Clownesker Wortspieler

31. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

In seinen Büchern gibt Kurt Marti den Sehnsüchten und Ängsten der Menschen eine Sprache. Foto: epd-bild

In seinen Büchern gibt Kurt Marti den Sehnsüchten und Ängsten der Menschen eine Sprache. Foto: epd-bild


Der Pfarrer und Poet Kurt Marti wird 90

Der Durchbruch kam mit den »Leichenreden« 1969: Über 50000 Exemplare wurden in den nächsten
20 Jahren verkauft, für einen Gedichtband heutzutage ein phänomenaler Erfolg. Ausgerechnet ein Pfarrer, Kurt Marti, kämpfte mit dieser hintersinnigen, bisweilen boshaften Lyrik gegen die Verlogenheit der üblichen Grab-
reden und gegen das gedankenlose Wiederholen inhaltsleerer, frommer Floskeln.

Der Schweizer wollte in diesen ­Gedichten weniger über das Leben nach dem Tod nachdenken, sondern über die oft so erbärm­lichen Bedingungen des Lebens davor. Pfarrer hatte er übrigens niemals werden wollen, Dichter schon gar nicht. Vor 90 Jahren, am 31. Januar 1921, kam Kurt Marti in Bern zur Welt.

Nach dem Abitur leistete er seinen Wehrdienst bei der Infanterie, begann Jura in Bern zu studieren. Doch dann begegnete er Karl Barths widerborstiger, unorthodoxer Theologie: Marti wechselte das Studienfach, ging als Kriegsgefangenenseelsorger nach Paris, wo er als Jazztrompeter in einem Existenzialistenkeller spielte, später als reformierter Pfarrer in die kleine Industriegemeinde Niederlenz im Aargau. Er heiratete, baute ein respektvolles Verhältnis zu seiner Gemeinde auf, kehrte als Pfarrer in seine Heimatstadt zurück und bekam erst jetzt Lust zu schreiben.

Martis Gedichte und Kurzgeschichten erschienen in Schweizer Zeitungen und später gesammelt in Kleinverlagen, bald auch in der Bundes­republik. Man wurde aufmerksam auf den Pfarrerpoeten, der die sakrale Sprache so gekonnt zu verfremden wusste und sich jetzt auch zunehmend politisch engagierte. Kurt Marti verteidigte Wehrdienstverweigerer vor eidgenössischen Militärgerichten, beteiligte sich an Protesten gegen Atomkraftwerke und die Zerstörung der »Mitwelt« – den Begriff »Umwelt« mag er nicht –, er klärte über den Vietnamkrieg auf und stellte den Umgang der Schweiz mit der Dritten Welt infrage.

Beliebt bei den staatlichen und kirchlichen Obrigkeiten machte er sich damit nicht: 1972, als die evangelisch-theologische Fakultät der Universität Bern Marti auf den Lehrstuhl für Predigtkunde berufen wollte, verweigerte der kantonale Regierungsrat die nötige Zustimmung; Kurt Marti sei ein »pastoral verkappter Marxist«.

Marti nahm den Karriereknick gelassen. Er schrieb weiter Buch um Buch – vor allem seit 1983, als er sein Pfarramt 62-jährig niederlegte –, gab den Sehnsüchten und Ängsten der kleinen Leute eine Sprache, prangerte die Zerstörung der Schöpfung und die Beschädigung von Menschenseelen an, entlarvte bürgerliche Konventionen und amtskirchliche Heuchelei. Ein clownesker Wortspieler, wirft er unbekümmert Denkgewohnheiten und Redemuster durcheinander, wechselt von der hellsichtigen Zustandsbeschreibung in die melancholische Analyse.

Einen »christlichen Dichter« will er sich nicht nennen lassen, damit werde man nur vereinnahmt oder, schlimmer noch, abgehakt. Nichtsdestotrotz gibt er selbstbewusst zu bedenken: »Vielleicht hält Gott sich einige Dichter, damit das Reden von ihm jene ­heilige Unberechenbarkeit bewahre, die den Priestern und Theologen abhanden gekommen ist.«

Marti spricht von einem Gott, der die Emanzipation und das Glück seiner Menschen will, der zum Widerstand und zum Kampf anstachelt. Ein Gott, der nicht Allmacht ist, sondern Liebe – konkrete, zum Engagement verpflichtende Liebe, fügt er sogleich hinzu, damit das Wort nicht zur unverbindlichen Phrase gerät. Einen »Gott an sich« kennt er nicht, nur jenen, der im armen, gekreuzigten Jesus greifbar wird – was ihn gegen Gottes dogmatische Vergötzung ebenso immun macht wie gegen seine bürger­liche Verharmlosung.

Das ewige Leben, das die Kirchen tröstend verkünden, muss laut Marti hier und heute beginnen, das Leben im Diesseits verändernd. Das heißt, Auferstehung war einmal im Grab des Gekreuzigten in Jerusalem, Auferstehung wird sein, wenn er wiederkommt, die Toten zu sich zu rufen – Auferstehung darf, soll, muss sich aber auch jetzt und hier ereignen, jeden Tag.

Christian Feldmann

Die Kinder sind aus dem Haus

31. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Comments Off

Die Kinder sind ausgezogen – die Eltern fühlen sich als die Zurückgebliebenen. Foto: picture-alliance

Die Kinder sind ausgezogen – die Eltern fühlen sich als die Zurückgebliebenen. Foto: picture-alliance


Lebensplanung:  Wenn die erwachsenen Kinder ihre eigenen Wege gehen, beginnt für die Eltern ein neuer Abschnitt

»Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein – aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein ­Hänschen mehr!« Dieses ­bekannte Volkslied zeigt, wie schwer es vielen Müttern und Vätern fällt, ihre Kinder freizugeben.

Von Karin Vorländer

Warum eigentlich weint Hänschens Mutter? Der Auszug von Kindern ist bei Eltern häufig mit dem Gefühl von Trauer, Niedergeschlagenheit und Leere verbunden. Ein schaler Trost, dass die Spül- und Waschmaschine seltener angeschaltet werden muss, das »Kinderzimmer« stets aufgeräumt ist und weniger gekauft und gekocht werden muss als bisher. Das Nest ist leer – was nun?

Untersuchungen zeigen, dass die Trauerphase über den Abschied von den Kindern bei Frauen mit familienunabhängigen Aufgaben in Beruf und Ehrenamt kürzer ist als bei Frauen, die sich über Jahre ganz auf die Arbeit in der Familie konzentriert haben.

Spätestens wenn Kinder aus dem Haus gehen, müssten Eltern sich der Frage stellen: Wer bin ich, wer sind wir als Paar, ohne unser Kind oder unsere Kinder? Welche neuen Aufgaben locken? Wie gestalten wir unseren Alltag und unser Leben entspannt und gereift als Paar neu?

Gnädig Zwischenbilanz ziehen
Das Gefühl von Trauer und Wehmut beim Auszug von Kindern, kann auch darin eine Ursache haben, dass der unbekümmerte, leichte Ton, den die großen Kinder ins Haus brachten, plötzlich verstummt. Es ist still im Haus. Wer erklärt jetzt das neue Computerprogramm, weist auf tolle Filme, Videos, Bücher und Theaterstücke hin, die man als Eltern nie entdeckt hätte? Die Kinder im Haus holten auch die Gegenwart, die Trends, die Moderne ins Haus.

Spätestens wenn Kinder das Haus verlassen, wird das eigene Älterwerden schmerzlich bewusst. Wenn die Kinder das Haus verlassen, sind Eltern im Normalfall nicht mehr jung. Der Zenit des Lebens liegt hinter ihnen. »Wie lange bleiben wir wohl gesund? War das, was war, gut? War es das? War es das, was ich, was wir wollten?« – Lauter Fragen, die sich melden und beantwortet sein wollen.

Der Auszug von Kindern erfordert ein Doppeltes: Kritische Bilanz und gnädigen Umgang mit dem, was man als Mutter oder Vater versucht hat. »Hätten wir ihnen nicht mehr mit auf den Weg geben sollen? Haben wir ­alles richtig gemacht?« Mit solchen lauten oder leisen Fragen sehen sich Eltern konfrontiert.

Manchmal finden die Kinder auch mit dem Zeitpunkt des Auszugs Mut und Freiheit, an- und auszusprechen, was sie vermisst haben, was sie in ihrer Herkunftsfamilie kritisch sehen und was sie sich anders gewünscht hätten. Gut, wenn Eltern sich solcher Kritik gelassen und offen stellen können, ohne sich selbst oder das Gegenüber abzuwerten.
Denn jetzt ist auch der Zeitpunkt gekommen, sich selbst zu vergeben. »Wir haben unser Bestes versucht, aber nicht in allem wirklich das Beste geschafft.« Auch Erziehung und Beziehung zu den Kindern darf »komplettes Stückwerk« sein.

Erziehung ist ein langer Prozess des Loslassens. Er beginnt bereits mit der Geburt. Er geht weiter mit dem ­Ab­stillen, später mit dem Eintritt in den Kindergarten, die Einschulung, der erste Urlaub ohne die Eltern. Wer nur wehmütig seufzt, ach, wie war das doch schön, als die Kinder noch klein waren, versäumt es, die Freiheiten zu nutzen, die in diesem Prozess liegen.

Spätestens der Auszug eines Kindes markiert das Ende der Erziehung und den Beginn einer neuen Beziehung. Der Auszug aus dem elterlichen Haus bedeutet keineswegs das Ende von Familie, von Beziehung und Zusammenhalt. Sogar über den großen räumlichen Abstand hinweg, halten Eltern und Kinder heute intensiven Kontakt. SMS, Internettelefonie, E-Mails, Web-Alben und Social Networks erweisen sich als gern genutzte hilfreiche Medien, um – manchmal sogar über Kontinente hinweg – im Gespräch zu bleiben.

Aus Erziehung wird Beziehung

Jetzt sind im Gegenüber zu den Kindern nicht mehr Weisung, Regulierung und Leitung gefragt, sondern Zuhören, Anteilnahme, die Frage, ob ein Rat erwünscht ist. Eltern, die ihren großen Kindern partnerschaftlich begegnen, können auch beglückend ­erleben, wie die ihrerseits nach dem Ergehen, den Plänen, den Problemen ihrer Eltern fragen und oft erstaunlich klugen Rat geben.

Mit dem Flüggewerden der Kinder kommen neue Menschen ins Blickfeld: Der Freund oder die Freundin, jemand, mit dem sie sich vorstellen können, eine verbindliche Partnerschaft einzugehen. Je freier und selbstverständlicher Eltern ihre Kinder loslassen, desto offener können sie für »Schwiegerfreunde und -freundinnen«, für Schwiegertöchter und Schwiegersöhne sein. Wenn Eltern sich abgenabelt haben, wird die nagende, zerstörerische Eifersucht, die vielen gespannten Beziehungen zu Schwiegerkindern zugrunde liegt, kaum eine Chance haben.

Wenn die Kinder aus dem Haus gehen, kommt für Eltern die Nagelprobe, ob sie loslassen können. Was, wenn die Kinder Wege gehen, die sie für Irrwege oder zu gefährlich halten? Wege, die sie nicht billigen? Wenn die Kinder nicht die tiefsten Glaubensüberzeugungen ihrer Eltern teilen? Was, wenn sie nicht die hochgesteckten Erwartungen erfüllen? Enttäuschter elterlicher Ehrgeiz ist Gift für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern wie für das Selbstbewusstsein der Kinder.

Eltern können ihren Kindern, den kleinen und den großen, nichts Besseres auf ihren Lebensweg mitgeben als ihnen das Grundgefühl zu vermitteln: »Ich traue dir etwas zu. Ich glaube, dass etwas aus dir wird. Geh hin und probier es aus.«

Vielleicht wird etwas anderes aus ihnen als Eltern es erhofften. Aber in jedem Fall etwas echtes, etwas, was zu ihnen passt. Eltern, die das wissen oder sich zumindest um diese Einsicht bemühen, können ihre großen Kinder mit offenen Armen empfangen, wenn sie als Gäste zurückkommen.

»Wer Zeit spart, spart am Leben«

30. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Karlheinz Geißler ist emeritierter Professor  für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und Zeitforscher. Foto: picture-alliance

Karlheinz Geißler ist emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und Zeitforscher. Foto: picture-alliance


Der Professor und Zeitforscher Karlheinz Geißler plädiert für ein Leben mit Rhythmus und Ritualen

Als Wirtschaftspädagoge sitzt Karlheinz Geißler zwischen der Ökonomie, die Abläufe beschleunigen will, und der Pädagogik, die weiß, dass manche Entwicklung Zeit braucht. Ein typischer Geißler-Satz lautet: »Man kann die Zeit nur beherrschen, wenn man ihr gehorcht.« Ein Gespräch über Verzicht, Rituale und das Warten in Bahnhofshallen.

Ein beliebter Vorsatz, nicht nur zum Beginn eines neuen Jahres lautet: Ich nehme mir mehr Zeit für meine ­Familie oder für den Sport, die Freizeit … Warum klappt es in den meisten Fällen dann doch wieder nicht?
Geißler:
Wenn ich mit weniger Geld und Gütern zufrieden bin, dann klappt das. Wenn ich aber alles so ­haben will wie bisher, nur dazu noch mehr Zeit – dann klappt es nicht. In der Gesellschaft geht es, zumindest wenn man auf einem gewissen Wohlstandsniveau leben will, darum, Tem­po zu machen. Wachstum funktioniert heutzutage nur noch über Zeitdruck: Mehr Geld verdienen in kürzerer Zeit. Je größer die Ansprüche, desto weniger die Zeit. Aussteigen kann man aus dieser Spirale nur durch Verzicht – da gibt es kein Entrinnen.

Wie kann man sich im Alltag der Beschleunigung entziehen?
Geißler:
Das hängt von der Organisationsstruktur ab. Wer Gleitzeit hat, hat mehr Möglichkeiten als jemand mit festen Arbeitszeiten. Aber auch innerhalb des Büroalltags lassen sich kleine Rituale einbauen. Manche gießen, wenn sie ins Büro kommen, erst mal die Blumen. Oder sie treffen sich montags mit ihrem Team zu einer ­Besprechung. Das sind Anfangsrituale, die einen Rhythmus schaffen. Der Mensch ist ein Anfangstier, er hat ­einen Zäsurbedarf, er braucht Anfang und Ende. In der Natur ist das Geburt und Tod, der Wechsel der ­Jahreszeiten, das Schlafbedürfnis, der Herzschlag. Rhythmus ist menschlich. Maschinen hingegen kennen ­keinen ­Anfang und kein Ende, nur Ein und Aus – das ist unmenschlich. Deswegen gehen Manager ins Kloster: um wieder einen Rhythmus zu ­finden. Rhythmisches Leben dient dem körperlichen und geistigen Wohlbefinden, und es funktioniert über Rituale.

Das Jahr hat 52 Wochen à sieben Tage à 24 Stunden. Dennoch kann eine Stunde sich ganz unterschiedlich lang anfühlen. Wie kann man Zeit überhaupt fassen?
Geißler:
Zeit ist Veränderung. Vor 600 Jahren haben unsere Vorfahren sie anhand der Sterne abgelesen oder durch den Wechsel von Tag und Nacht. Erst seit 600 Jahren messen wir Zeit unabhängig von der Natur und organisieren sie aktiv: mithilfe der Uhr. Die Uhr ist aber nicht rhythmisch, sondern taktförmig. Wir richten uns nach einem Zeitmaß, das nicht menschlich ist. Menschen in Ländern wie Afrika, die sich nicht nach diesem Takt richten, werden diskriminiert: Sie sind schließlich unpünktlich! Dabei heißt Pünktlichkeit nur, die Uhr zum Herrn des Tages zu machen.

Sie sprechen in Ihren Aufsätzen von unterschiedlichen Zeitqualitäten. Was meinen Sie damit?
Geißler:
Die Zeit hat verschiedene Ausprägungsformen. Wir können schnell sein oder langsam, Pause ­machen oder hektisch sein. Mozart notiert in seiner Musik zwischen langsam und schnell 23 Tempi – im Leben gibt es noch viel mehr. Der Kapitalismus setzt auf Wachstum durch Beschleunigung, und er braucht dazu die Uhr. Aber auch Warten, Wieder­holung, Langsamkeit sind produktiv. Die Engländer haben 1914 im 1. Weltkrieg den Sonntag abgeschafft, um ihre Kriegsproduktion anzukurbeln. Daraufhin sank die Produktion rapide durch vermehrte Störfälle und Fehlzeiten. Dann hat man den Sonntag wieder eingeführt und die Produktion stieg an. Der Wochenrhythmus mit ­einem Ruhetag, dem Sonntag, ist also eine hochproduktive Erfindung: sowohl Wirtschaft als auch Familie profitieren davon. Der freie Sonntag ist so logisch und sinnvoll, dass ich gar nicht weiß, wie man auf
die Idee kommt, ihn abschaffen zu wollen.

Brauchen wir einen anderen Umgang mit Zeit?
Geißler:
Mit der Zeit kann man ja nichts machen, nur mit sich selbst. Wer Zeit spart, spart am Leben. Außerdem ist Zeitsparen völlig sinnlos: Ans Leben wird nichts drangehängt. Es gibt keinen Nachtragshaushalt für Zeit. Wenn es um Zeit geht, geht es immer um die Frage: Wann ist es genug? Geld und Güter kennen kein Genug – man kann immer noch mehr haben. Aber das Leben hat ein Genug. Manchmal sagen Manager in meinen Seminaren: »Wenn ich genug Geld verdient habe, mache ich einen Blumenladen auf.« Ich sage dann: »Aber Sie haben doch schon ganz ordentlich verdient – warum machen Sie’s nicht jetzt?« Manche brauchen die Vorstellung des Blumenladens aber nur als Sehnsucht. Das ist in Ordnung: Solche Träume kann man haben – nur realisiert werden sie nicht.

Kommen Sie denn nie in Stress?
Geißler:
Doch, aber mittlerweile krieg ich es früh genug mit, wenn Zeitkonflikte nahen und kann reagieren. Ich nehme zum Beispiel immer den Zug, der früher fährt – weil ich gemerkt habe, wie mich Verspätungen stressen.

Aber dann sind Sie ja immer zu früh da!
Geißler:
Ich bin nie zu früh da. Nur die Uhr geht falsch. Außerdem ist Warten eine der schönsten Erfahrungen. Meine Bücher sind dabei entstanden.

Zum Schluss ein Tipp für abgehetzte Zeitgenossen?
Geißler:
Schauen Sie morgens auf die Uhr und merken sich die Zeit für den ganzen Tag. Oder, zum Jahresbeginn besser geeignet: Keine Pläne für das nächste Jahr! Es geht auch so vorbei.

Das Interview führte Susanne Petersen.

Versöhnung – aber wie?

29. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

haende

Streitpunkt: Bischöfin Ilse Junkermann tritt für Versöhnung zwischen Opfern und Tätern der ehemaligen DDR-Diktatur ein – und trifft auf Kritik
Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche  in Mitteldeutschland (EKM)

Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM)

Im Jubiläumsjahr 2009, in dem wir 20 Jahre friedliche Revolution bedacht und gefeiert haben, bin ich nach Mitteldeutschland gekommen. Ich habe eine große Freude über das Wunder des Herbstes 1989 wahrgenommen, aber auch Enttäuschungen über nicht eingelöste Erwartungen und zu wenig Gerechtigkeit. Auch viele Wunden habe ich gespürt, die Menschen in der Diktatur zugefügt wurden und die noch schmerzen. In vielen Veranstaltungen haben sich die Menschen erinnert und überlegt, worum wir uns heute kümmern sollten. Eines habe ich, die ich ganz von außen gekommen bin, immer wieder sehr deutlich gespürt: Es gibt eine Wand des Schweigens zwischen denen, die zum Opfer und ­denen, die zum Täter in einem durch die Stasi durchsetzten Beziehungsgeflecht geworden waren.

Das habe ich in meiner Rede vor der Landessynode im November 2009 benannt: »Wo Menschen nach einem Sinn mitten im Widersprüchlichen suchen, nach einem Ausweg aus dem, was nicht zueinander passt, sollten wir das Gespräch anregen. So ist Versöhnung oder zumindest Schritte dorthin mit denen, die einen einst bespitzelt und verraten haben, eine Aufgabe, die noch mehr vor als hinter uns liegt. Auch wenn viele in unserer Kirche während und unter der DDR-Zeit gelitten haben und sich berechtigt als Opfer verstehen, sollten wir Menschen, die dem Regime nahestanden, nicht in Schubladen sperren. Mit Menschen in Schubladen lässt sich nicht ­reden und nicht Gesellschaft bauen.«

Ich habe als Christin zu Christen gesprochen. Mir lag und liegt am Herzen: Wie können Christen die Mauer der Sprachlosigkeit überwinden helfen? Wie können Christen dazu beitragen, dass der, der etwas loswerden will an Schuld und Versagen, nicht fürchten muss, auch als Person verurteilt zu werden? Dass Gott bei jedem von uns unterscheidet zwischen mir als Person und meinen Werken – das ist die Versöhnung, die Er in Jesus Christus ermöglicht. Diese Frohe Botschaft weiterzugeben, das ist unser Auftrag. Wenn jemand auf uns zukommt, sollten wir als Christen offen sein für das, was er zu sagen hat, was er loswerden will. Wir sollten ihn als Person nicht darauf reduzieren, was er getan hat.

Sollen jetzt etwa die Opfer die Täter suchen gehen? Nein, bestimmt nicht. Aber bereit sein, in dem früheren Täter den Menschen zu sehen, das hat uns Jesus in der Bergpredigt zur Aufgabe gemacht. Dabei ist mir völlig bewusst: Vergebung ist nur möglich, wenn die, die Unrecht begangen haben und an anderen schuldig geworden sind, dieses einsehen, dazu ­stehen und selbst um Vergebung bitten.

Aber wie kommt es zu solcher Einsicht? Dafür gibt es kein Rezept. Auch in der Bibel werden uns ganz unterschiedliche Geschichten erzählt, wie es zur Einsicht von Schuld und zur Umkehr und in der Folge dann zur Versöhnung kommt. Wichtig ist, dass wer umkehrbereit ist, auch offene Ohren findet und einen Raum und Menschen, die zum Gespräch bereit sind. Das ist das, was wir als Christen tun können. Und das zweite ist: Für die Täter beten, dass sie zur Einsicht gelangen und dass sie mit dem Eingeständnis ihrer Schuld nicht fürchten müssen, als Person und Mensch verdammt zu werden. Damit wird nicht unter den ­Teppich gekehrt, was Menschen in der DDR angetan wurde. Im Gegenteil, damit kommt es neu zur Sprache. Es wird so auch Raum sein für die Traurigkeit der Opfer angesichts erlittenen Unrechts, für ihren Zorn, den sie endlich einmal an die wenden können, die sie verletzt haben, und vielleicht auch für Versöhnung. Sich zu versöhnen, dazu kann niemand einfach aufrufen. Bewirken kann das nur der Heilige Geist. Darum bete ich.

————————————————————————————————

Unsere neue Bischöfin hat eine Mission: Sie will versöhnen, da »bin ich streng«, sagt sie und da werde sie »hartnäckig bleiben«. Will sie die noch immer kontroverse Debatte um die DDR-Vergangenheit befrieden? Dies könnte gelingen, wenn sich ein gesellschaftlicher Konsens über die Bewertung des Kommunismus in Deutschland und (Ost-)Europa bildet. Dazu könnte die Kirche beitragen.

Gesine Lötzsch (Die Linke) hat kürzlich Klartext geliefert. Der Kommunismus bleibt ihr Ziel, das Programm ihrer Partei spricht verschleiernd von der »Überwindung des derzeitigen Systems«.

Reden wir also darüber, ob die »Wege zum Kommunismus« der Ausbreitung des Evangeliums dienen. Die Erfahrungen der Kirche in Thüringen und Sachsen-Anhalt sprechen dagegen. Auch weltweit haben kommunistische Regime stets nicht nur Christen verfolgt, sondern auch alle anderen Religionen. Das kann auch nicht anders sein, denn der Kommunismus versteht sich selbst als eschatologische Endlösung aller menschlichen Probleme und stellt sich als allein seligmachender Religionsersatz (»Wissenschaft­liche Weltanschauung«) in Gegensatz zu allen Religionen.

Es ist fahrlässig gerade von einer Bischöfin, den Text von Lötzsch in dieser Dimension nicht ernst zu nehmen. Sie empfiehlt ihrer Partei die Strategie Rosa Luxemburgs von der »fortschreitenden Machteroberung«, nach der sie sich »hineinpressen in den bürgerlichen Staat, bis« sie » alle Positionen besitzen und sie mit Zähnen und Nägeln verteidigen.« Wie diese Machtverteidigung der Kommunisten aussieht, haben Millionen von Opfern des Kommunismus weltweit, Tausend Maueropfer, 250000 politische Gefangene in der DDR, die Vertriebenen und Enteigneten erfahren. Und auch die Kirche, der Leib Christi, wurde geschunden: Kirchen wurden gesprengt oder dem Verfall preisgegeben, Schulen verstaatlicht und diakonisches Engagement behindert, die Mitglieder bedrängt und aus den Eliten ausgeschlossen. Es gab keine Christen unter den Richtern, den Soldaten, den ­Diplomaten, wenige unter den Lehrern, Professoren, Ärzten. Die Nachwirkungen spüren wir bis heute.

Darüber zu sprechen kann auch dazu beitragen, Versöhnung in Wahrheit möglich zu machen. Die Bischöfin meint: »Die Täter sollten einsehen, dass sie damals Unrecht begangen haben.« Aber ehemalige MfS-Offiziere sagen: »Wir sind alle nicht verurteilt, also nicht schuldig.« Da Strafurteile nicht mehr möglich sind, wäre das gesellschaftliche Urteil eine Hilfe für die Täter, ihre Schuld zu erkennen.

Wenn Bischöfin Junkermann Beiträge zur Versöhnung leisten will, kann sie das in zweierlei Hinsicht tun. Wenn es um konkrete Menschen und Konflikte geht, müssen diese zwischenmenschlich bearbeitet werden. Dabei kann eine unter das Beichtgeheimnis gestellte Mediation hilfreich sein. In der öffentlichen Diskussion sollte sie anregen, dass das jüngste Kapitel der Kirchengeschichte endlich geschrieben wird, dass die »Gesellschaftsformation des Sozialismus/Kommunismus« daraufhin befragt wird, was sie für die Ausbreitung des Evangeliums, für die Christen und Nicht-Christen bedeutet hat. Dass die Kirche sich zu ihrer eigenen Schuld bekennt, wo sie nicht genug widerstanden und gebetet, die Mitglieder um der Institution willen nicht genug geschützt, die Verfolgten nicht vorbehaltlos unterstützt hat. Unterstellungen und forsche Aufforderungen an die Opfer sind kontraproduktiv.

Hintergrund:
Der Streit um die Versöhnung
Seit sich die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) kurz nach ihrem Amtsantritt vor eineinhalb Jahren erstmals für die Versöhnung zwischen Tätern und Opfern der DDR-­Diktatur aussprach, schlägt ihr neben Zustimmung auch Kritik entgegen. Zuletzt nach einem Interview mit der Illustrierten »Superillu« am Ende des vergangenen Jahres. Für Aufregung sorgte darüber ­hinaus die Reaktion der aus Württemberg stammenden Theologin auf einen Beitrag der »Linken«-Vorsitzenden Gesine Lötzsch in der Zeitung »Junge Welt« zum Thema »Wege zum Kommunismus«.

In einer demokratischen Gesellschaft dürfe es keine Denkverbote geben, sagte Junkermann dazu bei ­einem Journalistenempfang am 11. Januar. Das Thema Versöhnung wird auch Schwerpunkt einer Diskussionsveranstaltung sein, zu der die EKM am Mittwoch, 23. Februar, um 19 Uhr nach Erfurt einlädt. »Aufarbeitung, Gerechtigkeit, Versöhnung« steht dabei über einem Gespräch zwischen Landesbischöfin Ilse Junkermann und der derzeitigen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, ­Marianne Birthler. (GKZ)

Die Ofenbauer von Auschwitz

24. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Biederes Verwaltungsgebäude, solides Geschäftsgebaren: Hinter diesen Fenstern dachten Techniker darüber nach, wie der Massenmord in Auschwitz technisch vervollkommnet werden könnte. Das Zitat entstammt der Korrespondenz mit der SS. (Fotos: Rainer Borsdorf)

Biederes Verwaltungsgebäude, solides Geschäftsgebaren: Hinter diesen Fenstern dachten Techniker darüber nach, wie der Massenmord in Auschwitz technisch vervollkommnet werden könnte. Das Zitat entstammt der Korrespondenz mit der SS. (Fotos: Rainer Borsdorf)

 
Die Firma deckte Kommunisten und Juden unter ihren Mitarbeitern – und beteiligte sich zugleich aktiv an der technischen Vervollkommnung des Massenmordes: In der kommenden Woche wird in Erfurt der »Erinnerungsort Topf und Söhne« eingeweiht.
 

Die Öfen wurden im Beisein des Herrn Oberingenieur Prüfer angefeuert und funktionieren tadellos.« Diese Mitteilung vom 29.1.1943 dürfte Kurt Prüfer ebenso erfreut haben wie die 450 vReichsmark Prämie, die er von seiner Firmenleitung erhielt. Der Aussteller des Lobes: SS-Hauptsturmführer Karl Bischoff in Auschwitz.

Wie konnte es passieren, dass die Firma »J. A. Topf & Söhne, Erfurt« ihr firmeneigenes Motto »Topf in alle Welt« derartig pervertierte? In die Wiege war diese Entwicklung dem 1878 gegründeten »feuerungstech­nischen Baugeschäft« nicht gelegt ­worden. Der Erfurter Familienbetrieb ­produzierte zunächst Heizungsanlagen und stattete Brauereien und Mälzereien aus. Bis ins japanische Tokio reichte dabei sein Vertriebsnetz.

Doch schon 1914 belieferte er die ersten Krematorien mit Einäscherungsöfen. Peinlich genau achtete die Firma damals darauf, mit ihren Anlagen eine würde- und pietätvolle »Einäscherung nur mittels heißer atmosphärischer Luft« zu verwirklichen, wie es ein preußisches Gesetz vorgab.

Wie weggeblasen war die Pietät hingegen in einem Patentantrag, den Prüfers Vorgesetzter Fritz Sander 1942 einreichte: »Der starke Bedarf von Einäscherungs-Öfen für Konzentrationslager besonders in Auschwitz, veranlasste mich zu einer Prüfung der Frage, ob das bisherige Ofensystem das richtige ist«, schrieb er an seine Chefs, die Brüder Wolfgang Ernst und Ludwig Topf.

Trug seit 2002 intensiv die Details der Firmengeschichte zusammen: die Historikerin ­Annegret Schüle mit ihrem daraus entstanden Buch »Industrie und Holocaust«.

Trug seit 2002 intensiv die Details der Firmengeschichte zusammen: die Historikerin ­Annegret Schüle mit ihrem daraus entstanden Buch »Industrie und Holocaust«.

Statt der Öfen mit Verbrennungskammer schlug er einen riesigen Turm vor, der von oben ­kontinuierlich mit Leichen bestückt werden sollte. »Dabei bin ich mir vollkommen klar darüber, dass ein solcher Ofen als reine Vernichtungs-Vorrichtung anzusehen ist, dass also die Begriffe Pietät, Aschetrennung sowie jegliche Gefühlsmomente vollständig ausgeschaltet werden müssen«, schrieb der Ingenieur, der zugleich Prokurist bei Topf & Söhne war.

Doch damit nicht genug: Schon 1943 schickte Topf & Söhne seine Monteure wieder nach Auschwitz, um dort weitere Vernichtungsöfen zu bauen. Und ließ zugleich modernste Belüftungstechnik in den Gaskammern installieren. Die Firma trug so mit dazu bei, den Massenmord noch effizienter zu ­machen.

Und noch im Februar 1945, als Auschwitz bereits befreit war, schickten Sander und Prüfer Pläne für ein von ihnen konzipiertes neues Vernichtungszentrum nach Mauthausen (Österreich) mit dem Hinweis: »Wir setzen beim Entwurf der Anlage voraus, dass alle Teile vom KL Auschwitz wieder Verwendung finden sollen.«

Als dann aber im April 1945 amerikanische Truppen Buchenwald erreichten (auch hierhin hatte Topf & Söhne Öfen geliefert), wurde es der Firmenleitung etwas mulmig, und sie besprach mit dem aus KPD- und SPD-Mitgliedern bestehenden neuen Betriebsrat die »Krematorienfrage für die Konzentrationslager«.

Ludwig Topf bekam vom Betriebsrat den erhofften »Persilschein«, der ihn und die Firma aber nicht vor weiteren Nachforschungen der US-Army schützte, sodass er Ende Mai 1945 Selbstmord beging. Sein Bruder Ernst Wolfgang gründete später in Hessen eine neue Firma, die aber schon 1958 in Konkurs ging. Die Ingenieure Prüfer und Sander wurden hingegen mit zwei weiteren Kollegen schon 1946 von der SMAD verhaftet; zwei von ihnen starben in sowjetischer Haft oder Straflager.

Akribisch recherchiert hat dies alles Annegret Schüle. Mit weiteren ­Engagierten trug die promovierte Historikerin seit 2002 im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Gedenkstätte Buchenwald Tausende von Fakten zur Firmengeschichte und der Verstrickung von Topf & Söhne in den Holocaust zusammen. Kürzlich erschien dazu ihr Buch »Industrie und Holocaust«. Erschüttert hat sie die Selbstverständlichkeit beim Umgang mit dem Massenmord: »Im Angesicht des Verbrechens suchten die ›Topfianer‹ nach technisch optimalen Lösungen für die Vernichtung.« Dies sei auch deshalb absurd, weil die Firmenleitung gleichzeitig in ihrem Betrieb Kommunisten und Juden duldete, ja schützte.

Schüle setzte sich gemeinsam mit dem Förderkreis »Topf & Söhne« in den letzten Jahren dafür ein, dass auf dem ehemaligen Betriebsgelände ­unweit des Erfurter Hauptbahnhofes Erinnern und Gedenken möglich wird. Das tat auf ihre Weise allerdings seit 2002 auch eine Gruppe Erfurter Jugendlicher, die einen Teil des Geländes besetzt hielt. Als ein Investor 2008 das baufällige Gelände erwarb, schlugen die Jugendlichen ein Alternativ-Angebot der Stadt Erfurt aus und wurden schließlich bei einem massiven Polizeieinsatz im April 2009 »zwangsgeräumt«.

Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein dazu: »Die Besetzer waren sehr inhomogen; letztlich setzten sich die Hardliner durch.« Ihm wäre eine friedliche Lösung wesentlich lieber gewesen.

Der neue Besitzer, die Domicil Hausbau GmbH Mühlhausen, ließ anschließend fast sämtliche Hausruinen abreißen und schuf Platz für ein Fachmarkt-Areal. Im demnächst fertig sanierten Verwaltungsgebäude richtet die Stadt Erfurt zwei Etagen für den Erinnerungsort Topf & Söhne ein, der auch einen kleinen Teil des Freigeländes umfasst. Am 27. Januar 2011, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, soll der Ort eröffnet werden.

Rainer Borsdorf

Buchtipp:
Schüle, Annegret: Industrie und Holocaust. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz, Wallstein Verlag 2010, 464 Seiten (mit 241 z. T. farbigen Abbildungen), ISBN 978-3-8353-0622-6, 29,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, oft auch kurz Holocaustgedenktag genannt, wurde in Deutschland 1996 durch Proklamation des ­damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt. Er nimmt Bezug auf die am 27. Januar 1945 erfolgte Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau im heutigen Südpolen durch sowjetische Truppen. An diesem Tag werden in der ­Bundesrepublik alle öffentlichen Gebäude auf Halbmast beflaggt.

In Israel ist der 27. Januar bereits seit 1959 als Jom haScho’a offizieller Gedenktag. Vor Deutschland wurde der Gedenktag auch bereits in Großbritannien und Italien begangen. Im Herbst 2005 erklärte zudem die Vollversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Holocaustgedenktag. (GKZ)

Flirt mit dem Tod

22. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Die Porträts der Rockmusiker gehören zu einem von Jürgen D. Flohr geschaffenen zwölfteiligen Zyklus mit dem Titel »Rockstar Mythen III«. Auf den Bildern (v. li.): Jimi Hendrix, Keith Richards, Rod Steward, Freddie Mercury, Jim Morrison, Elton John, David Bowie sowie der Künstler Jürgen D. Flohr. Jimi Hendrix, Freddie Mercury und Jim Morrison gehören zu den vielen Rockstars, deren Leben früh endete. (Foto: picuture-alliance)

Die Porträts der Rockmusiker gehören zu einem von Jürgen D. Flohr geschaffenen zwölfteiligen Zyklus mit dem Titel »Rockstar Mythen III«. Auf den Bildern (v. li.): Jimi Hendrix, Keith Richards, Rod Steward, Freddie Mercury, Jim Morrison, Elton John, David Bowie sowie der Künstler Jürgen D. Flohr. Jimi Hendrix, Freddie Mercury und Jim Morrison gehören zu den vielen Rockstars, deren Leben früh endete. (Foto: picuture-alliance)


Die Begeisterung für Rockmusik ist ungebrochen. Erst am 13. Januar feierte das Musical »Hinterm Horizont« mit Liedern von Udo Lindenberg in Berlin Weltpremiere. Doch die Rock- und Popmusik hat auch eine dunkle Seite.

In der Rockmusik scheint nicht immer nur die Sonne. Und es geht nicht nur um das unendlich variierte Thema »Junge liebt Mädchen«. Auch die dunkle Seite des Seins wird in den Musikstilen und Texten der Rock- und Popmusik reflektiert.

Seit rund 50 Jahren haben Tod, Sterben und Trauer dort einen festen Platz.

Der Tod trat spätestens dann ins ­Leben der Popmusikfans, als der »Leader of the Pack«, der Chef einer Motorradgang, in dem ­gleich­namigen Song der Mädchengruppe »Shangri-Las« (1964) bei einem Unfall ums Leben kam. Tod und Sterben waren in den Anfangstagen des Rock, in den 50er und frühen 60er Jahren, noch ein Tabu. Musik sollte Spaß ­machen. Dies änderte sich in der politisch aufgeheizten und gesellschaftlich offeneren Atmosphäre der 60er Jahre, sagt der Soziologe Josef Spiegel aus Schöppingen im Münsterland, der ­einen Sammelband zum Thema Tod und Sterben in der Rockmusik veröffentlicht hat.

Die jugendliche Pop- und Rockkultur entdeckte die faszinierende Seite des Todes, trieb ihr Spiel mit dem Gegensatz von blühendem Leben und Vergänglichkeit. »The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore«, heißt der tieftraurige Song, mit dem die »Walker Brothers« 1966 Endzeitstimmung verbreiteten. Viele Musiker setzten fortan auch auf Schockeffekte, indem sie den Tod und das Sterben darstellten und oft auch verherrlichten.

»Jede Jugendszene hat ihren eigenen Umgang damit«, sagt Spiegel. Für Heranwachsende sei die Beschäftigung mit dem Tod oft existenziell. Häufig seien Fragen wie: »Wer bin ich?« oder »Wer mag mich?«, eine ­extreme psychische Belastung – und das Gefühl des Nichtverstandenseins durch die Erwachsenen könne sich in Lebensflucht und Sehnsucht nach dem Tod äußern.

Auf ihrer psychedelischen Selbsterfahrungsreise pflegten ab Mitte der 60er Jahre viele Rockmusiker eine Todesromantik. Die britische Band »The Who« gab 1965 mit ihrer Teenager-Hymne »My Generation« ein Leitmotiv vor: »Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde« (I hope I die before I get old), heißt es in einer Zeile. Das Liebäugeln mit dem Tod war plötzlich für viele junge Leute »cool«.

Mit dem lauten Ruf, lieber zu sterben, als so wie die Elterngeneration zu werden, grenzten sich die Jugendlichen demonstrativ ab, analysiert Spiegel. Der Protest richtete sich fortan gegen die oft als verlogen empfundene Moral der Erwachsenen, gegen Töten im Krieg, atomare Bedrohung und Konsumwahn.

Was zunächst ein Spiel war, wurde Ende der 60er Jahre und Anfang der 70er Jahre zu harter Realität: Das schnelle Leben vieler Rockstars mit exzessivem Drogenkonsum forderte die ersten prominenten Opfer. Wendepunkt ist für viele Pop-Kritiker der »Sommer der Liebe« im Jahr 1969.

Auf das friedliche Festival in Woodstock folgte kurz darauf das »Rolling Stones«-Konzert im kalifornischen ­Altamont, bei dem ein ­Mitglied der Rockerbande »Hell’s Angels« einen Besucher ermordete.

Tod und Sterben galten nun nicht mehr allein als bewusstseinserweiterndes Erlebnis, wie es angloamerikanische Bands wie »Doors« oder »Velvet Underground« zelebrierten. Der in den 70er Jahren aufkommende Hardrock und Heavy Metal sowie der Punk zeigten vor allem die ungeschönte Seite des Todes. Besonders in Krisenzeiten, während des Vietnamkriegs und der Nachrüstungsdebatten der 80er Jahre, sei der Tod für Rockmusiker ein Thema gewesen, sagt Thomas Mania, Kurator des Rock’n Popmuseums in Gronau.

Den Todeskult auf die Spitze treiben seit den 80er Jahren verschiedene Schattierungen des Heavy Metal. Während Liebhaber des Gothic-Rocks die Allgegenwart des Todes zu einem Fest machen, rufen manche Vertreter des Hip-Hop ihre Hörerschaft zu Gewalt und Rassismus auf. Das brachte ihnen die Aufmerksamkeit der Zensur und des Jugendschutzes ein. »Verbote sind keine Lösung«, urteilt Spiegel, »aber es darf auch nicht alles frei auf den Markt kommen.«

Zwischen dem Musik- und Medienkonsum von Jugendlichen und ihrem gewalttätigen Verhalten einen unmittelbaren Zusammenhang herzustellen, sei gewagt, warnt der Schulpsychologe Michael Sylla aus dem nordrhein-westfälischen Borken. In der Rockmusik liege das »Restrisiko« darin, die emotionale Instabilität mancher Jugendlicher zu verstärken. Nachweislich hätten viele psychisch kranke Schulattentäter gewaltverherrlichende Musik und Texte konsumiert. Über die dunkle Seite der Musik sollten Eltern und Lehrer deshalb mit den Kindern sprechen.

Alexander Lang (epd)

Buchhinweis: Seim, Roland/Spiegel, Josef (Hrsg.): »The Sun Ain’t Gonna Shine ­Anymore« – Tod und Sterben in der Rockmusik, Telos-Verlag, 267 S., ISBN 978-3-933060-26-6, 16,80 Euro

Israel: Namen und Würde für vier Millionen Opfer

22. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Jerusalem.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Jerusalem.

Zwei Drittel der mutmaßlich sechs Millionen Opfer des Holocaust konnten inzwischen identifiziert werden. Wie die Holocaust Gedenkstätte Yad Vaschem in Jerusalem kürzlich mitteilte, hat sie inzwischen vier Millionen Namen von Opfern gesammelt. Allein im vergangenen Jahrzehnt konnten 1,5 Millionen Namen den Archiven der Gedenkstätte hinzugefügt und den Opfern damit ein Stück ihrer Würde zurückgegeben werden.

Wie der Direktor der Gedenkbehörde, Avner Schalev, dazu erklärt, hätten die Deutschen »nicht nur versucht die Juden zu vernichten, sondern auch jede Erinnerung an sie ­auszulöschen«. Die Gedenkstätte betrachtet es als ihre Aufgabe, möglichst alle jüdischen Opfer der Schoah beziehungsweise des Holocausts ausfindig zu machen und die Lebensgeschichte der Ermordeten zu erkunden.

Überlebende sind deshalb seit über 50 Jahren aufgefordert, mehrsprachige Fragebögen auszufüllen und die Namen ihrer getöteten Angehörigen oder von Bekannten einzutragen. Diese Fragebögen werden in der »Halle der Namen« in schwarzen Ordnern aufbewahrt. Die Hallenkuppel ist mit Hunderten Fotos von Opfern versehen.

»Im Dienste des Gedenkens verwenden wir modernste Technologie«, sagt Schalev. So wurden bereits im Jahr 2004 die bis dahin gesammelten drei Millionen Namen im Internet der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich gemacht und seither ständig ergänzt. Dabei wurden etwas mehr als die Hälfte der bisher vier Millionen bekannten Opfer mithilfe der Fragebögen erfasst. Die übrigen Namen wurden in Archiven und durch Gedenkprojekte zusammengetragen.

Die Schwierigkeiten sind dabei in Osteuropa, im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und in Griechenland ­besonders hoch: Während in Westeuropa die von den Nazis erstellten Deportationslisten erhalten sind, fehlen sie für weite Teile Osteuropas. Dort wurden nicht nur ganze Gemeinden ermordet. Auch die Synagogen, die Gemeindelisten und Bibliotheken wurden verbrannt.

Der Direktor der »Halle der Namen«, Alexander Abraham, erklärte, dass besonders in den vergangenen fünf Jahren große Fortschritte gemacht worden seien: So sei die Zahl der namentlich bekannten getöteten Juden in der Ukraine von 20 auf 35 Prozent gestiegen, in Griechenland sogar von 35 auf 70 Prozent und in ­Polen von 35 auf 46 Prozent.

Zahlreiche Organisationen finanzieren diese Suche nach den bisher namenlosen Opfern. Dazu gehören etwa der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, aber auch Schweizer Banken infolge eines Abkommens nach der Entdeckung herrenloser jüdischer Konten.

Ulrich W. Sahm

»Du, Herr, bist der Schild für mich«

21. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Soldatin Caroline Wegener

Die Offiziersanwärterin Caroline ­Wegener ließ sich in der Militärkirche Neubiberg taufen. (Foto: epd-bild)

Die Offiziersanwärterin Caroline ­Wegener ließ sich in der Militärkirche Neubiberg taufen. (Foto: epd-bild)

Es ist dunkel auf dem Gelände der Bundeswehrhochschule Neubiberg bei München. Nur wenige Soldaten sind hier unterwegs, sie wollen schnell auf die Stube oder zum Sport. In der kleinen Militärkirche brennt noch Licht.

Junge Männer in Anzügen, Frauen in schicken Kleidern sitzen ­erwartungsvoll in den Bänken. Eine festliche Gemeinde. In der ersten Reihe sitzt eine junge Frau ganz in weiß: Caroline Wegener trägt ihr Taufkleid mit Stolz und mit Freude. Es ist ihr Abend.

Heute wird die 21-jährige Soldatin getauft.

»Ihre Taufe soll ein Fest sein. Alle sind wegen Ihnen hier«, sagt Pfarrerin Barbara Hepp bei der Begrüßung. ­Caroline Wegener dreht sich um und lacht in die Runde. In der evangelischen Gemeinde der Universität der Bundeswehr hat sie einen Glaubenskurs gemacht und dann entschieden, sich taufen zu lassen. »Ich wollte mich öffentlich bekennen. Ich schäme mich meines Glaubens nicht«, sagt die junge Frau.
Wenn sie erzählt, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Von ihrer Kindheit in Leipzig, wo ihr Vater nichts mit der Kirche zu tun haben wollte. Von der Jugendweihe. Von den ersten Kontakten mit der Theatergruppe der evangelischen Jugend. Den positiven Erfahrungen mit der christlichen Gemeinde an der Unikirche Neubiberg.

»Es gibt Gott in meinem Leben – das wusste ich so nicht«, stellt sie fast ungläubig fest. Jetzt ist sie ein wenig nachdenklich geworden. Aber nur kurz. Dann sprudelt es weiter. »Ich hatte so viele Fragen: Wie kann eine Jungfrau ein Kind bekommen? Wie kann Gott sterben? Macht er sich ­damit nicht lächerlich?« Unbefangen und neugierig geht sie auf alles zu.

Die junge Gemeinde an der Unikirche der Bundeswehrhochschule hat Caroline Wegener herzlich aufgenommen. Mit all ihren Fragen. Seit Beginn ihres Studiums der Staats- und Sozialwissenschaften im Jahr 2008 teilt sie die Stube mit Claudia Neben. Die hat sie mitgenommen zum Mittwochsgebet, zur Taizé-Andacht, mit ihr hat sie den Glaubenskurs gemacht, den die evangelische Gemeinde an der Unikirche organisiert hat. »Wir wollten einfach die Grundlagen vermitteln«, erzählt Claudia Neben.

Einige Antworten hat ihre Freundin Caroline dort gefunden: Bei der Jungfrau handele es sich wohl um eine junge Frau; allein die Sache mit der Dreieinigkeit bleibt rätselhaft. Aber in der evangelischen Kirche sei es ja wohl so, dass man nicht alles glauben müsse, sondern selbst fragen solle, meint die junge Soldatin. Und die evangelische Freiheit gefällt ihr: »Ich bin völlig frei, auch hier in der Gemeinde. Es wird nicht erwartet, dass ich jetzt gleich ein fertiger Christ bin«, lacht sie. Die beiden Soldatinnen sind Freundinnen geworden und heute ist Claudia die Taufpatin von Caroline.

»Normalerweise haben ja nur Kinder einen Paten. Aber wieso sollte ein erwachsener Mensch nicht auch jemand haben, mit dem er über Glaubensfragen reden kann?«, sagt die Patin. Sie hat ihrem »Patenkind« eine Taufkerze gebastelt. Darauf ein Schiff, denn Caroline Wegener ist bei der ­Marine und wird in diesem Jahr ihre Ausbildung als Leutnant zur See abschließen.

Die beiden Soldatinnen stehen am Taufbecken, das mit frischem Efeu ­geschmückt ist. Caroline beugt sich ein wenig und die Pfarrerin gießt ihr dreimal Wasser über den Kopf. Die Gemeinde ist ganz still.

Caroline strahlt über ihr Mädchengesicht. Wie jeder Täufling hat auch sie einen Taufspruch. Nächtelang hat sie mit einem Freund – einem Atheisten, wie sie betont – die Bibel gewälzt.

Die Pfarrerin hat sie gefragt, wie denn ihr Gottesbild sei. »Es sollte von einem gnädigen Gott die Rede sein und es sollte etwas mit meinem Beruf zu tun haben«, sagt Caroline Wegener. Und so wurde es ein Psalm: »Aber du, Herr, bist der Schild für mich, du bist meine Ehre und hebst mein Haupt empor.«

»Als Soldatin müssen Sie Schild sein für sich und für andere. Gut, dass hier in dem Bibelwort davon die Rede ist, dass Gott für uns Menschen ein Schild sein will und wir nicht alles allein machen müssen«, sagt Pfarrerin Hepp in der Predigt.

Die Offiziersanwärterin ist sich bewusst, dass sie eines Tages vielleicht in einem Kriegsgebiet eingesetzt werden kann. Es ist ihr klar, dass ihr Beruf gefährlich ist. »Als Frau kann man ein halbes Jahr auf Probe bei der Bundeswehr sein«, sagt sie. »Ich habe gewusst, dass ich das machen will.«

Sie will Schild und Schutz sein für andere und sie will sich beschützt wissen durch Gott, durch ihren Glauben.

Sandra Zeidler (epd)

Ein Aus wird Anfang für den Glauben

15. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Marion und Winfried Grau ließen sich nach einem Glaubenskurs im April 2010 taufen. (Foto: Sabine Kuschel)

Marion und Winfried Grau ließen sich nach einem Glaubenskurs im April 2010 taufen. (Foto: Sabine Kuschel)

Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Marion und Winfried Grau:
 

Marion und Winfried Grau, beide 1953 geboren, sitzen sich am Tisch gegenüber und denken über ihr Leben nach. »Wie gut es uns geht! Was wir alles haben! Tolle Töchter, ein schönes Zuhause.« Das Ehepaar wohnt in Leipzig im eigenen Haus, hat zwei erwachsene Töchter und vier Enkelkinder im Alter von eineinhalb, neun, zehn und 15 Jahren. In Marion Graus Worten schwingt Zufriedenheit mit. Viele ihrer Wünsche seien in Erfüllung gegangen. Und: »Wir wurden vor Schlimmem bewahrt«, fügt sie hinzu.

Auch in der DDR sei es der Familie gut gegangen. Es habe nichts gegeben, was sie wirklich vermisst hätten. Außer einem Wunsch, der offenbleiben musste. Winfried Grau, er ist Bauingenieur, hätte sich gern selbstständig gemacht. Doch dieser Traum geht erst nach der Wende in Erfüllung. Er gründet ein Bauunternehmen, das zunächst gut läuft. Doch das ändert sich bald. Die Familie erlebt, so schnell wie es finanziell bergauf geht, so rasant geht es wieder bergab.

Die Firma muss Insolvenz anmelden.

Diese Erfahrung gibt den Eheleuten zu denken. »Was hatten wir davon?«, fragen sie sich. Sie suchen nach einem neuen Halt. »Nach dem Sinn des Lebens, nach dem, was wichtig ist.«

Beide wurden als Kinder getauft, besuchten jedoch keine Christenlehre und ließen sich nicht konfirmieren.

Die wirtschaftliche Situation, die Achterbahnfahrt hinauf zum Erfolg und wieder herab ins Aus der Firma führen zu einem Umdenken. Winfried Grau verfolgt christliche Sendungen und Gottesdienste im Fernsehen und ist beeindruckt von den Lebensweisheiten, die dabei mit rüberkommen. »Ich kann es kaum erwarten bis wieder Sonntag ist«, sagt er. Also fassen er und seine Frau den Entschluss: »Wir orientieren uns christlich.«

Dann führen verschiedene kleinere Details schließlich zu ihrer Entscheidung, sich konfirmieren zu lassen.

Zunächst ist es die 15-jährige Enkeltochter, die, für die Familie überraschend, eine Kehrtwende macht. ­Eigentlich wollte sie wie alle anderen ihrer Klasse an der Jugendweihe teilnehmen. Doch dann entscheidet sie sich plötzlich anders. Sie will keine ­Jugendweihe, sondern die Konfirmation. In der Vorbereitung darauf begleiten die Großeltern sie zu den Gottesdiensten. »Nur um sie zu unterstützen.« Doch dann merken Marion und Winfried Grau, dass ihnen die Kirchenbesuche und Gottesdienste gut tun. Ein Gefühl der Ruhe, des Aufgehobenseins nimmt von ihnen Besitz. Zugleich möchten sie mehr wissen über den Glauben, das Christentum, die Bibel.

Da entdecken sie einen Flyer, der zu einem Glaubenskurs in die Leipziger Nikolaikirche einlädt. Den besuchen sie gemeinsam mit ihrer jüngeren 30-jährigen Tochter. »Es war toll«, sagt Marion Grau. Die Familie genießt das Zusammensein mit 20 Gleichgesinnten, mittendrin zu sein in einer Gemeinde. Die Feste des Kirchenjahres, Gottesdienst und Gebete sind Themen des Glaubenskurses. Sie lesen die Bibel, beschäftigen sich mit christlichen Symbolen und Ritualen.

Wie ihre Tochter lassen sich die meisten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Abschluss des Kurses im April 2010 taufen. Marion und Winfried Grau werden konfirmiert. Der festliche Gottesdienst mit der Taufe der Tochter und der Konfirmation ihrer Eltern ist Höhepunkt und Fami­lienereignis.

Marion Grau erlebt ihre Konfirmation als »faszinierend. Ich kann es nicht beschreiben. Es war ein erhebendes, glückliches Gefühl.«

Mit dieser Entscheidung habe sich seine Einstellung zum Leben geändert, sagt Winfried Grau. Er habe Zuversicht gewonnen und die Erkenntnis, dass das Streben nach materiellen Werten nicht alles sei. Beide finden: »Freude und Glück sind viel wichtiger.«

Sabine Kuschel

»Jede Sprache ist eine Bereicherung«

15. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Eine Welt

Vorgestellt: Der bretonische Ingenieur Emmanuel le Merlus besucht die 68 Sprachminderheiten des Kontinents.
 
Hält die bretonische Flagge hoch: Emmanuel le Merlus (39) kämpft für die ­Vielfalt der Sprachen in Europa. (Foto: Andreas Kirschke)

Hält die bretonische Flagge hoch: Emmanuel le Merlus (39) kämpft für die ­Vielfalt der Sprachen in Europa. (Foto: Andreas Kirschke)

Emmanuel le Merlus radelt für ein hohes Ziel: Sage und schreibe 68(!) Sprachminderheiten in ganz Europa will der Bretone innerhalb eines Jahres treffen.
 

Rund 18000 Kilometer legt le Merlus dafür per Rad zurück. »Ich will die Vielfalt der Minderheiten kennenlernen«, schildert der 39-jährige Baukonstrukteur aus dem Dorf Malguénac nahe der Stadt Pontivy in der französischen Bretagne. »Die sprachliche und kulturelle Vielfalt ist ein hohes Gut für Europa. Diese Vielfalt ist zerbrechlich und muss respektiert werden.«

Am 12. Mai 2010 brach er von seinem Heimatort auf. Die Tour führte zu den Walisern in Großbritannien. Später zu den irischen und schottischen Gälen, daraufhin zu den Westfriesen (Niederlande), zu den Ost- und Nordfriesen sowie den Dänen in Deutschland, schließlich zu den deutschen Nordschleswigern in Dänemark und von dort weiter nach Schweden, Polen, Finnland, Estland, Litauen, Weißrussland, Ukraine, Slowakei, zu den Kaschuben in Polen und vor ­einiger Zeit auch in die Lausitz zu den Sorben.

Weltweit ist die Hälfte der Sprachen gefährdet

»Weltweit gibt es 6000 große und kleine Sprachen«, schildert der Bretone. »Bereits die Hälfte sind gefährdet. Statistiker sagen: Jede zweite ­Woche stirbt eine Sprache.« Auf diese akute Bedrohung will Emmanuelle Merlus verweisen. Er beginnt bei sich selbst. Mit der Suche nach den ­eigenen Wurzeln. Seit vier Jahren lernt er intensiv Bretonisch. »Meine Eltern sind Muttersprachler. Sie gaben uns Kindern die Sprache jedoch nicht ­weiter«, berichtet der Baukonstrukteur. »In Frankreich ist Französisch elitäre Hauptsprache.« Bretonisch, so die ­offiziell suggerierte Meinung, werde nicht gebraucht. Für Job, Geld und Anerkennung reiche Französisch. Doch das will der 39-jährige nicht ­hinnehmen.

Bretonisch, so betont er, ist eine keltische Sprache. Mit besonderer Grammatik. »Ist ein Wort bedeutsam, kannst du es im Satz an erster Stelle sprechen.« Woche für Woche – im Erwachsenenkurs – lernte Emmanuel le Merlus die Sprache seiner Vorfahren.

Rund 200000 Menschen sprechen in seiner Heimat bretonisch. »Die meisten sind schon 60 Jahre und älter. In Kindergärten, Schulen und Gymnasien wird die Sprache heute wieder vermittelt. Seit 1977 besteht das Modell Diwan (Keim). Nach dieser ­Methode tauchen Kinder frühzeitig – spielerisch und ohne Anstrengung im Alter von zwei bis fünf Jahren – in die Sprache ein.

»Heute lernen 3500 Kinder nach diesem Modell bretonisch«, freut sich le Merlus. »Das reicht jedoch nicht aus. Wir brauchen ­lang­fristig eine viel höhere Zahl aktiv ­Sprechender, um die Sprache zu ­retten.«

Beim Besuch der sorbischen Minderheit in Panschwitz-Kuckau nahe Kamenz traf der Bretone mit seinem Anliegen auf offene Türen: »Seit 1992 gab es zwischen unserer früheren ­Mittelschule und der Diwan-Schule in Brest Kontakte. Regelmäßig kam es zum Schüler- und Lehreraustausch, zum Kennenlernen der Familien, der Kultur und des Landes«, schildert ­Stefan Rehde, früherer Leiter der im Juli 2007 geschlossenen ­Cišinski-Mittelschule Panschwitz-Kuckau.

»Die Kontakte bestehen bis heute. Die ­Mittelschulen Räckelwitz und Ralbitz führen den Schüler-Austausch jetzt weiter«, so Rehde. Eine Stippvisite führte den Gast zudem nach Bautzen zu ­sorbischen Medien wie der Abendzeitung Serbske Nowiny und zum ­Sorbischen Hörfunk. Der Bretone ­besuchte auch die Domowina, den Dachverband der Lausitzer Sorben, und den Sorbischen Schulverein. ­Dieser begann nach
dem Vorbild von Diwan im März 1998 mit dem ­Witaj-Projekt zur Sorbisch-Vermittlung in Kinder­tagesstätten der Lausitz.

Über Frankreich, Italien, Slowenien, Österreich, Ungarn, Rumänien führt Emmanuel le Merlus Reise inzwischen weiter. Auch die Katalonier und Basken in Spanien will er noch besuchen. Klappt alles wie vorgesehen, wird er im Mai nach 358 Tagen wieder in der Heimat sein. »Einen ­Report der Reise will ich der EU-­Kommissarin für Bildung, Kultur und ­Jugend sowie für Mehrsprachigkeit, Androulla Vassiliou, geben«, sagt der Bretone und unterstreicht: »Jede Sprachminderheit ist eine Bereicherung. Jede Sprachminderheit ist zu schützen.«

Im Bretonischen steht das Wichtigste zuerst. »A Galon vat Deol’h«, meint Emmanuel le Merlus. Auf Deutsch heißt dies: »Freundschaft sei mit Dir.«

Andreas Kirschke

 

Hintergrund: Minderheitensprachen

Der Europarat verabschiedete 1992 die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Sprachdialekte und Sprachen von Immigranten fallen nicht unter den Schutz der Charta. In Deutschland ist die Charta seit 1999 in Kraft. Sie gilt hier für vier Minderheitensprachen und eine Regionalsprache:

Dänisch – wird von etwa 8000 bis 10000 der insgesamt rund 50000 Ange-
hörigen der dänischen Minderheit in Südschleswig gesprochen.

Sorbisch – heute gibt es etwa 60000 Sorben (40000 in der Ober- und 20000 in der Niederlausitz), wovon etwa die Hälfte aktive Sprecher des Sorbischen sind.

Romanes – ist die Sprache, die von den deutschen Roma und Sinti (von ­diesen als Sintetickes) gesprochen wird. In ganz Deutschland leben ungefähr 70000 deutsche Sinti und Roma, von denen die meisten auch einen Bezug zum Romanes haben.

Friesisch – Nordfriesisch wird im Bundesland Schleswig-Holstein von etwa 10000 Menschen an der Nordseeküste und den vorgelagerten Inseln Föhr, Amrum, Sylt, den Halligen sowie auf Helgoland gesprochen. Ostfriesisch (oder Saterfriesisch) wird im Bundesland Niedersachsen in der Gemeinde ­Saterland von rund 2000 Menschen gesprochen. Es ist eine der kleinsten Sprachinseln Europas.

Plattdeutsch
– die platt- oder niederdeutsche Regionalsprache ist in den Bundesländer Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, ­Nieder­sachsen und Schleswig-Holstein sowie in den nördlichen Teilen von Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt verbreitet. Etwa 2,6 Millionen ­Menschen gelten als sehr gute oder gute Plattdeutschsprecher.
Quelle: Bundesministerium des Inneren

Talentierter Entertainer vor dem Herrn

14. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Andi Weiss: Auf dem Münchner Kirchentag 2010 war er der heimliche Star und in Dresden wird er auch dabei sein.  (Foto: Harald Krille)

Andi Weiss: Auf dem Münchner Kirchentag 2010 war er der heimliche Star und in Dresden wird er auch dabei sein. (Foto: Harald Krille)


Multimedialer Grenzgänger zwischen den Frömmigkeitsstilen – ein Porträt von dem Diakon und Musiker Andi Weiss.
 

Viele Talente, viele Projekte – das ist der junge Münchner Diakon Andi Weiss. Der Motor des missionarischen Energiepakets: die Begeisterung dafür, Menschen für Jesus zu begeistern. Nach seinem kombinierten Buch- und CD-Projekt »Ungewohnt leise« hat er sein zweites Solo-Album mit dem Titel »Liebenswürdig« veröffentlicht.

Die Münchner Paul-Gerhardt-Ge­meinde hat ein ganz eigenes Profil. Ihr Diakon Andi Weiss passt hervor­ragend dazu: Landeskirchlich verwurzelt und freikirchlich-charismatisch bewegt – das trifft auf die Gemeinde wie auf den 33-jährigen Diakon zu, der hier seit neun Jahren Gottesdienst- und Jugendarbeit macht. Mit einer halben Stelle soll er zudem die »missionarische Jugendarbeit« in der Region München befördern.

»Jesus House Party« und »Christival«, »Fetter Samstag« und Konzerte: Eher laut und plakativ, evangelikal begeistert und auf Begeisterung angelegt waren die vielen Projekte, die Weiss unter seinem Markenzeichen »Musik, Moderation, Message« angeschoben hat.

Ein echtes Multitalent für jede Form des Rampenlichts: Dass einer wie Andi Weiss zweimal binnen weniger Monate als Prediger auf die Bühne »ZDF-Fernsehgottesdienst« darf, als Diakon zudem, nicht als Pfarrer, das gab es zuvor noch nie. Hinter den ­Kulissen ist das durchaus auf verletzte Eitelkeiten und Kritik gestoßen.

Auch deshalb betont der Diakon bei seinen Musikprojekten: »Es geht nicht um Andi Weiss, sondern um die Geschichten, die mir die Menschen geschickt haben.«

Mehr und mehr interessieren ihn die leisen Töne, die Zwischen- und Grautöne. Die Geschichte, wie der Prophet Elia am Berg Horeb Gott ­begegnet, ist ihm wichtig geworden: Nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer ist Gott. Er zeigt sich als »stilles, sanftes Sausen«. Ungewohnt leise eben: Geschichten von »ganz normalen« Menschen und ­ihren ganz persönlichen Begegnungen mit Gott hat Weiss für sein erstes Projekt vor drei Jahren gesammelt.

Aber auch kirchliche Prominenz wie Landesbischof Johannes Friedrich oder Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, die beeindruckend offen darüber schreibt, wie sie als junge Frau schwer an Krebs erkrankte, ist unter den Autoren.

Dazwischen stehen – wie behutsa­me Kommentare zu den Geschichten – die Texte der Lieder von Andi Weiss, die auf der CD zu hören sind. Buch und CD ergänzen sich, »funktionieren« aber auch für sich.

Am Klavier zeigt sich Andi Weiss als souveräner Entertainer. Ein wenig nach Herbert Grönemeyer klingt das alles. Ein Vergleich, den Weiss keineswegs ungern hört: »Vielleicht besteht die Gefahr, dass meine Jugendlichen sagen: ›Andi, das ist langweilig.‹ Selbst meine Frau sagt: ›Andi, du machst Musik für Hausfrauen ab 40.‹ Aber ich finde das geil, das ist meine Musik: Grönemeyer, STS.«

Der multimediale Grenzgänger zwischen den Frömmigkeitsstilen versucht trotz (oder gerade) wegen der vielen Bühnen, auf denen er steht, nicht den Kontakt zur Diakonen-Gemeinschaft zu verlieren. Regelmäßig besucht er den Münchner »Brüderkreis«. Als Diakon in einer »Lebens-, Dienst- und Sendungsgemeinschaft zu stehen, das ist mir ernst«, sagt er. Auf seiner Website prangt neben dem Schriftzug des Verlages auch das Logo der Rummelsberger.

Bei allen Entertainer-Qualitäten, die Andi Weiss hat: »Unterhalten« will er gerade nicht. »Ich will etwas machen, von dem die Leute sich ›gehalten‹ fühlen«, sagt er.

Markus Springer

Literatur- und CD- Empfehlungen

  • Weiss, Andi: Ungewohnt leise. 50 persönliche Erlebnisse, Gerth-Medien, 180 S., ISBN 978-3-86591-188-9, 9,95 Euro
  • Ungewohnt leise, Gerth-Medien, Audio-CD, 4029856393544, ca. 18,00 Euro
  • Liebenswürdig, Gerth-Medien, Audio-CD, 4029856396590, ca. 18,00 Euro
  • Heimat, Gerth-Medien, Audio-CD, 4029856396750, ca. 18,00 Euro

Die auf dieser Seite empfohlenen ­Bücher und CDs sind zu beziehen über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

Auf dem Weg zur »Patchwork«-Religion

14. Januar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Es ist etwas dran, an der Rede von der Wiederkehr der Religion in der Gesellschaft – allerdings bricht sich die neue Religiosität fernab von tradierten ­Bekenntnissen und verfassten Religionsgemeinschaften ihre Bahn. (Foto: picture-alliance/beyond/Manuela Herrmann)

Es ist etwas dran, an der Rede von der Wiederkehr der Religion in der Gesellschaft – allerdings bricht sich die neue Religiosität fernab von tradierten ­Bekenntnissen und verfassten Religionsgemeinschaften ihre Bahn. (Foto: picture-alliance/beyond/Manuela Herrmann)


Interview: Wissenschaftler erforschen die Spiritualität in Deutschland und in den USA

Was verstehen die Menschen unter Religiosität und ­Spiritualität? In einem ­einmaligen Projekt wollen Wissenschaftler der Frage
in Deutschland und den USA nachgehen. Holger Spierig sprach darüber mit der ­Psychologin Barbara Keller.
Die Psychologin Dr. Barbara Keller ­koordiniert an der Universität Bielefeld die von Professor Heinz Streib geleitete Untersuchung zur Spiritualität in Deutschland und den USA.  Die Arbeit wird zudem von der ­Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt. (Foto: privat)

Die Psychologin Dr. Barbara Keller ­koordiniert an der Universität Bielefeld die von Professor Heinz Streib geleitete Untersuchung zur Spiritualität in Deutschland und den USA. Die Arbeit wird zudem von der ­Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt. (Foto: privat)


Lässt es sich wissenschaftlich erforschen, wie religiös Menschen sind?

Keller: Ja, Religiosität lässt sich unserer Meinung nach wissenschaftlich erfassen. Wir gehen aber davon aus, dass es nicht »die« Religiosität gibt, sondern dass Religiosität, dass Glauben im weitesten Sinne, sehr unterschiedlich aufgefasst, gelebt und verstanden wird. Darüber hinaus glauben wir, dass sich Religiosität im Laufe des Lebens ändern kann.
Uns interessiert bei unserer Untersuchung, was Spiritualität und Religiosität den Menschen bedeutet – sowohl in Deutschland als auch in den USA.

Wie viele Teilnehmer werden befragt und wie lange dauert das Projekt?
Keller: Wir wollen in Deutschland und in den USA jeweils 700 Leute befragen. Mit den Fragen wollen wir kirchlich engagierte Menschen ebenso ­erreichen wie Menschen, die den ­Kirchen fern stehen. Auch Anhänger anderer Religionen wie beispielsweise Muslime sollen einbezogen werden.
Der Fragebogen wird bis März im Internet stehen, es gibt ihn aber auch auf Papier. Mit ausgewählten Teilnehmern wollen wir dann Gespräche führen. Das Projekt hat eine Laufzeit bis Ende des Jahres 2012.

Bei Ihrer vorhergehenden Befragung haben sich viele Menschen »mehr spirituell als religiös« bezeichnet. Was bedeutet das?

Keller: Spirituell ist ein schillernder Begriff. Einige verwenden den Begriff, um sich von organisierter Religiosität abzugrenzen und um darauf hinzuweisen, dass sie nicht institutionell gebunden sind. Es gibt aber auch Leute, die für sich in Anspruch nehmen, dass sie sowohl gläubig als auch spirituell sind.
In den englischsprachigen Ländern gibt es die steile Hypothese, dass wir uns auf dem Weg zu einer postchristlichen Spiritualität befinden. Damit ist gemeint, dass die Menschen nicht mehr an ­einen persönlichen Gott glauben, sondern an eine Art höhere Macht oder Kraft. Dazu gehört auch eine Distanzierung nicht nur allein von Kirchen als Institutionen, sondern auch von christlichen Glaubensvorstellungen. Die Menschen setzen sich einerseits davon ab, haben aber trotzdem Vorstellungen eines Glaubens. Die These von der postchristlichen Spiritualität hat ihre Fans, aber auch ihre Gegner.

Welche Unterschiede in der Frömmigkeit vermuten Sie zwischen Deutschland und den USA?
Keller: Wir vermuten, dass ein jugendlicher Amerikaner und ein älterer Katholik in Deutschland von etwas ganz anderem sprechen, wenn sie sich als spirituell bezeichnen. Genau das wollen wir erforschen. Die religiösen Landschaften in beiden Ländern sind sehr unterschiedlich. In den USA glauben Umfragen zufolge rund 90 Prozent an Gott. In Deutschland ist das Feld aufgeteilt zu je einem Drittel in protestantisch, katholisch und konfessionslos. Auch der Grad der Organisiertheit ist in den USA anders, dort sind die Kirchen weniger staatsnah verwaltet, sondern selbstständiger organisiert.

Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach Religiosität in Deutschland entwickeln?

Keller: Wir können heute mit Sicherheit sagen, dass die These von einer zunehmenden Säkularisierung nicht stimmt. Es ist nicht so, dass wir uns hin zu mehr Rationalität entwickeln und dabei die Religion hinter uns lassen. Es zeichnet sich der Trend ab, dass mehr Unterschiedliches zugleich zugänglich ist. Wer heute in den Kindergarten oder in die Schule kommt, hat mit gleichaltrigen Muslimen um sich herum zu tun. Da kommt es schon früh zu Kontakten zwischen Menschen mit verschiedenen Religionen.
Eine weitere Sicht ist, dass die Menschen sich ihren eigenen Glauben zunehmend aus unterschiedlichen Quellen zusammenstellen – eine Art individuelle »Patchwork«-Religion. Davon ist auch die Kirche betroffen: beispielsweise Priester, die sich mit Zen-Buddhismus befassen. Dass Mehreres wie auf einem religiösen Markt gleichzeitig verfügbar ist, das ist eine neue Situation.

Teilnehmer für die Studie gesucht

In dem gemeinsamen Projekt der Universität Bielefeld mit der University of Tennessee at Chattanooga in den USA wollen die Wissenschaftler der Frage nachgehen, was gläubige wie nichtgläubige Menschen in den USA und in Deutschland mit den Begriffen Religiosität und Spiritualität verbinden. Dabei soll auch der Zusammenhang von erlebter Spiritualität und eigener Biografie beleuchtet werden. In einem vorherigen Projekt (Bielefelder kulturvergleichende Dekonversionsstudie) ging es um die Hintergründe, warum Menschen ihrer Religionsgemeinschaft den Rücken gekehrt haben.

Für das Projekt zur Erforschung der Spiritualität werden deutschlandweit noch Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesucht.

Der Fragebogen und weitere Informationen sind im Internet zu finden oder über die Telefonnummer (0521) 1063261 zu erhalten.

www.uni-bielefeld.de/spiritualitaet

»Die Hauptsache ist der Effekt«

8. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Karikatur: NEL

Karikatur: NEL


 

Wie ­medien- und öffentlichkeitswirksam soll die Kirche sein? Braucht sie Events?

 
Dazu ein mit spitzer Feder geschriebener Beitrag von Friedrich Schorlemmer.

Der Kirche fehlt’s an Zulauf. Jetzt meint mancher, wir müssten mehr pressetaugliche Tabubrüche wagen, statt immer das blasse »mehr Vertrauen« zu wagen. Es muss etwas sein, woran die Presse einfach nicht vorbei kann. Also brauchen wir Bilder und Menge. Events eben, die die Massen erreichen. Wie sang zu meinen Kindertagen im Wirtshaus im Spessart das Duo Müller/Neuss: »Die Hauptsache, Hauptsache ist der Effekt.«

Nur der Erfolg gilt. Ergo wird in ­Luthers Taufkirche in Eisleben aufwendig eine Ganz-Körper-Taufgrube ausgehoben. Da muss der Pfarrer/die Pfarrerin mit ins Nass, wie sonst? Aber in welchem liturgischen Outlook? Ein treffliches Thema für ökumenischen Austausch mit den Baptisten. Ich frag aber: Warum nicht lieber in den Whirlpool gehen, wo das gemeine, so entchristlichte Volk sowieso ist. Also, endlich von der Komm- zur Gehkirche gelangen! Doch: Äußerste Vorsicht ist geboten bei ungeübter Ganz-Körper-Taufe: dass daraus kein Waterboarding mit lebenslangem Tauchtrauma wird!

Das Eventstadel Wittenberg mach­te es 2010 vor: 800 Leute standen am 2. September um 17.00 Uhr hinter einer kleinen, putzigen Luther-Kunststoff-Figur. Sie wussten und sagten ­indes nicht, wofür sie standen, außer für ein Foto. Und für Masse eben. ­Jedem sein klein Lutherlein. Und der Superintendent versprach als Strafe für seine verlorene Wette Würstchen für einen guten Zweck auszugeben. Da wird die Kirche doch endlich einmal volkswürstlich.

Und 800 Leute, das gibt es sonst doch nur zu Heiligabend. Ließe sich nicht der Heilige Abend noch aufpeppen? Also: süßer die Flocken nie klingeln, während Zuckerwattenschnee von den Emporen geschüttet wird. So süüüße Weihnacht. Vielleicht auch noch ein Leuchtfeuer, eine 20 Meter hohe Kerze mit einem Durchmesser von einem Meter.

Wenn man für Ostern keinen von den so populären Osterhasen zur Verfügung hat, so würden’s doch auch kuschlige Kaninchen tun, die man zum Ostergottesdienst mitbringen darf. Das zentrale Himmelfahrtsevent würde fortan von Cap Canaveral aus ökumenisch angeboten. Mit Public Viewing bis in jedes Nest. Also die Auffahrt in den blauen Himmel bei Bier und Brause. Wetten, dass die Leute kämen? Zumal Blau-Sein bei Himmelfahrt schon lange populär ist.

In den Kirchtürmen allüberall sollte man Taubenschläge einrichten und in der Nacht vor Pfingsten diese Kirchentauben einfangen und in das Kirchenschiff entlassen. Mal sehen, auf wessen Kopf sie sich setzen, jene Symbole für den Heiligen Geist. Zum Festgottesdienst wird zudem ein echter Pfingstochse durch den Mittelgang geführt. Der Pfarrer folgt, die Gemeinde steht auf. Es bleibt unentscheidbar, vor wem sie aufstehen.

Erotik-Shows haben sich ja bereits bewährt. Da kommen die Leute aller Generationen! Denn wir sind doch nicht mehr prüde. Und hatte es David nicht mit den Weibern gehabt? Und wie war es mit Jesus und dem Lieblingsjünger, ja mit der treuen Maria-Magdalena und ihren schönen langen Haaren? Der sexuell verklemmte Paulus hat uns wirkungsgeschichtlich den Weg in die griechische Liebesgöttinnen-Welt versperrt – samt allem Dionysischen. Also weg damit! Wir sind doch auch sexy als Kirche. Nicht nur Berlin.

Der Reformationstag fände künftig als Nacht-Licht-Show mit überall gruseliger Faszination statt, wenn die erleuchteten Kürbisköpfe aus den Grüften steigen und singen: »Alles vorbei, Tom Dooley, morgen da bist du tot. Trinke noch einen Whisky …« Das Schimpfen gegen Halloween bringt doch nichts. Wir müssen das assimilieren. (Die ganze Kirchengeschichte ist voll von Assimilationen des Heidnischen und der Volksbräuche!)

Eine Kunstaktion auf der Wartburg brächte sicheren Zulauf: Tintenfass-Wettwerfen auf den Teufel vor weißer Leinwand und Versteigerung der entstandenen Kunstprodukte für einen guten Zweck (diesmal ohne Würstchen). Und wer genauer wissen will, wie es in Luthers Bauch ausgesehen hat, der esse eine Woche lang lediglich (nicht ganz gare) Hülsenfrüchte und verstehe sodann besser, wieso Luther auf die Idee kommen konnte, dem Teufel, diesem Tausendkünstler-Tausendsassa, jenem Diabolus, dem geschickten Durcheinanderbringer des Glaubens, notfalls auch mit einem Furz abzuweisen. Das waren Zeiten, als diese noch so richtig rochen …

Also, an jedem Sonntag ließe sich ein (durchaus wiederholbarer, also traditionsbildender) massenanlockender Gag finden. Bevor sich das alles durchgesetzt hat: ab nach Eisleben zur Ganz-Körper-(Wieder)-Taufe. Zum Taufevent.
Nun aber mal ganz im Ernst: Das alles ist die Not-Taufe einer Kirche, die ihrer Sache nicht mehr traut. Wo die Kirche sich populistisch den Events unterwirft, kommt sie theologisch auf den Hund. Wo sie freilich weiterhin nur theologische Richtigkeiten verbreitet, aber das Emotionale, das Anschauliche, das Sinnliche, das Spielerische, das Symbolische versäumt, da erkaltet sie und erreicht den Menschen nicht – weder äußerlich, noch im Innersten. Sie wird lehrreich, aber leer. Doch das Medium muss der ­Sache dienen und ihr angemessen bleiben. Alles andere ist Verrat an der Sache, der durch den Erfolg nicht ­gerechtfertigt werden kann. Das Verfremdete, das Gestaltete, auch Aufrüttelnde hat seinen Platz in der Kirche, die vom kreativen Überschuss, von überzeugten und begeisterten Menschen lebt, die gerne ­anderen das Evangelium auf vielerlei Weise nahebringen wollen. Und wenn Gott keinen Humor hätte, würde selbst ER ­unglücklich.

Eine Kirche, die populistisch & eventig wird, treibt mit dem guten ­Geschmack auch das aus, »was uns unbedingt angeht«. Martin Luther war bekanntlich die Taufe unendlich wichtig. Immer wenn er in tiefe Selbstzweifel kam sagte er sich: »Ich bin getauft.« Ich bin in Christus eingetaucht, von ihm bestimmt und erlöst. Aber nun Luthers Taufkirche so hervorzuheben, dass man Taufe zu einem Eislebener Luthertaufkirchenevent macht, widerspräche ganz und gar seinen Anliegen, nicht zuletzt unserer seit Jahrzehnten mit guten Gründen geübten Praxis, die Taufe innerhalb des Gottesdienstes in der Ortsgemeinde zu vollziehen. In der Ortsgemeinde!

Heilig, heilig, heilig ist Gott

7. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Annalena Kühne aus Erfurt

 

Für Annalena Kühne waren die ­Begegnungen mit Christen wichtig. Sie haben ihr Interesse am Glauben geweckt.  Foto: Sabine Kuschel

Für Annalena Kühne waren die ­Begegnungen mit Christen wichtig. Sie haben ihr Interesse am Glauben geweckt. Foto: Sabine Kuschel

Annalena Kühne (21) wuchs in ­Coburg mit sechs Geschwistern auf. Sie wurde als Kind getauft, nahm am Religionsunterricht teil und ließ sich konfirmieren. Doch mit ihrem Leben habe das ­alles wenig zu tun gehabt, sagt sie rückblickend. Sie sei zwar in die Kirche gegangen, doch diese Kontakte bezeichnet sie als oberflächlich, ohne Bedeutung für ihren Alltag. In den Glauben hineingewachsen sei sie erst später, einige Zeit nach ihrer Konfirmation. Für sie waren es die Begegnungen mit Menschen, die ihr Interesse am Glauben und christlichen Leben geweckt haben. »Ich habe Menschen kennengelernt, die lebendig glauben.« Und die sie geprägt haben.

Vor allem ist ihr der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) zu einer Heimat geworden. Bereits in Bayern erlebte sie eine spannende Konfirmandenarbeit, sodass der Jugendverband Teil ihres Lebens geworden ist. Als Annalena Kühne im August 2009 nach Erfurt kam, um hier ihr Fachabitur zu machen, suchte sie den »check point jesus« auf, ein Projekt des CVJM Thüringen. Hier treffen sich regelmäßig 30 bis 50 Leute im Alter von Null bis 60 Jahren, Kinder und Jugendliche, Studenten und Familien.

Am Sonntagabend wird 18 Uhr zu einem Gottesdienst für Ausgeschlafene eingeladen. In der Woche besucht Annalena Kühne einen Hauskreis, der viel Gelegenheit für persönliche Gespräche und Begegnungen bietet. Einmal wird ein Thema ausführlich behandelt, in der nächsten Woche fällt die thematische Arbeit kürzer aus, damit Zeit zum Kochen bleibt. »Es ist familiär und das Reden über geistliche Fragen ist möglich.« Jeder und jede weiß viel vom Anderen.

»Ich war immer willkommen«, sagt die junge Frau über die Veranstaltungen des Jugendverbandes. In der Gemeinschaft mit anderen habe sie ihre Fähigkeiten und Gaben entdecken und weiterentwickeln können. Nach ihrem Abitur in diesem Jahr will sie für 18 Monate nach Kolumbien gehen und sich dort in der Kinder- und Jugendarbeit engagieren.

Was hat sich verändert, seitdem Annalena Kühne ihren christlichen Glauben vom Sonntagsgottesdienst mit in den Alltag nimmt? Wie wirkt sich ihre Geisteshaltung auf ihr Leben aus?

»Ich gehe mit mir selbst menschlich um, nicht zu hart. Ich fühle mich wertgeschätzt.« Das hat Auswirkungen auf die Beziehungen zu ihren Mitmenschen. »Ich frage mich oft: War es gut, wie ich gehandelt habe? Habe ich jemanden verletzt?« Doch sie weiß auch: »Wenn ich ein Problem habe, muss ich mir keine Platte machen, sondern ich kann dann beten.«

Ihr Glaube habe auch ihr Verhältnis zur Umwelt verändert. »Ich nehme sie anders wahr, bewusster, genieße es, draußen in der Natur zu sein.« Im Haushalt bevorzugt sie Bio und fair gehandelte Produkte.

Sie sagt, sie lebt in der Gewissheit, dass der Mensch ein begnadetes ­Geschöpf ist. »Ich weiß, dass nichts umsonst ist, was ich tue.« Sie hofft auf die Ewigkeit, darauf, dass das Leben nach dem Tod weitergeht. Sie sagt: »Ich möchte dann vor den Schöpfer treten und singen: Heilig, heilig, heilig ist Gott.«

Sabine Kuschel

Taufzentrum oder Eventkirche?

6. Januar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Taufbecken Eisleber Petrikirche

In dem Kreis, in dem Pfarrerin Simone Carstens-Kant steht, soll das Taufbecken seinen Platz finden. Foto: Jürgen Lukaschek


 

Um das geplante »Zentrum Taufe« in der Eislebener Petrikirche gibt es Streit

 
Genau hier«, sagt Pfarrerin Simone Carstens-Kant und deutet auf den Fußboden, »soll das Taufbecken seinen Platz finden.« Dort, wo jetzt noch die rotbraunen Fliesen aus der letzten Sanierung in den 1980er Jahren liegen, soll nach dem Willen der Verantwortlichen eine besonders gestaltete Betonplatte gegossen werden, in die ein 1,35 Meter tiefes Becken eingelassen ist. Was auf den ­ersten Blick für eine evangelische Kirche ungewöhnlich erscheint, erschließt sich anhand des Modells, das in unmittelbarer Nähe steht. Das geplante »Zentrum Taufe« solle sich für alle Praktiken der Taufe wie Übergießen, Eintauchen und Untertauchen eignen, erklärt die Pfarrerin, die im Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda eine Projektstelle für die Reformationsdekade innehat.

Die Auswahl des Ortes für das bundesweit einmalige Vorhaben kommt nicht von ungefähr. Eisleben ist Geburts- und Sterbeort von Martin Luther. Hier wurde er am 11. November 1483, einen Tag nach seiner Geburt, in der Petri-Pauli-Kirche getauft. »Erst vor zwei Jahren haben wir an das 525. Jubiläum der Taufe des Reformators erinnert«, erzählt Dorothee Prohl vom Gemeindekirchenrat. Auch sein Taufstein solle natürlich mit in das Zentrum integriert werden.

Ohnehin gibt es die Pläne für die zusätzliche Nutzung der Kirche schon länger. Da die relativ kleine Gemeinde mit rund 1000 Seelen über drei gotische Kirchengebäude verfügt, musste eine Konzeption her, erinnert sich die Kirchenälteste. Als Predigtkirche ist die Andreaskirche am Markt gesetzt. Die Nikolaikirche wurde baupolizeilich gesperrt. »Auch deshalb gab es Überlegungen, sich bei der Petrikirche ganz auf das Thema Taufe zu konzentrieren«, erzählt Dorothee Prohl.

Fünf Architekturbüros beteiligten sich schließlich an einem begrenzten Wettbewerb im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Sachsen-Anhalt. Im August gab eine Jury aus Fachleuten eine Empfehlung ab. Mit der Umsetzung der Pläne wurde das Berliner Büro »AFF Architekten« beauftragt.

Am 10. Januar fällt nun der Startschuss für die vorausgehende Innensanierung der spätgotischen Hallenkirche. Gefördert wird das 1,8 Millionen Euro teure Projekt unter anderem durch Mittel aus dem Konjunkturpaket II und aus dem Investitionsprogramm Nationale UNESCO-Welterbestätten. Bis zum Februar 2012 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Nach den Plänen des Architekten wird die Taufkirche Luthers – ganz im Sinne der wechselseitigen Anerkennung der Taufe aus dem Jahr 2007 – dann zum ökumenischen Taufzentrum, das nicht nur evangelischen Besuchern, sondern allen Christen sowie Pilgern und Touristen offen steht. Künftig könnten etwa Besucher zu besonderen Tauferinnerungsfeiern nach Eisleben kommen, hofft Gemeindepfarrerin Iris Hellmich.

Auch Taufen von Auswärtigen sollen möglich sein. Zudem gebe es bei Erwachsenentaufen in der evangelischen Kirche verstärkt das Bestreben, die Taufe wirklich zu erfahren, hat sie beobachtet und verweist auf die beliebten Fluss- oder Seetaufen. Durch das Taufbecken in der Petrikirche könne künftig auch den Bedürfnissen entsprochen werden, die Taufe durch Untertauchen vorzunehmen.

Doch diese Pläne stoßen nicht nur auf Gegenliebe. In der Gemeinde regt sich seit geraumer Zeit Widerstand. Aufgebrachte Gemeindeglieder sammeln Unterschriften, um das Vorhaben zu ­verhindern. Vor allem das in den Boden eingelassene Taufbecken stößt auf massive Kritik. Dies sei ein »unverantwortlicher, schädigender Eingriff« in die Bausubstanz eines denkmalgeschützten Kirchengebäudes, empört sich Fritz Bohn.

Er werde bis zum Schluss gegen die ­Umsetzung des Projektes kämpfen, sagt er als engagiertes Gemeindeglied. Notwendig seien stattdessen eine Dachsanierung und der Erhalt der Kirche in ­ihrer bisherigen Form. Andere Kritiker warnen aus theologischen Gründen vor einem »schädlichen Tauftourismus« oder befürchten die Umwandlung der altehrwürdigen Petrikirche in eine »Eventkirche«.

Solche Bedenken sind aus Sicht der Verantwortlichen ­jedoch unbegründet. So sei ­keineswegs vorgesehen, dass die Taufkirche Luthers künftig alleinige Taufkirche im Protestantismus werde, beruhigt Simone Carstens-Kant. Vielmehr sollten hier neue Formen der Tauferinnerung ausgelotet werden. Es gehe auch nicht um Effekthascherei, ergänzt Dorothee Prohl. Der Gemeindekirchenrat habe sich jedenfalls einstimmig für das Projekt ausgesprochen.

Die zuständige Pfarrerin geht sogar ­einen Schritt weiter. Natürlich gehöre die Taufe in die jeweilige Gemeinde, findet Iris Hellmich. Das Taufzentrum wolle und werde die evangelische Kirchenordnung hier nicht aushebeln. »Aber«, fügt sie im Blick auf die Kritiker hinzu, »wir müssen uns in der Kirche schon fragen, ob wir nicht manchmal zu sehr eine geschlossene Gesellschaft sind.«

Martin Hanusch