Eine lange Geschichte der Unterdrückung

Ein Wächter patrouilliert in einem Kloster unter dem Kreuz der Kopten. Christen in Ägypten waren bislang häufig Opfer von Gewalt. (Foto: picture-alliance/dpa)

Ein Wächter patrouilliert in einem Kloster unter dem Kreuz der Kopten. Christen in Ägypten waren bislang häufig Opfer von Gewalt. (Foto: picture-alliance/dpa)


Land im Umbruch: Christen in Ägypten blicken mit Hoffnung und Sorge auf die politische Entwicklung
 
Die ägyptische Christenheit ist mit etwa acht Millionen Zugehörigen die stärkste christliche Kraft im Nahen Osten. Eine Situationsbeschreibung.
 

Zehn Prozent der 80 Millionen Ägypter sind Christen. »Noch«, muss man sagen, denn vor der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert gehörten alle Ägypter zur christlichen Kirche. Seitdem wurden sie bedrängt oder gezwungen zum ­Islam überzutreten – übrigens bis heute. Wenn z.B. ein Christ eine ­Muslimin heiraten will, muss er vorher Muslim werden. Wenn eine ­Christin mit einem Muslim verheiratet ist, müssen ihre Kinder Muslime werden.

Das sind nur einige der Benachteiligungen, denen Christen in Ägypten ausgesetzt waren und sind. Umso erstaunlicher ist es, dass sich der Anteil der Christen in den letzten 200 Jahren bei etwa zehn Prozent halten konnte. Die ägyptische Christenheit ist heute mit etwa acht Millionen Zugehörigen die stärkste christliche Kraft im Nahen Osten. Etwa 90 Prozent gehören zur alten koptisch-orthodoxen Volkskirche, die seit 40 Jahren von Patriarch Schenuda III. geleitet wird.

»Koptisch« heißt so viel wie »ägyptisch«. Die Kopten sind die Nachfahren der alten, pharaonischen Ägypter. Sie waren früher überwiegend Bauern, Handwerker und Schreiber bei der Regierung. Das änderte sich im 19. Jahrhundert. Viele Kopten besuchten Missionsschulen und erlangten ­einen Bildungsvorsprung vor den Muslimen. Koptische Rechtsanwälte, Ärzte und Ingenieure waren lange im Land führend. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verließen viele christliche Akademiker das Land, weil sie in Ägypten beruflich an den Rand gedrängt wurden.

Die Abwanderung der Christen hielt sich dennoch in Grenzen. Das hängt mit der geistlichen Erneuerung der ägyptischen Christenheit ­zusammen. Die vielen Missionsschulen machten es möglich, dass zahlreiche Kopten erstmals die Bibel und andere christliche Literatur lesen konnten. Die Bibellesebewegung führte dazu, dass viele Kopten zu einem persönlichen Christus-Glauben erweckt wurden.

Berühmt wurde die »Sonntagsschulbewegung«, die seit den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts die koptische Kirche durchdrang. Die ­erweckten Christen wollten bewusst im Land der Vorfahren bleiben und hier für Christus aktiv sein.

Unter dem Einfluss der Missionsschulen wollten manche Kopten evangelisch oder katholisch werden. Es entstanden koptisch-evangelische und koptisch-katholische Gemeinden und Kirchen. Besonders wirksam war die evangelische Verkündigung. Für die Alt-Kopten war das bitter, aber die unterschiedlichen Konfessionen wirkten in Ägypten nicht so trennend wie im Abendland. Es blieb viel Gemeinsamkeit angesichts des Drucks der muslimischen Mehrheit. Die ökumenische Bewegung trug außerdem zum Zusammenrücken der Kirchen bei.

Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen

Zur Mehrheitsbevölkerung haben die ägyptischen Christen ein zwiespältiges Verhältnis. Die meisten von ihnen leben weiterhin in Distanz zu den Muslimen. Politisch denkende Christen suchen dagegen eine Annäherung an moderate Muslime. Sie hoffen dabei auf eine Demokratisierung des Staates, weil sie nur in einer liberalen Gesellschaft Gleichberechtigung erwarten können. Auch bei den jüngsten Demonstrationen in Kairo tauchte der Slogan von der »Einheit von Kreuz und Halbmond« auf.

Eine dritte Gruppe von Christen hat – quer durch alle Konfessionen – ein geistliches Anliegen und möchte den Muslimen das biblische Evangelium auf behutsame Weise nahebringen. Satelliten-Fernsehen und Internet spielen dabei eine große Rolle. ­Offiziell ist christliche Mission in Ägypten zwar verboten, aber es gibt kleine Freiräume und kreative Möglichkeiten. Richtig schwierig wird es erst, wenn Muslime Christen werden.

Der Glaubenswechsel ist in Ägypten nur zum Islam hin legal. »Konvertiten« aus dem Islam können nach dem islamischen Recht (Scharia) mit dem Tod bestraft werden. Das Regime Mubarak ahndete die Konversion als »öffentliche Unruhestiftung« mit zwei Jahren Gefängnis.

Bei dem jüngsten Volksaufstand haben sich die ägyptischen Christen zurückgehalten. Viele zogen es vor, sich in ihren Kirchen zum Gebet zu treffen. Andere, vor allem junge Christen, begrüßten den Volksaufstand ­euphorisch. Sie hoffen auf mehr Freiheit und bessere berufliche Chancen. Viele sind aber auch besorgt im Blick auf die weitere Entwicklung.

Wird das Militär die Macht wieder abgeben?

Werden die Islamisten (Moslembrüder) die Situation ausnutzen und Schritt für Schritt an die Macht kommen?

Werden sich die moderaten oder die radikalen Kräfte durchsetzen?

In dieser Situation der Ungewissheit sind viele ägyptische Christen dankbar für die Fürbitte und andere Zeichen der Solidarität durch die Weltchristenheit.

Eberhard Troeger

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