Eine lange Geschichte der Unterdrückung

27. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ein Wächter patrouilliert in einem Kloster unter dem Kreuz der Kopten. Christen in Ägypten waren bislang häufig Opfer von Gewalt. (Foto: picture-alliance/dpa)

Ein Wächter patrouilliert in einem Kloster unter dem Kreuz der Kopten. Christen in Ägypten waren bislang häufig Opfer von Gewalt. (Foto: picture-alliance/dpa)


Land im Umbruch: Christen in Ägypten blicken mit Hoffnung und Sorge auf die politische Entwicklung
 
Die ägyptische Christenheit ist mit etwa acht Millionen Zugehörigen die stärkste christliche Kraft im Nahen Osten. Eine Situationsbeschreibung.
 

Zehn Prozent der 80 Millionen Ägypter sind Christen. »Noch«, muss man sagen, denn vor der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert gehörten alle Ägypter zur christlichen Kirche. Seitdem wurden sie bedrängt oder gezwungen zum ­Islam überzutreten – übrigens bis heute. Wenn z.B. ein Christ eine ­Muslimin heiraten will, muss er vorher Muslim werden. Wenn eine ­Christin mit einem Muslim verheiratet ist, müssen ihre Kinder Muslime werden.

Das sind nur einige der Benachteiligungen, denen Christen in Ägypten ausgesetzt waren und sind. Umso erstaunlicher ist es, dass sich der Anteil der Christen in den letzten 200 Jahren bei etwa zehn Prozent halten konnte. Die ägyptische Christenheit ist heute mit etwa acht Millionen Zugehörigen die stärkste christliche Kraft im Nahen Osten. Etwa 90 Prozent gehören zur alten koptisch-orthodoxen Volkskirche, die seit 40 Jahren von Patriarch Schenuda III. geleitet wird.

»Koptisch« heißt so viel wie »ägyptisch«. Die Kopten sind die Nachfahren der alten, pharaonischen Ägypter. Sie waren früher überwiegend Bauern, Handwerker und Schreiber bei der Regierung. Das änderte sich im 19. Jahrhundert. Viele Kopten besuchten Missionsschulen und erlangten ­einen Bildungsvorsprung vor den Muslimen. Koptische Rechtsanwälte, Ärzte und Ingenieure waren lange im Land führend. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verließen viele christliche Akademiker das Land, weil sie in Ägypten beruflich an den Rand gedrängt wurden.

Die Abwanderung der Christen hielt sich dennoch in Grenzen. Das hängt mit der geistlichen Erneuerung der ägyptischen Christenheit ­zusammen. Die vielen Missionsschulen machten es möglich, dass zahlreiche Kopten erstmals die Bibel und andere christliche Literatur lesen konnten. Die Bibellesebewegung führte dazu, dass viele Kopten zu einem persönlichen Christus-Glauben erweckt wurden.

Berühmt wurde die »Sonntagsschulbewegung«, die seit den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts die koptische Kirche durchdrang. Die ­erweckten Christen wollten bewusst im Land der Vorfahren bleiben und hier für Christus aktiv sein.

Unter dem Einfluss der Missionsschulen wollten manche Kopten evangelisch oder katholisch werden. Es entstanden koptisch-evangelische und koptisch-katholische Gemeinden und Kirchen. Besonders wirksam war die evangelische Verkündigung. Für die Alt-Kopten war das bitter, aber die unterschiedlichen Konfessionen wirkten in Ägypten nicht so trennend wie im Abendland. Es blieb viel Gemeinsamkeit angesichts des Drucks der muslimischen Mehrheit. Die ökumenische Bewegung trug außerdem zum Zusammenrücken der Kirchen bei.

Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen

Zur Mehrheitsbevölkerung haben die ägyptischen Christen ein zwiespältiges Verhältnis. Die meisten von ihnen leben weiterhin in Distanz zu den Muslimen. Politisch denkende Christen suchen dagegen eine Annäherung an moderate Muslime. Sie hoffen dabei auf eine Demokratisierung des Staates, weil sie nur in einer liberalen Gesellschaft Gleichberechtigung erwarten können. Auch bei den jüngsten Demonstrationen in Kairo tauchte der Slogan von der »Einheit von Kreuz und Halbmond« auf.

Eine dritte Gruppe von Christen hat – quer durch alle Konfessionen – ein geistliches Anliegen und möchte den Muslimen das biblische Evangelium auf behutsame Weise nahebringen. Satelliten-Fernsehen und Internet spielen dabei eine große Rolle. ­Offiziell ist christliche Mission in Ägypten zwar verboten, aber es gibt kleine Freiräume und kreative Möglichkeiten. Richtig schwierig wird es erst, wenn Muslime Christen werden.

Der Glaubenswechsel ist in Ägypten nur zum Islam hin legal. »Konvertiten« aus dem Islam können nach dem islamischen Recht (Scharia) mit dem Tod bestraft werden. Das Regime Mubarak ahndete die Konversion als »öffentliche Unruhestiftung« mit zwei Jahren Gefängnis.

Bei dem jüngsten Volksaufstand haben sich die ägyptischen Christen zurückgehalten. Viele zogen es vor, sich in ihren Kirchen zum Gebet zu treffen. Andere, vor allem junge Christen, begrüßten den Volksaufstand ­euphorisch. Sie hoffen auf mehr Freiheit und bessere berufliche Chancen. Viele sind aber auch besorgt im Blick auf die weitere Entwicklung.

Wird das Militär die Macht wieder abgeben?

Werden die Islamisten (Moslembrüder) die Situation ausnutzen und Schritt für Schritt an die Macht kommen?

Werden sich die moderaten oder die radikalen Kräfte durchsetzen?

In dieser Situation der Ungewissheit sind viele ägyptische Christen dankbar für die Fürbitte und andere Zeichen der Solidarität durch die Weltchristenheit.

Eberhard Troeger

Variationen der Liebe

26. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Filmszene mit der Musikstudentin Eva (Anna Maria Mühe) und dem Musiker Jo (Max von Thun). Foto: Filmverleih Movienet

Filmszene mit der Musikstudentin Eva (Anna Maria Mühe) und dem Musiker Jo (Max von Thun). Foto: Filmverleih Movienet


Kinostart für Hans W. Geißendörfers Spielfilm »In der Welt habt ihr Angst«

Hans W. Geißendörfer wollte sein treues Publikum anlässlich seines bevorstehenden 70. Geburtstages mit einem neuen Film beschenken und produzierte dafür nach einem selbst verfassten Drehbuch und in eigener Regie den Film »In der Welt habt ihr Angst« mit Starbesetzung.

Geißendörfer dürfte zumindest den Zuschauern der Fernsehserie »Lindenstraße« bekannt sein; er gilt als deren Vater, ist seit 1985 ihr Produzent und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Auch verschiedene seiner Spielfilme wurden mit diversen Preisen geehrt, sodass der Altmeister von Cineasten mittlerweile gar als »Lichtgestalt« verehrt wird.

Wird er diesem hohen Anspruch in seinem neuen Film gerecht? Das Drehbuch bietet dafür einige Voraussetzungen: In der Idylle der Kleinstadt Bamberg leben und lieben sich die Musikstudentin Eva (Anna Maria Mühe) und der Musiker Jo (Max von Thun). Beide sind heroinsüchtig und haben ihre Kontakte zu Familie und Bekannten abgebrochen.

Als Eva erfährt, dass sie schwanger ist, beschließen sie und Jo gemeinsam, ihr Leben radikal zu ändern. Das Paar plant einen kalten Entzug in Neuseeland und will sich das nötige Geld für den Flug durch einen dilettantisch durchgeführten Raubüberfall besorgen. Jo wird sofort gefasst. Eva gelingt die Flucht, nicht ohne zuvor ihrem Geliebten zu versprechen, ihn aus dem Knast zu befreien.

Spätestens ab da spielen erstaunlich viele Zufälle in dieser Geschichte mit: Mittels einer erbeuteten Pistole nistet sich Eva bei dem braven Altphilologen Paul (Axel Prahl) in der Wohnung ein, dessen Ehe mit Gisela (Kirsten Block) gerade in die Brüche geht, fesselt ihn und vermag es trotzdem, ihn für ihren Befreiungsplan zu gewinnen. Gemeinsam entführen sie Jo aus der psychiatrischen Abteilung der JVA Bamberg. Die jungen Leute können für kurze Zeit untertauchen und in einem abgelegenen Waldhaus für ein paar Tage ihren Traum vom neuen Leben leben, bevor sie dort gestellt werden …

In einem Interview erklärte der Regisseur, dass es Anliegen dieses Filmes sei, »drei Variationen der Liebe« vorzuführen. Da ist zum einen die kaputte Ehegeschichte zwischen dem Altphilologen Paul und seiner Frau Gisela, die Liebe zwischen dem gestrengen Kantor-Vater Johannes Baumann (Hanns Zischler) und seiner Tochter Eva, die er nicht verstehen kann und durch seine Strenge verliert und die große Liebe zwischen den Junkies Jo und Eva.

Was den Film sehenswert macht, ist die Schauspielkunst der Hauptdarsteller, denen es durch ihr nuancenreiches Spiel gelingt, eindringliche Charaktere zu zeichnen und damit auch manch dramaturgische Klippe des Drehbuchs abzumildern.

Da ist allen voran die junge Anna Maria Mühe, die mit vollem physischen und psychischen Einsatz das Bild einer jungen, energischen Frau zeichnet, die mit allen – auch gewaltsamen – Mitteln um ihre Liebe kämpft. Da ist zum anderen Max von Thun, der aus Verzweiflung heroinsüchtig wurde, Eva kennenlernt, von ihr aufgefangen wird und durch ihre Liebe wieder Halt findet. Von Thun spielt diesen Part beeindruckend stringent. Und da ist der wie immer grandiose Axel Prahl. Diesmal nicht als Kumpel oder Kommissar, sondern in der ungewohnten Rolle eines Intellektuellen.

Trotz Philologen-Brille und fossilem Haarschnitt bleibt Axel Prahl natürlich und vor allem eins: gewitzt. Das macht ihn auch in ­dieser Rolle so liebenswert, wenngleich seine Wandlung von der Geisel zum Helfer Evas eine der Schwachstellen des Filmes bleibt.

Und da ist nicht zuletzt die verbindende Rolle der Musik. Mit Bedacht wählte der Autor eine Bass-Arie Bachs als Titel für seinen Film: »In der Welt habt ihr Angst« (BWV 87!).

Musik spielt im Leben der Hauptfiguren dieses Filmes eine zentrale Rolle: Eva studiert Musik; ebenso ihr Exfreund Tom. Ihr Vater, Johannes Baumann, ist Kantor, Musik sein Lebensinhalt und auch Jo sucht mit einer Gitarre nach seiner eigenen musikalischen Ausdrucksform, während der Schöngeist Paul Krämer ein Klavier wohl eher aus dekorativen Gründen in der Wohnung stehen hat … So wird jede Figur zugleich über ­ihren Zugang zur Musik charakterisiert und das ist ein weiterer Pluspunkt dieses Filmes.

Am Ende bleibt – dank Johann Sebastian Bach – das Prinzip Hoffnung: Dessen Kantate 87 zitiert weiter aus dem Johannes-Evangelium: »aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.«

Matthias Caffier

Sieben Wochen anders leben

as Fastenteam von »7 Wochen anders leben«: Thomas Kärst, Ulrike Berg, Iris Macke, Katja v. Kiedrowski (von links). Foto: Andere Zeiten e.V.

as Fastenteam von »7 Wochen anders leben«: Thomas Kärst, Ulrike Berg, Iris Macke, Katja v. Kiedrowski (von links). Foto: Andere Zeiten e.V.

Wenn am Aschermittwoch, in diesem Jahr am 9. März, die Passionszeit beginnt, versuchen viele evangelische und katholische Christen, für sieben Wochen in ihrem Leben etwas anders als bisher zu machen. Manche fasten, indem sie auf Schokolade oder Alkohol verzichten.

»7 Wochen anders leben«
heißt die Aktion vom 9. März bis 24. April des ökumenischen Vereins Andere Zeiten, die in diesem Jahr zum 9. Mal stattfindet.

Der Verein bietet dazu Unterstützung und Begleitung an. Teilnehmende erhalten eine Broschüre mit Informationen über den biblischen Ursprung und heutigen Sinn des Fastens und dann jede Woche einen ermutigenden Brief mit inspirierenden Impulsen: Die Nacherzählung einer biblischen Geschichte, Erfahrungen von Fastenden, Gedichte und Cartoons.

Die Teilnahmegebühr für die Aktion »7 Wochen anders leben« beträgt 9,50 Euro einschließlich Versandkosten.

Eine Möglichkeit zum Austausch bietet auch das begleitende Forum im Internet unter www.anderezeiten.de (GKZ)

Anmeldung: Andere Zeiten e.V., Fischers Allee 18, 22763 Hamburg, Telefon (040) 47112727, E-Mail info@anderezeiten.de

Sieben Wochen ohne Ausreden

7woDie Fastenaktion der evangelischen Kirche »7 Wochen Ohne« steht in diesem Jahr unter dem Motto: »Ich war’s! Sieben Wochen ohne Ausreden«. Die Aktion ermuntert dazu, in der Passionszeit auf faule Ausreden zu verzichten, stattdessen Verantwortung zu übernehmen, Fehler zuzugeben und um Entschuldigung zu bitten.

Ein Fastenkalender mit Texten aus Kirche, Kultur und Alltag begleitet die Teilnehmer an dieser Aktion.

Der Auftaktgottesdienst findet am Sonntag, dem 13. März in der Christuskirche Hamburg-Emsbüttel statt. Live übertragen wird er im ZDF 9.30 Uhr.

»7 Wochen Ohne« wird von einem zentralen Projektbüro in Frankfurt am Main koordiniert. Das Team bietet ­Begleitung an, beantwortet Fragen und ist verantwortlich für die Internetseite www.7-wochen-ohne.de
(GKZ)

Bestellung des Fastenkalenders: Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH,
7 Wochen ohne, Emil-von-Behring-Straße 3, 60439 Frankfurt am Main, Telefon (069) 58098247, E-Mail info@7-wochen-ohne.de

Sieben Wochen für das Land beten

Gebetsposter2011-1

Der »Runde Tisch Gebet« der Lausanner Bewegung lädt in der Passionszeit zu der Aktion »40 Tage beten und fasten für unser Land« ein. Der »Runde Tisch Gebet« der Lausanner Bewegung vernetzt nach eigenen Angaben 70 Bewegungen, Verbände und Initiativen.

Die diesjährige Gebetsaktion ist verbunden mit der nationalen Jugendkampagne »Hoffnung 2011«. Unter dem Motto »Himmelsstürmer« gibt es ein Gebetsposter mit Postkarten, auf denen die täglichen Gebetsthemen zu finden sind.

Unter www.40tagebetenundfasten.de werden die aktuellen Anliegen für jede Woche formuliert.
(GKZ)

Kontakt und Bestelladresse für das Poster: Neues Leben Stiftung, Im Sportzentrum 2, 57610 Altenkirchen, Telefon (02681) 941116, Fax (02681) 941151, E-Mail info@werte-stiftung.de
Bestelladresse für die Postkarten: Down to Earth, ­Laubacher Straße 16 II, 14197 Berlin, Telefon (030) 8227962, Fax (030) 89731670, E-Mail info@down-to-earth.de

Fleischlos glücklich

25. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ernährung: Die vegetarische Küche ist Trend, denn wer satt werden und genießen will, braucht kein Fleisch.


Guten Appetit! Ein gemischter Salat – sieht schön aus, schmeckt und ist gesund. (Foto: epd-bild)

Guten Appetit! Ein gemischter Salat – sieht schön aus, schmeckt und ist gesund. (Foto: epd-bild)


Rund sechs Millionen ­Deutsche sind Vegetarier – Tendenz steigend. Da ­Dioxin- und andere Lebensmittelskandale regelmäßig Schlagzeilen machen, ­verzichten mehr und mehr Menschen auf Fleisch und tierische ­Produkte.



In den 70er Jahren wurde Charlotte Link wegen ihrer Ernährung als »seltsame Sektiererin« bestaunt. »In Restaurants brachte ich regelmäßig die Küche zur Verzweiflung, wenn ich erklärte, weder Fleisch noch Fisch essen zu wollen«, erzählt die Schriftstellerin. Heute staune niemand mehr, die meisten Lokale seien auf fleischlose Alternativen eingerichtet.

Tatsächlich ist der vegetarische Lebensstil so angesagt wie noch nie – und durch den Dioxin-Skandal quasi in aller Munde.

»Lebensmittelskandale gibt es ja leider ständig«, sagt Sebastian Zösch, Vorsitzender des Vegetarierbundes Deutschland (Vebu). In der Öffentlichkeit sei die Meinung verbreitet, dass der Futtermittelskandal ohne die Massentierhaltung nicht entstanden wäre. »Es geht darum, was die Billigproduktion von Tieren mit Umwelt und Klima macht, und erstmals geht es auch ernsthaft um die ethische ­Dimension des Fleischkonsums.«

»Vegetarismus boomt«, sagt Zösch. »Unsere Mitgliederzahlen steigen, ebenso wie die Anfragen von Großküchen, die vegetarische Tage einführen wollen.« Die Nachfrage bestimmt das Angebot: Die Fast-Food-Kette McDonalds führt seit einem dreiviertel Jahr wieder den Veggieburger, auch die »Bild«-Zeitung informiert über die ­gesundheitlichen Vorteile der vegetarischen Ernährung, und Karen Duve ist mit ihrem Buch »anständig essen« sowieso Bestseller und Dauergast in den Medien.

Etwa sechs Millionen Menschen leben nach Angaben des Vegetarierbundes in Deutschland vegetarisch, etwa zehn Prozent von ihnen vegan – das heißt, sie verzichten vollständig auf tierische Produkte wie Milch, Käse, Eier oder Honig. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: »Sich gesund ernähren zu wollen, ist oft der Anstoß«, sagt Zösch, selbst Veganer. »Wer über gesundes Essen nachdenkt, schaut auch auf die Produktionsbedingungen und bekommt dann ethische Bedenken.«

Bei Charlotte Link war es die Liebe zu den Tieren. Sie hörte schon als Achtjährige auf, sie zu essen. »Im Grunde hatte ich mit dem Fleischessen von dem Moment an Probleme, als ich realisierte, dass Tiere sterben müssen, damit ich etwas zu essen habe«, sagt die heute 47-Jährige. Gleichzeitig wusste sie, dass sie nicht auf Fleisch angewiesen ist, um zu überleben. »Irgendwann habe ich die Zerrissenheit, in die mich mein Gewissen stürzte, nicht mehr ausgehalten und wurde Vegetarierin.«

Bei Attila Hildmann war es anders. Der 29-jährige Physik-Student wird ­inzwischen als »neuer Kochpapst« und »der Jamie Oliver der fleischlosen Küche« bejubelt. Für sein neuestes Kochbuch bekam er Mitte Februar auf der ersten deutschen Vegetariermesse VeggieWorld in Wiesbaden die Auszeichnung »Kochbuch des Jahres 2011«. Und mit seiner Kochshow im Video-Portal Youtube gilt er als Trendsetter.

Hildmann ist seit zehn Jahren Veganer, er nennt sich aber nicht mehr so. »Ich gehöre nicht zu den Leuten, die ständig mit dem Finger auf andere Leute zeigen und mit dem Fressen und Gefressenwerden in der Natur generell ein Problem haben.« Für ihn ist fleischlos Life-Style. »Dazu gehört, mir selbst, der Erde und den Tieren etwas Gutes zu tun.« Er ist durch einen »sehr durchtrainierten, sportlichen« Freund zum Vegetarismus gekommen.

»Ich wurde durch meine Ernährung schnell immer fitter und schlanker«, sagt Hildmann. »Und weil ich komplett in der Hand haben wollte, was ich esse, auch unterwegs, habe ich dann schnell alle tierischen Produkte vom Speiseplan gestrichen.« Verzichten wollte er aber auf nichts. Und fing deshalb an, seine alten Lieblingsgerichte vegan nachzukochen.

Auch Charlotte Link hält nichts vom moralischen Zeigefinger, weil sie nicht abschrecken, sondern ­Nach­ahmer finden will. »Die Gesellschaft muss sich irgendwann die Frage stellen, wie viel Gewalt gegen Wehrlose sie in ihrer Mitte zulassen will«, sagt die Autorin. Sie hat den Eindruck, dass darüber immer mehr Menschen nachdenken.

Miriam Bunjes (epd)

Neue Hoffnung auf die alten Farben

22. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Oberschlesien: Früher Zankapfel zwischen Deutschen und Polen – heute werden Forderungen nach Autonomie laut.




Auge in Auge mit der Tradition: Die Teilnehmer des Gedenkmarsches an die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft zeigen offen die schlesischen Farben Blau-Gelb und die alten Fahnen. Sie wünschen sich mehr Autonomie für die Region. (Foto: Jens Mattern)

Auge in Auge mit der Tradition: Die Teilnehmer des Gedenkmarsches an die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft zeigen offen die schlesischen Farben Blau-Gelb und die alten Fahnen. Sie wünschen sich mehr Autonomie für die Region. (Foto: Jens Mattern)

Einst eine Bergbau- und ­Industrieregion vergleichbar dem Ruhrgebiet, gehört Oberschlesien heute zu den Problemregionen Polens. Manche sehen im Zentralismus die Ursache.


Oberschlesien zeigt Flagge: Sie ist gelb-blau geteilt, mit einem Adler-Wappen in der Mitte. Etwa 60 ältere und jüngere Menschen, vornehmlich Männer, machen die Fahnenträger aus. Sie haben sich in ­einem Park in Katowice (Kattowitz) um ein Denkmal der Roten Armee versammelt, dass an die Befreiung beziehungsweise Eroberung der Stadt erinnert, die sich Ende Januar vor 66 Jahren abspielte.

Sie wollen nun zehn Kilometer marschieren, zum »Lager Zgoda« in S´wie˛tochłowice (Schwientochlowitz). Jerzy Gorzelik, Chef der »Bewegung Autonomes Schlesien« (RAS) erinnert vor polnischen Mikrofonen daran, dass nach dem Einmarsch der Roten Armee Tausende Menschen in den Lagern in Polen oder in Sibirien starben, nur weil sie Schlesier waren. In Zgoda selbst kamen unter polnisch-kommunistischer Leitung nach Kriegs­ende etwa 2000 Menschen um, bis es im November 1945 aufgelöst wurde.

Eine Stunde zuvor gab der 40-Jährige in seinem Büro Auskunft: Die Partei RAS strebt ein Polen der Föderalstaaten an – ähnlich den Vereinigten Staaten von Amerika. Der Freistaat Bayern ist dem promovierten Historiker ein wichtiges Vorbild. Auch dort habe man es in der Situation einer ­relativen Autonomie von einer eher agrarischen Gegend zu wirtschaftlicher Blüte gebracht.

Zwar ist die Region im Südwesten Polens durch ­marode Kohle- und Stahlindustrie ­geprägt, doch Gorzelik glaubt, mittels eines »gesunden Egoismus« der tüchtigen Schlesier könne ähnliches geleistet werden. Denn durch den Zentralismus finanziere die Wojewodschaft Schlesien heute vor allem die Hauptstadt Warschau.

Auf Deutsch, auf Polnisch und auf »Wasserpolnisch«

Oberschlesien wurde nach polnischen Aufständen 1922 zwischen Deutschland und Polen geteilt, dem polnischen Ostoberschlesien gestand das Zwischenkriegspolen mehr Autonomie als anderen Wojewodschaften (Bezirken) zu. Ein historischer Anknüpfungspunkt für die RAS, die seit 1990 existiert, doch erst seit letzten November im Regionalparlament vertreten ist.

Zurück zum Marsch nach Zgoda. Die Schar zieht durch die Straßen von Kattowitz nach Westen, an vielen alten Gebäuden mit kleinen Geschäften vorbei. »Wer seid ihr? Wohin geht ihr?«, fragen die Leute am Straßenrand. So ganz sind die Bewohner noch nicht über die Bedeutung der gelbblauen Fahnen informiert.

»Das braucht noch Zeit, vieles unserer Kultur wurde ja lange unterdrückt«, meint Roman Gatys, 43, der seine Fahne bei acht Grad Kälte als Poncho nutzt. Sein Vater wurde 1945 für zwei Jahre in ein Lager gesteckt, da jemand die Familie denunziert habe, dass dort Deutsch gesprochen werde.

Doch was macht eigentlich Schlesisch aus? »Moja Oma« meint Gatys zum Beispiel, aber so gut Schlesisch wie seine Großmutter kann er nicht mehr.

Die Sprache, im Deutschen früher geringschätzig »Wasserpolnisch« genannt, wird gerade von engagierten Heimatkundlern der Region systematisiert. Es ist Polnisch mit vielen deutschen und tschechischen Einsprengseln aber auch französischen Wörtern. Ginge es nach der RAS, würde sie bald im Unterricht gelehrt. In der Vorkriegszeit hätte fast jeder Bewohner Oberschlesiens Deutsch und Polnisch beherrscht.

Der Zug, mittlerweile auf Hundert Menschen angewachsen, erreicht schließlich das ehemalige Lager bei S´wie˛tochłowice. Nur ein Tor aus Ziegel und Metall und eine Gedenktafel erinnert an das Vergangene. Ansonsten sind Schrebergärten zu sehen. ­Reden auf die Verstorbenen werden gehalten, auch Zygmunt Lukaszczyk, der Wojewode (Ministerpräsident) von Schlesien, würdigt die Opfer des Kommunismus.

Vielen gefällt die neue Popularität der RAS nicht. Piotr Pietrasz sieht die schlesische Bewegung mit großer Skepsis. »Gorzelik hat in den 90er Jahren weit radikalere Töne angeschlagen«, erklärt der Politiker der Kaczynski-Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS) und Ratsmitglied in Kattowitz. Es gebe offizielle und inoffizielle Ziele der RAS, deren Mitglieder auch antipolnische Töne äußerten.

Skepsis und auch alte Ängste werden geweckt

Dabei sei das Zusammenleben der Deutschen und Polen in Oberschlesien nie wirklich reibungslos gewesen. Schon Louis Diebel, der erste Bürgermeister des 1865 zu Stadtrecht gekommenen Kattowitz habe die polnische Bevölkerung als eine Art Indianerstamm tituliert, wie Pietrasz mit Blick auf die Vergangenheit erinnert.

Den Erfolg der Partei schreibt Pietrasz den liberalen Medien zu, die den eloquenten Jerzy Gorzelik hofierten sowie der Frustration vieler Menschen in der Region, in der trotz Wirtschaftsbooms weiterhin hohe Arbeitslosigkeit herrscht.

Ein wichtiger Test zum schlesischen Befinden wartet im April: Dann kann bei einer polenweiten Volkszählung als Identitätsangabe »Schlesier« statt »Pole« angekreuzt werden. Diese Möglichkeit gab es schon 2002. Doch Gorzelik geht davon aus, dass sich diesmal viermal mehr als »Schlesier« sehen werden.

Jens Mattern

Schreiben gegen das Vergessen

21. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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augen_loest

Der Leipziger Schriftsteller Erich Loest wird 85 Jahre alt.



Er nennt es sein »Letztbuch« und man muss befürchten, dass er Wort hält. »Man ist ja keine Achtzig mehr« sind Tagebuch-Aufzeichnungen des Leipziger Schriftstellers Erich Loest, die er zwischen August 2008 und September 2010 niederschrieb. Loest hielt fest, was ihn in dieser Zeit beschäftigte und bewegte – politisch und menschlich. Wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag am 24. Februar, wird das Werk in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert.

Nach mehr als 50 Büchern, ungezählten Essays und Artikeln hatte ­Loest bereits bei der Verleihung des »Kulturgroschens« in Berlin im vergangenen September seinen Abschied aus dem Literaturbetrieb verkündet. Damit meinte er die großen Würfe.

Für einen Roman habe er mit knapp 85 nicht mehr genug die Übersicht, sagt er. Öffentlich zu Wort melden, wie jetzt mit dem Tagebuch, wird er sich aber weiterhin – gerade auch gegen die Versuche, die jüngere deutsche Geschichte zu »verkleistern«, wie er sagt.

Wenige Tage vor Erich Loests ­Geburtstag kommt sein neues Werk »Letztbuch« heraus. (Foto: epd-bild)

Wenige Tage vor Erich Loests ­Geburtstag kommt sein neues Werk »Letztbuch« heraus. (Foto: epd-bild)

Siebeneinhalb Jahre Haft in dem berüchtigten DDR-Zuchthaus Bautzen haben bei ihm tiefe Spuren hinterlassen. Nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 tritt er mit anderen für eine Demokratisierung der DDR ein und wird 1957 wegen »konterrevolutionärer Zellenbildung« verurteilt.

»Ich bereue bis heute, dass ich damals nicht in den Westen abgehauen bin«, sagt er. Die Jahre im Knast hätten ihn fast fertiggemacht und verfolgten ihn bis heute. »Wir haben eigentlich alle lebenslänglich bekommen.«

Seine Gegner sieht Loest deshalb auch in den »Geschichtsvergessenen«. Denen, die das Bild von DDR und SED-Diktatur weichzeichnen, das Unrecht relativieren, das Land verklären. »Die Roten«, wie er sagt. Das fordert seinen Widerspruch. »Freude macht das nicht, aber man muss sich dem stellen.«

Geboren wurde Loest 1926 im sächsischen Mittweida. Nach Kriegsdienst und kurzer amerikanischer ­Gefangenschaft beginnt er 1947 ein Volontariat bei der »Leipziger Volkszeitung«. Er tritt der SED bei und schreibt den Roman »Jungen, die übrig bleiben«. Als die Erzählung über seine Kriegsgeneration 1950 veröffentlicht wird, wirft ihm die Partei »Standpunktlosigkeit« vor. Die Zeitung entlässt ihn.

Es folgen Jahre als freier Schriftsteller.

Den Volksaufstand am 17. Juni 1953 bezeichnet er als einen der großen Wendepunkte in seinem Leben, ähnlich dem Kriegsende. Danach kann er mit der DDR keinen Frieden mehr schließen, diesem Mix aus kleinbürgerlicher Behaglichkeit und Stalinismus.

Das bringt ihn nach Bautzen, lässt ihn aber auch zu einem der wichtigsten Chronisten des Landes werden. Nach der Haftentlassung 1964 kehrt Loest nach Leipzig zurück.

Lange Zeit ist er krank. Unter einem Pseudonym schreibt er zunächst vorwiegend Kriminalromane.

Mit dem autobiografischen Roman »Es geht seinen Gang oder die Mühen der Ebene« meldet er sich 1978 auf der Bühne der zeitkritischen DDR-Literatur zurück. Darin zeichnet er ein ­illusionsloses Bild von der Realität der 60er und 70er Jahre in der DDR-Provinz. Die SED setzt das Buch zunächst auf den Index, nach Protesten wird eine limitierte Auflage zugelassen. ­Loest bezeichnet es heute mit als sein wichtigstes Buch, »weil es in der DDR geschrieben einen völlig neuen Blick auf dieses Land warf«.

In einem offenen Brief an SED-Parteichef Erich Honecker kritisiert Loest 1979 gemeinsam mit anderen Schriftstellern die Zensur in der DDR. Er wird aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und bekommt Publikationsverbot.

1981 verlässt er entnervt die DDR in Richtung Westen. Kurze Zeit später erscheint das autobiografische Werk »Durch die Erde ein Riss« über seine Haftzeit in Bautzen.

Auch in Osnabrück und später in Bad Godesberg bleibt für Loest das ferne Leipzig im geteilten Deutschland gegenwärtig. Mitte der 80er Jahre erscheint der Roman »Völkerschlachtdenkmal«, dessen Protagonist Fredi Linden auch im späteren »Löwenstadt« wieder eine Rolle spielen wird.

Als die Mauer fällt, kehrt er nach ­Sachsen zurück und verarbeitet das perfide Stasi-Überwachungssystem in der Dokumentation »Die Stasi war mein Eckermann oder mein Leben mit der Wanze«.

Mit dem 1995 veröffentlichten Roman »Nikolaikirche« um die Ereignisse der Leipziger Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 hat sich ­Loest endgültig in das Bewusstsein der gesamtdeutschen Öffentlichkeit geschrieben und den Demonstranten ein literarisches Denkmal gesetzt. Günter Grass würdigte ihn einmal als »politisches Temperament« und genauen Erzähler, der die Größe habe, als ehemaliges Opfer trotzdem nicht als Richter aufzutreten.

Sein letzter großer Roman »Löwenstadt« von 2009 ist ein Ritt durch 200 Jahre Leipziger und deutscher Geschichte bis in die Gegenwart. Es ist auch ein Buch über die vielen Möglichkeiten in einem Menschenleben, Fehler zu machen.

Gerne hätte er noch einen Roman über die Hitler­jugend geschrieben, der er einst wie auch der NSDAP angehörte, sagt ­Loest. »Aber ich habe keinen richtigen Zugang gefunden.«

Markus Geiler (epd)

Erleben, sehen und schmecken, wie gnädig der Herr ist

Jeden Sonntag zum Abendmahl – Ein Plädoyer für die regelmäßige und häufige Feier


 Das Abendmahl, wie es Christus ­eingesetzt hat,  ist das Zeichen,  das zum Wort  dazukommt und das Wort erklärt.  Ein Zeichen für die Gegenwart Christi. (Foto: epd-bild)

Das Abendmahl, wie es Christus ­eingesetzt hat, ist das Zeichen, das zum Wort dazukommt und das Wort erklärt. Ein Zeichen für die Gegenwart Christi. (Foto: epd-bild)

Eigentlich könnte in einer Kirche der Reformation alles so einfach sein. Verbum dei manet in aeternum. Gottes Wort gilt in Ewigkeit. So steht es an Hunderten von Kanzeln überall nicht nur in Europa. Und dann steht da glasklar am Anfang der Apostelgeschichte, dass die erste Gemeinde »in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten verharrte«.

Und für die Starrköpfigen steht es vier Verse später noch einmal und noch deutlicher, dass »sie täglich einmütig im Tempel verharrten und abwechselnd von Haus zu Haus das Brot brachen«.

Nun treffen sich die Gemeinden heute nicht mehr täglich, aber man dürfte annehmen, dass zumindest immer dann Abendmahl gefeiert wird, wenn sich die Gemeinde sonntags trifft. Denn für die Urchristen gehörte das Abendmahl, also das Zeichen für die Gegenwart Christi, so zum Gottesdienst wie das Wort und die Predigt und das Gebet.

Es gab Zeiten, in denen in den ­reformatorischen Kirchen ein oder zweimal im Jahr Abendmahl gefeiert wurde. Als ich 1988 meinen Dienst als Pfarrer begann, schlug ich im Gemeindekirchenrat vor, dass wir öfter, vielleicht einmal im Monat, Abendmahl feiern sollten. Die freundliche Stimmung kippte daraufhin sofort auf den absoluten Gefrierpunkt. Die mir herzlich verbundene Vorsitzende des Gemeindekirchenrates konnte sich zuerst wieder fassen und klagte bitter, verwundert und mit Entsetzen in der Stimme: »So sündig, Herr Pfarrer, sind wir nicht.«

In anderen evangelischen Gemeinden Deutschlands sagte man noch vor einiger Zeit: »Wer mehr als einmal im Jahr das Abendmahl nimmt, ist ­katholisch. Und die haben es nötig.« Das meint: Wer Gottes Wort hört, ist schon erlöst und gerechtfertigt und braucht dafür nicht auch noch das ­Sakrament. Das muss man heilighalten und sollte es nur selten und auch dann nur nach gründlicher Vorbereitung genießen.

Heute ist uns allen klar, dass das eine genauso falsche Lehre, also Irrlehre ist, wie eine andere. Diese katholische Lehre besagt, dass das Abendmahl ein Opfer der Kirche ist und dass es nur männliche, unverheiratete, in der durch Handauflegung bestätigten Nachfolge von Petrus tätige Priester spenden können.

Auch in der evangelischen Kirche ist die Irrlehre vom Abendmahl als der Arznei zur ewigen Seligkeit oder zur Unsterblichkeit weitverbreitet. Das Abendmahl aber, wie es Christus eingesetzt hat, ist das Zeichen, das zum Wort dazukommt und das Wort erklärt. Ein Zeichen, das dem Gläubigen nach dem Hören des Wortes nun auch ermöglicht, zu schmecken und zu sehen wie gnädig der Herr ist. Der Gottesdienstbesucher hat Gott durch sein Wort und, wenn er Glück und ­einen guten Pfarrer hat, auch in der Predigt gehört, nun kann er ihn im Abendmahl spüren.

Man könnte scharf sagen: Unsere Kirchen sind nicht nur leer gepredigt worden. Sondern weil man dort den Herrn auch in der Weise so wenig zu sehen und zu spüren bekommt, wie er es doch selber eingesetzt hat, kommen die Menschen nicht mehr gern in unsere Gottesdienste. Mir zumindest geht es so, dass ein Gottesdienst am Sonntag erst dann wirklich ein gültiges Erlebnis ist, wenn ich Abendmahl feiern konnte. Da das aber in evangelischen Kirchen meist eher Glück ist, haben mich meine Beine schon oft in die katholische Gemeinde getragen, weil man dort mittlerweile ebenso oft gute Predigten hört wie bei uns, aber in Bezug auf das Abendmahl eben ­sicher sein kann. Zudem haben in den vollen katholischen Kirchen die meisten auch ein lutherisches Abendmahlsverständnis, während es in unseren Kirchen mehrheitlich eher reformiert sein dürfte.

Für Luther war Jesus in, mit und unter Brot und Wein wirklich anwesend, während es für Zwingli und Calvin nur ein Zeichen ist.

Jesus wurde zu Lebzeiten als Fresser und Weinsäufer bezeichnet. Er hat in der nahen Erwartung des Reiches Gottes mit den Menschen, auch den ansonsten Ausgeschlossenen wie Zöllnern und Huren zusammengegessen und getrunken. Abendmahl und Gottes Wort gehört also sowohl nach Gottes Wort als auch nach unserem menschlichen Gefühl zueinander. Abendmahl gehört zur Fülle, ja mehr noch zur Vollkommenheit des Gottesdienstes. Gottesdienst ohne Abendmahl ist eigentlich eher nur Andacht. Denn das Wort braucht das Zeichen, weil das Wort Gottes uns Menschen zuliebe Mensch geworden ist.

Gott hat eben nicht nur geredet, sondern ist Mensch geworden. Dieser Mensch gehört zur Glaubhaftigkeit des Wortes dazu. Das Abendmahl ist nicht nur das Ausrufezeichen nach dem Wort, sondern es ist die Bestätigung des Wortes in unserer Wirklichkeit. Die, die oft zum Gottesdienst ­gehen, haben Hunger nach dem Zeichen, nach dem Abendmahl, ihnen ist die Zeit dafür nicht zu schade.

In meiner Kindheit war es üblich, dass im Anschluss an den Gottesdienst mit denen die noch blieben, die Sakramente gefeiert wurden, also Taufe oder Abendmahl. Diese unwürdige Praxis ist beendet worden. Es gibt erste Kirchen, in denen jeden Sonntag Abendmahl gefeiert wird. Die Sorge, dass weniger Menschen kämen, wenn Abendmahl gefeiert wird, hat sich als genauso falsch herausgestellt, wie die dahinterstehende Irrlehre.

Eine andere Abendmahlspraxis in unseren Kirchen wäre zudem ein Schritt nach vorn in der Ökumene. Nicht nur weil die anderen sehen würden, dass wir das Abendmahl so ernst nehmen wie sie, sondern weil auch wir uns ändern würden. Nicht mehr so intellektuell und wortbezogen, so weltabgewandt und abgehoben, würden wir unsere Gottesdienste feiern und unseren Glauben leben, sondern aus der uns mit Gottes Wort geschenkten Fülle.

Was werden da oft für seltsame, manchmal absurde Klimmzüge unternommen, um auf anderem Wege zu erreichen, was man verloren hat, als man auf das regelmäßige Abendmahl im Gottesdienst verzichtete. Mit dem Abendmahl erlebt man – oder könnte es zumindest –, dass die kommende Welt Gottes wirklich im Kommen ist.

Überall beginnen solche Prozesse zu häufigeren Abendmahlsfeiern oder werden zumindest Gespräche darüber geführt. Aber warum so zaghaft und langsam? Kirche die nicht regelmäßig Abendmahl feiert, ist nicht regelmäßig Kirche.

Steffen Reiche

Der Autor ist evangelischer Pfarrer in ­Berlin, bis 2009 war er Bundestagsabgeordneter.

Erziehung im Vertrauen

19. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Familie

Zusammenleben: Eltern und Kinder brauchen Lösungen, die die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigen.


Der Vorschlag, mit Lob statt mit Strafen zu erziehen, ­erscheint auf den ersten Blick einleuchtend. Doch beide – Lob und Strafen – ­haben unerwünschte Nebenwirkungen.



Vertrauen ist die Grundlage jeder Erziehung. (Foto: Karin Vorländer)

Vertrauen ist die Grundlage jeder Erziehung. (Foto: Karin Vorländer)

Körperliche Gewalt als Mittel der Erziehung ist seit mehr als zehn Jahren in Deutschland gesetzlich verboten. Zum Glück. Aber, die Meinung, ein Klaps habe noch ­keinem Kind ­geschadet, ist immer noch verbreitet. Auch die Furcht, Kinder könnten bei allzu lascher Erziehung zu kleinen ­Tyrannen mutieren, ist nach wie vor lebendig. Denn an die Stelle des ehemals selbstverständlichen Einsatzes von Strafe ist weithin eine große Verunsicherung getreten.

Die Pädagogen Thomas Gordon und Marshall Rosenberg setzen auf Erziehung im Vertrauen – und können an vielen Praxisbeispielen aufzeigen, dass Erziehung, ohne »die Dressurmittel« von Strafe oder Lob auskommen kann.

Strafe sorgt kurzfristig dafür, dass ein Kind mit einem unerwünschten Verhalten aufhört oder das erwünschtes Verhalten an den Tag legt. Aber sie hat, wie der amerikanische Psychologe Thomas Gordon es nennt, lediglich einen »Oberflächenwert«.

Strafe in Form von Verweigerung, Druck oder Entzug von Vergünstigungen erweist sich nämlich bei genauem Hinsehen als ein schwierig zu handhabendes Werkzeug. Sie muss angemessen sein und unmittelbar erfolgen – sonst fehlt für das Kind der innere Zusammenhang zwischen eigenem Fehlverhalten und Sanktion.

Laut Thomas Gordon haben Strafen unerwünschte »Nebenwirkungen«.

Zu häufige und zu strenge Strafen sorgen dafür, dass das Kind sich innerlich entzieht und passiv oder ­aggressiv wird. Wo körperliche oder seelische Sanktion eingesetzt wird, lernen Kinder, dass es angemessen ist, bei denen, die wir lieben, Gewalt und Sanktionen anzuwenden. Harte Strafen rufen Aggressionen hervor. Untersuchungen belegen, Familien, in denen viel gestraft wird, erzeugen aggressive Kinder. Ständiges Strafen und die damit verbundene Kontrolle kann die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen nachhaltig beeinträch­tigen.
Da erscheint der Vorschlag, mit Lob oder Belohnung statt mit Strafen zu erziehen, auf den ersten Blick sehr verlockend.

Doch so erstaunlich es klingen mag: Auch Lob und Belohnung können unerwünschte Nebenwirkungen haben. Eltern, die sehr viel mit Lob arbeiten, laufen Gefahr, Kinder zu erziehen, die wenig Aktivitäten und Leistungen an den Tag legen, wenn sie dafür kein Lob einheimsen.

Ständiges Lob oder Belohnung ist inflationär: Es verliert an Wirkung. Lob kann zudem Geschwisterrivalität und Konkurrenz verstärken. Es beeinträchtigt die eigene Entscheidungsfähigkeit und bringt Kinder um die wunderschöne Erfahrung, dass ein Tun auch ohne Anerkennung von außen in sich sinnvoll, schön und erfüllend sein kann.

Auf die Frage, ob es eine Erziehung jenseits von Strafe und Lob gibt, antwortet der amerikanische Pädagoge Marshall B. Rosenberg mit einem eindeutigen Ja.

Erziehung basiert bei ihm auf einer Beziehung zwischen Eltern und Kindern, die auf Vertrauen und Respekt gegründet ist. Eltern, die ihren Kindern Liebe, Geborgenheit, Vertrauen Wertschätzung, Respekt, Freiheit, Schutz und Sicherheit geben wollen und die ihren Kindern Wachstum und Lernen ermöglichen wollen, stehen vielmehr vor der Herausforderung, zunächst die eigenen Grenzen zu spüren. Sie müssen bei sich selbst wahrnehmen, was sie selbst wollen und was sie nicht wollen.

Es geht in einer Erziehung, die auf Vertrauen, Konsens und Respekt gründet, um eine Grundhaltung, die Rosenbergs Schüler Frank und Gundi Gaschler so beschreiben: »Ich möchte wissen, was du brauchst, und ich will dir sagen, was ich brauche, damit wir einen Weg finden, mit dem es allen möglichst gut geht.« Sie zeigen: Schon mit Kindern im Kindergartenalter können Lösungen gefunden werden, die die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigen.

Dazu gehört auch, Kompromisse zu verhandeln, sich am Ende einer Woche oder eines Tages gemeinsam über Gelungenes zu freuen oder Misslungenes auszusprechen und zu bedauern.

Voraussetzung für solch eine Erziehung ist allerdings eine positive Grundeinstellung gegenüber Kindern: Kinder sind nicht potenzielle Tyrannen – Kinder sind eine Gabe Gottes. Sie sind nicht von Natur aus »böse«, sondern sie sind mit der Fähigkeit und dem Willen zu Kooperation, Hilfe und Einfühlung ausgestattet.

Statt ein Kind zu strafen, dass viel später nach Hause kommt als verab­redet, kann es hilfreich sein zu fragen: Welche Bedürfnisse gibt es auf beiden Seiten?

Die Eltern haben womöglich das Bedürfnis, ihr Kind in Sicherheit zu wissen. Sie wollen sich keine Sorgen machen müssen, wenn das Kind nicht zur verabredeten Zeit im Haus ist. Das Kind hat dagegen das Bedürfnis nach Spiel und Kontakt zu anderen. Statt mit Hausarrest zu drohen, könnten Eltern zunächst ihr eigenes Gefühl und Bedürfnis benennen: »Ich möchte nicht im Ungewissen sein. Ich habe mich gesorgt. Ich möchte das nicht mehr so erleben.«

Kinder reagieren oft erstaunlich einfühlsam und sind in der Lage, gemeinsame Lösungen zu finden und Vorschläge zu machen, wie es beim nächsten Mal pünktlich ist oder die Eltern informiert.

Karin Vorländer

Literaturempfehlungen

  • Gordon, Thomas: Die neue Familienkonferenz. Kinder erziehen ohne zu strafen, Heyne Verlag, 320 S., ISBN 978-3-453-07861-1, 8,95 Euro
  • Gaschler, Frank und Gundi: Ich will verstehen, was du wirklich brauchst. Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern, Kösel Verlag, 144 S., ISBN 978-3-466-30756-2, 14,95 Euro
  • Mol, Justine: Aufwachsen in Vertrauen. ­Erziehen ohne Strafe und Belohnungen. Gewaltfrei miteinander leben, Jungfermannsche Verlagsbuchhandlung, 112 S., ISBN 978-3-87387-689-7, 9,95 Euro

Die auf dieser Seite empfohlenen ­Bücher sind – wenn nicht anders angegeben – zu beziehen über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643) 246161

Spiegelneurone – Zellkolonie des Mitgefühls

18. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Vernetzt – das Symbol lässt ahnen, welches komplexe System unseres Gehirns uns mit anderen Menschen verbindet. (Foto: Picture-alliance)

Vernetzt – das Symbol lässt ahnen, welches komplexe System unseres Gehirns uns mit anderen Menschen verbindet. (Foto: Picture-alliance)


Glaube und Wissenschaft: Warum wir intuitiv verstehen, was andere fühlen und Nächstenliebe empfinden und praktizieren können.



Hirnforscher haben spezielle Nervenzellen – sogenannte Spiegelneurone – entdeckt, die dafür sorgen, dass wir uns mental in den emotionalen oder körperlichen ­Zustand anderer Menschen ­hineinversetzen können.




Freuet euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.« Diesem guten Rat des Apostels Paulus vermag nicht jeder nachzukommen. Denn offenbar bedürfen selbst diese vermeintlich einfachen Verhaltensweisen mitmenschlicher Anteilnahme einer gewissen sozialen Einübung.

Aller Erfahrung nach nützen jedoch auch die allerbesten Anlagen nicht viel, wenn sie nicht durch eine halbwegs »gelungene« Soziali­sation irgendwie zur Entfaltung gebracht werden. Trotz größter Bedeutung jenes äußeren Umfeldes gilt jedoch, dass ohne ein entsprechendes inneres Milieu – ohne bestimmte ­anatomische und physiologische Gegebenheiten im innersten unseres ­Gehirns – sich so etwas komplexes und wünschenswertes wie christliche Nächstenliebe gewiss nicht in unserem praktischen Verhalten etablieren lässt.


Die eigentlichen Stars unserer grauen Hirnzellen

Aber was hat man sich unter einer »neuronalen Basis« unseres sozialen Mitempfindens vorzustellen? Dass alle unsere Bewegungen durch Nervenzellen koordiniert werden, ist schon seit Längerem bekannt. Dass es auch Neurone gibt, die nicht nur ­unsere eigenen Handlungen steuern, sondern zugleich die Handlungen anderer Individuen mental simulieren – also spiegeln – wurde jedoch erst vor einigen wenigen Jahren entdeckt.

Diese »Spiegelzellen« sind für alle nur möglichen Resonanzerscheinungen unseres Alltags zuständig – insbesondere für alle Phänomene der Nachahmung inklusive der sozialen bzw. emotionalen Ansteckung.

Die Entdeckung der Spiegelneurone kann in seiner Tragweite durchaus mit der Entschlüsselung unseres Erbguts verglichen werden. Zumindest sind Spiegelneurone die eigentlichen Stars unter unseren grauen Hirnzellen. Sie erklären endlich, warum wir intuitiv verstehen, was andere fühlen. Sie machen begreiflich, warum nicht nur unser Gähnen ansteckend wirkt, sondern auch, warum wir ein Lächeln erwidern können oder von den Tränen anderer erschüttert werden.

Unser »Bauchgefühl« ist ein Simulationsprogramm unseres Hirns. Es lässt uns nachempfinden, was ein von uns betrachteter Mensch gerade tut oder fühlt. Die faszinierende und doch gewiss auch frohe Botschaft der Neurobiologie lautet: Es existiert eine Zellkolonie des Mitgefühls, die gewissermaßen den sozialen Klebstoff bildet, der uns miteinander verbindet und uns einander mit Empathie begegnen lässt.

Wir verdanken den Spiegelneuronen unsere Fähigkeit zu lieben. Der Mediziner, Neurobiologe und Psychotherapeut Joachim Bauer sieht sogar die ­gesamte menschliche Existenz von Spiegel- bzw. Resonanzreaktionen ­geprägt: »Was wir erleben, was uns von anderen widerfährt, beeinflusst und verändert uns. Wir verändern uns im Antlitz des anderen.«

Selbst unter evolutionären Gesichtspunkten sind Spiegelzellen von allergrößter Bedeutung: Die darwinistische Vermutung, dass es im »Kampf ums Dasein« doch überhaupt keinen Sinn ergibt, ausgerechnet so etwas wie »Mitleid« im Artgedächtnis zu ­verankern, erweist sich nunmehr endgültig als Irrtum.

Die Empathie gehört zur genetischen Mitgift der Menschheit; auch wenn unser Mitgefühl selbstredend in harter Konkurrenz zu anderen Verhaltensmustern steht – etwa unserer latenten Gewaltbereitschaft oder Raffgier.

Warum Affen gar nicht gut »nachäffen« können

Im Mensch-Tier-Vergleich wurde mittlerweile deutlich, dass unseren haarigen Vettern ausgerechnet jenes »Nachäffen« nur in recht eingeschränkter Weise gelingt. Spätestens wenn es gilt, die Problemlösung eines Vorbildes systematisch nachzuahmen, geraten selbst Schimpansen rasch in größte Schwierigkeiten.

Die Bedeutung unseres Talents zur Nachahmung lässt sich kaum überschätzen. Schließlich ist biologisch betrachtet der Nachahmungstrieb der Sprache unmittelbar vorgeschaltet. So gesehen ist Sprache zunächst nicht viel mehr als mimetisch angelegte Körpermotorik.

Kein Wunder also, dass die Welle der Begeisterung über die Entdeckung der Spiegelzellen inzwischen bis zu den Sprach- und Kulturwissenschaftlern hinübergeschwappt ist. So deutet etwa der Germanist Gerhard Lauer unser Vergnügen an der Literatur ganz im Sinne der modernen neurobiolo­gischen und entwicklungspsycholo­gischen Forschung: Literatur sorgt für Identifikation, indem sie auf besondere Weise unser Talent zur Nachahmung erweckt. Wir fiebern beim Lesen mit, insofern wir uns bei der ­Betrachtung fremden Denkens und Handelns mithilfe unserer Spiegelneurone der eigenen inneren Wahrnehmung hingeben.

Klinische Befunde haben inzwischen auch die herkömmliche Annahme von Pädagogen und Psychologen ­widerlegt, dass ein »episodisches ­Gedächtnis« die wesentliche Voraussetzung für Empathie sei. Unfallopfer, die an extremen Gedächtnisverlusten leiden und nicht einmal mehr wissen, wer sie sind, büßen nämlich ihre Fähigkeit zum Mitgefühl keineswegs ein. Sie können die Emotionen anderer Menschen ebenso gut wahrnehmen wie gesunde Probanden.

Dank der Spiegelzellen muss der Mensch nicht erst an sich selbst denken, um sich in andere hineinzuversetzen.

Da die wenigen Spiegelneurone sich stets mit Hunderttausenden ­anderer Nervenzellen vernetzen, sind sie selbstverständlich auch nur im ­Ensemble funktionstüchtig. Einen neuronalen Schalter, der uns etwa ­automatisch in den »Mitleidsmodus« versetzt, gibt es ganz gewiss nicht.

Ebenso wenig wie wir Marionetten der Evolution oder unserer Gene sind, so sind wir auch keine Sklaven unserer Spiegelzellen.

Kinder brauchen beispielhaftes Vorleben


Doch die Annahme, dass ein Kind, dessen Kindheit nie von einem Lächeln begleitet wurde, auch im späteren Leben kaum zu einer derartigen »Spiegelung« fähig sein wird, ist indes alles andere als abwegig. Spiegelzellen sind vor allem Nachahmerzellen.

Beispielhaftes vorleben hat also Sinn.

Und je öfter es uns gelingt, uns ganz im Sinne von Paulus mit den Fröhlichen zu freuen oder mit den Weinenden zu weinen, desto menschlicher sind wir.

Reinhard Lassek

Als West-Journalist im Osten verwurzelt

15. Februar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Medien: Interview mit Hans-Jürgen Röder, scheidender Chefredakteur des Landesdienstes Ost des Evangelischen Pressedienstes (epd).

 

Hans-Jürgen Röder ist Chefredakteur des Landesdienstes Ost des Evangelischen  Pressedienstes (epd). Geboren wurde er am 16. Februar 1946 im thüringischen Suhl. 1954 flüchteten seine Eltern mit ihren Kindern nach Westdeutschland. Röder studierte Geschichte, Politik und Publizistik. 1975 wurde er in Westberlin Redakteur der Zeitschrift »Kirche im Sozialismus«. Zu dieser Aufgabe gehörte die ­Berichterstattung für den Evangelischen Pressedienst (epd) über kirchliches Leben in der DDR. Von 1979 bis zum Ende der DDR war er als DDR-Korrespondent für epd in Ost-Berlin akkreditiert. Nach der Wende baute er in Ostdeutschland den Landesdienst Ost auf und leitet ihn seit seiner Gründung im Jahr 1990. Ende Mai geht er in den Ruhestand. (Foto: epd)

Hans-Jürgen Röder ist Chefredakteur des Landesdienstes Ost des Evangelischen Pressedienstes (epd). Geboren wurde er am 16. Februar 1946 im thüringischen Suhl. 1954 flüchteten seine Eltern mit ihren Kindern nach Westdeutschland. Röder studierte Geschichte, Politik und Publizistik. 1975 wurde er in Westberlin Redakteur der Zeitschrift »Kirche im Sozialismus«. Zu dieser Aufgabe gehörte die ­Berichterstattung für den Evangelischen Pressedienst (epd) über kirchliches Leben in der DDR. Von 1979 bis zum Ende der DDR war er als DDR-Korrespondent für epd in Ost-Berlin akkreditiert. Nach der Wende baute er in Ostdeutschland den Landesdienst Ost auf und leitet ihn seit seiner Gründung im Jahr 1990. Ende Mai geht er in den Ruhestand. (Foto: epd)

Hans-Jürgen Röder gehört zu den wenigen Journalisten, die DDR-Korrespondenten waren. In einem Gespräch erinnert er sich an diese spannende Zeit.


Herr Röder, als Korrespondent aus dem Ausland zu berichten, ist für manche Journalisten ein erstrebenswertes Ziel. Sie waren DDR-Korrespondent. Ihr Traumjob?

Röder: Ja, es war mein Traumjob. Ich fühlte mich in der DDR verwurzelt, obwohl ich gar keine verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Beziehungen mehr in meine Heimatstadt Suhl hatte. Ich hatte eine Beziehung zu dieser eigenwilligen DDR mit ihren sympathischen Menschen und mit der mehr als unsympathischen politischen Führung.

Mit dem Grundlagenvertrag zwischen der BRD und der DDR von 1972 wird es für Journalisten aus dem Westen und Osten möglich, aus dem jeweils anderen Teil Deutschlands zu berichten. Wie ging das?
Röder: Ich fuhr zum Teil als Reisekorrespondent, meistens aber privat zu Veranstaltungen in die DDR. Das betraf die Zeit von 1975 bis 1979. Als West-Berliner konnte ich ja zu Privatbesuchen oder als Tourist Tagesreisen in die DDR unternehmen. Man konnte frühmorgens einreisen, war in zweieinhalb bis drei Stunden in Magdeburg, Dresden oder Rostock, blieb dort bis zum Abend und fuhr dann wieder zurück. Bis 24 Uhr musste man am Grenzübergang sein, sonst gab es Ärger.

Ab 1979 waren Sie dann als Ostkorrespondent akkreditiert und konnten ohne Kontrollen die Grenze passieren?

Röder: Das war der ganz, ganz große Vorteil. Vorher musste ich immer beim Ein- und Ausreisen überlegen: sind die Taschen frei von Dingen, die sie nicht sehen sollen. Für mein Auto bekam ich ein Sonderkennzeichen, an dem zu erkennen war, dass ich westdeutscher Journalist bin. Das hieß, dass ich beim Grenzverkehr an den normalen Besucherschlangen vorbei über die Grenze gelassen wurde.

Ostkorrespondent in der DDR – ein aufregendes, spannendes Geschäft!
Röder: Spannend war es. Mir lag sehr daran, möglichst viele Kontakte zu den Menschen in der DDR zu schaffen und zu halten. Telefonrecherche war ohnehin nicht möglich. Ich hätte die Leute nicht am Telefon fragen können: Sagt mal, stimmt das, war das
so? Könnt Ihr mir den Hintergrund erzählen?
Ich habe Leute angerufen und gefragt: Kann ich mal vorbeikommen? Das war möglich. Ich bin oft zu ganz banalen Veranstaltungen nach Erfurt, Dresden oder Greifswald gefahren, wenn ich wusste, dass ich dort bestimmte Leute treffe. Das waren meine Hauptrecherchemöglichkeiten neben den Synoden.

Ihre Berichterstattung war den DDR-Behörden ein Dorn im Auge. Synodale und andere Kirchenvertreter gerieten zuweilen auch unter Druck, wenn kritische Äußerungen über brisante politische Themen in den westlichen Medien zitiert wurden …

Röder: Es gab unterschiedliche Naturelle. Menschen, die immer große Sorgen hatten, wenn die Synode oder sie selbst in westlichen Medien zitiert wurden. Sie ahnten, dass sie von staatlichen Vertretern dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Ich habe ­unzählige Gespräche mit solchen Menschen geführt. Dabei habe ich versucht, sie davon zu überzeugen, dass sie sich für die Berichterstattung von westlichen Korrespondenten nicht zu verantworten hatten. Schon gar nicht gegenüber Funktionären des Staates, der die Korrespondenten ins Land gelassen hat. Das haben manche verstanden, aber nicht alle. Leider war die Verständnisbereitschaft umso geringer, je höher jemand in der kirchlichen Hierarchie stand.
Es gab Leute, die stabil genug waren und entsprechend gegenhalten konnten, wenn sie unter Druck gesetzt wurden. Aber das Grundproblem war, ob Kirchenleute und Synodale bereit waren, Verantwortung zu übernehmen für das, was sie in einer öffentlichen Veranstaltung gesagt hatten und ob sie zu ihren Aussagen auch standen.
Es gab Leute, bei denen hatte ich immer das Gefühl, es war ihnen unangenehm, wenn ich auftauchte. Sie hätten es offenbar lieber gesehen, wenn bestimmte politische Themen nicht in der Synode thematisiert werden.

Sie haben die deutsche Einheit vorweggenommen, sind aus dem Westen in den Osten gekommen, haben hier Ihre Frau kennengelernt, 1984 geheiratet.

Röder: Sehr zur Verwunderung der Leiterin des zuständigen Standesamtes. Sie konnte nicht begreifen, wieso wir heiraten wollten, meine Frau aber die DDR-Bürgerin bleiben wollte. Andernfalls aber hätte sie in West-Berlin gelebt und für zwei Jahre nicht in die DDR einreisen dürfen. Und ich hätte mir die Arbeit von West-Berlin aus nicht vorstellen können. Wir haben davon profitiert, dass wir hier lebten. Das hat auch dem epd eine Menge Vorteile gebracht, denn wir hatten am Abend ein reges Besuchsleben. Das war eine wunderbare Möglichkeit, sich über die Lebenssituation der Menschen in der DDR zu informieren.

Sicher mit reger Anteilnahme auch der Stasi?

Röder: Wir wurden ziemlich auffällig von der Stasi beobachtet und bewacht. Wenn ich aus dem Fenster sah, konnte ich meist mehrere Mitarbeiter der Staatssicherheit und der Volkspolizei bei der Arbeit beobachten. Gelegentlich wurden auch unsere Gäste kontrolliert, wenn sie zu Fuß oder mit dem Wagen um die Ecke gebogen waren. Ich bin, wenn das zu befürchten stand, hinterher gegangen oder gefahren, um die »Herrschaften« zu fragen, warum sie meine Gäste kontrollieren. Das erwies sich immer wieder als hilfreich.

Sie konnten nicht sicher sein, dass nicht auch Spitzel unter Ihren Gästen sind und Sie abgehört werden …

Röder: Wir hatten bestimmte Verhaltensvereinbarungen mit unseren Gästen getroffen. In der Wohnung wurden Namen, bestimmte Begriffe und Zusammenhänge nie laut genannt. Wir hatten auf dem Tisch immer einen Stapel Zettel, einen Stift, einen Aschenbecher und ein Feuerzeug. Das heißt, man schrieb dann die Namen mal kurz auf und verbrannte das Zettelchen im Aschenbecher.

Glücklicherweise ging diese Ära zu Ende. Die Wende kam.
Röder: Sie kam, ja. Das waren nun wirklich die verrücktesten Zeiten in meinem Beruf und im Leben überhaupt. Aber das geht, glaube ich, mehreren so. Das war so verrückt wie es nur verrückt sein konnte. Rund um die Uhr jeden Tag und jede Nacht unterwegs. Ich bekam fast gar nicht mit, dass sich alles veränderte.

Das Gespräch führte Sabine Kuschel.

Wenn Gott mal eben zu Besuch kommt

13. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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»Sara lachte«: Die Geschichte einer verrückten Prophezeiung im Buch Genesis

Abraham bewirtet seine Gäste, während seine Frau Sara lauschend hinter der Tür zu sehen ist. Der niederländische Künstler Rembrandt Harmenzoon van Rijn verlegte die biblische Geschichte kurzerhand in eine niederländische Siedlung.

Abraham bewirtet seine Gäste, während seine Frau Sara lauschend hinter der Tür zu sehen ist. Der niederländische Künstler Rembrandt Harmenzoon van Rijn verlegte die biblische Geschichte kurzerhand in eine niederländische Siedlung.

In der Mittagshitze kommt Gott einfach mal eben so vorbei beim uralten Wüstenscheich Abraham, der am Eingang seines Zeltes sitzt. Wahnsinn: Gott Jahwe kommt zu Besuch! Man müsste einen roten Teppich ausrollen, eine Musikkapelle engagieren, alle Nachbarn und Freunde einladen. Aber Abraham und seine Frau Sara begreifen nichts, erkennen ihren Besucher in der schlichten Verkleidung nicht.

Oder doch? Immerhin fällt Abraham vor Gott und dessen zwei Begleitern nieder – was ein Orientale, bei ­allem Respekt vor zufällig auftauchenden Gästen, eigentlich nur vor Königen tut.

Ahnt er etwas vom geheimnisvollen Hintergrund des Besuchs, den die Bibel nur dezent andeutet? Nämlich mit dem Hinweis auf die einzeln in der Landschaft stehenden Bäume, die einen heiligen Ort markieren und in der palästinensischen Tradition gern von Fruchtbarkeitsgöttinnen bewohnt sind.

Natürlich lädt Abraham die müden Wanderer ein, sich zu erfrischen, das gebietet die Gastfreundschaft. Sara soll schleunigst einen riesigen Kuchen backen, er selbst lässt sein zartestes Kalb schlachten. Worin wieder eine mythische Nebenbedeutung mitschwingt: Mit dem gleichen Wort hat die Bibel das Opfer des Kain und die von Abraham beim ersten feierlichen Bundesschluss mit Gott verbrannten Tiere bezeichnet.

Großes liegt in der Luft. Tatsächlich prophezeit der rätselhafte Gast Abraham einen Sohn. Wer will es der am Zelteingang lauschenden Sara verdenken, dass sie zu kichern beginnt? Einen Sohn hat sie sich zwar gewünscht, doch sie ist 90 – und ihr Mann? Pardon, »wa adoni saken«, denkt sie belustigt: »Was, mit dem ­Alten?« Abraham hat ja auch schon seine 99 Jahre auf dem Buckel.

Hinter soviel ironischer Abwehr steht der lebenslange Schmerz einer kinderlosen Frau, die in der damaligen orientalischen Umwelt nicht nur bespöttelt, sondern auch als Schuldige behandelt wurde. Kein Mensch kam auf die Idee, dass die medizinische Ursache für Unfruchtbarkeit auch beim Mann liegen konnte.

Wenn sich Sara einst so erniedrigt hatte, Abraham großzügig eine Nebenfrau – die ägyptische Sklavin Hagar – zu ­beschaffen und auf diese Weise einen Erben, Ismael, lag das wohl auch an ihrem Schuldgefühl.

Jahwe, der verkleidete Gast, zeigt sich sensibel: Statt der verbitterten Zweiflerin Vorwürfe zu machen, bekräftigt er seine Vorhersage mit jenem Argument, das so schrecklich pastorenhaft klingt und doch die einzige Hoffnung in einer trostlosen Welt darstellt: »Ist beim Herrn etwas unmöglich?«

Ein Jahr später hat Sara noch einmal Anlass zum Kichern: Sie bringt ein Kind zur Welt, nennt es nicht ohne Ironie Isaak (»er lacht«) und stellt glücklich fest: »Gott ließ mich lachen; jeder, der davon hört, wird mit mir ­lachen.« (Genesis 21, 6)

Dass die vertrocknete Greisin noch ein Söhnchen bekommt, ist freilich ein ganz kleines Wunder, verglichen mit der lange zuvor ausgesprochenen gewaltigen Verheißung Jahwes an Abraham: »Sieh doch zum Himmel auf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. So zahlreich werden deine Nachkommen sein.« (15, 5)

Und aus Sara sollen Völker und Könige hervorgehen. Abraham, der Nomade, reagierte auf diese Prophezeiung, bei der ihm der Kopf geschwirrt haben muss, übrigens genau wie seine Frau: Er fiel »auf sein Gesicht nieder und lachte«. (17, 17)

Wie brisant Jahwes Verheißungen waren, wird uns erst klar, wenn wir erfahren, dass die entsprechenden biblischen Geschichten aus der Krisenzeit nach der Zerschlagung Israels durch die Babylonier stammen. Es gab keinen König, keinen Staat, keinen Tempel mehr – nur das verrückte Vertrauen auf Gott, der sein Volk niemals im Stich lassen würde.

Sara und Abraham lebten noch lange. Begraben wurden sie nach der Überlieferung in der Höhle von Machpela – dort, wo die geheimnisvollen Bäume stehen, in deren Schatten Jahwe mit den Menschen redete, von Du zu Du.

Christian Feldmann

Mit Koran und Koptenkreuz

11. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Eine Welt

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Ägypten: Verbrüderung von Christen und Muslimen – die ersten Tage einer neuen Zeit?

Geeint im Protest gegen das alte Regime halten am vergangenen Sonntagmorgen in Kairo ein Muslim den Koran und ein koptischer Christ das Kreuz in die Höhe. (Foto: picture alliance/dpa/Amel Pain)

Geeint im Protest gegen das alte Regime halten am vergangenen Sonntagmorgen in Kairo ein Muslim den Koran und ein koptischer Christ das Kreuz in die Höhe. (Foto: picture alliance/dpa/Amel Pain)


 

Neue Bilder aus Kairo: ­Christen schützen Muslime während des Gebets, ­Muslime schützen Christen beim Gottesdienst – der ­gemeinsame Protest schweißt die Menschen zusammen.

 
Rund 20 Besucher sind am ­Sonntag (6. Februar) zum ­evangelischen Gottesdienst der deutschsprachigen Gemeinde in Kairo gekommen. In der vergangenen Woche musste der Gottesdienst in der ägyptischen Hauptstadt ausfallen, denn die evangelische Kirche liegt nur wenige hundert Meter vom Tahrir-Platz entfernt, der seit fast zwei Wochen Schauplatz von Massendemonstrationen gegen Präsident Hosni Mubarak ist. »Selten haben sich die Menschen so daran gefreut, die hupenden Autos zu hören und die verstopften Straßen dieser Stadt zu sehen«, sagt der Theologe Gerald Lauche in seiner Predigt.

Kairo am Tag 13 der Revolte: Für viele fühlt sich dieser an wie der erste Tag einer neuen Zeit. Die Banken sind wieder geöffnet, selbst die Filialen der großen Handy-Anbieter haben ihre Rollläden hochgezogen, und viele Angestellte kehren in die Büros zurück. Das alte Leben kehrt zurück, doch zugleich ist nichts mehr wie es war.

Auf dem Tahrir-Platz halten die Demonstranten durch. Am Sonnabendabend ergoss sich ein gewaltiger Schauer auf den Platz, große Pfützen bildeten sich dort. Doch die Demonstranten blieben, sie trotzen dem Wetter so wie sie allem anderen getrotzt haben: den Schlägen der Polizei und dem Tränengas.

Der Angst, dass das Militär auf sie schießen könnte. Sie machten auch weiter, als die Regierung Schlägertrupps auf sie hetzte. Ihr Erfolg gab der Beharrlichkeit der Demonstranten recht: Tag für Tag gab das Regime ihnen ein Stück nach – ­Salamitaktik.

Am Sonntagmorgen wurde dann auch auf dem Tahrir-Platz ein Gottesdienst gefeiert. Über knarzende Lautsprecher erscholl das Gebet des koptischen Priesters. Die Messe musste verschoben werden, weil die koptische Kirche offiziell Distanz zur Revolte hält. Doch schließlich fand sich dann ein Priester, der bereit war, auch gegen das ­Verbot des koptischen Papstes auf den Platz zu kommen.

Christen und Muslime standen beieinander, so wie an den anderen Tagen die Muslime ihr Gebet verrichteten und die Christen eine Menschenkette um sie bildeten, um sie gegen Angriffe zu schützen. Die Jugendrevolte hat in Ägypten auch ein Zeichen gesetzt, was das Zusammenleben von Christen und Muslimen angeht.

Viele der Jugendlichen, die sich seit dem 25. Januar auf dem Platz versammelten, hatten drei Wochen zuvor T-Shirts getragen mit ineinanderverschlungenen Halbmond und Kreuz. Sie hatten nach dem blutigen Anschlag auf die Kirche von Alexandria, bei dem seit der Silvesternacht 24 Menschen starben, den Christen ihre Solidarität bekundet.

Trotz der Beteiligung der Muslimbruderschaft an den Protesten sind auf dem Platz selten islamistische Sprüche zu hören. »Dieses neue Miteinander ist etwas ganz Tolles und Neues«, freut sich eine Demonstrantin. Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigte sich auch an dem Hass, der bei den Pro-Mubarak-Demonstrationen aufkam: »Die Jugendlichen auf dem Platz sind alles Ungläubige! Sie ­kennen ­keinen Gott und bekommen Geld aus dem Ausland«, brüllte am Freitag ein aufgebrachter Mann mit Schnauzbart.

Gerald Lauche schaut in die Runde seiner Gemeinde. Viele, die sonst kommen, sind nicht da, denn sie ­haben das Land wegen der Unruhen verlassen. Dafür sind andere Besucher da, die sonst kaum kommen.

»Die Leute haben jetzt ein besonderes Bedürfnis nach Kirche und nach Gemeinsamkeit«, sagt der evangelische Theologe. In seinem Gebet bittet er Gott, er möge weise Menschen, die Ägypten lieben, die Weichen für die Zukunft des Landes stellen lassen.

Julia Gerlach (epd)
 

Katechismus – Top oder Flop?

11. Februar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Diskussion: In der Tradition des Reformators haben die lutherischen Kirchen ihre Glaubensinhalte in einem Buch zusammengefasst

Ulrich Lieberknecht, Superintendent im südwestthüringischen Bad Salzungen

Ulrich Lieberknecht, Superintendent im südwestthüringischen Bad Salzungen


PRO

Braucht man im Zeitalter der elektronischen Medien noch ein Buch mit mehr als 1000 Seiten? Der jetzt in achter Auflage neu erschienene »Evangelische Erwachsenenkatechismus« (EEK) lässt mich eindeutig »Ja« sagen.

Das 1975 erstmals im Auftrag der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirchen Deutschlands erschienene Standardwerk macht sich zur Aufgabe, »in evangelischer Freiheit und Verantwortung den christlichen Glauben im Kontext der gegenwärtigen Lebenswelt« zu entfalten. Gliederungsprinzip dafür ist das Glaubensbekenntnis. Hervorragend die Idee, in der Mitte des Buches Bekenntnis­texte einzubinden, die so immer zum Vergleich zur Hand sind.

Wer sich klarmacht, was sich ­allein seit 1975 in Lebens- und Überzeugungsfragen in unserer Welt verändert hat, wird staunen, was der EEK an Orientierung leistet. In guter reformatorischer Tradition werden hier nicht feststehende Dogmen verkündet. Vielmehr wird zu einem Gespräch angeregt, das der Meinungs- und ­Gewissensbildung dient.

Und warum ein dickes Buch?

Weil man so herrlich darin schmökern kann! Fast gleichgültig, an welcher Stelle man aufschlägt, man wird in gut lesbare spannende Fragen hineingenommen.

Ob Anfängerin oder alter Hase im Glauben – allen wird eine breite Auswahl gut verträglicher Anregung geboten, das Evangelischsein heute zu stärken.

Das Stichwort- und Bibelstellenregister und ein kleines Lexikon theologischer Begriffe machen die Erschließung kinderleicht. Und die mitgelieferte CD ROM enthält den gesamten Text mit einer bequemen Navigationshilfe. Dafür sind die knapp 30 Euro Ladenpreis keineswegs viel.

Ich kann nur empfehlen: 1200 Gramm kernigen evangelischen Glaubens.

Ulrich Lieberknecht

Andreas Fincke, Pfarrer und langjähriger Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen

Andreas Fincke, Pfarrer und langjähriger Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen


KONTRA

In der Tat beeindruck das Werk auf den ersten Blick. Aber: Es begegnen uns an vielen Stellen eine unglaublich verquaste Sprache und unzureichen­de Antworten. Zum Beispiel: »Naturwissenschaftliche Ergebnisse bleiben der Theologie nicht gleichgültig; denn sie können Fragen wecken …« (S. 87)

Warum orientiert man sich nicht an der Realität und schreibt: Naturwissenschaftliche Erkenntnisse wie der Darwinismus fordern die Theologie heraus?

Genau deshalb müsste der Katechismus eine einfache Antwort geben, wie sich Evolution und Schöpfung zueinander verhalten. Ohne seitenlange Erörterungen über unnötige Spezialfragen.

Völlig ratlos macht mich auch folgender Satz: »Schwierig ist freilich, je konkrete Ereignisse des Lebens dem Handeln Gottes zuzuschreiben; denn wir kennen kein Kriterium, nach dem das möglich wäre.« (S. 87) »Doch!«, Möchte man ausrufen. Natürlich kennt die Heilige Schrift Kriterien. Alles, was dem Heil des Menschen dient, ist dem Handeln Gottes zuzurechnen!

Auch die Kapitel zur Sexualität gehen an der Lebenswirklichkeit in Seelsorge und Beratung vorbei: Da wird über die Geschichte der Verhütung (S. 363) berichtet, aber eine klare ­Aussage vermieden; über Abtreibung und Selbstmord werden allerlei Richtigkeiten präsentiert, nur eine evangelische Position wird nicht bezogen. Dem Zusammenhang von Sexualität und Sünde, ein riesiges Thema in der Geschichte der Christenheit, widmet man wenige Zeilen, die sich ­lediglich an Erich Fromm orientieren (S. 227).

Auch zum Verhältnis von Sünde und Krankheit nur wenige Zeilen. Dabei fragt jeder, der eine schwere Krankheit hat, verzweifelt nach seiner Schuld.

Manchmal fragt man sich besorgt, warum sich so viele Menschen von unseren Kirchen abwenden. Eine Erklärung gibt der Verlust jeglichen Profils. Das illustriert, in erschreckender Klarheit, der vorliegende Katechismus.

Andreas Fincke
 

Hintergrund: Der Katechismus

kateDer Evangelische Erwachsenenkatechismus, herausgegeben von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), steht in der ­großen Tradition lutherischer Lehr- und Unterweisungsliteratur.

Das Wort Katechismus selbst geht auf das griechische Verb »katechein« (von oben herab schallen, tönen, ergötzen) zurück und wird im Deutschen im Sinne von »unterrichten« gebraucht. Katechismen wurden vor allem im Zuge der ­Reformation als Zusammenfassung der Lehraussagen protestantischer Kirchen populär. Den Anfang machten Luthers Großer und Kleiner Katechismus (jeweils 1529). Daneben entstanden im Bereich der reformierten Kirchen der Genfer ­Katechismus (1542) sowie der Heidelberger Katechismus (1563).

Im Bereich der katholischen Kirche ist heute vor allem der Katholische Erwachsenenkatechismus, herausgegeben von der Deutschen Bischofskonferenz, von Bedeutung.
(GKZ)
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VELKD (Hg.): Evangelischer Erwachsenenkatechismus. Suchen – glauben – leben,
8., neu bearbeitete und ergänzte Auflage, Gütersloh 2010, 1020 Seiten (plus CD-ROM),
ISBN 978-3-579-05928-0, 29,99 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161


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»Café feminino« – fairer Kaffee von Frauen

6. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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»Wie Kinder, die jeden Tag gepflegt werden müssen«: Antonia Txox ist stolz auf ihre selbst gezogenen Kaffeepflanzen. (Foto: Andreas Boueke)

»Wie Kinder, die jeden Tag gepflegt werden müssen«: Antonia Txox ist stolz auf ihre selbst gezogenen Kaffeepflanzen. (Foto: Andreas Boueke)

Guatemala: Gerechter Handel mit der braunen Bohne – wie Menschen ihr Geschick selbst in die Hand nehmen
 
Auch wenn fair gehandelter Kaffee noch immer nur ­einen geringen Marktanteil hat – er verhilft Familien zu einer neuen Lebens­perspektive.
 

Antonia Txox, ist eine kleine, zierliche Frau. Sie spricht Quiche, die Sprache der Mayabevölkerung dieser Region Guatemalas: »Mein Mann ist gestorben, weil er zu viel Alkohol getrunken hat. Ich bin allein zurückgeblieben, mit meinen sechs Kindern. Der Kleinste ist heute 15 Jahre alt.«

Antonia Txox besitzt eine kleine Parzelle, weniger als zweitausend Quadratmeter Land. Sie baut Gemüse an, Mais und Bohnen für den Eigenbedarf und außerdem Kaffee, um ihn zu verkaufen. Morgens ziehen dichte Nebelschwaden durch die Region. So reifen die Kaffeekirschen nur langsam heran. Die Bohnen entwickeln eine hervorragende Konsistenz und ein intensives Aroma.

Kooperative Nahuala – gemeinsam zum Erfolg

Sobald Doña Antonia über ihre Kaffeepflanzen spricht und über die Kooperative Nahuala, der sie sich vor ­einigen Jahren angeschlossen hat, erscheint ein Lächeln auf ihrem Gesicht. »Mein Mann hat das Feld nie bearbeitet. Es gab nichts als Gras und Unkraut. Nach seinem Tod habe ich in Ausbildungsseminaren der Kooperative gelernt, dass diese Parzelle meine Lebensgrundlage sein kann. Der Vorstand hat mir einen Mikrokredit gegeben. Von da an hat sich mein Leben deutlich verbessert.«

Die Kooperative Nahuala mit ihren 116 beteiligten Familien ist der Motor der Gemeindeentwicklung. Noch vor wenigen Jahren waren ausschließlich Männer als formale Mitglieder der ­Kooperative eingeschrieben. »Es war selbstverständlich, dass die Frau in der Küche bleibt,« sagt Antonia Txox. »Gott sei Dank ändert sich das jetzt. Viele Männer haben erkannt, dass sie den Frauen mehr Freiheit geben müssen. Nur so kann sich eine Gemeinde entwickeln.«

An normalen Tagen verbringt Antonia Txox viel Zeit auf ihrem Feld, oder in dem kleinen Garten vor ihrer Hütte. Dort zieht sie kleine Kaffeepflanzen auf. »Die Pflanzen sind wie Kinder, die jeden Tag gepflegt werden müssen, damit sie gesund aufwachsen. Das ist viel besser, als auf einer Plantage zu arbeiten, auf der du mit deiner Arbeit andere Leute reich machst.«

Immer mehr Frauen gewinnen Selbstvertrauen

Seit drei Jahren wird die Produktion der Frauen der Kooperative Nahuala als eigene Marke vertrieben, als »Café feminino«. Sie bekommen einen Aufpreis von zwei US-Dollar pro hundert Pfund getrockneter Kaffeebohnen. Das ist zwar nur ein Bonus von etwa einem Prozent, aber zudem gibt es ­zusätzliche Fortbildungsangebote zu Themen wie Schädlingsbekämpfung und Buchhaltung, aber auch Gesundheitsvorsorge, Kindererziehung und die Stärkung der Rolle der Frau innerhalb der Dorfgemeinschaft.

Die ­So­zialarbeiterin Irma Barera ist sich ­sicher, dass das Projekt »Café feminino« das Selbstvertrauen vieler Frauen deutlich gestärkt hat. »Die meisten Frauen sind noch immer sehr schüchtern. Deshalb arbeite ich neben der landwirtschaftlichen Ausbildung auch daran, sie zur Partizipation zu animieren.«

Bisher wird der »Café feminino« nur in den USA vertrieben. Doch nun soll der »Café feminino« auch auf dem europäischen Markt angeboten werden. Nach der letzten Ernte konnte der Kaffee für 205 Dollar an den gerechten Handel verkauft werden. Auf dem lokalen Markt oder an der Börse in New York wären maximal 130 bis 135 Dollar gezahlt worden.

Für die Mitglieder der Kooperative ergeben sich aus ihrer Beteiligung am gerechten Handel konkrete Vorteile. Aber sie müssen auch einiges leisten. Eine entscheidende Voraussetzung ist die Anwendung umweltschonender Anbaumethoden.

Antonia Txox greift unbesorgt in ein großes Becken, in dem organischer Dünger für die Kaffeefelder der Kooperative hergestellt wird. Mit beiden Händen hebt sie einen Haufen schwarzer Erde heraus, in dem sich mindestens 30 agile Regenwürmer tummeln.

Auch der Bio-Dünger kommt vom eigenen Kompost

Das Becken aus Beton ist mit organischem Abfall vom Markt und aus den Haushalten der Genossenschafter gefüllt. Dazu wird das Fruchtfleisch der geernteten Kaffeekirschen gekippt. Die Masse wird feucht gehalten, sodass sich Tausende Regenwürmer schnell reproduzieren können. Die glitschigen Tierchen verdauen innerhalb weniger Wochen den Müll, so dass ein nährstoffreicher Dünger entsteht, der auf den Kaffeefeldern verteilt wird. Der Einsatz von Chemikalien wird auf ein Minimum reduziert.

Kaffee mit dem TransFair-Güte­siegel wird heute in den meisten deutschen Supermärkten angeboten. In der Praxis aber macht fair gehandelter Kaffee nur einen sehr geringen Teil des Gesamtmarktes aus. Der Entwicklungssoziologe Georg Krämer vom Welthaus Bielefeld stellt nüchtern fest: »Die Deutschen beteiligen sich seit 1970 an dem fairen Handel mit dem mageren Ergebnis, dass wir heute zwei bis drei Prozent des deutschen Kaffeemarktes entweder ›fair‹ oder ›bio‹ haben.«

Dennoch – die Konsumenten haben so die Möglichkeit, die Lebensbedingungen einiger Kleinbauern und ihrer Familien deutlich zu verbessern.

Andreas Boueke

Ein Hüter der Überlieferung

6. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zum 80. Geburtstag des Germanisten Eberhard Haufe

 
»Das Prinzip Hoffnung im Giftschrank!«, erwiderte der Weimarer Germanist Eberhard Haufe geradezu fassungslos, als ihm in den 80er Jahren in der damaligen Zentralbibliothek der deutschen Klassik die Ausleihe von Ernst Blochs Hauptwerk verwehrt blieb. Bloch galt seit seiner Verbannung von der Leipziger Universität 1957 in der DDR als Unperson – zumindest im offiziellen Kulturbetrieb.

Eberhard Haufe genießt als Wissenschaftler und Schriftsteller deutschlandweit Ansehen. (Foto: Maik Schuck)

Eberhard Haufe genießt als Wissenschaftler und Schriftsteller deutschlandweit Ansehen. (Foto: Maik Schuck)

Und im gleichen Jahr, in dem der Philosoph emeritiert wurde, beendete die Hochschule in Leipzig aus politischen Gründen auch die wissenschaftliche Laufbahn des 27-jährigen Germanistik-Assistenten Haufe.

Er hatte bei einer Exkursion nach Ost-Berlin zusammen mit Studenten im Westteil der Stadt im Renaissancetheater die Hauptprobe zu Tennessee Williams’ »Katze auf dem heißen Blechdach« und die »Galerie des 20. Jahrhunderts« am Bahnhof Zoo besucht. Seine Kündigung erhielt er 1958 zum Tag nach seinem Geburtstag.

Am 7. Februar vollendet Eberhard Haufe in Weimar sein 80. Lebensjahr.

Dort betreute der in Dresden geborene und im sächsischen Großröhrsdorf aufgewachsene Literaturwissenschaftler bis zur Invalidisierung nach einem ersten Schlaganfall 1972 als Philologe im Goethe- und Schiller-Archiv die Schiller-Nationalausgabe. Daneben machte er sich einen Namen als Herausgeber so mancher Kostbarkeiten, die den Blick des Lesers auf weithin vergessene oder unbeachtete Autoren jenseits des vorgegebenen ­Literaturbetriebs lenkten.

Doch während in all diesen Jahren die Thüringer Kulturstadt sein »geliebtes Zuhause« geworden sei, bleibe das Wort »Heimat« für »noch immer mit Kindheit und Jugend« verbunden, bekannte er später: »mit Land der Väter über Generationen hinweg, mit Erde, in der man seine Toten ruhen hat«.

In diesem Sinne liege und bleibe seine ­Heimat im Osten Sachsens, am Westrand der Oberlausitz. In Weimar sei er »allenfalls sachsen-weimarischer Sachse« geworden.

Seine geistige Heimat indes lässt sich nicht geografisch bestimmen. Er fand und findet sie vielmehr, in Anlehnung an den von ihm maßgeblich geförderten Dichter Johannes Bobrowski, bei »Zeitgenossen in allen Jahrhunderten«. Verlässliche Orientierung ist ihm dabei ein unverkennbares protestantisches Ethos, das ihn einst zwangsläufig in Widerspruch zur DDR-Germanistik mit ihren wechselnden Sichten auf Literatur und deren Wertungen bringen musste.

Schon 1957, in einer Festschrift für seinen Hochschullehrer Hermann August Korff, beschrieb er Novalis jenseits des damals im Osten geltenden Generalverdikts gegen die Romantik.

Drei Jahre später zog er im Vorwort zu seiner Anthologie »Deutsche Mariendichtung aus neun Jahrhunderten« die Linie von spätantiken ­Texten bis zu Dichtungen aus den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Mit der zweibändigen Barock-Anthologie »Wir vergehn wie Rauch von starken Winden« öffnete Haufe 1985 eine wahre Fundgrube mit Lyrik aus dem Zeitalter des großen Glaubenskrieges. Und zur Literatur des 20. Jahrhunderts kann das Verdienst des promovierten Germanisten um Johannes Bobrowski, den Haufe schon 1961 kühn »in die vorderste Reihe der deutschen Lyriker der Gegenwart« stellte, kaum überschätzt werden.

Schließlich gehört zur Bilanz an Haufes 80. Geburtstag neben zahlreichen weiteren Ausgaben und Aufsätzen – etwa zu Carl Gustav Jochmann, Paul Gerhardt, Paul Fleming, Johann Gottlieb Schummel und vielen anderen – auch ein Konvolut von über 150 Rezensionen zu aktuellen Neuerscheinungen in der DDR.

Sie ­erschienen zumeist in der CDU-­Tageszeitung »Thüringer Tageblatt«, dessen Kulturredaktion »kein angepasstes Schreiben verlangte«, wie sich Haufe einmal erinnerte: »Auch das hat es gegeben, auch das wollen wir nicht vergessen.«

Bei alledem habe für Haufe trotz mannigfacher Bedrängnisse in der DDR ein Verlassen des Landes niemals zur Diskussion gestanden, befand sein einstiger Schüler Manfred Riedel, der später in den Westen ging und dort als Philosoph lehrte. Haufe dagegen sei geblieben mit Rücksicht »auf die Anverwandten und Freunde, den gleich gesinnten Kreis der Stillen im Lande, die Christenmenschen und anderen Hüter der Überlieferung des geistigen Deutschland«.

Ein soeben erschienener Sammelband mit »Schriften zur deutschen Literatur« belegt diese Haltung Haufes auf überzeugende Weise.

Thomas Bickelhaupt

Literaturhinweis

Haufe, Eberhard: Schriften zur deutschen Literatur, Wallstein Verlag, 544 S., ISBN 978-3-8353-0827-5, 34,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­
Telefon (03643) 246161

Auf Gottes Wort hören und es umsetzen

6. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Dreimal am Tag treffen sich die Schwestern der Communität zum Gebet. (Foto: epd-bild)

Dreimal am Tag treffen sich die Schwestern der Communität zum Gebet. (Foto: epd-bild)


 
Ein Tag im Leben der Schwestern der Communität Christusbruderschaft Selbitz.
 

Fahles Morgenlicht schimmert durch die Glasfenster. Nur die ­Kerzen glimmen in der Kapelle der Communität Christusbruderschaft Selbitz. Schwester Birgit-Marie verneigt sich vor dem Altar, setzt sich auf die Kirchenbank und eröffnet das Morgengebet: »Herr, öffne meine ­Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde.« Es ist kurz nach acht. In der Küche klappert das Geschirr, die Tische für rund Hundert Gäste sind gedeckt, die Putzkolonne für die Zimmer steht parat.

Schwester Birgit-Marie leitet das Gästehaus der Communität mit jährlich rund 60 eigenen und ebenso vielen Fremdtagungen. Das sind rund 13000 Übernachtungen pro Jahr. Ein Managerjob mit viel Verantwortung. Sieht so das typische Leben einer Schwester aus? »Natürlich ist es schwer, bei all der Arbeit noch Raum zu finden für das geistliche Leben«, gibt die Schwester zu, »aber das muss ich eben üben.« Hilfreich sei der Tagesablauf der Communität: Dreimal am Tag wird gebetet. Außerdem zieht sich Schwester Birgit-Marie abends um halb acht zu einer persönlichen Zeit der Stille zurück.

Schwester Birgit-Marie ist eine von 120 Schwestern und sieben Brüdern der Communität Christusbruderschaft Selbitz. Sie leben nach alten Mönchsregeln, den sogenannten Evangelischen Räten: Armut, Keuschheit und Gehorsam.

Der Großteil der Schwestern wohnt im Ordenshaus in Selbitz, die Brüder leben bei Halle. Konvente gibt es im Kloster Wülfinghausen bei Hannover, im Hof Birkensee in der Nähe von Nürnberg, im Kloster St. Marien in Verchen, in ­Bayreuth, München, Wittenberg und Magdeburg sowie im afrikanischen Zululand.

Priorin Veronika Böthig hat einen prall gefüllten Terminkalender. Sie ­leitet die Gemeinschaft und scheut sich nicht, über ihr Leben als Schwester zu sprechen. Vieles im Alltag einer Kommunität sei mit dem Leben in ­einer Familie vergleichbar – hier wie dort gebe es Freude und Ärger, Konflikte und schöne Erlebnisse, sagt sie. Der Unterschied sei die Hinwendung zu Gott. Der Mensch, so ist die Priorin überzeugt, ist auf Gott hin angelegt: »Ich bin hier reich geworden und habe zu einem erfüllten Leben gefunden.«

Um Erneuerung ging es auch den Gründern der Communität. Pfarrer Walter Hümmer (1909–1972) und seine Frau Hanna (1910–1977) erlebten einen geistlichen Aufbruch und gründeten 1949 im oberfränkischen Schwarzenbach an der Saale eine kleine Gemeinschaft. Nach massiven Konflikten in der Gemeinde wies die Kirchenleitung dem Ehepaar eine andere Pfarrstelle zu.

Selbitz wurde neue Heimat für die kleine Gemeinschaft, die nach und nach wuchs. Nach dem Mutterhaus entstanden ein Gästehaus und ein Alten- und Pflegeheim.

Die Gründerpersönlichkeiten präg­ten die Gemeinschaft: In der Stille auf das Wort Gottes hören und das Wahrgenommene im Alltag umsetzen – diese Anweisungen haben bis heute Gültigkeit. Das Kreuz mit Dornenkrone und Herz ist Zeichen der Communität.

Es ist Abend geworden in Selbitz. Im Haupthaus haben sich die Schwestern im Gemeinschaftsraum zu einer geselligen Runde eingefunden. Novizin Schwester Christel, die seit einem Jahr in der Communität lebt, berichtet mit viel Humor und zur großen Erheiterung der Schwestern von ihrem Praktikum im Gästehaus. Über eine Mikrofonanlage können die pflegebedürftigen Schwestern im nahe gelegenen Alten- und Pflegeheim den Berichten folgen.

Ein letztes Lied erklingt, dann ziehen sich die Schwestern in ihre Zimmer zurück, bis zum nächsten Morgengebet.

Rieke C. Harmsen (epd)

Alles prima mit dem Klima?

4. Februar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

kirche_umwelt

Kirche und Umwelt: Klimaschutz ist möglich – doch in Kirche wie Gesellschaft gilt: Es muss nur jemand anfangen

Kaum einer will es mehr ­bestreiten: Die Klimaveränderung ist real und die Menschen tragen dazu bei. Wie aber stellen sich die ­Gemeinden in den Kirchen Mitteldeutschlands den ­Herausforderungen des Klimawandels?

Kerstin Höpner-Miechs liebstes Umweltprojekt ist eine Horde Kinder in Gummistiefeln. Mit ihrem »Greenteam« trifft sich die Pfarrerin einmal monatlich in Mühlberg an der sächsisch-brandenburgischen Grenze. Gemeinsam pflanzen sie Bäume, helfen Kröten von einer Straßenseite auf die andere und räumten auf, nachdem ihre Kleinstadt 2002 vom Elbehochwasser und im vergangenen Jahr vom Tornado verwüstet wurde. Und doch schütteln einige Leute den Kopf darüber – auch die ­eigene Gemeinde. »Das ist ein leidiger Punkt«, gibt Kerstin Höpner-Miech zu. »Ich kann ja die Kinder, die Spaß am Greenteam haben, nicht dazu zwingen in die Christenlehre zu kommen.«

Der engagierten Pfarrerin und ihrem Mann liegt der Umweltschutz seit Langem am Herzen. Das bezeugen die Solaranlage auf dem Pfarrhaus, die Holzpelletsheizung im Keller und die Renaturierung der ungenutzten Flächen auf dem Friedhof. Höpner-Miech sagt: »Mir ist es wichtig, dass die Kinder sehen: Kirche tut etwas.«

Es geht nicht um Papiere, sondern um konkretes Tun

Die Kirche soll sich klar positionieren findet auch die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann: »In unserer Verpflichtung steht, dass wir die Anliegen des ökumenischen Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung fördern und das müssen wir auch konkretisieren.« Dazu haben die Landeskirchen bisher vor allem Forderungen auf Papier festgehalten, so beispielsweise jüngst auf Initiative der Evangelischen Kirche Anhalts in einer Erklärung zur Zukunft der Elbe. Längst gehe es aber darum, die papierenen Anliegen mit Leben zu füllen. Die EKM startete deshalb am 2. Januar die Kampagne »Klimawandel – Lebenswandel«.

Deren wichtigstes Instrument hält Andreas Hoenke in den Händen: das Gutscheinheft, das an alle Gemeinden versandt wurde. Auf heraustrennbaren Postkarten werden 23 Vorschläge gemacht, wo Energie gespart und der Ausstoß von CO2 verringert werden kann. »Es sind Dinge, die man oft wiederholen muss: Stand-by-Schaltung aus oder auf Ökostrom umsteigen. Aber so ist für jeden zumindest etwas dabei«, findet der 43-jährige Gemeindepädagoge aus Staats bei Stendal, der privat bewusst klimaschonend lebt, indem er z. B. Plakatrückseiten bedruckt oder mit hohem Reifendruck Auto fährt.

Gemeinsamer Wille, aber unterschiedliche Wege

Die EKM fordert von ihren Gemeinden konkrete Zahlen. Nutzt eine Gemeinde beispielsweise nur noch Recyclingpapier, dann kann sie mit einer Formel ausrechnen, wie viel CO2 sie bis Oktober, dem offiziellen Ende der Kampagne, tatsächlich eingespart hat. Die Ergebnisse landen per Postkarte im Landeskirchenamt. So soll der Ausstoß von einer Million Kilogramm CO2 nachweislich vermieden werden. Es ist ein Ansatz, wie man dem Ziel der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), zwischen 2005 und 2015 ein Viertel der Emissionen in den eigenen Reihen einzusparen, näherkommen kann.

Dagegen hält die sächsische Landeskirche die Umsetzung in ihrer Region für schwierig. Man könne nicht ermitteln, wie viel die rund 780 Kirchgemeinden momentan an CO2 ausstoßen würden, deswegen sei es schwer Vorgaben zu machen, findet Oberkirchenrat Frank del Chin. Auch wenn es eine Berechnungsanleitung der EKD gibt, setzt Sachsen lieber auf Multiplikatoren, so wie sie in der evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt ausgebildet werden. »Der grüne Hahn« heißt das dortige Umweltmanagement für Kirchen: »In den Gemeinden gibt es immer Vorreiter, die etwas anregen. Es muss ja ein Prozess in Gang gesetzt werden: Wollen wir Umweltschutz und wollen wir ihn mit dieser Konsequenz?«, erklärt del Chin. So sei zum Beispiel bei kleinen selten genutzten Kirchen eine energiesparende Volldämmung wenig sinnvoll, größere Gemeinden seien aber sehr wohl aufgefordert, sich damit auseinanderzusetzen.

Das konnten sie im Herbst 2010 beim zweiten Praxistag für Energie- und Umweltmanagement in Dresden. 55 Teilnehmer informierten sich dort unter anderem darüber, wie der Freistaat Sachsen Beratungen zur Energieeffizienz fördert. Frank del Chin ist zuversichtlich, dass es ausreicht den Kirchgemeinden Anregungen wie diese mit auf den Weg zu geben. Der Rest aber bleibt Einzelnen überlassen.

Der Lebensstil lässt sich nur schwer verändern

Zum Beispiel Pfarrerin Höpner-Miech, die die Diskussionen in ihrer Gemeinde genau kennt: »Unmittelbar nach Elbehochwasser und Tornado, an denen wir glimpflich vorbeigeschrammt sind, merke ich ein Innehalten«, aber nach kurzer Zeit solle doch alles wieder so sein wie vorher. »Dass wir unseren Lebensstil ändern, ist ein Punkt, der nicht passiert.«

Auch Gemeindepädagoge Andreas Hoenke kann noch so ein gutes Vorbild sein, indem er mit Jugendlichen eine Pfarrscheune mit alten Steinen, Holz und Lehm umgebaut hat. Doch einfache Ideen zum Energiesparen seien schwer in die Gemeinde zu tragen. Das zeigen auch erste Reaktionen auf das Gutscheinheft der EKM: »Ist das ernst gemeint? Soll ich das wirklich machen«, hätten die Leute gefragt. Hoenke findet die Kampagne auch wichtig, weil sie seine eigene Haltung bekräftigt. »Man muss nur gucken, dass damit im Oktober nicht wieder alles vorbei ist.«

Die Erfahrungen zeigen: Jeder kann seinen Beitrag gegen den Klimawandel leisten. Es muss nur jemand anfangen und der darf mit seinem Engagement auch von den Landeskirchen nicht allein gelassen werden.

Maxie Thielemann

Polen: das Papstblut im Kristallkelch

1. Februar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

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Jens Mattern  berichtet für  unsere Zeitung aus Polen.

Jens Mattern berichtet für unsere Zeitung aus Polen.

Mit Freudenumzügen begrüßten Polens Katholiken die angekündigte Seligsprechung von Johannes Paul II. für diesen Mai. Eine solch schnelle Beatifizierung (vom lat. »beatus«: glücklich, selig) hat es in der Kirchengeschichte noch nicht gegeben. Doch »Santo Subito« (sofortige Heiligsprechung) schien ein Herzenswunsch vieler Katholiken weltweit zu sein.

Nach der frohen Botschaft wurde auch bald publik, dass es eine besondere Stätte der Verehrung geben wird – in dem »Zentrum Johannes Paul II.«, einer im Bau befindlichen Kirche, soll eine Blutampulle des ­Verstorbenen als Reliquie ausgestellt ­werden.

Noch direkt nach dem Ableben von Papst Johannes Paul II. gab Stanislaw Dziwisz, zu Lebzeiten des Papstes dessen persönlicher Sekretär, dem aufkochenden Reliquienbedürfnis der Erzkatholiken erst mal einen Dämpfer: Die Katholische Kirche pflege solche Praktiken nicht mehr. Doch vor einigen Wochen tauchten Gerüchte auf, eine Blutampulle solle als Gegenstand der Verehrung dienen.

Letzte Woche bestätigte schließlich Jan Kabzinski, Priester und Bauherr des »Zentrum Johannes Paul II.«, dass das päpstliche Blut ausgestellt würde. Dziwisz habe es 2005 in der römischen Gemelli-Klinik bekommen, kurz vor dem Ableben des Kirchenoberhaupts. Das Blut sei nicht geronnen. Ob dies mit einem Wunder oder mit Chemie zusammenhängt, wird der Öffentlichkeit allerdings vorenthalten. In einem Kristallgefäß soll der Lebenssaft nun gut sichtbar ausgestellt werden, sobald die sakrale Erinnerungsstätte errichtet worden ist. Für den Kelch ist eigens ein Wettbewerb ausgeschrieben.

Selbst manchem katholischen Geistlichen in Polen ist diese Art von Reliquienverehrung nicht ganz geheuer. »Das ist eine Rückkehr der ­Kirche zu mittelalterlichen Praktiken«, übt Krzysztof Madel, ein Jesuit, harsch Kritik. Andere Priester sind vorsichtiger, verweigern den Kommentar oder flüchten sich in Ausreden. Zwar wird es auch bei einem weiteren bekannten polnischen Geistlichen, bei Jerzy Popieluszko, typische Reliquien geben: Knochenfragmente. Der Geistliche wurde 1984 von Beamten des ­Inlandsgeheimdienst wegen seiner unbequemen Predigten ermordet und wird von vielen Gläubigen als Märtyrer sehr verehrt. Doch Blut wurde zumindest in Polen bislang noch nicht als Reliquie genutzt.

Blut ist hochsymbolisch. Im Neuen Testament gibt es mehrere Stellen, die darauf verweisen, dass die Christen durch das Blut Jesu gereinigt und erlöst werden. Ob durch das Blut dem Papst nun eine Erlöserrolle zugeschrieben werden soll, bleibt Speku­lation. Zumindest gibt es mahnende Stimmen in Polens Medien, man möge den Papst doch bitte als Mensch betrachten.

Unsicher ist auch, ob sich allein mit Blut die gegenstandsbezogenen Gläubigen zufriedengeben. Glaubt man der Wochenzeitung »Wprost«, wird hinter den Mauern des Vatikans ein »stiller Krieg« um weitere mögliche Reliquien ausgetragen. Wird das Grab noch einmal geöffnet, um Körperteile zu entnehmen? Schon um das Herz des Papstes gab es 2008 eine Diskussion: Es sollte auf die Wawelburg zu den Gebeinen der polnischen Könige, wie von Bischof Tadeusz Pieronek vorgeschlagen, dem Chef der Seligsprechungskommission. Damals hatte sich Dziwisz noch gegen ein solches Ansinnen gewehrt.

Der verstorbene Papst selbst war ein großer Freund der Reliquienverehrung. In seinem eigenen Testament bat er jedoch um eine Erdbestattung ohne Sarkophag.

Jens Mattern