Einheitsfeiern demonstrieren Italiens Zersplitterung

29. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Bettina Gabbe berichtet für ­unsere Zeitung aus Italien.

Bettina Gabbe berichtet für ­unsere Zeitung aus Italien.

Italien feiert in diesen Tagen das 150. Jubiläum seiner Staatengründung. Die beiden Reiterstatuen des Nationalhelden Giuseppe Garibaldi und seiner brasilianischen Frau Anita wurden restauriert, damit sie am Ort ihrer Kämpfe mit den päpstlichen Truppen oberhalb vom Vatikan an den Sieg der Vereinigungsbefürworter erinnern. Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der mit der ehemaligen Separatistenpartei Lega Nord regiert, wurde bei den Feierlichkeiten an den Reiterstatuen auf dem Gianicolo-Hügel jedoch mit dem Slogan »Tritt zurück« empfangen.

Die Mehrheit der Abgeordneten seines Koalitionspartners Lega-Nord hielt sich von der gemeinsamen Sitzung der beiden Parlamentskammern demonstrativ fern. Der Junior-Partner der Berlusconi-Regierung betreibt eine Föderalismus-Reform, die auf eine weitgehende Trennung zwischen Nord- und Süditalien abzielt. Einheitsfeiern passen dessen Wählern nicht ins Konzept. Papst Benedikt XVI. hatte der als Monarchie geborenen heutigen Republik dennoch bereits im Voraus gratuliert, obwohl mit der Gründung Italiens das Ende des ganz Mittelitalien umfassenden Kirchenstaats besiegelt war.

Auch die deutschsprachige Minderheit in Südtirol weigerte sich, an den Einheitsfeierlichkeiten teilzunehmen. In der Dolomitenregion wecken italienische Feiertage die Erinnerung an die Zwangsitalianisierung unter Mussolini, auf die Separatisten bis in die 70er Jahre mit Terroranschlägen reagierten. Heute floriert in der autonomen Region zwar der Alpentourismus. Rom begegnen die dortigen Bürger und Politiker jedoch weiterhin mit Misstrauen.

Am 17. März vor 150 Jahren hatte der Savoyer Viktor Emanuel II. lange vor dem Streit um die Zugehörigkeit Südtirols das Königreich Italien ausgerufen. Wochen vor dem Jahrestag stritt die italienische Regierung darüber, ob das Jubiläum mit einem einmaligen Feiertag begangen werden sollte.

Bildungsministerin Maria Stella Gelmini tat es um die verlorenen Schulstunden leid. Der Industrieverband Confindustria warnte vor Verlusten bei der Produktion. Schließlich nahmen viele Italiener den Donnerstagsfeiertag doch zum Anlass, sich ein verlängertes Wochenende zu gönnen und den Freitag ebenfalls nicht zu arbeiten, auch wenn sie sich um die Einheitsfeierlichkeiten kaum scherten.

Als Italiener fühlen viele sich nur, wenn es um Auslandsfußballspiele geht. Dann schallt der Schlachtenruf »Forza Italia« durch das Land, nach dem Berlusconi 1994 bei seinem Einstieg in die Politik die eigene Partei nannte. Unabhängig vom Sport identifizieren sich viele Italiener auch 150 Jahre nach der Staatengründung mit ihrer Familie und ihrem Wohnort. Vertrauen in staatliche Institutionen und demokratische Prozesse konnten in dem noch immer stark von der katholischen Kirche geprägten Land noch nicht Fuß fassen. Persönliche Netzwerke sind hier weiterhin wichtiger als Behörden oder gar der Nationalstaat.

Bettina Gabbe

Junges Publikum mit Interesse für spirituelle Themen

28. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Eindrücke vom Gemeinschaftsstand evangelischer und katholischer Verlage auf der Leipziger Buchmesse

aktuell-buchmesse-leipzig-logo_displayFreiheit. Was ist Freiheit, wie gehen wir mit ihr um, wie hilft uns Gott, die Freiheit zu begreifen und zu nutzen? Der gemeinsame Gottesdienst des Evangelischen Medienverbandes in Deutschland und der Vereinigung Evangelischer Buchhändler und Verlage am letzten Tag der Leipziger Buchmesse hatte ein großes Thema: »Von der Freiheit des Christenmenschen«. Zu diesem Thema gehörte der Blick auf den Bau der Mauer vor 50 Jahren und deren Fall durch die friedliche Revolution 1989. Aktuell drängten sich zwei andere Ereignisse in den Vordergrund. Thomas Hein, Vorsitzender der Vereinigung Evangelischer Verleger und Buchhändler, entzündete eine Kerze für die Opfer der Katastrophe in Japan. Gemeinsam legten die rund 50 Gottesdienstbesucher eine Schweigeminute ein.

An den denkwürdigen Tag des 9. November 1989 erinnerte Wolfgang Riewe, Vorsitzender des Evangelischen Medienverbandes und Chefredakteur der Wochenzeitung »Unsere Kirche« in Bielefeld. Er zog Parallelen zum 25. Januar 2011, der wohl als ein besonderer Tag für die Menschen in Ägypten und in Nordafrika gesehen werden könne.

»Zur Freiheit hat uns Christus befreit.« Die ­Aussage aus dem Galaterbrief nahm Riewe als Anstoß, über den christ-
lichen Sinn von Freiheit nachzudenken. Es sei nicht grenzenlose Freiheit, alles durchzusetzen ohne Rücksicht auf Verluste, es sei nicht die Freiheit, die Welt zu zerstören. Vielmehr sehe er die Freiheit in der Bescheidenheit, der Zufriedenheit und der Freude an kleinen Dingen des Alltags.

Den Gottesdienst begleitete Jörg Swoboda mit Kirchenliedern, neuen Texten sowie eigenen christlichen Songs.
Während der Leipziger Buchmesse konnten die Besucher am Gemeinschaftsstand der evangelischen und katholischen Verlage in den vielfältigen Veröffentlichungen stöbern. ­Besondere Beachtung hätten unter anderem die Regale mit den unterschiedlichsten Bibelausgaben gefunden, so Riewe. Er sei zufrieden mit dem Besucherstrom und der Resonanz. »Ich hab hier ein gemischtes Publikum beobachtet, das sehr interessiert nach den Büchern schaute, sich ja sogar mitunter festlas«, resümierte er. Das Interesse vor allem auch junger Leute an kirchlichen ­Büchern sei ihm besonders positiv aufgefallen. »Das ist anders als auf der Frankfurter Buchmesse, dort ist eher das Fachpublikum vertreten.«

Sehr gefragt waren am Gemeinschaftsstand der Kirchen, an dem sich rund 40 Verlage beteiligten, spirituelle Themen, Bücher, die Antworten auf Fragen geben nach der persönlichen Lebensgestaltung. »Ich habe erlebt, wie die Besucher sehr offen auf unseren Stand zugegangen sind, nachgefragt haben und mit den Ausstellern ins Gespräch kamen«, sagt Thomas Hein. Bewährt habe sich, dass der Gemeinschaftsstand auf der Buchmesse in diesem Jahr größer war. Zudem seien die Titel von Prominenten wie zum Beispiel Margot Käßmann, der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), vorgestellt worden.

Silvia Rost

Jesus im Herzen erkannt

27. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Passionsspiel, Quelle: Wikipedia

Passionsspiel, Quelle: Wikipedia


Wie Tina die Passionsgeschichte erlebte


Maria steht unter dem Kreuz und ist sehr traurig, dass ihr Kind so grausam sterben muss. Sie hat viel ­geweint und daran gedacht, wie es ­damals war bei seiner Geburt im Stall in Bethlehem, und an alles, was sie mit Jesus erlebt hat.
Der andere Mensch auf dem Bild ist Johannes, der beste Freund von ­Jesus. Jesus hat zu ihm gesagt, er soll sich um Maria kümmern, und da nimmt er sie mit in sein Haus.

Und zu Maria hat er gesagt, dass jetzt Johannes ihr Sohn sei.« Diesen Text habe ich Tina mit einem Bild »Maria und Johannes unterm Kreuz« geschenkt. Tina ist, davon bin ich inzwischen überzeugt, meine »geistliche Dolmetscherin«.
Denn ihre Interpretation biblischer Geschichten bringt mich zum Staunen. Tina ist acht Jahre, ein Kind aus sogenanntem sozial schwachen Elternhaus, ohne christlichen Hintergrund. Seit zwei Jahren kommt sie mit ihrer älteren Schwester in den Kinder- und Jugendtreff und spielt mit Hingabe in der Theatergruppe mit.

Kürzlich sahen wir mit den Kindern die Aufführung eines Passionsspieles. Gruselige Szenen gäbe es, hatten die Veranstalter vorgewarnt. Die erste Szene – Jesus vor Pilatus – begann. Ich hielt Tinas Hand und hatte ihr versichert, dass ich da bin und sie keine Angst haben muss.

Die Soldaten hatten Jesus durch eine Tür direkt vor unserem Standort abgeführt. Pilatus wusch sich die Hände …
Plötzlich flog die Tür auf und die Soldaten stießen einen blutigen, dornengekrönten Jesus vor unsere Füße. Wir erschraken alle. Die größeren Mädchen trösteten sich mit Mutmaßungen über Lebensmittelfarbe. Tina zupfte mich am Ärmel, schaute mich mit großen ernsten Augen an und sagte: »Das ist doch mein Kind!« Ich brauchte eine kurze Schrecksekunde, um zu begreifen, dass sie auf ihre Rolle der Maria im Krippenspiel anspielte. Ich fasste mich, drückte ihre Hand fester und antwortete: »Ja, Tina, dass ist Marias Sohn.« Später sagte sie beim Vorbeigehen an dem großen Kruzifix im Kreuzgang noch einmal betroffen, dass dies ihr Sohn sei.

Ich bin beeindruckt. Dieses Mädchen ohne christliche »Vorbildung« – lediglich zweimal hat sie beim Krippenspiel mitgemacht – hat Jesus ­erkannt. In ihrem Herzen.

Später im Stück gibt es eine Szene, in der Jesus eifrig frommen Christen gegenübersteht, die sich ein kitschiges Bild von ihm gemalt haben. Sie erkennen ihn fast nicht. Ähnlich wie die Jünger auf dem Weg nach Emmaus.
Umso erstaunlicher die unglaub­liche Sicherheit, mit der Tina wusste, wer ER ist.

Petra Ng’un, Leiterin eines Jugendclubs im Diakoniewerk Gotha.

»Wir müssen weniger Energie verbrauchen«

26. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Dr. Hans-Joachim Döring ist Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Bild:EKM

Dr. Hans-Joachim Döring ist Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Bild:EKM

Interview: Seit Jahrzehnten warnen kirchliche Umweltexperten vor den Gefahren der Kernenergie – Fukushima und die Folgen



Der drohende GAU in der japanischen Atomanlage Fukushima I hat die Fragen der Atomenergie mit neuer Brisanz auf die Tagesordnung gebracht. Harald Krille sprach darüber mit Hans Joachim Döring, Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Atomkatastrophe in Japan – fühlt sich ein Umweltbeauftragter der Kirche in seinen Warnungen bestätigt?
Döring:
Diese Bestätigung brauche ich wirklich nicht. Die Warnungen hatten und haben ja keinen Selbstzweck. Sie speisen sich aus der Ehrfurcht vor dem Leben und der Verantwortung vor Gott. Trauer um die Opfer habe ich und Solidarität mit den Verunsicherten und Verstrahlten. Hinzu kommen Beschämung und mitunter Wut, weil gute Argumente und kritische Szenarien nur sehr eingeschränkt Einfluss auf notwendige Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Lebensweise haben. Die gleichen Fakten und Argumente, die heute plötzlich die Tagespolitik bestimmen, wur­den vor 30 Jahren als »prophetistischer Katastrophalismus«, als »Schwarzseherei« und noch vor drei Monaten als Elemente einer »Immer-und-gegen-alles-Gesellschaft« verunglimpft. Jetzt steht die Schrift überdeutlich an der Wand.

Nach Tschernobyl war schnell von den Russen und ihrer veralteten Technik die Rede – jetzt trifft es eine High-Tech-Nation. Ist Kernkraft prinzipiell nicht beherrschbar?
Döring:
In Tschernobyl war nicht primär die Technik das Problem, sondern der Mensch. Im höchsttechnologisierten japanischen Fukushima reichten Risikoannahmen und Schutzpläne nicht aus. Ich frage, wenn nicht da, wo sonst sollte Beherrschbarkeit möglich sein? Die Komplexität der gigantischen Energiefreisetzungen übersteigt das Maß des Menschen und seine Regel- wie Verantwortungssysteme. Hinzu kommt die ungeklärte Atommüllfrage, deren Lösung wir auf unsere Kinder und Enkel abschieben. 1986, unmittelbar nach dem Super-GAU in Tschernobyl, schrieb der damalige Wittenberger Friedenskreis an den Staatsrat der DDR‚ es sei die Verantwortung der hochentwickelten Industrieländer, aus der Kernenergie auszusteigen und dadurch der Welt zu zeigen, dass es möglich ist, auf diese Form der Energiegewinnung zu verzichten. Es schmerzt, dass 25 Jahre für umfassende alternative Beispiele verloren gegangen sind.

Weltweit sind 442 Atomkraftwerke (inkl. der japanischen) in Betrieb, weitere 64 in Bau – wird die Katastrophe von Fukushima das Bewusstsein verändern?
Döring:
Das gesamte Bewusstsein der Welt ändert sich gewiss nicht. Aber vielleicht hält sich bei Entscheidungsträgern wie Wahlbürgern eine Skepsis gegen die atomaren Lösungen. Und vielleicht wächst oder erneuert sich eine vielschichtige und dezentrale Such-, Neugier- und Ehrfurchtsbewegung, die uns die Augen öffnet für das, was schon möglich ist. Wir haben kein Erkenntnis-, wir haben ein Handlungs-, Regel- und Umsetzungsdefizit.

Immer wieder ist von der Kernenergie als derzeit noch unaufgebbarer Brückentechnologie die Rede – brauchen wir sie nicht noch auf absehbare Zeit?
Döring:
Kernenergie ist inzwischen keine unaufgebbare Brückentechnologie, sondern eine Verstopfungstechnologie. Sie verhindert dank ihres »billigen« Stromes, dass die besten alternativen Konzepte erneuerbarer Energie flächendeckend, ökonomisch, dezentral und dauerlastfähig konkurrenzfähig werden. Diverse Sachverständigenräte der Bundesregierung oder des Dessauer Umweltbundesamtes – nicht nur von Öko-Instituten – halten eine weitgehend vollständige Energieversorgung aus erneuerbaren Energiequellen in weniger als einer Generation für möglich. Zum Konzept gehört freilich: Wir müssen deutlich weniger Energie verbrauchen. Beim Einsparen hinken die Bürger der Industrie hinterher. Dort ist der Kostendruck schon höher.

Was würde ein schneller Ausstieg für uns alle und unseren Lebensstil bedeuten?
Döring:
Ein schnell möglicher Ausstieg ist für mich der alte rot-grüne Ausstiegskompromiss – gemeinsam mit der Wirtschaft. Also AKW-Laufzeiten bis maximal 2020. Freilich sind deutliche Steigerungen der Energiepreise, nicht nur für Wohnungswärme, auch für Mobilität oder als Anteil in den Produkten des täglichen und nicht so täglichen Bedarfs zu erwarten. Dies wird gern – zumal von der Energiewirtschaft – als Bedrohung des Abendlandes beschrieben. Dem ist nicht so! Zwei Tendenzen stehen dagegen: Zum einen die steigende Energie- und Rohstoffproduktivität in den jeweiligen Produkten. Das heißt, es kann mit weniger mehr hergestellt werden. Zum anderen die schon erwähnten Einsparpotenziale. Wenn der Gaspreis um zehn Prozent steigt, ich aber 20 Prozent weniger verbrauche, habe ich zehn Prozent gespart beziehungsweise als Reserve für Sparinvestitionen. Trotzdem darf nicht drumherumgeredet werden: Bis zum technologischen und damit ökonomischen Durchbruch bei den erneuerbaren Energien – die auch Nachteile haben – werden unsere Aufwendungen für Energie wachsen.

Was kann, was sollte der Einzelne jetzt tun?
Döring:
Der Einzelne kann erstaunlich viel tun. Wir in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sollten unsere Kampagne »Klimawandel – Lebenswandel« ernst nehmen und umsetzen. Zum Beispiel könnte die Junge Gemeinde sich beim Frauenkreis einladen und bitten, übers Einsparen nach dem Krieg, in der DDR und heute zu reden. Die Welt war nicht besser, als noch gestopft wurde, aber weniger Energie wurde schon verbraucht.

Was kann und sollte die Kirche selbst tun?
Döring:
Zum Beispiel, was die soeben beendete Frühjahrssynode der EKM einstimmig beschloss: »Die Landessynode bittet die Kirchengemeinden, Kirchenkreise und das Landeskirchenamt um verstärkte Bemühungen zur Bereitstellung und Nutzung kirchlicher Grundstücke und Gebäude für Investitionen in erneuerbare Energien.«

Jedes Unglück muss an Gott vorbei

Der Autor Rolf Wischnath lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie, Quelle: privat

Der Autor Rolf Wischnath lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie, Quelle: privat

Eine theologische Besinnung über die schwerste Frage des Glaubens, warum es Not und Leid gibt

Wenn Menschen oder ein Volk von einem schweren Unglück getroffen werden, fragen manche: Warum lässt Gott das zu? Über diese Frage angesichts der Katastrophe in Japan eine theologische Reflexion.

Jesus ruft die Menschen seiner Zeit immer wieder zur Buße, zur Umkehr. Nicht nur zur Umkehr auf einem Lebensweg, der offensichtlich in die Irre führt, sondern es geht die Aufforderung an alle, ihr Leben zu überprüfen. Wenn Menschen oder ein ganzes Volk Schlimmes widerfährt, dachte man damals – und oft auch noch heute: Solch ein Unglück muss Strafe Gottes sein, Quittung für falsches ­Leben. So jemand muss es büßen. Doch Jesus erklärt es mit einem ­großen Unglück seiner Zeit anders: »Meint ihr, dass jene achtzehn Menschen, auf die der Turm am Teich Schiloach stürzte und sie erschlug, seien schuldiger gewesen als alle ­anderen Bewohner Jerusalems? Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.« (Lukas 13,5)

Wir hören hier eine sich anbahnende Antwort auf die schwerste Frage des Glaubens: Wie kann es vor Gott gerecht sein, dass Menschen ­unverschuldet leiden und vor der Zeit sterben müssen? Und wie kann Gott zulassen, dass Menschen sich mit ­ihren, auch technischen Möglichkeiten so sehr überheben?

Die Frage impliziert eine kindliche, aber verständliche Hoffnung: Der gerechte und allmächtige Gott lässt ­einen Unschuldigen nicht vor der Zeit sterben. Unvermeidlich aber dann auch die Annahme: Irgendetwas besonders Schuldhaftes müssen die Verunglückten getan haben, was ihr Geschick, ihren jähen Tod verursacht hat.

Jesus aber verwirft das Dogma, besondere Schuld führe zu besonderem Unglück. Keiner kann jetzt noch den Willen Gottes für eine Erklärung zu Ungunsten der Opfer reklamieren. Nicht der Mensch soll Gott infrage stellen. Gott stellt den Fragenden infrage: »Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.« Keine Drohung ist das, sondern eine Verunsicherung, die von einer elementaren Warnung ausgeht.

Jesus wagt es, die Unterschiede hinsichtlich der Schuldhaftigkeit aufzuheben – bei den Toten und den Lebenden. Am Beispiel des zusammengestürzten Turms, der unterschiedslos 18 Menschen erschlagen hatte, demonstriert er: Die Frage nach Gott wird zu einer Frage nach dem Menschen und seiner Umkehr: Gerade in dem Rätsel eines so unfasslichen Unglücks, sagt Jesus, sollen die Menschen umkehren zu Gott.

Worin geschieht die Umkehr? In unserer unverzüglichen Kehrtwende zu Gott und in der Hinwendung zum Mitmenschen. Der umkehrende Mensch soll neu beginnen, Gott zu vertrauen und zu gehorchen. Der umkehrende Mensch beginnt neu, seinen Teil für eine Welt zu tun, in der der Mitmensch besser geachtet und geschützt wird und in der Gerechtigkeit und Macht zu einem besseren Ausgleich kommen.

Was bedeutet das für die schwerste Frage des Glaubens? Die Frage nach der Macht und der Gerechtigkeit Gottes und das quälende Problem, warum der allmächtige Gott so viel Unrecht und ­Unglück auf seiner Erde geschehen lässt, können und sollen wir zu Lebzeiten und mit unseren begrenzten Möglichkeiten des Verstehens nicht widerspruchslos lösen.

Die Frage lässt sich hier und jetzt von uns nicht theologisch lösen. Wir brauchen sie auch nicht zu beantworten. Wir müssen Gottes Treue nicht angestrengt beteuern oder bestreiten. Wir müssen sie nicht in eine intelligente Übereinstimmung bringen mit erfahrenem Unglück. Wir können jenes Rätsel, dass so viel Unschuldige den Konsequenzen von so viel fehlgeleiteter menschlicher Verantwortung zum Opfer fallen, kaum lösen. Diese Einsicht entlastet und verpflichtet. Der atomare GAU, der Tsunami, Hungersnöte, Kriege, Klimakatastrophen, von Menschen verursachte Unglücke, Ungerechtigkeit – wir sind frei, zu handeln. Gewiss können wir uns darauf verlassen, dass wir es nicht mit einem sich von uns abwendenden Gott zu tun haben, auch wenn er uns so oft verborgen erscheint. Kein Unglück ­geschieht in Abwesenheit Gottes, es muss an ihm vorbei. Und Gottes Treue trägt uns dennoch über Unglück, Tod und Unrecht hinaus und gibt dem ­Leben trotzdem Sinn und Zukunft.

In dieser Hoffnung erwarten wir den neuen Himmel und die neue Erde Gottes – und mit ihnen die Antwort auf die ungelösten Fragen. Diese Fragen aber sollen wir bis dahin wachhalten –, wohl wissend, dass wir Gott in seiner Barmherzigkeit oder seiner Verborgenheit nicht festlegen können. Wir sind zur Umkehr gemahnt und zur Wahrnehmung unserer Mitverantwortung – und zur Solidarität mit ­denen, die so sehr versehrt wurden.

Rolf Wischnath

Der Autor lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie.

Literarische Schätze

21. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Tom Pauls’ Auswahl

Viele Deutsche haben leider ­vergessen, dass die sächsische Kanzelsprache, auch Meißner Kanzleideutsch genannt, von Martin Luther maßgeblich für seine ­Bibelübersetzung herangezogen wurde.« Angesichts dieser bemerkenswerten Erkenntnis ist es verwunderlich, dass der sächsische Dialekt allzu oft der Lächerlichkeit preisgegeben ist und verachtet wird. Offensichtlich zu Unrecht und in Unkenntnis über die Be­deutung des Sächsischen, das seit 500 Jahren das Hochdeutsche geprägt habe, so schreibt es der Schauspieler und Kabarettist Tom Pauls im Vorwort seines Buches »Eiserne Ration für fichilante Sachsen«. Schade, dass er mit diesem Titel nur eine sächsische Leserschaft im Blick hat. Denn die meisten in dem Buch enthaltenen Lieder, Gedichte und Geschichten sollten nicht nur zum Bildungsgut der sächsischen Landsleute gehören.

Zum Beispiel wird der erzgebirgische Volksheld Carl Stülpner vorgestellt, dessen Bekanntschaft zu machen sich auch für Nichtsachsen lohnt. Ebenso sollte die Republik Schwarzenberg, ein Gebiet im Erzgebirge, das nach der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 für 42 Tage unbesetzt blieb, zur Allgemeinbildung gehören.

BuchcoverIn der Publikation finden sich Texte unter anderem von Theodor Fontane, Paul Gerhardt, Gerhart Hauptmann, Erich Kästner, Martin Luther und Joachim Ringelnatz. Pauls Idee war, literarische Schätze, die frühere Generationen auswendig kannten, in ­einem Handbuch zusammenzufassen und vor dem Vergessen zu bewahren. Entstanden ist eine Sammlung von Perlen deutscher Poesie, lesenswerte Lektüre nicht nur für Sachsen. Es finden sich darin zwar etliche Beiträge mit explizit sächsischem Bezug, doch es gibt keinen Grund, diese ­literarischen Kostbarkeiten und historischen Einblicke einer nichtsächsischen Leserschaft vorenthalten zu wollen.

Sehr vergnüglich die Anekdoten über den letzten Sachsenkönig, Friedrich August II. sowie das Kapitel »Sächsisches Allerlei«. Zu Wort kommt auch die Schriftstellerin und sächsische Mundartdichterin Lene Voigt. Eine ihrer Figuren inspirierte Tom Pauls zu seiner Rolle als Ilse Bähnert, einer gewieften, liebenswerten alten Dame. Mit dem Soloprogramm feiert der Schauspieler auf der Bühne und im Fernsehen Erfolge.

Pauls hat mit seiner Auswahl Ernsthaftes und Humorvolles wunderbar gemischt. Ganz nebenbei bringt er mit seinem Handbuch auch den sächsischen Dialekt zu Ehren. Denn mit Verweis auf ­Luthers Bibelübersetzung betont Pauls: »Das Sächsische brachte endlich Ordnung und eine gefällige Norm in die bis dato wirre und gelegentlich unverständliche Welt des geschriebenen Wortes.«

Sabine Kuschel

Pauls, Tom: Eiserne Ration für fichilante Sachsen. Geschichten und Gedichte, die jeder kennen muss, Hohenheim Verlag, 175 S., ISBN 978-3-89850-207-8, 15 Euro

Die auf dieser Seite empfohlenen Bücher und CDs sind – wenn nicht anders angegeben – zu beziehen über den Buchhandel oder Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

»Sie nehmen uns unser Land«

20. März 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Sie kämpfen um ein Stück Land, das ihnen und ihren Kindern die Ernährung sichert: die Landbesetzer auf der Finca Bella Flor in Guatemala. Foto: Andreas Boueke

Sie kämpfen um ein Stück Land, das ihnen und ihren Kindern die Ernährung sichert: die Landbesetzer auf der Finca Bella Flor in Guatemala. Foto: Andreas Boueke



Biokraftstoff:
Theoretisch ist er eine saubere Sache – doch praktisch hat er eine schmutzige Kehrseite

Die Biospritproduktion ­gefährdet die Welternährung, sagen Entwicklungsexperten. Wie real diese Warnung ist, zeigt ein Beispiel aus ­Guatemala.

Mitternacht auf der Finca Bella Flor in dem mittelamerikanischen Land Guatemala. Hier und da schnarcht ein Mensch. Ab und zu weint ein Baby. Kinder und Alte, Frauen und Männer schlafen auf Brettern und schmutzigen Decken.

36 Familien haben eine provisorische Siedlung gebaut. Die Finca liegt in ­einem Tal, durch das gemächlich der Fluss Polochic fließt. Doch die Stimmung dort ist aufgeheizt. Dreimal schon wurden die Menschen von diesem Grundstück vertrieben. Jedes Mal kamen sie zurück. Zuletzt vor einem Monat.

Zwei Wächter mit Taschenlampen patrouillieren über Sandpfade. Drei weitere sitzen versteckt hinter einem Sandhaufen. Einer von ihnen ist Julio Caál, ein schmächtiger Mann. Aber sein charismatisches Auftreten macht ihn zum natürlichen Anführer der Gruppe. »Die Fincabesitzer sagen, wir hätten dieses Land illegal besetzt«, beklagt Julio Caál. »Aber die wirklichen Eindringlinge sind sie. Diese Leute sind von weither gekommen. Sie haben das Land unserer Vorfahren genommen. Für dieses Land sind unsere Großväter ermordet worden. Und jetzt wollen sie es uns wegnehmen, um Ölpalmen anzupflanzen.«

In der nahegelegenen Provinzhauptstadt Cobán leitet der Spanier Luís Muiguel Otero das theologische Zentrum Ak’Kutan. Er lebt seit dreißig Jahren in Guatemala. »Früher haben wir in unseren Gesprächskreisen nie über Ölpalmen gesprochen,« erinnert er sich. »Heute ist das anders. Wann immer sich Theologen aus dieser ­Region treffen, kommt das Thema auf den Tisch.«

»Die ursprünglichen Bewohner dieser Region, die Maya-Kekchí, waren immer Kleinbauern«, erklärt Luís Miguel Ortero. »Sie wollen ihr eigenes Land und bezeichnen sich als Kinder der Erde.« Doch das fruchtbarste Land gehört einigen wenigen Großgrundbesitzern. Die haben sich schon vor Generationen riesige Ländereien angeeignet, auf denen zuvor die Mayas gelebt haben. Nicht selten kam dieser Landraub gewaltsam zustande. Die Mayas mussten für die neuen Herrn arbeiten. Doch zumindest bekamen sie eine Parzelle zugewiesen, auf der sie ihre eigenen Grundnahrungsmittel anbauen konnten.

Jetzt aber soll es vorbei sein mit dieser Selbstversorgung. Im Laufe der vergangenen fünf Jahre haben Großkonzerne riesige Ländereien gekauft. Sie wollen die Landwirtschaft ganzer Regionen auf den Anbau von Ölpalmen und Zuckerrohr umstellen, aus denen Ethanol und Biodiesel gewonnen werden kann. Für die Familien, die seit Generationen auf dem Land leben, bleibt weder genug Platz noch ausreichend Arbeit. Ganze Gemeinden werden vertrieben, verlieren ihre Überlebensgrundlage.

Julio Caál und seine Familie waren schon mehrfach Opfer blutiger Landkonflikte. Zwei seiner Onkel wurden ermordet. Er selbst hat mehrere Schussverletzungen überlebt. Nicht ohne Stolz zeigt er die Narben an seinem Bein: »Sie haben mich getroffen. Zwei Kugeln sind hier ins Bein eingedrungen und auch meine Hand haben sie ordentlich verletzt.«

Einer der Fincabesitzer im Polochic-Tal ist Hector Monzón. Er bezeichnet die Landbesetzungen als illegal und hält ein gewaltsames Vorgehen gegen die Besetzer für notwendig: »Der Staat muss den Privatbesitz immer verteidigen. Deshalb muss der Staat die Invasionen bekämpfen und die Landbesetzungen räumen.«

Die meisten Großgrundbesitzer argumentieren, die Investitionen der Konzerne würden den Weg zu Fortschritt und Entwicklung ebnen. So sieht es auch der Bürgermeister des Städchens Panzós, dem urbanen Zentrum des Polochic-Tals. Er heißt Edwin Rummler. Sein Großvater ist aus Deutschland nach Guatemala gekommen. Edwin Rummler hält es für seine Aufgabe, großen Konzernen den Weg zu bereiten: »Wir bemühen uns um Investoren, die sich für dieses Gebiet interessieren. Wir unterstützen vor ­allem Unternehmen, die Ölpalmen anpflanzen wollen, und Bergbaufirmen, die Minen betreiben. Sie alle empfangen wir mit offenen Armen, denn wir wissen, dass sie uns Entwicklung bringen.«

Auf der Finca Bella Flor durchbricht das Weinen eines Kleinkinds die Stille der Nacht. Sein Vater, Samuel Cucúl, steht von seinem Lager auf. Es ist Zeit für seinen Patrouillengang. »Ich habe gehört, dass sechs riesige Konzerne aus Brasilien hierher kommen werden, um Ölpalmen zu pflanzen«, sagt Samuel Cucúl. »Aber wir brauchen Land, um unseren Mais, unseren Reis und unsere Bohnen anzubauen. Wenn es nur noch Ölpalmen gibt und keine Bohnen mehr, was können wir dann noch mit all dem Öl braten?«


Von Andreas Boueke

Wie Nachhaltig ist der Biosprit?
Biosprit soll nachhaltig das Klima schützen. Deshalb gilt in Deutschland seit Anfang des Jahres die sogenannte Biomasse-Nachhaltigkeitsverordnung. Diese legt fest, dass die flüssige Biomasse, die dem üblichen Benzin oder Diesel beigemischt werden kann, nur noch aus nachhaltiger Produktion stammen darf. Die Pflanzen dürfen nicht auf Flächen mit hohem Naturschutzwert angebaut werden, wie etwa Regenwälder oder Feuchtgebiete. Doch Greenpeace hat festgestellt, dass Deutschland im Schnitt ein Viertel des Biosprits, der in den Autotanks landet, aus solchen Regionen importiert. Dort gewinnen die Konzerne den Biosprit aus tropischen Pflanzen wie Ölpalmen und Zuckerrohr – zu Lasten der armen Landbevölkerung.

»Ich habe ihn verraten und verkauft«

19. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Judas2

Eine theologische Reflexion über den Verrat des Judas


Das Thema »Verrat« ist im Christentum geprägt vom Verrat des Judas. In der Passionszeit wollen wir uns von verschiedenen Seiten dem Phänomen nähern.

Verraten und verkauft« – eine gängige Redensart. Seit wann sie im Deutschen vorkommt, ist unsicher. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622–1676) schreibt nach dem Dreißigjährigen Krieg in seinem Schelmenroman »Simplicissimus«: »Ein gebohrner ehrlicher Teutscher weiß im Kriege nicht, ob er verrathen oder verkaufft, ob er unter Narren oder Klugen sitze.«

Wo immer allerdings die Wörter »verraten und verkauft« im Neuen Testament und in der Kirchengeschichte vorkommen, sind sie geprägt vom Verrat des Judas. Dieser Verrat übertrifft nach Meinung Unzähliger alles. Was ist sein »Verrat«? Es ist der Bruch des Vertrauensverhältnisses zu einem Freund, Vernichtung des Vertrauens durch eine Handlung, die allem widerspricht, was Judas an Gutem mit seinem HERRN erfahren hatte. Dieser Verrat vollzieht sich durch ­Judas’ Zusage an die Mitglieder des Hohen Rates, er werde gegen »Judaslohn« Jesus denunzieren und seinen Häschern zeigen, wo sie ihn würden verhaften können.

Die Untat des Judas gipfelt in einem Kuss. Dieser gilt bis heute als ­äußerster Akt der Abscheulichkeit, obwohl es in der Geschichte der Kirche auch andere Verratstaten gegeben hat, die an den Judas-Kuss heranreichen. Auch in der Geschichte meiner eigenen Konfession gibt es die Tat eines ungeheuerlichen Verrats – nämlich im reformierten Genf:
Am 6. Oktober 1553 verbrennt dort der Arzt und »Ketzer« Michael Servet, weil Johannes Calvin ihn – Servet vertritt unangepasste Überzeugungen in der Trinitätslehre – an den Rat Genfs überführt und verrät. Calvin bekommt kein Geld dafür. Aber das ist auch schon das »Beste«, was man über seine Rolle bei dieser Schande sagen kann. Und das Ganze lässt sich – bei all meiner Verehrung für den großen Theologen – nicht schönreden.

Der Jünger Judas aber verrät und verkauft Jesus an den Hohen Rat für 30 Silberstücke. So sorgt er dafür, dass Jesus im ursprünglichen Sinne »verraten und verkauft« wird. Weil er seine Tat rückgängig machen will, erhängt er sich in äußerster Verzweiflung – der Legende nach – am »Judasbaum«.

Nun jedoch wird oft übergangen, was zwischen dem Verrat und dem Selbstmord des Judas eigentlich geschieht, nämlich ein Akt ungeheuchelter Reue: »Judas packte die Reue.« Er bringt die 30 Silberstücke zu den führenden Priestern und Ratsältesten zurück und sagt: ›Ich habe große Schuld auf mich geladen. Ein Unschuldiger wird getötet, und ich habe ihn verraten und verkauft.‹« (Matthäus, 27,3+4).

In der Enttäuschung über die Tat des Judas, in seiner Verfemung als größter Verbrecher wird oft dieses Ende seiner Schande nicht mehr wahrgenommen. Man muss nämlich dem Verräter Judas zumindest zugutehalten:
Er ist der Einzige, der als Beteiligter in der Passion Jesu und am Justizmord erkennt, dass Jesus gänzlich verraten und verkauft wird und dass ihm darin schwerstes Unrecht geschieht. Und er ist der Einzige, der diese Schuld einsieht und öffentlich bekennt. Ja, Judas allein kehrt um von dem Irrtum und der Untat, in die er sich verstrickt hat. Er bereut. Von keinem sonst, die mitverantwortlich waren am Leiden und Sterben Jesu, wird das gesagt. Die Jünger fliehen. Petrus ist feige – »und weint dann heftig«. Pilatus waltet seines Amtes genauso wie die Hohenpriester. Das Volk gafft und schreit. Nur von Judas heißt es: »Es packte ihn die Reue.«

Und die Reue des Judas über seinen Verrat bleibt nicht folgenlos. Er steht ein für das, was er getan hat. Er spricht aus, was uns allen auszusprechen so schwerfällt: »Ich habe Schuld auf mich geladen.« Keine abmildernde Entschuldigung! Nein, er benennt das Verbrechen, wie es kein Richter schärfer benennen könnte: »Ich habe ihn verraten und verkauft.«

Damit spricht er als Einziger die Wahrheit im Prozess aus: »Ein Unschuldiger wird getötet.« Und dann vollzieht Judas an sich selbst das ­Urteil, das nach jüdischem Recht über den zu verhängen ist, der eine falsche Anklage erhoben hat. Er erhängt sich selbst. Denn falsche Ankläger sollen mit derselben Strafe bestraft werden, die sie über den bringen wollten, den sie angeschuldigt haben.

Dieser Suizidant weiß nicht, dass an diesem Tag ein anderer für ihn und seine Schuld sterben wird. Er kann das Leiden, den Tod Jesu nicht umkehren, nicht aufhalten. Er kann es nicht verhindern, dass Jesus auch für ihn stirbt. So ist auch Judas nicht verloren in Ewigkeit. Und wenn er in Ewigkeit vor Gott nicht verloren ist, wen dürften wir dann heute verloren geben, verraten und verkaufen? Nicht einmal uns selbst.

Rolf Wischnath


Der Autor war Generalsuperintendent für den Sprengel Cottbus (1995–2004). Er lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie.

»Betet für die Menschen hier«

Eine Welt in Trümmern: Im japanischen Erdbeben- und Tsunami-Gebiet wurden ganze Orte zerstört. Hilfsorganisationen sprachen am Dienstag von mindestens 100000 obdachlosen Kindern. Zehntausende Menschen werden noch vermisst, wie viele Todesopfer es gibt, vermag noch niemand zu sagen. 	Foto: picture-alliance

Eine Welt in Trümmern: Im japanischen Erdbeben- und Tsunami-Gebiet wurden ganze Orte zerstört. Hilfsorganisationen sprachen am Dienstag von mindestens 100000 obdachlosen Kindern. Zehntausende Menschen werden noch vermisst, wie viele Todesopfer es gibt, vermag noch niemand zu sagen. Foto: picture-alliance

Japan: Erst das Erdbeben und die Flutwelle, jetzt der drohende atomare Super-GAU – ein Augenzeugenbericht aus Tokio

Seit Tagen steht die Welt im Banne der Ereignisse in Japan. Wie erleben Menschen vor Ort die Katastrophe? – Die deutsche Pfarrerin in Tokio hat ihre Erlebnisse in Worte gefasst.


Von Elisabeth Hübler-Umemoto

13. März: Wir sind erschüttert von der Unermesslichkeit des Leids, das über so viele Menschen gekommen ist.
Unsere Kreuzkirche und das im Bau befindliche Pfarrhaus haben keine Schäden. Wir warten angespannt auf neue Nachrichten über den Zustand der beiden Kernkraftwerke, in denen Störfälle aufgetreten sind. Aber wir können nicht weglaufen, hoffen das Beste und bleiben ruhig.

Die Japaner reagieren sehr gelassen auf die Situation. Sie leben ständig mit der Möglichkeit einer Naturkatastrophe. Sie sind deshalb gut auf die verschiedensten Szenarien vorbereitet. So gut, wie man es angesichts der Unberechenbarkeit solcher Ereignisse nur sein kann.

Der nationale Christenrat in Japan hat einen Fürbitten- und Spendenaufruf gestartet und angefangen, Hilfe für die betroffenen christlichen Gemeinden zu organisieren. All das steht noch ganz am Anfang. Es ist noch kein Überblick über die Lage zu gewinnen. Der Gemeindevorstand hat den Gottesdienst heute kurzfristig abgesagt, weil noch nicht absehbar ist, wie die Reaktorstörfälle weitergehen. Wir haben Fürbitten an alle Gemeindeglieder verschickt und werden den Gottesdienst auf den kommenden Mittwoch verschieben. Es tut uns gut zu hören, dass in Deutschland und vielen anderen Ländern sehr viele Freunde und Bekannte die Situation hier in ihre Gebete einschließen.

Nachtrag: Inzwischen sind die meisten deutschen Familien weggefahren. Die Firmen möchten ihre Mitarbeiter auch möglichst in Sicherheit wissen. Wir hören weiterhin die aktuellen Nachrichten von den Kernkraftwerken, warten und hoffen, dass wir nicht evakuiert werden müssen.

Die Menschen sind weiterhin gelassen. Zum ersten Mal wird mir deutlich, warum die japanische Kultur so oft eine Atmosphäre der Traurigkeit enthält: Eine Nation, die solche Katastrophen erlebt und damit weiterlebt, trägt etwas davon in der Seele. Inzwischen gibt uns ein Sender Tipps, wie wir bei Stromsperre unsere Lebensmittel retten, und andere Hilfen. Man ist einfach pragmatisch. Das Entsetzen ist so groß und so nah, dass ich es nicht fühlen kann. Es passt in eine Seele nicht hinein. Ist unser sonst so wichtiges Leben und Geldverdienen und Beherrschen und Gestalten nicht einfach nur äußerlich? Ganz nichtig, ganz eitel? Der Prediger Salomo fällt mir ein: »Alles ist eitel und ein Haschen nach Wind.«

14. März: Gespräche, Telefonate mit Gemeindemitgliedern, Interviews mit Medien. Ein langer Tag geht zu Ende. Der vierte Tag nach den schrecklichen Ereignissen. Heute hatten wir noch keinen Stromausfall, aber die Züge, S- und U-Bahnen wurden deutlich ­reduziert, um Strom zu sparen.

Ich bekomme öfter die Frage gestellt, warum die Japaner so gelassen, so diszipliniert auf das alles hier reagieren. Japaner sind stark, wenn sie eine fest definierte Rolle ausfüllen müssen. Das hilft jetzt sehr, um in ­dieser unermesslichen Notlage zu tun, was nötig ist. Da ist der Tanklastzugfahrer, der seinen Tankzug mit Trinkwasser füllt und zum nächsten verwüsteten Dorf fährt, um den Menschen Wasser zu bringen. Dazu sagt er: »Ich freue mich sehr, dass ich diesen Beitrag leisten kann.« Oder jene Frau, die von einem Soldaten auf dem Rücken aus den Trümmern getragen wird und sich auf so unverwechselbar japanische Weise bedankt: »Sumimasen«, das heißt: »Ich kann dir dafür nichts zurückgeben.« »Osewani narimashita« – »Ich fühle mich schuldig dafür, dass du ­etwas für mich tun musst, was du ­normalerweise nicht tun musst.«

Wir erfahren in diesen Tagen wie groß die Schattenseite unserer allumfassend technisierten Welt ist. Es war so schön bequem mit all den Geräten, die uns umgeben. Ich hoffe, dass man in Japan und überall dort, wo es Kernkraftwerke gibt, über Veränderungen in der Energieversorgung nachdenkt. Manche fragen mich nach meiner Angst, aber mir geht es eher so, dass ich jetzt merke, was mein Glaube mir bedeutet: Dass wir alle in Gottes Hand sind, wo immer wir auch sind. Es gibt kein Benzin mehr an den Tankstellen. Deshalb wird vielleicht auch unser zweiter Versuch, zum Gottesdienst in der Kirche zusammenzukommen, scheitern. Es freut die Menschen hier ungeheuer, dass weltweit so viel Anteil genommen wird, so viel echtes Mitfühlen rüberkommt.

Elisabeth Hübler-Umemoto ist mit  einem Japaner  verheiratet und seit 2003 Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde Deutscher  Sprache Tokio- Yokohama.

Elisabeth Hübler-Umemoto ist mit einem Japaner verheiratet und seit 2003 Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache Tokio- Yokohama.

15. März: Ich wache auf, es ist fünf Uhr am Morgen und mein erstes Gefühl geht dahin: Ich will meine Normalität zurück. Kann nicht alles ganz schnell geklärt werden?

Stattdessen im Fernsehen ein oberpeinlicher Auftritt von wissenschaftlichen und leitenden Mitarbeitern des Kernkraftwerks Fukushima I, die sich vor laufenden Kameras rangeln und streiten, wer jetzt welches Datenblatt hat, wer sprechen darf. »Bakkamon!«, möchte man rufen, »ihr Blödmänner!«. Während die Techniker in den AKWs ihr Leben aufs Spiel setzen, seid ihr mit Kompetenzgerangel und Konkurrenz beschäftigt!

Ja, die Schwächen der hiesigen Kultur werden an einigen Stellen jetzt deutlich: Dass Experten in ihrem Fach es durch alle Institutionen geschafft, alle Prüfungen sehr gut bestanden haben, aber nicht fähig sind, den Kopf klar und oben zu behalten, wenn etwas außer der Reihe zu tun ist, wenn auch der Einzelne Verantwortung für das Ganze tragen muss. Allmählich beginnen wir, die Auswirkungen der Katastrophe auch auf die Zukunft der Gemeinde und der deutschen Community zu spüren. ­Unser Architekt informierte darüber, dass weiteres Bauholz für den Innenausbau unseres neuen Pfarrhauses Lieferstopp habe. Auch IKEA hat seine Tore geschlossen, vermutlich um sei­ne Produkte den Menschen im Erdbebengebiet zur Verfügung zu stellen.

In zwei Stunden wird uns für circa vier Stunden der Strom abgestellt. Aber was ist das schon angesichts der vierten Nacht, die viele Opfer im Freien verbracht haben bei Temperaturen um den Gefrierpunkt? Inzwischen rechnet man mit rund 20000 Toten, aber für genaue Angaben ist es noch zu früh.

Vom Reaktor hört man wenig Ermutigendes … Betet bitte weiterhin für die Menschen hier. Das ist im ­Moment das Wichtigste, was man tun kann.

Elisabeth Hübler-Umemoto ist mit einem Japaner verheiratet und seit 2003 Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache Tokio-Yokohama.

Das Tokioer Fürbittengebet
Das folgende Gebet veröffentlichte die deutsche Gemeinde in Tokio auf ihrer Internetseite:

Manche von uns haben Stunden der Angst erlebt, Stunden der Unsicherheit und Sorge. Die Menschen in der Erdbebenregion haben ihr Leben verloren, ihre Angehörigen, ihre Existenz.
Und der Schrecken ist noch nicht vorbei.
Das Kernkraftwerk in Fukushima ist noch nicht sicher.

Dennoch hoffen wir auf dich, Gott, halten an dir fest und bitten dich um deine Gegenwart in all diesen schlimmen Erfahrungen.

Wir bitten für die Familien, die nicht wissen, ob ihre Angehörigen noch leben.
Wir bitten für die Verstorbenen.
Wir bitten für die Menschen in den Notunterkünften.
Wir bitten für die Menschen, die vor dem Nichts stehen.
Wir bitten für die vielen Helfer, die ihr Leben für andere aufs Spiel setzen.
An dir halten wir uns fest, Gott, gerade, wenn uns der Boden unter den Füßen wegrutscht.
Auf dich hoffen wir, in allem, was wir erleben, ertragen, durchmachen müssen.
Begleite du uns, dass wir nicht verzweifeln.
Hilf uns, aufeinander zu achten, richtige Entscheidungen zu treffen und zu helfen, wo wir können. Amen.

www.kreuzkirche-tokyo.jp

Schicksalsmuster

15. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Szene aus dem Stück »Joseph und seine Brüder«. Vorn liegend: Sabrina Weidner, auf den Stühlen v. li.: Diana Nitschke, Thomas Deubel, Jenny Kühl. (Foto: Armin Kühne)

Szene aus dem Stück »Joseph und seine Brüder«. Vorn liegend: Sabrina Weidner, auf den Stühlen v. li.: Diana Nitschke, Thomas Deubel, Jenny Kühl. (Foto: Armin Kühne)

Amateurensemble der Cammerspiele Leipzig spielt »Joseph und seine Brüder«

Romanadaptionen haben seit einiger Zeit Konjunktur auf deutschen Bühnen; insbesondere die Werke Thomas Manns erfreuen sich dabei großer Beliebtheit. Reflektieren die Theater damit eine stärkere Teilhabe an der Werte-Diskussion, für die sich nicht die entsprechenden Stücke finden?

Nach den »Buddenbrooks« in Dresden und »Der Zauberberg« in Berlin und Leipzig wagte sich nun das Amateurensemble der Cammerspiele Leipzig an eine Dramatisierung der ersten beiden Bücher von »Joseph und seine Brüder«. Geschrieben wurden sie vom großen Romancier in den Jahren 1927 bis 1934, bevor er 1943 die Tetralogie mit zwei weiteren Teilen beendete.

Auch wenn Thomas Mann den ­alttestamentarischen Stoff vom Leben Josephs als heiter-orientalischen Menschheitsmythos konzipierte, stieg er dabei bis tief in die ­Urgeschichte von Abraham, Josephs Vater Jaakob und seinen elf Brüdern hinab und ­beschrieb deren dunkle Seiten.

Anders als John von Düffel, der alle vier Roman-Teile dramatisierte, konzentrierten sich der Leipziger Regisseur Christian Hanisch und die Dramaturgin Susann Schreiber auf die ersten beiden Bücher: »Die Geschichten Jaakobs« und »Der junge Joseph«. Dazu lieferte ihnen der Germanist und Theologe Hermann Kurzke einen ideellen Ansatz, der auf dem Programmzettel folgendermaßen zitiert wird: »Alles, was geschieht, ist Wiederholung. Verstehen bedeutet, das zu einer Situation passende Urgeschehen, das einer Figur zugehörige Vor-Bild zu finden.«

In einer zur Bühne umfunktionierten Werkhalle sitzen in Leipzig cirka 50 Zuschauer vier Schauspieler/innen gegenüber. Zwischen ihnen eine dunkle Fläche voller kleiner Spielzeug-Schafe.

Die Spieler Thomas Deubel, Jenny Kühl, Diana Nitschke und Sabrina Weidner betreten nach und nach den Raum, legen ihre private Kleidung ab und diverse Kostümteile an. Erst vereinzelt, dann immer häufiger, beginnen sie zu mähen und mit uns in »den Brunnen der Vergangenheit« hinabzusteigen.

In wechselnden Rollen erzählen die jungen Akteure mit sparsamen Mitteln die Geschichten von Jaakobs Leben bis hin zu Rahels Tod, vom Segensbetrug an Esau, Jaakobs Verbannungszeit bei Laban, seinem jahrelangen Dienen und Warten auf Rahel, von ihrer Vertauschung in der Brautnacht mit deren Schwester Lea, der späten Geburt Josephs und dessen Züchtigung durch seine Brüder.

Doch das geschieht nicht in linearer Abfolge, sondern in wechselnden Zeitsprüngen, sodass nur Roman­kenner dem biblischen Bilderbogen folgen können. Aber das scheint den Inszenatoren nicht wichtig.

Im Mittelpunkt des zweistündigen Abends ­stehen vielmehr die schicksalhaften Wiederholungen von Täuschung, Überlebenskampf, Gewalt, Geburt und Tod. Mit Hermann Kurzke sucht man »im Mythenschatzhaus nach dem Prototyp für eine Situation« sowie archetypischen Konstellationen.

Dass sich das Ensemble dabei der Mittel des Armen Theaters bedient, kommt dieser Absicht zugute: Ein ­Eimer Wasser, Blut, ein paar Hände voller Getreidekörner, sparsame Licht­wechsel konzentrieren das Spiel. Schön das Schlussbild der Inszenierung: Eine Spielerin legt ihr Kostüm ab und steigt aus dem wiederkehrenden Kreislauf von Täter-Opfer-Sein aus, spielt nicht mehr mit, verlässt geräuschlos die Bühne.

Die Auseinandersetzung des jungen Ensembles mit Thomas Manns Werk verdient Respekt. Mit viel Enthusiasmus haben die jungen Spieler ­versucht, sich der selbst gewählten Herausforderung zu stellen. Doch spätestens in den Momenten, in ­denen die Inszenierung ganz auf die Sprache Thomas Manns setzt, zeigen sich die schauspielerischen Grenzen der Amateure.

Die Cammerspiele Leipzig machen seit über zehn Jahren ambitioniertes Theater in der Stadt, wurden im letzten Jahr dafür sogar mit einem Preis geehrt. Den hat diese Inszenierung zwar nicht verdient, bekam vom Premierenpublikum aber ordentlichen Applaus.

Matthias Caffier

Nächste Vorstellungen: 24. bis 26. März, jeweils 19.30 Uhr und am 27. März um 18 Uhr

Im Angesicht des Todes werden Menschen hellsichtig und weise

13. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Der Weimarer Musikprofessor George Alexander Albrecht engagiert sich ehrenamtlich in der Hospizarbeit.


George Alexander Albrecht gewinnt dem Tod etwas Erhabenes, Würdevolles ab. »Die meisten Menschen haben Angst vor dem Unbekannten. Gläubige sind besser dran«, sagt er. Er ist Christ und begleitet Sterbende.

In der Hospizarbeit hat George Alexander Albrecht eine neue Aufgabe ­gefunden. Sie ist für ihn ein Ausdruck von Dankbarkeit, unter anderem für seine schönen Erfahrungen mit der Musik. (Foto: Maik Schuck)

In der Hospizarbeit hat George Alexander Albrecht eine neue Aufgabe ­gefunden. Sie ist für ihn ein Ausdruck von Dankbarkeit, unter anderem für seine schönen Erfahrungen mit der Musik. (Foto: Maik Schuck)

Wenn der Weimarer Musikprofessor George Alexander Albrecht von seinen Begegnungen mit Sterbenden spricht, erscheint der Tod nicht in düsteren Farben als ein Ereignis, das Angst und Erschrecken auslöst. Albrecht gewinnt dem Tod etwas Erhabenes, Würdevolles ab.

Der international renommierte Dirigent engagiert sich seit einigen Jahren ehrenamtlich in der Hospizarbeit. Jeden Tag besucht er im Weimarer Sophienhaus, einer diakonischen Einrichtung, oder auf der Palliativstation des Krankenhauses in Bad Berka Schwerkranke und Sterbende.

Die Entscheidung, in der Hospiz­arbeit eine neue Aufgabe zu suchen, fiel nach einem dramatischen Ereignis. Neujahr 2002 dirigierte Albrecht in Weimar Beethovens neunte Sinfonie, als er mitten im Konzert einen Kollaps erlitt, zusammenbrach und notärztlich behandelt werden musste.

Bis dahin hatte er als Dirigent eine glanzvolle Karriere hingelegt. 1935 in Bremen geboren, »habe ich mit 14 Jahren mein erstes Konzert gegeben«. Er studierte Violine, Klavier und Komposition. Als er 1965 29-jährig an die Niedersächsische Staatsoper Hannover berufen wurde, war er der jüngste Generalmusikdirektor (GMD) in Deutschland. Im Laufe seiner Karriere war er Gastdirigent unter anderem der Berliner und Münchner Philharmoniker, der Staatskapelle Dresden und des Gewandhausorchesters Leipzig.

Er dirigierte sämtliche deutsche Rundfunkorchester und stand bei ­vielen ausländischen Orchestern am Pult. Konzert- und Gastspiele führten ihn nach Bologna, Madrid, Turin, Venedig, Petersburg, Wien und Zürich, zu den Salzburger Festspielen und in die Carnegie Hall in New York. Von 1990 bis 1995 war Albrecht Gastdirigent an der Semperoper Dresden. 1996 wurde er Generalmusikdirektor des Deutschen Nationaltheaters Weimar und der Staatskapelle Weimar.

36 Jahre hatte der Musiker Spitzenpositionen inne.

Er ist der Bruder des Politikers Ernst Albrecht. Dieser war von 1976 bis 1990 Ministerpräsident von Niedersachsen und ist der Vater von Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales.

George Alexander Albrecht ist dankbar für seine jahrzehntelange ­Beschäftigung mit musikalischen Meisterwerken. »Dabei fühlt man Sinn. Musik erlöst von Raum und Zeit. Sie ist wie eine Schutzschicht. Durch Musik gewinnt man Abstand zu den Widrigkeiten des Alltags.«

Es sei schwer für ihn gewesen, sagt Albrecht, als er nach dem »Unfall« als Dirigent seltener gefragt war. »Früher habe ich 190 bis 200 Mal im Jahr dirigiert, jetzt fünf bis sechs Mal.« Doch er wehrte sich dagegen, dass sein Leben, das bisher von der Musik bestimmt war, seinen Sinn verliere. Er beharrt darauf: »Das Leben muss Sinn behalten.«

In der Begleitung von Sterbenden hat der Musiker eine neue Aufgabe gefunden. »Ich hatte den Wunsch, danke zu sagen.« Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten, sei für ihn eine Geste der Dankbarkeit für sein Leben und seine wunderbaren Erfahrungen mit der Musik.

Im Hospizdienst sei es ihm wichtig, diejenigen Sterbenden zu besuchen, die ganz einsam sind, »keinen Menschen auf der Welt haben«. Ihnen möchte er das Gefühl geben, dass jemand für sie da ist, an sie denkt.

Darin sieht er seine Aufgabe: da zu sein für Menschen in ihrer letzten Phase und zu »lauschen, was der Sterbende braucht. Keine Musik. Ich sage nichts, keine Sprüche, keine Gesänge, keine religiösen Sätze. Wer reden möchte, kann es tun. Ich merke, Sterbende wollen ihre Ruhe, ihre seelische Ruhe.«

Am Bett von Sterbenden gibt es lange Phasen des Schweigens. Um sie zu überbrücken, helfen dem katholischen Christen Gebete: der Rosenkranz und das Herzensgebet, ein ­Gebet, bei dem immerwährend im Atemrhythmus der Name Jesu Christi angerufen wird.

»Wenn man betet, langweilt man sich nicht und hat auch keine Angst«, sagt Albrecht. Innerlich spirituell gebunden, falle es nicht schwer, die Nähe des Todes zu spüren. »Die meisten Menschen haben Angst vor dem Unbekannten, Gläubige sind Privilegierte.« Gleichwohl kennt er ­Situationen, die schwer auszuhalten sind. »Wenn Männer von ihren Kriegserlebnissen sprechen, laden sie ab. Das ist sehr schwer für mich.«

Die Erfahrungen in der Hospiz­arbeit seien für ihn wichtig auch im Hinblick auf den eigenen Tod, so Albrecht. Er empfehle jedem, frühzeitig an den Tod zu denken, um weise und reif für dieses »wichtige Ereignis« im Leben zu werden.

Mozart soll beim Tod seiner Mutter gesagt haben: »Der Tod ist der beste Freund des Menschen.« Diese Äußerung des Musikgenies fand Albrecht immer bemerkenswert. »Wenn Mozart, der mein Vorbild ist, das sagt!« Seine Erfahrungen mit Sterbenden geben Mozart recht.

Albrecht empfindet die Hospizarbeit als bereichernd und aufbauend, denn er erlebe die Menschen im Angesicht des Todes hellsichtig, niveauvoll, würdevoll, ganz gleich welche Bildung sie haben und welcher sozialen Schicht sie angehören.

»Am Ende seines Lebens wird der Mensch weise.«

Sabine Kuschel

Wer wird der Nächste sein?

11. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Christen und Menschenrechtsaktivisten in Pakistan trauern um den ermordeten Minderheitenminister Shahbaz Bhatti – er galt als Symbol der religiösen Toleranz. (Foto: picture alliance/dpa/T. Mughal)

Christen und Menschenrechtsaktivisten in Pakistan trauern um den ermordeten Minderheitenminister Shahbaz Bhatti – er galt als Symbol der religiösen Toleranz. (Foto: picture alliance/dpa/T. Mughal)




Pakistan:
Der christliche Minister Shahbaz Bhatti trat für religiöse Toleranz ein – und wurde ermordet.

In Pakistan hat eine Hetzjagd gegen Minderheiten ­begonnen. Das Klima der ­Intoleranz und des ­Fanatismus kostete jetzt den Minister für religiöse ­Minderheiten das Leben.

Er sei der Nächste auf der Todesliste, hatte Shahbaz Bhatti vor Wochen erklärt. Am Mittwochmorgen der vergangenen Woche ­erschossen ihn bewaffnete Männer kaltblütig auf offener Straße in der Hauptstadt Islamabad. Zu dem Mord bekannten sich die pakistanischen ­Taliban.

Bhatti, ein Katholik, war der einzige Christ im Kabinett. Er hatte sich vehement für die Abschaffung des umstrittenen Blasphemie-Gesetzes ausgesprochen, das die Todesstrafe nach sich ziehen kann. Dies wurde Bhatti nun offenbar zum Verhängnis. Von einer Fatwa, einem islamischen Todesurteil, hatte sich der 42-Jährige nicht abhalten lassen.

»Wir müssen gegen diese terroristischen Kräfte kämpfen, weil sie das Land terrorisieren«, sagte Bhatti Mitte Januar. Die Fatwa islamischer Geistlicher rief Muslime dazu auf, den Politiker zu köpfen. Erst Anfang Januar war ein anderer prominenter Politiker und Gegner des Blasphemie-Gesetzes getötet worden: Gouverneur Salman ­Taseer starb durch Schüsse, die sein Leibwächter auf ihn abgab.

Minister Bhatti ahnte sofort, dass er das nächste Opfer werden könnte: »Ich kann den Sicherheitsmaßnahmen nicht vertrauen«, erklärte er. »Ich glaube, dass Schutz nur vom Himmel kommen kann, solche Bodyguards können dich nicht retten.«

In Pakistan häufen sich zurzeit Verurteilungen und Festnahmen wegen Gotteslästerung. Im November 2010 war die 45-jährige Christin Asia Bibi wegen Blasphemie-Verdachts zum Tod am Galgen verurteilt worden. Bhatti hatte sich ebenso wie Taseer für eine Begnadigung der fünffachen Mutter eingesetzt.

Nun sind beide Politiker tot.

Ist ein Mord am helllichten Tage schon schockierend, machte vielen Pakistanern die Reaktion darauf noch mehr Angst. Zehntausende Menschen gingen nach dem Tod von Taseer auf die Straße, um den Mörder zu feiern, mit Blumengirlanden zu behängen und gegen eine Revision des Gesetzes zu demonstrieren.

Die Regierung gab daraufhin bekannt, es werde keine Änderungen am Blasphemie-Gesetz geben. Menschenrechtsgruppen fordern schon seit langem seine Abschaffung, weil es oft dazu genutzt wird, persönliche Streitigkeiten auszutragen. Meist reicht ein bloßer Verdacht der Gotteslästerung aus, um jemanden monatelang ins Gefängnis zu werfen.

Der Tod von Taseer und Bhatti ist für viele Landeskenner Teil einer besorgniserregenden Entwicklung in Pakistan. Inzwischen müssen nicht nur Angehörige religiöser Minderheiten und couragierte Politiker um ihr Leben bangen. Nachdem Ende Februar ein Amerikaner in der ostpakistanischen Stadt Lahore zwei Pakistaner unter mysteriösen Umständen erschossen hatte, wird auch das Klima für Ausländer rauer.

Der britische Journalist George Ful­ton, der Talkshows und Dokumentar-Serien im pakistanischen Fernsehen moderierte, verließ nach neun Jahren das Land. In einem berührenden Abschiedsbrief in der Zeitung »Express Tribune« schrieb er: »Pakistan, du stehst am Abgrund. Eine hauchdünne Wand trennt dich von ­einem gescheiterten Staat.« Und mit Blick auf Angriffe auf Christen, aber auch auf schiitische Muslime und die als Sektierer betrachteten Ahmadiyyas fragt er: »Wer wird der Nächste sein?«

Agnes Tandler (epd)

Aktionäre, Banken und Länder auf globaler Einkaufstour

11. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ausverkauf: Weltweit ist der Kampf um Nahrung, Energie und Bodenschätze entbrannt – »Land Grabbing« lautet der neueste Schachzug.
 
Shoppingtour auf Kosten der Armen: Immer mehr Ackerland in ­Entwicklungsländern wird von Banken und reichen Staaten aufgekauft – nicht zuletzt für Bio-Sprit.  (Foto: picture-alliance/Spectrum)

Shoppingtour auf Kosten der Armen: Immer mehr Ackerland in ­Entwicklungsländern wird von Banken und reichen Staaten aufgekauft – nicht zuletzt für Bio-Sprit. (Foto: picture-alliance/Spectrum)

Wachstum lautet die stete ­Antwort von Politikern und Wirtschaftseliten auf die globalen Herausforderungen: Mehr Wirtschaftswachstum, mehr Rendite, mehr Gewinn – doch die globalen Ressourcen sind endlich. Der Kampf darum birgt unkalkulierbare Risiken.
 

Laut der Welternährungsorganisation FAO gab es seit 2008 in 32 Ländern der Erde sogenannte Hungeraufstände. Infolge massiver Preissteigerungen für die Grundnahrungsmittel Weizen, Mais, Reis und Zucker gingen die Menschen auf die Straße – zuletzt auch in Tunesien mit den bekannten ­Folgen. Was macht das täglich Brot plötzlich so teuer?

Verheerender Klimaschutz: Ackerland für Bio-Benzin

Das internationale Kapital sucht sich infolge der Finanzkrise alternativ zu Immobilien und Aktienmärkten neue Stätten der Wertanlage und Spekulation. Ein Run auf Gold, Silber, Erz und Kupfer setzte ein, aber auch auf agrarische Rohstoffe. Der internationale Agrar-Rohstoffindex stieg auf den Höchststand seit drei Jahren, ­alleine bei Baumwolle um 54 Prozent, bei Kakao und Kaffee um 30 Prozent, was hierzulande die Preise für Süßwaren, ­Kaffee und Textilien ansteigen lässt. Auch Weizen und Mais wird als »gold corn« von Finanzspekulanten entdeckt – mit dramatischen Folgen für die Ernährungssicherung in Entwicklungsländern.

Gleichzeitig wurde im Zuge der Klimaschutzdebatte und der begrenzten Ölreserven international ein Agro-Energieboom ausgelöst. Je höher an der Zapfsäule der Benzinpreis klettert, umso mehr steigt das Interesse an der Energie vom Acker.

Hinzu kommt, dass weltweit die rare Ressource Boden nicht beliebig ­vermehrbar ist, sondern infolge von Klimawandel und Bevölkerungswachstum übernutzt wird, versalzt und erodiert.

Umso attraktiver ist es nicht nur für ­Finanzanleger in wertvolles Ackerland zu investieren, sondern auch Staaten und Unternehmen gehen auf globale Shopping Tour, um die Nahrung ihrer Bevölkerung beziehungsweise die Rohstoffversorgung zu sichern.

China hat in den letzten vier Jahren zwei Millionen Hektar Land aufgekauft: Alleine im Nachbarland Laos 600000 Hektar, um mit bewässerten Reisflächen langfristig eine Jahresernte von zwei Millionen Tonnen einzufahren. Flächeneinkäufe in Afrika kommen hinzu.

Auch Malaysia und Thailand sind ausgerechnet in Laos, einem der ärmsten Länder der Erde, aktiv, wo sie sich 15 Prozent des Staatsgebietes angeeignet haben für Kautschukbaum-, Zuckerrohr- und Maniok-Plantagen zur Bioethanol-Herstellung sowie Eukalyptus- und Akazienwälder zur Papierproduktion.

Südkorea, die Arabischen Emirate und Saudi-Arabien tätigten Landkäufe in Pakistan, auf den Philippinen, in Kambodscha, Indonesien, der Mongolei, Argentinien und Madagaskar.

Das Interesse ist immer das gleiche: Die Nahrungsversorgung der eigenen Bevölkerung mit Mais, Weizen und Reis zu sichern und Energiereserven vom Acker aufzubauen.

»Land Grabbing« – bizarre Folgen für die Ärmsten

Besonders bizarr zeigt sich solches »Land Grabbing« (»Land-Aneignung«) im Sudan, wo sich Südkorea fast 700000 Hektar und die Arabischen Emirate 380000 Hektar für den Weizenanbau gesichert haben und gleichzeitig für die hungernde sudanesische Bevölkerung ein Importbedarf von 3,2 Millionen Tonnen Nahrungsmitteln besteht.

Die Globalisierung der Agrarmärkte zeigt damit ihre unbarm­herzige und zynische Seite.

Die Zielländer erhoffen sich von den Landverkäufen die Nutzbarmachung brachliegender Ackerflächen, die Ansiedlung be- und verarbeitender Industrien und damit neue Arbeitsplätze, den Ausbau von Infrastrukturen und die Einnahme von Devisen, um die Bevölkerung mit günstigen Nahrungsmitteln auf den Weltmärkten zu versorgen.

Ob solche Hoffnungen berechtigt sind, ist zweifelhaft. Das Gegenteil ist oftmals der Fall: Aufgrund fehlender Bodenrechtstitel, unklarer Grundstücksgrenzen und begünstigt von Korruption der heimischen Eliten, die selbst Profiteure des Landkaufs sind, werden Kleinbauern von ihrem Grund gejagt und in Hunger und Verarmung getrieben. Die Landflucht in die ohnehin hoffnungslos überfüllten Slums der Großstädte wird forciert.

Ernährungssicherheit für alle muss das Ziel sein

Nur durch ein international abgestimmtes Verhandlungsmandat der Staatengemeinschaft kann eine Übereinkunft ­getroffen werden, den Ausverkauf von Ackerland zugunsten einzelner Länder und des globalen Finanzkapitals zu stoppen. Hier ist die Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen gefordert, die Initiative zu ergreifen.

Japan hat sich immerhin selbst dazu verpflichtet, Landeinkäufe nur noch außerhalb von Entwicklungsländern vorzunehmen, weswegen man nach Neuseeland, in die USA und Brasilien ausgewichen ist.

Noch stehen wir am Anfang des neuen Phänomens »Land Grabbing«. Noch ist Zeit politisch zu handeln, bevor aus der globalen Shoppingtour für Ackerflächen aus egoistischen nationalen Motiven beziehungsweise Interesse an Spekulationsgewinnen langfristig ein Flächenbrand entsteht, weil die nationale Ernährungssouveränität von Völkern gefährdet wird und sich daraus auch international eine Friedensbedrohung entwickeln könnte.

Clemens Dirscherl

Clemens Dirscherl ist Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg. Der promovierte Sozialökonom ist darüber hinaus Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland für agrarsoziale Fragen und Lehrbeauftragter an der Agrarfakultät der Fachhochschule Nürtingen.

Fasten schwächt nicht, sondern stärkt

8. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Fasten

Entsagung führt zu Ausgeglichenheit und innerem Frieden – die Fasten-Tipps der Bibel.
 

Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei. Im Gegenteil, etwas Neues beginnt: die Fastenzeit. In der Bibel finden sich einige Tipps, die den Fastenden aller Zeiten geholfen haben.

»Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler.« (Matthäus 6,16)

Fromme Heuchler waren Jesus ein Graus: Jene Menschen also, die ihre Frömmigkeit zur Schau stellen, um Ansehen damit zu erlangen. Diese Strategie wandten sie auch beim Fasten an. Um aller Welt zu zeigen, wie entbehrungsreich sie leben, haben sie das leidvollste Gesicht aufgesetzt. Jesus empfiehlt das Gegenteil: Dass ein Mensch fastet, muss niemand sehen außer Gott, der »Vater im Verborgenen«. (Matthäus 6,16-18)

Den Zusammenhang von Fasten und Gerechtigkeit üben stellt der Prophet Jesaja mehrmals heraus. Den Wohlhabenden seiner Zeit redete er besonders ins Gewissen. »Das ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe«, sagt Gott durch Jesaja: »Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast!« Anstatt die Fastenzeiten einzuhalten, sollten die Gutsherren ihre Sklaven in die Freiheit entlassen. Außerdem fordert Gott, Obdachlosen ein Zuhause zu geben und sie zu speisen. (Jesaja 58,5-7)

Äußerliche Zeichen – solange sie nicht der Zurschaustellung dienen – können das Fasten unterstützen. In biblischen Zeiten kleideten sich die Fastenden mit einem Sack, einem Überwurf aus Ziegen- oder Kamelhaar. Dieser »Sack« wurde auch in Trauerzeiten angezogen, vom König bis zum Leibeigenen. Der Prophet Jona empfiehlt den Bewohnern der Stadt Ninive sogar, auch Rinder und Schafe in einen Sack zu hüllen.

»Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.« (Jona 3, Vers 5)

Tagsüber nur Tee und nach Sonnenuntergang die Chipstüten hervorholen? So nicht! Zu Beginn einer ­Wanderpredigerzeit geht Jesus 40 Tage in die Wüste und fastet Tag und Nacht. Er machte die Erfahrung: Fasten schwächt nicht, sondern stärkt. Danach konnte er die Versuchungen des Teufels parieren und ließ sich nicht von ihnen beeindrucken.

Im ­Gespräch mit dem »Versucher« sagte er auch jenen Satz, der als Motto über jedem spirituellen Fasten stehen könnte:»Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« (Matthäus 4,2-4)

Viele Gründe gibt es, zu fasten: zur Buße, zur Selbstreinigung, aus Trauer, zur spirituellen Reifung … Die Urchristenheit kannte einen weiteren.

Als Paulus mit seinem Mitstreiter ­Barnabas durch Kleinasien zog und Gemeinden gründete, beteten und fasteten die beiden Missionare für die Ältesten der neuen Gemeinden. Fasten für neue Kirchenvorstände? Das wäre eine evange­lische Überlegung wert …

»Und sie setzten in jeder Gemeinde Älteste ein, beteten und fasteten und befahlen sie dem Herrn, an den sie gläubig geworden waren.« (Apostelgeschichte 14,23)

Wie bringt man Heuchlern den Unterschied von wahrem und falschem Glauben nahe?

Jesus wählt die Form des Gleichnisses. Ein Pharisäer geht zum Gebet in den Tempel und zählt seine guten Taten auf – unter anderem gehört dazu, zweimal in der Woche zu fasten. Unweit steht ein Zöllner; aus Demut traut dieser sich gar nicht, die Augen gen Himmel zu richten, sondern schlägt sich reuig an die Brust und betet: »Gott, sei mir Sünder gnädig!«

Allen Versuchen, durch fromme Rituale Gottes Wohlwollen zu erzwingen, erteilt Jesus mit diesem Gleichnis eine eindeutige Abfuhr: »Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.« (Lukas 18,9-14)

Gleichzeitig fasten und streiten, prügeln gar?

Auch das ist kein gottgewolltes Fasten, erklärt der Prophet Jesaja: »Wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein.« Fasten bedeutet nicht nur äußere Entbehrung, sondern hat einen inneren Sinneswandel zur Folge. Die Entsagung führt zu Ausgeglichenheit und innerem Frieden. Wer es anders sieht, dem ruft Jesaja unmissverständlich entgegen: »Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Hö­he gehört werden soll.« (Jesaja 58,3-4)

Sich vollzustopfen, stumpft den Geist ab und lenkt ab vom Wesent­lichen. Diese Erkenntnis durchzieht die ganze Bibel und die jüdisch-christliche Tradition bis heute. Wer eine Weile auf Nahrung verzichtet, kommt sich selbst und Gott näher. So ist zu verstehen, dass Fasten ein Zeichen der Buße und der Umkehr ist.

Uwe Birnstein

Brauchen wir eine Frauenquote?

Frau

Internationaler Frauentag: Trotz Fleiß kein Preis? – Seit 100 Jahren kämpfen Frauen um ihre Gleichstellung.



PRO

Kathrin Wallrabe ist Gleichstellungsbeauftragte der sächsischen Landeskirche

Kathrin Wallrabe ist Gleichstellungsbeauftragte der sächsischen Landeskirche

Quoten gibt es schon immer. Stellt sich die Frage nach der Besetzung eines Gremiums werden viele Quoten berücksichtigt.

Wir brauchen noch ein paar Konservativere im Vorstand, ein Handwerker wäre auch noch gut, um den Mittelstand im Boot zu haben. Der Herr von der Bank kann auch nicht schaden. Studentische Burschenschaften fördern die Jugend, die männliche Jugend. Auch diese Netzwerke werden bei Stellenbesetzungen berücksichtigt. Der Sohn des befreundeten Chefarztes bekommt die Stelle. Ob jemand aus Bayern oder Franken ist, katholisch, lutherisch, ­reformiert oder Moslem, kann auch ein Auswahlkriterium sein.

Das Ergebnis: würdige Herren um die 50 und vielleicht ein, zwei Kronprinzen, ganz nach Quoten ausgesucht. Es wird sogar der Spielraum für Personen mit unsicheren Entwicklungsaussichten eingeräumt.

Das ausgerechnet bei der Frauenquote das Argument »die Qualifikation zählt, nicht das Geschlecht« als Wichtigstes dagegengehalten wird, ist für mich nicht nachvollziehbar.

Noch nie waren so viele gut ausgebildete Frauen am Start. Doch qualifizierte Frauen sind ohne Quote kaum im Blick. Vereinzelte Frauen in poli­tischen Gremien spiegeln nicht die Wirklichkeit an der Basis wider. Frau­en werden selten ermutigt und haben bisher auch wenige Vorbilder.

Die traditionellen Frauenrollen sind nicht für Führung in der Öffentlichkeit angelegt. Ihnen wird die Verantwortung für die Familie ans Herz gelegt – ein ­typisch (west)deutsches Phänomen.

Dass Frauen führen können, zeigte sich immer in Notsituationen. Das wissen auch die Männer. Wir brauchen jedoch den Schritt in die Normalität. Frauen und Männer ergänzen ­einander.

Jedes System wird klüger, wenn es die Vielfalt der Perspektiven berücksichtigt.

Auch die Kirche profitiert von Frau­en. Sie hat als Arbeitgeberin Sorge zu tragen, dass Frauen ein existenz­sicherndes Einkommen beziehen. Partnerschaftliches Teilen von Familien- und Berufsarbeit und Unterstützungssysteme, wie bezahlbare Kinderbetreuung und haushaltsnahe Dienstleistungen, würden vieles erleichtern. Die Führungsaufgaben sollten in einer sinnvollen »work-live-balance« organisiert werden. Beides nützt Männern, Frauen und Kindern. Hier gibt es eine gesamtgesellschaftliche, auch kirchliche Verantwortung.

Die gerechte Gemeinschaft von Frauen und Männern ist Ziel der Beschlüsse der EKD-Synode von 1989: »Es ist anzustreben, dass in die Leitungs- und Beratungsgremien evangelischer Kirchen Männer und Frauen in gleicher Zahl gewählt oder berufen werden.« 22 Jahre später stellt sich nicht die Frage ob, sondern warum dieser Beschluss noch wenig mit Leben erfüllt ist. Die Quote ist ein Instrument, kein Ziel.

Ich würde mir wünschen, dass die gerechte Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche Wirklichkeit wird. Dazu braucht es Konkretes. Die Quote hilft.



KONTRA

Christine ­Lieberknecht ist evangelische Theologin und Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen

Christine ­Lieberknecht ist evangelische Theologin und Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen

Die Frauenquote ist nicht geeignet, die Rolle der Frauen in Gesellschaft, Staat, Wirtschaft und Kirche zu stärken. Die Quote ist allenfalls eine »Notbremse« gegen überbordende Männerrepräsentanz, vor allem in Führungspositionen.

Die eigentlichen Ursachen für noch immer bestehende Benachteiligung von Frauen liegen ganz woanders. Frauen schneiden in Schulen und Hochschulen deutlich besser ab. Aber sie schaffen es immer noch nicht, mit diesen Pfunden in der Berufswelt zu wuchern.

Entscheidend für Geschlechtergerechtigkeit sind die Rahmenbedingungen: Wir brauchen eine noch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bessere Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitszeiten, eine kinder- und familienfreundliche Arbeitswelt. Thüringen ist in der Familienpolitik vorbildlich. Die Thüringer Staatskanzlei ist kürzlich mit dem Preis Total E-Quality für Chancengleichheit in der Personalpolitik ausgezeichnet worden.

Der »Quotenfrau« haftet etwas Negatives an: Man fragt sich, hat sie ihr Amt der Quote oder eigener Leistung, eigenen Fähigkeiten zu verdanken? Gerade junge Frauen von heute zeigen, dass sich in den letzten Jahren viel geändert hat. Frauen sind selbstbewusster geworden. Und sie sind ­bereit, sich dem Wettbewerb in den von Männern dominierten Führungsetagen zu stellen. Und viele Frauen haben bereits Erfolg damit.

Ich setze also auf den Intellekt, auf das Selbstbewusstsein und vor allem auf die Durchsetzungsfähigkeit der Frauen. Von gesetzlicher Regelung halte ich nichts.

Ich bin aber dafür, überall in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Frauen ihre Qualitäten unter Beweis stellen können. Vor allem im Öffentlichen Dienst sollte mehr Augenmerk auf Frauenförderung und Personalentwicklung gelegt werden.

Ich hoffe, dass diese Debatte bald nicht mehr notwendig ist und dass wir endlich Geschlechtergerechtigkeit verwirklichen.

Wir feiern dieses Jahr 100 Jahre Weltfrauentag. Das gibt neue Impulse. Am Ziel sind wir noch lange nicht: dies beginnt bei Lohngleichheit, geht über Männerdominanz in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen und endet auf den Chefetagen.

Geschlechtergerechtigkeit ja – Frauenquote nein danke! Wir schaffen es auch so!

Das Stichwort: Internationaler Frauentag am 8. März

Am Internationalen Frauentag am 8. März gehen Frauen weltweit für ihre Rechte an die Öffentlichkeit. Sein Ursprung liegt in den sozialistischen und sozialdemokratischen Kämpfen für das Frauenwahlrecht vor Beginn des Ersten Weltkriegs. 1910 ­beschloss die Sozialistische Internationale der Frauen in Kopenhagen, jedes Jahr mit einem ­Frauentag den Kampf der Frauen für mehr Rechte voranzutreiben.

Einem Aufruf der deutschen Sozialistin Clara Zetkin folgend, gingen vor 100 Jahren, im März 1911, rund eine Million Frauen zunächst in Deutschland, ­Dänemark, Österreich-Ungarn und der Schweiz auf die Straßen – eine solche Massenbewegung hatte es bis dahin nicht gegeben.

Erste Forderung war das Frauenwahlrecht, in Deutschland 1919 durchgesetzt. Die Feministinnen der Weimarer Republik kämpften außerdem für ­kürzere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn, niedrigere Lebensmittelpreise, eine regelmäßige Schulspeisung und legalen Schwangerschaftsabbruch.

Während des Ersten Weltkriegs und unter der NS-Diktatur war der »sozialistische« Feiertag verboten. Die Nazis propagierten statt seiner den Muttertag, der ihrem Frauenbild eher entsprach. Doch im ­Untergrund lebte er weiter, wer am 8. März seine rote Wäsche im Fenster »auslüftete«, gab damit ein politisches Statement ab.

Nach 1945 entzweite der Kalte Krieg auch den ­Frauentag. Im Westen verlor er an Bedeutung, wurde dann vor allem von der Frauen- und ­Friedensbewegung begangen. In der DDR entwickelte sich der 8. März vielfach zum »sozialistischen Muttertag«, an dem Kinder der Mutti selbst gemalte Bilder oder Blumen schenkten. 1977 erklärten die Vereinten Nationen den Internationalen Frauentag zum offiziellen Feiertag. Frauen in 26 Ländern, von Angola bis Zypern, haben an ­diesem Tag frei.

In diesem Jahr steht der Frauentag unter dem Motto: »Gleicher Zugang zu Bildung, Ausbildung, Wissenschaft und Technik: Wege zu menschenwürdiger ­Arbeit für Frauen«. In Deutschland ist in den vergangenen Wochen die Diskussion um eine gesetzliche Frauenquote in Führungspositionen der Wirtschaft entflammt. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) schlug Anfang des ­Jahres eine verbindliche Quote von 30 Prozent für Aufsichtsräte und Vorstände von Industrieunternehmen vor. Ihr Vorstoß ist jedoch innerhalb und außerhalb der Regierungsparteien umstritten.
(epd/GKZ)

Bildung und Badewannen

5. März 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Betreuer Nikola mit Roma-Straßenkindern im ökumenischen Treffpunkt im ­serbischen Novi Sad. (Foto: Annemarie Müller)

Betreuer Nikola mit Roma-Straßenkindern im ökumenischen Treffpunkt im ­serbischen Novi Sad. (Foto: Annemarie Müller)




Serbien: Wie eine ökumenische Hilfsorganisation im serbischen Novi Sad Roma hilft.


Sie leben am Rande der ­serbischen Gesellschaft: ­Kinder und Jugendliche aus dem Volk der Roma.


Sebastian ist ein quirliges Kerlchen. Der Zwölfjährige gibt auf dem Fußboden eine kurze Breakdance-Vorstellung. Derweil sitzen die anderen Kinder am Tisch, vor sich Papier, Buntstifte in der Hand, und malen. Es sind Roma.

In Novi Sad, der Hauptstadt der nordserbischen Provinz Vojvodina, gehören sie zum Alltag. Man sieht sie alte, zweirädrige Karren mit Pappe oder Schrott über die Fahrbahn schieben, Scheiben waschen an den Kreuzungen oder betteln. Viele wohnen in elenden Siedlungen am Stadtrand, ­leben von dem, was sie auf den Müllhalden finden.

Doch diese Kinder haben überhaupt kein festes Zuhause. »Die schlafen in abgestellten Güterwaggons auf dem Bahnhof«, erzählt Daliborka Batrnek Antonic. Die 35-jährige Psychologin koordiniert dieses Straßenkinder-Projekt. Eines von vielen Sozialprojekten der Ökumenischen Hilfsorganisation (EHO), die gemeinsam von Kirchen verschiedener Konfessionen getragen wird: von Reformierten, Lutheranern, Griechisch-Katholischen und Methodisten.

Eines der größten Probleme, sagt Daliborka, sei, dass etliche der Mädchen und Jungen ihr Geld als Prosti­tuierte auf den Straßen verdienen. Die Sozialarbeiter von EHO sind zu den Straßenkindern gegangen. »Zu 50 von ihnen haben wir jetzt ständigen Kontakt, etwa 150 waren nur einmal bei uns. Aber das ist natürlich nur ein Teil der Straßenkinder.«

Immerhin haben sie jetzt einen ­festen Treffpunkt. Ein mit ein paar Möbeln ausgestatteter Raum im Erdgeschoss eines Hochhauses, dazu ­Toiletten, Dusche und ein kleines Büro. Das Essen kommt vom städtischen Kindergarten. Dreimal in der Woche ist geöffnet. Dann ist Nikola hier. Der stämmige 25-jährige Psychologiestudent ist ihr Betreuer.

Die Kinder und Jugendlichen, von denen kaum jemand in die Schule geht, bekommen hier eine Einführung in schulisches Lernen, erzählt Daliborka. Dazu Aufklärung über Sexualverhalten und Aids-Prävention. »Einige der Jugendlichen sind sehr aggressiv.« In Tanz-Workshops sollen sie mit ihrer Energie friedlich umgehen lernen. »Wir versuchen, mit den ­Eltern zusammenzuarbeiten.« Was nicht einfach sei. Denn mitunter müssen die erst mal gefunden werden.

Elisabeta, eine 43-jährige Roma-Frau aus einer der Siedlungen, hat jetzt bei EHO eine reguläre Beschäftigung bekommen. »Sie ist als eine Art Mutter-Figur unsere wichtigste Verbindungsperson. Was sie sich an Wissen über Hygiene und Verhütung angeeignet hat, gibt sie nun weiter an die Mädchen.« Ein Anwalt berät die aus EU-Ländern zurückgekehrten Roma-Flüchtlinge, hilft ihnen, die nötigen Papiere, etwa Geburtsurkunde, zu beschaffen und Anträge für die Behörden auszufüllen.

Außerdem hat EHO dafür gesorgt, dass seit 2007 in über Hundert Häuser in zwei Roma-Siedlungen einfache Bäder eingebaut wurden, berichtet Koordinator Robert Bu. Das Prinzip dabei: Die Organisation bildet einen der Roma zum Meister aus und liefert die Baupläne. »Bauen und installieren müssen sie selber. Wir unterstützen nur.«

Bis Ende 2013 läuft das Projekt. Schulbildung, Gesundheitsversorgung, Zugang zu Arbeit und Ausbildung, Wohnverhältnisse – dies sind die drängendsten Probleme, die Serbien in der »Roma-Dekade« bis 2015 lösen will. Probleme, die diese Menschen immer wieder zwingen, ihr Glück auf den Straßen westeuropäischer Länder zu versuchen.

Tomas Gärtner

Bibelgeschichten sind rar

4. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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buch

Kirchliche Buchexperten vermissen religiöse Themen in der neueren Kinderliteratur.

In seinem auch als Kinderbuch erschienen Theaterstück »An der ­Arche um Acht« lässt Ulrich Hub drei Pinguine darüber streiten, ob der liebe Gott wirklich lieb ist, ob er alles sieht oder ob es ihn am Ende gar nicht gibt. Hub ist damit einer der wenigen Autoren, die kindgerecht die große Frage nach Gott stellen.

»Im erzählerischen Kinder- und ­Jugendbuch ist ein großer Verlust von Religion zu beobachten«, sagt Gabriele Kassenbrock, Geschäftsführerin des Vereins Evangelisches Literaturportal. Das Literaturportal vergibt jährlich den Evangelischen Buchpreis, der deutschsprachige Belletristik sowie Kinder- und Jugendliteratur auszeichnet.

Den Mangel an biblischen Geschichten führt Kassenbrock zum einen darauf zurück, dass die Nachfrage und das Interesse von Eltern sinke. Vor allem aber fehlten Schriftsteller, die sich an religiöse Geschichten ­wagten.

Diese Einschätzung teilt auch der Verfasser christlicher Kinderbücher und Direktor des katholischen Bücher- und Medienhauses Sankt Michaelsbund, Erich Jooß: »Ich wünsche mir mehr profilierte Kinderbuchautoren, die biblische Stoffe erzählen.«

Ihm ist in seinen Büchern vor allem eines wichtig: den Kindern Freiheiten lassen, um mitzudenken und eigene Schlüsse zu ziehen.

»Gute Geschichten haben offene Stellen, die die Kinder mit ihrer eigenen Fantasie füllen können«, sagt Jooß. Das Erzählte selbst müsse die Auslegung in sich ­tragen. »Wenn Sie den moralischen Zeigefinger heben, schalten die Kinder ab.«

Nicht jeder biblische Bericht sei für Kinder geeignet, sagt Jooß. Während biblische Begebenheiten Mangelware sind, beschäftigen sich immer mehr Kinderbücher mit Tod und Sterben.

»Es gibt viele Neuerscheinungen und eine wachsende Nachfrage von Erwachsenen, um Kinderfragen nach dem Tod beantworten zu können«, sagt Kassenbrock. Durch das Nachdenken über Leben und Tod könnten verstärkt wieder religiöse Fragen Eingang in die Kinder- und Jugendliteratur finden, hofft Kassenbrock.

Auch beim Thema Weltreligionen sieht das Evangelische Literaturportal ein wachsendes Angebot. Es gebe viele religiöse Sachbücher für Kinder: »Durch einen zunehmend sichtbaren Islam in Deutschland wollen viele ­Eltern und Kinder mehr darüber ­wissen.«

Mit der Förderung religiöser Kinderliteratur versuchen sich die evangelische und katholische Kirche gegen den Trend zu stellen. So gibt das Gemeinschaftswerk der Evange­lischen Publizistik in der edition chrismon auch Kinderbücher heraus. Die jüngste Veröffentlichung »Auf der Arche ist der Jaguar Vegetarier« von »Wetterfrau« Claudia Kleinert, der Journalistin Anne Buhrfeind und der Berliner Künstlerin Kitty Kahane ist von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten Bücher des Jahres ausgezeichnet worden.

Auf der Schöpfungsgeschichte basiert »Wie war das am Anfang« von Heinz Janisch und Linda Wolfsgruber. Das Bilderbuch erhielt den diesjäh­rigen katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis.

»Durch biblische Geschichten lernen Kinder, religiös zu denken«, sagt Erich Jooß. Kinder und Jugendliche könnten sich in den Erzählungen wiederfinden und erfahren, wie unterschiedlich Menschen ihr Leben gestalten. Wenn Eltern und Kinder gemeinsam über solche Geschichten nachdächten, sei dies für beide Seiten eine sehr bereichernde Erfahrung: »Religion als Teil unseres Lebens wird sich immer Wege in die Literatur suchen. Jede Zeit muss die Geschichten nur wieder neu erzählen.«

Ellen Großhans (epd)