Flirt mit dem Tod

Die Porträts der Rockmusiker gehören zu einem von Jürgen D. Flohr geschaffenen zwölfteiligen Zyklus mit dem Titel »Rockstar Mythen III«. Auf den Bildern (v. li.): Jimi Hendrix, Keith Richards, Rod Steward, Freddie Mercury, Jim Morrison, Elton John, David Bowie sowie der Künstler Jürgen D. Flohr. Jimi Hendrix, Freddie Mercury und Jim Morrison gehören zu den vielen Rockstars, deren Leben früh endete. (Foto: picuture-alliance)

Die Porträts der Rockmusiker gehören zu einem von Jürgen D. Flohr geschaffenen zwölfteiligen Zyklus mit dem Titel »Rockstar Mythen III«. Auf den Bildern (v. li.): Jimi Hendrix, Keith Richards, Rod Steward, Freddie Mercury, Jim Morrison, Elton John, David Bowie sowie der Künstler Jürgen D. Flohr. Jimi Hendrix, Freddie Mercury und Jim Morrison gehören zu den vielen Rockstars, deren Leben früh endete. (Foto: picuture-alliance)


Die Begeisterung für Rockmusik ist ungebrochen. Erst am 13. Januar feierte das Musical »Hinterm Horizont« mit Liedern von Udo Lindenberg in Berlin Weltpremiere. Doch die Rock- und Popmusik hat auch eine dunkle Seite.

In der Rockmusik scheint nicht immer nur die Sonne. Und es geht nicht nur um das unendlich variierte Thema »Junge liebt Mädchen«. Auch die dunkle Seite des Seins wird in den Musikstilen und Texten der Rock- und Popmusik reflektiert.

Seit rund 50 Jahren haben Tod, Sterben und Trauer dort einen festen Platz.

Der Tod trat spätestens dann ins ­Leben der Popmusikfans, als der »Leader of the Pack«, der Chef einer Motorradgang, in dem ­gleich­namigen Song der Mädchengruppe »Shangri-Las« (1964) bei einem Unfall ums Leben kam. Tod und Sterben waren in den Anfangstagen des Rock, in den 50er und frühen 60er Jahren, noch ein Tabu. Musik sollte Spaß ­machen. Dies änderte sich in der politisch aufgeheizten und gesellschaftlich offeneren Atmosphäre der 60er Jahre, sagt der Soziologe Josef Spiegel aus Schöppingen im Münsterland, der ­einen Sammelband zum Thema Tod und Sterben in der Rockmusik veröffentlicht hat.

Die jugendliche Pop- und Rockkultur entdeckte die faszinierende Seite des Todes, trieb ihr Spiel mit dem Gegensatz von blühendem Leben und Vergänglichkeit. »The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore«, heißt der tieftraurige Song, mit dem die »Walker Brothers« 1966 Endzeitstimmung verbreiteten. Viele Musiker setzten fortan auch auf Schockeffekte, indem sie den Tod und das Sterben darstellten und oft auch verherrlichten.

»Jede Jugendszene hat ihren eigenen Umgang damit«, sagt Spiegel. Für Heranwachsende sei die Beschäftigung mit dem Tod oft existenziell. Häufig seien Fragen wie: »Wer bin ich?« oder »Wer mag mich?«, eine ­extreme psychische Belastung – und das Gefühl des Nichtverstandenseins durch die Erwachsenen könne sich in Lebensflucht und Sehnsucht nach dem Tod äußern.

Auf ihrer psychedelischen Selbsterfahrungsreise pflegten ab Mitte der 60er Jahre viele Rockmusiker eine Todesromantik. Die britische Band »The Who« gab 1965 mit ihrer Teenager-Hymne »My Generation« ein Leitmotiv vor: »Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde« (I hope I die before I get old), heißt es in einer Zeile. Das Liebäugeln mit dem Tod war plötzlich für viele junge Leute »cool«.

Mit dem lauten Ruf, lieber zu sterben, als so wie die Elterngeneration zu werden, grenzten sich die Jugendlichen demonstrativ ab, analysiert Spiegel. Der Protest richtete sich fortan gegen die oft als verlogen empfundene Moral der Erwachsenen, gegen Töten im Krieg, atomare Bedrohung und Konsumwahn.

Was zunächst ein Spiel war, wurde Ende der 60er Jahre und Anfang der 70er Jahre zu harter Realität: Das schnelle Leben vieler Rockstars mit exzessivem Drogenkonsum forderte die ersten prominenten Opfer. Wendepunkt ist für viele Pop-Kritiker der »Sommer der Liebe« im Jahr 1969.

Auf das friedliche Festival in Woodstock folgte kurz darauf das »Rolling Stones«-Konzert im kalifornischen ­Altamont, bei dem ein ­Mitglied der Rockerbande »Hell’s Angels« einen Besucher ermordete.

Tod und Sterben galten nun nicht mehr allein als bewusstseinserweiterndes Erlebnis, wie es angloamerikanische Bands wie »Doors« oder »Velvet Underground« zelebrierten. Der in den 70er Jahren aufkommende Hardrock und Heavy Metal sowie der Punk zeigten vor allem die ungeschönte Seite des Todes. Besonders in Krisenzeiten, während des Vietnamkriegs und der Nachrüstungsdebatten der 80er Jahre, sei der Tod für Rockmusiker ein Thema gewesen, sagt Thomas Mania, Kurator des Rock’n Popmuseums in Gronau.

Den Todeskult auf die Spitze treiben seit den 80er Jahren verschiedene Schattierungen des Heavy Metal. Während Liebhaber des Gothic-Rocks die Allgegenwart des Todes zu einem Fest machen, rufen manche Vertreter des Hip-Hop ihre Hörerschaft zu Gewalt und Rassismus auf. Das brachte ihnen die Aufmerksamkeit der Zensur und des Jugendschutzes ein. »Verbote sind keine Lösung«, urteilt Spiegel, »aber es darf auch nicht alles frei auf den Markt kommen.«

Zwischen dem Musik- und Medienkonsum von Jugendlichen und ihrem gewalttätigen Verhalten einen unmittelbaren Zusammenhang herzustellen, sei gewagt, warnt der Schulpsychologe Michael Sylla aus dem nordrhein-westfälischen Borken. In der Rockmusik liege das »Restrisiko« darin, die emotionale Instabilität mancher Jugendlicher zu verstärken. Nachweislich hätten viele psychisch kranke Schulattentäter gewaltverherrlichende Musik und Texte konsumiert. Über die dunkle Seite der Musik sollten Eltern und Lehrer deshalb mit den Kindern sprechen.

Alexander Lang (epd)

Buchhinweis: Seim, Roland/Spiegel, Josef (Hrsg.): »The Sun Ain’t Gonna Shine ­Anymore« – Tod und Sterben in der Rockmusik, Telos-Verlag, 267 S., ISBN 978-3-933060-26-6, 16,80 Euro

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