Eine Erfolgsgeschichte

Jubiläum: Vor 50 Jahren erstmals beim Kirchentag – der jüdisch-christliche Dialog.


Wie sollten Juden und ­Christen in Deutschland nach Auschwitz noch ­miteinander reden können? Die Kirchentagsbewegung hat entscheidend dazu ­beigetragen, die Sprachlosigkeit zu überwinden.

Man dürfe sich nicht täuschen: »Als 1945 die wenigen überlebenden deutschen Juden aus den Vernichtungslagern oder dem Untergrund zurück in ihre Heimatstädte ­kamen, waren sie alles andere als ­willkommen. Keiner freute sich, man war eher erschrocken, dass überhaupt noch welche lebten.«

Wenn der ­jü­dische Publizist und Filmemacher Bernd Ginzel aus Köln von den Erfahrungen deutscher Juden nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt, gehen die Sätze unter die Haut. »Worte wie Jesus oder Christen waren unter uns tabu. Es waren Synonyme für den millionen­fachen Judenmord.«

An ein Gespräch miteinander sei nicht zu denken gewesen, so Ginzel.

»Herzensangelegenheit« – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag in ­Dresden: Moderator Thomas Roth, EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider und Dieter Graumann, Präsident des ­Zentralrats der Juden in Deutschland. © DEKT/Jens Schulze

»Herzensangelegenheit« – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag in ­Dresden: Moderator Thomas Roth, EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider und Dieter Graumann, Präsident des ­Zentralrats der Juden in Deutschland. © DEKT/Jens Schulze


Was für die jüdische Seite galt, galt ähnlich für die christliche: Zwar gab die sich neu bildende Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im ­Oktober 1945 ihre als »Stuttgarter Schuldbekenntnis« bekannt gewordene Erklärung ab. »Doch darin bekannte sie nur allgemein: ›Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.‹ Der systematische Völkermord an den Juden, der Holocaust, wurde mit keinem einzigen Wort erwähnt«, erinnert der emeritierte Theologieprofessor Martin Stöhr aus Bad Vilbel. Dass es heute eine stabile und belastbare Zusammenarbeit gibt, ist die Frucht einiger beherzter Pioniere wie Ginzel und Stöhr.

Es war der 10. Deutsche Evangelische Kirchentag 1961 in Berlin, auf dem erstmals nach dem Holocaust eine von Juden und Christen gemeinsam verantwortete »neue Begegnung von Juden und christlicher Gemeinde« angeboten wurde. Die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Kirchentag wurde zu einem wichtigen Auslöser der Aufarbeitung einer »2000-jährigen Geschichte des Missverstehens«, wie Kirchentagsgeneralsekretärin Ellen Ueberschär es in Dresden während einer Geburtstagsgala im Kulturpalast bezeichnet.

Endlich habe sich in der evangelischen Kirche die Erkenntnis Bahn gebrochen, »dass auch der Christ gemeint ist, wenn der Jude geschlagen wird«.

Allerdings galt es auf diesem Weg erhebliche innerkirchliche und innerjüdische Widerstände zu überwinden, wie die Dialogpioniere Ginzel und Stöhr berichten.

Nur langsam habe man sich etwa von der jahrhundertealten theologischen These verabschiedet, der alte Bund Gottes sei hinfällig geworden und die Kirche das »neue Israel«, so Stöhr.

Und nur langsam wuchs das Vertrauen der jüdischen Seite in das christliche Gegenüber.

»Heute sind die christlichen ­Gemeinden die ersten, die bei antisemitischen Ereignissen schreien, bilanziert Ginzel »mit Dankbarkeit«.

Die verlässliche Beziehung auf Augenhöhe, die »manchen Streit schon ausgehalten hat«, bestätigt auch Dieter Graumann, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, im Gespräch mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider.

Das gute Verhältnis ist im Blick auf den Kirchentag allerdings auch einer nicht unumstrittenen Entscheidung zu verdanken: Gruppen, die sich in irgendeiner Weise der christlichen Mission unter Juden widmen, sind von jeglicher Teilnahme am Christentreffen ausgeschlossen. Was allerdings auf Dauer keine Antwort auf die Tatsache einer wachsenden Zahl von sogenannten »messianischen Gemeinden« in Deutschland ist.

Diese vor ­allem von Spätaussiedlern jüdischer Abstammung getragene Bewegung entwickelt sich mittlerweile zu einer dritten Gruppe zwischen den christlichen Kirchen und den jüdischen Gemeinden.

Und auch die unterschiedliche Einschätzung von Ursachen und Wirkungen im Nahostkonflikt sorgt immer wieder für Zündstoff im gemeinsamen Gespräch. Aktuell etwa das sogenannte »Kairos-Palästina-Dokument« palästinensischer Christen.

Eher zurückhaltend ist Graumanns Reaktion auf die Anregung, aus dem christlich-jüdischen Dialog unter Einbeziehung der Muslime einen Trialog zu entwickeln: »Dialog, Trialog, meinetwegen auch Katalog – wenn es nützt?« Man suche schon länger das Gespräch mit den Muslimen. Der Zentralrat sei überdies die erste Organisation gewesen, die der pauschalen Herabwürdigung der Muslime durch Thilo Sarrazin offen widersprochen habe, erinnert Graumann.

Die Reaktion auf die Gesprächsangebote sei jedoch enttäuschend: »Wir beobachten unter muslimischen Jugendlichen ­einen immer stärkeren Antisemitismus«, gegen den die Verantwortlichen muslimischer Gemeinden »nur ungenügend« vorgingen. »Wir müssen ­reden, aber auch Verantwortung einfordern«, so Graumanns Fazit.

Harald Krille

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