Die Kinder sind aus dem Haus

31. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Die Kinder sind ausgezogen – die Eltern fühlen sich als die Zurückgebliebenen. Foto: picture-alliance

Die Kinder sind ausgezogen – die Eltern fühlen sich als die Zurückgebliebenen. Foto: picture-alliance


Lebensplanung:  Wenn die erwachsenen Kinder ihre eigenen Wege gehen, beginnt für die Eltern ein neuer Abschnitt

»Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein – aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein ­Hänschen mehr!« Dieses ­bekannte Volkslied zeigt, wie schwer es vielen Müttern und Vätern fällt, ihre Kinder freizugeben.

Von Karin Vorländer

Warum eigentlich weint Hänschens Mutter? Der Auszug von Kindern ist bei Eltern häufig mit dem Gefühl von Trauer, Niedergeschlagenheit und Leere verbunden. Ein schaler Trost, dass die Spül- und Waschmaschine seltener angeschaltet werden muss, das »Kinderzimmer« stets aufgeräumt ist und weniger gekauft und gekocht werden muss als bisher. Das Nest ist leer – was nun?

Untersuchungen zeigen, dass die Trauerphase über den Abschied von den Kindern bei Frauen mit familienunabhängigen Aufgaben in Beruf und Ehrenamt kürzer ist als bei Frauen, die sich über Jahre ganz auf die Arbeit in der Familie konzentriert haben.

Spätestens wenn Kinder aus dem Haus gehen, müssten Eltern sich der Frage stellen: Wer bin ich, wer sind wir als Paar, ohne unser Kind oder unsere Kinder? Welche neuen Aufgaben locken? Wie gestalten wir unseren Alltag und unser Leben entspannt und gereift als Paar neu?

Gnädig Zwischenbilanz ziehen
Das Gefühl von Trauer und Wehmut beim Auszug von Kindern, kann auch darin eine Ursache haben, dass der unbekümmerte, leichte Ton, den die großen Kinder ins Haus brachten, plötzlich verstummt. Es ist still im Haus. Wer erklärt jetzt das neue Computerprogramm, weist auf tolle Filme, Videos, Bücher und Theaterstücke hin, die man als Eltern nie entdeckt hätte? Die Kinder im Haus holten auch die Gegenwart, die Trends, die Moderne ins Haus.

Spätestens wenn Kinder das Haus verlassen, wird das eigene Älterwerden schmerzlich bewusst. Wenn die Kinder das Haus verlassen, sind Eltern im Normalfall nicht mehr jung. Der Zenit des Lebens liegt hinter ihnen. »Wie lange bleiben wir wohl gesund? War das, was war, gut? War es das? War es das, was ich, was wir wollten?« – Lauter Fragen, die sich melden und beantwortet sein wollen.

Der Auszug von Kindern erfordert ein Doppeltes: Kritische Bilanz und gnädigen Umgang mit dem, was man als Mutter oder Vater versucht hat. »Hätten wir ihnen nicht mehr mit auf den Weg geben sollen? Haben wir ­alles richtig gemacht?« Mit solchen lauten oder leisen Fragen sehen sich Eltern konfrontiert.

Manchmal finden die Kinder auch mit dem Zeitpunkt des Auszugs Mut und Freiheit, an- und auszusprechen, was sie vermisst haben, was sie in ihrer Herkunftsfamilie kritisch sehen und was sie sich anders gewünscht hätten. Gut, wenn Eltern sich solcher Kritik gelassen und offen stellen können, ohne sich selbst oder das Gegenüber abzuwerten.
Denn jetzt ist auch der Zeitpunkt gekommen, sich selbst zu vergeben. »Wir haben unser Bestes versucht, aber nicht in allem wirklich das Beste geschafft.« Auch Erziehung und Beziehung zu den Kindern darf »komplettes Stückwerk« sein.

Erziehung ist ein langer Prozess des Loslassens. Er beginnt bereits mit der Geburt. Er geht weiter mit dem ­Ab­stillen, später mit dem Eintritt in den Kindergarten, die Einschulung, der erste Urlaub ohne die Eltern. Wer nur wehmütig seufzt, ach, wie war das doch schön, als die Kinder noch klein waren, versäumt es, die Freiheiten zu nutzen, die in diesem Prozess liegen.

Spätestens der Auszug eines Kindes markiert das Ende der Erziehung und den Beginn einer neuen Beziehung. Der Auszug aus dem elterlichen Haus bedeutet keineswegs das Ende von Familie, von Beziehung und Zusammenhalt. Sogar über den großen räumlichen Abstand hinweg, halten Eltern und Kinder heute intensiven Kontakt. SMS, Internettelefonie, E-Mails, Web-Alben und Social Networks erweisen sich als gern genutzte hilfreiche Medien, um – manchmal sogar über Kontinente hinweg – im Gespräch zu bleiben.

Aus Erziehung wird Beziehung

Jetzt sind im Gegenüber zu den Kindern nicht mehr Weisung, Regulierung und Leitung gefragt, sondern Zuhören, Anteilnahme, die Frage, ob ein Rat erwünscht ist. Eltern, die ihren großen Kindern partnerschaftlich begegnen, können auch beglückend ­erleben, wie die ihrerseits nach dem Ergehen, den Plänen, den Problemen ihrer Eltern fragen und oft erstaunlich klugen Rat geben.

Mit dem Flüggewerden der Kinder kommen neue Menschen ins Blickfeld: Der Freund oder die Freundin, jemand, mit dem sie sich vorstellen können, eine verbindliche Partnerschaft einzugehen. Je freier und selbstverständlicher Eltern ihre Kinder loslassen, desto offener können sie für »Schwiegerfreunde und -freundinnen«, für Schwiegertöchter und Schwiegersöhne sein. Wenn Eltern sich abgenabelt haben, wird die nagende, zerstörerische Eifersucht, die vielen gespannten Beziehungen zu Schwiegerkindern zugrunde liegt, kaum eine Chance haben.

Wenn die Kinder aus dem Haus gehen, kommt für Eltern die Nagelprobe, ob sie loslassen können. Was, wenn die Kinder Wege gehen, die sie für Irrwege oder zu gefährlich halten? Wege, die sie nicht billigen? Wenn die Kinder nicht die tiefsten Glaubensüberzeugungen ihrer Eltern teilen? Was, wenn sie nicht die hochgesteckten Erwartungen erfüllen? Enttäuschter elterlicher Ehrgeiz ist Gift für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern wie für das Selbstbewusstsein der Kinder.

Eltern können ihren Kindern, den kleinen und den großen, nichts Besseres auf ihren Lebensweg mitgeben als ihnen das Grundgefühl zu vermitteln: »Ich traue dir etwas zu. Ich glaube, dass etwas aus dir wird. Geh hin und probier es aus.«

Vielleicht wird etwas anderes aus ihnen als Eltern es erhofften. Aber in jedem Fall etwas echtes, etwas, was zu ihnen passt. Eltern, die das wissen oder sich zumindest um diese Einsicht bemühen, können ihre großen Kinder mit offenen Armen empfangen, wenn sie als Gäste zurückkommen.

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