Krieg und Gewalt in der Tagesschau

Medien: Schon die »normalen« Nachrichten sind voller Horrorbilder – wie Eltern darauf reagieren sollten.

Screenshots und Montage: Harald Krille

Screenshots und Montage: Harald Krille


Eltern können ihren Kindern das Bild von einer heilen Welt beim besten Willen nicht erhalten. Ein radikaler Verzicht aufs Fernsehen wäre auch nicht die richtige ­Lösung.

Es scheint fast unmöglich, Kinder vor der Wirklichkeit einer Welt zu bewahren, in der es immer neue Kriege gibt, in der Menschen verhungern und Kinder, die nur zum Spielen aus dem Haus gingen, ermordet aufgefunden werden. Da braucht es gar keinen übermäßigen Fernsehkonsum, keine Action-, Horror- und Zeichentrickfilme – die ganz normalen Nachrichtensendungen bieten schon genug Gewalt- und Schreckensbilder, die Kinder beunruhigen und ängstigen können.

Viele Eltern fragen sich besorgt: Wie viel Katastrophe kann ich meinem Kind zumuten?

Dass selbst ein radikaler Medienverzicht für die ganze Familie kaum eine Lösung ist, liegt auf der Hand: Der nächste Fernseher, das nächste Radio, die nächste Zeitung findet sich mit Sicherheit bei Freunden und in der Schule.

Auch Günter Gugel, Geschäftsführer des Instituts für Friedenspädagogik in Tübingen, rät von einer solchen »Bewahrungspädagogik« ab. Er hält es nicht nur für wenig aussichtsreich, sondern auch für wenig hilfreich, Kinder rigoros abzuschirmen.

Nicht alle Bilder berühren Kinder gleich stark

Der Hamburger Medienpädagoge Norbert Neuß weist darüber hinaus darauf hin, dass längst nicht alles, was Erwachsene schreckt, Kinder im gleichen Maß beunruhigt. Oft wird das Ausmaß von Krieg, Terror und Naturkatastrophen vielen Kindern erst durch die Reaktion ihrer Eltern deutlich.

Jüngere Kinder werden von abstrakten Fernsehnachrichten wenig berührt – betroffen sind sie vor allem dann, wenn Bilder von verletzten, weinenden Menschen in Nahaufnahmen und womöglich mit emotionsgeladener Musik unterlegt gezeigt werden. Kinder können dann kaum Distanz aufbauen und sie neigen dazu, sich mit den Opfern zu identifizieren, und ängstigen sich, ob der Krieg jetzt auch zu ihnen kommt, ob ein Flugzeug auch in ihr Haus rasen kann oder Ähnliches.

Grundsätzlich gilt: Der Fernseher, der – wie in vielen Familien üblich – einfach nebenher läuft, ist sicher nicht hilfreich.

Auch sehr kleine Kinder bekommen »nebenbei« viel mehr mit, als Erwachsene wahrhaben wollen.

Schon einjährige Babys begreifen, welche Gefühle im Fernsehen vermittelt werden, und lassen sich in ihrem Handeln beeinflussen, fand die ­amerikanische Psychologin Donna Mumme heraus. Oft setzen sich Bilder, die Erwachsene als nebensächlich »ausblenden«, bei Kindern fest und bekommen vor allem dann ein eigenes Gewicht, wenn es keine Gelegenheit gibt, darüber zu reden.

Deshalb sollte grundsätzlich die Regel gelten, dass zumindest Vorschulkinder bei der Berichterstattung über Terror, Krieg und Gewalt nie ohne Anwesenheit Erwachsener fernsehen sollten.

Allein die Tatsache, nicht allein zu sein, vermittelt ihnen das so wichtige Sicherheitsgefühl. Auch dort, wo der Fernseher bewusst an- und ausgeschaltet wird, brauchen Kinder die Gelegenheit, Körperkontakt aufzunehmen, Fragen zu stellen, Befürchtungen zu äußern, Ängste im Spiel auszuagieren.

Und sie brauchen das Gefühl, dass der eigene Alltag trotz allem Mitgefühl und aller Angst »normal« bleiben darf und von verlässlichen Beziehungen getragen ist: »Toben, spielen, spazieren gehen und kuscheln sind gute Möglichkeiten, Normalität und Gewohntes in den Alltag zurückzuholen«, rät Wolfgang Zenz vom Kinderschutzzentrum Köln.

Auf keinen Fall sollten Eltern die Ereignisse, die ihre Kinder durch die Medien als Furcht erregende Realität erleben, leugnen oder verniedlichen. Dazu gehört auch, dass Eltern die eigene Angst, Sorge oder Traurigkeit zugeben. »Ja, das ist wirklich schlimm, was dort passiert ist. Die Menschen dort tun mir sehr Leid. Können wir vielleicht etwas tun, um ihnen zu ­helfen?« Wichtig ist dabei, mit den Kindern altersgemäß über das Geschehene zu reden, ohne sie mit zu vielen Informationen und Zusammenhängen zu überfordern.

Miteinander reden ist der Schlüssel zur Verarbeitung

Gerade bei der Verarbeitung schlimmer Nachrichten und belastender Bilder kann auch einem gemeinsamen Gebet am Abend eines Tages eine wichtige Rolle zukommen. Hier können Eltern und Kinder gemeinsam aussprechen, was sie bedrückt – oder Eltern sprechen stellvertretend für ihre Kinder aus, was sie bewegt.

Dabei muss keineswegs die Bitte um den ­eigenen Schutz und die eigene Bewahrung ganz oben anstehen. Schon Kinder haben einen eigenen Zugang zu einer Form des Gebetes, in der vor Gott die Fragen und die Klage darüber ausgesprochen ist, dass Menschen ­leiden und sich nach einem Leben ohne Krieg, Katastrophen und Gewalt sehnen.

Auch der Dank dafür, dass es Menschen gibt, die sich für Frieden, Versöhnung und Hilfe einsetzen, und der Dank für ein Leben, das bisher vor dem Schlimmsten bewahrt geblieben ist, hat hier Raum.

Karin Vorländer

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