Der große Sünder ganz in Rot

Korsika: Die Karwoche und das Osterfest auf der Insel stehen ganz im Zeichen der religiösen Bruderschaften
Höhepunkt in Sartène: Die Karfreitagsprozession mit dem verhüllten »Großen Büßer« in Rot, der vom »Kleinen Büßer« in Weiß unterstützt wird. (Foto: Günter Schenk)

Höhepunkt in Sartène: Die Karfreitagsprozession mit dem verhüllten »Großen Büßer« in Rot, der vom »Kleinen Büßer« in Weiß unterstützt wird. (Foto: Günter Schenk)

 
Bevor sich die sommerlichen Touristenströme auf die ­französische Mittelmeerinsel ergießen, feiern die Korsen nach jahrhundertealtem Brauchtum die Karwoche und das Osterfest.

In Bastias Hafen ankern die Fähren. Riesige Transporter, die jeden Sommertag Tausende von Touristen bringen. Jetzt aber herrscht Ruhe entlang der Kais, noch ist keine Urlaubssaison. Mit dem Palmsonntag aber verwandelt sich Korsika, rücken die ersten Gastronomen ihre Stühle ins Freie, rüsten für die Osterwoche, die wie in Spanien oder Italien auch im französischen Korsika groß gefeiert wird. Mit feierlichen Gottesdiensten, vor allem aber mit großen und kleinen Prozessionen, die ihr Gesicht seit Jahrhunderten kaum verändert haben.

Sogenannte Confréries bilden das Rückgrat jeder Prozession. Religiöse Bruderschaften, die einst fast zu jeder korsischen Pfarrei gehörten.

Korsikas Bruderschaften tragen ein schweres Erbe. Jahrhunderte lastete allein auf ihnen die soziale Verantwortung, waren sie für Krankenpflege, Sterbehilfe und Bestattung zuständig, kümmerten sie sich um Arme und seelisch Notleidende. Mindestens zwei- bis dreimal jährlich zeigten sie sich öffentlich, bei den Patronatsfesten gewöhnlich, vor allem aber während der Karprozessionen. Noch heute ziehen an den Tagen vor Ostern Tausende in Kapuzenmänteln übers Land. Bußfertige Korsen, barfuß und vermummt, die so an das Leiden und Sterben Jesu erinnern.

Die Bruderschaften sind die wichtigsten Stützen korsischer Volksfrömmigkeit in einem Land, wo Staat und Kirche strikt getrennt sind.

Wie die Krippen zu Weihnachten sind in der Karwoche in Korsikas ­Kirchen sogenannte Heilige Gräber Treffpunkt der Gläubigen. Blumen­geschmückte Arrangements um den sterbenden oder toten Christus, um Bilder und Statuen des Gekreuzigten. In seinem Gedenken sammeln sich die Korsen schon am Gründonnerstag, ziehen die ersten Bruderschaften von einer Kirche zur anderen, stattet man sich gegenseitig Besuche ab.

Ihren Höhepunkt finden die Umzüge am Karfreitag, wenn die ganze Insel auf den Beinen zu sein scheint. In den Dörfern des Cap Corse, wo sich die Macchia bis zum Mittelmeer streckt, ebenso wie in der Castagniccia, dem gebirgigen Inselinnern, wo total vermummte Büßer seit Jahrhunderten ihre Kreise drehen, deren Symbolgehalt Fremden verschlossen bleibt. Selbst in den großen Städten wie Ajaccio, Bastia, Calvi oder Corte muten die Karfreitagsprozessionen wie archaische Riten an. »Perdono mio Dio«, klingt es dann überall im Land, »Herr, vergib mir.«

Krönung des korsischen Karfreitags ist die Prozession in Sartène. Spät abends treffen sich die Menschen dort in der Altstadt, warten auf die »Bruderschaft vom Heiligsten Sakrament«, die eine der ältesten Traditionen des Landes am Leben hält: die Bußprozession »U Catenacciu«. Ihren Namen verdankt sie einer 14 Kilo schweren Eisenkette, die ein unbekannter Büßer zusammen mit einem über 30 Kilo schweren Holzkreuz Jahr für Jahr barfuß durch die Straßen schleppt. Lang sind die Wartelisten für den öffent­lichen Bußgang. Niemand kennt in der Regel die Identität des »Großen Büßers«.

Niemand außer ein paar Franziskanern, die den Sünder in seiner roten Kutte betreuen. Ganz in Weiß steht ihm ein »Kleiner Büßer« zur Seite, der Simon von Kyrene symbolisieren soll. Jenen Mann, der Jesus einst auf seinem letzten Weg zum Kreuz begleitete. Und wie Christus in Jerusalem fällt auch der Catenacciu bei seinem Gang durchs Städtchen dreimal auf die Knie.

Nach knapp zwei Stunden hat der Bußgang den Platz vor der Kirche erreicht. In den Bars und Kneipen gegenüber trinkt man einen letzten Kaffee, manche auch ein Gläschen Bier oder Wein. Zur großen Feier aber ist niemandem zumute.

Noch ist Karfreitag, nicht Ostern. Dann aber ist alles Leid vergessen, feiert Korsika den Wiederauferstandenen. Am ausgelassensten in Cargèse, wo die katholische Kirche gegenüber der griechisch-orthodoxen steht.

Schwerstarbeit ist das für den Pfarrer, der als einziger Geistlicher der Welt gleich in beiden Gotteshäusern Messe lesen darf, mit päpstlichem Segen versteht sich. »Halleluja«, verheißen die Katholiken, »Christós Anésti«, freuen sich die Orthodoxen. Zwei Kirchen mit einer Botschaft.

Günter Schenk

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