Angesagt: Die Deutungshoheit über Wörter

30. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Kultur


Anmerkungen zur Sprache


 

Christoph Kuhn lebt als Schriftsteller in Halle.

Christoph Kuhn lebt als Schriftsteller in Halle.

An den Herbst 1989 erinnernd wird oft gesagt, dass die DDR, das ganze kommunistische Imperium, auch an Lügen zugrunde ging. Gefälschte Daten, geschönte Statistik – wir waren Halb- und Unwahrheiten gewöhnt.

Erhellend ist auch das Blättern im Fremdwörterbuch und im Lexikon von A bis Z aus den Jahren 1980, 1982.

Als 1968 sowjetische Soldaten nach Prag marschierten, war das keine Okkupation, »(unrechtmäßige) Besetzung fremden Gebietes durch eine (imperialistische) Macht«, laut Fremdwörterbuch. Denn Imperialismus ist »höchstes Entwicklungsstadium des Kapitalismus«. Russen und Chinesen bezichtigten sich bei den Kämpfen am Ussuri Ende der 70er Jahre gegenseitig der Aggression, die es per Definition (»imperialistischer Eroberungskrieg«) gar nicht gab.

War unsere friedliche Oktoberrevo­lution ein Volksaufstand oder ein Umsturz? Beide Wörter fehlen im Lexikon; und Revolution wird so erklärt: »grund­legende qualitative Veränderung der ­Gesellschaft, tritt in der Ausbeutergesellschaft gesetzmäßig auf«. (Später geht es nur um »sozialistische Revolution«.) Das Wörterbuch spricht noch von der »Übernahme der Macht durch die progressive Klasse«. Das Wort »progressiv« war ideologisch umstritten: Die herrschenden Funktionäre hielten sich selber für progressiv und wurden von älteren Systemkritikern gern auch mit diesem ­Begriff ­geschmäht. Jedoch jüngere Nonkonformisten, die westlichen Ideen ­anhingen und progressive Rockmusik hörten, beanspruchten den wahren Progressismus.

»System« nennt das Fremdwörterbuch, »ein in sich gegliedertes, geordnetes Ganzes«. Demnach kommt »Systemkritik« in keinem der beiden Nachschlagewerke vor, und »Nonkonformismus« ist laut Lexikon die »selbst gewählte Bezeichnung für die Haltung bürgerlicher Intellektueller, die in kritischer Oppo­sition zu ihrer kapitalistischen Umwelt stehen«. Opposition gilt nur als Widerstand von »Parteien und Gruppen im bürgerlichen Parlament«. Auch das Gegenteil, der Opportunismus, hat natürlich in der DDR keine Grundlage, sondern ist »in der Arbeiterbewegung Verzicht auf das Endziel, die ­Errichtung des Sozialismus und Kommunismus«.

Wer waren also die Aufständischen vom 17. Juni ’53 und die demonstrierenden Revolutionäre im Herbst ’89? Dissidenten? Das Lexikon verzichtet sicherheitshalber auf den Begriff und das ­Wörterbuch übersetzt Dissident: »Andersgläubiger, Angehöriger einer nicht anerkannten Religionsgemeinschaft oder Konfessionsloser in Ländern mit Staatskirche.« Ein verstecktes Eingeständnis des Lektorats, der Sozialismus sei eine Art Religion, wenigstens eine ­Ersatzreligion gewesen.

Solche Bedeutungsverschleierungen gehörten zur allseitigen Indoktrination. Doch auch von diesem Wort wollen beide Bücher nichts wissen. Weil – so schließt man mit Christian Morgenstern messerscharf – »nicht sein kann, was nicht sein darf«.

Christoph Kuhn

Literaturempfehlungen
Kuhn, Christoph: Königsweihe. Erzählungen und Gedichte mit Zeichnungen von Andreas Hegewald, Typostudio Schumacher Gebler GmbH Dresden,
68 S., ISBN 978-3-941209-03-9, 10,90 Euro

Kuhn, Christoph: Am Leben. Roman, Wartburg Verlag,
151 S., ISBN 978-3-86160-402-0, 16,00 Euro

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