Von der heilsamen Kraft des Wartens

27. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

<h4>Warten</h4> <h5>Warten</h5> <h5>dass er nicht mehr</h5> <h5>auf ihn warten müsste.</h5> <h5>Und doch kann niemand</h5> <h5>auf Gott warten,</h5> <h5>der nicht wüsste,</h5> <h5>dass Gott schon längst</h5> <h5>auf ihn gewartet hat.</h5> <h5><em>Dietrich Bonhoeffer</em></h5>


Warten

Warten
dass er nicht mehr
auf ihn warten müsste.
Und doch kann niemand
auf Gott warten,
der nicht wüsste,
dass Gott schon längst
auf ihn gewartet hat.
Dietrich Bonhoeffer

Für die Adventszeit empfiehlt sich ein Kontrastprogramm zum üblichen Lebensablauf

Kein PR-Stratege hätte es besser hinbekommen können: Die alten Worte des Advents wirken wie ein Kommentar zum aktuellen Lebensgefühl. Allerdings bestätigen sie nicht den heutigen Trend. Erzählt wird nämlich vom Warten, während gegenwärtig die Maxime lautet: Brich auf und ziehe los! Wer Erneuerung sucht, ist fast immer auf dem Sprung, geht auf Reisen und erkundet ferne Länder. Wer schnelle Beine hat, gilt auch religiös betrachtet als jemand, der sich auf einem guten Weg befindet. Viele pilgern los. Der Mensch erlebt sich als Wanderer, ist Marathonläufer, Gipfel­erklimmer, Triathlet, Extremwanderer oder Bahncard-100-Besitzer.

»Im Advent hat das Pilgern Pause«

Ganz anders, geheimnisvoll und faszinierend fremd klingt, wovon im Advent gesungen wird. Auch da ist von Aufbruch die Rede, eine fantastische Bewegung beginnt – nur gehe ich nicht weg, sondern jemand anderes zieht los. Ein König macht sich auf die Reise, der Frieden bringt, heißt es in alten Verheißungen. Nach Jerusalem ist der Retter unterwegs, dieser oftmals zerstörten und geplünderten Stadt.

Im Advent hat das Pilgern also Pause. Nicht ich setze mich in Bewegung, sondern die Herrlichkeit Gottes geht auf Reisen.

Ich aber warte, dass die Herrlichkeit ihr Ziel erreicht. Das Ziel bin ich, denn Gott will ja nicht nur nach Jerusalem. Diese Stadt kann zum Symbol für jeden werden, der auf Heilung hofft.

Im Advent gilt nicht das Motto: Ich bin dann mal weg. Sondern: Ich bleibe da und warte.

Auch in den virtuellen Beziehungsnetzen gilt es heute, auf Menschen ­zuzupilgern, Profile anzuklicken, sie zu sammeln und in die eigene Gefolgschaft einzureihen. Menschen mit 500 Gefolgsleuten sind keine Seltenheit. Wer sich nicht heute noch bei ­Facebook registriert, wird schon bald gesichts- und arbeitslos.

Und ich?

Im Advent widme ich mich uralten Techniken der Kommunikation, die geheimnisvoller sind als jedes Twittern: Ich bete, singe, hoffe, träume – die kommende Herrlichkeit herbei.

Zu warten – das bedeutet aber nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Es gilt Barrieren abzubauen und aufzuräumen. Ob die biblischen Propheten gar nicht so exzentrisch waren, wie man denkt?

Weshalb sonst hätte Jesaja der Stadt Jerusalem ­zugerufen: Glätte die Wege und mache alles Krumme gerade?

Womöglich würde Jesaja heutzutage Kooperationsverträge mit Baumärkten schließen. Die Geräte aus der Gartenabteilung jedenfalls sind hilfreich, um den Weg für die angekündigte Herrlichkeit zu ebnen. Rechen, Besen, Schaufeln, Scheren: Im Namen des biblischen Propheten reche ich Blätter zusammen, stutze Büsche und kehre die Straße, um sie gangbar zu machen.

Der Advent: Eine Zeit für Spießer, Baumarktjünger und Sauberkeitsfanatiker?

Tatsächlich laden die Wochen vor Weihnachten ein, endlich einmal aufzuräumen. Die Wege müssen dabei nicht zwanghaft sauber ­gehalten werden. Der Aufruf aufzuräumen lässt sich vielmehr als ein Versprechen verstehen, dass das Leben einfach werden kann. Das gilt auch für mein Inneres: Inmitten der Berg- und Tallandschaft der Emotionen bricht sich die Hoffnung Bahn, dass Neues kommt.

Glatt, eben und zugänglich soll meine Umgebung und auch ich selber werden. Etwas rätselhaft ist das schon. Schließlich müsste die kommende Herrlichkeit Gottes eigentlich doch Hindernisse spielend überwinden können?

Der Retter aber benötigt auf dem Weg zu uns anscheinend Barrierefreiheit. Ist Gott zuweilen etwas schüchtern – und wir sollen ihm gar helfen? Der Friedefürst scheint keine Kämpfernatur zu sein, die Barrieren einfach so durchbricht. Das Herz, das Gott empfangen darf, muss also nicht gepanzert sein, im Gegenteil: Den Dünnhäutigen erreicht die Kraft Gottes vielleicht sogar zuerst. Diese Hoffnung lässt zur Ruhe kommen. Und ich tauche ein in eine Atmosphäre, die mich an Sonnabende aus alten Zeiten erinnert: Als alle Geschäfte mittags schlossen, der Tag mit einem Mal sein Tempo drosselte, und man sich bereitete – für die Ankunft eines feierlichen Tages.

Braucht Gott Ruhe, kommt er verletzlich, muss ich Gott helfen, ist er gebrechlich? Der Friedefürst ist kein Rambo-Typ, er sitzt nicht im Gelände­wagen. Eher kommt er zu Fuß. Vor diesem Verkehrsteilnehmer muss ich mich nicht erschrecken.

Gott ist Pilger – auf dem Weg zu mir. Was soll nun aus mir werden? Ich will zum Herbergsvater werden, um den Reisenden bei mir aufzunehmen.

»Macht hoch die Tür, die Tor macht weit«, heißt es im Advent. Das ist der letzte Schritt in der Kunst des Wartens, damit die Herrlichkeit Gottes Wohnung nehmen kann. Die Polizei ist hierbei kein Freund und Helfer, weil sie zu Sicherheitsschlössern rät. Hilfreicher kann eher schon jene betagte, in Amerika lebende Wissenschaftlerin sein, von der ich kürzlich las: »Ich schließe die Haustür niemals ab«, sagte die Frau, die alleine lebt. Im Fall eines Sturzes oder einer Krankheit stehe die Tür dann nämlich offen, der Weg sei frei für Nachbarn oder Sani­täter. Da nehme sie die Gefahr von Einbrechern gern in Kauf.

»Macht hoch die Tür, die Tor macht weit«

Der Advent ermutigt dazu, die Tür nicht abzuschließen. Noch mehr: Man soll sie sogar ganz weit öffnen. So setzt die Erwartungsfreude Signale.

Der Advent ist inspiriert von dem Mut, sich endlich einmal am rechten Fleck zu fühlen. Denn das Leben wird sich erfüllen – schon bald, ganz in meiner Nähe, ich selbst bin das Ziel – Gottes gute Adresse. Das Herz mag verwundet sein, lahm, verhärtet, eingemauert, alt und klein geworden, kalt womöglich oder auch geplündert, es pocht schwach oder zu heftig – egal!

Es ist die Hauptstadt Jerusalem, die sich Jahr für Jahr von Neuem schmückt, schöner wird und sich wartend immer weiter öffnet. So wird der König mit Pracht einziehen, Jesus. Es ist ein Kind, das aufgebrochen ist, um zu trösten. Ich halte die Arme nicht eng am Körper, sondern strecke sie in voller Länge von mir weg und spüre, wie frei und weit es in mir wird.

Der Himmel kommt mir entgegen. Ich will ihn empfangen, so stehe ich ungeschützt und unbesiegbar offen. Gott gehört nicht zu der Gattung der Verfolger, er folgt einfach nur dem Weg ins Herz hinein, damit der Frieden Wohnung findet.

Der Weg – er ist gefegt. Gott wird nicht stolpern. Seine Kraft ist klein und zart. Ich warte. Die Kraft ist groß, das Herz beginnt zu jubeln. Und alle Vergeblichkeit hat abgedankt.

Georg Magirius

Der Autor ist Theologe, Journalist und Schriftsteller.

Moses im Gospelsturm

26. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Komponist Dieter Falk bei einer ersten Probe für das Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« in Dresden. (Foto: Steffen Giersch)

Komponist Dieter Falk bei einer ersten Probe für das Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« in Dresden. (Foto: Steffen Giersch)

 
Pop-Oratorium der Superlative: »Die 10 Gebote« auf dem Kirchentag 2011 in Dresden

Bombastische Streicherklänge, Rockgitarren, rhythmusbetonte, soulige Musik, dramatische Bühnenszenen in effektvollem Scheinwerferlicht und ein Riesenchor mit zweieinhalbtausend Sängern. Eine Uraufführung der Superlative. Anfang des Jahres erlebten an zwei Abenden rund 17500 Zuschauer »Die 10 Gebote« in der Dortmunder Westfalenhalle. Nun ist das gigantische Pop-Oratorium ein zweites Mal geplant: am 4. Juni 2011 zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Zur Konzert-Arena soll das Rudolf-Harbig-Stadion mit seinen rund 30000 Plätzen werden. Jetzt werden Chöre dafür gesucht.

Das Oratorium gestaltet den Stoff aus dem Alten Testament: Mose führt das Volk Israel aus Ägypten und bringt ihm am Berg Sinai die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten. Das 19 Lieder umfassende Libretto aus dieser Vorlage hat Michael Kunze geschrieben. Aus seiner Feder stammen deutsche Versionen der bekanntesten Musicals von Andrew Lloyd Webber, auch von »Der König der Löwen« oder »Mam­ma Mia!«. Eigene Musicals schreibt er ebenfalls. Als erfolgreichstes gilt »Elisabeth«.

Die Musik hat Dieter Falk komponiert, Produzent von Bands und Künstlern wie PUR, Pe Werner, Monrose und Paul Young. Den musika­lischen Stil bezeichnet er als »monumentale Popmusik zwischen Rock und Gospel«. Falk ist studierter Schul- und Kirchenmusiker, »und ein Kind guter kirchlicher Jugendarbeit«, wie er sagt. Mit 16 hat er einen Gospel-Chor gegründet. Schon damals habe ihn die monumentale Verfilmung des Stoffes von 1956 mit Charlton Heston in der Hauptrolle des Moses beeindruckt, erzählt er. »Eine spannende historische Geschichte. Aber auch ziemlich heavy. Das Alte Testament ist nichts für zarte Gemüter.«

Um die Komposition gebeten hatten ihn Mitglieder der Creativen ­Kirche Witten, als Beitrag der evangelischen Kirche zur Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Musicaldarsteller wie Michael Eisenburger, Popsänger wie ­Bahar Kizil von »Monrose« oder der Schauspieler Otto Sander traten als Solisten auf. Auch in Dresden sollen sie zu erleben sein.

»Singen gilt ja heute vielen als ­uncool«, meint Dieter Falk. »Aber als in Dortmund zum ersten Mal alle zusammen gesungen haben, da hat man echt ‘ne Gänsehaut gekriegt.« Diese Musik, »das ist Emotion pur«. Das sollen die Sänger auch rüberbringen. Deshalb schwört Falk die Chorleiter, die zur ersten Besprechung gekommen sind, gleich darauf ein, ­alles aus sich rauszuholen. Die Chorsänger in Dortmund, vom zehnjährigen Jungen bis zur 80-jährigen Dame hätten das geschafft. »Das hat echt ­gegroovt.«

Um solch ein akustisches Feuerwerk auch in Dresden zu zünden, bleibt den Organisatoren nur halb so viel Probenzeit wie für Dortmund. Deswegen haben sie einen straffen Stufenplan gebaut. Bis 4. Februar 2011 können sich die Chöre melden. Am Tag darauf gibt es die erste Probe mit den Chorleitern. Im April in den einzelnen Chören, im Mai gibt es Regionalproben in vier Städten. Erst ganz zum Schluss sehen sich alle bei der Generalprobe – in Dresden, wenige Stunden vor der Aufführung.

Tomas Gärtner

Weihnachtsbriefe an den Pregel

26. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Aktion: Spender aus der gesamten Bundesrepublik senden Zeichen der Verbundenheit nach Königsberg/Kaliningrad

Während es in Kaliningrad, dem alten Königsberg, zumindest äußerlich aufwärts  geht, sind die Lebensumstände in den ländlichen Regionen rund um die alte Hauptstadt Ostpreußens nach wie vor schwierig. (Foto: epd-bild/eastway)

Während es in Kaliningrad, dem alten Königsberg, zumindest äußerlich aufwärts geht, sind die Lebensumstände in den ländlichen Regionen rund um die alte Hauptstadt Ostpreußens nach wie vor schwierig. (Foto: epd-bild/eastway)


Ein Kartengruß und zehn Euro in einem Umschlag: Anfang Dezember gehen wieder mehr als Tausend Briefe auf die Reise nach Kaliningrad/Königsberg, im Gepäck von Kurt Beyer.

 
Kurt Beyer war von 1991 bis 1996 Propst in der Hauptstadt des früheren Ostpreußens. Heute lebt er als Pfarrer im Ruhestand in Dresden. Menschen aus der gesamten Bundesrepublik haben die Briefe geschrieben und Geld gespendet, erzählt er.

Nicht als Hilfe sei diese Aktion des Gustav-Adolf-Werkes in Sachsen gedacht, sondern als symbolische Geste. Die aber sei für die Gemeindeglieder in der Stadt am Pregel von enormer ­Bedeutung. »Es soll ein Zeichen sein: Ihr Deutschen in Russland seid von den Deutschen in Deutschland nicht vergessen.«

Die Geldscheine in den Briefen werden gesammelt, in große Scheine gewechselt und nach Königsberg gebracht, sagt Pfarrer Beyer. Das sei wegen der Zollbestimmungen nötig. Die Propstei in Königsberg tausche die Euro in Rubel. Von dort geht das Geld an die einzelnen Gemeinden – 42 gibt es derzeit. Die Gemeinderäte dort stecken das Geld – je 400 Rubel, in etwa der Gegenwert von zehn Euro – in einzelne Briefumschläge und geben es an die Familien weiter. Jede bekomme einen, egal, wie groß sie sei, sagt Pfarrer Beyer. »Nach der Personenzahl kann nicht differenziert werden.« Schließlich sei es ein symbolischer Weihnachtsgruß. Für die Nothilfe dagegen habe die Propstei andere Mittel.

Insgesamt bekommen rund 1200 Familien solche Briefe. Was in etwa der Mitgliederzahl der evangelisch-­lutherischen Kirche in diesem Gebiet entspreche. »Es sind diejenigen, die bewusst dort geblieben sind oder nicht nach Deutschland ausreisen können.«

Viele Jahre habe in diesen Gemeinden lebhafte Bewegung geherrscht, erinnert sich Pfarrer Beyer. »Wenn fünf Leute weggingen, kamen sechs neue nach, vor allem aus Kasachstan. Die Gemeinden in Stadt und Land wuchsen, neue wurden gegründet.« Das ist nun vorbei. »Wenn jetzt Menschen weggehen, kommt kaum noch jemand nach.« Unter anderem deswegen, weil die Deutschen in Kasachstan nicht mehr unter so großem Druck stünden wie noch vor Jahren. Die Folge: »Die Gemeinden werden kleiner.« Dennoch beginnen einige mit diakonischer Arbeit.

Äußerlich hätten sich die Verhältnisse in Königsberg verbessert: Mehr Autos seien auf den Straßen unterwegs, neue Häuser und moderne Einkaufszentren seien gebaut worden. »Die Preise sind wie in Deutschland, aber die Leute verdienen weniger. Einkaufen können dort nur wenige.« Schwieriger noch seien die Lebensverhältnisse in den Dörfern. »Die ­Genossenschaften sind zerschlagen. Es gibt nur wenig Landwirtschaft.«

Tomas Gärtner

Kontakt: Pfarrer i.R. Kurt Beyer, Königsberger Str. 41, 01324 Dresden, Telefon (0351) 2684266, E-Mail beyer@pregel.de

Dürfen künstlich gezeugte Embryonen genetisch getestet werden?

25. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Diskussion: Die Präimplantationsdiagnostik (PID) entzweit derzeit Kirche und Gesellschaft – Pro und Kontra
 
Unter Kontrolle: Die Medizin ist in der Lage, immer früher mögliche Krankheiten, Missbildungen und Behinderungen bei beginnendem Leben zu erkennen. ­Segen oder Fluch? (Foto: BilderBox.com)

Unter Kontrolle: Die Medizin ist in der Lage, immer früher mögliche Krankheiten, Missbildungen und Behinderungen bei beginnendem Leben zu erkennen. ­Segen oder Fluch? (Foto: BilderBox.com)

 

Joachim Krause war bis Sommer diesen Jahres Beauftragter der sächsischen Landeskirche für Glaube, Naturwissenschaft und Umwelt.

Joachim Krause war bis Sommer diesen Jahres Beauftragter der sächsischen Landeskirche für Glaube, Naturwissenschaft und Umwelt.


Pro

Ein Ehepaar wünscht sich ein Kind. Bald ist die Frau schwanger. Zunächst verläuft alles normal. Am Ende des dritten Monats jedoch wird aus dem Traum tiefer Schmerz – sie hat eine Fehlgeburt.

Eine zweite Schwangerschaft ebenso.

In der dritten Schwangerschaft endlich wird ein Kind geboren. Bereits unmittelbar nach der Entbindung fallen Fehlbildungen auf. Das Kind muss intensivmedizinisch behandelt werden. Es stirbt im Alter von wenigen Tagen.

Die Eltern suchen einen Humangenetiker auf. Bei der Untersuchung der Erbanlagen des verstorbenen Kindes wird festgestellt, dass in den Zellen eine Chromosomen-Veränderung vorliegt. Ein Vergleich mit Patienten in der ­wissenschaftlichen Literatur zeigt, dass mit einer derartigen Chromosomen-Erkrankung ein Überleben nicht möglich ist.

Nun lassen sich auch die Eltern untersuchen. Dabei stellt sich heraus, dass die Zellen des Mannes – er selbst ist gesund – Veränderungen aufweisen, die bei von ihm gezeugten Kindern zu tödlichen Komplikationen führen können.

Es ist ein schlimmes Spiel mit Wahrscheinlichkeiten: Statistisch werden 50 Prozent der Nachkommen betroffen. Aber es gibt auch die Chance für das Paar, ein gesundes Kind zu bekommen. Die Frau wird noch einmal schwanger. Diesmal lässt sie eine vorgeburtliche Untersuchung vornehmen. Wiederum wird die töd-
liche Erkrankung festgestellt. Die Frau entschließt sich – im fünften Monat! – verzweifelt zum Abbruch der Schwangerschaft.

Die Eltern wissen: Es wäre möglich, durch künstliche Befruchtung mehre­re Embryonen zu zeugen. Deren Zellen könnten auf den Chromosomen-Defekt untersucht werden. Und nur »gesunde« Embryonen würden in die Gebärmutter der Frau übertragen. Sie hätte nun die Chance, endlich Mutter zu werden – dank der umstrittenen Präimplantationsdiagnostik (PID).

Der hier skizzierte Leidensweg zeigt auf, für welche Ausnahmefälle die PID verantwortlich genutzt werden soll. Die Eltern wollen keine »Qualitätskontrolle« ihres Babys durchführen lassen. Sie wollen kein »Designerbaby« mit gewünschten ­Eigenschaften wie beispielsweise ­Augenfarbe, Geschlecht oder bestimmten Begabungen auswählen (»Selektion«). Sie wollen nicht in freier Willkür entscheiden, welche Art von Leben sie für »lebenswert« halten. Sie möchten ein eigenes Kind, und es soll die Chance haben, überhaupt zu leben!

Ich maße mir als Außenstehender nicht an, derartige Schicksale zu bewerten, als »bedauerliche Einzelfälle« zu bagatellisieren oder gut gemeinte Ratschläge zu erteilen, was »man« in einer solchen Situation tun und was man nicht tun darf.

Natürlich ist – wie bei jeder Technik – ein Missbrauch der PID für andere Zielstellungen möglich. Aber das ­verbietet noch nicht den rechten ­Gebrauch. Ein »Dammbruch« muss sich nicht zwangsläufig einstellen. Ich bin für die Zulassung der PID, begrenzt durch strenge und restriktive Kriterien, deren Einhaltung kontrolliert wird. Damit Eltern auch nach schmerzlichen Erfahrungen eine Chance haben, sich für ein Kind zu entscheiden.

Joachim Krause

Katharina Friebe ist ­Referentin für Theologie und Ökumene bei den Evangelischen Frauen in Deutschland.

Katharina Friebe ist ­Referentin für Theologie und Ökumene bei den Evangelischen Frauen in Deutschland.


Kontra

Der Wunsch nach einem eigenen und gesunden Kind ist aus der Sicht einzelner Frauen und Männer nachvollziehbar und verständlich. Gleichwohl hat die Anwendung der Präimplantationsdiagnostik weitreichende gesellschaftliche Auswirkungen, die aus ethischer und frauenpolitischer Sicht nicht wünschenswert sind.

Anders als die Befürworter einer PID oft behaupten, führen viele der untersuchten Chromosom-Anomalien nicht automatisch zu Fehl- oder Totgeburten. Stattdessen handelt es sich oft um Erkrankungen und/oder Behinderungen, die erst in der zweiten Lebenshälfte ausbrechen, wie Chorea Huntington, oder behandelbar sind, wie Brustkrebs.

Wie bedrohlich Menschen mit Behinderungen eine Liste erleben, auf der Behinderungen aufgeführt sind, die zum »Verwerfen« der Embryonen führen, zeigt auch die Ende der 1980-er Jahre geführte Diskussion um die Einbecker Erklärung. Damals versuchten Mediziner festzuschreiben, bei welchen Behinderungen und ­Erkrankungen es geboten sei, Neugeborene ohne Heilbehandlung sterben zu lassen.

Diese Erklärung wurde ­inzwischen revidiert.

Aber wie sollen die »engen Grenzen«, die auch die ­Befürworter einer PID fordern, festgelegt werden?

Anders als im Schwangerschaftskonflikt nach pränataler ­Diagnostik, bei dem jede Frau individuell entscheiden muss, ob sie mit der erwarteten Krankheit und/oder Behinderung ihres Kindes leben kann, entscheiden bei der PID die »objek­tiven« Ärzte, die mit dem Embryo ­weder körperlich noch seelisch verbunden sind.

Es gibt weder ein Recht auf ein gesundes Kind noch die Garantie darauf oder auch die Pflicht dazu. Mit einer gesetzlich zugelassenen wie gesellschaftlich akzeptierten PID wächst die Gefahr, dass Eltern – Frauen wie Männer – von Kindern mit Behinderungen und Erwachsene mit Behinderungen in unserer Gesellschaft noch mehr an den Rand gedrängt werden. Zu befürchten ist zudem, dass bei grundsätzlicher Zulassung der PID deren Anwendung schnell zum gesellschaftlichen und auch zum medizinischen Normalfall würde.

Keine Frau, die ohne medizinische Hilfe schwanger werden kann, setzt sich leichtfertig der körperlichen und seelischen Tortur einer künstlichen Befruchtung aus. Das könnte sich schnell ändern, wenn der gesellschaftliche Druck zum »gesunden« Kind steigt. Könnte eine Frau, die schon ein Kind mit Mukoviszidose ­geboren hat, auch dann noch »ungeprüft« schwanger werden?

Wann bekäme angesichts der dramatisch steigenden Kosten im Gesundheitssystem die Krankenkasse das Recht, von ihr zu verlangen, auf möglicherweise kranke Kinder zu verzichten?

Der Schutz und die Würde jedes menschlichen Lebens sind im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert. Mit der Unterzeichnung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen hat
die Bundesregierung im Jahr 2009 diese grundgesetzlich verankerten Schutzrechte erneut bekräftigt und sich verpflichtet, der Diskriminierung behinderten Lebens politisch und ­gesellschaftlich entgegenzuwirken. Gehen wir nicht hinter diesen hohen menschenrechtlichen Standard zurück!

Katharina Friebe

Das aktuelle Stichwort:

Präimplantationsdiagnostik – worum es dabei geht

Unter Präimplantationsdiagnostik (PID) wird die ­genetische Untersuchung eines Embryos vor der Einsetzung in die Gebärmutter verstanden. Das Verfahren ist daher nur bei Embryos möglich, die durch künstliche Befruchtung (In-vitro-Fertilisation) ­entstanden sind. Üblicherweise wird am dritten Tag nach der Befruchtung eine Zelle des Embryos ­entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im Vier- bis Achtzellen-Stadium.

Nach der Entnahme der Zelle wird das Genom des Embryos auf Genmutationen oder Chromosomen-Anomalien untersucht. Nach dem Verfahren wird nur ein gesunder Embryo in den Mutterleib eingepflanzt. Die anderen Embryonen werden nach der Untersuchung vernichtet. Daher war PID bislang in Deutschland verboten. Mit einem Urteil zur PID hat der Bundesgerichtshof im Juli das Verbot jedoch faktisch aufgehoben und die PID in bestimmten ­Fällen für zulässig erklärt.

Einen Antrag auf PID stellen in der Regel Eltern, die selbst eine vererbbare Krankheit oder Behinderung oder die Disposition dazu haben. Sie wollen durch die Untersuchung verhindern, ein schwer krankes
oder behindertes Kind zu bekommen. Was genau untersucht wird, hängt von dem betreffenden Paar ab, von dem der Embryo stammt. Es wird kein kompletter Test auf alle bekannten Erbkrankheiten gemacht.

Der Autor des obigen Pro-Beitrages hat einen ausführlichen Hintergrundbeitrag zum Thema PIT verfasst. Er steht im Internet zum Herunterladen oder zur Bestellung als Broschüre zur Verfügung: www.krause-schoenberg.de

GKZ

»Wir müssen mehr voneinander wissen«

21. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Avital Ben-Chorin erzählte in Thüringen aus ihrem Leben

Bei ihrem Besuch in Deutschland wurde Avital Ben-Chorin große Aufmerksamkeit zuteil. (Foto: Axel Heyder)

Bei ihrem Besuch in Deutschland wurde Avital Ben-Chorin große Aufmerksamkeit zuteil. (Foto: Axel Heyder)


Immer weniger Menschen können aus eigener ­Erfahrung über die ­Geschehnisse der Hitlerzeit berichten. Eine viel gefragte und beeindruckende Zeitzeugin ist Avital Ben-Chorin.
 

Dass Menschen mit ihrem Geburtsort in ganz besonderer Weise verbunden sind, wundert niemanden. Im Falle Erika Fackenheim schon. Vor 87 Jahren in ­Eisenach geboren, ist die Witwe des großen Religionsphilosophen und ­Begründers des christlich-jüdischen Dialogs, Schalom Ben-Chorin (1913 bis 1999), wiederholt in dieser Stadt gewesen, aus der sie als Dreizehnjährige fliehen musste, um ihr Leben zu retten. In Israel hat sie eine neue Heimat gefunden.

Der geliebte Großvater, ein renommierter Eisenacher Arzt, ist in Theresienstadt verhungert, Eltern und Freunde in Auschwitz ermordet worden. Nie wieder habe sie nach Deutschland zurückkommen wollen – und hat es doch viele Male getan zusammen mit ihrem Mann und nach seinem Tod mit der gemeinsamen Tochter.

Gerade hat die zierliche alte Dame eine Vortragsreihe in Thüringer Städten hinter sich. In Eisenach geht ihr das Pogrom-Gedenken besonders nah. Da ist der Bahnhof, von dem aus die Juden in den Tod fuhren, die Turnhalle, in der sie zusammengetrieben wurden, die Häuser, in denen sie wohnten. Oberbürgermeister Matthias Doht wischt das Herbstlaub von den »Stolpersteinen« auf dem Bürgersteig und liest die Namen der Deportierten vor. Mit dem umgekehrten Gang der Erinnerung kann nichts rückgängig gemacht werden. Aber das gedemütigte Mädchen von damals wertet es als tröstliches Zeichen.

Avital Ben-Chorin, wie sie jetzt heißt, hat ihren Mann 1942 in Jerusalem am Beginn einer Vorlesungsreihe Martin Bubers zum »Judentum und Christentum« kennengelernt. Als die­se zu Ende ging, waren sie verheiratet und hatten ihr Lebensthema gefunden: den jüdisch-christlichen Dialog. Das Gemeinsame herausstellen und das Trennende nicht verschweigen, war die Devise.

»Der Glaube Jesu ­einigt uns, der Glaube an Jesus trennt uns.« Beide aus assimilierten Elternhäusern stammend und später mit strenggläubigen Juden konfrontiert, suchte das Ehepaar zudem nach einem neuen Weg zwischen beiden Extremen und gründete 1958 die erste reformierte Gemeinde und Synagoge. Andere folgten, aber zu einem echten Durchbruch dieses Reformjudentums sei es in Israel selbst nicht gekommen, sagt Avital Ben-Chorin rückblickend. Obwohl: »Die meisten gehören zu uns, aber sie wissen es nicht.«

Im Jahre 1956 fahren die Ben-Chorins zum ersten Mal ins Nachkriegsdeutschland. Der erste Anlaufpunkt ist sein Elternhaus in München, das die Bombardierung überstanden hat. »Na, geht’s Ihnen jetzt besser in Jerusalem, Herr Rosenthal«, ruft eine alte Nachbarin durch das Treppenhaus. Schalom Ben-Chorin, der früher Fritz Rosenthal hieß und durch die Hölle ging, ist sprachlos ob so viel unschuldiger Harmlosigkeit. – Mit diesem ersten Besuch beginnt eine intensive Vortrags- und Publikationstätigkeit. »Wir müssen mehr voneinander wissen, um einander zu begegnen.«

Über 50 Bücher und ungezählte Artikel hat der Brückenbauer zwischen Israel und Deutschland verfasst, ungezählte Gastvorlesungen und Referate gehalten.

Die Frau des berühmten Schalom Ben-Chorin ist auch seine Sekretärin und immer an seiner Seite. »Ich habe mich ganz in den Dienst meines Mannes gestellt«, sagt die emanzipierte Lehrerin. »Und wenn ich zurückblicke, war das gut so.« In der gastlichen Jerusalemer Wohnung saßen Hunderte und Aberhunderte von namhaften und unbekannten Besuchern am Tisch. Wer es damals nicht in sein Zimmer geschafft hat, lächelt Avital Ben-Chorin, der kann es jetzt in München tun. Sie hat dem Stadtarchiv im Geburtsort ihres Mannes seine deutschsprachige Bibliothek mit etwa 5000 Büchern samt Einrichtung überlassen.


Christine Lässig

Literaturempfehlung

  • Ben-Chorin, Schalom: Von Angesicht zu Angesicht. Beiträge zum Gespräch zwischen Judentum und Christentum, Wartburg Verlag, 96 S., ISBN 978-3-86160-140-1, 5,00 Euro – zu beziehen über den Buchhandel oder Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643) 246161
  • Schalom Ben-Chorin liest ausgewählte Psalmen in Hebräisch und Deutsch. CD, 12,95 Euro. Zu bestellen bei: Terra Tech Förderprojekte e.V., Kirchgasse 13, 35041 Marburg

Durch das Tor des Friedens

19. November 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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La Milagrosa – die Wundertätige: Das Grab der 1901 gestorbenen Amelia Goyri ist als Wallfahrtsort Anziehungspunkt für kubanische katholische Frauen. Die ­Tradition verlangt, ihr nicht den Rücken zuzukehren. (Foto: Ruth Bourgeois)

La Milagrosa – die Wundertätige: Das Grab der 1901 gestorbenen Amelia Goyri ist als Wallfahrtsort Anziehungspunkt für kubanische katholische Frauen. Die ­Tradition verlangt, ihr nicht den Rücken zuzukehren. (Foto: Ruth Bourgeois)


Kuba: Wo Adlige und Freiheitskämpfer, Kolonialherren und Revolutionäre gemeinsam ihre Ruhe gefunden haben
 
Der Christoph-Kolumbus-Friedhof in Havanna: ­Tausende prunkvolle Grabstätten machen die größte Nekropole Amerikas zum Wallfahrtsort für Kubaner und zum Anziehungspunkt für Touristen.
 

Das gewaltige, über 20 Meter hohe Hauptportal, erbaut nach einem Entwurf des Spaniers Calixto de Loira, erinnert an den Triumphbogen in Paris. Mit der Inschrift »Janua sum Pacis« (Ich bin das Tor des Friedens) führt der mit religiösen Reliefen und weißen Marmorstatuen verzierte Haupteingang in den Cementerio Cristóbal Colón.

Im Herzen der kubanischen Hauptstadt gelegen, stellt dieser katholische Friedhof ein ebenso grandioses wie vom Zerfall bedrohtes Denkmal vergangener Epochen dar. Seit 1987 steht er unter Denkmalschutz – beerdigt wird auf ihm bis zum heutigen Tag.

Gegründet wurde er 1871, zu Beginn der Befreiungskriege gegen ­Spanien. Seitdem wurden eine Million Menschen hier begraben, davon dreimal mehr Arme als Reiche. Und ­dennoch beanspruchen die protzigen Grabstätten der Reichen 98 Prozent der Gesamtfläche. Die mit Teppichen und Vorhängen ausstaffierten Grüfte der Criollos, Kubaner spanischer Abstammung, gleichen ihren einstigen Luxusvillen. Sie machten Cristóbal Colón zu einem Sammelsurium von architektonischem Pomp und Kitsch, von Pantheons und Mausoleen, die mit Girlanden, Rosen, Tauben und Engeln jeden Stils verziert sind.

Der Ort legt Zeugnis ab für den Hochmut längst vergangener Zeiten, als Kuba noch die Perle der Karibik war, Sündenpfuhl für Millionäre und Gangster aus den USA. Hier ruhen ­Zuckerbarone, Staatspräsidenten, Generäle, Aristokraten, Hochstapler, Baseballspieler, Künstler und weltberühmte Schriftsteller, darunter Lezama Lima und Alejo Carpentier. ­Cristóbal Colón erzählt vor allem die Geschichte eines reichen und weißen Kubas.

Rund um das 20 Kilometer lange Straßennetz des Friedhofs, dessen Hauptstraße die Avenida Cristóbal Colón darstellt, sind Gräber von Dynastien zu entdecken, deren Nachkommen das sozialistische Kuba samt und sonders verlassen haben. Es folgen Inschriften von Verbänden aus kapitalistischen Zeiten, Kapitäne und Piloten, Angestellte der Brauerei La Tropical, der »Christliche Verein der Baseballspieler« aus dem Jahre 1942 und jene 28 Feuerwehrleute, die 1890 beim Brand eines Eisenwarengeschäftes ums Leben kamen – bis heute ­bewacht von fackeltragenden Todes­engeln mit verbundenen Augen.

Mit der bis heute viel gefeierten Revolution von 1959 waren die Kubaner nicht nur im Leben, sondern auch im Tode wieder gleich. Die reiche Oberklasse verlor auch auf dem Friedhof ihre Vorrechte. Die Bestattungsdienste wurden staatlich und unentgeltlich, die katholische Kirche, Erbauerin des Kolumbus-Friedhofs, wurde enteignet, nur die Kapelle blieb ihr Eigentum. Zu den militärischen Mausoleen für die Toten der Befreiungskriege gesellten sich nun die Denkmäler der Märtyrer des revolutionären Kubas. Der bei weitem größte Bau gehört den Fuerzas Armadas Revolucionarias (FAR), den »Revolutionären Streitkräften«, kommandiert von Fidel Castros Bruder Raúl.

Die meisten Besucher kommen aber zum Grab von Amelia Goyri de Hoz. Sie ist besser bekannt als La Milagrosa, die Wundertätige, und gilt landesweit als Beschützerin kranker Kinder sowie unfruchtbarer und leidender Mütter. Amelia starb am 3. Mai 1901 im Alter von nur 23 Jahren bei der Totgeburt ihres Kindes. Der Legende nach wurde sie mit ihrem Kind zu ­ihren Füßen bestattet. Bei einer späteren Sargöffnung fand man die beiden ohne jegliche Zeichen der Verwesung. Und wie durch ein Wunder befand sich das Kind dabei nicht mehr zu ihren Füßen, sondern lag im linken Arm der Mutter.

Bis heute herrscht ein regelrechter Kult um La Milagrosa. Wer ernsthaft Heilung erbittet, muss an ihrem Grab strenge Regeln einhalten. Dazu gehört auch, den Rückweg rückwärts anzutreten. Der Blick ist dabei auf die letzte Ruhestätte der Wundertätigen geheftet – bevor es durch das Tor des Friedens wieder in die Stadt der Lebenden geht, in die kubanische Hauptstadt Havanna.

Peter Beyer

Eingeschrieben in Gottes Gedächtnis

19. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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<h4>Gott wird alle Tränen abwischen</h4>  <h5>Gott wird abwischen</h5> <h5>alle Tränen von ihren Augen,</h5> <h5>und der Tod wird nicht mehr sein,</h5> <h5>noch Leid noch Geschrei</h5> <h5>noch Schmerz wird mehr sein;</h5> <h5>denn das Erste ist vergangen.</h5> <h5><em>Offenbarung 21, Vers 4</em></h5>


Gott wird alle Tränen abwischen

Gott wird abwischen
alle Tränen von ihren Augen,
und der Tod wird nicht mehr sein,
noch Leid noch Geschrei
noch Schmerz wird mehr sein;
denn das Erste ist vergangen.
Offenbarung 21, Vers 4

 
Das »Buch des Lebens« – ein Bild der Hoffnung am Ewigkeitssonntag
 

In den Gottesdiensten am Ewigkeitssonntag die Namen der im Kirchenjahr Verstorbenen zu verlesen – das ist ein tröstlicher Brauch in unseren Gemeinden. Damit gedenken wir der Toten, erinnern uns daran, was sie uns und anderen bedeutet haben. Wir würdigen ihr Leben. Denn Namen sind verdichtete Lebensgeschichten.

»Wir werden sie niemals vergessen.« »Wir werden ihm immer ein ehrendes Andenken bewahren.« Solche oder ähnliche Sätze lesen wir oft in Todesanzeigen. Das sind gute Vorsätze. Doch es wäre schlimm um unsere Toten bestellt, blieben sie allein in unserer Erinnerung lebendig. Erinnerungen können verblassen, dem Vergessen anheimfallen. Und spätestens mit unserem Tod stürben auch unsere Erinnerungen.
Denn nach biblischem Verständnis stirbt der ganze Mensch. Die Bibel kennt keine Unsterblichkeit der Seele. Die biblische Hoffnung auf Auferweckung ist Hoffnung auf Neuschöpfung, nicht auf Wiederbelebung.

Wenn aber Leib und Seele sterben, wo bleiben wir dann? Was wird aus dem, was unser Leben ausmacht? Wer bewahrt meine unverwechselbare Identität?

In den biblischen Texten finden sich tröstlich-trotzige Bilder gegen das Vergessen und die Vergeblichkeit. Bilder, die davon sprechen, dass bei Gott nichts verloren geht und dass Gott niemanden verloren gibt.
Das vielleicht innigste und tröstlichste Bild göttlichen Bewahrens findet sich in Psalm 56,9: »… lege meine Träne in deinen Schlauch! Ist sie nicht in deinem Buch?« Hier schöpft ein ­lebensbedrohlich bedrängter und ­verängstigter Mensch im Leben vor dem Tod Trost aus der Gewissheit, dass bei Gott nicht eine einzige Träne ungezählt bleibt und verloren geht. Das behutsame Bergen jeder Träne in einem Weinschlauch verhindert noch nicht, dass der einzelne Tropfen im Meer der Tränenflüssigkeit untergeht. Darum nimmt Gott die Tränen doppelt auf. Das göttliche Buch ermöglicht es, dass jede Träne, auch die ­abgewischte, getrocknete oder ungeweinte, erinnert bleibt.

Dieses göttliche Tränennotizbuch ist aber nur eines unter vielen Bildern himmlischer Buchführung. Das prominenteste unter ihnen ist das »Buch des Lebens«, die himmlische Namensliste, mit der Menschen bei Gott, in Gottes Gedächtnis eingeschrieben sind.

Nicht zufällig begegnet uns das »Buch des Lebens« in Taufliedern: »… ja den Namen, den wir geben / schreib ins Lebensbuch zum Leben« (EG 206,5; vgl. auch EG 207,1). Wenn in der Taufe der Name der Getauften laut genannt wird, dann nicht nur, damit die Gemeinde ihn hört. Auch Gott soll ihn vermerken. Der irdischen Eintragung der Täuflinge ins Kirchenbuch entspricht die himmlische ins Buch des Lebens. Gott soll sich die Namen der Getauften gleichsam ins Stammbuch schreiben.

Die bewahrende Einschreibung ins himmlische Buch des ­Lebens trotzt der Gefährdung des Lebens auf Erden. Sie ist ein Bild dafür, dass mit unseren Namen unser Leben bei Gott bewahrt wird. Wie vergänglich unser Dasein auch ist, wie vergeblich so manches Tun und Lassen – Gott nimmt bleibend Notiz von uns. Von dieser Gewissheit singt der Kanon »Alles ist eitel, du aber bleibst, / und wen du ins Buch des Lebens schreibst.« Darum sagt Jesus zu seinen Jüngern: »… freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind.« (Lukas 10,20)

Es gibt zahlreiche Verweise auf diese himmlische Namensliste: etwa Grabsteine in der Form eines aufgeschlagenen Buches; Namenslisten, in denen Hospize die Namen der dort im Sterben begleiteten Menschen ­notieren …

Diese irdischen Bücher des Lebens dienen dem Gedenken und wehren dem Vergessen. Solche Bücher können zu Widerstandslisten werden: Etwa, wenn in Unrechtsregimen Freunde und Angehörige die Namen verhafteter oder verschwundener Menschen notieren, wenn »schwarze Listen«, also Todeslisten, in andere Hände geraten und so zu Lebenslisten werden. Eine der berühmtesten Lebensbuch-Listen ist »Schindlers Liste«, jenes Namensverzeichnis von ca. 1200 jüdischen Männern und Frauen, das der Fabrikant Oskar Schindler von aus dem Arbeitslager aufgekauften jüdischen Zwangsarbeitern anlegen ließ, um sie vor der Vernichtung in Auschwitz zu retten. Das Buch von Thomas Keneally »Schindlers Liste« trägt im Original den Titel »Schindler’s Ark«: die Namensliste, das Lebensbuch als Arche!

Wenn in unseren Gottesdiensten am Sonntag die Namen der Verstorbenen verlesen werden, dann verweist auch diese Lesung auf das himmlische Lebensbuch und lässt uns hoffen: Gott gedenkt derer, die
im Himmel eingeschrieben sind, und bewahrt ihr Leben.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Professorin für Systematische Theologie an der Ruhr-­Universität Bochum.

Foto: KNA-Bild

Wohin gehört der Islam?

19. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Deutschland und der Halbmond: der astronomische Halbmond hinter dem symbolischen Halbmond auf der Spitze des Minaretts der Fatih Moschee in Essen, aufgenommen am 17. April diesen Jahres. (Foto: picture alliance/dpa/Julian Stratenschulte)

Deutschland und der Halbmond: der astronomische Halbmond hinter dem symbolischen Halbmond auf der Spitze des Minaretts der Fatih Moschee in Essen, aufgenommen am 17. April diesen Jahres. (Foto: picture alliance/dpa/Julian Stratenschulte)


 
Streitpunkt Religion: 
Zwischen Kreuz und Halbmond – die Integrationsdebatte geografisch und geschichtlich betrachtet
 
Die Wogen schlagen schnell hoch beim Stichwort Islam. Allzu oft ist die Diskussion von Unsachlichkeit und Angst geprägt. Ein Beitrag zur Sachlichkeit.

 
Als Bundespräsident Christian Wulff am 3. Oktober die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland postulierte, war die Aufregung groß. Erst als er später in Ankara betonte, dass das Christentum zweifelsfrei zur Türkei gehöre, beruhigten sich die Gemüter wieder etwas. Wohin gehört der Islam?

herderDer Berliner katholische Theologe Ernst Pulsfort hat genauer hingeschaut. Er hat in mühsamer und zumeist nächtlicher Kleinarbeit Zahlen zusammengetragen und in Karten überführt. In »Herders neuem Atlas der Religionen« lassen sich die Aussagen von Christian Wulff anhand von Farben überprüfen.

Die südlichen Mittelmeer-Anrainerstaaten bis zur Westküste Afrikas, die arabische Halbinsel sowie östlich davon bis Afghanistan – auf der Weltkarte alles dunkelrot. In diesen Ländern bekennen sich mindestens 90 Prozent der Bevölkerung zum Islam. Die Türkei gehört ebenfalls zu den dunkelroten Ländern.

In Frankreich, Russland und China sind nur noch fünf bis zehn Prozent Muslime. In Deutschland sind es weniger als fünf Prozent der Bevölkerung. Irrt der Bundespräsident?

Ganz anders wirkt die Ausbreitung des Islams, wenn sie in absoluten Zahlen dargestellt wird. Dann liegt ­Indonesien an der Spitze: Dort leben mehr als 200 Millionen Muslime, obwohl sie »nur« etwa 88 Prozent der ­Bevölkerung stellen. Noch ausgeprägter in Indien: Zwar leben auf dem ­Subkontinent knapp 161 Millionen Muslime, sie stellen damit aber nur rund 13 Prozent der Gesamtbevölkerung von mehr als einer Milliarde. In Ländern wie der Türkei, dem Iran oder Ägypten sind es 50 Millionen bis 100 Millionen Muslime. In den USA, in Deutschland, Frankreich und Großbritannien immerhin eine bis fünf Millionen. Wulff hat also doch recht?

Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte. Um 600 n. Chr., kurz vor Auftreten des Islams, waren Europa bis auf Skandinavien, waren die Türkei, der Nahe Osten, der nördliche Rand Afrikas und Regionen bis hinunter in den Sudan christianisiert. Selbst 750 n. Chr., als der Siegeszug des Islams bereits begonnen hatte, waren weite Teile Europas weiterhin christlich, auch die Türkei zum überwiegenden Anteil. In Zentralasien, auf der arabischen Halbinsel, in Nordafrika und im südlichen Spanien hatten allerdings bereits die Muslime das Sagen.

Die türkische Bevölkerung bekannte sich über Jahrhunderte hinweg etwa zu gleichen Teilen zum orthodoxen Christentum und zum Islam. Genauer gesagt waren es Sunniten, die in der Türkei lebten. Heute machen sie mehr als 90 Prozent der Bevölkerung aus. Die Christen in der Türkei befinden sich inzwischen unter der Fünf-Prozent-Marke. »Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei« – das belegt der Atlas sehr deutlich.

Umgekehrt wird es schwieriger. Über die Jahrhunderte war der Islam nie bis Deutschland vorgedrungen. In Europa fasste er allein vorübergehend in Spanien Fuß sowie in einzelnen Staaten auf dem Balkan. Erst seit der »Gastarbeiter«-Zuwanderung in den 1960er Jahren gibt es Muslime in nennenswerter Zahl in Deutschland.

50 Jahre sind aber für die Verbreitung ­einer Religion kaum mehr als nichts. Daher rührte wohl das Unbehagen über den Satz von Christian Wulff. Dabei hatte er gesagt: »Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.« Stimmt, wie ein Blick auf die Zahlen zeigt.

Die Zahl der Muslime nimmt weltweit stärker zu als die der Christen. Während die christlichen Religionsgemeinschaften 1899 noch einen weltweiten Anteil von rund 36 Prozent und die Muslime von 20 Prozent hatten, war der Anteil der Christen 2009 auf 32 Prozent zurückgegangen, der der Muslime auf 21,6 Prozent gestiegen.

Wem dieser »Vormarsch« des Islams Sorge bereitet, der sollte noch einen Blick auf eine andere Karte im Religionen-Atlas werfen: die Ausbreitung der Menschen ohne religiöses Bekenntnis. Ihr Anteil ist von 1899 bis 2009 stärker gewachsen als jede andere Religion. Besonders viele konfessions- und religionslose Menschen ­leben in kommunistischen Diktaturen wie China und Nordkorea. Ein weiterer Hort der Menschen ohne Bekenntnis ist mit einem Anteil von 30 bis 40 Prozent – Deutschland.

Jutta Wagemann (epd)

Buchtipp:

Pulsfort, Ernst: Herders neuer Atlas der Religionen, Herder-Verlag, Freiburg 2010, 160 S. mit rund 120 Karten und Abbildungen, ISBN 978-3-451-32830-5, 36 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643) 246161

Der Wahrheit verpflichtet

14. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zum 100. Todestag des großen deutschen Erzählers Wilhelm Raabe

Wilhelm Raabe (1831 bis 1910) auf einem Gemälde von Wilhelm Immenkamp. (Repro: Archiv)

Wilhelm Raabe (1831 bis 1910) auf einem Gemälde von Wilhelm Immenkamp. (Repro: Archiv)

Mit dem Satz »gib acht auf die Gassen, blick auf zu den Sternen« aus dem Roman »Die Leute aus dem Walde« (1863) lässt sich Wilhelm Raabes Werk charakterisieren: Raabe hat nie den Blick in die Gassen, ins alltägliche Leben verloren. Mit derselben Achtung und Genauigkeit erzählt er vom Leben im Armenhaus und auf dem Adelsschloss; der über die Dörfer ziehenden Händlerin gilt seine Aufmerksamkeit ebenso wie den alten, entlassenen Offizieren.
 
»Mit unbegrenztem Wohlwollen sowohl gegen Mitwelt und Nachwelt als auch gegen mich selber und alle mir im Lauf der Erzählung vorübergleitenden Schattenbilder des großen Entstehens, Seins und Vergehens«, habe er die Arbeit an einem seiner bekanntesten Romane, dem »Hungerpastor« (1864), begonnen. Durch dieses Wohlwollen aber ließ er sich den klaren Blick nicht trüben, blieb er der Wahrheit verpflichtet.

Über das Werk eines Kollegen äußerte er sich folgendermaßen: »Das ist unwahr – und deshalb keine Dichtung. Lügen darfst du in politischen Abhandlungen, statistischen Aufstellungen und dergleichen. Das hat nichts zu sagen. Da lacht nur die pragmatische Weltentwicklung. Lügst du aber in der Dichtkunst, so lacht die Natur, die Sterne schütteln sich vor Lachen und – Mitleid.«

Zum genauen Blick gehörte für Raabe zunehmend auch das Wahrnehmen der sozialen Probleme und der gesellschaftlichen Entwicklung, die ihn immer stärker bedrückten. So wurde seine letzte, unvollendet gebliebene Erzählung »Altershausen« (erst 1911 nach seinem Tod veröffentlicht) zu einem der verstörendsten deutschsprachigen Texte. Deren Fazit: Wir leben falsch, mehr noch: wir sind grundfalsch. Solang wir Kinder sind, ist alles noch einigermaßen in Ordnung. Wenn wir als Erwachsene nicht über das Kind-Sein hinauskommen, verblöden wir. Die Nuss des menschlichen Lebens ist nicht zu knacken. Es gibt keine Lösung des Dilemmas.

Der Blick zu den Sternen, das heißt: zu Gott, bewahrte den Dichter vor Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit. Er war wohl auch der tiefe Grund für seinen Humor und für seine Menschenliebe.

Berühmt wurde Raabe 1856 durch seinen ersten Roman »Die Chronik der Sperlingsgasse«. Darin finden sich bereits alle Merkmale seiner Kunst: die Vorliebe für etwas kauzige, abseitige Charaktere, Beschaulichkeit und Einschübe von persönlichen Betrachtungen. Auch hier bereits der genaue Blick. Raabes Werk wurde später spröder, gesellschaftskritischer. Neben den großen Romanen, etwa »Abu Telfan« (1867), »Der Schüdderump« (1870) und »Die Akten des Vogelsangs« (1895) hat er meisterhafte Novellen und Erzählungen geschrieben, spannend »Die schwarze Galeere« (1861), liebenswürdig »Das Horn von Wanza«&#x00A0 (1880), die industrielle Gewässerverschmutzung darstellend »Pfisters Mühle« (1884).

Raabe gehört neben Keller, Storm und Fontane zu den großen realis­tischen deutschen Erzählern des 19. Jahrhunderts. Er ist 79-jährig vor 100 Jahren, am 15. November 1910, in Braunschweig gestorben.

Jürgen Israel

Auf zwei Neuerscheinungen sei, ausdrücklich auch um der ausgezeichneten Nachworte willen, hingewiesen:

Raabe, Wilhelm: Altershausen. Nachwort von Andreas Maier, Insel Verlag,
ISBN 978-3-458-19335-7, 140 S., 13,90 Euro

Raabe, Wilhelm: Die Akten des Vogelsangs. Nachwort von Katja Lange-Müller, Insel Verlag,
ISBN 978-3-458-35317-1, 228 S., 8,50 Euro

Die empfohlenen Bücher sind zu beziehen über den Buchhandel oder Bestellservice ­Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643) 246161

Damit die Kirche im Dorfe bleibt

14. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Interview: Wenn Menschen, die der Kirche oft gar nicht angehören, ihr Herz für das Kirchengebäude entdecken


Rund 200 Kirchbaufördervereine gibt es in ­Sachsen-Anhalt, 200 in Sachsen und 130 in Thüringen. Zwei Jahre lang untersuchte die ­Theologin Grietje ­Neugebauer im Rahmen ­eines Forschungsvorhabens, warum Menschen sich für »ihre« Kirche ­engagieren. ­Harald Krille sprach mit ihr.


Grietje Neugebauer und »ihre« Kirchbauvereine: Seit Januar ist die 34-Jährige als Pfarrerin  in Halle tätig. Zuvor  untersuchte sie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  Kirchbaufördervereine in  Sachsen-Anhalt. (Foto: Harald Krille)

Grietje Neugebauer und »ihre« Kirchbauvereine: Seit Januar ist die 34-Jährige als Pfarrerin in Halle tätig. Zuvor untersuchte sie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Kirchbaufördervereine in Sachsen-Anhalt. (Foto: Harald Krille)

Frau Neugebauer, in Sachsen-Anhalt gehören prozentual die wenigsten Einwohner einer christlichen Kirche an. Zugleich gibt es rekordverdächtige rund 200 Kirchbaufördervereine. Wie erklärt sich das?
Neugebauer: Wir haben sehr viele und sehr alte Kirchengebäude. Zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gehören zwar nur insgesamt rund vier Prozent der Mitglieder der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zugleich befinden sich hier aber 20 Prozent aller ­Kirchengebäude. Hier trifft es wie sonst kaum in Deutschland zu, dass fast jedes Dorf seine eigene Kirche hat. Und im Bereich der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen stehen zudem 95 Prozent der Gebäude unter Denkmalschutz. Mehr als die Hälfte stammt von vor 1500!

Trotzdem, was motiviert Menschen, die sonst mit Kirche nichts oder nicht viel am Hut haben, sich für den baulichen Erhalt ihrer Kirche zu ­engagieren?
Neugebauer: Dahinter stecken vielfältige Motive. Eine wichtige Rolle spielen die Umbruchserfahrungen nach der Wende. Etwa der Bevölkerungsrückgang, der Wegzug der jungen und dynamischen Bewohner des Ortes. Es gibt oft keine Kneipe mehr im Ort, keinen Raum, wo man sich treffen kann und der letzte Bäcker hat geschlossen. Da treten die Kirchen als ein identitätsstiftendes Gebäude und als Kommunikationsort wieder in den Vordergrund. Bei vielen weckt der Anblick der Kirche heimatliche Gefühle. Dazu kommt die historische und kunsthistorische Bedeutung, aber vor allem auch der Bezug zur eigenen Biografie. Das erscheint wegen der Säkularisation zunächst erstaunlich, aber viele Menschen erinnern sich eben doch noch, dass sie selbst oder ihre Eltern oder Großeltern in der Kirche getauft worden sind oder dort geheiratet haben. Und diese biografische Prägung kann dazu motivieren, den Ort, der für einen Teil der Familiengeschichte steht, zu erhalten.

Das klingt so, als gäbe es Kirchbauvereine vor allem in ländlichen Gemeinden?

Neugebauer: Es gibt sie auch in kleineren oder größeren Städten. Aber es stimmt, mehr als 70 Prozent der Kirchbaufördervereine bestehen in Gemeinden bis 2000 Einwohnern. Im ländlichen Raum ist die Ausdünnung der sozialen wie technischen Infrastruktur ja auch besonders stark zu spüren. Diesem Lebensgefühl des Wegbruchs wollen die Menschen ­etwas entgegensetzen. Und da hat die Kirche als »Mitte des Dorfes« auch eine symbolische Bedeutung.

In einem Drittel der Kirchbauvereine sind – laut ihrer Untersuchung – die Mehrheit der Engagierten keine Kirchenmitglieder. Ich kann mir vorstellen, dass das Verhältnis zwischen verfasster Kirche und Kirchbauvereinen nicht immer ganz spannungsfrei ist?
Neugebauer: Das stimmt. Die Kirchengemeinden sind in den Dörfern oft sehr klein und damit auch sehr schwach. Und die Kirchbauvereine sind, weil sie sich für eine Sache ­engagieren, allein dadurch schon stark. Und es machen Bewohner des Ortes mit, die sonst gar nicht zur ­Gemeinde gehören, früher vielleicht sogar in der Öffentlichkeit antikirchlich agiert haben. Dazu kommen manchmal Abstimmungsschwierigkeiten, die auch darin begründet sind, dass die Pfarrer immer größere Gebiete zu betreuen haben und nicht mehr so viel vor Ort sein können wie sie vielleicht gerne möchten. Das alles führt manchmal dazu, dass sich die Kirchbauvereine in ihrem Anliegen, die Kirche zu erhalten, nicht gewürdigt sehen.

Es bleibt doch auch das grundsätz­liche Problem: Es gibt immer weniger Kirchenmitglieder, dementsprechend immer weniger Geld. Aber die Gebäude werden erhalten und mit ihnen stehen die Unterhaltskosten ins Haus. Wäre es nicht wirklich besser, manche Kirchen einfach abzureißen?
Neugebauer: Ich denke, solange sich genug Menschen vor Ort für ein Kirchengebäude engagieren, sollte es erhalten bleiben. Die Menschen haben doch oft gar nicht so hohe Ansprüche. Hauptsache, es findet darin ab und an etwas statt. Und dazu muss nicht ­unbedingt die Heizung funktionieren, da ist erst mal wichtig, dass einem das Dach nicht auf den Kopf fällt.

Dennoch, eine schöne stattliche Kirche, die Mitte des Dorfes, und dann zwei oder vielleicht vier Mal im Jahr Gottesdienst – und das war alles?
Neugebauer: Wie ich schon sagte – die Kirchengebäude gewinnen zunehmend Bedeutung als Kommunika­tionszentren. Es geht um eine Ausweitung der Nutzung auch zusätzlich zu Gottesdiensten. Ich halte es für eine positive Entwicklung, dass inzwischen Menschen auf uns zukommen und sich wünschen, dass dort eine Dorfveranstaltung stattfindet.

Wo würden Sie da Grenzen sehen? Können künftig Modenschauen, Feuerwehrsitzungen und Kaninchenausstellungen in der Kirche stattfinden?
Neugebauer: Ich denke, es ist sehr schwierig, allgemeingültige Grenzen zu setzen. Sie sollten immer vor Ort mit den Kirchengemeinden ausgehandelt werden. Da kann es durchaus sein, dass in dem einen Ort eine nichtkirchliche Trauerfeier in der Kirche stattfinden kann, weil es keine Trauerhalle im Ort gibt. Und eine andere ­Kirchengemeinde tut sich da schwerer damit. Wichtig ist das Gespräch zwischen den Beteiligten.

Welche Chancen sehen Sie in den Kirchbauvereinen über die Frage der Gebäudeerhaltung hinaus?
Neugebauer: Sie sind eine Chance für die Kirchengemeinden sich zu ­öffnen. Menschen bringen sich oft in ganz anderen Bereichen ein, als wir das so einplanen. Gottesdienste und Gemeindeabende sind eben nicht für jeden etwas. Aber selbst Hand anzulegen, ganz praktisch im Umfeld der Kirche das Gestrüpp zu beseitigen ist für den einen oder anderen eine Möglichkeit der Beteiligung. Und ich mache die Beobachtung, dass durch die Beschäftigung mit dem ­Kirchengebäude auch eine Beschäf­tigung mit dem Inhalt, wofür eine ­Kirche steht, wachsen kann. Das ist ein Prozess, der viel Zeit braucht, weil der Traditionsabbruch in vielen Familien sehr groß ist. Aber da gibt es Chancen für die Kirche, wenn sie im Gespräch bleibt.

Netzwerk für Kirchbauförderer

Um den Informations- und Erfahrungsaustausch der vielen lokalen Initiativen zur Erhaltung der Kirchengebäude im gesamten mitteldeutschen Raum zu fördern, befindet sich derzeit ein Netzwerk im Aufbau. Es arbeitet zunächst unter dem Dach des Landesheimatbundes Sachsen-Anhalt e.V. Darüber ­hinaus wird die Gründung eines eigenständigen gemeinnützigen Vereins ­angestrebt. Der Aufbau des Netzwerks wird bis zur Gründung eines Vereins durch eine Steuerungsgruppe von Mitgliedern verschiedener Vereine und ­interessierten Bürgern organisiert. Dazu werden noch weitere Mitstreiter ­gesucht, die sich für den Erhalt der Kirche in ihren Orten einsetzen möchten.

Eine Kontaktaufnahme ist möglich über Pfarrerin i. E. Grietje Neugebauer, Goldlackweg 3, 06118 Halle (Saale), Telefon (0345) 5233877, Fax (0345) 6845791 oder über die Internetseite des Landesheimatbundes: www.lhbsa.de.

Europäische Fachmesse »denkmal 2010«

denkmal2010_dt_jpgVom 18. bis 20. November treffen sich Europas Fachexperten in Sachen ­Denkmalpflege in Leipzig zur Messe »denkmal 2010«. Mit einer Mischung aus Ausstellung und Fachprogramm bietet sie Architekten, Restauratoren, Handwerkern, Denkmalpflegern aber auch Investoren und Bauherren wie ­interessierten Laien Informationen rund um die Sanierung von Denkmälern.

Das Schwerpunktthema lautet diesmal »Backstein, Ziegel und Klinker in der Architektur des 20. Jahrhunderts«. Die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler (Stiftung KiBa) und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) werden dabei mit einem ­gemeinsamen Messestand auf das wertvolle Erbe an sakralen Gebäuden, ­Orgeln und anderen Kunstgegenständen in Mitteldeutschland hinweisen. Daneben ist für den 20. November von 10.00 Uhr bis 12.30 Uhr ein begleitendes Vortragsprogramm geplant.

Großbritannien: Volkstrauertag mit Mohnblumen

13. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Wenn man in diesen Tagen in Großbritannien wieder der Kriegsopfer des Landes gedenkt, so ist das nicht zu übersehen: Allerorten tragen Menschen kleine rote Mohnblumen an ihren Jacken und Mänteln. Volkstrauertag auf Englisch.

Julia Wohlgemuth berichtet für unsere Zeitung aus Großbritannien.

Julia Wohlgemuth berichtet für unsere Zeitung aus Großbritannien.

Alljährlich am 11. November begeht man hier den sogenannten Remembrance Day und am nächstgelegenen Sonntag den Remembrance Sunday. Ursprünglich entstand diese Tradition nach dem Ende des 1. Weltkrieges. Seitdem sind einige Kriege und viele Opfer hinzugekommen, derer an diesem Tag gedacht wird.

Geblieben ist jedoch das Datum, denn dem Waffenstillstand zum Ende des 1. Weltkrieges zufolge sollten die Kriegshandlungen am elften Tag des elften Monats in der elften Stunde eingestellt werden. Daran wird bis heute mit einem 2-minütigen Schweigen um 11 Uhr erinnert, auch wenn mittlerweile die ­Haupt­zeremonien am Remembrance Sunday stattfinden.

An diesem Sonntag werden überall an verschiedenen Kriegsdenkmälern Kränze niedergelegt und in Gottesdiensten verschiedener Konfessionen daran erinnert. Die wichtigste Kranzniederlegung findet im Londoner Regierungsviertel Whitehall am Mahnmal Cenotaph statt.

Bei dem traditionellen Ritual wird auch in diesem Jahr wieder nach dem 11 Uhr-Schlagen von Big Ben die Kanone der Königlichen Garde ertönen, um das Zeichen für ein 2-minütiges Schweigen zu geben. Im Verlauf der Zeremonie wird die Queen den ersten Kranz aus Mohnblumen niederlegen, gefolgt vom Premierminister, anderen Regierungsvertretern und Vertretern des Militärs sowie Veteranen und Angehörigen verschiedener Organisationen. Eine Andacht findet unter Leitung des anglikanischen Bischofs von London statt.

Bis vor einigen Jahren war die Erinnerung an die beiden Weltkriege zentral.

Für mich, die einer Generation entstammt, deren Eltern bereits Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges geboren wurden, war dies doch immer etwas recht Fremdes und weit Entferntes. Mittlerweile bestimmt der gegenwärtige Konflikt im Irak bzw. ­Afghanistan die Nachrichten.

Wir wohnen hier in der Nähe eines der größten Rehabilitationszentren für Irak- und Afghanistanheimkehrer im Vereinigten Königreich. Oft kann man in unserem kleinen Ort junge Männer sehen, die im Rollstuhl sitzen oder ­denen Gliedmaßen fehlen. Und das sind nur die äußeren Verletzungen von den Soldaten, die überlebt haben. Da bekommt der Remembrance Sunday plötzlich etwas sehr Aktuelles.

Doch warum nun die Mohnblumen?

Diese Tradition entstand kurz nach dem 1. Weltkrieg und soll an die vom Blut der Soldaten rot gefärbten Felder Flanderns erinnern, wie von dem Kanadier John McCrae in seinem Gedicht »In Flanders Fields« beschrieben. Heute werden die Ansteckblumen durch Helfer des Veteranenverbandes British Legion verkauft und stellen zugleich eine wichtige ­Ein­nahmequelle für die Organisation dar, die sich unter anderem um Hinterbliebene kümmert.

Julia Wohlgemuth

Kinder begegnen dem Tod

12. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Angebote für einen kindgemäßen Umgang mit dem Thema Sterben

Kinder nehmen an einer Trauerfeier teil. (Foto: epd-bild)

Kinder nehmen an einer Trauerfeier teil. (Foto: epd-bild)

Ich sehe die Szene immer noch deutlich vor mir: Eines unserer Kinder, damals knapp vier Jahre alt, steht am Fenster: Auf dem Weg vor unserem Pfarrhaus bewegt sich ein Trauerzug langsam in Richtung Kirche. »Da läuft Papa«, ruft die Kleine mir zu. »Ja«, sage ich, »er geht mit der Familie von Herrn X in die Kirche zur Trauerfeier.«

»Mama«, tönt es, »also, du hast doch gesagt, dass im Sarg nur die Hülle vom Menschen liegt. Und die wird dann begrabt. Und dann hast du gesagt, dass das Wichtigste von mir, also dass ich ICH bin, nicht begrabt wird, sondern zu Gott geht und lebt.«

»Du meinst die Seele?« – »Ja, die Seele. Also Mama, wann genau geht denn die Seele aus dem Menschen? Wenn er stirbt, wenn er in den Sarg ­gelegt wird oder wenn er in das Grab kommt?« – Da stehe ich nun: Pfarrerin und Mutter und sprachlos … »Da kann ich dir leider gar nicht so leicht eine Antwort geben«, stammele ich. »Vielleicht müssen wir beide gemeinsam mal ganz in Ruhe darüber nachdenken.« Eine druckreife Antwort gibt es bis heute nicht – viele kleine Antworten sind es geworden und viele neue Fragen. Am Wichtigsten aber ist uns, dass wir gemeinsam sprechen und nachdenken – immer wieder neu.

»Wenn dein Kind dich fragt …«, dieser Auftrag aus den jüdischen Wurzeln unseres Glaubens stellt sich den Eltern und allen, die mit Kindern zu tun haben, immer wieder im Blick auf den Umgang mit dem Thema »Sterben, Tod und Trauer«.

Es ist wichtig, auf die Fragen der Kinder sensibel zu hören, diese Fragen ernst zu nehmen und gemeinsam Antworten zu suchen. Zum anderen können Erwachsene solche Fragen dem Kind gegenüber artikulieren, bevor es mit dem Tod direkt konfrontiert wird. Oft ergibt sich die Gelegenheit zum Gespräch: Ein Kind findet auf dem Spaziergang einen toten Vogel. Das Meerschweinchen stirbt nach Jahren intensiven Streichelns. Ein Brief mit einem schwarzen Rand um das Kuvert liegt im Briefkasten …

Ein wichtiges Medium sind Bilder- und Kinderbücher zum Thema »Sterben – Tod und Trauer«. Auf diesem Sektor hält der Buchmarkt allein in Deutschland derzeit mehr als 100 Titel bereit. Leider werden Bücher zum Thema Tod und Sterben Kindern viel zu selten zur Verfügung gestellt.

Kinder- und/oder Bilderbücher sind gut geeignet für die Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie vermitteln Informationen und bieten Anlass für Gespräche. Weil es leichter ist, über die Figuren des Buches zu sprechen, ermöglichen sie Distanz.

Bei der Lektüre erfährt der Leser Solidarisierung, denn so wie ihm, geht es auch anderen. Die Gefühle des Betrachters werden verbalisiert (»Schau, wie traurig der jetzt aussieht!«). Die Bücher helfen bei der Verarbeitung von eigener Trauer. »Ich musste in den letzten Tagen so viel entscheiden, was die Trauerfeier für meinen Mann angeht, dass ich gar nicht zu meiner eigenen Trauer komme – ich funktioniere nur!«, sagt eine Frau. In dieser Situation habe ihr ein Kinderbuch gut getan. »Ich konnte erst mal richtig weinen«, erzählt sie.

Welches Buch ist geeignet? Bevor eine Publikation zu diesem Thema in die Hand eines Kindes kommt, sollte es von einer Bezugsperson selbst gelesen werden. »Wie wirkt dieses Buch auf mich? Wie ist die Sprache, wie sind die Bilder und in welchen Farben gewählt? Illustrieren sie den Text oder vermitteln sie Wissen? Für welches ­Alter ist es geschrieben?

Neben solchen »allgemeinen« Fragen sollten dann die inhaltlichen ­stehen. Zum Beispiel: Welche Fragen werden beantwortet? Wird der Tod in der Spannung zwischen Verneinung und Bejahung thematisiert? Ist das Buch für die Frage nach Gott offen? Wird die Beziehung Gottes zum Menschen als eine über den Tod hinausreichende beschrieben? Ist das angedeutete oder formulierte Gottesbild vertretbar?

Als Christen haben wir die großartige Möglichkeit, den Tod vom Leben aus zu sehen und uns immer wieder zu vergewissern: »Der Tod ist verschlungen in den Sieg.« (1. Korinther 15, 55a) Wir sind es den Kindern schuldig, das Thema nicht »totzuschweigen«, sondern »lebendig zu ­reden«.

Ulrike Spengler

Die Autorin ist promovierte Theologin und wohnt in Bad Berka bei Weimar.
 

Die geeinte Kirche im Herzen Gottes

11. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Unser Leben aus der Perspektive Gottes 
Gedanken zur ökumenischen Berufung der Christen
 

»Vater, lass uns auf die Ewigkeit blicken.« – Mit diesem Gebet beendete der Gemeindekirchenratsvorsitzende eine anstrengende Sitzung. Es war wohl der wichtigste Satz, der an diesem Abend gesprochen wurde. Was zuvor verhandelt worden war, kam in ein anderes Licht. Am Ende des Kirchenjahres steht der Ewigkeitssonntag. In der katholischen Tradition heißt er Christkönigssonntag, an dem in diesem Jahr die Worte Jesu an den mit ihm Gekreuzigten zu Gehör kommen werden: »Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.« (Lukas 23,43)

Wer sind wir wirklich und worin bekommt unser Tun Sinn?

Das wird uns erst vom wahrhaftigen Blick aus der Ewigkeit auf unser Leben aufgehen, ein Blick, für den wir noch weitgehend blind sind, mit dem wir aber angesehen werden. Denn wir sind nicht die, zu denen wir uns selbst machen, sondern die wir im Herzen Gottes sind. Die Verkündigung Jesu ist ­geeignet, uns den Blickwechsel zu ­lehren von einer selbstfixierten Sicht auf uns, von der wir allein gar nicht loskommen, zur Sichtweise, mit der Gott auf uns blickt und in die wir im ruhigen Hören auf Ihn allmählich ahnend hineinwachsen können.

Symbol für die Ewigkeit: Kreuz und Spirale (Foto: pictokon)

Symbol für die Ewigkeit: Kreuz und Spirale (Foto: pictokon)

In unserer Zeit, in der grundsätzlich bestritten wird, dass es diese andere, wahrhaftige Perspektive überhaupt gibt, lebt die Kirche davon, dass sie genau daraus ihr Dasein empfängt und dass sie diesen Blickwinkel offen hält in ihrer Umwelt. Es wird ihr mit Recht die Frage vorgehalten, ob sie sich nicht zu sehr eingerichtet habe im irdischen Leben und ihren Existenzgrund darüber vernachlässige? Kirche, wer bist du im Herzen Gottes? Eine zerbrochene Widerspiegelung der Gegenwart Gottes?

Was wissen wir davon?

So viel doch, dass ihr innerster Impuls eine Liebe ist, die bis zum Äußersten geht. In der Liebe Christi zu wurzeln heißt, in der einen Kirche zu wurzeln, die nichts anderes als das Gleichnis für ein Neuwerden der Gemeinschaft der Menschen überhaupt ist. Darin liegt ihre ökumenische Berufung. Die Kirche ist der Kern der Sammlungsbewegung, mit der Christus bis an die Enden der Erde geht und bis in die Abgründe dessen, was Menschen einander antun, indem sie Leben zerstören und Gemeinschaft aufs Furchtbarste infrage stellen. Er kommt, um zu retten, zu einen, Glück möglich zu machen.

Im Blickwinkel der Ewigkeit ist die Kirche, was sie nachzustammeln versucht: die eine heilige katholische und apostolische Kirche – wobei »katholisch« kein Konfessionsmerkmal ausdrückt, sondern ihr alle Menschen des Erdballs betreffendes Geheimnis; wie auch »evangelisch« nicht ein Konfessionsmerkmal sein kann, ist doch Kirche immer die Gemeinschaft, die aus dem Evangelium entsteht. Diese Wor­te drücken also nicht einen Anspruch aus, sie bezeichnen vielmehr den Blickwechsel, aus dem die Kirche lebt.

Solange die Kirchen ihr Getrenntsein nicht überwinden, können sie sich nicht uneingeschränkt »katholisch« – alle Menschen betreffend – und »evangelisch« – aus dem innersten Impuls der Liebe lebend – nennen. Sie tun es dennoch, um die Erinnerung daran wachzuhalten, dass es mit ihr im Herzen Gottes anders steht und dass es ihre Sünde ist, wenn es auf Erden nicht ganz nach dem Herzen Gottes geht.

Darin liegt denn auch das Geheimnis einer Hoffnung, wodurch Trennung überwunden werden kann und woraus die Verpflichtung dazu erwächst. Treten wir vor den gekreuzigten Christus, blicken wir auf die Tiefe seines Leidens und seiner Hingabe, verstummen alle Worte, die Trennung rechtfertigen könnten, sie verlieren an diesem Ort all ihren Sinn. Die Begegnung mit dem gekreuzigten Christus kommt im Evangelium der katho­lischen Eucharistiefeier am Christkönigssonntag in den Blick.

Das Evangelium des evangelischen Ewigkeitssonntags lässt dem auferstandenen Christus begegnen: »Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!«, sagt Jesus im Gleichnis von den Zehn Jungfrauen (Matthäus 25,6). Darin liegt eine einfache und schöne Hoffnung: Vor ihm kann man nur gemeinsam ankommen. Und wann ist diese mitternächtliche Stunde? Dem mit ihm Gekreuzigten antwortete Jesus: Heute!

Wer im Evangelium zusammengeht, den kann keine Amtsfrage auf ewig auseinanderbringen. Kirche aus dem Atem der Ewigkeit muss das neu sehen lernen. Aber dies geschieht nur, wenn man in der Tiefe und Einfachheit des Evangeliums zusammenfindet. Danach zu suchen, ist unser Auftrag! Es gibt kein unüberwindliches Hindernis – im Blickwinkel Christi –, sich gemeinsam auf den Weg zu machen, Ihm entgegen.

Reinhard Simon
Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Genthin.

Das Erkennungszeichen von Christen

Die Gemeinde wie die universale Kirche lebt vom Brotbrechen.

brotEine Gemeinde lebt vom Brotbrechen. Ohne dieses Einfachste könnte sie nicht sein. Das gilt auch für die universale Kirche. Sie ist der Ort, an dem man miteinander teilt: das tägliche Brot, Lebensgeschichten, Lebensfragen, Leidensfragen und Hoffnungsgeschichten und – über all dem – das Brot aus den Händen Christi, das Abendmahl, Seine Gegenwart.

Das eine geht stets in das andere über, das eine kann nicht ohne das ­andere sein.

Es ist dabei Sein Geheimnis, Mysterium, Sakrament.

Das Brot-Teilen ist zugleich eines der elementarsten Zeichen für Menschsein überhaupt – in der Fülle wie in der Not. Und das Himmelreich: Es ist dies Lebensbrot am Himmelstisch des Herrn, wo es nicht mehr Tränenbrot, sondern Freudenbrot sein wird.

Schade, wenn davon in evangelischen Gottesdiensten wenig zu »schmecken« ist.

Wie Abendmahl und Brot für die Welt zusammengehören, davon zeugt besonders das 6. Kapitel des Johannesevangeliums. Es lenkt den Blick auf Christus, der mit seiner Lebenshingabe bis ans Ende gegangen ist und so zum »Brot des Lebens« für alle wurde. Von Seiner Passion – die Leiden und Leidenschaft zugleich ist – ­leben Jesu Jüngerinnen und Jünger, ja alle, mit denen das Brot gebrochen und geteilt wird (Johannes 6,1-51). Dies Elementare und Kostbare bleibt freilich anstößig für jene, die die Bewegung Jesu nach ganz unten nicht verstehen, nicht nachvollziehen wollen oder an ihr irrewerden (6,52-71). Aber wie viele haben etwa in der Kriegsgefangenschaft davon einen »Geschmack« bekommen, wenn ein Bissen Brot, den sich jemand vom Munde absparte, das Weiterleben ermöglichte: Da war etwas gegenwärtig vom Sakrament des Lebens, Seiner geheimnisvollen Gegenwart!

In der frühen Christenheit wurden darum Lebensmittel und anderes zum Altar dargebracht, davon Brot und Wein ausgesondert, damit über allem der Segen gesprochen werde, ehe das Abendmahl / die Eucharistie begann. Noch heute zeugt davon der ostkirchliche Ritus des Brechens von »gesegnetem Brot« für alle, die an der Eucharistie nicht teilnehmen können, wie es das Gastmahl der orthodoxen Kirchen beim Münchner Kirchentag eindrücklich erleben ließ. Und da Jesus sogar mit dem Verräter den Bissen eintauchte, gibt es für diese ur-menschlichste Geste des Brotbrechens kein Anhalten. Es ist das Erkennungszeichen von Christen bis auf den heutigen Tag: dass sie das Brot und, was sie haben und können, mit jedem Menschen zu teilen bereit sind. Es ist das einfachste und zugleich überzeugendste Christuszeugnis.

Deshalb besteht zwischen dem einfachen Brotbrechen und dem Brotbrechen beim Abendmahl ein tiefes Entsprechungsverhältnis von ökumenischer Tragweite.

Wie könnten Christen mit dem Brot-Teilen bis ans Ende der Erde gelangen, wenn sie sich nicht gegenseitig ökumenische Gastfreundschaft beim Mahl des Herrn ­gewährten?

Es gibt Augenblicke, in denen die »Sprache der Barmherzigkeit« verstanden wurde, in denen es etwas Not wendendes in der Gesellschaft und in der Völkergemeinschaft zu tun galt. Dann ist nicht selten auch Gemeinschaft erfahren worden, die bisherige Grenzen zwischen einander durchlässig werden ließ. Hier kann man an die Gemeinschaft von Taizé erinnern, an die Erfahrungen der ostdeutschen Kirchen im konziliaren Prozess und an vieles andere.

Könnte nicht gerade die Erfahrung einer Selbstvergessenheit im Engagement der Kirchen für andere zu einer neuen Erfahrung der Einheit werden?

Denn die Kirchen haben ja kein eigenes, angestammtes Recht auf Selbstbehauptung. Die Kirche lebt, damit aus der Hingabe Christi dieses Entsprechungsverhältnis von »Brot-Teilen beim Abendmahl« und »Brot-Teilen für alle« immer wieder stimmig werde. Sie kann darum in gewisser Weise nur selbstvergessen leben, auf das »Eine« ausgerichtet, und mit ihrem ganzen Dasein auszudrücken suchen, was ­Jesus von sich sagt: »Ich bin nicht ­gekommen, meinen Willen zu tun, sondern den Willen Gottes.« (Johannes 6,38)

Sie kann darum gar nicht auf irgendein (konfessionelles) Profil aus sein. Das wäre kein sinnvolles Ziel.

Die Kirchen haben teil an der Zerrissenheit der Menschheit. Sie können diese Zerrissenheit solidarisch als »ihr Kreuz« annehmen und sie von innen, also vom Brotbrechen her, wo immer möglich zu überwinden suchen. Wie mag das gehen? Im 6. Kapitel des ­Johannesevangeliums beginnt alles damit, dass Jesus die vielen Menschen sieht und sich berühren lässt von dem, was sie suchen und was sie ­brauchen.

Reinhard Simon

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Genthin

Tod, der Leben schenkt

5. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Nierentransplantation (Lebendspende). Die entnommene Niere wird auf Eis gelegt und anschließend gereinigt und gespült. Dann wird sie zum Empfänger im Op nebenan gebracht und dort eingepflanzt. (Quelle: epd-bild)

Nierentransplantation (Lebendspende). Die entnommene Niere wird auf Eis gelegt und anschließend gereinigt und gespült. Dann wird sie zum Empfänger im Op nebenan gebracht und dort eingepflanzt. (Quelle: epd-bild)



Organtransplantation: 
In Deutschland sterben jährlich Tausende Menschen, weil Organspender fehlen.


Bundesweit warten rund 8000 Menschen auf ein neues Organ. In den meisten Fällen sind die Mediziner auf die Spenderorgane von Toten angewiesen.

Eine Reportage über den Alltag im Transplantationszentrum in Essen.

Als der Anruf kam, begann Helmut Roehl zu weinen. »Es war um 9.10 Uhr«, sagt Roehl. »An diese Uhrzeit werde ich mich mein Leben lang erinnern.« Am Telefon war das Krankenhaus. »Wir haben eine Niere für Sie, Herr Roehl«. Seit sieben Jahren litt der Leiter des Fachbereichs Kultur im nordrhein-westfälischen Wesel an einer Nierenerkrankung. Seit vier Jahren musste er regelmäßig zur Dialyse, mehrmals in der Woche hing er an einem Gerät zur Blutwäsche.

Nur eine Transplantation konnte noch helfen.

»Für mich war dieser Anruf der größte Glücksmoment meines Lebens.« Dann ging es »Knall auf Fall«, erinnert sich Helmut Roehl. Im Transplantationszentrum der Uniklinik Essen stand bereits ein Bett für ihn bereit, eine letzte Blutuntersuchung, dann die Operation.

Roehl ist einer von rund 130 Patienten, die in dem modernen Krankenhausbau in der Essener Innenstadt im vergangenen Jahr eine neue Niere erhielten. Bundesweit stehen rund 8000 Menschen auf der Warteliste für so eine Operation. »Von ihnen erhalten maximal 60 Prozent im Rahmen eines mehrjährigen Warteprozesses ein neues Organ«, sagt der ärztliche Leiter der Uniklinik, der frühere Kirchentagspräsident Prof. Eckhard Nagel. Die Übrigen versterben mit der Zeit an ­ihren Krankheiten. Denn in Europa herrscht ein Mangel an Spenderorganen.

»Das Problem des Mangels erleben wir immer ganz konkret: Erst kürzlich ist in den letzten Tagen ein 18-jähriges Mädchen verstorben, das als Kind eine neue Leber bekommen konnte«, sagt Nagel. Als sie in der Pubertät war, begannen die Abstoßungsreaktionen. Hormone und Wachstumsschübe tragen dazu bei, dass der Körper dann anders auf das fremde Organ reagiert. »Sie hätte eine neue Transplantation gebraucht, doch ein neues Organ war nicht zu bekommen«, sagt Nagel.

Der Mediziner greift sich an den weißen Kittel, während er weiterspricht. Die Jugendliche verstarb im Krankenhaus. »Selbstverständlich ist es auch für mich sehr schmerzlich, wenn man sieht, dass ein Mensch, den man so lange betreut hat, dann plötzlich nicht mehr weiterlebt, obwohl eine Hilfe theoretisch noch möglich gewesen wäre.«

Spenderorgane erhalten die Essener Mediziner überwiegend von Verstorbenen. »Bei einem Viertel der Fälle kann den Patienten durch die Lebendspende einer Niere von einem Verwandten oder einer anderen Person mit besonderer persönlicher Verbundenheit geholfen werden«, berichtet Professor Andreas Kribben, Leiter der ­Klinik für Nephrologie. Doch früher sei dies noch sehr viel seltener der Fall gewesen. Wer sich, so wie der frühere Außenminister Frank-Walter Steinmeier zu einer Lebendspende entschließt, wird in der Klinik von Kopf bis Fuß durchgecheckt. »Er hat danach nur noch eine Niere, deswegen muss er gesund sein«, sagt Kribben. Wer einmal ein Organ gespendet hat, wird weiter umfassend medizinisch betreut.

Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen helfen, Krankheiten früh zu erkennen. »Die Lebenserwartung eines Lebendnierenspenders liegt sogar etwas höher als die eines gleichaltrigen Menschen mit zwei Nieren«, sagt Kribben. »Die sorgfältigen Untersuchungen vor und nach der Lebendnierenspende sind langfristig für den Gesundheitszustand des Spenders von großem Vorteil.«

Doch die Lebendspende bleibt die Ausnahme. In den allermeisten Fällen sind die Mediziner auf die Spender­organe von Toten angewiesen. Zumal eine Lebendspende unter Ärzten nicht unumstritten ist: »Wir operieren dafür immerhin einen gesunden Menschen«, sagt Eckhard Nagel. Deswegen bleibt die mangelnde Bereitschaft der Menschen, zu Lebzeiten ­einen Organspendeausweis auszufüllen, das größte Problem der Essener Mediziner. Selbst einige Medizinstudenten, ein »sonst extrem aufgeklärtes Kollektiv«, hätten beim Ausfüllen eines Spenderausweises Hemmschwellen, sagt Privatdozent Gernot Kaiser, der Transplantationsbeauftragte des Universitätsklinikums Essen. Die Menschen hätten Angst davor, dass sie doch noch leben, wenn die Organe entnommen werden. Oder sie möchten einfach »ganz« bestattet werden. »Dass Menschen keine Organe spenden wollen, ist legitim – und diesen Wunsch müssen wir ernst nehmen«, sagt Kaiser. »Hier können wir nur Überzeugungsarbeit leisten.«

Wozu auch der Umgang mit Organspendern beiträgt. »Für mich ist es selbstverständlich, dem Körper eines Spenders die gleiche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen wie dem Körper eines Lebenden«, sagt Eckhard Nagel. »Dieser Mensch leistet noch über seinen Tod hinaus einen Dienst der Nächstenliebe.« Sogar einen Pfarrer hat er schon zur Organentnahme mit in den OP genommen, wenn die Angehörigen des Verstorbenen dies gewünscht haben.

»Aber man muss festhalten: »Ein Organspender ist hirntot«, sagt Eckhard Nagel. »Sterben ist ein Prozess, die Trennung des materiellen Lebens vom immateriellen ­Leben, an das ich als Christ glaube.« Auch wenn er auf der Ebene des Rückenmarks etwa noch Reflexe zeige, sei der Tod beim Organspender doch bereits ­eingetreten. »Auch wenn Maschinen bestimmte Körperfunktionen aufrechterhalten können, ist es undenkbar, dass ein Hirntoter noch einmal in eine Situation kommt, die mit dem, was wir als menschliches Leben verstehen, auch nur vergleichbar ist.«

Anders geht es den Empfängern der Organe, die oft in ein zweites Leben starten können.

»Natürlich muss ich mein ­Leben lang Medikamente einnehmen, um Abstoßungsreaktionen vorzubeugen«, sagt Helmut Roehl. Aber der 61-Jährige kann sich wieder frei bewegen, Ausflüge machen und in den Urlaub ­fahren. Anstatt mehrmals pro Woche zur Dialyse zu fahren, muss er nur noch alle drei Monate zur Nachkontrolle in die Klinik. »Dem Spender, der mir seine Niere geschenkt hat, bin ich unendlich dankbar«, sagt Helmut Roehl. »Denn ich habe mein Leben zurückbekommen.«

Benjamin Lassiwe

Das Ende der Polarisation

4. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Eine Welt

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Fazit: Der Kongress für Weltevangelisation bot Einheit von Spiritualität, Theologie und Weltverantwortung.

Zum dritten Mal trafen sich evangelikale Christen zum Kongress für Weltevangelisation. Zwei Delegierte aus Mitteldeutschland ziehen Bilanz.

4000 Vertreter der evangelikalen Bewegung aus aller Welt kamen in Kapstadt zusammen. (Quelle: Lausanne Movement/ Elyse Patten)

4000 Vertreter der evangelikalen Bewegung aus aller Welt kamen in Kapstadt zusammen. (Quelle: Lausanne Movement/ Elyse Patten)

Sie kamen aus 197 Ländern und gehörten anglikanischen, lutherischen, reformierten, methodistischen, baptistischen, pfingstlerischen und sonstigen Kirchen an: Mehr als 4000 Christen haben sich vom 18. bis 25. Oktober im südafrikanischen Kapstadt zur 3. Inter­nationalen Lausanner Konferenz für Weltevangelisation getroffen.

Ursprünglich in den 70er-Jahren als ­Pendant zu der als zu liberal empfundenen ökumenischen Bewegung gegründet, wurde diesmal deren Spitzenvertreter ausdrücklich eingeladen. Und Olav Fykse Tveit, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), sah dies denn auch als ein »Zeichen der Versöhnung« und plädierte in Kapstadt nachdrücklich für eine weitere Annäherung zwischen evangelikaler Bewegung und dem Weltkirchenrat.

»Die Zeit der Polarisation zwischen Evangelikalen und Ökumenikern ist endgültig vorbei«, so auch die Bilanz von Johannes Berthold. Der Vorsitzende des sächsischen Gemeinschaftsverbandes sieht eine deutliche Wandlung der evangelikalen Weltchristenheit hin zu mehr Verantwortung für die Probleme dieser Welt. »Evangelisation und soziale Arbeit gehören weltweit untrennbar zusammen«, so sein Eindruck. Kein Wunder, dass praktische Fragen etwa zum Umgang mit Aids, zur Bewahrung der Schöpfung oder zum Kampf gegen Menschenhandel einen breiten Raum eingenommen haben. Beeindruckend war für Berthold zudem die »überzeugende Einheit von lebendiger Spiritualität und Theologie« während der Konferenz. Als Herausforderung hat Berthold vor allem den Ruf nach ­einem »missionarischen Lebensstil in Demut und Bescheidenheit« mitgenommen. Nur durch »Integrität« könnten auch in Deutschland die Kirchen dem derzeitigen Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit begegnen.

Ähnlich äußert sich der Zwickauer Jugendpfarrer Jens Buschbeck. Sehr beeindruckt habe ihn das ehrliche Diskutieren von theologischen und ethischen Problemen. Etwa im Blick auf ein sogenanntes »Wohlstandsevangeliums«, aber auch im Blick auf Korruption, die durchaus nicht vor den Toren der Kirchen in der sogenannten Zwei-Drittel-Welt Halt mache. Herausgefordert sieht Buchbeck die Christen in Deutschland und Europa aber auch in der Frage, wie Partnerschaft über Kontinente hinweg künftig gelebt werden könne. »Die Zeit des ›you pray, we pay‹ (ihr betet, wir zahlen) ist vorbei«, so sein Fazit.

Die Hauptreferate des Kongresses, unter anderem auch von dem Greifswalder Theologieprofessor Michael Herbst, sowie das Abschlussdokument stehen in englischer Sprache für Interessenten im Internet bereit.

Harald Krille

www.lausanne.org