Sehnsucht nach der Fülle des Lebens

31. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Der Himmel ist kein Ort auf der Landkarte des Universums, sondern eine Beziehung – Gedanken zu Christi Himmelfahrt.
 

HimmelfahrtWenn man mit dem Flugzeug die Wolkendecke durchstoßen hat, sieht man nur noch einen endlos weiten Raum: keine Wolken mehr. Keine großen Vögel. Schon gar keine Engel. Kann das der Himmel sein?

Reinhard Mey hat in einem berühmt gewordenen Lied die Sehnsucht beschrieben, die aufkommen kann, wenn man am Boden bleibt und einem startenden Flugzeug hinterher blickt: »Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen.«

Der Himmel, der physikalische Raum zwischen Erde und All, hat ­immer schon als Bild gedient für das Unbeschreibliche, für all das, was wir hinter unseren eigenen Grenzen und Beschränkungen erhoffen.

Aber gibt es den Himmel, »die Fülle des Lebens«, von der in alten liturgischen Texten die Rede ist, überhaupt? Kann man ohne den Himmel überhaupt leben? Muss es nicht das wahre Glück geben – auch später einmal, ein Zuhause, in dem wir immer bleiben dürfen? Oder ist das alles nur eine große Illusion?

Solange die Welt sich dreht, werden Geschichten vom Himmel erzählt. Hoffnungsgeschichten, die sagen, dass es weitergeht. Wunderschöne Geschichten und komische. Eigenartigerweise reden manche Leute besonders gern vom Himmel, wenn es ihnen an den Kragen geht.

Im Gottesdienst – im katholischen regelmäßig am zweiten Weihnachtsfeiertag – ist bisweilen der Bericht von Stephanus zu hören, einem der allerersten Christen, der seinen Mitbürgern eine gesalzene Predigt hielt und seine Zuhörer damit so in Wut versetzte, dass sie ihn umbrachten: »Als sie das hörten, waren sie aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen. Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum ­Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: ›Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.‹ Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn.« (Apostelgeschichte 7,54-58)

2HimmelfahrtEs sind die Tapfersten, die so sterben können. Die Überzeugung, dass dort im Himmel etwas Wunderbares auf uns wartet, kann mächtig viel Kraft zum Leben geben. Wer an den Himmel glaubt, lässt sich offenbar hier auf der Erde nicht so leicht die Courage abkaufen.

Die Bibel schildert den Himmel gern als großes Fest, vorzugsweise als Hochzeitsfeier. Da wird ausgelassen gefeiert, fröhlich gegessen und getrunken.

Die Bibel erzählt von diesem Fest nicht so, als müssten wir bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten, bis es losgeht. Die Feier hat schon längst begonnen!

Jesus verknüpft das unverrückbar mit seiner Person: »Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.« Sein Himmel beginnt überall dort, wo Menschen wie er ganz Menschen sind, sich aneinander freuen, richtige Freunde werden, miteinander teilen und sich als Partner fühlen, nicht als Rivalen.

Schon der in der hebräischen Bibel dokumentierte Glaube Israels bricht die enge Vorstellung eines über den Wolken lokalisierbaren Himmels auf: Der Himmel ist kein Ort auf der Landkarte des Universums, sondern eine Beziehung. Der Himmel ist die Erfahrung der glücklich machenden – aber auch herausfordernden! – Nähe Gottes.

Viel später entsteht die treffsichere Geschichte von dem Rab­bi, der einem Kind einen Taler verspricht, wenn es ihm sagen kann, wo Gott wohnt. Der Dreikäsehoch antwortet: »Und du ­bekommst einen Taler, wenn du mir sagst, wo er nicht wohnt!«

Das Fest des Himmels hat begonnen.

Zwar hat es noch nicht seinen Höhepunkt erreicht, aber wir sind zum Tanz aufgerufen.

Wie geht das? Vielleicht gibt ein kleines Gebet Aufschluss, das in ­einem Gesangbuch zu finden war, in zierlicher Handschrift auf einen Zettel geschrieben: »Herr, gib mir ein Herz, das die Freude sucht und sie doch nicht festhalten will, das verzichten und teilen kann und das sein Glück in der Freude der anderen findet.«

Wenn wir so zu leben versuchen, leuchten schon jetzt viele kleine Stückchen Himmel wie Mosaiksteine auf, oft noch unverbunden neben­einander liegend wie bei einem unfertigen Puzzle.

Die Bibel ist überzeugt: Gott wird am Ende der Tage diese ­vielen Mosaiksteinchen Himmel zu einem vollendeten Bild zusammen­fügen und zu »seiner neuen Erde und seinem neuen Himmel machen«, wie es am Schluss der Heiligen Schrift heißt.

Christian Feldmann

Menschen unterwegs

28. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Ausstellung: Auf den Spuren von Kriegsherren, Kaufmännern, Glaubensflüchtlingen, Pilgern und Bettlern.

Am 21. Mai wurde in Görlitz die 3. Sächsische Landesausstellung »via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung« eröffnet.

Nach der Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung drängten sich Hunderte Besucher um den Görlitzer Kaisertrutz. (Foto: Irmela Hennig)

Nach der Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung drängten sich Hunderte Besucher um den Görlitzer Kaisertrutz. (Foto: Irmela Hennig)

 
Es war kein Sonnabend wie jeder für die 740 Jahre alte ostsächsische Stadt Görlitz. Wer kurz vor zehn von einem Altstadt-Café aus die Straßen beobachtete, sah Menschen in Richtung Peter-Pauls-Kirche eilen. Evangelische wie katholische Pfarrer nahmen denselben Weg. Glocken ­riefen zum Gottesdienst. Und an allen Straßenecken patrouillierten Polizisten, die eher an Unheilvolles denken ließen als an die Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung.

Doch genau sie hatte die Menschen an diesem Morgen mobilisiert: Getreu ihrem Thema »via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung«. Bis Ende Oktober widmet sich die große Schau in Görlitz’ alter Kanonenbastion, dem Kaisertrutz, dem Handel und Wandel, den Reisenden und Bleibenden auf der einstigen Handelsroute »Via Regia«, die von Frankfurt am Main über Erfurt, Leipzig und Görlitz bis nach Krakau führte.

An den Anfang dieses Großereignisses, das rund 300.000 Menschen in die Stadt locken könnte, hatten die Organisatoren einen ökumenischen Gottesdienst gestellt. Dieser ließ Hubertus Zomack, Diözesanadministrator des Bistums Görlitz, zur Begrüßung erfreut an einen alten frommen Spruch denken: »Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der beste Lebenslauf.«

Zomack erinnerte zudem daran, dass vor wenigen Jahrzehnten eine »Sächsische Landesausstellung« gar nicht vorstellbar war. »Denn es gab ja kein Land Sachsen mehr.«

Sachsens Landesbischof Jochen Bohl blickte in seiner Predigt zurück bis zu Abraham, dem ersten Gläubigen, dem Wanderer, der aufbrach im Vertrauen auf Gott. Ins Unbekannte, und doch zu einer Reise, die an ein Ziel führen sollte. Bohl machte zudem deutlich, wie schwierig es ist, in einer modernen, mobilen Gesellschaft Heimat und Aufbruch, Beständigkeit und Fortschritt in Einklang zu bringen. Und er verwies auf die Abwanderung der Jugend, gerade aus dem äußersten Osten und auf die Zurückbleibenden, die sich die Frage stellen müssen: Wie geht es hier mit uns weiter?

Ungewissheit – sie war ständiger Begleiter für viele Menschen, die in den vergangenen 800 Jahren auf der »Via Regia« reisten. Da waren Händler, die nicht wussten, ob sie ihre Waren sicher ans Ziel bringen würden, Soldaten, deren Heimkehr zweifelhaft schien, Flüchtlinge, die keine Ahnung hatten, wohin mit ihnen.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) als Ausrichter haben den Menschen darum auch einen ganzen Ausstellungsabschnitt gewidmet.

Nikolaus von Zinzendorf, der Weltreisende, Missionar und Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine spielt darin ebenso eine Rolle wie Sachsens Kurfürst August der Starke, den SKD-Leiter Martin Roth »den ersten Pendler« nannte und damit auf sein ständiges Hin und Her zwischen Sachsen und Polen (hier war er König) verwies. Die Händler aber, die Studenten, die Flüchtlinge und Pilger, die zu Tausenden auf der »Via Regia« wanderten, bleiben eine anonyme Masse in der Ausstellung – ausgenommen das Schicksal eines französischen Soldaten, der 1813 aus Napoleons Armee ­geflohen war.

Hier aber hilft eine Partnerschau der Landesausstellung im Schlesischen Museum weiter. »Lebenswege ins Ungewisse« erzählt die Geschichte von Menschen aus Görlitz und dem benachbarten Zgorzelec (Polen), die ihre Heimat verlassen ­haben – freiwillig oder gezwungenermaßen.

Dass die frühe Mobilität ihr ganz eigenes, viel langsameres Tempo hatte, zeigt eine zweite Partnerausstellung »via regia – Straße der Arten« im Senckenberg Museum für Naturkunde. In einer Übersicht stellt sie die drei bis fünf Stundenkilometer der Fußgänger oder auch die zwei bis drei Kilometer pro Stunde (km/h) der Postkutsche den rasanten 150 bis 300 km/h der Bahn oder die 450 bis 900 km/h eines Flugzeugs gegenüber.

Die Landesschau-Partner wagen den ganz konkreten Blick.

Im gerade sanierten Kaisertrutz gibt es auf fünf Ebenen hingegen das große Ganze, den Blick auf Kunst und Wissenschaft, auf Maße und Gewichte, auf Zünfte – und auf den Glauben, der viele Reisende begleitete. Ein großes Triptychon aus Breslau zeigt beispielsweise die heilige Hedwig, die Schutzpatronin Schlesiens. Zunftschilde sind mit (Schutz-)Engeln geschmückt. Und ein Bibel-Druckstock macht wunderbar bildhaft die Auseinandersetzung zwischen evangelischem und katholischem Glauben, aber auch das praktische Denken der Buchdrucker deutlich.

Ein protestantischer Druckstock mit einem papstfeindlichen Bild wurde von Druckern im katholischen Osten übernommen, schließlich war er einmal gemacht und das war kostengünstiger. Mit ein paar kleinen Schnitten wurde alles Kritische entfernt und zufriedenstellend gedruckt.

Seit dem 21. Mai steht dies alles nun den Besuchern offen. Spiralförmig können sie sich vom Keller der Trutzburg über fünf Etagen nach oben ­lesen, durchschauen, durchstaunen. Zum Auftakt war das kostenlos möglich – und der Kaisertrutz von Hunderten Wartenden dicht umdrängt.

Irmela Hennig

Die Sächsische Landesausstellung in Görlitz ist geöffnet bis 31. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr, freitags bis 21 Uhr. Das Tagesticket kostet für Erwachsene 9 Euro, ermäßigt 7 Euro. Ein Zwei-Tages-Kombi-Ticket kostet 14 Euro für Erwachsene. Die Tickets gelten auch für die kooperierenden Görlitzer Museen (Schlesisches Museum, Senckenberg Museum für Naturkunde).

Als Nächstes wird die Thüringer Landesausstellung 2011 am 24. Juni in Weimar ­eröffnet. Sie steht unter dem Thema »Franz Liszt. Ein Europäer in Thüringen«.

Im Zeichen der Versöhnung

27. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Ökumene: Die Orthodoxe Akademie Kreta wirbt seit mehr als 40 Jahren für eine Verständigung der Religionen.
 
Vor 70 Jahren begann die Deutsche Wehrmacht mit dem »Unternehmen Merkur« die Eroberung Kretas. Sie kostete Tausende ­Menschenleben – auch unter der ­Zivilbevölkerung.

 
Jedes Jahr Mitte Mai gedenken auf der griechischen Insel Kreta die Bewohner des Beginns des Eroberungsfeldzuges deutscher Wehrmachtsoldaten auf dem Eiland. Viele Bewohner der Mittelmeerinsel haben bei den harten Kämpfen und der nachfolgenden Besatzung Familienangehörige verloren.

Doch sieben Jahrzehnte nach dem Nazi-Angriff scheinen viele Wunden verheilt. Viel hat dazu auch die Orthodoxe Akademie Kreta in den vergangenen 40 Jahren beigetragen: Mit dem Ziel der Versöhnung lädt sie jährlich Politiker, Kirchenvertreter, Umweltexperten und Griechenlandreisende zum Austausch der Religionen und gegenseitigem Kennenlernen ein.

Am 20. Mai 1941 griff die Deutsche Wehrmacht Kreta in der Bucht von Suda an. In den größenwahnsinnigen Planungen der Nazis sollte die Insel zu einer Aufmarschbasis für die Eroberung Ägyptens werden. Dafür mussten Tausende junger Männer ihr Leben lassen, die seit 1971 auf dem ­deutschen Soldatenfriedhof Maleme an der Nordküste Kretas liegen: 4465 deutsche Soldaten sind dort bestattet. Während der deutschen Besatzung bis zum 9. Mai 1945 wurden im Gegenzug mehrere Tausend kretische Zivilisten als Partisanen hingerichtet, ganze Dörfer komplett zerstört.

Die Orthodoxe Akademie Kreta: Mit dem Ziel der Versöhnung lädt sie jährlich Politiker, Kirchenvertreter, Umweltexperten und Griechenlandreisende zum Austausch ein. (Foto: epd-bild/Ralf Schick)

Die Orthodoxe Akademie Kreta: Mit dem Ziel der Versöhnung lädt sie jährlich Politiker, Kirchenvertreter, Umweltexperten und Griechenlandreisende zum Austausch ein. (Foto: epd-bild/Ralf Schick)

»Fast eine ganze Generation wuchs hier ohne Väter auf«, sagt Georgios Vlantis, heutiger Studienleiter der 1968 erbauten Akademie nahe der früheren kretischen Hauptstadt Chania. Dass heute der deutsche Soldatenfriedhof von griechischen Frauen und Männern im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gepflegt wird, ist genauso wenig selbstverständlich wie die vielen Begegnungen zwischen Kretern und Deutschen, zwischen orthodoxen und nichtorthodoxen Christen.

»Wir wollten mit der Akademie ein Zeichen der Versöhnung setzen«, sagt Alexandros Papaderos, Mitbegründer und Generaldirektor der Orthodoxen Akademie. »Unser Ziel war und ist es, den Dialog zwischen Orthodoxie und den anderen Kirchen, Christentum und den anderen Religionen, Kirche und Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur zu fördern«, betont Papaderos.

Die Begegnungen und der Austausch ist Papaderos zufolge ein Geschenk. »Wir können einander nur verstehen, wenn wir voneinander wissen«, sagt auch Anastassios Ossipidis, der zusammen mit der Orthodoxen Akademie christliche Begegnungsreisen organisiert, »um den Dialog zwischen Christen zu fördern«.

Gemeinsam etwa mit der Evangelischen Akademie Loccum unterstützt die Orthodoxe Akademie auch ein ­europäisches Jugendbildungsprojekt. Mehrere Hundert Jugendliche aus Niedersachsen, aber auch aus anderen Bundesländern kommen seit zwei Jahrzehnten immer wieder auf die ­Insel, um in der Nähe der Akademie beim Aufbau eines Projektgeländes mitzuhelfen.

Enge Kontakte gibt es auch zur Evangelischen Akademie Bad Boll, die finanziell maßgeblich zur Entstehung der kretischen Bildungseinrichtung beitrug.

Jährlich lädt die Akademie zu wissenschaftlichen und theologischen Kongressen und Tagungen ein. Im März fand eine Begegnung im bilateralen theologischen Dialog zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel statt, bei der die Beziehungen zwischen Kirche und Staat im Mittelpunkt stand.

Die Akademie ist heute eine der bedeutendsten kirchlichen Einrichtungen Griechenlands. Die griechisch-orthodoxe Kirche in Kreta hat eine Sonderstellung, denn sie gehört zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel und nicht zur orthodoxen Kirche Griechenlands.

Ralf Schick (epd)

Leuchtende Augen nach acht Jahren der Angst

27. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Asyl: Xin He erkämpfte mit Unterstützung Mühlhäuser Kirchengemeinden die Anerkennung als politischer Flüchtling
 
Voller Stolz zeigt Xin He vor dem Mühlhäuser Frauentor seinen Flüchtlingsausweis – mit ihm darf er sich endlich frei ­bewegen und eine Arbeit annehmen. (Foto: Harald Krille)

Voller Stolz zeigt Xin He vor dem Mühlhäuser Frauentor seinen Flüchtlingsausweis – mit ihm darf er sich endlich frei ­bewegen und eine Arbeit annehmen. (Foto: Harald Krille)

Artikel 16a des Grundgesetzes stellt klar: »Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.« Doch im Alltag steht Betroffenen oft ein langer Kampf bevor, um dieses Recht in Anspruch zu nehmen.


Es war wie ein kleines Wunder: »Ihnen wurde die Flüchtlings­eigenschaft nach § 60 Abs. 1 Aufenthaltsgesetz zuerkannt.« Um diese nüchternen Zeilen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge am 8. Mai zu erhalten, mussten Xin He und seine Helfer acht Jahre lang einen oft scheinbar aussichtslosen Weg gehen.

Begonnen hatte alles damit, dass der heute 37-jährige Xin He in seiner Heimatstadt Zhangjiang in Südchina als Mitglied der verbotenen oppositionellen Demokratischen Partei Chinas eine friedliche Demonstration plante. Die Verurteilung zu ­insgesamt zehn Jahren Haft folgte ­umgehend. Zeitgleich wurden die Mitglieder seiner verbotenen protestantischen Hauskirche verhaftet und, wie er auch, gefoltert.

Nach einer filmreifen Flucht, nahe dem Hungertod, strandete er im Hamburger Hafen. Von dort begann sein Weg 2002 durch die deutschen Instanzen.

Antrag abgelehnt – keiner glaubte ihm

»Es ist wirklich ein kleines Wunder«, sagt Christina Vater, die frühere Ausländerbeauftragte der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen, »dass wir nun die Anerkennung als politischen Flüchtling für Herrn He geschafft haben. Als Herr He zu uns in den Verein Miteinander kam, war sein Verfahren bereits abgelehnt, keine Behörde hatte ihm geglaubt. Die Rückführung drohte.«

Stück für Stück begann man ein Netzwerk aufzubauen, in dem die Mühlhäuser Kirchengemeinden rund um Pfarrer Andreas Schwarze eine tragende Rolle spielten.

Pfarrer Schwarze erinnert sich: »Der Bachchor hat Geld gespendet, um den Dolmetscher zu bezahlen, und die Gemeinde sammelte für die Anwaltskosten. Die Mühlhäuser Gemeinden und Menschen weit über die Kirche hinaus haben zusammengearbeitet. Selbst der Notfallplan lag ­bereit, um Herrn He Kirchenasyl zu gewähren.«

Über die Jahre gab es viel zu tun, im Rahmen des Verfahrens und bei der ganz alltäglichen Unterstützung. Neben der endlich errungenen Anerkennung wurde so auch die konkrete Integration von Herrn He ­geschafft. »Er ist heute ein fester Teil unserer Gemeinschaft«, betont der Seelsorger.

Teil einer Gemeinschaft, aus der er Kraft schöpft und die ihn achtet. Denn Xin Hes Kampf für die Demokratie ­endete nicht im Gefängnis. Erst im letzten Jahr brachte ein Bericht über ihn in der Zeitschrift Publik-Forum eine Schülergruppe aus Kempten auf eine Idee: Gemeinsam mit ihm wollten sie vor der chinesischen Botschaft für die Ausreise des inzwischen im Gefängnis sitzenden chinesischen Menschenrechtlers und Systemkritikers Liu Xiaobos demonstrieren.

Das Risiko für Xin He, wegen seines ungeklärten Asylstatus verhaftet und nach China abgeschoben zu werden, war ungeheuer groß. Er fürchtete sich davor, doch er verlas in Berlin mit den Schülern Texte des Nobelpreisträgers.

Mutiger Einsatz für verfolgte Landsleute

Hes Worte verhallten in den Ohren der Diplomaten ungehört, jedoch nicht in denen des Vereins Miteinander. Er überreichte ihm für sein Engagement einen Couragepreis – die »Goldene Friedenstaube«. Herr He reichte den Preis weiter und jeder, der ihn ­später in Händen hielt, verpflichtete sich für die weltweite Einhaltung der Menschenrechte zu kämpfen.

Letzte Station, so der große Traum, sollen Liu Xiaobos Hände selbst sein.

Dies alles waren Mosaiksteine auf dem langen Weg bis heute. Einem Weg voller schlafloser Nächte und intensiver Gebete. »Doch jetzt,« strahlt Frau Vater, »können wir Zukunftspläne machen: Wohnung und Arbeit suchen, einen Deutschkurs beantragen – der blaue Flüchtlingspass wird all das erlauben.«

Herr He kann das alles noch gar nicht fassen, acht Jahre tägliche Angst weichen langsam. Zaghaft äußert er Träume für seine Zukunft: »Eine Frau suchen, ich bin doch schon 37.« Dann versagt seine Stimme: »Meine Mama sehen.« Wieder gefasst strahlen seine Augen: »Und nach Taizé reisen.«

Pfarrer Schwarzes Augen blitzen wissend, er und seine Gemeinde haben sich auch darum schon Gedanken gemacht. Noch scheint es undenkbar: Mutter und Sohn, Taizé – doch so vieles schien bisher undenkbar.

Herrn Hes erste freie Reise wird ihn übrigens in der kommenden Woche zum Kirchentag nach Dresden führen. Man wird ihn erkennen – an den leuchtenden Augen.

Regina Englert

Bob Dylan: Der »krächzende Rabe« wird 70

23. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Mehr als 500 eigene Songs, viele davon Hits, und immer wieder die Fragen nach Heil und Unheil, Sünde und Erlösung.
Die Anfänge: Gemeinsam mit Joan Baez singt Bob Dylan bei einem Auftritt im Rahmen des »March on Washington« am 28. August 1963 das Lied »We Shall Overcome«.	 (Foto: epd-bild/akg-images)

Die Anfänge: Gemeinsam mit Joan Baez singt Bob Dylan bei einem Auftritt im Rahmen des »March on Washington« am 28. August 1963 das Lied »We Shall Overcome«. (Foto: epd-bild/akg-images)


Als Folk- und Protestsänger wurde er bekannt, doch ließ er sich nie in Schubladen sperren. Bis heute gehört Bob Dylan zu den ganz ­Großen der Musikwelt.

Sein 33. Studioalbum war für viele Kritiker eine Überraschung: Nach drei eher illusionslos-melancholischen Meisterwerken in den zehn Jahren zuvor, die jedes Mal als sein Vermächtnis gefeiert wurden, hatte Bob Dylan im April 2009 ein ­Album herausgebracht, das von einer bisweilen geradezu heiteren und beschwingten Stimmung geprägt war. »Together Through Life«, hieß diese CD, die in zahlreichen Ländern die Nummer eins in den Verkaufslisten ­erreichte – in Großbritannien stand ­Dylan damit zum ersten Mal wieder seit 1970 an der Spitze.

»Gemeinsam durchs Leben« – der Titel des Albums ist wie eine Überschrift über den Weg Dylans mit seinen Fans. In nunmehr fünf Jahrzehnten hat er wie kein anderer die Geschichte der populären Musik geprägt, und auch heute noch gibt er rund 100 Konzerte pro Jahr; vor Kurzem zum ersten Mal in China und Vietnam.

Seine Anhänger haben ihm, über kurz oder lang, all seine Wandlungen und Häutungen verziehen oder sie mitvollzogen – zum Unverständnis der Umwelt, für die Dylan lediglich ein »krächzender Rabe« ist, »der seit 50 Jahren dasselbe Lied singt«.

Mich begleitet Dylan seit über 30 Jahren durchs Leben.

1979 habe ich mir, als 15-Jähriger, die erste Platte von ihm gekauft: »Slow Train Coming«. ­Eigentlich war in der streng pietistischen Gemeinde, in der ich groß geworden war, Rockmusik strengstens verboten: Sie war »vom Teufel«, und im Schlagzeug und in den E-Gitarren wirkten »die Dämonen«. Dennoch – oder vielleicht deswegen – waren christliche Rock- und Pop-Bands wie die legendären Damaris Joy Helden der EC- und CVJM-Jugend. Beeinflusst waren diese Bands von den Pionieren des christlichen Rocks aus den USA wie Keith Green und Larry Norman, die sich die Frage stellten: »Why should the devil have all the good music? – Warum sollte der Teufel all die gute Musik haben?«

Natürlich hatte ich Bob Dylan trotz Verbots gekannt: Ich hatte – mehr oder weniger heimlich – bei einem Klassenkameraden seine Platten gehört.

Umso größer war meine Freude, als ich im Herbst 1979 auf der Titelseite eines christlichen Musikblättchens ein Porträt Bob Dylans entdeckte.

Bob Dylan, die Ikone der Protestbewegung, war Christ geworden, er hatte sich bekehrt!

Er war nun einer von uns!

Es gab für mich kein Halten mehr: Ich begab mich umgehend in den nächsten Plattenladen und holte mir die empfohlene »Slow Train Coming.«

Welche Erschütterungen Dylan’s Bekehrung zum Christentum – nicht nur in der Musikwelt – hervorgerufen hatte, konnte ich damals nicht ahnen. Es war für die meisten unfassbar – und ist es für viele Wegbegleiter Dylans bis heute: Da wirft jemand ein Kreuz auf die Konzertbühne und Dylan beginnt, in der evange­likalen Vineyard-Gemeinde in Kalifornien Bibelkurse zu besuchen, er bekehrt sich und schließt sich den wiedergeborenen Christen an.

Dylan wurde fortan als »Bibel-Cowboy« verspottet oder – wie im Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« – als »seltsamer Prediger«, dessen »frömmelnd-reaktionäre« Texte von »schlichter ­Bibelstunden-Einfalt« seien.

Dylans fromme Zeit hielt allerdings nicht lange an.

Bereits vier Jahre später, 1983, veröffentlichte er ein Album, das den programmatischen Titel trug: »Infidels – Ungläubige«.

Auch Dylans schärfste Kritiker sehen ihm inzwischen die »Born-Again-Phase« nach: als Episode in seinem wahrlich nicht widerspruchsfreien Wirken. Dylan selbst hat sich in allen Phasen seiner Karriere jeglichen Vereinnahmungen rigoros entzogen und stattdessen einst vorgeschlagen, lieber einen Groschen in die Parkuhr zu stecken als irgendwelchen Führern zu folgen.

Gleichwohl sind Religion und Gott ein entscheidendes Thema im Werk des »Rock-Messias«.

Betrachtet man die über 500 Songs, die der Kandidat für den Literatur-Nobelpreis geschrieben hat, ist nicht zu übersehen: Von seinen Anfängen als junger Folk- und Protestsänger Anfang der 1960er Jahre bis zu seinem Spätwerk sind Gericht und Gnade, Sünde und Erlösung, Heil und Unheil, Himmel und Hölle Dylans zentrale Stoffe.

Abraham und der Erzengel Gabriel, David und Goliath, Jesus und der Teufel, Verführer und Verführte bevölkern seine Songwelt. Von der Sintflut zur Bergpredigt, vom Garten Eden bis zum Garten Gethsemane, von Armagedon bis Jerusalem – Dylan ist an allen Orten der biblischen Überlieferungen zu Hause.

Dylans Religion ist eine, die über das Leiden und die Sünde Bescheid weiß und in der ein bekennender Sünder der wahre Heilige ist.

Am 24. Mai feiert der rastlose Pilger und Prophet, der 1941 als Robert Allen Zimmerman oder – so sein jüdischer Name – Shabtai Zisel ben Avraham in Duluth/Minnesota geboren wurde, seinen 70. Geburtstag.

Uwe von Seltmann

Hinweis: Bob Dylan tritt am 25. Juni in Mainz und am 26. Juni in Hamburg auf.

Polen: Frauen im grünen Collarhemd

23. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Theologisch haben Polens Lutheraner eigentlich keine Einwände gegen Frauen im Pfarramt. Dennoch gibt es Argumente dagegen zuhauf.
 
Die Arbeit machen sie, die Ordination bleibt ihnen versagt: Halina Radacz ist eine der rund 20 Diakoninnen der polnischen Lutheraner. (Foto: Maja Pauska)

Die Arbeit machen sie, die Ordination bleibt ihnen versagt: Halina Radacz ist eine der rund 20 Diakoninnen der polnischen Lutheraner. (Foto: Maja Pauska)

»Die Frauen wollen das doch selbst nicht!«, ist ein Argument, das bisweilen auftaucht, wenn es wieder hoch hergeht wegen der nicht vorhandenen Frauenordi­nation bei den Lutheranern in Polen.

Halina Radacz, Diakonin der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, kann darüber nur den Kopf schütteln. Manchmal weiß man nicht, ob es zum Weinen oder schon zum Lachen ist. Zum Beispiel, wenn die Direktorin ­einer großen Schule argumentiert, das Amt des Pfarrers wäre zu viel Verantwortung für eine Frau.

Halina Radacz selbst wäre lieber schon heute als morgen eine ordinierte Pfarrerin mit allen Rechten. Denn die Arbeit tut sie ja jetzt schon. Sie ist eine der rund 20 Diakoninnen, die in der polnischen Kirche das grüne Collarhemd tragen, in den Gemeinden taufen und predigen. Nur das Abendmahl dürfen sie nicht einsetzen.

26 Jahre sind seit ihrem Theologiestudium vergangen, Zyrardów ist ihre dritte Gemeinde. Diese Gemeinde hatte vor drei Jahren die Kirchen­leitung darum gebeten, dass ihre »Pfarrer-Diakonin« endlich ordiniert werde, doch im Herbst 2010 erteilte die Synode dem Wunsch nach der ­Ordination von Frauen eine Absage.

Das war ein trauriger Tiefpunkt auf ­einem langen Weg.

Auf das Frauenforum und auf die Frauenkommission ihrer Kirche ist Halina Radacz stolz. Die beiden Strukturen sind im Frühjahr 1991 entstanden. 2011 kann das 20-jährige Jubiläum gefeiert werden.

Denn Grund zum Feiern gibt es auch ohne die Ordination.

Das Forum und die Kommission haben es geschafft, Themen, die Frauen bewegen, in die Öffentlichkeit und bis in die Synoden hineinzutragen. Dank ihnen sowie der Theologinnenkonferenz, die von deutschen Partnern, dem Gustav-Adolf-Werk und dem Evangelischen Bund, unterstützt wird, haben polnische Lutheranerinnen Strukturen und Institutionen, in denen sie sich aussprechen und neue Initiativen starten können.

Das Bewusstsein wandelt sich, wenn auch langsam.

Als Beispiel holt Halina Radacz ein Exemplar von »Zwiastun« hervor. Früher, sagt sie, wäre es undenkbar gewesen, dass die Kirchenzeitschrift eine Pfarrerin im Talar abgebildet hätte. Heute ist es Normalität. Wie wichtig das Bild in den Medien ist, weiß sie selbst am besten. In ihrem zweiten Beruf – das Gehalt der Diakonin gewährleistet nicht das finanzielle Überleben einer Familie – ist sie Journalistin und Kirchenredakteurin des Zweiten Programms der Telewizja Polska.

»Wie viele Talente haben wir schon weggeworfen?«, fragt Halina Radacz, wenn sie an die über 70 Frauen denkt, die in Warschau das Theologiestudium absolviert haben. Freilich arbeiten einige Theologinnen als Pfarrerinnen – in Deutschland oder in England zum Beispiel.

Die Diskussion über die Frauenordination ist in der Kirche ­einerseits mit dem Synodenbeschluss abgeschlossen, und bleibt anderseits doch ein Dauerbrenner.

Das 20. Frauenforum der lutherischen Kirche, das als Jubiläumsforum vom 23.-25. September 2011 in Warschau stattfinden wird, fasst das ­Problem weiter und nennt es zugleich beim Namen: strukturelle Gewalt. Die Diskussion über die Frauenordination brachte in der Kirche den Konsens hervor, dass es keine theologischen Gründe dagegen gibt, nur die Tradition und das katholische Umfeld sprächen dagegen.

Mit ihren zwiespältigen Erfahrungen sind die Polinnen in Mittelosteuropa nicht allein. Auf dem bevorstehenden 33. Evangelischen Kirchentag in Dresden vom 1. bis 5. Juni erhalten die Theologinnen und Pfarrerinnen aus verschiedenen Kirchen ein Podium für ihre Fragestellungen: »Theologinnen auf dem ›Abstellgleis‹? Frauen­ordination in Mittel- und Osteuropa«.

Diakonin Halina Radacz aus Polen wird dabei sein – im grünen Collarhemd.

Maaja Pauska

Hinweis: Die Veranstaltung mit Halina ­Radacz findet am Freitag, 3. Juni, von 16.30 bis 18 Uhr im »Zentrum Frauen« des Kirchentags statt (Programmheft Seite 206).

Manche Schleuse öffnet nur ein Lied

22. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Ein Lied für Gott: die Frankfurter Sängerin KAT im Kloster Volkenroda in Thüringen (Foto: Harald Krille)

Ein Lied für Gott: die Frankfurter Sängerin KAT im Kloster Volkenroda in Thüringen (Foto: Harald Krille)

 
Warum das Singen so wichtig ist – Persönliche Erfahrungen von Andreas Hausfeld:

Mein erster Chorpulli war grün. Ich sang im Kinderchor einer größeren Gemeinde, ein Steppke von ungefähr zehn Jahren. Wir sangen mal leise, auch mal schräg und laut. Und freuten uns auf das Spiel zum Abschluss der Übestunde. Bei den Konzerten waren wir aufgeregt und nicht immer konzentriert. Wir sangen mit anderen Gruppen zu Weihnachten oder vor den Sommerferien. Die trugen ihren Chorpulli. Unserer hatte aber natürlich die schönste Farbe.

Abgesehen von einer kurzen Phase hat mich die Chormusik seitdem begleitet. Das Singen wurde fast meine zweite Haut. In der Jugendkantorei, den Unichören, über zehn Jahre im Jungen Vokalensemble Hannover oder jetzt in Greiz.

Stets war eine ­meiner ersten Fragen: Wo kann man denn hier singen? Ob ich ohne die Chormusik Pfarrer geworden wäre? Ich glaube fast, nicht.

Warum ist mir aber das Singen wichtig?

Darüber dachte ich erst als Student nach. Da ist das Gemeinschaftserlebnis, natürlich. Oder das gute Gefühl, wenn nach vielen Proben ein Konzert gelingt. Aber das war es nur zum Teil.

Ich merkte vor allem, wie mir die Musik als Christ eine Sprache an die Hand gibt, die ich so nie aus mir selbst schöpfen könnte. Eine Sprache für den Abschied von einem Menschen oder den gerade so schönen Tag.

Bei einer Säuglingstaufe sangen wir einmal »Weißt du, wie viel Sternlein stehen«. Die Stimmung des Orgelvorspiels übertrug sich, dass zumindest ich beim Singen Gänsehaut bekam. Da kommen die besten Worte nicht mit.

»Hüpf auf, mein Herz, spring, tanz und sing, in deinem Gott sei guter Ding, der Himmel steht dir offen«
(EG 399,7). Der Lebensbrunnen Gottes sprudelt, passend zum Titel, in diesem Vers.

Durch das Lesen von Gesangbüchern entdeckte ich die geistliche Kraft vieler Lieder.

Manchmal dachte ich: Was wäre, wenn die Gemeinde täte, was sie gerade singt? Vor Gott tanzen wie David es tat, springen oder jauchzen? Freudenschreie in der Kirche, man stelle sich das mal vor!

Auch in den alten Liedern stecken noch genug neue Zumutungen. Nur verstecken wir sie oft. Bis hin zu Gottes Mutterhänden, mit denen er die Seinen leitet (EG 326,5). Das Gottesbild, Johann Jakob Schütz mit diesem Vers schon 1675 entfaltet, ist es schon bei mir angekommen?

»Wer singt, betet zweimal.«
Oft wird zum Sonntag Kantate an diesen Satz Martin Luther Kings erinnert. Er hat nach meinem Gefühl recht. Darum tut mir dieser Satz doppelt weh.

Viele Menschen beten nicht, weil sie keine eigenen Worte dafür finden. Aber sie lassen sich, wenn sie nicht mehr singen, auch von den Gebeten alter und neuer Lieder nicht mehr an die Hand nehmen. Sie packen die »Musica als Gabe und Geschenk Gottes« (Martin Luther) nicht mehr aus. Und bleiben so stumm und damit unbeschenkt. Darum hoffe ich, wir singen Gott! Und sei es, um uns auch ein wenig selbst zu beschenken oder zu erleichtern.

Ob es alte oder neue Lieder sein müssen?

Seit ich singe, war ich neugierig auf alle möglichen musikalischen Ausdrucksweisen des Glaubens. Auf die historische Aufführungspraxis barocker Musik oder die moderne Polyfonie der Werke eines Eric Whitacre oder Morten Lauridsen.

Doch wonach ich mich sehne?

Ich sehe mich noch im Berner Münster als Student zum Abendmahl gehen. Die Gemeinde ­begleitete uns wie selbstverständlich vierstimmig mit ihrem Gemeindelied. Das bleibt unvergesslich.

Müssen Glaubenserfahrungen zweitens immer aus einem streng kirchlichen Kontext kommen?

Vor Jahren, eine persönlich schwierige Zeit. Ich war auf der Rückfahrt, das Radio lief. Auf einmal sang eine Stimme: »Es sind seine Straßen, von jeher. Seine Straßen, von den Bergen bis ans Meer.« Ich hielt an und habe hemmungslos geheult. Manche Schleuse öffnet nur ein Lied, und sei es ein Pop-Song. Ich war danach erleichterter, auch zuversichtlicher. Viele Wege geht Gott zu meinem kleinen Glauben.

Es gibt Momente, die darum nur die Musik schenken kann. Mal suche ich diese Begegnung bewusst. Mal kommt sie beiläufig daher. Wenn es einmal nicht meine Lieder sind, die gesungen werden, denke ich hoffentlich: Mein Gott, hier betet jemand zu dir in einer für mich ungewohnten Sprache. Aber es ist schön, dass er nicht schweigt, sondern zu dir betet.

Wo ich träge im Alten verharre, lass mich auf die Stimme der Alten hören. Sie gaben das Eine nicht auf und rufen mir gleichzeitig zu: »Singet ihm ein neues Lied; spielt schön auf den ­Saiten mit fröhlichem Schall!« (Psalm 33,3).

Andreas Hausfeld ist Pfarrer in Greiz.

Ex-Kommunist im Kirchenchor

20. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Winfried Kretschmann wurde am 12. Mai in Stuttgart als erster grüner Ministerpräsident vereidigt. (Foto: B90/Grüne)

Winfried Kretschmann wurde am 12. Mai in Stuttgart als erster grüner Ministerpräsident vereidigt. (Foto: B90/Grüne)


Deutschlands erster grüner Ministerpräsident ist wertkonservativer Katholik.

Nun haben es die Grünen also ­geschafft: Erstmals in ihrer über 30-jährigen Geschichte stellen sie in einem Bundesland den Ministerprä­sidenten. Und das ausgerechnet in Baden-Württemberg, das über zwei Generationen hinweg als Erbhof der CDU galt.

Winfried Kretschmann, der künftig die Geschicke des Südweststaats leitet, ist engagierter Christ, Mitglied im Zentralrat der deutschen Katholiken und im Freiburger Diözesanrat. Und er hatte einen guten Start: Bei seiner Wahl durch den Landtag erhielt er mindestens zwei Stimmen aus den Kreisen der Opposition von CDU und FDP.

Analytiker sehen einen klaren Zusammenhang zwischen der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima und dem Wahlsieg der Grünen. In ihrer Ablehnung der Kernenergie war die Umweltpartei immer konsequent, auch ihr Urgestein Winfried Kretschmann. Der neue Ministerpräsident ­gehört zu den wertkonservativen Grünen. Der 63-jährige Biologie-, Chemie- und Ethiklehrer engagierte sich zwar von 1973 bis 1975 im Kommunistischen Bund Westdeutschlands. Doch diese Zeit bezeichnete er später als Irrtum, und er spricht bis heute nicht gerne darüber.

Biografisch ist er schon lange im bürgerlichen Lager angekommen.

Mit seiner zur Schau gestellten Liebe zum Wandern, zur Oper, zum Kirchenchor und zum VfB Stuttgart hätte er auch in einer konservativen Partei Karriere machen können.

Während seiner Zeit im Kommunistischen Bund war er zwar aus der katholischen Kirche ausgetreten, und dabei wirkten offenbar auch die tristen Jahre in einem katholischen Internat nach. Inzwischen ist er aber nicht nur wieder Mitglied der Kirche, sondern auch engagiert. Auf die Frage der »Financial Times« nach der besten Investition seines Lebens antwortete er: »Meine Taufe. Sie öffnet mir das Tor zum ewigen Leben.«

Für den frischgekürten Ministerpräsidenten und ehemaligen Lehrer ist der Glaube gerade keine Privat­sache: »Wenn meine Schüler nicht merken, dass ich Katholik bin, habe ich etwas falsch gemacht.« Ungeachtet dessen reibt er sich auch an Lehren seiner Kirche, etwa ihrer Ablehnung praktizierter Homosexualität.

1988 hat sich Kretschmann bei einer Landesdelegiertenkonferenz in Schwäbisch Hall dafür starkgemacht, den Einzug der Kirchensteuer durch den Staat abzuschaffen, das im baden-württembergischen Gesetz verankerte Erziehungsziel der »Ehrfurcht vor Gott« zu streichen und den kirchlichen Einfluss auf die theologischen Fakultäten zurückzudrängen. Doch das ist fast vergessen. An den seit drei Jahren geltenden Staatsverträgen mit den großen Kirchen will auch die neue Regierung laut Koalitionsvereinbarung nicht rütteln.

Die evangelischen und katholischen Bischöfe haben verhalten positiv auf den Machtwechsel reagiert. Dankbar wurde indes registriert, dass Kretschmann seinen Amtseid mit der religiösen Formel leistete.

Marcus Mockler

Vernetzung in Sachen Frieden

16. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Eine Welt

Friedensdekade: Basisgruppen und Kirchenprominenz aus aller Welt treffen sich in Kingston auf Jamaika.
 

Zehn Jahre lang rief der Weltkirchenrat seine Mitglieder im Rahmen der »Dekade zur Überwindung von Gewalt« zum besonderen Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit auf. Nun soll Bilanz gezogen werden.

Symbol zur Überwindung von Gewalt: George Tagba, ein ehemaliger Offizier der Nationalpatriotischen Front Liberias, zeigte die aus Patronenhülsen gefertigten Kreuze bei der Eröffnung der Friedensdekade am 4. Februar 2001 in der ­Berliner Kaiser-Wilhelm-Kirche. (Foto: epd-bild/Norbert Neetz)

Symbol zur Überwindung von Gewalt: George Tagba, ein ehemaliger Offizier der Nationalpatriotischen Front Liberias, zeigte die aus Patronenhülsen gefertigten Kreuze bei der Eröffnung der Friedensdekade am 4. Februar 2001 in der ­Berliner Kaiser-Wilhelm-Kirche. (Foto: epd-bild/Norbert Neetz)


Seit Wochen herrscht in Libyen ein blutiger Bürgerkrieg. Im Nahen Osten dauert der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis an. Und die Situation in der Elfenbeinküste ist weiterhin angespannt. Wenn sich ab 17. Mai auf der karibischen ­Insel Jamaika Christen aus aller Welt zu einer groß angelegten Friedenskonferenz, einer sogenannten Friedenskonvokation, versammeln, werden dort Konflikte wie diese auf die Tagesordnung kommen.

Mit der Konferenz findet die »Dekade zur Überwindung von Gewalt«, die im Jahr 2001 mit einem Gottesdienst in Berlin eingeläutet worden war, ihren Abschluss. Zehn Jahre lang hatte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), dem mehr als 560 Millionen Christen in 349 Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften aus über 110 Ländern angehören, dabei immer wieder Gewalt und Konflikte thematisiert: die Konflikte in Palästina ebenso wie im Südsudan, angesprochen wurden aber auch deutsche Waffenexporte oder häusliche Gewalt.

Während der Dekade fand ein ­Austausch zwischen den ÖRK-Mitgliedskirchen statt. So organisierte der Weltkirchenrat von 2008 bis 2010 regelmäßig Solidaritätsbesuche in Partnerkirchen weltweit.

International ­besetzte Teams sollten dabei mit den Menschen vor Ort als sogenannte ­Lebendige Briefe ins Gespräch über Projekte zu Gewaltprävention, Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit in dem jeweiligen Land kommen.

Das Treffen in Jamaika ist ein Großaufkommen friedensbewegter Akteure aus dem kirchlichen Bereich. Rund 1000 Teilnehmer werden erwartet: Von homosexuellen Gruppen über schwarzafrikanische Frauen bis hin zu indonesischen Kirchenmitgliedern, die sich im interreligiösen Bereich engagieren. Mit dabei sind Lutheraner, Anglikaner und Orthodoxe aber auch Quäker und Mennoniten.

Ein bisschen klingt die Teilnehmerliste mit Vertretern zahlreicher Basisgruppen wie ein christliches Weltsozialforum.

Zudem ist bei der Konferenz auf ­Jamaika reichlich Kirchenprominenz vertreten: Auf der offiziellen Rednerliste steht unter anderem der russische Metropolit Hilarion und die deutsche Ex-Bischöfin Margot Käßmann, die zur Eröffnung sprechen wird.

Angemeldet sind der Erzbischof der armenischen Kirche im Irak sowie der Präsident der Allafrikanischen Kirchenkonferenz. Erwartet wird zudem der älteste Sohn des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King.

Es ist ein breites Themenspektrum, das bei dem Treffen in Jamaika auf die Tagesordnung kommt. Auf dem Programm stehen die großen Schlagworte »Frieden mit der Gemeinschaft«, »Frieden zwischen den Völkern«, »Frieden in der Wirtschaft« und »Frieden mit der Erde«.

Thematisiert werden sollen Rassismus und Sexismus im Alltag, Umweltzerstörung und Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit und Armut sowie internationale Konflikte und Kriege. Für den 22. Mai ist ein Gebet für den Frieden geplant.

Bei dem Treffen soll eine Bilanz der Friedensarbeit in den Kirchen weltweit gezogen werden, sagt der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland, Martin Schindehütte, der als einer von rund 100 deutschen Teilnehmern zu dem Treffen in die Karibik reisen wird. Und der mennonitische Theologe Fernando Enns sagt: »Wenn wir Frieden schaffen wollen, müssen wir uns vernetzen.« Der Professor, der als einer der Initiatoren der Friedensdekade gilt, hofft, dass von der Konvokation ein »starkes Signal« ausgeht – an die Kirchen selbst und auch an die politischen Kräfte.

In dieser Hinsicht ist wohl auch die Wahl des Tagungsortes als Signal gedacht. War doch der Inselstaat in den zurückliegenden Jahren immer wieder wegen seiner hohen Kriminalitätsrate in den Medien. Zuletzt tobten vor rund einem Jahr in der jamaikanischen Hauptstadt tagelang Unruhen zwischen Polizei und Drogen-Kriminellen. Immer wieder kommt es in dem Land auch zu Gewaltexzessen gegen Homosexuelle.

Barbara Schneider (epd)

Die Niederlage ist verschlungen in den Sieg

16. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Porträt: Ulrich Schacht verarbeitet in seinem neuen Buch die verhängnisvolle Geschichte seiner Eltern


Neben dem erschütternden Schicksal seiner Mutter ­beschreibt Ulrich Schacht in seinem Buch die Suche nach seinem russischen Vater.

Der Schriftsteller Ulrich Schacht lebt seit 1998 in Schweden. (Foto: privat)

Der Schriftsteller Ulrich Schacht lebt seit 1998 in Schweden. (Foto: privat)



 
Es ist ein warmer Sommertag im August 1950. Die 23-jährige Wendelgard Schacht lebt gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer zweijährigen Tochter in einer kleinen Wohnung in Wismar. Als am Nachmittag ein Kriminalpolizist vor ihrer Tür steht und sie freundlich bittet mitzukommen, folgt sie ihm arglos, denn sie ist sich keiner Schuld bewusst. Sie ahnt nicht, dass sie in die Fänge des stalinistischen Terrors geraten, ihr Kind und ihr Zuhause für lange Zeit nicht wiedersehen wird.

Der Polizist übergibt sie am Ende ihres gemeinsamen Weges wortlos einem Offizier des russischen Geheimdienstes. Dieser schiebt sie in eine ­bereitstehende Limousine, die mit der jungen Frau davonfährt.

Am 18. November 1950 wird sie von einem sowjetischen Militärtribunal wegen Verleitung zum Landeshochverrat zu zehn Jahren Arbeitslager ­verurteilt. Ihr Vergehen: die Liebe zu einem russischen Offizier. Beide hatten sich bei einem Tanzabend kennengelernt und ineinander verliebt. Als sie merkt, dass sie schwanger ist, schlägt sie ihm die Flucht nach Westdeutschland vor. Sie werden verraten und die kurze Liebe erlebt ein jähes, brutales Ende.

Die Schwangere kommt in das berüchtigte DDR-Frauengefängnis Hoheneck, wo am 9. März 1951 ihr Sohn Ulrich geboren wird. Ulrich Schacht, heute 60 Jahre alt, Journalist und Schriftsteller, Autor des kürzlich erschienenen Buches »Vereister Sommer«. Darin verarbeitet er die Geschichte seiner Familie. Die Grundlage bilden die Erinnerungen seiner Mutter. Daneben dokumentiert er die Geschehnisse mit Briefen und Protokollen – Textauszügen aus den Unter­lagen der Archive.

Nach der Geburt bleibt das Baby noch drei Monate bei seiner Mutter, dann wird es ihr weggenommen – im Buch eine dramatische, herzzerreißende Passage.

Wendelgard Schacht muss die über sie verhängte Haftstrafe von zehn Jahren nicht bis zum Ende absitzen. Sie wird nach knapp dreieinhalb Jahren am 22. Januar 1954 freigelassen. Bis dahin wächst ihr Sohn bei Pflege­eltern in Wismar auf, einem befreundeten kinderlosen Ehepaar.

Von seinem Vater fehlt jede Spur. Der Junge vermisst ihn nicht. In der Nähe starker Frauen – als solche charakterisiert Ulrich Schacht seine Mutter und Großmutter mütterlicherseits – nimmt er das Fehlen des Vaters nicht als Verlust wahr. Als er etwa acht Jahre alt ist, beginnt seine Mutter, ihm von ihrem Verhängnis und seiner Geburt im Gefängnis zu erzählen.

Für das Kind eher eine spannende, abenteuerliche Geschichte. »Ich fand das interessant, originell«, sagt Ulrich Schacht heute. Das, was seiner Mutter widerfahren ist, ihre Erfahrungen in der Haft, wirken ganz und gar nicht abschreckend oder einschüchternd auf ihn. Er zieht auch nicht die Konsequenz, sich an die politischen Verhältnisse in der DDR-Diktatur anzupassen.

Im Gegenteil, er lehnt sich gegen die kommunistische Propaganda auf, will dem System die Stirn bieten und ist bereit, für seine Überzeugung ins Gefängnis zu gehen. Seine geistige Heimat findet er in der Kirche, wo die kommunistische Ideologie vor der Tür bleibt.

Als Theologiestudent verfasst er provozierende Texte und wird 1973 wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, 1976 in die Bundesrepublik Deutschland entlassen. Seine Mutter folgt ihm 1979.

Mutter und Sohn, beide jeweils Anfang 20, als sie in die Mühlen der zweiten deutschen Diktatur des 20. Jahrhunderts geraten!

Die Festnahme seiner Mutter sei anders zu bewerten als seine eigene, betont Schacht. Auch die Bedingungen, unter denen sie inhaftiert war, seien schwieriger gewesen. Der Gedanke, sich nach dem Westen abzusetzen, war bei seiner Mutter keineswegs politisch motiviert, sondern aus dem Wunsch nach familiärem Glück erwachsen.

Seine Konfrontation mit dem Staat hingegen war gewollt. »Für mich gab es keine Legitimität des Systems. Die DDR war illegal, sie gehörte weg, einfach weg.«

In Westdeutschland angekommen, studierte Schacht Politikwissenschaften und Philosophie. Er arbeitete als Journalist und Redakteur für verschiedene Publikationen. Anerkennung wurde ihm mit mehreren Literatur- und Journalistenpreisen zuteil.

Die ­renommierteste Auszeichnung erhielt er 1990 mit dem Theodor-Wolff-Preis. Seit 1998 lebt der freischaffende Autor und Publizist in Schweden.

Für ihn als jungen Menschen, der sich aus seiner christlichen Orientierung heraus mit der kommunistischen Diktatur angelegt hatte, war die Ankunft in der westlichen Kirchenlandschaft eine Enttäuschung. »Man war Teil des Wohlstandes«, sagt Schacht rückblickend und legt dar, dass es Aufgabe der Kirche zu allen Zeiten war und ist, dem Zeitgeist zu widerstehen.

Der Säkularisierung Einhalt gebieten! Wie Martin Luther, der große Kämpfer gegen die Verweltlichung der Kirche, würde auch er gern den Selbstsäkularisierungsprozess im Protestantismus stoppen. Schacht ist ein kritischer Geist, ein Kämpfer geblieben.

Ein eigensinniger Kopf, eloquent, impulsiv, zuweilen scharfzüngig – kaum ein aktuelles politisches oder kirchliches Thema, zu dem er nicht eine dem Mainstream widersprechende profilierte Position vortragen könnte.

Er gehört der Evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden an. In der 1987 im Westen von ehemaligen DDR-Christen gegründeten Gemeinschaft hofft er seinen Anspruch verwirklichen zu können: die Verbindung von Spiritualität und theologischer Reflexion auf einem intellektuell hohen Niveau, Christsein in der entchristianisierten Gesellschaft, der Zeitgeistverfallenheit entgegenwirkend.

Die Bruderschaft, die nach der Wende in der mecklenburgischen Landeskirche beheimatet war, ist seit 2000 auch in Thüringen tätig. Schacht leitet die Bruderschaft im Range eines Großkomturs.
Sein Buch »Vereister Sommer« ist Familiengeschichte, Zeugnis vom Widerstand in der kommunistischen Diktatur und – ein Beleg, welche Stärke Menschen aus ihrem Glauben schöpfen können.

Sowohl seine Mutter als auch er finden in den Texten des Christentums Lebenskraft und Mut. Seiner Mutter geben die Lieder des Gesangbuches Halt, die sie innerlich aus dem Gedächtnis gebetet hat. Ihr Sohn nahm in schweren Situationen die Bibel zur Hand, um sich aus ihr Kraft und Trost zu holen.

Neben der verhängnisvollen Geschichte seiner Mutter verfolgt der Autor in seinem Buch die komplizierte und über lange Zeit aussichtslos erscheinende Suche nach seinem russischen Vater. Das Vorhaben läuft einem großen Happy End entgegen.

Es ist ein Aufruhr der Gefühle, als Vater und Sohn einander wortlos in den Armen liegen.

Angesprochen auf die Begegnung mit seinem Vater, sagt Schacht: »Die Tatsache dieser Stunde, dieser zwei, drei Tage, hat die ganze Zeit des Nichtvorhandenseins aufgelöst in einem situativen Reichtum. Glück erfährt man, wenn es da ist. Und das hat Dauer, die unabhängig ist von allen Zeitbegriffen. Der ganze Vater war dann nach rückwärts wie für immer da.«

Der Schriftsteller ist ein grandioser Erzähler. Mit seiner brillanten Sprache vermag er den Leser zu packen. Dieser spannende autobiografische Text ist eine atemberaubende Lektüre.

Sabine Kuschel

Schacht, Ulrich: Vereister Sommer. Auf der Suche nach meinem russischen Vater, Aufbau Verlag, 221 S., ISBN 978-3-351-02729-2, 19,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643) 246161

Gott spricht auf mancherlei Weise

15. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Der Gottesdienst hat noch mehr zu bieten als die Predigt.

Hand aufs Herz: Wer hat nicht auch schon so gefragt, bevor er sich am Sonntagmorgen auf den Weg zur Kirche machte? Zu welcher Kirche? Das ist die Frage.

Natürlich kann man so nur in der Großstadt fragen, wo man das Privileg der großen Auswahl hat. Rechtzeitig zur Wochenmitte sind die Namen aller Prediger und Predigerinnen gegebenenfalls in der Zeitung aufgeführt. Da sollte sich doch etwas finden lassen!

Ich muss gestehen: Ich habe oft genug das Angebot studiert, die Speisekarte rauf und runter.

Nach meinem Ausscheiden aus dem Gemeindedienst war ich ja frei, an jedem Sonntag einen anderen Kanzelredner aufzusuchen. Da gibt es Bischöfe aus aller Herren Länder, auch Bischöfinnen selbstverständlich, Professorinnen und Professoren, General- und andere Superintendenten, Pröpstinnen und Pröpste, oft genug garniert mit einem reichen musikalischen Programm.

Im Gottesdienst predigt außer dem Prediger noch vieles andere, zum Beispiel Elemente im Kirchenraum. (Foto: epd-bild)

Im Gottesdienst predigt außer dem Prediger noch vieles andere, zum Beispiel Elemente im Kirchenraum. (Foto: epd-bild)

Mit der Zeit verlor das Kanzelhüpfen seinen Reiz. Eine Weile ging ich noch zu Kollegen und Kolleginnen, die ich schon immer einmal hören wollte.

Aber ehrlich gesagt: In dieser Phase war mein Interesse bald erschöpft.

Jetzt blieb ich öfter mal zu Hause vor dem Fernseher oder ging doch wieder mal in meine eigene Gemeinde gleich um die Ecke, fußläufig zu erreichen. Und je häufiger ich dort erschien, von Mal zu Mal vertrauter wurde mit dem Raum und mit den Menschen und den Besonderheiten der Gemeinde, desto wohler fühlte ich mich da.

Nicht dass es mir egal gewesen wäre, wer da nun predigte. Aber die Predigt war mir nicht mehr ganz so wichtig. Anderes wurde wichtiger. Vor allem die Vertrautheit, das Gefühl der Zugehörigkeit. Vielleicht auch etwas ganz Banales: die Erreichbarkeit, die Nähe und die Chance, den einen oder anderen Nachbarn in der Kirche anzutreffen.

Dies ist kein Plädoyer für die Vernachlässigung der Predigt.

Im Gegenteil.

Die Predigt ist und bleibt nach meiner festen Überzeugung das Kernstück unseres Gottesdienstes. Sie verdient die optimale Ausarbeitung und die bestmögliche Darbietung. Sie zu vernachlässigen hieße, Gott selbst nicht ernst zu nehmen.

Und dennoch: Wir müssen wieder lernen, ernst zu nehmen, dass der Gottesdienst nicht mit der Predigt steht und fällt, dass er noch anderes zu bieten hat. Wir müssen wieder lernen, ernst zu nehmen, dass der Gottesdienst mehr ist als eine Veranstaltung des Predigers, dass er von der versammelten Gemeinde und nicht vom Prediger »gehalten« wird.

Es predigt noch so viel anderes außer dem Prediger oder der Predigerin. Die Ausstattung und Pflege des Raumes, der Empfang, will sagen die Begrüßung an der Tür, der Schaukasten draußen, der ganze Umgangston, die Atmosphäre einer Kirche und nicht zuletzt die Art und Weise, wie eine Pfarrerin oder ein Pfarrer sich der ­Gemeinde zuwendet, mental und mimisch auf sie zugeht.

Natürlich predigt auf ihre Weise auch die Musik und der gemeinsame Gesang. Und auch die Liturgie natürlich. Was wäre eine Predigt ohne Liturgie!

Ohne die uns überkommene, von Erfahrungen gesättigte und in ­Erfahrungen bewährte Sprache der ­liturgischen Gesänge, der Psalmen, des Vaterunsers und auch des Apostolikums!

Was für ein Schatz und was für eine Chance, dass wir noch immer diese Texte haben und sie gemeinsam sprechen, uns von ihnen tragen lassen und mit ihnen in das Lob Gottes einstimmen können, das schon so viele andere vor uns gesprochen und gesungen haben!

»Wer predigt heute?« Wenn wir so fragen, sollten wir nicht vergessen, dass Gott nicht nur »vorzeiten«, sondern auch heute noch »auf mancherlei Weise« (Hebräer 1,1) gesprochen hat und spricht, nicht nur »durch die Propheten« und nicht nur »durch den Sohn« und auch nicht nur durch die Prediger und Predigerinnen, sondern durch ein Zusammenspiel der Kräfte und Begabungen, die in der versammelten Gemeinde, auch in der kleinsten, wirksam sind.

Ulrich Hollop

Der Autor ist Pfarrer im Ruhestand in Berlin.

Der Sand im Getriebe der NVA

Friedensdienst: Auf der Insel Rügen war in den 80er Jahren die größte Einheit unbewaffneter Bausoldaten stationiert

Schulterstuck
Die Bausoldaten sind ein ­Kapitel DDR-Geschichte, das noch ungenügend aufgearbeitet ist. Besonders in Prora auf Rügen gab es ­Auseinandersetzungen, wie mit der Erinnerung an die Waffenverweigerer umgegangen werden soll.

Andreas Ilse, Hendrik Liersch und Stephan Schack haben etwas gemeinsam: Die drei waren in den 1980er Jahren Bausoldaten – nicht irgendwo, sondern in Prora. Hier – im Block V des von den Nazis errichteten Gebäudekomplexes für ein Seebad Prora – war zwischen 1982 und 1989 zeitweise die größte Einheit der DDR-Waffenverweigerer mit bis zu 500 Bausoldaten stationiert. Eingesetzt waren sie beim Bau des Fährhafens Mukran. Das war das größte Verkehrsbauvorhaben der DDR zu jener Zeit. Hauptgrund für den Hafenbau war der Wunsch der Sowjetunion aufgrund der unsicheren Lage in Polen, einen direkten Zugang zur DDR zu bekommen.

Ilse, Liersch und Schack haben viele Erinnerungen an ihre Zeit in Prora. Es sind schmerzliche Erinnerungen an Schikanen und Ungerechtigkeiten, denen sie als Bausoldaten ausgesetzt waren, an teils unmenschliche Arbeitsbedingungen während der Zwölf-Stunden-Schichten oder auch – wie im Fall von Hendrik Liersch – an einen Bausoldaten-Freund, der den Druck nicht aushielt und sich das Leben nahm. In Erinnerung geblieben ist aber auch manche Aktion, mit der die Bausoldaten ihren Vorgesetzten und dem DDR-Staat das Leben schwer machten, und der Zusammenhalt unter den Bausoldaten.

Ilse, Liersch und Schack waren drei Zeitzeugen, die in Binz an einer Tagung zur Geschichte der Bausoldaten teilnahmen. Von ehemaligen Proraer Bausoldaten war in den vergangenen Jahren immer wieder kritisiert worden, dass an dieses Kapitel der DDR-Geschichte kaum erinnert wurde. In Prora stand der von den Nazis errichtete mehr als vier Kilometer lange Gebäudekomplex im Focus, in dem 20000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen sollten, der aber wegen des Kriegsbeginns nicht fertiggestellt worden war.

Zu DDR-Zeiten dienten Teile dieses monströsen Gebäudes als Kaserne, unter anderem für die Baueinheiten. Lediglich an der Turnhalle, in der die Bausoldaten seinerzeit ihr ­Gelöbnis ablegen mussten, erinnert eine kleine Tafel daran.

Nicht die Nazi-Architektur soll im Mittelpunkt stehen

»Die Tagung soll helfen, eine Lücke in der DDR-Geschichtsschreibung der letzten 20 Jahre zu schließen«, sagt ­Jochen Schmidt, der Direktor der ­Landeszentrale für politische Bildung (LpB) Mecklenburg-Vorpommern. Ob es sich bei dieser Lücke lediglich um einen »blinden Fleck« oder um »bewusstes Verdrängen« gehandelt habe, ließ er offen. Dankbar sei er jedenfalls, dass die ehemaligen Bausoldaten diese Auseinandersetzung immer wieder eingefordert haben.

Landrätin Kerstin Kassner (Die Linke) gesteht: »Wir haben uns nach der Wende mit der Situation in Prora sehr schwergetan«, und weißt in diesem Zusammenhang auf die Schwierigkeiten im Umgang mit dem denkmalgeschützten viereinhalb Kilometer langen Gebäudekomplex hin. »Wenn jetzt im Juli im Block V, der ehemaligen Bausoldaten-Kaserne, ei­ne Jugendherberge eröffnet wird, dann werden die Jugendlichen auch die Möglichkeit haben, sich mit dieser Geschichte zu beschäftigen.«

In die Hand genommen hat das vor allem der Verein Prora-Zentrum mit Bildungsangeboten, einer Ausstellung und dem Erhalt von Zeugnissen aus jener Zeit. Warum ist diese Erinnerung wichtig? »Es gibt einen großen Gegenwartsbezug«, sagt Susanna Misgajski vom Prora-Zentrum und nennt die Friedensfrage, soziales Engagement und Demokratieerziehung. Bei DDR-Projekttagen am Gymnasium in Bergen hat sie mit ihren Angeboten zum Thema »Bausoldaten« schon gute Erfahrungen gesammelt.

»Geschichte kommt an die Schüler heran über die Geschichte, die vor Ort ist«, unterstreicht Jana Romanski, die an diesem Gymnasium als Geschichtslehrerin arbeitet. »Wir brauchen Demokraten. Wie aber sollen wir welche erziehen, wenn wir sie nicht mit solchen Beispielen wie den ­Bausoldaten konfrontieren?« Wohin Nicht-Demokratie führe, könne man am Beispiel der Bausoldaten deutlich zeigen. Sie selbst habe sich bei diesem Thema auch mit ihrer eigenen Vergangenheit in der DDR auseinandersetzen müssen, gesteht Jana Romanski. Sie sei als Tochter eines Offiziers der Nationalen Volksarmee (NVA) auf die Insel Rügen gekommen.

Der silberne Spaten zierte die Schulterstücken der DDR-Bausoldaten - eine im Ostblock einmalige Form des waffenlosen Dienstes.

Der silberne Spaten zierte die Schulterstücken der DDR-Bausoldaten - eine im Ostblock einmalige Form des waffenlosen Dienstes.

Auch Landrätin Kassner wies auf ihre Biografie als Offizierstochter hin. »Heute habe ich große Hochachtung vor Ihrer Haltung und vor Ihrem Mut«, sagte sie den ehemaligen Bausoldaten.
Mut zeigten die Bausoldaten nicht nur mit ihrer Entscheidung für die Verweigerung des Dienstes mit der Waffe, sondern auch mit Eingaben und ­Beschwerden über Missstände. Das machte sie zum »Sand im Getriebe der NVA«, sagt Thomas Widera von Hannah-Arendt-Institut Dresden. »Die Eingaben der Bausoldaten zwangen die obersten Vertreter von Staat und Partei, sich mit aus ihrer Sicht belanglosen Dingen zu beschäftigen.«

1984 deckten Bausoldaten die Wahlfälschung auf

Die Aktivitäten der Bausoldaten konnten aber die DDR-Mächtigen durchaus auch in ernste Schwierigkeiten bringen. Ein Beispiel dafür sind die Kommunalwahlen 1984. Die Proraer Bausoldaten nahmen damals das DDR-Wahlgesetz ernst und forderten ihre Rechte ein. Die Kandidaten mussten sich im Gespräch mit ihnen vorstellen, ein Bausoldat wurde in den Wahlvorstand entsandt und an der Auszählung nahmen ebenfalls Bausoldaten teil.

Als dann in den veröffentlichten Ergebnissen für den Kreis Rügen die Zahl der Nein-Stimmen deutlich kleiner war als die Zahl der Nein-Stimmen, die allein die Proraer Bausoldaten ausgezählt hatten, forderten sie dafür eine Erklärung. Hektisch suchten die Verantwortlichen danach und argumentierten schließlich, dass die Wahlstimmen von NVA-Angehörigen aus Geheimhaltungsgründen nach einem geheimen Schlüssel auf die Wahlkreise der ganzen DDR aufgeteilt würden.

Stephan Schack, der diese Zeit in Prora miterlebt hat, sieht hier einen Beleg für die Verbindung zwischen den Bausoldaten und der Opposition in der DDR. »Die Aufdeckung der Wahlfälschung bei der Kommunalwahlen 1989 hat hier einen Vorläufer«, sagt er. Wenn es heute um Demokratieerziehung am Beispiel der DDR-Bausoldaten gehe, heiße eine Frage für ihn dabei auch: »Wo ist heute ­Widerstand gefordert?«

Matthias Holluba

Nur mit Rock und Kopftuch

10. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Wenn Stefanie Fendler in ihrer brüderisch geprägten Gemeinde von Nowosibirsk einen Gottesdienst hält, gehört unter den Talar ein Rock und auf den Kopf ein Tuch. Neben dem traditionellen Gottesdienst in Deutsch bietet das Pastorenehepaar aber auch zeitgemäße Gottesdienste in Russisch. Foto: privat

Wenn Stefanie Fendler in ihrer brüderisch geprägten Gemeinde von Nowosibirsk einen Gottesdienst hält, gehört unter den Talar ein Rock und auf den Kopf ein Tuch. Neben dem traditionellen Gottesdienst in Deutsch bietet das Pastorenehepaar aber auch zeitgemäße Gottesdienste in Russisch. Foto: privat


Sibirien: Ein Kirchenbezirk so groß wie Westeuropa – Besuch bei dem deutschen Pfarrerehepaar von Nowosibirsk



Frauen waren in der Zeit des Kommunismus in Russland für die Bewahrung deutscher lutherischer Tradition ­unerlässlich – aber als ­Pastorinnen haben sie bis heute ­einen schweren Stand.

Drei blonde Kinder im Grundschulalter stürzen sich auf die Kekse und den Tee. Russland war nicht ihre erste Wahl, sagt Pfarrerin und Mutter Stefanie Fendler. Eigentlich wollte sie zurück nach Afrika, wo sie vor ihrem Studium als Freiwillige gearbeitet hatte. Dennoch folgte das Ehepaar dem Ruf nach Sibirien und reiste mit dem zwei Monate alten Erstgeborenen aus.

Zehn Jahre arbeitet sie bereits in Russland im Dienst der Evangelisch-Lutherischen Hermannsburger Mission, bei der sie als Theologin ausgebildet wurde. Laut Vertrag besetzt sie allein die Stelle. Tatsächlich aber teilt sie sich die Arbeit mit ihrem Mann Michael. Dieser ist ebenfalls Theologe und absolvierte sein Vikariat in der bayrischen Landeskirche.

Die Pionierarbeit reizte die beiden an ihrer ersten Pfarrstelle in der südsibirischen Region Chakassien. Sie sollten dort eine Gemeinde in der Hauptstadt Abakan am Jenissei gründen. Als einzige Europäer standen sie schnell im Fokus der Aufmerksamkeit. Bald waren sie mit sämtlichen einflussreichen Personen bekannt, was sie aktiv für ihren Missionsauftrag nutzten.

Zum Start in Nowosibirsk gab es gleich einen Eklat

Nach sechs Jahren folgte Stefanie einem neuen herausfordernden Ruf ins westsibirische Nowosibirsk. Die evangelische Gemeinde dort bestand ausschließlich aus alten Leuten. Von den ursprünglich leitenden 30 Brüdern war nur noch ein über 70-Jähriger übrig. »Es begann mit einem Skandal«, erzählt Michael. Zur Einführung habe der konservative Bischof anstelle der obligatorischen Dankesrede über die Frauenordination gewettert. »Womit er uns eigentlich einen Dienst erwiesen hat«, sagt Michael, denn die Gemeinde sei aufgestanden und habe ihre neue Pastorin vor dem Bischof verteidigt.

Bis zu Stefanies Amtseinsetzung hatte die Gemeinde Lesegottesdienste gefeiert. Die Texte stammten aus dem Werk des »Wolgapredigers« Carl Blum (1841–1906), dessen mehr als 100 Jahre alte Predigten die Gemeinde mittlerweile auswendig kannte. »Die sehr große geistliche Erfahrung, die die Gemeinde durch das letzte Jahrhundert des Kommunismus hindurch trug, ist ein Schatz in einem unheimlich alten Gefäß. Und dieses zerbröselt nun vor unseren Augen«, erzählen die Fendlers. Doch Form und Inhalt seien extrem stark verschmolzen, was die Weitergabe des Glaubens an Jüngere unmöglich mache. Für Außenstehende sind die sehr traditionellen Gottesdienste gänzlich unverständlich – nicht zuletzt, weil sie seit jeher auf Deutsch gehalten werden.

Darum bietet das Pfarrerpaar seit drei Jahren zusätzlich zu dem tradi­tionellen deutschsprachigen Gottesdienst jeden Sonntag einen zeitgemäßeren auf Russisch an. Insbesondere wollen sie die Kinder und Enkel der Russlanddeutschen gewinnen, die systembedingt nur noch Russisch sprechen. Zehn neue Gemeindemitglieder gäbe es schon, vier davon seien Enkel der alten Kirchgänger, so die Geistlichen.

Russische Gemeinden sind wie sibirisches Holz
Michael Fendler arbeitet seit 2004 ­ehrenamtlich als lutherischer Propst. Er betreut die Pfarrer und weitflächig verteilten kleinen Gemeinden der ­Region Mittelsibirien. Dieser Bezirk entspricht der Größe Westeuropas. Für Stefanie als Frau ist es schwieriger, in ihrem Dienst als Pfarrerin voll akzeptiert zu werden. Also legte sie ihren Nasenstecker ab und zieht im traditionellen Gottesdienst Kopftuch und Rock an. Sie wirkt müde, wenn sie über das Thema der Akzeptanz von Frauen als Pastorinnen spricht und meint, Gott hätte doch zu Pfingsten nur ganze Flammen verteilt, keine halben und auch keine größeren und kleineren.

Wir sitzen immer noch am Tisch. Michael zieht ein großes Blech Pizza aus dem Ofen. Er erzählt von einem Holzhändler, jetzt Pastor, der russische Gemeinden mit sibirischem Holz vergleicht: »Sie wachsen langsam, aber mit guter Qualität.« Michael ist beeindruckt von der Opferbereitschaft, mit der viele Christen in Russland treu ihren Glauben leben.

Die Rote-Bete-Pizza auf dem Tisch ist eine gelungene Mischung aus russischer und italienischer Küche. Im Sommer dieses Jahres kehren Fendlers nach Deutschland zurück, um ihre Kinder dort ins Gymnasium zu schicken. »Es war eine reiche Zeit, und eine gute Vorbereitung«, meint Michael, denn weite Wege zwischen kleinen Gemeinden seien zukünftig auch in Deutschland absehbar.

Von Raphaela und Katharina Helbig

Eine Gott gewidmete Oper

9. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Szene IV "Düfte - Zeichen": (von li.) Maike Raschke (Sopran), Michael Leibundgut (Bass), Csilla Csövári (Hoher Sopran), Alexander Mayr (Hoher Tenor) Foto: Klaus Lefebvre

Uraufführung: Karlheinz Stockhausens Opernzyklus der sieben Wochentage preist die Schönheit der Schöpfung


Es war eine Aufführung, ­welche die Dimensionen des bisher Vorstellbaren in jeder Hinsicht sprengte: die vollständige Präsentation von Karlheinz Stockhausens Oper »Sonntag« aus »Licht«.

Von Michael von Hintzenstern

Das Bühnenwerk erlebte am Ostersonntag von 12 bis 21 Uhr im Staatenhaus des Messegeländes in Köln-Deutz seine szenische Uraufführung. Ein Gesamtkunstwerk, das Gott gewidmet ist und mit allen Sinnen die Schönheit der Schöpfung preist. Seine reine Spieldauer beträgt sechs Stunden. Zwischen diesen lagen drei kurze und zwei anderthalbstündige Pausen, welche den Besuchern die Chance boten, bei strahlendem Sonnenschein an den Rheinauen wieder aufzutanken.

Karlheinz Stockhausen (1928 bis 2007), der als einer der wichtigsten Wegbereiter der Neuen Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt, war ein Mann der Superlative. Das gilt in besonderer Weise für seinen Opernzyklus der sieben Wochentage »Licht«, an dem er von 1977 bis 2003 gearbeitet hat und dessen Gesamtdauer 29 Stunden beträgt. Während »Donnerstag«, »Samstag« und »Montag« an der Mailänder Scala aus der Taufe gehoben wurden, erlebten »Dienstag« und »Freitag« an der Leipziger Oper ihre Premiere. Für die szenische Uraufführung des »Mittwoch« wird noch ein geeignetes Theater gesucht. In den Namen der Wochentage bündeln sich vielfältige mystisch-religiöse Traditionen des Abendlandes, die der Komponist in seinen Libretti aufgegriffen und neu gestaltet hat.

Das gigantische Werk basiert auf ­einer »Superformel«, deren musikalisches Material die drei Hauptprotagonisten verkörpern, die Stockhausen mit folgenden Worten beschreibt: »Michael, eine Christus- und gleichzeitig eine Engelsgestalt, die Mensch wird, um den Menschen zu Gott zu führen; Eva als Urmutter des Lebens (mit Anklängen an Maria); und Luzifer als der gefallene Engel des Lichtes.«

Der gesamte Zyklus läuft auf den »Sonntag« zu, in dem sich das Gotteslob in der mystischen Vereinigung von Michael und Eva vollzieht. »Für den Musiker heißt das: Vor Gott zu singen und zu spielen, ihn so zu loben und zu preisen, dass alles Menschenmögliche dabei zum Einsatz kommt«, schreibt im Programmheft der emeritierte evangelische Pfarrer Dr. Thomas Ullrich, in dessen Händen die Dramaturgie der Inszenierung lag. Davon zeugt die Besetzung der Partitur, die neben Vokal- und Instrumentalsolisten zwei Chöre und zwei Orchester ­sowie elektronische Klänge vorsieht. Zwei Bühnen sind erforderlich, die in der letzten Szene simultan bespielt werden. Halle A ist ein runder, weiß ausgestatteter Raum, in dem für das Publikum Liegestühle im Kreis ­auf­gestellt sind, wodurch es von allen ­Seiten bespielt werden kann und sich inmitten des Bühnengeschehens befindet. Halle B ist mit schwarzen ­Stoffen abgeteilt und bietet eine eher traditionelle Guckkastenbühne.

In »Lichter-Wasser« (Szene I) werden die zwölf Himmelskörper des Sonnensystems dargestellt, die sich
in räumlichen Bewegungen der Melodien spiegeln, die ein im Saal verteiltes Orchester spielt und zwei Solisten singen. In einer »Engels-Prozession« (Szene II) schreiten sieben Engelsgruppen durch den Raum und stimmen das Gotteslob in sieben Sprachen mit einer betörend schönen Vokalmusik an. Die Vielfalt der Schöpfung wird in Szene III (»Licht-Bilder«) in ihren unterschiedlichen Manifestationen vom Stein bis zum Geist besungen und in mitunter plakativen Projektionen dargestellt, welche die Zuschauer durch 3D-Brillen in kosmischer Weite erleben können. Szene IV (»Düfte-Zeichen«) verbindet den Rückblick auf die Tage des Zyklus jeweils mit ­einem Duft, der nach oben steigt. In »Hoch-Zeiten« (Szene V) wird die mystische Vereinigung von Michael und Eva simultan in zwei Sälen mit Chor und Orchester gefeiert, wobei an bestimmten Stellen die jeweils andere Darbietung eingeblendet wird. Damit das Publikum beide Versionen erleben kann, wechselt es die Säle. Die Chorfassung, die vom Tonband eingespielt wurde, erfährt dabei durch ­virtuos agierende Tänzer eine happeningartige Umsetzung, welche die Zuschauer mitten hinein in ein ausgelassenes Fest nimmt. Carlus Padrissa von der legendären katalanischen Performance-Gruppe »La Fura dels Baus« hat hier wie an vielen anderen Stellen alle Register eines spektakulären, effekt- und bilderreichen Theaters gezogen. Neben der mit höchster Präzision spielenden »musikFabrik« (Leitung: Peter Rundel), den beteiligten Chören (Leitung: James Wood) und den lupenrein intonierenden Solisten Anna Palimina (Sopran) und Hubert Mayer (Tenor) ist die musikalische Gesamtleitung durch Stockhausens langjährige Weggefährtin Kathinka Pasver zu loben, bei der alle Fäden zusammenliefen.

www.operkoeln.de

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes

8. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Was das Leben des Jesus von Nazareth ausmachte und warum er Menschen mit Glück ansteckte


War Jesus glücklich? Mit diesem Beitrag schließen wir die zweiteilige Folge zu diesem Thema ab.

Christus-Darstellung in  Sant'Apollinare Nuovo, Ravenna, 6. Jahrhundert. Foto: wikipedia

Christus-Darstellung in Sant'Apollinare Nuovo, Ravenna, 6. Jahrhundert. Foto: wikipedia

Menschen dürfen Fehler machen, ohne verdammt zu werden. Da fühle ich mich bisweilen an die Fantasie und Kreativität von Kindern erinnert. Mit Pfannen und Töpfen Musik machen, aus einer alten Bluse ein Abendkleid zaubern. Kinder können das. Künstler tun das. Und bei Jesus werden aus Fischern »Menschen­fischer«, die Ausgestoßenen bekommen einen Platz am Tisch, Frauen einen Namen, eine eigene Geschichte. »Ich halte Jesus von Nazareth für den glücklichsten Menschen, der je gelebt hat. Ich denke, dass die Kraft seiner Phantasie aus dem Glück heraus verstanden werden muss. Alle Phantasie ist ins Gelingen verliebt, sie lässt sich etwas einfallen und sprengt immer wieder die Grenzen und befreit die Menschen, die sich unter diesen Grenzen in Opfer und Entsagung, in Repression und Rache ducken und sie so ewig verlängern. Jesus erscheint in der Schilderung der Evangelien als ein Mensch, der seine Umgebung mit Glück ansteckte, der seine Kraft weitergab, der verschenkte, was er hatte.« Das schreibt die Theologin Dorothee Sölle in ihrem Buch »Phantasie und Gehorsam«.

Was bei Jesus auch auffällt, ist dieses Planlose, dieses Gehen von Ort zu Ort, das Verweilen, sich Zeit nehmen für die Menschen, die sich ihm in den Weg stellen. Eine unglaubliche Wachheit für den Augenblick. Wir planen unser Leben bis ins Letzte und hoffen auf diese Weise, dem Leben alles Glück abzuringen.

Zeitmanagementseminare waren eine Zeit lang die am besten besuchten Fortbildungen. Sicher, es ist hilfreich, mit seiner Zeit sorgfältig umzugehen, um einerseits den Dienstpflichten nachzukommen und andererseits Zeit für Beziehung und zweckfreie Kreativität zu haben. Was in diesen Seminaren jedoch selten vorkommt, ist das Lebensziel, das Paulus das Wachsen des ­inneren Menschen nennt oder von dem Jesus in der Bergpredigt spricht: »Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist« (Matthäus 5,48). Jesus geht äußerlich planlos, unabgesichert von Ort zu Ort. Und doch ist dieses Leben nicht ziellos dahingelebt. Immer ist klar, worum es geht: Befreiung, Wachstum, das Gottgemäße in Menschen und ­Begegnungen. Äußere Ziele, bürger­liche Ziele im Leben hat Jesus von ­Nazareth nicht verfolgt. Den Zimmermannsberuf hat er aufgegeben, hat keine Familie gegründet. In diesem Sinne ein völlig anderer Lebensweg als der, der unseren Vorstellungen von Glück und Lebensfülle entspricht. Und doch setzt er für alle Menschen ein Ziel, in welchen Lebensbezügen auch immer sie sich ­befinden, ob ­verheiratet, verwitwet, alleinstehend, ob in einem Beruf tätig oder von der Versorgung anderer abhängig. Für alle soll gelten: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und ­seiner Gerechtigkeit, dann wird Gott euch alles andere hinzufügen« (Matthäus 6, 33). Es ist das Glück eines Menschen, der sich die Welt nicht einverleiben, sondern zu ihrem Erhalt beitragen will, zu ihrer Verwandlung und Heilung.

Warum überliefern die Evangelien dann nicht ein einziges Lachen? Nur sein Weinen über seinen Freund ­Lazarus, seine Traurigkeit über den reichen Jüngling, seine Klage über ­Jerusalem? Ich möchte es nicht hineinfantasieren, das Lachen, und sehe es trotzdem, wenn er Kinder in den Arm nimmt und streichelt, auf ­einer Hochzeit zu Gast ist und wieder und wieder mit Menschen unterschiedlichster Couleur am Tisch sitzt, isst und trinkt, berührt und sich berühren lässt.

Aber sein Tod. »Wen die Götter lieben, der stirbt jung«, das war die Antwort in der Antike auf das Warum eines zu frühen Todes. »Only the good die young« –, heißt es heute. Keine ­befriedigenden Formeln. Aber auch die Deutungsmuster christlicher Tradition haben bisweilen mehr verzerrt als offengelegt. Jesus erscheint da manchmal mehr in den Tod und ins Leiden verliebt als ins Leben. Die Evangelien sparen nichts aus – nicht die Gewalt und die Verzweiflung, nicht die Angst und die Agonie. Aber es wird auch nichts von dem, was vorher gelebt, gesagt, passiert ist, zurückgenommen: »Ich bin das Leben«, »liebt eure Feinde«, »vergebt 7 mal 70 mal«, »niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde.« Jesus von Nazareth hält das Nein zur Liebe Gottes aus, das ihm in seinen Peinigern und auch in seinen Jüngern begegnet, um am Ende doch alle zu umarmen. Ich weiß nicht, ob man das noch Glück nennen darf. Das biblische Wort dafür ist ­Auferstehung – Gott setzt den ausgestoßenen Gerechten ins Recht und nimmt dem Tod, dem Nein die zerstörerische Kraft.

Melitta Müller-Hansen

»Das Mahnen kommt mir deutlich zu kurz«

7. Mai 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Gert Schramm, einer der letzten noch  lebenden ehemaligen Häftlinge aus dem KZ Buchenwald. Foto: Steffen Reichert

Gert Schramm, einer der letzten noch lebenden ehemaligen Häftlinge aus dem KZ Buchenwald. Foto: Steffen Reichert

»Tag der Befreiung«: Zwei Menschen aus zwei Generationen und ihr Umgang mit der Erinnerung an eine dunkle Zeit

Als Schwarzer in Buchenwald, als Kumpel bei der Wismut und im Ruhrgebiet, als Rückkehrer in die DDR: das bewegte Leben des Katholiken Gert Schramm

An manchen Tagen ging es leicht von der Hand. Gert Schramm setzte sich an den kleinen Schreibtisch in der Nische seines Wohnzimmers und fing die Erinnerungen ein, Zeile um Zeile. Und dann gab es wieder Tage, da musste er es lassen. Das waren die Tage, an denen die Bilder von einst zu mächtig und dämonisch wurden. An diesen Tagen war er nicht Gert Schramm. Er fühlte sich wie Nr. 49489. Die Häftlingsnummer aus Buchenwald.

Nun aber hat er es geschafft. Das Buch, die Erinnerungen eines Afrodeutschen, liegt vor ihm auf dem Couchtisch. Die Nachbarn haben geklingelt und Fragen gestellt. Und schließlich hat Matthias Platzeck bei ihm angerufen. Er habe das Buch, sagte Brandenburgs Regierungschef dem 82-Jährigen, in einem Atemzug die halbe Nacht gelesen. Er sei erschüttert, aber auch beeindruckt. Und dass er ihn gerne mal bei einer Tasse Kaffee kennenlernen würde. Da wusste Gert Schramm aus dem Städtchen Eberswalde, dass es die Mühen wert gewesen war. »Mir ist es wichtig«, umreißt er sein Credo, »dass auch die Jüngeren erfahren, was in Deutschland möglich war.«

Es ist 1928, als der Farbige in Erfurt ­geboren wird. Sein Vater ist afroamerikanischer Stahlarbeiter, der für einen Zeitvertrag nach Deutschland kommt, seine Mutter Schneiderin. Eine »strenge, aber glückliche Kindheit« erinnert Schramm, der im christlich geprägten Umfeld aufwächst. Er ist trotz seiner Hautfarbe akzeptiert. Noch gibt es die Republik von Weimar, aber sie ist verletzlich. Als die Nazis 1933 die Macht an sich reißen, ist es für den Jungen ein schleichender Weg von der Diskriminierung bis zur Internierung. Er darf keine Lehre absolvieren, schlägt sich als Jungarbeiter in einer Autowerkstatt durch. Vom Arbeitsplatz holt ihn 1943 plötzlich die Gestapo ab.

»Schutzhaft« nennt sie das, was dem knapp 15-Jährigen widerfährt. Es geht von Gefängnis zu Gefängnis, Verhören folgen Schläge, den Schlägen folgt der Hunger in der Einsamkeit. Bis er, dem nicht gesagt wird, was sein »Verbrechen« sei, im Juli 1944 von Weimar ins KZ Buchenwald gebracht wird. Gert Schramm ist der jüngste farbige Häftling, der in Buchenwald eingesperrt ist. Auch er bekommt den roten Winkel eines »Politischen«, aber er hat hier keinen Namen mehr. Er ist nun Nr. 49489 aus Block 42.

Gert Schramm sieht mehr Leid und mehr Tote jeden Tag, als er sich je vorstellen können wird. Und doch stellt er, das lernt er sofort, am besten keine Fragen. Jedes Auffallen kann sein Ende bedeuten. Er fragt auch nicht, als er nach wenigen Tagen aus dem Arbeitskommando Steinbruch, das der schmächtige Jugendliche »keine drei Wochen überlebt hätte«, herausgelöst und in eine Gerätekammer mit leichter Innenarbeit abgestellt wird. Er weiß nicht warum, »ich habe ja von den Illegalen nichts gewusst«. Aber diese ­geheimen Häftlingsstrukturen, sie retten ihm das Leben, und der Glaube und der Zusammenhalt, sie prägen ihn auf Dauer. Als die Amerikaner im April 1945 das Lager befreien, ist Gert Schramm einer von 21000, die es geschafft haben – die Spur seines Vaters verliert sich dagegen auf dem Weg nach Auschwitz. Für ihn, den Jugendlichen, beginnt ein neues Leben: »Aber es hat mich hart gemacht, auch ­gegen mich selbst.«

Gert Schramm dolmetscht bei der ­russischen Kommandantur, dann wird er 1950 Kumpel bei der Wismut. Später zieht er mit seiner jungen, ebenfalls katholischen Frau ins Ruhrgebiet nach Essen, wo noch besser und vor allem in D-Mark bezahlt wird, wo er sich einrichtet und versucht, Ruhe zu finden. Dass er 1964 wieder in die DDR übersiedelt, ist nur seiner Schwiegermutter geschuldet, die die Tochter immer wieder bittet heimzukehren. Irgendwann sagt er Ja.

Eberswalde heißt die neue Heimat. Die 40000 Seelen zählende Stadt wird auf ­tragische Weise bekannt, weil hier 1990 mit dem Angolaner Amadeu Antonio das erste Todesopfer rechtsextremistischer Gewalt im vereinten Deutschland zu beklagen ist. Auch wenn das nun 20 Jahre her ist, es »ruhiger geworden ist; wie der vierfache Vater versichert: Gert Schramm kämpft noch immer gegen die braune Gesinnung. Seit zwei Jahrzehnten wirbt er als Zeitzeuge in Schulklassen für Toleranz, ringt als Mitglied im Häftlingsbeirat um das richtige Bild von Buchenwald.

Aber er macht sich als Mitglied im Schützenverein auch dafür stark, dass alle anerkennen, dass die deutsche Einheit selbstverständlich, ihre Demokratie freilich verteidigt werden muss. »Ich verstehe nicht, warum die NPD nicht verboten wird«, klagt er. »Eine Partei, die die Demokratie abschaffen will, kann sich nicht auf den Schutz der Demokratie berufen.«

Die Angst vor dem »Noch einmal«. Es ist einer dieser Punkte, den er den einstigen Häftlingen von Buchenwald erklären muss, wenn sich die letzten Überlebenden in Weimar treffen. Es gibt nicht mehr viel, die aus eigenem Erleben vom KZ berichten können. Vielleicht 100 aus den Ländern dieser Welt, ganze fünf noch aus Deutschland. Gert Schramm will nicht nur Gedenken: »Das Mahnen kommt mir deutlich zu kurz«, lautet sein Resümee.

Von Steffen Reichert

Buchtipp:
Schramm, Gert: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann. Mein Leben in Deutschland,
Aufbau Verlag 2011, 267 Seiten, ISBN 978-3-351-02727-8, 19,95 Euro.

Bezug über den Buchhandel oder den ­Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Der andere Fernsehsender

1. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

ARTE mit seinem Programm für anspruchsvolle Zuschauer.

arteWer am Ufer der Ill in Straßburg entlangschlendert, sieht sich plötzlich mit einer ungewöhnlichen Figur konfrontiert. Eine meterhohe Skulptur vor dem Eingang eines Gebäudes aus Glas und Stahl am Quai du Chanoine Winterer weckt das Interesse des Besuchers. Es ist der »Giraffenmann«, geschaffen von Stephan Balkenhol, einem Künstler aus Karlsruhe. Sie hat ihren Platz vor dem Haupteingang des Fernsehsenders »ARTE«.

Seit Oktober 2003 ist hier Sitz des europäischen Kulturkanals, in der Nähe und Umgebung europäischer Institutionen. Der Beginn des Kulturkanals ist eng mit den Namen des französischen Präsidenten Francoise Mitterand und dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl verbunden. »ARTE sollte der Schlussstein im deutsch-französischen Versöhnungswerk sein«, sagt Programmdirektor Dr. Christoph Hauser. Die Vision wurde Wirklichkeit. Der zwischenstaat­liche Vertrag wurde am 2. Oktober 1990 zwischen Frankreich und Deutschland unterzeichnet. Bald darauf wurde ARTE (Association Relative à la Télévision Européenne) ins Leben gerufen. »Ziel war es, ein Kulturprogramm zu bieten, das den Völkern in Europa dient«, so Hauser, »auch wenn nicht alle Fragen gleich gelöst werden können.«

Heute ist man längst weiter.

ARTE versteht sich als ein moderner, internationaler Kulturkanal, der sich bemüht, Fragen unterschiedlicher Kulturen, der Identi­täten von Völkern und ihrer Religionen sich zu Eigen zu machen. ARTE TV sendet hochwertige Dokumentationen, bereitet Themenabende auf, überträgt Opern aus den großen Häusern Europas, bietet ­Musik- und Tanzübertragungen auf internationalem Niveau, sendet aufwendige Spiel- und Fernsehfilme wie »The War« oder der »Vietnamkrieg« etc. Empfangen wird das Programm in vielen europä­ischen Ländern und über Europas Grenzen hinaus. Es gibt Assoziierungs- und Kooperationsabkommen mit vielen staatlichen TV-Sendern in Mittel- und Osteuropa.

Fast 200 Millionen Menschen können ARTE sehen.

Aber der Sender versteht sich dennoch nicht als Massenprogramm. Bei ARTE fehlen daher Shows und Sportübertragungen. »Es geht nicht um Quote, sondern um Qualität«, sagt Hauser. Etwa ein Prozent des Fernseh­publikums in Deutschland sieht ARTE, in Frankreich ist der Marktanteil höher.

ARTE als öffentlich-rechtlicher Kultur-Kanal finanziert sich über die in Deutschland und Frankreich erhobenen Rundfunkgebühren zu 95 Prozent. Werbung ist fehl am Platze. An ARTE beteiligen sich ARD und ZDF zu 50 Prozent.

Der abgeschlossene völkerrechtliche Vertrag steht über dem jeweiligen nationalen Recht. Verwaltungsdirektor Victor Rocaries: »In ARTE ist viel Vertrauen geflossen. Wir ­stehen aus nationaler Sicht immer irgendwo dazwischen. Unsere Struktur hebt sich aus den jeweiligen nationalen Strukturen heraus.« Kontrolle durch einen staatlichen nationalen Rechnungshof würde dem zwischenstaatlichen Vertrag widersprechen.

ARTE unterliegt auch ­keiner Jugendschutzregelung. »Wir leben eine Freiheit mit eigenen Regeln, die in beiden Ländern akzeptiert werden«, so Rocaries.

Ulrich Wickel