Gott verspricht Gnade und Vergebung

Die Flut als Strafinstrument Gottes: Darstellung der Sinntflut von Michelangelo Buonarroti in der sichtinischen Kapelle im Vatikan. Foto: Archiv

Die Flut als Strafinstrument Gottes: Darstellung der Sinntflut von Michelangelo Buonarroti in der sichtinischen Kapelle im Vatikan. Foto: Archiv


In der Bibel finden sich viele verschiedene Aussagen über Fluten

Aktuelle Berichte von Flutkatastrophen bestimmen derzeit die Nachrichten. Auch in biblischen Zeiten litten Menschen unter Fluten. Mit Himmel, Erde und Wasser begann Gott sein Schöpfungswerk. Eine Urflut bedeckte die Erde. Wie Gott seitdem das Wasser und die Fluten lenkt, beschreibt der Psalmist: »Er hält die Wasser des Meeres zusammen wie in einem Schlauch und sammelt in Kammern die Fluten.« (Psalm 33, 7)

Aus diesen Wasserkammern schickt Gott den Menschen Fluten zum Segen wie zum Gericht. Dass Gott der Herr über Wasser und Fluten ist, betont das Alte Testament auch als Abgrenzung gegen die religiösen Vorstellungen anderer Religionen, die dem Wasser selbst göttliche Kraft beimessen oder es als Geburtsstätte der Götter verstehen.

»Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.« (1. Mose 1,2)

An mehreren Stellen der Bibel benutzt Gott die Flut als Strafinstrument. Die größte ist die Sintflut. Weil das Trachten der Menschheit von Grund auf böse war, fasste Gott den Entschluss, fast alles Leben auf der Erde durch eine Flut auszulöschen. Nur Noah, ein gottesfürchtiger Mann, darf überleben, mit ihm seine Familie und je ein Paar jeder Tiergattung. Um die erforderlichen Wassermassen in Gang zu setzen, ließ Gott es 150 Tage lang regnen und ließ zudem »alle Brunnen der großen Tiefe« aufbrechen. So lange, bis alles vertilgt wurde, »was auf dem Erdboden war«. Leben war nur auf der Arche Noah. Nach der Sintflut versprach Gott zwar, nie wieder so grausam zu sein. Das hielt ihn aber nicht davon ab, feindlichen Völkern mit der Flut zu drohen.

»Denn so spricht Gott der Herr: Ich will eine große Flut über dich kommen lassen, dass hohe Wogen dich bedecken.« (Hesekiel 26,19)

Es ist paradox: Gott ist letztverantwortlich für Fluten, aber er schützt Menschen auch vor ihnen. Wer Gott vertraut, den »schirmt« er vor den ­Fluten. In falscher Sicherheit jedoch wähnen sich die Feinde Israels, die meinen, »mit dem Totenreich einen Vertrag gemacht zu haben: Wenn die brausende Flut daherfährt, wird sie uns nicht treffen.« (Jesaja 28,15b) Ihnen kündigt Gott an, dass Fluten ihre Schutzbauten wegschwemmen, während Zion bewahrt bleibt: »Wenn die Flut herannaht, wird sie euch zermalmen.« (Jesaja 28,18)

Habakuk lässt die Möglichkeit offen, dass Gott selbst auch zornig auf die Flut sein kann: »Warst du zornig, Herr, auf die Flut? Entbrannte dein Grimm wider die Wasser und dein Zorn wider das Meer?« (Habakuk 3,8)

Mit einem ergreifenden Segen verabschiedet sich Stammvater Jakob von seinen zwölf Söhnen. Josef, seinem Lieblingssohn, verheißt er auch den »Segen von der Flut«. Was bedeuten kann, dass die Fluten ihm so wohl gesonnen sind, dass er sich nicht vor ihnen fürchten muss.

»Von deines Vaters Gott werde dir geholfen, und von dem Allmächtigen seist du gesegnet mit Segen oben vom Himmel herab, mit Segen von der Flut, die drunten liegt, mit Segen der Brüste und des Mutterleibes.« (1. Mose 49,25)

Der Psalmist (Psalm 69) benennt seine Ängste in aller Offenheit, auch die vor dem Ertrinken. »Ich versinke in tiefem Schlamm«, schreibt er, »ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.« In dieser Todesangst bittet er Gott um Errettung – darum, dass ihn »die Tiefe nicht verschlinge«. Der Psalmist beendet sein Gebet mit der Zuversicht, dass Gott den Armen und Elenden – also auch ihm – beistehe.

»Normale«, berechenbare Fluten waren wichtig für die Fruchtbarkeit der Felder. Regelmäßig überschwemmte der Nil die Uferregionen und schuf damit Grundlage für Wachstum. Diese Art von Flut ist wie ein Segen für das Land, denn sie zerstört nicht, sondern tränkt die Erde. Gleichwohl können auch die Nilhochwasser bisweilen vernichtende Kräfte wecken, weiß der Prophet Jeremia: »Ägypten stieg empor wie der Nil, und seine Wasser wälzten sich daher wie Ströme.« (Jeremia 46,8)

Biblische Verfasser bedienen sich gerne des Begriffes der Flut als Sinnbild. Wie eine Flut werde ein Heer heranbrausen, mahnt etwa der Prophet Daniel. Auch die weisen Lehrer der Bibel benutzen das Wort, zum Beispiel Jesus Sirach: »Die Erkenntnis eines weisen Mannes wächst wie eine Flut, und sein Rat ist wie eine lebendige Quelle.« (Sirach 21,16)

Katastrophale Fluten sind archäologisch belegt und haben sich tief in das Gedächtnis der Menschheit gefressen. In vielen Mythen spielen Sintfluten eine Rolle, auch in der Bibel. Die Erklärung dafür hält sich bis heute hartnäckig: Gott wolle mit einer Flut die Menschen für ihre Sünden bestrafen. Wer so argumentiert übersieht die Barmherzigkeit Gottes, der den Menschen nicht mit gefährlichen Fluten droht, sondern ihnen Gnade und Vergebung zusagt.

Uwe Birnstein

Buchtipp: Birnstein, Uwe: Das Beste aus der Bibel,
Echter Verlag, 224 S., ISBN 978-3-429-03211-1, 12,00 Euro

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