Dass sich die Wege von Kultur und Diakonie streifen können, zeigt ein außergewöhnliches Projekt, das im Landgut Holzdorf (bei Weimar) vorgestellt wurde. Es sieht vor, 20 impressionistische Gemälde aus der Sammlung des Unternehmers Otto Krebs (1873–1941) zu kopieren, die als sogenannte »Beutekunst« in der Eremitage in St. Petersburg gezeigt wird.

Der Mannheimer Fabrikant, der das stattliche Anwesen südlich von Weimar 1917 erworben hatte, liebte die Impressionisten. Seit Anfang der 20er Jahre erwarb er mit großem ­Sachverstand einen Bestand an 98 Gemälden und 19 Skulpturen, der als umfangreichste deutsche Impressionistensammlung gilt. Ihr Gesamtwert wird auf 800 Millionen Euro geschätzt! Zu ihnen gehören unter anderem »Das Weiße Haus bei Nacht« von Vincent van Gogh, »Mädchen mit Hut« von Pierre-Auguste Renoir oder »Zwei Schwestern« von Paul Gauguin.

Die Bilder hingen – in wechselnder Konstellation – nicht nur in den Gesellschaftsräumen der Sommerresidenz, sondern ebenso in den Privaträumen und Gästezimmern des oberen Stockwerks. Nach der Machtergreifung der Nazis und der 1938 gezeigten Ausstellung mit »Entarteter Kunst« bewahrte Otto Krebs die kostbaren Bilder im Tresor auf, wo sie auch nach seinem Tod verblieben.

Die Wände der Repräsentationsräume zierten seither belgische Gobelins und goldverzierte Ledertapeten. Die Sammlung überstand den Zweiten Weltkrieg unversehrt, wurde jedoch nach dem Sieg der Alliierten 1947 von den sowjetischen Besatzungstruppen nach Leningrad abtransportiert. Danach verging ein halbes Jahrhundert, bis sie in der Ausstellung »Verschollene Meisterwerke deutscher Privatsammlungen« wieder in der Eremitage auftauchte.

Als die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein die Trägerschaft des Landgutes im Jahr 2000 antrat, ging sie neben ihrer Kernaufgabe gegenüber der Stadt Weimar auch die Verpflichtung ein, die kunsthistorische Bedeutung des Ortes lebendig zu halten. Daraus entwickelte sich die Idee, die herausragende Qualität der Gemäldesammlung Otto Krebs wieder erlebbar zu machen. Um dies zu ermöglichen, kam es zu der Idee, im Rahmen eines Studienprojektes Meisterkopien ausgewählter Exponate anzufertigen und im Landgut Holzdorf auszustellen.

Sabine Maier, Professorin für Konservierung und Restaurierung an der Fachhochschule Erfurt, betreut das ehrgeizige Vorhaben gemeinsam mit Professorin Tatjana Potzelujewa von der Muchina-Akademie in St. Petersburg.
Während im russischen Restauratorenstudium das Fach Kopie einen hohen praktischen Stellenwert einnehme, gehe es in Erfurt vor allem um die Ergründung maltechnischer Besonderheiten der Impressionisten, erläuterte Sabine Maier in Holzdorf die jeweiligen Arbeitsschwerpunkte. Dabei sei noch nicht klar, welche Untersuchungstechniken in St. Petersburg eingesetzt werden dürften, da das Thema »Beutekunst« auf beiden Seiten sehr viel Sensibilität erfordere.

Neben der wissenschaftlichen Dokumentation sollen noch in diesem Jahr die ersten Kopien entstehen. Die Gesamtkosten betragen 50000 Euro, wovon die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen sowie die Sparkasse Mittelthüringen und die Kreissparkasse Saale-Orla vier Fünftel finanzieren. Nach ihrer Fertigstellung sollen die Gemälde 2012 an ihrem ursprünglichen Standort ausgestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Dabei verfolgen die Verantwortlichen die Aufgabe, so Professorin Maier, die »Geschichte dieser Notlösung« darzustellen. »Unser Ziel ist ein Bild«, sagte augenzwinkernd Aufsichtsratsmitglied Heinz-Günter Maaßen von der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein. Auch wenn Boris Jelzin die Rückgabe der Sammlung per Gesetz ausgeschlossen habe, solle man die Hoffnung nicht aufgeben, dass vielleicht beim nächsten Besuch eines russischen Staatspräsidenten wieder eines der Bilder nach Holzdorf heimkehre.

Michael von Hintzenstern

Frauenpower in der frühen Christenheit

25. Juli 2011 von DER SONNTAG  
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Warum eine Frau, mutiger als alle Männer und erste Zeugin der Auferstehung, zum Sexsymbol verfälscht wurde.

Maria aus Magdala, Ikone, Quelle: WikipediaDass Jesus mit Maria aus Magdala eine Liebesaffäre hatte oder Kinder oder dass er mit ihr verheiratet war, gehört zu dem wissenschaftlich unhaltbaren Schwachsinn, der sich auf dem Buchmarkt so gut verkauft. Hätte es dafür irgendwelche Indizien gegeben, hätten sich die spöttischen heidnischen Philosophen in ihrem ­literarischen Abwehrkampf gegen die frühen Christen das Thema mit Sicherheit nicht entgehen lassen.

Aber auch im christlichen Lager selbst waren seit dem späten vierten Jahrhundert die Fälscher am Werk: Ephräm der Syrer setzte Maria Magdalena, wie sie latinisiert genannt wurde, mit der namenlosen Sünderin aus dem Lukasevangelium gleich, die Jesus die Füße gewaschen hat.

Andere identifizierten sie mit Maria von Bethanien, die dasselbe tat, bevor Jesus seinen Leidensweg antrat; Maria oder Mirjam hießen zu biblischen Zeiten so viele. Papst Gregor der Große machte sie in seinen Moralpredigten vollends zu einer reuigen Prostituierten, Verführerin, Sexkönigin.

Dabei war alles ganz anders. In der Bibel steht kein Wort von einer anrüchigen Vergangenheit der Maria aus dem Fischerdorf Magdala am See Gennesaret. Sie schloss sich dem Wanderrabbi Jesus an, weil der sie von »sieben Dämonen« (Lukas 8,2) befreit hatte – was für die Fälscher natürlich nur schlimme sexuelle Ausschweifungen bedeuten konnte, nach damaligem Sprachgebrauch aber auf eine ernste, möglicherweise psychosomatische Krankheit hinweist, vielleicht auf lähmende Depressionen.

Dürfen wir vermuten, dass erst ­dieser Jesus ihrem Leben einen Sinn gegeben hat? Dass sie deshalb mit ihm zog, weil sie bei ihm Güte, Zuwendung, Zärtlichkeit, Hoffnung für die Welt fand? Dass sie und die anderen Frauen in seiner Nähe mutig wurden, dass sie lernten, sich etwas zuzutrauen?

Spätestens beim Kreuzestod Jesu wuchs Maria eine führende Rolle im Jüngerkreis zu: Während die später
zu Säulen der Kirche stilisierten ­Männer allesamt in panischer Angst flohen, um das eigene Leben zu retten, harrten die Frauen unter dem Schandpfahl aus. Als man den toten Jesus bestattet hatte, wollte Maria das Grab nicht verlassen. Und als sie am Auferstehungsmorgen erneut zur ­Felsengruft eilte, war sie nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums die erste, die das Grab leer fand. Und auch die erste, die den verschwundenen Jesus suchte. Denn Petrus und ­Johannes, von ihr verständigt, sind verwirrt wieder davongegangen; Maria aber bleibt auch diesmal beim Grab, weinend, hartnäckig, dieses Ende nicht akzeptierend. Sie sieht einen Mann, hält ihn für einen Gärtner und fleht ihn verzweifelt an: »Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast; dann will ich ihn holen.« (Johannes 20,15)

Und dann der Zauber der Wiedererkennungsszene, die ein Glaubensbekenntnis in Poesie fasst: »Maria!«, sagt der Auferstandene. Und auch sie sagt nur ein Wort: »Rabbuni!« Die Männer sind längst wieder in ihrem Versteck, und Christus schickt ihnen die Frau, die seine Auferstehung und zugleich seine Vergebung verkünden soll: »Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.« ­(Johannes 20, 17) »Brüder« nennt er sie liebevoll, die Kleingläubigen, die ihn alleingelassen haben. Maria Magdalena aber macht er zur Prophetin, und darum nennt sie die Ostkirche heute noch in begeisterter Verehrung »Apostelin der Apostel«.

Dass zum Freundeskreis Jesu auch Frauen gehörten (die der umherziehenden Schar mit ihrem Vermögen eine gewisse materielle Sicherheit verschafften), hatte schon seine Zeitgenossen entsetzt: Ein Rabbi durfte nach der strengen Version des Gesetzes mit Frauen nicht einmal reden. Den Strategen der zur Staatskirche ­gewordenen Christenheit war so viel Frauenpower aus den eigenen Anfängen ebenfalls peinlich.

Nach heutigem Forschungsstand waren Frauen in den ersten Jahrzehnten an Predigt und Gemeindeaufbau gleichberechtigt beteiligt. Aber spätestens im vierten Jahrhundert, als die Gottesdienste aus den Privathäusern in die neu entstandenen Basiliken verlegt wurden, passte man sich den gesellschaftlichen Regeln an und nahm die Frauen von der öffentlichen Bühne.

Kult, Verkündigung, Theologie, Ordnungsstrukturen, alles blieb jetzt eisern in Männerhand konzentriert. Im Zuge dieser Umorientierung ­mutierte auch Maria Magdalena von der glaubensstarken Prophetin zur bekehrten Sünderin, demütig und auf fremde Gnade angewiesen.

Nur die Künstler haben sich eine Ahnung davon bewahrt, dass es anders gewesen sein muss. Auf dem Isenheimer Altar des Matthias Grünewald trauern in einiger Distanz zum toten Christus eine zur Statue gewordene Mutter Maria, ein blasser, durchgeistigter Apostel Johannes, der sie ungeschickt stützt – und eine in ­stürmischem Schmerz zu Füßen des Kreuzes hingesunkene Maria Magdalena, die Haare offen, die Hände ­ringend: eine Liebende, die den toten Geliebten ins Leben zurückholen will.

Christian Feldmann

Buchtipp:
Feldmann, Christian: Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler. Große Gestalten und Heilige für jeden Tag, Herder Verlag, 664 S., ISBN 978-3-451-32049-1, 29,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643) 246161

»In Rom blüht und gedeiht die Ökumene«

24. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Jens-Martin Kruse ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Foto: Harald Krille

Jens-Martin Kruse ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Foto: Harald Krille


Begegnung: Ein Besuch beim Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in der Ewigen Stadt.

Wer Orte mit funktionierender Ökumene sucht, denkt nicht sofort an Rom. Doch der erste Blick täuscht. In der Stadt, die das Zentrum der katholischen Weltkirche beherbergt, klappt’s mit der Ökumene.

Jens-Martin Kruse hält nichts von der Klage über eine ökumenische Eiszeit. »Es gibt in Sachen Ökumene so viele positive Signale. Die Ökumene blüht und gedeiht«, sagt der evangelische Pfarrer. Seine Erfahrungen in dieser Hinsicht sammelt der evangelische Theologe an einem Ort, den manch deutscher Beobachter in den letzten Jahren nicht auf den ersten Blick mit ökumenischem Fortschritt in Verbindung bringen würde: Kruse ist seit August 2008 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom. Als Beleg für seine These kann er auf eine ganze Reihe ökumenischer Aktivitäten verweisen. Zu den Höhepunkten gehört dabei der ökumenische Gottesdienst, zu dem Kruses Gemeinde an Christi Himmelfahrt einlädt.

Wieso funktioniert ausgerechnet in Rom die Ökumene so gut? Rom ist nicht nur das Zentrum der katholischen Weltkirche. »Hier ist die Weltchristenheit präsent«, erklärt Kruse. Dabei sind die Lutheraner im ökumenischen Miteinander seiner Ansicht nach ein entscheidender Faktor. Zwar ist die Kirche zahlenmäßig verschwindend klein.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien (ELKi) zählt ­landesweit etwa 6000 Mitglieder. Die römische Gemeinde hat 500. Aber anders als die größere Kirche der Waldenser, die in Italien etwa 60000 Mitglieder hat, können die Lutheraner unbefangener mit den Katholiken umgehen, meint Kruse. »Die Waldenser definieren sich aufgrund ihrer Verfolgungserfahrungen durch die ­katholische Kirche bis heute durch Abgrenzung. Wir Lutheraner verstehen uns da eher als durch die Reformation hindurchgegangene katholische Kirche.«

Wer zur Minderheit der Lutheraner gehört, steht im katholischen Italien dennoch fast täglich vor der »Notwendigkeit zu erklären, dass er kein Häretiker ist«, sagt Kruse. »Aber das schärft den Blick für die eigene Identität.« ­Dabei ist die Situation der Gemeinde heute kaum noch mit der Gründungszeit vergleichbar. Damals (1819) gab es noch den Kirchenstaat und evangelische Gottesdienste konnten nur im Schutz der Preußischen Botschaft gefeiert werden.

1870, als der Kirchenstaat an das Königreich Italien angeschlossen und Rom dessen Hauptstadt wurde, konnte die Gemeinde in die Öffentlichkeit treten. Bis zum ersten Gottesdienst in der eigenen Kirche dauerte es aber noch bis 1922. Ökumene mit der katholischen Kirche wurde aber erst in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) möglich, nachdem die Katholiken ihr Verhältnis zu den anderen christlichen Kirchen neu bestimmt hatten. Seit dieser Zeit schrieb dann die lutherische Christuskirche in Rom aber gleich zweimal ökumenische Weltgeschichte: 1983 – im Jahr des 500. Geburtstages von Martin Luther – besuchte hier mit Johannes Paul II. zum ersten Mal ein Papst eine evangelische Kirche. Und im Jahr 2010 feierte sein Nachfolger Benedikt XVI. mit der Gemeinde hier einen Gottesdienst. Dieses Ereignis kann Kruse nicht hoch genug bewerten: »Wenn der Papst bereit ist, Gottesdienst in unserer Tradition zu feiern, dann ist das doch für uns die Anerkennung als Kirche.« Und was der Papst in Rom konnte, das kann er nun überall auf der Welt. Und so wird er bei seinem Besuch im September in Erfurt im Augustinerkloster einen vergleichbaren Gottesdienst halten.

Dass der Papst bei seinem Deutschlandbesuch so viel Wert auf Ökumene legt, verwundert Kruse nicht: »Ökumene ist vermutlich das zentrale Thema seines Pontifikats.« Das zeigte sich schon in seiner ersten Ansprache nach seiner Wahl zum Papst, als Benedikt XVI. es als vorrangige Verpflichtung bezeichnete, »mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten«.

Natürlich sieht auch Kruse, dass sich in manchen theologischen Fragen nichts bewegt. Aber: »Hinter die gelebte und gefeierte Ökumene kann niemand zurück. Und die theologischen Fragen werden sich dann klären.« Dabei müsse man – was die ­Äußerungen der katholischen Kirche betrifft – lernen, »zwischen den Zeilen zu lesen«. Da sende der Vatikan viele positive Signale. Wenn es dann einmal katholische Äußerungen gibt, die ökumenisches Porzellan zerschlagen, hilft es Kruse, »wenn unsere katholischen Partner anrufen und sagen, dass ist nicht unsere Position. Ökumene hat auch viel mit Aushalten zu tun«.

Bei entsprechenden Äußerungen aus seiner eigenen Kirche reagiert Kruse schärfer. Aussagen wie die von Margot Käßmann aus ihrer Zeit als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dass sie von Benedikt XVI. in Sachen Ökumene nichts erwarte, seien »riesige Rückschläge«. Wir Protestanten müssen von unserem hohen Ross herunter und lernfähig werden.« Für Kruse schließt das sogar ein, dass er sich ­einen Papst in einer synodalen Präsesfunktion für die Gesamtkirche vorstellen kann: ein »Erster unter Gleichen«, der für alle Christen spricht.

Von Harald Krille und Matthias Holluba

Hinweise: Informationen über die evangelisch-lutherische Gemeinde in Rom gibt es im Internet:
www.ev-luth-gemeinde-rom.org

Pfarrer Kruse freut sich über Pilgergruppen (auch aus katholischen Gemeinden), die ihm und der Gemeinde einen Besuch abstatten.

Das von Jens-Martin Kruse und Jürgen Krüger herausgegebene Buch über die »Ökumene in Rom« ist im Verlag »arte factum« in Karlsruhe erschienen (ISBN 978-3-938560-23-5) und kostet 28 Euro.
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USA: Eine Nation im demografischen Wandel

20. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Hoch oben auf einem Kran weht die rot-weiß-blaue Nationalflagge der USA. Aus übergroßen Lautsprechern tönt Patriotismus pur, die Hymne des Country-Sängers Lee Greenwood, »I am proud to be an American« (ich bin stolz, Amerikaner zu sein). Imbissbuden verkaufen Hamburger und Hotdogs. Hunderte Junge, Alte und Kinder sitzen auf ­Decken und Klappstühlen oder einfach im Gras in Erwartung der Hauptattraktion: In der Abenddämmerung explodieren schließlich die Feuerwerke. Es funkelt, knallt und blitzt. Denn es ist der 4. Juli. So oder so ähnlich wird überall in den USA der Geburtstag der Nation gefeiert.

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten von Amerika gegründet. Von weißen, englisch-sprechenden Siedlern aus Europa.

Bei »meiner« Geburtstagsparty in College Park im Bundesstaat Maryland fällt auf: Viele Feiernde sprechen spanisch. Sie stammen aus Mexiko und Mittelamerika. Einwanderer der ersten und zweiten Generation. Die USA befinden sich im demografischen Wandel: Man muss die Bilder in den Köpfen revidieren, dass »der Amerikaner« weiß ist. Dass die USA so etwas sind wie ein britischer oder mittel­europäischer Ableger auf einem anderen Kontinent. Etwa im Jahr 2040, in knapp drei Jahrzehnten, schätzt die Statistikbehörde »Census Bureau«, werden Nicht-Weiße, also Latinos, Afroamerikaner und aus der Dritten Welt stammende Menschen, mehr als die Hälfte der US-Gesamtbevölkerung ausmachen.

Gründe sind Einwanderung und Geburtenraten: Einwanderung aus Lateinamerika, der Karibik, aus Asien und aus Afrika. Die Einwanderer sind im Schnitt deutlich jünger als die ­weißen US-Amerikaner und haben folglich auch mehr Kinder. Nach jüngsten Erhebungen des »Census Bureau« machen »Minderheiten«-­Babys gegenwärtig mehr die Hälfte der Neugeborenen der USA aus. In zehn Bundesstaaten, darunter Kalifornien, Texas, Florida und Maryland stellen die »Minderheiten« zusammen bereits die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen.

Im weißen Amerika wird gerungen, ob man das als Bedrohung sehen will oder als Bereicherung und als Chance, die Nation neu zu erfinden. Es geht nicht nur um gesellschaftliche Vorurteile, sondern letztendlich um die politische Macht. Man sah’s bereits bei den letzten Präsidentschaftswahlen: Barack Obama wäre ohne
die Stimmen der Afroamerikaner und der Latinos (66 Prozent wählten Obama) nicht Präsident geworden. Nur 43 Prozent der Weißen stimmten für Obama. Die sich von den vielen »Ausländern« bedroht Fühlenden fordern drakonische Gesetze gegen »Illegale«, obwohl ohne gültige Papiere Eingewanderte nur einen kleinen Teil des »ausländischen« Zuwachses ausmachen.

Das kann hässlich werden. Im Bundesstaat Alabama beispielsweise wurde es unter Strafe gestellt, einen »Illegalen« im Auto mitzunehmen. Kann heißen: Eine in den USA geborene junge Frau (wg. Geburt ist sie ­automatisch Bürgerin) macht sich strafbar, fährt sie ihre illegal in die USA gekommene Mutter zum Einkaufen. Doch viele weiße US-Amerikaner, vor allem die jungen, sehen die Bevölkerungsdynamik gelassener. Welche Hautfarbe man hat, wo man herkommt, ist den Jungen nicht mehr so wichtig. Immer häufiger sieht man »gemischte« junge Paare. Bei den Erhebungen des »Census Bureau« weigern sich immer mehr Menschen, sich nur einer Rasse zuzuordnen. Und: 54 Prozent der weißen Wähler zwischen 18 und 29 Jahren stimmten für Obama.

Konrad Ege

Turbulent, burlesk, heiter

19. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Sommertheater erinnert an zwei Ereignisse in der Geschichte des Protestantismus.

Tina Rottensteiner und Frank Roder als Katharina von Bora und Martin Luther. Foto: David Ortmann

Tina Rottensteiner und Frank Roder als Katharina von Bora und Martin Luther. Foto: David Ortmann

Sommertheater soll leicht sein, aber nicht flach. Denn der Mensch will sich vergnügen und nicht unbedingt Probleme wälzen, zumal sich von der Zuschauerbank der Weltfrieden ohnehin nicht retten lässt. Dass es aber geht, Tiefgang, Ernst und Heiterkeit vereinbar sind, zeigt die ­aktuelle Sommertheater-Produktion des Vereins »WittenbergKultur«. Unter dem Titel »Gottes Narr und Teufels Weib. Ein bitter-süßer Schwanengesang« erinnert sie an zwei Ereignisse in der Geschichte des Protestantismus: Martin Luthers Eheschließung und die Bauernaufstände.

Am 10. Mai 1525 hatte Luther die Schrift »Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern« veröffentlicht, fünf Tage später kam es zur Schlacht bei Frankenhausen, am 27. Mai wurde ­deren Anführer Thomas Müntzer enthauptet. Acht Tage nach dem Tod von Kurfürst Friedrich dem Weisen, der am 5. Juni starb, heiratete Luther in Wittenberg die aus dem Kloster Nimbschen entflohene Nonne Katharina von Bora. Luther, so heißt es in der Beschreibung des Stücks, schloss seine Ehe im Schatten des Bauernkriegs.

Zu erleben ist »Gottes Narr und Teufels Weib« (Buch Frank Wallis) im Hof des Lutherhauses Wittenberg. Wie schon beim letzten Sommertheater »Jagd auf Junker Jörg« 2010 führt David Ortmann Regie, hat Suse Tobisch eine zauberhafte Kulisse geschaffen – die schlichte Bretterkonstruktion auf der Bühne steckt voller Geheimnisse. Gespielt wird auch mit Symbolen, etwa einem Schwan oder dem Engel der Geschichte, deren Bedeutung in einem Glossar nachgelesen werden kann. Mitgenommen wird man in die Küche des ehemaligen Schwarzen Klosters, wo Katharina (Tina Rottensteiner) mit den Vorbereitungen des Hochzeitsmahls beschäftigt ist. Im Verlauf kommt es dort zu Begegnungen mit Müntzers schwangerer Witwe Ottilie von Gersen (Silke Wallstein), ihrem Begleiter Hans Hut (Dirk Böhme), natürlich mit Luther (Frank Roder, der auch Lucas Cranach spielt) und mit dem Mönch Hieronymus (Haye Graf). Wechselseitig berichten sich diese Akteure ihren Weg.

Es geht um Selbstbefreiung, und im Zusammentreffen der Witwe mit der Braut wird stellvertretend die Verantwortung für den Bauernkrieg und zugleich das Schicksal der von der Reformation »befreiten« Nonnen diskutiert. So nähert man sich mal heiter, mal ernst in turbulenten, burlesk anmutenden Szenen, aber auch in zarten, leisen Momenten nicht zuletzt den großen Fragen, die das Themenjahr »Reformation und Freiheit« 2011 innerhalb der Luther­dekade nach dem Willen seiner Organisatoren verhandeln soll.

Die Lutherdekade und das damit verbundene Engagement des Bundes machen es auch möglich, dass »Gottes Narr und Teufels Weib« als Pilot­projekt für die Initiative »Kultur am Lutherweg« in diesem Sommer auf Tournee geht. Gezeigt werden soll es in Orten wie Mansfeld und Torgau, aber auch in Möhra und Mühlhausen. Maßgeblich initiiert wurde das Projekt »Kultur am Lutherweg« von der Lutherweg-Gesellschaft und der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Ziel ist es, den länderübergreifenden Lutherweg mit Aktionen und Projekten aus allen Bereichen der Kunst stärker in das Bewusstsein der Bewohner und Gäste zu bringen.

Von einer guten Möglichkeit, mit der Veranstaltungsreihe nach außen das touristische Image zu stärken, sprach vor einiger Zeit der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten, Stefan Rhein. Und nach innen könnte das Vorhaben identitätsstiftend wirken. Anders als bei den großen Projekten könnten hier auch Initiativen vor Ort eingebunden werden. Corinna Nitz

Die Premiere von »Gottes Narr und Teufels Weib« war am 14. Juli. Weitere Termine in Wittenberg sind am 15. und 16. Juli sowie am 11., 12. und 13. August. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Am 17. Juli und 14. August beginnen die Vorstellungen um 18 Uhr. Infos und Ticketauskünfte gibt es unter Telefon (0700)20082017 und bei www.buehne-wittenberg.de im Netz.

Mensch und Ebenbild Gottes sein

16. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Vorgestellt: Dr. Martina Bärs Erkenntnisse über die Würde von Mann und Frau.

Martina Bär ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Erfurt. Quelle: Jens-Ullrich Koch

Martina Bär ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Erfurt. Quelle: Jens-Ullrich Koch

Vom Haupteingang der Erfurter Universität führt der Weg über den Campus in südwestlicher Richtung zur Villa Martin, dem Sitz der Katholisch-Theologischen Fakultät. Wer denkt, dass hier nur Männer studieren, irrt. Obwohl in der katholischen Kirche die Frauenordination abgelehnt, nur Männer zum Priester geweiht werden, sind 50 Prozent der etwa 150 Studierenden Frauen. Die Möglichkeit als Pfarrerin zu arbeiten, ist ihnen zwar verwehrt.

Aber für Theologinnen gebe es in der katholischen Kirche viele Betätigungsfelder, so Dr. Martina Bär, wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Exegese und Theologie des Neuen Testaments. Frauen können nach dem Studium als Pastoralreferentin, Gemeindereferentin, Lektorin, Lehrerin oder Dozentin arbeiten. In dem 13-köpfigen Professorenkollegium an der Erfurter ­Fakultät sind drei Frauen. »Das ist viel im Vergleich mit ­anderen Universitäten, wo teilweise gar keine Professorinnen sind«, erklärt Bär. Sie wurde kürzlich für ihre Dissertation mit dem Maria-Kassel-Preis 2011 der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster für Nachwuchswissenschaftler in der Theologie ausgezeichnet. Das Thema Bärs Arbeit: »Mensch und Ebenbild Gottes sein. Zur gottebenbildlichen Dimension von Mann und Frau.«

Martina Bär, 1976 geboren, zählt sich zur zweiten Generation der Frauenbewegung. Während die erste Generation sich für die Befreiung von Frauen aus ihrer nachgeordneten Stellung in der Gesellschaft einsetzte, nehme sie auch die Männer mit in den Blick, so die Theologin. Sie erkennt, im Kontext der Emanzipation der Frauen seien Männer die Verlierer, die ihre Rolle erst noch finden müssten. Warum werden Männer zu Tätern?

Im ersten Teil ihrer Doktorarbeit beschäftigt sich die Wissenschaftlerin mit dieser Frage. Als Ursache für die Gewalt von Männern gegen Frauen und Kinder sieht sie Minderwertigkeitsgefühle und Erfahrungen von Unterdrückung an, wie sie in hierarchisch geordneten Strukturen erlebt würden. Nicht nur zwischen Männern und Frauen gehe es hierarchisch zu, sagt sie, sondern auch zwischen Männern. Ihr Anliegen sei das Gespräch zwischen Männern und Frauen, denn dieser »Dialog ist ein wichtiger Baustein für ein friedliches Zusammen­leben der Geschlechter«.

Den Akzent legt die Theologin nicht auf die Befreiung von Frauen, sondern auf die vorausgesetzte Befreiung, die Freiheit. Bär beruft sich dabei auf die Philosophen Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, deren Erkenntnis besagt: »Jeder Mensch ist ein freier Mensch.« Wenn der Mensch diese seine Freiheit erkannt habe, so Bär, könne er sein Leben und seine Beziehungen selbst gestalten. Er sei nicht Sklave einer gesellschaftlichen Rolle. »Der Mensch kann sich sowohl zu ­seinen körperlichen Vorgaben als auch zu seiner sozialen Rolle verhalten«, will sagen: Festgelegte Rollen und Strukturen müssen nicht auf ewig akzeptiert, sie können verändert werden.

Wer sich seiner eigenen Freiheit und deren Wertes bewusst sei, anerkenne auch die Freiheit eines jeden anderen Menschen und fordere ihn sogar auf, von seiner Freiheit Gebrauch zu machen, folgert die Wissenschaftlerin. Sie stützt sich dabei auf Fichtes Aufforderungslehre.

Typisch Mann, typisch Frau! Solche Kategorien will sie nicht gelten lassen. »Wir müssen aufhören, das andere Geschlecht zu interpretieren.« Die feministische Bewegung habe früh darauf aufmerksam gemacht, dass von körperlichen Geschlechtsmerkmalen soziale Normen, Rollen, Ordnungen und Gesellschaftsstrukturen abgeleitet worden seien. »Der Körper diente als Legitimationsgrundlage, den Frauen eine nachgeordnete Stellung in der Gesellschaft und in den Beziehungen der Geschlechter zu geben«, betont Bär. Aber es sei falsch, den Menschen über den Körper und das Geschlecht zu definieren. »Die Selbsterkenntnis »Ich bin« ist geschlechtsneutral.

Der Mensch nehme sich ­zuerst als Mensch, erst danach als ­geschlechtliches Wesen wahr. Diese Erfahrung entspreche dem biblischen Schöpfungsbericht Genesis 1, Verse 26 und 27. »Der Clou daran ist, Gott schafft den Menschen, erst in einem zweiten Schritt wird präzisiert, dass der Mensch männlich und weiblich geschaffen ist.« In der Theologiegeschichte sei man immer davon ausgegangen, dass der Begriff »Mensch« nur auf den Mann bezogen sei. In ­ihrer Doktorarbeit belege sie, dass »Mensch« auf Mann und Frau bezogen sei.

Das Argument, der Mann sei zuerst von Gott erschaffen worden, entlarvt die Theologin als männliche Interpretation. Ebenso die harsche neutestamentliche Reglementierung, dass die Frau in der Gemeinde zu schweigen habe. »Das ist nicht von Paulus«, erwidert sie. Hier handle es sich um redaktionelle Eingriffe, interessegeleitet, jedoch nicht im Sinne des Apostels.

Die katholische Kirche ist für manche Überraschung gut. Einerseits ist die Frauenordination ein Tabuthema. Andererseits ist eine Dissertation wie die von Martina Bär möglich, worin sie darlegt, dass Christus von Männern und Frauen repräsentiert werden könne. Die junge Frau kennt die beschränkten Möglichkeiten für Theologinnen in ihrer Kirche, dennoch fühlt sie sich ihr verbunden. »Ich bin in meiner Kirche verwurzelt.« Und sie hat eine gute Alternative, zu arbeiten und zu wirken. »Hier an der Uni fühle ich mich frei und nicht eingeschränkt.« Zurzeit bereitet sie sich auf ihre Habilitation vor. Dabei beschäftigt sie sich mit einem ganz anderen Thema, mit antiken Stätten. Sie forscht, warum Großstädte – die Geburtsstätten des Christentums – so wichtig waren für die Verbreitung des Evangeliums. Eine Frage, nicht minder spannend als die nach der Gottebenbildlichkeit des Menschen.

Sabine Kuschel

Die Kirchen und ihr Land

Landwirt Helmut Jüdersleben hat gern ein Gotteslob auf seinen Lippen - doch wie seine Kirche Wiesen und Ackerland verpachtet, versteht er manchmal nicht. Foto: Rainer Borsdorf

Landwirt Helmut Jüdersleben hat gern ein Gotteslob auf seinen Lippen - doch wie seine Kirche Wiesen und Ackerland verpachtet, versteht er manchmal nicht. Foto: Rainer Borsdorf


Nachgefragt: Wie gehen die Kirchen in Mitteldeutschland mit ihrem Grundbesitz um?

Etwa drei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in ­Mitteldeutschland gehört den evangelischen Kirchen. Die ­Verpachtung des Landes bringt Geld, aber manchmal auch ­Ärger.

Helmut Jüdersleben ist ein frommer Mann. Wenn der 74-jährige Landwirt über seine Felder geht, summt er gerne ein Lied zur Ehre Gottes – oder dichtet selbst eins. »Schon mein Großvater hielt manchmal bei der Feldarbeit inne und staunte über Gottes Schöpfung; das hat mein Leben geprägt.« Die Augen in dem wettergegerbten Gesicht leuchten, wenn er davon erzählt.

Seit 60 Jahren ist er Tag für Tag auf den Feldern – und wenn es sein muss, auch nachts. Ebenso lange spielt er Sonntag für Sonntag die Orgel in den Kirchen rund um die Domstadt Naumburg. »Es macht mir Freude, wenn Menschen durch mei­ne Musik berührt werden«, beschreibt er das Engagement für seine Kirche.

Vergabe von Pachtland erregt Ärger bei Bauern
Doch der Landwirt hadert mit ihr schon seit einiger Zeit: »Als hier vor zwei Jahren Land zur Verpachtung anstand, hat man mich gar nicht angeschrieben«, meint Jüdersleben. Doch noch mehr traf ihn das Schicksal eines Freundes: Der ging in ­einer ersten Vergaberunde leer aus und sollte später bedacht werden. Doch das Land, immerhin 15 Hektar, bekam nicht er, sondern eine Agrargenossenschaft. Deren Chef, ein ehemaliger LPG-Vorsitzender, wollte nach der Wende wegen Landstreitigkeiten vor der Dorfkirche ­einen Schlagbaum errichten lassen. »Haben die das vergessen beim Kreiskirchenamt?«, fragt sich Jüdersleben. Er habe ­seinen Freund, engagierter Christ wie er, nur durch viel gutes Zureden davon abhalten können, mit der gesamten Familie aus der Kirche auszutreten.

Im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz hat es in jüngster Zeit mindestens noch zwei ähnliche Fälle gegeben, wie Pfarrerin Bettina Schlauraff (Bad Bibra) berichtet. Die Dunkelziffer im gesamten mitteldeutschen Raum dürfte aber deutlich höher liegen, denn: »Viele Leute wollen nicht ­reden, aus Angst, dann nie mehr Kirchenland pachten zu können«, meint die ­Pfarrerin.

So habe zum Beispiel ein christlicher Öko-Bauer in jahrelanger Kleinarbeit sein gepachtetes Land auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. »Ihm wurde es weggenommen und einem konventionell wirtschaftenden Bauern gegeben. Und der brachte gleich wieder die Chemie aufs Feld«, zeigt sich die Pfarrerin erbost und fügt hinzu, die Kampagne der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), »Klimawandel – Lebenswandel«, komme ihr manchmal als »reiner Hohn vor: Der Kirche geht es nur ums Geld!« Die EKM als Landverpächter habe die höchsten Preise in der ganzen Region.

»Wirtschaftsgüter müssen gut vermarktet werden«
Nachfragen bei den Grundstücksämtern der Landeskirchen Anhalts, Sachsens und der EKM ergaben übereinstimmend, dass die Höhe des Pachtgebots tatsächlich an erster Stelle bei der Vergabeentscheidung steht. Erst danach kommen sogenannte »weiche Faktoren« wie Kirchenzugehörigkeit und soziales oder ökologisches Engagement hinzu.

»Der Pachtzins bringt die Pfarrbesoldung; die Wirtschaftsgüter müssen also gut vermarktet werden«, betont Christian von Bülow, Grundstücksdezernent der Landeskirche Anhalts. Und das könne dann auch dazu führen, dass wie im Falle von Pristäblich (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) eine Kirchengemeinde ihr Land an eine Hühnerfarm mit Massenviehhaltung verpachte. »Ist diese Art Tierhaltung wirklich so schlimm? Wir haben darüber noch keinen Konsens«, meint von Bülow.

Jörg Teichmann, Grundstücks- und Baudezernent der sächsischen Landeskirche, sieht das anders: »Wir wünschen dezidiert nicht, dass auf Kirchenland ein ›Hühnerknast‹ errichtet wird.« Bisher werde zwar den Kirchengemeinden freie Hand gelassen bei der Verpachtung, aber: »Sollte ein Fall wie Pristäblich hier auftreten, würden wir die Regeln sofort ändern.

»Diethard Brandt hingegen, Referatsleiter Grundstücke bei der EKM, meint: »An Pristäblich kann man gar nichts festmachen!« Er betont, dass aus seiner Sicht das Vergabeverfahren in der EKM sich durch »hohe Transparenz, Regionalität und Konfessionalität« auszeichne. »An den Kirchengemeinden geht da nix vorbei«, betont Brandt.

Doch die Erfahrungen vor Ort scheinen andere zu sein: Ralf Demmerle, Inhaber des »Naturerlebnishofes Hausen« bei Arnstadt, bekam bei der jüngsten Neuverpachtung Land, das sechs Kilometer entfernt von seinem Hof liegt. »Das bei mir vor der Haustür bekam hingegen eine Agrargenossenschaft«, wundert sich Demmerle. Auf Nachfrage bekam er vom zuständigen Kreiskirchenamt keine Auskunft – eine Erfahrung, die er mit anderen Pächtern kirchlichen Landes teilt. Und Pfarrerin Bettina Schlauraff meint gar: »Das Votum der Gemeinde einzuholen, ist eine Farce. Die hat hier definitiv keine wirkliche Entscheidungsgewalt.«

Siegrun Höhne, EKM-Beauftragte für Landwirtschaft und Umwelt, weiß um die Probleme: »Es ist nicht nachvollziehbar, warum die Pachtbewerber nicht mehr ­Informationen bekommen. Wenn Landwirte, die auch noch Gemeindeglieder sind, ihrem Ärger öffentlich Luft machen, müssen wir als Kirche einfach reagieren.«

Kirchen haben ökologische und soziale Verantwortung
Sie sieht das Vergabeverfahren insgesamt positiv, räumt jedoch ein, dass es je nach Kreiskirchenamt unterschiedlich umgesetzt werde. Um ethischen Fragen beim Vergabeverfahren mehr Gewicht zu geben, habe sich der von ihr geleitete Synodenausschuss deshalb kürzlich mit EKM-Referatsleiter Diethard Brandt getroffen. Bis zu einer Einigung sei es aber noch ein weiter Weg, resümiert sie.

Außer mangelnder Transparenz, hohen Pachtpreisen und wenig Schöpfungsverantwortung ist es noch ein weiterer Vorwurf, dem sich die drei mitteldeutschen Kirchen ausgesetzt sehen: »Die Kirche verpachtet sehr gerne an die großen Agrargenossenschaften«, beschreibt Inge Schwarzwälder, Inhaberin des Pfarrgutes Taubenheim bei Dresden, ihre Erfahrungen. »Doch wenn die kleinbäuerlichen Strukturen wegbrechen, sterben die Dörfer«, betont sie. Das könne doch nicht im Interesse der Kirche sein. Und Helmut Jüdersleben? Versteht zwar die Welt noch, aber seine Kirche manchmal nicht mehr.

Rainer Borsdorf

Griechenlands Gefühlslage: Keine Luft mehr zum Atmen

12. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Giorgio Tzimurtas ­berichtet  für ­unsere ­Zeitung aus ­Griechenland.

Giorgio Tzimurtas ­berichtet für ­unsere ­Zeitung aus ­Griechenland.

Es herrscht die große Depression in Griechenland – wirtschaftlich und psychologisch. Geschäfte gehen Pleite, in der Bevölkerung machen sich Angst und Verzweiflung breit. Die Sparauflagen, die das Land erfüllen muss um Kredite vom Hilfsprogramm der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu erhalten, sind hart. Und sie werden als erbarmungslos empfunden, weil sie Opfer verlangen, ohne eine Zukunftsperspektive zu bieten. Der Konsum wird abgewürgt, für staatliche Investitionen ist kein Raum. Es droht das Kaputtsparen.

Keine Luft zum Atmen – so ist die Gefühlslage unter den Menschen. Viele von Ihnen gehen zur Arbeit, obwohl sie seit Monaten nicht bezahlt werden. Rentner müssen herbe Einschnitte verkraften. »Es trifft die Falschen. Es trifft einseitig die Schwachen«, hört man immer wieder. Und trotz aller Lähmung im Krisenschock – auch Wut kommt auf. Immer mehr Angehörige der Mittelschicht gehen auf die Straße, um zu demonstrieren. Ihr Vorwurf an die sozialistische Regierung unter Giorgos Papandreou: Die einst durch das marode System Privilegierten werden weiter begünstigt, die Redlichen aber geschröpft.

Auch gegen die EU und den IWF richtet sich ein ausgeprägter Groll. Die Gewissheit ist verbreitet, dass sich das Hilfspaket zu sehr nach den Kategorien Schuld und Sühne ausrichtet – und keine nachhaltige Rettung ermöglicht. Dass sie viel zu lange sehr weit über ihre Verhältnisse gelebt ­haben, dass dies zum Kollaps führen musste – diese Einsicht verbreitet sich, nach anfänglicher Abwehrhaltung, unter den Hellenen. Doch der EU und dem IWF werfen sie vor, beim Schnüren des Hilfspakets vor allem in ­Richtung Finanzmärkte geschaut zu haben. Um sie zu beruhigen, seien Sparpläne entworfen worden, die letztlich das Land wieder in Richtung Ruin drängen können. Verschlimmert habe sich die Lage, weil Bundeskanzlerin Angela Merkel immer wieder gezaudert habe – aus innenpolitischen Gründen. Mit dem Effekt, dass ­Spekulanten weiter auf die hellenische Staatspleite wetten konnten.

Dennoch: Wenn Straßenschlachten in Athen zwischen Demonstranten und Polizei weltweit in den Nachrichten zu sehen sind, dann geben sie einen falschen Eindruck wieder. Griechenland versinkt nicht im Chaos der Gewalt. Es sind radikale Gruppen, die um die Macht der Bilder in den Medien wissen. Sie nutzen die Situation. Der Staat soll als hilflos dargestellt werden, im Ausland soll sich die öffentliche Meinung gegen Griechenland richten. Das Ziel der randalierenden Radikalen lautet: Umsturz.

Für Griechenland ist eine Rettung möglich, wenn das zweite Hilfspaket auf lange Sicht angelegt wird, die Schuldenlast erträglich bleibt. Und ohne eine gleichzeitige Reform staatlicher Strukturen sowie einer effektiveren Steuerbehörde wird es nicht gehen.

Giorgio Tzimurtas

Tabus in der Familie

11. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Geheimnisse: Was zu tun ist, wenn es in der Familie etwas gibt, an das nicht gerührt werden darf.

Ein Geheimnis zu haben, muss nicht schlecht sein. Dunkle Geheimnisse jedoch, über die hartnäckig geschwiegen wird, können viel Unheil anrichten.

Von Karin Vorländer

Zum Schweigen verurteilt. Foto: picture-alliance

Zum Schweigen verurteilt. Foto: picture-alliance

Geheimnisse schützen das Private. Sie schaffen so etwas wie einen eigenen Raum, betont die Psychologin Ursula Nuber. Geheimnisse sind Vorfälle, Geschehnisse und Geschichten, die »im Heim« bleiben, die nicht für andere und für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Bei Geheimnissen unterscheidet Familientherapeutin Rosemarie Welter-Enderlin zwischen »Skeletten im Keller und Schätzen auf dem Dachboden«. Zu den »Schätzen« zählt sie alles, was einem Menschen allein gehören soll, was jemandem lieb und teuer ist – Tagebücher oder Liebesbriefe etwa. Aber es gibt auch die »Skelette«: dunkle, destruktive Geheimnisse, Lügen, Täuschungen und Tabus in der Familiengeschichte, an die niemand rühren darf und über die in einer Art Familienschwur hartnäckig geschwiegen wird: Die Nazivergangenheit eines Großvaters, eine Abtreibung, der Suizid einer Tante, die Alkoholsucht der Großmutter, Missbrauch, Straffälligkeit eines Familienmitglieds, eine Adoption, ein uneheliches Kind, Bereicherung mit unlauteren Mitteln, Homosexualität eines Familienmitgliedes. Im Prinzip kann jedes Thema zum Geheimnis werden, wenn es als peinlich gilt, wenn es real oder gefühlt nicht zu den Idealen passt, die die Familie nach außen hin vertritt.

Wer ein destruktives Geheimnis hütet, muss enorm viel psychische Kraft und mentale Arbeit aufbringen. Ständiges Lügen, Täuschen und Verschweigen brauchen so viel Energie, dass die emotionale Beziehung und die Kommunikation mit anderen in der Familie leiden. Die Angst vor ­Entdeckung führt häufig zu psycho­somatischen Erkrankungen oder zur Suchtgefährdung.

Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Familientherapie zeigen, dass dunkle Geheimnisse eine Partnerschaft und eine Familie erschreckend nachhaltig belasten. Sie können sogar über Generationen hinweg Unheil anrichten, wenn sie nicht aufgedeckt werden. Dabei leiden auch diejenigen, die von dem Geheimnis gar nichts wissen, oft schwer. Edelgard Meinolf* (56) und ihr Bruder Helmut* (44) litten genau wie ihre Mutter jahrelang an Depression. Helmut erlebte sich als bindungsunfähig, Edelgards Ehe scheiterte. Ihre Tochter litt an ständig neuen psychosomatischen Symptomen. Erst als Edelgard von ­einer Tante erfuhr, dass ihre Mutter als Kind vom Vater missbraucht ­worden war, fanden alle drei mit ­therapeutischer Begleitung aus dem dunklen Tal.

Oft schweigen auch die Opfer. »Wir haben unseren Kindern 15 Jahre lang nicht erzählt, dass wir Holocaust Überlebende sind – aber die haben gespürt, dass ein Schatten über uns liegt«, berichtet die KZ Überlebende Rahel Grünebaum (88). Sie hofft, dass die Generation ihrer Enkel endlich zu unbeschwerter Lebensfreude findet.

Vertuscht, gelogen, verschwiegen oder ­verdrängt wird aus Scham, aus Angst vor Strafe oder aus Furcht vor dem Verlust an Prestige, Geltung und Ansehen. Oft wird ein Geheimnis auch deshalb nicht offengelegt, weil Eltern glauben, Kinder könnten die Wahrheit nicht verkraften. Kinder, die von einem Geheimnis ihrer Eltern ausgeschlossen werden, spüren dennoch, dass etwas nicht stimmt. »Ich hatte immer das Gefühl, falsch, fremd und irgendwie verkehrt zu sein«, weiß Frauke Berkunin* (54), deren emotionale Unsicherheit sich als Kind und Jugendliche darin äußerte, dass sie ständig stolperte oder stürzte. Als ihre Eltern ihr kurz vor ­ihrer eigenen Hochzeit offenbarten, dass sie ein Adoptivkind ist, war sie ­erleichtert. Den offenen Umgang mit dem Thema Adoption halten Psychologen heute für richtig. Denn schon Kinder begreifen viel, wenn ihnen die Wahrheit einfühlsam gesagt wird.

Judith Wagner* (27) litt unter Schwindelanfällen. Als ihr Vater ihr nach dem Abitur offenbarte, dass er homosexuell ist, suchte sie psychologische Hilfe – und die Schwindelattacken verschwanden. Der Bitte ihres Vaters, das Geheimnis gegenüber den Geschwistern und der Großmutter zu bewahren, ist sie allerdings nachgekommen. »Ich habe nicht das Recht, ihn gegen seinen Willen zu outen«, sagt sie.

Das Geheimnis preiszugeben ist nicht angeraten, wenn dahinter nur die Hoffnung steckt, selbst sofort und unmittelbar Entlastung, Absolution und Verständnis zu erfahren. Ein Geheimnis, das aus Wut oder Rache eingestanden wird, hat eine schädliche Wirkung. Etwa wenn ein Kind in einer Konfliktsituation zwischen den Eltern vom vermeintlichen Vater erfährt, dass es »das Ergebnis« einer außerehelichen Beziehung der Mutter ist.

Gute Motive, ein Geheimnis zu lüften, liegen dagegen vor, wenn jemand ehrlich davon überzeugt ist, dass die Lebenskraft eines anderen dadurch gestärkt wird. Heidi Schlicht (62) erlebte es als – allerdings viel zu späte – Belebung ihres Lebens, als ihre 90-jährige Mutter ihr endlich offenbarte, dass ihr Vater ein russischer Zwangsarbeiter war. »Sie hat mir ein Bild von ihm gezeigt. Wenn ich jetzt in den Spiegel schaue, freue ich mich, dass ich seine Augen habe.«

Ein Familiengeheimnis zu lüften kann erleichtern, der Anfang eines neuen Lebens für alle Beteiligten sein. Es kann aber auch neue Probleme schaffen. Wut und Enttäuschung, Fassungslosigkeit und Kränkung oder Scham und Unverständnis müssen verkraftet werden. Womöglich gibt es sogar Trennungen oder Abschiede. Vor einem klärenden Gespräch kann man Unterstützung in Form von professioneller Beratung in Anspruch nehmen und überlegen, ob der Zeitpunkt gut gewählt ist und in welchem Rahmen und wie das Geheimnis gelüftet werden soll.
(* Name geändert)

Buchtipps
Perner, Rotraud A.: Darüber spricht man nicht. Tabus in der Familie. Das Schweigen durchbrechen, Kösel-Verlag, 256 S., ISBN 978-3-466-30841-5, 14,95 Euro
Nuber, Ursula: Lass mir mein Geheimnis! Warum es gut tut, nicht alles preiszugeben, Campus Verlag, 239 S., ISBN 978-3-593-38234-0, 19,90 Euro; Audio-CD, ISBN 978-3-593-38462-7, 14,95 Euro

Ein Ilmenauer in Wien

10. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Michael Reichel

Ausstellung in der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Michael Reichel

 
Ausstellung widmet sich dem bildnerischen Schaffen von Horst Aschermann.
 
Das Unglück kam an einem heißen Sommertag 1965. In der prallen Sonne mühte sich der 33-jährige Bildhauer Horst Aschermann am harten Stein eines drei Meter hohen Marmorkreuzes. Die Pestsäule sollte ein Mahnmal setzen in Purkersdorf, jenem kleinen Ort im Wienerwald, in dem der Schwarze Tod im Jahr 1713 die Hälfte der Bewohner dahinraffte. Dort, so idyllisch in der Natur und doch so nahe der Metropole Wien gelegen, hatte Aschermann nach seiner Flucht aus Thüringen seine neue ­Heimat gefunden.

Anfang der 1950er Jahre hatte er seiner Geburtsstadt Ilmenau den Rücken gekehrt, um in Mainz und später in Wien jene »Freiheit des Geistes« zu finden, die er so vermisst hatte in der DDR. Auf die Ausbildung als Kerammodelleur in der Ilmenauer Porzellanmanufaktur Müetzler & Ortloff folgten fünf Jahre Arbeit in seinem Lehrberuf in Mainz. Schließlich, 1957, begann er ein Studium an der Akademie für angewandte Kunst in Wien, wo er bereits 1964, zwei Jahre nach seinem Studienabschluss, einen Lehrauftrag für Bildhauerei annahm. Und dann die Plackerei an dem Mahnmal aus Marmor. Der 1932 geborene Künstler hatte sich bei der Bearbeitung des harten Gesteins in der prallen Sonne so überanstrengt, dass er schwer erkrankte.

Aus dem Ringen mit der Form wurde nun auch ein Ringen mit der Krankheit, einer seltenen Form von Parkinson, die ihn zwang, statt mit der rechten mit der linken Hand zu ­arbeiten.Der Steinbildhauer wandte sich dem Metallrelief zu, häufig in Verbindung mit religiösen Themen wie dem Kreuzgang und der Genesis. Aschermanns Reliefe gleichen Aufnahmen aus der Vogelperspektive. Sie komponieren Menschen, Säulen oder Kuppelformen zu rhythmischen Ordnungen in Metall, zeigen enge Besiedlungen, Tempel, üppige Pflanzenwelt. Die Widrigkeiten der Herstellung entblößen die Werke derweil nicht.

Die Kunst des gebürtigen Ilmenauers ist zum Beispiel an den Türen der Wirtschaftsuniversität Wien, an Hausfassaden, auf freien Plätzen und in Kirchen zu sehen. Vier Reliefserien, entstanden zwischen 1969 und 1986, widmen sich dem Kreuzweg. Sie zeigen die zusammengeschnürten Hän­de, das Haupt mit der Dornenkrone oder die Abnahme vom Kreuz. Details wechseln mit der Darstellung kleiner Szenen. Ein Gotteshaus, die evangelische »Kirche am Wege« in Hetzendorf, einem Wiener Gemeindebezirk, birgt eines der Hauptwerke Aschermanns, eine achtteilige Genesis aus großformatigen Aluminiumreliefen aus dem Jahr 1972. Die Reihe beginnt mit »Das Prinzip« – einer wüsten und leeren Erde, die doch Fruchtbarkeit in sich trägt. Es folgen Pflanzen, die Tiere zu Land, zu Wasser und in der Luft, schließlich das nackte erste Menschenpaar und der Turmbau zu Babel. Die letzten beiden Reliefs mit den ­Namen »Ecce homo« und »Ecce mundus« zeigen Kreuzigung und Apokalypse. Das gleiche Thema, jedoch nun farbenfroh und abstrahiert, gestaltet Aschermann 1980 noch einmal mit Glasfenstern in der St. Jakobskirche in Purkersdorf.

Marmor, Bronze, Glas, Aluminium, Kohle, Gips, Beton, Tusche, Holz, ­Eisen, Buntstift, Acryl-, Öl- und Aquarellfarben. Gegossen, behauen, gezeichnet, gemalt. Collagen, Materialbilder, Skulpturen, Reliefs, Gemälde. – Facettenreich präsentiert sich Aschermanns Werk in der Retrospektive im Goethe-Stadtmuseum und der Jakobuskirche Ilmenau. Sie erinnert an ­einen Künstler, der die eigenwillige Fügung seines Lebens annahm. Der
in die Fremde ging, um geistige Freiheit zu finden, dabei aber seine körperliche Freiheit einbüßte. 2005 starb Horst Aschermann im Alter von 72 Jahren.

Susann Winkel

Die Ausstellung »Horst Aschermann. Ein ­Ilmenauer in Wien« ist bis 6. November im Goethe-Stadtmuseum Ilmenau (geöffnet täglich von 10 bis 17 Uhr) sowie bis 9. Oktober in der Jakobuskirche Ilmenau (geöffnet zu den Zeiten der »Offenen Kirche« und sonntags vor und nach den Gottesdienstzeiten) zu sehen.

»Ich bin immer wieder neu begeistert«

9. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Katrin Göring-Eckardt hat Theologie studiert ohne akademischen Abschluss. Die Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen) ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Foto: Archiv

Katrin Göring-Eckardt hat Theologie studiert ohne akademischen Abschluss. Die Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen) ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Foto: Archiv

 
Katrin Göring-Eckardt beschreibt, was Jesusnachfolge für sie bedeutet.
 
Jesus fasziniert mich, seit ich als Jugendliche in der DDR mit seinem Leben und Wirken zum ersten Mal in Berührung gekommen bin: Was waren das für wundersame Geschichten, die von ihm erzählt wurden! Was waren das für schöne Worte, die er sprach. Was ist das nur für ein Mensch gewesen, der sich nicht einschüchtern ließ von den Autoritäten seiner Zeit, der nicht den Mund hielt, sich nicht hinter Konventionen versteckte und genau das tat, was er sagte. Einer, der seine Überzeugung lebte bis hinein in die bittere Konsequenz seines Sterbens. Ein Mensch, der im Angesicht seines Todes sein Versprechen »ich bin das Leben« nicht zurücknahm und damit zum Leben für uns alle wurde.

Gerade unter den Bedingungen der Diktatur war Jesu Ruf in die Nachfolge für mich etwas Existenzielles. Er machte mir Mut für das einzustehen, was ich als richtig und unbedingt notwendig erkannt hatte. Viele Christinnen und Christen, die in der DDR aufgewachsen sind, haben ihren Glauben in einer Intensität erlebt, die für viele prägend ist und hoffentlich weiter bleiben wird.

Aus dieser christlichen Überzeugung und Begeisterung für die Botschaft Jesu wollten wir zur Zeit der friedlichen Revolution unsere Gesellschaft verändern. Jesu Worte machten uns Mut für eine Vision von Kirche und Gesellschaft, für die es sich zu ­arbeiten, zu kämpfen lohnte. »Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.« (Matthäus 5,6) Jesu Sätze ­haben mich darin bestärkt, selbstständig und manchmal unbequem zu denken. Die Kirchen haben Schutz und einen Freiraum geboten, den das »verordnete Denken« der Mächtigen gerne verhindert hätte.

Dort, wo wir uns in Jesu Namen versammelten, spürten wir, was die DDR-Oberen am meisten hassten: Freiheit. Die Freiheit des Evange­liums. Die Freiheit Jesu. Diese wunderbare Freiheit widersetzte sich den Anmaßungen und Zumutungen des Regimes und dessen Absolutheitsanspruch. Denn da ist einer, der größer ist als alles, was die Mächtigen wollten und womit sie drohten und Angst verbreiteten.

Unser Wissen um Gottes Gegenwart hat in einem totalitären Umfeld den Totalitarismus des Staates ins Verhältnis gesetzt – ins Verhältnis zu etwas Größerem, das über allem steht.

Von dem Wissen um diese Freiheit aus dem Glauben lebe ich bis heute. Der, dem allein ich Rechenschaft zu geben habe, ist nicht von dieser Welt, er lebt aber ohne Zweifel in der Welt. Dieser Glaube gibt mir Kraft und Mut, mich als Politikerin zu engagieren und doch zu wissen, dass das nicht alles ist. Als Politikerin unterscheide ich mich in vielem nicht von meinen parlamentarischen Kolleginnen und Kollegen und von Menschen mit anderen Berufen oder Biografien.

Als Christin aber weiß ich, dass es etwas Größeres gibt als das nächste Radiointerview, die nächste Stufe auf der Karriereleiter, die nächste Wahl. Ich weiß und spüre, dass ich getragen und gehalten bin durch Gottes Kraft.
Jesu nachzufolgen heißt, seine Botschaft offen zu hören und jeden Tag zu versuchen, sie in unserer Gegenwart zu verwirklichen. Denn ich will diese Welt nicht einfach so hinnehmen, wie sie ist. Ich will mich nicht verführen lassen von der sogenannten »Macht des Faktischen«.

Jesu Worte aus der Bergpredigt (Matthäus 5) sind mir vertraut und bedeuten mir sehr viel. Sie sind für mich keine Träumereien, die nur etwas für Spinner und Visionäre wären. Die Verfolgten und Unterdrückten dieser Welt werden selig gepriesen, ihnen wird das Reich Gottes verkündet, das alle Ketten sprengt! Die Trauernden dieser Welt bleiben nicht in ihrer Trauer stecken, sondern sie bekommen Trost zugesprochen! Bloß ein irreales, irrationales Wunschbild, das hier gezeichnet wird? Freilich, unserer Erfahrung nach werden nicht alle Hungernden satt und alle Trauernden getröstet. Nein, so ist die Welt nicht. Aber: So könnte sie sein!

Genau das ist die Hoffnung, die ich in der Nachfolge Jesu nicht aufgebe. Die Hoffnung, die mich als Politikerin und Kirchenfrau antreibt zu handeln, zu verändern und die Schritte zu tun, die zu meiner Schuhgröße passen. Ich muss und kann nicht mit Sieben-­Meilen-Stiefeln vorwärtsstürmen und jeden Tag Revolution machen auf dem Weg zum Reich Gottes. Aber die Füße einfach hochlegen und Däumchen drehen vereinbart sich auch nicht mit meinem Glauben.

Es sind immer die Sanftmütigen, die viel bewirken können. Im Herbst 1989 waren es die stillen, friedlichen Gebete und die Macht der tausend Kerzen. Ich erinnere mich an den ­unüberhörbaren Ruf ungezählter Menschen »Keine Gewalt!«, an den Mut und das Drängen auf Veränderung, die zuvor unmöglich schien. Und an die wir doch glaubten, auf die wir hofften, die wir so unbedingt wollten. Wer will nach dieser Erfahrung noch sagen, die Welt ist eben, wie sie ist, Jesu Worte sind verrückt? »… denn ihnen gehört das Himmelreich« – das ist keine billige Vertröstung aufs Jenseits, wo es all denen einmal besser geht, die hier auf Erden Hunger, Durst, Folter und Elend ertragen müssen.

Der Glaube an die Seligkeit der Bedürftigen spornt dazu an, etwas dagegen zu tun, dass Menschen hungern. Wo so gehandelt wird, da ist das Himmelreich schon nah. Wenn es nicht mehr darum geht, ungerechte Entscheidungen einfach hinzunehmen oder mit sogenannten Sachzwängen zu begründen, sondern das zu tun, was den Schwächsten hilft, da ist das Himmelreich schon mitten unter uns, hier auf unserer Welt.

Das wird mir in den Geschichten und Gleichnissen Jesu immer wieder deutlich und fasziniert mich aufs Neue: Jetzt schon werden Menschen geheilt, finden Stumme Worte, Ausgestoßene eine Heimat. Jetzt schon beginnen Reiche zu teilen, widerfährt Armen Gerechtigkeit, und alle werden miteinander satt. Jesu Leben macht mir Mut und fordert mich auf, mich einzubringen in diese Welt. Mich nicht entmutigen zu lassen von ihren Unzulänglichkeiten, von meinen eigenen Fehlern und den Fehlern anderer – und auch von den Kompromissen, die wir im Leben und in der Politik eingehen. Und so bin ich mutig und fröhlich, stehe mit den Füßen auf der Erde und habe den Himmel in meinem Herzen, bin immer wieder neu von diesem Jesus begeistert.

Katrin Göring-Eckardt

Große Chance für die Kirchen

8. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Im Gespräch mit dem CDU-Politiker Hermann Kues über den neuen Bundesfreiwilligendienst.

Seit vergangener Woche gibt es keine Wehrpflichtigen und keine Zivildienstleistenden mehr. Dafür den neuen ­Bundesfreiwilligendienst. Doch bei Diakonie und ­Caritas herrscht Bewerbermangel.

Benjamin Lassiwe sprach darüber mit dem Staatssekretär im Bundes­familienministerium, Hermann Kues.

Hermann Kues, Foto: Archiv

Hermann Kues, Foto: Archiv

Herr Staatssekretär, was erhofft sich die Bundesregierung vom Bundesfreiwilligendienst?
Kues:
Wir hoffen, dass wir viele Menschen jeglichen Alters für ein freiwil­liges, bürgerschaftliches Engagement gewinnen.

Was ist denn der Unterschied zum ­alten Zivildienst?
Kues:
Der Zivildienst war ein Ausweichdienst zum nicht geleisteten Wehrdienst. Deshalb war er ein Ersatzdienst, zu dem man verpflichtet war. Nun reden wir über einen freiwilligen Dienst, bei dem wir an die Freiwilligkeit der Menschen appellieren.

Warum sollten Menschen freiwillig einen solchen Dienst ableisten?
Kues:
Ich glaube, die Motive sind unterschiedlich: Junge Leute können im Bundesfreiwilligendienst Erfahrungen sammeln, die über das hinaus gehen, was sie in der Schule lernen. Sie können andere Lebensfelder kennenlernen, Erfahrungen mit Behinderten, Alten oder Kindern machen. Sie können sich orientieren, was Berufsfindung betrifft, etwa im Sozialbereich. Bei Älteren geht es darum, zum ­Beispiel die Zeit nach dem Ende der Erwerbstätigkeit sinnvoll zu nutzen. Das sind ja noch rund 25 Prozent der Lebenszeit, die ein Mensch dann hat, wenn der liebe Gott es so will. Oder es geht darum, Pausen im Berufsleben zu überbrücken.

Ist der Bundesfreiwilligendienst also ein Vehikel, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden?
Kues:
Nein, das glaube ich nicht. Aber jeder, der solch einen Dienst verrichtet, eignet sich Fähigkeiten an. Er qualifiziert sich – zum Beispiel im Umgang mit Menschen. Und ich denke, dass diese Erfahrungen aus dem Bundesfreiwilligendienst sicher auch eine Rolle spielen werden, wenn jemand später in seinem Leben eine neue Stelle sucht.

Nun gibt es schon eine ganze Reihe Freiwilligendienste, etwa das Freiwillige Soziale Jahr. Warum braucht es da etwas Neues?
Kues:
Die bisherigen Dienste sind bei den Bundesländern angesiedelt. Sie bekommen aus dem Bundeshaushalt Unterstützung für die pädagogische Begleitung ihrer Freiwilligen. Theoretisch hätte der Bund nun alle Freiwilligendienste übernehmen können. Das lehnen die Länder aber ab, weil sie eigene Initiativen entwickelt haben, wie das in Niedersachsen entstandene Freiwillige Ökologische Jahr. Theoretisch hätte man auch alles auf Landesebene organisieren können – dann hätten die Länder aber auch Geld dafür zur Verfügung stellen müssen, und das haben sie letztlich nicht gewollt.

In vielen kirchlichen Einrichtungen lässt der Andrang der Bewerber noch sehr zu wünschen übrig. Wie gehen Sie damit um?
Kues:
Ich denke, dass sich das bald ändern wird. Wir gehen davon aus, dass wir es auf Dauer schaffen, 35000 Freiwillige pro Jahr zu gewinnen. Der einzelne Freiwillige wird dabei länger tätig sein, als die letzten Zivis, die ja nur noch ein halbes Jahr aktiv waren. Außerdem können sich nun Männer und Frauen aller Altersgruppen bewerben. Und was die Einrichtungen betrifft: Wir hören auch, dass es Einrichtungen gibt, die mehr Bewerber haben, als bei ihnen Plätze zur Verfügung stehen. Da sind die Rückmeldungen durchaus unterschiedlich.

Müsste die Bundesregierung nicht verstärkt um Freiwillige werben?
Kues:
Wir machen ja Werbung. Die Kampagne läuft. Ich glaube aber auch, dass sich die potentiellen Träger engagieren müssen. Wer Freiwillige haben will, muss sich eben auch darum bemühen, welche zu finden. Dadurch, dass es den Bundesfreiwilligendienst künftig auch im Sportbereich und in der Kultur geben wird, wird es zu ­einem stärkeren Wettbewerb unter den Anstellungsträgern kommen als im Zivildienst. Deswegen wird es da durchaus Verschiebungen geben. Aber ich glaube auch, dass die Kirchen hier eine große Chance haben, zum Beispiel Jugendliche aus den jungen ­Gemeinden und den Jugendkreisen, die ja in der Regel hoch engagiert sind, zu einem freiwilligen Engagement über die eigene Jugendgruppe hinaus zu gewinnen. Beim Bundesfreiwil-
ligendienst gibt es dafür eine finanzielle Hilfestellung vom Staat. Und weil die Kirchen eine sehr gute Jugendarbeit leisten, zweifele ich nicht daran, dass ihre Plätze immer schnell gefüllt sein werden.

Was sagen Sie Werken und Einrichtungen, die früher sehr viele Zivis hatten und jetzt kaum Bewerber?
Kues:
Den Einrichtungen sage ich, dass sie sich im Prinzip seit Anfang des Jahres auf den neuen Dienst einstellen konnten. Und ich frage sie: Welche jungen Leute habt ihr angesprochen? Eure ehemaligen Praktikanten zum Beispiel? Habt ihr versucht, sie für den neuen Dienst zu gewinnen? Wer bislang nichts gemacht hat, hat natürlich den Anschluss verpasst, und muss sich dann eben jetzt ein bisschen mehr anstrengen. Aber ich bin sicher, dass der Freiwilligendienst eine Erfolgsgeschichte wird.

Visionärer Künstler und der erste »Superstar«

5. Juli 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Thüringer Landesausstellung widmet sich Leben und Werk des vor 200 Jahren geborenen Komponisten Franz Liszt

 

Porträtbilder von Franz Liszt und Zeitgenossen in der Ausstellung, Foto: Maik Schuck

Porträtbilder von Franz Liszt und Zeitgenossen in der Ausstellung, Foto: Maik Schuck

 

Heute, da der Altar erbebt und schwankt, heute, da Kanzel und religiöse Zeremonien Gegenstand des Zweifelns und des Spottes sind, muß die Kunst notwendigerweise aus dem Tempel heraustreten, sie muß sich verbreiten und ihre künstlerische Entwicklung außerhalb vollenden. Wie einst, und mehr noch, muß die Musik sich an VOLK und GOTT wenden, sie muß vom einen zum anderen gehen, den Menschen bessern, veredeln und trösten, Gott loben und preisen.«

Franz Liszt war 23 Jahre alt, als er seine Vision einer »musique humanitaire« (Menschheitsmusik) formulierte, in der »THEATER und KIRCHE in gewaltigen Ausmaßen« vereinigt werden sollten. Der seit seiner Kindheit zutiefst religiöse Knabe, der als »neuer Mozart« gepriesen wurde, neigte immer wieder dazu, seine Karriere aufzugeben und sich ganz seinen geistlichen Studien zu widmen. Bis ins hohe Alter durchziehen seine Bemühungen um eine Reform der Kirchenmusik sein Schaffen. Dies ist einer von vielen Aspekten, die in der Thüringer Landesausstellung »Franz Liszt – Ein Europäer in Weimar« anlässlich seines 200. Geburtstages behandelt werden. Die kenntnisreich gestaltete Exposition dürfte einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, hartnäckig tradierte Klischees über Bord zu werfen und ein ganzheitliches Bild des visionären Künstlers entstehen zu lassen.

»Es ist die größte in Europa«, sagt Hauptkurator Prof. Dr. Detlef Altenburg über die mehr als 350 Exponate umfassende zweiteilige Ausstellung im Schiller- und Schlossmuseum, die er gemeinsam mit Evelyn Liepsch konzipiert hat. Dabei konnte man den Heimvorteil nutzen, dass in Weimar der weltweit größte Liszt-Bestand liegt. Dazu gehören 14000 Blatt Manuskripte von der Hand des Komponisten und seiner Sekretäre, die 3100 Titel umfassende Liszt-Bibliothek, mehr als 6000 Briefe sowie Notizbücher, Programmzettel, Urkunden, Diplome, persönliche Gebrauchsgegenstände wie sein Kruzifix, zeitgenössische Gemälde, Grafiken und Fotografien.

Aus dieser Fülle an Materialien im Zusammenspiel mit Leihgaben aus dem In- und Ausland eine schlüssige Präsentationsform mit klaren inhaltlichen Akzenten zu entwickeln, ist in beeindruckender Form gelungen.
Schon beim Betreten der Ausstellung im Schillermuseum ist auf einer Europa-Karte mit 400 gekennzeichneten Orten nachvollziehbar, wie weit der Aktionsradius des ersten »Superstars« reichte: von Lissabon bis Konstantinopel, von Glasgow bis Moskau, von Rom bis Kopenhagen.

Liszts »Pèlerinage« (Pilgerreise) durch Europa und die europäische Kultur sowie seine große Syntheseleistung als Künstler bilden die inhaltlichen Schwerpunkte des ersten Ausstellungsteiles im Schillermuseum, während im zweiten sein Wirken in Weimar beleuchtet wird.

Eine weitere Ausstellung im Schlossmuseum ist unter dem Motto »Kosmos Klavier« der Weiterentwicklung des Instrumentes im 19. Jahrhundert gewidmet.

Zu den Attraktionen gehört ein Flügel der Firma Boisselot (Marseille), an dem ein Großteil seiner Weimarer Werke entstanden ist, und ein minutiöser Nachbau, der bei Konzerten im Weißen Saal originalen »Liszt-Sound« bietet. Besonders für Kinder ist ab 2. Juli ein begehbarer Flügel im Schlosshof bestimmt, in dem leibhaftig zu spüren ist, wie sich die Schwingungen der Klaviersaiten auf den Körper übertragen und wie überhaupt Töne entstehen.

Michael von Hintzenstern

Die Landesausstellung »Franz Liszt – Ein Europäer in Weimar« ist bis 31. Oktober, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, im Schillermuseum und Schlossmuseum Weimar zu sehen.
www.klassik-stiftung.de/liszt

Etwas in Bewegung gesetzt

4. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Gottvertrauen gelernt: Rolf Strobelt mit einheimischen Mitarbeitern bei ­einer der wochenlangen Touren durch unwegsames Gelände. Foto:privat

Das Gottvertrauen gelernt: Rolf Strobelt mit einheimischen Mitarbeitern bei ­einer der wochenlangen Touren durch unwegsames Gelände. Foto:privat

Er ist der älteste Überseemitarbeiter des Leipziger Missionswerkes. 20 Jahre hat er anderen gegeben – und selbst gelernt. Denn nur so funktioniert heute Mission.

Es ist der letzte Rundbrief von vielen, die Rolf Strobelt 20 Jahre lang regelmäßig aus Papua-Neuguinea nach Deutschland schrieb. Nun muss er Worte für den Abschied finden: »Es kommt jetzt immer öfter vor, dass ich mir die Naturkonzerte des Morgens mit Wehmut anhöre.« Wenige Wochen später im Haus des Leipziger Missionswerkes (LMW) freut sich Strobelt, mit Gahanema Siniwin aus Papua-Neuguinea zu sprechen. Sie ist Teilnehmerin beim »Mission to the North«-Programm des LMW und gerade für zwei Monate in Sachsen zu Besuch. Dann zeigt er stolz auf eine schwarz-rot-gelbe Blumenkette, die er von Siniwin zur Begrüßung in Deutschland geschenkt bekommen hat – beide Länder vereinen die gleichen Farben auf ihren Flaggen. Strobelt muss nachdenken. »Es ist ein gewaltiger Schritt«, sagt er.

Ein gewaltiger Schritt, das war auch sein Weg als Missionar. Schon während seines Theologiestudiums in Leipzig steht für ihn fest, dass er missionarisch tätig sein will. Dann, kurz nach der friedlichen Revolution, wird der damals 32-Jährige vom Bayerischen Missionswerk in die Evangelisch-Lutherische Kirche Papua-Neuguineas entsandt. Dort soll der gelernte Krankenpfleger ein Krankenhaus im westlichen Hochland leiten. »Am Anfang, wenn man aus Deutschland kommt, will man alles perfekt machen«, erinnert er sich an die Anfangsjahre. »Aber mit der Zeit wird man abgeschliffen. Die Probleme der Menschen dort sind existenziell. Man lernt mit ihnen zusammen zu arbeiten, sie zu verstehen.«

1994 wird Rolf Strobelt nach Rabaul auf die Insel East New Britain versetzt. Schon kurz nach seiner Ankunft bricht der nahe gelegene Vulkan Tavurvur aus. Aus Strobelts Aufgabe, sich um das geistliche Leben in den verschiedenen Kirchgemeinden zu kümmern, wird zunächst ein Hilfseinsatz im Krisengebiet. Von der Stadt wechselt er 1999 in eine schwer erreichbare Station im Kirchenkreis Nomane. Dort bildet er kirchliches Personal aus, leistet Drogen- und Aids-Prävention, baut diakonische Hilfe für Kranke und Menschen mit Behinderung auf. 2007 wechselt er erneut und arbeitet bis 2011 als Dozent am Theologischen Seminar Ogelbeng.

Es sind vier Stationen in 20 Jahren, die seine Vorstellung von Mission geprägt haben: »Man denkt immer, dort, wo man gerade ist, wird man ganz dringend gebraucht. Aber es gibt immer Orte, an denen man noch dringender benötigt wird.« Mission bedeute deshalb, erst einmal etwas in Bewegung zu setzen, damit es von den Einheimischen fortgesetzt werden kann.

In Papua-Neuguinea leben rund fünf Millionen Menschen. Etwa eine Million gehören zur Evangelical Lutheran Church of Papua New Guinea (ELC-PNG), die nach der katholischen die zweitgrößte Kirche des Landes und die größte lutherische Kirche Asiens ist. »Es ist ein junges Land, aber die Jugend findet keine Arbeit.« Die Menschen hätten gespürt, dass sich durch die Hilfe der Kirche etwas entwickelt: Schulen, Krankenhäuser, Flugplätze wurden gebaut. »Von manchem Christ wird deshalb bedauert, dass die Überseemitarbeiter wieder gegangen sind.« Missionsarbeit, da ist sich Rolf Strobelt sicher, braucht Kontinuität in der Aufklärungsarbeit und Entwicklungshilfe und besonders in der theologischen Weiterbildung.

Es fiel ihm deshalb nicht leicht, ­denen den Rücken zu kehren, deren Rücken er jahrelang gestärkt hat. Nur mit Uwe Hummel als Nachfolger war es einfacher. Und schließlich war es seine bewusste Entscheidung. Der ­gebürtige Sosaer möchte wieder näher bei seinen Eltern im Erzgebirge sein. »Es war an der Zeit zurückzukommen, um etwas von der Unterstützung wiederzugeben, die ich jahrelang von hier erhalten habe«, sagt Rolf Strobelt.

Was nimmt er mit aus 20 Jahren in Papua-Neuguinea? »Von den Einheimischen habe ich dieses Gottvertrauen gelernt. Hier in Deutschland funktioniert ja alles. Aber wenn du wochenlang zu Fuß unterwegs bist in unwegsamen Gebieten ohne Infrastruktur, dann bist du einfach froh, lebend zurückzukommen.« Jetzt werde er die Annehmlichkeiten genießen, die seine Heimat zu bieten hat, und Rolf Strobelt ist gespannt auf neue Aufgaben, in die er seinen schwarz-rot-gelben Schatz an Erfahrungen in Zukunft einbringen kann.

Maxie Thielemann

www.lmw-mission.de

In Stein gehauene Wunderwerke

Sachsen-Anhalts Landesausstellung würdigt den mittelalterlichen »Naumburger Meister«.

 

Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes, Foto: S. Weiselowski

Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes, Foto: S. Weiselowski

Sie gilt als die schönste Frau des Mittelalters. Die Stifterfigur der Uta von Ballenstedt im Westchor des Naumburger Domes hat die Fantasie vieler Interpreten und Bewunderer nachhaltig beschäftigt. Jetzt steht sie zusammen mit ihrem Mann Ekkehard und den anderen zehn lebensgroßen Stiftern im Mittelpunkt einer Exposition, die sich ganz ihrem Schöpfer, dem namenlosen »Naumburger Meister« widmet. Mit der am 29. Juni eröffneten Landesausstellung Sachsen-Anhalts sollen nun erstmals umfassend Werk und Einfluss des ­gotischen Bildhauers und Architekten gewürdigt werden.

Die Exposition zeigt so ziemlich ­alles, was über den Künstler bekannt ist. Einen »Glücksfall« nennt Kurator Holger Kunde das Zustandekommen. Insgesamt 500 Exponate vereint die Schau, die wegen ihrer Fülle gleich auf mehrere Orte im und am Dom sowie in der Stadt verteilt werden muss. Doch der Aufwand hat sich gelohnt: In der Ausstellung wird eine ganze Epoche lebendig, die in ihrer künstlerischen Ausdrucksform eine unvergleichliche Wirklichkeitsnähe und individuelle Ausdruckskraft entfaltet. Als Pendant und Gegenstück zu Uta steht hier die Skulptur König Childeberts I. aus St. Germain de Pres, eine der bekanntesten französischen Plastiken aus dem 13. Jahrhundert.

Überhaupt spielen die Bezüge des Naumburger Meisters zu Frankreich eine herausragende Rolle. Wissenschaftler gehen davon aus, dass der namentlich nicht bekannte Bildhauer dort das Handwerk erlernt hat. Zugleich zeichnet die Exposition seinen Weg von den nordfranzösischen Bauhütten über Mainz bis nach Meißen nach, wo er nach 1250 wirkt und sich seine Spur verliert. Doch seine stärksten Zeugnisse hat der Bildhauer zweifellos im Naumburger Dom hinterlassen. Hier leitet er Mitte des 13. Jahrhunderts im Auftrag von Bischof Dietrich II. den Neubau des Westchores.

In der Ausstellung hat der Betrachter nun die Möglichkeit, nicht nur die angestammten Figuren im Chor und am Lettner mit Kreuzigungsgruppe und Passionsrelief in Augenschein zu nehmen. Vis-à-vis stehen Fragmente des Lettners aus Mainz mit dem Zug der Seligen und Verdammten, dazu der berühmte »Kopf mit der Binde«, die Mantelteilung des Heiligen Martin aus Bassenheim oder die Grabplatte des Rittes von Hagen aus dem Merseburger Dom. Ebenso eindrucksvoll wie diese Figuren erscheinen freilich die filigranen Blattkapitelle oder die farbigen Glasfenster. Dass diese Kunst in einen europäischen Kontext gehört, veranschaulichen vor allem die bedeutenden Leihgaben aus Frankreich (ein Drittel der Exponate kommen dorther).

Doch die Naumburger Ausstellung lässt es nicht bei der kunsthistorischen Bedeutung des Naumburger Meisters und der zeitgeschichtlichen Einordnung bewenden. In einem eigenen Ausstellungsteil geht es ebenso um die Rezeptionsgeschichte. Die reicht bis ins vergangene Jahrhundert, wo Walt Disney der ­»bösen Königin« im Zeichentrickfilm »Schneewittchen« von 1937 die Züge der Markgräfin verlieh. Im national­sozialistischen Deutschland wird Uta schließlich zur Ikone der unbeugsamen »deutschen Frau« missbraucht. Noch kurz vor Kriegsende lässt ein Plakat sie als Schutzgeist über Wehrmachtssoldaten erscheinen.

Diese Verirrungen werden ebenso wenig ausgeblendet wie die gezielte Zerstörung der Kathedrale von Reims, Krönungsort der französischen Könige. 1914 beschießen deutsche Truppen den Bau so stark, dass sich das Blei verflüssigt und durch die Wasserspeier rinnt, bevor es erstarrt. Von den kostbaren Steinskulpturen des Eingangsportals existieren heute nur noch Gipsabdrücke, die in einem aus Stahlwangen nachgestalteten Portal stehen. Sie sind zwar erst gut 100 Jahre alt, bleiben als letzte Zeugnisse der einstigen Pracht aber kaum weniger wertvoll als die Originale. »Dass wir sie für diese Ausstellung bekommen haben«, meint der Kustos, »zeigt auch die Bedeutung, die ihr beigemessen wird.«

Martin Hanusch

Die Landesausstellung »Der Naumburger Meister. Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen« ist vom 29. Juni bis zum 2. November zu sehen.

Öffnungszeiten:
täglich von 10 bis 19 Uhr, freitags bis 22 Uhr
www.naumburgermeister.eu

Eine biblische Verheißung bindet ihn

2. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Manfred Böttger aus Leipzig

 

Manfred Böttger, Foto: Armin Kühn

Manfred Böttger, Foto: Armin Kühn

Ich hatte eine schöne, aber belastete Kindheit.« Wegen eines angeborenen Hüftfehlers musste Manfred Böttger in seiner Kindheit oft Spott ertragen. Zudem gehört der Leipziger, Jahrgang 1935, zu einer Generation, deren Kindheit von den schrecklichen ­Er­lebnissen des Zweiten Weltkrieges überschattet ist. »Die Kriegsjahre überlebte ich unter ganz schwierigen Bedingungen«, erinnert sich Böttger. »Wir wurden zweimal ausgebombt, zweimal verschüttet und dann mehrfach evakuiert. Eigentlich hatte ich am Kriegsende, als Kind von zehn Jahren keinen Lebensmut mehr.«
Dass er den Weg zum Glauben gefunden hat, verdankt er seiner Mutter, für die die Beziehung zur Kirche zum Leben gehörte. Sie war es, die ihren Sohn immer wieder anschubste, sich in das neu entstehende Gemeindeleben zu integrieren.

An ein Datum erinnert sich der 76-Jährige noch heute deutlich: der 17. Juni 1953. Vor diesem denkwürdigen Tag gehörten in der Leipziger Paul-Gerhardt-Gemeinde etwa 40 ­Jugendliche zur Jungen Gemeinde. Beim ersten Treffen nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand waren es nur noch drei. Für Böttger ist die Andacht des Pfarrers an diesem Abend unvergesslich. Er sprach über Matthäus 18, Vers 20: »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.« Das Bibelwort machte Böttger Mut. »Da stand fest, ich würde immer zu diesem kleinen Kreis gehören.« Dieser Vorsatz veränderte sein bisher distanziertes, von Wankelmut geprägtes Verhältnis zur Kirche. »Für mich wurden die Jugendkreise der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Leipzig-Connewitz zur echten Heimat. Die Gemeinschaft der Jugendlichen in einer von Not gekennzeichneten Zeit wird mir immer unvergessen bleiben«, sagt er heute. Freundschaften, die damals entstanden, bestehen noch heute.

Auch seine politische Einstellung änderte Böttger nach der Niederschlagung des Widerstandes vom 17. Juni. »Es war ein böses Erwachen.« Als der Krieg 1945 zu Ende war, hatte er wie die meisten Deutschen auf eine bessere Zukunft gehofft. »Meine Hoffnung auf eine neue Zeit war groß! So trat ich ohne Bedenken mit Lehrbeginn der FDJ bei und engagierte mich. Warnungen schlug ich in den Wind.« Die politische Realität belehrte ihn ­eines Schlechteren.
Böttger absolvierte von 1949 bis 1952 eine Lehre als Tiefdruckätzer. Danach arbeitete er in den Graphischen Werkstätten in Leipzig, wo sich die Möglichkeit ergab, eine Sonder­reifeprüfung zu machen. Allerdings »scheiterte« er in der mündlichen Prüfung an der Frage, ob Martin Luther für die gesellschaftliche Entwicklung fortschreitend oder hemmend gewesen sei?

Böttger schätzte das Wirken des Reformators für die Gesellschaft positiv ein und fiel damit in Ungnade. »Es brach ein Unwetter über mich ­herein.« Ihm wurde von der Kader­leitung angedroht, dass er den Betrieb verlassen müsste. Er konnte zwar ­bleiben, doch das Abschlusszeugnis über die Sonderreifeprüfung bekam er nicht.

Auch als Meister durfte er, nachdem er 1962 die Meisterprüfung abgelegt hatte, nicht arbeiten. Da er nicht in der Partei war, sei er für die Ausbildung sozialistischer Persönlichkeiten nicht infrage gekommen. Er wurde entlassen und arbeitete fortan in einer Wertpapierdruckerei. »Ein Staat im Staate. Das waren schlimme Jahre.« Aber er habe sich hochgearbeitet und hatte schließlich eine Stelle als Abteilungsleiter inne, erzählt er. Nach der Wende war es nicht mehr die politische Einstellung, die ihm beruflich im Wege stand. Entlassen worden sei er von den Menschen, die aus dem Westen nach Ostdeutschland kamen. »Ich sage das ohne Bitterkeit.« Vielfältige Interessen und sein kirchliches Engagement hatten ihm in der DDR und in der Zeit danach geholfen, mit Benachteiligungen fertig zu werden. Ehrenamtlich arbeitete Böttger seit Anfang der 1970er Jahre im Leipziger Amt für Gemeindedienst.

Bis heute geht er verschiedenen ­Interessen nach und engagiert sich als Lektor, beim jährlichen Friedensgebet zum Welttierschutztag und im Verein »Freunde ehemaliger jüdischer KZ/Ghetto-Häftlinge im Baltikum«. Er blickt dankbar auf sein Leben. Trotz mancher Erschwernisse habe er gemeinsam mit seiner Frau Grete, mit der er seit 1961 verheiratet ist, in der DDR ein schönes Leben gehabt.

Sabine Kuschel

Sag mir wo die Nieren sind …

1. Juli 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Noch lange nicht selbstverständlich in Deutschland: Der Organspendeausweis im Portemonnaie. Foto: epd-bild

Noch lange nicht selbstverständlich in Deutschland: Der Organspendeausweis im Portemonnaie. Foto: epd-bild


 

Organspende: Weil es in Deutschland zu wenig Spender gibt, denkt die Politik über eine Gesetzesänderung nach.

 
Rund 12500 Menschen ­warten in Deutschland auf eine Organtransplantation. ­Jeder Dritte von ihnen stirbt während der Wartezeit, weil es nicht genügend Spenderorgane gibt.

Es ist noch gar nicht so lange her, da handelte es sich noch um Sensationen: 1954 wurde in den USA die erste Niere bei einem Menschen erfolgreich verpflanzt. 1963 wurden erstmals Leber und Lunge transplantiert, zwei Jahre später die erste Bauchspeicheldrüse. Für Furore sorgte die erste Herztransplantation des südafrikanischen Chirurgen Christian Barnard 1967. Der Patient überlebte damals allerdings nur 18 Tage.

Heute gehören viele dieser Eingriffe schon fast zur Routine und sind inzwischen auf eine Vielzahl weiterer Organe und Organsystem (wie Finger oder Hände) ausgedehnt. Das Problem allerdings ist der gravierende Mangel an geeigneten Spenderorganen. Das wird etwa beim Anblick der statistischen Daten von Eurotransplant deutlich, einer 1967 gegründeten Vermittlungsstelle für Organspenden in den Benelux-Ländern, Deutschland, Österreich, Slowenien und Kroatien. So standen im vergangen Jahr in Deutschland beispielsweise 1182 Nierenspendern insgesamt 7515 Menschen auf den Wartelisten für ein solches Organ gegenüber. Ähnlich sieht es bei anderen Organen aus – auf 1077 Leberspenden warteten 2087 potentielle Empfänger.

Seit Jahren geht daher die Diskussion, wie die Bereitschaft zu einer Organspende, insbesondere etwa nach Unfalltod, erhöht werden kann. Denn Organe dürfen nur bei Menschen entnommen werden, die zu Lebzeiten dazu ihre Einwilligung gegeben haben oder deren unmittelbaren Angehörige dies nach der Feststellung des Hirntodes tun (siehe Kasten). Eine von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage brachte zutage, dass im Bevölkerungsdurchschnitt 74 Prozent grundsätzlich mit einer Organentnahme nach ihrem Tod einverstanden wären.

Kein Wunder, wenn Politiker zu der Schlussfolgerung kommen, dass man die Zustimmung sozusagen stillschweigend voraussetzen könne. Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU), derzeit Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz, will deshalb die restriktive Gesetzeslage kippen. Mit Unterstützung seiner Kollegen aus Bayern und Sachsen-Anhalt würde er gern von der erweiterten ­Zustimmungs- zur erweiterten Widerspruchslösung kommen. Das bedeutet: Jeder ist automatisch Organspender, der nicht bei Lebzeiten ­widersprochen hat oder dessen unmittelbare Angehörigen dies nach seinem Tod tun.

Für diesen Mittwoch (nach Redaktionsschluss dieser Zeitung) hatte der Gesundheitsausschuss des Bundes­tages eine Anhörung zum Thema angesetzt. Am Montagabend kündigte der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder dazu einen gemeinsam mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier geplanten Gruppenantrag an: Mit ihm soll die Entscheidungslösung als eine Art Königsweg favorisiert ­werden. »Wir wollen keinen Zwang ausüben und sagen: ›Du musst deine Organe zur Verfügung stellen!‹ Aber jeder soll einmal darüber nachdenken müssen«, so Kauder.

Harald Krille


Rechtliche Alternativen bei der Organspende

Zustimmungslösung: Im deutschen Transplantationsgesetz ist seit 1997 die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung verankert. Nach dem Hirntod eines Patienten dürfen dessen Organe nur entnommen werden, wenn der Verstorbene vor seinem Tod seine Zustimmung gegeben hat oder seine Angehörigen in eine Transplantation einwilligen.

Widerspruchslösung: Spanien setzt gemeinsam mit acht anderen EU-Ländern auf die sogenannte Widerspruchslösung. Das bedeutet, dass jeder nach seinem Tod zum Organspender werden kann, wenn er der Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Andere Staaten praktizieren das Modell der erweiterten Widerspruchslösung, bei der auch ein Widerspruch der Angehörigen gegen eine Organentnahme bindend ist (Finnland, Frankreich, Italien, Norwegen und Schweden).

Entscheidungslösung:
Um hierzulande zu mehr Organspenden zu kommen, diskutieren Bundes- und Landespolitiker ­darüber, die sogenannte Entscheidungslösung gesetzlich zu verankern. Diese Linie verfolgt auch der Deutsche Ethikrat und wirbt für eine »Äußerungspflicht«. Demnach soll jeder Bürger zu seiner Bereitschaft für oder gegen die Organspende befragt und die Entscheidung auf dem Personalausweis, Führerschein oder der Krankenversicherungskarte ­dokumentiert werden. Unter Experten ist jedoch umstritten, ob der Staat seine Bürger per Gesetz zu einem solchen ­Votum anhalten kann. (epd)