Staatsknete für die Kirchen?

31. Dezember 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor einigen Wochen stellte der Kirchenkritiker Carsten Frerk sein neues »Violettbuch Kirchenfinanzen« vor. Die Kirchenzeitung sprach darüber mit dem Finanzchef der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Thomas Begrich.
Thomas Begrich ist Abteilungsleiter Finanzen im Kirchenamt der EKD. (Foto: epd-bild)

Thomas Begrich ist Abteilungsleiter Finanzen im Kirchenamt der EKD. (Foto: epd-bild)

19 Milliarden Euro sollen die Kirchen direkt und indirekt jährlich vom Staat erhalten. »Violettbuch Kirchenfinanzen« – sieht ein Finanzchef der Kirche bei diesem Buch »Rot«?
Begrich: Nein. Aber es stimmt einfach nicht. Frerks Berechnungen sind manchmal geradezu Luftnummern. Es geht ihm wohl auch gar nicht um Zahlen als vielmehr um deren Deutung. Der Autor hat zwei Zitate vorangestellt: »Religion gilt dem gemeinen Manne als wahr, dem Weisen als falsch und dem Herrschenden als nützlich.« (Seneca) Und: »Die hohe reich dotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung der unteren Massen.« (Johann Wolfgang von Goethe) Damit ist deutlich: Das ist eine Streitschrift und kein Sachbuch.

Zur Sache: Drei Milliarden Euro »Einnahmeverzicht« aus Steuern sollen laut Frerk beispielsweise den Kirchen zugutekommen …

Begrich: Der Staat verzichtet auf Einnahmen, weil die Kirchensteuer als Sonderausgabe absetzbar ist. Aber dieses Geld bekommen natürlich nicht die Kirchen, sondern die Bürger! Sie zahlen weniger Steuern, weil sie die Kirchen unterstützen. Der Staat geht dabei davon aus, dass es der ­Gemeinschaft dient, wenn man die Kirche finanziell unterstützt. Genauso wie Spenden für gemeinnützige Organisationen bis 20 Prozent des Gesamtbetrages der Einkünfte steuermindernd geltend gemacht werden können, gilt das denn auch für die Kirchensteuer. Übrigens: Ein Volumen von 20 Prozent der Einkünfte erreicht die gezahlte Kirchensteuer nicht einmal ansatzweise – es sind durchschnittlich rund ein Prozent (maximal drei Prozent).

Aber die Kirchen sparen angeblich allein 1,8 Milliarden Euro, weil der Staat ihnen die Kirchensteuern eintreibt …
Begrich: Der Betrag ist zum einen spekulativ, spielt aber zum anderen auch gar keine Rolle. Denn die Kirchen vergüten den Kirchensteuereinzug mit zwei bis vier Prozent des Gesamtaufkommens der Kirchensteuer. Der Staat erhält deutlich mehr, als es ihn kostet. Für die Kirchen ist das in der Tat dennoch kostengünstig, aber dies als eine Finanzierung der Kirchen durch den Staat zu bezeichnen ist schon ziemlich kühn!

Aber unstrittig ist doch, dass die öffentliche Hand beispielsweise kirchliche Kindergärten mitfinanziert. 3,8 Milliarden sollen es pro Jahr sein?
Begrich: Die evangelische Kirche geht für ihren Bereich von deutlich weniger, etwa 1,3 Milliarden Euro, aus. An diesem Beispiel erkennt man das Prinzip des Buches, es verwechselt Anlass und Ziel: Der Staat finanziert da doch nicht die Kirchen, sondern die Kinder! Die Kirchen erhalten diese Mittel doch nicht, weil sie Kirchen sind, sondern weil sie für die Gesellschaft eine Dienstleistung erbringen, zu der sie obendrein von ihren eigenen Mitteln noch gut 20 Prozent beisteuern. Täten sie es nicht, müsste der Staat selbst alle Kindergärten unterhalten und dann wäre es für ihn obendrein teurer, weil ja die kirchlichen ­Eigenanteile wegfielen. Und gefördert werden natürlich nicht nur die Kirchen, sondern viele andere freie Träger, wie etwa die Arbeiterwohlfahrt, das Rote Kreuz. Ähnliches gilt übrigens auch für die Freien Schulen!

Aber warum muss der Staat die theologische Ausbildung an den Universitäten bezahlen?

Begrich: Er zahlt auch die Ausbildung für die Wirtschaft, für die Verwaltungen, für die Musiker, die Germanisten. Es ist eine staatliche Aufgabe, Bildung zu ermöglichen und zu finanzieren. Warum für die Kirchen nicht? Nur weil Herr Frerk und seine Freunde die Wissenschaftlichkeit der theologischen Wissenschaft bestreiten? Kaum ein ausreichender Grund.

Und was ist mit den 270 Millionen an Staatsknete, die die Kirchen für ihre Auslandsarbeit bekommen?

Begrich: Das zahlt der Staat doch nicht für die Kirchen, sondern er fördert die damit bestrittenen Maßnahmen, nämlich Entwicklungshilfe oder Katastrophenhilfe. Es sind die Kirchen, die hier dem Staat helfen, seine internationalen Verpflichtungen zu erfüllen und die natürlich ebenfalls viel dazu beisteuern: allein die evangelische Kirche mit gut 50 Millionen Euro aus eigenen Mitteln, dazu kommen noch die gut 90 Millionen Euro Spenden von »Brot für die Welt«. Übrigens: Auch wenn es oft Missionswerke sind, die tätig werden – es gehört zum international anerkannten Kodex, Mission und Hilfe nicht zu vermischen. Und daran halten wir uns.

Also alle Vorwürfe falsch?
Begrich: Die Schlussfolgerungen, ja. Kirche ist Teil dieser Gesellschaft. Sie ist in ihr und für sie und ihre Bürger tätig. Und zumindest die Mehrheit dieser Gesellschaft will das auch so, es nützt ihr und es bringt dem Staat Vorteile, durchaus auch finanzielle. Unsere Gesellschaft lebt vom Tun der Vielen. Subsidiarität wird das genannt. Ein Grundprinzip der Demokratie. Wer dies nicht will, muss sich fragen lassen, was für eine Demokratie er will.

Buchhinweis:
Frerk, Carsten: Violettbuch Kirchenfinanzen. Wie der Staat die Kirchen finanziert,
Verlag Alibri, 2010, 270 Seiten, ISBN 978-3-86569-039-5, 16 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161
Weitere Informationen

zum Thema Kirche und Finanzen im Internet unter: www.kirchenfinanzen.de

Paradigmenwechsel zum Jubiläum

30. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Das Leipziger Missionswerk feiert 2011 sein 175-jähriges Bestehen.
 

logo-lmwZum Jubiläum gibt es einen Paradigmenwechsel: Mit dem Inder Christian Samraj wird 2011 zum ersten Mal ein Theologe aus einer Partnerkirche eine Referentenstelle im Evangelisch-Lutherischen Missionswerk Leipzig (LMW) übernehmen.

»Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass wir auch einen ökumenischen Mitarbeiter im Team haben«, sagte der Geschäftsführer des Missionswerks, Martin Habelt. Samraj, der seine Stelle am 1. Februar antreten wird, werde dafür Sorge tragen, dass »wir im Haus immer auch die Stimme der Partnerkirche mit am Tisch haben«.

Auch die übrigen derzeit vakanten Stellen des Missionswerkes werden zügig besetzt: Am 15. Januar tritt mit dem aus der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) stammenden Pfarrer Tobias Krüger ein neuer Tansania-Referent seinen Dienst an, und die nach dem Ausscheiden von Michael Hanfstängl vakante Direktorenstelle ist derzeit ausgeschrieben.

Damit geht das Leipziger Missionswerk gestärkt in sein 175. Jubiläum: 1836 wurde das Werk in Dresden gegründet, seit 1848 ist es in Leipzig ­ansässig. Heute wird das Hilfswerk von drei Landeskirchen getragen: der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs.

Im Auftrag dieser Kirchen nimmt das Leipziger Missionswerk Beziehungen zur Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Indien, zur Evangelisch-Lutherischen Kirche Tansanias und zur Evangelisch-Lutherischen Kirche Papua-Neuguineas wahr. Unterstützt werden theologische Ausbildungsstätten ebenso wie Projekte zur Malaria- und AIDS-Bekämpfung im Rahmen des kirchlichen Gesundheitswesens.

Doch im Jubiläumsjahr kommen Sparmaßnahmen auf das LMW zu: Im Zuge der Bildung einer »Evangelischen Kirche im Norden«, die zu Pfingsten 2012 aus den Landeskirchen Pommerns, Mecklenburgs und Nordelbiens entstehen soll, wird die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs Ende 2011 ihre Zusammenarbeit mit dem Leipziger Missionswerk beenden, und sich dem nordelbischen Missionswerk in Breklum anschließen. Denn eine fusionierte Landeskirche soll auch ein gemeinsames Missionswerk haben, meint man im Norden. Den Leipzigern allerdings werden dadurch ab 2012 Zuweisungen in Höhe von rund 138.000 Euro fehlen, prognostiziert Habelt. Insgesamt beträgt der Haushalt des Missionswerks rund 1,8 Millionen Euro.

»Da kann man sich ­ausrechnen, dass wir gegensteuern müssen.« Zwar sollen alle noch bestehenden Arbeitsbereiche des Missionswerks erhalten bleiben. Aber auf den berühmten Rotstift kommt in Leipzig 2011 dennoch einiges an ­Arbeit zu.

Unabhängig davon soll der 175. Geburtstag des Missionswerks natürlich gebührend gefeiert werden: Vom 1. bis 3. Juli ist ein Jubiläumsfest in Leipzig geplant. Höhepunkt werde ein Festgottesdienst mit dem stellvertretenden Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Sachsens Landesbischof Jochen Bohl, sein, zu dem auch die Bischöfe der Partnerkirchen aus Tansania, Indien und Papua-Neuguinea erwartet werden.

Und schon am 2. Januar wird in der Brüderkirche im thüringischen ­Altenburg eine kleine Jubiläumsausstellung des LMW eröffnet, die das ganze Jahr über durch die Trägerkirchen des LMW touren soll.

Benjamin Lassiwe

Höhepunkte im Jubiläumsjahr

  • 25. Januar: Auftaktveranstaltung in den Frankeschen Stiftungen Halle ­unter dem Motto »Es beginnt in Indien«.
  • 6. bis 8. Mai: Eine Tagung in der Evangelischen Akademie Meißen stellt sich der Frage, warum die aus der europäischen Missionsarbeit entstandenen Kirchen des Südens heute in ihrer missionarischen Kraft den Kirchen des Nordens überlegen sind.
  • 1. bis 5. Juni: Beim Evangelischen Kirchentag in Dresden wird sich das ­Leipziger Missionswerk auf dem Abend der Begegnung und dem Markt der Möglichkeiten präsentieren. Außerdem lädt das Werk am 3. Juni um 16.30 Uhr zu einem Gottesdienst in die Annenkirche.
  • 1. bis 3. Juli: Unter dem Motto »Mission: teilen verbindet« wird in Leipzig mit verschiedenen Veranstaltungen das 175. Jahresfest gefeiert.

»Ich bin ein neuer Mensch geworden«

30. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Wie Menschen zum Glauben kommen – zum Beispiel Kerstin Härtel aus Leipzig
 
Vor mehr als einem Jahr ließ Kerstin Härtel sich taufen. (Foto: Sabine Kuschel)

Vor mehr als einem Jahr ließ Kerstin Härtel sich taufen. (Foto: Sabine Kuschel)

Ein neuer Mensch werden! Für das Neugeborenwerden des Menschen gibt es ein uraltes Ritual: das vollständige Unterwassertauchen bei der Taufe, das vornehmlich in Freikirchen praktiziert wird. Vor einiger Zeit hat Kerstin Härtel eine Fernsehsendung unter anderem über diese Taufpraxis gesehen und ist davon beeindruckt. »Weil man beim Untertauchen das Sterben des bisherigen Menschen bewusster erlebt.« Die 49-jährige Mutter eines erwachsenen Sohnes ließ sich vor reichlich einem Jahr, im Dezember 2009, nach einem Glaubenskurs in Leipzig taufen. Sie bedauert ­etwas, dass sie bei ihrer Taufe dieses Neuwerden beim Auftauchen aus dem Wasser nicht so bewusst erleben konnte. Dennoch: »Ich bin ein neuer Mensch geworden«, betont sie.

Der Wunsch danach war lange Zeit tief in ihr vergraben. Viel ist geschehen, bevor sich diese Sehnsucht ihren Weg ins Bewusstsein gebahnt hat, um vehement ihr Recht einzufordern.

In Kerstin Härtels Leben gibt es einige Annäherungen an das Christentum, auch berührende Begegnungen. »Der christliche Glauben hat mich immer interessiert. Schon als Kind. Ich fühlte mich hingezogen zu Kindern, die die Christenlehre besuchten. Ich bin heimlich hingegangen«, erzählt sie. Doch dann meinte der Pfarrer: »Wenn du regelmäßig zur Christenlehre kommst, müssen wir das deinen Eltern sagen, sie müssen das wissen.« Damit war die kurze Liaison zu Ende. Ihre Mutter sei zwar kirchlich, der Vater nicht.

Später lernte sie ihren Mann kennen, der einer freikirchlichen Gemeinde angehörte. Beeindruckt war sie von der Frömmigkeit seiner Großmutter, die Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlte. »Sie war eine besondere Frau, eine ganz einfache. Ich habe gespürt, dass da etwas ist.«
Dass ihr Mann zu einer Freikirche gehörte, passte ihren Eltern nicht.

»Sie haben damit Negatives in Verbindung gebracht. Ich musste immer schlichten.« Irgendwann hat sie den Kontakt zu ihrem Elternhaus abgebrochen. Auch die Distanz zur Gemeinde wurde immer größer. Als sie später an diese Verbindung wieder anknüpfen wollte, war das Interesse bei ihrem Mann erloschen. »Er hat viel gearbeitet.« Und sie alle ihre Wünsche zurückgestellt. »Ich war verschlossen und unsicher. Ich konnte mich nicht mitteilen, nicht einmal sagen, welche Musik mir gefällt.«

2009 erkrankte Kerstin Härtel an Krebs. Bevor sie zur Operation ins Krankenhaus ging, nahm sie sich zu Hause zwei Wochen Zeit, um mit dem niederschmetternden Befund fertig zu werden. Stück für Stück sei ihr klar ­geworden, dass sie ihr Leben ändern müsse.

»Die 14 Tage haben mir viel gegeben. Danach ist viel mit mir passiert.« Nie habe sie mit ihrer Krankheit gehadert. Vielmehr sei sie dankbar, dass mit ihr ihre Sehnsucht nach einem neuen Leben erwacht war. »Ich bin froh, dass alles so gekommen ist. Ich hatte immer Angst, habe mir nichts zugetraut.«

Während sie sich erholte, wuchs auch der Wunsch nach einem Halt im Glauben. Ihr Mann ermutigte sie dabei. Seine Worte waren eindringlich: »Wenn du das jetzt nicht machst, wann dann? Wovor willst du denn jetzt noch Angst haben?«, fragte er sie. Und er versicherte: »Wir machen das gemeinsam.«

Sie besuchten Gottesdienste in verschiedenen Kirchen. Gut gefallen hat es ihnen in der lutherischen Gemeinde in ihrem Leipziger Wohnbezirk. Der Glaubenskurs, an dem sie teilnahm, sei für sie eine Lebensschule gewesen. »Ich bin ein neuer Mensch geworden.« In vielerlei Hinsicht hat sich ihr Leben geändert, auch die Beziehung zu ihrem Mann. Die Eheleute verstehen sich viel besser. »Früher habe ich meistens mit meinem Sohn geredet. Heute kann ich über alles mit meinem Mann reden.« Am liebsten würden sie noch die kirchliche Trauung nachholen, die damals als sie heirateten nicht infrage kam.

30 Jahre war Kerstin Härtel mit ihren Eltern verkracht. Eines Tages spürte sie das unwiderstehliche Verlangen, sie wiederzusehen. Gemeinsam mit ihrem Mann fuhren sie zu ihnen und versöhnten sich miteinander.

Nachdem Kerstin Härtel 2009 operiert worden war und eine Chemo­therapie bekam, war sie ein halbes Jahr ohne Befund. Dann wurde erneut Krebs festgestellt. Einer Chemo­therapie will sie aber nicht noch einmal zustimmen. Stattdessen vertraut sie alternativmedizinischen Methoden, unter anderem der Homöopathie. Sie und ihr Mann haben die Ernährung umgestellt. Sie hofft ganz fest auf Heilung und vertraut dabei auch dem Gebet.

Sie ist sich bewusst: »Ich habe dem Tod ins Auge geblickt.« Und sie ist froh, durch die Krankheit zu der Überzeugung gefunden zu haben, dass »die Seele nicht verlorengeht, sondern weiterlebt. »Also brauche ich keine Angst zu haben vor dem Tod.«

Sabine Kuschel

Das Jahr der Rücktritte

27. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Sie gab dem deutschen Protestantismus ein unvergleichliches Gesicht und schreckte vor deutlichen Worten nicht zurück: die hannoversche Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann. Am 30. Mai predigte sie erstmals nach ihrem Rücktritt als Bischöfin in der Marktkirche von Hannover. (Foto: epd-bild/Jens Schulze)

Sie gab dem deutschen Protestantismus ein unvergleichliches Gesicht und schreckte vor deutlichen Worten nicht zurück: die hannoversche Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann. Am 30. Mai predigte sie erstmals nach ihrem Rücktritt als Bischöfin in der Marktkirche von Hannover. (Foto: epd-bild/Jens Schulze)


Selten gab es so viele ­spektakuläre Rücktritte aus öffentlichen Ämtern wie im zurückliegenden Jahr. Und schon gar nicht in den Kirchen.

 

Nicht nur politische Amtsträger wie Bundespräsident Horst Köhler, Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust oder Hessens Ministerpräsident Roland Koch sorgten mit ihren Rücktritten im Jahr 2010 in Deutschland für Wirbel in den Medien.

Auch vier hochrangige Kirchenleute – drei Bischöfe aus beiden großen Kirchen – gaben aus höchst unterschiedlichen Gründen ihr Amt auf: Margot Käßmann, Maria Jepsen sowie Walter Mixa. Und mit Diakonie-Chef Klaus-Dieter Kottnik räumte der Spitzenvertreter des Wohlfahrtsverbandes, der zugleich einer der größten Arbeitgeber des Landes ist, seinen Posten.

Den Anfang machte Ende Februar die hannoversche Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann. Die heute 52-Jährige trat von allen kirchlichen Leitungsämtern zurück und zog damit die Konsequenz aus einer Fahrt unter Alkoholeinfluss. Mit ihrem raschen Rücktritt – bei dem sie trotz Demonstrationen von Anhängern für eine zweite Amtszeit als Bischöfin ihrer Kirche blieb – erwarb sie sich bundesweit viel Respekt. Nach einem längeren USA-Aufenthalt wird sie von Januar an als Gastprofessorin an der Ruhr-Universität in Bochum lehren. Käßmann war erst im Oktober 2009 als erste Frau an die Spitze der EKD gewählt worden. Ihr Amtsantritt war mit großen Hoffnungen verbunden, denn die populäre und streitbare Protestantin gilt als fromm, engagiert und nah bei den Menschen. Unüberhörbar war ihre Kritik am Kriegseinsatz der Deutschen Bundeswehr in Afghanistan in ihrer Weihnachtspredigt 2009 in Hannover und wiederholt am Neujahrstag in der Dresdner Frauenkirche: »Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber ­hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. … Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen.«

Während der Rücktritt Käßmanns allgemein auf Bedauern stieß, riss der Fall des früheren katholischen Augsburger Bischofs Walter Mixa tiefe Gräben in die Kirchenlandschaft. Im April richtete der 69-Jährige ein Rücktrittsgesuch an Papst Benedikt XVI. Vorausgegangen waren unter anderem Vorwürfe, Mixa habe vor Jahren als Stadtpfarrer im bayerischen Schrobenhausen Heimkinder geprügelt. Zudem gab es Berichte über finanzielle Unregelmäßigkeiten aus dieser Zeit. Dennoch findet der Ex-Oberhirte bis heute Rückhalt bei konservativen Katholiken. Einige sprechen von einer »öffentlichen Hinrichtung«. Der Papst nahm den Rücktritt Anfang Mai an. In einem Brief bat Mixa um Verzeihung: »Ich habe sicher auch viele Fehler ­gemacht, obwohl ich niemanden in ­irgendeiner Weise verletzen oder beschädigen wollte.« Vorermittlungen gegen Mixa wegen sexuellen Missbrauchs wurden allerdings eingestellt.

Ein ganz anderer Fall: Obwohl sie sich nichts vorzuwerfen hatte, verkündete die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen (65) Mitte Juli ihren Rückzug aus dem Amt. Die weltweit erste lutherische Bischöfin war wegen ihres Umgangs mit Missbrauchsvorwürfen gegen einen Pastor in die Kritik geraten. Der Vorwurf der Untätigkeit der Bischöfin erwies sich als nicht haltbar. Zu ihrem Rücktritt sagte Jepsen, durch die Vorwürfe in den Medien sei ihre Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen worden: »Von daher sehe ich mich nicht mehr in der Lage, die Frohe Botschaft so weiterzusagen.« In der nordelbischen evangelischen Kirche von Schleswig-Holstein und Hamburg rechnete man erst 2012 mit ihrem Rückzug in den Ruhestand. Dann wäre Jepsens zweite zehnjährige Amtszeit abgelaufen.

Turbulenzen mit persönlichen Konsequenzen gab es auch im Diakonischen Werk der EKD. Auslöser war im August ein Bericht, dass der persönliche Referent von Diakonie-Präsident Klaus-Dieter Kottnik jahrelang zugleich stiller Teilhaber der Beratungsfirma »Dr. Dithmar und Partner« war. Diese hatte während Kottniks Amtszeit Beratungsaufträge in sechsstelliger Höhe vom Diakonischen Werk erhalten. Mittlerweile liegt zu diesem Vorgang der Bericht einer ­unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft vor: Zwar habe es im ­Diakonischen Werk der EKD keine Korruption gegeben. Jedoch habe die Beratungsfirma ihr Auftragsvolumen um das zweieinhalbfache überschritten, ohne dass es einen neuen Auftrag gab. Zugleich brachte die Untersuchung Mängel in der Finanzkontrolle des Werkes zutage. Nach Bekanntwerden der Verwicklungen seines Referenten war Kottnik, der in der Tat schon länger als körperlich angeschlagen galt, aus »gesundheitlichen Gründen« zurückgetreten.

Von Stephan Cézanne und Harald Krille (epd; GKZ)

Wundersame Begegnungen

22. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Von dicken Bäuchen und einem Dieb, der sich in einen Engel verwandelt

Eine Weihnachtsgeschichte von Lutz Rathenow

Staunen vor dem Weihnachtsbaum (Foto: epd-bild)

Staunen vor dem Weihnachtsbaum (Foto: epd-bild)

Eigentlich wollte ich schon immer eine einfach schöne Weihnachtsgeschichte erzählen.

Zum Beispiel von einem Weihnachtsmann, der in eine Wohnung gerufen, bestellt (ja, sicher sogar für Geld) worden ist und der während der Bescherung des fünf- oder sechsjährigen Kindes sich so heftig in seine offenbar alleinerziehende Mutter verliebt, dass er das Austeilen der Geschenke mit immer mehr Aufgaben für das Kind, gemeinsamen Spieleinlagen und von ihm rezitierten Gedichten verzögert. Und sich im letzten Moment beherrschen kann, bevor er die für andere gedachten Geschenk-Pakete hier auch noch verteilt.

In dem Moment fragt der Weihnachtsmann, ob er einmal die Toilette benutzen dürfe. Was den oder die Sechsjährige zur erstaunten Frage animiert: Der Weihnachtsmann muss pinkeln?!

Manchmal ist es doch gut, dass die Handys erfunden worden sind, um zum Beispiel von der Toilette aus die Kollegen herbeizutelefonieren: Blitzgrippeanfall, bitte den Rest der Tour übernehmen.

Und dann will die Mutter einmal nachschauen, ob sie dem Weihnachtsmann helfen kann.

Und aus der Sicht des Kindes verschwimmt die Zeit ohnehin wegen der Geschenke, mit denen es hinreichend beschäftigt ist, sodass es das Abfahren des Weihnachtsmannes verpasst haben muss. Denn plötzlich war der weg und ein Bekannter der Mutter anwesend.

Und der Weihnachtsmann hatte seinen Sack vergessen, weil es noch einmal klingelte und zwei Männer ihn abholten.

Und das Kind nahm sich vor, sich an dies unbedingt zu erinnern, wenn es wieder eine neue Ausrede brauchte, warum es dies oder
das vergessen hätte. Wenn das sogar Weihnachtsmännern passierte.

Aber jetzt spielten sie alle drei erst einmal das neue Spiel und die Tochter (also lassen wir das Kind eine sie sein) merkte, dass auch Männer, die keine Weihnachtsmänner waren, wirklich nett sein konnten. Und irgendwie gerät jetzt diese Weihnachtsgeschichte zu schön und zu harmonisch, um ­weitererzählt zu werden.

Denn die eigenen Weihnachts­erinnerungen sind doch mehr vom Suchen nach als von der Erfüllung selbst bestimmt: zum Beispiel nach den Plätzchen schon in der Vorweihnachtszeit. Dazu war dem Menschen ja offensichtlich die Nase ins Gesicht hineinerfunden – damit der durch alle anderen ablenkenden Gerüche im Haus die Plätzchen aufspüren und riechen kann. Auch wenn alle Vorräte im Waschhaus im kaum noch benutzten Kessel schön versteckt und verdeckt lagerten.

Ich schaffte es jedes Mal.

Es gab viel nachzubacken, meist noch in der Nacht vor der Bescherung – jeder Tag zuvor hätte nur zu Plätzchen geführt, die in meinem Bauch gewandert wären.

Ist das doch ein echter Plätzchenbauch? Und ein wenig ein Stollenbauch. Na ja, Lebkuchenbauch natürlich auch. Und Makronenbauch. Schokoladenbauch. Walnussbauch. Paranussbauch weniger, eher schon Haselnussbauch.

Diese Süßsucht ist eine ernste Sache, aber doch besser als Heroin.

Obwohl: Wie viel weniger schlecht – so klar ist das nicht.

Ich möchte lieber nicht weiter analysieren, was da so an einem mehr oder weniger Heiligen Abend kompensiert werden sollte.

Lieber noch eine originell spirituell erzählte Geschichte aus einem neuen Buch. Über Fritz, den Dieb. Ein nicht ganz gewöhnlicher, der nur ein paar Mal im Monat stielt – irgendeine Arbeit muss der Mensch ja machen. Und wenn er keine Arbeit hat, muss er sich halt um ein Verbrechen kümmern. Ein nützliches, das den Lebensunterhalt sichert.

Fritz arbeitet allein. Er ist sozusagen ein freischaffender Verbrecher. Ein ehrgeiziger, denn ein guter Dieb stiehlt nie, was herumliegt. Manchmal gibt er sogar Sachen zurück, die jemand verliert, um sie dann noch einmal richtig zu stehlen.

Fritz besucht Wohnungen von oben, von unten, durch die Fenster. Als er noch richtig fit war, kam er sogar durch die Wasserleitung. Sagt Fritz, wenn er einmal darüber spricht. Heute würde er gern umlernen. Aber wer sich als Dieb vorstellt, bekommt schwer neue Arbeit. Und das Arbeitsamt zahlt auch kein Arbeitslosengeld für Diebe. Außerdem träumt er, ein lieber Mensch zu sein und viele Kinder um sich zu haben. Ein Traum, der immer wiederkehrt. Wirklich ein Albtraum für einen Dieb.

So dachte er am 23. Dezember letztes Weihnachten an nichts Böses und stieg statt bei einer Bank in eine normale Wohnung drei Stockwerke tiefer ein. »Bist du ein Engel?«, fragte eine Stimme. Sie stellt sich als Margit vor und schob den Oberkörper aus der Bettdecke. Fritz sah sein Missgeschick. »Soll ich ein Engel sein?«, fragte er und freute sich gegen alle Vernunft, dass er in einem Kinderzimmer stand. Er hätte natürlich auch den Weihnachtsmann spielen können, aber ohne Geschenke?

Margit knipste ihre Taschenlampe an: »Ja, ich bete seit Tagen. Damit bei Papa der Husten weggeht und er nicht krank wird. Das mag sein neuer Chef gar nicht.«

Fritz ließ sich anleuchten und blickte sehr sanft, um engelsmäßig zu wirken: »Na ja, bin ich schon, natürlich verkleidet.« »Ja, du siehst wie ein Einbrecher aus. Die Verkleidung ist gelungen. Und die Flügel hast du gut versteckt.«

»Darf ich mich setzen?«, fragte Fritz.

Und pustete dreimal in den Raum, damit ihr Vater wieder gesund oder gar nicht erst krank werden würde und mehr Zeit für Spiele mit ihr hätte.« Margit wunderte sich, wie einfach so ein göttlicher Zauber war. Fritz pustete liebevoll und durfte von den Plätzchen auf dem Spieltisch kosten. Sie unterhielten sich über dies und das.

Über das und dies.

Natürlich leise, damit die Eltern nichts merkten.

Schließlich fand Fritz, dass Margit jetzt schlafen müsse. Morgen sei Heiligabend.

»Ich schlafe doch jede Nacht«, protestierte sie, »bis auf die Träume ist nie was los. Endlich kommt ein Engel – und da soll ich schlafen?« Also erzählte er noch von seiner Arbeit. Wie er Fassaden hochklettert. Damit die Menschen nicht erschrecken – wegen der Rumfliegerei. »Deshalb verschwinde ich jetzt auch bei dir durch das Fenster.«

Margit bettelte, er möge noch bleiben. Aber Fritz hatte als Engel einen dichten Terminkalender. Gute Taten durften nicht zu lange warten, gerade jetzt vor Weihnachten. Beide sangen zusammen noch ein Lied, ganz leise, er kletterte langsam die Fassade hinunter. Margit ging zum Fenster und winkte. Nach einer kurzen Weile öffnete sich ihre Zimmertür und die Mutter fragte, ob sie mit jemandem rede.

»Nur mit einem Engel«, rief Margit. »Na, dann ist es ja gut«, lachte die Mutter und schloss die Tür. Und beide schliefen rasch ein und träumten von Weihnachten. Und Fritz natürlich auch, aber erst als er wieder zu Hause angekommen war.

Lutz Rathenow

Der Autor lebt als Schriftsteller in Berlin.

Weihnacht im Reich der Mitte

21. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Lichter, Farben, Unterhaltung: eine Tanzvorführung vor weihnachtlich geschmückter Kulisse auf der Hauptgeschäftsstraße von Hongkong. Weihnachten wird in erster Linie als Verkaufsattraktion begangen. (Foto: picture alliance/dpa)

Lichter, Farben, Unterhaltung: eine Tanzvorführung vor weihnachtlich geschmückter Kulisse auf der Hauptgeschäftsstraße von Hongkong. Weihnachten wird in erster Linie als Verkaufsattraktion begangen. (Foto: picture alliance/dpa)


 

China: Zwischen Lichtergirlanden und der Heiligabend-Messe – Eindrücke aus dem weihnachtlichen Tsingtao
 
Das Christfest ist ein fremdes Fest in Chinas Kultur – doch ein willkommener Anlass für Kommerz und Unterhaltung.
 

Die Adventszeit- und Weihnachtszeit macht sich nicht überall in China bemerkbar. In manchen Gegenden wissen die Leute noch nicht einmal, wann genau dieses ominöse Fest stattfindet – irgendwann nach dem 20. Dezember, oder?

Das kann man aber auch niemandem verdenken, denn schließlich ist Weihnachten in China kein traditionelles Fest und daher auch kein Feiertag. Das heißt, dass Schüler auch Heiligabend oder Weihnachten selbst bis abends um acht in der Schule schwitzen und deren Eltern fleißig ­ihrer jeweiligen Arbeit nachgehen.

Im Nordosten der Volksrepublik schenkt man sich anlässlich des Christfestes gegenseitig in knisternde Folie verpackte Äpfel. Apfel auf chinesisch heißt »ping guo«, was mit dem Wort für Frieden »he ping« eine gewisse Ähnlichkeit aufweist. Soweit so gut. Wenn aber niemand genau weiß, wann das gewisse Fest stattfindet, wie soll man sich denn dann gebührend darauf vorbereiten?

Ganz einfach: Pausbäckige, rotnasige und weißbärtige Weihnachtsmänner werden einfach als praktische Ganzjahresdekoration in die Schaufenster gehängt. Ab Ende November tauchen dann vor teuren Einkaufszentren plötzlich aus Lichterketten ­geformte Elche, Schlitten und Weihnachtsbäume auf, in Einzelfällen von einer Meute brakedancender chine­sischer Weihnachtsmänner in Szene gesetzt.

Die Stadt Tsingtao rühmt sich ­außerdem 2010 ihres 4. Deutschen Weihnachtsmarktes, einer kleinen Veranstaltung am letzten November­wochenende. Das Ganze ist eine Mischung aus Flohmarkt und Weihnachtsmarktnostalgie mit ausrangierten Babywickeltischen, überteuerter Thüringer Bratwurst, alten Kerzenständern und eigenen Glühweintassen. Hauptakteure und größter Teil der Besucher sind Deutsche, die es auf verschiedenen Wegen nach Tsingtao verschlagen hat.

Ein Mann mit Fischermütze und süddeutschem Akzent bedient eine Drehorgel, während deutsch-chinesische Mischlingskinder um eine offene Feuerstelle toben. Zwischendurch erschallen immer wieder deutsche, englische, französische, spanische und anderssprachige Weihnachtslieder aus einem riesigen Lautsprecher über den Hotelvorplatz am Olympischen Segelzentrum, den Ort dieser sehr ­unchinesischen Veranstaltung. Die wenigen anwesenden Chinesen, zumeist Deutschschüler, bestaunen glücklich alles und beißen herzhaft in die erste Bratwurst ihres Lebens.

Währenddessen tauschen sich Deutsche über Methoden aus, wie man Plätzchen am besten in der ­Mikrowelle bäckt, denn anscheinend hat es bisher keiner der Anwesenden geschafft, zu diesem Zweck in Tsingtao einen Backofen zu finden.

Außerdem wissen einige zu berichten, dass es die Möglichkeit geben wird, an einer zwei- bis dreistündigen Weihnachtsmesse am Abend des 24. Dezembers in der katholischen Kirche teilzunehmen. Allerdings wird diese komplett auf Chinesisch sein und die meisten Besucher sollen US-Amerikaner sein.

Zudem, so heißt es, sollte man wohl vorher schon Beziehungen zu chinesischen Gemeindemitgliedern haben.

Wandeln die Besucher dann nach diesem Adventserlebnis an den vielen wehenden Fahnen, die einen Nachklang von Olympia 2008 verbreiten, vorbei nach Hause, können sie noch beobachten, wie Arbeiter sorgfältig eine riesige Metallspirale mit künstlichen Tannenzweigen einkleiden. Der größte Weihnachtsbaum Tsingtaos entsteht.

Mechthild Sasse aus Leipzig verbringt im Rahmen des Jugendprogramms »weltwärts« der Bundesregierung ein Auslandsjahr in China.

Mechthild Sasse aus Leipzig verbringt im Rahmen des Jugendprogramms »weltwärts« der Bundesregierung ein Auslandsjahr in China.

Es gibt also schon eine Art Advent in China, jedoch eine sehr ­eigenwillige.
 
Und warum gibt es Advent und das Fest Weihnachten überhaupt? – Das ist doch ein guter Anlass um mit Freunden gemeinsam Karaokesingen zu gehen!
 
Mechthild Sasse
 
 
 

Zeit der Verheißung und Erfüllung

19. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Bald nun ist Weihnachtszeit – Nachdenken über ein Adventslied und die Wirklichkeit von Gottes Kommen

 Bald nun ist Weihnachtszeit ... künden die vier Lichter des Adventskranzes. (Foto: Bilderbox)

Bald nun ist Weihnachtszeit ... künden die vier Lichter des Adventskranzes. (Foto: Bilderbox)

Bald nun … So beginnt das bekannte Adventslied, dass uns verheißt, dass er gar nicht mehr weit ist. »Er« ist dem Lied zufolge der Weihnachtsmann, ein freundlicher alter Mann, der uns mit seinem Schimmelchen allerlei kulinarische Genüsse verspricht, auch wenn die, die da angekündigt werden – Pfeffernüss’, Mandelkern, Äpfel, Korinth’ – in unserer reichen Zeit allenfalls als Beiwerk und Baumschmuck, kaum mehr als eigenständige Weihnachtsgabe anerkannt werden würden.

Auch ist er, dieser liebe alte Graubart, schon längst in jedweder Gestalt in unseren Straßen sichtbar, von »bald« kann eigentlich keine Rede sein. Vorweggenommene Verheißung mit der bedauerlichen Möglichkeit, dass wir das Warten verlernen.

Daher lohnt es sich, doch noch einmal genau hinzuhören gerade auf die ersten beiden Worte, die in sich einen Widerspruch darstellen: Was denn nun: »Bald« im Sinne von: Noch nicht, aber absehbar, nur noch ein paar Augenblicke, wenige Nächte oder einen Herzschlag weit entfernt – oder »nun« also jetzt, hier, heute gegenwärtig?

Kann er denn da sein und nicht da sein, dieser »ER«, der Weihnachtsmann, und wer ist das, der so zeitlich überzeitlich gegenwärtig entfernt ist?

In einer gläubigen Zusammenschau vom heiligen Nikolaus und einem sehr alten Bild vom Gottvater – alter Mann mit weißem Bart – gelingt es dem Lied wie jeder Poesie, das Nichtdenkbare zusammenzudenken und gleichzeitig auszusprechen.

Er ist da und ist nicht da, als GOTT, der Ewige, der im Himmel und über den Wolken thront, immer auch der ganz andere und in keinem Wort und keinem Bild ganz zu fassen. Damit wir aber doch fühlen, sehen und vor allem lieben können, offenbart er sich in Menschengestalt, mehr noch, in der Gestalt eines kleinen, neugeborenen Kindes, arm dazu und ganz ohne Rosen und Violen, sondern im Stroh. Näher geht es nicht, ausgelieferter, ohnmächtiger auch nicht. Der Liebe so bedürftig, wie nur die Liebe selbst es sein kann, ganz ohne Arg und Vorbehalt, zeigt ER sich, dieser unfassbare GOTT, als der ganz nahe aus freiem Willen und aus Liebe.

Aber wann? Bald – oder nun?

Wenn ich noch einmal das Lied höre, wird es noch komplizierter – denn zunächst ist nicht von IHM die Rede, sondern von einer Zeit, der Weihnachtszeit, der Zeit SEINES Offenbarwerdens, die kommt und ist. Eine Zeit voller Verheißung und Erfüllung zugleich, eine Zeit, vielleicht wie eine Schwangerschaft, in der das Kind wohl schon da ist, aber noch nicht mit den äußeren Augen zu sehen.

Die Liturgie der Kirche hat für den 4. Adventssonntag als Lesung genau das Evangelium ausgewählt, dass dieses »Bald« und »Nun« in wunderbarer Weise zusammenspricht: Die Begegnung von Maria und Elisabeth, wie sie vom Evangelisten Lukas im 1. Kapitel seines Evangeliums beschrieben wird. Maria, im dritten Monat schwanger nach der Verkündigung durch den ­Engel, hat sich auf den Weg gemacht zu ihrer Verwandten und Freundin Elisabeth. Wohl, um Trost in ihrem verwirrenden Schicksal zu erfahren. Wohl, weil der Engel es ihr als Bestätigung und Hilfe genannt hat, dass, wenn schon ein Wunder geschieht – die Schwangerschaft einer Jungfrau – auch ein zweites noch möglich ist, die Schwangerschaft der älteren Frau, die nicht mehr mit einem Kind rechnen kann.

Weit mehr aber geschieht: Elisabeth sieht. Sie sieht nicht nur die Gestalt der vertrauten jüngeren Freundin, sondern sie sieht durch das Sichtbare hindurch in das noch gar nicht Sichtbare, das Kind in ihrem Leib, sie schaut die Hoheit und Einzigartigkeit dieses Kindes, und sie erkennt die neue Würde, die ihre Freundin als »Mutter« des Herrn aufrichtet und groß macht, ganz unabhängig von Gestalt und Herkunft. Sie sieht die noch unsichtbare Wirklichkeit, die erst noch sichtbar werden wird und sich den liebenden Augen als einzige Realität schon offenbart. Elisabeth wagt es, das Unsichtbare zu benennen und ins Leben hineinzusprechen.

Und Maria – so herausgerufen in eine neue Wirklichkeit und in ihre wesentliche Gestalt – beginnt zu singen, kraftvoll, vollmächtig, frei. Sie singt »des Glaubens schönstes Lied«, das Magnifikat, in dem sie wie die Prophetinnen die Gegenwart Gottes in Gegenwart und Zukunft herabsingt auf die Erde. Nachzulesen und mitzusingen im Lukasevangelium im 1. Kapitel, zu hören und zu feiern am 4. Adventssonntag
in unseren Gottesdiensten.

Bald nun – das heißt jetzt ist die Zeit und ER ist ganz gegenwärtig für die Augen der Liebe und ganz bald zu schauen in SEINER Wirklichkeit – denn ER kommt.

Katharina Schridde

Die Autorin leitet die Communität Casteller Ring im Erfurter Augustinerkloster.

Geheimnisvolles Puzzle

17. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Gerade noch rechtzeitig entdeckt Simone (Alexandra Maria Lara) den halberfrorenen und völlig verwirrten Konrad  (Gérard Depardieu) im verschneiten Park der Villa Senn. (Foto: Magali Bragard/Majestic)

Gerade noch rechtzeitig entdeckt Simone (Alexandra Maria Lara) den halberfrorenen und völlig verwirrten Konrad (Gérard Depardieu) im verschneiten Park der Villa Senn. (Foto: Magali Bragard/Majestic)

Die Verfilmung des Romans »Small World« von Martin Suter

Im Jahr 1997 veröffentlichte der Schweizer Autor Martin Suter seinen Debütroman »Small World«. Die rätselhafte ­Geschichte über Kindheitserinnerungen, komplizierte Familienbeziehungen und den fortschreitenden Gedächtnisverlust der Hauptfigur Konrad wurde ein Bestseller.

13 Jahre später hat ihn der französische Schauspieler und Regisseur Bruno Chiche (44) verfilmt; er selbst schrieb das Drehbuch und reduzierte die Handlung auf 93 illustrative Filmminuten.

Er folgt dabei der Enthüllung des Familiengeheimnisses der Dynastie Koch/Senn und zeichnet das Porträt des verstoßenen Stiefsohnes Konrad, der mit den Folgen der Alzheimerkrankheit zu kämpfen hat: Aber je mehr er sein Gedächtnis verliert, desto besser erinnert er sich an bestimmte, fern zurückliegende Ereignisse. Dadurch wird er insbesondere für die Grand Old Lady des Hauses, Elvira Senn, gefährlich; sie möchte die wahre Herkunft des Kranken verbergen.

Regisseur Chiche definiert seinen Filmhelden aber weniger als kranken Menschen, sondern als einen »der einfach anders ist, weltfremd zeitlos«.

Zu ihm fühlt sich die andere Außenseiterin dieser Geschichte – die junge, frisch eingeheiratete Simone Senn – hingezogen. Mit zunehmendem Interesse beginnt sie das geheimnisvolle Puzzle um Konrads Herkunft zu entwirren. Den Plot dieser Enthüllung behält Chiche natürlich bei; doch den sollte man schon selbst erleben.

Seine Wirkung bezieht der Film vor ­allem aus einem Staraufgebot an Schauspielern; allen voran Gérard Depardieu als Konrad. Der Regisseur hat diesem wunderbaren Mimen einfach vertraut, ihn – wie er sagt – bei der Arbeit mit der Kamera »beobachtet«. Dabei entdeckt er neue, berührende Seiten des Kraftpaketes. Auch Martin Suter äußert sich über dessen Interpretation begeistert: »Man hat Lust, ihn in die Arme zu nehmen, obwohl er ein so großer Mann ist.«

Daneben Alexandra Maria Lara als Seelenverwandte Simone. Chiche sieht in ihr ein »Genie der Verinnerlichung«, zeigt sie und Konrad immer wieder in Nahaufnahmen, fokussiert ihre Augen, an ­deren Spiel sich viel ablesen lässt. Sie verkörpert die Eleganz des Filmes. Außerdem Francoise Fabian als Elvira Senn, Niels Arestrup als Thomas, der sich von seinem ehemaligen Spielfreund Konrad distanziert und Nathalie Baye als seine geschiedene Frau Elisabeth, die eigentlich Konrad liebt …

Der Film ist bis in die Nebenrollen mit großartigen Schauspielern besetzt. Die von Chiche angestrebten »großen Emotionen« kommen trotz schwelgender Kameraführung (Kamera: Thomas Hardmeier) nur bedingt auf.

Wer das Buch von Martin Suter nicht kennt, dem sei dieser Film empfohlen; er ist »elegantes, richtiges Kino«.

Matthias Caffier

Kinostart war am 16. Dezember 2010.

Ohne jede Hoffnung auf die Politik

17. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Kirgisistan: Politische Unruhen, ethnische Ausschreitungen – wie Christen das islamische Land erleben.
 
Korruption und Vetternwirtschaft verhindern nach Einschätzung vieler Beobachter zusammen mit politischer Instabilität die nachhaltige Entwicklung in ­Kirgisistan. Das Land gilt als eines der ärmsten unter den ehemaligen Sowjetrepubliken.	(Foto: picture-alliance/epa/Sergei Chirikov)

Korruption und Vetternwirtschaft verhindern nach Einschätzung vieler Beobachter zusammen mit politischer Instabilität die nachhaltige Entwicklung in ­Kirgisistan. Das Land gilt als eines der ärmsten unter den ehemaligen Sowjetrepubliken. (Foto: picture-alliance/epa/Sergei Chirikov)

 
Seit Jahren steckt die zentralasiatische Republik in einer Dauerkrise. Und mittendrin lebt eine kleine lutherische Kirche.
 

Mit jeder neuen Regierung haben die Menschen die Hoffnung gehabt, dass etwas besser wird und sich ändert.« Alexander Schanz, stellvertretender Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Kirgisistan schaut fragend Elmira Mamatachunowa an. Als Russlanddeutscher hat er sich trotz einer Einreisegenehmigung nach Deutschland dafür entschieden, in Kirgisistan zu bleiben, aber bei der Frage, was die ethnischen Kirgisen denken und fühlen, weiß er um seine Grenzen. Und die Kirgisin Mamatachunowa ist in der Tat skeptischer.

»Ich habe keine Hoffnung und kein Vertrauen, dass es besser wird. Die neuen Herren werden wieder ihre Säcke füllen und sich damit davonmachen.«

Acht Monate nach dem Regierungsumsturz im April, sechs Monate nach dem blutigen Konflikt zwischen Kirgisen und Usbeken im Süden des Landes, zwei Monate nach den Wahlen hat das Land eben eine neue Regierung bekommen. Vielleicht sind die politischen Wirren sogar eine Chance für die lutherische Kirche. Denn so hatte niemand Zeit, das restriktive Religionsgesetz aus dem Jahr 2009 durchzusetzen.

Das Gesetz verlangt zum Beispiel eine Umregistrierung von Gemeinden, wobei die Mindestzahl für Mitglieder auf 200 Personen festgelegt wurde – die größte lutherische Gemeinde in Winogradnoje zählt etwa 80 Personen. Mit ihren rund 600 Gemeindegliedern und 15 Gemeinden sind die Lutheraner eine kleine Minderheit in dem islamischen Land, kleiner an Zahl sogar als die Baptisten oder Pfingstler.

Entstanden als Kirche der deportierten Russlanddeutschen, hat sich die Evangelisch-Lutherische Kirche in Kirgisistan mit der politischen Wende 1991 und mit der Auswanderung der Deutschen für die russischsprachigen Bewohner des Landes geöffnet. Doch nun sitzen auch die Russen auf gepackten Koffern.

Auch wenn der blutige Konflikt sich zwischen Kirgisen und Usbeken ereignete, sicher fühlen sich auch die anderen Nationen nicht mehr.

Kann eine kleine Kirche, die nicht historisch im Land verwurzelt ist, unter solchen Bedingungen, unter ständigem Aderlass überleben? Wieder gleitet Alexander Schanz’ Blick zu Elmira Mamatachunowa hinüber. Sie ist eine lutherische Kirgisin.

Vor vier Jahren schenkte ein Christ der Geschäftsfrau eine Bibel. Sie trug das Buch mit sich, las in jeder freien Minute darin – und verstand das ­Ge­lesene nicht. Doch sie las weiter, hartnäckig.

Als hätte sie geahnt, dass sie darin die Liebe und Wärme finden würde, die ihr als 17. von 21 Kindern, einer von den zu vielen ungewünschten Töchtern, versagt geblieben war. Ihr Leben lang hatte sie ihre ganze Energie in das Streben nach Wohlstand, nach Geld, nach Autos gesteckt und ihre Kinder als Störfaktor ­wahr­genommen.

Seit zwei Jahren ist die 45 Jahre alte Mutter von sechs Kindern und Großmutter getauft. Sie hat schließlich, von Lebenskrisen erschüttert, den Menschen aufgesucht, der ihr die Bibel geschenkt hatte. Sie wollte, dass jemand ihr das Buch erklärt.

In christlicher Gemeinschaft hat sie die Geborgenheit erfahren, wonach sie sich lange gesehnt hatte, und sogar die eigene Liebesfähigkeit entdeckt. »Ich habe erkannt, dass jeder Mensch besonders ist. Und den Sinn des ­Lebens gefunden.« Diesen Schatz möchte sie weitergeben an andere Kirgisen, die auf das Leben zornig sind, wie sie es selbst gewesen war.

Inzwischen gibt es auch einen 22-jährigen Prediger, der Kirgisisch spricht, und es gibt eine Gemeinde mit mehreren usbekischen Mitgliedern. Es besteht also durchaus die Chance, dass die lutherische Kirche im Land bleibt und Deutsche, Russen, Usbeken und Kirgisen vereint – wenn die Machthaber und die muslimische Mehrheit diese Entwicklung zulassen und zum Beispiel das Predigen auf Kirgisisch oder die Arbeit mit Kindern nicht unterbinden.

Alexander Schanz hat jedenfalls eine ganz klare Vorstellung von der Zukunft seiner Kirche. »Ich wünschte, wir werden uns einmal eine kirgisische lutherische Kirche nennen können, nicht mehr lutherische Kirche in Kirgisistan.«

Maaja Pauska

Maaja Pauska ist Pressereferentin des Gustav-Adolf-Werks in Leipzig.

Wer darf nach Deutschland?

16. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Diskussion: Wirtschaftsverbände und Politiker fordern immer lauter, Einwanderung von der Nützlichkeit für den Arbeitsmarkt abhängig zu machen.

Wer dauerhaft nach Deutschland einreisen und hier arbeiten will, hat hohe Hürden zu überwinden. Bis zum Frühjahr will die Regierungskoalition über ­Vereinfachungen für Fachkräfte entscheiden. (Foto: ddp-images)

Wer dauerhaft nach Deutschland einreisen und hier arbeiten will, hat hohe Hürden zu überwinden. Bis zum Frühjahr will die Regierungskoalition über ­Vereinfachungen für Fachkräfte entscheiden. (Foto: ddp-images)

Seit Wochen diskutieren Politiker um den erleichterten Zuzug für hoch qualifizierte Ausländer.

Glaubt man den Prognosen der Wirtschaftsverbände, dann gehen den Unternehmen und den Forschungseinrichtungen, den Pflegediensten und Krankenhäusern in Deutschland bald die Fachkräfte aus. Zwar sind aktuell mehr als 2,9 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Doch nach Darstellungen der Wirtschaft fehlen bei vielen von ihnen die Qualifikationen und/oder die Motivationen. Zudem wird darauf verwiesen, dass in naher Zukunft durch den Geburtenrückgang immer weniger Einheimische im erwerbs­fähigen Alter als Arbeitskräfte zur Verfügung stünden. Der erleichterte Zuzug, ja das offensive Werben um ausländische Fachkräfte soll das Problem lösen.

So fordert es die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in einem umfangreichen Positionspapier. Man verweist auf den ­internationalen Vergleich, nach dem etwa in Kanada rund 46 Prozent der Zuwanderer als hochqualifiziert gelten, in Irland 45 Prozent und selbst in Norwegen 36 Prozent. Demgegenüber liegt die Hochqualifiziertenquote unter den Zuwanderern in Deutschland bei 18,9 Prozent.

Das Thema findet in der Politik ­inzwischen Zustimmung. »Entscheidende Kriterien für die Zuwanderung sollten Sprachkenntnisse, Qualifikation und Bedürfnisse unseres Arbeitsmarkts sein«, so ein Zitat von Marie Böhmer (CDU), Staatsministerin im Kanzleramt.

Die Grünen-Fraktionschefin im Deutschen Bundestag, Renate Kühnast, sieht Deutschland beim Kampf um Fachkräfte in Konkurrenz mit ­anderen Ländern und fordert ein ­Gesamtkonzept der Bundesregierung für Fachkräftezuwanderung. Allein im Pflegesektor fehlten 50000 Fachkräfte, sagte sie in einem Interview der vergangenen Woche im Südwestrundfunk. Ihre thüringische Fraktionskollegin Katrin Göring-Eckart verweist in diesem Zusammenhang allerdings auf ein anderes Problem: Solange bei rund 15 Prozent der Beschäftigten im Pflegebereich sogar der Mindestlohn von 7,50 Euro unterschritten werde, brauche man sich über mangelnde ­Attraktivität nicht zu wundern, so die ­Bundestagsvizepräsidentin in einer Pressemitteilung.

Es scheint noch mehr hausgemachte Probleme zu geben: Statistiken belegen, das Deutschland bei weitem nicht nur Zuwanderungs-, sondern Auswanderungsland ist. Während 682000 Menschen im Jahr 2008 zu uns kamen, verließen im ­gleichen Zeitraum 738000 das Land wieder, ­darunter 175000 Deutsche. Und eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hat ermittelt, dass seit 2005 jährlich rund 40000 hoch qualifizierte Führungskräfte und Wissenschaftler Deutschland verlassen haben. Die Frage nach dem »Warum?« sei erlaubt.

Landesbischöfin Ilse Junkermann von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) machte vor ­wenigen Tagen auf eine andere Gefahr aufmerksam: »Es wird uns als Einwanderungsgesellschaft nicht bekommen und eben gerade nicht der Integration dienen, wenn wir Menschen allein nach dem Maß ihrer Verwertbarkeit in die Gesellschaft unseres ­Zusammenlebens aufnehmen. Sie werden dann keinen anderen Wert bei uns leben als den, den sie selbst erfahren: die Verwertbarkeit, das, was ein Einzelner aus dieser Gesellschaft für sich ›rausholen‹ kann.«

Harald Krille

Meine Meinung

 Petra Albert ist Beauftragte für Migration und Interreligiösen Dialog der Evangelischen Kirche in  Mitteldeutschland (EKM).

Petra Albert ist Beauftragte für Migration und Interreligiösen Dialog der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Den Zuzug von Arbeitnehmern aus anderen Ländern der Welt nach Deutschland zu befördern, ist aus ­meiner Sicht in erster Linie eine politische Entscheidung. Bei dieser Diskussion sollte aber die Aus- und Weiterbildung arbeitssuchender Menschen in Deutschland mit bedacht werden. Dazu gehören auch Menschen, die in anderen Ländern der Welt geboren wurden und nun in Deutschland leben. Sie haben es manchmal besonders schwer, eine ihren Fähigkeiten und Abschlüssen angemessene Arbeit zu finden.

Eine verbesserte Anerkennung von im Ausland erworbenen Bildungs- und Berufsabschlüssen und entsprechende Anpassungsqualifizierungen sind dringend notwendig. Einschränkende gesetzliche Regelungen, wie zum Beispiel die in Europa einmalige Residenzpflicht für Flüchtlinge, sollten abgeschafft werden.

Auch ­sollten Flüchtlinge von Beginn ihres Aufenthalts in Deutschland einen Sprachkurs besuchen dürfen und eine Arbeit ohne behördliche Einschränkungen aufnehmen können. Denn lange Phasen verordneten Nichtstuns erschweren die Integration.

Eine Zuwanderung nach wirtschaftlicher Nützlichkeit darf keinesfalls gegen Zuwanderung aufgrund von Verfolgung bzw. gegen einen ­Zuzug aus humanitären Gründen ­ausgespielt werden. Der Schutz von Flüchtlingen muss unabhängig von anderen Arten der Zuwanderung gewährt werden. Dazu gehört übrigens auch die Möglichkeit, überhaupt ins Land kommen zu können. Hier unsere mahnende Stimme zu erheben und selbst zu einem humanitären Umgang mit Flüchtlingen beizutragen, dazu sind wir als Christinnen und Christen besonders gerufen.

Zu bedenken ist auch, dass die Zuwanderung hoch qualifizierter Menschen nach Europa gleichzeitig eine Abwanderung dieser Fachkräfte aus ihren jeweiligen Ländern bedeutet. Menschen die nach Europa abwandern, fehlen als Fachkräfte im eigenen Land, sei es als Ingenieur, Arzt oder Krankenschwester. Dem prognostizierten Fachkräftemangel sollte also nicht lediglich mit Zuwanderung ausländischer Fachkräfte begegnet werden, auch wenn Zuwanderung nach Deutschland aus meiner Sicht selbstverständlich möglich sein sollte.

Petra Albert

Glauben inmitten des Terrors

13. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Der preisgekrönte Film »Von Menschen und Göttern« kommt in die deutschen Kinos

Bruder Christophe (Olivier Rabourdin), der jüngste der Mönche, hadert angesichts der Situation vor Ort mit seinem Glauben.  (Foto: NFP)

Bruder Christophe (Olivier Rabourdin), der jüngste der Mönche, hadert angesichts der Situation vor Ort mit seinem Glauben. (Foto: NFP)

In einem Kloster in den Bergen Algeriens führen neun französische Mönche ein friedliches, asketisches Leben in Harmonie mit sich selbst und mit der muslimischen Bevölkerung in den umliegenden Dörfern.
Doch die militärische Wirklichkeit holt die Mönche ein, mehr und mehr gerät die Idylle des Klosterlebens in Gefahr.

Der Film »Von Menschen und Göttern« greift auf eine wahre Begebenheit zurück. 1996 wurden in der algerischen Stadt Tibhirine sieben Trappistenmönche (Trappisten sind ein römisch-katholischer Mönchsorden, entstanden im 17. Jahrhundert als Reformzweig innerhalb des Zisterzienserordens) entführt und grausam ermordet. Das Verbrechen ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt.

In seinem Film zeichnet Regisseur Xavier Beauvois das Schicksal der französischen Mönche nach.

Am 16. Dezember kommt der in Cannes mit dem Großen Preis der Jury und dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnete Film in die deutschen Kinos.

Der Film lebt von den Kontrasten zwischen dem Tagesablauf der Mönche im Kloster, der geprägt ist von Stille und Ritualen, und dem umtriebigen Alltag der muslimischen Bevölkerung. Die Gebete und Gesänge im Gottesdienst inszeniert der Regisseur als Höhepunkte im Leben der kleinen klösterlichen Gemeinschaft und im Widerspruch stehend zur politischen Wirklichkeit des Landes. Dazwischen Szenen, die das friedliche Miteinander zwischen den christlichen Ordensleuten und ihren muslimischen Nachbarn zeigen.

Die Mönche – ihre Charaktere zeichnet der Regisseur ­differenziert – nehmen Anteil an den Sorgen der Menschen. Sie stehen ­ihren islamischen Nachbarn mit Rat und Tat zur Seite, sind integriert in die Dorfgemeinschaft. Ein Paradebeispiel für das friedliche Miteinander von Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit. Doch in beklemmenden Szenen zeigt der Film, wie die Gefahr und der Terror immer näher kommen. Als Fundamentalisten das erste Mal am Weihnachtsabend das Gebäude stürmen, gibt Bruder Christian (Lambert Wilson) ihnen zu verstehen, dass das Kloster ein Haus des Friedens ist und keine Waffen duldet.

Standhaft verweigert er als Ordensvorsteher jegliche Forderungen der Terroristen. Doch der Schock sitzt tief und allen ist klar, dass die Rebellen wiederkommen werden.

Die Mönche, zwar beunruhigt und eingeschüchtert, zögern, das Kloster zu verlassen. Sie diskutieren, zweifeln, kämpfen mit sich – und entscheiden sich, trotz der großen Gefahr zu bleiben. Eine folgenschwere Entscheidung.

Der Grund für den Erfolg des Filmes in Frankreich und das positive Medienecho liegt in der meisterhaften Inszenierung und in seinem Sujet. In einer Zeit, in der das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher ­Religionszugehörigkeit ein aktuelles politisches Thema ist, setzt er einen Kontrapunkt. Die Mönche halten inmitten einer Welt von Gewalt und ­Terror an ihrem Glauben und ihren Idealen fest. Und sie geben ein eindrucksvolles Beispiel, wie sich kontemplativer Lebensstil und zupackende Nächstenliebe miteinander verbinden können.

Sabine Kuschel

Wieder mal auf Gott eingedroschen

11. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Glaube und Wissenschaft

Erst Dawkins, jetzt Hawking – kritische Anmerkungen zur Diskussion um den neuen Atheismus.

»Das Auge Gottes« wird der Helixnebel auch von manchen Astronomen genannt, seit das Hubble-Weltraumteleskop erstmals dieses fantastische Bild des »nur« etwa 650 Lichtjahre entfernten Objektes zur Erde funkte. (Foto: picture-alliance/Design Pics)

»Das Auge Gottes« wird der Helixnebel auch von manchen Astronomen genannt, seit das Hubble-Weltraumteleskop erstmals dieses fantastische Bild des »nur« etwa 650 Lichtjahre entfernten Objektes zur Erde funkte. (Foto: picture-alliance/Design Pics)


Angriffe gegen den Glauben sind nicht neu. Derzeit ­fühlen sich besonders einige Wissenschaftler genötigt, auf Gott einzuschlagen.
 

»Stephen Hawking hat in seinem neuen Buch ›Der große Entwurf‹ gemeinsam mit seinem Koautor Leonard Mlodinow die Existenz Gottes widerlegt« – so beginnt eine Rezension in der Süddeutschen Zeitung über das neue Buch (erschienen im September 2010) des wohl bekanntesten Physikers der Gegenwart.

Erst vor wenigen Jahren hatte der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, der Wortführer der sogenannten »Neuen Atheisten«, in seinem Buch »Der Gotteswahn« (2007) einen unüberbrückbaren Gegensatz von »Glaube und Wissenschaft« behauptet. Bei dieser Behauptung hatte es ihn allerdings nicht gestört, dass es bis heute zu allen Zeiten Wissenschaftler gab und gibt, die an Gott glauben. Es gibt also offensichtlich keinen Gegensatz von Glaube und Wissenschaft, sondern es gibt stattdessen Wissenschaftler, die an Gott glauben und ­solche, die es nicht tun.

Für Stephen Hawking ist unser Universum durch die Gesetze der Schwerkraft aus sich selbst entstanden – ohne einen Schöpfergott. Seiner Meinung nach liegen also die Gesetze der Schwerkraft und Gott auf der gleichen Erklärungsebene. Das ist aber nicht der Fall. Ein erkannter Mechanismus (die Gesetze der Schwerkraft) bedeutet nicht, dass es keinen Mechaniker (Gott) gibt.

Den gleichen Kategorienfehler hatte schon Dawkins gemacht, wenn er nicht Gott, sondern die natürliche Selektion für die Grundlage unserer komplexen Welt hält. Auch natürliche Selektion und Gott liegen nicht auf der gleichen Erklärungsebene.

Eine wichtige Rolle im neuen Buch von Stephen Hawking spielt das anthropische Prinzip. Darunter versteht man die unglaubliche Feinabstimmung der Naturkonstanten in unserem Universum. Wenn die Naturkonstanten nicht so »passgenau« aufeinander abgestimmt wären, wäre Leben in unserem Universum nicht möglich. Wie ist diese Feinabstimmung zu erklären? Hawking spricht von einer »Reihe verblüffender Zufälle« und greift – wie schon Richard Dawkins – zur Erklärung des anthropischen Prinzips auf die Idee vom Multiversum zurück. Die Vorstellung vom Multiversum bedeutet, dass es nicht nur ein (unser) Universum gibt, sondern viele Universen. Und wenn man von vielen Milliarden Universen ausgeht, ist es denkbar, dass bei einem (unserem) zufällig alles passt, um Leben zu ermöglichen.

Für Dawkins ist die Idee vom Multiversum zwar »exotisch«, aber der Glaube an Gott ist für ihn noch exotischer. Hawking hält diese Lösung nicht für exotisch, sondern für den aktuellen Stand der Wissenschaft. Dabei verschweigt er aber, dass es für diese These keine Hinweise gibt und führende Wissenschaftler die Vorstellung vom Multiversum als reine Spekulation ablehnen.

»Lassen Sie uns diese Spekulationen als das erkennen, was sie sind. Sie sind keine Physik, sondern im strengsten Sinne Metaphysik. Es gibt keinen rein wissenschaftlichen Grund, an eine Ansammlung von Universen zu glauben«, urteilt etwa der Cambridger Quantenphysiker John Polkinghorne.

Und selbst wenn es viele Universen gäbe – warum sollte dies ein Argument gegen die Existenz eines Schöpfers sein? Multiversum und Gott liegen genauso wenig auf der gleichen Erklärungsebene wie die Gesetze der Schwerkraft und Gott.

In einer Rezension über das Buch von Hawking schrieb »Die Zeit« (»Absturz eines Stars«): »Wen diese Antwort befriedigt, der hatte Gott schon vorher verworfen. Wer vorher an Gott glaubte, kann es weiterhin tun. … In einem Interview mit der BBC bekannte Hawking, worum es ihm wirklich ging: ›Gott wäre nicht nötig gewesen in meinem Buch, aber es hätte nicht so viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt, wenn ich nicht wieder auf ihn eingedroschen hätte.‹«

Jürgen Spieß

Der Autor, Dr. Jürgen Spieß, ist Leiter des Instituts für Glaube und Wissenschaft in Marburg. Auf der Internetseite des Instituts finden sich unter anderen weitere Aufsätze verschiedener Autoren zum Thema.

Ein SS-Mörder berichtet

10. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Die israelische Tageszeitung Jedijot Achronot berichtete am 7. Dezember  über die Enttarnung des SS-Manns Bernhard Frank – auf dem großen Bild im ­Gespräch mit dem vermeintlichen Neonazi Mark Gould. (Foto: Ulrich W. Sahm)

Die israelische Tageszeitung Jedijot Achronot berichtete am 7. Dezember über die Enttarnung des SS-Manns Bernhard Frank – auf dem großen Bild im ­Gespräch mit dem vermeintlichen Neonazi Mark Gould. (Foto: Ulrich W. Sahm)

 
Holocaust:
Mehr als 65 Jahre lebte ein Mitverantwortlicher des Massenmordes unbehelligt mitten in Deutschland
 
Man kannte ihn nur als den SS-Mann, der kurz vor Kriegsende auf Hitlers Befehl Hermann Göhring verhaftete. Jetzt enttarnte ein Holocaustforscher die wahre Geschichte des Bernhard Frank.
 

Der SS-Obersturmbannführer Bernhard Frank hat am 28. Juli 1941, zu Beginn der Operation Barbarossa (Überfall auf die Sowjetunion), den ersten Befehl der SS zu ­einem Massenmord an Hunderttausenden Juden unterzeichnet. Das war der Auftakt für die Mordmaschine, in deren Rahmen sechs Millionen Juden getötet wurden.

Frank, inzwischen 97 Jahre alt, lebt unbehelligt in Frankfurt am Main. Seine Geschichte als Massenmörder konnte er freilich nach dem Krieg ­geheim halten. Bis ihm ein amerika­nischer Jude, Mark Gould, auf die
Spur kam. Am vergangenen Wochenende überreichte Gould dem SS-Mann eine Privatklage amerikanischer Juden mitsamt einem Auslieferungsgesuch der USA. Franks Frau schlug daraufhin den Amerikaner krankenhausreif.

In einem Exklusivinterview mit Eldad Beck, dem Berliner Korrespondenten der israelischen Zeitung Jedi’ot Acharonot, erzählte der 47 Jahre alte Gould, wie er den Massenmörder aufdeckte. Jahrelang habe Gould daran gearbeitet, das Puzzle um Frank zusammenzusetzen. Gould ist groß, blond und blauäugig und nutzte sein Äußerliches, um sich dem alten SS-Mann als junger Neonazi anzunähern.

Der vermeintliche Sympathisant führte stundenlange Gespräche mit Frank und gewann sein Vertrauen. Einen Teil der Gespräche nahm Gould auf Video auf. Zudem überreichte Frank dem Amerikaner viele Aufzeichnungen: Liebesbriefe, alte von ihm unterzeichnete Befehle und Tagebücher. Nacheinander offenbarte er seine streng gehüteten Geheimnisse aus der SS-Zeit, ohne zu ahnen, dass der Amerikaner ein Jude war und Material suchte, um den Massenmörder zu belasten.

Himmler holte Frank in den Kommandostab der SS. In dieser Funktion unterzeichnete er während der Operation Barbarossa den ersten Befehl zu einem Massenmord. Nach Angaben von Gould handelte es sich um die ersten Akte eines Völkermordes durch die SS, lange bevor die Juden aus ganz Europa in die Vernichtungslager gebracht wurden.

Frank fiel dabei die Aufgabe zu, die Mordbefehle sprachlich so zu formulieren, dass die ideologisch entsprechend vorbereiteten SS-Männer wussten, was sie zu tun hatten. Als rechte Hand von SS-Reichsführer Heinrich Himmler war Frank auch verantwortlich für die Verbreitung der Nazi-­Ideologie. Er habe als Einziger einen ­Doktortitel an der »Nordischen Akademie« des SS-Schulungszentrums Wewelsburg bei Paderborn erworben.

Ebenso führte Frank für Himmler ein »Kriegstagebuch«, in dem er alle Informationen über Aktionen der SS sammelte, darunter auch Massenmorde an Juden. 1943 wurde der SS-Obersturmbannführer zum Sicherheitsbeauftragten des Feriendomizils Hitlers, dem Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. Dort sollte er Reichmarschall Hermann Göring töten, als der die Nachfolge Hitlers antreten wollte. Frank verhaftete Göring wegen Hochverrats, tötete ihn aber nicht. Bei Kriegsende übergab Frank den Obersalzberg kampflos an die Amerikaner. Er blieb ungeschoren und rühmte sich, Göring verhaftet zu haben.

Der Holocaustforscher Gould woll­te Frank ursprünglich wegen dessen Verhaftung Görings befragen. Doch dann bemerkte Gould, dass Franks Unterschrift unter einem Antwortbrief an Gould identisch war mit der Unterschrift unter den ersten Mordbefehlen der SS, die Gould kannte. Für den Amerikaner galt es nun nur noch, die Fäden zusammenzuziehen. Eldad Beck von Jedijot Achronot sagte auf Anfrage, dass diese Geschichte »absolut glaubwürdig« sei, denn Frank habe seine Verbrechen in Videoaufnahmen voll bestätigt.

Gould hatte den Eindruck, dass Frank letztlich sehr stolz auf alle seine Taten war. Zu seinem Lebensende wollte Frank wohl Anerkennung für seine Taten erhalten, die er 65 Jahre lang verheimlichen musste, um einer Strafverfolgung zu entgehen.

Ulrich W. Sahm

Klopf noch einmal an

10. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Wie die Vorfreude auf Weihnachten Enttäuschung und Frust wettmachen kann.
 
Mir klopft das Herz, aber ich wage es noch einmal.  (Foto: Ullstein Bild)

Mir klopft das Herz, aber ich wage es noch einmal. (Foto: Ullstein Bild)

Klopf noch einmal …

Eigentlich reicht es mir in diesen Wochen vor Weihnachten. Genug Leute haben mir die Tür vor der Nase zugeschlagen, eine Mauer auf dem Balkon errichtet, mir »die Wahrheit« ins Gesicht geschleudert.

Erhoffte neue berufliche Tore sind mir in diesem Jahr verschlossen geblieben. Wie oft wurden meine zur Versöhnung ausgestreckten Hände nicht ergriffen! Ich fühle mich erschöpft, verletzt, unverstanden, ausgegrenzt und – viel zu oft in letzter Zeit – auch wütend.

Zu gut verstehe ich Josef, wie Sarah Ann ihn bei den Proben zum Krippenspiel spielt. Sie stampft mit dem Fuß auf und brüllt in die Runde: »Weiß denn keiner hier was Schmerzen sind? Gibt es niemanden hier in dieser Stadt, der Mitleid mit uns hat?«

Da berührt ihn Maria (von Tina ­ergreifend gespielt, eine zurückhaltende, bescheidene Maria, die ganz in ihrer Rolle aufgeht) sanft am Arm und bittet flehend: »Klopf noch einmal, meinem Kind zuliebe.«

Und Josef überwindet seinen Zorn und bestimmt auch seinen verletzten Stolz und klopft noch einmal, ­demütig, an der letzten Herberge am Stadtrand. Und die Wirtin zeigt Verständnis und hat Mitleid mit dem Paar. Sie ­bietet ihnen, beteuernd, leider nicht mehr tun zu können (eine überzeugende Geste, wie Lisa die Arme vorstreckend, seufzt), immerhin den Stall an. Merkwürdigerweise ist Josef jetzt nicht mehr sauer: »Nun gut. Ein Stall ist besser als ein Quartier auf offener Straße. Wir werden schon zurechtkommen.«

Fügt er sich in sein Schicksal?

Ist er froh, wenigstens diese Unterkunft für seine Frau gefunden zu haben, die ausgerechnet jetzt dieses Kind – was hat er eigentlich damit zu schaffen – zur Welt bringen muss?

Wahrscheinlich weiß er, dass er das ihm im Augenblick Mögliche getan hat und kann darauf vertrauen, dass dies genug ist. Und dann ist er wieder in seiner Rolle, wie wir sie uns traditionell vorstellen, er bleibt sorgend und schützend im ­Hintergrund.

Warum rührt mich diese Szene so?

Dieses »klopf noch einmal« höre ich als Aufforderung. Es gab Situationen, in denen mich Gott bat: »Komm, klopf noch einmal. Suche noch mal das ­Gespräch, schreib eine Karte, verzichte doch mal auf dein Recht. Gib nicht auf. Versuche, aus dem, was sich aufgetan hat, das Beste zu machen. Denke nicht, es ist nur ein Stall, sondern denke, es ist besser als kein Dach über dem Kopf. Klopf noch einmal, meinem Kind zuliebe.«

Ich habe manches Klopfen gewagt, Jesus zuliebe. Damit es ein kleines Fleckchen Platz gibt für seine Ankunft in mir. Es ist mir beileibe nicht leichtgefallen, meine Enttäuschungen, meinen verletzten Stolz, meine Vorurteile zu überwinden. Es fühlt sich nicht großartig an, auf mein Recht zu verzichten, meinerseits um Vergebung zu bitten. Aber ich hab wenigstens noch einmal geklopft, Jesus zuliebe.

Manchmal geht es mir wie Josef, plötzlich erscheint mir der zu guter Letzt noch zugewiesene Stall als eine akzeptable Alternative.

Diese vermeintlich zweitschlechteste Wahl, erweist sich als gerade richtig. Denn was dann zu Weihnachten nachts im Stall passiert, ist nicht nur staunenswert, es ist froh machend und alles verändernd.

So will ich nicht rumjammern, weil ich ihm werde keinen Palast anbieten können. Wenn er kommt, wird wieder nur eine winzige Krippe in meinem Herzen stehen. Ärmlich. Und doch kann ich darauf vertrauen: Die Krippe reicht ihm, um bei mir anzukommen.

Ja, ich klopfe noch einmal, das heißt, ich schreibe diese zwei Weihnachtskarten, von denen ich bis vorgestern dachte, schade ums Papier.

Wer weiß, vielleicht öffnet sich eine Tür.

Petra Ng’uni

Kunst in der Kirche

6. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Bild von Sabine Gumnitz: Licht der Weihnacht, Kreide, 2010. (Foto: Kunstdienst/Steffen Krüger)

Bild von Sabine Gumnitz: Licht der Weihnacht, Kreide, 2010. (Foto: Kunstdienst/Steffen Krüger)

 
Überlebt: Von mehreren Kunstdienst-Einrichtungen, die es in der DDR gab, besteht als einziger nur noch der sächsische
 
Der Kunstdienst der ­sächsischen Landeskirche feiert sein 60. Jubiläum. Ein Blick auf seine ­traditionsreiche Geschichte und Gegenwart.
 

In fast jeder Kirche gibt es Kunstwerke, wertvolle Altarbilder, Gemälde und Schnitzereien. Mitunter sind die Gebäude selbst Kunstwerke oder solche kommen in ihnen zur Aufführung wie zum Beispiel jetzt im Advent das Weihnachtsoratorium und andere Konzerte. Kunst gehöre zum Leben und deshalb auch zur Kirche, so Dr. Frank Schmidt, Leiter des Kunstdienstes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens mit Sitz in Dresden. »Die Kunstdienste sind Teil des missionarischen Auftrages für das Evangelium.«

In dieser Absicht sei der sächsische Kunstdienst 1950 gegründet worden. Parallel dazu seien neben Dresden Einrichtungen in Berlin, Rostock und Erfurt entstanden. Im Westen Deutschlands existierte ein einziger christlicher Kunstdienst in Hamburg, so Schmidt. Wie der Kunsthistoriker konstatiert, ist von den genannten Einrichtungen der sächsische Kunstdienst als einziger übrig geblieben.

In diesem Jahr feiert er sein 60. Jubiläum. Er blickt auf eine traditionsreiche Geschichte zurück und freut sich aktuell über eine positive öffentliche Wahrnehmung.

In der DDR erfüllte der Kunstdienst die Aufgaben der damals noch nicht vorhandenen Erwachsenenbildung, lud etwa zu Vorträgen und Lichtbildervorführungen ein. Von Anfang an unterstützte er die Gemeinden bei ­ihrer Arbeit mit bildender Kunst.

Bildungsarbeit in den Gemeinden

Sehr beliebt seien Werkwochen gewesen, berichtet Schmidt, Rüstzeiten, bei denen sich die Teilnehmer gemeinsam mit Künstlern einem bestimmten Thema der christlichen Kunst gewidmet haben. Die große Nachfrage nach diesen Veranstaltungen sei nach der Wende abrupt abgebrochen, sagt Schmidt.

Der Kunstdienst war in der DDR für einige Künstler das einzige Podium für Ausstellungen oder Auftritte.

Für die Bildungsarbeit in den Gemeinden entstand in Sachsen eine umfangreiche Dia-Sammlung mit Motiven der christlichen Kunst, Bauwerken, biblischen Pflanzen und Tieren. Meditative Bilder gehören ebenso dazu wie Themen zur Mission und anderen Religionen. In Werkberichten wurden neu gebaute Kirchen, Grafiken, Bräuche und Künstler mit ihren Techniken vorgestellt. Material, das
in der Gemeindearbeit gern genutzt wurde.

Die Arbeit, die den sächsischen Kunstdienst jahrzehntelang prägte, hat sich mittlerweile verändert. Eine seiner großen Aufgaben sind Ausstellungen. Deren Tradition beginnt bereits 1957 als in der Dresdner Kreuzkirche zum ersten Mal Krippen ausgestellt wurden. Krippen gäbe es heute überall und in jeder Form auf Weihnachtsmärkten und in Kaufhäusern. Deshalb sei die Tradition der Krippenausstellungen inzwischen aufgebrochen worden, ­bemerkt Angelika Busse, Mitarbeiterin des Kunstdienstes, verantwortlich für die Ausstellungen. Statt Krippen zu zeigen, werde in der Weihnachtszeit der Fokus auf ein bestimmtes Thema gelegt.

In diesem Jahr zeigen Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten zum Motto »Licht der Weihnacht«. Die Präsentationen in der Weihnachtszeit sollten zur Ruhe und Besinnung einladen, eventuell auch eine Entgegnung auf vorherrschenden Trubel und Kommerz darstellen.

Ständige Orte für Ausstellungen zeitgenössischer Kunst sind die Kreuzkirche und das Foyer der Dreikönigskirche in Dresden sowie der Dom in Meißen. Darüber hinaus gibt es wechselnde Ausstellungen in anderen sächsischen Kirchen oder landeskirchlichen Einrichtungen. Gemeinden, die gern eine Ausstellung organisieren wollen, werden vom Kunstdienst unterstützt und beraten.

Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen

Ausstellungen seien eine gute Möglichkeit, Kirchen über bestehende ­Öffnungszeiten hinaus zu öffnen, sagt Angelika Busse. Sie wünscht sich noch viel mehr offene Gotteshäuser. Präsentationen von Kunstwerken tragen ihrer Meinung nach dazu bei, Schwellenängste der Besucher abzubauen. Menschen, die eher selten einen Kirchenraum betreten, täten dies eher, wenn sie darin Bilder oder andere Kunstwerke betrachten könnten.

Welche Künstler und welche Art von Kunst haben eine Chance, präsentiert zu werden? Der Kunstdienst ist Anlaufstelle für Künstlerinnen und Künstler der Region. Die Auswahl sei oft eine Gratwanderung, weiß Busse aus Erfahrung. Illustrationen zur Bibel seien nicht zwingend. Wohl aber Fragen, die in der Kirche relevant seien, also Themen wie der Mensch, die Schöpfung, Krieg und Gewalt, Alter, Passion, Sterben und Tod.

Ausstellungen sollten, wenn sie nicht eine Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben, dann die mit existenziellen Fragen anregen, ­betont Schmidt.

Neben den Ausstellungen gibt es eine zweite Hauptsäule des Kunstdienstes: die Betreuung des kirchlichen Kunstgutes der sächsischen ­Landeskirche. Dazu gehöre die wissenschaftliche Erfassung des in sächsischen Kirchen befindlichen Kunstgutes, erklärt Schmidt. Zudem berät der Kunstdienst Gemeinden bei der Restaurierung und Neuanschaffung von Ausstattungsstücken für Kirchen und Gemeinderäume, wie zum Beispiel Abendmahlsgerät und Leuchter.

Seit 2002 ist dem Kunstdienst noch eine neue Aufgabe zugewachsen, die des Siegelsachverständigen. »Jede ­Gemeinde braucht ein eigenes individuelles Siegel«, erklärt Schmidt. Seit der Strukturreform, in deren Folge sich viele Gemeinden neu bilden, sei der Bedarf daran groß. »Jedes Siegel ist Kunstwerk.« Der Kunstdienst berät Gemeinden und vermittelt Grafiker. Ein Geschäft, das seit den strukturellen Veränderungen, blühe.

Sabine Kuschel

»Es gibt Zeichen für das Kommen Gottes«

5. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Warten ist ein Thema der Adventszeit. Es gibt ein Warten voller Vorfreude und ein ungeduldiges banges Hoffen. Wie er Warten erlebt, erzählt der ehemalige Thüringer Landesbischof Roland Hoffmann. 

Roland Hoffmann ist seit 2001 im Ruhestand. Er lebt in Jena. (Foto: Jürgen Scheere)

Roland Hoffmann ist seit 2001 im Ruhestand. Er lebt in Jena. (Foto: Jürgen Scheere)

Herr Altbischof Hoffmann, gibt es ­etwas, worauf Sie warten?
Hoffmann:
Als Großeltern warten wir, meine Frau und ich, immer auf die Enkel und freuen uns auf sie. Wenn die angesprungen kommen, ist das eine Freude.

Ein Warten voller Vorfreude. Doch Warten kann mitunter so schwer sein …
Hoffmann:
Ja, es gibt negatives und positives Warten. Positives Warten ist gefüllte Zeit. Negatives Warten heißt tatenlos und ohnmächtig warten. Nichts tun können außer hilflos zu warten, das ist für mich ganz, ganz schwer. Ich habe Anfang September mein Gleichgewicht verloren und nun warte ich, dass es wieder besser wird. Lange musste ich warten, bis die Ärzte die Ursache gefunden hatten. Jetzt warte ich, dass der Druck im Ohr verschwindet. Wenn ich den Kopf schnell hin- und herbewege, dreht sich alles. Dagegen kann ich nichts tun. Menschenskind, denke ich, es ist fast ein viertel Jahr herum. Und ich kann nur warten.

Ansonsten habe ich bei allem Warten in meinem Leben noch nie die Hände in den Schoß gelegt. Wenn wir Besuch erwarten, gibt es immer noch etwas zu tun. Wenn wir auf Termine und Ereignisse warten, ist die Zeit bis dahin ausgefüllt. Aber es gibt doch auch dieses negative Warten. Ich sage immer: »Gott ist ein böser Mensch. Er lässt uns immer das lernen, was uns am schwersten fällt.«

Machen Sie Fortschritte?
Hoffmann:
Ich habe wenig Hoffnung, dass ich mit dem Älterwerden automatisch geduldiger und gelassener warten könnte. Aber im Umgang mit meinem Enkel beobachte ich, dass ich ihm länger zugucken kann, wenn er etwas ausprobiert. Da denke ich: Guck, solche Geduld hattest du bei deinen Töchtern nie. Wenn meine Kinder – als sie klein waren –, etwas nicht gleich konnten, habe ich es ihnen aus der Hand genommen, habe es selber gemacht oder sie angetrieben. Dem vierjährigen Enkel kann ich zugucken. Da merke ich, dass ich ruhiger werde.

Auch wenn ich mit jungen Kollegen zu tun habe, bin ich gelassener geworden. Wenn ich sehe, dass et-
was schief läuft, muss ich nicht mehr eingreifen. Und den umständlichen Kollegen muss ich nicht mehr korrigieren. Ich sage mir dann: Ach guck, so rum geht es auch. Schön. Darauf wärst du nie gekommen.

Zum Amt des Landesbischofs gehört das Ringen um gute Entscheidungen. Dazu braucht es viel Geduld …
Hoffmann:
Wenn ich für ein Problem keine Lösung wusste, habe ich gebetet, es möge uns gelingen, dass sich dieses oder jenes Problem löst. Ich habe manchmal im Gebet gesagt: Christus, was soll ich mir einen Kopf machen? Es ist deine Kirche. Gib uns einen Impuls. Zeige uns einen Weg. Und am nächsten Morgen gab es oft eine Idee. Probleme, die mich bedrängen, überlasse ich dem Herrn, denn ich kann erwarten, dass er sie auf sich nimmt. Und ich habe erfahren, dass Probleme, die ich Gott überlasse, auch gelöst werden.

Und wenn Sie vergeblich warten mussten?
Hoffmann:
Dass sich Ereignisse so entwickeln, wie ich es nicht gewünscht oder angestrebt habe, klar, das habe ich erlebt. Auch dass ich meinen Willen nicht durchsetzen konnte. Dann denke ich: Na, lieber Gott, du wirst dahinter stehen und wissen, warum das jetzt so läuft.
Wenn etwas nicht so wird, wie ich es will, dann sage ich mir den Satz von Martin Luther: »Wenn nicht passiert, was du willst, passiert etwas Besseres.« Dann bin ich richtig gespannt darauf, was denn Besseres passieren wird. Hoffnung und Geduld sind Schwestern der Erwartung.

Im Advent hat Warten noch eine viel tiefere Bedeutung. Warten auf das Kommen Gottes …
Hoffmann:
Ich hoffe darauf, dass Gott sich in bestimmte Situationen einmengt, und ich begreife, hier handelt der Herr. Wenn ich auf den Herrn warte, heißt das: Ich bin voller Vertrauen. Dieses Erwarten ist nichts ­Ungewisses, sondern ich rechne fest mit ihm.

Ich habe einige Erlebnisse, die ich als Zeichen und Wunder deute. Ich glaube, dass das Reich Gottes in ­unsere Welt hereinragt. Ich werde es dann, wenn ich diese Welt verlassen muss und hoffentlich in seinem Reich lande, noch ganz anders erleben. Aber immerhin erlebe ich sein Wirken schon hier und heute auf dieser Erde. In meinem Leben, im Leben Anderer gibt es Zeichen für das Kommen und Wirken des Herrn.

Das Gespräch führte Sabine Kuschel.

Kirchen werben: Wählt, wählt, wählt!

3. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Überall im Sudan sind derzeit die Registrierungsbüros für die Volksabstimmung zur Zukunft des Südens geöffnet. Diese Frau hat sich in der ebenfalls umstrittenen westlichen Darfur-Region für den Volksentscheid registrieren lassen. (Foto: picture alliance/dpa)

Überall im Sudan sind derzeit die Registrierungsbüros für die Volksabstimmung zur Zukunft des Südens geöffnet. Diese Frau hat sich in der ebenfalls umstrittenen westlichen Darfur-Region für den Volksentscheid registrieren lassen. (Foto: picture alliance/dpa)


 
Sudan:
Die Volksabstimmung um die Unabhängigkeit des Südens macht den Christen Angst und Hoffnung zugleich

 
Am 9. Januar 2011 werden die Bürger im Süden Sudans in einer Volksabstimmung entscheiden, ob ihre Region ein unabhängiger Staat werden soll.
 

Elizabeth Aya hat Angst. Sollte der sich christliche Süden vom muslimischen Norden trennen, wird der Norden von den Ölquellen und dem fruchtbaren Ackerboden im Süden getrennt – es drohen blutige Auseinandersetzungen.

»Wenn der Süden sich abspaltet, wie wird es meinen Kindern gehen?« fragt die Vorsitzende der anglikanischen Mütterunion verzweifelt. Ihre Kinder besuchen eine Schule in der nordsudanesischen Hauptstadt Khartum. Aya befürchtet, dass ihnen Repressionen, wenn nicht sogar die Ausweisung aus der Schule bevorstehen. »Viele Christen haben große Sorge vor dem Referendum«, berichtet der ang­likanische Bischof Ezekiel Kondo, der ebenfalls aus Khartum stammt.

Noch sei nicht ganz klar, ob die ­sudanesische Regierung die Volksabstimmung tatsächlich erlaube, räumt Kondo ein. Sollte sich die südliche ­Region aber wie erwartet abspalten, könne es sein, dass Gewalt gegen die Christen im Norden aufflamme. Außerdem bestehe die Gefahr, dass die vertriebenen Sudanesen daran ge-hindert würden, in ihre ehemalige Heimat im Süden zurückzukehren.

»Christen im Norden sind schon jetzt Repressalien ausgesetzt«, sagt der Generalsekretär des sudanesischen Kirchenrates, Ramadan Chan Liol. Er drängt dazu, in der Verfassung einen Minderheitenschutz zu verankern – und wenn möglich auch die ­Religionsfreiheit. Darauf wird sich die Regierung in Khartum wohl kaum freiwillig einlassen, doch Chan setzt auf den Druck der internationalen ­Gemeinschaft: »Wir haben es hier mit dem Schutz von Menschenrechten zu tun, und das sollte die Weltgemeinschaft interessieren.«

Um die Ölfelder im Süden kämpften Norden und Süden 20 Jahre lang. Nach langen Verhandlungen schlossen die Regierung in Khartum und die Sudanesische Befreiungsarmee im Süden im Januar 2005 einen Friedensvertrag und beendeten Afrikas längsten Bürgerkrieg, in dem mehr als zwei Millionen Menschen starben. In diesem Abkommen wurde den Südsudanesen für 2011 eine Volksabstimmung über eine mögliche Unabhängigkeit zugesichert.

So oder so: Minderheiten müssen geschützt werden

Die Kirchen ermuntern ihre Mitglieder, am Abstimmungstag ein Kreuzchen zu setzen. »Ich sage den Menschen in meiner Gemeinde: Lasst euch registrieren und geht wählen. Wählt, wählt, wählt!«, berichtet Arkanjelo Wani Lemi, Bischof der »Africa Inland Church« im Südsudan. Die Menschen seiner Kirche müssten selbst entscheiden, ob sie die Teilung des Sudan oder die Einheit wählen. »Gerade einmal fünf Jahre haben wir Frieden genossen. Wir predigen Frieden, und wir beten, dass das Referendum friedlich verläuft«, sagt Wani Lemi.

Anthony Poggo, anglikanischer Bischof der Diözese Kajo-Keji im Südsudan hofft, dass die Regierung das Ergebnis des Referendums akzeptiert, egal wie es ausfällt. Wenn es eine Teilung gibt, müssten den eineinhalb Millionen Christen im Norden, eben­so wie der muslimischen Minderheit im Süden, Religionsfreiheit und Menschenrechte gewährt werden. »Wir wollen, dass die Menschen ihr Recht erhalten«, betont der anglikanische Bischof.

Nicht nur die Kirche im Sudan, auch der Vatikan, der Ökumenische Rat der Kirchen und die weltweite evangelische Allianz engagieren sich für den Frieden im Sudan. Volker ­Faigle, Beauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für den Sudan, sagt, die evangelische Kirche werde sich dafür einsetzen, dass Wahlbeobachter in das Land entsandt werden, die das Referendum begleiten.
Das Referendum sei eine große Chance für einen dauerhaften Frieden zwischen dem Süden und dem Norden, betont Faigle, unabhängig davon, ob der Süden beim Norden bleibt oder nicht. Jedoch müssten alle Kräfte, die Kirchen, die EU und die Vereinten ­Nationen dazu beitragen, dass das ­Referendum gelingt.

Auch Elizabeth Aya bittet um internationale Unterstützung: »Bitte betet für uns, wir haben genug gelitten.« Die Sudanesen wollten endlich in Frieden und Freiheit leben können.

Judith Kubitscheck (epd)

Spätes Mutterglück

2. Dezember 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Familienplanung: Der Anteil der Frauen, die erst jenseits der 35 ihr erstes Kind bekommen, nimmt kontinuierlich zu
 
Die biblische Elisabeth wurde im fortgeschrittenen Alter unverhofft schwanger. Im Unterschied zu ihr wirken heute Bildung und Beruf oft lange wie ein Verhütungsmittel. Vor allem gut ausgebildete Frauen entscheiden sich erst spät für Kinder.
 

Eltern werden immer älter: In Deutschland entscheiden sich Paare immer später für ein Kind. (Foto: picture-alliance)

Eltern werden immer älter: In Deutschland entscheiden sich Paare immer später für ein Kind. (Foto: picture-alliance)

Die biologische Uhr ist abgelaufen für Elisabeth. Nach menschlichem Ermessen ist sie zu alt, um schwanger werden zu können. Und so hat sich das fromme Ehepaar Elisabeth und Zacharias, die beide zum Priesteradel in Israel gehören, damit abfinden müssen, dass ihre Ehe kinderlos bleibt.

Kein Sohn wird die Familientradition fortsetzen und das Priesteramt von Zacharias übernehmen. Kinder und besonders Söhne, gelten im alten Israel als ein Zeichen göttlichen Segens.

Denn Gott hatte schon Abraham zahlreiche Nachkommen verheißen. Dabei gehört es zu den Urerfahrungen ­Israels, dass sich der Wunsch nach ­einem Kind nicht problemlos erfüllt: Stammmutter Sarah führt ihrem Mann Abraham wegen ihrer Kinder­losigkeit ihre Sklavin zu. Rebekkas ­Unfruchtbarkeit wird erst nach einem ­besonderen Gebet Isaaks aufgehoben. (Genesis 25) Auch Rahel verzweifelt zunächst über ihre Kinderlosigkeit: »Schaffe mir Söhne, oder ich sterbe«, fordert sie von Jakob. »Bin ich dann an Gottes Statt, der dir die Leibesfrucht versagt hat?«, entgegnet Jakob und betont damit die biblische Überzeugung: Kinder sind eine Gabe Gottes.

Unverfügbarer Kindersegen

Wenn der Kindersegen allerdings ausbleibt, galt das in biblischer Zeit als »Schuld« der Frau. Kinderlosigkeit war für sie verbunden mit Schmach und Abwertung. Wir wissen nicht, ob und wie Elisabeth und Zacharias sich mit ihrem Geschick abgefunden haben und wir wissen auch nicht, wie alt Elisabeth genau ist. Die biblische ­Legende von der Ankündigung der Geburt des Johannes erzählt nur, dass sie ihre Schwangerschaft anfangs gar nicht öffentlich machen will, und dass es Zacharias die Sprache verschlägt, bis das unverhoffte Überraschungskind tatsächlich geboren ist und einen Namen braucht.

Es braucht schon einiges, bis Monika T. die Worte fehlen. Was Schlagfertigkeit und Wortgewandtheit angeht, ist die selbstbewusste Diplom-Finanzwirtin, so schnell nicht zu übertreffen. Doch vor knapp einem Jahr verschlug es selbst ihr die Sprache. Beinahe jedenfalls. »Zwillinge« hatte der Ultraschall gezeigt. Und das mit 41 Jahren. Nach 13 Jahren unerfülltem Kinderwunsch. Wenn im Gottesdienst ein Kind getauft wurde und der Pfarrer die alte Formel gebrauchte: »Gott hat euch gewürdigt, ein Kind zu bekommen«, dann musste ich in den ersten Jahren schon mit dem Gefühl kämpfen, »du selbst bist also nicht ­gewürdigt«, erinnert sie sich.

Aber Monika und ihr Mann verzichten auf einen Ärzte-Marathon, setzen nicht alle ­Hebel in Bewegung, um die Ursachen ihrer ungewollten Kinderlosigkeit zu erforschen oder mit Hilfe von künstlicher Befruchtung doch noch Kinder zu kommen. Sie fassen den Entschluss, die Frage des Kinderkriegens auf sich beruhen zu lassen. »Wenn Gott will, dass wir Kinder haben, dann ist das für uns okay«, können sie irgendwann sagen.

Kinder gelassener genießen

Umso mehr freute sich Monika auf das Kinderglück im Doppelpack. Das große »R« für »Risikoschwangerschaft« in ihrem Mutterpass trug sie gelassen. Wie viele späte Erstgebären­de, versuchte sie in der Schwangerschaft gesund zu leben: Kein Alkohol, viel Bewegung, gesunde Ernährung, genügend Schlaf und die Wahrnehmung der Vorsorgetermine waren für sie selbstverständlich. Die von der Frauenärztin sofort nahegelegte Fruchtwasseruntersuchung lehnte sie allerdings ab.

Obwohl sie wusste, dass das Risiko, ein behindertes Kind zu bekommen, ab 35 deutlich steigt. Die Gefahr, ein Kind mit Trisomie 21 (»Down-Syndrom«) zur Welt zu bringen, liegt bei jüngeren Frauen bei etwa 1:7000. Bei 35-Jährigen steigt sie bereits auf 1:385; bei 40-jährigen Müttern erhöht sich die Zahl auf 1:90 und bei 45-Jährigen liegt sie sogar bei 1:30. Wird bei der Vorsorgeuntersuchung eine Auffälligkeit festgestellt, stehen ältere Frauen und ihre Partner also häufiger als jüngere vor der schweren Entscheidung, ob sie ein Ja zu ihrem Kind finden, auch wenn es nicht gesund zur Welt kommt.

Dass die Zwillinge später einmal »alte Eltern« haben werden, sieht ­Monika T. gelassen. Das Mehr an Lebenserfahrung, das sie im Vergleich zu 25-Jährigen bei sich entdeckt, macht in ihren Augen wett, dass sie nicht mehr ganz jung ist. Und außerdem steigt doch auch die Lebens­erwartung. Beruflich ist sie mit Anfang 40 so gut etabliert, dass es ihr nicht schwerfiel, nach der Geburt des Zwillingspärchens in Familienpause zu ­gehen. »Anders als junge Kolleginnen, die Angst vor einem Karriereknick haben, wenn sie in Familienzeit gehen, muss ich mir beruflich nichts beweisen. Gerade weil ich so spät Mutter werde habe ich das Gefühl, nichts verpasst zu haben und nicht zu kurz zu kommen«, findet sie.

In Deutschland nimmt der Anteil der Frauen, die erst jenseits der 35 ihr erstes Kind bekommen, seit Anfang der 90er Jahre kontinuierlich zu. Waren 1990 nur fünf Prozent der Erstgebärenden über 35 Jahre alt, so lag ihr Anteil im Jahr 2000 bereits bei 16 Prozent, heute steigt er auf fast 26 Prozent.

Die biologische Uhr tickt

Späte Mutterschaft ist dabei ­allerdings nur in seltenen Fällen das Ergebnis ­einer unverhofften späten Schwangerschaft wie bei Elisabeth oder Monika, sondern von Familienplanung und bewusster Entscheidung. Denn: Bildung und Beruf wirken oft lange wie ein Verhütungsmittel.

Vor allem gut ausgebildete Frauen, die nach einem Studium erst mit Ende 20 oder Anfang 30 in den Beruf einsteigen, entscheiden sich erst spät für Kinder. Sie wollen sich erst im Beruf etablieren, ehe sie versuchen, den durchaus vorhandenen Kinderwunsch Realität werden lassen.

Was viele Paare dabei angesichts der Berichterstattung über späte Schwangerschaften nicht berücksichtigen ist, dass die biologische Uhr dennoch tickt. Ab 30 sind die fruchtbarsten Jahre der Frau vorbei – und Kinder kommen nicht mehr ­einfach »auf Bestellung«, sondern in vielen Fällen nur mit medizinischer Unterstützung.

Karin Vorländer

Großes Glück und tiefe Trauer

2. Dezember 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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In-vitro-Fertilisation: die außerhalb des Körpers in einer Nährlösung (in vitro) stattfindende Befruchtung der ­menschlichen Eizelle (Illustration: picture-alliance/medicalpicture)

In-vitro-Fertilisation: die außerhalb des Körpers in einer Nährlösung (in vitro) stattfindende Befruchtung der ­menschlichen Eizelle (Illustration: picture-alliance/medicalpicture)



Ethik:
Zwischen Heilsversprechen und Machbarkeitswahl – die künstliche Befruchtung hat nicht nur positive Seiten
 
Am 10. Dezember erhält der Schöpfer der Retortenbabys, der britische Forscher Robert Edwards, den Nobelpreis für Medizin. Vielen verhalf seine Forschung zum Kindersegen. Doch Fragen bleiben.
 

Robert Edwards hat die Forschung zur künstlichen Befruchtung, oder In-Vitro-Ferti­lisation (IVF), zusammen mit dem ­Gynäkologen Patrick Steptoe zum Erfolg geführt. Vier Millionen Kindern hat er seither ein Leben ermöglicht. Edwards Motiv war: »Es gibt nichts Wichtigeres im Leben als ein eigenes Kind.«

Ab 1968 arbeitete Edwards mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe zusammen. In den Jahren 1972 bis 1974 ­wurden erstmals Embryonen in ihre Mütter transferiert, aber Schwangerschaften blieben aus. 1976 erreichten Edwards und Steptoe das erste Mal eine Eileiterschwangerschaft. 1977 gelang die erste künstliche Befruchtung einer Frau: Am 25. Juli 1978 wurde die Tochter Louise Joy Brown von ihrer Mutter Lesley Brown per Kaiserschnitt entbunden.

Wie die aus Leidenschaft und Liebe, wie die aus Gewalt und Rücksichtslosigkeit, so sind auch die durch IVF gezeugten Kinder Gottes Schöpfung. Wer in ihre Augen schaut, sieht, nach einem Ausspruch Martin Luthers, in Gottes Augen. Auch für sie gilt Psalm 139,13: »Du hast mich im Schoß meiner Mutter gewoben.« »Wir sind einfach nur dankbar«, sagt die Mutter, die durch künstliche Befruchtung schwanger wurde.

Doch um die ganze Wahrheit zu ­erfahren, müssen wir den Schleier der Sprache aufdecken. So werden Eizellen nicht gewonnen, sondern nach monatelangem Hormonspritzen aus den Eierstöcken vaginal (vor kurzem noch durch die Bauchdecke) unter ­Ultraschallkontrollen herausgesaugt. Samenspenden sind keine Spenden. Der Mann masturbiert und übergibt sein Sperma dem Arzt oder er verkauft es einer Samenbank, einem Profitunternehmen. Die Werbeseiten im ­Internet für IVF mit Samen- und Eizellen aus Spanien und Tschechien zeigen, dass große Wirtschaftsunternehmen dahinterstehen.

Die medizinischen Angebote werden oft wie Heilsverheißungen formuliert. Sie lassen die seelischen ­Belastungen der Paare während der Prozeduren, die seelischen Leiden ­derer, die gescheitert sind, und die körperlichen Schäden bei den Frauen im Dunkeln. Nur 15 bis 30 Prozent der IVF-Frauen bekommen nach einer Behandlung ein Baby, so niedrig ist die sogenannte »Baby-take-home-Rate«.

Viele versuchen es mehrmals. Oft sind Beziehungen dem damit verbundenem seelischen und körperlichen Stress nicht gewachsen. Lebensberatungsstellen helfen den Frauen, die verengt nur auf dieses eine Ziel hin gelebt haben, ein Kind zu bekommen – und dann vor dem Nichts stehen.

Edwards Wahlspruch »Es gibt nichts Wichtigeres im Leben als ein ­eigenes Kind« ist nicht wahr. Frauen ohne Kinder haben ein großes Potenzial an Kreativität und Mütterlichkeit, das ihr Leben erfüllen kann. Mütterlichkeit ist eine Tugend, die alle leben können, auch Männer. Das hebräische Wort für die Barmherzigkeit ­Gottes heißt im Urtext »Mutterschößigkeit«, so kann auch Gott mütterlich sein.

Der Forschungsdrang eines einzelnen Mannes hat große ethische Konflikte gebracht: Etwa die Frage, ob Embryonen im Rahmen der sogenannten Präimplantationsdiagnostik vor der Einspritzung in die Gebärmutter nach erbbedingten Krankheiten untersucht und gegebenenfalls verworfen werden dürfen (siehe die letzte Ausgabe unserer Kirchenzeitung). Der Bundesgerichtshof hat kürzlich entschieden: Ja, aber nur wenn Erbkrankheiten ­befürchtet werden, eine allgemeine Vorselektion darf nicht sein. Doch so entsteht Druck auf Eltern, die ein ­behindertes Kind haben: »Konntet ihr es nicht verwerfen, also abtreiben?« Der soziale Druck zu einem medi­zinisch durchgecheckten Kind wird sich erhöhen.

Ein Gegenentwurf zum Glauben an die Machbarkeit ist die Spiritualität. Sie ist zurzeit ein Modewort. Es meint eine Frömmigkeit, die kein festgelegtes Gottesbild hat, aber eine tiefe Verbundenheit mit den tragenden Kräften des Lebens. Spiritualität in der Phase der Fami­liengründung umfasst heute mehr als Schwangerschaft und Geburt. Sie fragt: Welche Macht lassen wir über uns herrschen? Die Hochleistungsmedizin? Die Werbung der Kinderwunsch-Zentren mit ihren wirtschaftlichen Interessen? Den gesellschaft­lichen Druck?

Die Bibel enthält viele Texte zu Themen der Familiengründung, die aber auch Probleme ansprechen: Hagar wurde Leihmutter für Sara und Abraham. Nach dem Streit der Frauen wird sie mit ihrem Sohn Ismael in die Wüste geschickt (1. Mose 16 und 21). Rahel stirbt bei der Geburt ihres ­zweiten, heiß erbeteten Kindes, Benjamin (1. Mose 37,15). Rebekka ist verunsichert durch die heftigen Kindesbewegungen ihrer Zwillinge und holt bei Gott ein Orakel ein (1. Mose 25, 24ff). Elisa reinigt das Brunnenwasser mit Salz und verhindert so weitere Fehlgeburten (2. Könige 2,19). Elisabeth spürt Kindsbewegungen ihres Sohnes, des späteren Johannes des Täufers, als die mit Jesus schwangere Maria sie besucht (Lukas 1,41).

Für die sogenannte Unfruchtbarkeit kennt die ­Bibel mehrere Ausdrücke: entwurzelt, einsam, verwelkt. Oft ist es eine Kinderlosigkeit auf Zeit. Die Unverfügbarkeit wird Gott zugeschrieben, er öffnet oder verschließt den Muttermund. Die Ambivalenz von Scheitern und Gelingen ist bei künstlicher Befruchtung viel größer als bei »natürlichen« Schwangerschaften.

Die Medizin kann das seelische ­Erleben nicht wahrnehmen. Doch alle Eltern spüren beim Blickkontakt mit einem Neugeborenen, dass hier mehr ist als das Machbare. Woher kommt diese Seele des Kindes? Ist sie ein Symbol für die vorsprachlichen Gefühle? Ist sie selbst »voller Transzendenzerfahrung« (Franz Renggli)? Ist sie die Gottesgeburt in jedem Menschen?

Die großen Erfolge der Hochleistungsmedizin führen uns nicht nur hin zum Glauben an die Wissenschaft, sondern auch zu den Grenzen der Machbarkeit, zur Offenheit gegenüber dem Wandel im persönlichen Leben, zur Dankbarkeit für die Wunder des Lebens, zu neuem Vertrauen, wenn alles in Frage steht.
Unerfüllter Kinder- und Enkelkinderwunsch, künstliche Befruchtung, vertrauensvolle Begleitung von Schwangerschaft und Geburt, Seelsorge bei Wochenbettdepressionen – diese und andere Themen der Familiengründungsphase gehören nicht nur in die Beratungsstellen, sondern auch in die Mitte der Gemeinde, in Segnungsfeiern und Fürbittgebete, in Gesprächs- und Besuchskreise.

Hanna Strack

Die Autorin, Jahrgang 1936, ist Pastorin und dreifache Mutter, arbeitete viele Jahre als Religionslehrerin und zuletzt als Leitende Pastorin der Evangelischen Frauenhilfe in Mecklenburg. Sie lebt heute im ­Ruhestand in Pinnow bei Schwerin.
www.hanna-strack.de