Respekt vor dem anderen

30. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Pfarrerinnen und Pfarrer aus Mitteldeutschland gingen im Libanon der religiösen Vielfalt des Landes nach.
 
Pfarrerinnen und Pfarrer aus Mitteldeutschland bei Bischof Aram I. von der Armenisch-Apostolisch-Orthodoxe Kirche bei Beirut. (Foto: Konstantin Rost)

Pfarrerinnen und Pfarrer aus Mitteldeutschland bei Bischof Aram I. von der Armenisch-Apostolisch-Orthodoxe Kirche bei Beirut. (Foto: Konstantin Rost)

 
Theophilos George Saliba ist ein Meister der Gleichzeitigkeit. Der syrisch-orthodoxe Erzbischof thront an der Stirnseite seines Beiruter Audienzsaales und empfängt eine Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern aus Mitteldeutschland. Groß ist Salibas Empfangsraum, und so ­findet am anderen Ende auch noch eine mittelgroße Trauergesellschaft Platz.

Zur Irritation deutscher »Eins-nach-dem-anderen-Mentalität« passiert nun alles gleichzeitig: Während Bischof Saliba die weinenden Frauen und Männer tröstet, hält er zugleich den deutschen Pfarrerinnen und ­Pfarrern einen Vortrag über die Situation seiner syrisch-orthodoxen ­Kirche.

»Die Türken werden bald auch Euch kochen«

»Wir sprechen noch Aramäisch, die Sprache unseres Herrn Jesus Christus«, verkündet Saliba, da klingelt plötzlich sein Handy und der Bischof telefoniert geschwind auf Arabisch. Den Deutschen erzählt er unterdessen im besten Englisch weiter von der leidvollen Geschichte der orthodoxen Syrer.

Von Unterdrückung und Benachteiligung weiß er zu berichten, durch die byzantinische Reichskirche im ersten Jahrtausend, später durch die Kreuzfahrer, aber vor allem durch die türkischen Moslems in der Zeit des Völkermordes an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts: »Unsere Mission ist das Martyrium«, ist er sicher.

Wie die armenischen Christen seien auch die syrischen Christen von den Türken verfolgt worden, einzig weil sie Christen waren. Saliba warnt auch die Deutschen eindringlich: »Passt auf, die vielen Türken in Deutschland werden bald auch Euch kochen, so wie uns!«

Ängste dieser Art hat Ramy Wannous nicht. »Der Islam ist für uns Christen keine Bedrohung«, beruhigt er seine deutschen Gäste. Denn Moslems und Christen lebten in dieser Gegend schon seit 1400 Jahren ­auskömmlich miteinander.

Für den Dozenten an der rum-orthodoxen Universität von Balamand stellen sich die Probleme anders dar: Bedrohlich sei nicht der Islam, sondern der Islamismus, also ein politisierter Islam. Aber die größte Schwierigkeit sei die Abwanderung der Christen aus dem Libanon, besonders seit dem Bürgerkrieg.

Vor allem die gut ausgebildeten jungen Menschen wollten nicht in ­einem Land leben, das so viele gewaltsame Konflikte kenne. »Viele suchen im Westen ihr Glück.«

Dort angekommen, würden sie oft gefragt, wann sie denn im Libanon zum Christentum konvertiert seien. Als Christ des Patriarchats von Antiochia ist Wannous entsetzt: »Uns gibt es hier, seit es Christen gibt.« Immerhin seien es die Anhänger Jesu in Antiochia gewesen, die in der Bibel zum ersten Mal als Christen bezeichnet wurden (Apostelgeschichte 11,26).

Brückenbauer zwischen Christen und Moslems

Anders als die uralten Kirchen des Orients haben sich missionierende protestantische Kirchen erst im 19. Jahrhundert im Nahen Osten angesiedelt. Einige davon bilden ihren Nachwuchs an der Near East School of Theology (NEST) im quirligen Beiruter Stadtteil Hamra aus. Hier wohnen Christen und Moslems seit jeher Tür an Tür.

»Wir wollen Brücken bauen zwischen islamischer und westlicher Welt«, erklärt George Sabra, Akademischer Leiter der theologischen Hochschule, den deutschen Geistlichen. Nach seiner Sicht verlaufen die Konfliktlinien der Gegenwart aber nicht in erster Linie zwischen Christen und Moslems, sondern eher innerhalb des Islam, nämlich zwischen Sunniten und Schiiten.

Ein Meister der Gleichzeitigkeit scheint Katholikos Aram I. nicht zu sein. Denn anders als sein Bischofskollege Saliba widmet sich der armenische Kirchenführer seinen deutschen Gästen mit ungeteilter Aufmerksamkeit und verzichtet auf ­zeitgleiche Trauerempfänge oder Telefonate.

»Libanon ist ein Land christlich-muslimischer Koexistenz«, versichert der Katholikos von Kilikien. Für ihn ist das Land der Zedern mit seiner religiösen Vielfalt einfach der ideale Ort, »Respekt zu lernen vor dem Anderssein des anderen.«

Konstantin Rost

Orthodoxe Kirchen im Libanon

Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien ist eine altorientalische ­Kirche, erwachsen aus dem altkirchlichen Patriarchat von Antiochia. Sie versteht sich nach der Urgemeinde in Jerusalem als die älteste christliche Kirche überhaupt.

Als Rum-Orthodoxe Kirche werden das autokephale (selbständige) ­orthodoxe Patriarchat von Antiochia und die ihm nachgeordneten Kirchen ­bezeichnet. Der Patriarch residiert heute in Damaskus. Diese Kirche hat viele ­Gemeinden im Ausland und gilt als »progressive« Kraft unter den orthodoxen Kirchen. So wird in Auslandsgemeinden im Gegensatz zu den meisten orthodoxen ­Kirchen oft die jeweilige Landessprache in der Liturgie verwendet.

Die Armenische Apostolische Orthodoxe Kirche ist eine altorientalische Kirche mit zwei Patriarchaten (Jerusalem, Konstantinopel). Sie führt ihre Existenz auf das Wirken der Apostel Judas Thaddäus und Bartholomäus zurück, die der Überlieferung nach in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts in Armenien gepredigt und Gemeinden gegründet haben und das Martyrium erlitten.

Das Glück, den Willen Gottes zu tun

29. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Die Erfahrung der Gnade, der Liebe, der unverbrüchlichen Bindung an Gott prägt die Art Jesu, sein Tun und Lassen.

 
War Jesus ein glücklicher Mensch? In einer zweiteiligen Folge beschäftigen wir uns mit dieser Frage.

»Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe« - die Zusage der unverbrüchlichen Bindung an Gott im Tauferlebnis prägten das Leben Jesu. Eine Darstellung der Taufe Jesu, die den Malern Andrea de Verrocchio und Leonardo da Vinci zugeschrieben wird.

»Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe« - die Zusage der unverbrüchlichen Bindung an Gott im Tauferlebnis prägten das Leben Jesu. Eine Darstellung der Taufe Jesu, die den Malern Andrea de Verrocchio und Leonardo da Vinci zugeschrieben wird.

Die Evangelien sind diskret. Sie ­erzählen wenig über die persönlichen Gefühle Jesu.

Er starb früh, sein Ende war grausam. Aber hatte er ­wenigstens bis dahin ein glückliches Leben? Eine selten bis nie gestellte Frage – ob Jesus glücklich war.

Ob er es wirklich war, ein glücklicher Mensch, werden wir sicher nicht im historischen Sinne nachweisen können, aber diese Frage wird uns selbst verändern. Wir überlassen es jedenfalls nicht der Sprache der Werbung, des Kommerzes allein, Glück zu definieren. Und entreißen das Glück dem Verdacht, etwas Egoistisches, Banales zu sein, wenn wir es wagen, Glück in diesem Lebensweg zu entdecken.

Wenn wir von Glück reden, dann meinen wir gemeinhin das Glück, das uns zufällt – Glück müsste man haben!

Ein Glück, das kommt und geht, das wir vielleicht auch auf Kosten anderer erleben. Ein Glück, das uns bisweilen auch den Neid der anderen einhandelt.

Jesus kennt eine andere Glücksformel und steht damit in der Tradition der Psalmen und der Propheten. Es gibt ein Glück, so sagt er, das wir Menschen suchen und gestalten und vermehren können. Nicht Fortuna teilt es uns zu – willkürlich und vergänglich. Es gibt das Glück, den Willen Gottes zu tun. Dafür steht das Wort »selig« in der Bibel, aschrej (hebr), makarios (griech). »Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen …, sondern hat Lust am Gesetz des Herrn«, so beschreibt der erste Psalm Glück.

So beschreibt Jesus selbst in den Seligpreisungen, was er unter Glück versteht und wer in seinem Sinn zu den Glücklichen dieser Erde gehört. Es sind Menschen, die in Kontakt mit ihrer ­Lebensquelle sind – mit Gott.

Nicht Erfolg, nicht das Haus, das Auto, das Boot, nichts Äußeres und kein Haben, keine vorzeigbare Ware – das Glück ist hier ein Finden und Erkennen, ein Sein und ein Tun.

In der Taufszene am Jordan bekommt Jesus eine Antwort: »Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!« Diese Erfahrung der Gnade, der Liebe, der unverbrüchlichen Bindung an Gott steht am Anfang, sie prägt seine Art, in dieser Welt gegenwärtig zu sein. Sie prägt sein ganzes Tun und Lassen. Jesus kann sagen: »Ich bin das Leben«, ihm gehört der Himmel, die Seligkeit, das Reich. Und deswegen ist er so frei und offen für Gott und die Menschen. Und wohl auch glücklich.

Die Tradition hat dafür den Begriff »Gehorsam« geprägt. Jesus ist gehorsam Gott gegenüber, er lebt aus diesem Hören auf Gott und ist so frei, seinen Willen zu tun. Daraus ist allerdings eine Theologie des Gehorsams entstanden, die auf Autoritäten und Pflichterfüllung, auf Zucht und Ordnung setzt und ein Gefälle mit sich bringt, das das Christentum über Jahrhunderte geprägt hat.

Im Mittelpunkt steht der Gehorsam Gott gegenüber. Daraus folgt der Gehorsam gegenüber den geistlichen Autoritäten, dem Familienvater, der Obrigkeit. In dieser Ethik geht es nicht mehr darum, ob die Gehorsamsleistung, die Pflichterfüllung auch inhaltlich sinnvoll ist, das steht nicht infrage und nicht zur Debatte. Es geht allein um die Beziehung zwischen dem, der Gehorsam fordert, und dem, der ihn zu erbringen hat.

Jesus von Nazareth erfüllt den Willen Gottes in einem anderen Sinn. Gottes Wille ist nichts, was ein für alle Mal feststeht. Vielmehr fordert die Situation eine Antwort, und er entscheidet selbst, was auf angemessene Weise zu tun ist. Er ist nicht Bewahrer einer festen Ordnung, erfüllt nicht nur was vorgegeben ist, sondern handelt spontan und fantasievoll, ohne sich der Verantwortung zu entziehen.

Das liegt auch daran, dass Jesus die Welt aus einer anderen Perspektive betrachtet: Die Ordnung der Welt muss sozusagen erst hergestellt werden, sie liegt in der Zukunft.

Er trifft auf die fest gefügte Welt der Antike, in der Fischer an die Netze gehören, Kranke selbst schuld sind und mit ihrer Krankheit eine Strafe Gottes abbüßen; es ist eine Welt, in der Frauen und Kinder Eigentum des Vaters und des Ehemanns sind, eine Welt, in der die Beziehung zu Gott vor allem durch Opfer geregelt ist, die im Tempel darzubringen sind. In diese fest gefügte Welt bringt Jesus eine andere Melodie hinein: Er verändert die Situation der Menschen, denen er begegnet, er erfüllt ihnen Wünsche, ohne nach deren Berechtigung zu fragen.

Melitta Müller-Hansen

Die Bo(o)tschafter aus Anhalt

29. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Aktion: Auf dem Weg zum 33. Deutschen Evangelischen – in Dessau heißt es dazu bald »Leinen los!«
 

Kurs auf Dresden: Schiffsführer Silvio Süßenbach und die beiden Mitorganisatoren Martin Bahlmann und Carsten Damm. (Foto: Thorsten Keßler)

Kurs auf Dresden: Schiffsführer Silvio Süßenbach und die beiden Mitorganisatoren Martin Bahlmann und Carsten Damm. (Foto: Thorsten Keßler)

 
Viele Wege führen zum ­Kirchentag vom 1. bis 5. Juni nach Dresden. Die Evangelische Landeskirche Anhalts reist von Dessau aus mit Marco Polo.

 
Genau genommen: auf der Marco Polo, denn gemeint ist nicht der venezianische Kaufmann und Entdecker, der im 13. Jahrhundert China und Ostasien bereist haben soll, vielmehr geht es um die MS Marco Polo: 27 Meter lang, 6,20 Meter breit, 80 Zentimeter Tiefgang und Platz für bis zu 150 Passagiere. Kapitän Silvio Süßenbach hatte schon häufiger Glaubensgemeinschaften an Bord. »Es wird auch ein paar kleine Seminare geben«, kündigt der Schiffsführer an: »Knoten, Schallsignale oder Flaggenkunde.«

Am Montag, 30. Mai, wird es in Dessau »Leinen los« heißen. Die erste Etappe führt bis in die Lutherstadt Wittenberg, am Dienstag geht die Reise weiter bis in das sächsische Riesa. Dort kommen am Mittwoch dann auch Kirchenpräsident Joachim Liebig und die anhaltischen Posaunenchöre an Bord und nehmen den letzten Abschnitt über etwa 50 Kilometer bis Dresden in Angriff, um am späten Nachmittag pünktlich zur Eröffnung des Kirchentages einzutreffen.

Während des Christentreffens vom 1. bis 5. Juni geht die MS Marco Polo dann am Schiffsanleger an der Carola­brücke in Dresden vor Anker und ­repräsentiert als schwimmende »Anhaltische Bo(o)tschaft« unter dem Motto »vernünftig und fromm« die Landeskirche. »Kirchentagsbesucher sind ganz herzlich eingeladen, Anhalt kennenzulernen«, sagt Martin Bahlmann vom Kinder- und Jugendpfarramt der Landeskirche und einer der Organisatoren der Flusskreuzfahrt zum Kirchentag. Es geht um »Christsein in einer kleinen, selbstbewussten ostdeutschen Landeskirche«, aber auch über die historische Region Anhalt, denn immerhin feiert das ehemalige Fürstentum im kommenden Jahr mit »Anhalt 800« das 800-jährige Jubiläum.

Auf der »Anhaltischen Bo(o)t­schaft« werden die Hauptthemen des Kirchentages aufgegriffen und aus ­anhaltischer Perspektive beleuchtet. So steht am Donnerstag, 2. Juni, der Glaube im Mittelpunkt und dabei vor allem Christsein in einem Umfeld, in dem die Kirche vielen Menschen seit Generationen fremd geworden ist.

Bildung und die gesellschaftliche Verantwortung von Christen in der Politik stehen am Freitag im Zentrum. In einer Podiumsdiskussion sollen die Herausforderungen an die Bildungsträger diskutiert und die Frage gestellt werden, welchen Beitrag die Kirchen leisten können. Mit zahlreichen evangelischen Kindergärten, Horten und Grundschulen bereichert die Landeskirche bereits jetzt die Bildungslandschaft.

Einbezogen in die Veranstaltungen am Freitag ist der inzwischen 4. Elbekirchentag. Bereits seit 2008 setzen sich Christen mit den Elbekirchentagen für den Schutz des letzten frei fließenden Stromes in Mitteleuropa ein. Die sieben Elbanrainerkirchen (Nordelbien, Mecklenburg, Hannover, Mitteldeutschland, Anhalt, Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Sachsen) haben erst im Oktober vergangenen Jahres in einer gemeinsamen Erklärung ein tragfähiges Zukunftskonzept für die Elbe gefordert.

Mit dem Tagesthema Welt am Sonnabend werden dann abschließend die vielfältigen Beziehungen und Verbindungen Anhalts in andere Länder verfolgt.

Das Tagesprogramm auf der »Anhaltischen Bo(o)tschaft« an der ­Caro­la­brücke in Dresden beginnt täglich um neun Uhr mit Morgengebet und der anschließenden Bibelarbeit. Neben den Tagesthemen gibt es zudem jeden Tag die Malaktion »Wenn mein Herz ein Schiff wäre«: Besucher sind dabei eingeladen, ihrer künstlerischen Kreativität freien Lauf zu lassen.

Und so hat auch die MS Marco Polo eine ganze Menge mit Entdecken zu tun, ganz wie der venezianische Kaufmann: Man kann Anhalt und seine evangelische Landeskirche entdecken.

Thorsten Keßler

Ostern – Das Leben erkennen

23. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Warum die Auferstehung sich leise ins Leben schleicht.

Ein Paukenschlag war die Auferstehung Jesu nicht. Sie verlief eher unbemerkt. Gekreuzigt dagegen wurde Jesus in aller Öffentlichkeit. Hohepriester, Schriftgelehrte und Kriegsknechte standen unter dem Kreuz – und nicht zu vergessen das Volk. Spottrufe flogen durch die Luft. Lautes Gelächter folgte darauf. Und oben die Schmerzensschreie der Gehenkten.

Wer gedacht hatte, Jesus kommt genauso laut zurück, hatte sich getäuscht. Kein Triumphzug durch die Stadt! Keine Erscheinung über den Wolken! Keine Zurechtweisung der Welt! Und mehr noch: Es hatte nicht einmal einer erwartet. In den Evangelien stehen Leidensankündigungen. Und für uns Leute nach Ostern sind auch die Vorboten der Auferstehung unübersehbar.

Das Zeichen des Jona, der Tempel, der nach drei Tagen wieder aufgebaut wird. Die Auferweckung ist mit den Händen zu greifen.

Und doch denkt keiner daran. Die Jünger und die Frauen um Jesus sehen die Kreuzigung nur aus der Ferne. Als sie zum Grab gehen, wollen sie den Leichnam salben. Keiner der Menschen um Jesus erwartete die Auferstehung. Sie erkannten ihn nicht einmal, als er vor ihnen stand.

Die zwei Jünger, die nach Emmaus unterwegs waren, treffen einen Mann, der den gleichen Weg hat wie sie. Sie wandern mit ihm eine Zeit lang und erzählen ihm von ihrer Hoffnung. Sie hielten Jesus von Nazareth für den Auserwählten Israels. Aber nun ist er tot, und sie sind resigniert.

Als Jesus ihnen die Bibel aufschließt und die Stellen zeigt, die zur Hoffnung Anlass geben, zucken sie mit den Schultern und lächeln freundlich. Was soll das noch?

Erst als er mit ihnen isst und das Brot bricht, wie er es immer gebrochen hat, erkennen sie ihn. Und genau in diesem Moment verschwindet er auch wieder. Maria aus Magdala steht vor ihm und hält ihn für den Gärtner. »Wo haben Sie meinen Herrn hingelegt?«, fragt sie.

Er hatte sie angesprochen, und sie hatte ihn nicht einmal an der Stimme erkannt. Erst als er ihren Namen nennt, wendet sie ihren Blick. Sie hatte Richtung Tod geblickt, obwohl sie vor Jesus stand. Und nun blickt sie ins Leben.

Im Auferstehungsbericht des Matthäus ist viel Zinnober. Ein Engel, der einen Stein wälzt und wie ein Blitz aussieht. Sein Gewand ist weiß wie Schnee, und die Soldaten fallen in Ohnmacht als er erscheint. Staunend sehen die Frauen in dieses Gewitter der Ereignisse und kriegen dann zu hören: Der Auferstandene ist gar nicht da.

Alle Aufregung geschieht in seiner Abwesenheit. Erst viel später in Galiläa sehen sie Jesus selbst. Erzählt wird das mit diesem schlichten Satz: »Da begegnete er ihnen und sprach.«

Warum geschieht die Auferstehung so beinahe heimlich?

Das »Unvollendete Doppelkreuz« aus Herbert Falkens Zyklus »Scandalum Crucis«, Öl und Sand auf Leinwand (Repro: Anne Gold)

Das »Unvollendete Doppelkreuz« aus Herbert Falkens Zyklus »Scandalum Crucis«, Öl und Sand auf Leinwand (Repro: Anne Gold)

 

Ein Bild des Malers Herbert Falken ­inspiriert mich zu einer Antwort. Seine Arbeit »Unvollendetes Doppelkreuz« entstand 1969 und ist Teil einer Serie, die »Scandalum Crucis« heißt, also den Skandal des Kreuzes abschreitet. Auf der unteren Bildhälfte ist ein Teil des Gekreuzigten zu sehen. Mit dicker, pastös aufgetragener Farbe hat der Maler einen braunroten Torso aufgeschichtet und mit flüchtigen Strichen Rippen und Bauchnabel angedeutet. Sand ist den Farben beigemischt, der die Gestalt schmutzig und flüchtig erscheinen lässt.

Oben am Rand des Bildes ist die Überschrift des Kreuzes in Latein und Deutsch eingezeichnet. Farbschichten sind hier weggekratzt und geritzt, damit der Schriftzug erscheinen kann. Dazwischen ist eine Aussparung. Eine weiße Silhouette erhebt sich mit Haupt und Armen aus dem dunklen Untergrund. Dieses Weiß ist nicht gemalt, sondern einfach der Untergrund der Leinwand.

Das könnte der Grund sein, warum die Auferstehung sich so heimlich ins Leben schleicht. Das Leid ist gut sichtbar. In vielen Schichten prägt es unsere Lebensgeschichte und drückt es unsere Seele. Die Prophezeiungen und Erwartungen üben zusätzlichen Druck aus. Sie assistieren den Narben unserer Biografie.

Auferstehung schafft ein unbeschriebenes Stück Land. Das Leben kann anders weitergehen. Nicht mehr den Tod anstarren, sondern das Leben erkennen, das genau vor einem steht. Das war die Aufgabe der Maria. Dem schneeweißen Engel glauben und nach Galiläa gehen, um dort irgendwo Jesus zu begegnen. Jesus beim Brotbrechen verschwinden sehen, um ihn fortan in jedem Brotbrechen neu zu begrüßen.

Auferstehung schafft ein Stück Neuland. Es ist zuerst kaum sichtbar und schwer zu erkennen. Es erscheint leise. Aber jedes Osterfest erlaubt uns, anders fortzusetzen als wir begonnen haben. Der Freiraum, den wir haben, ist geformt wie der verklärte Jesus.

Frank Hiddemann

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Gera.

Der große Sünder ganz in Rot

22. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Korsika: Die Karwoche und das Osterfest auf der Insel stehen ganz im Zeichen der religiösen Bruderschaften
Höhepunkt in Sartène: Die Karfreitagsprozession mit dem verhüllten »Großen Büßer« in Rot, der vom »Kleinen Büßer« in Weiß unterstützt wird. (Foto: Günter Schenk)

Höhepunkt in Sartène: Die Karfreitagsprozession mit dem verhüllten »Großen Büßer« in Rot, der vom »Kleinen Büßer« in Weiß unterstützt wird. (Foto: Günter Schenk)

 
Bevor sich die sommerlichen Touristenströme auf die ­französische Mittelmeerinsel ergießen, feiern die Korsen nach jahrhundertealtem Brauchtum die Karwoche und das Osterfest.

In Bastias Hafen ankern die Fähren. Riesige Transporter, die jeden Sommertag Tausende von Touristen bringen. Jetzt aber herrscht Ruhe entlang der Kais, noch ist keine Urlaubssaison. Mit dem Palmsonntag aber verwandelt sich Korsika, rücken die ersten Gastronomen ihre Stühle ins Freie, rüsten für die Osterwoche, die wie in Spanien oder Italien auch im französischen Korsika groß gefeiert wird. Mit feierlichen Gottesdiensten, vor allem aber mit großen und kleinen Prozessionen, die ihr Gesicht seit Jahrhunderten kaum verändert haben.

Sogenannte Confréries bilden das Rückgrat jeder Prozession. Religiöse Bruderschaften, die einst fast zu jeder korsischen Pfarrei gehörten.

Korsikas Bruderschaften tragen ein schweres Erbe. Jahrhunderte lastete allein auf ihnen die soziale Verantwortung, waren sie für Krankenpflege, Sterbehilfe und Bestattung zuständig, kümmerten sie sich um Arme und seelisch Notleidende. Mindestens zwei- bis dreimal jährlich zeigten sie sich öffentlich, bei den Patronatsfesten gewöhnlich, vor allem aber während der Karprozessionen. Noch heute ziehen an den Tagen vor Ostern Tausende in Kapuzenmänteln übers Land. Bußfertige Korsen, barfuß und vermummt, die so an das Leiden und Sterben Jesu erinnern.

Die Bruderschaften sind die wichtigsten Stützen korsischer Volksfrömmigkeit in einem Land, wo Staat und Kirche strikt getrennt sind.

Wie die Krippen zu Weihnachten sind in der Karwoche in Korsikas ­Kirchen sogenannte Heilige Gräber Treffpunkt der Gläubigen. Blumen­geschmückte Arrangements um den sterbenden oder toten Christus, um Bilder und Statuen des Gekreuzigten. In seinem Gedenken sammeln sich die Korsen schon am Gründonnerstag, ziehen die ersten Bruderschaften von einer Kirche zur anderen, stattet man sich gegenseitig Besuche ab.

Ihren Höhepunkt finden die Umzüge am Karfreitag, wenn die ganze Insel auf den Beinen zu sein scheint. In den Dörfern des Cap Corse, wo sich die Macchia bis zum Mittelmeer streckt, ebenso wie in der Castagniccia, dem gebirgigen Inselinnern, wo total vermummte Büßer seit Jahrhunderten ihre Kreise drehen, deren Symbolgehalt Fremden verschlossen bleibt. Selbst in den großen Städten wie Ajaccio, Bastia, Calvi oder Corte muten die Karfreitagsprozessionen wie archaische Riten an. »Perdono mio Dio«, klingt es dann überall im Land, »Herr, vergib mir.«

Krönung des korsischen Karfreitags ist die Prozession in Sartène. Spät abends treffen sich die Menschen dort in der Altstadt, warten auf die »Bruderschaft vom Heiligsten Sakrament«, die eine der ältesten Traditionen des Landes am Leben hält: die Bußprozession »U Catenacciu«. Ihren Namen verdankt sie einer 14 Kilo schweren Eisenkette, die ein unbekannter Büßer zusammen mit einem über 30 Kilo schweren Holzkreuz Jahr für Jahr barfuß durch die Straßen schleppt. Lang sind die Wartelisten für den öffent­lichen Bußgang. Niemand kennt in der Regel die Identität des »Großen Büßers«.

Niemand außer ein paar Franziskanern, die den Sünder in seiner roten Kutte betreuen. Ganz in Weiß steht ihm ein »Kleiner Büßer« zur Seite, der Simon von Kyrene symbolisieren soll. Jenen Mann, der Jesus einst auf seinem letzten Weg zum Kreuz begleitete. Und wie Christus in Jerusalem fällt auch der Catenacciu bei seinem Gang durchs Städtchen dreimal auf die Knie.

Nach knapp zwei Stunden hat der Bußgang den Platz vor der Kirche erreicht. In den Bars und Kneipen gegenüber trinkt man einen letzten Kaffee, manche auch ein Gläschen Bier oder Wein. Zur großen Feier aber ist niemandem zumute.

Noch ist Karfreitag, nicht Ostern. Dann aber ist alles Leid vergessen, feiert Korsika den Wiederauferstandenen. Am ausgelassensten in Cargèse, wo die katholische Kirche gegenüber der griechisch-orthodoxen steht.

Schwerstarbeit ist das für den Pfarrer, der als einziger Geistlicher der Welt gleich in beiden Gotteshäusern Messe lesen darf, mit päpstlichem Segen versteht sich. »Halleluja«, verheißen die Katholiken, »Christós Anésti«, freuen sich die Orthodoxen. Zwei Kirchen mit einer Botschaft.

Günter Schenk

Kindergeschichte: »Emma und das neue Leben«

22. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Aufregendes ereignet sich zwischen Karfreitag und dem Ostermorgen auf Josis Hühnerhof.  

Josi lag im Bett und weinte. Wegen Emma. Mama saß am Bettrand und streichelte Josi übers Haar. Sie sagte dabei nichts.
Karfreitag war sowieso ein komischer Tag.

Am Karfreitag erinnerte man sich daran, dass Jesus gestorben war. Das wusste Josi aus der Christenlehre. Deshalb waren alle Geschäfte geschlossen, es durfte keine fröhliche Musik gemacht werden und die Glocken läuteten auch nicht mehr.

Aber dieser Karfreitag war besonders schlimm. Denn heute Nacht war Emma gestorben.

Am Mittwoch war die Klasse 2b im Zoo gewesen. War das eine Aufregung! Josi liebte alle Tiere. Sie wollte mal Tierärztin werden. Gar nicht sattsehen konnte sie sich an den Affen, den Elefanten, den Tigern und den Krokodilen! Und zum Schluss durfte sogar jeder eine Runde auf einem Kamel reiten!

Am Donnerstag fragte Frau Hermann, die Klassenlehrerin, jeden aus der 2b nach seinem Lieblingstier. Florian sagte: »Löwe!«, Lucie sagte: »Affe!«, Jonathan sagte: »Lama!«, Julia sagte: »Zebra!« Außerdem wurden noch dreimal die ­Giraffen genannt, zweimal die Kängurus und die Erdmännchen sowie je einmal die Eisbären, die Otter, die Chinchillas und die Nashörner. Josi war als Letzte dran und sagte: »Hühner.« Hinter ihr wurde gekichert, und Florian rief: »Die gab’s gar nicht im Zoo!«

Frau Hermann schaute Florian streng an, weil er – wie immer – einfach reingerufen hatte. »Ich habe ja nicht gesagt, dass es ein Tier aus dem Zoo sein muss. Wenn Josi Hühner mag, ist das doch in Ordnung.«
emma3

Das war wirklich so. Am liebsten mochte Josi die Hühner. Sie hatten zu Hause sieben Hennen. Josi hatte ihnen sogar Namen gegeben und konnte alle unterscheiden. Und hier sind sie:

Berta mit dem weißen Fleck am Hals,
Frieda mit der hohen Stimme,
Hilda, die dauernd scharrte,
Herta, die kleinste von allen,
Emma mit den langen Schwanzfedern,
Klara, die zutraulichste und
Wilma, die als Einzige braune Eier legte.
Und dann gab’s natürlich noch August den Starken. Das war der Hahn.

Frieda und Emma saßen seit fast drei Wochen auf ihren Eiern und brüteten. Erst hatten beide jeden Tag ein Ei ­gelegt: Frieda insgesamt sieben und Emma vier. Dann hatten sie sich draufgesetzt. Und sie gingen nur kurz von ihren Eiern runter, um was zu fressen oder zu trinken.

»Wieso setzt sich Frieda auf sieben Eier und Emma nur auf vier?«, hatte Josi ihren Papa gefragt. »Das wissen nur die beiden«, hatte der geantwortet. »Sie sind dann halt in Brutstimmung.« Dieses Wort hatte Josi noch nie gehört, aber sie wusste, was es bedeutet. Wenn sie nachschauen wollte, ob noch alle Eier unter Frieda und Emma lagen, dann begannen die beiden sofort nach ihrer Hand zu hacken und wild zu gackern. Keine Chance! Brutstimmung eben.

»Ein brütendes Huhn nennt man Glucke«, hatte Papa ihr erklärt. Die beiden Glucken Frieda und Emma hatten es fast geschafft. Nur noch ­wenige Tage, bis aus den Eiern kleine gelbe kuschelige Küken schlüpfen würden. Und dann das …

Als Josi heute Morgen in den Stall ging, um nach den Hühnern und den Eiern zu schauen, lag Emma neben ­ihrem Nest und bewegte sich nicht mehr. Josi rannte sofort zurück zu Papa und rief: »Komm schnell, mit Emma ist was ganz Schlimmes passiert!« Josi und Papa liefen in den Stall.

Papa nahm Emma hoch, ­untersuchte sie und sagte leise: »Sie ist tot. Aber noch warm. Es muss grade erst passiert sein.« Josi schossen sofort die Tränen in die Augen. »Warum ist sie gestorben, Papa?« »Sie ist sechs Jahre, Josi. Das ist für ein Huhn schon ziemlich viel. Sie war einfach alt.«

Und jetzt lag Josi im Bett und weinte. Wegen Emma.

emma4

»Was wird eigentlich aus Emmas Eiern?«, fragte Josi zwischen zwei Schluchzern. »Papa hat sie Frieda mit untergeschoben. Vielleicht brütet sie ja Emmas Eier mit aus«, erwiderte Mama. »Aber Frieda hat doch selber sieben Eier.« »Na, sieben eigene und vier fremde, das macht zwölf. Das schafft Frieda schon.« »Sieben und vier macht Elf, Mama. Ich kann ja besser rechnen als du!« Josi musste sogar schon wieder lächeln.

»Komm schnell in den Stall!« Es war Sonntagmorgen – Ostermorgen –, und Papa war ganz aufgeregt. Josi zog sich schnell Jacke und Schuhe an und rannte über den Hof. Im Stall gackerte Frieda zufrieden vor sich hin, und um sie herum wuselten elf kleine gelbe Wattebällchen. August der Starke stand in der Nähe, hielt den Kopf schief und beschaute sich seinen Nachwuchs. Papa war richtig aufgedreht.

»Sogar Emmas Küken sind geschlüpft! Alle vier!« Papa lachte vor Freude. »Welche sind Emmas Küken?«, fragte Josi und hockte sich hin. Papa schaute sie erstaunt von der Seite an. »Also Josi, woher …« Dann brach er ab, schob vier Küken ein wenig zur Seite und sagte: »Die sind es.«

emma2

Josi hatte nur Augen für Emmas Küken. Die kleinen gelben Dinger waren noch ganz wacklig und fiepten leise. »Du bist Klein-Emma. Du bist Emmalein. Du bist Emily. Und du bist Emma Zwei. Eure Mama war toll. Sie hatte die längsten Schwanzfedern von allen!«

Text: Thomas Reuter / Zeichnungen: Kathrin Gehres-Kobe

25 Jahren nach Tschernobyl: »Ich habe den Tod überlebt«

21. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Ein fehlgeschlagenes Experiment, ein brennender Reaktor, verstrahlte Menschen und eine auf unbestimmte Zeit zerstörte Region – die Radiobiologin Natalia Manzurova erinnert sich.

Natalia Manzurova gehörte zu den schätzungsweise 700000 Liquidatoren von Tschernobyl. (Foto: Anja Boromandi)

Natalia Manzurova gehörte zu den schätzungsweise 700000 Liquidatoren von Tschernobyl. (Foto: Anja Boromandi)

Auf dem Tisch neben ihr liegt eine kleine Blechdose. Immer wieder greift Natalia Manzurova in sie hinein und nimmt eine Tablette heraus. Am Hals der zierlichen Radiobiologin aus Russland ist eine blasse Narbe zu ­sehen. »Tschernobyl-Collier nennen wir das bei uns«, scherzt sie müde lächelnd und schluckt ihre Arznei.

Im April 2010 erhielt sie die Diagnose Schilddrüsenkrebs. Danach, gesteht die 60-Jährige, sei sie wochenlang hysterisch gewesen. Obwohl sie immer mit der Erkrankung rechnen musste. »Aber wenn es dann wirklich so weit ist, will man es nicht wahrhaben.«

Umso weniger Verständnis hat sie für Pläne, Tschernobyl für den Tourismus zu öffnen, um Devisen ins Land zu bringen. »Ich habe vom Sensationstourismus mit dem Geigerzähler gelesen und bin entrüstet. Ein Besucher meinte: ›Ich war da drin und will da wieder hin.‹ Als ob man Rodeln oder Skifahren gehen würde«, sagt sie kopfschüttelnd.

Natalia Manzurova ist eine von geschätzten 700000 Liquidatoren, die nach der Reaktorkatastrophe vor Ort waren – um dort »aufzuräumen«. Viele ihrer Kollegen sind bereits verstorben. Natalia lebt. Über die ­körperlichen und seelischen Schmerzen redet sie nicht gerne, gesteht sie. Sie tut es dennoch, um vor der teuflischen Gefahr zu warnen, die man nicht sieht, nicht riecht oder spürt. Vor Radioaktivität, die ihr Schicksal und das ihrer Eltern bestimmt und geprägt hat.

Geboren wurde Natalia in Osjorsk, nahe der ersten russischen Kernkraftanlage Majak. »Die baute die russische Regierung als Reaktion auf die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki. Meine Eltern haben über 40 Jahre an und in dieser Anlage gearbeitet, in der früher Plutonium für Atombomben produziert wurde«, erinnert sie sich. 1957 ereignete sich in Majak mit dem Kyschtym-Unfall der erste schwere Atomunfall der Kerngeschichte, der jedoch jahrzehntelang vor der Öffentlichkeit verschwiegen wurde.

Die Katastrophe war folgenreich für die Umwelt und den Menschen, vor allem für die Mitarbeiter. Die Höchstdosis von 100 Röntgen hatte ihr Vater ­irgendwann um das Sechsfache überschritten, der Körper der Mutter war mit 400 Röntgen belastet.

»Mein Vater galt damals als medizinisches Wunder, er hatte fast so eine Art eine Resistenz entwickelt«, erzählt sie mit ruhiger Stimme. Ihre Mutter starb mit 62, der Vater mit 74.

Dennoch trat Natalia beruflich in die Fußstapfen ihrer Eltern. 1976 begann sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin damit, die Auswirkungen der Katastrophe von Majak zu untersuchen. »Durch unsere Erfahrungen, die wir im Ural gesammelt haben, war unser Forschungsinstitut damals das einzige in der Welt, das wusste, wie Radioaktivität den Menschen und die Natur verändert.« Wie bald sie dieses Wissen brauchen würde, ahnte sie damals noch nicht.

Am 26. April 1986 passierte er, der GAU. Der größte anzunehmende Unfall. Vier Tage lang brannte der Reaktor 4 des Kernkraftwerkes von Tschernobyl.

Natalia Manzurova war zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt und alleinerziehende Mutter einer Tochter. Schon wenige Tage später, am 5. Mai, reiste sie mit Physikern, Chemikern und anderen Kollegen nach Prypjat, den nur vier Kilometer vom Reaktor entfernten Ort, in dem zuvor fast 50000 Menschen lebten.

Eine echte Wahl, den Auftrag abzulehnen, hatte sie nie: »Offiziell waren wir ja alle ›Freiwillige‹. Aber andererseits«, relativiert sie, »fährt doch auch jeder Arzt ins Erdbebengebiet, wenn er gerufen wird, oder? Schon aus der Verpflichtung und Verantwortung heraus.«

Die Atmosphäre in Pripjat war gespenstisch. »Alles stand da unberührt, als wäre man vom Himmel gefallen. Die Stimmung war unwirklich: Das neue ­Riesenrad auf dem Rummelplatz, das eine Woche später eingeweiht werden sollte. Oder die Wäsche, die vor einem Haus auf der Leine flatterte.«

Natalia leitete die Aufräumarbeiten. Anfangs durfte sie aufgrund ihres jungen Alters noch nicht zu nah an den Unglücksort, doch irgendwann, sagt sie, war das dann auch egal. »Ich wusste, wie ­gefährlich das für mich war. Sobald die Belastung zu hoch war, wurden wir jedoch ausgetauscht. Der Rhythmus war: 15 Tage Arbeiten, 15 Tage entfernen.«

Natalia nahm Bodenproben und erstellte zusammen mit den Strahlungsmesstechnikern eine Karte. Jeden Tag dekontaminierten Natalia und ihre Mitarbeiter verstrahlte Gegenstände. Sie gruben große Löcher, betonierten sie aus, schütteten den Müll rein und planierten die Stelle zu. Hochradioaktive Dinge wurden mithilfe eines fernge­steuerten Fahrzeuges vergraben. So verschwanden ganze Siedlungen und Dörfer.

Dazwischen gab es immer wieder Momente, die sich in ihren Kopf eingebrannt haben. Wie der, als sie in einem Gebäude Eimer mit toten Säuglingen und Föten fand. »Nach dem GAU gab es viele Abtreibungen per Kaiserschnitt«, erklärt sie und fügt leise hinzu, »nur ich weiß jetzt, wo sie begraben sind. Die Mütter würden sonst bestimmt zurückkommen.«

Die offizielle Sperrzone mit einem Radius von 30 Kilometern existiert heute immer noch. Nur einmal im Jahr, an Ostern, dürfen die ehemaligen Bewohner einen Tag lang nach Prypjat zurück, um die Gräber der Angehörigen zu pflegen, die vor dem Unglück starben.

Die Opfer des Reaktorunglücks hingegen werden bis heute alle auf einem eigens dafür angelegten Friedhof in Moskau beerdigt. Wie viele dort liegen, weiß ­Natalia nicht. Nur, dass sie alle in Bleisärgen beigesetzt wurden.

Die Radiobiologin selbst ist heute Invalide. Sie leidet neben ihrer Krebserkrankung am posttraumatischen Syndrom. Für ihren Einsatz bekam sie von Boris Jelzin eine Medaille. In Abwesenheit, weil sie krank im Bett lag. Sie lacht. »Eigentlich hätten sie mir als Invaliden einen Orden geben müssen. Aber der, der mit der Übergabe der Dokumente für die Verleihung beauftragt war, hat sich selbst für den Tapferkeitsorden eingetragen und mich für eine Medaille«.

Kraft zum Weiterleben schöpft sie aus dem Glauben. »Meine Mutter gehörte zu den Altgläubigen, das ist eine besonders strenge Form der Orthodoxie. Ich habe einen Priester, mit dem ich mich regelmäßig treffe. Was den Tod angeht, kann ich sagen, dass ich ihn überlebt habe. Ich war schon klinisch tot, doch auf dem Weg zum Himmel hat mich Gott wieder zurückgeschickt. Es scheint so, als habe ich noch eine Mission auf der Erde zu ­erfüllen.«

Anja Boromandi

Wann ist eigentlich immer Ostern?

21. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Kaum jemand weiß, wie die Kirchenregeln für das wechselnde Osterdatum angewendet werden.

kalender»Ostern? Das steht doch im Kalender«, sagt Reinhard Mawick, Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Es sei ein »bewegliches Kirchenfest« und könne pendeln zwischen dem 22. März und dem 25. April.

Uralte Regeln legen den Termin fest: Der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond am oder nach dem Frühlingsbeginn am 21. März – dann ist Ostern.

Diese Formulierung hält der Hamburger Astronom Bernd Loibl für falsch. Das Osterdatum folge nicht der Astronomie, sondern allein kirchlichen Festsetzungen.

Der kirchliche Frühlingsanfang sei »nicht der ­Moment der astronomischen Tag- und Nachtgleiche«, sondern immer der 21. März. Dies legte das Konzil von Nicäa im Jahr 325 fest. Und der »Kirchen-Vollmond« sei dem wirklichen Vollmond zwar außerordentlich gut angenähert, aber es könne auch Abweichungen geben, sagt Loibl.

So war im Jahr 1962 am Dienstag, 20. März, »Kirchen-Vollmond«, also nicht im Frühling. Am 21. März war um 7.55 Uhr Weltzeit »echter« Vollmond – Ostern hätte demnach am folgenden Sonntag stattfinden können (25. März) – tat es aber nicht. Denn der erste kirchliche Frühlingsvollmond war später, am Mittwoch, 18. April 1962 – Ostern demzufolge erst am nächsten Sonntag, 22. April.

Der Kirchen-Vollmond folgt einem 19-jährigen Zyklus, den schon der griechische Gelehrte Meton im 5. Jahrhundert vor Christus entdeckte, sagt Loibl. Mit der Gregorianischen Kalenderreform, die Ende des 16. Jahrhunderts den Julianischen Kalender ablöste, wurde dieser Zyklus übernommen, modifiziert und leicht korrigiert, etwa auch durch Schaltjahre.

Wer aber sorgt heute dafür, dass die ­alten Kirchenregeln korrekt angewendet werden?

Dafür gibt es komplizierte Formeln. Und die Ergebnisse können abweichen von den Vollmonddaten der Astronomen, die in den Kalendern stehen. Aber welches Kirchengremium weiß, auf welches Datum der erste kirchliche Frühlingsvollmond fällt?

Bei der EKD gibt es eine »Liturgische Konferenz«. Mitglied ist der Berliner Superintendent Bertold Höcker: »Niemand legt den Ostertermin konkret fest«, sagt er. Dafür gebe es »immerwährende Kalender«, etwa auch die Tabellen des Pfarrerkalenders. Mit den Formeln für den kirchlichen Frühlingsvollmond beschäftige sich die Konferenz nicht. Mittlerweile gebe es auch Osterrechner im Internet. Und ansonsten, sagt auch Höcker, gelte die alte Regel – erster Sonntag nach Frühlingsvollmond.

Der Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, in dem der Pfarrerkalender ­erscheint, gibt an, die Daten gegen Lizenzen von säku­laren Verlagen zu übernehmen. Für ­Aufhellung sorgt der Verlag »Brunnen, Schneider & Baier« in Heilbronn: »Wir beziehen unsere Kalenderangaben gegen Lizenz vom Astronomischen Rechen­institut der Universität Heidelberg«, sagt ein Unternehmenssprecher.

Bei den Heidelberger Astronomen arbeitet der promovierte Kalenderspezialist Reinhold Bien. »Ja«, bestätigt er, »wir rechnen für Ostern mit den alten Kirchenformeln – die astronomische Berechnung der wirklichen Stellung von Sonne, Mond und Erde wäre viel zu aufwendig und kompliziert.« Anfang des Jahres erschienen die »Astronomischen Kalendergrundlagen für 2013« – inklusive der Osterdaten von 2013 bis 2023.

Der wechselnde Termin des Festes beruht auf Kirchenregeln, die alt sind – aber kaum jemand in der Kirche weiß, wie man sie anwendet und wer das macht.

Das höchste Fest der Christenheit pendelt alljährlich durch den Kalender, ohne dass ein kirchliches Gremium damit beschäftigt wäre. Vielleicht, so könnte man munkeln, ist dies der Grund dafür, dass es störungsfrei funktioniert.

Klaus Merhof (epd)

Sein Wirken ist polyfon

17. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Feuilleton

Zum 65. Geburtstag des Leipziger Prof. Martin Petzoldt.

Im Klang der Wirklichkeit – Musik und Theologie.« So lautet der Titel der Festschrift, die zu Ehren von Prof. Martin Petzoldt anlässlich seines 65. Geburtstages am 13. April 2011 erschienen ist. Martin Petzoldt ist Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Evangelisch-Theo­logischen Fakultät der Universität Leipzig.

Martin Petzoldt beschäftigt sich ­vorrangig mit der theologischen Bachforschung. Foto: privat

Martin Petzoldt beschäftigt sich ­vorrangig mit der theologischen Bachforschung. Foto: privat

Für die in verschiedene akademische Disziplinen aufgeteilte Welt der Universität, ist es eine Besonderheit, zwei so unterschiedliche und anspruchsvolle Gebiete wie Musik und Theologie miteinander zu vereinen. »Interdisziplinarität«, heißt das Zauberwort und ist der »neuste Schrei« im universitären Alltag. Umso bemerkenswerter ist, dass dieses scheinbare »Novum« schon lange Zeit als spezifische Kontur des akademischen Profils Martin Petzoldts vorhanden ist. Eines seiner vorrangigen Beschäftigungs­felder ist die theologische Bachforschung. Er lehrt seit 1986 an der Universität Leipzig. Seine musikalische Bildung begann als Schüler an der Kreuzschule Dresden und als Mitglied des Dresdner Kreuzchores.

Aktuell arbeitet Petzoldt an der Vollendung seines vielleicht ehrgeizigsten Projekts – der Kommentierung des gesamten geistlichen Vokalwerkes Johann Sebastian Bachs. Zwei umfangreiche Bände »Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten.« sind bereits erschienen – der dritte Band ist in Arbeit.

Petzoldt lehrt, forscht und publiziert außerdem zu Themen evangelischer Dogmatik und Ethik sowie zu Fragen kirchlicher Praxis. Flankiert und ergänzt werden diese Arbeiten durch zeittypische, lokal- und regionalspezifische Studien. Kürzlich ist ein kleines, wunderbar farbenfrohes Bändchen zu den Fenstern der Thomaskirche Leipzig, unter dem Titel »Leuchtende Erinnerung« erschienen. Martin Petzoldts Wirken ist im wahrsten Sinne des Wortes polyfon.

Er hat ein enges Verhältnis zu den praktischen Wirklichkeiten der Forschungsfelder, mit denen er sich beschäftigt. Als er von 1998 bis 2009 das Amt des Ersten Universitätspredigers innehatte, war er auf diese Weise auch mit dem praktischen Vollzug gottesdienstlichen Lebens in Form der Universitätsgottesdienste betraut – einer Institution, mit der die Universität Leipzig seit ihrer Gründung 1409 regelmäßig an jedem Sonntag und an Feiertagen Gottesdienst feiert. Selbst die Sprengung der alten Universitätskirche St. Pauli konnte dieser Institution nicht den Garaus machen. So ist es umso erfreulicher, dass gegenwärtig die Arbeiten am Neubau der Universitätskirche St. Pauli, die gleichzeitig die Aula des neuen Universitäts­campus sein wird, auf Hochtouren laufen. Als Vorsitzender des Verwaltungsrates des Diakonischen Werks der Inneren Mission Leipzig e.V., ein Amt, das er seit 1991 innehat, weiß er auch um die Herausforderungen kirchlich-diakonischer Arbeit, die sich in einer modernen und globalisierten Welt nicht zuletzt als ökonomische, das Management betreffende Aufgabe stellen.

Petzoldt ist Mitherausgeber der »Theologischen Literaturzeitung (ThLZ)«, der ältesten und umfangreichsten Rezensionszeitschrift für Theologie und Religionswissenschaft. Sie deckt das gesamte Spektrum theologisch-wissenschaftlicher Veröffentlichung ab.

Für die theologische Fakultät der Universität Leipzig und für die ­evangelisch-lutherische Landeskirche Sachsens bildet das Wirken Martin Petzoldts eine große Bereicherung. Der spezifische und in der Landschaft der deutschen theologischen Fakultäten einzigartige Forschungsbereich Martin Petzoldts bildet ein besonderes Herausstellungsmerkmal Leipzigs.

Markus Franz

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Systematische Theologie/Ethik an der Universität Leipzig.

»Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen«

16. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Kindheitserlebnisse prägten den Weimarer Unternehmer Rudolf Keßner für seine Rolle als Oppositioneller der DDR.


In der Passionszeit nähern wir uns von verschiedenen Seiten dem The­ma Verrat. Diesmal das Porträt eines Bürgerrechtlers, der in Konfrontation mit den staatlichen Vertretern der DDR geriet.

Das Wort Verrat nimmt er öfters in den Mund. Doch er meint damit nicht zuerst die Bewachung durch die Stasi, die er vor allem in den letzten Monaten der DDR auf Schritt und Tritt erlebt hatte. Mit Verrat meint er vor allem seine Erfahrungen als Oppositioneller der DDR. In dem »verbrecherischen Regime«, wie er sagt, in dem er vielen Schikanen ausgesetzt war. Mit seinem Enga­gement in Friedens-, Umwelt- und ­Menschenrechtsgruppen machte sich Rudolf Keßner bei den Machthabern äußerst unbeliebt.

»Ich hatte viel Kraft«, sagt der 61-Jährige. Möglicherweise sei auch sein Konfirmationsspruch dafür mit verantwortlich: »Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!« (1. Korinther 16,13). Es gibt einige Erlebnisse in seiner Kindheit und Jugendzeit, die ihn prägten für seine spätere Rolle als Oppo­sitioneller und Bürgerrechtler.

Rudolf Keßner: "In meinem Leben war immer etwas Besonderes." Foto: Maik Schuck

Rudolf Keßner: "In meinem Leben war immer etwas Besonderes." Foto: Maik Schuck

1950 in der Oberlausitz geboren, wurde Keßner in seinem Elternhaus christlich erzogen. Sein Vater besaß eine kleine Druckerei, stand dem DDR-Regime distanziert gegenüber, sei aber nicht antikommunistisch eingestellt gewesen. Als jedoch Rudolf eines Tages mit einem Pionierhalstuch nach Hause kam, ist dem Vater der Kragen geplatzt. »Da habe ich das erste Mal von meinem Vater richtig Dresche gekriegt.«

Der Junge wäre mit dem Ablegen des Halstuches in der Schule abgestempelt worden. Doch die Eltern nahmen ihn aus der staatlichen Einrichtung, brachten ihn nach Herrnhut in ein christliches Kinderheim und bezahlten die teure Ausbildung in der Zinzendorfschule. »Ein absoluter Segen«, sagt Keßner heute. Doch die Zeit des ideologiefreien ­Lernens sollte nicht ewig währen. Für das Abitur musste er auf die staatliche Erweiterte Oberschule in Löbau. Der erste Tag dort hielt ein weiteres prägendes Erlebnis für ihn bereit. Auf dem Schulhof waren alle Schülerinnen und Schüler in FDJ-Hemden angetreten – bis auf Keßner und zwei Mädchen, die ebenfalls die Schule ­gewechselt hatten. »Da setzte etwas ein«, erinnert sich Keßner staunend an die Reaktion, die das Bild der versammelten FDJler auf dem Schulhof in ihm auslöste. »Wir waren nicht verzweifelt.« Auch nicht bange, nun in eine Außenseiterrolle zu geraten, sondern stark. »Nur wir drei sind wichtig«, habe er damals gedacht. In ihm regte sich so etwas wie Stolz, zu etwas Besonderem bestimmt zu sein. Unangepasst. Kein Mitläufer! »In meinem Leben war immer etwas Besonderes.«

Er fühlte sich stark für einen eigenen kritischen Standpunkt und würde dafür Nachteile und Behinderungen in Kauf nehmen. Diese ließen nicht lange auf sich warten. Nach dem Abitur wollte Keßner gern Entwicklungsingenieur werden, doch die Machthaber der DDR ­machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Er ging zum Studium nach Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz. Da er aber den Wehrdienst verweigert hatte und Bausoldat werden wollte, wurde er nach einem halben Jahr ­exmatrikuliert. Verraten und verkauft!

Keßner gehört zu den Jahrgängen, die während der Oberschulzeit einen Beruf erlernten. Er war bei seinem ­Vater in die Lehre gegangen und ist Schriftsetzer geworden. Ein Glücksumstand, da er auf diese Weise überhaupt zu ­einem Berufsabschluss kam. Arbeit erhielt er, nachdem er von der Uni ­geflogen war, trotzdem nicht. Der einzige Job, den er ausüben durfte, war der eines Friedhofsarbeiters. »Ich sage immer Totengräber, denn das war es, was ich gemacht habe.«

Viele der ebenfalls exmatrikulierten Kommilitonen reisten nach Westdeutschland aus oder studierten an einer kirchlichen Hochschule Theologie. »Ich ärgere mich, dass ich das nicht auch gemacht habe. Ich wollte zwar Entwicklungsingenieur, nicht Pfarrer werden. Aber es hätte mir Freude gemacht, mich geistig zu bilden, Hebräisch und Griechisch zu ­lernen.« Zweckfrei etwas lernen zu dürfen –, er bedauert bis heute, dass er diese Chance nicht hatte.

Dennoch gilt: »In meinem Leben war immer etwas Besonderes.« Nachdem er einige Jahre auf dem Friedhof, dann kurze Zeit als Schriftsetzer gearbeitet hatte, kundschaftete sein Vater die Firma Stempel-Rabe in Weimar aus, dessen Inhaber einen Nachfolger suchte. Keßner wurde Meister des Flexografenhandwerks und übernahm 1980 den Privatbetrieb. Er war nun selbstständiger Stempelmacher, bekam Aufträge für Dienstsiegel sogar von der sowjetischen Kommandantur. Die Geschäftsräume der Firma waren auch ein Zentrum der Bürgerrechtsbewegung in Thüringen, wo Keßner, der sich in Rechtsfragen kundig gemacht hatte, für Information und Beratung bereitstand. Ein Engagement, das den staatlichen Stellen ein Dorn im Auge war. Keßner wurde rund um die Uhr bewacht, mehrfach festgenommen und verhört.

Anfang 1989 entschloss er sich auf Drängen seiner Frau, mit der Familie, zu der vier Kinder gehören, nach Westdeutschland auszureisen. Die Wende machte diesen Schritt glücklicherweise überflüssig. Heute sind die Graphischen Betriebe Rudolf Keßner Weimar Corax Color & Stempel-Rabe GmbH ein modernes mittelständisches Unternehmen.

So gilt für Rudolf Keßners Leben ähnlich wie für das aus dem Alten ­Testament bekannte des Josefs, dem Lieblinssohn Jakobs: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott ­gedachte es gut zu machen« (1. Mose 50,20).

Sabine Kuschel

Ostern mit Gänsehaut-Gefühl

15. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Interview: Für den deutschen Propst in Jerusalem bringen Karwoche und Osterfest einen Veranstaltungsmarathon.


In diesem Jahr fallen westliches und östliches (orthodoxes) Osterfest zusammen, darüber hinaus beginnt am Karmontag das achttägige ­jüdische Hochfest Pessach. Johannes Zang sprach darüber mit Propst Uwe Gräbe.

Uwe Gräbe ist evangelisch- lutherischer Propst in Jerusalem. Der 45-jährige, promovierte Theologe lebt mit Familie in Jerusalem und leitet die deutschsprachigen evangelischen Einrichtungen in Israel, Palästina und Jordanien.  Foto: Johannes Zang

Uwe Gräbe ist evangelisch- lutherischer Propst in Jerusalem. Der 45-jährige, promovierte Theologe lebt mit Familie in Jerusalem und leitet die deutschsprachigen evangelischen Einrichtungen in Israel, Palästina und Jordanien. Foto: Johannes Zang

Wie begehen Sie als lutherischer Propst die Karwoche?
Gräbe: Wir haben vom Palmsonntag an eine genauso volle Woche wie alle Kirchen hier. Am Palmsonntag haben wir selbst natürlich keine Prozession, aber ganz viele Leute aus unserer ­Gemeinde sind mit der traditionellen Palmsonntagsprozession unterwegs. Obwohl es ursprünglich eine katholische Veranstaltung ist, ist sie inzwischen ganz ökumenisch geworden.

Was heißt »eine volle Woche wie alle Kirchen in Jerusalem«?
Gräbe: Wir haben während der ganzen Karwoche jeden Tag Passionsandachten. Zudem feiern wir am Gründonnerstag einen gemeinsamen internationalen Gottesdienst mit unseren arabischen und anderen internatio­nalen Partnern; danach gehen wir in ­einer Prozession zum Garten Gethsemane, kommen spät nach Hause, und haben am Karfreitag ganz früh schon wieder gemeinsam mit den Anglikanern eine Prozession auf der Via Dolorosa. Und dann natürlich den Karfreitagsgottesdienst am Nachmittag um 15 Uhr zur Todesstunde Jesu.

Wie werden Sie Ostern feiern?
Gräbe: Ostersonntag beginnen wir in aller Frühe mit einem Osternachtsgottesdienst oben auf dem Ölberg im Garten des Archäologischen Instituts mit Blick über die Judäische Wüste nach Osten. Dort stimmen wir dann das große Osterhalleluja an wenn die Sonne gerade irgendwo über Amman aufgeht. Das ist eine ganz bewegende Erfahrung, gerade für die vielen ­jungen Leute, die Freiwilligen- und Zivildienst hier im Land leisten. Das macht eine Gänsehaut. Nach diesem Osternachtsgottesdienst frühstücken wir miteinander. Gestärkt wandern wir dann in der Gemeinschaft runter in die Altstadt. Hier gibt es abschließend den großen Hauptgottesdienst in der Erlöserkirche. Danach wird erst einmal geschlafen.

Erlebt man hier in der Konfliktregion Nahost die Karwoche und Ostern intensiver als anderswo?
Gräbe: Auf jeden Fall! Schon weil der politische Konflikt eigentlich immer mitschwingt. Ganz exemplarisch ist die Frage der Permits, der Passierscheine, für Christen. Es ist ja so, dass Menschen aus dem Westjordanland, besonders wenn sie zu einer bestimmten Altersgruppe gehören, es grundsätzlich sehr schwer haben, eine Erlaubnis zu bekommen, um auf diese Seite der Sperranlage zu gelangen. Zwar haben die Israelis eigentlich die Regelung, an hohen christlichen Feiertagen sehr freigiebig mit Permits zu sein, aber sie haben auf der anderen Seite ebenso die Regelung, zu den ganz hohen jüdischen Feiertagen, die Kontrollpunkte einfach zuzumachen. Und so kann es dann in der Karwoche und zu Ostern zu der Situation kommen, dass die Christen in Bethlehem zwar alle Passierscheine haben, aber dann trotzdem der Checkpoint zugemacht wird, weil gerade einer der Haupttage von Pessach ist.

Gibt das Fest der Auferstehung auch Hoffnung, dass es jemals zu einer guten Lösung des Konflikts kommt?
Gräbe: Sonst wären wir, glaube ich, nicht Christen. Ich erlebe es ganz oft mit Solidaritätsgruppen: Die kommen so richtig belastet hierher, haben vorher ganz viel studiert und wissen, der Nahostkonflikt ist so schwierig. Und dann haben sie oft so theoretische Überlegungen, die noch mehr Schwere im Raum verbreiten. Und ­dagegen zu erleben, dass die Menschen hier, die es wirklich am allerschwersten haben, am allerfröhlichsten das Osterhalleluja anstimmen können – das ist etwas, was durchaus überspringen sollte.

Das Kreuz mit dem Halbmond

Kreuz und Halbmond, Foto: EKvW

Kreuz und Halbmond, Foto: EKvW

Streitfrage: Glauben Christen und Muslime an denselben Gott? – Versuch einer salomonischen Antwort

Oft wird betont, dass Juden, Christen und Muslime doch letztlich an denselben Gott glauben. Andere widersprechen dem entschieden. Ein scheinbar unlösbarer Widerspruch.

Das Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland gelingt nicht überall ohne Probleme. In den zum Teil sehr heftig ausgetragenen Debatten über Integrationspolitik und kulturelle Unterschiede wird immer wieder auch auf die Religion des Islam Bezug ­genommen. Insbesondere dort, wo der Eindruck der Fremdheit überwiegt und Angst erzeugt, wird oft versucht, dies auch theologisch im Gottesbild festzumachen. Aus dem ­Vergleich gegensätz­licher Aussagen in Bibel und Koran wird festgestellt: Solche ­einander widersprechenden Texte können nicht von dem gleichen Gott stammen. Folglich glaubt der Islam an einen anderen Gott als das Christentum.

Auf der anderen Seite kann man beobachten, dass diejenigen, die sich für Dialog und Verständigung engagieren, demgegenüber stärker geneigt sind, die bedeutsamen Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum zu betonen. Sie kommen ebenfalls unter Verweis auf den Koran und die historische Entwicklung zu dem Schluss: Judentum, Christentum und Islam ­beziehen sich auf den gleichen Gott: den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der die Welt erschaffen hat und das Schicksal aller Menschen lenkt.

Wer von ihnen hat recht? Beide – aber jeweils nur in bestimmter Hinsicht. Der erste wichtige Punkt besteht in der Erkenntnis, dass die Aussage von »verschiedenen Göttern« in Islam und Christentum ihre Wurzel und Begründung in der Existenz verschiedener Offenbarungen hat. Es gibt zwei Schriften mit dem Anspruch, Offenbarung Gottes zu sein (Bibel und Koran), die sich aber in wesentlichen Aussagen unterscheiden. Dafür gibt es grundsätzlich zwei Lösungen: Entweder eine der beiden Schriften ist keine Offenbarung Gottes, sondern von Menschen produziert oder verfälscht. Dies behauptet der Islam von den widersprechenden Teilen in der Bibel. Oder sie sind beide echte Offenbarungen, stammen aber von verschiedenen Göttern.

Letzteres führt aber in schwierige ­logische Probleme, denn Christen und Muslime glauben beide, dass es nur einen einzigen wahren Gott gibt und dass dieser die Welt geschaffen hat. Unmöglich ist es daher für Christen und Muslime zu meinen, dass es diesen Gott nicht gebe oder dass er ein anderes göttliches Wesen (aber nicht der Schöpfer) sei. Möglich bleibt es hingegen, etwas Gott zu nennen, was nicht Gott ist oder etwas Unterschiedliches darüber auszusagen, wie dieser Gott, der die Welt geschaffen hat, in seinem Wesen ist.

Ist es dann so, dass die Muslime etwas Gott nennen, was nicht Gott ist? Dieses Argument wird in der Diskussion immer wieder vorgebracht – oft in der Zuspitzung, Allah sei ein Götze, ein heidnisches Gottesbild, welches aus vorislamischer Zeit übernommen wurde. Dafür spräche, dass man keinen zweiten wahren Gott ­behaupten würde – was nach christlichem Bekenntnis ja unmöglich ist –, sondern menschliche Verirrungen in der Gottesvorstellung benennt. Allerdings ist der Begriff »Götze« ungeeignet, denn er bezeichnet in der Bibel eindeutig dingliche Figuren, geschnitzte Götzenbilder und damit die Verwechselung von Schöpfer und Geschöpf. Solches kann man dem Islam nun wahrlich nicht vorwerfen, der diese Unterscheidung im Bilderverbot sogar auf die Spitze treibt.

Ist »Allah« dann ein (Wüsten-)Dämon oder gar der Teufel selbst? Auch dies kann man in manchen Kreisen immer wieder behauptet finden. Oft wird dabei auf den 1. Johannesbrief, Kapitel 2, Vers 22 verwiesen, wo jeder als »Antichrist« bezeichnet wird, der leugnet, dass Jesus der Christus ist. Diese biblische Aussage gilt aber ursprünglich nicht für den Islam (der damals noch gar nicht existierte), sondern für die Juden – von denen heute aber niemand behauptet, sie würden den Teufel anbeten. Eine solche einfache Umkehrung taugt daher nur für billige Polemik, aber nicht für eine ernsthafte Auseinandersetzung.

Was folgt daraus? Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass Christen und Muslime nicht darüber streiten, wer Gott ist (Gott oder Allah), sondern wie Gott ist (nah oder fern, trinitarisch oder nicht). Der Streit geht nicht darum, welcher Gott richtig ist, sondern welche Offenbarung richtig ist.

Damit bleiben genügend Probleme zu diskutieren. Unter anderem ist aus christlicher Sicht zu betonen, dass die Trinität unteilbar ist. Ein Treffen zum »Abrahamitischen Dialog« lediglich auf der Ebene des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses unter Leugnung oder Ignoranz von Christus und Heiligem Geist entspricht nicht der christlichen Überzeugung.

Fazit: Auf die Frage, »Glauben Christen und Muslime an denselben Gott?«, gibt es keine ganz einfache Antwort. Ein schlichtes »Ja« wäre falsch, denn es unterstellt eine grundlegende Übereinstimmung über das Wesen Gottes, die so nicht besteht. Ein schlichtes »Nein« wäre ebenso falsch, denn es unterstellt die Existenz ­anderer Götter. Der Versuch einer Antwort könnte folglich lauten: Christen und Muslime glauben nicht dasselbe von dem einen Gott.

Harald Lamprecht

Dr. Harald Lamprecht ist Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

Landkonflikt am Posaunenberg

11. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Conchita Benjamin und einige Mitglieder der Gemeinde Neu Herrnhut auf der Karibikinsel St. Thomas überlegen, wie sie altes Kirchenland zurückbekommen können. Foto: Andreas Herrmann

Conchita Benjamin und einige Mitglieder der Gemeinde Neu Herrnhut auf der Karibikinsel St. Thomas überlegen, wie sie altes Kirchenland zurückbekommen können. Foto: Andreas Herrmann

Karibik: Auf der US-Insel St. Thomas kämpfen Herrnhuter Christen um ihr ehemaliges Kirchenland

Auch in »Gottes eigenem Land«, wie sich die USA gern bezeichnen, müssen Kirchen­gemeinden gelegentlich
vor Gerichten ihr Recht ­erstreiten.

Conchita Benjamin von der Gemeinde Neu Herrnhut auf der ­Karibikinsel St. Thomas – die zu den in USA-Besitz befindlichen American Virgin Islands gehört – hat einen Traum: Sie möchte eine kleine Siedlung mit verschiedenen diakonischen Einrichtungen, wie Altenheim, Schule und Wirtschaftsbetriebe einrichten. Ihr Vorbild dazu liegt bei der Diakonie im ostsächsischen Herrnhut. Von hier zogen zu Zeiten des Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf ab 1732 Missionare nach Westindien – so eine ­ältere Bezeichnung für die ­Karibik. Bis heute trägt die karibische Provinz der weltweiten Brüder-Unität, zu der neben St. Thomas noch weitere sieben Inseln der Kleinen Antillen gehören, den Namen Westindien Ost.

Für den Traum der Mittvierzigerin fehlt jedoch neben Geld auch Land. Das möchte sie ändern und hat dazu auch einen Plan. Nach alten ­Land­karten war den Herrnhutern vor knapp 280 Jahren von der damaligen dänischen Kolonialverwaltung mehr Grund und Boden zugesprochen worden, als jetzt noch der Gemeinde gehört. Von dem Gebiet am Posaunenberg – ein Name, den Graf Zinzendorf bei seinem Besuch 1739 höchstselbst dem Hügel gegeben hat – sei heute nur noch ein Viertel übrig geblieben, klagt Conchita Benjamin.

Im Jahre 1917 hatten die USA die ­Inseln St. Thomas sowie St. Croix und St. John von Dänemark gekauft, womit die American Virgin Islands mit der Hauptstadt Charlotte Amalie entstanden. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erstellte die US-Regierung dann ein Landkataster. Später sind jedoch die alten Dokumente ­vernichtet worden, berichtet die Aktivistin. Viel Kirchenland, rund 600 Acres – ein Acre entspricht etwa 4000 Quadratmetern – seien da schon in ­Privathand gelangt. Einflussreiche Leute in der Nachbarschaft hätten Grenzsteine versetzt und das Land als ihres genommen.

In seiner Kindheit, erinnert sich auch Gemeinderat Glenn Kuabena Davis, existierte rund um die alte Herrnhuter Missionsstation ein Aberglaube, dass nachts Teufel über das Land zögen. In Wirklichkeit aber seien das Männer gewesen, die Grundmarken versetzten.

Die Pastorin der Gemeinde Neu Herrnhut, Anique Elmes-Matthew, ist dagegen vorsichtig und rät im Streit um das Land eher zur Zurückhaltung. Zunächst müsse recherchiert werden, ob die Übertragungen von Kirchenland an Privateigentümer in der Vergangenheit wirklich ohne rechtlichen Status erfolgt seien, sagt sie. Darüber hinaus könne sich ihre kleine Kirche einen komplizierten Rechtsstreit gar nicht leisten.

Denn das Land am Posaunenberg gehört derzeit zu weiten Teilen offiziell einer der einflussreichsten Familien auf St. Thomas, mit besten Kontakten zu guten Anwälten in den USA und natürlich ganz anderen finanziellen Möglichkeiten. Hinzu kommt, dass sich die rund 230 Mitglieder der Gemeinde Neu Herrnhut und die heutigen Nutzer des ehemaligen Kirchenlandes auch persönlich kennen und so zwischenmenschliche Konflikte vorprogrammiert sind, die Christen eigentlich vermeiden sollten, gibt die Pastorin zu bedenken.

Die Leute vom Ältestenrat um Conchita Benjamin aber möchten nicht aufgeben. Nächstes Ziel ist die Herbeischaffung weiterer Grundstücksakten, die sich möglicherweise im Archiv der Herrnhuter Brüderunität in Deutschland befinden. Vielleicht sei aber auch eine andere Lösung als die Landrückgabe möglich, meinen sie. Zum Beispiel ein finanzieller Ausgleich durch die US-Regierung, der dann in diakonische Arbeit an anderer Stelle fließen könnte. Aber auch dafür müsse man eben streiten.

Andreas Herrmann

»Im Schreiben konnte ich mir die Welt selber gestalten«

10. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Regelmäßig zieht es Michael Pohlmann an seine einstige Arbeits- und Wirkstätte, die Dresdner Neustadt. Foto: Steffen Giersch

Regelmäßig zieht es Michael Pohlmann an seine einstige Arbeits- und Wirkstätte, die Dresdner Neustadt. Foto: Steffen Giersch

Welt-Parkinson-Tag: Ein Betroffener hat die Krankheit in Literatur verarbeitetet – solange es ging

Am 11. April ist Welt-Parkinson-Tag. Michael Pohlmann leidet an der Krankheit und erzählt von seinem Kampf gegen das Verstummen.

Eigentlich möchte Michael Pohlmann nicht über seine Krankheit sprechen, er hat schon zu oft darüber berichtet und er will nicht allein auf dieses Zittern, dieses Ungelenke, Unberechenbare, kurz auf Parkinson reduziert werden. Aber reden möchte er schon. Zum Beispiel über das, was er mittlerweile nicht mehr vermag zu tun, wovon ihn genau diese Krankheit abhält: vom Schreiben. Michael Pohlmann, 54 Jahre, durchstreift seine kleine Dresdner Wohnung, deren Wände von alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen dominiert werden: Fotos von der Familie seines Großonkels
in Leipzig, die ihn sehr geprägt hat, Bilder von seinem Sohn, einer Reise durch die USA. Dazwischen hängen alte Fahrkarten, ein Schwerter-zu-Pflugscharen-Band und Boxhandschuhe. Und über der Tür klebt dieses Plakat mit dem Kopf von Reiner Kunze, daneben ein Zitat des Schriftstellers: »Das Gedicht ist zur Ruhe ­gekommene Unruhe.« Für Michael Pohlmann bringt es eine ganze Menge auf den Punkt.

»›Maschinenmenschentappern‹, sage ich zu meinen ersten Schritten am Morgen. Meine Beine sind steif, als wären es schlecht geschmierte Prothesen. Stolpernd, die Hände verkrampft in Pfötchenhaltung, setze ich einen Fuß vor den anderen.«

»Am Anfang hab ich gedacht: Gedichte, das ist etwas für pubertierende Mädchen«, sagt Pohlmann. Inzwischen hat er selber Dutzende geschrieben und sie in zwei kleinen Bänden veröffentlicht. Daneben schrieb er viele Erzählungen, kurze Geschichten, meist aus seinem eigenen Leben und Erleben. Pohlmann wurde in Leipzig geboren, lernte zu DDR-Zeiten Krankenpfleger und stöberte dann in anderen Berufsständen herum: als Rangierer, Grabmacher, Bibliothekshelfer oder Fensterputzer. Bevor er kirchliche Sozialarbeit studierte, gründete er mit Gleichgesinnten die erste Wohngemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung der DDR in einem kleinen Dorf in Ostthüringen. Später leitete er die Dresdner Wohnungslosenhilfe und war bis zu seiner Berentung 2002 Kirchensozialarbeiter in Dresden-Mitte. Er hat viel zu erzählen, weil er viele Menschen kennengelernt hat.

Michael Pohlmann hat die Geschichten aufgeschrieben, seine Manuskripte ­einem kleinen Dresdner Verleger zu lesen gegeben und der hat sie gedruckt. Auf einem der Buchrücken steht: »Erste Schreibversuche 1996 im Krankenhaus.« In dem Jahr erfährt Pohlmann seine Diagnose Parkinson, er ist 40 Jahre alt.

»Mit einer ruckartigen Bewegung werfe ich mir die weißen Dinger in den Mund und komme mir dabei vor, wie ein wilhelminischer Unteroffizier, der einem Vorgesetzten zuprostet.«

In seinem ersten Band »Erzählungen über Hoffmann«, der 2004 erscheint, beschreibt Pohlmann in dem Text »Parkinson-Junkie«, wie bei langsam fortschreitenden Symptomen für ihn ein beliebiger Morgen beginnt. Auf den fünf bedruckten Seiten scheint die Zeit stehen zu bleiben. Mit Vergleichen, die beim Leser gleichzeitig ein Schmunzeln und Stöhnen erzeugen, versucht der Autor seinen Krankheitszustand zu beschreiben. »Ich habe früher gerne geschrieben«, sagt Pohlmann. Das leise monotone Sprechen ist eine Folge der Krankheit, die von Verlangsamung, Muskelverspannung und Zittern geprägt ist. »Im Schreiben konnte ich mir die Welt selber gestalten.« Pohlmann sagt »konnte« und meint: Heute ist dieses feinmotorische Handwerk für ihn nicht mehr möglich. »Ich habe dieses unbedingte Bedürfnis zu Schreiben, aber ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Ich sehe es für mich einfach nicht mehr.«

»Starre und Zittern kämpfen um meinen Körper, für die nächsten zwei Stunden hat die Überbeweglichkeit das Sagen. Ich fühle mich aufgezogen wie ein altes Spielzeug.«

Dabei hat Michael Pohlmann lange versucht, seine Literatur über seine Krankheit zu halten. Er entwickelte Lesungen mit musikalischem Programm. Irgendwann konnte er seine Gedichte und Erzählungen nicht mehr selber vortragen. Für einen Moment lehnt er sich gelassen in seinem Sessel zurück, zieht an seiner Zigarette, guckt hinaus zwischen die Häuser des noblen Dresdner Viertels Weißer Hirsch und sagt: »Es ist schön ruhig hier.« Zurückgezogen hat er sich in den letzten Jahren. Nur eines kann ihm die Krankheit so schnell nicht nehmen: Fast täglich setzt er sich auf sein Fahrrad, rollt hinunter in die Dresdner Neustadt, dort wo er einst als Sozialarbeiter fast selbst zum Inventar gehörte.

Maxie Thielemann

Bücher und Audio-CD von Michael Pohlmann, erschienen im Verlag Christoph Hille:
Erzählungen über Hoffmann, 164 S., ISBN 978-3-932858-71-0, 10,50 Euro
Erzählungen über Hoffmann, Audio-CD, ISBN 978-3-932858-72-7, 12,50 Euro
Schneetaubenschlag, 40 S., ISBN 978-3-932858-56-7, 5,00 Euro
Stachelhaut, 176 S., ISBN 978-3-932858-24-6, 12,50 Euro

Die auf dieser Seite empfohlenen ­Bücher sind zu beziehen über den Buchhandel oder den Bestellservice ­Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643) 246161

Das Wort vom Kreuz ist ein Lebenswort

9. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Begründete Hoffnung für alle Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille

Für uns gestorben.« »Christi Leib, für dich gegeben.« »Christi Blut, für dich vergossen.« – Wenn wir den Kreuzestod Jesu als Heilsereignis deuten, dann fragen wir für gewöhnlich danach, was dort für uns geschah, wie Gott im Tod seines Sohnes uns zugute handelte oder wie Jesus selbst für uns in die Bresche gesprungen ist. Heilvoll von der tödlichen Passion Jesu reden, heißt traditionell, sie zu unseren Gunsten deuten – in vielerlei Gestalt: als Sühnopfer für die Sünden, als Lebenshingabe aus Liebe zu den Freundinnen und Freunden, als dramatischen Kampf mit dem Bösen …

Doch dies ist nur die eine Seite des Wortes vom Kreuz, seine befreiende Kunde für alle, die Unrecht getan oder das Gute zu tun versäumt haben. Denn das Wort vom Kreuz geht nicht in dem auf, was Gott in der Passion Jesu für andere tut, sondern fragt auch danach, was Gott für den Gekreuzigten selbst tut. Ein solcher Perspektivenwechsel nimmt Jesus zunächst nicht als Sühnopfer, sondern als ein Gewaltopfer in den Blick, als einen von vielen Menschen, die Opfer von Gewalt sind.

Denn der Tod Jesu am Kreuz ist als letzte Konsequenz seines Lebens nach dem Willen Gottes gleichwohl eine brutale Gewalttat. In einer Welt, in der Menschen hoch hinaus wollen, in der sie herrschen und siegen, andere und sich selbst je neu übertreffen wollen, ruft eine Gestalt, die den Gegenweg geht, den von oben nach unten, nicht nur ungläubiges Staunen und Verwunderung, Hohn und Spott, sondern Aggression und blanken Hass hervor. Die Machtspiele des Fortschritts und der Herrschaft nicht mitzuspielen, das stört und blamiert diejenigen, die sie inszenieren oder sich auch nur daran beteiligen. Spielverderber können darum nicht geduldet werden.

Wie kommt nun Gott seinem zum Opfer von Gewalt gewordenen Sohn zu Hilfe? Gott setzt sich in der Auferweckung des Gekreuzigten zu dieser Gewalttat ins Verhältnis. Das Wort vom Kreuz ist kein Sterbenswörtchen, sondern ein kräftiges Lebenswort: Die Auferweckung Jesu von den Toten ist Gottes schöpferische Antwort auf das Unrecht, das Jesus ans Kreuz gebracht hat. Auferweckung ist Neuschöpfung, Ruf in ein Leben, über das der Tod keine Macht mehr hat.

Sie ist Gottes Widerspruch gegen die, die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Die Auferweckung des unschuldig Hingerichteten ist eine göttliche Protest- und Widerstandshandlung gegen Verhältnisse und Strukturen, in denen Menschen zu Opfern und Tätern von Gewalt werden.

Indem Gott den Gekreuzigten nicht im Tod lässt, setzt Gott das Leben gegen den Tod, den Segen gegen den Fluch durch. Die Auferweckung ist als schöpferisches Tun eine göttliche Segenshandlung am Gekreuzigten. Gott segnet den Gekreuzigten mit unvergänglichem Leben.

Gott ergreift Partei für den, der grausam zu Tode gequält wurde. Gott identifiziert sich mit dem, der zum Opfer gott- und lebensfeindlicher Mächte und Gewalten geworden ist. Mit der Auferweckung des Gekreuzigten entzieht Gott den Gewalttätigen jede Legitimation für ihre Tat. Gott setzt das Gewaltopfer ins Recht. Die Auferweckung Jesu ist ein göttlicher Rechtsakt.

Und nicht zuletzt liegt darin eine Selbstdefinition Gottes. Indem Gott Jesus nicht im Tod belässt, gibt Gott gleichsam zu Protokoll, nicht mit denen verwechselt werden zu wollen, die Menschenopfer fordern oder denen man sie meint darbringen zu müssen.

Unbestritten ist der Gekreuzigte ein Opfer von Gewalt, Gott wurde er damit aber gerade nicht zum Opfer dargebracht. So von der Auferweckung Jesu zu reden, macht hellhörig, wenn von Opfern die Rede ist, die wir angeblich in Kauf nehmen müssen. Ein solches Wort vom Kreuz fordert dazu heraus, im Namen Gottes erhobene Opferforderungen als Missbrauch des Namens Gottes zu entlarven, die Verschleierung von Opferverhältnissen aufzudecken, der Bereitschaft zur Selbstaufopferung entgegenzuwirken, die Faszination, die von der Opferrolle durchaus auch ausgehen kann, zu enttäuschen.

So von der Auferweckung Jesu zu reden, weckt die begründete Hoffnung für alle, die zum Opfer von Gewalt geworden sind, dass Gott der ihnen widerfahrenen Gewalt nicht das letzte Wort lässt, sondern sich an ihnen als protestierender, segnender, zurechtbringender Gott erweist, der nicht tatenlos zuschaut, wenn auch nur einem Geschöpf Gewalt widerfährt. Denn wer Menschen Gewalt antut, schneidet dem menschgewordenen Gott ins eigene Fleisch.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum.

Auf der Suche nach Elite

8. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Elite ist gefragt – auch im Bereich der Universitäten: Absolventinnen und Absolventen der Bonner Friedrich-Wilhelm-Universität warten in Talaren und Baretten auf ihre Abschlussurkunden. Foto: JOKER/Karl-Heinz Hick

Elite ist gefragt – auch im Bereich der Universitäten: Absolventinnen und Absolventen der Bonner Friedrich-Wilhelm-Universität warten in Talaren und Baretten auf ihre Abschlussurkunden. Foto: JOKER/Karl-Heinz Hick

Kirche und Gesellschaft: Die evangelische Kirche will der Milieuverengung in ihren Reihen entgegenwirken

Ein neues Positionspapier beschreibt das Verhältnis der Kirche zu den Führungskräften in der Gesellschaft.

Evangelische Kirche ist in Deutschland bürgerlich. Zu den Kirchengemeinden gehören Menschen aus dem Mittelstand – Beamte, höhere Angestellte, kleine Selbstständige und ihre Familien. Hartz-IV-Empfänger sucht man in Gemeindekirchenräten, Presbyterien und ähnlichen Gremien dagegen oft vergebens. Und für Unternehmer, Politiker und Professoren gilt dasselbe. Zumindest das aber soll sich in Zukunft ändern: Denn mit einem am Dienstag in Berlin veröffentlichten Text will die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihr Verhältnis zu den Eliten in Deutschland neu definieren.

Im Zentrum steht dabei ein Begriff, der zugleich der Titel des in der Reihe der EKD-Texte erschienenen Posi­tionspapieres ist: »Evangelische Verantwortungseliten«. Ein Großteil des 33 Seiten umfassenden Textes beschäftigt sich mit der Frage, was »Elite« eigentlich ist. »Der Begriff Evangelische Verantwortungselite zielt auf evangelische Christen, die ihre gesellschaftlichen Aufgaben aus einer christlichen Überzeugung heraus wahrnehmen«, heißt es in dem Papier. Es gehe nicht um Vorstellungen von Elite, die nur an Herkunft, Besitz oder Bildungsstand anknüpfen. Fast in jeder Zeile des neuen Textes ist zu spüren, dass die EKD hier einen ziemlichen Spagat beginnt.

Einflussreiche und materiell vermögende Menschen sollen in die Kirche eingebunden werden, ohne zugleich die Grundposition des Protestantismus zu verändern, der sich in erster Linie an der Seite der Armen sieht. »Mein Kirchenverständnis ist von Dietrich Bonhoeffer geprägt«, sagt der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, der an diesem Text mitgearbeitet hat. »Kirche kann nur sein, wenn sie Kirche für andere ist.« Doch die Kirche habe nicht nur den Kontakt zu Industriearbeitern, sondern auch zu Führungskräften verloren.

In den letzten 20 Jahren seien der ­Einfluss und die Prägekraft des Protestantismus im Bereich der Eliten ­geschwunden. Um diesen Zustand zu ändern, plädiert der Text dafür, die Erwartungen von Eliten an »ihre« evangelische Kirche stärker wahrzunehmen. »Spezifisch ethische und persönliche Fragestellungen und Konfliktlagen sind hier ebenso zu ­berücksichtigen, wie der besondere Bedarf an Vertrauen und Verschwiegenheit.«

Übergemeindliche Angebote für Führungskräfte, Profil- und Personalgemeinden böten Möglichkeiten, um zu vermeiden, dass »in der evangelischen Kirche der Eindruck eines Ausschlusses der gesellschaftlichen Verantwortungsträger von der Botschaft des Evangeliums entsteht.«

Auf der Suche nach guten Beispielen bedient sich der neue EKD-Text deswegen noch einmal bei Wolfgang Huber. »Veranstaltungen in der Verantwortung kirchlicher Leitungspersonen, von herausragenden Konzerten bis zum gesprächsintensiven Bischofsdinner« seien gefragt, heißt es. Genau das hatte dieser in seiner Zeit als Hauptstadt-Bischof immer wieder angeboten. Es ist ein Teil seines Vermächtnisses an die EKD, wenn der neue Text dazu auffordert, protestantische Eliten zu fördern und zu pflegen – denn ohne sie hat die Kirche ebenso wenig Zukunft wie ohne die breite Masse der Gemeindeglieder.

Benjamin Lassiwe

www.ekd.de/download/ekd_texte_112.pdf

Elite kontra Mittelmaß?
Worte wie Elite und Eliteförderung sind derzeit in aller Munde – auch in den Kirchen. Als Gegensatz dazu wird oft das Schreckgespenst des Mittelmaßes an die Wand gemalt. Der studierte Politikwissenschaftler und Historiker ­Markus Reiter hält dem sein »Lob des Mittelmaßes« entgegen. Darin erklärt der freie Journalist und Publizist, »warum wir nicht alle Elite sein müssen«, wie es im Untertitel des Buches heißt. Denn: Ob Sport, Wissenschaft, Wirtschaft oder Ökonomie – es sind gerade die mittelständischen Unternehmen, es sind die breiten und stabilen Mittelschichten, die unser Land und die Gesellschaft tragen. Freilich: »Mittelmaß heißt nicht Stillstand, heißt nicht, sich treiben zu lassen. Auch das Mittelmaß bedarf steter Anstrengung und eines gewissen Eifers. Es heißt aber sehr wohl, die Beschränktheit menschlicher Möglichkeiten zu erkennen und anzuerkennen.« Angesichts der aktuellen Diskussion um die Atomenergie und ihre Folgen ein geradezu prophetischer Ansatz. (GKZ)

Reiter, Markus: Lob des Mittelmaßes. Warum wir nicht alle Elite sein müssen,
oekom-verlag, 93 Seiten, ISBN 978-3-86581-239-1, 12,95 Euro

Gehen oder bleiben?

4. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Eine Welt

Gottesdienst in der Beiruter Gemeinde der Kirche des Ostens - sie ist Anlaufpunkt für viele flüchtlinge aus dem Irak. Foto: privat

Gottesdienst in der Beiruter Gemeinde der Kirche des Ostens - sie ist Anlaufpunkt für viele flüchtlinge aus dem Irak. Foto: privat

Naher Osten: In der libanesischen Hauptstadt Beirut mühen sich Christen um Hilfe für Irak-Flüchtlinge.

Unterdrückung und Verfolgung, Krieg und Flüchtlingsströme sowie die Abwanderung junger Menschen ­prägen derzeit die Situation ­der Kirchen im Nahen Osten.

Es ist ein verregneter Sonntagmorgen. Wir beeilen uns, aus dem Taxi schnell in die Kirche zu kommen. Der Gottesdienst der Kirche des Ostens in Beirut ist schon in vollem Gange. Der Friedensgruß wird in diesen Tagen besonders wertvoll. Dieser wird durch jeden Gottesdienstbesucher mit geöffneten Händen empfangen, indem andere mit gefalteten Händen in die geöffnete Hand streichen. Es ist Gottes Friede, der hier weitergegeben wird. Und dieser Friede ist höher als menschliche Vernunft. Das hoffen und spüren viele der hier Anwesenden, unter ihnen zahlreiche Flüchtlinge aus dem Irak.

Nach dem Gottesdienst werden wir zum Frühstück eingeladen. Wir sitzen neben einer Flüchtlingsfamilie. Der Vater sagt: »Wir warten auf ein Visum. Wir wollen nach Australien.« In seinen Worten klingt eine Sehnsucht mit, denn es ist ein langes Warten in der Fremde auf eine neue fremde, aber hoffentlich friedliche Heimat. Für die kleine Gemeinde der Kirche des Ostens in Beirut sind die vielen Flüchtlinge eine immense Herausforderung. Aber Bischof Mar Meelis lässt sich nicht entmutigen: »Wir müssen etwas tun«, so der Bischof. »Um wenigstens die Wohnsituation zu verbessern und die Familien finanziell zu entlasten, wollen wir ein Wohnhaus für die irakischen Familien bauen, damit sie nicht auf die hohen Mieten des freien Wohnungsmarktes angewiesen sind.«

Besonders die Gebildeten verlassen ihre Heimat

Seit Jahren ist Migration ein Thema für die Christen im Nahen Osten. Immer wieder wird beklagt, dass gerade jun­ge, gebildete Menschen ihre Existenz fern von der Heimat aufbauen. Doch derzeit stellt sich die Situation drastischer denn je dar. Im Irak ist die Zahl der Christen in nur weinigen Jahren von 1,5 Millionen auf gerade mal 334000 zusammengeschrumpft – und sie sinkt weiter. Verstärkt werden Christen zur Zielscheibe islamistischer Übergriffe, weil sie beschuldigt werden, mit dem Westen zu kollaborieren.

Doch nicht nur im Irak ist die Situation dramatisch. Auch aus Ägypten werden immer wieder Übergriffe gemeldet. Es ist eine humanitäre und christentumsgeschichtliche Katastrophe, die sich da abzeichnet, wenn bedacht wird, dass dadurch die Traditionen der orientalischen Christenheit aus ihren Kerngebieten verschwinden. Betroffen sind neben Westsyrern, Kopten und Armeniern vor allem die im Irak verbreitete unabhängige Kirche des Ostens und die Kirchen orthodoxer Tradition, aber auch katholische und evangelische Christen.

Libanons Christen: »Wir leben auf einem Vulkan«
Der Libanon ist für die Flüchtlinge ein Hoffnungsschimmer, denn im Gegensatz zu den meisten Ländern des Nahen Ostens genießen die Christen dort die Freiheit, ihren christlichen Glauben ungehindert zu leben. Das politische System des religiösen Proporzes sichert ihnen politischen und gesellschaftlichen Einfluss zu. Obgleich viele kritische Stimmen sich dagegen aussprechen, bewahrt es doch vor politischen Einseitigkeiten.

Die stetigen Unruhen machen es aber auch den Christen im Libanon nicht leicht. Dr. Habib Badr, Pfarrer der National Evangelical Church in Beirut, verglich die Situation unlängst in einem Fachgespräch im Evangelischen Missionswerk Südwestdeutschlands mit einem Vulkan. »Auch wenn der Vulkan vielleicht gar nicht ausbrechen wird, so ist es trotzdem nicht angenehm, in einer solchen Situation zu leben.« Die Christen sind in ihrer Haltung gespalten. Oft gehen die Risse sogar durch die Familien. »Wir vermeiden, in der Familie über Politik zu sprechen«, so Dr. Jonny Awad, Professor an der Near East School of Theology Beirut. Aber dieses hilflose Schweigen lindert nicht die aktuelle Not von Christen der Region.

Eine Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland befindet sich derzeit im Libanon. Fester Programmpunkt der Studienreise ist auch ein Besuch der Kirche des Ostens in Beirut mit ­ihrer Flüchtlingsarbeit, wobei als ­Zeichen der Gemeinschaft auch eine Spende aus Deutschland überreicht werden soll. Gebet und Gabe kommen dann zusammen, damit menschliche Vernunft erhellt werde durch die, die größer ist. Friede sei den Christen im Nahen Osten.

Claudia Rammelt/Christian Kurzke/Holger Holtz

Kirchen – Veranstaltungsorte für große Musikfeste

3. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

haendelfestspiele_web

Ein Überblick über die diesjährigen musikalischen Höhepunkte in Mitteldeutschland

Sakralbauten zwischen Magdeburg und dem Erzgebirge, zwischen Dresden und Erfurt werden zu den musikalischen Höhepunkten auch in diesem Jahr wieder ganz im Mittelpunkt stehen. Einen Schwerpunkt ­bildet dabei die Barockmusik, deren Großmeister sich alle irgendwann auch im Gebiet der heutigen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aufhielten.

Die halleschen Händel-Festspiele (2. bis 12. Juni) als größtes Musikfest Sachsen-Anhalts schlagen diesmal ­sogar eine Brücke zu einer anderen mitteldeutschen Metropole, denn ­thematisch im Mittelpunkt steht der Dresdner Barock. Händels Oper »Ottone« nach musikalischer Vorlage des Dresdner Kollegen Antonio Lotti wird zu den Festspielen freilich im halleschen Opernhaus aufgeführt, während in der zentralen Marktkirche zum Beispiel das interreligiöse Projekt »Israel in Egypt – von der Sklaverei zur Freiheit« (5. Juni, 18 Uhr) und die traditionelle Aufführung des »Messiah« zu erleben sind (3. Juni, 17 Uhr) – diesmal mit dem tschechischen Ensemble »Collegium 1704«. Letzteres präsentiert außerdem im Dom zu Halle (4. Juni, 19.30 Uhr) eine Gegenüberstellung von Werken Händels und Zelenkas.

Ein ähnliches Schwergewicht wie die halleschen Händel-Festspiele findet mit dem Leipziger Bachfest beinahe gleichzeitig, vom 10. bis 19. Juni, statt. Das Motto »nach italienischem Gusto« nimmt Bezug auf die starken italienischen Einflüsse in Bachs Musik, doch auch die Jubilare Franz Liszt und Gustav Mahler erhalten ihren Platz. Zahlreiche Konzerte mit hochrangigen Ensembles, aber auch musikalische Gottesdienste nicht nur in der Thomas- und der Nicolaikirche gehören dazu. Dem Thomaskantor sind auch die Thüringer Bachwochen gewidmet, die vom 15. April bis 8. Mai ein umfängliches Programm in zehn Städten bieten. Besondere Höhepunkte: ein Konzert mit dem Pianisten Martin Stadtfeld und dem Cellisten Jan Vogler in Ohrdruf (6. Mai, 19.30 Uhr, Trinitatiskirche) und die getanzte Uraufführung »Cantatatanz« mit »Nico and the navigators« in der Erfurter Predigerkirche (6./7. Mai, 21 Uhr).

Vom 7. bis 17. April finden in Zerbst die 11. Fasch-Festtage statt, die diesmal sowohl den Zerbster Hofkapellmeister Johann Friedrich Fasch, als auch ­seinen Sohn Carl Friedrich Christian in den Blick nehmen. Natürlich spielen dabei auch die örtlichen Kirchen St. Bartholomäi und St. Trinitatis eine wichtige Rolle – in letzterer findet am 17. April um 17 Uhr das Abschlusskonzert mit der Singakademie Berlin und der Lautten-Compagney statt.
Heinrich Schütz wird mit einem Festival wie immer länderübergreifend gefeiert, nämlich vom 7. bis
16. Oktober 2011 in Bad Köstritz, Dresden und Weißenfels. Und nicht zu ­vergessen sind auch die Gottfried-
Silbermann-Tage vom 7. bis 18. September, die sich naturgemäß fast ausschließlich in Kirchenräumen abspielen und ihren glanzvollen Abschluss am 18. September im Freiberger Dom (17 Uhr) mit dem Preisträgerkonzert des angeschlossenen Wettbewerbs finden. Auch ansonsten eher weltlich ausgerichtete Festivals verzichten nicht auf Kirchen als Veranstaltungsorte: das Kunstfest Weimar Ende August, das Sächsische Mozartfest, das A-cappella-Festival Leipzig und das Dessauer Kurt-Weill-Fest zählen dazu.

Die Dresdner Musikfestspiele schlagen vom 18. Mai bis 5. Juni diesmal unter dem Motto »Fünf Elemente« eine Brücke nach Fernost, ­wobei die Aufführung von Bruckners siebenter Sinfonie in der Frauenkirche mit Kurt Masur und der Dresdner Philharmonie (20. Mai, 20 Uhr) sich ebenso wenig in dieses Thema einzeichnet wie das Jubiläumskonzert des Dresdner Kammerchors in der Kreuzkirche (22. Mai, 17 Uhr).

Während der MDR-Musiksommer wie immer eine Reihe von Festivals im Festival und auch zahllose Kirchenkonzerte bietet, startet am 24. Juni in Wittenberg ein auf drei Jahre angelegtes klar fokussiertes ­Musikprojekt – das »Festival Sakrale Musik«. Zu erwarten sind zehn Konzerte mit namhaften Ensembles und spiritueller Musik aus aller Welt – von japanischen Priestergesängen über jüdische Chorwerke bis hin zu Musik der ­australischen Ureinwohner.

Johannes Killyen

Der Verräter ist unter uns

Martin Kupke will etwas gegen  das Vergessen, Verharmlosen und  Verfälschen tun. Foto: Sabine Kuschel

Martin Kupke will etwas gegen das Vergessen, Verharmlosen und Verfälschen tun. Foto: Sabine Kuschel

Martin Kupke beschäftigt sich mit dem Einfluss des Staatssicherheitsdienstes der DDR auf die Kirche.

In der Passionszeit nähern wir uns von verschiedenen Seiten dem The­ma »Verrat«. Diesmal geht es um Verrat an der Kirche.

Wer sich in der DDR in einer kirchlichen Friedens- oder Umweltgruppe engagierte, dem war die Geschichte vom Verrat des Judas stets präsent. Kirchliche Veranstalter ahnten, dass, wenn brisante Themen besprochen wurden, Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes mit dabeisaßen. »Unter zwölf Jüngern ist ein Verräter«, hieß es manchmal, durchaus mit einem ironischen Unterton.

Verrat an der Kirche – obwohl kein schönes Thema, ist es eines, das Martin Kupke im Ruhestand Tag für Tag beschäftigt. Der ehemalige Superintendent des sächsischen Kirchen­bezirkes Oschatz untersucht, wie der Staatssicherheitsdienst der DDR Einfluss auf die Kirche und das Gemeindeleben nahm. Im Auftrag des Hannah-Arendt-Institutes für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden wertete Kupke umfangreiches Aktenmaterial des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), des Rates des Kreises, der SED-Kreisleitung und des Volkspolizeikreisamtes Oschatz aus. Die Ergebnisse sind in der 2009 erschienenen Publikation »SED und Staatssicherheitsdienst im Kirchenbezirk Oschatz« zusammengefasst.

Jetzt arbeitet Kupke erneut an ­einem Buch, das die Einflussnahme der Stasi auf einen sächsischen ­Kirchenbezirk dokumentieren soll. Welche Region er diesmal unter die Lupe nimmt, will er vor Erscheinen des Buches nicht bekannt geben. Dafür sei das Thema zu brisant, sagt er. Brisant, da einige der Inoffiziellen ­Mitarbeiter (IM) von damals möglicherweise als solche noch immer nicht enttarnt sind und ein unbehelligtes Leben führen.

Die Kirche zu zersetzen, ihren Einfluss zurückzudrängen, das Engagement für Frieden, Umwelt und Menschenrechte zu unterbinden, seien unter anderem die Ziele der Stasi gewesen, so Kupke. Er weiß aus den ­Akten, dass es der Stasi regelmäßig ­gelungen ist, Spitzel in die Kirche einzuschleusen. Manchmal wurden sie als solche erkannt und isoliert. Oft blieben sie unentdeckt und schrieben ungeniert ihre Berichte über kirchliche Veranstaltungen.

Voraussetzung für eine »erfolgreiche« Spitzeltätigkeit war es, ein Vertrauensverhältnis zum Pfarrer oder den Teilnehmern einer Gruppe aufzubauen. Für den Theologen eindeutig Verrat an der Kirche. Um an Informationen heranzukommen, erschlichen sich IMs das Vertrauen kirchlicher Mitarbeiter, täuschten falsche Tatsachen vor. Kupke weiß von einigen IMs, die sich im Auftrag der Stasi taufen ließen oder zum Theologiestudium entschlossen.

Aus welchem Holz muss ein Mensch geschnitzt sein, der zum ­Verräter wird? Bekanntlich gerieten Leute, die labil, kriminell und vorbestraft waren oder irgendwelche Probleme hatten, leicht in die Fänge der Stasi.

In einem Fall weiß Kupke von ­einem Pfarrer, der persönliche Fehler vor der Gemeinde geheim halten wollte und dafür den Pakt mit dem Teufel eingegangen sei. Erkennbar seien unterschiedliche Motive: beispielsweise materielle Interessen und Geltungsbedürfnis. Auch schlechte Charaktereigenschaften ließen sich aus den Akten herauslesen, so Kupke. Mitunter habe die Stasi Probleme wie Kompetenzgerangel und Profilierungsstreben unter den kirchlichen Mitarbeitern genutzt, um diese gegeneinander auszuspielen, weiß der Theologe.

Von Judas ist überliefert, dass er seinen Verrat bitter bereut hat: »Ich habe große Schuld auf mich geladen. Ein Unschuldiger wird getötet und ich habe ihn verraten« (Matthäus 27,4). Die Denunzianten des DDR-Regimes lassen bis auf einzelne Ausnahmen ein Schuldeingeständnis vermissen. Opfer hoffen darauf ebenso vergebens wie auf die Bitte um Entschuldigung.

Wie können Menschen, die verraten wurden, mit ihren belastenden Erfahrungen fertig werden? »Ich weiß es nicht«, antwortet Kupke. Seine ­Dokumentation über die Stasiunterwanderung der Kirche beabsichtige nicht, mit den Tätern abzurechnen. In seinen Publikationen nennt er deshalb keine Namen der IMs, nur Decknamen, Geburtstag und Wohnort. Immerhin genug Angaben, um die Spitzel von damals zu enttarnen. Doch nach Kupkes Wissen findet ein Gespräch zwischen Opfern und Tätern nicht statt. Dennoch erachtet er seine Methode, Namen nicht öffentlich zu machen, für richtig. »Ich habe lange überlegt und bin mit dieser Variante zufrieden«, so Kupkes Resümee. Sein Anliegen sei es, dem Vergessen, Verharmlosen und Verfälschen entgegenwirken.

Sabine Kuschel

Die Ohrfeige von Sidi Bouzid

Vor allem die oft gut gebildete und vernetzte Jugend ist es, die hinter den Protesten und Aufständen der arabischen Welt steht – wie hier in der marokkanischen Hauptstadt Rabat. Foto: picture alliance/abaca/Abdurrahman Antakyali

Vor allem die oft gut gebildete und vernetzte Jugend ist es, die hinter den Protesten und Aufständen der arabischen Welt steht – wie hier in der marokkanischen Hauptstadt Rabat. Foto: picture alliance/abaca/Abdurrahman Antakyali

Analyse: Eine Revolution erschüttert die arabische Welt – wohin sie führt, ist unklar, doch nichts wird sein wie vorher


Die Proteste begannen in ­Tunesien und wurden zum arabischen Flächenbrand: ­Altgediente Machthaber mussten gehen oder zittern und kämpfen um den ­Bestand ihrer Macht. Und der Westen stolpert in einen neuen Krieg mit offenem ­Ausgang.

Tarek El-Tajib Mohammed Ben Bouazizi hatte seinen Obstwagen falsch abgestellt. Eine tunesische Polizistin quittierte diese Ordnungswidrigkeit mit einer Ohrfeige. Bouazizi besaß einen Universitätsabschluss in Informatik. Die Wirtschaftslage ließ ihm aber keine andere Wahl, als durch den Verkauf von Früchten auf der Straße den Lebensunterhalt für sich und seine Geschwister zu ­erkämpfen. Von einer Frau ins Gesicht geschlagen zu werden, war für den 26-jährigen Araber der sprichwörtliche Strohhalm, der dem Kamel das Kreuz brach.

Ein Polit-Tsunami fegt über die arabische Welt
Zutiefst gedemütigt und wutentbrannt forderte er eine Audienz beim Gouverneur. Andernfalls werde er sich selbst verbrennen. Die Behörden ignorierten seine Forderung. Bouazizi machte seine Drohung wahr – am 17. Dezember 2010 in Sidi Bouzid, der tunesischen Kleinstadt 200 Kilometer südlich von Tunis. Als Mohammed Bouazizi 18 Tage später seinen schweren Brandverletzungen erlag, hatte die »Jasmin Revolution« Tunesiens ihren Märtyrer. Weitere zehn Tage später, am 14. Januar 2011, floh der tunesische Präsident Zine El-Abidine Ben Ali nach Saudi-Arabien.

Von Tunesien aus schwappte der Volkszorn über in die Nachbarländer. Einen Monat nach Ben Ali gab Ägyptens Präsident Hosni Mubarak das Zepter aus der Hand. Seit der Ermordung des Friedensnobelpreisträgers Anwar El-Sadat am 14. Oktober 1981 hatte Mubarak das Reich am Nil beherrscht. Er hatte den kalten Frieden mit Israel zur Selbstverständlichkeit werden lassen, sechs Attentate überlebt und die Moslembruderschaft mit eiserner Faust unterdrückt. Er galt als Garant der Stabilität im Nahen Osten und wurde nicht müde, seine Besucher daran zu erinnern, wie töricht die USA 1979 im Iran gehandelt hatten, als sie einen treuen Verbündeten, den Schah, fallen ließen, nur, um mit ansehen zu müssen, wie das Regime von einer hässlichen, anti-amerikanischen Theokratie ersetzt wurde. Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen, ob Mubarak mit seiner Warnung recht hatte.

Von den Kolonialmächten am Reißbrett aufgeteilt
Die Ohrfeige von Sidi Bouzid hat einen Polit-Tsunami in Gang gesetzt, der die arabische Wüste vom Maghreb bis zum Persischen Golf erschüttert. Einige der dienstältesten Staatschefs unseres Planeten kämpfen um ihr Überleben. Von Marokko bis in den Jemen fordert die Straße, dass die Machthaber von drei oder gar vier Jahrzehnten den Hut nehmen. Facebook und Twitter werden als Revolutionskatalysatoren gefeiert. Wie viele Menschenleben dieses Politbeben gefordert hat, werden wir – wenn überhaupt – erst mit weitem Abstand sagen können. Es werden wohl Tausende sein, nicht nur weil Muammar Al-Gaddafi seine Luftwaffe einsetzte, um Demonstranten zu bombardieren.

Seit die Kolonialmächte England und Frankreich Anfang des 20. Jahrhunderts den Orient am Reißbrett in Nationalstaaten aufteilten, erschien deren Existenz selbstverständlich. Nur selten machten die schnurgeraden Grenzlinien einen kritischen Beobachter beim Blick auf die Landkarte misstrauisch. Tatsache bleibt jedoch auch ein Jahrhundert nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches: Das Volk hat sich dem Grenzdiktat des Völkerbundes nie gebeugt. Arabien ist ein Kulturraum geblieben, vom Maghreb bis ins Zweistromland. Man versteht im Irak, was in Algerien getwittert wird. Es bewegt den Jemen, wenn in Nordafrika eine Polizistin ohrfeigt. Diese Tatsache macht den Fernsehsender Al-Dschasira im Provinzfürstentum Qatar mit einer Ausdehnung von gerade einmal 180 mal 80 Kilometern und nicht einmal zwei Millionen Einwohnern zu einem Machtfaktor.

Völkermix mit einer gemeinsamen Klammer
Arabien ist ein zusammenhängender Kulturraum. Aus dieser Beobachtung jedoch zu schließen, alle arabischen Staaten seien gleich oder alle Araber vergleichbar, wäre ein Trugschluss. Hosni Mubarak von Ägypten war ein hoch verehrter Militärbefehlshaber – und die Militärs haben am Nil nach wie vor das Sagen. Auch in Tunesien funktioniert der Apparat des alten Regimes weiter, während die Libyer, soweit sie sich vom Griff Gaddafis befreien konnten, Anarchie probieren. Das einzige Verdienst des Baschar El-Assad von Syrien ist, Sohn seines Vaters zu sein. Die Assads stammen aus einer Minderheit von lediglich zwei Prozent Alawiten, die seit Jahrzehnten das mehrheitlich sunnitische Syrien fest im Griff haben.

Erklärt säkulare Staaten wie Syrien stehen in der arabischen Welt streng islamischen Ländern wie etwa Saudi-Arabien gegenüber. Im Osten der ­arabischen Halbinsel sind – wie im Irak – große Bevölkerungsteile schiitisch, während die Herrscherfamilien ausnahmslos der sunnitischen Glaubensrichtung angehören. Ägypten hat eine große christliche Minderheit. Der Kopten-Papst Schinouda III. rief seine Anhänger während der Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo auf, nicht gegen Mubarak zu demonstrieren. Im Gegensatz zu Diktatoren, die ihre Macht auf eine militärische Laufbahn und einen Putsch aufgebaut haben, begründen die Könige Mohammed VI. von Marokko und Abdullah II. von Jordanien ihre Stellung durch eine direkte Abstammung vom Propheten Mohammed.

Was diesen Völker- und Religionsmix zusammenhält, ist neben der gemeinsamen Sprache die überwältigende Vorherrschaft der islamischen Kultur, ein Stammesdenken, das sich um keinerlei Staatsgrenzen kümmert – und die Jugend. Mindestens 60 Prozent, in manchen Ländern wie dem Jemen, Somalia oder der palästinensischen Autonomie über 70 Prozent der Bevölkerung, sind unter 30 Jahre alt. Die jungen Menschen in der arabischen Welt sind weltoffen, viele haben studiert. Sie haben Zugang zu Satelliten-TV und Internet – und fragen sich, warum in Amerika und Europa die Machthaber alle paar Jahre neu gewählt werden, während in ihrem Umfeld jede Freiheitssehnsucht unbarmherzig von Polit-Sauriern in den Sand gestampft wird.

Was bedeutet das alles für Israel und die westliche Welt? Der israelische Historiker Tom Segev beobachtet richtig: »Wir haben nicht mit Ägypten oder Jordanien Frieden geschlossen, sondern mit zwei Männern, Präsident Sadat und König Hussein.« Man ist sich in Israel darüber im Klaren, dass »die Straße« in der arabischen Welt Israel bei Weitem feindlicher gegenübersteht als die Diktatoren, deren Abgang jetzt weltweit bejubelt oder gar vorangetrieben wird.

Arabisch-israelischer Konflikt im Hintergrund
Anhänger des traditionellen Friedensprozesses intonieren den altbekannten Refrain von der Gelegenheit für einen Nahostfrieden, die wieder einmal so günstig sein soll wie noch nie. Aber stimmt das wirklich? Zeigt die arabische Revolution nicht eher, dass alle politischen Bemühungen von Jahrzehnten mit einer Ohrfeige vom Verhandlungstisch gefegt werden können?

Mit dem Sechstagekrieg von 1967 hat die Welt sich vom »israelisch-arabischen Konflikt« verabschiedet, erkannte den jüdischen Staat als aggressive Besatzungsgroßmacht und glaubt bis heute unerschütterlich an die grundlegende Bedeutung des Palästinenserproblems. Wenn nur dieses Problem gelöst sei, so wird suggeriert, würde sich alles andere im Orient und weit darüber hinaus von selbst in Wohlgefallen auflösen. Tatsache ist, dass die Spannung zwischen Israelis und Palästinensern eingebunden ist in einen arabisch-israelischen Konflikt. Und wer geschichtlich nicht vollkommen blind ist, weiß, dass die israelische Besatzung heute umstrittener Gebiete nicht etwa die Ursache dieses Konflikts ist, sondern deren Folge.

Wer füllt das Macht- und Glaubwürdigkeitsvakuum?

»Wir sind mitten im Dritten Weltkrieg«, erklärt der israelische Terrorismusexperte Boaz Ganor, Gründer und Leiter des Internationalen Politik-Instituts für Terroristenbekämpfung in Herzelia. Wir haben das nur noch nicht gemerkt oder wollen es nicht wahrhaben. In Libyen schlittert der Westen derzeit in eine neue, blutige Front dieses Dritten Weltkriegs, dessen Ende in keiner Weise absehbar ist – und schweigt gleichzeitig zum brutalen Vorgehen der saudi-arabischen Sicherheitskräfte im benachbarten Bahrain. Der Westen mag sich fest vorgenommen haben, nicht in Libyen einzumarschieren.

Aber was ist, wenn Gaddafi überlebt? »Dann können sich Europa und Amerika auf eine Serie von Lockerbies einstellen«, meint Ganor mit Anspielung auf die Sprengung eines Pan-Am-Jumbos am 21. Dezember 1988 über dem schottischen Lockerbie. 270 Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben, der dem libyschen Geheimdienst angelastet wird.

Bernhard Zand meinte jüngst im Spiegel: »Europa wird sich vielleicht darauf einstellen müssen, dass eine militärische Ordnung mitunter besser ist als gar keine Ordnung.« Aber können wir der arabischen Welt unseren Liberalismus aufzwingen? Die Araber mögen bislang keine demokratische Tradition haben, und es mag richtig sein, dass kaum eine Region der Welt so unproduktiv ist wie Arabien. Der Spiegel stellt fest, dass alle 350 Millionen Araber zusammen weniger erwirtschaften als 60 Millionen Italiener. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Araber dumm sind. Auch einfache Obst- und Gemüsehändler wissen, was zum Jahreswechsel 1991/92 in Algerien geschah, als sich ein Wahlsieg der Islamischen Heilsfront abzeichnete. Die Wahlen wurden abgebrochen und eine Militärdiktatur installiert. Die blutigen Auseinander­setzungen in den darauffolgenden Jahren forderten 120000 Todesopfer. Auch die palästinensischen Wahlen vom Januar 2006, deren Ergebnis niemand anerkennen wollte, sind noch lange nicht vergessen. Und wie steht es in Afghanistan oder dem Irak um die Demokratie?

Boaz Ganor ist überzeugt, im Dritten Weltkrieg geht es um Ideen, um religiöse und ideologische Überzeugungen, um Werte und um Glaubwürdigkeit, um die Herzen und Köpfe der Menschen. Glaubwürdig ist von außen besehen weder der Westen noch das Christentum – wohl aber die Al-Qaida, ob uns das passt oder nicht.

Wer das Macht- und vor allem auch das Glaubwürdigkeitsvakuum in der arabischen Welt ausfüllen wird, ist bislang unabsehbar. Weder Weltuntergangspropheten noch blauäugigen Hoffnungsträgern sollte da vorschnell Glauben geschenkt werden. Bislang ist nur eines klar und unumkehrbar: Die arabischen Völker haben zum ersten Mal in ihrer Geschichte erfahren, dass sie Herrscher absetzen können. Die Araber kennen seit 2011 den Geschmack der Macht. Und deshalb ist der Polit-Tsunami, der momentan die Wüste durchfegt, auch nicht nur eine Revolte oder ein Aufstand, sondern eine Revolution. Die arabische Welt wird nie mehr die sein, die sie vor der Ohrfeige von Sidi Bouzid war.

Johannes Gerloff (Jerusalem)