Jesus im Herzen erkannt

Passionsspiel, Quelle: Wikipedia

Passionsspiel, Quelle: Wikipedia


Wie Tina die Passionsgeschichte erlebte


Maria steht unter dem Kreuz und ist sehr traurig, dass ihr Kind so grausam sterben muss. Sie hat viel ­geweint und daran gedacht, wie es ­damals war bei seiner Geburt im Stall in Bethlehem, und an alles, was sie mit Jesus erlebt hat.
Der andere Mensch auf dem Bild ist Johannes, der beste Freund von ­Jesus. Jesus hat zu ihm gesagt, er soll sich um Maria kümmern, und da nimmt er sie mit in sein Haus.

Und zu Maria hat er gesagt, dass jetzt Johannes ihr Sohn sei.« Diesen Text habe ich Tina mit einem Bild »Maria und Johannes unterm Kreuz« geschenkt. Tina ist, davon bin ich inzwischen überzeugt, meine »geistliche Dolmetscherin«.
Denn ihre Interpretation biblischer Geschichten bringt mich zum Staunen. Tina ist acht Jahre, ein Kind aus sogenanntem sozial schwachen Elternhaus, ohne christlichen Hintergrund. Seit zwei Jahren kommt sie mit ihrer älteren Schwester in den Kinder- und Jugendtreff und spielt mit Hingabe in der Theatergruppe mit.

Kürzlich sahen wir mit den Kindern die Aufführung eines Passionsspieles. Gruselige Szenen gäbe es, hatten die Veranstalter vorgewarnt. Die erste Szene – Jesus vor Pilatus – begann. Ich hielt Tinas Hand und hatte ihr versichert, dass ich da bin und sie keine Angst haben muss.

Die Soldaten hatten Jesus durch eine Tür direkt vor unserem Standort abgeführt. Pilatus wusch sich die Hände …
Plötzlich flog die Tür auf und die Soldaten stießen einen blutigen, dornengekrönten Jesus vor unsere Füße. Wir erschraken alle. Die größeren Mädchen trösteten sich mit Mutmaßungen über Lebensmittelfarbe. Tina zupfte mich am Ärmel, schaute mich mit großen ernsten Augen an und sagte: »Das ist doch mein Kind!« Ich brauchte eine kurze Schrecksekunde, um zu begreifen, dass sie auf ihre Rolle der Maria im Krippenspiel anspielte. Ich fasste mich, drückte ihre Hand fester und antwortete: »Ja, Tina, dass ist Marias Sohn.« Später sagte sie beim Vorbeigehen an dem großen Kruzifix im Kreuzgang noch einmal betroffen, dass dies ihr Sohn sei.

Ich bin beeindruckt. Dieses Mädchen ohne christliche »Vorbildung« – lediglich zweimal hat sie beim Krippenspiel mitgemacht – hat Jesus ­erkannt. In ihrem Herzen.

Später im Stück gibt es eine Szene, in der Jesus eifrig frommen Christen gegenübersteht, die sich ein kitschiges Bild von ihm gemalt haben. Sie erkennen ihn fast nicht. Ähnlich wie die Jünger auf dem Weg nach Emmaus.
Umso erstaunlicher die unglaub­liche Sicherheit, mit der Tina wusste, wer ER ist.

Petra Ng’un, Leiterin eines Jugendclubs im Diakoniewerk Gotha.

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