Goldrausch in den Karpaten
31. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Rumänien: Kirchen und Umweltverbände laufen seit Jahren Sturm gegen ein gigantisches Bergbauprojekt
Die Region von Rosia Montana zwischen Hermannstadt und Klausenburg ist eine der schönsten Karpatengegenden Rumäniens. Doch gerade hier soll Europas größter Tagebau entstehen.

Geisterstadt vor dem Goldrausch: Viele Häuser im Ort Rosia Montana sind vom Bergbauunternehmen bereits aufgekauft, um freie Hand zum Abriss zu haben. (Foto: Jürgen Henkel)
Es geht um viel Gold und Geld: Unter der Erde werden die größten Goldvorräte Europas vermutet.
Der Goldabbau hat in Roşia Montană Tradition. Dort sind begehbare Minen noch von den alten Römern erhalten, ein kulturgeschichtlich einmaliges Zeugnis. Geplant ist jetzt der größte Goldtagebau in Europa, dem auch diese 2000 Jahre alten Minen weichen sollen.
Während die Betreiber die Wirtschaftlichkeit des auf 20 Jahre angelegten Projekts betonen und äußerst umstrittene Umweltverträglichkeitsstudien präsentieren, stößt das Vorhaben seit Jahren auf nationale und internationale Kritik: Vertreter der Kirchen, der Rumänischen Akademie der Wissenschaften sowie von Umwelt- und Naturschutzverbänden aus dem In- und Ausland laufen Sturm.
Systematisch werden Kritiker eingeschüchtert
Doch Gegner werden systematisch eingeschüchtert. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS) konnte 2007 in einer der Kirchen, die abgerissen werden soll, nach massiven Drohungen nur unter Polizeischutz stattfinden. Die Bürgerinitiative Alburnus maior kämpft mit Unterstützung der dort ansässigen Schweizer Journalistin Stephanie Roth gegen das Projekt und berät Bauern, die nicht an die millionenschweren Investoren verkaufen wollen.

Gediegenes Gold aus dem Gebiet von Rosia Montana - großtechnisch soll es durch giftige Zyanidverbindungen aus dem Gestein herausgelöst werden. (Foto: Wikipedia)
Einer der Hauptkritikpunkte ist, dass zur Ausfällung des Goldes aus dem abgebauten Gestein die Zyanidlaugung angewandt werden soll: Hochgiftiges Zyanid soll das Gold aus dem Gestein lösen.
Diese Methode ist äußerst umstritten und führte bei einem ähnlichen Projekt in Rumänien im Januar 2000 bereits zu einer Umweltkatastrophe, die international für Schlagzeilen sorgte: In Baia Mare gelangten damals die giftigen Abwässer in die Flüsse Theiß und Donau. Sie hinterließen Hunderte Tonnen toter Fische und verseuchten über Grenzen hinweg das Trinkwasser von rund zwei Millionen Menschen in Ungarn.
Ganze Dörfer, mehrere Kirchen, mehrere Friedhöfe, vier Berge, einmalige Kulturdenkmäler und die Naturlandschaft sollen für das Goldabbauprojekt dem Erdboden gleichgemacht werden. Der erwartete wirtschaftliche Nutzen steht nach Auffassung von Kritikern in keinem Verhältnis zum langfristig erwarteten Schaden und dem Gefahrenpotenzial. Zudem gibt es in dem Investitionskonzept keine ausreichenden finanziellen Rückstellungen zur Abdeckung möglicher Umweltschäden.
Um das Projekt durch vollendete Tatsachen zu forcieren, hat die RMGC in den letzten Jahren rund 900 Haushalte umsiedeln lassen und etwa 40 Prozent des benötigten Gebietes käuflich erworben. Manche Bewohner verkaufen gerne ihre Häuser gegen einen Preis, der ein Vielfaches des realen Marktwertes beträgt. Wer nicht verkaufen will, wird schikaniert. Das Rathaus und der Bürgermeister werden von der Firma kontrolliert.
Gemenge aus Korruption und mafiotischen Strukturen
Wie konsequent und zuverlässig in Ost- und Südosteuropa die Einhaltung von Umweltauflagen gefordert und überwacht wird, ist aktuell an dem Beispiel von Kolontár in Ungarn zu besichtigen. Die postsozialistische »Spezialwirtschaft« aus Korruption und mafiotische Verbindungen zwischen Politik, Wirtschaft und Behörden vor Ort bieten keine Garantie für umweltverträgliche Planungen und Durchführung solcher Großprojekte.
Südosteuropa-Experten verstehen den Hinweis von Ungarns Premier Viktor Orbán genau, der in Kolontár erklärte, zwei Wochen vor der Katastrophe habe eine Prüfung ergeben, dass dort »alles OK sei«. Kenner wissen, wie solche »Prüfungen« vor allem bei Großprojekten in Osteuropa ablaufen, während Kleinunternehmer in den Transformationsstaaten zu Gunsten politisch gut vernetzter Multis mit Auflagen, Normen und Betriebsprüfungen regelrecht schikaniert werden.
Zum Beispiel die Lebensmittelindustrie: Bauern und Selbstvermarkter werden mit Hygiene- und Verwaltungsauflagen überfordert und sollen selbst auf Bauernmärkten Registrierkassen aufstellen – mit dem Ziel, Bauern und Selbstvermarkter vom Markt zu drängen zugunsten der großen Ketten und Discounter wie Metro.
Beim Projekt in Rosia Montana droht nach Ansicht von Kritikern eine ähnliche Katastrophe wie jüngst in Ungarn. Die Umweltschützer hoffen, dass die Katastrophe von Ungarn auch in Rumänien zur endgültigen Ablehnung des Projekts führt, gegen das sie seit Jahren kämpfen.
Jürgen Henkel
