Auf Sichtweite – aber ohne Steinwurf

23. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Hisbollah-Anhänger feiern den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei seinem Besuch an der libanesisch-israelischen Grenze mit einem Meer von gelben Hisbollah-Fahnen und iranischen Flaggen.  Foto: picture alliance/dpa/Nabil Mounzer

Hisbollah-Anhänger feiern den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei seinem Besuch an der libanesisch-israelischen Grenze mit einem Meer von gelben Hisbollah-Fahnen und iranischen Flaggen. Foto: picture alliance/dpa/Nabil Mounzer


Hintergrund: Ahmadinedschad im Libanon – oder das Ringen um die Führungsrolle in der islamischen Welt.

Geheimnisumwittert und vor allem spannungsgeladen war der Staatsbesuch des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad in der vergangenen Woche im Land der Zedern.

Von Johannes Gerloff (Jerusalem)

Das könnte einen Krieg auslösen«, unkte ein Beiruter Nah­ostexperte im Vorfeld. Dabei ging es gar nicht in erster Linie um den ewigen Zankapfel Israel. Wie schon bei der Affäre um die türkische Gaza-Hilfsflottille im Mai dieses Jahres stehen regionale Überlegungen und die Anstrengungen orientalischer Möchtegern-Großmächte, ihren Einflussbereich auszubauen, im Vordergrund.

Das Machtvakuum in der arabischen Welt ist mit Händen zu greifen. Syriens Baschar el-Assad ist es nie wirklich gelungen, die großen Stiefel seines Vaters auszufüllen. Der 82-jährige Ägypter Hosni Mubarak kämpft um seine Gesundheit, sucht einen Nachfolger und bemüht sich, die Hydra Muslimbruderschaft im eigenen Lande in Schach zu halten. Der Irak ist nach dem Sturz Saddam Husseins in sich zusammengebrochen. Vor diesem Hintergrund buhlen Ankara und Teheran um die Achtung der islamischen Welt. Der schiitische Halbmond, von Indien über Pakistan, den Iran und Syrien bis in den Südlibanon fordert die ihm seit Jahrhunderten verweigerte Ehre.

Und dann ist da seit Jahren ein ­innerlibanesischer Machtkampf, den der verlängerte Arm des Iran, die radikal-schiitische Hisbollah längst zu ­ihren Gunsten entscheiden konnte. Die einst so mächtigen christlichen Milizen des Zedernstaates sind verschwunden. Die Palästinenser, die einmal die einzige nichtjüdische Demokratie im Nahen Osten erfolgreich ausgehöhlt und zum Einsturz gebracht haben, sind erfolgreich neutralisiert. Warlords, wie der Druse Walid Dschumblat, haben keine militärischen Druckmittel mehr zur Hand.

Die libanesische Armee ist so schiitisch durchsetzt, dass sie der Hisbollah auf dem Weg zum Triumph keine Steine in den Weg legen wird, selbst wenn sie das wollte. Schon vor Jahren galten Genehmigungen ziviler Behörden, der Armee und des militärischen Geheimdienstes nichts im Vergleich zu einem Kopfnicken der allgegenwärtigen und fast allmächtigen Hisbollah. Die Befürchtung der USA, »die Hisbollah könnte die libanesische Souveränität untergraben«, hinkt der Realität um Jahre hinterher.

Besonders demütigend für libanesische Christen und muslimische Sun­niten gleichermaßen ist das Schick-
sal eines internationalen Tribunals, das den tödlichen Anschlag auf den ­libanesischen Regierungschef Rafik Hariri untersuchen soll. Der Sohn des schwerreichen Geschäftsmannes, Saad Hariri, der heute als Premier­minister des Libanon auf dem Platz seines Vaters sitzt, sieht sich unverhohlenen Drohungen ausgesetzt. Möglicherweise steckt die Hisbollah hinter dem Mord. Jetzt muss der junge Hariri mit den Hassern seines Vaters kooperieren.

»Wie ein Kommandeur, der seine Truppen inspiziert«
2006 hatte die israelische Luftwaffe die Hisbollah-Hochburg Dahia im ­Süden der libanesischen Hauptstadt Beirut in Schutt und Asche gelegt. Jetzt ließ sich der iranische Patron eben dort von Tausenden Hisbollah-Anhängern feiern. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah meldete sich in einer Videobotschaft aus seinem Versteck zu Wort. Einen Tag später hielt Ahmadinedschad eine Rede im südlibanesischen Bint e-Dschbeil, bei dem bis heute noch nicht unabhängig geklärt ist, ob der Schaden, den der Iran großzügig reparieren ließ, eine Folge israelischer Zerstörungswut oder von Explosionen unterirdischer Waffen­lager war, deren Ursprungsland wohl ebenfalls der Iran ist. »Die Zionisten werden verschwinden«, sagte der Iraner seinen Anhängern in Sichtweite des jüdischen Staates und überraschte mit dieser Prophetie weder Freund noch Feind. Bemerkenswert war die auffallende Abwesenheit libanesischer Flaggen bei diesen Massenversammlungen. Lediglich Hisbollah- und iranische Fahnen wurden geschwenkt.

Das offizielle Israel bemühte sich um Schweigen. Unüberhörbar war allerdings die Aussage, der Iran habe jetzt eine gemeinsame Grenze mit Israel. »Der iranische Präsident besucht den Libanon wie ein Kommandeur, der seine Truppen inspiziert«, meinte Yigal Palmor, Sprecher des israelischen Außenministeriums. Mindestens 40000 vom Iran gelieferte Raketen in Hisbollah-Händen bedrohen ­Israel – so schätzen israelische Sicherheitsexperten. Offiziell baten die Israelis die libanesische Regierung durch diplomatische Kanäle darum, jede Provokation zu unterlassen.

Ursprünglich wollte Ahmadinedschad bis an den israelischen Grenzzaun kommen, um einen Stein auf die israelischen Soldaten zu werfen. So jedenfalls wusste das die Gerüchteküche des Morgenlandes. Tatsache bleibt, dass mittlerweile jeder den Herrschaftsanspruch des Iran verstanden haben müsste. »Es gibt nur noch zwei Supermächte weltweit«, hatte Mahmud Ahmadinedschad schon vor Monaten erklärt: »die USA und den Iran.«

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