Die Gemeinschaft aller Heiligen

Märtyrer des 20. Jahrhunderts: An der Westwand der Londoner Westminster Abbey, der traditionellen Krönungskirche der englischen Könige bzw. Königinnen befinden sich unter anderen die Statuen von Janani Luwum, Elisabeth von Hessen-Darmstadt, Martin Luther King, Óscar Romero und Dietrich Bonhoeffer. Foto: Montrealais

Märtyrer des 20. Jahrhunderts: An der Westwand der Londoner Westminster Abbey, der traditionellen Krönungskirche der englischen Könige bzw. Königinnen befinden sich unter anderen die Statuen von Janani Luwum, Elisabeth von Hessen-Darmstadt, Martin Luther King, Óscar Romero und Dietrich Bonhoeffer. Foto: Montrealais


Die Kirche lebt von der Kraft der Zeugen: Märtyrer des 20. Jahrhunderts.

Die Kirche lebt kraft ihrer Zeugen. Jeder Christ könnte von Menschen erzählen, die seinen Glauben geprägt haben. Nie wäre man sonst der, der man ist. Das gilt auch für die Kirche heute. Wer sind ihre Zeugen, und wie wird von ihnen gesprochen? Sind wir uns ihrer Kraft bewusst? Wie gut, dass dem Reformationstag Allerheiligen folgt, beide gleichermaßen evangelische Gedenktage.

Die Kraft der Zeugen: Davon schrieb bereits Paulus, einer der ersten von ihnen. Er musste es wissen: Erinnerte er sich nach seiner Bekehrung nicht noch oft an den heiligen Stephanus? Der hatte, als man ihn steinigte, den auferstandenen Jesus gesehen – an der Seite Gottes – und zu ihm gerufen: »Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!« Als Paulus später in Ephesus selbst in äußerste Todes­gefahr geraten war und davon den Brüdern in Korinth schrieb, teilt er ihnen etwas zuinnerst Bewegendes mit: Während wir unserer Zerbrechlichkeit ausgesetzt sind, Angst, Verfolgung, Unterdrückung leiden, spüren wir eine wunderbare Kraft; während wir das Sterben Jesu an unserem Leib aushalten müssen, sind wir erfüllt von einem Schatz: dem »Leben Jesu an unserem Leibe«. Ja, wir sehen unverhüllt in das Angesicht des auferstandenen Christus; es ist in uns aufgeleuchtet wie das Licht über der Welt (2. Korinther 4,6-9)! Hier und sonst nur in ganz seltenen, kostbaren Augenblicken spricht die Bibel vom Angesicht Christi … (Matthäus 17,2).

In unserem Gebet ist es wiederum Er, der uns anblickt. Das zurückliegende 20. Jahrhundert, durchzogen von grauenvollen Verfolgungen, ist zu einem Jahrhundert von Menschen mit solchen Glaubenserfahrungen geworden. In ihnen leuchtet ein Schatz auf, der eine andere Dimension von Kirche zeigt als ihre weithin empfundene Kraftlosigkeit.

Andrea Riccardi, Gründer der ökumenischen Gemeinschaft Sant’Egidio in Rom, schreibt nach eingehenden Forschungen: »Das zwanzigste Jahrhundert konnte weder durch seine große Gewalttätigkeit noch durch seinen Stolz die Erinnerung an Ostern, an das Mitleid und an den Glauben der Auferstehung auslöschen … Es ist das große Testament des zwanzigsten Jahrhunderts … Es ist das Testament des Evangeliums.«

Wie kann es sein, dass wir uns um die Zukunft der Kirche Sorgen machen, wenn in ihr solche Kräfte wirken? Noch stehen wir ganz am Anfang, sie wiederzuentdecken, denken an Dietrich Bonhoeffer, Oscar Romero, Pawel Florenskij, Martin Luther King, Frère Roger … Sie alle sind, kurz gesagt, Zeugen des Lebens aus der Auferstehung Christi. Wie anders könnte heute von Gott gesprochen werden, da in unserer Gesellschaft die Bedeutung von Glaube und Gottesdienst grundsätzlich bestritten wird? In dem Maße, wie die Kirche von Leiden und Leidenschaft des Glaubens erzählt, wie sie sich besinnt auf ihre tiefste Verankerung in Kreuzigung und Auferstehung, kann sie wieder Fuß fassen. Alexander Men, 1990 bei Moskau erschlagen, war sogar der Überzeugung: »Die Geschichte des Christentums fängt gerade erst an.«

Die genannten Namen drücken noch ein Zweites aus: Hier handelt es sich um eine zutiefst ökumenische Erfahrung der einen ungeteilten Kirche. Roberto Angeli, ein italienischer Priester, schrieb im KZ Dachau: »Ich war mitten unter katholischen Priestern, protestantischen Pastoren und orthodoxen Popen, sie waren aller Dinge beraubt, von Hunger und Kälte ausgezehrt, von Läusen und Ängsten geplagt, ohne Würde außer der unsichtbaren Würde des priesterlichen Amtes; so lernten wir das Wesen des Lebens und des Glaubens kennen.« Und ein Häftling im sowjetischen Solowjetskij-Lager bittet: »Wer von uns eines Tages das Glück haben wird, in die Welt zurückzukehren, der muss bezeugen, was wir jetzt hier sehen, die Wiedergeburt des reinen, authentischen Glaubens der ersten Christen, die Vereinigung der Kirchen.«

Was bedeutet es eigentlich, in diesen sehr verschiedenen Konfessionen angehörenden Christen die ungeteilte Gemeinschaft aller Heiligen zu erkennen? Und wie kann es angehen, diese »lautere Stimme als die der Urheber von Spaltungen« (Johannes Paul II.) um eines konfessionellen Profils willen zu überhören? Die auf die Reformation zurückgehenden Kirchen haben hier ­unübersehbar eine Aufgabe. Sie ist uns gegeben als geistliches Testament kraft der allen Christen gemeinsamen Zeugen, die mit der Hingabe ihres ­Lebens bezeugt haben: Der für uns alle gelitten hat, ist mitten unter uns!

Reinhard Simon, ist promovierter Theologe und Pfarrer in Genthin.

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