Repräsentant einer »verlorenen« Generation

28. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zum 50. Todestag des amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemingway.

Ernest Hemingway wurde am 21. Juli 1899 in der Nähe von Chicago geboren. Er war einer der erfolgreichsten und bekanntesten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Ernest Hemingway wurde am 21. Juli 1899 in der Nähe von Chicago geboren. Er war einer der erfolgreichsten und bekanntesten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Dem Roman »The Sun Also Rises« (dt. »Fiesta«) von 1926 hatte der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway einen Satz von Gertrude Stein vorangestellt: »Ihr gehört alle einer verlorenen Generation an.« 1929 erschien sein Roman »In einem anderen Land«. Er machte ihn weltbekannt, und Hemingway galt von nun an als einer der erfolgreichsten literarischen Repräsentanten der durch den Ersten Weltkrieg desillusionierten, hoffnungslosen, »verlorenen« Generation.

1899 in Oak Park bei Chicago geboren meldete er sich 1917, als die USA in den Krieg eintraten, freiwillig zum Kriegsdienst und wurde in Italien als Sanitäter eingesetzt.

Schon am ersten Tag erlebte er dort die Explosion einer Munitionsfabrik und musste mithelfen, Leichenteile einzusammeln. Dieses schreckliche Erlebnis sowie eine eigene schwere Verwundung durch Granatsplitter prägten sein gesamtes späteres ­Leben und Schreiben.

Der traumatischen Erfahrungen wird er versuchen durch Coolness, um diesen modernen Ausdruck zu gebrauchen, Herr zu werden. Andererseits leistet er einer Helden-Stilisierung Vorschub und hat Anteil am Entstehen eines literarischen Männerbildes, dessen Ideale in körperlicher und seelischer Stärke, herablassender Hilfsbereitschaft Frauen gegenüber, treuer (Männer-)Freundschaft sowie in Rücksichtslosigkeit eigenem Schmerz gegenüber bestehen.

Dieser Haltung entspricht auch sein literarischer Stil: Die Sätze sind einfach. Er schreibt knapp und konzentriert. Er interpretiert kaum, sondern stellt lediglich fest, was geschieht. Das gilt auch für psychische Vorgänge. Konflikte werden nicht harmonisiert, aber auch nicht tragisch ausgeweitet.

Mit diesem Stil hat er zur Erneuerung der Kurzgeschichte, der Short Story, beigetragen. Vor allem die deutsche Schriftstellergeneration, die nach dem Zweiten Weltkrieg Bedeutung erlangte, ist ihm verpflichtet.

Seine wichtigsten Werke sind wohl die Kurzgeschichte »Der Schnee vom Kilimandscharo«, 1936, und der Kurzroman »Der alte Mann und das Meer«, 1952. In dem Roman erzählt Hemingway von einem alten Fischer, der mehr als 80 Tage nichts gefangen hat und nun allein aufs Meer hinausfährt, einen riesigen Fisch fängt, der ihm auf der Fahrt zurück von Haien aufgefressen wird. Am Ende bringt er nur ein Skelett nach Hause.

Das Buch ist von einem tiefen Glauben an die Kräfte des Menschen in seinem Lebenskampf durchdrungen und vom Bewusstsein einer unauflösbaren Zusammengehörigkeit von Mensch und Natur. Der Fischer nennt den gefangenen Fisch Bruder und Freund.

Das Meer sieht er nicht als ein Ding an, sondern als weibliches Wesen. Es erscheint als ein Bild des Lebens überhaupt. Quallen symbolisieren List und Betrug, die Haie das Chaos. Güte und Schönheit gehören ebenso zum Leben wie Grausamkeit.

Als sich am Ende herausstellt, dass die gewaltigen Anstrengungen des Fischfangs vergeblich gewesen sind, klagt und verzweifelt der Alte nicht, sondern legt sich in ruhiger Übereinstimmung mit sich und dem Leben schlafen.

Hemingway erhielt 1954 den Nobelpreis für Literatur. Vor 50 Jahren, am 2. Juli 1961, hat er sich in Ketchum/Idaho das Leben genommen.

Jürgen Israel

Zwischen Abbruch und Aufbruch

27. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Große Kirchen, schrumpfende Dörfer – so sieht weithin die Realität in Mitteldeutschland aus. Im Bild: Blick auf die Kirchen von Grumbach (vorn) und Callenberg bei Glauchau. (Foto: Burkhard Dube)

Große Kirchen, schrumpfende Dörfer – so sieht weithin die Realität in Mitteldeutschland aus. Im Bild: Blick auf die Kirchen von Grumbach (vorn) und Callenberg bei Glauchau. (Foto: Burkhard Dube)


Kirche auf dem Land: Wie man auf den Strukturwandel reagieren kann war Thema der ersten Landkirchenkonferenz der EKD.


Kein Bäcker, keine Post, kein Arzt – und bald auch keine Kirche mehr im Dorfe? In Gotha wurde nach Alternativen gesucht.


Zwischen Kassel und Görlitz, Bördekreis und Sonneberg ist die Welt blau bis dunkelblau. Diese Farbskala markiert auf der Karte des ­Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung die Regionen, die bis 2025 zehn, 15 und mehr Prozent ihrer Bevölkerung verlieren werden.

Alles nur Horrorszenarien wirklichkeitsfremder Statistiker?

Eine andere Karte zeigt den Ist-Stand im Jahr 2007: Mit Ausnahme der wenigen großen Städte in Mitteldeutschland zeigt die reale Bevölkerungsentwicklung überall deutlich nach unten: Sterbeüberschuss gegenüber den Geburtszahlen. Hinzu kommen Wanderungsverluste. Menschen, besonders junge, ziehen weg in die Boomregionen wie Berlin oder den Großraum München. Ein Phänomen, das im Osten besonders stark ausgeprägt ist, inzwischen aber auch weite Regionen des Westens erreicht hat.

Dass Kirche in diesem Prozess nicht nur reagieren, sondern agieren will, wurde in der vergangen Woche deutlich: Rund 70 Pfarrerinnen und Pfarrer aus ländlichen Regionen Deutschlands folgten der Einladung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur ersten Landkirchenkonferenz nach Gotha. Drei Tage ­standen Vorträge, Exkursionen zu ­­Beispielen kirchlicher Arbeit im Kirchenkreis Gotha sowie intensive Diskussionen auf dem Programm.

Für Thomas Schlegel vom Zentrum für Mission in der Region an der ­Universität Greifswald gibt es kein ­Patentrezept, wie kirchliche Arbeit auf dem Lande künftig aussehen kann. Denn »es gibt nicht den ländlichen Raum, sondern nur einmalige Dörfer und unverwechselbare Regionen«.

Antworten könnten nur im Kontext des jeweiligen Ortes entwickelt werden. Falsch sei es deshalb auch, wenn die Arbeit in der Fläche und die Konzentration auf geistliche Zentren (»Leuchttürme«) als sich ausschließende Alternativen dargestellt werden. Vielmehr müsse der Blick nach außen gerichtet werden: »Wie können wir als Kirche den Menschen unserer Region dienen?«

Und: Die Umstrukturierung der Arbeit geht nur mit den Menschen der Region. »Trauen wir den Ehrenamtlichen etwas zu und ­geben wir ihnen auch entsprechende Rechte?«, so Schlegels Frage.

Deutsch sei nicht ihre Muttersprache, weshalb sie ihre Anmerkungen nicht in »akademische Schleier« verhülle: Die finnische Pastorin Aulikki Mäkinen kommt aus einem Land, das Erfahrungen mit ausgedünnten Strukturen hat. 15 Einwohner leben hier im Durchschnitt pro Quadratkilometer. Zudem hat auch ihre Kirche einen rasanten Rückgang und entsprechende Umstrukturierungen zu verkraften.

»Sie sind unheimlich pfarrerzentriert«, so der erste Punkt.

Die Diskussion um Strukturveränderung oder Zusammenarbeit in größeren Regionen kreist nach Mäkinens Wahrnehmung nicht zuerst um die Frage, was den Gemeinden hilft, sondern »was mit mir geschieht, was das für meine Stellung als Pfarrer bedeutet«.

»Haben Sie keine Angst vor größeren Einheiten und Zusammenschlüssen«, so ihr dringender Rat. Und: »Bilden Sie diese Einheiten, bevor die Not groß ist, solange sie noch handeln können.«

Die Erfahrung in Finnland zeige, dass solche Zusammenschlüsse sich auch für die Mitarbeiter lohnen: Die so mögliche Spezialisierung und Professionalisierung in regionalen Mitarbeiterteams gegenüber dem überforderten Allrounder brächten am Ende für alle spürbare Entlastung.

Und noch einen praktischen Rat hat die Finnin: Lieber große Schritte und Schnitte wagen, als ständig ein Reförmchen nach dem anderen. Denn nichts frustriere Mitarbeiter und Gemeinden mehr, als ein Reformprozess ohne Ende.

Harald Krille

Krieg und Gewalt in der Tagesschau

25. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Medien: Schon die »normalen« Nachrichten sind voller Horrorbilder – wie Eltern darauf reagieren sollten.

Screenshots und Montage: Harald Krille

Screenshots und Montage: Harald Krille


Eltern können ihren Kindern das Bild von einer heilen Welt beim besten Willen nicht erhalten. Ein radikaler Verzicht aufs Fernsehen wäre auch nicht die richtige ­Lösung.

Es scheint fast unmöglich, Kinder vor der Wirklichkeit einer Welt zu bewahren, in der es immer neue Kriege gibt, in der Menschen verhungern und Kinder, die nur zum Spielen aus dem Haus gingen, ermordet aufgefunden werden. Da braucht es gar keinen übermäßigen Fernsehkonsum, keine Action-, Horror- und Zeichentrickfilme – die ganz normalen Nachrichtensendungen bieten schon genug Gewalt- und Schreckensbilder, die Kinder beunruhigen und ängstigen können.

Viele Eltern fragen sich besorgt: Wie viel Katastrophe kann ich meinem Kind zumuten?

Dass selbst ein radikaler Medienverzicht für die ganze Familie kaum eine Lösung ist, liegt auf der Hand: Der nächste Fernseher, das nächste Radio, die nächste Zeitung findet sich mit Sicherheit bei Freunden und in der Schule.

Auch Günter Gugel, Geschäftsführer des Instituts für Friedenspädagogik in Tübingen, rät von einer solchen »Bewahrungspädagogik« ab. Er hält es nicht nur für wenig aussichtsreich, sondern auch für wenig hilfreich, Kinder rigoros abzuschirmen.

Nicht alle Bilder berühren Kinder gleich stark

Der Hamburger Medienpädagoge Norbert Neuß weist darüber hinaus darauf hin, dass längst nicht alles, was Erwachsene schreckt, Kinder im gleichen Maß beunruhigt. Oft wird das Ausmaß von Krieg, Terror und Naturkatastrophen vielen Kindern erst durch die Reaktion ihrer Eltern deutlich.

Jüngere Kinder werden von abstrakten Fernsehnachrichten wenig berührt – betroffen sind sie vor allem dann, wenn Bilder von verletzten, weinenden Menschen in Nahaufnahmen und womöglich mit emotionsgeladener Musik unterlegt gezeigt werden. Kinder können dann kaum Distanz aufbauen und sie neigen dazu, sich mit den Opfern zu identifizieren, und ängstigen sich, ob der Krieg jetzt auch zu ihnen kommt, ob ein Flugzeug auch in ihr Haus rasen kann oder Ähnliches.

Grundsätzlich gilt: Der Fernseher, der – wie in vielen Familien üblich – einfach nebenher läuft, ist sicher nicht hilfreich.

Auch sehr kleine Kinder bekommen »nebenbei« viel mehr mit, als Erwachsene wahrhaben wollen.

Schon einjährige Babys begreifen, welche Gefühle im Fernsehen vermittelt werden, und lassen sich in ihrem Handeln beeinflussen, fand die ­amerikanische Psychologin Donna Mumme heraus. Oft setzen sich Bilder, die Erwachsene als nebensächlich »ausblenden«, bei Kindern fest und bekommen vor allem dann ein eigenes Gewicht, wenn es keine Gelegenheit gibt, darüber zu reden.

Deshalb sollte grundsätzlich die Regel gelten, dass zumindest Vorschulkinder bei der Berichterstattung über Terror, Krieg und Gewalt nie ohne Anwesenheit Erwachsener fernsehen sollten.

Allein die Tatsache, nicht allein zu sein, vermittelt ihnen das so wichtige Sicherheitsgefühl. Auch dort, wo der Fernseher bewusst an- und ausgeschaltet wird, brauchen Kinder die Gelegenheit, Körperkontakt aufzunehmen, Fragen zu stellen, Befürchtungen zu äußern, Ängste im Spiel auszuagieren.

Und sie brauchen das Gefühl, dass der eigene Alltag trotz allem Mitgefühl und aller Angst »normal« bleiben darf und von verlässlichen Beziehungen getragen ist: »Toben, spielen, spazieren gehen und kuscheln sind gute Möglichkeiten, Normalität und Gewohntes in den Alltag zurückzuholen«, rät Wolfgang Zenz vom Kinderschutzzentrum Köln.

Auf keinen Fall sollten Eltern die Ereignisse, die ihre Kinder durch die Medien als Furcht erregende Realität erleben, leugnen oder verniedlichen. Dazu gehört auch, dass Eltern die eigene Angst, Sorge oder Traurigkeit zugeben. »Ja, das ist wirklich schlimm, was dort passiert ist. Die Menschen dort tun mir sehr Leid. Können wir vielleicht etwas tun, um ihnen zu ­helfen?« Wichtig ist dabei, mit den Kindern altersgemäß über das Geschehene zu reden, ohne sie mit zu vielen Informationen und Zusammenhängen zu überfordern.

Miteinander reden ist der Schlüssel zur Verarbeitung

Gerade bei der Verarbeitung schlimmer Nachrichten und belastender Bilder kann auch einem gemeinsamen Gebet am Abend eines Tages eine wichtige Rolle zukommen. Hier können Eltern und Kinder gemeinsam aussprechen, was sie bedrückt – oder Eltern sprechen stellvertretend für ihre Kinder aus, was sie bewegt.

Dabei muss keineswegs die Bitte um den ­eigenen Schutz und die eigene Bewahrung ganz oben anstehen. Schon Kinder haben einen eigenen Zugang zu einer Form des Gebetes, in der vor Gott die Fragen und die Klage darüber ausgesprochen ist, dass Menschen ­leiden und sich nach einem Leben ohne Krieg, Katastrophen und Gewalt sehnen.

Auch der Dank dafür, dass es Menschen gibt, die sich für Frieden, Versöhnung und Hilfe einsetzen, und der Dank für ein Leben, das bisher vor dem Schlimmsten bewahrt geblieben ist, hat hier Raum.

Karin Vorländer

Zwischen Ruhm und Linientreue

24. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Lassen sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen: Zwar verloren die ­Koreanerinnen im Mai 0:2 gegen die deutsche Frauen-Elf, dennoch gelten sie als starker Gegner. Hier Un Ju Kim im Duell mit Simone Laudehr. (Foto: picture alliance/Augenklick/Kunz/Moray)

Lassen sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen: Zwar verloren die ­Koreanerinnen im Mai 0:2 gegen die deutsche Frauen-Elf, dennoch gelten sie als starker Gegner. Hier Un Ju Kim im Duell mit Simone Laudehr. (Foto: picture alliance/Augenklick/Kunz/Moray)


Frauenfußball: Die nordkoreanischen Fußballerinnen gehören hierzulande zu den eher unbekannten Heldinnen.

In Nordkorea werden sie als Heldinnen gefeiert, haben Privilegien und schaffen, was ihren männlichen Kollegen nicht gelingt: die Stadien zu füllen.

In Deutschland eilt der nordkorea­nischen Frauenfußball-Nationalmannschaft der Ruf der mysteriösen Unbekannten ­voraus. Vor der an diesem Sonntag ­beginnenden Weltmeisterschaft in Deutschland tauchte die Mannschaft komplett von der Öffentlichkeit abgeschirmt mal hier, mal dort auf. Informationen über Aufenthaltsorte sind spärlich, Kontakt zu den Spielerinnen unmöglich.

Nach der 2:0-Niederlage im Testspiel gegen Deutschland in Ingolstadt im Mai beschrieb ihr Trainer Kwang Min Kim die Frauen als jung und teilweise sehr unerfahren. Ansonsten ließ er die meisten Fragen unbeantwortet, was die Gerüchte über die Spielerinnen weiter schürt.

Wilde Spekulationen über sklavenähnliche Haltung und hämische Kommentare zu den ­ähn­lichen Haarschnitten begleiten die Sportlerinnen. Doch auf dem Rasen traut man den Nordkoreanerinnen ­einiges zu: Die Weltranglisten-Achten und dreifachen Asienmeisterinnen zählen zum Favoritenkreis.

Nach Vorstellung vieler Westler ­beruht dieser Erfolg auf einem unmenschlichen Drill und der Androhung von Arbeitslager bei Misserfolg.

Ein ganz anderes Bild zeichnet die österreichische Regisseurin Brigitte Weich, die einen Film über vier Frauen aus der nordkoreanischen Nationalmannschaft gedreht hat. »Ich hatte nie den Eindruck, dass sie in ­irgendeinem Moment zu irgendetwas gezwungen wurden«, betont Weich, die die Spielerinnen sechs Jahre lang begleitete.

Der Koreanist Rüdiger Frank ­er­läutert: »Der Sport bietet in einer ­ansonsten sehr einengenden Gesellschaft ­einen Entfaltungsraum und schafft Möglichkeiten für Erfolgserlebnisse.« Der Nordkorea-Kenner Nicholas ­Bonner ist sich sicher, dass dies die Spielerinnen zu hohen Leistungen anspornt. »Sie trainieren sehr hart, weil sie zur Weltspitze gehören wollen, sie werden bis an ihre Grenzen gebracht, aber nicht weiter.«

Der in China lebende Brite führt mit seiner Reiseagentur Touristengruppen in das isolierte Land. »Fußball ist der unangefochtene Lieblingssport in Nordkorea«, betont Bonner, der an einem Film über die Männermannschaft beteiligt war, die 1966 in England mit einem Überraschungssieg über Italien in das WM-Viertel­finale gelangte. »Aber heutzutage will niemand zu den Männerspielen gehen, nur bei den Frauen sind die Stadien voll.«

Die Frauen seien besser und auch öfter auf den Titelseiten, erzählt Bonner. »Fußball ist einer der Bereiche, in denen die Geschlechter gleichberechtigt sind.«

Auch Weich zeigt in ihrem Film »Hana, dul, sed« (Eins, zwei drei), der seit zwei Wochen in den deutschen Kinos läuft, dass der Frauenfußball in dem autoritär regierten, kommunistischen Land weit mehr ist als reine Staatsdoktrin.

Gleichzeitig habe diese staatliche Förderung in einem Land mit ausgesprochen konservativen Geschlechterrollen zur Emanzipation beigetragen. »In diesem speziellen Fall hat es genützt, plötzlich dürfen diese Frauen machen, was sie wollen«, sagt Weich. Den Fußballerinnen komme eine wichtige Vorbildfunktion zu.

Dennoch verstehen sich die Spielerinnen als Botschafterinnen ihres Landes und sehen ihre Aufgabe darin, dem »geliebten Führer«, Staatschef Kim Jong Il, Freude zu bereiten. Dass sie Hosen tragen auf dem Platz, später heiraten und insgesamt mehr Freiheit genießen als andere Nordkoreanerinnen, ändert Weich zufolge nichts an ihrer Linientreue.

Entsprechend schockiert sei sie bei ihrem ersten Dreh in Nordkorea gewesen, nachdem sie die Frauen mehrmals bei internationalen Turnieren getroffen hatte, sagt Weich. »Ich konnte die beiden Bilder nicht überein kriegen zwischen den führer­verehrenden, ergebenen Bürgerinnen in Pjöngjang und den fröhlichen, toughen Frauen, mit denen wir rund um die Welt gereist waren und tolle Dinge erlebt hatten.«

Allein schon der in der Heimat jederzeit am Revers getragene ­An­stecker mit dem Konterfei des Staatschefs Kim Jong Il habe sie ­irritiert.

Seit wenigen Tagen sind die Frauen wieder in Deutschland. Während der Vorbereitung in Leipzig war wenig von ihnen zu sehen, auch ein Testspiel gegen England in Halle findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Doch am kommenden Dienstag, 28. Juni, werden die Asiatinnen in Dresden zu ihrer ersten Vorrundenbegegnung antreten. Ihr Gegner ist ausgerechnet das Team aus den ideologisch so verhassten USA.

Natalia Matter (epd)

Energisch und tatkräftig

20. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Frauen der Reformationszeit: Zum 450. Todestag von Katharina von Mecklenburg.

Katharina von Mecklenburg, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren (Foto: akg-images)

Katharina von Mecklenburg, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren (Foto: akg-images)

Je mehr ich hoffe, sie sterbe, je länger lebt sie.« Die Klage Herzog Georgs von Sachsen galt Katharina von Mecklenburg, der Gemahlin seines Bruders Heinrich. Dabei hatte diese nichts anderes getan, als ihrem Gemahl die Lehre Luthers nahezubringen.

Georg, erbitterter Gegner Luthers und der Reformation, hatte dies zwar mit allen Mitteln zu verhindern gesucht, doch Katharinas Einfluss war stärker.

1537 führte Heinrich den neuen Glauben in seinem Gebiet Freiberg und nach Georgs Tod 1539 im gesamten albertinischen Sachsen ein.

Katharina (*1487) war energisch und tatkräftig wie ihr Vater Herzog Magnus II. von Mecklenburg. Und sie hatte ehrgeizige Pläne, nachdem sie 1512 mit Herzog Heinrich von Sachsen vermählt worden war. Sie galt nicht als schön, war aber wie ihr Gemahl eine durchaus attraktive Erscheinung.

Ihren Zeitgenossen jedoch erschien sie, obgleich klug und tugendsam, als »hochmütige, herrschsüchtige und geizige Frau von kühler und rücksichtsloser Berechnung«. Dagegen war ihr Gemahl lebenslustig und gesellig und seinen Untertanen ein milder und gerechter Herrscher. Vor der Ehe hatte er ein »gar lustig Leben« geführt.

Zwischen 1515 und 1526 bekam das Paar sechs Kinder. Die Hofhaltung auf Schloss Freudenstein in Freiberg war bescheiden; denn das Geld dafür kam von Heinrichs Bruder Georg und der war nicht großzügig. So geriet Katharinas Bemühen um eine fürstlichere Hofhaltung schnell an Grenzen. Besserung trat ein, nachdem Heinrich 1521 Marienberg gegründet hatte und am Abbau des hiesigen Silbers gut verdiente.

Seine Gemahlin war dennoch nicht zufrieden. Der leutselige Umgang Heinrichs mit dem gemeinen Volk und den Bediensteten mehrten ebenso ihren Unmut wie die Abhängigkeit von Georg. So erscheint die Hinwendung zu Luthers Lehre mehr von ihren Ambitionen zur Macht als von einem Glaubenswandel bestimmt.

Hatte sich Katharina noch im Sommer 1525 zu Luthers Gegnern gezählt, so stand sie Ende des Jahres ganz auf seiner Seite. Als Grund für diesen plötzlichen Wandel wird ihre Hoffnung auf Verbündete gegen Herzog Georg gesehen.

In der Tat nutzte Kursachsen jetzt die Möglichkeit, mit ­Katharinas Hilfe einen Keil in das ­katholische Sachsen zu brechen und ihren Gemahl für die Reformation zu gewinnen. Obgleich Georg den Druck auf seinen Bruder verstärkte, konnte er die Entwicklung nicht mehr aufhalten.

Katharina hatte inzwischen Verbindung mit Luther und Melanchthon aufgenommen, scheute sich aber noch vor einem öffentlichen Glaubensbekenntnis. Dafür zeigte ihr Bemühen um Heinrich Erfolg: Er duldete die Verbreitung lutherischer Schriften und verbot katholische Rituale.

Im Mai 1531 lernte er Luther persönlich kennen und war tief beeindruckt.

1533 bekannte sich Katharina öffentlich zum neuen Glauben und setzte die evangelische Vermählung ihrer Tochter Emilia durch. Mit Heinrichs Billigung holte sie einen evangelischen Hofprediger und 1535 den lutherischen Rat Anton von Schönberg an ihren Hof.

Unter dem Einfluss seiner Frau und Schönbergs erlaubte Heinrich 1536 die Ausübung der lutherischen Religion in seinem Gebiet. Im selben Jahr trat er dem Schmalkaldischen Bund bei.

Als Georg versuchte, seinen Bruder mit materiellen Zugeständnissen zur Umkehr zu bewegen, schrieb ihm Katharina: »Aller Welt Reichtum nehmen wir nicht für Christus und sein Heil.«

Mit einem lutherischen Gottesdienst im Freiberger Dom wurde Neujahr 1537 die Reformation im Freiberger Land eingeführt.

Katharina sorgte, trotz mancher Probleme mit Luther, für die weitere Festigung der Reformation in Sachsen, auch nach dem Tod Heinrichs 1541, als der älteste Sohn Moritz die Herrschaft übernahm und sie auf ihr Wittum Wolkenstein verwies.

Moritz – der aufseiten der Katholischen gegen die Protestanten kämpfte und zum Dank mit der Kurwürde bedacht wurde – fiel 1553. Katharinas Favorit, Sohn August, wurde Kurfürst von Sachsen. Er hatte 1548 Anna von Dänemark geheiratet und damit die ehrgeizigen Pläne seiner Mutter nach ­einer königlichen Verbindung realisiert.

Katharina wusste ihre Angelegenheiten nun in guten Händen. Sie reiste viel, war aber oft Gast am Hof Augusts in Dresden. An ihrem eigenen Hof, den sie 1550 nach Torgau verlegte, führte sie ein strenges Regiment.

Bei ihren Untertanen scheint sie nicht sehr beliebt gewesen zu sein.

Im Juni 1561 starb sie mit dem Bekenntnis, sie wolle nun »an dem Herrn Christo und dem Saum seines Kleides hangen bleiben, wie eine Klette am Rock, die sich eher zerreißen als davon abreißen lasse.«

Sylvia Weigelt

18. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Die nigerianische Spielerin Onome Ebi im November vergangenen Jahres im Zweikampf mit Birgit Prinz von der Deutschen Nationalmannschaft. In dem Länderspiel verloren die Nigerianerinnen allerdings mit 0:8. (Foto: imago sportfotodienst)

Die nigerianische Spielerin Onome Ebi im November vergangenen Jahres im Zweikampf mit Birgit Prinz von der Deutschen Nationalmannschaft. In dem Länderspiel verloren die Nigerianerinnen allerdings mit 0:8. (Foto: imago sportfotodienst)

Glaube und Sport: Nigerias Fußballerinnen kämpfen für Tore, Gleichberechtigung und religiöse Toleranz

Christinnen und Muslimas spielen gemeinsam in der ­nigerianischen ­Frauen­fußball-Nationalmannschaft. Und zumindest in Afrika kommt an den Super Falcons niemand vorbei.

Auf dem Trainingsgelände neben dem modernen Bau, der wie ein Fremdkörper aus der Silhouette der mit rotem Sand bedeckten Ebene heraussticht, machen sich die Frauen warm. Es ist später Nachmittag und nicht mehr so heiß. Ein paar Bäume spenden Schatten und dienen gleichzeitig als Kleiderhaken für Trainingsjacken und Rucksäcke.

Achtmal gewann die Nationalmannschaft Nigerias den Africa-Cup. Jetzt bereiten sich die Sportlerinnen auf die Weltmeisterschaft in Deutschland vor.

Das Training beginnt auch dieses Mal mit einem muslimischen und christlichen Gebet. Die Spielerinnen stellen sich im Kreis auf und halten sich an den Händen. Die Situation ist ruhig, fast andächtig.

Dann ertönt der Pfiff von Coach Eucharia Uche.

Heute steht Fitness auf dem Programm. Doch immer wieder klingelt das Handy der Trainerin, die als Pionierin im nigerianischen Frauenfußball gilt. »Moment, es geht gleich weiter«, ruft sie dann und kümmert sie sich um Flüge, Visa und Hotelunterkünfte für ihre Mannschaft. »Man muss viel ­improvisieren in Nigeria«, erklärt sie schmunzelnd.

Jedes Kind in Nigeria kennt die Super Falcons. Die Mannschaft mit den Stürmer-Stars Perpetua Nkwocha und Stella Mbachu ist der ganze Stolz der Fußballnation Nigeria.

Bei der WM 2011 wird Nigeria neben Äquatorialguinea Afrika vertreten. »Wir verstehen uns als Botschafterinnen unseres Kontinents«, sagt Trainerin Uche stolz.

»Die Mannschaft hat unheimlich Potenzial«, sagt auch Thomas ­Obliers, der als sportlicher Leiter das Team für die WM fit machen soll. Auch die Schmach der 8:0-Niederlage im Freundschaftsspiel gegen Deutsch­land im vergangenen Jahr soll so wieder wettgemacht werden.

Obliers, der bis vor Kurzem noch die Bundesliga-Frauen von Bad Neuenahr trainierte, hat den Spielerinnen deshalb ein hartes Fitnesstraining verordnet. »Das Spiel muss schneller werden«, mahnt der 43-Jährige. Was besser klappt als in Deutschland sind die Hilfsbereitschaft und Solidarität unter den Spielerinnen, hat Obliers festgestellt.

Nigeria ist ein gespaltenes Land – religiös, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Die meisten Spielerinnen der Nationalelf kommen aus dem christlichen Süden. Fast alle Stars starteten ihre Karriere in so bekannten Clubs wie Rivers Angels und Delta Queens in den ölreichen südlichen Bundesstaaten. Mehrere National-Spielerinnen sind heute Profis in schwedischen Clubs.

Muslimische Mädchen müssten härter darum kämpfen, Fußball spielen zu dürfen, meint auch Coach Uche. Oftmals müsse der Trainer das Gespräch mit der Familie suchen und das Familienoberhaupt überzeugen. Auch in der Nationalmannschaft sind sie deutlich in der Unterzahl. »Aber die Zahl der weiblichen Fußballspieler wächst überall in Afrika.«

»Nigeria ist noch eine männer­dominierte Gesellschaft«, räumt auch der ehemalige Fußball-Profi Stanley Akpu ein. »Aber der Fußball eint unser Land.« Im Gegensatz zur Politik spiele Religion auf dem Fußballfeld keine Rolle, meint Akpu, der gerade eine ­Organisation aufbaut, die Nachwuchskicker fördern soll.

Viele Nigerianer sehen im Fußball nicht nur ein soziales, sondern auch ein politisches Ventil. »Der Fußball macht uns vor, dass es möglich ist, für ein gleiches Ziel zu kämpfen, egal welcher Religion oder welchem Stamm man angehört«, sagt Akpu.

Wenn die Falcons auf dem ­Flug­hafen ankommen oder ein Hotel beziehen, werden die Frauen und ihre resolute Trainerin von Fans umlagert. Doch auch wenn die sportliche Bilanz der Super Falcons die des Männer-Nationalteams übertrifft, bei Sponsoring und Medienpräsenz haben sie das Nachsehen.

So wurde kürzlich bekannt, dass die Gehaltszahlungen des nigerianischen Fußballverbandes an Uche seit knapp zwei Jahren ausstehen. »Eine unschöne Situation«, gab ein Funktionär zerknirscht zu und ­versprach eine Nachzahlung.

Bei der WM in Deutschland warten auf die Super Falcons in der Gruppe A schwere Gegner wie Deutschland (30. Juni), Kanada und Frankreich. Aber den Sprung ins Viertelfinale wollen die Nigerianerinnen unbedingt schaffen.

Susann Kreutzmann (epd)

Die Frauen-Fußball-WM in Deutschland

Die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen beginnen am 26. Juni in Sinsheim (Nigeria – Frankreich) und Berlin (Deutschland – Kanada).

Einziger Austragungsort im mitteldeutschen Raum ist Dresden. Dort treffen am 28. Juni die Frauen der USA auf ihre Gegnerinnen aus Nordkorea, am 1. Juli spielen die Mannschaften von Neuseeland und England gegeneinander, am 5. Juni steht die Begegnung Kanada – Nigeria auf dem Spielplan. Danach wird Dresden noch einmal am 10. Juli Austragungsort eines Spiels im ­Viertel­finale sein.

Das Finale läuft am 17. Juli in Frankfurt am Main.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bietet wieder für Gemeinden die Möglichkeit des kostenlosen »Public Viewing« der von ARD und ZDF übertragenen Spiele an.

Zudem gibt es ein Materialheft unter dem Titel »Gemeinsam fiebern, freuen, feiern« mit Anregungen für die Gestaltung von Gemeindeabenden, Gottesdiensten oder den Konfirmandenunterricht. Es kann kostenlos angefordert werden beim Kirchenamt der EKD, Herrenhäuser Straße 12, 30419 Hannover, Fax 0511/2796-722.

Die Kirche für die Hosentasche

18. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Glaube per App – Fromme Anwendungen fürs Handy


»Religiöse Inspiration« lässt sich per App fürs Smartphone herunterladen. ­Neben seriösen Anwendungen findet sich auch theologisch Zweifelhaftes und jede Menge Kitsch. Ob Glockenläuten, Beten oder Beichten, Singen christlicher Hymnen oder doch lieber einer feurigen Predigt lauschen – eine Vielzahl von Apps macht es möglich. (Foto: epd-bild)

»Religiöse Inspiration« lässt sich per App fürs Smartphone herunterladen. ­Neben seriösen Anwendungen findet sich auch theologisch Zweifelhaftes und jede Menge Kitsch. Ob Glockenläuten, Beten oder Beichten, Singen christlicher Hymnen oder doch lieber einer feurigen Predigt lauschen – eine Vielzahl von Apps macht es möglich. (Foto: epd-bild)

Ein Handy nur zum Telefonieren? – Das war gestern. Mithilfe von Miniprogrammen (»Apps«) kann man heute auf seinem Smartphone so ziemlich alles machen: Klavier spielen, ein virtuelles Bier schlürfen – oder seinen spirituellen Durst stillen.

Neben seriösen Anwendungen findet sich auch theologisch Zweifelhaftes und jede Menge Kitsch.

Wer sich schon frühmorgens beim ersten Weckerklingeln spirituell einstimmen möchte, liegt mit dem »Lord Jesus Widget« eines Softwareunternehmens richtig: Glocken läuten, eine schmalzige Frauenstimme singt das englische Vaterunser. Süßliche »Herz-Jesu-Bilder« samt Bibelversen wandern über den Handy-Bildschirm.

»Erzähle Gott, wie du dich heute fühlst«, heißt es in der Anleitung der ebenfalls kommerziellen »I-Talk-to-God«-App. Der Betende wählt aus 70 verschiedenen Emotionen (stolz, zweifelnd, besorgt, traurig) die passende Stimmung aus, teilt seine Gefühlslage mit, und erhält nach einem weiteren Klick eine direkte Antwort in Form eines Bibelverses.

Für Furore hat die Beicht-App ­gesorgt, abgesegnet von der katholischen Bischofskonferenz der USA: »Die perfekte Hilfe für jeden reuigen Sünder«, heißt es in der Beschreibung. Mit ihr erforscht der Bußwillige sein Gewissen anhand eines Fragekatalogs, der sich an den Zehn Geboten orientiert. Als »Sünde« gilt hier auch das Tragen unzüchtiger Kleidung, Masturbation und künstliche Geburtenkontrolle.

Anschließend werden Bußgebete vorgeschlagen. Der digitale Beichtstuhl samt »App«-Solution ersetze jedoch nicht den Gang zum Beichtvater, betont der Vatikan.

Die religiöse App »Me so Holy« ist von der Firma Apple sogar verboten worden, aus Angst, religiöse Gefühle zu verletzen: In ihr kann man sich selbst zum Heiligen machen, indem man eine Heiligenfigur und Religion aussucht und ein Foto von sich einfügt.

Wer den Bildschirmhintergrund seines Handys sakral gestalten möchte, kann das mit animierten ­neonfarbenen Kreuzen tun, die dem Betrachter entgegenschwirren, oder einem »Gott-liebt-Dich«-Button.

Nur einen Fingerstreich entfernt ist das »Christliche Dating Café«, in dem unverheiratete Gläubige mit christlichen Singles chatten können.

Christliche Kinder unterhalten – mit dem Mobiltelefon der nächsten Generation kein Problem: Die »Bibel-Comic«-App einer spanischen Firma erzählt Kindern die wichtigsten Gleichnisse Jesu. Ein Memory-Spiel, bei dem Tierpärchen für Noahs Arche gesucht werden, ist auch schon etwas für Kinderkirchgänger.

Und auch das gibt es: Die fromme Karaoke-App, mit Liedern wie »Amazing Grace«. Wer statt christlichen Hymnen und geistlichem Hip-Hop lieber eine feurige Predigt hören will, kann sich das US-amerikanische ­charismatisch geprägte »Holy Ghost Radio« installieren.

Internationale Unterstützung beim Beten gibt es mit dem Programm »Prayers to share«. Der Betende teilt sein Gebetsanliegen dem sozialen ­Gebetsnetzwerk mit und darf auf Mitbeter hoffen.

Doch warum nur Menschen beten lassen? Bei der kommerziellen Anwendung »ePrayer« sind ­angeblich ­sogar Handys in der Lage, virtuelle Gebete in Richtung Himmel zu ­schicken: Der Handybesitzer muss nur einen Heiligen als Fürsprecher und den Zweck seines Gebetes ­aus­suchen und schon wandert der Gebetstext – wahlweise ein Vaterunser oder »Ave Maria« beliebig oft über den Bildschirm.

Andere Anwendungen sind bodenständiger: Katholische Christen finden unter iMissal katholische Gebete, biblische Tageslesungen, den Heiligenkalender. Selbst klösterliche Exerzitien à la Ignatius von Loyola sind vom Wohnzimmer aus möglich.

Auch deutsche kirchliche ­Ein­richtungen bieten Apps an.

Alle Smartphone-Besitzer etwa, die gerne mit einem Bibelvers in den Tag starten wollen, können sich die App »Herrnhuter Losungen« herunterladen. Die täglichen Bibelworte werden seit 1731 von der evangelischen ­Herrn­huter Brüdergemeine herausgegeben. In zahlreichen Sprachen und Übersetzungen gibt es das Buch der Bücher im benutzerfreundlichen Handy-Format.

Die Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart bietet beispielsweise die ­Lutherbibel samt Bibelleseplan als App an.

Für die Jüngeren gibt es die »Volxbibel« der »Jesus Freaks«, eine Bibelübertragung in Jugendsprache.

Nicht jedem Smartphone-Besitzer sagt das spirituelle »all-inclusive«-Angebot zu. Das Programm »Portable Atheist« bietet Zitate von Atheisten ­sowie Argumente gegen die Existenz Gottes an, um »Debatten mit Christen zu gewinnen«.

Doch auch Christen können sich mit einer speziellen App für eine Glaubensdebatte rüsten: Der »Bible Versinator« findet Bibelverse, die die eigene Meinung untermauern.

Und wem die Kirche für die Hosentasche auf Dauer dann doch zu ­un­persönlich ist, kann sich den ökumenischen Gottesdienstfinder der »Vernetzten Kirche« aufs Handy laden, ­seinen Standort eingeben – und sofort zeigt die Google-Maps-Karte, wo es in die nächste Kirche geht. Real, nicht virtuell.

Judith Kubitscheck (epd)

Anmerkung der Redaktion: Alle Informationen (einschließlich Links) zu den benannten Angeboten bzw. Produkten stellen keine Kaufempfehlung oder Empfehlung zur Anwendung dar.

»Papa ante portas« – Hohe Erwartungen

17. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

In Erfurt bereitet man sich auf den Papstbesuch vor.


Vom 22. bis 25. September kommt Papst Benedikt XVI. nach Deutschland. Zwei Tage verbringt er in Erfurt. Auf dem Programm steht dabei auch eine Begegnung mit Vertretern der evangelischen Kirche.


Schuhe

Die Erwartungen sind hoch. Die protestantische Ministerpräsidentin und frühere thüringische Pfarrerin Christine Lieberknecht spricht gar von einer “historischen Chance” für Thüringen. Doch auch innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) herrscht Hochspannung. Immerhin hat Papst Benedikt XVI. das zunächst anvisierte Besuchsprogramm nach einem persönlichen Brief des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider über den Haufen geworfen.

Die Visite in Erfurt avancierte zum ökumenischen Schwerpunkt der Reise. Zentraler Punkt wird die Begegnung mit Vertretern der protestantischen Kirchen im historischen Augustinerkloster. Just in dem Kloster, in dem der spätere Reformator Martin Luther sein Gelübde ablegte und die Priesterweihe empfing.

“Exakt 11.30 Uhr wird die Limousine des Papstes im Kloster vorfahren und der Posaunenchor zur Begrüßung blasen”, berichtet Lothar Schmelz gegenüber Journalisten während einer Pressefahrt des katholischen Bonifatius-Werkes. “Anschließend werden der Papst und der Ratsvorsitzende allein eine Runde durch den Kreuzgang laufen”, weiß der Kurator des Augustiner-Klosters weiter zu berichten.

Im historischen Kapitelsaal treffen sich dann die beiden Delegationen, je 15 Personen stark, zu einem 30-minütigen Gespräch. Der Beginn des ökumenischen Treffens ist geradezu symbolträchtig: Fünf vor 12.

Und in welcher Sitzordnung wird man sich begegnen? “Im großen Stuhlkreis”, dies sei ausdrücklich vom Papst gewünscht, so Schmelz.

Wer wird teilnehmen? Und gibt es dafür von katholischer Seite wie schon einmal in der Vergangenheit Vorgaben? “Nein, überhaupt nicht”, sagt Oberkirchenrat Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD in Hannover.

Auf jeden Fall werde Bischöfin Ilse Junkermann von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) dabei sein und der Ratsvorsitzende. Die weiteren Teilnehmer werden noch vom Rat der EKD bestimmt.


Erinnerung: Frau Käßmann und die roten Schuhe

Der Theologe aus dem Kirchenamt gibt sich begeistert. Schon über den Vorbereitungen habe eine “besondere ökumenische Atmosphäre” gelegen. “Große Freude” herrsche darüber, dass der Papst, der als Professor Joseph Ratzinger in DDR-Zeiten schon des Öfteren in Erfurt war, sich ausgerechnet auf das Augustinerkloster eingelassen hat.

So viel Freude und frohe Erwartung weckt Erinnerungen. Gab es da nicht vor noch gar nicht langer Zeit eine Bischöfin und Ratsvorsitzende die öffentlich und unwidersprochen erklärte, sie erwarte in Sachen Ökumene “von diesem Papst gar nichts” mehr? Und darüber hinaus beneide sie den Mann aus Rom höchstens ob der schönen roten Schuhe seiner Amtskleidung?

Gundlach ziert sich. Die Käßmann-Worte seien nicht die Erwartungshaltung der EKD und es habe zudem auch damals durchaus Widerspruch gegeben.

Darüber hinaus verweist er auf die ebenfalls nicht freundlichen Töne im päpstlichen Lehrschreiben “Dominus Jesus”, die zu Verärgerungen geführt hätten. Diese Töne aus der Vergangenheit seien aber nicht die Intension für den jetzigen Besuch und das Gespräch. Dieses habe eine völlig neue Dimension, betont Gundlach.

Wie viel und was bei dem Treffen im September überhaupt zur Sprache kommt, bleibt abzuwarten. 30 Minuten stehen zur Verfügung. Mehr als Statements austauschen und vielleicht die eine oder andere Reaktion dazu äußern dürfte schwierig werden.

Allerdings weisen Kenner des Papstes darauf hin, dass er durchaus in solchen Runden reagiert und Impulse setzen kann und will. Dennoch – auch ein Abschlusskommuniqué wird es nicht geben.

Wichtiger ist wohl ist das Symbolische der Begegnung. Dazu gehört sicher auch, dass der Papst im Anschluss zusammen mit Schneider einen Wortgottesdienst in der Klosterkirche halten wird, bei dem die Präses der EKD-Synode, die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt einen Verkündigungsteil übernimmt. Und zu dem sich auch die Kanzlerin angemeldet hat.


Bistum Erfurt: “Ärmlich aber säuberlich”

Das sieht im Übrigen auch der eigentliche Gastgeber, Bischof Joachim Wanke vom Bistum Erfurt so. Und warnt vor überspannten Hoffnungen – sowohl in Fragen der Ökumene als auch innerhalb der katholischen Minderheitsbevölkerung Thüringens.

Was er konkret erwartet? “Dass Benedikt Christus verkündigt und seine Brüder und Schwestern stärkt”, dies sei der eigentliche Sinn des Petrusdienstes des Papstes. Und er freut sich, dass der Papst “auch einmal in die Kleinteiligkeit des deutschen Katholizismus schaut”. 156.000 Katholiken gehören zu seinem Bistum. “Bei uns geht’s ärmlich aber säuberlich zu”, so Wanke mit leichtem Augenzwinkern.

Was auch für das wahrhaftig nicht luxuriöse Nachtquartier des römischen Oberhirten im Erfurter Pristerseminar gilt: Ein schlichtes Gebäude mit dem Charme eines Hinterhauses. Kein Vergleich mit manchem Bischofspalast in den westlichen Bundesländer.

“In seinem Bischofshaus selbst könnte Wanke dem Papst doch wahrscheinlich kaum mehr als ein Klappbett anbieten”, ist von einem Insidern zu hören.

Das öffentliche Interesse am Papstbesuch ist freilich dennoch groß. Die Plätze für die Messfeier auf dem Domplatz sind schon lange ausgebucht. Interessenten können nur noch auf die Marienandacht in Etzelsbach im Eichsfeld verwiesen werden.

Personell wie finanziell steht das kleine Bistum bei dem Besuch vor großen Herausforderungen. Generalvikar Raimund Beck, Stellvertreter des Bischof in allen Veraltungsangelegenheiten, bringt es auf den Punkt: “Wir haben die Finanzkrise gut überstanden und hoffen nun, dass der Papstbesuch nicht den Zusammenbruch bringt.”

Der Grund seiner Hoffnung: Es gibt die Zusage der anderen Bistümer Deutschlands, die kleine Gemeinschaft der Katholiken in Thüringen nicht im Regen stehen zu lassen.

Harald Krille

Die Eckpunkte der Papstreise

Donnerstag, 22. September
10.30 Uhr Ankunft des Papstes in Berlin-Tegel,
11.15 Uhr Begrüßung durch den Bundespräsidenten,
16.45 Uhr Rede im Deutschen Bundestag,
18.30 Uhr Eucharistiefeier vor Schloss Charlottenburg

Freitag, 23. September
10.00 Uhr Abflug nach Erfurt,
11.15 Uhr Begrüßung des Papstes im Dom,
11.45 Uhr Gespräch mit Vertretern der EKD im Augustinerkloster, anschließend ökumenischer Wortgottesdienst in der Klosterkirche,
16.30 Uhr Hubschrauberflug zur Wallfahrtskapelle Etzelsbach im Eichsfeld,
17.45 Uhr Marianische Vesper in Etzelsbach, anschließend Rückflug nach Erfurt, Übernachtung im Priesterseminar

Sonnabend, 24. September
9.00 Uhr Eucharistiefeier auf dem Domplatz von Erfurt, ­anschließend Flug nach Lahr,
14.00 Uhr Besuch des Freiburger Münsters,
17.15 Uhr Begegnung mit der orthodoxen Kirche,
19.00 Uhr Gebetsvigil (Stundengebet) mit Jugendlichen in ­Freiburg,

Sonntag, 25. September
10.00 Uhr Eucharistiefeier,
13.00 Uhr Mittagessen mit den Mitgliedern der Deutschen ­Bischofskonferenz,
17.00 Uhr Rede im Konzerthaus von Freiburg,
19.15 Uhr Rückflug von Lahr nach Rom

www.papst-in-deutschland.de

Herzenssache Heimat – Ein Mosaik an Erfahrungen

13. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Feuilleton

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Heimat - ein unscharfer Begriff, der verschiedene Assoziationen auslösen kann: romantische Heimattümelei mit röhrendem Hirsch im Morgenrot oder auch das Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit. (Bild: Archiv)

Heimat - ein unscharfer Begriff, der verschiedene Assoziationen auslösen kann: romantische Heimattümelei mit röhrendem Hirsch im Morgenrot oder auch das Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit. (Bild: Archiv)




Sie leben beide nicht mehr dort, wo sie geboren wurden, wo ihre Vorfahren begraben liegen und wo sie möglicherweise auch selbst ­beerdigt werden wollten. Was für sie Heimat bedeutet, darüber sprachen Otto Guse und Ingeburg Keller auf dem Podium »Herzenssache Heimat«.

Das Dorf, in dem Ingeburg Keller bis 2009 zu Hause war, gibt es nicht mehr. Heuersdorf, südlich von Leipzig, musste dem Braunkohlentagebau weichen. Wenn sie an dem Stück Land vorbeifahre, wo sich das Dorf befand, erzählt Keller, kämen heimatliche Gefühle in ihr auf.

»Man sieht nichts mehr, aber die Erinnerungen sind da«, sagte sie und ihre Stimme klang dabei traurig. Seit 1638 habe ihre Familie dort gelebt. Ihre Eltern waren da begraben, mussten umgebettet werden, als das Dorf weggebaggert wurde. Es falle ihr sehr schwer, sich in Hagennest, wo sie seit zwei Jahren wohnt, einzuleben.

Im Gegensatz zu Ingeburg Keller hat Otto Guse sich freiwillig einen neuen Wohnort gesucht. Der Präsident der sächsischen Landessynode war im Rheinland zu Hause, bevor er 1993 mit seiner Familie ins Vogtland zog, wo er eine Rechtsanwaltskanzlei hat. Im Osten Deutschlands habe er nach der Wende unglaubliche Möglichkeiten gesehen, etwas zu bewegen, ­etwas Neues zu schaffen, sagt er.

Heimat sei für ihn dort, wo er Vertrautes finde, die Straßen und die Menschen kenne und sich einer gewissen Solidarität sicher sein könne, so der Jurist.

»Wo ich beerdigt werde, ist mir egal.« Für die Bereitschaft seiner Frau, mit ihm nach Sachsen zu gehen, wolle er sich im Ruhestand revanchieren. »Dann komme ich mit dorthin, wohin du willst«, hat er ihr versprochen.

Heimat ist nicht nur dort, wo jemand geboren wurde und vielleicht beerdigt wird, auch die Kirche kann Heimat sein. Für manche eine ­widerborstige Heimat, für ihn sei sie ein geliebtes Zuhause, so der Theologieprofessor Klaus-Peter Hertzsch, Jahrgang 1930. Er zählt die Gottesdienstordnung, das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis und die Gesangbuchlieder auf. Wenn er die alten Texte höre, wisse er: »Hier bin ich zu Hause.«

Der Autor des Gesangbuchliedes »Vertraut den neuen Wegen« schätzt die Kirche als eine Institution, die in drei Regime durchgehalten habe. »Wenn es überhaupt etwas gab, was sich durchhielt, war es die ­Kirche«, sagt er.

»Heimat ist, was man vermisst« – das vor einem Jahr erschienene Buch von Sebastian Schnoy stand drei Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Auch der Titel »Smörrebröd in Napoli – Ein vergnüglicher Streifzug durch Europa« fand viele Käufer, stand 14 Wochen auf der Bestsellerliste von Spiegel online.

Der Part des Autors und Kabarettisten zum Thema Heimat – amüsant und pfiffig. »Man muss wissen, wo man herkommt«, stellte er zu Beginn klar, um danach mit viel Witz die Mentalität der Deutschen aufs Korn zu nehmen. Stichworte: Sauberkeit und Ordnung. Als Breschnew einst zu Besuch bei Schmidt gewesen sei, zeigte dieser ihm das Land, plauderte Schnoy.

Beim Anblick der herausgeputzten Dörfer soll Breschnew gefragt haben: »Woher wissen die, dass wir kommen?«

»Kirchentag – eine typisch deutsche Veranstaltung.« Die Anspielung des Kabarettisten ist positiv gemeint, ein Lob auf die vorbildliche Organisation der Megaveranstaltung.

Sabine Kuschel

Und die Kirche bewegte sich doch

12. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Komm, Heiliger Geist!
Doch wenn er tatsächlich käme, brächte er mancherlei ins Wanken.

pfingsten

Pfingstgedanken

Die Lieder mit der Bitte um den Heiligen Geist mag ich besonders.

Dabei kommt mir manchmal der Gedanke, was wohl wäre, wenn der Heilige Geist jetzt tatsächlich eingreifen würde?

Inzwischen rate ich eher, lieber erst einmal nachzudenken, ehe wir der Bitte um den Heiligen Geist allzu lautstark Ausdruck verleihen. Es könnte uns nämlich viel Liebgewordenes durcheinandergeraten.

Zustände, die wir zwar locker beklagen, mit denen wir uns jedoch ganz gut eingerichtet haben und die wir nicht selten selber am Leben erhalten. Denn es ist ja nicht so, dass der Heilige Geist nur unserem schwachen Unvermögen aufhilft und allein die Wünsche erfüllt, deren Verwirklichung uns selber nicht gelingt.

Er weht eher dort, wo er will.

Unser Autor Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirkes Leipziger Land.

Unser Autor Matthias Weismann ist Superintendent des Kirchenbezirkes Leipziger Land.

Wir haben im Leipziger Land jede Menge Kirchen, 156 genau, eine schöner als die andere. Fast alle gut restauriert.

Dennoch, die Gebäudelast für die kleinen Gemeinden ist erheblich.

In einem unserer Dörfer mit nur noch wenigen Christen gibt es sogar zwei Kirchen. Der Entschluss, die eine, die etwas weniger wertvolle Kirche aufzugeben, war nicht leicht, aber von Verantwortung geprägt. Doch ausgerechnet um sie bildete sich nun flugs ein unglaublich agiler und sachkundiger Förderverein.

Übrigens nahezu ohne Gemeindeglieder.

»Das können die gar nicht alleine geschafft haben!«

Inzwischen ist die Kirche in Großpötzschau schon weithin wieder als Schmuckstück erkennbar.

Der Heilige Geist weht eben wo er will? Wenn er sich vorher in der Superintendentur erkundigt hätte, die Großpötzschauer Kirche wäre ihm, ehrlich gesagt, nicht als gewünschter Einsatzort genannt worden.

Weil wir aber schon Verrücktes bei uns mit Kirchen erlebt haben, etwa mit der von Heuersdorf nach Borna verrückten Kirche, bin ich mir nicht mehr sicher.

Eigentlich wurde auch diese Kirche nicht mehr gebraucht, denn die Menschen mussten wegen der Braunkohle wegziehen und ihr Ort wurde zerstört.

Aber dann haben Tausende am Wegesrand buchstäblich Bauklötzer gestaunt. Das passiert übrigens immer, wenn sich Kirche vom Zeitgeist nicht demontieren lässt, sondern überraschend in Bewegung gerät. Und zwar dorthin, wo sie gebraucht wird.

Wenn es sein muss, sogar spektakulär.

Das gibt’s doch nicht, sagen Sie?

Die Leute am Straßenrand haben auch mit diesen Worten ihren Kopf geschüttelt. Heute suchen täglich viele Menschen aus aller Welt die Emmauskirche aus Heuersdorf in Borna auf. Und in ihr findet Leben und Begegnung statt.

Unglaublich?

Auch damals zu Pfingsten sind die Menschen in Bewegung geraten. Die verängstigten Jünger, denen scheinbar ihre Welt zusammengebrochen war, fassten auf einmal wieder Mut. Nicht aus sich selbst heraus verstanden und schöpften sie wieder Hoffnung. Andere konnten sich darüber nur an den Kopf greifen.

So geht das nicht! Was will das werden? Die sind doch betrunken.

591857_79609383In diesem Jahr, dem Jahr der Taufe wollen wir in vielen Gemeinden unserer Landeskirche ein großes Tauffest feiern. Wir sind ein bisschen erschrocken, dass so viele unserer Gemeindeglieder mit der »schönsten und herrlichsten Gabe Gottes«, wie es Gregor von Nazianz einmal gesagt hat, mit der Taufe, nichts mehr anfangen wollen und fast die Hälfte der Eltern ihre Kinder nicht mehr taufen lassen.

Dafür gibt es auch Gründe. Denen muss man aber nachgehen.

Wir werden in unseren Gemeinden also herzlich einladen, ermutigen und uns Mühe geben. Wahrscheinlich werden wir das auch gut machen. Aber nicht auszudenken, wenn sich der Heilige Geist einmischt!

Denn dann verstehen das vielleicht auch Eltern, nicht unbedingt aus Mesopotamien oder Pamphylien, aber immerhin von außerhalb. Also Eltern, die von der ganzen Kirche, ihren Ordnungen und Bestimmungen noch gar keine Ahnung haben.

Wahrscheinlich kennen die auch keine »ordentlichen« Paten. Doch sie bringen uns vielleicht erwartungsvoll ihre Kinder, weil sie der Gabe Gottes tatsächlich vertrauen.

Man muss ja nicht gleich an das Schlimmste denken, doch da sehe ich schon unsere artigen Theologen und die Juristen gewaltig ihre Stirne runzeln. So geht das aber nicht! Schon aus ökumenischen Gründen nicht. Dabei müssen sie wahrscheinlich noch gar nicht alle Argumente in Worte fassen.

Das Stirnerunzeln allein wird eindrücklich genug erscheinen, um nachhaltig alle Völker mit ihrem unzureichenden Taufverständnis zu verschrecken.

Sie verstehen? Also doch lieber nicht singen: Komm, Heiliger Geist!?

O doch! Und zwar schallend laut.

Das wäre nämlich mal wieder ein Problem, dass ich mir für uns von Herzen wünschte. Davon kenne ich übrigens noch eine ganze Menge.

Und wenn der Heilige Geist uns dabei sogar weiter beistünde, wäre auch all unser Aber-Gestammel mit einem Brausen vom Tisch und unsere Kirche bewegte sich doch.

Matthias Weismann

Der Autor ist Superintendent des Kirchenbezirkes Leipziger Land.

Europäische Begegnungen in Dresden

10. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zu Gast in Dresden: Oliver Engelhardt mit Viktoria Czetö, Zsoltné Papp und Norbert Czetö (v.l.n.r.) aus Ungarn im Zentrum Mittel- und Osteuropa. Auf der Karte haben Besucher die Partnerschaften zwischen deutschen und osteuropäischen Kirchgemeinden eingezeichnet. Foto: Bernd Heinze

Zu Gast in Dresden: Oliver Engelhardt mit Viktoria Czetö, Zsoltné Papp und Norbert Czetö (v.l.n.r.) aus Ungarn im Zentrum Mittel- und Osteuropa. Auf der Karte haben Besucher die Partnerschaften zwischen deutschen und osteuropäischen Kirchgemeinden eingezeichnet. Foto: Bernd Heinze



Faschistischer Raubkrieg, ­gemeinsames Leiden unter der kommunistischen ­Diktatur – es gibt vieles, was die Staaten Mittel- und Osteuropas ebenso trennt wie vereint.

Freiheit ist, wenn wir sagen, wir wollen heute in Wien einen Kaffee trinken und wir können es einfach tun«, sagt Andreas Bölcsföldi. Der Budapester Studentenpfarrer sitzt mit Renate und Manfred Kießig aus Störmthal bei Leipzig und den unga­rischen Theologiestudenten Viktoria und Norbert Czetö an einem Tisch. Sie diskutieren, was ihnen Freiheit bedeutet und kommen zuerst auf die Wende zu sprechen.

Dieser Blick auf 1989 ist beim »Café Freiheit« im Begegnungszentrum Mittel- und Osteuropa auch von den ­Moderatoren Arne Draeger und Ulrike Kind gewollt. Für einen ersten inhaltlichen Impuls haben sie zwei prominente Gäste eingeladen: die Brandenburger Beauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Ulrike Poppe, und den Staatsminister für soziale Integration aus Budapest, Zoltán Balog. Dann malen und schreiben die Gäste aus Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Deutschland verschiedene Symbole der Freiheit auf: die Taube ebenso wie die Banane oder ein Loch in einer Mauer.

Beim Begegnungszentrum in der Neustädter Dreikönigskirche ist die europäische Geschichte ein bestimmendes Thema. »Es ist spannend, weil Staaten in Mittel- und Osteuropa teilweise eine schwierige Geschichte auch miteinander haben«, sagt Arne Draeger, der die Veranstaltungen mit vorbereitet hat. »Junge Leute gehen mittlerweile viel unbefangener damit um und halten ihren Großeltern auch gerne mal den Spiegel vor die Augen, wenn es um Schuldfragen geht.«

Kirchentag im Kirchentag könnte man das Begegnungszentrum Mittel- und Osteuropa nennen. Denn es wurde gemeinsam mit den Christlichen Begegnungstagen gestaltet und diese bezeichnet Mitorganisator Oliver Engelhardt auch als »kleinen mitteleuropäischen Kirchentag«.

Seit 1991 laden dazu alle drei Jahre Kirchgemeinden aus je einer grenznahen Stadt in Deutschland, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn oder Österreich in ihre Heimat ein. In diesem Rhythmus bot es sich an, das mitteleuropäische Treffen 2011 in den Dresdner Kirchentag zu integrieren. Oliver Engelhardt ist zufrieden, »auch wenn bei den jetzigen Veranstaltungen natürlich deutsche Besucher in der Mehrzahl sind und wir den Blick etwas weiter Richtung Osten geweitet haben.«

Zum Beispiel Richtung Weißrussland. In dem bewegenden Dokumentarfilm »Running start« zeigt die junge Filmemacherin und Schauspielerin Ljuba Zhuromskaya aus Minsk, wie junge Oppositionelle in ­ihrer Heimat vom Staat unter Druck gesetzt und aus den Universitäten ­verbannt werden und wie sie trotzdem weitermachen.

»Ich versuche, nicht mehr dagegen zu kämpfen, sondern etwas Positives entgegenzusetzen«, sagt Zhuromskaya. Beim anschließenden Gespräch mit Natallia Vasilevich, Direktorin des Kultur- und Bildungszentrums Ecumena in Minsk und politische Aktivistin, wurden die Kraft und die gleichzeitige Ausweg­losigkeit junger Menschen in Weißrussland unter Präsident Alexander Lukaschenko klar.

Maxie Thielemann

Eine Erfolgsgeschichte

10. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Jubiläum: Vor 50 Jahren erstmals beim Kirchentag – der jüdisch-christliche Dialog.


Wie sollten Juden und ­Christen in Deutschland nach Auschwitz noch ­miteinander reden können? Die Kirchentagsbewegung hat entscheidend dazu ­beigetragen, die Sprachlosigkeit zu überwinden.

Man dürfe sich nicht täuschen: »Als 1945 die wenigen überlebenden deutschen Juden aus den Vernichtungslagern oder dem Untergrund zurück in ihre Heimatstädte ­kamen, waren sie alles andere als ­willkommen. Keiner freute sich, man war eher erschrocken, dass überhaupt noch welche lebten.«

Wenn der ­jü­dische Publizist und Filmemacher Bernd Ginzel aus Köln von den Erfahrungen deutscher Juden nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt, gehen die Sätze unter die Haut. »Worte wie Jesus oder Christen waren unter uns tabu. Es waren Synonyme für den millionen­fachen Judenmord.«

An ein Gespräch miteinander sei nicht zu denken gewesen, so Ginzel.

»Herzensangelegenheit« – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag in ­Dresden: Moderator Thomas Roth, EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider und Dieter Graumann, Präsident des ­Zentralrats der Juden in Deutschland. © DEKT/Jens Schulze

»Herzensangelegenheit« – 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Evangelischen Kirchentag in ­Dresden: Moderator Thomas Roth, EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider und Dieter Graumann, Präsident des ­Zentralrats der Juden in Deutschland. © DEKT/Jens Schulze


Was für die jüdische Seite galt, galt ähnlich für die christliche: Zwar gab die sich neu bildende Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im ­Oktober 1945 ihre als »Stuttgarter Schuldbekenntnis« bekannt gewordene Erklärung ab. »Doch darin bekannte sie nur allgemein: ›Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.‹ Der systematische Völkermord an den Juden, der Holocaust, wurde mit keinem einzigen Wort erwähnt«, erinnert der emeritierte Theologieprofessor Martin Stöhr aus Bad Vilbel. Dass es heute eine stabile und belastbare Zusammenarbeit gibt, ist die Frucht einiger beherzter Pioniere wie Ginzel und Stöhr.

Es war der 10. Deutsche Evangelische Kirchentag 1961 in Berlin, auf dem erstmals nach dem Holocaust eine von Juden und Christen gemeinsam verantwortete »neue Begegnung von Juden und christlicher Gemeinde« angeboten wurde. Die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Kirchentag wurde zu einem wichtigen Auslöser der Aufarbeitung einer »2000-jährigen Geschichte des Missverstehens«, wie Kirchentagsgeneralsekretärin Ellen Ueberschär es in Dresden während einer Geburtstagsgala im Kulturpalast bezeichnet.

Endlich habe sich in der evangelischen Kirche die Erkenntnis Bahn gebrochen, »dass auch der Christ gemeint ist, wenn der Jude geschlagen wird«.

Allerdings galt es auf diesem Weg erhebliche innerkirchliche und innerjüdische Widerstände zu überwinden, wie die Dialogpioniere Ginzel und Stöhr berichten.

Nur langsam habe man sich etwa von der jahrhundertealten theologischen These verabschiedet, der alte Bund Gottes sei hinfällig geworden und die Kirche das »neue Israel«, so Stöhr.

Und nur langsam wuchs das Vertrauen der jüdischen Seite in das christliche Gegenüber.

»Heute sind die christlichen ­Gemeinden die ersten, die bei antisemitischen Ereignissen schreien, bilanziert Ginzel »mit Dankbarkeit«.

Die verlässliche Beziehung auf Augenhöhe, die »manchen Streit schon ausgehalten hat«, bestätigt auch Dieter Graumann, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, im Gespräch mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider.

Das gute Verhältnis ist im Blick auf den Kirchentag allerdings auch einer nicht unumstrittenen Entscheidung zu verdanken: Gruppen, die sich in irgendeiner Weise der christlichen Mission unter Juden widmen, sind von jeglicher Teilnahme am Christentreffen ausgeschlossen. Was allerdings auf Dauer keine Antwort auf die Tatsache einer wachsenden Zahl von sogenannten »messianischen Gemeinden« in Deutschland ist.

Diese vor ­allem von Spätaussiedlern jüdischer Abstammung getragene Bewegung entwickelt sich mittlerweile zu einer dritten Gruppe zwischen den christlichen Kirchen und den jüdischen Gemeinden.

Und auch die unterschiedliche Einschätzung von Ursachen und Wirkungen im Nahostkonflikt sorgt immer wieder für Zündstoff im gemeinsamen Gespräch. Aktuell etwa das sogenannte »Kairos-Palästina-Dokument« palästinensischer Christen.

Eher zurückhaltend ist Graumanns Reaktion auf die Anregung, aus dem christlich-jüdischen Dialog unter Einbeziehung der Muslime einen Trialog zu entwickeln: »Dialog, Trialog, meinetwegen auch Katalog – wenn es nützt?« Man suche schon länger das Gespräch mit den Muslimen. Der Zentralrat sei überdies die erste Organisation gewesen, die der pauschalen Herabwürdigung der Muslime durch Thilo Sarrazin offen widersprochen habe, erinnert Graumann.

Die Reaktion auf die Gesprächsangebote sei jedoch enttäuschend: »Wir beobachten unter muslimischen Jugendlichen ­einen immer stärkeren Antisemitismus«, gegen den die Verantwortlichen muslimischer Gemeinden »nur ungenügend« vorgingen. »Wir müssen ­reden, aber auch Verantwortung einfordern«, so Graumanns Fazit.

Harald Krille

Geborgen sein in der Liebe Gottes

8. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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hochzeitspaarWarum viele Hochzeitspaare sich eine kirchliche Trauung wünschen.

Ab Mai registrieren Standesämter und Kirchengemeinden die meisten Trauungen. Obwohl die Zahl der Eheschließungen insgesamt zurückgegangen ist, trauen sich in Deutschland immerhin jedes Jahr rund 370.000 Paare, einander öffentlich das Jawort zu geben – manche von ihnen auch das zweite und dritte Mal. Die Faszination der Ehe scheint ungebrochen.

Gesellschaftliche Konventionen sind es längst nicht mehr, die eine Heirat wie früher zwingend notwendig machen. Wer heute heiratet, tut es aus freien Stücken. Häufig schließt die Eheschließung eines Paares die Phase langjähriger Prüfung ab und eröffnet eine neue. Die Unsicherheit, ob sie ­zusammenpassen oder nicht, soll ein Ende haben.

Dass dazu ein schönes Fest gehört, ist für die meisten selbstverständlich: sich den »Traum in Weiß« erfüllen. Sich mit einem schicken Mann, einer schönen Frau zu präsentieren. Gemeinsam im Mittelpunkt stehen. Die Freunde und Familien beider Seiten zusammenbringen. Viele gute Wünsche und Geschenke entgegennehmen. Miteinander essen, trinken, tanzen und fröhlich sein.

Und was haben Gottesdienst und Kirche mit alldem zu tun? Allein den festlichen Rahmen?

Für manche Paare ist das so. Aber die überwiegende Zahl derer, die heute bewusst auch eine kirchliche Trauung wünschen, hat andere Gründe.

Im Traugespräch finden sie nicht immer gleich die richtigen Worte dafür. Aber nach einiger Zeit ist es heraus.

Ja, da sei etwas. Etwas, was sie schwer beschreiben könnten. Irgendwann fällt dann das Wort Segen.

Ja, der Segen sei ihnen wichtig für das ­Leben zu zweit.

Gesegnet sein. Etwas geschenkt zu bekommen, das mehr ist als du und ich. Die gemeinsame Liebe in einen Horizont stellen zu können, der weiter und höher ist als die Bindung aneinander. Von einer Liebe gehalten werden, die auch dann noch trägt, wenn man sie selbst kaum tragen kann.

Wenn Paare um Gottes Segen bitten, vertrauen sie ihre menschliche Liebe der Liebe Gottes an. Dieses Geborgensein in der viel größeren Liebe Gottes gibt Kraft und Mut für den gemeinsamen Weg. Das gilt besonders für die Zeit, in der Krisen kommen, wie sie wohl in keiner Ehe ausbleiben.

Der gemeinsam empfangene Segen kann daran erinnern, dass es auch für Ehen, die in die Jahre gekommen sind, durch Vergeben und Verzeihen immer wieder einen neuen Anfang gibt. Oder wenn das nicht möglich ist, sich in Achtung voreinander zu trennen.

»Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei«, begründet die Schöpfungsgeschichte die auf Lebenszeit angelegte Partnerschaft als die von Gott gestiftete Ordnung. Es tut dem Menschen gut, Seite an Seite mit einem anderen durchs Leben zu gehen.

paarDie Ehe gibt dem Zusammenleben einen festen Rahmen, ermöglicht neues ­Leben und in der Familie verlässliche Beziehungen, die auf Dauer angelegt sind. Andere Lebensformen sind dadurch aber nicht weniger wert.

Für Martin Luther war die Ehe kein Sakrament und die kirchliche Trauung kein Rechtsakt, sondern »ein weltlich Ding«. Die Pfarrer haben für ihn die Aufgabe, für das Paar zu beten und es zu segnen.

Ein Dekret des Preußischen Landrechts drängte 1794 dieses Verständnis der kirchlichen Trauung als Segenshandlung in den Hintergrund. Eine rechtsgültige Ehe konnte seitdem nur durch eine »priesterliche Trauung« vollzogen werden.

Die Einführung der obligatorischen Zivilehe im Jahre 1875 korrigierte diese Entscheidung. Seitdem ist die kirchliche Trauung nicht länger mit einem Rechtsakt verbunden. Die rechtliche Eheschließung geschieht im Standesamt.

Aufgabe der Pfarrer ist es, einen »Gottesdienst zu Beginn einer Ehe« zu gestalten. Sie sollen nicht das überhöhen, was auf dem Standesamt bereits geschehen ist. Aber auch nicht verschweigen, dass Recht allein nicht genügt, eine Ehe zu begründen.

Es geht um mehr: Um Liebe, die wir empfangen, damit wir selber lieben können.

Wolfgang Riewe

Kinder unter Leistungsdruck

7. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Familie

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Kinderpsychologie: Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann kämpfte gegen den »Förderwahn« in der Erziehung.


Bergmann, Wolfgang: Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der ­Erziehung, Kösel Verlag, 142 S., ISBN 978-3-466-30908-5 14,99 Euro

Bergmann, Wolfgang: Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der ­Erziehung, Kösel Verlag, 142 S., ISBN 978-3-466-30908-5 14,99 Euro

Vor Kurzem erschien Wolfgang Bergmanns Buch »Lasst eure Kinder in Ruhe!«. Es ist die letzte Publikation des renommierten Pädagogen und Autors. Er starb am 19. Mai im Alter von 62 Jahren an einer Krebserkrankung.

Schau mal, der Daniel schreibt schon so schön das Z und du bist erst beim E«, spornt die verunsicherte Mama mit sanftem Tadel ihren Kevin an, »dabei ist der Daniel drei Monate jünger als du!«

Wenn sich Kevin trotzdem weigern sollte, Daniels Lernvorsprung wettzumachen, kein Problem: Es gibt ja so fantastische Einrichtungen der »Exzellenz­pädagogik« (so heißt die tatsächlich) wie »Kids auf der Überholspur« oder »Little Giants«, wo dreijährige Dreikäsehochs schon Englisch sprechen lernen. Wenn diese privaten Rettungsstationen nur nicht so lange Wartelisten hätten!

Den aus Funk und Fernsehen bekannten Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann, Leiter des Hannoveraner Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie, packte das kalte Grausen: Immer mehr von diffusen Zukunftsängsten und »unbewusst narzisstischen Motiven« getriebene Eltern fahren ihre Kleinen hektisch von der Nachhilfe in die Ballettstunde und danach zum »therapeutischen Reiten« – und merken gar nicht, dass sie ihnen damit die Kindheit rauben. An die Stelle seelischer Entfaltung und lustvoller Weltentdeckung trete ein Angst machender Konkurrenzdruck.

Bergmann: »Bevor sie sich als soziale Wesen richtig erprobt und kennengelernt haben, lernen schon die Kleinsten zu rivalisieren.«

In seiner Streitschrift wider den pädagogischen »Förderwahn« kritisiert der Hanno­veraner ein verengtes Verständnis von Bildung, das nur die Ansammlung von Faktenwissen und die Aneignung von Regeln im Blick habe. Lernen bedeute aber ein sinnliches, neugieriges Vertrautwerden mit der Welt, Lernen habe mit Gefühlen und menschlichen Beziehungen zu tun.

Statt die scheinbar unvernünftige, unfertige kindliche Kreativität mit den üblichen Förderprogrammen in ein Korsett von Anforderungen einzuzwängen, gehe es darum, »den wachen kindlichen Geist zu beflügeln, ihm kleine Glanzlichter aufzustecken, an denen die Kinder Freude haben, sodass sie mit ihrem tagtäglich neuen Erfahrungssammeln am liebsten die ganze Welt umarmen und begreifen würden«.

Stattdessen werde diese spielerische, gefühlsbetonte Weltwahrnehmung von technokratischen »Pädagogik-Ingenieuren« mit ihren genormten Methoden und Leistungszwängen gestört und behindert. Je mehr die Kleinen umsorgt und »gefördert« würden, desto unselbstständiger, mutloser, antriebsärmer werden sie laut Bergmann: »Es gibt kaum noch Geheimnisse der Kindheit.

Die unsicheren Kinder trauen sich kaum noch bei Regen auf die Straße, sie könnten sich ja einen Schnupfen holen. Sie trauen sich kaum noch, einfach mal loszurennen und loszubrüllen, Mama könnte ja eine Verhaltensstörung befürchten. Ein Ringkampf auf dem Schulhof führt die ebenso übereifrigen Pädagogen rasch zu der Vermutung, dass eine Gewaltneigung vorliegt –‚ man liest ja so viel über Amok­läufe.«

Angesichts von Missbrauchsfällen in Kindergärten habe ein Kriminal­soziologe allen Ernstes gefordert, in solchen Einrichtungen dürfe es nirgendwo versteckte Ecken und unüberschaubare Bereiche geben. Laut Bergmann ein Ausdruck völlig fehlender Sensibilität gegenüber Kindern, die Verstecke und schützende Höhlen dringend benötigten als »eine Art biotischer Geborgenheit«.

Permanente Überforderung, Leistungszwänge und »Förderwahn« führt der Erziehungsexperte bei den Eltern nicht auf bösen Willen oder Angeberverhalten zurück, sondern eher auf eine tief eingewurzelte Unsicherheit: In der modernen Kleinfamilie haben sie zwar Ruhe vor ewig besserwisserischen Verwandten, bekommen aber auch keine bewährten Tipps beim ­gemütlichen Kaffeenachmittag weitergereicht.

Statt sich in ein geordnetes Umfeld mit festen Regeln einzufügen, erleben sich die Kids einerseits als überbehütet, »overprotective«, und gleichzeitig als überfordert. Leistungszwang und Verwöhnung nennt Bergmann eine »teuflische Mischung«.

Und setzt ein ganz altmodisches Rezept dagegen: Liebe. Was respektvolle Zuwendung bedeutet, ermutigende Anerkennung und Begleitung, die Vermittlung von emotionaler Sicherheit, Grundvertrauen, seelischer Kraft. Erzählen, vorlesen, sich Zeit nehmen, statt das Kind aus schlechtem Gewissen oder Angst um spätere Chancen in die Frühförderung abzuschieben.

Dort in den zahllosen Trainingskursen, aber auch in Kindergarten und Schule soll es »auf das Leben vorbereitet« werden – für Bergmann eine Unverschämtheit: »Leben die Kinder etwa noch nicht? Nicht hier, direkt vor unseren Augen, wo sie spielen und lachen? … Uns entgeht das schlaue Funkeln ihrer Augen, uns entgehen die freundlichen Grimassen, die sie hinter unserem Rücken schneiden und die gar nicht bös gemeint sind, uns entgeht ihre Trauer und ihre Fröhlichkeit. Uns entgehen unsere Kinder.«


Christian Feldmann

ChurchNights oder Kirchennächte?

6. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Pro und Kontra: Zur Verwendung von aus dem Englischen stammenden Fremdwörtern in der Kirche.


vds-logo-kleinAnglizismen sind modern – auch in der Kirche. Diese ­Vermischung unserer Muttersprache mit Begriffen aus dem Englischen ist dem Verein Deutsche Sprache (VDS) ein Dorn im Auge und zur »Strafe« vergibt er den Negativpreis »Sprachpanscher des Jahres«. Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen ­Kirche in Deutschland (EKD), ist einer der diesjährigen Kandidaten, ­stellvertretend für die evangelischen Christen. Sollte er auf die unrühmliche Auszeichnung pfeifen?

proPro: Reinhard Süpke, Pfarrer in Oldisleben und Stellvertreter des Super­intendenten des Kirchenkreises Bad Frankenhausen-­Sondershausen


Ich sage es auf Deutsch: Ich finde viele Anglizismen peinlich. Sie sind oft genug keine Wellness für unsere Sprache, sondern ein Loch Ness – ein Sprachungeheuer.

Aber wir müssen uns fragen, wer hat in Sachen Sprache in der Kirche das Sagen? Der Herr der Kirche, Jesus Christus. Der hat nach seiner Auferstehung den Auftrag gegeben: »Geht in alle Welt und macht alle Völker zu meinen ­Jüngern.«

Seine Freunde zogen zu den Heiden und nahmen dabei auch die Heidenarbeit auf sich, fremde Sprachen zu lernen, um die Einladung des Evangeliums zu überbringen. So kamen sie schließlich auch zu einer Gruppe Menschen, die sich zum »Volk der Dichter und Denker« mausern sollten.

Dass wir Deutschen uns so nennen, hat ohne Zweifel mit dem Evangelium zu tun, das unseren Vorfahren gepredigt wurde.

Ein Mönch namens Luther schaute dem »Volk aufs Maul« und übersetzte die ­Bibel in ein verständliches Deutsch.

Ist uns klar, was für ein Skandal das damals für manchen ernsten Kirchenmann war?

Aber wo wären wir heute? Wo sind wir heute?

Im »Volk der Dichter und Denker« denken viele nicht mehr daran, ein Gedicht zu ­lesen, geschweige denn, eins zu schreiben. Sie denken zuerst daran, wie sie ihr Leben meistern, wie sie mit wenig Mühe viel Spaß haben, wie sie mit Hartz IV leben können oder mit einem schweren Schicksal klarkommen.

Die Jünger Jesu stehen in unserem Land vor einem Problem: Es gibt nicht nur eine deutsche Sprache, sondern die Sprachen ganz verschiedener Milieus. »Geht in alle Welt«, heißt heute: Schaut euch in eurem Land um, die Menschen ein und desselben Volkes leben in verschiedenen Welten und haben ihre eigenen Sprachen.

Sollen sie erst Lutherdeutsch lernen? Oder sollten wir nicht ihre Sprachen lernen, auch wenn sie noch so gepanscht sind?

Das Achtungszeichen des Vereins Deutsche Sprache (VDS) finde ich beachtenswert. Es sollte nicht peinlich werden, wenn wir Menschen gewinnen wollen. Aber der Auftrag Jesu verdient mehr Beachtung als der Preis »Sprachpanscher des Jahres«.

Dem VDS geht es nur um die Sprache unseres Volkes. Und nur um einen Teil dieses Volkes.

Jesus ruft ein Volk Gottes aus allen Völkern zusammen. Die wichtigste Sprache, die darin in dieser Zeit und Welt gesprochen wird, ist die Sprache der Liebe Gottes, die in die Herzen geschrieben wird.

Darum sage ich: »Sprachpanscher des Jahres« – na und? Lasst uns bemüht sein, zuerst dem Auftrag Jesu gerecht zu werden. Solange die Sprache des Herzens stimmt.

Kontra: kontraLutz Vogel, promovierter Germanist, war von 2001 bis 2008 Beigeordneter für Kultur und Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Dresden.


Ob Nikolaus Schneider die vom VDS erwogene Verleihung des Preises »Sprachpanscher des Jahres« persönlich verdient hätte, vermag ich nicht zu beurteilen, zu vermuten ist, dass er als Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) seinen Kopf für die um sich greifende Verwendung von Anglizismen in der Kirche herhalten muss.

Das Programm des Kirchentages in Dresden jedenfalls zeichnet sich wohltuend durch eine verständliche Sprache aus. Zwar schleichen sich auch hier »Godly Play mit Kindern«, eine »Impro Performance« oder ein »Speed-Talking« ein, angesichts der großen Anzahl der Veranstaltungen bleiben dies Ausnahmen. Anders in vielen Gemeinden, in denen »ChurchNigths«, »Public-Viewing-Angebote«, »Eventgottesdiens­te« oder »Worships« grassieren. Was zeitgemäß klingen soll, erweist sich als Anbiederung an den Zeitgeist, als vermeintliche Modernität.

Die Sprache bringt alles an den Tag, unfreiwillig und entlarvend.

Wenn der in die Jahre gekommene Jugenddiakon seine »Activities for Kids« oder das Treffen der Mädchengruppe »Girls only« ankündigt, wirkt dies nicht nur albern, sondern zuallererst unglaubwürdig.

Ich höre schon das Argument: »Auch Jesus würde heute …« Solch unhistorische Hohlformeln werden stets bemüht, wenn etwas als unangreifbar begründet werden soll.

Natürlich hat jede Zeit ihre Sprache. Luther hätte heute die Bibel anders übersetzt. Eine Kirche, die auf Luther gegründet ist und der Schönheit und schöpferischen Bildhaftigkeit seiner Sprache nicht mehr traut, einer solchen Kirche kann ich nicht trauen.

Wie bei der Deutschen Bahn der lächerliche Meeting Point über die ­Unpünktlichkeit der Züge nicht hinwegzutrösten vermag, so kann eine gedankenlose, von überflüssigen ­Anglizismen durchsetzte Sprache in der Kirche das sich so zu erkennen ­gebende Renommiergehabe nicht kaschieren.

Nicht minder ärgerlich und geistliche wie geistige Dürftigkeit offenbarend, sind die häufig zu hörenden Phrasen von Betroffenheit, Wut und Trau­er oder der psychologisierende Jargon verschiedenster Selbstfindungsangebote. Dies ist freilich ein anderes Thema.

Gebraucht wird in unserer Kirche nicht stromlinienförmige Anpassung, sondern Glaubwürdigkeit. Diese aber erlangt man durch Aufrichtigkeit und Unangepasstheit.

Für die Kirche gilt, was mit Blick auf das Theater so formuliert wurde: »Wer dem Publikum hinterherläuft, sieht nur dessen Rückseite.«

Zwischen zwei Regierungen

3. Juni 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Naher Osten: Kholoud Daibes ist in der palästinensischen Autonomieverwaltung Ministerin für Tourismus.
Dr. Kholoud Daibes Abu Dayyeh ist seit gut vier Jahren Chefin im palästinensischen Tourismusministerium und die ­einzige christliche Ministerin in der Regierung der Palästinenser. (Foto: epd-bild/Debbie Hill)

Dr. Kholoud Daibes Abu Dayyeh ist seit gut vier Jahren Chefin im palästinensischen Tourismusministerium und die ­einzige christliche Ministerin in der Regierung der Palästinenser. (Foto: epd-bild/Debbie Hill)


In der männerbetonten Welt des Nahen Ostens ist sie eine doppelte Seltenheit: als Frau und als Christin.

Kholoud Daibes begrüßt energisch ihre Kollegen und gibt ­ihrer Sekretärin schon im Flur erste Anweisungen für den Tag. Dann weht sie förmlich in ihr Büro, eilt an den Schreibtisch. Seit gut vier Jahren ist die bekennende Protestantin ­Chefin im palästinensischen Tourismusministerium. Sie ist das einzige christliche Kabinettsmitglied in der Regierung der Palästinenser.

Zurzeit könnte jeder Tag der letzte für sie im Amt sein. Denn die Fatah-Bewegung des palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas und die im Gazastreifen herrschende Hamas haben sich auf die Bildung einer »Regierung der nationalen Einheit« geeinigt. Das könnte auch einen kompletten Wechsel der Minister bedeuten.

Die 46-Jährige ist kurzärmelig gekleidet, dezent geschminkt, trägt die Haare offen. Ihre Amtszeit kann sich sehen lassen: Sie brachte die Zahl der Besucher bis auf zwei Millionen im vergangenen Jahr und damit aus dem Stillstand heraus, der nach der Intifada folgte.

Die Bewegungsfreiheit für Palästinenser und Touristen ist besser geworden und auch die Kooperation mit Israel, trotz aller Abstriche. Noch immer aber bleiben viele touristische ­Attraktionen im 1967 von Israel besetzten Gebiet für die Palästinenser unerreichbar. Das Tote Meer gehört dazu und das Jordantal. »Die Israelis weigern sich, uns als gleichwertige Partner anzuerkennen«, schimpft die Ministerin. »Wenn es im Tourismus schon nicht klappt, wie soll es dann bei den großen, politischen Verhandlungen funktionieren?«

Kholoud Daibes spricht fließend deutsch. Schon ab der ersten Klasse lernte sie die fremde Sprache zunächst an der Martin-Luther-Schule in Jerusalem und später in der traditionsreichen evangelischen Schule Talitha Kumi, wo sie Abitur machte und wo heute ihre drei Kinder deutsche Vokabeln pauken. Ab 1982 ging es für Daibes mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Hannover zum Architekturstudium mit anschließender Dissertation.

Zur Politik kam die Architektin mit Schwerpunkt Denkmalpflege völlig unerwartet Anfang 2007. Damals suchten die frisch zur Regierung der Nationalen Einheit verbündeten Fraktionen Hamas und Fatah nach parteiunabhängigen Experten wie Daibes. Kaum drei Monate dauerte das Bündnis von Hamas und Fatah damals, bis die ideologischen Diskrepanzen und Machtkämpfe in blutigen Auseinandersetzungen endeten. In Ramallah wurde die bis heute amtierende Notstandsregierung gegründet. Daibes behielt ihren Posten als Tourismus­ministerin und übernahm außerdem für zwei Jahre das Frauenministerium.

Die enge Zusammenarbeit mit Männern hatte die junge Architektin schon in ihrem früheren Beruf erlebt, auf den Baustellen. Mit den islamistischen Politikern habe es keine besonderen Probleme gegeben, sagt sie. Die Protestantin findet es ärgerlich, wenn Leute sich darüber wundern, dass es überhaupt christliche Palästinenser gibt. »Wir sind die Christen, die zu Jesu Zeiten hier waren«, ruft sie. »Wir sind die, die sonntags in den Kirchen beten, die für andere nur eine Touristenattraktion sind.«

Obwohl heute nur noch 50000 Christen in den Palästinensergebieten leben, bleibt ihnen in Regierung, Parlament und zahlreichen Ortsverwaltungen eine Präsenz garantiert. Der Bürgermeister von Bethlehem etwa muss Christ sein, auch wenn die Stadt längst keine christliche Mehrheit mehr hat. Dasselbe gilt für Ramallah. »Man muss die Politiker hier nicht überzeugen«, sagt Daibes. »Die wichtige Rolle, die die Christen bei der Entwicklung des Heiligen Landes gespielt haben, wird sehr wohl anerkannt.«

Susanne Knaul (epd)

Schwarz-grünes Protestantentreffen

3. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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DEKT33

Einige (politisch nicht ganz korrekte) Anmerkungen zum diesjährigen Kirchentag.


Lindgrün strahlt das Kirchentagsplakat am Leipziger ICE-Bahnsteig. Zwei stilisierte schwarze Hände umfassen das Logo des Kirchentags, das Herz. Es ist grün. So grün wie das Parteibuch der Kirchentagspräsidentin, so auch wie weite Teile des Kirchentagsprogramms.

»… da wird auch dein Herz sein« – und vielleicht auch dein Kreuz, wenn du das nächste Mal an die Wahlurne gehst? Selten war ein Kirchentag auch politisch so grün, wie in diesem Jahr in Dresden. Schon im Januar, bei den ersten Pressekonferenzen des diesjährigen Protestan­tentreffens, wurde das deutlich. Von ­Wutbürgern war da die Rede, von den Protesten gegen Stuttgart 21, von den negativen Folgen der Globa­lisierung.

Natürlich, Kirchentage stehen und standen immer an der Seite der Umweltbewegung – und das ist auch gut so, schließlich ist die Klimakatastrophe wohl kaum noch aufzuhalten, schließlich war die durch Dresden strömende Elbe lange genug eine braune Brühe, auf deren nun drohendes Schicksal als kanalisierter Großschifffahrtsweg nicht zuletzt die kleine Landeskirche Anhalts verdienstvollerweise immer wieder aufmerksam macht.

Aber in diesem Jahr ist doch manches anders: So hält etwa die mitten im Wahlkampf befindliche Berliner Grünen-Chefin Renate Künast eine Bibelarbeit, während von anderen Berliner Landespolitikern nichts zu sehen ist.

Themen wie der Ausstieg aus der Atomenergie bekommen seit Fuku­shima eine neue Bedeutung – doch das Kirchentagsprogramm war weitgehend schon vor der Kernschmelze im Japan fertig. Und der Dresdener Kirchentags-Pressesprecher Hubertus Grass ist ehemaliger Landesgeschäftsführer der sächsischen Grünen und kandidierte bei der letzten Bundestagswahl im Wahlkreis Osterzgebirge für ein Direktmandat.

Was durchaus delikat ist, bedenkt man, dass zunächst der Berliner Theologe Miguel-Pascal Schaar für diesen Posten vorgesehen war, dem dann kurzfristig gekündigt wurde.

Doch auch die Schwarzen sind beim Kirchentag vertreten, stärker noch als die SPD. Zwar ist die CDU derzeit Regierungspartei in Berlin (und Dresden), weswegen die Auftritte etwa von Angela Merkel als gesetzt zu gelten haben. Doch ist es durchaus eine Premiere für das Protestantentreffen, wenn nun mit Thomas de Maiziere ein amtierender Bundesverteidigungsminister zu den Mitgliedern des Präsidiums des Kirchentags gehört.

Und mindestens genauso bemerkenswert ist es, wenn der Amtswechsel im Berliner Kabinett dazu führt, dass mit einem Dialog zwischen ihm und dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider extra noch eine eigene Veranstaltung ins Kirchentagsprogramm gehoben wird.

Aber der Kirchentag ist eben nicht nur grün. Er ist schwarz-grün, so wie die schwarzen beiden Hände, die auf dem Plakat im Leipziger Hauptbahnhof das grüne Herz des Kirchentags umfassen.

Benjamin Lassiwe